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Dorit Bölsche, Material- und Informationsflüsse im Katastrophenmanagement in:

Dorit Bölsche

Internationales Katastrophenmanagement, page 96 - 105

Logistik und Supply Chain Management

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4019-5, ISBN online: 978-3-8452-1310-1 https://doi.org/10.5771/9783845213101

Series: Weltwirtschaft und internationale Zusammenarbeit, vol. 3

Bibliographic information
96 3.2.6 Material- und Informationsflüsse im Katastrophenmanagement 3.2.6.1 Logistikobjekte im Katastrophenmanagement Die zielbezogen ausgerichteten „7r“ der logistischen Leistungserstellung im Katastrophenmanagement sprechen unter anderem „die richtigen Hilfsgüter und Dienstleistungen“ an (siehe Abschnitt 3.2.5.2). Die Güter, durch die die (potenziell) betroffene Bevölkerung eines Katastrophengebietes versorgt wird, bilden in der Wertschöpfungskette des Katastrophenmanagements die Logistikobjekte, an denen die logistische Leistungserstellung vollzogen wird. Am Ende der Wertschöpfungskette erreichen diese Objekte die höchste Veredelungsstufe, während das Logistikobjekt der Lieferanten eine geringere Veredelung aufweist (z. B. Rohstoffe). Wichtige Logistikobjekte des Katastrophenmanagements sind Hilfsgüter, die an die betroffene Bevölkerung abgegeben werden. Dies sind – je nach Art der Katastrophe und Rahmenbedingungen – z. B. Lebensmittel, Wasser, Medikamente und Impfstoffe, Kleidung, Zelte, Schlafstellen, Decken, sanitäre Güter, Mundschutz und Handschuhe sowie eigens auf den Katastrophenfall zusammengestellte Notfallpakete.284 Über diese an die Bevölkerung abgegebenen Hilfsgüter hinaus zählen zu den Logistikobjekten des Katastrophenmanagements auch Objekte, die zum Aufbau von Kapazitäten – wie Camps und die logistische Infrastruktur – benötigt werden.285 Für die Einrichtung und Versorgung von Camps, in denen evakuierte, geflüchtete oder obdachlose Menschen untergebracht werden, sind die oben angegebenen Hilfsgüter ebenfalls Gegenstand der logistischen Leistungserstellung. Zusätzlich ist für eine Grundversorgung z. B. mit Strom, Wasser (ggf. durch Stromgeneratoren und Wasseraufbereitungsanlagen), Anbindung an die Infrastruktur und Aufbau einer medizinischen Grundversorgung zu sorgen. Logistikobjekte sind in diesem Fall die Güter, die zum Aufbau dieser Grundversorgung erforderlich sind. Zum Aufbau einer „Emergency Response Unit“ des Roten Kreuzes, durch die bis zu 20.000 Menschen medizinisch betreut und mit Medikamenten, Impfstoffen, Ernährungsprogrammen und Geburtshilfe versorgt werden können, müssen folgende Einheiten aufgebaut und die dafür erforderlichen Logistikobjekte zusammengestellt werden: Registrierung, Untersuchung, Behandlung, Labor, Apotheke, Beobachtung, Entbindung, Küche, Wassertank, Toilette und Stromgenerator. Die Zeitdauer für den Transport der erforderlichen Logistikobjekte und die Inbetriebnahme beträgt etwa 36 Stunden. Das „mobile Krankenhaus“ enthält zusätzlich zu den Bestandteilen der „Emergency Response Unit“ die Bereiche Röntgen, Sterilisation, Verwaltung, zwei bis drei Operationssäle sowie voneinander getrennte Frauen-/ Kinderstation und Männerstation. Mit einer Kapazität, die vergleichbar mit der eines deutschen Kreiskrankenhauses 284 Vgl. z. B. Fritz Institute (Hrsg.) (2006), S. 17; Pan American Health Organization / World Health Organization (Hrsg.) (2001), S. 15-17, eine Kategorisierung der Hilfsgüter findet sich z. B. auf S. 35-38. 285 Vgl. Pan American Health Organization / World Health Organization (Hrsg.) (2001), S. 17- 18. 97 ist, beträgt der Zeitbedarf für Transport und Zusammenstellung der Logistikobjekte etwa 72 Stunden.286 Zum Aufbau der logistischen Infrastruktur des Katastrophenmanagements werden ebenfalls Logistikobjekte benötigt. Zu unterscheiden ist zwischen der logistischen Infrastruktur, die im Rahmen der Katastrophenvorsorge aufgebaut wird, und der logistischen Infrastruktur, die in der Katastrophenbewältigung kurzfristig wiederhergestellt und mittel- bis langfristig ggf. auch verbessert wird. Im Rahmen der Katastrophenvorsorge werden Logistikobjekte beispielsweise benötigt, um Lager in potenziellen Katastrophengebieten aufzubauen, Hilfsgüter vorzuhalten und eine Infrastruktur für die Transporte der Logistikobjekte über die unterschiedlichen Verkehrsträger zu ermöglichen. In der Katastrophenbewältigung werden Logistikobjekte benötigt, um eine zerstörte Infrastruktur wiederherzustellen, sodass eine Verteilung der benötigten Hilfsgüter in die betroffenen Regionen – gegebenenfalls auch über alternative Verkehrsträger und Transportmittel – ermöglicht wird.287 Unter den skizzierten Logistikobjekten des Katastrophenmanagements können sich Gefahrgüter befinden, so beispielsweise Kraftstoffe, Gas, medizinische und pharmazeutische Logistikobjekte. Diese Logistikobjekte stellen besondere Anforderungen an die logistische Leistungserstellung in Bezug auf Sicherheitsvorschriften und Sicherheitsmaßnahmen.288 Auch Menschen (und in einigen Fällen Tiere) sind Logistikobjekte des Katastrophenmanagements. Die betroffenen Menschen sind Logistikobjekte, wenn sie beispielsweise im Rahmen einer Evakuierung zu befördern sind; zudem muss Personal (sowohl als operativer als auch als dispositiver Faktor) in die Katastrophengebiete transportiert werden.289 Durch die logistischen Kernleistungen werden insbesondere zeitliche und räumliche Merkmalsausprägungen der Logistikobjekte verändert. Diese logistischen Kernleistungen sowie die ergänzenden Zusatz- und Informationsleistungen werden nachfolgend mit den besonderen Anforderungen des Katastrophenmanagements dargestellt. Die Erläuterungen basieren auf den in Abschnitt 3.1.4 vermittelten Grundlagen zu den Material- und Informationsflüssen in der Logistik. 286 Vgl. Deutsches Rotes Kreuz (Hrsg.) (2006), S. 8. 287 Vgl. Pan American Health Organization / World Health Organization (Hrsg.) (2001), S. 17- 18. 288 Vgl. Pan American Health Organization / World Health Organization (Hrsg.) (2001), S. 38- 41 mit einer Vorstellung der Gefahrgutklassen. 289 Vgl. Pan American Health Organization / World Health Organization (Hrsg.) (2001), S. 37. 98 3.2.6.2 Logistische Kernleistungen im Katastrophenmanagement Logistikleistungen im Katastrophenmanagement verändern die räumlichen, raumzeitlichen und / oder sonstigen Merkmalsausprägungen der soeben dargestellten Logistikobjekte des Katastrophenmanagements. Durch die logistische Kernleistung Transport werden raum-zeitliche und durch die Lagerung ausschließlich zeitliche Merkmalsausprägungen verändert.290 Transporte im Katastrophenmanagement vollziehen sich in einer mehrstufigen Logistikkette, durch die die Logistikobjekte in das (potenzielle) Katastrophengebiet transportiert werden und im Katastrophengebiet zu verteilen sind. Dabei kommen unterschiedliche Verkehrsträger und Transportmittel zum Einsatz, insbesondere Luftverkehr über Flugzeuge und Hubschrauber, Straßenverkehr über Fahrzeuge (insbesondere LKW), Schienenverkehr über die Eisenbahn, Schiffsverkehr über Seeschiffe, Binnenschiffe und kleine Boote, Transporte über sonstige Wege durch Tiere und Menschen. Der Einsatz der jeweiligen Verkehrsträger setzt bestimmte Rahmenbedingungen voraus; so können Flugzeuge und Seeschiffe nur unter der Voraussetzung eingesetzt werden, dass in den entsprechenden Häfen eine Leistungsbereitschaft vorhanden ist. Transporte über Straßen- und Schienenverkehr setzen voraus, dass die Transportwege über Straßen, Brücken und Schienen befahrbar sind. Im Falle einer Zerstörung der erforderlichen Infrastruktur müssen entweder alternative Verkehrsträger bzw. Transportmittel eingesetzt werden oder alternative Wege gewählt werden.291 „The requirement is to identify primary, secondary, and alternate (road) combinations that will be utilized in the event of a disaster for the purpose of evacuation or logistical support.”292 Für die Durchführung von Transporten, die der Katastrophenvorsorge dienen und demnach i.d.R. nicht zeitkritisch sind, eignet sich die Auswahl kostengünstiger Verkehrsträger, wie das Seeschiff über große Transportentfernungen und das Binnenschiff sowie die Eisenbahn für den Transport großer Mengen im Binnenverkehr. Transporte mit dem LKW sind erforderlich, wenn Anschlüsse an das Schienennetz und Flüsse nicht vorhanden sind, und zusätzlich sinnvoll, wenn sie mit geringeren Transportkosten verbunden sind. Tendenziell eignet sich der LKW-Transport für kleinere Transportmengen, während Bahn und Schiff für größere Transportmengen eingesetzt werden. Zusätzlich können sich vergleichsweise kostenintensive Transporte mit dem Flugzeug für geringvolumige und geringgewichtige aber hochwertige Logistikobjekte eignen.293 290 Vgl. Abschnitt 3.1.4. 291 Eine ausführliche Charakterisierung der Verkehrsträger mit individuellen Vor- und Nachteilen enthält Pan American Health Organization / World Health Organization (Hrsg.) (2001), S. 111-112; Schulte, Christof (2005), S. 171-178; Vahrenkamp, Richard (2007), S. 250-327. 292 Henderson, James H. (2007), S. 60. 293 Vgl. auch Pan American Health Organization / World Health Organization (Hrsg.) (2001), S. 111-112. 99 Transporte in der Katastrophenbewältigung sind zeitkritisch, da die betroffene Bevölkerung zeitnah mit Hilfsgütern zu versorgen ist. Der Einsatz kostenintensiver Transportmittel wie das Flugzeug für weite Transportentfernungen und den Hubschrauber für mittlere Transportentfernungen können dem Zielsystem der Logistik im Katastrophenmanagement entsprechen, sofern die Hilfsgüter auf diese Weise die betroffene Bevölkerungen schneller, zuverlässiger und / oder flexibler erreichen. Den Rahmen für die Logistikkosten bildet das gegebene Logistikbudget. Beispielsweise wurden im Chad und in Darfur durch WFP (Word Food Programme) über mehrere Monate zwei Flugzeuge regelmäßig eingesetzt, um das im Katastrophenmanagement tätige Personal innerhalb einer kurzen Zeitdauer in die betroffenen Gebiete zu befördern. Die Transportzeit ließ sich so auf einer Entfernung von 950 km von ursprünglich 2 Tagen auf 2 Stunden reduzieren.294 Der Einsatz von Tieren (insbesondere Esel), Menschen und kleinen Booten (auch Schlauchboote) als Transportmittel erfolgt über kurze Transportdistanzen in Gebiete, die über andere Verkehrsträger nicht erreichbar sind. Die Auswahl dieser ungewöhnlichen Transportmittel ist dann erforderlich, wenn die logistische Infrastruktur für den Einsatz anderer Transportmittel entweder bereits vor dem auslösenden Ereignis der Katastrophe nicht vorhanden war oder durch das Ereignis zerstört und (noch) nicht wiederhergestellt werden konnte.295 Für die Planung und Gestaltung der Touren im Katastrophenmanagement wird in Kapitel 4 mit dem Savings-Verfahren eine Methode der Tourenplanung vorgestellt, die sich für unterschiedliche Verkehrsträger und Transportmittel zeitnah umsetzen lässt. Insbesondere für die in der Katastrophenbewältigung häufig eingesetzten Transportmittel Hubschrauber, LKW, Menschen und Tiere sowie Boote kann das Savingsverfahren als heuristisches Verfahren eine für das Katastrophenmanagement geeignete Methode darstellen. Informationen über zerstörte bzw. nicht passierbare Transportrelationen lassen sich flexibel in die Berechnungen einbinden. Weitere wichtige Entscheidungen zur logistischen Kernleistung des Transports betreffen Entscheidungen über Eigenerstellung und Fremdbezug der Transportleistungen. Im Rahmen des logistischen Zielsystems und der daraus abgeleiteten Entscheidungskriterien ist eine Entscheidung zu treffen, ob Transporte selbst erstellt oder durch Logistikdienstleister durchgeführt und ggf. auch geplant werden. Diese Fragestellung betrifft im Falle einer Entscheidung für den Fremdbezug die unternehmensübergreifende Logistikkette, sodass eine ausführliche Analyse im Rahmen des Supply Chain Managements in Kapitel 5 erfolgt. Lagerleistungen sind im Katastrophenmanagement darauf gerichtet, Hilfsgüter und weitere erforderliche Logistikobjekte für potenzielle Katastrophenfälle vorzuhalten 294 Das Beispiel betrifft die Jahre 2004/05. Vgl. Thomas, Anisya / Mizushima, Mitsuku (2005), S. 61. 295 Vgl. Auch Pan American Health Organization / World Health Organization (Hrsg.) (2001), S. 111-112. 100 und in einem Katastrophenfall zwischenzulagern.296 Wichtige Grundlageninformationen zur Lagerung von Hilfsgütern hat die Pan American Health Organization gemeinsam mit der World Health Organization zusammengestellt. Aus Tabellen lässt sich beispielsweise die erforderliche Lagerkapazität für Hilfsgüter (z. B. 4-5 Kubikmeter für 25 Familienzelte) entnehmen. Ebenso wird angegeben, unter welchen Lagerbedingungen die einzelnen Hilfsgüter zu lagern sind (z. B. Anforderungen an die Luftfeuchtigkeit, Temperatur, Verpackung, Trennung von anderen Lagerobjekten).297 Das Lager erfüllt ? eine Sicherungsfunktion (z. B. zur Sicherung der Lieferfähigkeit im Fall eines Ereignisses, das eine Katastrophe auslöst), ? eine Ausgleichsfunktion bezogen auf Zeit und / oder Menge, ? eine Sortierungsfunktion (z. B. Zusammenstellung / Kommissionierung von Hilfslieferungen im Lager) sowie eine ? Spekulationsfunktion (z. B. bei befürchteten Verknappungen oder Preissteigerungen).298 Im Rahmen der Katastrophenvorsorge sorgen international ausgerichtete Hilfsorganisationen bereits vor einem Katastrophenfall für die Vorhaltung wichtiger Hilfsgüter. So unterhält das IFRC Zentralläger unter der Bezeichnung „Regional Logistics Units“ in Panama, Kuala Lumpur und Dubai sowie auf einer weiteren Distributionsstufe eine Vielzahl an Regionallägern.299 Vergleichbar hält World Vision Hilfsgüter in Zentrallägern in Denver, Hannover, Brindisi und Dubai vor. Für den Fall, dass diese vorgehaltenen Bestände für die Versorgung der betroffenen Bevölkerung nicht ausreichen, werden bereits im Rahmen der Katastrophenvorsorge Verträge mit Lieferanten und Logistikdienstleistern über die Vorhaltung von Hilfsgütern vereinbart. Im Fall von World Vision stehen so zusätzliche Bestände unter anderem in Kenia, Kanada, Indien, Thailand und Australien zur Verfügung, auf die unter anderem nach dem Tsunami in Asien zurückgegriffen wurde.300 Ärzte ohne Grenzen unterhält Zentralläger in Europa, Ostafrika und Zentralamerika.301 Zu den Lagerleistungen der Katastrophenvorsorge zählen demnach der Aufbau einer Distributionsstruktur mit eigenen Zentral- und Regionallägern der Hilfsorganisationen. Des Weiteren sind Bestände vorzuhalten und demnach entsprechende logistische Prozesse, wie Einund Auslagerungen sowie Lagerungen zu erbringen. Auch Entscheidungen über den Fremdbezug der Lagerleistungen sowie die Ausgestaltung des Fremdbezugs sind 296 Vgl. Gudehus, Timm (2007a), S. 359; Pan American Health Organization / World Health Organization (Hrsg.) (2001), S. 14. 297 Vgl. Pan American Health Organization / World Health Organization (Hrsg.) (2001), S. 87- 104. 298 Vgl. z. B. Martin, Heinrich (2006), S. 310; Schulte, Christof (2005), S. 223. 299 Vgl. IFRC (Hrsg.) (2006), S. 10-11. 300 Vgl. Matthews, Steve (2005), S. 38. 301 Vgl. www.aerzte-ohne-grenzen.de, über den Link Organisation, Projekte, Logistik. 101 vorzunehmen. Mehrere Abschnitte des 4. und 5. Kapitels befassen sich mit Fragestellungen im Zusammenhang mit den in der Katastrophenvorsorge zu erbringenden Lagerleistungen. Hierzu zählt der bereits angesprochene Abschnitt zu den Entscheidungen über die Eigenerstellung und den Fremdbezug logistischer Leistungen (hier der Lagerleistungen), Entscheidungen über die Standorte in der Distributionsstruktur sowie Entscheidungen über die Arten und Mengen vorzuhaltender Hilfsgüter, beispielsweise auf Basis einer ABC-XYZ-Analyse. Dabei wird deutlich, dass sich Methoden und Instrumente, die sich in der Privatwirtschaft bewährt haben, auch im Katastrophenmanagement einsetzen lassen. Das zur Verfügung stehende Logistikbudget wird für die angesprochenen Lagerleistungen im Rahmen der Katastrophenvorsorge zielgerecht eingesetzt, um in der Katastrophenbewältigung die Bevölkerung innerhalb relativ kurzer Zeit mit den vorgehaltenen Hilfsgütern versorgen zu können. Vor Ort ist gegebenenfalls innerhalb kurzer Zeitdauer eine zusätzliche Distributionsstufe aufzubauen. Beispielsweise sind Hilfsgüter in Camps einzulagern, zu lagern und bei Bedarf auszulagern, damit die bedürftigen Menschen in den (Flüchtlings-) Lagern versorgt werden können. Methoden der Standortplanung lassen sich einsetzen, um geeignete Standorte für Camps sowie weitere Auslieferungslager in den betroffenen Gebieten zeitnah zu ermitteln (vgl. hierzu Standortplanung in Kapitel 4). Zum Wideraufbau der Lagerleistungen im Rahmen der Katastrophenbewältigung zählt über den Aufbau der Bestände in der Distributionsstruktur auch die Bereinigung nicht bzw. nicht mehr benötigter Hilfsgüter. Wertvoller und kostenintensiver Lagerplatz sollte nicht mit Gütern gefüllt werden, die im Katastrophenmanagement keine Verwendung (mehr) finden. Hierzu zählen z. B. Medikamente und Lebensmittel mit abgelaufener Haltbarkeit, beschädigte und nicht mehr einsatzfähige Zelte sowie nicht benötigte bzw. qualitativ minderwertige Kleidung (dies ist häufig für second-hand-Kleidung der Fall). „Several disaster-response official mentioned that providing second-hand clothing was a waste of time and resources, and supplies were left piled up in warehouses months after the event.“302 Am Beispiel der Lagerleistungen wird in Abbildung 24 exemplarisch dargestellt, wie sich logistische Kernleistungen in das Kreislaufmodell des Katastrophenmanagements einbinden lassen. 302 Economist Intelligence Unit (Hrsg.) (2005), S. 14. Die Aussage ist auf nicht abgebaute Lagerkapazitäten nach dem Tsunami in Asien gerichtet. 102 Katastrophenvorsorge Vorbeugung ? Aufbau einer Distributionsstruktur mit Zentral- und Regionallägern ? Vorhaltung von Beständen in der Distributionsstruktur ? Verträge über den Fremdbezug von Lagerleistungen Katastrophenbewältigung Monitoring / Frühwarnung ? Anpassung der Lagermengen sowie der Distributionsstruktur auf Basis der Informationen aus Frühwarnsystemen / Prognosen Weitere humanitäre Hilfe ? Ein- und Auslagerung der Hilfsgüter nach dem Bedarf der betroffenen Bevölkerung Wiederaufbau ? Wiederherstellung der Lagermengen in der Distributionsstruktur ? Bereinigung der Lager von nicht benötigten / qualitativ nicht (mehr) einsetzbaren Hilfsgütern Risikoanalyse ? Bei Bedarf Anpassung der Lagergüter und –mengen ? Bei Bedarf Anpassung der Distributionsstruktur ? Bei Bedarf Anpassung der Verträge mit Lieferanten und Logistikdienstleistern Sofortige Rettungsmaßnahmen ? Auslagerung vorgehaltener Hilfsgüter nach dem Bedarf der betroffenen Bevölkerung aus Zentral- und Regionallägern (eigen und fremd) ? Aufbau einer Distributionsstruktur im Katastrophengebiet mit Aufbau zusätzlicher Regionalläger (auch in Camps) Abbildung 24: Lagerleistungen im Kreislauf des Katastrophenmanagements303 3.2.6.3 Logistische Zusatz- und Informationsleistungen im Katastrophenmanagement Kommissionierung und Verpackung sind logistische Zusatzleistungen, durch die weitere als die raum-zeitlichen Merkmalsausprägungen der Logistikgüter eine Ver- änderung erfahren. Beide Zusatzleistungen vollziehen sich ebenso wie die Kernleistungen auf mehreren Stufen der Logistikkette. Einige Beispiele dokumentieren nachfolgend die Bedeutung der Zusatzleistungen für das Katastrophenmanagement. Kommissionierung im Katastrophenmanagement erfolgt beispielsweise im Rahmen der Zusammenstellung von „Notfallpaketen“, „Notfallkits“ oder „Baukästen“. Teilmengen der Hilfsgüter werden aus der im Lager zur Verfügung stehenden Gesamtmenge der Hilfsgüter nach den Bedarfsinformationen über die (potenziell) betroffene Bevölkerung zusammengestellt.304 Ärzte ohne Grenzen kommissionieren Baukästen im Rahmen der Katastrophenvorsorge: 303 Eigene Darstellung, in Ergänzung zu Abbildung 12. 304 Vgl. ausführliche Informationen zur Kommissionierung und zu Kommissioniersystemen z. B. Martin, Heinrich (2006), S. 367. 103 „Jeder Baukasten ist für eine spezifische Notsituation ausgerüstet. Er enthält bestimmte Medikamente und Materialien, wie beispielsweise medizinische Geräte, Zelte und Wassertanks. Dabei ist genau festgelegt, für wie viele Menschen und über welchen Zeitraum ein Kit ausreicht. So sichert beispielsweise ein Notfallkit für Flüchtlinge die Grundbedürfnisse von 10.000 Menschen in einer ländlichen Gegend über einen Zeitraum von drei Monaten. Insgesamt hat Ärzte ohne Grenzen rund 150 verschiedene Kits für spezifische Situationen entwickelt.“305 In ähnlicher Weise kommissionieren auch andere Hilfsorganisationen in der Katastrophenvorsorge Baukästen, wie beispielsweise das IFRC mit den bereits benannten „Emergency Response Units“ und „mobilen Krankenhäusern“.306 Die Zusammenstellung der Notfallpakete ist zwar mit Kommissionier- und Lagerkosten (auch Kapitalbindungskosten) verbunden; aufgrund der Möglichkeit, im Katastrophenfall mit einer Grundversorgung zeitnah und zuverlässig einsatzbereit zu sein, bewegt sich diese logistische Leistungserstellung aber im Rahmen des logistischen Zielsystems (sofern das vorgegebene Logistikbudget nicht überschritten wird). In Verbindung zu den logistischen Kernleistungen bieten die standardisierten Baukästen die Vorteile, dass die erforderlichen Raumkapazitäten für die Lagerung der Baukästen und die Transporte in betroffene Gebiete bekannt und zeitnah in die Planung eingebunden werden können. Die Baukästen werden in den Logistikzentren der Ärzte ohne Grenzen in Europa, Ostafrika (Nairobi) und Zentralamerika kommissioniert und abgefertigt durch den Zoll gelagert.307 Diese kombinierten Logistikleistungen der Kommissionierung, Lagerung und Zollabfertigung ermöglichen Ärzte ohne Grenzen und anderen Hilfsorganisationen, die solche Baukästen kommissioniert bereithalten, im Rahmen der Katastrophenbewältigung diese Baukästen ? zeitnah (die Baukästen stehen in Zentrallägern nahe der potenziellen Krisengebiete kommissioniert und abgefertigt bereit), ? flexibel (in Bezug auf die tatsächlichen Einsatzgebiete und in Bezug auf Art und Ausmaß der Katastrophe) und ? zuverlässig (im Rahmen einer standardisierten und weniger zeitkritischen Zusammenstellung der Baukästen sinken die Kommissionierfehler, erforderlich ist aber eine regelmäßige Überprüfung der Baukästen, z. B. auch nach Haltbarkeitsdatum der Lebensmittel und Medikamente) mit hohen Zielerreichungsgraden bezüglich des Logistikservice einzusetzen. Abbildung 25 ordnet die Zusatzleistung der Kommissionierung exemplarisch in den bereits bekannten Kreislauf des Katastrophenmanagements ein. 305 Vgl. www.aerzte-ohne-grenzen.de, über den Link Organisation, Projekte, Logistik. 306 Vgl. Vgl. Deutsches Rotes Kreuz (Hrsg.) (2006), S. 8 sowie Erläuterungen in Abschnitt 3.2.6.1. 307 Vgl. www.aerzte-ohne-grenzen.de, über den Link Organisation, Projekte, Logistik. 104 Katastrophenvorsorge Vorbeugung ? Entwicklung der Baukastensysteme und Kommissionierung der Baukastensysteme in den Zentrallagern potenzieller Krisenregionen Katastrophenbewältigung Monitoring / Frühwarnung ? Kommissionierung zusätzlicher Mengen auf Basis der Informationen aus Frühwarnsystemen / Prognosen Weitere humanitäre Hilfe ? Bei Bedarf Kommissionierung und Transport zusätzlicher Baukastensysteme Wiederaufbau ? Kommissionierung im Rahmen der Wiederherstellung des Bedarfs an Baukastensystemen in der Region Risikoanalyse ? Bei Bedarf Kommissionierung zusätzlicher Baukastensysteme, Anpassung der Inhalte der Baukästen Sofortige Rettungsmaßnahmen ? Auslagerung der kommissionierten Baukastensysteme und Transport in die Krisengebiete Abbildung 25: Kommissionierung im Kreislauf des Katastrophenmanagements308 Die Verpackung steht in der Logistik in enger Verbindung zu den Informationsleistungen. Sie hat sowohl eine Transport-, Lagerungs- und Bereitstellungsfunktion (inklusive des Schutzes der Logistikobjekte) als auch eine Informations- und Identifikationsfunktion.309 Dabei kommen im Katastrophenmanagement unterschiedliche logistische Einheiten zum Einsatz, wie ? einzelne verpackte Hilfsgüter (z. B. Lebensmittel), die gemeinsam mit Packmittel und Packhilfsmittel zu ? Sammelpackungen zusammengefasst werden, die wiederum mit Ladehilfsmitteln und Sicherungsmitteln zu einer ? Ladeeinheit (z. B. Palette) und gemeinsam mit Ladungssicherungsmitteln zu einer ? Ladung (z. B. Container) verpackt werden.310 Durch besondere farbliche oder symbolische Kennzeichnung der Verpackungen und Ladeeinheiten lassen sich im Katastrophenmanagement die Arten verpackter Hilfsgüter schnell erkennen und den weiteren logistischen Prozessen zuführen, z. B. durch die farbliche Kennzeichnung 308 Eigene Darstellung, in Ergänzung zu Abbildung 12. 309 Vgl. z. B. Vahrenkamp, Richard (2007), S. 328-329; Martin, Heinrich (2006), S. 71. 310 Ausführliche Erläuterungen zur Verpackung, zu den standardisierten logistischen Einheiten und zur Bildung der Verpackungseinheiten enthalten beispielsweise die folgenden Quellen: Gudehus, Timm (2007a), S. 425-461; Martin, Heinrich (2006), S. 71-85; Vahrenkamp, Richard (2007), S. 328-340. 105 ? grün für Medikamente und medizinisches Gerät, ? rot für Lebensmittel, ? blau für Kleidung und Haushaltsgüter und ? gelb für Ausstattungsgegenstände.311 Standardisierte Symbole werden verwendet, um die Art des Hilfsgutes differenzierter darzustellen, z. B. Symbole für Kleidungsstücke mit symbolischer Darstellung, ob sich diese an Frauen, Männer oder Kinder richten.312 Weitere wichtige Informationen über die Güterart und damit über die Handhabung der Logistikeinheit in der Logistikkette betreffen Informationen über erforderliche Kühlungen (z. B. bei Impfstoffen) und Gefahrgutinformationen (mit Angabe der Gefahrgutklasse). Damit erfüllt die Verpackung wichtige Informationsfunktionen, die über die Information bezüglich der Art der Hilfsgüter auch weitere Informationen, z. B. über Menge, Gewicht, Volumen sowie Absender und Empfänger enthalten. Detaillierte Informationen, werden auf einer Pack- bzw. Lieferliste und / oder auf einem automatischen Identifikationssystem (z. B. Barcode, RFID-Transponder) erfasst.313 Weiteren Informationsleistungen in der Logistik- und Wertschöpfungskette des Katastrophenmanagements widmet sich – aufgrund der hohen Bedeutung für das internationale Katastrophenmanagement – ausführlich Kapitel 6. 3.2.7 Logistische Funktionen im Katastrophenmanagement Die dargestellten logistischen Kern-, Zusatz- und Informationsleistungen vollziehen sich in den logistischen Funktionen, die in Abschnitt 3.1.5 allgemein vorgestellt wurden und sich auf die Logistik im Katastrophenmanagement übertragen lassen. In der einschlägigen Logistikliteratur werden zahlreiche Methoden und Instrumente vorgestellt, die sich zur Analyse, Bewertung und Gestaltung der Logistik in den Funktionen Beschaffungs-, Produktions- und Distributionslogistik einsetzen lassen.314 Beispiele und Erläuterungen beziehen sich dabei in der Regel auf Industrieund Handelsunternehmen. In der Literatur und Praxis des Katastrophenmanagements finden diese Methoden und Instrumente bislang nur ansatzweise Berücksichtigung, sodass im nachfolgenden Kapitel die Einsatzpotenziale dieser Methoden auf das Katastrophenmanagement an ausgewählten Methoden – ohne einen Anspruch auf Vollständigkeit – aufgezeigt werden. 311 Vgl. Pan American Health Organization / World Health Organization (Hrsg.) (2001), S. 47. 312 Standardisierte Symbole des IFRC sind exemplarisch in Pan American Health Organization / World Health Organization (Hrsg.) (2001), S. 53 dokumentiert. 313 Vgl. Pan American Health Organization / World Health Organization (Hrsg.) (2001), S. 47- 50. 314 Vgl. z. B. Pfohl, Hans-Christian (2004a), S. 179-223; Schulte, Christof (2005), S. 263-504; Vahrenkamp, Richard (2007), S. 75-83; 173-201; 441-472.

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References

Zusammenfassung

Im internationalen Katastrophenmanagement werden täglich Entscheidungen mit Logistikbezug getroffen. Die Autorin skizziert die Vielfalt der Entscheidungen durch die folgende Fragestellung: Welche Beschaffungskonzepte, Standorte, Touren, Informationssysteme und Konzepte der Zusammenarbeit sollen im Rahmen der Katastrophenvorsorge und -bewältigung realisiert werden?

Da die Entscheidungen in hohem Maße Qualität und Kosten der Versorgung betroffener Menschen beeinflussen, sollten diese nicht alleine aus dem Erfahrungswissen heraus getroffen, sondern durch logistische Planungsmethoden unterstützt werden.

Anwendungsbezogen und verständlich wird in dem Buch der Einsatz geeigneter Methoden (z. B. Standortplanung, Netzplantechnik) am Beispiel realer Katastrophen vermittelt. Konzepte des SCM und aktuelle Informationssysteme werden mit ihren Potenzialen und Grenzen für das internationale Katastrophenmanagement vorgestellt und unter Einsatz geeigneter Entscheidungskriterien exemplarisch bewertet.