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Dorit Bölsche, Bedeutung der Logistik für das Katastrophenmanagement in:

Dorit Bölsche

Internationales Katastrophenmanagement, page 79 - 80

Logistik und Supply Chain Management

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4019-5, ISBN online: 978-3-8452-1310-1 https://doi.org/10.5771/9783845213101

Series: Weltwirtschaft und internationale Zusammenarbeit, vol. 3

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79 3.2.3 Bedeutung der Logistik für das Katastrophenmanagement Die Komplexität sowie die speziellen Rahmenbedingungen, unter denen die sofortigen Rettungsmaßnahmen der Logistik in der Katastrophenbewältigung erfolgen, lassen sich wie folgt beschreiben: „The assessment forms the basis for an appeal that lists specific items and quantities needed to provide immediate relief to the affected populations. Emergency stocks of standard relief items are sent in from the nearest relief warehouses. Calls are made to traditional government donors and the public commitments for cash and / or in-kind donations secured. Suppliers and logistics providers are lined up, and the mobilization of goods from across the globe begins: When supplies arrive, local transportation, warehousing and distribution have to be organized. This is a tremendous feat to accomplish, given the remote places in which disasters tend to occur, the uniqueness of the requirements for each disaster in terms of both expertise and goods, and the fact that the disaster site is often in a state of chaos […].”223 Seit einigen Jahren ist erkannt worden, dass Logistik für das Katastrophenmanagement eine zentrale Funktion darstellt. So wird die Bedeutung der Logistik beispielsweise in Veröffentlichungen des Fritz Institute sowie des IFRC seit dem Jahr 2003 herausgestellt:224 1. Logistik gestaltet Schnittstellen, unter anderem zwischen Katastrophenvorsorge und Katastrophenbewältigung, zwischen Einkauf und Distribution sowie zwischen der Zentrale und dem Einsatz vor Ort. 2. Logistik ist entscheidend für die Schnelligkeit, mit der Hilfsgüter die betroffenen Menschen erreichen und bildet zugleich einen kostenintensiven Bereiche der Katastrophenhilfe. 3. Sofern es den Logistikverantwortlichen gelingt, die Güter durch die Wertschöpfungskette zu verfolgen, werden Daten über Kosten und Schnelligkeit der beteiligten Akteure sowie über die Verwendung der Hilfsgüter zur Verfügung gestellt. Diese Daten lassen sich zur Verbesserung der Leistungsfähigkeit sowohl aktueller als auch zukünftiger Einsätze verwenden. Das IFRC und das Fritz Institute stellen damit die Bedeutung der charakteristischen Elemente der Logistik und des Supply Chain Management heraus: ? Unter 1.: Integration, Koordination, Managementaufgabe, logistische Funktionen ? Unter 2.: Kunden- und Zielbezug (mit den Zielgrößen Logistikkosten und Logistikservice) ? Unter 3.: Über die Materialflüsse hinausgehende Informationsflüsse 223 Thomas, Anisya / Kopczak, Laura (2005), S. 2-3. 224 Vgl. Kopczak, Laura R. / Johnson, Eric M. (2004), S. 6; Thomas, Anisya (2003), S. 3; Thomas, Anisya / Kopczak, Laura (2005), S. 2. Vgl. ähnliche Aussagen in Tufinkgi, Philippe (2006), S 122-123. 80 3.2.4 Kundenorientierung In der Literatur und Praxis des Katastrophenmanagements wird der Begriff des „Kunden“ i. d. R. nicht verwendet. Es geht um einzelne „Menschen“ in Notsituationen oder übergreifend um die durch eine Katastrophe „betroffene Bevölkerung“.225 Dennoch soll der Kundenbegriff an dieser Stelle eingesetzt werden, um zu verdeutlichen, dass ein „Kundenbezug“ im Katastrophenmanagement auf mehreren Ebenen vorhanden ist. ? Die Bevölkerung, die durch eine Katastrophe betroffen ist (z. B. durch Todesopfer, Beeinträchtigung der Gesundheit, ökonomische Schäden), stellt eine dieser Ebenen dar. Diese bildet den Abschuss der humanitären Supply Chain des Katastrophenmanagements und damit den „Endkunden“. ? Entsprechend des integrativen Gedankens und des Pull-Prinzips des SCM sind auch Akteure, die Leistungen in vorgelagerten Wertschöpfungsstufen erbringen, als Kunden in mehreren aufeinander folgenden Kunden-Lieferanten-Beziehungen anzusehen.226 ? Ebenfalls stellen Geldgeber eine Ebene dar, die nicht zu vernachlässigen ist. Während Endkunden in den Wertschöpfungsketten von Industrie und Handel Produkte oder Dienstleistungen durch den Kauf gleichzeitig in Anspruch nehmen und vergüten, treten in den Wertschöpfungsketten des Katastrophenmanagements zwei unterschiedliche Kunden auf: Die betroffene Bevölkerung, die die Leistung in Anspruch nimmt, und Geldgeber, die die finanziellen Mittel für Leistungserstellung aufbringen. Abbildung 13 unterscheidet für das Katastrophenmanagement zwischen Akteuren, die Mittel bereitstellen, und Akteuren, die Mittel einsetzen. Diese Abbildung enthält ebenfalls die drei vorgestellten Kundenebenen: Auf der untersten Ebene wird die betroffene Bevölkerung – und damit der Endkunde – eingebunden, die mittlere Ebene zeigt Mittel einsetzende Akteure und damit zugleich Kunden und Lieferanten in der Wertschöpfungskette, und auf der obersten Ebene stellen die Mittelgeber die dritte Kundenebene dar. Mittelgeber erhalten ihre Informationen über die Leistungen einer Hilfsorganisation über Jahresberichte, Prüfungsberichte und Dokumentationen der Hilfsorganisationen hinaus auch über die allgemeine Wahrnehmung in der Öffentlichkeit, die in hohem Maße durch Medien geprägt wird. Insbesondere Privatpersonen und Unternehmen entscheiden auch auf der Grundlage von Medienberichten über die Höhe und die Empfänger von Spendengeldern. Demnach stellen Medien und „die Öffentlichkeit“ eine weitere (indirekte) Kundenebene dar. 225 So auch in der Definition der Begriffe Logistik und SCM im Katastrophenmanagement in Abschnitt 3.2.2. 226 Vgl. hierzu Abschnitte 5.1.5 und 5.1.6 mit allgemeinen Grundlagen zu Kunden- und Integrationsorientierung im SCM.

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Zusammenfassung

Im internationalen Katastrophenmanagement werden täglich Entscheidungen mit Logistikbezug getroffen. Die Autorin skizziert die Vielfalt der Entscheidungen durch die folgende Fragestellung: Welche Beschaffungskonzepte, Standorte, Touren, Informationssysteme und Konzepte der Zusammenarbeit sollen im Rahmen der Katastrophenvorsorge und -bewältigung realisiert werden?

Da die Entscheidungen in hohem Maße Qualität und Kosten der Versorgung betroffener Menschen beeinflussen, sollten diese nicht alleine aus dem Erfahrungswissen heraus getroffen, sondern durch logistische Planungsmethoden unterstützt werden.

Anwendungsbezogen und verständlich wird in dem Buch der Einsatz geeigneter Methoden (z. B. Standortplanung, Netzplantechnik) am Beispiel realer Katastrophen vermittelt. Konzepte des SCM und aktuelle Informationssysteme werden mit ihren Potenzialen und Grenzen für das internationale Katastrophenmanagement vorgestellt und unter Einsatz geeigneter Entscheidungskriterien exemplarisch bewertet.