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Dorit Bölsche, Begriffe zur Logistik im Katastrophenmanagement in:

Dorit Bölsche

Internationales Katastrophenmanagement, page 76 - 79

Logistik und Supply Chain Management

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4019-5, ISBN online: 978-3-8452-1310-1 https://doi.org/10.5771/9783845213101

Series: Weltwirtschaft und internationale Zusammenarbeit, vol. 3

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76 ? Die Zusammenarbeit zwischen den (logistischen) Akteuren der Wertschöpfungskette weist Mängel auf. Der aus der Schwachstellenanalyse identifizierte Handlungsbedarf mündet in Maßnahmenpaketen, zu denen ? die Kommunikation über die strategische Bedeutung der Logistik im Katastrophenmanagement, ? die Bildung von Expertengruppen, ? eine standardisierte und zertifizierte Logistikausbildung für das Personal, standardisierte logistische Kennzahlen und ? die Entwicklung geeigneter und flexibler technologischer Lösungen zählen.214 Zur Umsetzung dieser Maßnahmen sollen Methoden und Konzepte der Logistik und des SCM eingesetzt werden, die sich in der Privatwirtschaft bereits bewährt haben.215 Hierzu bedarf es zunächst eines Verständnisses über die Methoden und deren Einsatzpotenziale im Katastrophenmanagement: „Humanitarian Logistics has much in common with corporate logistics, …”216 „However, the applicability of these commercial supply chain methods and other corporate logistics and related research to humanitarian operations is not fully understood.”217 „It is paradoxical that a sector which has such extreme requirements in terms of timeliness, affordability and oversight is so undeveloped.”218 3.2.2 Begriffe zur Logistik im Katastrophenmanagement Die Beispiele haben einen Eindruck darüber vermittelt, dass Schwachstellen in der logistischen Leistungserstellung in Katastrophenfällen bestanden und immer noch bestehen. Logistische Methoden, die erfolgreich in der Privatwirtschaft eingesetzt werden, sowie Konzepte des Supply Chain Management sind auf ihre Einsatzpotenziale zu überprüfen. Die Bedeutung dieser Ansätze der Logistik für das Katastrophenmanagement werden im nachfolgenden Abschnitt 3.2.3 kurz skizziert und im anschließenden Kapitel ausführlich behandelt. Zunächst ist eine Begriffsabgrenzung der unterschiedlichen in Literatur und Praxis verwendeten Begriffe erforderlich. In Bezug auf die logistische Leistungserstellung werden unter anderem die Begriffe humanitäre Logistik (insbesondere als humanita- 214 Thomas, Anisya / Kopczak, Laura (2005), S. 7-12; Thomas, Anisya (2003), S. 7-13. 215 Vgl. Economist Intelligence Unit (Hrsg.) (2005), S. 20; Pan American Health Organization / World Health Organization (Hrsg.) (2001), S. 9. 216 Thomas, Anisya (2003), S. 2. 217 Fritz Institute (Hrsg.) (2004), S. 5; vgl. auch Thomas, Anisya (2003), S. 1. 218 Thomas, Anisya (2003), S. 2. 77 rian logistics im Angloamerikanischen), Katastrophenlogistik (insbesondere im Deutschen)219 und Logistik im Katastrophenmanagement eingesetzt. Der humanitären Logistik liegt folgende Definition zugrunde: “Humanitarian Logistics is defined as the process of planning, implementing and controlling the efficient and cost-effective flow and storage of goods and materials, as well as related information, from the point of origin to the point of consumption for the purpose of alleviating the suffering of vulnerable people. The function encompasses a range of activities, including preparedness, planning, procurement, transport, warehousing, tracking and tracing, and customer clearance.”220 Diese Definition begreift die humanitäre Logistik als Managementaufgabe, ist prozess- integrations-, kunden- und zielorientiert formuliert, beinhaltet Material- und Informationsflüsse sowie eine Aufzählung der Leistungen. Die Besonderheit des Begriffes „humanitär“ kommt in der Definition durch die Kunden- und Zielorientierung zum Ausdruck; diese besteht darin, das Leid von Menschen zu lindern, die sich in Gefahr bzw. Notsituationen befinden („alleviating the suffering of vulnerable people“, siehe Definition). Demnach soll der weit gefasste Begriff der humanitären Logistik als Oberbegriff für Logistik im Katastrophenmanagement und Katastrophenlogistik begriffen werden, die in der Kunden- und Zielorientierung speziell auf potentielle sowie eingetretene Katastrophen gerichtet sind. Die Begriffe Logistik im Katastrophenmanagement und Katastrophenlogistik werden synonym eingesetzt, wobei der Begriff Logistik im Katastrophenmanagement bevorzugt eingesetzt wird. Es bedarf keiner neuen Definition des Logistikbegriffs sondern nur einer speziellen Ausrichtung auf das Katastrophenmanagement. Demnach wird die Begriffsdefinition nach Schulte aus Abschnitt 3.1.1 weiterhin verwendet und an die aus Abschnitt 2.2 bekannten Grundlagen des Katastrophenmanagements angepasst: Logistik im Katastrophenmanagement ist die ? „auf (potenziell) durch Katastrophen betroffene Menschen und Gebiete ausgerichtete, ? integrierte ? Planung, Gestaltung, Abwicklung und Kontrolle ? des gesamten Material- und dazugehörigen Informationsflusses ? zwischen einem Akteur des Katastrophenmanagements und seinen Lieferanten ? mit Ausrichtung auf die Akteure des Katastrophenmanagements sowie ? zwischen einem Akteur des Katastrophenmanagements und seinen Kunden.“221 Eine Anpassung der allgemeinen Definition der Logistik besteht in der „Marktorientierung“, die nun auf die betroffenen Menschen und Gebiete ausgerichtet ist. Durch 219 Vgl. Tufinkgi, Philippe (2006), S. 128. 220 Thomas, Anisya / Kopczak, Laura (2005), S. 2. 221 Eigene Begriffsbildung, in Anlehnung an die Logistikdefinition nach Schulte, Christof (2005), S. 1. 78 den Zusatz (potenziell) wird die Marktorientierung gemäß der Inhalte des Katastrophenmanagements über die Katastrophenbewältigung hinaus auch auf die Katastrophenvorsorge gerichtet. Eine zweite Anpassung besteht in der Anpassung des „Unternehmensbegriffs“, der nun speziell auf die Akteure des Katastrophenmanagements (und damit auf alle in Abschnitt 2.3 vorgestellten Akteure) ausgerichtet wird. Über Unternehmen hinaus sind nun auch staatliche Organisationen, Hilfsorganisationen sowie weitere NGOs und IGOs in die Begriffsbildung eingebunden. Durch den Zusatz „zwischen mehreren Akteuren des Katastrophenmanagements“ sollen die vielfältigen Formen der Zusammenarbeit auf einer Wertschöpfungsstufe Beachtung finden. Die nachfolgende Abbildung enthält für den bekannten Kreislauf der Katastrophenvorsorge und -bewältigung jeweils ein Beispiel für logistische Aktivitäten. Katastrophenvorsorge Vorbeugung ? Logistik: Lagerung von Hilfsgütern in Zentrallagern mit Nähe zu gefährdeten Regionen Katastrophenbewältigung Monitoring / Frühwarnung ? Logistik: Anbindung der logistischen Akteure an Frühwarnsysteme Weitere humanitäre Hilfe ? Logistik: Weitere Transporte mit Hilfsgütern zu betroffenen Menschen Wiederaufbau ? Logistik: Wiederaufbau und ggf. Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur Risikoanalyse ? Logistik: Analyse über Versorgungsengpässe Sofortige Rettungsmaßnahmen ? Logistik: Transport von Notfallpaketen zu betroffenen Menschen Abbildung 20: Logistik im Kreislauf des Katastrophenmanagements222 Die charakteristischen Elemente des Begriffs Logistik im Katastrophenmanagement werden in den Abschnitten 3.2.4 bis 3.2.6 durch Erläuterungen zu den Besonderheiten der Kunden und Zielorientierung sowie der Material- und Informationsflüsse in ausführlicher Form dargestellt. 222 Eigene Darstellung, in Ergänzung zu Abbildung 12. 79 3.2.3 Bedeutung der Logistik für das Katastrophenmanagement Die Komplexität sowie die speziellen Rahmenbedingungen, unter denen die sofortigen Rettungsmaßnahmen der Logistik in der Katastrophenbewältigung erfolgen, lassen sich wie folgt beschreiben: „The assessment forms the basis for an appeal that lists specific items and quantities needed to provide immediate relief to the affected populations. Emergency stocks of standard relief items are sent in from the nearest relief warehouses. Calls are made to traditional government donors and the public commitments for cash and / or in-kind donations secured. Suppliers and logistics providers are lined up, and the mobilization of goods from across the globe begins: When supplies arrive, local transportation, warehousing and distribution have to be organized. This is a tremendous feat to accomplish, given the remote places in which disasters tend to occur, the uniqueness of the requirements for each disaster in terms of both expertise and goods, and the fact that the disaster site is often in a state of chaos […].”223 Seit einigen Jahren ist erkannt worden, dass Logistik für das Katastrophenmanagement eine zentrale Funktion darstellt. So wird die Bedeutung der Logistik beispielsweise in Veröffentlichungen des Fritz Institute sowie des IFRC seit dem Jahr 2003 herausgestellt:224 1. Logistik gestaltet Schnittstellen, unter anderem zwischen Katastrophenvorsorge und Katastrophenbewältigung, zwischen Einkauf und Distribution sowie zwischen der Zentrale und dem Einsatz vor Ort. 2. Logistik ist entscheidend für die Schnelligkeit, mit der Hilfsgüter die betroffenen Menschen erreichen und bildet zugleich einen kostenintensiven Bereiche der Katastrophenhilfe. 3. Sofern es den Logistikverantwortlichen gelingt, die Güter durch die Wertschöpfungskette zu verfolgen, werden Daten über Kosten und Schnelligkeit der beteiligten Akteure sowie über die Verwendung der Hilfsgüter zur Verfügung gestellt. Diese Daten lassen sich zur Verbesserung der Leistungsfähigkeit sowohl aktueller als auch zukünftiger Einsätze verwenden. Das IFRC und das Fritz Institute stellen damit die Bedeutung der charakteristischen Elemente der Logistik und des Supply Chain Management heraus: ? Unter 1.: Integration, Koordination, Managementaufgabe, logistische Funktionen ? Unter 2.: Kunden- und Zielbezug (mit den Zielgrößen Logistikkosten und Logistikservice) ? Unter 3.: Über die Materialflüsse hinausgehende Informationsflüsse 223 Thomas, Anisya / Kopczak, Laura (2005), S. 2-3. 224 Vgl. Kopczak, Laura R. / Johnson, Eric M. (2004), S. 6; Thomas, Anisya (2003), S. 3; Thomas, Anisya / Kopczak, Laura (2005), S. 2. Vgl. ähnliche Aussagen in Tufinkgi, Philippe (2006), S 122-123.

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Zusammenfassung

Im internationalen Katastrophenmanagement werden täglich Entscheidungen mit Logistikbezug getroffen. Die Autorin skizziert die Vielfalt der Entscheidungen durch die folgende Fragestellung: Welche Beschaffungskonzepte, Standorte, Touren, Informationssysteme und Konzepte der Zusammenarbeit sollen im Rahmen der Katastrophenvorsorge und -bewältigung realisiert werden?

Da die Entscheidungen in hohem Maße Qualität und Kosten der Versorgung betroffener Menschen beeinflussen, sollten diese nicht alleine aus dem Erfahrungswissen heraus getroffen, sondern durch logistische Planungsmethoden unterstützt werden.

Anwendungsbezogen und verständlich wird in dem Buch der Einsatz geeigneter Methoden (z. B. Standortplanung, Netzplantechnik) am Beispiel realer Katastrophen vermittelt. Konzepte des SCM und aktuelle Informationssysteme werden mit ihren Potenzialen und Grenzen für das internationale Katastrophenmanagement vorgestellt und unter Einsatz geeigneter Entscheidungskriterien exemplarisch bewertet.