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Dorit Bölsche, Ausgewählte Beispiele in:

Dorit Bölsche

Internationales Katastrophenmanagement, page 48 - 51

Logistik und Supply Chain Management

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4019-5, ISBN online: 978-3-8452-1310-1 https://doi.org/10.5771/9783845213101

Series: Weltwirtschaft und internationale Zusammenarbeit, vol. 3

Bibliographic information
48 2.3 Akteure im internationalen Katastrophenmanagement 2.3.1 Ausgewählte Beispiele Die Kenntnis über die Akteure stellt eine wichtige Grundlage für weitere Ausführungen dieses Buches dar, die die unternehmensübergreifende Zusammenarbeit in der Wertschöpfungskette des Katastrophenmanagements betreffen. Individuelle Ziele und Zielkonflikte in der Logistik sowie im SCM können nur nachvollzogen werden, wenn die Akteure der Wertschöpfungskette bekannt sind. Der vorherige Abschnitt wird mit Hinweisen auf die Strategie des IFRC abgeschlossen, welches einen der möglichen Akteure im Katastrophenmanagement bildet. Das IFRC zählt zu den Nichtstaatlichen Hilfsorganisationen, den „Non Governmental Organizations“ (kurz NGO), die als eine wesentliche Gruppe von Akteuren am Katastrophenmanagement mitwirken. Die folgenden Beispiele werden einen ersten Eindruck darüber vermitteln, dass eine Vielzahl weiterer Akteure an der Leistungserstellung beteiligt ist; diese Beispiele richten sich zunächst ausschließlich auf die Katastrophenbewältigung nach dem Eintritt eines Ereignisses (und demnach nicht auf die Katastrophenvorsorge). Die Beispiele werden verdeutlichen, dass die Akteure – je nach geografischer Lage, Art und Ausmaß der Katastrophe – in unterschiedlichem Ausmaß mitwirken. In diesem Zusammenhang wird Bezug auf die bereits bekannten Beispiele aus Abschnitt 2.1.3 genommen. Die auf die Vorstellung der Beispiele folgenden Abschnitte befassen sich in allgemeiner Form mit den Akteuren im Katastrophenmanagement, indem diese kurz vorgestellt werden und die erforderliche Koordination thematisiert wird. Der Tsunami aus dem Jahr 2004 hat eine Katastrophe ausgelöst, die mehrere Länder betraf. Das Fritz Institute hat im darauf folgenden Jahr eine Untersuchung angestellt, die unter anderem die Art und das Ausmaß der Mitwirkung unterschiedlicher Akteure betraf. Diese Untersuchung hat sich zunächst ausschließlich auf die Länder Indien und Sri Lanka bezogen.88 Die folgende Tabelle gibt Aufschluss darüber, dass sich bereits innerhalb einer Katastrophe die Verteilung über die unterschiedlichen Organisationen unterscheiden kann, je nachdem auf welches Land die Auswertungen gerichtet sind. In diesem Zusammenhang richtet sich die nachfolgende Tabelle auf die Finanzierung der Hilfsmaßnahmen. So ist der Anteil der staatlichen Finanzierung der Hilfsmaßnahmen in Sri Lanka mit 3,51% wesentlich geringer ausgeprägt als mit fast 15% in Indien: 88 Vgl. Thomas, Anisya / Ramalingam, Vimala (2005a). 49 Akteure (zusammengefasst zu Gruppen): Finanzierung der humanitären Hilfe in Indien (%) Finanzierung der humanitären Hilfe in Sri Lanka (%) Staat 14,98 3,51 Internationale Organisationen 32,85 31,22 Religiöse Organisationen 10,33 3,32 Privatpersonen 7,66 12,86 Private Unternehmen 10,14 11,66 Andere 24,04 37,43 Summe 100,00 100,00 Tabelle 1: Tsunami 2004, Finanzierung der humanitären Hilfe durch unterschiedliche Gruppen von Akteuren89 Ein weiterer Fragenkomplex der Studien des Fritz Institute richtet sich auf Akteure, die im Zeitraum bis zu 48 Stunden nach dem auslösenden Ereignis einer Katastrophe Hilfeleistungen für die betroffene Bevölkerung erbracht haben. Bezogen auf humanitäre Hilfeleistungen – wie Rettungsaktionen, Bereitstellung von Hilfsgütern (Nahrung, Wasser, Kleidung), Obdach, medizinische Versorgung bis hin zu Bestattung und Seelsorge – ist erfasst worden, zu welchen Anteilen diese durch unterschiedliche Akteure erbracht wurden. Die Akteure wurden wiederum zusammengefasst, in diesem Fall zu den Gruppen staatliche Akteure, internationale Hilfsorganisationen, lokale Hilfsorganisationen, religiöse Organisationen, Unternehmen der Privatwirtschaft und Privatpersonen. ? Nach dem Tsunami im Jahr 2004 zeigt sich für die Länder Indien, Sri Lanka und ergänzend Indonesien eine unterschiedliche Bedeutung der Akteure in der Soforthilfe. In Indonesien lässt sich für alle Leistungsbereiche die hohe Bedeutung der individuellen Privathilfe feststellen. In der medizinischen Versorgung haben der Staat und religiöse Organisationen im Umfang von 10% bzw. 13% mitgewirkt; für alle anderen Kombinationen zwischen Akteuren und Leistungen außerhalb der privaten Hilfe werden keine Werte über 10% ausgewiesen. In Sri Lanka und Indien hingegen waren staatliche und nichtstaatliche Organisationen mit höherer Präsenz in den ersten 48 Stunden vertreten. So zeigt die Befragung für Indien die hohe Präsenz des Staates in der Soforthilfe (so wurden z. B. 57% der medizinischen Versorgungsleistungen durch staatliche Akteure erbracht); auf kommunaler Ebene wurden ebenfalls umfangreiche Hilfeleistungen erbracht, so beispielsweise 47% der Rettungsaktionen. Im Vergleich zu Indonesien und Indien wurden in Sri Lanka die umfangreichsten Sofortmaßnahmen durch Hilfsorganisationen (insbesondere die internationalen) durchgeführt. Den höchsten Wert weist die medizinische Versorgung mit einem Anteil der interna- 89 Die Daten sind entnommen aus Thomas, Anisya / Ramalingam, Vimala (2005a), S. 18 und 33 sowie Thomas, Anisya / Ramalingam, Vimala (2005b), S. 11. 50 tionalen Hilfsorganisationen von 26% auf. Auch an der Bereitstellung von Hilfsgütern waren die internationalen Organisationen in Sri Lanka mit Anteilen über 10% beteiligt.90 ? Nach dem Hurrikane Katrina im Jahr 2005 hatte die private Hilfe in den ersten 48 Stunden nach dem auslösenden Ereignis eine vergleichsweise geringe Bedeutung und wird demnach in der Ergebnisdarstellung des Fritz Institute unter „sonstige“ erfasst. Die nichtstaatlichen Organisationen haben mit 32% am umfangreichsten Soforthilfe geleistet, gefolgt von der Polizei (30%), religiösen Gruppen (26%) sowie Feuerwehr und Rettungsdienst (22%).91 ? Für Hilfeleistungen in Pakistan liegen Ergebnisse einer entsprechenden Befragung für einen Zeitraum bis zu 2 Monate nach dem Erdbeben im Jahr 2005 vor. Über die individuelle private Hilfe hinaus waren für Pakistan in hohem Maße staatliche Leistungen (insbesondere durch das Militär) und ergänzend Leistungen durch internationale Hilfsorganisationen festzustellen. Die Bedeutung nationaler Hilfsorganisationen war in Pakistan relativ gering.92 Weitere Unterschiede lassen sich in Bezug auf die Zusammenarbeit zwischen den Akteuren feststellen. So weist die Studie aus, dass in Sri Lanka 85% der nichtstaatlichen Hilfsorganisationen mit anderen Akteuren zusammengearbeitet haben, während dies in Indien nur für 70% der NGOs zutrifft.93 Im umgekehrten Verhältnis lässt sich für 12% der nichtstaatlichen Hilfsorganisationen in Indien und nur für 8% in Sri Lanka eine Zusammenarbeit mit privaten Unternehmen feststellen. Die Untersuchungen weisen aus, dass diese Zusammenarbeit mehrheitlich auf Distributionsleistungen, so z. B. die Distribution von Hilfsgütern gerichtet ist. Demnach stellen Zusammenarbeit, Koordination und Kooperation wichtige Themengebiete für die logistische Leistungserstellung in der Wertschöpfungskette humanitärer Hilfe dar. Zusammenarbeit der NGOs mit Indien Sri Lanka Staatlichen Organisationen, anderen Hilfsorganisationen 70% 85% Unternehmen der Privatwirtschaft 12% 8% Tabelle 2: Tsunami 2004, Zusammenarbeit NGOs mit anderen Akteuren94 Das aktuelle Beispiel der Katastrophe nach den Wahlen in Kenia zeigt im ersten Quartal 2008, dass die Koordination zwischen den an der humanitären Hilfe betei- 90 Vgl. Thomas, Anisya / Ramalingam, Vimala (2005c), S. 10-11. 91 Vgl. Fritz Institute (Hrsg.) (2006), S. 16. 92 Vgl. Bliss, Desiree / Larsen, Lynnette (2006), S. 5 und 11. 93 Vgl. Thomas, Anisya / Ramalingam, Vimala (2005a), S. 14-15, 28-29 sowie Thomas, Anisya / Ramalingam, Vimala (2005b), S. 9. 94 Die Daten sind entnommen aus Thomas, Anisya / Ramalingam, Vimala (2005a), S. 14-15 und 28-29. Der angegebenen Quelle ist des Weiteren zu entnehmen, mit welchen staatlichen und nichtstattlichen Hilfsorganisationen die Zusammenarbeit erfolgte. Unterschiede lassen sich z. B. bezüglich der Zusammenarbeit mit internationalen Hilfsorganisationen feststellen (11% für Indien und 27% für Sri Lanka). 51 ligten Akteuren in den vergangenen Jahren deutlich vorangeschritten ist. So werden für Themenbereiche wie Koordination / Management, Gesundheit, Wasser / Sanitär / Hygiene, Versorgung mit Lebensmitteln, Obdach / Camps, Informations- / Kommunikationstechnologie und auch für Logistik so genannte „Cluster“ gebildet, für die Verantwortliche und Mitwirkende bestimmt werden. So liegt beispielsweise die Clusterverantwortung in Kenia für Gesundheit bei der WHO (World Health Organization), für die Bildung bei UNICEF (International Children’s Emergency Fund der UN) und für die Logistik beim WFP (World Food Programme der UN). Termine für regelmäßige Treffen innerhalb der Cluster sowie Informationen über Entwicklungen zu den Themenbereichen der Cluster werden zeitnah veröffentlicht. Hierzu zählen z. B. im Bereich der Medizin aktuelle Informationen über Krankheiten, wie Meningitis, Masern, Malaria, Cholera mit Angabe der Orte und Anzahl Erkrankter (auch Vermutungen, die noch nicht offiziell bestätigt sind). Für die Logistik werden Angaben über Lagerbestände, Lagerzu- und -abgänge, Transportwege und Transportkapazitäten, Lage an den Häfen / Flughäfen usw. erfasst, weitergeleitet und in Form von Texten, Karten und Tabellen veröffentlicht. Ermöglicht wird diese Form der Koordination erst durch die Bereitstellung einer Informations- und Kommunikationsplattform, in diesem Fall über das Joint Logistics Centre der UN. Die folgende Passage aus dem „Inter-Cluster Progress Report“ vom 8.2.2008 dokumentiert, dass die Informationen auch Cluster-übergreifend zusammengeführt und ausgewertet werden: „The Kenya Red Cross, as the lead of the Camp Coordination and Camp Management (CCCM) sector, is distributing a matrix to all humanitarian partners to determine which actors are providing service, or would like to provide services, by sector […] This information will be used by Kenya Red Cross camp managers in each site to identify gaps in the response, and ensure the overall management of all sites.”95 2.3.2 Skizze über die Mit- und Zusammenwirkung der Akteure Bewusst wird der Abschnitt aber mit „Skizze“ überschrieben, da eine Konzentration auf die für den weiteren Verlauf dieser Arbeit relevanten Inhalte erfolgt. In Abbildung 13 werden die Akteure des internationalen Katastrophenmanagements zwei wesentlichen Gruppen zugeordnet: Die eine Gruppe stellt Mittel für das Katastrophenmanagement zur Verfügung, und die andere Gruppe setzt diese Mittel im Katastrophenmanagement ein.96 Die Mittelgeber lassen sich in zwei Ebenen unterteilen: Ebene 1 stellt ausschließlich Mittel in Form von Spenden und Zuweisungen zur Verfügung, während Akteure auf der 2. Ebene Teile dieser Mittel nach einer Um- und Neuverteilung auch selbst 95 Die Informationen sind zusammengestellt aus www.logcluster.org, Link Kenya, Coordination (Stichworte Bulletin & Reports, General Info und Logistics Cluster Meeting). Das Zitat ist entnommen aus dem Kenya Inter-Cluster Progress Report vom 8.2.2008, S. 3. 96 Vgl. Thomas, Anisya / Kopczak, Laura (2005), S. 3-4; Tufinkgi, Philippe (2006), S. 134-135.

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Zusammenfassung

Im internationalen Katastrophenmanagement werden täglich Entscheidungen mit Logistikbezug getroffen. Die Autorin skizziert die Vielfalt der Entscheidungen durch die folgende Fragestellung: Welche Beschaffungskonzepte, Standorte, Touren, Informationssysteme und Konzepte der Zusammenarbeit sollen im Rahmen der Katastrophenvorsorge und -bewältigung realisiert werden?

Da die Entscheidungen in hohem Maße Qualität und Kosten der Versorgung betroffener Menschen beeinflussen, sollten diese nicht alleine aus dem Erfahrungswissen heraus getroffen, sondern durch logistische Planungsmethoden unterstützt werden.

Anwendungsbezogen und verständlich wird in dem Buch der Einsatz geeigneter Methoden (z. B. Standortplanung, Netzplantechnik) am Beispiel realer Katastrophen vermittelt. Konzepte des SCM und aktuelle Informationssysteme werden mit ihren Potenzialen und Grenzen für das internationale Katastrophenmanagement vorgestellt und unter Einsatz geeigneter Entscheidungskriterien exemplarisch bewertet.