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Dorit Bölsche, Grundlagen des internationalen Katastrophenmanagements in:

Dorit Bölsche

Internationales Katastrophenmanagement, page 45 - 48

Logistik und Supply Chain Management

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4019-5, ISBN online: 978-3-8452-1310-1 https://doi.org/10.5771/9783845213101

Series: Weltwirtschaft und internationale Zusammenarbeit, vol. 3

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45 Der folgende Abschnitt stellt zunächst allgemein den Begriff und die Aufgaben des Katastrophenmanagements vor; spezielle Erläuterungen und Berechnungen zu den Aufgaben des Logistikmanagements erfolgen in Kapitel 4. 2.2 Grundlagen des internationalen Katastrophenmanagements Planung, Gestaltung, Abwicklung und Kontrolle zählen zu den Aufgaben des Managements. Im Falle des internationalen Katastrophenmanagements sind diese Aufgaben auf internationale und katastrophenbezogene Aktivitäten gerichtet.76 Dabei sollen die Managementaufgaben auf das Ziel des Katastrophenmanagements bezogen sein: „Das Verhindern, Verringern und die Begrenzung menschlicher, physischer, wirtschaftlicher und ökologischer Verluste, die im Zusammenhang mit Katastrophen (potenziell) […] erlitten werden.“77 Diese Zielsetzung ist zunächst allgemein formuliert und muss für die Akteure des Katastrophenmanagements (vgl. hierzu Abschnitt 2.3) individuell aus der strategischen Ausrichtung abgeleitet werden (vgl. hierzu Abschnitt 3.2.5). Die individuelle Formulierung des Zielsystems sieht i. d. R. eine Priorisierung einzelner Teilziele vor, wobei die Lebensrettung oberste Priorität aufweist.78 Analog zu den Phasen des Managements – der zukunftsbezogenen zielgerichteten Planung, der gegenwartsbezogenen Abwicklung und der vergangenheitsbezogenen Kontrolle – wird auch das Katastrophenmanagement in entsprechende Phasen unterteilt. Bei diesen Phasen handelt es sich um ? Katastrophenvorsorge (verwendet werden auch die Begriffe Katastrophenschutz, „Disaster Preparedness“ sowie mit Betonung des Prozessablaufs „Pre- Disaster-Phase“) und ? Katastrophenbewältigung (verwendet werden auch die Begriffe Katastrophenhilfe / humanitäre Hilfe, „Disaster Response“ sowie mit Betonung des Prozessablaufs „Response-Phase“ und „Post-Disaster-Recovery-Phase“).79 Die nachfolgende Abbildung verdeutlicht die Bestandteile sowie die Zusammenhänge zwischen den Aktivitäten der Katastrophenvorsorge und Katastrophenbewältigung. 76 Vgl. Adam, Verena (2006), S. 89 und Tufinkgi, Philippe (2006), S. 96. 77 Tufinkgi, Philippe (2006), S. 97. 78 Vgl. z. B. Tufinkgi, Philippe (2006), S. 97. 79 Vgl. z. B. Adam, Verena (2006), S. 92-93; Kulmhofer, Alexandra (2007), S. 219-220; Samii, Ramina (2002), Exhibit 7; Tufinkgi, Philippe (2006), S. 77. Die detaillierten Zusammenhänge und Abgrenzungen zwischen Begriffen wie Katastrophenbewältigung, Katastrophenhilfe und humanitärer Hilfe sollen an dieser Stelle nicht erörtert werden. Ergänzend finden sich Ausführungen z. B. in Lieser, Jürgen (2007), S. 41-42; Pilar, Ulrike von (2007), S. 127-133; Treptow, Rainer (2007), S. 10. 46 Katastrophenvorsorge Risikoanalyse Monitoring/ Frühwarnung Vorbeugung Katastrophenbewältigung Wiederaufbau Sofortige Rettungsmaßnahmen Weitere humanitäre Hilfe Abbildung 12: Kreislauf der Katastrophenvorsorge und -bewältigung80 Die Risikoanalyse lässt sich beispielsweise auf Basis der vorgestellten Daten des CRED vornehmen. Die Daten liefern Hinweise auf Eintrittswahrscheinlichkeiten und Schäden für Katastrophenarten in bestimmten Zeiträumen und an bestimmten Orten. Vorbeugende Maßnahmen lassen sich auf der Grundlage der Ergebnisse der Risikoanalyse planen und umsetzen. Die Umsetzung vorbeugender Maßnahmen eignet sich insbesondere zu Zeiten und an Orten, an denen die Eintrittswahrscheinlichkeiten und / oder die zu erwartenden Schäden besonders hoch eingeschätzt werden und demnach hohe Risikoerwartungswerte vorliegen. Trotz vorbereitender Maßnahmen lassen sich Ereignisse, die zu Katastrophen führen können, nicht vollständig vermeiden. Eine Bereitschaftserhöhung für den tatsächlichen Eintritt eines Ereignisses – mit der möglichen Folge reduzierter Auswirkungen – lässt sich durch Frühwarnsysteme erzielen. Nach dem Eintritt nicht vermeidbarer bzw. nicht vermiedener Katastrophen sind im zeitlichen Ablauf zunächst sofortige Rettungsmaßnahmen, wie z. B. Bergungen, Evakuierungen, Aufbau der erforderlichen Infrastruktur, medizinische Erst-Versorgung vorzunehmen. Weitere Maßnahmen der humanitären Hilfe folgen, denkbar sind z. B. weitere medizinische Versorgung, Versorgung mit Nahrung und Wasser, psychologische Betreuung, Impfungen nach dem Ausbruch von Seuchen. Der Wiederaufbau beginnt bereits mit den sofortigen Rettungsmaßnahmen. So ist im Fall zerstörter Straßen, Häfen, Flughäfen oder Brücken eine sofortige Wiederherstellung erforderlich, sofern die Versorgung der betroffenen Bevölkerung eine grundlegende Leistungsbereitschaft erfordert. Der Wiederaufbau kann sich je nach Art und Ausmaß der Katastrophe über lange Zeiträume erstrecken. Mit Blick auf die Katastrophenvorsorge lassen sich mit dem Wiederaufbau bereits 80 In Anlehnung, an Adam, Verena (2006), S. 93; Tufinkgi, Philippe (2006), S. 77. 47 weitere vorbeugende Maßnahmen umsetzen, indem beispielsweise Häuser und Infrastruktur vorbeugend stabiler errichtet werden und Frühwarnsysteme installiert bzw. verbessert werden.81 Die Erkenntnis, dass (Natur-) Katastrophen „keine hinzunehmenden Ereignisse darstellen, denen der Mensch hilflos ausgeliefert ist“82 hat sich erst seit wenigen Jahren entwickelt. So finden sich noch im Jahr 2002 Zitate, wie „it is easy to find resources to respond, it is hard to find resources to be more ready to respond“83 obwohl fast zeitgleich durch Studien nachgewiesen wurde, „dass 1 US $ investiert in Katastrophenvorsorge 7 US $ an Wiederaufbaumaßnahmen einspart.“84 Mit dem Positionspapier der Bundesregierung zur Katastrophenvorsorge im Ausland wird das Bestreben, die Katastrophenvorsorge weiter auszubauen, dokumentiert.85 Auch in den aktuellen Jahresberichten der Hilfsorganisationen wird die Bedeutung beider Phasen dokumentiert, so nimmt beispielsweise das IFRC in seinem Jahresbericht 2006 sowohl Bezug auf die Katastrophenvorsorge (unter der Überschrift „Responding to Disaster“) als auch auf die Katastrophenbewältigung (unter der Überschrift „Preparing for Disasters“).86 „Strategy 2010 clearly states that disaster preparedness, response and health are core strategic areas for the International Federation.“87 81 Ausführlichere Erläuterungen werden dargestellt in Adam, Verena (2006), S. 93-104; DKKV (2002), S. 23-35; Tufinkgi, Philippe (2006), S. 77-95. 82 Auswärtiges Amt (2007), S. 1. 83 Zitat des Logistikleiters des IFRC (Bernard Chomilier), entnommen aus Samii, Ramina (2002), S. 1. 84 DKKV (2002), S. I. 85 Vgl. Auswärtiges Amt (2007). 86 Vgl. z. B. IFRC (Hrsg.) (2006), S. 9, 12. 87 IFRC (Hrsg.) (2006), S. 12. Vgl. auch IFRC (Hrsg.) (2005), S. 15-18, dort sind Disaster Preparedness und Disaster Response als Core area 2 und 3 in die Strategie 2010 aufgenommen worden. 48 2.3 Akteure im internationalen Katastrophenmanagement 2.3.1 Ausgewählte Beispiele Die Kenntnis über die Akteure stellt eine wichtige Grundlage für weitere Ausführungen dieses Buches dar, die die unternehmensübergreifende Zusammenarbeit in der Wertschöpfungskette des Katastrophenmanagements betreffen. Individuelle Ziele und Zielkonflikte in der Logistik sowie im SCM können nur nachvollzogen werden, wenn die Akteure der Wertschöpfungskette bekannt sind. Der vorherige Abschnitt wird mit Hinweisen auf die Strategie des IFRC abgeschlossen, welches einen der möglichen Akteure im Katastrophenmanagement bildet. Das IFRC zählt zu den Nichtstaatlichen Hilfsorganisationen, den „Non Governmental Organizations“ (kurz NGO), die als eine wesentliche Gruppe von Akteuren am Katastrophenmanagement mitwirken. Die folgenden Beispiele werden einen ersten Eindruck darüber vermitteln, dass eine Vielzahl weiterer Akteure an der Leistungserstellung beteiligt ist; diese Beispiele richten sich zunächst ausschließlich auf die Katastrophenbewältigung nach dem Eintritt eines Ereignisses (und demnach nicht auf die Katastrophenvorsorge). Die Beispiele werden verdeutlichen, dass die Akteure – je nach geografischer Lage, Art und Ausmaß der Katastrophe – in unterschiedlichem Ausmaß mitwirken. In diesem Zusammenhang wird Bezug auf die bereits bekannten Beispiele aus Abschnitt 2.1.3 genommen. Die auf die Vorstellung der Beispiele folgenden Abschnitte befassen sich in allgemeiner Form mit den Akteuren im Katastrophenmanagement, indem diese kurz vorgestellt werden und die erforderliche Koordination thematisiert wird. Der Tsunami aus dem Jahr 2004 hat eine Katastrophe ausgelöst, die mehrere Länder betraf. Das Fritz Institute hat im darauf folgenden Jahr eine Untersuchung angestellt, die unter anderem die Art und das Ausmaß der Mitwirkung unterschiedlicher Akteure betraf. Diese Untersuchung hat sich zunächst ausschließlich auf die Länder Indien und Sri Lanka bezogen.88 Die folgende Tabelle gibt Aufschluss darüber, dass sich bereits innerhalb einer Katastrophe die Verteilung über die unterschiedlichen Organisationen unterscheiden kann, je nachdem auf welches Land die Auswertungen gerichtet sind. In diesem Zusammenhang richtet sich die nachfolgende Tabelle auf die Finanzierung der Hilfsmaßnahmen. So ist der Anteil der staatlichen Finanzierung der Hilfsmaßnahmen in Sri Lanka mit 3,51% wesentlich geringer ausgeprägt als mit fast 15% in Indien: 88 Vgl. Thomas, Anisya / Ramalingam, Vimala (2005a).

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Zusammenfassung

Im internationalen Katastrophenmanagement werden täglich Entscheidungen mit Logistikbezug getroffen. Die Autorin skizziert die Vielfalt der Entscheidungen durch die folgende Fragestellung: Welche Beschaffungskonzepte, Standorte, Touren, Informationssysteme und Konzepte der Zusammenarbeit sollen im Rahmen der Katastrophenvorsorge und -bewältigung realisiert werden?

Da die Entscheidungen in hohem Maße Qualität und Kosten der Versorgung betroffener Menschen beeinflussen, sollten diese nicht alleine aus dem Erfahrungswissen heraus getroffen, sondern durch logistische Planungsmethoden unterstützt werden.

Anwendungsbezogen und verständlich wird in dem Buch der Einsatz geeigneter Methoden (z. B. Standortplanung, Netzplantechnik) am Beispiel realer Katastrophen vermittelt. Konzepte des SCM und aktuelle Informationssysteme werden mit ihren Potenzialen und Grenzen für das internationale Katastrophenmanagement vorgestellt und unter Einsatz geeigneter Entscheidungskriterien exemplarisch bewertet.