Content

Dorit Bölsche, Klassifizierung von Katastrophen in:

Dorit Bölsche

Internationales Katastrophenmanagement, page 36 - 45

Logistik und Supply Chain Management

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4019-5, ISBN online: 978-3-8452-1310-1 https://doi.org/10.5771/9783845213101

Series: Weltwirtschaft und internationale Zusammenarbeit, vol. 3

Bibliographic information
36 2.1.4 Klassifizierung von Katastrophen Eine Klassifizierung von Katastrophen kann nach unterschiedlichen Kriterien erfolgen, so beispielsweise44 ? nach Ursachen für das Auftreten einer Katastrophe (natürliche Ursachen, technische Ursachen, Ursachen in der Verantwortung von Menschen, vermeidbare / nicht vermeidbare Katastrophen oder eine Kombination mehrerer Ursachen);45 ? nach der geografischen Zuordnung einer Katastrophe (z. B. geographische Zuordnung der Ursache der Katastrophe oder der Folgen der Katastrophe);46 ? nach den Folgen einer Katastrophe (Anzahl betroffener Menschen z. B. durch Tod, Krankheit, Obdachlosigkeit, Evakuierung, Hunger und / oder Flucht, finanzielle Schäden).47 Die folgende Klassifizierung von Katastrophen bezieht alle drei Ebenen der Kategorisierung ein. Dabei wird zunächst mit der Art der Katastrophe Bezug auf die Ursache genommen. Die so klassifizierten Katastrophen lassen sich dann sowohl in der geografischen Zuordnung als auch mit den erfassten Folgen weiter systematisieren. Als Arten unterschiedlicher Katastrophen lassen sich die folgenden Unterscheidungen treffen: ? Naturkatastrophen werden durch extreme Naturereignisse ausgelöst, die biologischen, geologischen und meteorologischen Ursprungs sein können.48 Naturkatastrophen können sowohl ausschließlich durch natürliche Extremereignisse verursacht sein (so z. B. durch die Verschiebung von Erdplatten) als auch durch menschliche Ursachen bedingt sein (z. B. durch Flussbegradigungen oder Brandstiftung). In einigen Fällen lässt sich die Ursache nicht eindeutig bestimmen, so beispielsweise bei Stürmen oder sonstigen Wetterereignissen, die sich einem menschlich verursachten Klimawandel bzw. extremen Wettereignissen nicht eindeutig zuordnen lassen.49 Das CRED erfasst in seinen statistischen 44 Eine Unterscheidung nach plötzlich auftretenden und allmählich entstehenden Katastrophen (vgl. hierzu Tufinkgi, Philippe (2006), S. 31-32) wird im Folgenden nicht als Klassifizierungskriterium herangezogen, da diese Unterscheidung i.d.R. mit der Art der Katastrophe verbunden ist. Während Vulkanausbrüche ebenso wie Erdbeben plötzlich auftreten, entwickeln sich Dürren eher allmählich im Zeitablauf. Bei Reaktorunglücken sind beide Formen gemeinsam vorstellbar. 45 Vgl. z. B. Adam, Verena (1996), S. 69-81; DKKV (2002), S. 4-12; Treptow, Rainer (2007), S. 10-17; Tufinkgi, Philippe (2006), S. 28-31. 46 Vgl. z. B. Tufinkgi, Philippe (2006), S. 27-28. 47 Vgl. z. B. Adam, Verena (1996), S. 82-87; Treptow, Rainer (2007), S. 16. 48 Vgl. Adam, Verena (1996), S. 75; DKKV (2002), S. 4-12; Tufinkgi, Philippe (2006), S. 28- 29. 49 Vgl. Adam, Verena (2006), S. 75-81; DKKV (2002), S. 4-12; Tufinkgi, Philippe (2006), S. 30-31. 37 Auswertungen der EM-DAT sowie in den Jahresberichten nach hydrometeorologischen Katastrophen und geologischen Katastrophen.50 ? Die hydrometeorologischen Katastrophen werden nochmals in drei Untergruppen unterteilt, nach denen sich Auswertungen gruppieren lassen: Trockenheit und verwandte Katastrophen umfassen z. B. Dürre, Hitzewellen und Waldbrände; Fluten und verwandte Katastrophen umfassen zum Beispiel Fluten, Sturmfluten, Überflutungen, Bergrutsche und Lawinen; Stürme und verwandte Katastrophen umfassen z. B. Taifune, Cyklone, Hurrikane, Tornados, tropische Stürme, Wind- und Winterstürme. ? Zu den geologischen Katastrophen zählen unter anderem Erdbeben, Tsunami und Vulkanausbrüche.51 ? Ergänzend werden durch das CRED Epidemien erfasst.52 ? Technische Katastrophen treten durch Ereignisse auf, die durch Menschen – in Form entwickelter und eingesetzter Technologien – verursacht werden.53 Durch das CRED werden die folgenden Kategorien erfasst:54 ? Industrieunfälle (z. B. Chemieunfälle, Reaktorunfälle, Explosionen, Großbrände in Unternehmen, Unfälle im Bergbau), zu dieser Gruppe zählt beispielsweise die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, die sich am 26. April 1986 ereignet hat.55 ? Transportunfälle (z. B. mit der Erfassung der unterschiedlichen Verkehrsträger Straße, Schiene, See- und Binnenschiff und Luftverkehr sowie Erfassung des Transportgutes Personenverkehr und Güterverkehr, bei Bedarf mit Angabe der Gefahrgutklasse), zu diesen zählt beispielsweise das ICE-Unglück in Eschede im Juni 1998, dem 101 Menschen zum Opfer fielen.56 ? sonstige Unfälle. ? Katastrophen, die sich aufgrund von politischen, militärischen oder zivilbewaffneten Konflikten ereignen, werden durch das CRED nicht erfasst, sollen im Fol- 50 Vgl. Guha-Sapir, Debarati u.a. (2004), S. 22-26; Hoyois, P. u.a. (2007), S. 16, 21-25; www.emdat.be. 51 Vgl. Adam, Verena (1996), S. 75-81; DKKV (2002), S. 4-12; Guha-Sapir, Debarati u.a. (2004), S. 22-26; Hoyois, P. u.a. (2007), S. 16, 21-25; Tufinkgi, Philippe (2006), S. 28-29. 52 Vgl. Guha-Sapir, Debarati u.a. (2004), S. 46-49. 53 Vgl. Adam, Verena (2006), S. 71-75; DKKV (2002), S. 5; Treptow, Rainer (2007), S. 16-17; Tufinkgi, Philippe (2006), S. 30-31. 54 Vgl. Hoyois, P. u.a. (2007), S. 16-17; www-emdat.be. 55 Vgl. Adam, Verena (2006), S. 73-74; Domres, Bernd (2007), S. 113-115; Treptow, Rainer (2007), S. 16. 56 Vgl. Treptow, Rainer (2007), S. 17. 38 genden aber eine weitere Klasse bilden, zu der beispielsweise die oben beschriebene Krise in Kenia zählt.57 Aufgrund von komplexen Beziehungen, die insbesondere bei Katastrophen mit schwerwiegenden Folgen auftreten, ist eine Zuordnung zu einer Klasse nicht immer eindeutig möglich. Ein Beispiel soll dies verdeutlichen: Im Jahr 1923 trat in Japan ein Erdbeben auf. Die 143.000 Todesopfer sind aber mehrheitlich nicht auf das Beben zurückzuführen sondern auf zwei nachfolgende Ereignisse: Zum einen verursachte das Erdbeben Tsunamis, deren Wellen Häuser und Menschen erfassten, und zum anderen entstanden Feuer, die sich über weite Flächen hinweg ausbreiteten. Die Feuer wiederum verursachten Tornados, die eine Stärke annahmen, dass Menschen gegen Häuser gewirbelt wurden.58 Auch ist eine Abgrenzung zwischen Naturkatastrophen und technischen Katastrophen nicht immer möglich, insbesondere wenn ein Naturereignis und ein technisches Ereignis zusammenwirken. Eine Zusammenwirkung kann sowohl zum Auslösen als auch zu einer Verstärkung der Auswirkungen einer Katastrophe führen. Als Beispiele sind andauernde Regenfälle vorstellbar, die zu Hochwasser und anschließendem Dammbruch führen oder natürliche Extremereignisse, die Chemieunfälle oder Reaktorunglücke hervorrufen.59 Die Zuordnung erfolgt im Falle des Auftretens mehrerer aufeinander folgender oder gleichzeitiger Ereignisse zum ursächlichen bzw. überwiegenden Ereignis.60 Die oben gebildeten Klassen lassen sich in ihrer Bedeutung durch empirisches Datenmaterial belegen, das wiederum den Jahresberichten und Datenbanken des CRED entnommen ist. Als Zeitraum wird in der Abbildung ein 10-Jahres-Zeitraum der Jahre 1997 bis 2006 gewählt. In diesem Gesamtzeitraum sind 6.806 Katastrophen erfassten worden, die sich mit 54% zu einem höheren aber nicht gravierenden Anteil den Naturkatastrophen und zu 46% technischen Katastrophen zuordnen lassen. Die nachfolgende Abbildung visualisiert, dass in der Klasse der Naturkatastrophen die hydrometeorologischen Katastrophen den wesentlichen Anteil bilden, während geologische Katastrophen gemessen an der Anzahl ihres Auftretens nur eine relativ geringe Bedeutung haben. Unter den hydrometeorologischen Katastrophen weisen Fluten und verwandte Katastrophen die höchste Anzahl auf (1.674 im 10-Jahreszeitraum), gefolgt von Stürmen (942) und Trockenheit mit verwandten Katastrophen in Form von Dürren sowie Extremtemperaturen (663). Unter den technischen Katastrophen haben die 2.124 im 10-Jahreszeitraum erfassten Transportunfälle den größten Anteil. Darüber hinaus wurden im Betrachtungszeitraum 548 Industrieunfälle und 474 sonstige technische Unfälle erfasst. 57 Vgl. Treptow, Rainer (2007), S. 11-13. 58 Vgl. Tufinkgi, Philippe (2006), S. 28-29. 59 Vgl. z. B. Adam, Verena (2006), S. 71. 60 Vgl. z. B. Adam, Verena (2006), S. 71. Zusätzlich ist in die EM-DAT eine Klasse „komplexer Katastrophen“ ergänzend aufgenommen worden. 39 Anzahl Naturkatastrophen 1997-2006 0 50 100 150 200 250 300 350 400 450 500 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 Summe Naturkatastrophen Summe hydrometeorologisch Summe geologisch Anzahl Technische Katastrophen 1997-2006 0 50 100 150 200 250 300 350 400 450 500 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 Summe Technische Katastrophen Industrieunfälle Transportunfälle Sonstige Unfälle Abbildung 7: Anzahl Katastrophenarten, Zeitraum 1997-200661 Diese nach Ursachen bzw. nach Arten erfassten Katastrophen lassen sich nun nach geografischen Kriterien ebenfalls klassifizieren. Daten stehen mit unterschiedlichem Detaillierungsgrad und für unterschiedliche inhaltliche Ausrichtungen zur Verfügung, so ermöglichen die Daten des CRED beispielsweise die folgenden Auswertungen: 61 Die Daten wurden zusammengestellt aus Guha-Sapir, Debarati u.a. (2004); Hoyois, P. u.a. (2007); IFRC (Hrsg.) (2007), S. 189 sowie www.emdat.de. 40 ? Auswertung nach Ländern ? Auswertung nach Kontinenten ? Auswertung nach dem Entwicklungsstand der Länder. Detailauswertungen mit Bezug zu einzelnen Ländern werden beispielsweise im 30- Jahres-Bericht des CRED dargestellt. So lässt sich für Deutschland entnehmen, dass im Zeitraum 1974 bis 2003 42 Naturkatastrophen gemeldet wurden. Abgesehen von 2 Erdbeben handelt es sich mit 24 gemeldeten Stürmen unterschiedlicher Art, 11 Fluten bzw. Überflutungen und 5 Katastrophen, die auf Hitze bzw. Trockenheit zurückzuführen sind, um hydrometeorologische Katastrophen.62 Durch diese Katastrophen wurden insgesamt 587.208 Menschen beeinträchtigt, mehrheitlich in der Berichtsperiode 1999-2003 (436.477).63 Für 22 der 42 Katastrophen wurden Schäden mit einem Umfang von insgesamt 23,053 Mrd. US $ gemeldet.64 Als wesentliche Katastrophen in Deutschland, die sowohl mit Todesfällen als auch finanziellen Schäden verbunden waren, zählen beispielsweise die Winterstürme im Jahr 1990 und Katastrophen aufgrund von Hochwasser (z. B. das Pfingsthochwasser in Bayern und Baden-Württemberg im Jahr 1999 sowie das „Jahrhunderthochwasser“ in Ost- Deutschland und Osteuropa im Jahr 2002).65 Auf einer höheren Aggregationsebene lassen sich die Katastrophen Kontinenten zuordnen. Da eine entsprechende Auswertung für Naturkatastrophen der Jahre 2005 und 2006 bereits in Abbildung 6 (Naturkatastrophen nach Kontinenten) dargestellt und erläutert wurde, wird an dieser Stelle ergänzend die Verteilung zwischen Naturkatastrophen und technischen Katastrophen aufgegriffen. Die im Zeitraum der Jahre 1997 bis 2006 erfassten 6.806 Katastrophen werden in der nachfolgenden Abbildung mit ihrem 54%-Anteil Naturkatastrophen und 46%- Anteil technischen Katastrophen klassifiziert nach Kontinenten dargestellt. In der Verteilung der Katastrophenfälle nach Art und Kontinent fällt auf, dass durch Kontinente mit höherem Entwicklungsstand – und demnach auf höherem Entwicklungsgrad und Sicherheitsstandards der eingesetzten Technologien – ein geringerer Anteil technischer Katastrophen gemeldet wird als durch Kontinente mit durchschnittlich geringerem Entwicklungsstand. So beträgt der Anteil technologischer Katastrophen in Europa und Amerika nur 36 % bzw. 30 % während der Anteil in Afrika 61 % beträgt (jeweils gemessen an der Anzahl insgesamt für einen Kontinent erfasster Katastrophen). Vergleichbar zu Abbildung 8 ließe sich ergänzend eine Auswertung nach hoch, durchschnittlich und gering entwickelten Ländern vornehmen.66 62 Vgl. Guha-Sapir, Debarati u.a. (2004), S. 76, 94, 106, 118, 130, 142. Im Zeitablauf lässt sich ein steigender Trend von 4 Katastrophen im Zeitraum 1974 bis 1978 auf 10 Katastrophen in der Periode 1999 bis 2003 feststellen. 63 Vgl. Guha-Sapir, Debarati u.a. (2004), S. 82. 64 Vgl. Guha-Sapir, Debarati u.a. (2004), S. 178, 184. 65 Eine Auflistung und Beschreibung der Naturkatastrophen in Deutschland findet sich in DKKV (2002), S. 40-41. Geografisch werden die Katastrophen auf einer weiteren Detaillierungsstufe Bundesländern und Regionen zugeordnet. 66 Vgl. IFRC (Hrsg.) (2007), S. 193; www-emdat.de. 41 Anzahl Naturkatastrophen / Technische Katastrophen Summe 1997-2006 nach Kontinenten 609 903 1.384 613 161 953 393 1.439 340 11 0 500 1.000 1.500 2.000 2.500 3.000 Afrika Amerika Asien Europa Australien Naturkatastrophen Technische Katastrophen Abbildung 8: Anzahl Katastrophen nach Kontinenten, Zeitraum 1997-200667 Schließlich lassen sich Katastrophen nach den Folgen klassifizieren, die mit dem Eintritt eines Ereignisses verbunden sind. Mit der Darstellung und Erläuterung der Entwicklung von Naturkatastrophen in Abschnitt 2.1.2 wurden auch bereits Folgen der Katastrophen übergreifend dargestellt (nach betroffenen Menschen und ökonomischen Schäden). Weitere Differenzierungen, beispielsweise nach Art der Betroffenheit (Tod, Krankheit, Hunger, Evakuierung) und Art der finanziellen Schäden (z. B. versicherte / unversicherte Schäden), ließen sich ergänzend vornehmen. Während sich die Anzahl der Naturkatastrophen und der technischen Katastrophen mit 54% und 46% fast gleichmäßig verteilen, ist festzustellen, dass die finanziellen Schäden nach Naturkatastrophen (787.710 Mrd. US $ in den Jahren 1997-2006) einen wesentlich höheren Anteil an den Gesamtschäden (801.552 Mrd. US $ in den Jahren 1997-2006) bilden als die ökonomischen Schäden, die durch technische Katastrophen verursacht wurden (13.842 Mrd. US $ in den Jahren 1997-2006). Etwa 98% der finanziellen Schäden sind Folge von Naturkatastrophen und nur knapp 2% Folge technischer Katastrophen. Besonders gravierend lässt sich dieser Zusammenhang bei Transportunfällen feststellen, die fast ein Drittel aller gemeldeter Katastrophen bilden aber mit 0,1% Anteil an den finanziellen Schäden einen sehr geringen Anteil haben. Bei Stürmen lässt sich ein umgekehrtes Verhältnis feststellen: An der Gesamtanzahl gemeldeter Katastrophen haben diese einen Anteil von knapp 14%, die ökonomischen Schäden hingegen haben mit 48,5% einen vergleichsweise hohen Anteil. Auch bei den erfassten geologischen Katastrophen (mit einem Anteil von 5% an der Gesamtanzahl) sind die ökonomischen Folgen (mit einem Anteil von fast 15%) relativ hoch.68 67 Die Daten wurden zusammengestellt aus Guha-Sapir, Debarati u.a. (2004); Hoyois, P. u.a. (2007); IFRC (Hrsg.) (2007), S. 193 sowie www.emdat.de. 68 Die Daten wurden zusammengestellt aus Guha-Sapir, Debarati u.a. (2004); Hoyois, P. u.a. (2007); IFRC (Hrsg.) (2007), S. 192 sowie www.emdat.de. 42 Ebenfalls lassen sich die Folgen der unterschiedlichen Katastrophenarten durch die Anzahl der betroffen Menschen erfassen. In der Aufteilung zwischen Naturkatastrophen und technischen Katastrophen zeigt sich ein vergleichbares Verhältnis wie in der Erfassung finanzieller Folgen: Technische Katastrophen haben nur mit relativ geringen Anteilen zu Auswirkungen auf die Bevölkerung geführt (0,07%). Durch Naturkatastrophen wurden 2,677 Mrd. Menschen betroffen; das ist ein Anteil von über 99,9% an den gesamten Naturkatastrophen und technischen Katastrophen der Jahre 1997-2006. Differenziert lassen sich die unterschiedlichen Anteile an der Gesamtanzahl der Katastrophen sowie den Folgen der nachfolgenden Abbildung entnehmen.69 Katastrophen 1997-2006: Anteile an der Gesamtanzahl und den Gesamtfolgen 0% 5% 10% 15% 20% 25% 30% 35% 40% 45% 50% Trockenheit/Hitze/u.a. Fluten/Überflutung/u.a. Stürme/u.a. Erdbeben/Tsunamis Industrieunfälle Transportunfälle Anteil Folgen (Todesfälle) Anteil Folgen (Beeinträchtigung Menschen) Anteil Folgen (ökonomische Schäden) Anteil Art Abbildung 9: Anteile Katastrophenarten an der Gesamtanzahl und den Gesamtfolgen, 1997-200670 In der Abbildung werden ergänzend auch die Anteile an den gemeldeten Todesfällen skizziert, die für bestimmte Katastrophenarten vergleichsweise hohe Anteile aufweisen (so beispielsweise für Trockenheit / Hitze und Erdbeben / Tsunamis). Mit insgesamt 1.209.002 gemeldeten Todesfällen in den Jahren 1997-2006 stellen 0,05% aller Fälle betroffener Menschen Todesfälle dar.71 69 Vgl. IFRC (Hrsg.) (2007), S. 191, www.emdat.de. 70 Die Daten wurden zusammengestellt aus Guha-Sapir, Debarati u.a. (2004); Hoyois, P. u.a. (2007); IFRC (Hrsg.) (2007), S. 186-192 sowie www.emdat.de. Aufgrund ihrer relativ geringen Anteile werden Vulkanausbrüche sowie sonstige Katastrophen in der Abbildung nicht dargestellt. 71 Vgl. IFRC (Hrsg.) (2007), S. 190, www.emdat.de. 43 Mit Kenntnis der empirischen Daten hat das CRED Klassengrenzen entwickelt, nach denen sich die Anzahl und Folgen von Katastrophenarten in den einzelnen Ländern in die Kategorien „hoch“, „mittel“ und „gering“ einteilen lassen. So gelten beispielsweise im Zeitraum von 30 Jahren 0-15 Flutkatastrophen in einem Land als gering, 16 bis 60 als mittel und über 60 als hoch (vgl. Abbildung 10). Für jede Katastrophenart wurden individuelle Klassengrenzen generiert; für Stürme bilden beispielsweise Anzahlen zwischen 11 und 30 Katastrophen je Land die mittlere Kategorie (bezogen auf den gleichen Zeitraum). Number of floods: 0-15 16-60 >60 Abbildung 10: Beispiel für die Bildung und Zuordnung von Klassengrenzen (1)72 Auch für die Folgen der erfassten Katastrophen sind durch das CRED Klassengrenzen entwickelt worden: Im Zeitraum von 30 Jahren gilt die Anzahl bis zu 1.000 betroffener Menschen je 100.000 Einwohner als gering, ab 5.000 betroffener Menschen je 100.000 Einwohner beginnt die Kategorie „hoch“. Ähnliche Klassengrenzen wurden bezogen auf weitere Katastrophenarten, bezogen auf unterschiedliche Zeiträume und bezogen auf weitere Folgen generiert.73 72 www.emdat.be (Maps) 73 Diese lassen sich im Detail www.emdat.be entnehmen. 44 Deaths + Persons Affected by 100.000 Inhabitants: 0-1.000 1.000-5.000 >5.000 Abbildung 11: Beispiel für die Bildung und Zuordnung von Klassengrenzen (2)74 Die möglichen Klassifizierungskriterien für Katastrophen sind in diesem Abschnitt ausführlich vorgestellt und mit empirischem Datenmaterial untermauert worden. Die Erkenntnisse, die sich aus der Klassifizierung für diese Arbeit ergeben, betreffen unter anderem das Leistungspotenzial, das durch das SCM und das Logistikmanagement für Katastrophenfälle aufzubauen ist. Da es sich sowohl bei Leistungen der Logistik als auch bei weiteren Leistungen des Katastrophenmanagements um die Erstellung von Dienstleistungen handelt, kann das Ergebnis der Leistungserstellung nicht vorgehalten werden (Produktion und Absatz der Dienstleistung erfolgen zeitgleich). Vorhalten lässt sich aber das Leistungspotenzial, das im Falle des Eintritts eines Ereignisses die Akteure dazu befähigt, zeitnah einsatzbereit zu sein.75 Mit Kenntnis der vergangenheitsbezogenen Daten über Art und Ort des Auftretens von Katastrophen im Zeitablauf lassen sich in Kombination mit den zu erwartenden regionalen Folgen Prognosen über die Art zukünftiger Katastropheneinsätze und der erforderlichen logistischen Leistungen erstellen. Mit den Kenntnissen der Hilfsorganisationen und Logistikdienstleister über den Bedarf an Hilfsgütern, die bei bestimmten Katastrophenarten in bestimmten Mengen benötigt wurden, lassen sich beispielsweise Berechnungen zur Dimensionierung von Zentrallagern unterstützen. Klassifizierungen nach den hier vorgestellten Kriterien stellen nur erste Anhaltspunkte dar, die mit individuellen Datensammlungen zu kombinieren sind. 74 www.emdat.be (Maps) 75 Vgl. hierzu Abschnitt 3.1.5. 45 Der folgende Abschnitt stellt zunächst allgemein den Begriff und die Aufgaben des Katastrophenmanagements vor; spezielle Erläuterungen und Berechnungen zu den Aufgaben des Logistikmanagements erfolgen in Kapitel 4. 2.2 Grundlagen des internationalen Katastrophenmanagements Planung, Gestaltung, Abwicklung und Kontrolle zählen zu den Aufgaben des Managements. Im Falle des internationalen Katastrophenmanagements sind diese Aufgaben auf internationale und katastrophenbezogene Aktivitäten gerichtet.76 Dabei sollen die Managementaufgaben auf das Ziel des Katastrophenmanagements bezogen sein: „Das Verhindern, Verringern und die Begrenzung menschlicher, physischer, wirtschaftlicher und ökologischer Verluste, die im Zusammenhang mit Katastrophen (potenziell) […] erlitten werden.“77 Diese Zielsetzung ist zunächst allgemein formuliert und muss für die Akteure des Katastrophenmanagements (vgl. hierzu Abschnitt 2.3) individuell aus der strategischen Ausrichtung abgeleitet werden (vgl. hierzu Abschnitt 3.2.5). Die individuelle Formulierung des Zielsystems sieht i. d. R. eine Priorisierung einzelner Teilziele vor, wobei die Lebensrettung oberste Priorität aufweist.78 Analog zu den Phasen des Managements – der zukunftsbezogenen zielgerichteten Planung, der gegenwartsbezogenen Abwicklung und der vergangenheitsbezogenen Kontrolle – wird auch das Katastrophenmanagement in entsprechende Phasen unterteilt. Bei diesen Phasen handelt es sich um ? Katastrophenvorsorge (verwendet werden auch die Begriffe Katastrophenschutz, „Disaster Preparedness“ sowie mit Betonung des Prozessablaufs „Pre- Disaster-Phase“) und ? Katastrophenbewältigung (verwendet werden auch die Begriffe Katastrophenhilfe / humanitäre Hilfe, „Disaster Response“ sowie mit Betonung des Prozessablaufs „Response-Phase“ und „Post-Disaster-Recovery-Phase“).79 Die nachfolgende Abbildung verdeutlicht die Bestandteile sowie die Zusammenhänge zwischen den Aktivitäten der Katastrophenvorsorge und Katastrophenbewältigung. 76 Vgl. Adam, Verena (2006), S. 89 und Tufinkgi, Philippe (2006), S. 96. 77 Tufinkgi, Philippe (2006), S. 97. 78 Vgl. z. B. Tufinkgi, Philippe (2006), S. 97. 79 Vgl. z. B. Adam, Verena (2006), S. 92-93; Kulmhofer, Alexandra (2007), S. 219-220; Samii, Ramina (2002), Exhibit 7; Tufinkgi, Philippe (2006), S. 77. Die detaillierten Zusammenhänge und Abgrenzungen zwischen Begriffen wie Katastrophenbewältigung, Katastrophenhilfe und humanitärer Hilfe sollen an dieser Stelle nicht erörtert werden. Ergänzend finden sich Ausführungen z. B. in Lieser, Jürgen (2007), S. 41-42; Pilar, Ulrike von (2007), S. 127-133; Treptow, Rainer (2007), S. 10.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Im internationalen Katastrophenmanagement werden täglich Entscheidungen mit Logistikbezug getroffen. Die Autorin skizziert die Vielfalt der Entscheidungen durch die folgende Fragestellung: Welche Beschaffungskonzepte, Standorte, Touren, Informationssysteme und Konzepte der Zusammenarbeit sollen im Rahmen der Katastrophenvorsorge und -bewältigung realisiert werden?

Da die Entscheidungen in hohem Maße Qualität und Kosten der Versorgung betroffener Menschen beeinflussen, sollten diese nicht alleine aus dem Erfahrungswissen heraus getroffen, sondern durch logistische Planungsmethoden unterstützt werden.

Anwendungsbezogen und verständlich wird in dem Buch der Einsatz geeigneter Methoden (z. B. Standortplanung, Netzplantechnik) am Beispiel realer Katastrophen vermittelt. Konzepte des SCM und aktuelle Informationssysteme werden mit ihren Potenzialen und Grenzen für das internationale Katastrophenmanagement vorgestellt und unter Einsatz geeigneter Entscheidungskriterien exemplarisch bewertet.