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Dorit Bölsche, Ausgangslage und Zielsetzung in:

Dorit Bölsche

Internationales Katastrophenmanagement, page 19 - 22

Logistik und Supply Chain Management

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4019-5, ISBN online: 978-3-8452-1310-1 https://doi.org/10.5771/9783845213101

Series: Weltwirtschaft und internationale Zusammenarbeit, vol. 3

Bibliographic information
19 1 Einleitung 1.1 Ausgangslage und Zielsetzung Über zahlreiche Katastrophen wurde im Jahr 2008 berichtet: Zu benennen sind mit dem Zyklon Nargis in Myanmar und dem Erdbeben in China zwei schwerwiegende Naturkatastrophen, die sich im Mai des Jahres fast zeitgleich ereignet haben, und deren Auswirkungen zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Buches noch nicht endgültig absehbar sind. Auch Unruhen waren der Auslöser von Katastrophen, so beispielsweise nach den Präsidentschaftswahlen in Kenia, die Ende des Jahres 2007 stattfanden. Statistische Gesamtauswertungen zu den Folgen der Katastrophen im Jahr 2008 liegen noch nicht vor, für das Jahr 2007 lässt sich aber zusammenfassend (hier für Naturkatastrophen) feststellen: „In 2007, 414 natural disasters were reported. They killed 16847 persons, affected more than 211 million others and caused over 74.9 US$ billion in economic damages.”1 Im Zeitablauf steigt die Anzahl weltweit registrierter Katastrophen. Dieser Trend wird für den Zeitraum 1900 bis 2007 durch die nachfolgende Abbildung 1 am Beispiel der Naturkatastrophen visualisiert. Unter den in den Jahren 2004 und 2005 erfassten Katastrophen befinden sich mit dem Tsunami in Asien, dem Hurrikane Katrina in den USA sowie einem Erdbeben in Pakistan Katastrophen mit gravierenden Auswirkungen auf die betroffene Bevölkerung und mit umfangreichen ökonomischen Schäden. In den Nachrichten, Printmedien und Dokumentationen ist im Zusammenhang mit diesen Katastrophen wiederholt auf Schwachstellen in der Logistik hingewiesen worden, die sich am Beispiel des Tsunami in Asien wie folgt charakterisieren lassen: „…the sheer number of cargo-laden humanitarian flights overwhelmed the capacity to handle goods at the airport, … transportation pipelines were bottlenecked, … the damaged infrastructure combined with the flood of assistance from the military representatives from several countries and large numbers of foreign aid agencies created a coordination and logistical nightmare.”2 Die Bedeutung der Logistik für das internationale Katastrophenmanagement ist als Folge der benannten Katastrophen in den Jahren 2004 und 2005 zunehmend erkannt worden: „One of the notable aspects of the relief efforts following the 2004 Asian Tsunami was the public acknowledgement of the role of logistics in effective relief.“3 1 Scheuren, Jean-Michel u.a. (2008), S. X. 2 Thomas, Anisya / Kopczak, Laura (2005), S. 1. 3 Thomas, Anisya / Kopczak, Laura (2005), S. 1. 20 Jahr: 1900 1910 1920 1930 1940 1950 1960 1970 1980 1990 2000 Anzahl 500 450 400 350 300 250 200 150 100 50 0 Abbildung 1: Anstieg weltweiter Katastrophen (1900-2007)4 Die logistischen Kernleistungen Transport, Lagerung und Umschlag, logistische Zusatzleistungen wie Kommissionierung und Verpackung sowie logistische Informationsleistungen waren bereits vor den benannten Katastrophen Gegenstand des internationalen Katastrophenmanagements. Ohne die entsprechenden Transporte der Hilfsgüter hätten diese auch zuvor die betroffene Bevölkerung nicht erreichen können. Die Neuausrichtung der Logistik ist vornehmlich darin zu sehen, dass seither logistische Leistungen im internationalen Katastrophenmanagement nicht weiterhin als rein operativ ausgerichtete Ausführungsleistungen sondern zunehmend als Managementleistungen begriffen werden. Damit verbunden ist auch die Erkenntnis, dass sich logistische Methoden einsetzen lassen, um die Managementleistungen der Planung, Steuerung und Kontrolle im internationalen Katastrophenmanagement zu unterstützen. Mit der zunehmend unternehmensübergreifenden Abstimmung zwischen den Akteuren des internationalen Katastrophenmanagements lassen sich dar- über hinaus auch unternehmensübergreifende Konzepte des Supply Chain Management einsetzen, um Logistik- und Wertschöpfungsketten übergreifend zu gestalten. Mit Blick auf die Zielsetzungen des internationalen Katastrophenmanagements und Logistik bzw. Supply Chain Management ist es sinnvoll, diese in Abstimmung zueinander zu bringen. Das übergreifende Ziel des Katastrophenmanagements besteht darin, durch Katastrophenvorsorge und Katastrophenbewältigung menschliche, physische, wirtschaftliche und ökologische Verluste, die im Zusammenhang mit 4 www.emdat.be, Link “Database”, “Trends”, “Global Disasters”, “Number of Disasters”. 21 Katastrophen erlitten werden, zu verhindern, zu verringern und zu begrenzen.5 Die Gestaltung der logistischen Prozesse und Ketten ist auf die beiden Zielgrößen Logistikservice und Logistikkosten gerichtet,6 die zugleich die übergreifende Zielsetzung des Katastrophenmanagements beeinflussen: Ein erhöhter Logistikservice kann z. B. dazu beitragen, dass die betroffenen Menschen schneller erreicht werden, dass eine größere Anzahl betroffener Menschen erreicht wird, dass die Versorgung zuverlässiger und flexibler erfolgen kann. Eine Reduzierung der Logistikkosten vermindert zum einen wirtschaftliche Verluste und kann zum anderen dazu beitragen, dass sich das zur Verfügung stehende Logistikbudget für weitere Leistungserstellungen zur Vermeidung bzw. Verringerung von „Verlusten“ einsetzen lässt. Mit den erläuterten Erkenntnissen über die Bedeutung der Logistik und des SCM für das internationale Katastrophenmanagement galt und gilt es weiterhin zu untersuchen, inwieweit sich existierende Methoden aus der Privatwirtschaft auf das internationale Katastrophenmanagement übertragen bzw. anpassen lassen. „In the corporate sector, well-founded research exists in the area of commercial supply chain and logistic analysis, and strategic inter-corporation collaboration has demonstrated significant improvement in effectiveness and efficiency. However, the applicability of these commercial supply chain methods and other corporate logistics and related research to humanitarian operations is not fully understood.”7 Seit dem Jahr 2004 haben sich das Management der Logistik und der Wertschöpfungsketten sowie die entsprechende EDV-technische Unterstützung weiterentwickelt. Einige Entwicklungen bis zum Jahr 2008 sollen dies exemplarisch skizzieren: Im Rahmen der Katastrophenbewältigung in Myanmar und China im Jahr 2008 kooperieren Akteure der Vereinten Nationen mit Logistikdienstleistern der Privatwirtschaft in einem Umfang, der zu Beginn der 2000er Jahre noch unvorstellbar gewesen wäre.8 Die Unterstützung durch Informations- und Kommunikationstechnologien ist deutlich vorangeschritten. Beispielsweise hat sich die Website des Joint Logistics Center der Vereinten Nationen (UNJLC) so weit etabliert, dass logistische Informationen bis hin zu den Details der Transportpläne und Lagerbestände unterschiedlicher beteiligter Akteure einsehbar sind.9 Mit Helios befindet sich eine Software zur Unterstützung der Logistik und des SCM für Akteure des internationalen Katastrophenmanagements in der Pilotphase, durch die sich unter anderem eine Sendungsverfolgung unterstützen lässt.10 Im internationalen Katastrophenmanagement des Jahres 2008 befinden sich der Einsatz logistischer Methoden sowie die Umsetzung der Konzepte des SCM trotz der skizzierten Entwicklungen noch in den Anfängen. Zur Fortentwicklung dieses 5 Vgl. Tufinkgi, Philippe (2006), S. 97. 6 Vgl. z. B. Schulte, Christof (2005), S. 6-9. 7 Fritz Institute (Hrsg.) (2004), S. 5. 8 Vgl. z. B. Hein, Christoph (2008). 9 Das Informationsportal des UNJLC befindet sich unter www.logcluster.org. 10 Vgl. www.fritzinstitute.org, Link “Supply Chain Solutions”, “Programs”, “Technology, ”Helios”. 22 Prozesses möchte dieses Buch einen Beitrag leisten. Bewährte Methoden des Logistikmanagements (z. B. zur Standortplanung und zur Netzplantechnik) werden vorgestellt und auf das Management internationaler Katastrophen angewendet. Die Datengrundlagen der Berechnungsbeispiele werden aus statistischem Datenmaterial zum internationalen Katastrophenmanagement, aus realen Daten des Webportals des Joint Logistics Center der UN sowie aus fiktiven aber realitätsnahen Daten zusammengestellt. Durch die Berechnungsbeispiele erhalten Akteure des internationalen Katastrophenmanagements realitätsnahe Hinweise zu den Einsatzpotenzialen und Grenzen ausgewählter logistischer Methoden. Ebenso werden aktuelle Referenzmodelle und Konzepte des Supply Chain Management sowie Informations- und Kommunikationstechnologien mit ihren Einsatzpotenzialen für das internationale Katastrophenmanagement vorgestellt und diskutiert. Das Buch kann darüber hinaus als weiterführendes Lehrbuch für Studierende der Logistik oder der Supply Chain Management eingesetzt werden. Durch den Anwendungsfall des internationalen Katastrophenmanagements stehen umfangreiche reale und fiktive Fallstudien zur Verfügung, durch die die Einsatzpotenziale der Methoden und Konzepte im internationalen Umfeld vermittelt werden. 1.2 Aufbau des Buches Die folgende Abbildung skizziert die Inhalte der Kapitel sowie deren Zusammenhänge. Akteure sowie das Strategie- und Zielsystem bilden einen übergreifenden Bestandteil aller Kapitel. So werden die Akteure des internationalen Katastrophenmanagements, wie z. B. Akteure des UN-Systems, staatliche und nicht-staatliche Hilfsorganisationen und Geldgeber sowie Unternehmen der Privatwirtschaft im zweiten Kapitel ebenso vorgestellt wie die Akteure der Logistik und des Supply Chain Management in den Kapiteln drei und fünf. Die Strategie- und Zielsysteme dieser Akteure werden in den einzelnen Kapiteln vorgestellt und sukzessive zusammengeführt. Die Einleitung in das internationale Katastrophenmanagement erfolgt in Kapitel zwei in Form einer Vorstellung empirischer Daten und ausgewählter Beispiele internationaler Katastrophen. Diese Datengrundlagen sowie Beispiele werden in den weiteren Kapiteln über Logistik und Supply Chain Management herangezogen, um die Bedeutung der Logistik und des SCM im internationalen Katastrophenmanagement zu untermauern und Berechnungen unter Einsatz logistischer Methoden durchzuführen. Ebenso wird das internationale Katastrophenmanagement als Kreislaufmodell vorgestellt, das sich aus mehreren Aufgabenbereichen der Katastrophenvorsorge und der Katastrophenbewältigung zusammensetzt. Der Abbildung über die Struktur dieses Buches kann entnommen werden, dass dieses Kreislaufmodell des Katastrophenmanagements eine wesentliche Grundlage der weiteren Kapitel bildet. Ausgangslage und Zielsetzung in Abschnitt 1.1 sind auf die Bedeutung der Logistik und des Supply Chain Management für das internationale Katastrophenmanagement

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Zusammenfassung

Im internationalen Katastrophenmanagement werden täglich Entscheidungen mit Logistikbezug getroffen. Die Autorin skizziert die Vielfalt der Entscheidungen durch die folgende Fragestellung: Welche Beschaffungskonzepte, Standorte, Touren, Informationssysteme und Konzepte der Zusammenarbeit sollen im Rahmen der Katastrophenvorsorge und -bewältigung realisiert werden?

Da die Entscheidungen in hohem Maße Qualität und Kosten der Versorgung betroffener Menschen beeinflussen, sollten diese nicht alleine aus dem Erfahrungswissen heraus getroffen, sondern durch logistische Planungsmethoden unterstützt werden.

Anwendungsbezogen und verständlich wird in dem Buch der Einsatz geeigneter Methoden (z. B. Standortplanung, Netzplantechnik) am Beispiel realer Katastrophen vermittelt. Konzepte des SCM und aktuelle Informationssysteme werden mit ihren Potenzialen und Grenzen für das internationale Katastrophenmanagement vorgestellt und unter Einsatz geeigneter Entscheidungskriterien exemplarisch bewertet.