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Markus Loewe, Rolle der Zivilgesellschaft in:

Markus Loewe

Soziale Sicherung, informeller Sektor und das Potenzial von Kleinstversicherungen, page 197 - 198

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4017-1, ISBN online: 978-3-8452-1347-7 https://doi.org/10.5771/9783845213477

Series: Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik, vol. 4

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197 kann eine unbefristete finanzielle Unterstützung von selbst organisierten und zivilgesellschaftlichen Sozialsystemen die Möglichkeiten des Fiskus überfordern, wenn eine zunehmende Zahl von Systemen dieser Art gegründet wird. 6.2 Rolle der Zivilgesellschaft Spiegelbildlich zu den Aufgaben der Regierungen liegen die Aufgaben, die NROs und Selbsthilfegruppen bei einer Reform der sozialen Sicherung übernehmen können und so weit wie möglich auch übernehmen sollten. Einerseits sind NROs und Selbsthilfegruppen die zentralen Akteure von bottom-up- Strategien der sozialen Sicherung. In vielfältiger Weise können sie ihre Klienten bzw. Mitglieder in vielfältiger Weise beim Risiko-Management unterstützen: Sie können ihnen helfen, — dem Eintritt von Risiken vorzubeugen, indem sie bspw. (i) den Bau von Dämmen zur Abwehr von Hochwasser und Flutkatastrophen organisieren, (ii) die Terrassierung von Berghängen zum Schutz vor Bodenerosion und Erdrutsche anregen und durchführen, (iii) über Fragen der gesunden Ernährung, präventiver Gesundheitsuntersuchungen (v. a. bei Schwangeren und Säuglingen), der Familienplanung, des Umgangs mit infektiösen Krankheiten und sinnvoller Hygienemaßnahmen aufklären oder (iv) das Bewusstsein für Gefahren am Arbeitsplatz schärfen und über mögliche Vorsichtsmaßnahmen (z. B. Schutzkleidung, sorgfältiger Umgang mit giftigen Substanzen) informieren, — Risiken zu diversifizieren, indem sie (i) eine Diversifizierung der Erwerbsaktivitäten ihrer Klienten bzw. Mitglieder anregen und (ii) gemeinschaftliche Investitionen in Sach- und Humankapital durchführen (z. B. den gemeinschaftlichen Bau von Schulen, Krankenstationen, Bewässerungsanlagen, Abwasserentsorgungssystemen etc.), — für Risiken vorzusorgen, indem sie die Gründung von ROSCAs, Genossenschaftsbanken und kommunale Investitionen in Produktionsanlagen, Vertriebsnetze und Marketing-Kampagnen initiieren und den Aufbau von Getreidespeichern zur Vorbereitung auf Hungersnöte organisieren, — Risken zu poolen, indem sie Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit gründen und dabei nach Möglichkeit Partnerschaften mit anderen NROs und Selbsthilfegruppen (horizontale Vernetzung) bzw. privatwirtschaftlichen oder öffentlichen Versicherungssystemen (vertikale Vernetzung) eingehen, oder aber — Risiken zu bewältigen, indem sie die Spenden wohlhabender Haushalte an notleidende Haushalte einwerben und weiterleiten, die Pflege und Betreuung kranker, behinderter und älterer Menschen organisieren, Familien in finanziellen Notlagen bei Anträgen auf Sozialhilfe und Bankdarlehen unterstützen und Zuwendungen von außerhalb ihres Aktivitätsgebietes an die Bedürftigen in ihrer Umgebung vermitteln. Andererseits kommt NROs und Selbsthilfegruppen auch bei top-down-Ansätzen der sozialen Sicherung (i. e. beim downscaling) eine wichtige Aufgabe zu. Sie sollten sich mit Nachdruck in die öffentliche Debatte einmischen, ein starkes sozialpolitisches commitment und Engagement der Regierungen einfordern, die Regierungen hierbei be- 198 raten und unterstützen und sich v. a. für die Belange ärmerer und informell beschäftigter Sozialgruppen einsetzen wie z. B. — eine auf ein breitenwirksames Wirtschaftswachstum ausgerichtete Politik, — eine stärkere Beteiligung der Armen am Grundbesitz und am Produktivkapital, — eine Verbesserung der Qualität der Bildungs- und Gesundheitssysteme und ihren Ausbau in ländlichen Gegenden und ärmeren Stadtvierteln, — mehr Transparenz, Bürgernähe und Berechenbarkeit in der staatlichen Bürokratie und Sozialverwaltung, — eine weiter gehende Öffnung der Finanzmärkte und Deregulierung des Bankenund Versicherungssektors, — eine verteilungsorientierte Reform der öffentlichen Systeme der sozialen Sicherung und — einen größeren Freiraum für zivilgesellschaftliche Aktivitäten. Entsprechend argumentieren Canagarajah und Sethuraman (2001): „Given the ‘benign neglect’ attitude toward the informal sector in most countries, it would be unrealistic to expect governments to take the necessary initiatives in the direction of reforms unless there is pressure from the grassroot organizations. It is in this context that the emerging experience of informal organizations assumes particular significance. These organizations are not just helping their members to overcome various scalerelated disadvantages [...] and market imperfections [...]; they have also been instrumental in obtaining legal recognition, and in creating indigenous or informal social protection mechanisms.“ 401 Allerdings sind die Aktivitäten von NROs und Selbsthilfegruppen auch in den sozialen Sektoren insbesondere in autoritär regierten Ländern vielfach mit politisch bedingten Schwierigkeiten verbunden. Dies gilt nicht nur für ihre Anstrengung im Rahmen von bottom-up-Ansätzen sondern auch bzw. zum Teil sogar erst recht für Lobby-Arbeit zugunsten eines stärkeren sozialpolitischen Engagements des jeweiligen Staates im Rahmen von top-down-Ansätzen. Die Regierenden fürchten, bei der Bevölkerung an Reputation und Legitimität zu verlieren, wenn zivilgesellschaftliche Akteure auf sozialpolitische Versäumnisse des Staates hinweist. 6.3 Rolle der Entwicklungszusammenarbeit Der Auf- und Ausbau von sozialen Sicherungssystemen ist ein zentraler Bestandteil von Strategien der Armutsbekämpfung und damit auch ein wichtiges Feld für Entwicklungszusammenarbeit (EZ). Die Bekämpfung von Armut wird mittlerweile von allen wichtigen bi- und multilateralen Gebern als zentrales Ziel ihrer Kooperation mit Entwicklungsländern definiert.402 Dass damit auch der Förderung von Systemen der sozialen Sicherung durch Maßnahmen der EZ eine große Bedeutung zukommt, schlägt sich nicht nur in der Abschlusserklärung403 des Weltsozialgipfels in Kopenhagen von 1995, son- 401 Canagarajah / Sethuraman (2001, 46). 402 Vgl. bspw. BMZ (2001a). 403 Vgl. IMF et al. (2000); UN (2001).

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Zusammenfassung

Nur die Hälfte aller Menschen weltweit ist gegen Risiken wie Krankheit, Alter oder Ernteausfall abgesichert. Dies gilt v.a. für Beschäftigte im informellen Sektor. Lange wurde übersehen, dass hierin nicht nur ein soziales sondern auch ein ökonomisches Problem besteht, da Menschen ohne soziale Sicherheit besonders vorsichtig handeln und zum Beispiel Investitionen in Bildung und Produktionskapital meiden. Sie scheuen die hiermit verbundenen zusätzlichen Risiken und haben Angst, dass ihnen das investierte Geld bei Zahlungsschwierigkeiten nicht kurzfristig zur Verfügung steht.

Das vorliegende Buch gibt Einblick in die Funktionsweise moderner und traditioneller Systeme der sozialen Sicherung in Entwicklungsländern und zeigt auf, warum viele von ihnen für informell Beschäftigte ungeeignet sind. Es diskutiert, welche Strategien sich eignen, um die soziale Sicherheit im informellen Sektor zu verbessern und geht insbesondere auf das Potenzial von Kleinstversicherungen ein. Diese zeichnen sich durch niedrige Beitragssätze, flexible Zahlungsmodalitäten und begrenzte Leistungen aus und sind somit ganz an die Möglichkeiten und Bedarfe von Beziehern niedriger Einkommen angepasst, ohne auf Subventionen angewiesen zu sein.