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Markus Loewe, Förderung von selbst organisierten Systemen der sozialen Sicherung in:

Markus Loewe

Soziale Sicherung, informeller Sektor und das Potenzial von Kleinstversicherungen, page 196 - 197

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4017-1, ISBN online: 978-3-8452-1347-7 https://doi.org/10.5771/9783845213477

Series: Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik, vol. 4

Bibliographic information
196 zwingt, sich stärker an der Nachfrage von Kunden mit mittlerem und niedrigem Einkommen auszurichten. Förderung von selbst organisierten Systemen der sozialen Sicherung Schließlich sollten staatliche Regierungen auch alles tun, um zivilgesellschaftliche und kooperative Initiativen der sozialen Sicherung zumindest nicht zu behindern, indem sie — NROs und Selbsthilfegruppen in ihren Aktivitäten möglichst wenig durch gesetzliche Auflagen und Verbote einschränken bzw. durch Interventionen behindern, — NROs und Selbsthilfegruppen – durch einen entsprechenden Passus im Versicherungsgesetz – die Möglichkeit eröffnen, im Rahmen des partner-agent model für von KV-Systemen als Makler bzw. Agent von Versicherungsunternehmen aufzutreten, — NROs und Selbsthilfegruppen Rechtssicherheit bei ihren Aktivitäten verleihen, indem ihnen ein Status zuerkannt wird, der es ihnen erlaubt, rechtlich anerkannte Verträge zu schließen, Bündnisse mit anderen Selbsthilfegruppen einzugehen und vor Gericht als eigenständige Rechtspersönlichkeiten aufzutreten, und — Institutionen schaffen bzw. unterstützen, die etwaige Meinungs- und Interpretationsunterschiede zwischen einzelnen Mitgliedern von selbst organisierten Systemen der sozialen Sicherung zu klären und sie zu schlichten. Aktiv eingreifen sollte der Staat, wenn NROs und Selbsthilfegruppen mit Problemen konfrontiert werden, die sie ohne Hilfe von außen nicht lösen können. Dabei ist darauf zu achten, dass, auch wenn diese Eingriffe erforderlich sind, durch sie nicht das Selbsthilfepotenzial der geförderten Institutionen gelähmt wird. In der Regel sollten die Eingriffe daher an den typischen Schwachstellen von NROs und Selbsthilfegruppen ansetzen, i. e. — ihr finanzwirtschaftliches und organisatorisches Know-how durch entsprechende Maßnahmen des capacity building verbessern, — ihre Mitarbeiter bzw. Organisatoren schulen und bei der Wahl und Ausgestaltung einer für die Zielgruppe geeigneten Strategie der sozialen Sicherung beraten, — ihre horizontale (Selbsthilfegruppen und NROs untereinander) und vertikale Vernetzung (Selbsthilfegruppen und NROs mit öffentlichen bzw. privaten Trägern der sozialen Sicherung) fördern, damit sie in der Lage sind, die Risiken ihrer Klienten bzw. Mitglieder über einen größeren Personenkreis zu poolen, — den Erfahrungsaustausch zwischen den Selbsthilfegruppen und NROs fördern und — selbst organisierte Systeme der sozialen Sicherung im Falle von vorübergehenden Zahlungsproblemen ggf. auch finanziell unterstützen. Hingegen kann sich eine regelmäßige finanzielle Unterstützung von selbst organisierten oder zivilgesellschaftlichen Systemen der sozialen Sicherung als problematisch erweisen. Erstens kann sie die Selbsthilfefähigkeit und -bereitschaft der Institutionen beeinträchtigen und dadurch zu einer wachsenden Abhängigkeit vom Staat führen. Zweitens kann sie von Nichtmitgliedern als ungerecht empfunden werden, wenn deren Risiko-Management-Aktivitäten nicht im selben Umfang gefördert werden. Drittens 197 kann eine unbefristete finanzielle Unterstützung von selbst organisierten und zivilgesellschaftlichen Sozialsystemen die Möglichkeiten des Fiskus überfordern, wenn eine zunehmende Zahl von Systemen dieser Art gegründet wird. 6.2 Rolle der Zivilgesellschaft Spiegelbildlich zu den Aufgaben der Regierungen liegen die Aufgaben, die NROs und Selbsthilfegruppen bei einer Reform der sozialen Sicherung übernehmen können und so weit wie möglich auch übernehmen sollten. Einerseits sind NROs und Selbsthilfegruppen die zentralen Akteure von bottom-up- Strategien der sozialen Sicherung. In vielfältiger Weise können sie ihre Klienten bzw. Mitglieder in vielfältiger Weise beim Risiko-Management unterstützen: Sie können ihnen helfen, — dem Eintritt von Risiken vorzubeugen, indem sie bspw. (i) den Bau von Dämmen zur Abwehr von Hochwasser und Flutkatastrophen organisieren, (ii) die Terrassierung von Berghängen zum Schutz vor Bodenerosion und Erdrutsche anregen und durchführen, (iii) über Fragen der gesunden Ernährung, präventiver Gesundheitsuntersuchungen (v. a. bei Schwangeren und Säuglingen), der Familienplanung, des Umgangs mit infektiösen Krankheiten und sinnvoller Hygienemaßnahmen aufklären oder (iv) das Bewusstsein für Gefahren am Arbeitsplatz schärfen und über mögliche Vorsichtsmaßnahmen (z. B. Schutzkleidung, sorgfältiger Umgang mit giftigen Substanzen) informieren, — Risiken zu diversifizieren, indem sie (i) eine Diversifizierung der Erwerbsaktivitäten ihrer Klienten bzw. Mitglieder anregen und (ii) gemeinschaftliche Investitionen in Sach- und Humankapital durchführen (z. B. den gemeinschaftlichen Bau von Schulen, Krankenstationen, Bewässerungsanlagen, Abwasserentsorgungssystemen etc.), — für Risiken vorzusorgen, indem sie die Gründung von ROSCAs, Genossenschaftsbanken und kommunale Investitionen in Produktionsanlagen, Vertriebsnetze und Marketing-Kampagnen initiieren und den Aufbau von Getreidespeichern zur Vorbereitung auf Hungersnöte organisieren, — Risken zu poolen, indem sie Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit gründen und dabei nach Möglichkeit Partnerschaften mit anderen NROs und Selbsthilfegruppen (horizontale Vernetzung) bzw. privatwirtschaftlichen oder öffentlichen Versicherungssystemen (vertikale Vernetzung) eingehen, oder aber — Risiken zu bewältigen, indem sie die Spenden wohlhabender Haushalte an notleidende Haushalte einwerben und weiterleiten, die Pflege und Betreuung kranker, behinderter und älterer Menschen organisieren, Familien in finanziellen Notlagen bei Anträgen auf Sozialhilfe und Bankdarlehen unterstützen und Zuwendungen von außerhalb ihres Aktivitätsgebietes an die Bedürftigen in ihrer Umgebung vermitteln. Andererseits kommt NROs und Selbsthilfegruppen auch bei top-down-Ansätzen der sozialen Sicherung (i. e. beim downscaling) eine wichtige Aufgabe zu. Sie sollten sich mit Nachdruck in die öffentliche Debatte einmischen, ein starkes sozialpolitisches commitment und Engagement der Regierungen einfordern, die Regierungen hierbei be-

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Zusammenfassung

Nur die Hälfte aller Menschen weltweit ist gegen Risiken wie Krankheit, Alter oder Ernteausfall abgesichert. Dies gilt v.a. für Beschäftigte im informellen Sektor. Lange wurde übersehen, dass hierin nicht nur ein soziales sondern auch ein ökonomisches Problem besteht, da Menschen ohne soziale Sicherheit besonders vorsichtig handeln und zum Beispiel Investitionen in Bildung und Produktionskapital meiden. Sie scheuen die hiermit verbundenen zusätzlichen Risiken und haben Angst, dass ihnen das investierte Geld bei Zahlungsschwierigkeiten nicht kurzfristig zur Verfügung steht.

Das vorliegende Buch gibt Einblick in die Funktionsweise moderner und traditioneller Systeme der sozialen Sicherung in Entwicklungsländern und zeigt auf, warum viele von ihnen für informell Beschäftigte ungeeignet sind. Es diskutiert, welche Strategien sich eignen, um die soziale Sicherheit im informellen Sektor zu verbessern und geht insbesondere auf das Potenzial von Kleinstversicherungen ein. Diese zeichnen sich durch niedrige Beitragssätze, flexible Zahlungsmodalitäten und begrenzte Leistungen aus und sind somit ganz an die Möglichkeiten und Bedarfe von Beziehern niedriger Einkommen angepasst, ohne auf Subventionen angewiesen zu sein.