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Markus Loewe, Ernteausfallversicherungen in:

Markus Loewe

Soziale Sicherung, informeller Sektor und das Potenzial von Kleinstversicherungen, page 177 - 178

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4017-1, ISBN online: 978-3-8452-1347-7 https://doi.org/10.5771/9783845213477

Series: Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik, vol. 4

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177 Nachfrager mit großen und kleinen Risiken noch vor Vertragsabschluss voneinander zu unterscheiden. Im Falle von Gesundheitsrisiken gibt es für eine solche Differenzierung nur wenige offensichtliche Indikatoren (Alter, Beruf, Geschlecht), die noch dazu nur begrenzte Aussagekraft haben. Hingegen geben Merkmale wie der Wohnort, der Zustand und die Lage des Hauses oder der Beruf einer Person in hohem Maße Aufschluss darüber, wie groß bei ihr die Wahrscheinlichkeit und der Erwartungsschaden eines Diebstahls, Hausbrands, Erdbebens oder Sturms sind.376 Ernteausfallversicherungen Ernteausfallversicherungen sind wiederum ein Produkt mit großem Potenzial für KV- Systeme. Dies setzt allerdings voraus, dass sie nicht – wie dies bislang üblich war – den Ernteausfall als solchen, sondern seine Ursache(n) (Dürre, Überschwemmung, Sturm, Frost etc.) als versichertes Ereignis definieren und hiervon auch die Höhe ihrer Leistungen abhängig machen. Zudem ist es bei Ernteausfallversicherungen besonders wichtig, dass sie von einem agent in Zusammenarbeit mit einem partner angeboten werden. Schon seit einigen Jahrzehnten werden in unterschiedlichen Entwicklungsländern immer wieder Experimente mit Ernteausfallversicherungen unternommen. Zumeist sind diese „Projekte der alten Generation“ nach dem provider model organisiert und werden von staatlichen Institutionen (z. B. ländlichen Entwicklungsbanken) betrieben. Sie leisten Kompensation, wenn der Ernteertrag eines versicherten Landwirts in einem Jahr um einen bestimmten Anteil hinter seinem durchschnittlichen Ertrag zurückbleibt. Dabei wird vielfach kein Unterschied gemacht, ob der Ernteausfall auf Sturm, Überschwemmung, Frost oder Schädlingsbefall zurückgeht. Die Kompensation bemisst sich nur nach dem Ausmaß des Ernteausfalls und dem betroffenen Anbauprodukt.377 Die Erfahrungen, die mit den Projekten der „alten Generation“ gemacht wurden, sind ernüchternd. Durchweg sind sie auf staatliche Zuschüsse angewiesen. Hierfür gibt es drei Gründe: Erstens besteht ein gewaltiges Potenzial für moral hazard und Versicherungsbetrug. Der Versicherer kann nicht feststellen, ob der Ernteausfall eines versicherten Landwirts tatsächlich auf eines der versicherten Risiken oder aber das Verschulden des Kunden zurückgeht. Die Versicherung mindert somit den Anreiz, Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen, und animiert sogar zu einem laxeren Engagement bei der Feldarbeit. Zudem kann der Versicherer nicht mit vertretbarem Aufwand verifizieren, wie groß die Ernte eines Versicherungsnehmers tatsächlich in einem bestimmten Jahr ausgefallen ist. Kaum ein Versicherter wird daher der Versuchung widerstehen, regelmäßig sehr hohe Ernteausfälle zu melden. Zweitens sind Ernteausfallversicherungen sehr komplexe Arrangements. Sie decken eine Vielzahl von sehr unterschiedlichen Risiken ab, deren Eintrittswahrscheinlichkeit und Erwartungsschaden stark von den Anbaubedingungen des einzelnen Landwirts abhängen. Selbst wenn also der Anbieter einer Ernteausfallversicherung sämtliche Wetterrisiken in seine Prämienkalkulation mit einbeziehen könnte, wäre er noch immer auf Informationen über die spezifischen Witterungsbedingungen, die Bodenqualität und die Anbaulage jedes einzelnen Versicherten angewiesen. 376 Vgl. Brown / Churchill (2000, 67 f.). 377 Die gesamten Ausführungen zu Ernteausfallversicherungen beruhen auf Abada (2001, 371); Loewe (2002, 8); Morduch / Sharma (2002, 585); Mosley (2001, 52); Mosley (2003, 144); Patel (2002, 12). 178 Drittens sind sämtliche von den Ernteausfallversicherungen der „alten Generation“ versicherten Risiken zumindest auf lokaler Ebene kovariant, i. e. sie treffen stets ganze Dörfer, Regionen oder gar Länder auf einmal und können daher leicht zur Zahlungsunfähigkeit eines Versicherers führen, dessen Mitglieder überwiegend in der betroffenen Gegend leben. Jedoch lassen sich alle drei Probleme umgehen. Dies beweisen die Erfahrungen einer „neuen Generation“ von Ernteausfallversicherungen, die sich in ihrer Konzeption grundlegend von den „Projekten der alten Generation“ unterscheiden. Auch sie sollen Landwirten Schutz vor witterungsbedingten Ernteausfällen bieten. Jedoch versichern sie nicht den Ernteausfall selbst, sondern seine Ursachen. Bspw. leisten sie Unterstützung, wenn die Niederschläge in der Anbauregion eines Landwirts um mehr als 30 oder 50 % unter dem langjährigen Mittel liegen. Gegenüber dem Ansatz der Ernteausfallversicherungen der „alten Generation“ hat dies einen vierfachen Vorteil: (i) Der Eintritt des Versicherungsfalls kann vom Versicherer objektiv und mit begrenzten Kosten auf der Grundlage von meteorologischen Messungen in unterschiedlichen Regionen eines Landes gemessen und überprüft werden. (ii) Die Versicherten haben keinen Einfluss auf das versicherte Ereignis, weswegen keine Gefahr von moral hazard mehr besteht (z. B. einen von der Versicherung nicht beobachtbaren unzureichenden Einsatz eines Versicherten bei der Feldarbeit). (iii) Für den Versicherer ist die Berechnung der Prämien vergleichsweise einfach. Sie ergeben sich jeweils als Produkt der Risikoeintrittswahrscheinlichkeit und der Deckungssumme des einzelnen Vertrages plus Gewinn und Verwaltungskostenaufschlag. Die Risikoeintrittswahrscheinlichkeit lässt sich aus meteorologischen Zeitreihen ablesen, während die Deckungssumme des einzelnen Vertrages individuell mit dem Versicherten in Abhängigkeit von seiner Zahlungsfähigkeit und -bereitschaft festgelegt werden kann. (iv) Die Leistungen und Beiträge der Versicherungsverträge sind vom einzelnen Anbauprodukt unabhängig. Dafür muss für jedes versicherte Wetterrisiko (Dürre, Überschwemmung, Frost...) ein separater Vertrag aufgesetzt werden. Darüber hinaus werden die Ernteausfallversicherungen der „neuen Generation“ auch damit fertig, dass Wetterrisiken kovariant sind. Im Gegensatz zu den Versicherungssystemen der „alten Generation“ sind sie zumeist nach dem partner-agent model organisiert. BASIX z. B., eine Bank in Indien, kooperiert beim Vertrieb und beim Dienstleistungsgeschäft mit lokalen agents: Selbsthilfegruppen und NROs. BASIX, dem partner, hilft dies, Transaktionskosten zu sparen. Für die agents hingegen hat die Zusammenarbeit mit BASIX den Vorteil, dass dieser partner in allen Teilen Indiens aktiv ist und Kunden hat. Selbst wenn also in einer Region ein versichertes Wetterrisiko eintritt und dort alle Versicherten gleichzeitig trifft, kann BASIX die hieraus resultierenden Verluste mit Gewinnen in anderen Regionen ausgleichen.378 5.4 Rahmenbedingungen Inwieweit KV-Projekte realisierbar sind, wird natürlich auch von den Rahmenbedingungen im jeweiligen Land bestimmt. Im Folgenden wird diskutiert, auf welche politischen, ökonomischen und soziokulturellen Rahmenbedingungen es dabei besonders ankommt. 378 Vgl. Mosley (2001, 53); van Oppen (2001, 14).

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Zusammenfassung

Nur die Hälfte aller Menschen weltweit ist gegen Risiken wie Krankheit, Alter oder Ernteausfall abgesichert. Dies gilt v.a. für Beschäftigte im informellen Sektor. Lange wurde übersehen, dass hierin nicht nur ein soziales sondern auch ein ökonomisches Problem besteht, da Menschen ohne soziale Sicherheit besonders vorsichtig handeln und zum Beispiel Investitionen in Bildung und Produktionskapital meiden. Sie scheuen die hiermit verbundenen zusätzlichen Risiken und haben Angst, dass ihnen das investierte Geld bei Zahlungsschwierigkeiten nicht kurzfristig zur Verfügung steht.

Das vorliegende Buch gibt Einblick in die Funktionsweise moderner und traditioneller Systeme der sozialen Sicherung in Entwicklungsländern und zeigt auf, warum viele von ihnen für informell Beschäftigte ungeeignet sind. Es diskutiert, welche Strategien sich eignen, um die soziale Sicherheit im informellen Sektor zu verbessern und geht insbesondere auf das Potenzial von Kleinstversicherungen ein. Diese zeichnen sich durch niedrige Beitragssätze, flexible Zahlungsmodalitäten und begrenzte Leistungen aus und sind somit ganz an die Möglichkeiten und Bedarfe von Beziehern niedriger Einkommen angepasst, ohne auf Subventionen angewiesen zu sein.