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Markus Loewe, Sachschadensversicherungen in:

Markus Loewe

Soziale Sicherung, informeller Sektor und das Potenzial von Kleinstversicherungen, page 176 - 177

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4017-1, ISBN online: 978-3-8452-1347-7 https://doi.org/10.5771/9783845213477

Series: Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik, vol. 4

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176 Wissen um ihren Versicherungsschutz leichtsinnig handeln und dabei leichte Erkrankungen bzw. Verletzungen billigend in Kauf nehmen. Ein solches Verhalten kann ein Versicherer eigentlich nur dann erkennen, wenn er die Versicherten gut kennt und häufig trifft (was bei Selbsthilfegruppen und NROs der Fall sein kann). Ebenso schwierig ist es für ihn zu überprüfen, ob eine bestimmte medizinische Behandlung bei einem seiner Kunden tatsächlich erforderlich ist. Er ist hierbei auf die Auskünfte von medizinischem Personal angewiesen, das selber ein Interesse daran hat, möglichst aufwändige Behandlungen durchzuführen und bei der Krankenversicherung abzurechnen. Man spricht in diesem Fall auch von „angebotsinduzierter Nachfrage“. Insbesondere kommerziellen Versicherungsunternehmen, aber auch MFIs und größeren NROs stehen kaum Mittel zur Verfügung, um etwas gegen diese Möglichkeiten von moral hazard und Versicherungsbetrug bei Krankenversicherungsarrangements auszurichten.373 Sachschadensversicherungen Ganz Ähnliches gilt für Sachschadensversicherungen. Hierzu zählen Versicherungsarrangements, die Kompensation für Schäden an Vermögens- bzw. Gebrauchsgegenständen bzw. deren Verlust leisten. Dabei können sie Schutz vor so unterschiedlichen Risiken wie Feuersbrünsten, Explosionen, Überschwemmungen, Sturm, Hagel, Erdbeben, Plünderungen oder Diebstahl bieten. Beispiele hierfür sind Hausrats-, Diebstahl-, Flutschadens-, Gebäudebrand- und Sturmschadensversicherungen. Bislang werden Sachschadensversicherungen nur von wenigen Kleinstversicherern angeboten, weshalb auch nur wenige Erfahrungen mit ihnen vorliegen. Dies lässt aber darauf schließen, dass auch die Leistungen von Sachschadensversicherungen nur schwer aus den Beiträgen von ärmeren Kunden finanziert werden können.374 Hierfür sind dieselben Ursachen verantwortlich wie bei Krankenversicherungen. Moral hazard und Versicherungsbetrug dürften sogar noch größere Gefahren darstellen. Im Falle von moral hazard liegt dies daran, dass die Versicherten, wenn sie Vorsichtsmaßnahmen unterlassen, i. d. R. nur mit materiellen Schäden rechnen müssen, während Gesundheitsrisiken stets auch immaterielle Schäden verursachen (das physische und psychische Leiden des Erkrankten). Wer voll gegen einen Sachschaden versichert ist, hat daher wenig Anreiz, auf eigene Kosten Maßnahmen zu ergreifen, die diesem Schaden vorbeugen könnten. Betrugsversuche werden zudem bei Sachschadensversicherungen durch ein Zurechnungsproblem begünstigt, das v. a. bei beweglichen Objekten besteht. Wenn es darauf ankommt, kann ein Krankenversicherer von dritter Seite (bspw. einem Vertrauensarzt) prüfen lassen, ob einer ihrer Kunden tatsächlich erkrankt ist oder aber versucht hat, die Kosten einer medizinischen Behandlung bei einer ganz anderen Person abzurechnen. Demgegenüber kann der Kunde von Sachschadenversicherungen beschädigte Gegenstände präsentieren, die seinem eigenen, versicherten Objekt ähneln. Einer Diebstahl- oder Hausratsversicherung kann er zudem für einen verschwundenen bzw. zerstörten Gegenstand einen übertrieben hohen Wert angeben, ohne dass diese den Betrugsversuch mit angemessenem Aufwand nachweisen könnte.375 Demgegenüber stellt adverse Selektion bei Sachversicherungen ein weniger großes Problem dar als bei Krankenversicherungen. Dem Versicherer ist es eher möglich, 373 Vgl. Bennett / Creese / Monasch (1998, 36, 40 und 51); Brown / Churchill (2000, 48 und 55–57); ILO / PAHO (1999b, 21); Musau (1999, 15–18); Patel (2002, 18). 374 Vgl. Brown / Churchill (2000, 63 f.); Patel (2002, 9 und 12). 375 Vgl. Brown / Churchill (2000, 68). 177 Nachfrager mit großen und kleinen Risiken noch vor Vertragsabschluss voneinander zu unterscheiden. Im Falle von Gesundheitsrisiken gibt es für eine solche Differenzierung nur wenige offensichtliche Indikatoren (Alter, Beruf, Geschlecht), die noch dazu nur begrenzte Aussagekraft haben. Hingegen geben Merkmale wie der Wohnort, der Zustand und die Lage des Hauses oder der Beruf einer Person in hohem Maße Aufschluss darüber, wie groß bei ihr die Wahrscheinlichkeit und der Erwartungsschaden eines Diebstahls, Hausbrands, Erdbebens oder Sturms sind.376 Ernteausfallversicherungen Ernteausfallversicherungen sind wiederum ein Produkt mit großem Potenzial für KV- Systeme. Dies setzt allerdings voraus, dass sie nicht – wie dies bislang üblich war – den Ernteausfall als solchen, sondern seine Ursache(n) (Dürre, Überschwemmung, Sturm, Frost etc.) als versichertes Ereignis definieren und hiervon auch die Höhe ihrer Leistungen abhängig machen. Zudem ist es bei Ernteausfallversicherungen besonders wichtig, dass sie von einem agent in Zusammenarbeit mit einem partner angeboten werden. Schon seit einigen Jahrzehnten werden in unterschiedlichen Entwicklungsländern immer wieder Experimente mit Ernteausfallversicherungen unternommen. Zumeist sind diese „Projekte der alten Generation“ nach dem provider model organisiert und werden von staatlichen Institutionen (z. B. ländlichen Entwicklungsbanken) betrieben. Sie leisten Kompensation, wenn der Ernteertrag eines versicherten Landwirts in einem Jahr um einen bestimmten Anteil hinter seinem durchschnittlichen Ertrag zurückbleibt. Dabei wird vielfach kein Unterschied gemacht, ob der Ernteausfall auf Sturm, Überschwemmung, Frost oder Schädlingsbefall zurückgeht. Die Kompensation bemisst sich nur nach dem Ausmaß des Ernteausfalls und dem betroffenen Anbauprodukt.377 Die Erfahrungen, die mit den Projekten der „alten Generation“ gemacht wurden, sind ernüchternd. Durchweg sind sie auf staatliche Zuschüsse angewiesen. Hierfür gibt es drei Gründe: Erstens besteht ein gewaltiges Potenzial für moral hazard und Versicherungsbetrug. Der Versicherer kann nicht feststellen, ob der Ernteausfall eines versicherten Landwirts tatsächlich auf eines der versicherten Risiken oder aber das Verschulden des Kunden zurückgeht. Die Versicherung mindert somit den Anreiz, Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen, und animiert sogar zu einem laxeren Engagement bei der Feldarbeit. Zudem kann der Versicherer nicht mit vertretbarem Aufwand verifizieren, wie groß die Ernte eines Versicherungsnehmers tatsächlich in einem bestimmten Jahr ausgefallen ist. Kaum ein Versicherter wird daher der Versuchung widerstehen, regelmäßig sehr hohe Ernteausfälle zu melden. Zweitens sind Ernteausfallversicherungen sehr komplexe Arrangements. Sie decken eine Vielzahl von sehr unterschiedlichen Risiken ab, deren Eintrittswahrscheinlichkeit und Erwartungsschaden stark von den Anbaubedingungen des einzelnen Landwirts abhängen. Selbst wenn also der Anbieter einer Ernteausfallversicherung sämtliche Wetterrisiken in seine Prämienkalkulation mit einbeziehen könnte, wäre er noch immer auf Informationen über die spezifischen Witterungsbedingungen, die Bodenqualität und die Anbaulage jedes einzelnen Versicherten angewiesen. 376 Vgl. Brown / Churchill (2000, 67 f.). 377 Die gesamten Ausführungen zu Ernteausfallversicherungen beruhen auf Abada (2001, 371); Loewe (2002, 8); Morduch / Sharma (2002, 585); Mosley (2001, 52); Mosley (2003, 144); Patel (2002, 12).

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Zusammenfassung

Nur die Hälfte aller Menschen weltweit ist gegen Risiken wie Krankheit, Alter oder Ernteausfall abgesichert. Dies gilt v.a. für Beschäftigte im informellen Sektor. Lange wurde übersehen, dass hierin nicht nur ein soziales sondern auch ein ökonomisches Problem besteht, da Menschen ohne soziale Sicherheit besonders vorsichtig handeln und zum Beispiel Investitionen in Bildung und Produktionskapital meiden. Sie scheuen die hiermit verbundenen zusätzlichen Risiken und haben Angst, dass ihnen das investierte Geld bei Zahlungsschwierigkeiten nicht kurzfristig zur Verfügung steht.

Das vorliegende Buch gibt Einblick in die Funktionsweise moderner und traditioneller Systeme der sozialen Sicherung in Entwicklungsländern und zeigt auf, warum viele von ihnen für informell Beschäftigte ungeeignet sind. Es diskutiert, welche Strategien sich eignen, um die soziale Sicherheit im informellen Sektor zu verbessern und geht insbesondere auf das Potenzial von Kleinstversicherungen ein. Diese zeichnen sich durch niedrige Beitragssätze, flexible Zahlungsmodalitäten und begrenzte Leistungen aus und sind somit ganz an die Möglichkeiten und Bedarfe von Beziehern niedriger Einkommen angepasst, ohne auf Subventionen angewiesen zu sein.