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Markus Loewe, Armut als begünstigender Faktor der Risiko-Verletzbarkeit in:

Markus Loewe

Soziale Sicherung, informeller Sektor und das Potenzial von Kleinstversicherungen, page 45 - 45

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4017-1, ISBN online: 978-3-8452-1347-7 https://doi.org/10.5771/9783845213477

Series: Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik, vol. 4

Bibliographic information
45 2.4.4 Armut als begünstigender Faktor der Risiko-Verletzbarkeit Insbesondere armen Haushalten und Individuen sollte beim Management ihrer Risiken geholfen werden, da sie besonders verletzbar sind. In Abschnitt 2.4.1 wurde argumentiert, dass der Grad der Risiko-Verletzbarkeit eines Haushalts bzw. Individuums von der Relevanz und der Signifikanz seiner Risiken sowie von seiner Sensibilität durch Risiken und seinen Zugangsmöglichkeiten zu Instrumenten des Risiko-Managements abhängt. Nach allen vier Kriterien sind einkommensschwache Gruppen stärker verletzbar als wohlhabende. Ihnen gebührt daher besondere Aufmerksamkeit bei Maßnahmen der sozialen Sicherung, während umgekehrt die Bekämpfung von Armut auch zur Verbesserung der sozialen Sicherheit beiträgt.53 Erstens zeichnen sich die Risiken von einkommensschwachen Haushalten und Individuen mit einem geringen Einkommen durch eine größere Relevanz aus: Die Armen sind einer höheren Zahl von Risiken ausgesetzt und die Eintrittswahrscheinlichkeit der einzelnen Risiken ist tendenziell größer als bei Personen mit größerem Einkommen und Vermögen. Dies liegt v. a. daran, dass einkommensschwache Haushalte unter schlechteren Lebens- und Arbeitsbedingungen leiden (mangelhafte hygienische Verhältnisse, schlechte Ernährung, schlecht ausgestatteter Wohnraum, längere Arbeitszeiten, schlechtere Arbeitsbedingungen, gefährlichere und anstrengendere Tätigkeiten). Dadurch sind sie besonders anfällig für Krankheiten, Arbeitsunfälle, Erwerbsunfähigkeit oder frühes Versterben. Ebenso sind sie ökonomischen Risiken oftmals stärker ausgesetzt als Personen mit höherem Einkommen, weil sie tendenziell weniger gebildet und ausgebildet sind. Ihnen fällt es daher schwerer, einen Arbeitsplatz zu finden, sie werden eher entlassen und können auch makroökonomische Krisen schlechter bewältigen. Zweitens ist die Signifikanz der Risiken von einkommensschwachen Haushalten und Individuen überdurchschnittlich groß. Diese Menschen leben oftmals in einem Umfeld, in dem der Eintritt von Risiken gravierendere Folgen nach sich zieht, als dies bei finanziell besser gestellten Personen der Fall ist: z. B. in der Nähe von Flüssen, wo eine grö- ßere Hochwassergefahr besteht, an erosionsgefährdeten Hängen oder auf sturmbetroffenen Anhöhen, in Häusern, die unzureichend vor Sturm und Regen geschützt sind und in Stadtvierteln, in denen es keine ausreichende medizinische Versorgung gibt, in denen eine starke Luftverschmutzung herrscht und in denen Kriminalität ein großes Problem darstellt. Zudem verursacht der Eintritt von Risiken bei ärmeren Personen häufiger sekundäre Schäden: Erkrankt bspw. der Hauptverdiener einer Familie, so ist die Wahrscheinlichkeit, dass er in der Folge seinen Arbeitsplatz verliert, höher, wenn es sich um einen einfachen Arbeiter mit kleinem Einkommen handelt, als wenn der Erkrankte eine Fachkraft ist, deren Einkommen vergleichsweise hoch liegt.54 Drittens sind ärmere Haushalte und Individuen sensibler gegenüber Risiken. Dies gilt v. a. für Risiken, deren mögliche Folgen nicht von der Höhe des Einkommens abhängen. Wenn bspw. ein Kind erkrankt und medizinisch behandelt werden muss, so entstehen für die Familie unerwartete Mehrausgaben, die von der ökonomischen Situation der betroffenen Familie unabhängig sind. Jedoch belasten sie Familien mit einem niedrigen Einkommen stärker als die Wohlhabenden, weil das mögliche Schadensausmaß – relativ zum Einkommen – für sie größer ist. In geringerem Umfang gilt dies auch für einkommensabhängige Risiken wie z. B. dem Wegfall eines Erwerbseinkommens durch Entlas- 53 Vgl. Shepherd / Marcus / Barrientos (2004). 54 Vgl. World Bank (2000a, 145).

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Zusammenfassung

Nur die Hälfte aller Menschen weltweit ist gegen Risiken wie Krankheit, Alter oder Ernteausfall abgesichert. Dies gilt v.a. für Beschäftigte im informellen Sektor. Lange wurde übersehen, dass hierin nicht nur ein soziales sondern auch ein ökonomisches Problem besteht, da Menschen ohne soziale Sicherheit besonders vorsichtig handeln und zum Beispiel Investitionen in Bildung und Produktionskapital meiden. Sie scheuen die hiermit verbundenen zusätzlichen Risiken und haben Angst, dass ihnen das investierte Geld bei Zahlungsschwierigkeiten nicht kurzfristig zur Verfügung steht.

Das vorliegende Buch gibt Einblick in die Funktionsweise moderner und traditioneller Systeme der sozialen Sicherung in Entwicklungsländern und zeigt auf, warum viele von ihnen für informell Beschäftigte ungeeignet sind. Es diskutiert, welche Strategien sich eignen, um die soziale Sicherheit im informellen Sektor zu verbessern und geht insbesondere auf das Potenzial von Kleinstversicherungen ein. Diese zeichnen sich durch niedrige Beitragssätze, flexible Zahlungsmodalitäten und begrenzte Leistungen aus und sind somit ganz an die Möglichkeiten und Bedarfe von Beziehern niedriger Einkommen angepasst, ohne auf Subventionen angewiesen zu sein.