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Markus Loewe, Risiko-Bewältigung in:

Markus Loewe

Soziale Sicherung, informeller Sektor und das Potenzial von Kleinstversicherungen, page 34 - 35

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4017-1, ISBN online: 978-3-8452-1347-7 https://doi.org/10.5771/9783845213477

Series: Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik, vol. 4

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34 Dieses Kalkül kann der Versicherer allerdings nur bei vollkommener Information durchführen. Bei asymmetrischer Information kennt nur der Versicherte selbst seine spezifische Risikoeintrittswahrscheinlichkeit, seinen spezifischen Erwartungsschaden und seine Nutzenfunktion. Dem Versicherer stehen nur statistische Mittelwerte zur Verfügung: Er kennt lediglich die Risikowahrscheinlichkeit, den Erwartungsschaden und die Nutzenfunktion einer Durchschnittsperson, auf die er sich bei der Berechnung des Beitragssatzes stützen muss. Ob und inwieweit ein Haushalt seine Risiken besser auf die eine oder andere Weise managen sollte, hängt vor allem davon ab, wie sich die Kosten und Wirkungen dieser Strategien zueinander verhalten. Bis zu einem gewissen Grad sind sie Substitute. Keine Strategie ist der anderen grundsätzlich überlegen. Selbst wenn sie im Augenblick vorteilhaft erscheint, kann sich dies ändern, wenn z. B. die mit ihr verbundenen Kosten steigen. Dann kann es ratsam sein, sie zumindest partiell durch eine andere zu ersetzen.33 Fraglich ist allerdings, inwieweit das Management von Risiken tatsächlich nach solch rationalen Kriterien geplant wird. In der Praxis vernachlässigen viele Haushalte und Individuen die Risiko-Abfederung genauso wie die Risiko-Prävention. Oftmals ergreifen sie die erforderlichen Maßnahmen auch dann nicht rechtzeitig und im erforderlichen Umfang, wenn deren Kosten gering sind im Vergleich zu den Schäden, die Risiken ohne sie anrichten können, und im Vergleich zu den Kosten, die dann bei der Risiko- Bewältigung anfallen. Die Gründe hierfür sind weitgehend dieselben, die weiter oben bereits für das Unterlassen von präventiven Maßnahmen angeführt wurden: mangelhaftes Risikobewusstsein, unzureichende Kenntnis über Möglichkeiten des Risiko- Managements, kurzsichtige Planung, hohe Zeitpräferenz, unzureichendes Einkommen, Trittbrettfahrer-Verhalten und dass einige (allerdings nur sehr wenige) Maßnahmen der Risiko-Abfederung den Charakter eines öffentlichen Gutes haben können (dies gilt z. B. für Maßnahmen der Risiko-Diversifikation im Kreis der Verwandtschaft). Risiko-Bewältigung Ist ein Risiko bereits eingetreten, so können die Betroffenen nur noch Maßnahmen der Risiko-Bewältigung ergreifen. Sie können bspw. — entsparen, i. e. Ersparnisse auflösen und diese für Konsumzwecke verwenden, — Vermögenswerte veräußern (Verkauf von Sachkapital), — Verwandte, Freunde oder Nachbarn um Unterstützung bitten, — Kredite bei Banken oder sonstigen Institutionen beantragen, — sich, soweit es so etwas gibt, ans Sozialamt wenden, — zusätzliche Erwerbsmöglichkeiten suchen bzw. zusätzliche Mitglieder des Haushaltes eine Erwerbstätigkeit aufnehmen lassen, die bislang anderen Tätigkeiten nachgegangen sind (Hausarbeit, Studium, Schule, Ausbildung...).34 Wenn einem Haushalt auch diese Instrumente nicht zur Verfügung stehen oder in Anbetracht des hohen Ausmaßes des erlittenen Schadens nicht ausreichen, so bleibt ihm nur die Möglichkeit, seine Konsumausgaben zu reduzieren. Für eine gewisse Zeit kann er dies verkraften, ab einem bestimmten Punkt wird aber seine pure Existenz in Frage gestellt, wenn er selbst an der Nahrung, der Kleidung oder der Wohnung zu lange oder zu sehr sparen muss. 33 Vgl. Hoogeveen (2001, 111). Ein formaler Beweis findet sich bei Ehrlich / Becker (1972). 34 Vgl. Holzmann / Jørgensen (2000, 15); Sebstad / Cohen (2000, 60–67). 35 2.4 Risiko-Verletzbarkeit und Armut Dass der Eintritt von Risiken zur materiellen Verarmung führen kann, ist intuitiv einsichtig. Es besteht aber auch der umgekehrte Zusammenhang. Personen mit geringem Einkommen sind besonders verletzbar, da sowohl die Wahrscheinlichkeit als auch die möglichen Folgen von Risiken bei ihnen größer sind als bei Wohlhabenden, denen es noch dazu leichter fällt, dem Eintritt von Risiken vorzubeugen, ihn abzufedern sowie seine Folgen zu bewältigen. Zudem wird nach neuerem Verständnis in der internationalen Armutsdiskussion die Risiko-Verletzbarkeit eines Haushalts oder Individuums selbst als Dimension der Armut verstanden. Diese Zusammenhänge werden im Folgenden näher beleuchtet. Zunächst werden die Begriffe ‚Risiko-Verletzbarkeit‘ (2.4.1) und ‚Armut‘ (2.4.2) erläutert und danach Risiken als Faktor der Armut (2.4.3) sowie Armut als Faktor der Risiko-Verletzbarkeit (2.4.4) diskutiert. 2.4.1 Risiko-Verletzbarkeit Auch wenn alle Menschen Risiken ausgesetzt sind, bestehen doch erhebliche Unterschiede, um welche Risiken es sich dabei handelt und wie gefährlich sie für den Einzelnen sind, i. e. wie verletzbar (vulnerable) er durch Risiken ist. Diese „Verletzbarkeit“ (vulnerability) durch Risiken hängt einerseits von der Bedeutung seiner Risiken und andererseits von seiner Fähigkeit ab, diese Risiken zu managen.35 Dabei hat die Bedeutung eines Risikos (wie in Abschnitt 2.2 bereits erläutert wurde) zwei Komponenten: seine Eintrittswahrscheinlichkeit und das relative Ausmaß des erwarteten Schadens, das wiederum das Verhältnis des absoluten Schadensausmaßes zum Einkommen bzw. Vermögen der betroffenen Person(en) darstellt. Somit ist die Risiko-Verletzbarkeit eines Haushalts oder Individuums das Produkt von vier Faktoren, von denen je zwei eher von den Risiken und zwei eher von den Eigenschaften des betroffenen Haushalts bzw. Individuums abhängen (Abbildung 3). Hierbei handelt es sich um — die Relevanz der Risiken, i. e. deren Eintrittswahrscheinlichkeit, die durch Maßnahmen der Risiko-Prävention vermindert werden kann, — die Signifikanz der Risiken, die dementsprechend vom absoluten Ausmaß der möglichen Risikoschäden bestimmt wird und die ex ante durch Maßnahmen der Risiko-Abfederung und ex post durch eine geeignete Wahl von Maßnahmen der Risiko-Bewältigung herabgesetzt werden kann, — die Sensibilität gegenüber Risiken, die v. a. vom Einkommen und Vermögen des jeweiligen Haushalts bzw. Individuums abhängt, da weder die Relevanz, noch die Signifikanz von Risiken viel über deren Bedrohnispotenzial besagen, solange sie nicht ins Verhältnis zu den Möglichkeiten des bzw. der Betroffenen gesetzt werden, Risikoschäden mit Hilfe von Einkommen und Vermögen ex post zu bewältigen, und schließlich 35 Vgl. Bohle (2001, 120); Coudouel et al. (2002, 167–170); Holzmann (2001, 17–21).

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Zusammenfassung

Nur die Hälfte aller Menschen weltweit ist gegen Risiken wie Krankheit, Alter oder Ernteausfall abgesichert. Dies gilt v.a. für Beschäftigte im informellen Sektor. Lange wurde übersehen, dass hierin nicht nur ein soziales sondern auch ein ökonomisches Problem besteht, da Menschen ohne soziale Sicherheit besonders vorsichtig handeln und zum Beispiel Investitionen in Bildung und Produktionskapital meiden. Sie scheuen die hiermit verbundenen zusätzlichen Risiken und haben Angst, dass ihnen das investierte Geld bei Zahlungsschwierigkeiten nicht kurzfristig zur Verfügung steht.

Das vorliegende Buch gibt Einblick in die Funktionsweise moderner und traditioneller Systeme der sozialen Sicherung in Entwicklungsländern und zeigt auf, warum viele von ihnen für informell Beschäftigte ungeeignet sind. Es diskutiert, welche Strategien sich eignen, um die soziale Sicherheit im informellen Sektor zu verbessern und geht insbesondere auf das Potenzial von Kleinstversicherungen ein. Diese zeichnen sich durch niedrige Beitragssätze, flexible Zahlungsmodalitäten und begrenzte Leistungen aus und sind somit ganz an die Möglichkeiten und Bedarfe von Beziehern niedriger Einkommen angepasst, ohne auf Subventionen angewiesen zu sein.