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Markus Loewe, Risiko-Prävention in:

Markus Loewe

Soziale Sicherung, informeller Sektor und das Potenzial von Kleinstversicherungen, page 29 - 31

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4017-1, ISBN online: 978-3-8452-1347-7 https://doi.org/10.5771/9783845213477

Series: Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik, vol. 4

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29 Abbildung 2: Nutzen einer sicheren und Erwartungsnutzen einer riskanten Handlungsoption Unterstellt man eine solche Nutzenfunktion, so liegt der Erwartungswert des Nutzens von mehreren möglichen Ergebnissen stets unter dem Nutzen des Erwartungswertes der Ergebnisse selbst. Abbildung 2 veranschaulicht dies am Beispiel der Alternative von einer Handlungsoption mit sicherem Ergebnis und einer risikobehafteten Option, bei der sich zwei Ergebnisse jeweils mit einer Wahrscheinlichkeiten von 50 % einstellen können. Auf der Abszisse sind die verfügbaren Einkommen y1 und y2 nach Eintritt des Risikos bei schlechtem und bei gutem Ausgang abgetragen, auf der Ordinate hingegen die Nutzen u(y1) bzw. u(y2), den die Einkommen y1 und y2 jeweils stiften. Ebenso wird dem Erwartungswert Ey der beiden möglichen Ergebnisse ein Nutzenwert u(Ey) zugeordnet. Er liegt deutlich über dem Nutzenerwartungswert Eu(y) der beiden Ergebnisse. Dieser Nutzenerwartungswert Eu(y) ist hingegen gerade so hoch wie der Nutzen u(y‘), den das Ergebnis y‘ der sicheren Alternative stiften würde, obwohl y’ deutlich niedriger liegt als der Erwartungswert Ey der beiden möglichen Ergebnisse der risikobehafteten Alternative. 2.3 Management von Risiken Haushalte und Individuen können in unterschiedlicher Weise mit Risiken umgehen. Die Maßnahmen, die sie dabei ergreifen, werden Instrumente der Risiko-Politik bzw. des Risiko-Managements genannt. Sie lassen sich drei grundlegenden strategischen Ansätzen zuordnen: — der Risiko-Prävention bzw. Risiko-Meidung (risk prevention), — der Risiko-Abfederung (risk mitigation) und — der Risiko-Bewältigung (risk coping).24 24 Vgl. Bohle (2001, 120); Holzmann / Jørgensen (2000, 17); Zweifel / Eisen (2000, 47–49). 30 Maßnahmen der ersten beiden strategischen Ansätze werden ex ante, also vor dem möglichen Eintritt eines Risikos ergriffen. Der Unterschied besteht darin, dass die Risiko-Prävention ätiologisch wirkt (auf die Ursachen von Risiken abzielt), während die Risiko-Abfederung palliativ (schadensbezogen) ist. Maßnahmen der Risiko-Prävention sollen die Wahrscheinlichkeit des Risikoeintritts verringern, Maßnahmen der Risiko- Abfederung hingegen das mögliche relative Ausmaß des Schadens. Demgegenüber zählen zur Risiko-Bewältigung alle Maßnahmen, die erst ex post ergriffen werden, i. e. wenn das Risiko bereits eingetreten ist. Sie dienen dazu, das Ausmaß der unmittelbaren Auswirkungen eines negativen Ereignisses nachträglich zu begrenzen und sekundäre Schäden zu vermeiden bzw. für einen begrenzten Ausgleich für die Schäden zu sorgen. Übersicht 4 in Abschnitt 3.4.3 bietet einen Überblick, welche Systeme der sozialen Sicherung diesen drei strategischen Ansätzen jeweils zuzuordnen sind. Im Folgenden werden die drei grundlegenden Ansätze genauer vorgestellt. Dabei wird auch die Frage diskutiert, unter welchen Umständen jeder dieser Ansätze den jeweils anderen überlegen ist. Es wird sich herausstellen, dass es sich in hohem Maße um Substitute handelt, deren Vorteilhaftigkeit v. a. von den Kosten der einzelnen Instrumente abhängt. Risiko-Prävention Der Risiko-Prävention dienen — Vorsichtsmaßnahmen (i. e. die Einhaltung von Hygiene, die Vermeidung einer Ansteckung, die Verwendung ungefährlicher Werkstoffe und Materialien, die Einhaltung von Sicherheitsmaßnahmen am Arbeitsplatz), — der Verzicht auf risikobehaftete Handlungen wie z. B. gefährliche Erwerbstätigkeiten (Perlenfischerei, Bergbau, Herstellung schädlicher Chemikalien) oder Extremsportarten, — Schutzmaßnahmen (z. B. Impfungen, Diebstahlsicherungen, der Bau von Deichen, Staudämmen, Sturmschutzvorrichtungen).25 Maßnahmen der Risiko-Prävention sind in vielen Fällen der Risiko-Abfederung und der Risiko-Bewältigung überlegen, da sie verhindern, dass das Risiko überhaupt erst eintritt. Dies muss aber nicht so sein. Beim Vergleich verschiedener Instrumente des Risiko-Managements kommt es nicht nur auf ihre Wirksamkeit (ihre Effektivität), sondern auf ihre Effizienz (also das Verhältnis von Kosten und Nutzen) an.26 Eine präventive Maßnahme empfiehlt sich somit nur dann, wenn der Nutzenverlust, der auf die mit ihrem Einsatz verbundenen Kosten zurückgeht, kleiner ist als der Erwartungsnutzengewinn, den sie durch die Verminderung der Risikoeintrittswahrscheinlichkeit erzielen. Viele Haushalte und Individuen vernachlässigen die Risiko-Prävention. Sie ergreifen vorbeugende Maßnahmen oftmals auch dann nicht, wenn diese nur geringe Kosten verursachen und zugleich große Wirkungen entfalten würden. Dies kann unterschiedliche Ursachen27 haben: 25 Vgl. Coudouel et al. (2002, 170); Zweifel / Eisen (2000, 47 f.). 26 Vgl. Zweifel / Eisen (2000, 50–52). 27 Vgl. Blinder (1982, 65 f.); Lampert (1994, 138); Molitor (1987, 3–8); Queisser (1993b, 224). 31 — Mangelhafte Information/Ignoranz: Die Betroffenen sind sich der Existenz bzw. Gefahr von Risiken oder aber der möglichen präventiven Maßnahmen nicht bewusst. — Myopie (Kurzsichtigkeit): Die Betroffenen kennen das Risiko und die möglichen Präventionsmaßnahmen, beziehen dieses Wissen aber nicht in ihre Entscheidungen mit ein. Bei ihren Abwägungen berücksichtigen sie nur ihren gegenwärtigen Nutzen, ignorieren aber die Zukunft und zukünftige Konsequenzen ihres gegenwärtigen Handelns. — Hohe Zeitpräferenz (defective telescopic faculty): Die Betroffenen beziehen ihren Erwartungsnutzen in zukünftigen Perioden zwar in ihre Entscheidungsplanung ein, haben aber eine extrem hohe Präferenz für heutigen an Stelle von morgigem Konsum, so dass für sie selbst sehr geringe Ausgaben in der Gegenwart schwerer wiegen als hohe Gewinne bzw. Einsparungen in der Zukunft. — Geringes Einkommen: Die Betroffenen erzielen ein so niedriges Einkommen, dass sie nur gerade eben oder noch nicht einmal ihre grundlegendsten Bedürfnisse befriedigen können. Sie können sich daher selbst die geringsten Zusatzausgaben nicht leisten, ohne ihr Überleben in der Gegenwart zu gefährden. — Trittbrettfahrer-Verhalten: Die Betroffenen verlassen sich darauf, dass sie im Falle des Risikoeintritts von Freunden, Nachbarn oder Verwandten unterstützt werden oder aber Sozialhilfe vom Staat zugesprochen bekommen. — Öffentliches Gut: Die präventive Maßnahme stellt ein öffentliches Gut dar, d. h. sie kommt einer ganzen Gruppe von Haushalten zugute (wie z. B. der Bau eines Dammes). Sie wird daher nur dann ergriffen, wenn sich die profitierenden Haushalte über die Aufteilung der Kosten einig werden. Nur wenige Haushalte dürften bereit sein, die erwartungsgemäß hohen Ausgaben auf sich zu nehmen, wenn hiervon viele andere ebenfalls profitieren. Jeder wird darauf hoffen, dass ein anderer Haushalt den ersten Schritt tut. Risiko-Abfederung In den Bereich der Risiko-Abfederung fallen alle Maßnahmen der Risiko- Diversifikation (risk diversification), der Risiko-Vorsorge (risk provision) und der Risiko-Überwälzung bzw. der Risiko-Teilung (risk pooling).28 Maßnahmen der Risiko-Diversifikation begrenzen die möglichen Auswirkungen eines Risikos, indem sie eine Vielzahl von kleinen Risiken an die Stelle eines großen Risikos setzen. Hierbei werden die verfügbaren Aktiva innerhalb des Vermögensportfolios so umgeschichtet, dass eine möglichst große Anzahl von untereinander unabhängigen Einkommensquellen entsteht. Wird nun eine Einkommensquelle bzw. ein Einkommen vom Eintritt eines Risikos betroffen, so führt dies zwar zum Rückgang oder gar Wegfall des Einkommens. Der Einfluss auf das Gesamteinkommen bleibt aber gering, da es neben dem betroffenen Einkommen noch mehrere andere Einkommen gibt. 28 Vgl. World Bank (2000a, 141–145).

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Zusammenfassung

Nur die Hälfte aller Menschen weltweit ist gegen Risiken wie Krankheit, Alter oder Ernteausfall abgesichert. Dies gilt v.a. für Beschäftigte im informellen Sektor. Lange wurde übersehen, dass hierin nicht nur ein soziales sondern auch ein ökonomisches Problem besteht, da Menschen ohne soziale Sicherheit besonders vorsichtig handeln und zum Beispiel Investitionen in Bildung und Produktionskapital meiden. Sie scheuen die hiermit verbundenen zusätzlichen Risiken und haben Angst, dass ihnen das investierte Geld bei Zahlungsschwierigkeiten nicht kurzfristig zur Verfügung steht.

Das vorliegende Buch gibt Einblick in die Funktionsweise moderner und traditioneller Systeme der sozialen Sicherung in Entwicklungsländern und zeigt auf, warum viele von ihnen für informell Beschäftigte ungeeignet sind. Es diskutiert, welche Strategien sich eignen, um die soziale Sicherheit im informellen Sektor zu verbessern und geht insbesondere auf das Potenzial von Kleinstversicherungen ein. Diese zeichnen sich durch niedrige Beitragssätze, flexible Zahlungsmodalitäten und begrenzte Leistungen aus und sind somit ganz an die Möglichkeiten und Bedarfe von Beziehern niedriger Einkommen angepasst, ohne auf Subventionen angewiesen zu sein.