Content

Markus Loewe, Seltene Risiken mit hohem Schaden und häufige Ereignisse mit geringem Schaden in:

Markus Loewe

Soziale Sicherung, informeller Sektor und das Potenzial von Kleinstversicherungen, page 25 - 27

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4017-1, ISBN online: 978-3-8452-1347-7 https://doi.org/10.5771/9783845213477

Series: Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik, vol. 4

Bibliographic information
25 Nachfrager ist. Er muss daher einheitliche Prämien erheben, die er auf der Basis von Durchschnittswerten berechnet. Arbeitslosenversicherungen können daher nicht auf freiwilliger Basis angeboten werden, da sie nur von Erwerbstätigen mit überdurchschnittlich großen Risiken abgeschlossen werden würden (adverse Selektion): Nur die Erwerbstätigen selbst und ihre Arbeitgeber kennen das Risiko einer Entlassung. Hingegen sind private Rentenversicherungsverträge möglich, da das Ruhestandsalter gesetzlich geregelt ist und die Versicherten zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses keinen Wissensvorsprung vor dem Versicherer bezüglich ihrer Lebenserwartung haben. Seltene Risiken mit hohem Schaden und häufige Ereignisse mit geringem Schaden Schließlich lassen sich Risiken auch nach der Art und dem Grad der Unsicherheit unterscheiden, die sie ausmacht. Nach der Art der Unsicherheit lassen sie sich in drei Gruppen einteilen: — Ereignisse, deren Eintrittszeitpunkt feststeht, wohingegen die Folgen unsicher sind, Übersicht 1: Ursprünge von Risiken unterschiedlicher Ebenen Mikro-Ebene Meso-Ebene Makro-Ebene idiosynkratisch <––––––––––––––––––––––––––––> kovariierend Lebenszyklusrisiken – Geburt – Hohes Alter – Tod Gesundheitliche Risiken – Krankheit – Verletzung – Erwerbsunfähigkeit – Epidemie – Pandemie Ökonomische Risiken – Geschäftsbankrott – Entlassung – Arbeitslosigkeit – Missernte – Nachfrageeinbruch – Hyperinflation – Terms-of-trade- Schock Gesellschaftliche Risiken – Diebstahl – Mord – Vergewaltigung – Terrorismus – Bandenkrieg – Stammes-Fehden – Bürgerkrieg Politische Risiken – Bombenattentat – ethnische Diskriminierung – Aufstände – Umsiedlung – Staatsstreich – Krieg Ökologische Risiken – Flussvergiftung – Entwaldung – Nuklearkatastrophe – Luftverschmutzung Natürliche Risiken – Hausbrand – Wirbelsturm – Tsunami – Lawine – Erdbeben – Dürre – Überschwemmung Quelle: Entwurf in Anlehnung an Coudouel et al. (2002, 169); Holzmann / Jørgensen (1999) 26 — Ereignisse, deren Konsequenzen relativ gut prognostiziert werden können, bei denen jedoch fraglich ist (i) ob sie überhaupt eintreten, (ii) wann sie eintreten und (iii) wie oft sie eintreten, — Ereignisse, bei denen sowohl der Eintritt als auch der erwartete Schaden unbekannt ist. Ein gutes Beispiel für die erste Gruppe von Risiken ist der Altersruhestand. Das Erreichen der Altersgrenze an sich stellt – zumindest für Beschäftigte des formellen Sektors – noch kein Risiko dar, da der Zeitpunkt bekannt ist (in den meisten Ländern liegt die Altersgrenze zwischen dem 55. und dem 65. Lebensjahr) und auch die unmittelbaren wirtschaftlichen Konsequenzen bekannt sind: Jeder weiß, wie schwer der Wegfall des Erwerbseinkommens wiegt. Das eigentliche Risiko besteht – so paradox dies klingen mag – in der Möglichkeit eines späten Todes. Niemand kann abschätzen, wie lange ein Mensch nach seiner Verrentung noch leben wird. Zur zweiten Gruppe von Risiken zählen z. B. die Kosten, die mit den Beisetzungszeremonien eines verstorbenen Angehörigen verbunden sind. Die Höhe der Ausgaben ist bekannt, nicht jedoch der Zeitpunkt, an dem sie entstehen, da Unsicherheit über den Todeszeitpunkt besteht. In die dritte Gruppe fällt die Mehrzahl der Risiken, so z. B. die Möglichkeit einer Entlassung. Kein Beschäftigter weiß, ob und wann er seinen Arbeitsplatz verlieren könnte und wie lange er dann arbeitslos ist, bis er eine neue Beschäftigung gefunden hat. Daher erscheint es erforderlich, bei allen Risiken auch nach dem Grad der Unsicherheit über den Eintritt (bzw. den Eintrittszeitpunkt) und dem Grad der Unsicherheit über die Folgewirkungen des Risikos zu differenzieren. Nach dem Grad der Unsicherheit über den Eintritt eines Risikos lassen sich sichere, wahrscheinliche und unwahrscheinliche Ereignisse voneinander unterscheiden. Dabei sind Ereignisse, deren Eintritt unwahrscheinlich ist, stets auch seltene Ereignisse, die in vielen Fällen gar nicht oder nur einmal im Laufe eines Lebens eintreten (so z. B. ein frühzeitiges Versterben des Hauptverdieners einer Familie, unter dem in finanzieller Hinsicht v. a. die Angehörigen zu leiden haben). Umgekehrt sind Ereignisse mit einer hohen Eintrittswahrscheinlichkeit auch relativ häufig; sie können bei ein und derselben Person immer wieder eintreten (bspw. leichte Erkrankungen).18 Nach dem Grad der Unsicherheit über die Folgewirkungen kann zwischen Risiken ohne, mit einer niedrigen und mit einer hohen Varianz der möglichen Schadensausprägungen unterschieden werden. Je höher die Varianz, umso größer ist auch der Erwartungswert des Schadens, da die Bandbreite der möglichen Schadensausprägungen nach unten durch den Nullwert begrenzt wird, wohingegen sie nach oben offen ist. Dabei hängt das Schadensausmaß von der Intensität, der Dauer und der Frequenz der möglichen Auswirkungen des Risikoeintritts ab. Nach der Intensität lassen sich hohe momentane Verluste (bspw. durch die Entlassung eines Arbeitnehmers) von weniger gravierenden Einbußen (z. B. durch eine krankheitsbedingte Einschränkung der Erwerbsfähigkeit) unterscheiden. Nach der Dauer muss zwischen vorübergehenden bzw. punktuellen Beeinträchtigungen (bspw. Diebstahl) und dauerhaften Beeinträchtigungen (z. B. Tod des Hauptverdieners in einer Familie) differenziert werden. Nach der Frequenz gibt es einmalige Schäden (z. B. durch einen Gebäudebrand) und sich wiederholende Auswirkungen aufgrund ein und desselben Ereignisses (z. B. eine wiederkehrende Malaria).19 18 Vgl. Bohle (2001, 131); Lund / Srinivas (1999, 34 f.). 19 Vgl. Brown / Churchill (1999, 6); Holzmann (2001, 6). 27 Bemerkenswert ist, dass die Varianz (und damit auch der Erwartungswert) des Schadens tendenziell umso höher liegt, je unsicherer auch der Eintritt (bzw. der Eintrittszeitpunkt) eines Risikos ist. Brown und Churchill (1999, 6) haben den Versuch unternommen, Gruppen von Risiken in einem Diagramm zu verorten, an dessen Achsen der Grad der Unsicherheit über den Eintritt und der Erwartungsschaden von Risiken abgetragen sind (vgl. Abbildung 1). Bei der Betrachtung der Graphik fällt auf, dass sich die meisten Risiken in eine Diagonalen einordnen, die von sehr wahrscheinlichen (i. e. häufigen) Ereignissen mit begrenzten Folgen zu sehr unwahrscheinlichen (i. e. eher seltenen) Ereignissen mit schweren Folgen verläuft.20 2.2 Bedeutung von Risiken Die Bedeutung eines Risikos für eine beliebige Person hängt von eben diesen beiden Größen ab: der Wahrscheinlichkeit ihres Eintritts und dem Ausmaß des Folgeschadens. Beide Größen sind nicht determiniert, sondern stochastische Verteilungen über die Zeit bzw. über mögliche Schadensausprägungen. Jedoch wächst die Bedeutung eines Risikos für die meisten Personen nicht linear mit diesen beiden Größen, sondern überproportional, weil die Mehrheit der Menschen risikoavers sind. In vielen Fällen lassen sich die Schäden, die beim Eintritt von Risiken entstehen, nicht oder nur schwer messen und somit erst recht nicht vergleichen. Dies liegt v. a. daran, dass es sich oft um immaterielle Schäden handelt, die man nicht monetär bewerten kann: Vergleichsweise leicht lässt sich der Gegenwert eines Totalschadens bei Au- 20 Vgl. hierzu auch World Bank (2000a, 138–140); Zweifel / Eisen (2000, 39–40). Abbildung 1: Grad der Unsicherheit und relativer Schaden von Risiken Quelle: Entwurf nach Brown / Churchill (1999, 6)

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Nur die Hälfte aller Menschen weltweit ist gegen Risiken wie Krankheit, Alter oder Ernteausfall abgesichert. Dies gilt v.a. für Beschäftigte im informellen Sektor. Lange wurde übersehen, dass hierin nicht nur ein soziales sondern auch ein ökonomisches Problem besteht, da Menschen ohne soziale Sicherheit besonders vorsichtig handeln und zum Beispiel Investitionen in Bildung und Produktionskapital meiden. Sie scheuen die hiermit verbundenen zusätzlichen Risiken und haben Angst, dass ihnen das investierte Geld bei Zahlungsschwierigkeiten nicht kurzfristig zur Verfügung steht.

Das vorliegende Buch gibt Einblick in die Funktionsweise moderner und traditioneller Systeme der sozialen Sicherung in Entwicklungsländern und zeigt auf, warum viele von ihnen für informell Beschäftigte ungeeignet sind. Es diskutiert, welche Strategien sich eignen, um die soziale Sicherheit im informellen Sektor zu verbessern und geht insbesondere auf das Potenzial von Kleinstversicherungen ein. Diese zeichnen sich durch niedrige Beitragssätze, flexible Zahlungsmodalitäten und begrenzte Leistungen aus und sind somit ganz an die Möglichkeiten und Bedarfe von Beziehern niedriger Einkommen angepasst, ohne auf Subventionen angewiesen zu sein.