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Markus Loewe, Objektive und subjektive Risiken in:

Markus Loewe

Soziale Sicherung, informeller Sektor und das Potenzial von Kleinstversicherungen, page 24 - 25

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4017-1, ISBN online: 978-3-8452-1347-7 https://doi.org/10.5771/9783845213477

Series: Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik, vol. 4

Bibliographic information
24 — ökologische Risiken (vergiftetes Wasser, Luftverschmutzung, Nuklearkatastrophen, Bodenerosion, Bodenversalzung, Desertifikation) und — natürliche Risiken (Dürre- und Flutkatastrophen, Sturmfluten, Erdbeben, Vulkanausbrüche, Lawinenunglücke...). Idiosynkratische und kovariierende Risiken Daneben wird im Weltentwicklungsbericht 2000/2001 und in anderen Veröffentlichungen15 insbesondere zwischen „idiosynkratischen“ und „kovariierenden“ Risiken unterschieden. Idiosynkratische Risiken sind auf der Mikroebene angesiedelt, weswegen sie stets nur eine einzige Person bzw. einen einzelnen Haushalt betreffen. Hierzu zählen v. a. Lebenszyklusrisiken (Geburt, hohes Alter, Heirat) und gesundheitliche Risiken (Verletzungen, nichtinfektiöse Krankheiten). Hingegen treten kovariierende Risiken stets gleichzeitig bei mehreren Haushalten ein, weil sie auf Faktoren auf der Meso- oder Makro-Ebene zurückgehen: politische Faktoren (z. B. Putsch), gesellschaftliche Faktoren (z. B. Stammesfehde), ökonomische Faktoren (z. B. Wirtschaftskrise), natürliche Faktoren (z. B. Dürre) oder ökologische Faktoren (vgl. Übersicht 1). Die Differenzierung ist v. a. für einen angemessenen Umgang mit dem jeweiligen Risiko von großer Bedeutung: Vor idiosynkratischen Risiken können lokale Gemeinschaften (Nachbarschaft, Familie, Freundeskreis) durch wechselseitigen Beistand schützen, wohingegen eine soziale Absicherung gegen kovariierende Risiken allenfalls auf überregionaler, nationaler bzw. internationaler Ebene organisiert werden kann, weil kovariierende Risiken i. d. R. alle Mitglieder von lokalen Gemeinschaften gleichzeitig treffen. Ebenso können allenfalls sehr große Versicherungsunternehmen Verträge anbieten, die kovariierende Risiken versichern. Kein Unternehmen dürfte bspw. – um einen Extremfall zu nennen – bereit sein, Versicherungsschutz gegen Desertifikation oder Inflation anzubieten.16 Objektive und subjektive Risiken Weiterhin kann zwischen objektiven und subjektiven Risiken unterschieden werden: Bei objektiven Risiken können Außenstehende abschätzen, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Ereignis bei einer Person eintritt und wie sich die Wahrscheinlichkeiten der möglichen Konsequenzen verteilen. Derweil kennt bei einem subjektiven Risiko nur die betroffene Person selbst die individuelle Wahrscheinlichkeit des Eintritts und die möglichen individuellen Auswirkungen. Außenstehende können nur allgemeine, nicht aber personenspezifische Wahrscheinlichkeiten berechnen, weil sie hierfür genauere Informationen über die individuellen Eigenschaften der jeweiligen Person benötigen würden.17 Auch diese Differenzierung hat vor allem versicherungstechnische Relevanz: Subjektive Risiken wie z. B. Arbeitslosigkeit, deren Eintrittswahrscheinlichkeit oder Erwartungsschaden sehr stark zwischen unterschiedlichen Personen divergiert, können nur dann versichert werden, wenn der Abschluss der Versicherung nicht auf Freiwilligkeit beruht. Dies liegt daran, dass der Versicherer bei subjektiven Risiken nicht weiß, wie groß die Eintrittswahrscheinlichkeit und der mögliche Risikoschaden beim einzelnen 15 Vgl. Coudouel et al. (2002, 169); World Bank (2000a, 137 f.); Lund / Srinivas (1999, 34). 16 Vgl. Weinberger / Jütting (2000, 4). 17 Vgl. Alwang / Siegel / Jørgensen (2001, 2); Zweifel / Eisen (2000, 34 ff.). 25 Nachfrager ist. Er muss daher einheitliche Prämien erheben, die er auf der Basis von Durchschnittswerten berechnet. Arbeitslosenversicherungen können daher nicht auf freiwilliger Basis angeboten werden, da sie nur von Erwerbstätigen mit überdurchschnittlich großen Risiken abgeschlossen werden würden (adverse Selektion): Nur die Erwerbstätigen selbst und ihre Arbeitgeber kennen das Risiko einer Entlassung. Hingegen sind private Rentenversicherungsverträge möglich, da das Ruhestandsalter gesetzlich geregelt ist und die Versicherten zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses keinen Wissensvorsprung vor dem Versicherer bezüglich ihrer Lebenserwartung haben. Seltene Risiken mit hohem Schaden und häufige Ereignisse mit geringem Schaden Schließlich lassen sich Risiken auch nach der Art und dem Grad der Unsicherheit unterscheiden, die sie ausmacht. Nach der Art der Unsicherheit lassen sie sich in drei Gruppen einteilen: — Ereignisse, deren Eintrittszeitpunkt feststeht, wohingegen die Folgen unsicher sind, Übersicht 1: Ursprünge von Risiken unterschiedlicher Ebenen Mikro-Ebene Meso-Ebene Makro-Ebene idiosynkratisch <––––––––––––––––––––––––––––> kovariierend Lebenszyklusrisiken – Geburt – Hohes Alter – Tod Gesundheitliche Risiken – Krankheit – Verletzung – Erwerbsunfähigkeit – Epidemie – Pandemie Ökonomische Risiken – Geschäftsbankrott – Entlassung – Arbeitslosigkeit – Missernte – Nachfrageeinbruch – Hyperinflation – Terms-of-trade- Schock Gesellschaftliche Risiken – Diebstahl – Mord – Vergewaltigung – Terrorismus – Bandenkrieg – Stammes-Fehden – Bürgerkrieg Politische Risiken – Bombenattentat – ethnische Diskriminierung – Aufstände – Umsiedlung – Staatsstreich – Krieg Ökologische Risiken – Flussvergiftung – Entwaldung – Nuklearkatastrophe – Luftverschmutzung Natürliche Risiken – Hausbrand – Wirbelsturm – Tsunami – Lawine – Erdbeben – Dürre – Überschwemmung Quelle: Entwurf in Anlehnung an Coudouel et al. (2002, 169); Holzmann / Jørgensen (1999)

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Zusammenfassung

Nur die Hälfte aller Menschen weltweit ist gegen Risiken wie Krankheit, Alter oder Ernteausfall abgesichert. Dies gilt v.a. für Beschäftigte im informellen Sektor. Lange wurde übersehen, dass hierin nicht nur ein soziales sondern auch ein ökonomisches Problem besteht, da Menschen ohne soziale Sicherheit besonders vorsichtig handeln und zum Beispiel Investitionen in Bildung und Produktionskapital meiden. Sie scheuen die hiermit verbundenen zusätzlichen Risiken und haben Angst, dass ihnen das investierte Geld bei Zahlungsschwierigkeiten nicht kurzfristig zur Verfügung steht.

Das vorliegende Buch gibt Einblick in die Funktionsweise moderner und traditioneller Systeme der sozialen Sicherung in Entwicklungsländern und zeigt auf, warum viele von ihnen für informell Beschäftigte ungeeignet sind. Es diskutiert, welche Strategien sich eignen, um die soziale Sicherheit im informellen Sektor zu verbessern und geht insbesondere auf das Potenzial von Kleinstversicherungen ein. Diese zeichnen sich durch niedrige Beitragssätze, flexible Zahlungsmodalitäten und begrenzte Leistungen aus und sind somit ganz an die Möglichkeiten und Bedarfe von Beziehern niedriger Einkommen angepasst, ohne auf Subventionen angewiesen zu sein.