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Nicole Bettinger, Anwaltshaftung in der Partnerschaft nach deutschem Recht in:

Nicole Bettinger

Englische LLP und Anwaltshaftung in Deutschland, page 290 - 299

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4011-9, ISBN online: 978-3-8452-1679-9 https://doi.org/10.5771/9783845216799

Series: Internationales und europäisches Privat- und Verfahrensrecht, vol. 8

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290 wie eine Korrektur dieses Ergebnisses de lege lata möglich und zulässig ist. Insbesondere wird auf die Methode der Anpassung eingegangen, die eine angemessene Reaktion auf Wertungswidersprüche gestattet.2326 B. Materiellrechtliche Ausgangslage I. Anwaltshaftung in der Partnerschaft nach deutschem Recht 1. Vertragliche Haftung Im Allgemeinen beauftragt der Mandant die Partnerschaft mit der Wahrnehmung seiner Rechtsangelegenheit. Daher haftet die Gesellschaft als Vertragspartner im Falle von Berufsfehlern für die Verletzung der vertraglichen Pflichten durch die Partner.2327 Bei Vorliegen einer schuldhaften Pflichtverletzung besteht ein Schadensersatzanspruch.2328 Die Zurechnung des Verhaltens eines Partners erfolgt analog § 31 BGB.2329 Demgegenüber haftet der Rechtsanwalt für die Konsequenzen seines beruflichen Fehlers nicht persönlich. Insbesondere bildet die besondere Sachkunde kein Indiz für das Zustandekommen eines stillschweigenden Auskunftsvertrages mit dem Vertreter.2330 Dies gilt umso mehr, als die Beratung des Mandanten durch den Gesellschafter als Rechtsanwalt gerade den Gegenstand des Anwaltsvertrages mit der LLP bildet. Im Ergebnis besteht keine vertragliche Anwaltshaftung des Partners. 2. Eigenhaftung des Stellvertreters a) Grundlagen Als Gesellschafter vertreten die Rechtsanwälte die Partnerschaft bei Vertragsschluss.2331 Daher käme eine Haftung nach den Grundsätzen der sog. Eigenhaftung des Stellvertreters bzw. des Sachwalters in Betracht. Diese Eigenhaftung ist eine Spielart der Verschuldenshaftung aus culpa in contrahendo (c. i. c.), die gewohnheitsrechtlich seit langer Zeit anerkannt ist2332 und in den §§ 280 Abs. 1, 311 Abs. 3 BGB gesetzlich verankert wurde. Die Eigenhaftung des Vertreters aus c. i. c. ist 2326 Siehe unten Teil 3 C, D. 2327 Henssler/Prütting/Henssler, § 8 PartGG Rdnr. 3. 2328 Vgl. Rinsche/Fahrendorff/Terbille/Terbille, Rdnr. 877ff. 2329 Henssler/Prütting/Henssler, § 8 PartGG Rdnr. 3; M/GvW/H/L/W/Graf von Westphalen, § 8 PartGG Rdnr. 8. 2330 BGH, Urt. v. 13.12.2005  KZR 12/04, NJW-RR 2006, 993f. 2331 § 7 Abs. 3 PartGG i. V. m. §§ 125, 126 HGB. 2332 Palandt/Grüneberg, § 311 BGB Rdnr. 11, 60. 291 mittlerweile zu einer allgemeinen Sachwalterhaftung ausgeweitet worden.2333 Auch nach der Kodifizierung der c. i. c. ist an den von der Rechtsprechung entwickelten Anforderungen festzuhalten.2334 Eine Eigenhaftung des Stellvertreters kommt nur in Einzelfällen bei Vorliegen besonderer Umstände in Betracht.2335 Folglich wird die Eigenhaftung durch ihren Ausnahmecharakter charakterisiert.2336 Zum einen haftet der Vertreter persönlich, wenn er ein unmittelbares eigenes wirtschaftliches Interesse am Vertragsschluss hat, zum anderen, wenn er ein besonderes persönliches Vertrauen in Anspruch genommen hat.2337 Die Rechtsprechung lässt nur zurückhaltend die Haftung aus c. i. c. zu.2338 Es werden hohe Anforderungen an die Begründung einer Eigenhaftung gestellt.2339 b) Unmittelbares wirtschaftliches Eigeninteresse Für den Anwalt als Gesellschafter könnte das Interesse an dem für die Partnerschaft zu erzielenden Anwaltshonorar möglicherweise als ein unmittelbares wirtschaftliches Eigeninteresse am Vertragsschluss anzusehen sein. Voraussetzung für eine Eigenhaftung ist jedoch, dass der Vertreter gleichsam in eigener Sache tätig wird2340 beziehungsweise, dass er als wirtschaftlicher Herr des Geschäfts anzusehen ist 2341.2342 Daher kann das allgemeine, mittelbare Interesse der Gesellschafter am wirtschaftlichen Erfolg der Gesellschaft, welches auf ihren Geschäftsanteilen bzw. ihrer Gewinnbeteiligung basiert, keine Haftungsgrundlage bilden.2343 Der Partner 2333 Henssler/Streck/Henssler, E, Rdnr. 168. 2334 Palandt/Grüneberg, § 311 BGB Rdnr. 60. 2335 BGH, Urt. v. 4.7.1983  II ZR 220/82, BGHZ 88, 67, 68f.; BGH, Urt. v. 11.7.1988  II ZR 232/87, NJW 1989, 293, 294 (Sachwalter); BGH, Urt. v. 17.5.1990  IX ZR 85/89, NJW 1991, 32, 33; BGH, Urt. v. 1.7.1991  II ZR 180/90, NJW-RR 1991, 1312, 1313. 2336 BGH, Urt. v. 4.7.1983  II ZR 220/82, BGHZ 88, 67, 68; BGH, Urt. v. 11.7.1988  II ZR 232/87, NJW 1989, 293, 294 (Sachwalter); BGH, Urt. v. 17.5.1990  IX ZR 85/89, NJW 1991, 32, 33; BGH, Urt. v. 17.6.1991  II ZR 171/90, NJW-RR 1991, 1241, 1242. 2337 BGH, Urt. v. 5.4.1971  VII ZR 163/69, BGHZ 56, 81, 83 (Sachwalter); BGH, Urt. v. 9.10.1986  II ZR 241/85, IPRax 1988, 27, 29; BGH, Urt. v. 20.3.1987  V ZR 27/86, NJW 1987, 2511, 2512; BGH, Urt. v. 17.6.1991  II ZR 171/90, NJW-RR 1991, 1241, 1242; BGH, Urt. v. 1.7.1991  II ZR 180/90, NJW-RR 1991, 1312, 1313; BGH, Urt. v. 13.2.1992  III ZR 28/90, NJW 1992, 2080, 2083; BGH, Urt. v. 13.12.2005  KZR 12/04, NJW-RR 2006, 993; Palandt/Grüneberg, § 311 BGB Rdnr. 60ff. 2338 BGH, Urt. v. 17.6.1991  II ZR 171/90, NJW-RR 1991, 1241, 1242. 2339 BGH, Urt. v. 17.5.1990  IX ZR 85/89, NJW 1991, 32, 33. 2340 BGH, Urt. v. 9.10.1986  II ZR 241/85, IPRax 1988, 27, 29; BGH, Urt. v. 17.6.1991  II ZR 171/90, NJW-RR 1991, 1241, 1242. 2341 BGH, Urt. v. 17.6.1991  II ZR 171/90, NJW-RR 1991, 1241, 1242. 2342 BGH, Urt. v. 17.6.1991  II ZR 171/90, NJW-RR 1991, 1241, 1242. 2343 BGH, Urt. v. 1.7.1991  II ZR 180/90, NJW-RR 1991, 1312, 1313; BGH, Urt. v. 6.6.1994  II ZR 292/91, BGHZ 126, 181, 184f.; OLG Köln, Urt. v. 13.4.2006  7 U 31/05, ZIP 2007, 28, 29f. (nicht rechtskräftig, Nichtzulassungsbeschwerde anhängig beim BGH unter dem Akten- 292 vertritt die Interessen der Partnerschaft, die den Verdienst einstreicht. Eine Eigenhaftung wegen wirtschaftlichen Eigeninteresses ist regelmäßig ausgeschlossen. c) Inanspruchnahme besonderen persönlichen Vertrauens Die zweite Ausprägung der Eigenhaftung aus c. i. c. setzt nach der Rechtsprechung voraus, dass der Vertreter in besonderem Maße persönliches Vertrauen in Anspruch genommen und dadurch die Vertragsverhandlungen beeinflusst hat.2344 Dies ist zu bejahen, wenn durch den Vertreter eine besondere, persönliche Gewähr übernommen wird2345, die über das normale Verhandlungsvertrauen hinausgeht.2346 Bei Tätigwerden eines Rechtsanwalts reicht der bloße Umstand, dass eine besondere Sachkunde oder berufliches Wissen vorhanden sind, nicht aus, um eine Eigenhaftung aus c. i. c. zu begründen.2347 Der Gesetzgeber hat bekräftigt, dass auch der Verweis auf die eigene Sachkunde kein über das normale Verhandlungsvertrauen hinausgehendes, schutzwürdiges Vertrauen hervorruft.2348 Dementsprechend ist die bloße Ausübung des Berufs des Rechtsanwalts keine Haftungsgrundlage.2349 Nach der Rechtsprechung findet die Hypothese, dass ein Rechtsanwalt aufgrund seiner Berufsausübung eine Vertrauensperson sei, die eine allgemeine Einstandspflicht treffe, im geltenden Recht keine Stütze.2350 zeichen II ZR 148/06); Haas, WM 2006, 1417, 1422; Palandt/Grüneberg, § 311 BGB Rdnr. 61 und 65. 2344 BGH, Urt. v. 4.7.1983  II ZR 220/82, BGHZ 88, 67, 69; BGH, Urt. v. 17.5.1990  IX ZR 85/89, NJW 1991, 32, 33; LG Offenburg, Urt. v. 19.9.2002  3 O 147/02, NZM 2003, 734, 735; Palandt/Grüneberg, § 311 BGB Rdnr. 63. 2345 BGH, Urt. v. 4.7.1983  II ZR 220/82, BGHZ 88, 67, 69; BGH, Urt. v. 11.7.1988  II ZR 232/87, NJW 1989, 293, 294 (Sachwalter); BGH, Urt. v. 17.5.1990  IX ZR 85/89, NJW 1991, 32, 33; BGH, Urt. v. 17.6.1991  II ZR 171/90, NJW-RR 1991, 1241, 1242; BGH, Urt. v. 13.2.1992  III ZR 28/90, NJW 1992, 2080, 2083; LG Offenburg, Urt. v. 19.9.2002  3 O 147/02, NZM 2003, 734, 735. 2346 BGH, Urt. v. 5.4.1971  VII ZR 163/69, BGHZ 56, 81, 85 (Sachwalter); BGH, Urt. v. 17.5.1990  IX ZR 85/89, NJW 1991, 32, 33; BGH, Urt. v. 17.6.1991  II ZR 171/90, NJW- RR 1991, 1241, 1242; BGH, Urt. v. 1.7.1991  II ZR 180/90, NJW-RR 1991, 1312, 1313f.; OLG Koblenz, Urt. v. 27.2.2003  5 U 917/02, ZIP 2003, 571, 573. 2347 BGH, Urt. v. 4.7.1983  II ZR 220/82, BGHZ 88, 67, 69f.; BGH, Urt. v. 17.5.1990  IX ZR 85/89, NJW 1991, 32, 33; BGH, Urt. v. 17.6.1991  II ZR 171/90, NJW-RR 1991, 1241, 1242; BGH, Urt. v. 13.2.1992  III ZR 28/90, NJW 1992, 2080, 2083; LG Offenburg, Urt. v. 19.9.2002  3 O 147/02, NZM 2003, 734, 735. 2348 Entwurf eines Gesetzes zur Modernisierung des Schuldrechts, BT-Drucks. 14/6040, S. 163: Das besondere Vertrauen muss über das normale Verhandlungsvertrauen hinausgehen (BGH, NJW-RR 1991, 1242). Dafür genügt es nicht, wenn jemand auf eigene Sachkunde verweist oder der Wortführer ist. ; siehe auch LG Offenburg, Urt. v. 19.9.2002  3 O 147/02, NZM 2003, 734, 735. 2349 BGH, Urt. v. 11.7.1988  II ZR 232/87, NJW 1989, 293, 294 (Sachwalter); BGH, Urt. v. 17.5.1990  IX ZR 85/89, NJW 1991, 32, 33. 2350 Ähnlich BGH, Urt. v. 11.7.1988  II ZR 232/87, NJW 1989, 293, 294. 293 Folglich nimmt der Rechtsanwalt, der als Gesellschafter in organschaftlicher Vertretung für die Gesellschaft auftritt, kein besonderes Vertrauen in Anspruch. Allein der Umstand, dass der Beruf des Rechtsanwalts ausgeübt wird, signalisiert nicht, dass eine zusätzliche Gewähr für die ordnungsgemäße Mandatsbearbeitung neben der Gesellschaft übernommen wird. Der Partner tritt als Vertreter auf und nimmt nur das normale Verhandlungsvertrauen in Anspruch. Somit bietet die berufliche Stellung als solche nach der Rechtsprechung keinen Anhaltspunkt für eine Haftung aus c. i. c. wegen Inanspruchnahme besonderen Vertrauens. d) Ergebnis Nach der Rechtsprechung2351 ist eine Eigenhaftung des Rechtsanwalts kraft beruflicher Stellung als Vertreter aus c. i. c. wegen Inanspruchnahme besonderen Vertrauens abzulehnen. Auch eine Haftung wegen unmittelbaren wirtschaftlichen Eigeninteresses ist ausgeschlossen. 3. Deliktische Haftung Die Partnerschaft haftet für deliktische Handlungen der Partner analog § 31 BGB.2352 Jedoch scheidet eine deliktische Haftung des Handelnden gemäß § 823 Abs. 1 BGB bei fahrlässigen Beratungsfehlern, die zu bloßen Vermögensschäden führen, aus.2353 Traditionell ist der reine Vermögensschaden nicht generell auf deliktischer Basis ersatzfähig und wäre nur bei Eingreifen von besonderen Haftungsnormen, z. B. §§ 823 Abs. 2, 826 BGB, zu ersetzen.2354 Insgesamt existiert keine allgemeine deliktische Grundlage für den Ersatz des Vermögensschadens im Sinne einer Anwaltshaftung für fahrlässige Berufsfehler.2355 2351 Zur in der Literatur vertretenen Berufshaftung, die auch auf die c. i. c. gestützt werden kann, siehe unten Teil 3 B I 5. 2352 Henssler, Festschr. f. Vieregge, 1995, S. 361, S. 362f.; Henssler/Prütting/Henssler, § 8 PartGG Rdnr. 4. 2353 Henssler, Festschr. f. Vieregge, S. 361, S. 363; Henssler/Prütting/Henssler, § 8 PartGG Rdnr. 6. 2354 BGH, Urt. v. 4.2.1964  VI ZR 25/63, BGHZ 41, 123, 127; Palandt/Sprau, § 823 BGB Rdnr. 11. 2355 Henssler/Mansel, Festschr. f. Horn, S. 403, S. 413, S. 416. 294 4. Gesellschaftsrechtliche Haftung Grundsätzlich tritt neben die Haftung der Gesellschaft die persönliche, akzessorische Haftung aller Partner für Gesellschaftsschulden gemäß § 8 Abs. 1 S. 1 PartGG.2356 Im Falle von Berufsfehlern erfolgt eine Haftungskonzentration auf den Handelnden gemäß § 8 Abs. 2 PartGG. Mithin ist in § 8 Abs. 2 PartGG ein völlig neues Haftungsmodell der institutionelle[n] Handelndenhaftung 2357 enthalten.2358 Für den Mandanten bietet die Handelndenhaftung auf gesellschaftsrechtlicher Basis, die neben der vertraglichen Haftung der Partnerschaft besteht, einen zusätzlichen Schutz gegenüber dem beratenden Rechtsanwalt. Gleichzeitig werden dem Mandanten die übrigen Partner als Haftungsträger entzogen. 5. Berufshaftung Fraglich ist, ob für den Rechtsanwalt nicht bereits aufgrund seiner beruflichen Stellung eine allgemeine Berufshaftung existiert. Im deutschen Rechtsraum wird von der Literatur teilweise die Entwicklung einer Berufshaftung des Rechtsanwalts neben Vertrag und Delikt propagiert.2359 Dabei wird mit unterschiedlicher Begründung2360 die Ausübung eines bestimmten Berufes als Grundlage einer Berufshaftung interpretiert.2361 Diese Haftung aufgrund beruflicher Position geht im Kern auf Erwägungen des Vertrauensschutzes2362 zurück.2363 Vorrangig wird das Bestehen einer Berufshaftung in Bezug auf die Haftung gegenüber Dritten, zu denen keine vertragliche Beziehung besteht, diskutiert.2364 Gegen eine aus der beruflichen Stellung resultierende Haftung gegenüber vertragsfremden Dritten spricht jedoch, dass eine im Gesetz nicht vorgesehene2365 Berufshaftung keine ausreichende Rechtssicherheit gewährleisten würde, weil Tatbestand und Schranken der Haftung nicht klar umrissen wären.2366 Auch wäre der Kreis der Dritten, gegenüber denen der Rechtsanwalt haftet, kaum einzugrenzen.2367 Somit ist eine Dritthaftung kraft beruflicher Stellung abzulehnen.2368 2356 Schmidt, NJW 1995, 1, 5; Henssler/Prütting/Henssler § 8 PartGG Rdnr. 3, 8f. 2357 Michalski/Römermann, § 8 PartGG Rdnr. 12. 2358 Michalski/Römermann, § 8 PartGG Rdnr. 12. 2359 Hopt, AcP 183 (1983), S. 608; zu den verschiedenen Ansätzen siehe Hirte, S. 386ff. 2360 Zu den verschiedenen Ansätzen siehe Hirte, S. 386ff. 2361 Siehe Hopt, AcP 183 (1983), S. 608; Damm, JZ 1991, 373ff.; Köndgen, S. 210ff. 2362 Zur Vertrauenshaftung siehe Canaris, Die Vertrauenshaftung im deutschen Privatrecht, 1971; Canaris, Festschr. f. Larenz, S. 27, S. 84ff. S. 93ff. 2363 Siehe eingehend: Jawansky, DB 2001, 2281, 2283; Lindenberg, S. 110f. 2364 Siehe beispielsweise die im Ergebnis ablehnende Diskussion von: Lindenberg, S. 101ff. 2365 BGH, Urt. v. 11.7.1988  II ZR 232/87, NJW 1989, 293, 294. 2366 Lindenberg, S. 111. 2367 Stahl, S. 62. 2368 Siehe Lindenberg, S. 111 m. w. N. 295 Fraglich ist, ob eine Berufshaftung in jenen Fällen zu bejahen wäre, in denen die Zwischenschaltung einer Gesellschaft zum Ausschluss der vertraglichen Bindung zwischen dem einzelnen Rechtsanwalt und dem Mandanten führt. Schließlich ist der Rechtsuchende weiterhin ein Mandant der Gesellschaft, in welcher der Rechtsanwalt als Gesellschafter rechtsberatend tätig ist. Auch wird die Überzeugungskraft der herkömmlichen Kritik an der Dritthaftung, mithin dass der Kreis der Dritten, gegen- über denen der Rechtsanwalt haftet, kaum abgrenzbar ist2369, abgeschwächt. Zudem ist bei einem Anwalt, der den Mandanten seiner Gesellschaft berät, absehbar, wer als Schadensersatzberechtigter in Frage kommt. Beispielsweise könnte bei der Partnerschaft die Möglichkeit erwogen werden, die Eigenhaftung des Stellvertreters aus c. i. c. wegen Inanspruchnahme besonderen Vertrauens bei Ausübung des Anwaltsberufs zur Regel zu erheben.2370 Die Aus- übung des Anwaltsberufes würde, entgegen der ständigen, gefestigten Rechtsprechung des BGH2371, schlichtweg mit der Inanspruchnahme besonderen Vertrauens gleichgesetzt.2372 Anhaltspunktpunkt für eine anwaltliche Berufshaftung in Deutschland könnte das Vertrauensverhältnis zwischen Mandant und Rechtsanwalt bilden, welches durch das Vertrauen des Mandanten in die Qualifikation und Sachkunde des Experten charakterisiert wird2373. Daraus könnte sich die Annahme ergeben, dass die persönliche Haftung zum Berufsbild des Rechtsanwalts gehört.2374 Dann wäre die Akzeptanz einer Anwaltsgesellschaft ohne persönliche Haftung des Anwalts kaum zu begründen. In gewisser Weise scheinen die ursprüngliche Gesetzeslage bei der Partnerschaft, welche lediglich die vertragliche Haftungskonzentration auf den Handelnden gestattete, sowie die gesetzgeberische Anordnung der Handelndenhaftung in § 8 PartGG diese Hypothese zu bestätigen. Schließlich ist in der klassischen Sozietät die persönliche Haftung der Gesellschafter gewährleistet2375 und die Partnerschaft, welche als erste alternative Gesellschaftsform den Rechtsanwälten zur Verfügung gestellt und vom anwaltlichen Berufsrecht zugelassen wurde, ging zunächst lediglich mit der Möglichkeit einer mit dem Mandanten zu vereinbarenden Haftungsbeschränkung auf den handelnden Gesellschafter einher. Auch nach aktueller Rechtslage ist für die Partnerschaft lediglich 2369 Stahl, S. 62. 2370 Dietlmeier, ZIP 1996, 1800, 1808; ähnlich Wellensiek, Festschr. f. Brandner, S. 727, S. 748; ablehnend BGH, Urt. v. 11.7.1988  II ZR 232/87, NJW 1989, 293, 294; siehe zu dieser Problematik auch Bank, S. 381ff. 2371 Siehe oben Teil 3 B I 2; ablehnend BGH, Urt. v. 11.7.1988  II ZR 232/87, NJW 1989, 293, 294. 2372 Dietlmeier, ZIP 1996, 1800, 1808. 2373 Das Vertrauensverhältnis zwischen Mandant und Anwalt ist allgemein anerkannt, s. Prohaska, S. 131f. m. w. N. 2374 Bösert, DStR 1993, 1332, 1333. 2375 Siehe zur Sozietät als Vertragspartner und zur akzessorischen Gesellschafterhaftung der Rechtsanwälte Schmidt, NJW 2005, 2801, 2805f. 296 eine gesetzliche Haftungskonzentration auf den verantwortlichen Gesellschafter in § 8 Abs. 2 PartGG vorgesehen. Zudem hat der Gesetzgeber ausweislich des Gesetzesentwurfs vom 11. November 1993 die Partnerschaft speziell als Berufsausübungsgesellschaft für die freien Berufe konzipiert und dargelegt, dass der Partner seinen Beruf eigenverantwortlich ausüben und für sein berufliches Handeln grundsätzlich persönlich haften soll.2376 Allerdings wurde gleichzeitig klargestellt, dass keine Festlegung auf diese Rechtsform beabsichtigt werde.2377 Zuvor war im Gesetzesentwurf zur Änderung der BRAO vom 19. Mai 1993 erläutert worden, dass im Zuge dieser Reform die GmbH nicht der Berufsausübung zugänglich gemacht werde.2378 Dies wurde mit Zweifeln an der Eignung der Kapitalgesellschaft, den besonderen Anforderungen des Anwaltsberufs und insbesondere dem Bestreben, dem Vertrauensverhältnis zwischen Rechtsanwalt und Mandant Rechnung zu tragen, begründet.2379 Angesichts der im Übrigen gewährleisteten persönlichen Haftung des Einzelanwalts und des Rechtsanwalts als Gesellschafter bei Sozietät und Partnerschaft stellte sich die Frage nach dem Bestehen einer allgemeinen Handelndenhaftung gegenüber dem Mandanten erst mit erhöhter Brisanz, als es um die Zulässigkeit der Zwischenschaltung der GmbH ging. Schließlich beinhaltete die GmbH-Gründung das Potential, zur völligen Durchtrennung des Haftungsbandes zwischen Anwalt und Mandant zu führen. Vor diesem Hintergrund gewann die Gewährleistung der persönlichen Anwaltshaftung in der Diskussion um die Zulassung der Gründung einer GmbH durch Rechtsanwälte besondere Bedeutung. Das BayObLG ließ als erstes Gericht die GmbH zu.2380 Dabei ging das Gericht auf die Ablehnung der GmbH aufgrund des Vertrauensverhältnisses zum Mandanten2381 ein und erachtete die gesetzgeberische Vorgabe von Mindestnormen für die Zulassung der GmbH für notwendig2382. Der Senat kam zu dem Schluss, dass die unbeschränkte persönliche Haftung nicht mehr maßgebend für das Berufsbild des Rechtsanwalts sei.2383 Zutreffend wies das Gericht darauf hin, dass bereits das geltende Recht die Möglichkeit einer vertraglichen Beschränkung der persönlichen Haftung in § 51 a BRAO vorsieht.2384 Der Referentenentwurf zur berufsrechtlichen Zulassung der Anwalts-GmbH sah noch eine Handelndenhaftung der Geschäftsführer vor.2385 Zur Begründung wurde 2376 BT-Drucks. 12/6152, S. 7. 2377 BT-Drucks. 12/6152, S. 8. 2378 BT-Drucks. 12/4993, S. 23. 2379 BT-Drucks. 12/4993, S. 23. 2380 BayObLG, Beschl. v. 24.11.1994  3Z BR 115/94, ZIP 1994, 1868. 2381 BayObLG, Beschl. v. 24.11.1994  3Z BR 115/94, ZIP 1994, 1868. 2382 BayObLG, Beschl. v. 24.11.1994  3Z BR 115/94, ZIP 1994, 1868, 1871. 2383 BayObLG, Beschl. v. 24.11.1994  3Z BR 115/94, ZIP 1994, 1868, 1870. 2384 BayObLG, Beschl. v. 24.11.1994  3Z BR 115/94, ZIP 1994, 1868, 1871; vgl. auch BT- Drucks. 13/9820, S. 12. 2385 ZIP 1997, 1518, 1522. 297 ausgeführt, dass die persönliche Haftung auch als Korrelat zu der besonderen Vertrauensstellung des Rechtsanwalts zu sehen ist 2386.2387 Im Laufe des Gesetzgebungsverfahrens wurden gleichzeitig die Vorstellung, dass das Vertrauensverhältnis zum Mandanten in einer Kapitalgesellschaft nicht verwirklicht werden könne2388 und die Annahme, dass die persönliche Haftung zum Berufsbild des Anwalts gehöre2389, aufgegeben. Folglich wurde die GmbH als Berufsausübungsgesellschaft zugelassen und zusätzlichen berufsrechtlichen Anforderungen unterworfen, ohne eine gesellschaftsrechtliche Handelndenhaftung anzuordnen.2390 Somit wird das Vertrauensverhältnis zwischen Anwalt und Mandant durch die BRAO, insbesondere die spezielle Erfassung in §§ 59 c ff. BRAO, ausreichend geschützt. Eine Haftungssanktion ist nicht erforderlich. Die Ermöglichung des anwaltlichen Zugangs zur GmbH steht im Zeichen der Abwendung von der Idee einer omnipräsenten persönlichen Haftung.2391 Dies gilt auch für die Zulassung einer anwaltlichen Nutzung der AG durch den BGH2392. Daher kann der Schluss gezogen werden, dass zwischen Vertrauen und persönlicher Haftung keine Wechselwirkung bestehen muss.2393 Das Vertrauensverhältnis muss nicht zwingend mit einer Sicherung durch eine persönliche Haftung einhergehen.2394 Dies wird durch die Einführung der Rechtsanwalts-GmbH unter Verzicht auf eine gesellschaftsrechtliche Handelndenhaftung verdeutlicht. Damit ist eine allgemeine Vertrauenshaftung kraft beruflicher Stellung als übergesetzliches Konzept nicht zu begründen. Der Grundsatz, dass eine persönliche Freiberuflerhaftung bestehen müsse, ist zu Recht als überholtes und durch nichts gerechtfertigtes Dogma 2395 kritisiert worden.2396 Nunmehr ist, wenn die mit der Gründung einer GmbH verbundenen gesellschafts- und berufsrechtlichen Anforderungen bzw. Belastungen in Kauf genommen werden, eine Vermeidung der persönlichen Haftung durch Gesellschaftsgründung zulässig. Zusammenfassend zeigt sich, dass bei Zwischenschaltung einer Gesellschaft, welche zum Wegfall der vertraglichen Haftung des Einzelanwalts führt, nicht etwa ein dahinterstehendes allgemeines, gesetzlich nicht verankertes Konzept der unausweichlichen anwaltlichen Berufshaftung erkennbar wird. Bei Interposition einer Anwaltsgesellschaft entsteht das Vertragsverhältnis zwischen der Gesellschaft und 2386 ZIP 1997, 1518, 1522. 2387 ZIP 1997, 1518, 1521f.; siehe hierzu auch Henssler, ZIP 1997, 1481, 1487. 2388 BT-Drucks. 13/9820, S. 11. 2389 BT-Drucks. 13/9820, S. 12, S. 17; siehe auch Römermann, NZG 1998, 81, der von einem antiquierten Berufsbild  spricht. 2390 BT-Drucks. 13/9820, S. 12, S. 17; siehe §§ 59 c ff. BRAO. 2391 Jawansky, DB 2001, 2281, 2284. 2392 BGH, Urt. v. 10.1.2005  AnwZ (B) 27/03 u. 28/03, BGHZ 161, 376. 2393 Girotto, S. 156f. 2394 Girotto, S. 156f. 2395 Römermann, GmbHR 1997, 530, 534. 2396 Römermann, GmbHR 1997, 530, 534. 298 dem Mandanten. Gleichzeitig entzieht sich der Anwalt dem Mandanten als Vertragspartner und wird stattdessen für die Gesellschaft gegenüber dem Mandanten tätig. Wenn daneben ein allgemeiner, vom Vertrag losgelöster Grundsatz der Berufshaftung bestünde, wäre die Zulassung der GmbH aufgrund der damit einhergehenden Haftungsbeschränkung kaum in Frage gekommen. Vielmehr ist es Aufgabe des Gesetzgebers, festzulegen, bei welchen Anwaltsgesellschaften eine zusätzliche Handelndenhaftung besteht. Aus der Vertrauensstellung an sich folgt nicht zwingend, dass eine persönliche Haftung unter allen Umständen bei Wegfall der Vertragsbindung infolge der Zwischenschaltung einer Gesellschaft fortbestehen muss.2397 Daher konnte der Gesetzgeber bei der Normierung der berufsrechtlichen Anforderungen eine Interessenabwägung vornehmen und abwägen, welche Voraussetzungen an die Gründung der Anwalts-GmbH zu knüpfen sind, um den Mandanten zu schützen.2398 Mithin handelt es sich bei der persönlichen Haftung nicht um eine Zielvorgabe, sondern um ein mögliches Mittel des Gesetzgebers, bestimmte Ziele zu erreichen. Auch bei der Partnerschaft war es Aufgabe des Gesetzgebers, abzuwägen, auf welche Weise die Mandanteninteressen zu schützen sind. Naturgemäß hängt von der gesellschaftsrechtlichen Ausgestaltung der Gesellschaft ab, inwieweit der Mandantenschutz zusätzlich berufsrechtlich zu gewährleisten ist. Die Anordnung einer Handelndenhaftung durch das Berufsrecht ist nicht zwingend, um dies zu erreichen. Im Falle der Partnerschaft liegt eine gesellschaftsrechtliche Anordnung der Handelndenhaftung vor, welche aller Wahrscheinlichkeit nach zur nahezu bedingungslosen Akzeptanz dieser Gesellschaft durch das anwaltliche Berufsrecht2399 beigetragen hat. Aus den vorstehenden Erwägungen folgt, dass daneben keine Berufshaftung der Gesellschafter tritt. Insgesamt ist, sofern keine ausdrückliche Anordnung durch das Gesellschaftsoder Berufsrecht erfolgt, keine Haftung kraft beruflicher Vertrauensstellung als allgemeines, übergesetzliches Sicherungsnetz vorhanden. Unter dem Gesichtspunkt, dass es nicht um die Haftung gegenüber einem außen stehenden Dritten, z. B. einem Vertragspartner des eigenen Mandanten, sondern vielmehr gegenüber dem Mandanten der eigenen Gesellschaft geht, besteht kein Anlass zur Differenzierung. Mithin gilt auch für die Partnerschaft, dass neben die gesellschaftsrechtliche Haftungsstruktur keine allgemeine, von der vertraglichen und deliktischen Systematik weitgehend losgelöste und über diese konzeptionell hinausgehende allgemeine Berufshaftung tritt. In Bezug auf die Ausweitung der Eigenhaftung aus c. i. c. bestehen zusätzliche Bedenken, weil diese Haftung ihren Ausnahmecharakter verlieren würde.2400 Die Einführung einer allgemeinen Vertreterhaftung kraft Berufsstellung wäre in der Tat eine kleine Sensation. 2397 BT-Drucks. 13/9820, S. 12, S. 17. 2398 BT-Drucks. 13/9820, S. 12, S. 17. 2399 Henssler/Prütting/Henssler, § 1 PartGG Rdnr. 25. 2400 Bank, S. 383. 299 Ferner würde diese Haftungsfigur einem Elastizitätstest unterzogen. Die strukturelle Erweiterung dieser Eigenhaftung zur Berufshaftung setzt nicht nur regelmäßig voraus, dass auch für nachvertragliche Pflichtverletzungen durch Berufsfehler bei Mandatsbearbeitung die Grundsätze der c. i. c. gelten2401. Überdies wird das Kriterium der Inanspruchnahme besonderen Vertrauens nicht anhand des Sachverhalts geprüft, sondern mit der beruflichen Stellung gleichgesetzt. Auch können konzeptionelle Schwierigkeiten auftreten, wenn nicht der die Gesellschaft bei Vertragsschluss vertretende Partner, sondern ein anderer Gesellschafter das Mandat bearbeitet. Schließlich setzt ein Auftreten mit dem Anspruch auf Vertrauen grundsätzlich voraus, dass der Vertreter selbst mittelbar oder unmittelbar an den Vertragsverhandlungen beteiligt war2402. Insgesamt ist der Rechtsprechung zuzustimmen2403 und eine generelle, auf der beruflichen Stellung basierende anwaltliche Berufshaftung abzulehnen. Dies gilt auch in Bezug auf eine Haftungsbegründung durch Rückgriff auf die Rechtsfigur der c. i. c. Somit existiert im deutschen Rechtskreis keine allgemeine Berufshaftung des Rechtsanwalts. 6. Ergebnis Im Ergebnis haftet der handelnde Partner für berufliche Fehler gemäß § 8 Abs. 2 PartGG. II. Anwaltshaftung in der LLP nach englischem Recht Es ist oben2404 gezeigt worden, dass für den Partner der LLP als solicitor eine allgemeine berufliche Haftung aus negligence besteht, so dass die persönliche Handelndenhaftung des Rechtsanwalts auf deliktischer Grundlage gewährleistet ist.2405 Diese traditionelle Berufshaftung besteht auch dann, wenn der solicitor als member einer LLP agiert. Ein gesellschaftsrechtlicher Ausschluss der persönlichen Anwaltshaftung existiert nicht.2406 2401 Zur Haftung für nachvertragliche Pflichtverletzung s. Prohaska, S. 115ff., S. 127ff. 2402 BGH, Urt. v. 4.5.2004  XI ZR 40/03, NJW 2004, 2523, 2525; OLG Köln, Urt. v. 13.4.2006  7 U 31/05, ZIP 2007, 28 = DB 2007, 158 (nicht rechtskräftig, Nichtzulassungsbeschwerde beim BGH anhängig unter dem Az.: II ZR 148/06). 2403 BGH, Urt. v. 11.7.1988  II ZR 232/87, NJW 1989, 293, 294; siehe Henssler, AnwBl 1996, 3, 7; Girotto, S. 177; Bank, S. 381ff., S. 386ff. 2404 Siehe oben Teil 1 E III 4 c). 2405 Siehe oben Teil 1 E III 4 c). 2406 Siehe oben Teil 1 E III 4 c).

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Zusammenfassung

Die englische Limited Liability Partnership (LLP) kann für in Deutschland niedergelassene Rechtsanwälte eine attraktive Alternative sein. Die Arbeit untersucht die in der Praxis für solche Anwalts-LLPs relevanten berufs-, haftungs-, gesellschafts- und registerrechtlichen Fragen aus internationalprivatrechtlicher und europarechtlicher Perspektive und vergleicht funktional die LLP mit Partnerschaft und GmbH. Insbesondere erörtert die Autorin die Haftung der LLP-Gesellschafter für Berufsfehler sowie die Frage, welche Normen der BRAO Anwendung finden. Die kollisionsrechtlichen Methoden der Substitution und der Anpassung werden diskutiert. De lege ferenda wird eine Neuregelung für das Kollisionsrecht vorgeschlagen.