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Levent Günes, Fallbeispiele in:

Levent Günes

Europäischer Ausweisungsschutz, page 240 - 256

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4003-4, ISBN online: 978-3-8452-1312-5 https://doi.org/10.5771/9783845213125

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240 Des Weiteren wurde im eigenen Freundes- und Bekanntenkreis nachgeforscht. Hieraus ergaben sich Kontakte zu Angehörigen oder zu Bekannten von Betroffenen, die letztendlich zu Interviews führten. In der Regel wurde innerhalb dieser Personengruppen die Forschungsabsicht durch Mundpropaganda verbreitet. Bedeutsam ist in diesem Zusammenhang, dass sich lediglich Personen aus dem türkischen Kulturkreis meldeten und einen betroffenen Bekannten nannten. Auch wenn dies vor dem Hintergrund der Ausweisungszahlen von türkischen Staatsangehörigen nicht überraschend ist, so ist doch festzustellen, dass trotz aller Anstrengungen nahezu keine Kontakte zu dem griechischen oder italienischen Umfeld vermittelt werden konnten. Hintergrund hiervon ist die subjektive Bedeutsamkeit der Ausweisung für Migrantenfamilien. Es konnte festgestellt werden, dass in der Regel die Ausweisung bzw. Abschiebung eines Familienmitglieds als »Schande« aufgefasst und somit darüber nicht geredet wurde. Dies konnte bei allen Familienangehörigen der Interviewten beobachtet werden. Mehrmalige Kontaktaufnahmen und Gespräche waren erforderlich, um das Vertrauen dieser zu gewinnen und die Kontaktaufnahme zum Betroffenen in die Türkei herzustellen. 4.3.3 Fallbeispiele Bei allen Betroffenen handelt es sich ausschließlich um Männer. Diese kamen aus den unterschiedlichsten Großstädten Deutschlands. Fünf der zehn Interviews wurden am Telefon und zwei in persönlichen Gesprächen geführt. Drei weitere Fragebögen wurden in meiner Abwesenheit von den Betroffenen selbst ausgefüllt und postalisch übersandt. 4.3.3.1 Fallbeispiel 1: Der Fall A Der türkische Staatsangehörige A reiste im Jahre 1985 im Alter von drei Jahren nach Deutschland ein. Hier lebte er im Haushalt seiner Eltern. Beide Elternteile sind türkische Staatsbürger und besitzen eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis. Während der Vater voll berufstätig ist und wenig Zeit mit der Familie verbringt, ist seine Ehefrau nicht berufstätig und hat die Möglichkeit, sich der Erziehung des Sohnes zu widmen. Die Familie pflegt gesellschaftliche Kontakte zu ausländischen Mitbürgern, jedoch darüber hinaus auch zu deutschen Familien. Dies ist mit Sicherheit als Folge des sehr geringen Ausländeranteils im Wohngebiet der Familie zu sehen; dieser lag bei unter zehn Prozent. 241 Als Schüler und als aktives Mitglied im ortsansässigen Fußballverein schloss A gleichermaßen Freundschaften mit ausländischen Mitbürgern wie auch mit Deutschen, so dass er selbst seine Deutschkenntnisse als sehr gut einstuft. Die dem A zuhause vermittelten Moral- und Wertvorstellungen stehen in krassem Gegensatz zu jenen, welche er in seinem gesellschaftlichen Umfeld vorfindet. Seinem eigenen Empfinden nach konnte er die beiden Umfelder jedoch gut voneinander trennen und damit verhindern, dass daraus Konflikte entstehen. A besucht zunächst die Grundschule. Bereits hier zeichnet sich ab, dass seine Eltern, welche beide nur die Grundschule besucht haben, ihren Sohn nur unzureichend unterstützen können. Neben den fehlenden schriftlichen Kenntnissen der deutschen Sprache, welche es den Eltern unmöglich macht, z.B. bei den Hausaufgaben Hilfestellung zu geben, erkennen beide Elternteile nicht die Möglichkeit, ihrem Sohn durch Hilfe von außen mehr Förderung zuteil werden zu lassen. A zeigt daher nur mäßige Erfolge in der Grundschule und wird nach deren Beendigung einer Hauptschule zugeteilt. Diese verlässt er 1998 mit einem Abschluss. Mit dem Erreichen des sechzehnten Lebensjahres wird A aufgrund des Aufenthaltsstatus seiner Eltern die unbefristete Aufenthaltserlaubnis erteilt. Nachdem er seinen Hauptschulabschluss erlangt hat, beginnt A mit der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Er hat relativ schnell Erfolg und beginnt mit einer Ausbildung zum Bäcker. In dieser Lebensphase beschließt A, seine deutsche Freundin zu heiraten und mit dieser einen eigenen Hausstand zu gründen. Finanziell ist dies nur möglich, da seine Frau berufstätig ist und somit überwiegend die Aufwendungen des gemeinsamen Haushaltes tragen kann. Die Ehe verläuft nach den Angaben des A sehr harmonisch und die Eheleute pflegen weiterhin gesellschaftliche Kontakte sowohl zu deutschen als auch zu ausländischen Freunden. Bei einer handgreiflichen Auseinandersetzung verletzt A eine andere Person dann aber so schwer, dass er im darauf folgenden Prozess zu einer Jugendstrafe mit dreijähriger Bewährungszeit verurteilt wird. Noch vor Ablauf der Bewährungszeit wird A wieder straffällig. A wird des Diebstahls überführt und zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt, welche nun nicht mehr zur Bewährung ausgesetzt werden konnte. Nach Ablauf des zweiten Haftjahres wird A im November des Jahres 2002 im Alter von 20 Jahren aus der Haft heraus in die Türkei abgeschoben. Eine durch seinen Anwalt während des Verfahrens beantragte Befristung der Sperrwirkung wurde erteilt, jedoch weiß A selbst nicht, wann diese abläuft. 242 Die Abschiebung erlebte A mit sehr gemischten Gefühlen. Einerseits empfand er Wut andererseits auch Freude nach zwei Jahren im Gefängnis wieder in »Freiheit« leben zu dürfen. Um A die Eingliederung in der Türkei zu erleichtern, begleitet A`s Mutter ihren Sohn in ihr Herkunftsland. Dort lebt A zunächst bei seiner Tante. Trotz der familiären Unterstützung, die ihm zuteil wird, kämpft A mit Anpassungsschwierigkeiten. Vor allem seine unzureichenden türkischen Sprachkenntnisse in Wort und Schrift erweisen sich als schwerwiegendes Hindernis bei der Suche nach einem Arbeitsplatz. Nach drei Monaten gibt A die Suche nach einem Arbeitsplatz im anatolischen Herkunftsort seiner Eltern auf und versucht es stattdessen in den Touristikzentren entlang der Küste. Hier findet A schließlich aufgrund seiner guten Deutschkenntnisse eine Anstellung an der Rezeption eines großen Hotels. A bewohnt nun eine eigene kleine Wohnung und bemüht sich, seine Ehe wieder aufzunehmen. Die Entfremdung der Eheleute, die bereits während der Haftzeit entstand, verstärkt sich durch die große Distanz zusehends. Nach nunmehr zweijährigem Leben in der Türkei ist die Ehe derart zerrüttet, dass die Scheidung bevorsteht. Dennoch hofft A nach Ablauf der Sperrwirkung auf eine Wiedereinreise in die Bundesrepublik Deutschland und vor allem auf eine neue Chance. Er möchte seine jetzigen Lebensumstände auf gar keinen Fall als dauerhaften Zustand akzeptieren. A ist nicht wieder straffällig geworden und hat nach eigenem Empfinden »sein Leben jetzt im Griff«. Bereits an ihn herangetragene Angebote, ihn nach Deutschland einzuschleusen, hat A bisher abgelehnt. Er möchte keinesfalls im Falle eines Misserfolges der illegalen Einreise riskieren, sich etwaige legale Einreisemöglichkeiten zu »verbauen«. Chancen für eine legale Einreise sieht A vor allem in einer Heirat mit einer deutschen Staatsbürgerin. Dies ist wohl auch der Grund, weshalb A Beziehungen zu einheimischen Frauen meidet.541 541 Auf die Frage nach seiner Gefühlslage während und nach der Ausweisung gab der Betroffene an: »Ich habe Wut empfunden. Gleichzeitig aber auch Freude darüber, nach 2 Jahren Knast wieder frei zu sein«. Zu seinem momentanen Gefühlszustand bemerkte dieser: »Ich habe mein Leben im Griff. Ich bleibe sauber«. 243 4.3.3.2 Fallbeispiel 2: Der Fall B B wird 1977 in Deutschland geboren. Er lebt mit seinen berufstätigen Eltern in einer Großstadt. Der Haushalt der Familie befindet sich in einem Stadtteil mit sehr geringem Ausländeranteil. Beide Eltern sind ganztags berufstätig und haben daher weder Zeit, sich um ihren Sohn zu kümmern, noch um soziale Kontakte zu pflegen. B hingegen pflegt als so genanntes »Schlüsselkind« viele Kontakte zu Gleichaltrigen. Sein Freundeskreis setzt sich überwiegend aus Ausländern verschiedener Nationalitäten zusammen. Obwohl B mit seinen Freunden hauptsächlich Deutsch spricht, sind seine Deutschkenntnisse in Wort und Schrift eher schlecht. Dies und die Tatsache, dass seine Eltern beide keinen Schulabschluss haben, sind wohl maßgebend für die schlechten schulischen Leistungen. Nach dem Besuch der Grundschule wird B in die Hauptschule versetzt, welche er mit einem Abschluss verlässt. Die Lebensphase des Teenageralters prägt und bestimmt die Zukunft des B entscheidend. Während seiner Hauptschulzeit kommt B sehr früh in Berührung mit Betäubungsmitteln. Während es bei vielen Jugendlichen in diesem Lebensabschnitt beim Konsum so genannter »weicher Drogen« bleibt, findet sich B recht schnell beim Konsum harter Drogen wieder. Dadurch gerät er in den für Betäubungsmittelabhängige klassischen Kreislauf von steigendem Konsum und der daraus folgenden und korrespondierenden Beschaffungskriminalität. In seinem 16. Lebensjahr wird B wegen Besitzes von Betäubungsmitteln zu einer Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt. Obwohl zu diesem Zeitpunkt sein Alltag bereits von der Sucht dominiert wird schließt er die Hauptschule noch ab und bemüht sich um einen Ausbildungsplatz. Schließlich beginnt er mit einer Ausbildung zum Konstruktionsmechaniker. Während der Ausbildungszeit lernt B seine zukünftige deutsche Frau kennen und heiratet diese nach relativ kurzer Zeit. Das Ehepaar kann mangels ausreichender finanzieller Mittel keine eigene Wohnung beziehen. Sie leben abwechselnd mal in dem einen, mal in dem anderen Elternhaus. Auch nach dem Abschluss seiner Ausbildung ändert sich an der Wohnsituation nichts. B findet keinen Arbeitsplatz; seine Ehefrau ist nicht berufstätig. Im Folgenden wird B des Diebstahls überführt und zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten verurteilt, welche nun nicht mehr zur Bewährung ausgesetzt werden konnte. Während seiner Inhaftierung bemüht B sich, einen Therapieplatz zu erhalten, um von seiner Sucht loszukommen. Jedoch wird dies von der Landesversicherungsanstalt abgelehnt, da zu diesem Zeitpunkt bereits das Ausweisungsverfahren gem. § 47 Abs. 1 AuslG eingeleitet worden war. B beauftragt einen Anwalt, um seine drohende Ausweisung abzuwenden, jedoch ohne Er- 244 folg. Zu diesem Zeitpunkt ist B im Besitz einer befristeten Aufenthaltserlaubnis. B wird im Jahre 2003 aus der Haft heraus abgeschoben. Neben dem Gefühl, nicht zu wissen, wie es weitergehen soll, fühlt sich B vor allem allein gelassen und um Chancen betrogen. Zudem sorgt er sich darum, wie seine Ehe die räumliche Trennung übersteht. Daher sucht er, sobald er in der Türkei angelangt ist, nach Möglichkeiten, zu seiner Ehefrau zu gelangen. Einen Monat nach seiner Abschiebung gelingt B die illegale Einreise nach Deutschland. Er hält sich zehn Monate in Deutschland auf. Ihm wird jedoch bewusst, dass dies keine dauerhafte Lösung sein kann, da er ohne einer Arbeit nachzugehen auch keine Zukunftsperspektive hat. B kehrt freiwillig in die Türkei zurück, während seine Ehefrau in Deutschland verbleibt. Sie kann sich ein Leben in einem Land, dessen Sprache sie nicht beherrscht, nicht vorstellen. Zudem sind ihre familiären Bindungen sehr stark, und sie möchte diese nicht missen. Nach seiner Rückkehr in das Heimatland seiner Eltern lebt B alleine in einer seinen Eltern gehörenden Eigentumswohnung in einer Großstadt. Seine Schwester und ihr Ehemann leben in der selben Stadt und unterstützten ihn sowohl finanziell als auch seelisch. Dennoch fällt ihm das Eingewöhnen in die neue Umgebung sehr schwer. Zum einen sind die Kenntnisse der Muttersprache eher rudimentär, zum anderen ist er überwiegend damit beschäftigt, einen Weg zu finden, der es ihm ermöglicht, mit seiner Ehefrau zusammenzuleben. In dieser Phase seines »neuen Lebens« wird B zum Militärdienst eingezogen. Dies stellt ihn vor neue Probleme. Eine mögliche Lösung für das Zusammenleben mit seiner Frau ist damit in weite Ferne gerückt und er muss befürchten, dass seine Ehe daran zerbricht. Seine Familienangehörigen müssen sich nun damit abfinden, dass B in dieser Zeit auch weiterhin kein eigenes Geld verdienen kann und daher für weitere 18 Monate finanzieller Unterstützung bedarf. Diese Aufgabe obliegt zum größten Teil seinen Eltern in Deutschland, welche seiner Aussage nach dadurch in finanzielle Not geraten sind. Seine fortdauernde Betäubungsmittelabhängigkeit befürchtet er nie in den »Griff zu bekommen«, da Therapieeinrichtungen, wie sie in Deutschland vorhanden sind, in der Türkei für ihn nicht erreichbar sind. Das einzig positive Ergebnis des andauernden Militärdienstes ist die Verbesserung seiner Sprachkenntnisse. Insgesamt blickt B jedoch eher pessimistisch in die Zukunft. Er fühlt sich verlassen, betrogen und ausgegrenzt. Seine Ehefrau spricht zwischenzeitlich über eine Scheidung. 245 4.3.3.3 Fallbeispiel 3: Der Fall C C wurde 1969 in einer Großstadt in Deutschland geboren. Er besitzt die türkische Staatsbürgerschaft und erhält mit dem Erreichen des sechzehnten Lebensjahres eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis. Beide Elternteile sind berufstätig, so dass C bereits ab dem Grundschulalter den größten Teil seines Tagesablaufes alleine meistern muss. Er verbringt daher sehr viel Zeit in seinem Freundeskreis. Dieser besteht zu gleichen Teilen aus Ausländern und Deutschen. Während C in seinem Freundeskreis überwiegend Deutsch spricht, wird im Elternhaus ausschließlich die türkische Muttersprache gesprochen. Dennoch schätzt C seine Deutschkenntnisse in Wort und Schrift als sehr gut ein. Nach dem Besuch der Grundschule wird C in die Hauptschule versetzt. Seine Eltern können ihm aufgrund fehlender Sprachkenntnisse nicht bei der Hausaufgabenbewältigung helfen. Dennoch fühlt C sich moralisch von diesen bei seinem Werdegang stark unterstützt. Er beendet die Hauptschule erfolgreich mit einem Abschluss. Einen Ausbildungsplatz erhält C nach seinem Abschluss nicht; inwiefern er sich um einen solchen bemüht hat, ist allerdings nicht ersichtlich. C wird als Teenager des Diebstahls überführt und zu einer Jugendstrafe verurteilt, welche zur Bewährung ausgesetzt wurde. Danach erhält C die Ausweisungsverfügung. Die Einzelheiten zu seiner Ausweisung bzw. Abschiebung sind leider aus den gemachten Angaben nicht zu erkennen. Nach seiner Ankunft in der Türkei lebt C zunächst bei seiner Großmutter. Er hat Schwierigkeiten einen Arbeitsplatz zu finden, zumal die Kenntnisse der Muttersprache nicht sehr gut sind. Zudem vermisst C seinen Freundeskreis, welcher in Deutschland einen entscheidenden Teil des alltäglichen Lebens ausmachte. Finanziell hat C keine Schwierigkeiten, da ihn seine Eltern unterstützen. Es gelingt C erst nach dem Ableisten des Militärdienstes und dem Ablauf weiterer zwei Jahre einen Arbeitsplatz zu finden. Seine türkischen Sprachkenntnisse sind mittlerweile gut und C ist nicht wieder straffällig geworden. Seinen Angaben zufolge hat er sich einigermaßen eingelebt und mittlerweile eine eigene Familie gegründet. Jedoch »sucht« C weiterhin das Land, indem er geboren und aufgewachsen ist.542 542 Auf die Frage nach seiner Gefühlslage während und nach der Ausweisung gab der Betroffene an: »Es war sehr schwer für mich, von einem Land auszureisen, in dem ich geboren und aufgewachsen bin«. 246 4.3.3.4 Fallbeispiel 4: Der Fall D D wurde im Jahre 1977 in der Türkei geboren. Den Großteil seiner Kindheit verbringt er in der Türkei. Im Alter von elf Jahren reist D nach Deutschland ein und lebt fortan mit seinen Eltern in einer Großstadt in einem Wohngebiet, welches einen Ausländeranteil von über 50% hat. Er wird der Hauptschule zugeteilt und schließt hier und an seinem Wohnort schnell Freundschaften zu anderen Kindern überwiegend ausländischer Herkunft, so dass er, obwohl zu Hause nur die Muttersprache gesprochen wird, schnell die deutsche Sprache erlernt. Die Unterstützung, die D durch seine Eltern für seinen schulischen Werdegang erfährt, stuft er selbst als lediglich »ausreichend« ein. Weder sein Vater noch seine Mutter verfügen über einen Schulabschluss. Sein Vater arbeitet ganztägig und ist kaum zuhause, seine Mutter ist Hausfrau. Die Kenntnisse der deutschen Sprache sind jedoch nicht ausreichend, um ihren Sohn zu unterstützen. Dennoch beendet D die Hauptschule mit einem Abschluss und findet eine Lehrstelle. D verbringt den Grossteil seiner Freizeit mit Sport und seinen Freunden. Dies führt bereits während der Schulzeit zu Konflikten innerhalb der Familie. Die dem D durch seine Eltern vermittelten Moral- und Wertvorstellungen widersprechen denen, die er in seinem Freundeskreis antrifft. Für D sind die Kontakte zu seinen Freunden und die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe so wichtig, dass er sich immer stärker an ihnen orientiert und von deren Lebensweise leiten lässt. D wird im Alter von 16 Jahren erstmals straffällig und wegen räuberischer Erpressung verurteilt. Zu der Einsicht, dass er an seiner Lebensweise etwas ändern sollte, gelangt er dennoch nicht. Vielmehr bricht D in dieser Zeit seine Ausbildung ab und wird schließlich im Alter von 19 Jahren des Diebstahls und der Körperverletzung überführt und verurteilt. Im Zeitpunkt der Verurteilung ist D im Besitz einer befristeten Aufenthaltserlaubnis. Er erhält eine Jugendstrafe in Höhe von 2 Jahren und 8 Monaten. Er wird von einem Pflichtverteidiger betreut. Während seiner Inhaftierung erhält D die Ausweisungsverfügung und wird im September des Jahres 2000 aus der Haft heraus in die Türkei abgeschoben. Dort lebt D zunächst bei Freunden der Familie und versucht einen Arbeitsplatz zu finden, um nicht weiterhin auf die Unterstützung der Freunde und seiner Familienangehörigen in Deutschland angewiesen zu sein. Dies gelingt ihm jedoch nicht, da seine Sprachkenntnisse bis auf die im alltäglichen familiären Sprachgebrauch notwendigen Vokabeln unzureichend sind. D belastet die neue Lebenssi- 247 tuation jedoch vor allem deshalb sehr stark, weil er das Gefühl hat, »nicht frei zu sein«. Noch bevor er an diesen Lebensumständen etwas verbessern kann, wird er im Jahre 2001 zum Militärdienst eingezogen. Während dieser Zeit verbessert D zumindest seine Sprachkenntnisse erheblich. Dennoch ist es ihm auch nach dem Ableisten des Militärdienstes nicht gelungen, eine Arbeitsstelle zu finden. Da D nun bereits erhebliche Zeit die Gastfreundschaft der Freunde seiner Familie in Anspruch genommen hat, mieten die Eltern des D eine Wohnung für ihn an. Bis zum Zeitpunkt des Interviews hat sich an der Einkommenssituation des D nichts verändert, so dass seine Familie diese zusätzliche finanzielle Belastung auch weiterhin tragen muss. D hofft, dass er eines Tages wieder nach Deutschland einreisen darf und möchte sich daher weder mit seinem Leben in der Türkei abfinden noch liegt ihm viel daran, seine dortigen Lebensumstände zu verbessern.543 4.3.3.5 Fallbeispiel 5: Der Fall E Der türkische Staatsbürger E wird 1981 in Deutschland geboren. Er lebt mit seinen Eltern in einer Kleinstadt mit einem Ausländeranteil von circa 25%. Beide Elternteile sind berufstätig und E verbringt ab dem Grundschulalter sehr viel Zeit in einem Fußballverein und mit seinen Freunden. Die dem E durch seine Eltern vermittelten Moral- und Wertevorstellungen widersprechen teilweise denen, die er in seinem sozialen Umfeld antrifft. Nach der Grundschule besucht E die Realschule. Seine schulischen Leistungen sind schlecht und seine Eltern können ihm, da sie selbst keinen Schulabschluss haben, bei der Bewältigung des Lernstoffes nicht helfen. Schließlich verlässt E die Realschule ohne einen Abschluss. In der Folgezeit verbringt E seine Zeit mit Gelegenheitsarbeiten und in seinem Freundeskreis, welcher überwiegend aus Ausländern besteht. Zu welchem genauen Zeitpunkt und unter welchen Umständen E letztendlich mit Betäubungsmitteln in Berührung kam, lässt sich anhand seiner Angaben nicht genau ermitteln. Sicher ist lediglich, dass E noch minderjährig war. Fast zeitgleich mit dem Beginn seiner Drogenabhängigkeit wird E das erste Mal straffällig. Er wird der Körperverletzung überführt und verurteilt. 543 Auf die Frage nach seiner Gefühlslage während und nach der Ausweisung gab der Betroffene an: »Wo bin ich? Ich habe mich nicht frei gefühlt«. Zu seinem momentanen Gefühlszustand bemerkte dieser: »Ich will etwas erreichen. Ich will einiges besser machen. Ich werde mit allen Mitteln versuchen, wieder nach Deutschland zu kommen«. 248 Wie bei vielen Betäubungsmittelabhängigen findet sich auch E nach gewisser Zeit in der Situation wieder, dass er durch seinen steigenden Konsum kaum mehr einer geregelten Arbeit nachgehen kann. Die ihm zur Verfügung stehenden Mittel genügen nicht zur Finanzierung seiner Sucht. E, der nunmehr volljährig ist, wird so wieder straffällig. Er wird wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz zu einer Haftstrafe von 2 Jahren und drei Monaten verurteilt. Zum Zeitpunkt der Inhaftierung war E im Besitz einer unbefristeten Aufenthaltserlaubnis. Er verbüßt zwei Drittel der Haftzeit und wird dann entlassen. Noch während seiner Haft bemühte sich E um einen Therapieplatz, welchen er auch erhält. Er wird jedoch wieder rückfällig und bricht die Therapie ab. Nur kurz nach dem Abbruch der Therapie erhält E die Ausweisungsverfügung. Er beauftragt einen Anwalt mit der Wahrnehmung seiner Interessen. Das Vorgehen gegen die Ausweisungsverfügung bleibt jedoch erfolglos und E verlässt schließlich Deutschland zum geforderten Termin. Sein Anwalt beantragt eine Befristung der Sperrwirkung, der auch stattgegeben wird und die sich auf zwei Jahre beläuft. Nach seiner Ankunft in der Türkei lebt E bei einer Tante. Seine Eltern unterstützen ihn finanziell. E bemüht sich nicht um eine Arbeitsstelle oder darum, sich besser einzuleben, da ihm sein Anwalt Hoffnung macht, er könne nach Ablauf der Sperrwirkung wieder einreisen. E »möchte sein Leben in den Griff bekommen« und dann wieder in Deutschland leben. Er bereitet sich derzeit auf den bevorstehenden Militärdienst vor. E gibt an, dass er mit dem »System« in der Türkei nicht zu Recht kommt. Freundschaften und Kontakte zu knüpfen falle ihm schwer.544 4.3.3.6 Fallbeispiel 6: Der Fall F F wurde 1976 in Deutschland geboren und wuchs bei seinen Eltern auf. Der Wohnort der Familie befindet sich in einem Stadtteil mit einem sehr hohen Ausländeranteil. Die Eltern des F sind beide berufstätig. Sie versuchen dennoch ihrem Sohn zu vermitteln, wie wichtig ein Schulabschluss ist, da sie selbst beide keinen Schulabschluss haben. F besucht nach der Grundschule eine Hauptschule und verlässt diese mit einem Abschluss. Eine Berufsausbildung macht F nicht, sondern erarbeitet sich mit Gelegenheitsanstellungen seinen Unterhalt und wohnt weiterhin bei seinen Eltern. 544 Auf die Frage nach seiner Gefühlslage während und nach der Ausweisung gab der Betroffene an: »Ich habe mich wie ein Stück Scheiße gefühlt«. Zu seinem momentanen Gefühlszustand bemerkte er: »Ich denke an Deutschland«. 249 Sein privates Umfeld besteht überwiegend aus ausländischen Freunden und Bekannten, mit welchen F sich oft trifft um seinem Hobby, dem Fußball, nachzugehen. In diesem Kreis spricht F überwiegend Deutsch, so dass seine Kenntnisse der deutschen Sprache gut sind. In seinem Elternhaus hingegen werden sowohl Deutsch als auch Türkisch gesprochen. In seinem neunzehnten Lebensjahr wird F das erste Mal straffällig. Er stiehlt ein Autoradio und wird zu 8 Arbeitsstunden verurteilt, welche er auch ableistete. Dennoch begeht er im selben Jahr einen Einbruch und wird hierfür zu einem Jugendarrest von einer Woche verurteilt. Beide Strafen haben F jedoch offensichtlich nicht eines Besseren belehrt, denn einige Monate darauf wird er der Sachbeschädigung in 27 Fällen überführt und zu einer Freiheitsstrafe verurteilt, die gerade noch zur Bewährung ausgesetzt werden kann. F arbeitet zu dieser Zeit noch und ersetzt den verursachten Schaden in Höhe von DM 15.000,-. F erkennt, dass er sich auf einem Weg befindet, der ihm, wenn er nichts in seinem Leben ändert, unweigerlich in den Abgrund führt. Er überlegt daher, wie er seinem Leben eine neue Wendung geben kann. Er beschließt daraufhin, seinen Militärdienst abzuleisten und zwar nicht, wie es ihm als im Ausland lebender türkischer Staatsangehöriger auch möglich wäre, in verkürzter Zeit, sondern vielmehr volle 18 Monate. F hofft nach seiner Rückkehr mit dem gewonnen Abstand ein völlig neues Leben zu beginnen. Die Eltern des F unterstützen ihren Sohn bei diesem Vorhaben, da auch sie sich hiervon eine Verbesserung erhoffen. F erledigt die notwendigen Vorgänge bei dem für ihn zuständigen türkischen Generalkonsulat und geht mit dem erhaltenen Dokument zu der zuständigen Ausländerbehörde. Dort wird sein Vorhaben befürwortet. Seine Befürchtungen bezüglich der Wiedereinreise mit seinem bis dahin nur befristeten Aufenthalt werden zerstreut. Der Beamte sagte ihm, es dürfte bei seiner Wiedereinreise »keine Probleme geben«. F reist ohne Bedenken aus Deutschland aus, um seinen Militärdienst abzuleisten. Nach dem Ableisten des 18 Monate dauernden Militärdienstes freut sich F auf eine Rückkehr nach Hause zu seiner Familie, seiner Freundin und seinen Freunden. Er begibt sich zu der Deutschen Botschaft, um die Verlängerung seines Aufenthaltstitels zu beantragen. Sein Antrag wird zu seinem Entsetzen ohne Angabe von Gründen abgelehnt. Zunächst ist F sicher, dass es sich bei dieser Entscheidung nur um einen Fehler handeln könne. Erst durch die von ihm beauftragte Anwältin erfährt F, dass »aufgrund der begangenen Straftaten von der Erteilung eines Aufenthaltstatus abgesehen wird«. 250 F muss sich nun zunächst mit ganz profanen Dingen beschäftigen, wie etwa zu überlegen, wo er nun leben soll. Da er in einer türkischen Stadt eine verheiratete Schwester hat, zieht er notgedrungen zu ihr. Noch immer glaubt er, dass dies nur eine vorübergehende Lösung sei und seine Anwältin alles Notwendige für seine Wiedereinreise regeln werde. Diese Hoffnungen schwinden mit dem Ablauf weiterer zwei Jahre und F bekommt Depressionen. Einzig der weiterhin bestehende Kontakt zu seiner Freundin und zu Bekannten und deren Besuche halten F einigermaßen aufrecht. F und seine deutsche Freundin beschließen zu heiraten. Nach der Heirat beantragt sie im Rahmen der Familienzusammenführung seine Einreiseerlaubnis nach Deutschland. Diese wird jedoch mit der Begründung, »es könne sich bei dieser Eheschließung nur um eine Scheinehe handeln«, abgelehnt. Seiner Ehefrau wird nahegelegt in die Türkei zu reisen, wenn sie ihren Ehemann sehen wolle. F leidet zum Zeitpunkt der durchgeführten Befragung so stark an der weiterhin unveränderten Situation, dass er sich in ärztlicher Behandlung befindet.545 4.3.3.7 Fallbeispiel 7: Der Fall G Der Betroffene, 1966 in der Türkei geboren, reiste im Alter von drei Jahren nach Deutschland ein und lebte fortan im Haushalt seiner Eltern. Beide Elternteile sind bemüht, ihren Sohn zu fördern, und unterstützen diesen in seinem schulischen Werdegang, obwohl beide selbst lediglich die Grundschule abgeschlossen haben. Die Mutter des G ist Hausfrau und kann ihrem Sohn viel Zeit widmen. Zuhause wurde Deutsch und Türkisch gesprochen. Im Freundeskreis des G wird ausschließlich Deutsch gesprochen, da dieser komplett aus Freunden deutscher Nationalität bestand. Die Deutschkenntnisse des G in Wort und Schrift sind aufgrund dieser Tatsache sehr gut. G beendet die Schule und schließt erfolgreich eine Ausbildung in der Automobilbranche ab. Im Anschluss daran studiert er an der Fachhochschule, welche er ebenso erfolgreich mit einem Diplom beendet. Da G seinem Heimatort sehr verbunden ist und aus seiner Kinder- und Jugendzeit, wie auch aus seiner Mitgliedschaft im ortsansässigen Sportverein einen großen Bekannten- und Freundeskreis hat, beschließt er, sich dort selbständig zu machen. Sein Geschäft läuft sehr gut, so dass G über ausreichend finanzielle Mittel verfügt, um auch seine Eltern ab 545 Auf die Frage nach seiner Gefühlslage während und nach dem Wiedereinreiseverbot gab der Betroffene an: »Nichts Gutes«. Zu seinem momentanen Gefühlszustand bemerkte er: »Ich empfinde immer noch dasselbe. Ich verstehe nicht, warum ich nicht mehr einreisen darf. An manchen Tagen empfinde ich Hass gegenüber Deutschland. Ich verstehe nicht, wie ein europäisches Land meine Menschenrechte so verletzen kann. Menschen, die ich liebe, kann ich nicht sehen. Meine Neffen habe ich nie gesehen«. 251 und an zu unterstützen. Privat läuft für ihn ebenfalls alles zum Besten. Er heiratet und gründet mit seiner Ehefrau, welche deutsche Staatsbürgerin ist, einen eigenen Hausstand. G wird der Vergewaltigung einer Frau beschuldigt und angeklagt. Nach seinen eigenen Angaben handelt es sich hierbei »um ein abgekartetes Spiel«. Die Frau, welche ihn der Tat bezichtigt, ist die Ehefrau eines Konkurrenten. G bestreitet, die Tat begangen zu haben, und sagt heute noch, dass diese Anschuldigungen gegen ihn erhoben wurden, um ihn als Konkurrenten aus dem Geschäftsbereich zu entfernen. G wird wegen Vergewaltigung zu einer Freiheitsstrafe von 18 Monaten verurteilt. In der Haft wird ihm die Ausweisungsverfügung zugestellt. G beauftragt einen Rechtsanwalt mit der Vertretung seiner Interessen. Dessen Bemühungen, die Ausweisung zu verhindern, bleiben fruchtlos. G wird aus der Haft heraus abgeschoben. G begibt sich in der Türkei an den Geburtsort seiner Eltern, dort findet er die Möglichkeit, in deren Haus zu leben. Seine Eltern reisen an und verbleiben, solange es ihnen möglich ist, die erste Zeit bei ihrem Sohn, um ihn zu unterstützen. Seine Ehefrau wendet sich ganz von ihm ab. Die Ehe wurde zwischenzeitlich geschieden. Fast unmittelbar nach seiner Ankunft wird G zum Militär eingezogen. Er hat zu Beginn große Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Militärableistenden, welche er vor allem auf seine schlechten sprachlichen Kenntnisse zurückführt. Dennoch kann er sein Türkisch in dieser Zeit erheblich verbessern. Nach dem Ableisten des Militärdienstes kehrt G an den Geburtsort seiner Eltern zurück und bemüht sich, einen Arbeitsplatz zu finden, um nicht weiterhin von der finanziellen Unterstützung seiner Eltern aus Deutschland abhängig zu sein. Er hat in seinen Bemühungen jedoch keinen Erfolg. Jede Firma, die Interesse an seiner Arbeitskraft zeigt, setzt voraus, dass G im europäischen Raum auch Auslandstermine für das Unternehmen wahrnehmen kann. Er muss dann immer einräumen, dass er in den Schengenraum nicht mehr einreisen kann. Vor allem dies macht G sehr wütend. Mittlerweile ist er privat glücklich. Er hat erneut geheiratet und zwei Kinder. Jedoch ist er finanziell weiterhin nicht unabhängig.546 546 Auf die Frage nach seiner Gefühlslage während und nach der Ausweisung gab der Betroffene an: »Wut und Enttäuschung. Ich wurde überall als Deutscher aufgeführt. Selbst das Regierungspräsidium sprach von Fehlentscheidung. Die Richter sind die größten Verbrecher«. Zu seinem momentanen Gefühlszustand bemerkte er: »Genugtuung, dass die Bananenrepublik BRD langsam aber sicher vor die Hunde geht. Bekomme täglich im deutschen Fernsehen mit, wie es in der BRD zurzeit abgeht«. 252 4.3.3.8 Fallbeispiel 8: Der Fall H H reist im Alter von drei Jahren nach Deutschland ein, um mit seiner Familie in einer Großstadt zu leben. Der Stadtteil, indem die Familie wohnt, weist einen Ausländeranteil von bis zu 50% auf. Beide Eltern sind berufstätig und können ihren Sohn und den anderen vier Kindern nur abends Zeit widmen. Folglich verbringt H seine Zeit neben des Grundund Hauptschulbesuchs größtenteils beim Sport und mit seinem Freundeskreis. Dieser besteht aus Menschen verschiedener Nationalitäten, daher wird untereinander überwiegend Deutsch gesprochen. In diesem Freundeskreis kommt H mit Betäubungsmitteln in Berührung. Nach anfänglich nur gelegentlichem Konsum beginnt H in der Folgezeit, mit Betäubungsmitteln zu handeln. Die Hauptschule schließt H dennoch ab. Nach dem Abschluss beginnt er eine Ausbildung, welche er jedoch abbricht. Seine Eltern unterstützen ihn finanziell und er lebt weiterhin im Familienverbund. Er fühlt sich jedoch zwischen den Kulturen, einerseits der seiner Familie und andererseits der Welt außerhalb derselben, hin- und hergerissen. Schließlich findet H eine Anstellung in einem Unternehmen, welche er jedoch wieder verliert. Während seiner Arbeitslosigkeit begeht H eine Körperverletzung und wird mit einer nicht geringen Menge von Betäubungsmitteln aufgegriffen. H wird wegen dieser Delikte zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren und sieben Monaten verurteilt. Nachdem H zwei Drittel seiner Strafe verbüßt hat, wird er aus dem Gefängnis heraus in die Türkei abgeschoben. Der von ihm beauftragte Rechtsanwalt konnte die Ausweisung nicht verhindern, beantragte jedoch für seinen Mandanten die Befristung der Sperrwirkung. Diese wurde auf fünf Jahre festgelegt. H wird in der Türkei zunächst von seinem Onkel aufgenommen und lebt bis zu dem Zeitpunkt seiner Einberufung zum Militärdienst bei diesem. Dort wird er anfänglich auch finanziell unterstützt, da er keine Anstellung findet. Vor allem seine mangelhaften Sprachkenntnisse bereiten ihm Schwierigkeiten. Nach dem Ableisten des Militärdienstes findet H in einem Geschäft, welches überwiegend vom Tourismus lebt, eine Anstellung und bezieht eine eigene Wohnung. An seine Lebensumstände und an die neue Umgebung hat sich H bis heute nicht gewöhnt. Er hofft darauf, dass er nach der Heirat mit seiner deutschen Freundin und dem Ablauf der Sperrwirkung wieder in Deutschland leben wird. Die ganzen Lebensumstände empfindet H als eine Mehrfachbestrafung und richtet seine ganzen Zukunftshoffnungen auf die Zeit, in der er wieder in Deutschland leben wird. 253 Mehrere Angebote, ihn illegal nach Deutschland einzuschleusen, hat H abgelehnt, da er zuversichtlich ist, auf legalem Weg einreisen zu dürfen.547 4.3.3.9 Fallbeispiel 9: Der Fall I I wurde 1971 in der Türkei geboren und reiste im Alter von einem Monat nach Deutschland ein. Dort lebte er mit seinen berufstätigen Eltern in einem Stadtteil mit einem Ausländeranteil von über 50 Prozent. Er besuchte die Grundschule und schloss Freundschaften zu Personen verschiedenster Nationalitäten. Während im Elternhaus neben Deutsch auch Türkisch gesprochen wurde, wurde im Freundeskreis ausschließlich Deutsch gesprochen. I stuft seine Deutschkenntnisse als sehr gut ein. I schließt die Hauptschule ab. In dieser Zeit wird I drogenabhängig und muss eine nach der Schule begonnene Ausbildung zum Schlosser wegen der Sucht abbrechen. Seine Abhängigkeit führt zur Beschaffungskriminalität. I wird der räuberischen Erpressung angeklagt und zu einer Freiheitsstrafe von 39 Monaten verurteilt. Nachdem I 24 Monate seiner Strafe verbüßt hat, wird er ausgewiesen und aus dem Gefängnis heraus in die Türkei abgeschoben. In der Türkei wird I von einer Tante und deren Familie aufgenommen. Nach kurzer Zeit wird er zum Militärdienst eingezogen. Dies ist für ihn eine besondere Belastung, denn er ist weiterhin drogenabhängig und kann diese Zeit nur durch die finanzielle Unterstützung seiner Familie überstehen. Eine Therapiestelle in der Türkei zu bekommen, um von seiner Sucht geheilt zu werden, gestaltet sich als sehr schwierig, da es solche Einrichtungen kaum gibt. Nach Beendigung der Militärzeit vergehen zwei Jahre bis I eine feste Anstellung findet. Diese Zeit nutzt er zur Gründung eines eigenen Hausstandes. Zudem hat I zwischenzeitlich geheiratet. Er hat sich nach eigenen Angaben immer noch nicht an sein Leben in der Türkei gewöhnt und denkt auch nicht, diese Schwierigkeiten überwinden zu können und sich mit der Zeit an die Lebensumstände zu gewöhnen. Ein Angebot, ihn illegal in Deutschland einzuschleusen, hat I dennoch abgelehnt.548 547 Auf die Frage nach seiner Gefühlslage während und nach der Ausweisung gab der Betroffene an: »Ich habe keine Chance bekommen. Ich musste gleich zum Militär. Das waren zu viele Strafen auf einmal«. Zu seinem momentanen Gefühlszustand bemerkte er: »Ich kann hier nicht leben. Man hat mich doppelt bestraft«. 548 Auf die Frage nach seiner Gefühlslage während und nach der Ausweisung gab der Betroffene an: »Meine Rechte wurden vergewaltigt«. Zu seinem momentanen Gefühlszustand bemerkte er: »Ich empfinde Hass. In Deutschland gibt es keine Menschenrechte«. 254 4.3.3.10 Fallbeispiel 10: Der Fall J Zum Abschluss sei noch ein ermittelter Fall geschildert, der nicht in die Reihe der Ausweisungen passt, der jedoch die möglichen Härten des deutschen Ausländerrechts auch bei hier »Verwurzelten« illustriert. J wurde 1965 in der Türkei geboren, wuchs jedoch bei seinen Eltern in einer deutschen Kleinstadt auf. Beide Elternteile waren ganztags berufstätig, bemühten sich dennoch, Ihren Sohn zu fördern. J besuchte zunächst die Grundschule und im Anschluss daran das Gymnasium. Im Elternhaus des J wurde überwiegend die türkische Muttersprache gesprochen, sodass J sowohl Türkisch als auch Deutsch sehr gut beherrscht. Der Vater von J war in der Türkei als Lehrer tätig gewesen. Die ihm in seinem Elternhaus vermittelten Werte- und Moralvorstellungen sind für J dieselben, welche er in seinem Freundes- und Bekanntenkreis antrifft, auch wenn dieser verschiedenste Nationalitäten umfasst. Nachdem J das Abitur bestanden hatte, studierte er an einer deutschen Universität Betriebswirtschaftslehre und beendete erfolgreich sein Studium. Zu dieser Zeit entschließen sich seine Eltern, nachdem ihr Sohn bereits einen eigenen Haushalt führt und ihrer Unterstützung nicht mehr bedarf, wieder in ihr Heimatland zurückzukehren. J schließt für sich selber eine Rückkehr aus, da er sich in seinem Wohnort heimisch fühlt. Als er bei der Arbeitssuche feststellen muss, dass ihn das Arbeitsamt nicht vermitteln kann und eigene Bemühungen ebenso fehlschlagen entschließt er sich, das an ihn herangetragene Angebot eines deutschen Unternehmens anzunehmen, für dieses in der Türkei zu arbeiten. Der mit dem deutschen Unternehmen geschlossene Arbeitsvertrag weist als Arbeitgeber eben jenes Unternehmen aus, jedoch mit der Niederlassung in der Türkei. Seine Tätigkeit für das Unternehmen führt J in Abständen von einigen Monaten regelmäßig nach Deutschland. J sieht in der Annahme dieser Stellung für sich selbst die Möglichkeit, Berufserfahrung zu sammeln und damit bei seiner nächsten Bewerbung die so oft geforderte Bedingung der Berufserfahrung vorweisen zu können. Während der vier Jahre, die J in der Türkei tätig ist, lernt er eine türkische Staatsbürgerin kennen und heiratet diese. Im Jahre 2000 findet J schließlich eine neue Stelle bei einem großen Konzern in der Nähe seines Heimatortes in Deutschland und kehrt dorthin zurück. Seinem persönlichen Empfinden nach ist er nun an dem Ziel angelangt, auf welches er vier Jahre lang hingearbeitet hat. 255 Während der ersten zwei Monate seiner neuen Tätigkeit bemüht sich J, nebenher alle nötigen Vorbereitungen für den Nachzug seiner Ehefrau zu regeln. Er bezieht eine Wohnung, richtet diese ein und stellt bei der zuständigen Ausländerbehörde den Antrag auf Familienzusammenführung. Zu seiner Überraschung erklärt ihm der dortige Beamte, dass er einen solchen Antrag nicht zu stellen braucht, da die hierfür nötigen Anforderungen in seiner Person fehlen würden. Er erläutert J, dass seine unbefristete Aufenthaltserlaubnis durch seinen Aufenthalt und seine Tätigkeit in der Türkei unwirksam geworden sei. Er hätte mit einer unbefristeten Aufenthaltserlaubnis nur sechs Monate im Ausland leben dürfen, ohne seinen Aufenthaltsstatus zu verlieren. Er sei zwar nahezu alle sechs Monate nach Deutschland eingereist, aber eben nur nahezu. Zudem lasse die Tatsache, dass die Besteuerung für das Arbeitsentgelt, welches er von dem Unternehmen erhalten hat, in der Türkei vorgenommen wurde, und die Tatsache, dass er dort eine Ehefrau habe und einen Haushalt führe, nur den Schluss zu, dass sein Lebensmittelpunkt in jenen vier Jahren in der Türkei gewesen sei. Dies habe zum Verlust seiner Aufenthaltserlaubnis geführt. Momentan werde J mithin rechtlich in Deutschland nur geduldet. Der Beamte der zuständigen Ausländerbehörde forderte J sodann auf, das Land unverzüglich freiwillig zu verlassen. J lehnte dies entsetzt ab und äußerte sein Unverständnis. Darauf forderte der Beamte J auf, seinen Reisepass auszuhändigen. Da J sich nicht zu helfen weiß, übergibt er dem Beamten sein Personalpapier. Nachdem er die Behörde verlassen hat, sucht J umgehend einen Rechtsanwalt auf, welcher Widerspruch gegen die von der Behörde erlassene Verfügung erhebt, jedoch ohne Erfolg. Einige Tage später wird J frühmorgens von drei Beamten abgeholt und in Handschellen zum Flughafen verbracht; dort wird er auf dem Luftweg in die Türkei abgeschoben. Die nach seiner Abschiebung in die Türkei eingereichte Klage gegen die Abschiebungsverfügung hatte bei dem zuständigen Gericht keinen Erfolg. Auch der Einsatz der Medien und einzelner Politiker führte zu keinem für ihn positiven Ergebnis. J lebt nun mit seiner Ehefrau seit über drei Jahren in der Türkei. Einen Monat nach seiner Abschiebung fand er einen Arbeitsplatz bei einem großen deutschen Automobilkonzern. Finanzielle Schwierigkeiten hat er keine. Dennoch ist er seiner eigenen Aussage nach verbittert. Immer wenn er sich geschäftlich in Deutschland aufhält, empfindet er Wut darüber, dass sein Bemühen, nicht auf Kosten der deutschen Gesellschaft zu leben, »bestraft« worden sei. Er 256 sei nie kriminell gewesen und fühle sich dennoch mit Verbrechern gleichgestellt. Für geschäftliche Einreisen in die Bundesrepublik erhält J jeweils ein Visum.549 4.3.4 Auswertung der Fallbeispiele Aufgrund der geringen Anzahl von Interviews kann selbstredend kein allgemeiner Rückschluss auf die sozioökonomischen Verhältnisse aller Betroffenen getroffen werden. Dennoch kann davon ausgegangen werden, dass durch den Vergleich der hier Befragten gewisse Grundannahmen zulässig sind. Es hat sich gezeigt, dass die Interviewten im Bereich Bildung überwiegend nur ein geringes Schul- und Bildungsprofil vorweisen. Sechs der Befragten hatten einen Hauptschulabschluss ohne jegliche Berufsausbildung, während eine Person sogar überhaupt keinen Schulabschluss erlangen konnte. Zeiten der Arbeitslosigkeit und Hilfstätigkeiten wechselten sich in ihrem Lebenslauf ab. Während eine Person über einen Schulabschluss mit Berufsausbildung verfügte, waren zwei der Befragten Fachhochschul- bzw. Universitätsabsolventen. Beide waren berufstätig. Auch wenn der schulische und berufliche Erfolg in enger Verbindung zu den erworbenen Sprachkenntnissen steht, muss doch bei der Selbsteinschätzung zu den Sprachkenntnissen bemerkt werden, dass hier möglicherweise von einer verzerrten Selbsteinschätzung auszugehen ist. Lediglich eine Person stufte ihre Sprachkenntnisse als sehr schlecht ein; die restlichen Befragten stuften sie als gut bis sehr gut ein. Bei der Frage nach dem Engagement der Eltern, ihre Kinder in der Schul- und Berufsausbildung zu fördern, konnten deutliche Unterschiede festgestellt werden. Während vier der Befragten das Engagement der Eltern eher als gering bzw. ausreichend angaben, stuften die restlichen Befragten dieses als gut bis sehr gut ein. Wie sich dieses Engagement allerdings praktisch gestaltete, kann durch das eigene Bildungsprofil der Eltern erahnt werden. Von den zwanzig Elternteilen verfügten lediglich sechs Elternteile über einen türkischen Grundschulabschluss, der kaum als hilfreich in Form von Wissensvermittlung oder Hausaufgabenhilfe eingestuft werden kann. Bei elf Elternteilen lagen keine Schulabschlüsse vor. Lediglich ein Elternteil hatte in der Türkei eine akademische Ausbildung zum Lehrer erfahren. Dessen Sohn war auch einer der beiden interviewten Akademiker. Von den restlichen Betroffenen konnten keine Antworten erhalten werden, da sie keine Kenntnisse über den Schulabschluss ihrer Eltern hatten. 549 Auf die Frage nach seiner Gefühlslage während und nach der Abschiebung gab der Betroffene an: »Ich empfand Verachtung, Wut und Misshandlung«. Zu seinem momentanen Gefühlszustand bemerkte er: »An meinen Gefühlen hat sich nichts geändert. Ich habe immer noch eine feindliche Einstellung gegenüber Deutschland«.

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Zusammenfassung

Für straffällige Ausländer, die in Deutschland geboren oder im Kindesalter eingereist sind, stellt sich eine Ausweisung regelmäßig als „Doppelbestrafung“ dar. Auch die Verwurzelung im Bundesgebiet schützt nach nationalen Maßstäben hiervor nur begrenzt. Betrachtet man das sozioökonomische Profil der Ausgewiesenen, so zeigt sich, dass diese fast ausnahmslos der sog. Unterschicht angehören. Bildungsarmut, Arbeits- und Perspektivlosigkeit sowie der damit einhergehende unsichere Aufenthaltsstatus bestimmen ihr Leben. Im Gegensatz zum bisherigen nationalen Ausländerrecht stellt der Europäische Ausweisungsschutz nun insbesondere für Unionsbürger und assoziationsbegünstigte türkische Staatsangehörige stärker auf faktische Bindungen in der „Heimat“ ab. Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive ist nachweisbar, dass er hierdurch ausgesprochen effektiv wirkt und die Ausweisungszahlen in der Ausländerpraxis deutlich reduziert hat.