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Levent Günes, Aufenthaltsdauer von Unionsbürgern in:

Levent Günes

Europäischer Ausweisungsschutz, page 39 - 43

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4003-4, ISBN online: 978-3-8452-1312-5 https://doi.org/10.5771/9783845213125

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39 kreises. Ein aktives Bekennen Deutschlands zu seinen Zuwanderern und die politische Forderung an diese, sich aktiv einzubringen bzw. zu integrieren, stellen die zukünftigen Herausforderungen innerhalb der Zuwanderungspolitik dar. 2.2 Aufenthaltsdauer der ausländischen Bevölkerung in Deutschland »Die Aufenthaltsdauer ist definiert als die Zeit von der ersten Einreise in das Bundesgebiet bis zum jeweiligen Auszählungsstichtag«.19 Von Bedeutung ist die Aufenthaltsdauer insofern, als sie Rückschlüsse auf die emotionalen, sozialen und wirtschaftlichen Verflechtungen der Ausländer mit der Bundesrepublik zulässt bzw. diese dokumentiert. Eine Aufenthaltsdauer von mehr als zehn Jahren lässt mit einer hohen Wahrscheinlichkeit die Vermutung zu, dass diese Ausländer ihren Lebensmittelpunkt nach Deutschland verlagert haben. Nach 10-jähriger Aufenthaltsdauer findet kaum mehr eine Lebensgestaltung statt, die sich an kurzfristigen oder vorübergehenden Phasen orientiert. Ein Beispiel für eine vorübergehende Phase ist das klassische Beispiel des »Gastarbeiters«, der ohne Familie in einem Männerwohnheim lebt und am Monatsende einen Teil seines Gehalts der Familie im Herkunftsland zukommen lässt. Soziale Bindungen bestehen in der Regel lediglich zu Mitbewohnern im Wohnheim und Arbeitskollegen. Eine kleine soziale Einheit, die isoliert der hiesigen Gesellschaft gegenübersteht. Das aus einer solchen Situation entstehende Gefühl des Fremdseins, ist wohl das charakteristischste Merkmal für eine kurze Aufenthaltsdauer zum Zwecke der Arbeitsaufnahme in einem fremden Land.20 Mit der Zunahme der Aufenthaltsdauer löst sich diese isolierte soziale Einheit kontinuierlich auf. Entscheidend ist hierfür auch das subjektive Empfinden der Betroffenen. Die Fremde wird spätestens durch einen Familiennachzug »heimisch« – ja sogar zur Heimat. Die Kinder lernen die Sprache der neuen Heimat, soziale Verflechtungen werden in Form von Familienund Arbeitsplatzfreundschaften komplexer bzw. durch wirtschaftliche Prosperität stärker. Sowohl wirtschaftliche als auch soziale und emotionale Verflechtungen verlagern den Lebensmittelpunkt und werden zu Ursachen von längeren Aufenthaltszeiten. 19 Statistisches Bundesamt (2001), Ausländische Bevölkerung in Deutschland, Wiesbaden, S. 16. 20 Ausschlaggebend sind hier auch die eigenen kulturellen und religiösen Werte, die im Vergleich zu denen des Aufenthaltsstaates gesetzt werden. 40 Abbildung 2:21 Betrachtet man die Aufenthaltsdauer der gesamten ausländischen Bevölkerung in Deutschland, so waren zum Jahresende 2005 von den 6.755.811 Millionen Personen im Ausländerzentralregister mehr als 62% länger als 10 Jahre – darunter knapp 34% mehr als 20 Jahre – in Deutschland ansässig. Mehr als 45% lebten seit mehr als fünfzehn Jahren in Deutschland und mehr als 20% länger als 30 Jahre.22 Etwa 38% aller Ausländer lebten seit weniger als zehn Jahren in Deutschland. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer aller in Deutschland aufhältigen Ausländer betrug im Jahr 2005 etwa 16,8 Jahre.23 Dabei ist zu beobachten, dass es je nach Nationalitäten Unterschiede in der Aufenthaltsdauer gibt. Im weiteren Verlauf werden – entsprechend dem Fokus der Arbeit – zwei Gruppen gebildet und untersucht: Unionsbürger sowie türkische Staatsangehörige. 21 Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (2006), Migration, Asyl und Integration; 14. Aufl., Nürnberg, S. 83. 22 Vgl. ebenda; eigene Berechnungen. 23 Ebd. Der hohe Anteil von Personen mit einer Aufenthaltsdauer von weniger als zehn Jahren ist unter anderem auf Flüchtlinge aus Bürgerkriegsländern in den 90er Jahren zurückzuführen. Gleichzeitig stellen afghanische, rumänische, pakistanische sowie polnische Staatsangehörige die größten Gruppen innerhalb dieser Unterteilung dar. Aufenthaltsdauer der ausländischen Bevölkerung in Deutschland (2005) Davon Aufenthaltsdauer von … bis unter … Jahren 0% 5% 10% 15% 20% 25% un ter 1 1 b is 4 4 b is 6 6 b is 8 8 b is 10 10 bi s 1 5 15 bi s 2 0 20 bi s 2 5 25 bi s 3 0 30 un d m eh r 0 200.000 400.000 600.000 800.000 1.000.000 1.200.000 1.400.000 1.600.000 41 2.2.1 Aufenthaltsdauer von Unionsbürgern Von den mehr als 6,7 Millionen Ausländern, die Ende 2005 in Deutschland lebten, waren etwa 2,1 Millionen der Ausländer aus einem EU-Staat.24 Der Anteil der Unionsbürger beträgt gemessen an der Gesamtzahl etwa 32 Prozent. Das bedeutet, dass nur jeder dritte Ausländer in der Bundesrepublik Unionsbürger ist.25 Abbildung 3:26 24 Ebenda, S. 82. Die Anzahl der Ausländer aus EU-Staaten umfasst die Staatsangehörigen der 24 EU-Staaten. 25 Ebd. 26 Statistisches Bundesamt (2006), Bevölkerung und Erwerbstätigkeit – Ausländische Bevölkerung, Ergebnisse des Ausländerzentralregisters, Fachserie 1 / Reihe 2, Stand 2005, Wiesbaden, S. 50 f. Aufenthaltsdauer von ausgewählten Unionsbürgern in Deutschland (2005) Davon Aufenthaltsdauer von … bis unter … Jahren Ausgewählte Staatsangehörigkeiten unter 1 1 bis 4 4 bis 6 6 bis 8 8 bis 10 10 bis 15 15 bis 20 20 bis 25 25 bis 30 30 und mehr durchschnittliche Aufenthaltsdauer in Jahren Italien 6.700 21.300 18.500 23.600 25.500 59.000 61.700 49.200 66.100 209.200 24,3 Polen 43.900 68.800 30.300 25.500 24.500 52.400 50.900 19.800 4.800 5.800 9,5 Griechenland 3.300 13.200 12.000 13.700 13.900 42.800 46.400 19.100 22.900 122.400 23,3 Portugal 2.100 6.800 6.100 7.200 8.800 25.000 11.100 4.900 9.200 34.400 19,3 Spanien 3.700 4.600 4.500 4.000 3.600 7.700 5.800 5.200 7.700 58.100 26,1 Türkei 23.900 89.400 63.900 102.100 119.200 293.500 255.800 130.800 247.800 437.500 19,9 42 Abbildung 4:27 Betrachtet man die Aufenthaltsdauer von Unionsbürgern in Deutschland, fällt der hohe Anteil von Personen mit langer Aufenthaltsdauer auf. Etwa 21% der Unionsbürger leben seit weniger als sechs Jahren und ca.11% seit sechs bis zehn Jahren in Deutschland. Der Anteil derjenigen, die länger als zehn Jahre hier leben, ist mit 68% sehr hoch. Auffallend ist, dass 29,7% der hier lebenden Unionsbürger eine Aufenthaltsdauer von mehr als dreißig Jahren vorweisen können.28 Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Staatsangehörigen aus den klassischen (EU-) Anwerbestaaten verdeutlicht zudem, dass Ausländer aus diesen Staaten über sehr lange Aufenthaltszeiten in Deutschland verfügen. So beträgt die durchschnittliche Aufenthaltsdauer bei Italienern ca. 24,3 Jahre, bei Griechen ca. 23,3 Jahre und bei Portugiesen ca. 19,3 Jahre. Die Spanier verfügen innerhalb dieser Gruppe über die längste durchschnittliche Aufenthaltsdauer von ca. 26,1 Jahre.29 27 Ebd. 28 Vgl. ebenda; eigene Berechnungen. 29 Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (2006), Migration, Asyl und Integration; 14. Aufl., Nürnberg, S. 83. Aufenthaltsdauer von Unionsbürgern in Deutschland (2005), gesamt Davon Aufenthaltsdauer von … bis unter … Jahren 0% 5% 10% 15% 20% 25% 30% 35% un ter 1 1 b is 4 4 b is 6 6 b is 8 8 b is 10 10 bi s 1 5 15 - 20 20 bi s 2 5 25 bi s 3 0 30 un d m eh r 0 100.000 200.000 300.000 400.000 500.000 600.000 700.000 43 2.2.2 Aufenthaltsdauer von türkischen Staatsangehörigen Ende 2005 lebten 1.764.041 Millionen Menschen mit einer türkischen Staatsangehörigkeit in Deutschland und stellten die größte Gruppe unter den Ausländern dar. Etwa 26% der Ausländer in Deutschland sind türkische Staatsangehörige.30 Abbildung 5:31 Auch bei den türkischen Staatsangehörigen in Deutschland ist ein ähnliches Bild wie bei den Unionsbürgern zu erkennen. Etwa 10,1% der türkischen Staatsbürger leben kürzer als sechs Jahre hier bzw. 12,6% von sechs bis zehn Jahren. Der Anteil derjenigen, die länger als 10 Jahre hier leben ist mit 77,3% sehr hoch.32 Auffallend ist, dass die Anzahl der türkischen Staatsangehörigen mit einer Aufenthaltsdauer von mehr als dreißig Jahren im Vergleich zu Unionsbürgern mit etwa 24,8% eher gering ausfällt.33 Gründe hierfür können vor allem die Rückkehr vieler türkischer Staatsbürger sein, die in den ersten Anwerbejahren eingereist wa- 30 Ebenda, S. 82. 31 Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (2006), Migration, Asyl und Integration; 14. Aufl., Nürnberg, S. 83. 32 Vgl. ebenda; eigene Berechnungen. 33 Vgl. ebenda; eigene Berechnungen. Aufenthaltsdauer von Türken in Deutschland (2005) Davon Aufenthaltsdauer von … bis unter … Jahren 0% 5% 10% 15% 20% 25% 30% un ter 1 1 b is 4 4 b is 6 6 b is 8 8 b is 10 10 bi s 1 5 15 bi s 2 0 20 bi s 2 5 25 bi s 3 0 30 un d m eh r 0 50.000 100.000 150.000 200.000 250.000 300.000 350.000 400.000 450.000 500.000

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Zusammenfassung

Für straffällige Ausländer, die in Deutschland geboren oder im Kindesalter eingereist sind, stellt sich eine Ausweisung regelmäßig als „Doppelbestrafung“ dar. Auch die Verwurzelung im Bundesgebiet schützt nach nationalen Maßstäben hiervor nur begrenzt. Betrachtet man das sozioökonomische Profil der Ausgewiesenen, so zeigt sich, dass diese fast ausnahmslos der sog. Unterschicht angehören. Bildungsarmut, Arbeits- und Perspektivlosigkeit sowie der damit einhergehende unsichere Aufenthaltsstatus bestimmen ihr Leben. Im Gegensatz zum bisherigen nationalen Ausländerrecht stellt der Europäische Ausweisungsschutz nun insbesondere für Unionsbürger und assoziationsbegünstigte türkische Staatsangehörige stärker auf faktische Bindungen in der „Heimat“ ab. Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive ist nachweisbar, dass er hierdurch ausgesprochen effektiv wirkt und die Ausweisungszahlen in der Ausländerpraxis deutlich reduziert hat.