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Gunnar Postel, Zum Anspruch auf rechtliches Gehör in:

Gunnar Postel

Die Zurückweisung der Berufung durch Beschluss, page 20 - 22

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4007-2, ISBN online: 978-3-8452-1361-3 https://doi.org/10.5771/9783845213613

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20 D. Zur Verfassungsmäßigkeit des § 522 Abs. 2 und 3 ZPO Die Frage nach der Verfassungsmäßigkeit der Regelung des § 522 Abs. 2 und 3 ZPO wird in Rechtsprechung und Literatur unterschiedlich beantwortet. Die Rechtsprechung und Teile der Literatur gehen davon aus, dass die Vorschriften über den unanfechtbaren Zurückweisungsbeschluss verfassungsmäßig sind56. Andere halten die Regelung des § 522 Abs. 2 und 3 ZPO hingegen für verfassungswidrig57. Bezweifelt wird dabei in erster Linie die Vereinbarkeit mit dem Gleichheitssatz. Diskutiert wird zudem die Vereinbarkeit der Regelung mit dem Anspruch auf rechtliches Gehör, dem Recht auf den gesetzlichen Richter und dem Rechtsstaatsprinzip. Zu berücksichtigen sind im Grundsatz auch die Verfahrensgarantien des Art. 6 EMRK. Da diese jedoch „in weiten Teilen von den gleichen Vorstellungen und Qualitätsanforderungen ausgehen“58 wie das deutsche Verfassungsrecht, soll hier auf die Gewährleistungen des Art. 6 EMRK nicht gesondert eingegangen werden, sondern diese Bestimmung nur Berücksichtigung ? nden, soweit sie über das deutsche Verfassungsrecht hinausgehende Garantien enthält. Nicht einzugehen ist hingegen auf Art. 19 Abs. 4 GG. Art. 19 Abs. 4 GG kommt nur bei verwaltungsgerichtlichen Streitigkeiten iwS. zum Tragen, wohingegen für die hier interessierenden privatrechtlichen Streitigkeiten das allgemeine Rechtsstaatsprinzip einschlägig ist59. 1. Zum Anspruch auf rechtliches Gehör Art. 103 Abs. 1 GG garantiert das Recht, sich grundsätzlich vor Erlass einer Entscheidung mindestens schriftlich in tatsächlicher und rechtlicher Hinsicht zur Sache zu äußern. Ein Anspruch auf eine mündliche Verhandlung, lässt sich aus der Vorschrift 56 BVerfG, Beschl. v. 05.08.2002 – 2 BvR 1108/02 –, NJW 2003, 281; Beschl. v. 01.10.2004 – 1 BvR 173/04 –, NJW 2005, 659; Beschl. v. 26.04.2005 – 1 BvR 1924/04 –, NJW 2005, 1931; BGH, Beschl. v. 06.07.2005 – IV ZB 54/04 –, FamRZ 2005, 1555; OLG Koblenz, Beschl. v. 20.02.2003 – 10 U 883/02 –, NJW 2003, 2100; OLG Frankfurt, Beschl. v. 05.11.2003 – 16 U 116/03 –, NJW 2004, 165, 167; BerlVerfGH, Beschl. v. 30.04.2004 – VerfGH 2/04 –, NJW-RR 2004, 1719; OLG Düsseldorf, Beschl. v. 03.02.2005 – II-4 UF 150/04, 4 UF 150/04 –, NJW 2005, 833; KG Berlin, Beschl. v. 16.12.2005 – 7 U 80/05 –, zit. n. juris; Gerken, in: Wieczorek/ Schütze, § 522 Rdnr. 61; Ball, in: Musielak, § 522 Rdnr. 2; Gottwald, FamRZ 2005, 428. 57 Rimmelspacher, in: MüKo-ZPO, § 522 Rdnr. 35; Zimmermann, ZPO, § 522 Rdnr. 8; Lindner, ZIP 2003, 192 ff.; Raeschke-Kessler, AnwBl 2004, 321, 324 und Schneider, AnwBl 2003, 193 f.; ders., ZAP Fach 13, 1239 ff.; Krüger, NJW 2008, 945. 58 Schmidt-Aßmann, in: Maunz/Dürig, Art. 103 Abs. 1 Rdnr. 24. Siehe auch Schulze-Fielitz, in: Dreier, Art. 103 Rdnr. 8 und Meyer-Ladewig, Hk-EMRK, Art. 6 Rdnr. 3. 59 BVerfG, Beschl. v. 30.04.2003 – 1 PBvU 1/02 –, NJW 2003, 1924, 1925 f.; Jarass, in: Jarass/ Pieroth, Art. 19 Rdnr. 34 und Art. 20 Rdnr. 91; Sachs, in: Sachs, Art. 20 Rdnr. 162; Krebs, in: von Münch/Kunig, Art. 19 Rdnr. 50; Schmidt-Aßmann, in: Maunz/Dürig, Art. 103 Abs. 1 Rdnr. 7; Schulze-Fielitz, in: Dreier, Art. 19 Rdnr. 35 ff. 21 hingegen nicht ableiten60. Das Bundesverfassungsgericht hat bereits 1956 klargestellt, dass es Sache des Gesetzgebers sei, wie weit er in einem Verfahren einen Anspruch auf mündliche Verhandlung geben will61. In Ergänzung hierzu führte das Bundesverfassungsgericht in seiner Entscheidung vom 7.3.196362 aus: „Art. 103 Abs. 1 GG gibt nur das Recht, vor Gericht Anträge zu stellen und Ausführungen zu machen, nicht aber einen Anspruch auf eine bestimmte Verfahrensart, z.B. darauf, dass nur auf Grund mündlicher Verhandlung entschieden werde (BVerfGE 5, 9 [11]; 6, 19 [20]). Die Prinzipien der Mündlichkeit und Öffentlichkeit der Verhandlung sind keine Verfassungsgrundsätze, sondern Prozessrechtsmaximen, die bestimmte Verfahrensarten beherrschen.“ Das Bundesverfassungsgericht und die Berufungsgerichte nehmen deshalb an, dass der aus Art. 103 Abs. 1 GG folgende Anspruch rechtlichen Gehörs durch die Eröffnung des Beschlussverfahrens ohne mündliche Verhandlung nicht beeinträchtigt wird63. Auch die Regelung des § 522 Abs. 3 ZPO, verstößt nicht gegen den verfassungsrechtlich verankerten Anspruch auf rechtliches Gehör. Denn Art. 103 Abs. 1 GG gebietet nicht die Gewährleistung eines Instanzenzugs64 – dies gilt im Übrigen auch für die sonstigen Verfassungsbestimmungen des Grundgesetzes65. Der Einwand von 60 BVerfG, Beschl. v. 13.11.1956 – 1 BvR 513/56 –, BVerfGE 6, 19, 20; Beschl. v. 27.07.1971 – 2 BvR 443/70 –, BVerfGE 31, 364, 370; Beschl. v. 09.10.1973 – 2 BvR 482/72 –, BVerfGE 36, 85, 87; Beschl. v. 24.03.1982 – 2 BvH 1, 2/82, 2 BvR 233/82 –, BVerfGE 60, 175, 210 f.; Beschl. v. 08.02.1994 – 1 BvR 765, 766/89 –, BVerfGE 89, 381, 391; Beschl. v. 17.03.2005 – 1 BvR 308/05 –, NJW 2005, 1485, 1486; BGH, Urt. v. 04.06.1992 – IX ZR 149/91 –, BGHZ 118, 312, 321; BVerwG, Beschl. v. 06.02.1979 – 4 B 12.79 –, BVerwGE 57, 272, 273; BFH, Urt. v. 05.11.1991 – VII R 64/90 –, BFHE 166, 415, 416; Pieroth, in: Jarass/Pieroth, Art. 103 Rdnr. 19; Degenhart, in: Sachs, Art. 103 Rdnr. 22; Schulze-Fielitz, in: Dreier, Art. 103 Rdnr. 26 und 49; Nolte, in: M/K/S, Art. 103 Abs. 1 Rdnr. 18 und 45; Brockmeyer, in: Schmidt-Bleibtreu/Klein, Art. 103 Rdnr. 4a; Schmidt-Aßmann, in: Maunz/Dürig, Art. 103 Abs. 1 Rdnr. 84. 61 BVerfG, Beschl. v. 25.05.1956 – 1 BvR 53/54 –, BVerfGE 5, 9, 11. 62 BVerfG, Beschl. v. 07.03.1963 – 2 BvR 629, 637/62 –, BVerfGE 15, 303, 307. 63 Siehe insoweit BVerfG, Beschl. v. 01.10.2004 – 1 BvR 173/04 –, NJW 2006, 659, 660; OLG Koblenz, Beschl. v. 20.02.2003 – 10 U 883/02 –, NJW 2003, 2100, 2101 und OLG Frankfurt, Beschl. v. 05.11.2003 – 16 U 116/03 –, NJW 2004, 165, 167. 64 BVerfG, Beschl. v. 08.01.1997 – 2 BvR 2426/96 –, NJW 1997, 1228 mwN. 65 BVerfG, Beschl. v. 30.04.2003 – 1 PBvU 1/02 –, NJW 2003, 1924. Siehe insoweit a) zum allgemeinen Justizgewähranspruch: BVerfG, Beschl. v. 11.08.1980 – 1 PBvU 1/79 –, BVerfGE 54, 277, 291; Beschl. v. 08.02.1994 – 1 BvR 765, 766/89 –, BVerfGE 89, 381, 390; Beschl. v. 30.04.2003 – 1 PBvU 1/02 –, BVerfGE 107, 395, 401 f.; Jarass, in: Jarass/Pieroth, Art. 20 Rdnr. 93; Sachs, in: Sachs, Art. 20 Rdnr. 164; Schmidt-Aßmann, in: Maunz/Dürig, Art. 19 Rdnr. 179. Differenzierend Krebs, in: von Münch/Kunig, Art. 19 Rdnr. 63. b) zu Art. 19 Abs. 4 GG: BVerfG Beschl. v. 07.07.1992 – 2 BvR 1631, 1728/90 –, BVerfGE 87, 48, 61; BVerwG, Urt. v. 22.01.2004 – 4 A 32.02 –, BVerwGE 120, 87, 93; Jarass, in: Jarass/Pieroth, Art. 19 Rdnr. 54; Krüger/Sachs, in: Sachs, Art. 19 Rdnr. 120 und 138; Krebs, in: von Münch/Kunig, Art. 19 Rdnr. 63; Schmidt- Aßmann, in: Maunz/Dürig, Art. 19 Abs. 4 Rdnr. 179; Huber, in: M/K/S, Art. 19 Rdnr. 480. A.A ist Voßkuhle, NJW 1995, 1377, der aus Art. 19 Abs. 4 GG einen „sekundären Kontrollanspruch“ ableitet. c) zu Art. 3 Abs. 1 GG: Dürig, in: Maunz/Dürig, Art. 3 Abs. 1 Rdnr. 413. 22 Raeschke-Kessler66, § 522 Abs. 3 ZPO verletze Art. 103 Abs. 1 GG, weil kein Rechtsmittel – gemeint ist wohl kein Rechtsbehelf – gegen die erstmalige Verletzung von Verfahrensgrundrechten bestehe, ist spätestens mit der Änderung des § 321 a ZPO und der damit einhergehenden Erstreckung der Gehörsrüge auf den Zurückweisungsbeschluss nach § 522 Abs. 2 Satz 1 ZPO ausgeräumt worden. 2. Zum Recht auf den gesetzlichen Richter Nach Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG darf niemand seinem gesetzlichen Richter entzogen werden. Entzogen wird der gesetzliche Richter, wenn die Verhandlung und Entscheidung einer Sache durch den gesetzlichen Richter von einem anderen Träger öffentlicher Gewalt verhindert oder beeinträchtigt wird67. Bei vordergründiger Betrachtung ließe daher gegen die Regelungen des § 522 Abs. 2 und 3 ZPO einwenden, dass dem Berufungskläger durch den Beschluss nach § 522 Abs. 2 Satz 1 ZPO der Richter für die Entscheidung über eine Revision oder Nichtzulassungsbeschwerde vorenthalten wird, da der Beschluss anders als im Urteilsverfahren nicht angefochten werden kann. Diesen Einwand hat das Bundesverfassungsgericht in seinem Nichtannahmebeschluss vom 05.08.2002 indes zurückgewiesen68. In den Entscheidungsgründen stellte das Bundesverfassungsgericht fest, dass der Beschluss nach § 522 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 ZPO das aus Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG ? ießende Recht auf den gesetzlichen Richter nicht verletze. Zur Begründung verwies das Bundesverfassungsgericht darauf, dass § 522 Abs. 2 Satz 1 ZPO dem Berufungsgericht kein Handlungsermessen einräume, mittelbar über die Wahl des Beschluss- oder Urteilsverfahrens die Anfechtbarkeit seiner Entscheidung zu steuern. Das Berufungsgericht müsse bei Vorliegen der Voraussetzungen des § 522 Abs. 2 ZPO vielmehr durch Beschluss entscheiden. Der gesetzliche Richter für die Entscheidung über eine Revision oder Nichtzulassungsbeschwerde werde daher nicht einmal mittelbar entzogen. 3. Zum Justizgewähranspruch Aus dem Rechtsstaatsprinzip folgt ein Anspruch auf Rechtsschutz durch unabhängige Gerichte (sog. Justizgewähranspruch)69. Der Anspruch umfasst „das Recht auf Zugang zu den Gerichten und eine grundsätzlich umfassende tatsächliche und rechtliche Prü- 66 Raeschke-Kessler, AnwBl 2004, 321, 324. 67 Kunig, in: von Münch/Kunig, Art. 101 Rdnr. 21. 68 BVerfG, Beschl. v. 05.08.2002 – 2 BvR 1108/02 –, NJW 2003, 281. Siehe auch BVerfG, Beschl. v. 26.04.2005 – 1 BvR 1924/04 –, NJW 2005, 1931; Beschl. v. 11.02.2008 – 2 BvR 899/07 –, NJW 2008, 1938; BerlVerfGH, Beschl. v. 30.04.2004 – VerfGH 2/04 –, NJW-RR 2004, 1719, 1720. 69 Siehe hierzu Schulze-Fielitz, in: Dreier, Art. 20 Rdnr. 211 ff; Jarass, in: Jarass/Pieroth, Art. 20 Rdnr. 91 ff; Sachs, in: Sachs, Art 20 Rdnr. 162 ff; Schmidt-Aßmann, in: Maunz/Dürig, Art. 19 Abs. 4 Rdnr. 16 ff.; Huber, in: M/K/S, Art. 19 Rdnr. 363 ff.

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Zusammenfassung

Die Abhandlung gibt Antwort auf nahezu alle Fragen, die sich bei der Anwendung der Vorschriften über die Zurückweisung der Berufung durch Beschluss im Zivilprozess stellen (§ 522 Abs. 2 und 3 ZPO). Sie geht nicht nur auf die Frage der zutreffenden Auslegung des § 522 Abs. 2 ZPO ein, sondern untersucht auch die rechtstatsächliche Situation vor und nach der Einführung des unanfechtbaren Zurückweisungsbeschlusses. Anhand der Justizgeschäftsstatistiken des Statistischen Bundesamtes wird nachgewiesen, dass die Einführung des Beschlussverfahrens zu einer erheblichen Verkürzung der Verfahrensdauer geführt hat. Kritisch hinterfragt wird die Auslegung des § 522 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 ZPO durch die Rechtsprechung sowie die stark unterschiedliche Praxis der Berufungsgerichte bei der Anwendung der Vorschriften über die Beschlusszurückweisung. Die Verfassungsmäßigkeit der Vorschriften wird gleichwohl nicht in Frage gestellt. Wegen des unterschiedlichen Zugangs zur Revisionsinstanz fordert der Autor allerdings die Abschaffung der Regelung des § 522 Abs. 3 ZPO über die Unanfechtbarkeit des Zurückweisungsbeschlusses.