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Gesa Lindemann

Strukturnotwendige Kritik

Theorie der modernen Gesellschaft, Band 1

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-95832-156-4, ISBN online: 978-3-8452-9888-7, https://doi.org/10.5771/9783845298887

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ISBN 978-3-95832-156-4 Gesa Lindemann zeichnet im vorliegenden ersten Band ihrer Theorie der modernen Gesellschaft die historische Entstehung des menschlichen Körperindividuums und seine Institutionalisierung in den Menschenrechten nach, analysiert die Strukturmerkmale der horizontalen Differenzierung und rückt schließlich die allgemeine Legitimationstheorie des Ethos der Menschenrechte sowie die dadurch ermöglichte und strukturell notwendige Kritik in den Vordergrund. Für die Autorin sind drei Aspekte von besonderer Bedeutung. Erstens: Die moderne Gesellschaft zeichnet sich durch eine moralisch aufgeladene Grenzziehung zwischen Personen und anderen Wesen aus. Zweitens: Eine Analyse der modernen Vergesellschaftung muss die konstitutive Bedeutung von Gewalt für soziale Ordnungsbildung einbeziehen. Drittens: Moderne Vergesellschaftung zeichnet sich durch außerordentlich dynamische technische Entwicklungen aus, die maßgeblich durch die Wirtschaft vorangetrieben werden. Strukturnotwendige Kritik ist der erste Band einer auf drei Bände angelegten umfassenden und grundlegenden »Theorie der modernen Gesellschaft«. Gesa Lindemann ist seit 2007 Professorin für Soziologie an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Bei Velbrück Wissenschaft hat sie veröffentlicht: Das Soziale von seinen Grenzen her denken (2009), Weltzugänge. Die mehrdimensionale Ordnung des Sozialen (2014). Li nd em an n • S tr uk tu rn ot w en di ge K ri ti k Gesa Lindemann Struktur notwendige Kritik Theorie der modernen Gesellschaft Band 1 www.velbrueck wissenschaft.de VELBRÜCK WISSENSCHAFTVELBRÜCKWISSENSCHAFT Gesa Lindemann Strukturnotwendige Kritik Gesa Lindemann Strukturnotwendige Kritik Theorie der modernen Gesellschaft I VELBRÜCK WISSENSCHAFT Erste Auflage 2018 © Velbrück Wissenschaft, Weilerswist 2018 www.velbrueck-wissenschaft.de Printed in Germany ISBN 978-3-95832-156-4 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. Inhalt Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 1. Theorie der modernen Gesellschaft: Thesen . . . . 14 Übergreifende These . . . . . . . . . . . . . . 16 1.1 Sozialdimension: Die Grenzen des Sozialen und die soziale Unentschiedenheitsrelation. . . . . . . . 17 1.2 Raumdimension. . . . . . . . . . . . . . . 19 1.3 Zeitdimension . . . . . . . . . . . . . . . 20 1.4 Sachdimension . . . . . . . . . . . . . . . 21 1.5 Symboldimension . . . . . . . . . . . . . . 22 1.6 Verfahrensordnungen der Gewalt . . . . . . . . 23 2. Strukturnotwendige Kritik . . . . . . . . . . . 26 2.1 Die individualisierende Fixierung der sozialen Unentschiedenheitsrelation als Bedingung horizontaler Differenzierung . . . . . . . . . . . . . . . 27 2.2 Kritik und soziale Bewegungen . . . . . . . . . 30 2.3 Die Doppelbestimmung von Wirtschaft und Politik . 32 3. Band 1: Der Gang der Argumentation . . . . . . . 37 Kapitel 1: Die Entstehung des menschlichen Körperindividuums in den Grenzen des anthropologischen Quadrats . . . . . . . . . . . . 45 1. Sozialtheoretische Prämissen . . . . . . . . . . 45 1.1 In - Dividualisierung . . . . . . . . . . . . . 47 1.2 Individualisierung . . . . . . . . . . . . . . 48 1.3 Dividualisierung . . . . . . . . . . . . . . 48 1.4 Beobachtungsperspektiven. . . . . . . . . . . 49 1.5 Ebenen der Sinngeneralisierung . . . . . . . . . 51 1.6 Symbolisch-diabolische Kommunikation . . . . . 53 Gesellschaftstheoretische These I . . . . . . . . . . 56 2. Dividualisierung und der Übergang zum Seelenindividuum – offene Grenzen des Sozialen . . 58 2.1 Gewalt und Ordnungsbildung . . . . . . . . . 60 2.1.1 Gewalt oder physischer Kraftaufwand . . . . . . 61 2.1.2 Die vermittelte Unmittelbarkeit symbolischer Gewaltkommunikation . . . . . . . . . . . . 64 2.1.3 Verfahrensordnungen der Gewalt . . . . . . . . 69 2.2 Seelenindividualismus . . . . . . . . . . . . 82 2.2.1 Der legitimierende Diskurs der großen Kette der Wesen 2.2.2 Die Taufe, die Seele und die nichttauffähigen Seelen der Monstren . . . . . . . . . . . . . . . 85 2.2.3 Der Tod und die Seele . . . . . . . . . . . 90 2.2.4 Die problematischen sozialen Beziehungen zu den Geistwesen . . . . . . . . . . . . 92 2.2.5 Von Menschen geschaffene Menschen? . . . . . 94 2.2.6 Mensch und Tier . . . . . . . . . . . . . 97 2.2.7 Die Spannung von jenseitsbezogenem Seelenindividualismus und praktisch wirksamer leiblicher Dividualisierung im Diesseits . . . . . 100 3. Körperindividualismus in den Grenzen des anthropologischen Quadrats . . . . . . . . . . 101 3.1 Die Verkörperung der Geschlechter . . . . . . . 103 3.2 Verkörperung in der Abschaffung der Folter . . . . 111 3.3 Das anthropologische Quadrat . . . . . . . . . 113 3.3.1 Lebensanfang . . . . . . . . . . . . . . 114 3.3.2 Lebensende . . . . . . . . . . . . . . . 117 3.3.3 Mensch-Tier . . . . . . . . . . . . . . 121 3.3.4 Mensch-Maschine. . . . . . . . . . . . . 128 3.4 Die Irrealisierung der Grenze zu den Geistwesen . . 133 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134 Kapitel 2: Horizontale Differenzierung . . . . . . . 137 1. Diskurs als Beschreibung von Handlungs- und Kommunikationszusammenhängen . . . . . . . 140 1.1 Die Dia-Symbolik des Diskurses . . . . . . . . 141 1.2 Antwort auf die empirische Kritik der Differenzierungstheorie . . . . . . . . . . . . 145 2. Die institutionalisierten Körperindividuen und ihre Mitgliedschaften . . . . . . . . . . . . . . . 148 3. Horizontale Differenzierung und Organisation. . . 155 4. Strukturtypen von Handlungs- und Kommunikationszusammenhängen . . . . . . . 157 4.1 Mitgliedschaftlich verfasste Handlungszusammenhänge im Unterschied zu Organisation . . . . . . 162 4.2 Mitgliedschaftlich verfasste versus weltgesellschaftlich orientierte Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge . . . . . . . . . . . . . . 164 4.3 Das konflikthafte Verhältnis der beiden Typen von Funktionsbereichen . . . . . . . . . . . . . 170 4.4 Zur Orientierung: ein Vierfelderschema. . . . . . 173 83 5. Politik und Recht (Feld D, B – und C) . . . . . . 175 5.1 Die moderne Verfahrensordnung der Gewalt . . . . 176 5.2 Sozial- und Raumdimension . . . . . . . . . . 180 5.3 Widersprüchliche Strukturen in der Sozialdimension: die Staatsbürgerschaft . . . . . . . . . . . . 186 5.4 Der Dritte und die symbolische Legitimität der Staatsgewalt und des Rechts . . . . . . . . . . 189 5.5 Zeit- und Sachdimension . . . . . . . . . . . 194 6. Eigentumswirtschaft (Feld A – und C): . . . . . . 203 6.1 Die Institutionalisierung der Trennung von Eigentum und Besitz . . . . . . . . . . . . . . . . . 204 6.2 Die fiktiven Waren . . . . . . . . . . . . . . 209 6.2.1 Boden (Raum-, Zeit- und Sozialdimension) . . . . 209 6.2.2 Die Ware Arbeitskraft (Sozialdimension) . . . . . 213 6.2.3 Geld (Sozial- und Symboldimension) . . . . . . 218 6.2.4 Geldzirkulation in der Eigentumswirtschaft . . . . 230 6.2.5 Wissen und technischer Fortschritt (Sach-, Sozial- und Symboldimension) . . . . . . . . . . . . 236 6.3 Die Märkte knapper Güter und die Dynamik der Eigentumswirtschaft . . . . . . . . . . . . . 240 6.3.1 Die Zwänge der Eigentumswirtschaft . . . . . . 244 6.3.2 Dominanz der Eigentumswirtschaft? . . . . . . 248 7. Wissenschaft (Feld A – und C): . . . . . . . . . 252 7.1 Legitimation und institutionelle Praxis der vormodernen Wissenschaft . . . . . . . . . . 253 7.1.1 Legitimationstheorie der großen Kette der Wesen . . 253 7.1.2 Die institutionelle Ordnung der universitären Reflexion . . . . . . . . . . . . . . . 255 7.1.3 Die Neuordnung des Verhältnisses zum autoritativen Dritten . . . . . . . . . . . . . . . . 258 7.2 Legitimation und institutionelle Praxis der modernen Wissenschaft . . . . . . . . . . . . 260 7.2.1 Die Legitimationstheorie des modernen Wissens . . 260 7.2.2 Subjekt-Objekt-Stellung innerhalb der Erkenntnisansprüche . . . . . . . . . . . . . . . 265 7.2.3 Subjekt-Objekt-Stellung als Relationierung der Erkenntnisansprüche . . . . . . . . . . . 268 7.2.4 Holismus oder Historisierung. . . . . . . . . 270 7.3 Die institutionelle Ordnung der horizontal ausdifferenzierten Wissenschaft . . . . . . . . . 272 7.3.1 Die Ordnung der Aufmerksamkeit und die Beziehung zwischen Forscher und seinem Gegenstand . . . . 274 7.3.2 Das Besondere der Forschungssituation und das Allgemeine der Publikation . . . . . . . . . 282 7.3.3 Reputation . . . . . . . . . . . . . . . 290 7.4 Die reflexive Institutionalisierung der Wissenschaft . 292 Kapitel 3: Beobachtung und Kritik . . . . . . . . . 299 1. Horizontale Differenzierung und das Ethos der Menschenrechte . . . . . . . . . . . . . . 301 1.1 Kritik soziologischer Theorien zu Individualisierung, Freiheit und Würde . . . . . . . . . . . . . 305 1.1.1 Menschenwürde als Resultat des Kults des Individuums in arbeitsteilig differenzierten Gesellschaften . . . . . . . . . . . . . . 306 1.1.2 Würde als Leistung der Persönlichkeit in funktional differenzierten Gesellschaften . . . . . . . . 311 1.2 Die Würde des diesseitig verkörperten Menschen (des anthropologischen Quadrats) als institutionelle Bedingung horizontaler Differenzierung . . . . . 316 1.2.1 Freiheit, Würde und horizontale Differenzierung . . 317 1.2.2 Das doppelte Individualitätsverständnis horizontaler Differenzierung . . . . . . . . . . . . . 318 1.2.3 Die Würde des lebendigen Körpers . . . . . . . 324 1.3 Interaktionsordnung: Die alltägliche Achtung vor der individuellen menschlichen Person. . . . . . . . 328 1.4 Definition des sozialen Resonanzraums . . . . . . 330 2. Die Institutionalisierung kritischer Beobachtung . . 334 2.1 Die Ausbildung der öffentlich-diskursiven Beobachtung der Vergesellschaftung . . . . . . . 339 2.2 Reflexive Institutionalisierung horizontaler Beobachtung unter den Bedingungen der Glaubensspaltung . . . . . . . . . . . . . . 243 2.3 Säkulare horizontale Beobachtung und die Entstehung einer bürgerlichen Öffentlichkeit . . . . . . . . 346 2.4 Kritische Theorie der Gesellschaft oder Theorie der kritischen Gesellschaft . . . . . . . . . . . . 348 3. Soziale Bewegungen oder die Gewalt strukturrelevanter Gesellschaftskritik . . . . . . 353 3.1 Strukturrelevanz der Gewalt . . . . . . . . . . 354 3.2 Kritik und soziale Bewegungen in der Gesellschaftstheorie . . . . . . . . . . . . . 358 3.2.1 Kritische Theorie . . . . . . . . . . . . . 358 3.2.2 Strukturrelevante Kritik als teuflische oder polytheistische Beobachtung . . . . . . . . . . 365 3.3 Strukturermöglichung durch strukturrelevante Kritik. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 367 3.3.1 Die reflexive Institutionalisierung sozialer Bewegungen 367 3.3.2 Soziale Bewegungen und die Zwänge der modernen Verfahrensordnung der Gewalt . . . . . . . . 373 3.3.3 Das normative Spannungsfeld der Moderne . . . . 377 3.3.4 Die Unterwerfung unter eine Gewalt: Wer ist ein Mensch mit einem gleichen Rechtsstatus? . . . . . . . 380 3.3.5 Wer gehört zu Wir, das Volk? Oder: die Tragik des Ethos der Menschenrechte . . . . . . . . . . . . 385 3.4 Strukturgefährdungen durch Wirtschaft und Politik (soziale Bewegungen). . . . . . . . . . . . . 389 3.4.1 Die Gefährdung des dreifach bestimmten Menschen durch die Wirtschaft . . . . . . . . . . . . 392 3.4.2 Soziale Bewegungen als Gefahr horizontaler Differenzierung . . . . . . . . . . . . . 400 3.4.3 Gelingende soziale Bewegungen – oder die offene Frage nach guten Leben. . . . . . . . . . . . . 405 Horizontale Differenzierung und technologische Entwicklungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 410 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 417 Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . 445 Sachregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 449 11 Vorwort Die Idee, die moderne Gesellschaft von ihren Grenzen her zu analysieren, entstand während der Arbeit an den Studien zum Hirntod. Zunächst glaubte ich noch, mich im Weiteren gesellschaftstheoretisch an Luhmanns Theorie funktionaler Differenzierung orientieren zu können. Das hat sich leider als ein Irrtum herausgestellt. Statt die Theorie funktionaler Differenzierung einfach um die Analyse der Grenzen des Sozialen zu erweitern, erwies es sich als erforderlich, die Differenzierungstheorie neu zu entwickeln. Auf diesem Weg haben mich viele Kollegen, Kolleginnen und einige Förderinstitutionen begleitet. Die Ausarbeitung der Theorie des anthropologischen Quadrats hat viel von zwei von der DFG geförderten Forschungsprojekten profitiert: »Die Entwicklung von Servicerobotern und humanoiden Robotern im Kulturvergleich – Europa und Japan« (LI 976/3-1) sowie »Behandlungsentscheidungen bei Frühgeborenen – eine theoriegeleitete, ethnographische Untersuchung« (LI 976/5-1). Ich danke der DFG für die Förderung und den Mitarbeiterinnen Sarah Büsing, Katja Schaeffer, Gregor Fitzi und Hironori Matsuzaki für ihre Bereitschaft, ihre Ergebnisse mit mir zu teilen. Für die theoretische Ausarbeitung des anthropologischen Quadrats war die Zusammenarbeit mit Anton Kirchhofer wichtig. Auf einer Tagung zur Subjektivität in der frühen Neuzeit konnten wir unsere Überlegungen vorstellen. Ich danke den Tagungsteilnehmer/innen und Organisator/innen, insbesondere Rudolf Schlögl, Isabelle Schürch sowie den anonymen Gutachtern unseres Beitrages für den Tagungsband für ihre Kritik. Die erste Fassung des Buchkapitels hat Thomas Henkel einer eingehenden Kommentierung unterzogen. Die differenzierungstheoretischen Überlegungen insbesondere zur Wirtschaft bzw. zum Zusammenhang von Wirtschaft und Politik konnte ich auf einem Workshop am Hanse-Wissenschaftskolleg (Delmenhorst) vorstellen, an dem Andrea Maurer, Uwe Schimank, Werner Rammert, Florian Muhle, Jonas Barth und Christian Fritz-Hoffmann teilgenommen haben. Ich danke dem Hanse-Wissenschaftskolleg für die Unterstützung des Workshops und den Teilnehmer/innen für ihre konstruktive Kritik. Der Abschnitt zur Wissenschaft verdankt seine jetzige Fassung nicht zuletzt den Diskussionen mit Günter Ulrich und Jonas Barth. Den Zusammenhang zwischen der Bildung der Institution des Menschen gleich an Freiheit und Würde und der Struktur gesellschaftlicher Differenzierung habe ich im WiSe 2009 während eines Forschungsaufenthalts am Zentrum für interdisziplinäre Forschung (Bielefeld) begonnen auszuarbeiten. Ich danke dem ZiF für die Möglichkeit zu forschen und den Mitgliedern der Forschungsgruppe »Herausforderungen 12 für Menschenbild und Menschenwürde durch neue Entwicklungen der Medizintechnik« für ihre Diskussionen – insbesondere Markus Rothhaar und Marcus Düwell. Die politischen Implikationen der Analyse des Verhältnisses von Staat und Staatsvolk konnte ich intensiv mit den Mitgliedern der Arbeitsgruppe Sozialwissenschaftliche Theorie diskutieren. Hier waren die Beiträge von Johanna Fröhlich und Alexis Dirakis sehr hilfreich. Aus einem anderen Kontext kommend hat mich auch Roland Schaeffer in diesem Zusammenhang immer wieder zum Nachdenken herausgefordert. Die abschließende Fassung der Einleitung ist das Resultat intensiver Diskussionen mit Christine Hauskeller. Mit Gabriele Tellenbach konnte ich insgesamt immer wieder größere und kleinere Probleme besprechen. Ich danke der Carl von Ossietzky Universität für die Freistellung zur Forschung im Sommersemester 2017. Während dieser Zeit konnte ich das Manuskript in einer ersten Fassung fertig stellen. Während der gesamten Arbeit am Manuskript haben mich Christopher Güsgen und Antonia Ley zuverlässig bei der Literaturrecherche und -beschaffung sowie bei der Erstellung des Literaturverzeichnisses unterstützt. Ich danke Eva Müller für die Unterstützung bei der Erstellung des Registers. VORWORT 13 Einleitung Die Ausarbeitung dieser Theorie der modernen Gesellschaft1 folgt zwei Erkenntnisinteressen: einem gesellschaftstheoretischen und einem politischen Interesse. Beide sind miteinander verkoppelt, denn es bedarf einer Einsicht in die strukturelle Dynamik moderner Vergesellschaftung, um die Bedingungen und die Bedeutung wirksamer Gesellschaftskritik zu erfassen. Drei Aspekte sind dabei von besonderer Bedeutung. Erstens: Die moderne Gesellschaft zeichnet sich durch eine moralisch aufgeladene Grenzziehung zwischen Personen und anderen Wesen aus. Nur lebendigen Menschen kommt der besondere normative Status zu, der sich in den Worten »gleich an Freiheit und Würde« ausdrückt. Die Orientierung an diesem Ethos ermöglicht und erfordert immer wieder eine Kritik am gesellschaftlichen Ist-Zustand. Moderne Vergesellschaftung ist deshalb durch die Institutionalisierung einer kritischen Beobachtung gekennzeichnet. Zweitens: Eine Analyse der modernen Vergesellschaftung muss die konstitutive Bedeutung von Gewalt für soziale Ordnungsbildung einbeziehen. Es bedarf einer Analyse der besonderen Funktionsweise des modernen Staates, der die Bürger seiner Gewalt unterwirft und es dadurch ermöglicht, dass Bürger sich als menschliche Personen an unterschiedlichen Handlungslogiken orientieren: z.B. der Wirtschaft, der Wissenschaft, der schulischen Erziehung usw. Daraus folgt, dass auch die Ausdifferenzierung und Dynamik der globalen Wirtschaft ohne Einbeziehung des Staates unverständlich bleibt. Drittens: Moderne Vergesellschaftung zeichnet sich durch außerordentlich dynamische technische Entwicklungen aus, die maßgeblich durch die Wirtschaft vorangetrieben werden. Die praktischen materiellen Lebensformen von Menschen sind daher immer wieder einer mehr oder weniger grundlegenden Umwälzung unterworfen. Mit »Strukturnotwendige Kritik« liegt der erste Band einer auf drei Bände angelegten Theorie der modernen Vergesellschaftung vor, die sich diesen Anforderungen stellt. Dies ist der erste Versuch, die moderne 1 Disclaimer: Wenn ich im Folgenden von moderner Gesellschaft bzw. Vergesellschaftung spreche, meine ich eine horizontal bzw. funktional differenzierte Form der Vergesellschaftung. Diese ist dem eigenen – auch moralischen – Anspruch nach global ausgerichtet und ausgedehnt. Ich bin zurückhaltender und beziehe mich bei der Beschreibung der Strukturtypik moderner Vergesellschaftung im Wesentlichen auf Europa und Nordamerika. Ob sich horizontale bzw. funktionale Differenzierung auch in anderen Weltregionen als dominant durchgesetzt hat, betrachte ich als eine offene Frage. 14 Gesellschaft systematisch von den Grenzen des Sozialen her in den Blick zu nehmen unter Einbeziehung der zentralen Rolle der Ordnung der Gewalt bzw. des Staates und der technologischen Entwicklung. Diese Analyse wird nicht auf die Sozialdimension beschränkt, sondern berücksichtigt die Mehrdimensionalität von Ordnungsbildung. Die Strukturen in der Sozialdimension stehen in einem wechselseitigen Bedingungsverhältnis mit Raum-Zeit-Strukturen sowie den Strukturen der Sachdimension unter Einbeziehung der Sachtechnik. Ich skizziere zunächst die These, die die drei Bände zusammenhält und erläutere danach die zentralen Aussagen und Thesen des ersten Bandes. 1. Theorie der modernen Gesellschaft: Thesen Der Zuschnitt dieser Gesellschaftstheorie geht zurück auf das Verhältnis von Sozial- und Gesellschaftstheorie. Die Grundeinsicht ist einfach. Sozialtheorien enthalten Aussagen über »das Soziale«, sie beziehen sich also auf jede Art von Vergesellschaftung. Gesellschaftstheorien beziehen sich auf eine bestimmte gesellschaftliche Formation, etwa die moderne (westliche) Gesellschaft. Jede Gesellschaftstheorie und auch jede Art empirischer Forschung setzen eine Sozialtheorie voraus, die allerdings nicht immer offen gelegt wird. In der Gesellschaftstheorie Luhmanns z.B. gilt Kommunikation als sozialtheoretische Prämisse, demnach besteht jede Gesellschaft aus Kommunikationen und muss als Kommunikationszusammenhang analysiert werden. Nur in der modernen funktional differenzierten Gesellschaft sind Kommunikationen so geordnet, dass unterschiedliche Funktionssysteme entstehen, das politische System, das Rechtssystem usw. Andere Gesellschaftstheorien und -analysen basieren auf der Prämisse, dass das Soziale durch das Handeln von Individuen konstituiert wird, wodurch der Handlungsbegriff grundlegend wird. Moderne Gesellschaften sind danach als ausdifferenzierte Handlungszusammenhänge (Recht, Wirtschaft, Gesellschaft, Politik usw.) zu begreifen, die als Systeme (akteurszentrierte Differenzierungstheorie) oder Wertsphären (Weber) bezeichnet werden. In der Sozialtheorie der Weltzugänge (Lindemann 2014a), an der ich mich orientiere, steht nicht das Handeln oder die Kommunikation im Mittelpunkt, sondern Leib-Umwelt-Beziehungen. Ein leibliches Selbst handelt und kommuniziert, aber diese beiden Aspekte sind eingeordnet in die Leib-Umwelt-Beziehung. Ein leibliches Selbst erlebt sich hier und jetzt als auf die Umwelt bezogen, es handelt und kommuniziert im Rahmen dieses Umweltbezugs. D.h.: Handeln und Kommunizieren werden als Aspekte der Leib-Umweltbeziehung verstanden. Ein leibliches Selbst EINLEITUNG 15 handelt nicht nur aktiv, sondern es ist der Umwelt auch passiv ausgesetzt. Es ist hungrig, ihm ist kalt usw. Es ist Blicken, Gesten oder Botschaften ausgesetzt. Ein leibliches Selbst ist von seiner Umwelt berührt und insbesondere davon, wie sich andere leibliche Selbste auf es richten. Wenn man von der Leib-Umwelt-Beziehung ausgeht, geht es nicht nur darum, dass ein Selbst handelt und kommuniziert, sondern auch darum, dass ein Selbst der Umwelt ausgesetzt ist, dass es Lust erlebt oder leidet. Leib-Umwelt-Beziehungen sind mehrdimensional. Damit ist Folgendes gemeint: Es gibt die Sozialdimension von Leib-Umwelt-Beziehungen, die Raum- und Zeitdimension und es ist wichtig anzuerkennen, dass auch der Umgang mit Dingen und Technik eine Rolle dafür spielen, wie Leib-Umwelt-Beziehungen strukturiert sind. Schließlich gilt es, an eine alte Einsicht der Sozial- und Kulturwissenschaften zu erinnern – Leib-Umwelt-Beziehungen sind durch Sprache bzw. Symbole vermittelt. Die sprachliche bzw. symbolische Ordnung wirkt strukturierend für die Leib-Umwelt-Beziehung. Es gibt in allen Sprachen Sprachpartikel bzw. Worte, mit denen auf diejenigen referiert wird, die etwas tun. Dies kann erfolgen im Sinne des Bezugs auf ein Ich oder es kann darauf referieren, dass gerade eine Beziehung aktualisiert wird. Den Unterschied kann man sich folgendermaßen vergegenwärtigen. »Dort kommt Peter«, bezeichnet den Sachverhalt, dass sich eine individuelle Person nähert. »Dort kommt mein Schwager«, bezeichnet den Sachverhalt, dass sich jemand nähert, der in Beziehung zu jemand anderem steht. Dieser Aspekt kann noch stärker betont werden. »Dort kommt mein Schwager, der Onkel von …, Enkel von … usw.« Es gibt Ordnungen, in denen die sprachlich-symbolische Dominanz des In-Beziehung-Seins bis zur Auflösung des Ich getrieben wird.2 In der modernen Ordnung gibt es die gegenläufige Tendenz. Die Dominanz des »Ich« wird sprachlich bzw. institutionell-symbolisch bis hin zur Auflösung der Bedeutung von Beziehungen getrieben. Die moderne Ordnung zeichnet sich durch eine symbolisch-institutionelle Präferenz für Individualisierung aus, andere Ordnungen weisen eine Präferenz für die Auflösung in Beziehungen, d.h. für Dividualisierung, auf. Hier steht nicht die Benennung von Individuen, sondern, wie eben beschrieben, die Benennung von Beziehungen im Vordergrund. Es ist leicht nachvollziehbar, dass die Struktur der Leib-Umweltbeziehung durch solche symbolisch-institutionellen Orientierungen bestimmt wird. Die Leib-Umwelt-Beziehung weist mindestens fünf Dimensionen auf: Die Sozial-, Raum-, Zeit- und Technik-Sachdimension sowie die Symboldimension. Wenn man von einer Sozialtheorie ausgeht, die zwischen diesen Dimensionen unterscheidet, kommt es darauf an, zu rekonstruieren, wie die Leib-Umwelt-Beziehung gemäß diesen fünf Dimensionen geordnet wird. Es kann also nicht nur um die soziale Ordnung im engeren Sinn 2 Für genauere Nachweise vgl. Lindemann (2014a: 297–304). THEORIE DER MODERNEN GESELLSCHAFT: THESEN 16 gehen, sondern muss auch darum gehen, wie die soziale Ordnung mit der Ordnung von Raum und Zeit, mit der Entwicklung von Sachtechnik und mit der Symboldimension zusammenhängt. Wenn die Leib-Umweltbeziehung diese unterschiedlichen Dimensionen aufweist, muss gesichert werden, dass die Strukturen, die sich in der Raum- oder Zeitdimension ausbilden, zu denjenigen passen, die sich in der Sozialdimension oder der Sachdimension entwickeln. Dies ist nicht von vornherein garantiert. Es bedarf also eines Drucks zur Konvergenz, damit unterschiedliche Leib-Umwelt-Beziehungen in einer passenden Weise Strukturen in der Raum-, Zeit-, Sozial-, Sach- und Symboldimension ausbilden. Dieser Druck wird durch Gewalt erzeugt. Übergreifende These Die Institution des menschlichen Körperindividuums gleich an Freiheit und Würde bildet das Zentrum der symbolisch-institutionellen Ordnung der Moderne. Diese Institution steht in einem wechselseitigen Bedingungsverhältnis mit einer Ordnung des Raums, welche diesen als dreidimensional messbar ausgedehnt begreift und einer Zeit, die ebenfalls als messbar gilt. Ich bezeichne dies als digitale Raum-Zeit. Diese ermöglicht die Entwicklung von Technik, deren Steuerung zunehmend automatisiert werden kann und umgekehrt bedarf die Ordnung der digitalen Raum-Zeit einer Messtechnik, um stabilisiert werden zu können. Die Gesamtordnung des modernen Weltzugangs wird durch eine spezifische Verfahrensordnung der Gewalt stabilisiert, die sich in der Bildung des modernen Staates dokumentiert. Die Körperindividuen sind dessen Gewalt unterworfen und zugleich garantiert der Staat als demokratischer Rechtsstaat die Grund- bzw. Menschenrechte der Körperindividuen. Die moderne Ordnung zu begreifen, heißt den Zusammenhang zwischen diesen heterogenen Dimensionen der Ordnungsbildung zu erfassen. Die Komplexität der Argumentation rührt daher, dass die Analyse eines Weltzugangs zum einen die je besonderen Dimensionen in den Blick nehmen muss und gerade nicht reduktionistisch verfahren darf, indem etwa alles auf soziale Konstruktion zurückgeführt wird. Zugleich muss die Analyse aber auch das integrierend-homogenisierende der Verfahrensordnung der Gewalt im Blick behalten. EINLEITUNG 17 1.1 Sozialdimension: Die Grenzen des Sozialen und die soziale Unentschiedenheitsrelation These: Die moderne Gesellschaft ist die erste Gesellschaft, in der nur Menschen einen vollen moralischen Status haben. Der moralische Status aller anderen Wesen ist von demjenigen eines Menschen bzw. aller Menschen abgeleitet. Die Natur hat z.B. einen moralischen Status, weil Menschen eine Natur brauchen, um überleben zu können. Zugleich ist die Verpflichtung zur Individualisierung institutionalisiert, die durch den Bezug auf den Körper gesichert wird. Die menschlichen Körperindividuen bilden die institutionellen Elemente der modernen Gesellschaft. Für die Sozialdimension sind zwei Aspekte von besonderer Bedeutung. Zum einen die Grenzziehung zwischen sozialen Personen und anderen Wesen sowie zum anderen die soziale Unentschiedenheitsrelation. Die Sozialdimension der modernen Ordnung ist dadurch ausgezeichnet, dass nur lebendige Menschen legitimerweise als Akteure gelten. Nur Menschen können in einer Interaktion für etwas verantwortlich gemacht werden. Nur Menschen haben einen vollen moralischen Status. Menschen können Normen verletzen und dafür bestraft werden. Die schlimmste Normverletzung ist es, einen Menschen zu töten. Das war nicht immer so. Es gab Gesellschaften, in denen auch nichtmenschliche Wesen Normen übertreten konnten, bzw. in denen es nicht die schwerste Normübertretung war, einen Menschen zu töten. Die Beleidigung eines Gottes konnte und kann in bestimmten Regionen ein schlimmeres Verbrechen sein, als einen Menschen zu töten. Wer in welcher Weise einen Status als ein Wesen hat, das moralisch zählt, variiert von Gesellschaft zu Gesellschaft. Diese Varianz in der Sozialdimension nehme ich ernst und betrachte es als bemerkenswertes Phänomen. Ich bezeichne es als das Problem der Kontingenz der Mitwelt. Dieses wird für die Moderne in einer spezifischen Weise gelöst: Nur Menschen sollen soziale Personen sein und einen moralischen Status haben können. Mit Blick auf das christliche vormoderne Europa kann man z.B. sagen, dass es nicht nur lebende Menschen waren, deren Rache man fürchten musste, sondern auch Verstorbene bzw. deren Seelen. Neben der Kontingenz der Mitwelt muss man die soziale Unentschiedenheitsrelation in den Blick nehmen. Es gibt eine Mehrzahl von Leib-Umwelt-Beziehungen, leibliche Selbste beziehen sich auf den umgebenden Raum und auf andere und vermittelt über andere auf sich selbst. THEORIE DER MODERNEN GESELLSCHAFT: THESEN 18 Formal kann man dies im Sinne einer triadischen Relation auffassen. A B C B und C stehen in einer Beziehung zueinander, die über A vermittelt ist. D.h., C und B antizipieren eine Beobachtung durch A oder erleben sich in Bezug auf A. Dies ermöglicht, zwei formale Strukturierungsmöglichkeiten. Zum einen können B und C sich aus der Perspektive von A als Individuen erleben, die in die Beziehung BC eintreten, aus dieser Beziehung wieder heraustreten können, um etwa in eine Beziehung mit D oder E einzutreten. Wenn die triadische Struktur so konkretisiert wird, wird die Verpflichtung institutionalisiert, sich als Individuum zu verstehen, das als solches Rechte hat und Verpflichtungen eingehen kann. Ich bezeichne dies als Individualisierung. Der triadische Sachverhalt kann aber auch anders strukturiert werden. B und C erleben sich aus der Perspektive Dritter (also As) primär als Elemente der Beziehung BC. Es geht nicht primär um das Individuum, sondern z.B. um das Verhältnis von Onkeln und Neffen. Die Beteiligten können aus einer solchen Beziehung auch nicht austreten, sondern sind als austauschbare Glieder der Onkelgruppe in Beziehung mit den ebenso austauschbaren Gliedern der Neffengruppe. In diesem Verständnis gibt es keine Individuen, vielmehr treten die austauschbaren Glieder von Gruppen miteinander in Kontakt. In der ethnologischen Forschung wird dieser Sachverhalt als Dividualisierung bezeichnet. Triadisch verfasste Leib-Umwelt-Beziehungen sind in sozialer Hinsicht unentschieden. Denn wenn man von der triadisch verfassten Leib-Umwelt-Beziehung ausgeht, ist grundsätzlich sowohl Individualisierung als auch Dividualisierung möglich. Diese Unentschiedenheit muss durch Institutionalisierung in die eine oder andere Richtung bestimmt werden. Soll es einen Primat der Beziehung geben oder einen Primat des einzelnen Ich. Es wird vermutlich immer ein institutionelles Primat geben – entweder in Richtung Dividualisierung oder in Richtung Individualisierung. Dies wird entsprechend institutionell-symbolisch im Rahmen einer Verfahrensordnung der Gewalt gesichert. Für die Moderne lässt sich die Frage nach dem Primat von Dividualisierung oder Individualisierung klar beantworten. Es gibt primär eine Verpflichtung zur Individualisierung. Als institutioneller Bezugspunkt des Selbstverständnisses als Individuum gilt dabei der dreidimensional ausgedehnte Körper. Wenn es in dieser Weise individualisierte Körperindividuen gibt, haben diese die Möglichkeit, sich in unterschiedliche EINLEITUNG 19 Gruppenzusammenhänge zu integrieren. Individuen können sich zu Freundesgruppen zusammenschließen, sie können Organisationen bilden oder sich um Themen herum zu sozialen Bewegungen zusammenfinden. Dies sind nur wenige Beispiele für Gruppierungsmöglichkeiten, die entstehen, wenn eine Gesellschaft aus menschlichen Körperindividuen besteht. Horizontale Differenzierung ist eine Ausdifferenzierung von Subgruppen, die in einem nichthierarchischen Verhältnis zueinander stehen. Eltern bedauern es zum Beispiel oft sehr, dass die Subgruppe der Familie nicht in einem hierarchischen Weisungsverhältnis zur Freundesgruppe ihres Kindes steht. Das Kind entzieht sich dem Einfluss der Eltern durch Mitgliedschaft in einer anderen Subgruppe. 1.2 Raumdimension These: Es gibt unterschiedliche Ordnungen des Raums. Nur der moderne Raum ist ein Raum, der kontinuierlich dreidimensional messbar ausgedehnt ist. Wenn es nur noch diese Art von Raum gibt, kann es nur noch soziale Beziehungen zu solchen Wesen geben, die in diesem Raum verortet werden können. Dadurch werden z.B. legitime soziale Beziehungen zu den Seelen der Verstorbenen unmöglich. Von der Sozialdimension ist die Raumdimension zu unterscheiden. Soziale Beziehungen sind nicht nur sozial, sondern auch räumlich verfasst. Es kann sein, dass ein leibliches Selbst mit einem anderen an einem Ort ist, sie sehen einander, können die Ausdünstungen des anderen riechen usw. Es kann aber auch sein, dass leibliche Selbste diffus im Raum verstreut sind. Wenn man sich WhatsApp-Nachrichten sendet, weiß man oft nur, dass die anderen irgendwo da draußen sind, ohne genau zu wissen, an welchem Ort. Sie sind verstreut in einem diffusen Weiteraum. Es kann aber auch sein, dass andere an einem Ort sind, der mir nicht zugänglich ist. Ich will in diese Disco, durch diese Tür, durch die meine Freunde gerade gegangen sind, aber ich werde an diesem Ort nicht zugelassen. Eine soziale Ordnung ist auch eine Ordnung des Raums, eine Ordnung von Orten, die zugänglich sind oder nicht. Für das moderne Raumverständnis ist es zentral, dass der Raum dreidimensional messbar ausgedehnt ist. Dies klingt ganz selbstverständlich. Aber wenn man sich fragt, an welchem messbar ausgedehnten Ort sich die Seele eines verstorbenen Verwandten befinden könnte, gerät man in Probleme. Dass die Begegnungen mit den Seelen von Verstorbenen, die in Europa für lange Zeit als real möglich galten, jetzt als unmöglich gelten, liegt nicht zuletzt daran, dass es nicht möglich ist, solchen Seelen einen genau messbaren Ort zuzuweisen. Schon der Versuch, die GPS-Daten anzugeben, an denen man eine solche Seele antreffen könnte, THEORIE DER MODERNEN GESELLSCHAFT: THESEN 20 erschiene als widersinnig. Wir glauben nicht an die Möglichkeit solcher Begegnungen, sondern werden darauf trainiert, dass es sich um psychologische Ängste handelt. Seelen existieren nicht in dem Raum um uns herum, sondern in mir, d.h. in meiner Psyche. Ob man es grundsätzlich für möglich hält, dass es im umgebenden Raum z.B. auch Seelen gibt, hängt davon ab, ob man von einem erweiterten Raumverständnis ausgeht oder ob man Raum von vornherein mit dem messbar ausgedehnten Raum identifiziert. 1.3 Zeitdimension These: Die moderne Gesellschaft zeichnet sich durch eine besondere Zeit ordnung aus: die messbar ausgedehnte Zeit. Diese erlaubt es, Zeit genau zu kalkulieren. Jedes Körperindividuum existiert hier und jetzt mit einer im Prinzip genau datierbaren Vergangenheit und einer zeitlich kalkulierbaren Zukunft. Auch die Geschichte der Menschheit und der Welt wird in dieses Zeitverständnis eingetragen. Die Leib-Umweltbeziehung ist nicht nur sozial und räumlich, sondern immer auch zeitlich. Ein Selbst erlebt sich nicht nur »hier«, sondern auch »jetzt«. Die Vergangenheit und die Zukunft sind entscheidend dafür, welche Bedeutung einem Ereignis gegenwärtig zukommt. Für das moderne Zeitverständnis gilt, dass Zeit mit der messbaren Zeit identifiziert wird. Ein Mensch wird zu einem bestimmten Zeitpunkt geboren, geht in einem bestimmten Alter zur Schule, arbeitet und muss Vorsorge für das Alter treffen, altert und stirbt. In diesem Zeitverständnis kommt der Sachverhalt einer übergreifenden Dauer nicht mehr vor. Diese war für das Zeitverständnis des vormodernen christlichen Europa noch prägend – in Form der Ewigkeit. Dies hatte zur Konsequenz, dass dem Tod eine ganz andere Bedeutung zukam. Der Tod war verbunden mit der Annahme der Gemeinschaft der Lebenden und der Toten, die gemeinsam auf das Jüngste Gericht warten, an dem die Entscheidung darüber fällt, ob die Seelen vereinigt mit ihrem verklärten Leib in den Himmel kommen oder auf ewig in der Hölle leiden müssen. In der Moderne wissen wir dagegen, dass mit dem zeitlich genau zu datierenden Tod die Existenz eines Individuums beendet ist. Deshalb haben wir Probleme, die mit Bezug auf eine übergreifende Dauer sinnlos, für die moderne Gestaltung von Zukunft aber zentral sind. Für die moderne Zukunft geht es um genaue Kalkulationen: Ich habe die Summe X in die private Altersvorsorge eingezahlt und kann mit einer Auszahlung in Höhe der Summe XY ab Datum Z rechnen. Wird es bis zu meinem errechneten wahrscheinlichen Todeszeitpunkt reichen? Bereits die Frage zu stellen, ob etwas ewig reichen würde, erscheint im Rahmen eines solchen Zeitverständnisses sinnlos. EINLEITUNG 21 1.4 Sachdimension These: Die moderne Gesellschaft ist horizontal differenziert in sachlich-thematisch differenzierte Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge, die in einem nicht-hierarchischen Verhältnis zueinander stehen. Der Handlungszusammenhang der Wirtschaft ist nicht direkt hie rarchisch weisungsbefugt gegenüber der Politik usw. Horizontale Differenzierung meint nicht nur die Ausdifferenzierung von Gruppenzusammenhängen, sondern auch die Ausdifferenzierung von Handlungs- und Kommunikationszusammenhängen. Die Entwicklung digitaler Datenverarbeitungs- und Steuerungstechnologien führt zu einer Hypothese: Die gegenwärtigen technologischen Entwicklungen gefährden die Strukturen horizontaler Differenzierung. Bezogen auf die Sachdimension gibt es zwei Aspekte. Zum einen das sachliche Thema von Kommunikationen und zum anderen den Aspekt der Sachtechnik. Der erste Aspekt ist für das Verständnis der horizontalen Differenzierung von grundlegender Bedeutung. Handlungsabläufe werden in triadischen Konstellationen institutionalisiert. Danach werden einzelne Handlungen auf ein übergreifendes Thema bezogen, womit sie zu Teilhandlungen einer übergreifenden Gesamthandlung werden. Beispiele für solche institutionalisierten Handlungsabläufe wären etwa der Bau eines Hauses, die Durchführung eines Experiments oder die Reparatur der Toilettenspülung. Eine Gesamthandlung ist dasjenige, was von leiblichen Selbsten als zusammengehöriger Handlungsablauf beschrieben wird und zu dem zumeist eine Mehrzahl leiblicher Selbste einen Beitrag leistet. Wenn mehrere solcher Handlungsabläufe als zusammengehörig beschrieben werden, bilden sich Sinnfelder heraus, zu denen bestimmte Typen von Handlungsabläufen gehören. Horizontal ausdifferenzierte Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge sind solche Sinnfelder, die entstehen, wenn bestimmte Typen von Handlungen und Kommunikationen als einem Feld zugehörig beschrieben werden. Beispiele wären der Zusammenhang der Wissenschaft, der Wirtschaft, der Politik usw. Die Institutionalisierung solcher Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge, die in einem nicht-hierarchischen Verhältnis zueinander stehen, ist ein zentrales Merkmal der Ordnung horizontaler Differenzierung. Die Leib-Umweltbeziehung ist nicht nur sachlich-thematisch geordnet, sondern sie ist immer auch technisch vermittelt. Denn ich habe nicht nur gemäß der Sozialdimension Umgang mit anderen leiblichen Selbsten, sondern auch mit Dingen und Technik. Ich melde mich bei einem sozialen Netzwerk, etwa Facebook, an und stelle fest, dass mein Freund seinen Status auf Single gesetzt hat. Eben dachte ich noch, ich würde in einer Beziehung leben und muss nun feststellen, dass ich Single bin. Auf THEORIE DER MODERNEN GESELLSCHAFT: THESEN 22 Nachrichten, die ich ihm sende, reagiert mein Ex nicht mehr. Von diesen Nachrichten bin ich in meinem leiblich-affektiven Zustand berührt, obwohl wir nicht an einem Ort sind. In den 1990er Jahren gab es solche Kommunikationsplattformen bzw. soziale Netzwerke noch nicht. Mein Freund hätte mir eine E-Mail schreiben müssen, um die Beziehung zu beenden. In den 1980er Jahren hätte er mir einen Brief schreiben oder eine Nachricht auf einen Anrufbeantworter hinterlassen müssen und es dabei riskiert, dass ich den Anruf direkt annehme. Vielleicht hätte er es sich dann gar nicht getraut, die Beziehung zu beenden, weil er es mir nicht hätte direkt sagen können. Wir wären weiter ein Paar geblieben. So formen technische Medien die Möglichkeiten, Beziehungen zu gestalten. Dies betrifft nicht nur Liebesbeziehungen, sondern auch die Beziehungen zwischen Unternehmen und Mitarbeitern, zwischen Unternehmen und Kunden usw. Technik formt die Möglichkeiten der Leib-Umwelt-Beziehung und damit auch soziale Beziehungen. Es stellt sich also die Frage, ob die Technik Auswirkungen darauf hat, ob eine Gesellschaft horizontal differenziert sein kann. Bereits für den Buchdruck wurde diskutiert, ob diese Kommunikationstechnik für die Entwicklung horizontaler Differenzierung relevant war. In Anbetracht der Entwicklung moderner Datenverarbeitungs- und Steuerungstechnologien gewinnt die Frage erneut an Bedeutung, wie eine Technologie die strukturelle Transformation von Gesellschaft bestimmt. 1.5 Symboldimension These: Die moderne Vergesellschaftung zeichnet sich durch ein Set von Symbolen und Legitimationstheorien aus. Im Mittelpunkt steht die Theorie des Menschen gleich an Freiheit und Würde und die Unterscheidung zwischen Kulturen, die von Menschen geschaffen werden und einer Natur, die eigenen Gesetzmäßigkeiten folgt. Der Mensch ist danach ein dreifach bestimmtes Wesen, er ist ein natürliches Körperwesen und ein moralisches sowie kulturbildendes Wesen. Durch Sprache und Symbole legen leibliche Selbste fest, was in der Leib-Umweltbeziehung als wichtig gelten soll und wie sie existieren. Auf dieses Phänomen sind wir schon weiter oben gestoßen. Als es um Raum und Zeit ging, ging es immer auch um Theorien bzw. Symbole, durch die festgelegt wird, welche Ordnung von Raum und Zeit gelten soll. Auch die Differenzierung in Subgruppen kommt ohne Sprache und Symbole nicht aus. Subgruppen beschreiben sich selbst und legen dabei fest, welche Normen für sie wichtig sind. Soziale Bewegungen beschreiben sich selbst als orientiert am Wert der Gleichheit aller Menschen, weswegen eine Diskriminierung z. B. aufgrund von Geschlecht (Frauenbewegung) EINLEITUNG 23 nicht nur moralisch kritisiert, sondern auch praktisch abgeschafft werden muss. Ohne eine Theorie, die die Gleichheit aller Menschen begründet und ohne eine Theorie darüber, dass Frauen in besonderer Weise unterdrückt werden, wären solche Bewegungen nicht möglich. Es gäbe kein differenziertes soziales Leben, wenn dieses nicht durch Symbole und Theorien gegliedert würde. Dies ist eine alte Einsicht, die durch die Kultur- und Sprachwissenschaften begründet worden ist, und in der Soziologie als linguistic turn seit der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts anerkannt ist. Dabei geht es zum einen darum, dass und wie die Weltwahrnehmung sprachlich strukturiert ist und zum anderen darum dass und wie soziale Beziehungen durch Sprache vermittelt sind. Sollen Leiber, die in Handlungsvollzüge involviert sind, sich als Dividuen (Teile von Beziehungen) oder als Individuen verstehen? Gilt das Letztere wird es unerlässlich zu klären, wem individuell die Verantwortung für eine Tat zugerechnet werden soll. Rechtlich muss immer geklärt werden, wem, d.h. welcher individuellen körperlichen Person oder welcher individuellen juristischen Person (Organisation), Verantwortung zugerechnet werden muss. 1.6 Verfahrensordnungen der Gewalt Die verschiedenen Dimensionen der Ordnungsbildung sind sehr heterogen. Damit konsistente Ordnungen der Leib-Umwelt-Beziehungen etabliert werden können, bedarf es eines homogenisierenden Drucks, durch den bei leiblichen Selbsten die Bereitschaft erzeugt wird, die unterschiedlichen Aspekte der Leib-Umweltbeziehungen in eine zueinander passende Ordnung zu bringen. Sowohl die Raum- und Zeitstrukturen als auch die Strukturen der Sozial-, Sach- und Symboldimension müssen Strukturen aufweisen, die zueinander passen. Dies wurde bereits deutlich, als es um die Raum- und Zeitdimension ging. Z.B.: Keine Ordnung kann bestehen, wenn beliebige Raumstrukturen als in gleicher Weise legitim gelten. Die moderne Ordnung des Sozialen schließt es aus, dass es anerkannte Begegnungen mit den Seelen Verstorbener gibt. Dazu passt, die Ausbildung eines dreidimensional ausgedehnten Raums. Die daraus resultierende Art und Weise, Räumlichkeit zu erfahren, verunmöglicht es, von der realen Existenz solcher Seelen auszugehen. Dass reale Begegnungen mit ihnen nicht mehr möglich sind, ist einerseits eine soziale Konstruktion, aber andererseits auch das Resultat der modernen Raumerfahrung, die andere Weisen, Räumlichkeit zu erfahren, marginalisiert. Die Homogenisierung bezieht sich darauf, dass die heterogenen Dimensionen (Raum-, Zeit-, Sozial-, Sach- und Symboldimension) einer Mehrzahl von Leib-Umwelt-Beziehungen in einer passenden Weise homogenisiert werden müssen. Gewalt scheint die bislang erfolgreichste THEORIE DER MODERNEN GESELLSCHAFT: THESEN 24 Weise der Homogenisierung einer Vielzahl von Leib-Umweltbeziehungen zu sein. Dieses Argument erstaunt. Denn Gewalt wird in der Regel als ein rein unmittelbarer Akt der Gewaltausübung bzw. des Gewalterleidens begriffen. Im Anschluss an Plessners Konzept der vermittelten Unmittelbarkeit plädiere ich für ein anderes Verständnis, welches Gewalt als Bestandteil der kommunikativen Vermittlung von Ordnung begreift. Es geht nicht nur um das unmittelbare Geschehen, sondern um die Verfahrensordnungen der Gewalt. Danach ist es unmöglich, Gewalt als ein rein unmittelbares Geschehen zu begreifen, das aus der Beobachterperspektive identifiziert werden könnte. Der Grund hierfür hängt mit der Kontingenz der Mitwelt zusammen. Diese zwingt dazu, zwischen Gewalt und Kraftaufwand zu unterscheiden. Gewalt kann nur von sozialen Personen, d.h. von Wesen mit einem moralischen Status, gegenüber sozialen Personen angewendet werden. Wenn man die modernen Grenzen des Sozialen als gültig betrachtet, heißt das, dass Gewalt nur von Menschen gegen Menschen angewendet werden kann. Gewalt gegen Sachen ist nur möglich, wenn diese sich im Eigentum eines Menschen befinden. Gegen herrenloses Eigentum kann ein Mensch keine Gewalt anwenden. Daraus folgt, dass man Gewalt unterscheiden muss von einem bloßen Kraftaufwand. Ein solcher liegt vor, wenn ein Sturm dazu führt, dass ein Baum umstürzt und ein Auto beschädigt. In diesem Fall könnte man nicht in einer soziologisch relevanten Weise von Gewalt sprechen, sondern lediglich davon, dass die Kräfte des Windes eine Wirkung auf den Baum hatten, der in der Folge gestürzt ist und die dadurch entfalteten Kräfte eine Verformung des Autos bewirkt haben. Auch wenn der umstürzende Baum einen im Auto sitzenden Menschen getötet hat, wäre dies kein Fall von Gewalt. Denn es lässt sich keine soziale Person identifizieren, die diese Krafteinwirkung absichtlich hervorgerufen hätte. Gewalt wäre es hingegen, wenn ein Mensch den Baum angesägt hätte, damit dieser auf das Auto stürzt und den darin sitzenden Menschen tötet. Wenn die Geister des Windes als soziale Personen allgemein anerkannt würden, wie es in einigen schamanistischen Ordnungen der Fall ist, wäre es ebenfalls ein Fall von Gewalt. Denn in diesem Fall hätten die Geister des Windes einen Menschen getötet. Man müsste jetzt herausfinden, inwiefern der getötete Mensch den Zorn der Geister erregt hat. Hat er sie gereizt oder sonst in irgendeiner Weise beleidigt? Man wäre gezwungen, genauer zu untersuchen, ob der Zorn der Geister des Windes befriedigt ist oder ob mit weiteren Gewalttaten von ihrer Seite zu rechnen ist. Das Beispiel soll einsichtig machen, dass es einer Interpretationsordnung bedarf, um identifizieren zu können, wer gegen wen Gewalt ausübt bzw. überhaupt ausüben kann. Ohne Kenntnis der Grenzen der Mitwelt, d.h. ohne Kenntnis dessen, wer einen moralischen Status hat, ist es unmöglich zu sagen, ob ein Ereignis ein Fall von Gewalt EINLEITUNG 25 oder ein Fall bloßer Krafteinwirkung ist. Deshalb kann man Gewalt nur dann identifizieren, wenn man sie im Rahmen einer Verfahrensordnung der Gewalt begreift. Im Rahmen einer Verfahrensordnung der Gewalt wird in grundlegender Weise die Leib-Umweltbeziehung reguliert. Dies schließt in der Sozialdimension ein, wer einen moralischen Status hat und wie die gesellschaftlich gültigen Normen durch personale Akteure verletzt bzw. deren Gültigkeit dargestellt und diese dadurch stabilisiert werden. Die Regulation der Leib-Umweltbeziehung schließt aber auch die Strukturen der Raum- und Zeitdimension sowie diejenigen der Sach- und Symboldimension ein und bringt diese in ein Passungsverhältnis. Auf diese Weise wird es möglich, im Rahmen einer Verfahrensordnung der Gewalt eine Vielzahl von Leib-Umwelt-Beziehungen zu homogenisieren. Die moderne Verfahrensordnung weist eine Besonderheit auf. Sie stellt die Gültigkeit des Rechts durch Gerichtsverfahren dar, die selbst gewaltfrei sind und entzieht den Gewaltakt, die Einsperrung, der öffentlichen Sichtbarkeit. Ohne diese Besonderheit der Verfahrensordnung der Gewalt wäre horizontale Differenzierung nicht möglich. Als Staatsbürger sind menschliche Körperindividuen einer Staatsgewalt unterworfen. Zugleich setzt sich die Staatsgewalt selbst Grenzen im Zugriff auf die Individuen. Die Staatsgewalt fordert von den Individuen z.B. nicht, wie sie sich wirtschaftlich zueinander zu verhalten haben, sondern gewährt allen Individuen in dieser Hinsicht Vertragsfreiheit. Durch die Staatsgewalt wird den Individuen nicht vorgeschrieben, mit wem sie befreundet sein, wo sie wohnen, wen sie heiraten oder welche Kulturveranstaltungen sie besuchen sollen. Mit Bezug auf die übergreifende These und die fünf Einzelthesen lässt sich der Gesamtaufbau dieser Gesellschaftstheorie verstehen. Es ist einsichtig, dass man ins Detail gehen muss, um die Strukturen in den einzelnen Dimensionen zu analysieren. Entsprechend werden in den einzelnen Bänden Schwerpunkte gesetzt. Der erste Band befasst sich hauptsächlich mit den Strukturen der Sozial- und Symboldimension. Für das Verständnis der sozialen Differenzierungsordnung ist es weiterhin notwendig, die Sachdimension einzubeziehen und zwar mit dem Schwerpunkt auf der sachlich-thematischen Differenzierung von Handlungs- und Kommunikationszusammenhängen. Es geht also um den Zusammenhang zwischen den Grenzen der modernen Mitwelt, die anhand des Kriteriums lebender Mensch anderes gezogen wird, und der horizontalen Ausdifferenzierung unterschiedlicher Subgruppen sowie von Handlungs- und Kommunikationszusammenhängen. Auf die Verfahrensordnungen der Gewalt werde ich nur insofern eingehen, als es darum geht, die für moderne Vergesellschaftung typische Verfahrensordnung zu identifizieren. THEORIE DER MODERNEN GESELLSCHAFT: THESEN 26 Auf der Grundlage dieser Analyse widmet sich der zweite Band der Entwicklung der modernen Ordnung von Raum und Zeit sowie der Sachtechnik. Die Ergebnisse des ersten Bandes werden dabei nicht einfach als gültig angenommen, sondern es wird die Frage aufgeworfen, inwieweit die gegenwärtigen Entwicklungen digitaler Technologien, die unter Stichworten wie Netzwerkgesellschaft, Internet der Dinge oder Industrie 4.0 breit diskutiert werden, als eine Gefahr für die Strukturen horizontaler Differenzierung zu begreifen sind. Der dritte Band stellt die Verfahrensordnungen der Gewalt in den Mittelpunkt. Die für horizontale Vergesellschaftung typische Verfahrensordnung existiert nicht konkurrenzlos, wahrscheinlich kann sie auch gar nicht als alleinige Verfahrensordnung existieren. Faktisch ist mit einer Mehrzahl von Verfahrensordnungen der Gewalt zu rechnen, die miteinander in einem Konkurrenzverhältnis stehen. Dies ermöglicht auch eine Konkurrenz unterschiedlicher Strukturen in der Raum-, Zeit-, Sach-, Sozial- und Symboldimension. Der Symboldimension ist kein eigener Band gewidmet, denn die Symboldimension ist als vermittelndes Moment in allen anderen Dimensionen relevant. Es gibt keine reine Auffassung der Zeit, des Raums, des Sozialen und der Technik sowie der Gewalt, vielmehr sind diese Dimensionen immer nur symbolisch vermittelt zugänglich. 2. Strukturnotwendige Kritik Der Titel des ersten Bandes »Strukturnotwendige Kritik« verweist direkt auf zentrale Besonderheiten dieser Theorie der modernen Gesellschaft. Kritik bedarf eines normativen Maßstabs. Moderne Vergesellschaftung basiert darauf, dass mit den Grenzen der Mitwelt zugleich ein normativer Maßstab, das Ethos der Menschenrechte, institutionalisiert wird, der einen moralischen Überschuss enthält. Dies führt zu einer Mehrzahl öffentlicher moralischer Beobachtungen von Vergesellschaftung durch soziale Bewegungen, die sowohl strukturermöglichend als auch strukturbewahrend wirken. D.h., die Ordnung horizontaler Differenzierung wäre in ihrem gegenwärtigen Zuschnitt ohne soziale Bewegungen nicht möglich. Dieser Aspekt ist bislang weder in der Theorie der Differenzierung von Wertsphären im Sinne Max Webers noch gemäß der Theorie funktionaler Differenzierung im Sinne von Talcott Parsons oder von Niklas Luhmann bedacht worden. EINLEITUNG 27 2.1 Die individualisierende Fixierung der sozialen Unentschiedenheitsrelation als Bedingung horizontaler Differenzierung Der Ausgangspunkt für diese Perspektivenverschiebung besteht darin, die Differenzierungsordnung moderner Vergesellschaftung von den normativ relevanten Grenzen des Sozialen und damit von der Verfahrensordnung der Gewalt her zu denken. Durch diese werden die Grenzen des Kreises derjenigen gezogen, die einen vollen moralischen Status haben. Die Art und Weise, wie diese Grenze gezogen wird, ermöglicht die Differenzierung der modernen Gesellschaft. Entsprechend zeichnet sich diese durch eine besondere Legitimationstheorie aus, die dem lebendigen Menschen einen normativen Sonderstatus einräumt. Die übergreifende Legitimationstheorie der Moderne stellt das menschliche Körperindividuum gleich an Freiheit und Würde in den Mittelpunkt. Danach ist der Mensch ein dreifach bestimmtes Wesen, es ist ein natürliches und zugleich ein moralisches und kulturbildendes Wesen. Dem dreifach bestimmten Menschen kommen Freiheit und Würde zu. Die normative Fokussierung auf den Menschen als Körperindividuum ermöglicht horizontale Differenzierung und deren zunehmende Etablierung stützt die normative Institution des Menschen gleich an Freiheit und Würde. Die Institutionalisierung des Menschen und horizontale Differenzierung stehen in einem Verhältnis wechselseitiger Voraussetzung. Um die Besonderheiten dieser Grenzziehung aufzuweisen, arbeite ich historisch genauer heraus, wie sich das moderne Körperindividuum vom christlichen Verständnis des Seelenindividuums unterscheidet. Bereits im christlich-vormodernen Europa wurde spätestens seit dem 12. und 13. Jahrhundert die soziale Unentschiedenheitsrelation in Richtung einer institutionellen Individualisierungsverpflichtung konkretisiert. Das Seelenindividuum wurde im damals entstehenden Strafrecht für seine Taten ethisch verantwortlich gemacht. Diese Individualisierungsverpflichtung war allerdings stark jenseitsorientiert und ermöglichte die Institutionalisierung dividualisierender Beziehungen im Diesseits. Die Besonderheit des Körperindividualismus besteht darin, das Leben im Diesseits sowie die Verpflichtung zur Individualisierung zentral zu stellen. Damit geht eine neuartige moralische Orientierung einher. Während im vormodernen christlichen Europa Gott das Zentrum des moralischen Universums bildete, wird im Übergang zur modernen Vergesellschaftung der Mensch zum maßgeblichen moralischen Bezugspunkt. Dies gilt quasi absolut, denn der moralische Wert eines Menschen wird nicht an Kriterien gebunden, er bemisst sich z.B. nicht an seinen guten oder bösen Taten. Die Grenzen der menschlichen Person werden als natürliche Grenzen institutionalisiert, d.h., das Kriterium für die Zugehörigkeit in den Kreis derjenigen mit einem vollen moralischen Status besteht darin, ein lebendiger menschlicher Körper zu sein. Allen Menschen kommt ein gleicher STRUKTURNOTWENDIGE KRITIK 28 moralischer Status zu – unabhängig von ihren Taten oder einer besonderen personalen Leistungsfähigkeit. Zu letzterem wären etwa besondere Reflexionsfähigkeit oder besondere kognitive Fähigkeiten zu zählen. Die Grenzen des Menschseins sind realisiert in Form des anthropologischen Quadrats, d.h., das menschliche Körperindividuum wird durch eine vierfache Abgrenzung bestimmt: die beiden Grenzen am Lebensanfang und am Lebensende sowie die Grenze zum Tier und zur Maschine. Damit unterscheidet sich das menschliche Körperindividuum vom vormodernen Seelenindividuum durch drei Verschiebungen. Die Geburt wird zur entscheidenden Grenze am Lebensanfang, die Taufe verliert an Bedeutung für die Etablierung eines allgemeinen Rechtsstatus. Die Grenzen zwischen Menschen und Dämonen, Engeln oder anderen Jenseitswesen werden weitgehend irrelevant, dagegen wird die Grenze zur Maschine zu einer wichtigen Bestimmung des Menschseins. Das menschliche Körperindividuum bildet die leere Mitte der vierfachen Abgrenzung des anthropologischen Quadrats und kann nur durch die drei genannten in sich widersprüchlichen Bestimmungen gekennzeichnet werden: als natürliches Körperindividuum, als moralisch und kulturbildend. Dieser Mensch hat einen moralisch hervorgehobenen Status, denn ihm kommen Freiheit und Würde zu. Die Institution des dreifach bestimmten Menschen beinhaltet eine Konkretisierung der sozialen Unentschiedenheitsrelation in Richtung Individualisierung. In triadisch verfassten Leib-Umwelt-Beziehungen wird die Verpflichtung zur Individualisierung institutionalisiert. Dies steht in einem Verhältnis wechselseitiger Voraussetzung mit dem Prinzip horizontaler Differenzierung. D.h., die Differenzierung in horizontal angeordnete gesellschaftliche Subgruppen und Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge wie Wirtschaft, Politik und Recht ermöglicht die Institution des Körperindividuums und umgekehrt wird diese Differenzierungsform durch die Institution des Menschen ermöglicht. Freiheit meint, dass leibliche Selbste als Körperindividuen Mitglieder unterschiedlicher Gruppenzusammenhänge (z.B. Organisation, soziale Bewegungen, Familie usw.) fungieren können, und sie können sich auch in verschiedene übergreifende Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge (Recht, Wirtschaft, Politik, Wissenschaft) vergesellschaften. Dabei soll kein einzelner Gruppen- und kein übergreifender Handlungszusammenhang den Menschen vollständig vereinnahmen. Hierin liegt die Würde des Menschen, denn kein Mensch soll zu einem bloßen Mittel zum Erhalt eines Gruppenzusammenhangs oder als Mittel im Rahmen eines Handlungszusammenhangs verstanden werden. Es fordert vielmehr zur Kritik heraus, wenn Menschen vollständig als Mittel vereinnahmt werden. Im Vollzug von Vergesellschaftung werden die Strukturen der horizontalen Differenzierung bzw. deren tragende normative Institutionen EINLEITUNG 29 immer wieder gefährdet, zum einen durch soziale Ungleichheit, die Menschen von der Teilnahme an einzelnen Handlungs- und Kommunikationszusammenhängen ausschließt, und zum zweiten durch die Tendenz einzelner Handlungszusammenhänge bzw. einzelner Organisationen oder anderer gesellschaftlicher Subgruppen, Menschen total zu vereinnahmen. Eine Totalvereinnahmung durch einzelne Subgruppen oder Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge gefährdet die Institution des Menschen gleich an Freiheit und Würde in zweifacher Hinsicht. Zum einen verliert der Mensch die Freiheit, an verschiedenen Gruppenbzw. Handlungszusammenhängen teilzunehmen; zum anderen wird die Institution menschlicher Würde gefährdet, wenn im Rahmen einzelner Handlungszusammenhänge bzw. Organisationen der Mensch zu einem bloßen Mittel wird, um die Zwecke eines jeweiligen Zusammenhangs zu realisieren. Dies gilt insbesondere für die Bereiche Politik und Wirtschaft bzw. ihre Organisationen. Im Fall der Politik droht eine Totalpolitisierung bzw. ein politischer Totalitarismus und im Fall der Wirtschaft die totale Vereinnahmung der menschlichen Lebenszeit durch die Wirtschaft sowie die Ökonomisierung aller Lebensbereiche. In der Ordnung horizontaler Differenzierung ist eine Dynamik angelegt, die immer wieder zu einer Gefährdung der tragenden Strukturen dieser Differenzierungsform führt. Diese Differenzierungsform kann sich nur deshalb stabilisieren, wenn sie zugleich eine Form kritischer Beobachtung und praktisch wirksamer Gesellschaftskritik ausbildet. Nur so kann sie der Gefährdung der eigenen Strukturen begegnen. Anders gesagt: Moderne Vergesellschaftung bedarf einer strukturrelevanten Kritik, um ihre Strukturen aufrechtzuerhalten. Der Zusammenhang von Individualisierung und horizontaler Differenzierung ist in Gesellschaftstheorien bislang nur partiell gesehen worden. Dass es einen Zusammenhang zwischen der normativen Sonderstellung von Menschen, dem Kult des Individuums, und dem Prinzip horizontaler Differenzierung gibt, wurde zwar explizit bereits von Durkheim herausgearbeitet. Er hat aber nicht gesehen, dass die normative Sonderstellung auf einer neuartigen Grenzziehung zwischen Menschen als verkörperten Personen und nichtmenschlichen Wesen basiert. Auch Simmel, der in vielen Analysen den Zusammenhang von Individualisierung und gesellschaftlicher Differenzierung untersucht hat, hat aufgrund seiner anthropologischen Prämissen nicht sehen können, welche Bedeutung der Unterscheidung zwischen Menschen und anderen Wesen zukommt. THEORIE DER MODERNEN GESELLSCHAFT: THESEN 30 2.2 Kritik und soziale Bewegungen Der Zusammenhang von Vergesellschaftung und Kritik wird einsichtig, wenn man horizontale Differenzierung von den normativen Institutionen her denkt, die von der Differenzierungsform getragen werden und diese ermöglichen. Sowohl Gruppen- als auch Handlungszusammenhänge weisen die Tendenz auf, Menschen vollständig zu vereinnahmen. Damit ist folgendes gemeint. Frauen wurden z.B. von der Familie vollständig vereinnahmt. Dies war lange Zeit auch rechtlich normiert. Sie waren offiziell der Sondergewalt ihres Vaters bzw. Ehemannes unterworfen. Das Recht, die Erfüllung ehelicher Pflichten auch gegen Widerstand durchzusetzen, war für deutsche Ehemänner bis in die 1990er Jahre hinein verbrieft. Erst seit ca. 20 Jahren ist die Vergewaltigung in der Ehe strafbar. Diejenigen, die ihre Arbeitskraft vermieten, waren fast das gesamte 19. Jahrhundert (und immer wieder bis heute) in ihrer Würde durch die profitorientierte kapitalistische Wirtschaft bedroht. Neben der Arbeit blieb ihnen kaum noch Zeit, sich in anderer Weise zu vergesellschaften. Noch in den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts schien die Idee, dass allen Menschen in gleicher Weise Freiheit und Würde zukommen, kaum realisierbar. Die meisten Menschen waren einer oder mehreren Sondergewalten unterworfen. Als Leibeigene war die Landbevölkerung ihren Landherren untertan. Sklaven arbeiteten in den Kolonien unter der Gewalt ihrer Herren usw. Unter solchen Bedingungen war die allgemeine Durchsetzung horizontaler Differenzierung schwerlich möglich. Soziale Bewegungen waren durch ihre öffentliche Kritik und durch ihre Aktionen mit daran beteiligt, die Bedingungen horizontaler Differenzierung herzustellen. Der Bezugspunkt für die Kritik durch soziale Bewegungen war die neue Legitimationstheorie des dreifach bestimmten Menschen gleich an Freiheit und Würde. Sie fungierte als normative Ressource immer neuer Wellen der Kritik, die dazu beitrugen, die Strukturen horizontaler Differenzierung nach und nach durchzusetzen. Es waren gewaltsame Umbrüche, die zu einer Etablierung einer neuen Verfahrensordnung der Gewalt geführt haben. Wenn man sich die Theorien horizontaler Differenzierung von Weber (Differenzierung in Wertsphären), Parsons oder Luhmann anschaut, kommen die Revolutionen und kriegerischen Auseinandersetzungen nicht vor, durch die das Königtum entmachtet, eine neue Eigentumsordnung etabliert und demokratische Beteiligungsrechte erstritten wurden. Es bedurfte einer militanten Wahlrechtsbewegung, um das allgemeine Wahlrecht für alle menschlichen Körperindividuen durchzusetzen. Es bedurfte einer militanten Frauenbewegung, um die Sonderbehandlung von Frauen zu beenden. Dass Frauen nicht länger der Sondergewalt ihrer Väter bzw. Ehemänner unterworfen sein sollten, war nicht das Ergebnis selbstläufiger Prozesse, wie soziologische Gesellschaftstheoretiker glauben machen wollen, sondern das Ergebnis der Frauenbewegung. EINLEITUNG 31 Sklavenemanzipation, Emanzipation der Leibeigenen oder die Frauenemanzipation wurden durch soziale Bewegungen erstritten bzw. im Zusammenhang kriegerischer Auseinandersetzungen oder als deren Folge durchgesetzt. Die Französische Revolution führte zu einem Umbruch der Eigentumsordnung, die die Einführung freier Arbeit einschloss. Diese Veränderungen wurden nach der Kriegsniederlage Preußens als Revolution von oben im eigenen Land durchgesetzt. Erst die Kriegsniederlage des alten Regimes ermöglichte die Übernahme zumindest einiger revolutionärer Errungenschaften. Die unmittelbaren bzw. durch Nachahmung erzielten Erfolge hatten gesellschaftsstrukturell Konsequenzen, denn sie machten diejenigen, die den Sondergewalten ihrer (Ehe-)Herren entzogen worden waren, frei, sich in beliebiger Weise zu vergesellschaften. Zugleich ermöglichten es diese Emanzipationsbewegungen, die Lebenszusammenhänge aller menschlichen Körperindividuen in die Mechanismen der Marktvergesellschaftung einzubinden. Nur diejenigen, die aus der Unterwerfung unter eine Sondergewalt emanzipiert waren, wurden zu Vermietern ihrer Arbeitskraft, die ihr Geld ohne Vormund für einen beliebigen Konsum ausgeben konnten. Die Emanzipation aus Sondergewalten war eine zentrale Bedingung dafür, dass der Markt die Gesellschaft in einer umfassenden Weise durchdringen konnte und kann. Die Durchdringung der Gesellschaft durch die Wirtschaft bzw. Marktgesetzmäßigkeiten kann ihrerseits zu einer Gefährdung der Strukturen horizontaler Differenzierung führen. Die Notwendigkeit, die eigene Arbeitskraft zu vermieten, kann zu einer Totalvereinnahmung durch die Wirtschaft führen. Menschen, die nur noch arbeiten müssen, haben buchstäblich keine Zeit mehr, um sich politisch, kulturell oder in einer anders gearteten Weise zu vergesellschaften. Es waren soziale Bewegungen, die sich gegen die Totalvereinnahmung des Menschen durch die Wirtschaft gestellt haben. Nur auf diese Weise konnte horizontale Differenzierung dauerhaft erhalten werden. Wenn Menschen nur arbeiten müssten bzw. nur daran denken müssten, wie sie sich für die Wirtschaft optimieren könnten, würde es für Menschen unmöglich werden, sich in Familien und Freundeskreisen zu vergesellschaften, sich politisch zu betätigen usw. Das besondere Individualitätsverständnis des Menschen gleich an Freiheit und Würde ist eine normative Strukturbedingung horizontaler Differenzierung. Insofern stützt horizontale Differenzierung die Bildung sozialer Bewegungen bzw. fordert sie als eine strukturelle Bedingung ihrer Stabilität. Denn im Rahmen der etablierten Struktur horizontaler Differenzierung weisen die einzelnen Gruppen- und Handlungs- und Kommunikationszusammenhängen immer wieder die Tendenz auf, den Menschen vollständig zu vereinnahmen und ihnen damit auch die Freiheit zu nehmen, sich in unterschiedliche Gruppen- und Handlungszusammenhänge zu involvieren. In differenzierungstheoretischer Hinsicht THEORIE DER MODERNEN GESELLSCHAFT: THESEN 32 besteht das Neue der hier vorgetragenen Theorie der modernen Gesellschaft also darin, diese nicht nur als horizontal differenziert zu begreifen, sondern horizontale Differenzierung als eine stets prekäre, die eigenen Strukturen gefährdende Form der Vergesellschaftung zu verstehen, die der Selbstkritik bedarf. Dies führt zu der These, dass moderne Vergesellschaftung von ihrer Struktur her nicht bzw. nicht nur in einer herrschaftssoziologischen Perspektive begriffen werden kann. Denn ihre Strukturen können nur aufrechterhalten werden, wenn sie einer kontinuierlichen Kritik durch soziale Bewegungen ausgesetzt werden. In den bisherigen Theorien zur gesellschaftlichen Differenzierung findet sich kaum etwas von der strukturellen Bedeutung sozialer Bewegungen. Um zu einer adäquaten Einschätzung der Strukturen moderner Vergesellschaftung zu gelangen, bedarf die Gesellschaftstheorie einer Perspektive, die die Bedeutung sozialer Bewegungen anerkennt. 2.3 Die Doppelbestimmung von Wirtschaft und Politik Wenn man den engen Zusammenhang von Kritik und horizontaler Differenzierung anerkennt, hat dies auch Implikationen dafür, wie die Ausdifferenzierung einzelner Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge zu begreifen ist. Wenn man die Ausdifferenzierung von Politik und Wirtschaft so konzipiert, dass diese einer Eigenlogik folgen, die dem moralischen Anliegen sozialer Bewegungen äußerlich ist, wirken die Einflüsse sozialer Bewegungen wie von außen kommende Impulse. Diese müssen erst in die Logik des Handlungszusammenhangs übersetzt werden, wobei sie ihre Spezifität verlieren. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich allerdings, dass die Sache anders liegt. Zumindest für die wichtigen Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge lässt sich nämlich eine Doppelbestimmung nachweisen. Üblicherweise geht man nur von einer Bestimmung aus, die einen jeweiligen Handlungszusammenhang charakterisiert. Danach ist etwa die Wirtschaft durch eine Orientierung an der Gewinnmaximierung und die Politik durch den Kampf um die Macht gekennzeichnet. Wenn man dagegen von einer Doppelbestimmung ausgeht, erschließen sich Möglichkeiten einer präziseren Analyse der Bereiche Wirtschaft und Politik. Dies erlaubt es zugleich zu begreifen, wie das moralische Anliegen sozialer Bewegungen zu einem institutionellen Bestandteil der Handlungslogik etwa der Wirtschaft oder der Politik werden kann. Für die Wirtschaft gehe ich von der institutionalisierten Differenz zwischen Eigentum und Besitz aus und für die Politik von der Institutionalisierung der Differenz zwischen diskursiver Auseinandersetzung um Sachpositionen und dem Kampf um den Zugang zur Staatsgewalt. EINLEITUNG 33 Eigentum und Besitz Wenn man diese Doppelbestimmungen vornimmt, gerät der Zusammenhang zwischen ausdifferenzierten Handlungszusammenhängen und der Gesellschaft als Ganzer in den Blick. Ich beginne mit der Wirtschaft, die ich als Eigentumswirtschaft analysiere. Die Differenz von Eigentum und Besitz ist begrifflich für die praktischen Rechtsbelange ausgearbeitet und insbesondere im deutschen Recht präzise benannt. Ihre Bedeutung für die Gestaltung des Wirtschaftslebens wird aber weder in der Soziologie noch in den Wirtschaftswissenschaften erfasst. Eigentum meint, dass eine Sache von ihrem Eigentümer verkauft oder als Kreditsicherheit, d.h. als Pfand, verwendet werden kann. Eigentum ist als Rechtsanspruch völlig unabhängig davon, ob der Eigentümer die Sache praktisch nutzt. Besitz bezieht sich dagegen darauf, dass der Besitzer eine Sache praktisch nutzt. Dies hat nichts mit einem Eigentumsanspruch zu tun. Wer Kekse aus dem Supermarkt stiehlt und aufisst, ist der Besitzer der Kekse, aber nicht ihr Eigentümer. Eigentum und Besitz bezeichnen zwei vollkommen unterschiedliche Bezüge zu einer Sache. Die Gestaltung des praktischen Besitzens wird durch gesellschaftliche Institutionen reguliert, sie orientiert sich an Werten und Fragen des guten Lebens. Dies gilt für die Produktion ebenso wie für die Konsumtion. Der Unternehmer ist Eigentümer der Produktionsmittel, diese befinden sich aber praktisch im Besitz der Arbeiter, denn diese nutzen die Produktionsmittel, um etwas herzustellen. Institutionelle Wertorientierungen beziehen sich sowohl darauf, wie die Produktion gestaltet sein sollte, damit ein sinnvolles und nachhaltig nutzbares Produkt entsteht, als auch darauf, welche Produkte den Menschen zur praktischen Nutzung zur Verfügung stehen sollten. Fragen des guten moralischen Lebens sind nicht nur Themen der Moralphilosophie, sondern auch klassische Themen sozialer Bewegungen. Bezogen auf den Aspekt des Besitzens sowohl in der Produktion als auch in der Konsumtion bewegen sich Wirtschaft und soziale Bewegungen auf dem gleichen Terrain. Für die Wirtschaft ist aber nicht nur der Besitz, sondern vor allem auch der Eigentumsaspekt relevant. Die moderne Wirtschaft setzt voraus, dass Dinge bzw. Sachen Eigentum von natürlichen oder juristischen Personen z.B. Organisationen sind. Dies schließt auch den Boden ein. Eigentum kann veräußert oder verpfändet werden, dabei gilt, dass es individuell exklusiv angeeignet wird. Dafür gibt es keine anderen Grenzen als den Eigentumsanspruch selbst. Von solchen Beschränkungen abgesehen, kann man mit Eigentum beliebig verfahren. Man kann das geerbte Elternhaus verkaufen und ist nicht daran gebunden, in diesem weiterleben zu müssen. Eigentum ist die Bedingung für das spezifisch in der Wirtschaft erzeugte Geld, das Kreditgeld. Dieses ist die Bedingung für eine THEORIE DER MODERNEN GESELLSCHAFT: THESEN 34 wachstumsorientierte kapitalistische Wirtschaft. Der Unternehmer ist typischerweise ein Schuldner, der den Kauf von Produktionsmitteln und Arbeitskräften mit einem Kredit oder durch den Verkauf von Firmenanteilen (Aktien) finanziert. Da er auf den Kredit bzw. die verkauften Eigentumsanteile einen Zins zahlen muss, ist er gezwungen durch Produktion und Verkauf mehr Geld zu bekommen, als er für Herstellung und Vertrieb investiert hat. Dies führt dazu, dass Unternehmer-Schuldner dazu gezwungen sind, die praktischen Formen des Besitzens in der Produktion beständig umzuwälzen, um günstiger produzieren zu können. Die Eigentümerinnen der Produktionsmittel sind diejenigen, die den Mehrgewinn nach dem Verkauf einstreichen, denn sie müssen den Kredit zurückzahlen bzw. eine Dividende auf Aktienanteile ausschütten. Die Besitzerinnen der Produktionsmittel sind diejenigen, die in der Produktion tätig sind. Die institutionalisierten Handlungsabläufe der Produktion unterliegen einer häufigen Veränderung. Der Zwang zum Gewinn erfordert immer wieder eine Effizienzsteigerung in der Produktion. Der Zwang zum Gewinn führt entsprechend auch zu Umwälzungen in der Konsumtion. Um immer neuen Gewinn zu realisieren, sind Unternehmer-Schuldner gezwungen, immer wieder veränderte bzw. verbesserte oder neue Angebote an die Konsumentinnen zu machen. Nur so lässt sich in der Konkurrenz mit anderen Unternehmer-Schuldnern ein Gewinn sichern, um den Kredit zurückzahlen zu können. Die Wirtschaft mobilisiert immer wieder institutionell gesicherte praktische Besitzverhältnisse, denn sie macht der Gesellschaft permanent ver- änderte Produktangebote und ist erfolgreich, wenn diese angenommen werden. Die Realisierung von Eigentumsansprüchen gelingt nur, wenn die Dinge verkauft werden. Dies ist nur erfolgreich, wenn die Käuferinnen die Dinge praktisch nutzen wollen. Niemand kauft etwas, damit ein Unternehmer-Schuldner einen Gewinn machen und einen Kredit zurückzahlen kann. Diesen Zusammenhang von Wirtschaft und Gesellschaft bekommt man nur dann in den Blick, wenn man den Aspekt des Besitzens in seiner Differenz zum Eigentum betrachtet. Dann erschließt sich das gemeinsame Feld, auf dem sich soziale Bewegungen und Eigentumswirtschaft begegnen. Soziale Bewegungen sorgen sich darum und kämpfen dagegen an, dass die kreditgetriebene Eigentumswirtschaft den Aspekt des praktischen Besitzens, d.h. den praktischen Umgang mit der Welt, ausschließlich am Prinzip der Gewinnmaximierung zur orientiert. Die Institutionen des praktischen Besitzens sind das gemeinsame Feld von moralorientierten sozialen Bewegungen und gewinnorientierten Unternehmer-Schuldnern. EINLEITUNG 35 Differenz zwischen der diskursiven Auseinandersetzung um Sachpositionen und dem Kampf um den Zugang zur Staatsgewalt. Um die Eigenständigkeit der Politik bzw. des Politischen zu begründen, wird differenzierungstheoretisch der Kampf um die Macht bzw. der Code der Macht in den Mittelpunkt gerückt. Wenn man das Politische darauf reduzieren würde, wäre es in der Tat so, dass soziale Bewegungen, denen es um eine moralische Beobachtung und praktische Kritik geht, Fremdkörper im Feld des Politischen wären. Auch in diesem Fall braucht die Gesellschaftstheorie eine differenziertere Konzeption. Denn Politik dreht sich nicht nur um Machtgewinn bzw. Machtverlust, sondern auch um die diskursive Auseinandersetzung um Sachpositionen. Die Existenz eines demokratischen Rechtsstaats vorausgesetzt, geht es in der Politik darum, wer Zugang zur Staatsgewalt erhält, und dieser Kampf wird als diskursive Auseinandersetzung um Sachpositionen geführt. Sind Steuersenkungen wichtig oder Investitionen in Bildung? Muss der Sozialstaat ausgebaut werden? Soll mehr Geld in die Rüstung fließen? Sollen Finanztransaktionen besteuert werden? Usw. In Anbetracht dieser vielfältigen diskursiven Auseinandersetzungen, die in der Politik geführt werden, ist es theoretisch defizitär, diesen Handlungszusammenhang allein auf den Kampf um die Macht zu beschränken. Der Diskurs um Sachpositionen bezieht sich auf die Institutionen, an denen konkrete Handlungsabläufe orientiert sind. Die Position, dass die Betreuung kleiner Kinder ausgebaut werden müsse, bezieht sich auf die institutionalisierten Abläufe der Betreuung von Kindern nach der Geburt. Die Besteuerung von Finanztransaktionen bezieht sich auf konkrete institutionelle Handlungsabläufe des Börsenhandels. Durch die Gestaltung von Sachpositionen greift die Politik in das institutionelle Gefüge konkreter Handlungsabläufe ein und stützt die Legitimation solcher Handlungsabläufe oder untergräbt sie. Der Sinn des Streits um Sachpositionen besteht darin, die Durchsetzung von Sachpositionen durch die Gewalt des Staates zu erreichen. Dies erfolgt durch Gesetzgebung. Damit setzt sich die Differenz der Sachpositionen fort in ein sachlich differenziertes Recht, das in zunehmend differenzierter Weise, konkrete institutionelle Handlungsabläufe vermittels des Rechts der Gewalt des Staates unterwirft. Eltern können ihre Kinder nicht züchtigen, wie es ihnen sinnvoll erscheint, sie riskieren eine Anzeige. Wie die Wirtschaft dringen Politik und Recht tief in die institutionellen Handlungsabläufe ein. Dabei werden sie von sozialen Bewegungen beobachtet und kritisiert. Sachpositionen und deren Umsetzung in Gesetzgebung sind das politisch-rechtliche Äquivalent des Besitzens, durch das Politik und Recht in das institutionelle Gefüge konkreter Handlungsabläufe und deren Legitimation eingreifen. Soziale Bewegungen teilen sich mit der Wirtschaft THEORIE DER MODERNEN GESELLSCHAFT: THESEN 36 die institutionelle Ordnung des Besitzens und mit der Politik das Feld des Streits um Sachpositionen. Sie kritisieren, welche Sachpositionen zu Unrecht aufrechterhalten werden und fordern eine Änderung der sachlichen Prioritäten der Politik. Der Erfolg sozialer Bewegungen bemisst sich nicht zuletzt daran, ob es ihnen gelingt, das Feld der diskursiven Auseinandersetzung um Sachpositionen mitzubestimmen und vielleicht sogar zu dominieren, um so Sachpositionen durch Gesetze allgemeinverbindlich zu machen. Ich beschränke mich darauf, das Verhältnis von sozialen Bewegungen zur Politik und zur Wirtschaft präziser zu bestimmen. Denn der Konflikt zwischen diesen beiden Handlungszusammenhängen um den Zugriff auf den Menschen führt – bislang jedenfalls – zu den bedeutenden Strukturproblemen moderner Vergesellschaftung. Es bestand und besteht die Gefahr, dass einerseits Wirtschaft und andererseits Politik und Recht den Menschen total vereinnahmen und so zu einer Gefahr für die Institution des dreifach bestimmten Menschen gleich an Freiheit und Würde werden. Dieser Konflikt ist in mehrfacher Hinsicht ein Strukturkonflikt, denn die Wirtschaft ist weltgesellschaftlich ausgerichtet, während Politik und Recht mitgliedschaftlich verfasst sind. Die Funktionsweise des modernen demokratisch regierten Verwaltungsstaats setzt voraus, dass die Mitglieder des Staats, die Staatsbürger, organisatorisch als Mitglieder erfasst werden. Dies ist die Bedingung für die Funktionsweise des Politischen im Sinne rationaler Repräsentation. Das Prinzip »ein Wahlbürger eine Stimme« setzt voraus, dass die Wahlbürger organisatorisch erfasst werden. Gleiches gilt für das sozialstaatliche Prinzip der Umverteilung gesellschaftlicher Chancen, auch in diesem Fall müssen die Anspruchsberechtigten organisatorisch erfasst und ihre Bedürftigkeit festgestellt werden. Dies gilt für die Wirtschaft nicht in gleicher Weise. Obwohl große Organisationen das Rückgrat der horizontal ausdifferenzierten Wirtschaft bilden, ist die Wirtschaft ihrer Funktionsweise nach auf eine offene Konkurrenz angelegt. Sie greift weltweit auf menschliche Körperindividuen als Kunden, Angestellte oder Arbeiter zu. Wenn Menschen total wirtschaftlich vereinnahmt würden, würde dies die Beteiligung an den mitgliedschaftlich verfassten Handlungsbereichen gefährden. Bzw. es würde die Substanz dieser Bereiche gefährden. Menschen, die nur noch arbeiten und konsumieren, wären nicht mehr frei, sich politisch zu betätigen. Umgekehrt würde eine vollständige Vereinnahmung durch die Politik es verhindern, dass sich Menschen noch gemäß der Logik der Wirtschaft vergesellschaften könnten. Soziale Bewegungen sind maßgeblich daran beteiligt, diese Konflikte mitzugestalten. EINLEITUNG 37 3. Der Gang der Argumentation Um die Besonderheiten der modernen Ordnung begreifen zu können, setze ich sie von zwei vorhergehenden Ordnungen der Vergesellschaftung ab, die sich durch eine andere Form der Grenzziehung zwischen sozialen Personen und anderem auszeichnen sowie durch eine andere Verfahrensordnung der Gewalt, die mit einer jeweils entsprechenden Form des Wirtschaftens einhergeht. Eine von der Verfahrensordnung der Gewalt freigesetzte Wirtschaft, d.h. eine horizontal eigenständig ausdifferenzierte Wirtschaft, entsteht erst mit der modernen Verfahrensordnung der Gewalt. Historisch führt dies zu der Hypothese, dass sich für die europäische Entwicklung seit dem frühen Mittelalter zumindest drei Phasen unterscheiden lassen: 1. Dividualisierende Vergesellschaftung mit offenen Grenzen des Sozialen und einer gewaltsamen Darstellung der Rechtsgültigkeit im Rahmen der Verfahrensordnung des Ausgleichs. Diese ist durch einen horizontalen Gabentausch zwischen konflikthaft aneinander gebundenen Familiengruppen gekennzeichnet. Nur in ersten Ansätzen entwickelt sich vertikaler Gabentausch mit kontinuierlichen Abgaben von unten nach oben und einer Verteilung von Gaben von oben nach unten. 2. Individualisierende Vergesellschaftung orientiert am Prinzip der Seele mit offenen Grenzen des Sozialen und einer gewaltsamen Darstellung der Rechtsgültigkeit im Rahmen der Verfahrensordnung des Gerichtswesens. Relevant ist die Errichtung von Territorialherrschaften. In deren Rahmen wird ein vertikaler Gabentausch dominant, der leibliche Selbste in dividualisierende Besitzbeziehungen einbindet, wobei zugleich durch den Bezug auf Gott ein auf die Seele bezogener Individualismus institutionalisiert wird. In diesem Rahmen entstehen Ansätze eines geldvermittelten Markttauschs, und es entwickeln sich im Weiteren erste Formen des Bankwesens sowie mit der Institution des Wechsels Vorläufer dessen, was später als Kreditgeld zum Treiber einer kapitalistischen Wirtschaft werden wird. 3. Individualisierende Vergesellschaftung orientiert am Prinzip des Körperindividuums. Die Grenzen des Sozialen werden anhand des anthropologischen Quadrats gezogen. Die Darstellung der Gültigkeit des Rechts erfolgt gewaltfrei im Rahmen der modernen Verfahrensordnung von Gewalt. Die Körperindividualisierung trennt die leiblichen Akteure aus dividualisierenden Besitzbeziehungen heraus, institutionalisiert die Trennung von Besitz und Eigentum und stellt das am eigenen Nutzen orientierte Individuum auch normativ in den Mittelpunkt. Unter diesen Bedingungen entwickelt sich kapitalistisches Kreditgeld, welches sowohl die Voraussetzung für eine allgemeine Durchsetzung des Markttauschs ist, als auch die Voraussetzung für die Ausdifferenzierung eines eigenständigen Bereichs des Wirtschaftens darstellt. THEORIE DER MODERNEN GESELLSCHAFT: THESEN 38 Die Unterscheidung dieser drei Phasen ist im Sinne einer Typisierung zu verstehen, die es erlaubt, Differenzen zu extrapolieren. Auch im Rahmen der modernen Vergesellschaftung sind Interaktionen z.B. mit den Seelen Verstorbener oder Formen dividualisierender Vergesellschaftung nicht ausgeschlossen. Aber sie sind nicht typisch für die Ordnung horizontaler Differenzierung. Die Kennzeichnung der Typik der jeweiligen Phasen bezieht sich auf drei Aspekte, die miteinander in einem immanenten Zusammenhang stehen und einander wechselseitig bedingen: 1. die Veränderungen der Grenzen der Sozialwelt, 2. die Veränderungen der Verfahrensordnungen der Gewalt, 3. die Veränderungen vom Gabentausch hin zur kapitalistischen Wirtschaft. Die Kennzeichnung einer typischen Ordnung geht davon aus, dass nicht jede Form der Grenzen der Sozialwelt mit jeder beliebigen Verfahrensordnung der Gewalt vereinbar ist, bzw. dass sich eine kapitalistische Wirtschaft nur im Rahmen einer bestimmten Ordnung der Grenzen der Sozialwelt und einer bestimmten Verfahrensordnung der Gewalt ausbilden kann. Dies schließt nicht aus, dass gegenwärtig noch andere Verfahrensordnungen der Gewalt möglich wären. Aber wenn sie die legitime Ordnung bildeten, die typischerweise gilt, wäre eine kapitalistische Wirtschaft nicht möglich. Im ersten Kapitel wird zunächst die Entstehung des menschlichen Körperindividuums nachgezeichnet und seine durch die Institutionalisierung der Menschenrechte gewährleistete normative Sonderstellung. Dabei zeigt sich, wie die soziale Unentschiedenheitsrelation institutionell zunächst in Richtung Dividualisierung festgelegt wird, dann in Richtung Seelenindividuum und schließlich in Richtung menschliches Körperindividuum. In Anbetracht dessen problematisiere ich zu Beginn dieses Kapitels, dass die sozialtheoretischen Prämissen sowohl der Handlungstheorie als auch des Theorems der doppelten Kontingenz ungeeignet sind, um die Veränderungen von Dividualisierung zur Individualisierung zu erfassen. Denn diese Konzeptionen gehen von geschlossenen Handlungseinheiten oder Sinnverarbeitungssystemen aus. Solche Vorannahmen verhindern es, die benannten Veränderungen überhaupt angemessen in den Blick nehmen zu können. Im zweiten Kapitel stehen die Strukturmerkmale horizontaler Differenzierung im Mittelpunkt, hierbei geht es insbesondere um die Differenzierung zwischen zwei Typen von Funktionszusammenhängen: denjenigen, für die das Prinzip der begrenzten Mitgliedschaft zentral ist (Politik und Recht), und denjenigen, die weltgesellschaftlich orientiert sind und EINLEITUNG 39 eine offene Zahl von Akteuren integrieren können (Wirtschaft und Wissenschaft). Die anderen Funktionszusammenhänge wie etwa Medizin, Religion sind historisch pfadabhängig eher in der einen (mitgliedschaftlich) oder anderen (weltgesellschaftlich) Weise orientiert. Bei der Rekonstruktion der Veränderungen der Verfahrensordnungen der Gewalt hin zur modernen Verfahrensordnung findet sich der oben beschriebene Dreischritt ebenso wie bei den Veränderungen des Tauschs, des Geldgebrauchs und der Entstehung der modernen kreditgetriebenen Wirtschaft. Für die Ordnung des theoretischen Wissens bzw. des Wissbaren, d.h. für die Entwicklung hin zur modernen Wissenschaft untersuche ich lediglich einen Übergang, nämlich den von einer Ordnung des Wissens, die ihren letzten Anhalt an einem allmächtigen Schöpfergott findet, hin zu einer Ordnung des Wissens, die ein stets revidierbares Wissen im Sinne der modernen Wissenschaft kennt. Dies hat seinen Grund in der Fokussierung auf theoretisches Wissen und der Beschränkung auf die Zeit seit dem frühen Mittelalter. In den für die weitere Entwicklung hin zur horizontalen Differenzierung relevanten Regionen West- und Mitteleuropas wurde theoretisches Wissen erst im 11. bis 13. Jahrhundert wieder relevant. Dieses war gekennzeichnet durch die Idee der großen Kette der Wesen (Lovejoy 1936/1993). Danach musste die Welt von einem Schöpfer her gedacht und alles Geschaffene konnte in eine einheitliche und gute hierarchische Ordnung gebracht werden. Ausgehend von dieser Konzeption ist für mich der Übergang zum modernen Wissen wichtig, welches sich durch den Bezug auf den Menschen auszeichnet. Für das moderne Verständnis von Wissen gilt, dass der Mensch zur subjektiven Bedingung des Wissens wird und zugleich Objekt dieses Wissens ist. Dabei zeigt sich deutlich, dass die dreifache Bestimmung des Menschen in sich widersprüchlich ist, bzw. als widersprüchlich aufgefasst werden kann. Das moderne Wissen begreift den Menschen als Naturwesen, als moralisches Wesen und als kulturbildend. Dies führt zu einer in sich widersprüchlichen Legitimationstheorie des Wissens. Genauer gesagt handelt es sich um eine Legitimationstheorie, die ein Feld für Kontroversen absteckt und nicht um eine konsistente Theorie. Selbst wenn man den Menschen als ein Naturwesen begreift, führt das nicht zu einem einheitlichen Verständnis. Denn als Naturwesen, kann der Mensch als ein Wesen verstanden werden, welches seinem eigenen individuellen Nutzen folgt oder als ein Wesen, welches Mechanismen unterworfen ist, die den Fortbestand der Gattung sichern. Wenn man einen anderen Aspekt der modernen Legitimationstheorie in den Vordergrund rückt und den Menschen als ein moralisches Wesen begreift, muss man dagegen davon ausgehen, dass er sich zu sich als Naturwesen verhalten kann. Als moralisches Wesen folgt der Mensch nicht einfach dem Erhalt der Gattung oder seinem individuellen Nutzen, sondern er orientiert sein Verhalten an allgemeingültigen moralischen Regeln. Wenn man gemäß dem THEORIE DER MODERNEN GESELLSCHAFT: THESEN 40 dritten Aspekt den Menschen als ein kulturbildendes Wesen versteht, steht dies automatisch im Widerspruch zu den beiden vorhergenannten Auffassungen vom Menschen. Denn als kulturbildendes Wesen wird der Mensch bestimmt, durch die von ihm in Gesellschaft geschaffenen kulturellen Regeln. Dies widerspricht sowohl der Annahme, dass der Mensch ein moralisches Wesen ist, also auch der Annahme, dass der Mensch ein Naturwesen ist. Die moderne Wissenschaft zeichnet sich dadurch aus, dass diese drei Bestimmungen im Sinne unterschiedlicher Erkenntnisansprüche begriffen werden. Diese können nebeneinander stehen oder miteinander konflikthaft konkurrieren. Im letzteren Fall wird versucht, einen dieser Ansprüche als dominant durchzusetzen. Die andere Möglichkeit besteht darin, integrierende Systemversuche zu formulieren. Bislang hat sich keine der Lösungen als dauerhaft konsensfähig herausgestellt. Die Wissenschaft löst sich auf in konkurrierende Erkenntnisansprüche, ohne dass eine Einigung in Sicht wäre. Die Naturwissenschaft hat eindeutig eine Präferenz für den Menschen als Naturwesen, die Sozialwissenschaften neigen einerseits mit dem Rational Choice Paradigma dem Menschen als Naturwesen zu und andererseits wie die Kulturwissenschaften dem Menschen als kulturbildendes Wesen, das die eigene Umweltbeziehung durch kulturelle Regeln ordnet. Die Moralphilosophie hat eine Vorliebe für den Menschen als moralisches bzw. Vernunftwesen. Das dritte Kapitel behandelt ausführlich die allgemeine Legitimationstheorie des Ethos der Menschenrechte, den dreifach bestimmten Menschen (natürlich, moralisch, kulturbildend) sowie die normativen Implikationen des anthropologischen Quadrats. Auf diese Weise werden die in sich widersprüchlichen normativen Bezugspunkte innerhalb der allgemeinen Legitimationstheorie identifiziert. Soziale Bewegungen bzw. die öffentliche Beobachtung übernehmen die Beobachtung moderner Vergesellschaftung sowie deren praktisch wirksame Kritik. Mit Bezug auf Kritik zeigt sich eine wichtige Gemeinsamkeit zwischen Wissenschaft und sozialen Bewegungen. Es soll nur gültig sein, was sich in der institutionellen Form der Öffentlichkeit als gültig erweisen lässt. Der Unterschied zwischen Wissenschaft und sozialen Bewegungen besteht im Zuschnitt der Öffentlichkeit. Im Fall der Wissenschaft handelt es sich um eine Fachöffentlichkeit, während es sich im Fall der öffentlich diskursiven Beobachtung um eine allgemeine Öffentlichkeit handelt, die potentiell alle Menschen einschließt. Im öffentlichen Diskurs sollen die Fragen des guten moralischen Lebens verhandelt werden, was die Kritik an den ausdifferenzierten Gruppen- und Handlungszusammenhängen einschließt. Die Besonderheit sozialer Bewegungen besteht darin, nicht nur moralisch zu beobachten, sondern die Kritik auch praktisch wirksam in die Verfahrensordnung der Gewalt, d.h. in den Kampf um den Zugang zur Staatsgewalt zu vermitteln. Ohne Bezug zu sozialen EINLEITUNG 41 Bewegungen verkommt die kritische öffentliche Beobachtung zur moralisierenden Klage. Erst durch soziale Bewegungen wird ein Bezug zur Verfahrensordnung der Gewalt hergestellt und damit zur praktisch wirksamen Kritik. Soziale Bewegungen stellen immer auch die Frage nach dem moralisch guten Leben. Es geht um die Gleichstellung von Frauen und Männern, um Chancengleichheit für Bürger aus unteren sozialen Schichten, eine Verringerung der Arbeitszeit zugunsten der Freizeit bzw. der Zeit mit der Familie usw. Mit der Problematisierung der Frage nach dem moralisch Richtigen identifizieren sie zugleich Strukturgefährdungen horizontaler Differenzierung. Aufgrund ihrer institutionellen Ordnung können sich soziale Bewegungen aber auch selbst zu einer Gefahr für die Ordnung horizontaler Differenzierung entwickeln. Der Grund hierfür liegt da rin, dass horizontale Differenzierung erfordert, die Frage nach dem guten Leben freizustellen. Die Legitimationstheorie des dreifach bestimmten Menschen ist in sich widersprüchlich und erlaubt es nicht, festzulegen, worin für den Menschen des anthropologischen Quadrats das moralisch gute Leben besteht. Dies ist die Bedingung für die vielfältige Ausdifferenzierung von Gruppen- und Handlungszusammenhängen, in denen die Frage nach dem guten Leben in je unterschiedlicher Weise gestellt und beantwortet werden kann. Die Unbestimmtheit der Frage nach dem guten Leben ist Bedingung horizontaler Differenzierung. Sie ermöglicht eine Vielfalt von Zusammenhängen, die in einem nichthierarchischen Verhältnis zueinander stehen. Worin das gute Leben besteht, wird in unterschiedlichen Gruppen- bzw. Handlungszusammenhängen anders bestimmt. Gemäß der Struktur horizontaler Differenzierung sollen menschliche Körperindividuen zwischen solchen unterschiedlichen Verständnissen des guten Lebens wechseln können, ohne dass eine einzelne als einzig verbindlich gelten soll. Dies wird durch die nicht-hierarchische horizontale Differenzierung von Zusammenhängen ermöglicht. Eine Vereinheitlichung der Frage nach dem moralisch guten Leben würde die Ordnung horizontaler Differenzierung gefährden. Denn bereits durch den Zuschnitt der Frage wird das moralisch Richtige festgelegt. Wenn es um die Frage geht, die Welt gerechter zu machen, kann man kaum noch die Frage stellen, wie man das eigene Glück durch Maximierung des eigenen Nutzens vermehrt usw. Jede Schließung der Frage nach dem guten Leben führt zugleich zu einer Fixierung des dreifach bestimmten Menschen. Jede Frage nach dem guten Leben enthält eine Priorisierung des Menschen als Naturwesen, als kulturbildendes oder als moralisches Wesen. Daraus folgt, dass soziale Bewegungen auch zu einer Gefahr für die Ordnung horizontaler Differenzierung werden. Dies ist dann der Fall, wenn es einer Bewegung gelingt, den Zugang zur staatlichen Gewalt zu THEORIE DER MODERNEN GESELLSCHAFT: THESEN 42 erlangen und ihren Zuschnitt der Frage nach dem moralisch Richtigen gestützt auf die Staatsgewalt und Gesetzgebung allgemein verbindlich zu machen. Dies ist zwei Bewegungen gelungen, den nationalistischen Bewegungen nach dem ersten Weltkrieg (vor allem in Deutschland), und den kommunistischen Bewegungen – zuerst in Russland. Zu einer Reflexion auf die strukturnotwendige Kritik sozialer Bewegungen gehört notwendigerweise die Reflexion auf die Gefährdung der Ordnung horizontaler Differenzierung durch soziale Bewegungen. Soziale Bewegungen sind nur dann strukturerhaltend für horizontale Differenzierung, wenn es gelingt, ihr moralisches Anliegen mit der Offenheit der Frage nach dem guten Leben vereinbar zu machen. Am Beispiel der Umweltbewegung zeige ich abschließend, dass und wie dies gelingen kann. Gleiches gilt für die Frauenbewegung und die Arbeiterbewegung. Gemäß der übergreifenden These bildet die Institution des menschlichen Körperindividuums gleich an Freiheit und Würde das Zentrum der symbolisch-institutionellen Ordnung der Moderne. Die historische Besonderheit dieser Institution tritt hervor, wenn man ihre Herausbildung aus den institutionellen Formen der Dividualisierung und der auf die Seele bezogenen Individualisierung einbezieht. Dabei erweist sich, dass die Gesamtordnung des modernen Weltzugangs durch eine spezifische Verfahrensordnung der Gewalt stabilisiert wird. Deren Besonderheit besteht darin, dass die Körperindividuen der Gewalt des Staates unterworfen sind, der ihnen zugleich Freiheit und Würde garantieren soll. Auf diese Weise werden die Bürger frei, sich als Menschen in beliebiger Weise zu vergesellschaften. Dies ermöglicht erst die Dynamik der Ausdifferenzierung unterschiedlicher Gruppen- und Handlungszusammenhänge – einschließlich der weltgesellschaftlich ausgerichteten Wirtschaft. Die Verfahrensordnung der Gewalt, die Institution des Menschen gleich an Freiheit und Würde und die spezifische Struktur horizontaler Differenzierung stehen in einem Verhältnis wechselseitiger Voraussetzung. Sie bilden einen typischen Ordnungszusammenhang. Die ausdifferenzierten Handlungsbereiche, vor allem Politik und Wirtschaft, haben die Tendenz, den Menschen total zu vereinnahmen. Damit wird in einem die Institution des Menschen und die Struktur horizontaler Differenzierung gefährdet. Da die institutionelle Dynamik horizontaler Differenzierung immer wieder zu einer Gefährdung der eigenen Strukturen führt, bedarf die Ordnung horizontaler Differenzierung einer kritischen Beobachtung und praktisch wirksamen Gesellschaftskritik durch soziale Bewegungen. Ermöglicht wird dies dadurch, dass die Bürger der Gewalt des Staates nicht nur unterworfen sind, sondern als Menschen gleich an Freiheit und Würde dem Staat auch als potentiell aufrührerische politische Subjekte gegenüber stehen. Die Dynamik moderner Vergesellschaftung lässt sich deswegen nicht einer herrschaftssoziologischen EINLEITUNG 43 Perspektive erfassen. Es bedarf einer Theorie der kritischen Gesellschaft. Durch diesen Neuansatz wird der fruchtlose Streit zwischen der kritischen Theorie der Gesellschaft und der Differenzierungstheorie aufgelöst. THEORIE DER MODERNEN GESELLSCHAFT: THESEN 45 Kapitel 1 Die Entstehung des menschlichen Körperindividuums in den Grenzen des anthropologischen Quadrats 1. Sozialtheoretische Prämissen Um die historische Gebundenheit des menschlichen Körperindividuums zu begreifen, ist es erforderlich, sich von den derzeit gültigen sozialtheoretischen Grundlagen der Sozialwissenschaften zu verabschieden. Denn diese verwenden in der einen oder anderen Weise das menschliche Körperindividuum als sozialtheoretische Prämisse und können daher den Sachverhalt des Körperindividualismus nicht mehr als zu analysierenden Gegenstand begreifen. Die Komplizenschaft der soziologischen Sozialtheorie mit der modernen Gesellschaft bezieht sich nach derzeitigem Kenntnisstand auf zwei Aspekte. 1. Der Kreis lebendiger Menschen wird implizit mit dem Kreis möglicher sozialer Akteure gleichgesetzt. 2. Menschen werden als Körperindividuen begriffen. Dass die Soziologie implizit anthropozentrisch aufgeladen ist, habe ich andernorts aufgezeigt (Lindemann 2014a). Hier geht es neben diesem Aspekt vor allem um das Phänomen des Körperindividualismus. Handlungstheorien im Sinne Simmels, Webers oder des Rational-Choice-Ansatzes setzen voraus, dass es individuelle Handelnde gibt. Sie betreiben daher mehr oder weniger eine Apologie des modernen Individualitätsverständnisses und fallen damit für dessen Analyse weitgehend aus. Das Gleiche gilt aber auch für eine Konzeption, die man geradezu als übergreifenden Konsens aller soziologischen Theorieschulen bezeichnen könnte: das Theorem der doppelten Kontingenz. Dass dieses Theorem nicht ausreicht, fällt solange nicht auf, wie es lediglich darum geht, die Kontingenz des Kreises möglicher Akteure zu analysieren (vgl. Lindemann 2009a: Kap. 3–5). Denn an dieser Stelle kann das Theorem der doppelten Kontingenz, insofern es rein formal begriffen wird, noch ausreichen, wenn man es um die Figur des Dritten erweitert (Lindemann 2009a: Kap. 6.2). Wenn man allerdings den Sachverhalt einbezieht, den ich als »soziale Unentschiedenheitsrelation« bezeichne, einbezieht, wird auch das Individualitätsverständnis problematisch. Die soziale Unentschiedenheitsrelation vorausgesetzt, geht es nämlich um 46 die Differenz zwischen Individualisierung und Dividualisierung. Dies macht es unmöglich, sich weiterhin am Theorem der doppelten Kontingenz zu orientieren. Doppelte Kontingenz setzt voraus, dass es zwei voneinander unabhängige Wesen gibt, die füreinander undurchsichtig sind und vor der Aufgabe stehen, das eigene Verhalten mit demjenigen des Anderen zu koordinieren (vgl. Parsons 1959 et al.: 16; Luhmann 1984: 156). Auch die Spieltheorie baut auf diesem Konzept auf (Holler, Illing 2000). Die stabile Abgrenzung gegen den Anderen bildet die Voraussetzung für die Notwendigkeit, soziale Formen der wechselseitigen Abstimmung zu entwickeln. Luhmann spricht davon, dass sich zwei »black boxes« begegnen, die strukturell durch Selbstbewußtsein gekennzeichnet sind. Luhmann spricht davon, dass Ego und Alter »über sich als selbstreferentielles System verfügen« (Luhmann 1984: 195). Bei Weber handelt es sich um Akteure, die ihrem Verhalten einen Sinn verleihen und sich aufeinander abstimmen müssen (Weber 1921–22/1980: 13f). Wie diese sozialen Formen bezeichnet werden, ist gleichgültig. Luhmann spricht von Systemen, Weber von Sinngebilden und Mead vom generalisierten Anderen. Die Praxistheorie geht von individuellen körperlichen Akteuren aus, die sich abstimmen und dazu etwa einen Habitus (Bourdieu) entwickeln. Um das Theorem der doppelten Kontingenz zu ersetzen, beziehe ich mich auf die Theorie exzentrischer Positionalität (Plessner 1928/1975: Kap. 7) bzw. deren Weiterentwicklung.1 Letztere liegt darin, das Verhältnis von zentrischer und exzentrischer Positionalität neu zu fassen. Danach ist bereits auf der zentrischen Stufe der leiblichen Umweltbeziehung davon auszugehen, dass leibliche Selbste einander berühren und so in ein leibliches Miteinander geraten (Lindemann 2014a: 89ff). Exzentrische Positionalität ist dann zu verstehen als Reflexion des Sachverhalts, dass leibliche Selbste in Berührungsbeziehungen miteinander stehen (Lindemann 2014a: 96ff, 2017b). D.h., leibliche Selbste sind auf ihre Umwelt und auf andere leibliche Selbste bezogen und zugleich aus der Perspektive Dritter auf den Sachverhalt, dass sie sich in leiblichen Beziehungen zur Umwelt bzw. zu anderen leiblichen Selbsten finden. Die Konzeptualisierung exzentrischer Positionalität als triadisch-reflexive Struktur ermöglicht es, weitergehende Fragen zu stellen, als es in den Sozialwissenschaften üblich ist. Dazu gehört zum einen die Frage danach, welche Wesen im Rahmen derartig triadisch-reflexiv verfasster Kommunikationen als 1 Die Argumentation in den Weltzugängen (Lindemann 2014a) war in dieser Hinsicht noch nicht klar genug ausgearbeitet. Sie beinhaltet einerseits einen positiven Bezug auf die Theorie der um den individuellen Dritten erweiterten doppelten Kontingenz und arbeitet andererseits die triadisch strukturierte Fassung der Theorie exzentrischer Positionalität heraus. Beide Argumentationsfiguren stehen nebeneinander, sie sind jedoch logisch nicht miteinander zu vereinbaren. DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 47 soziale Personen gelten, und zum anderen die Frage danach, ob triadisch-reflexiv verfasste Institutionalisierungsprozesse eher zu einer dividualisierenden oder zu einer individualisierenden Form der Vergesellschaftung führen. 1.1 In - Dividualisierung Das formale Modell triadisch verfasster sozialer Reflexivität begreife ich als eine Heuristik, die es erlaubt, danach zu fragen, wie in empirisch beobachtbaren Kommunikationen bzw. Diskursen zwischen personalen Wesen bzw. Beziehungen und anderem unterschieden wird. Als Personen oder als in personalen Beziehungen existierend sind dabei diejenigen zu verstehen, die in ablaufenden Kommunikationen bzw. in diskursiven Legitimationen als aktive Operatoren von Institutionalisierungen erlebt werden. Wer eine Person ist, bzw. wer zu den Gliedern personaler Beziehungen gehört, kann also nicht aus der Beobachterperspektive entschieden werden. Vielmehr ist danach zu fragen, wie im Feld bzw. im historischen Material die Grenzen zwischen Personen bzw. personalen Beziehungen und anderem gezogen werden. Dazu können Menschen gehören, es können aber auch Geister, Tiere oder andere Wesen sein. Die Beobachtungsanweisung dieser Heuristik lautet: Schau auf die triadisch ablaufenden Prozesse bzw. schau auf die – ebenfalls triadisch verfassten – Diskurse. Und: Setze nicht als Beobachterin voraus, welche Entitäten als Personen bzw. welche Beziehungen als personal gelten. Wenn die Beobachtungsanweisung lautet, »schau auf die triadisch ablaufenden Prozesse«, wird auch die Differenz zwischen Dividualisierung und Individualisierung einsichtig. Ausgehend von der triadisch-reflexiven Struktur kommunikativer Abläufe kann man nämlich zwischen zwei Formen unterscheiden. Selbste erleben einander bzw. machen die Erfahrung, von anderen durch Symbole/Worte, Blicke oder Gesten berührt zu sein. Exzentrische Positionalität meint, dass dieser Beziehungssachverhalt als solcher reflektiert wird, d.h., aus der Perspektive Dritter (Tertii) erfasst wird. Die Art und Weise, wie sich Selbste in ihren Vollzügen erleben, wird dabei in formaler Hinsicht mehrdeutig. Ein Selbst kann sich als ein einheitliches dauerndes Selbst erleben (Individualisierung) oder als Vollzugsorgan bzw. als Operator dauernder Beziehung (Dividualisierung). Ausgehend von der triadisch verfassten sozialen Reflexivität ist beides gleichermaßen möglich, deshalb kann und muss an gegenwärtig-empirisches oder historisches Material die Frage gestellt werden, ob eher eine individualisierende oder eine dividualisierende Form der Vergesellschaftung verbindlich institutionalisiert wird. Es geht also darum, durch welche institutionellen Verpflichtungen die soziale Unentschiedenheitsrelation im Feld fixiert wird. SOZIALTHEORETISCHE PRÄMISSEN I 48 1.2 Individualisierung Wenn die Mehrdeutigkeit triadischer Vollzüge formal in Richtung Individualisierung aufgelöst wird, erleben leibliche Selbste sich als ein einheitliches dauerndes Selbst. Dies könnte man auf die uns Modernen geläufige Formel des »ich erlebe mich« bringen. In diesem Fall wird institutionalisiert, dass sich ein leibliches Selbst als ein dauerndes Ich zu erleben hat, das als solches in eine Beziehung eintritt und somit zu einem Glied einer Gruppe werden kann. In der reflexiven Wendung auf die Beziehung zwischen leiblichen Selbsten wird damit der Sachverhalt zentral gestellt werden, dass ein individuiertes Selbst dauert und temporär eine Beziehung aufnimmt, aus dieser heraustritt und eine andere Beziehung aufnimmt. Dieses Modell entspricht der Formel eines »ich erlebe mich als ein dauerndes individuelles Selbst und trete als solches in temporäre Beziehungen ein«. 1.3 Dividualisierung In der reflexiven Wendung auf die Beziehung zwischen leiblichen Selbsten kann aber auch die Beziehung selbst zentral gestellt werden. In diesem Fall wäre die Beziehung das Dauernde und es sind wechselnde leibliche Operatoren, durch die die dauernde Beziehung getragen wird. Dies könnte man auf die Formel bringen, »es gibt den Sachverhalt, dass leibliche Selbste sich als Operatoren dauernder Beziehungen erleben« (vgl. Lindemann 2017b: 173ff). Demnach ist ein Selbst kein »Ich«, sondern durch den reflexiven Bezug auf die Beziehung, in der Selbste stehen, werden diese zu aktuell vollziehenden Operatoren, die dauernde soziale Bezüge vermitteln. Der exzentrisch reflexive Bezug referiert nicht auf ein Selbst, das soziale Beziehungen überdauert, sondern er bezieht sich auf dauernde soziale Beziehungen. Es ist also nicht das exzentrisch referierte Selbst, welches dauert, vielmehr ist das exzentrisch referierte Selbst lediglich der aktuelle Vollzug der Vermittlung dauernder sozialer Bindungen. Folglich muss die Formel »ich erlebe mich« ersetzt werden durch die Formel »es gibt das Erleben des Vollzugs der Vermittlung dauernder sozialer Bindungen«. In diesem Fall gibt es kein Individuum, sondern nur aktuell erlebte Vollzüge der Herstellung von Verbindungen – z.B. zwischen Gruppen. Diese Form exzentrischer Positionalität wird in der ethnologischen Literatur als »Dividualisierung« (Leenhardt 1947/1983, Strathern 1988, zusammenfassend: Lindemann 2014a: Kap. 5.1) bezeichnet. DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 49 1.4 Beobachtungsperspektiven Im Sinne der Institutionalisierungstheorie2 ist es angemessen, von der Institutionalisierung individualisierender Vergesellschaftung zu sprechen, die von der Institutionalisierung dividualisierender Vergesellschaftung zu unterscheiden wäre. Letztere zeichnet sich dadurch aus, dass der Sachverhalt des dividualisierenden Bezugs auf andere selbst noch einmal durch legitimierende Beschreibungen ausgestaltet und in den Leib-Umweltbeziehungen verpflichtend institutionalisiert wird. In entwickelter Form beinhaltet dies den Sachverhalt, dass sich leibliche Selbste als austauschbare Operatoren dauernder Gruppen erleben, die mit den austauschbaren Operatoren anderer dauernder Gruppen in Beziehungen leben. Empirisch sind diese Beziehungen durch gewaltsame Darstellung der Gültigkeit normativer Erwartungen und durch Austausch bestimmt (Lindemann 2014a: Kap. 5.1 ). Auch das europäische Frühmittelalter scheint durch diese Vergesellschaftungsform gekennzeichnet zu sein. Im Fall individualisierender Vergesellschaftung wird in triadisch verfassten Leib-Umweltbeziehungen die Verpflichtung institutionalisiert, sich als ein Individuum zu verstehen, das für seine Taten verantwortlich ist. Nach dem kulturellen Einbruch, der mit dem Untergang des Römischen Reiches einherging, entwickelten sich erste Formen des Individualismus in Europa mit Bezug auf die unsterbliche Seele im Übergang zum Hochmittelalter (12. und 13. Jahrhundert). In der Sozialdimension bilden die Entstehung einer Zentralgewalt und eines durch diese getragenen Gerichtswesens die zentrale Voraussetzung für den Seelenindividualismus. Dieser scheint auch die Bedingung für die rudimentäre Ausbildung von Märkten zu sein, auf denen Gebrauchsgüter gegen Geld getauscht wurden. Der Seelenindividualismus hatte aber für die einfache Bevölkerung vermutlich in vielerlei Hinsicht noch etwas Außeralltägliches und war durchaus vereinbar mit der weiter existierenden Institution alltäglicher dividualisierender Vergesellschaftung. Beide möglichen Institutionalisierungen basieren auf der mitweltlichen Vollzugsstruktur exzentrischer Positionalität (Lindemann 2017b), es ist also davon auszugehen, dass grundsätzlich beide Möglichkeiten in gleicher Weise realisiert werden können. Es bedarf spezifischer gesellschaftlicher Einrichtungen, um eine Präferenz für Individualisierung oder Dividualisierung durchzusetzen. Die sich daraus ergebende Beobachtungsperspektive unterscheidet sich in zweifacher Hinsicht von den 2 Ich orientiere mich hier an der Theorie reflexiver Institutionalisierung, dabei schließe ich an Berger/Luckmann (1966/1980) und Luhmann (1972) an und entwickle deren Konzepte weiter unter Berücksichtigung der Kontingenz der Mitwelt bzw. der sozialen Unentschiedenheitsrelation (vgl. auch Lindemann 2014a: Kap. 3.4). SOZIALTHEORETISCHE PRÄMISSEN I 50 Konzepten der klassischen soziologischen Individualisierungsthese, deren Prämissen Dumont in besonderer Klarheit formuliert: »Thus, when we speak of man as an individual, we designate two concepts at once: an object out there, and a value. Comparison obliges us to distinguish analytically these two aspects: one, the empirical subject of speech, thought, and will, the individual sample of mankind, as found in all societies; and, two, the independent, autonomous, and thus essentially nonsocial moral being, who carries our paramount values and is found primarily in our modern ideology of man and society.« (Dumont 1991: 25) Dumont unterscheidet hier die natürliche Voraussetzung jeder Vergesellschaftung, das menschliche Körperindividuum, von dessen moralischer Bewertung als Individuum. Diese Differenzierung vorausgesetzt, differenziert Dumont im zweiten Schritt zwischen solchen Gesellschaften, die das Körperindividuum dem gesellschaftlichen Ganzen unterordnen, und solchen, in denen dem Individuum der höchste Wert beigemessen wird. »Where the individual is a paramount value I speak of individualism. In the opposite case, where the paramount value lies in society as a whole, I speak of holism.« (Dumont 1991: 25) Dumont unterscheidet letztlich zwischen zwei Formen des Individualismus. In der ersten Form existiert das Individuum, wird aber dem gesellschaftlichen Ganzen untergeordnet und kann nur durch einen au- ßerweltlichen Bezug normativ positiv als Individuum bewertet werden, während es im Diesseits in die Gesellschaft eingegliedert bleibe. Dies bezeichnet er als Holismus. Dieser entspricht ersten Formen einer achsenzeitlichen Individualisierung; von dieser ausgehend entwickelt sich in Europa und den USA im Übergang zur modernen Gesellschaft die innerweltlich positive Bewertung des Körperindividuums. Mit dieser Argumentation entwickelt Dumont die These von Durkheim weiter, wonach in vormodernen holistischen Gesellschaften das menschliche Individuum ein Mittel zum Zweck gewesen sei, nämlich das Mittel, um die Bildung von Gesellschaft zu realisieren. Im Unterschied dazu würde das menschliche Individuum in der modernen individualistischen Gesellschaft selbst zum Zweck der Vergesellschaftung werden. (Durkheim 1950/1999) Der Sachverhalt, dass es menschliche Körperindividuen gibt, wird dabei als gegeben angenommen. Es kommt lediglich auf deren Verhältnis zur Gesellschaft an. Der Sachverhalt der Dividualisierung kommt in dieser Konzeption nicht vor. Die von mir vorgeschlagenen sozialtheoretischen Konzepte erlauben es dagegen, auch dividualisierende Vergesellschaftungsformen zu erfassen. Denn als Ausgangspunkt dient nicht das Körperindividuum, sondern der triadische Vollzug leiblicher Handlungen und DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 51 Kommunikationen. In dieser Perspektive stellen der Holismus bzw. der Seelenindividualismus und der moderne Körperindividualismus mögliche institutionelle Formen des Individualismus dar. Auf dieser Grundlage muss man danach fragen, wie einerseits Dividualisierung oder andererseits Individualisierung – als Seelen- oder Körperindividuum – institutionell realisiert wird. Empirisch ist es daher auch für die Analyse moderner Vergesellschaftung unzulässig, einfach von Individualisierung auszugehen und die Interaktionen zwischen Individuen in den Blick zu nehmen. Denn auf diese Weise wird der Blick dafür verstellt, wie Individualisierung institutionell durchgesetzt wird. Wenn man dies in Rechnung stellt, zeigt sich, wie weit man sich von auf das Individuum bezogenen handlungstheoretischen Prämissen verabschieden muss. Denn Handlungstheorie setzt immer ein handelndes Individuum voraus. Damit wird eine historisch entstandene institutionelle Bedingung moderner Vergesellschaftung in die sozialtheoretischen Prämissen implementiert. Aus diesem Grund wird es unmöglich, die institutionellen Formen in den Blick zu bekommen, die die moderne Form der Individualisierung sichern. Wenn man von handlungstheoretischen Prämissen ausgeht, kann man nicht mehr sehen, wie im Rahmen individualisierender Vergesellschaftung auch dividualisierende Formen weiter existieren (vgl. Lindemann 2016a). Am Individuum orientierte Handlungstheorien verengen den Blick auf gesellschaftliche Wirklichkeit. Gleiches gilt für Theorien, die implizit oder explizit auf dem Theorem der doppelten Kontingenz aufbauen, denn hier werden individuelle Personen oder Systeme vorausgesetzt, die einander als fremd gegenüberstehen. Die erweiterte Fragestellung wird im Rahmen der Theorie reflexiver Institutionalisierung bearbeitet. Diese besagt, dass gesellschaftliche Sinnbildungen reflexiv aufeinander bezogene Strukturen aufweisen. Auf diese Weise werden Strukturen, die nur in bestimmten Situationen bzw. kleineren Zusammenhängen gültig sind, mit zunehmend abstrakteren und stärker generalisierten Strukturen verbunden. 1.5 Ebenen der Sinngeneralisierung Reflexive Institutionalisierung beinhaltet einen Stufenaufbau von Sinngeneralisierungen. Dieser lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: • Die exzentrisch triadisch verfassten Leib-Umweltbeziehungen bilden die einfachen operativ tragenden Elemente der Vergesellschaftung. Dabei entstehen auch leibliche Routinen (Lindemann 2016b), die zumeist in triadisch verfassten Kommunikationen und institutionalisierten Handlungszusammenhängen ablaufen (Lindemann SOZIALTHEORETISCHE PRÄMISSEN I 52 2014a, Kap. 3.1, 3.4).3 Institutionen sind als geordnete Handlungsabläufe zu verstehen. Beispiele wären etwa das gemeinsame Frühstück, die Abteilungssitzung usw. Jeder Handlungsablauf, der von den leiblich Beteiligten als Einheit aufeinander bezogenen Handelns verstanden wird, kann als Institution begriffen werden. • Institutionen werden durch vermittelnde Institutionen miteinander verbunden. Wenn ein institutionalisierter Handlungsablauf beendet ist, muss ein Übergang zur nächsten institutionalisierten Einheit gefunden werden. Hierzu dienen vermittelnde Institutionen. Die Institutionalisierung gemeinsamer Zeitbezüge, also z.B. die Uhrzeit, kann in dieser Weise verstanden werden. Wenn institutionelle Handlungsabläufe zeitlich nacheinander geordnet sind, weiß man, dass es an der Zeit ist, den einen Handlungsablauf zu beenden und zu einem anderen überzugehen. (Lindemann 2014a, Kap. 3.4.) • Institutionen und vermittelnde Institutionen können durch legitimierende Beschreibungen, d.h. Legitimationen im Sinne von Berger/Luckmann, als eine Einheit erfasst werden. Dieser Aspekt ist für das Verständnis horizontaler Differenzierung von besonderer Bedeutung, denn in diesem Sinne können die Beschreibungen einzelner Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge begriffen werden, die eine Vielzahl von Institutionen und vermittelnden Institutionen etwa als zur Wirtschaft oder zur Politik gehörig darstellen. Derartige beschreibende Legitimationen können auch unmittelbar für die Gestaltung institutioneller Handlungsabläufe relevant werden. Ein Beispiel hierfür wäre es, wenn einzelne institutionalisierte Handlungsabläufe, etwa die Forschung oder die Produktion in einem Wirtschaftsunternehmen, auf das Prinzip der Gewinnorientierung bezogen werden. • Die am weitesten generalisierte Sinnebene ist diejenige, die den Gesamtzusammenhang der Vergesellschaftung diskursiv legitimiert. Berger und Luckmann sprechen hier von übergreifenden Sinnwelten. Für moderne Gesellschaften gilt, dass der Mensch und die ihn umgebende Umwelt nicht in einer einheitlichen, sondern in einer differentiellen Sinnwelt existieren, die sich untergliedert in die Bereiche Natur und Kultur sowie den Bereich moralischen Wertens. Für die Ausarbeitung einer Gesellschaftstheorie sind vor allem die stärker generalisierten legitimierenden Beschreibungen von Bedeutung. Dabei gilt die Prämisse, dass diese nur deshalb relevant sind, weil sie im 3 Der Institutionenbegriff schließt an Berger/Luckmann (1966/1980) und Luhmann (1972: 64ff) an. Der Unterschied zu diesen besteht in der Verabschiedung der handlungs- bzw. akteurstheoretischen Fundierung. DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 53 Rahmen von Institutionen bzw. vermittelnden Institutionen handlungsorientierend wirksam werden. Es versteht sich von selbst, dass legitimierende Beschreibungen nicht nur normativ orientiert sind. Es handelt sich vielmehr um Regeln übergreifender Sinnverarbeitung (Luhmann 1980: 18ff), die Institutionen und vermittelnde Institutionen in einen Sinnzusammenhang bringen. Die praktische Anfertigung von legitimierenden Beschreibungen bzw. Legitimationstheorien erfolgt nicht im Sinne einer konkurrenzlosen Beschreibung von Institutionenzusammenhängen, sondern unter Beteiligung einer Vielzahl leiblicher Operatoren. Die Praxis der Herstellung solcher Beschreibungen bezeichne ich als Diskurs. Diskurse in diesem Sinne sind zu verstehen als die Erzeugung legitimierender Beschreibungen von Institutionen bzw. Institutionszusammenhängen. Diskurse sind dann von Bedeutung, wenn sie für praktisch ablaufende Institutionen bestimmend werden, d.h., wenn sich leibliche Operatoren in ihren unmittelbaren Bezügen diskursiv vermittelt, d.h. über Legitimationstheorien vermittelt, aufeinander beziehen. Die Relevanz von Diskursanalysen ergibt sich ausschließlich daraus, dass Diskurse als vermittelnde Formen für praktisch ablaufende Institutionen fungieren. Wäre das nicht der Fall, wären Diskurse bzw. die (Re-)Produktion von Legitimationstheorien lediglich vernachlässigenswerter Schwafelschaum, der die eigentlich relevante Praxis ideologisch verdeckt. 1.6 Symbolisch-diabolische Kommunikation Für die hier verwendete Diskurstheorie ist der besondere Zusammenhang von Symbolik und Diabolik von Bedeutung. In jeder Kommunikation wird mitkommuniziert, wer einen moralischen Status hat und deshalb legitimerweise an Kommunikationen zu beteiligen ist. Als Ausgangspunkt für den Kommunikationsbegriff dient der folgende Sachverhalt: Leibliche Operatoren machen in wechselseitigen Berührungsvollzügen die Erfahrung, dass sich andere Selbste auf sie richten und ihnen damit etwas zu verstehen geben. Dieser Sachverhalt erfordert eine erste notwendige Stabilisierung, denn es muss situationsübergreifend fixiert werden, mit welchen begegnenden Wesen eine solche Erfahrung möglich ist, bzw. welche Beziehungen als personale Beziehungen zu gelten haben. Dies wird durch die triadische Struktur der kommunikativen Vollzüge von Diskursen ermöglicht. Die triadische Konstellation ermöglicht es, die Beziehung zwischen leiblichen Operatoren aus der Perspektive Dritter zu objektivieren und damit ein vorbildliches Muster bzw. eine Regel zu etablieren, anhand derer unterschieden wird, ob es sich um eine personale Beziehung handelt bzw. wer als eine Person, als ein kommunikatives Gegenüber anzuerkennen ist (Lindemann 2014a: 3.1). SOZIALTHEORETISCHE PRÄMISSEN I 54 Die Regel bildet eine Sollvorgabe für weitere Kommunikationen. Wenn die gesellschaftlichen Voraussetzungen für eine rein theoretische Ausarbeitung von Legitimationstheorien vorliegen, können diese diskursiv rationalisiert, d.h. rein diskursiv mit einer gewissen Unabhängigkeit gegenüber der institutionellen Praxis, weiterentwickelt werden. Mit der »Reaxialisierung« (Angenendt 1997: 16) in den Regionen West- und Mitteleuropas im 12. und 13. Jahrhundert werden gesellschaftlich die Voraussetzungen für eine solche Theoretisierung geschaffen. Wie sich zeigen wird, gewannen die dabei entwickelten theoretischen Konzepte etwa von der Notwendigkeit der Taufe in hohem Maße praktische Gültigkeit. Jeder triadische Kommunikationsvollzug enthält die Möglichkeit, dass auf ihn im Nachhinein reflektiert werden kann. In den kommunikativen Vollzug ist eine mögliche Ex-Post-Perspektive eingebaut, die es erlaubt, eine ablaufende Grenzziehung zwischen sozialen Personen und anderen auf ihre Gültigkeit und Legitimität hin zu befragen. Die mögliche Ex-Post-Perspektive wird ihrerseits stabilisiert im Diskurs darüber, wer in einer allgemein anerkannten Weise eine soziale Person sein kann. Die situativ relevante Grenzziehung ist auf eine diskursiv legitimierte Grenzziehung verwiesen, welche entweder implizit präsent ist oder zumindest ex-post relevant gemacht werden kann. Ein Beispiel soll dies verdeutlichen. Gegenwärtig, also unter den Bedingungen des anthropologischen Quadrats, wird eine Ehefrau wegen Mordes an ihrem Gatten angeklagt. Sie bringt vor, den Einflüsterungen ihrer Katze erlegen zu sein, welche ihren Ehemann habe töten wollen. Sie, die Ehefrau, sei lediglich das Werkzeug gewesen. In der rechtlichen Ex-post-Reflexion auf diesen Sachverhalt würde wahrscheinlich der Bezug auf die Katze als irrelevant erachtet. Die Katze mag für die Frau ein realer Akteur sein, aber ex post wird sich herausstellen, dass die Katze kein Akteur gewesen sein wird. Mit Bezug auf die diskursiv stabilisierte Regel, wer als Kommunikant zu berücksichtigen ist, wird in ablaufenden Kommunikationen eine strukturierte Sensibilisierung/Desensibilisierung dafür erzeugt, wer unmittelbar als Glied personaler Beziehungen bzw. als Akteur zu erleben ist und was nicht. Dadurch wird in situationsübergreifender Weise festgelegt, wer einen moralischen Status hat bzw. wessen kommunikativen Erwartungen gegenüber sich Beteiligte als ausreichend sensibilisiert erweisen müssen. Mithin hat die diskursive Explikation notwendigerweise zugleich einen diabolischen Charakter. Denn es werden durch den situativ relevanten Diskurs diejenigen, die kommunizieren können sollen, symbolisch zusammengeführt und zugleich werden diejenigen diabolisch abgetrennt, mit denen grundsätzlich nicht kommuniziert werden kann. Um den Doppelaspekt von Zusammenführen und Trennen insgesamt zu bezeichnen, spreche ich vom dia-symbolischen Charakter DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 55 des Diskurses. Dieser ist die Bedingung dafür, dass sich Beteiligte in eine Ordnung von Sensibilisierung und Desensibilisierung bringen können, die sie empfänglich macht für die legitimen Akteure und gegenüber anderen Wesen desensibilisiert. Gegenüber den Kommunikationsangeboten von Geistern gilt im Rahmen moderner Vergesellschaftung die normative Sollvorgabe, desensibilisiert sein zu sollen. Wer sich dieser Vorgabe nicht fügt, wird leicht ein Fall für die Psychiatrie. Umgekehrt soll das Leiden von Menschen als kommunikative Aufforderung zu Hilfestellung und Mitleid erlebt werden. Hierin liegt die affektive Grundlage des Ethos der Menschenrechte. Die Frage, wer in einer generalisierten Weise als ein Akteur anzuerkennen ist, bzw. welche Beziehungen als personale Beziehungen zu gelten haben, ist eine Frage, die auf der am meisten generalisierten Sinnebene zu beantworten ist. Denn die Antwort gilt im Prinzip für alle Institutionen bzw. legitimierten Institutionenzusammenhänge. Auch einzelne ablaufende institutionalisierte Gesamthandlungen enthalten immer einen Verweis auf ein grundlegendes Strukturmerkmal der übergreifenden Sinnwelt, nämlich deren Struktur als Handlungs- und Kommunikationszusammenhang. Auf der Ebene der übergreifenden Sinnwelt wird immer auch der Rahmen für aktuell ablaufende Institutionen festgelegt und zwar insofern, als durch übergreifende Regeln festgelegt wird, wie zwischen personalen Beziehungen und anderem unterschieden werden soll. Welche Arten von Akteuren bzw. welche Beziehungen für die Bildung und Reproduktion von Institutionen zugelassen sind, variiert von übergreifender Sinnwelt zu übergreifender Sinnwelt. Ein Handlungsund Kommunikationszusammenhang kann strukturiert sein • als universaler Verwandtschafts- sowie Freund- und Feindschaftszusammenhang (es werden Pflanzen, Tiere, Menschen, verstorbene Ahnen und Götter in den Kommunikationszusammenhang einbezogen); • als Zusammenhang einer totemistischen Ordnung mit Akteuren, die in der Dauer existieren (in diesem Fall sind Pflanzen, Tiere und Verstorbene vor allem die Heroen der Traumzeit in den Kommunikationszusammenhang einbezogen), • als ein hierarchischer Ordnungszusammenhang wie im christlichen Mittelalter seit dem 12. bzw. 13. Jahrhundert, der die Sicherheit bietet, dass alle Zweifelsfälle durch hierarchisch legitimierte Akteure entschieden werden können (es können unterschiedlichste Entitäten einbezogen sein, z.B. Menschen, Teufel, evtl. Engel und Heilige sowie evtl. auch Tiere; wichtig ist, dass es Autoritäten gibt, die situativ gültig darüber entscheiden können, bei welcher Entität es sich um einen legitimen Akteur in einem Kommunikationszusammenhang handelt), SOZIALTHEORETISCHE PRÄMISSEN I 56 • oder als risikobehafteter Kommunikationszusammenhang aller lebenden Menschen wie in der Moderne (es werden nur lebende menschliche Körperindividuen in einer generalisiert gültigen Weise als legitime Akteure des globalen Kommunikationszusammenhangs aller lebenden Menschen einbezogen). Dia-Symbolisierungen legen in der Sozialdimension fest, wer überhaupt als Akteur an der Bildung und Reproduktion von Institutionalisierungen teilnehmen kann. Ein solches Diskursverständnis nimmt einige Aspekte auf, die Foucault (1972/1973: 11) in den Vordergrund stellt. Die Machtbezogenheit von Diskursen wird hier als deren Diabolik in der Sozialdimension berücksichtigt. Nicht alle dürfen Beiträge zu Diskursen machen, sondern nur diejenigen, die die Sprecherposition einnehmen dürfen. Wer sich nicht als legitimer Sprecher darstellen kann, existiert als ein solcher nicht im Diskurs. Gesellschaftstheoretische These I Das nach Geschlechtern differenzierte menschliche Körperindividuum gleich an Freiheit und Würde bildet das Element der modernen horizontal differenzierten Vergesellschaftung und gliedert diese in die moderne differentielle Kosmologie ein. Es ist wichtig, sich die Implikation dieser Aussage zu vergegenwärtigen: Nicht nur der Sachverhalt, dass Menschen gleich an Freiheit und Würde sein sollen, sondern auch der Sachverhalt, dass Menschen diesseitig verkörperte Wesen sind, wird nicht als eine allgemeine Voraussetzung jeder Vergesellschaftung verstanden, sondern als eine übergreifende, Legitimationen sichernde gesellschaftliche Institution, die auch wieder vergehen kann (Foucault 1966/1971: 460ff). Der diesseitig verkörperte Mensch gleich an Freiheit und Würde entsteht zeitgleich mit der Durchsetzung horizontaler Differenzierung und steht mit dieser Differenzierungsform in einem Verhältnis wechselseitiger Voraussetzung. Der Mensch ist die faktische Strukturbedingung der Existenz horizontaler Differenzierung, und diese ist die faktische Strukturbedingung der Existenz des diesseitig lebendigen Menschen. Der diesseitig geschlechtlich verkörperte Mensch wird in den soziologischen Erzählungen nicht eigens thematisiert, sondern mehr oder weniger selbstverständlich vorausgesetzt. Die soziologische Erzählung zum Übergang in die Moderne besagt, dass die menschlichen Individuen aus ihren traditionalen Zusammenhängen herausgelöst wurden, bzw. dass diese Zusammenhänge auseinanderbrachen. So entstanden arbeitsteilige Gesellschaften mit einem Kult des individuellen Menschen (Durkheim 1950/1999). An diese seit Durkheim gültige soziologische Erzählung von DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 57 der Individualisierung (Dumont 1991, Simmel 1907/1989) schließe ich an und stelle mir eine zusätzliche Frage: Wie kam es dazu, dass im Übergang zur Moderne der diesseitig verkörperte Mensch entstand und nur noch diejenigen individuelle Personen sein können, die als lebendige menschliche Körperindividuen identifiziert werden? Es geht also nicht nur um die Freisetzung bereits existierender körperlicher Individuen aus übergreifenden Zusammenhängen, sondern um die Frage, wie die Institution des menschlichen Körperindividuums überhaupt entstehen konnte und darum, wer zur personalisierenden Individualisierung zugelassen wird. Wenn man der Beobachtungsanweisung folgt, »schau auf die triadisch ablaufenden Prozesse und die in ihnen gebildeten Diskurse«, stellt sich nicht die Frage, wie Körperindividuen aus übergreifenden Zusammenhängen heraustreten können, sondern es stellt sich die Frage, wie ein sozial reflexiv erzeugtes Verständnis leiblicher Selbste als Dividuen oder Individuen institutionalisiert wird. Eine Sekundärinterpretation historischer Studien zur Rechtsentwicklung, zur Geschichte des Geldes und zur Religionsgeschichte wird zeigen, dass die Institution des menschlichen Körperindividuums für lange Zeit nicht existiert hat. Die historischen Rekonstruktionen sind nicht im Sinne einer eigenen Geschichtsschreibung zu verstehen, vielmehr dienen sie dazu, einen in sich differenzierten Kontrast zur modernen Vergesellschaftung zu formulieren. Dies erlaubt es, die Besonderheit und Nicht-Selbstverständlichkeit der Strukturen moderner Vergesellschaftung hervortreten zu lassen. Die Entfaltung der Kontrastfolie beginnt mit dem Frühmittelalter, also der Zeit nach dem Zusammenbruch des römischen Reiches. Für diese Zeit vermute ich eine Dominanz dividualisierender Vergesellschaftung und eher unbestimmte Grenzen des Sozialen. Darauf folgt die Entstehung des Seelenindividuums im 12. und 13. Jahrhundert, die im Zusammenhang mit der Bildung von größeren Territorialherrschaften erfolgt. Die Grenze des Kreises sozialer Personen wurde während dieser Zeit durch eine übergreifende Legitimationstheorie, »Die große Kette der Wesen« (Lovejoy 1936/1993), gezogen, die bis in das 18. Jahrhundert gültig blieb. Im 16. Jahrhundert wurde der einheitliche Jenseitsbezug durch die Religionsspaltung in Europa aufgelöst. Die damit einhergehende stärkere Trennung der Lebenden und der Toten ermöglicht erste Ansätze der Verkörperung des Seelenindividuums sowie erste positive Bewertungen des Eigennutzes. Erst im 18. Jahrhundert bzw. in der Sattelzeit vollzog sich schließlich die weitgehende Verkörperung des Seelenindividuums. Die Theorie der großen Kette der Wesen wird durch die moderne Natur-Kultur-Unterscheidung abgelöst, und es bilden sich die Grundstrukturen und institutionellen Normen der horizontalen Differenzierung heraus. Diese historische Abfolge hat auf der Seite des Wirtschaftens eine Entsprechung. Das Frühmittelalter war durch einen gruppenbezogenen SOZIALTHEORETISCHE PRÄMISSEN I 58 Gabentausch geprägt, in dem Geld keine ökonomische Funktion hatte. In die Zeit der sich ausbildenden Territorialherrschaft fiel das Wiederaufleben von Münzprägung, was erste Ansätze eines Markttauschs und eines Bankwesens sowie einen sich entwickelnden Handelskapitalismus ermöglichte, die entsprechenden Finanzinstrumente erfuhren im 16. Jahrhundert eine Verfeinerung. Aber erst im 18. Jahrhundert bzw. in der Sattelzeit entwickelte sich in den großen Staaten Europas kapitalistisches Kreditgeld und ein verselbständigter Bereich kapitalistischen Wirtschaftens. Mit der Ausbildung der Wirtschaft entstehen die Strukturen horizontaler Differenzierung, deren Darstellung im zweiten Kapitel erfolgt. 2. Dividualisierung und der Übergang zum Seelenindividuum – offene Grenzen des Sozialen In seiner Darstellung des frühen Mittelalters kommt Angenendt (1997: Kap.1) zu dem Ergebnis, dass dieses eher archaisch zu begreifen sei. In der religionsgeschichtlichen Forschung wird in Anbetracht dessen auch die Möglichkeit einer »de-axialisation« diskutiert (Angenendt 1997: 16). Die übergreifenden diskursiven Legitimationen des Glaubens, die in der Schriftkultur der Spätantike ausgebildet worden waren, waren demnach für das frühmittelalterliche Christentum weniger relevant und dürften für die religiöse Praxis kaum von Bedeutung gewesen sein. Von der Struktur her dürfte die frühmittelalterliche Gesellschaft eher solchen Gesellschaften geähnelt haben, die aus ethnologischen Studien bekannt sind. Um nachvollziehbar zu machen, welche Implikationen dies hat, führe ich ein ausführliches Zitat aus der Ethnographie des Ethnologen und Missionars Maurice Leenhardt an, der ca. 25 Jahre auf Neukaledonien verbracht hatte. »Als ich einmal den im Denken der Kanaken, die ich lange Jahre unterrichtet hatte, erreichten Fortschritt ermessen wollte, wagte ich eine Suggestivfrage: - Im großen und ganzen ist es doch die Vorstellung vom Geist, die wir in euer Denken getragen haben? Und er erwiderte: - Der Geist? Bah! Ihr habt uns nicht den Geist gebracht. Wir kannten schon das Vorhandensein des Geistes. Wir verfahren nach dem Geist. Aber was ihr uns gebracht habt, das ist der Körper.« (Leenhardt 1947/1983: 215f) DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 59 Dieser Dialog bezieht sich darauf, wie die Person in Neukaledonien verstanden und gelebt wird bzw. wurde, nämlich im Sinne einer Institutionalisierung von Dividualisierung. Leenhardt zufolge gab es auf Neukaledonien vor der französischen Missionierung und Beschulung keine individuelle Person in einem modernen Verständnis. Vielmehr waren die leiblichen Akteure in ein Geflecht von Beziehungen eingebunden, in dem nicht Einzelne miteinander in Kontakt traten, sondern Replikate von Gruppenelementen, die mit den Replikaten von anderen Gruppen in Beziehung traten. Die Gruppe der Vettern steht etwa mit der Gruppe der Basen in einer durch die Gruppenzugehörigkeit definierten Beziehung. Im Rahmen der Institutionalisierung einer solchen Ordnung erleben sich leibliche Operatoren als tendenziell austauschbarer Bestandteil dauernder Beziehungen zwischen Gruppen. Diese institutionelle Ordnung auf Neukaledonien erfuhr einen dramatischen Wandel durch Missionierung und Beschulung, d.h. die Konfrontation mit einem modernen schriftbasierten Wissen über die kontinuierlich dreidimensionale Ausdehnung des Raums, die Ordnung der messbaren Zeit und damit zusammenhängend über den europäisch-natürlichen dreidimensional ausgedehnten Körper. Das neue Wissen er- öffnet für leibliche Operatoren neue Möglichkeiten. Statt die leiblichen Vollzüge als Vollzüge von dauernden Beziehungen zu erleben (Dividualisierung), wird, getragen von der Kolonialmacht, die Verpflichtung institutionalisiert, leibliche Umweltbezüge als Vollzüge eines individuellen Körpers zu erleben (Individualisierung). Leenhardt zufolge war die Identifikation mit dem dreidimensional ausgedehnten Körper, der isoliert eine Stelle im Raum einnimmt, die Bedingung der Individualisierung leiblicher Operatoren auf Neukaledonien. In seiner Analyse beschreibt Leenhardt den Übergang von einer dividualisierenden Vergesellschaftung, die die Beziehungen unter Einschluss der Verstorbenen und anderer Geister zentral stellt, zu einer individualisierenden Vergesellschaftung, die zunehmend auf die lebenden Menschen beschränkt wird. Von dieser Einsicht ausgehend formuliere ich eine Hypothese für die sich entwickelnde europäische Moderne. Es ist plausibel anzunehmen, dass das frühmittelalterliche Europa in einer vergleichbaren Weise durch Dividualisierung gekennzeichnet war. Indizien dafür finden sich in der Rechtsentwicklung und der Entwicklung des Wirtschaftens, welches eher von einem Gabentausch zur Sicherung des Ausgleichs zwischen Gruppen bzw. zur Sicherung guter Beziehungen zwischen Gruppen gekennzeichnet war (Ingham 2004: 89ff). Auf das Wirtschaften werde ich im zweiten Kapitel ausführlicher eingehen. Hier stelle ich zunächst die Entwicklung des Rechts in den Vordergrund, die ich als Entwicklung der Verfahrensordnung der Gewalt begreife. Zwischen Gewalt und Recht einen derart engen Zusammenhang herzustellen, ist begründungsbedürftig. Denn damit wird der Gewalt bzw. deren Ordnung eine konstitutive Rolle für DIVIDUALISIERUNG UND DER ÜBERGANG ZUM SEELENINDIVIDUUM 60 Vergesellschaftung zugesprochen. Um dies begreiflich zu machen, füge ich einen Abschnitt über die Verfahrensordnung der Gewalt ein. 2.1 Gewalt und Ordnungsbildung Der Rede von »Verfahrensordnungen der Gewalt« liegt ein spezifisches Gewaltverständnis zugrunde. Dieses besteht darin, Gewalt als Konstituens des Sozialen, also als Vergesellschaftungsmodus zu beobachten, ohne dabei die spezifisch leibliche Komponente gewaltförmiger Interaktion aus dem Blick zu verlieren. Dabei begreife ich Gewalt im Sinne von »vermittelter Unmittelbarkeit« (Plessner 1928/1975) – nämlich als drittenvermitteltes symbolisch-institutionell verfasstes leibliches Agieren. Durch Gewalt stellen die Beteiligten die Gültigkeit normativer Erwartungen in einer generalisierten Weise füreinander dar. Dies beinhaltet notwendigerweise, dass der Adressat der gewalttätigen Handlung eine soziale Person ist, denn nur eine solche kann normative Erwartungen verletzen bzw. deren Gültigkeit darstellen. Von Gewalt gegen nichtpersonale Entitäten kann man nur dann sprechen, wenn durch die Krafteinwirkung auf nichtpersonale Entitäten Druck auf Personen ausgeübt werden soll. Der letztere Punkt führt auf die Frage nach den Grenzen des Sozialen, die in der bisherigen Gewaltdiskussion weitgehend vernachlässigt wird (für einen Überblick vgl. Koloma Beck & Schlichte 2014). Denn in der Gewaltdebatte wird als geklärt vorausgesetzt, welche Wesen als legitime soziale Personen zu werten sind: lebende Menschen. Gewalt wird daher als zwischenmenschliches Ereignis verstanden. Aus diesem Grund war es bislang auch nicht notwendig, zwischen Gewalt und physischem Kraftaufwand zu unterscheiden. Eine solche Differenzierung ist aber erforderlich, wenn der Kreis sozialer Personen nicht als überhistorisch feststehend betrachtet wird. Ich werde daher zunächst he rausarbeiten, wie die Thematisierung von Gewalt mit dem Problem der Grenzen des Sozialen verbunden ist. Daran anschließend expliziere ich einen Vorschlag, wie Gewalt in einer soziologischen Perspektive untersucht werden kann. Dabei schließe ich an das Konzept der vermittelten Unmittelbarkeit an und entwickele auf dieser Grundlage ein neues Gewaltverständnis. Dieses erlaubt es, unterschiedliche Stränge der gegenwärtigen Gewaltdiskussion zu integrieren, in der einerseits die Unmittelbarkeit der Gewalt betont (Sofsky 1996; Collins 2008) und andererseits deren Moralität (Black 1983; Cooney 1998) sowie Drittenvermitteltheit (Reemtsma 2008) in den Vordergrund gerückt wird. Dabei führe ich das Konzept der Verfahrensordnungen von Gewalt ein. Denn Gewalt lässt sich nicht als ein unmittelbar gegebenes Phänomen isolieren, sondern nur im Rahmen einer Verfahrensordnung verstehen. Abschließend werde ich auf DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 61 die besonderen Probleme aufmerksam machen, die sich für die Analyse von Gewalt im Rahmen der modernen Verfahrensordnung von Gewalt ergeben. 2.1.1 Gewalt oder physischer Kraftaufwand In der soziologischen Diskussion wird bislang nicht die Frage aufgeworfen, wie Gewalt und die wirksame Entfaltung von Kraft voneinander unterschieden werden können. Wenn die Einwirkung der Kräfte des Windes das Rotorblatt einer Windmühle beschädigt, wird dies kaum als Gewalt bezeichnet. Wenn dagegen der Windmüller dem Hersteller zornig eins auf die Nase haut, ist dies ein Fall von Gewalt. In beiden Fällen wird Kraft aufgewendet und es werden in beiden Fällen räumlich ausgedehnte Dinge beschädigt. Dennoch wird gegenwärtig ein kategorialer Unterschied gemacht zwischen der Schädigung eines Rotorblatts durch Windeinwirkung und der Schädigung eines Nasenbeins durch einen Faustschlag. Um den Unterschied zwischen Krafteinwirkung und Gewalt zu begreifen, schlage ich vor, Gewaltausübung als ein Ereignis zu verstehen, welches innerhalb des Sozialen stattfindet. Gewalt kann nur von Wesen angewendet werden, die als Personen anerkannt sind, und sie kann nur gegen solche Wesen gerichtet werden, bei denen dies auch der Fall ist. Wenn dieser Zusammenhang unterstellt wird, kann man zwei Möglichkeiten unterscheiden, wie er gebildet wird. 1. Der Kreis sozialer Personen wird mit dem Kreis der Menschen gleichgesetzt. In diesem Sinne wenden Menschen gegeneinander Gewalt an. Gewalt wäre dann als anthropologische Universalie zu begreifen. Popitz (2009: 44) spricht in diesem Sinne von Verletzungsoffenheit und Verletzungsmächtigkeit des Menschen. In vergleichbarer Weise begreifen auch Collins (2008), Reemtsma (2008) oder Trotha (1997) Gewalt als anthro pologisch fundiert. In diesem Fall wird der Kreis legitimer Personen aus einer modernen Beobachterperspektive festgelegt. Zugleich wird ein Verständnis präferiert, welches Gewalt auf direkte körperliche Gewalt begrenzt. Dabei wird unterstellt, dass Gewalt als ein unmittelbares Ereignis direkt aus der Beobachterperspektive identifiziert werden kann. 2. Man kann das Verhältnis von Gewalt und dem Kreis der Personen aber auch umkehren. Statt den Kreis legitimer Personen aus der Beobachterperspektive festzulegen, wird untersucht, ob Gewalt eine besondere Bedeutung dafür zukommt, wie der Kreis sozialer Personen in einem beobachteten Feld festgelegt wird. In diesem Fall würde die Anwendung von Gewalt für die Beteiligten praktisch gültig darstellen, wer DIVIDUALISIERUNG UND DER ÜBERGANG ZUM SEELENINDIVIDUUM 62 eine soziale Person ist. In dieser Perspektive wäre es nicht ausgeschlossen, dass gegen einen Baum, der gefällt wird, Gewalt angewendet wird. Dies wäre empirisch dann der Fall, wenn sich in der Praxis des Baumfällens Hinweise darauf finden lassen, dass dies einen Racheakt gegen den Baum darstellt bzw. eine Tat darstellt, für die Vergeltung zu erwarten ist. In dieser Perspektive ist Gewalt diejenige symbolische Kommunikation, durch die eindrücklich und für alle Beteiligten unmittelbar einleuchtend die Grenzen des Kreises sozialer Personen dargestellt werden bzw. werden können. Gewalt wird damit als integraler Bestandteil eines gesellschaftlichen Zusammenhangs begriffen. Dies führt auf eine wichtige Konsequenz: Gewalt kann nicht als ein rein unmittelbares Phänomen verstanden werden, denn Gewalt beinhaltet immer auch, dass ein Vorkommnis von den Beteiligten als Gewalt identifiziert wird, das sich innerhalb des Sozialen ereignet. Wie kommt nun Gewalt bei der Analyse der Unterscheidung zwischen sozialen Personen und anderem ins Spiel? Die Beständigkeit von Kommunikationsstrukturen bzw. von gesellschaftlichen Institutionen hat mehrere tragende Momente, zu denen in besonders hervorgehobener und zugleich problematischer Weise auch Gewalt gehört. Das wichtigste tragende Moment institutioneller Vergesellschaftung ist die Selbstverständlichkeit von Erwartungsstrukturen, weshalb die involvierten Beteiligten ihre Leib-Umweltbeziehungen von sich aus an solchen Strukturen orientieren. Institutionalisierte Handlungs- bzw. Kommunikationsabläufe können in diesem Fall mehr oder weniger bruchlos ablaufen. Im Rahmen des selbstverständlichen Ablaufs institutioneller Handlungszusammenhänge beziehen sich leibliche Akteure routiniert aufeinander, unter mehr oder weniger intensiver Nutzung technischer Artefakte. Solange es nicht zu einer Störung kommt, ist es nicht unbedingt notwendig, zwischen sozialen Personen und anderen beteiligten Entitäten zu unterscheiden. Wenn es allerdings zu einer Krise kommt, muss unterschieden werden, welche Wesen moralisch zählen bzw. welche Wesen auf welche Weise bei einer Störung zur Verantwortung zu ziehen sind. Wenn es um die Bearbeitung einer Krise des institutionellen Ablaufs geht, kann Gewalt auf zwei Weisen ins Spiel kommen: Zum einen im Sinne von Stabilisierung des institutionellen Handlungsablaufs und zum anderen im Sinne von dessen Veränderung. Stabilisierung: Wenn Erwartungen enttäuscht werden, laufen zunächst institutionsimmanente Reparaturmaßnahmen an. Die Normverletzerin wird auf ihren Fehler aufmerksam gemacht und korrigiert ihn, oder sie bittet um Entschuldigung bzw. Verständnis und erkennt damit die Gültigkeit der normativen Erwartung an. In diesem Fall erfolgt die Darstellung der Gültigkeit einer Norm immer auch durch die Normverletzerin. Diese erkennt die Norm an, indem sie ihr Verhalten ändert, sich schuldig fühlt oder sich schämt. Die Störung wird eingehegt, sie gefährdet DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 63 nicht das Ganze des Handlungszusammenhangs. Wenn die Normverletzerin die Gültigkeit der verletzten Erwartung nicht kommuniziert, muss die Verletzte oder jemand stellvertretend für die Verletzte die Gültigkeit der normativen Erwartung darstellen. Dies ist insbesondere dann unerlässlich, wenn die Enttäuschung von Erwartungen im Erleben der Beteiligten den Gesamtzusammenhang gesellschaftlicher Institutionen zu gefährden droht. In diesem Fall muss in einer generalisierten Weise deutlich gemacht werden, dass die normative Erwartung weiterhin gilt. Dies erfolgt, indem in allgemein-verbindlicher Weise symbolisch dargestellt wird, dass die Verletzung dieser Erwartungen nicht hinnehmbar ist. Hier liegt die Bedeutung von Gewalt für Vergesellschaftungsprozesse. Die Anwendung von Gewalt zeigt an, dass es für die Beteiligten darum geht, die Gültigkeit normativer Erwartungen in einer generalisierten Weise darzustellen. Durch Gewalt wird dargestellt, dass diejenige, die die Norm verletzt hat, eine soziale Person ist und dass die enttäuschten Erwartungen weiterhin gültig sind. Veränderung: Der institutionelle Handlungsablauf kann von einzelnen Beteiligten aber auch selbst als Verletzung normativer Erwartungen erlebt werden. In diesem Fall wird durch Gewalt dargestellt, dass nicht die Erwartungen, die den institutionellen Ablauf tragen, sondern die diesen widersprechenden Erwartungen in einer generalisierten Weise als normativ gültig anzuerkennen sind. Dies wäre etwa der Fall, wenn Arbeiter einen Vorarbeiter verprügeln, der auf die Einhaltung der vorgeschriebenen Pausenzeit drängt. Damit wird Gewalt zu einem Element des kommunikativen Prozesses, in dem die Beteiligten die Gültigkeit von Erwartungsstrukturen füreinander darstellen und daher auch von Fällen bloßen Kraftaufwandes unterschieden. Gewalt ist kein unmittelbares Ereignis, das aus dem kommunikativen Zusammenhang herausfällt. Denn durch Gewalt wird dargestellt, dass der Adressat/die Adressaten der Gewaltausübung in personalen Beziehungen mit der Tätergruppe stehen. Und es wird dargestellt, dass die enttäuschten Erwartungen weiterhin gültig sind. Gewalt kann daher im Sinne von »vermittelter Unmittelbarkeit« (Plessner 1928/1975: 321 ff.) begriffen werden. Denn sie ist einerseits unmittelbar antagonistische leibliche Interaktion – Gewalt wird ausgeübt und erlitten. Andererseits ist Gewalt zugleich symbolisch-kommunikativ vermittelt, weshalb sie auch selbst kommunikativ wirksam werden kann. Gewalt ist selbst ein Symbol, das nur im Kontext weiterer Symbolisierungen verständlich wird. D.h., Gewalt kann nicht ohne die Rede über Gewalt verstanden werden. Denn es bedarf der Rede über Gewalt, um Gewalt als solche zu identifizieren. Deshalb bedarf es einer Theorie der Gewalt, die sowohl ihre leibliche Unmittelbarkeit als auch ihre symbolische Vermitteltheit konzeptuell erfasst. DIVIDUALISIERUNG UND DER ÜBERGANG ZUM SEELENINDIVIDUUM 64 2.1.2 Die vermittelte Unmittelbarkeit symbolischer Gewaltkommunikation Bei meinem Versuch, Gewalt sozialtheoretisch zu konzeptualisieren, schlie- ße ich nicht an Weber an, denn dieser begreift Gewalt primär als ein instrumentell anzuwendendes Mittel. Damit würden die soziologisch relevante Dynamik der Unmittelbarkeit der Gewaltinteraktion und die symbolisch-kommunikative Dimension der Gewaltanwendung aus dem Blick geraten, die gerade erforderlich ist, um den Zusammenhang von Gewalt und Herrschaft zu begreifen. Statt als instrumentell anzuwendendes Mittel begreife ich Gewalt im Anschluss an Plessner (1928/1975: 321 ff.) als »vermittelte Unmittelbarkeit«, d.h. als unmittelbare leibliche Interaktion (die auch technisch vermittelt sein kann) und zugleich symbolisch vermittelt in generalisierter Weise kommuniziert und nur durch kommunikative Vermittlungen als Gewalt identifiziert und verstanden werden kann. In der Analyse von Gewalt als vermittelt unmittelbar führe ich drei Aspekte zusammen, die in der soziologischen Gewaltforschung oft unverbunden nebeneinander stehen und ergänze sie um die Einsicht, dass Gewalt eine wichtige Rolle spielt für die Begrenzung des Kreises sozialer Akteure. 1. Gewalt ist unmittelbar leiblich, sie kann die Aufmerksamkeit der Beteiligten nahezu vollständig absorbieren. Dies gilt insbesondere für diejenigen, die Gewalt erleiden. Die Bereitschaft, sich derart absorbieren zu lassen, kann habituell verfestigt werden. 2. Gewalt findet innerhalb des Bereichs des Moralischen statt. Gewaltausübung ereignet sich im Rahmen von institutionalisierten Handlungsabläufen. Sie richtet sich gegen ein Alter Ego, welches die Erwartungen an seine institutionelle Position nicht erfüllt. Ego stellt durch die Gewalthandlung dar, dass an den institutionalisierten Erwartungen kontrafaktisch festzuhalten ist. Wem Gewalt widerfährt, erlebt dies entweder als das Erheben eines gerechtfertigten normativen Anspruchs und lässt sich in eine entsprechende institutionelle Position drängen, oder als normativ nicht gerechtfertigten Akt, der delegitimiert werden muss. 3. Der durch die Gewalttat erhobene normative Anspruch gilt dann in generalisierter Weise, wenn er durch Dritte legitimiert wird. Gewalt, deren Legitimität behauptet oder bestritten wird, findet nicht nur zwischen zwei Akteuren statt, sondern immer auch mit Bezug auf Dritte. Dies ermöglicht die verfahrensmäßige Gestaltung von Gewalt. Gewalt kann so als integraler Bestandteil von Prozessen reflexiver Institutionalisierung begriffen werden. 4. Gewalt findet im Sozialen statt, denn durch Gewalt wird symbolisch dargestellt, wer in welcher Weise als in personalen Beziehungen stehend anzuerkennen ist: als Freund, als Feind, als Unterworfene. DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 65 Ad 1. Der erste Punkt lässt sich anhand von einfachen handgreiflichen Auseinandersetzungen verdeutlichen. Collins hat untersucht, wie es zu Gewalt kommt. Es geht für ihn nicht um die Ursachen, die in den Individuen liegen, vielmehr geht es um die situative leibliche Interaktion, die in den »Tunnel der Gewalt« (Collins 2008: 360) führt. In diesem sind die Beteiligten mit ihrer Aufmerksamkeit aufeinander fokussiert und werden dabei vollständig von der Dynamik der Gewaltinteraktion eingenommen. Diese Aufmerksamkeitsfokussierung findet sich auch noch in subtileren leiblichen Gewaltformen – etwa in der Auseinandersetzung mit Blicken und Gesten. Sich derart von der Gewaltinteraktion vereinnahmen zu lassen, kann habituell verfestigt werden. Leibliche Akteure nehmen dann dauerhaft eine Haltung zur Welt ein, aus der heraus sie sich von der Gewaltinteraktion vereinnahmen lassen können. Kampfbereitschaft bzw. die Möglichkeit eines Angriffs werden in die gewohnheitsmäßige Haltung zur Welt, den Habitus im Sinne Bourdieus (1987: 97 ff.) integriert (vgl. Koloma Beck 2016 passim). Gewalt als Mittel zu begreifen, ist die Perspektive derjenigen, die über die Anwendung entscheiden. Für diejenigen, die Gewalt ausüben bzw. erleiden, ist sie kein Mittel, das distanziert kalkuliert angewendet wird (Sofsky 1996: 70 ff.). Die Beteiligten stecken in der Situation, sind von der leiblichen Dynamik mitgerissen und auch als Täter immer in Gefahr, Gewalt zu erleiden. Die Beteiligten werden von ihrem Gegner buchstäblich getroffen bzw. sie ängstigen sich davor, getroffen zu werden und agieren entsprechend. Nur wenn die eine Seite vollständig dem Zugriff des Gegners entzogen wäre und angstfrei über den Einsatz von Zerstörungsmitteln verfügen könnte, wäre die Logik der wechselseitigen Gewalt unterbrochen. Dies wäre auch im Fall eines perfektionierten Drohnenkriegs nur dann der Fall, wenn sich die eigene Kommandozentrale sicher außerhalb der Reichweite des Gegners befände und zivile Opfer als unerheblich gälten. Ad 2. Mit der Anwendung von Gewalt wird zumindest implizit ein normativer Anspruch erhoben. Dieser muss anfänglich (noch) nicht allgemein gültig sein. Man sollte auch nicht von Anfang an einen elaboriert begründeten Anspruch erwarten. Black hat anhand der Analyse von Selbsthilfe herausgearbeitet, dass Gewalttaten in ihrer überwiegenden Mehrzahl moralisch motiviert sind, d.h., sie werden als Vergeltung für einen vorangegangenen Normverstoß erlebt (Black 1983: 36). Zu einem vergleichbaren Ergebnis kommt Cooney (1998) anhand einer Analyse von Gerichtsakten. Mit der Gewaltanwendung scheinen die Täter geradezu zwangsläufig in einen moralischen Diskurs hineinzugeraten. Sie legitimieren ihre Tat, denn durch Gewalt haben sie dargestellt, dass an bestimmten normativen Erwartungen um jeden Preis festgehalten werden musste. In ethnologischer Perspektive haben Fiske und Rai (2014) diesen Aspekt noch einmal deutlich herausgearbeitet. Das Ergebnis kommt DIVIDUALISIERUNG UND DER ÜBERGANG ZUM SEELENINDIVIDUUM 66 bereits im Titel ihres Buches gut zum Ausdruck »Tugendhafte Gewalt« (Virtuous Violence). Wenn man die Perspektive der Gewaltanwendung einnimmt, kann die moralische Dimension der Gewalt auf zweierlei Weise zum Ausdruck kommen: zum einen darin, dass die Gewalttat auf einen Bruch im institutionellen Ablauf reagiert und in totalisierender Weise darstellt, dass an dieser Erwartung unbedingt festzuhalten ist (Fall A); zum anderen darin, dass durch die Gewalttat ein normativer Anspruch erhoben wird, der sich gegen den institutionellen Ablauf richtet (Fall B). Fall A: Es erfolgt ein Bruch der Erwartungen, die einzelne Beteiligte an das institutionelle Zusammenleben haben. Darauf wird unmittelbar mit Gewalt reagiert. Der Generalisierungsgrad solcher moralischer Orientierungen kann sehr unterschiedlich sein: »Hier wird niemand so angeblickt, jedenfalls nicht von so einem wie Dir«. »Hier läuft niemand mit Nike-Turnschuhen herum, jedenfalls nicht so einer wie Du«. Dies würde etwa dem »Code der Straße« entsprechen, den Anderson (1999) anhand einer Ethnographie von Drogendealern herausgearbeitet hat. Weiter generalisierte normative Orientierungen wären etwa die zehn Gebote des christlichen Gottes oder die Regeln der Scharia. Eine dem Anspruch nach über die Grenzen von Religionen hinaus gehende normative Orientierung wäre das Ethos der Menschenrechte. Fall B baut auf solchen Erfahrungen des Bruchs auf und erhebt einen normativen Anspruch, z.B. materiell besser gestellt zu sein, der sich gegen den institutionellen Ablauf richtet. Dies kann der Fall sein, wenn Vorgesetzte verprügelt werden, die die Einhaltung institutioneller Arbeitsabläufe durchsetzen wollen (s.o.). Dies kann aber auch der Fall sein, wenn etwa ein Raub stattfindet, wenn z.B. unbeteiligte Fremde überfallen und ausgeraubt werden. Auch in diesem Fall handelt es sich um ein Ereignis im Rahmen eines institutionellen Handlungsablaufs, denn Eigentum ist eine Institution (Mead 1987: 316 f.). Sie garantiert durch Dritte vermittelt, dass der legitime Zugriff auf X einem Akteur bzw. einer Gruppe von Akteuren vorbehalten ist. Es geht also bei einem Raub nicht nur darum, einen Gegenstand, den ein anderer festhält, mit Kraftaufwand an sich zu nehmen (individuelle Bereicherung). Denn derjenige, der eine Sache besitzt, beansprucht, den Gegenstand legitimerweise zu besitzen. Ein Raub verneint diese Legitimität, ob es der Intention des Räubers entspricht oder nicht: Mit der Wegnahme beansprucht er, der legitime Besitzer des Gegenstandes zu sein und drängt den Ex-Besitzer von X in die institutionelle Position des Nichtbesitzes. Ob die Gewalt gegen institutionelle Handlungsabläufe eine legitime politische Tat ist oder als Verbrechen delegitimiert wird, ist eine Frage der weiteren kommunikativen Anschlüsse an die Gewaltkommunikation. Wem Gewalt widerfährt, erlebt dieses Widerfahren nicht als einfaches physisches Vorkommnis. Wer beraubt wird, erlebt dies nicht einfach DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 67 als Verlust einer Sache, sondern als Angriff auf einen berechtigten Besitz. Wer eine Ohrfeige bekommt, erlebt dies nicht als das Auftreffen einer Hand auf der eigenen Wange, was ein schmerzendes Gefühl erzeugt, sondern als normativ gerechtfertigt (etwa im Sinne einer Strafe) oder als nicht normativ gerechtfertigten Angriff auf sich als Person. Im letzteren Fall muss die erlittene Gewalt delegitimiert werden. Ad 3 und 4: Der dritte Punkt, dessen Vernachlässigung das soziologische Gewalt(un)verständnis vielfach kennzeichnet, ist das Vergessen des Dritten (Reemtsma 2008: 467). Gewalt wird nicht nur zwischen zweien ausgeübt, sondern mit Bezug auf Dritte. Dies wurde implizit bereits im Vorgehenden vorausgesetzt, da Institutionalisierung nur mit Bezug auf den Dritten begreifbar wird. Erst durch die Einbeziehung des Dritten wird es auch einsichtig, wie Gewalt in die Unterscheidung zwischen sozialen Personen und anderem eingewoben ist. Dritte sind zum einen entscheidend dafür, dass ein Kraftaufwand als Gewalt identifiziert wird, sowie für die Legitimation des normativen Anspruchs, der in der Gewalttat erhoben wird. Die Gewalttat interpretiert ein vorhergehendes Ereignis als nicht hinnehmbare Verletzung eines normativen Anspruchs durch einen sozialen Akteur. Wenn dieser Anspruch durch Dritte stillschweigend oder explizit anerkannt wird, ist eine allgemein gültige Norm entstanden. Wenn es um den normativen Anspruch geht, kommt es nicht auf die psychologische Intention des Täters an, sondern auf die kommunikativ gebildete Einsicht in die Intention des Täters. Denn Gewalt ist dadurch gekennzeichnet, dass sie erst in der durch Dritte vermittelten Interpretation zur Gewalt wird. Die Legitimation durch Dritte bzw. der Druck, durch Dritte legitimiert zu werden, bezieht sich auf drei Aspekte: 1. Gehören die Beteiligten der Gewaltkommunikation in den Kreis derjenigen, die moralisch zählen, d.h., handelt es sich um legitime soziale Personen, die Intentionen haben können? 2. Soll der durch die Gewaltanwenderin erhobene normative Anspruch tatsächlich gelten und 3. ist bzw. war diese Gewalttat angemessen, um die Gültigkeit der Norm darzustellen? In allen drei Hinsichten kann die Legitimität durch Dritte in Frage gestellt, d.h. kritisiert werden. In jeder der drei Hinsichten muss zwischen den Positionen des Gewaltanwendens und derjenigen des Gewalterleidens unterschieden werden. Wenn eine anerkannte soziale Person »Gewalt« ausübt, wird diese zu einem Fall von Nicht-Gewalt, wenn es sich bei »Gewaltopfern« um Wesen handelt, die nicht in den Kreis derjenigen gehören, die moralisch zählen. In Rahmen der Regularien einer modernen Gesellschaft würde etwa ein Mensch, der sich von einem Hasen DIVIDUALISIERUNG UND DER ÜBERGANG ZUM SEELENINDIVIDUUM 68 beleidigt fühlt und diesen deshalb tötet, als psychisch gestört eingestuft. Das Gleiche kann auch umgekehrt gelten, wenn sich jemand durch einen Hasen gewalttätig angegriffen fühlt und diesen verklagen würde. Allenfalls würde auf den evtl. vorhandenen Hasenbesitzer als denjenigen zurückgegriffen, der die erforderliche Aufsichtspflicht nicht angemessen wahrgenommen hätte. Es würde sich aber auch in diesem Fall nicht um Gewalt handeln. Es sei denn, der Besitzer hätte den Hasen auf den anderen Menschen gehetzt. Im Unterschied zur gegenwärtigen Begrenzung des Kreises sozialer Personen konnten in anderen Ordnungen auch Tiere selbst als Gewalttäter für Ihre Taten zur Rechenschaft gezogen werden. Wenn das grundlegende Problem, dass es sich bei der Gewaltanwendung um eine Angelegenheit zwischen sozialen Personen handelt, geklärt ist, können sich mit Bezug auf die zweite und dritte Hinsicht Rationalisierungen entwickeln. Diese können eher informellen Charakter annehmen, sie können aber auch stark formalisiert werden. In der zweiten Hinsicht geht es darum, ob der erhobene normative Anspruch gelten soll oder nicht. Wenn Ego ein Alter Ego niederschlägt, weil es Ego in einer nicht hinnehmbaren Weise angesehen hat, stellt sich die Frage, ob der Anspruch, nicht in dieser Weise angeblickt zu werden, von Dritten positiv sanktioniert wird oder ob dieser Anspruch durch Dritte delegitimiert wird. Wenn der Anspruch legitimiert und dies auch sicher erwartet wird, zeigt sich, dass Rationalisierung durch Drittenbezüge nicht mit Befriedung gleichgesetzt werden kann. Denn Dritte können auch die Verpflichtung zur Gewalt verkörpern. Eigentlich möchte Ego nicht zuschlagen, aber es kann es sich vor Dritten nicht leisten, sich einen derartigen Blick bieten zu lassen. Wenn geklärt ist, dass der normative Anspruch selbst gerechtfertigt ist, stellt sich die dritte Frage, ob die Art der Gewaltausübung angemessen war. Angenommen, es ist legitim, auf die Verletzung des Anspruchs, nicht angegrinst zu werden, mit Gewalt zu reagieren, ist es offen, ob es angemessen ist, den Normverletzer niederzuschlagen. Es könnte ein Zuviel an Gewaltintensität sein, denn es wäre ausreichend, ihm eine Ohrfeige zu geben. Es könnte aber zu wenig sein. Egos Reaktion war zu zurückhaltend, es hätte den Normverletzer zumindest krankenhausreif prügeln, wenn nicht töten müssen. Wenn Gewalt als unmittelbarer Akt und als Erleiden im Rahmen eines triadisch strukturierten Geschehens verstanden wird, enthält bereits das Gewaltgeschehen in allen drei Hinsichten das Potential zur Kritik, zur Rechtfertigung gegenüber Kritik und damit zur Rationalisierung. Damit wird eine wichtige Besonderheit dieses Gewaltverständnisses deutlich. Es trennt nicht zwischen Gewalt als leiblicher Interaktion und ihrer Rationalisierung, denn Gewalt wird nicht als ein isolierter irrationaler Akt verstanden, der an die Stelle von Kommunikation und Rationalisierung DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 69 tritt. Vielmehr enthält die triadisch verstandene Gewalt selbst das Potential zu ihrer Rationalisierung. Wenn Gewalt derart als vermittelt unmittelbares Geschehen begriffen wird, zeigt sich die inhärente Reflexivität von Gewalt. Letztere ist kein rein unmittelbarer Akt, der immer und überall aus der Beobachterperspektive als Gewalt identifiziert werden kann. Vielmehr ist Gewalt ein triadisch reflexiv gestaltetes Ereignis und ist damit eingebettet in kommunikative Zusammenhänge, in deren Rahmen weitere Legitimierungen und Delegitimierungen stattfinden. Um Ereignisse als Ausübung von Gewalt identifizieren zu können, ist es daher erforderlich, die Sinnstruktur der Kommunikation des beobachteten Feldes zu rekonstruieren, denn nur ausgehend von einer Rekonstruktion der Logik des Feldes lassen sich Ereignisse als ein Fall von Gewaltanwendung beobachten. Für die empirische Forschung heißt das, dass ein jeweiliges Gewaltverständnis kontextualisiert werden muss (Schlichte 2014). Was Gewalt ist, hängt immer auch von der Rede bzw. dem Diskurs über Gewalt ab. 2.1.3 Verfahrensordnungen der Gewalt Die Vermittlung durch Dritte ist als integraler Bestandteil der Gewaltkommunikation zu verstehen. Denn erst diese Vermittlung macht aus einer Krafteinwirkung Gewalt. Damit ist Gewalt bereits im Ansatz eingebunden in Formen rationalisierender Institutionalisierung, die die Legitimität der Gewalt sichert bzw. durch die letztere delegitimiert werden kann. Gewalt kann dabei auf jeder Stufe der Sinngeneralisierung auftreten. Die Verletzung normativer Erwartungen kann sich auf die Ebene von konkret ablaufenden institutionalisierten Handlungsabläufen beziehen, auf vermittelnde Institutionen oder auf übergreifende Sinngeneralisierungen, d.h. legitimierende Diskurse. Dies macht es wahrscheinlich, dass spontan immer wieder Gewalt direkt ausbricht und immer wieder neu rationalisiert wird. Dennoch lassen sich vorläufig unterschiedliche Typen von Verfahrensordnungen, d.h. institutionalisierte Formen der Gewaltkommunikation, unterscheiden. Gewalt ist nicht nur ein unmittelbares Ereignis, sondern sie ist aufgrund ihrer triadischen Struktur wesentlich eingebunden in kommunikativ-symbolische Vermittlungen – einschließlich übergreifender diskursiver Vermittlungen. Die stabilisierten Erwartungsstrukturen solcher Verfahrensordnungen sind das Ergebnis von ablaufenden Prozessen reflexiver Institutionalisierung. Eine institutionalisierte Gestaltung der Gewaltausübung kann zwei Tendenzen aufweisen: Zum einen die Tendenz zu einer ununterbrochenen wechselseitigen (institutionell-drittenvermittelten) Verpflichtung zur Gewalt und zum anderen die zunehmende gesellschaftliche Sublimierung der Gewaltausübung. Der erste Fall wäre DIVIDUALISIERUNG UND DER ÜBERGANG ZUM SEELENINDIVIDUUM 70 dann gegeben, wenn sich etwa Verwandtschaftsgruppen gegenüberstehen, die in einem unauflösbaren Zirkel der Verpflichtung zur Gegengewalt aufeinander bezogen sind. In einer derartigen Situation kann kein Gruppenmitglied aus der Gewalt gegen die Anderen ausscheren, da es vor den Mitgliedern seiner Gruppe zur Rache gegenüber den anderen verpflichtet ist. Girard beschreibt dies als die »schreckliche Pflicht zur Rache«, die Gesellschaften in die Selbstvernichtung führen kann (Girard 1972/2002: 28). Auch in diesem Fall handelt es sich um eine triadisch strukturierte Rationalisierung, die allerdings in eine Entfesselung von letztendlich physischer Gewalt führt. Rationalisierung heißt hier, dass die Ausübung von Gewalt nicht spontan erfolgt, sondern angetrieben wird durch die drittenvermittelte, d.h. kritisierbare und rechtfertigungsfähige, Pflicht, Rache zu üben. Gesellschaften, die in den Verpflichtungszirkeln tödlicher Rache gefangen sind, neigen dazu, sich selbst zu zerstören. Die drittenvermittelte institutionelle Rationalisierung der Gewalt kann aber auch dazu führen, dass Gewalt in Bahnen gelenkt wird, die mit dem alltäglichen Leben eher vereinbar sind. Diesen Verfahrensordnungen der Gewalt wende ich mich im Weiteren zu. Die im Folgenden beschriebenen Verfahrensordnungen der Gewalt sind als idealtypische Konstruktionen zu verstehen und nicht im Sinne einer erschöpfenden historischen Rekonstruktion. Solche Verfahrensordnungen legen fest, 1. wie der Kreis der legitimen Personen zu begrenzen ist, 2. wie Gewaltausübung identifiziert werden kann, 3. welche Wege der Gewaltausübung es geben kann (Differenzierung in die Zonen erlaubter, verbotener und gebotener Gewalt, vgl. Reemtsma 2008: 190 ff.), 4. wie Gewalt legitimiert und wie zwischen legitimer und illegitimer Gewalt unterschieden werden kann, 5. welche Erwartungen durch Gewalt als legitime normative Erwartungen expliziert werden und daher als das Recht einer Gesellschaft gelten können, 6. wie die Normexplikation bzw. Rechtsdarstellung angemessenerweise erfolgen sollte. Nur wenn es gelingt, die verfahrensmäßige Gestaltung der Rechtsdarstellung so zu transformieren, dass die Zirkel der wechselseitigen Gewaltverpflichtungen aufgelöst werden, kann die Selbstzerstörung von Vergesellschaftungsprozessen aufgehalten werden. Girard (2002: 36) zufolge haben sich historisch drei Möglichkeiten herausgebildet, um die unmittelbar gewalttätige Darstellung des Rechts zu transformieren: DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 71 1. Die gewalttätige Rechtsdarstellung wird an einem Opfer vollzogen. Hier wird das Recht noch direkt gewaltsam dargestellt, wenn auch in fokussierter und insofern in transformierter Weise. 2. Die gewalttätige Darstellung wird erschwert und der Konflikt wird durch befriedende Ausgleichshandlungen gelöst oder in stellvertretende Kämpfe verlagert. 3. Die Darstellung der Gültigkeit normativer Erwartungen wird stellvertretend durch ein Gericht vollzogen, das den Schuldigen bestraft. Hier wird das Gerichtsverfahren zur Bedingung der gewalttätigen Darstellung des Rechts, etwa durch die öffentliche Hinrichtung bzw. die öffentliche Tortur (Girard 1972/2002: 36; Foucault 1975/1979: Kap. I). Nur die dritte Form kennt das Schuldprinzip und ein Strafrecht im eigentlichen Sinn. 4. Eine Verfahrensordnung der Gewalt, die Girard nicht mehr in den Blick bekommt, ist diejenige, die auf der dritten Form aufbaut. Sie kennzeichnet die moderne rechtsstaatliche Form. In diesem Fall wird auch die Darstellung des Rechts durch die Zentralgewalt nicht mehr gewaltsam vollzogen. Die rechtsdarstellenden Verfahren werden gewaltlos (Luhmann 1972: Kap. II.7; Lindemann 2014a: Kap. 5.3). Die Gewaltanwendung (Einsperrung) wird dem öffentlichen Blick entzogen. Alle drei von Girard genannten Darstellungsformen der Gültigkeit des Rechts und die von mir ergänzte vierte Form sind als Institutionalisierungen zu verstehen, die reflexiv an die symbolische Generalisierung legitimer Gewalt anschließen. Es handelt sich bei den genannten Idealtypen nicht um eine abschließende Liste, vielmehr ist es wahrscheinlich, dass sie aufgrund historischer Forschungen ergänzt und differenziert werden muss. Ad 1 – Opferung: Das Opfer ist eine Entität auf der Grenze des Sozialen. Es muss einerseits sozial genug sein, damit es sinnvoll die Gewalt auf sich ziehen kann. Es darf aber keine zu zentrale Position im sozialen Gefüge einnehmen, sodass seine Tötung Rache erfordern würde. Ein gelingendes Opfer symbolisiert die Gewalt gegen alle Normübertretungen und homogenisiert damit unterschiedliche Drittenbezüge, weshalb in der Gewaltanwendung gegen das Opfer die Drittenbezüge von konkreten Dritten abgelöst werden können und für die Beteiligten ein generalisierter Dritter als normativer Bezugspunkt institutionalisiert wird. Alle Beteiligten verständigen sich auf diese Weise darüber, dass die verletzten Normen gültig sind, sie sich aber nicht wechselseitig töten müssen, um die Gültigkeit DIVIDUALISIERUNG UND DER ÜBERGANG ZUM SEELENINDIVIDUUM 72 der Normen darzustellen. Trotz gelegentlicher Normverletzungen können alle weiterhin friedlich zusammenleben. Historisch realisiert findet sich der Typus dieser Verfahrensordnung in den Sakralkönigtümern (vgl. Girard 1972/2002), zu denen wahrscheinlich auch die frühen Hochkulturen wie Ägypten zu rechnen wären. Ad 2 – Ausgleich: Die zweite Form beinhaltet die Einführung des Ausgleichsprinzips und institutionalisiert im Ansatz besondere durch spezifische Drittenpositionen ermöglichte Verfahren, die nichtgewalttätige Formen von Wechselseitigkeit, Vermittlung und Schlichtung zwischen den Parteien beinhalten. Auf dieser Stufe wird die gewalttätige Darstellung des Rechts durch die Geschädigte ersetzt durch besondere verfahrensmäßige Gestaltungen wie Gabentausch, Bußzahlungen oder durch Gottesurteile bzw. Stellvertreterkämpfe. Im Rahmen der Wechselseitigkeit können auch Akte der Verzauberung als Gewalt interpretiert und müssen entsprechend beantwortet werden (Favret-Saada 1979). Auch in diesem Fall bedarf es Dritter, um die Gewalt bzw. den Täter zu identifizieren und um darauf zu antworten. Für die Gültigkeit der Verfahrensordnung des Ausgleichs zur Zeit des Frühmittelalters finden sich in der Studie von Victor Achter zur »Geburt der Strafe« (Achter 1951) wichtige Hinweise. Achter (1951) unterscheidet zwischen einem alten und dem sich im 11.–13. Jahrhundert herausbildenden neuen Recht, das auf einer Zentralgewalt beruht. Das alte Recht basierte auf der Annahme, dass für einen Schaden eine ausgleichende Buße geleistet werden muss. Im Rahmen dieses Bußensystems wurde auf eine ethische Wertung der Tat weitgehend verzichtet. Das Recht verband nicht die Tat mit dem Täter, der ihretwegen zu einer Strafe verurteilt wurde, sondern es verknüpfte den Erfolg der Tat, die Schädigung, mit dem Anspruch auf einen Ausgleich (vgl. Kroeschell 1972/1999: 39f, 198). Auf diese Weise wurden die Beziehungen zwischen Familiengruppen reguliert. Das Verfahren wurde nicht von einem Richter geleitet, der verurteilen konnte, sondern hatte eher den Charakter eines Schiedsgerichts, das zwischen den Parteien vermittelte. Im Idealfall bedurfte es keines Gerichts, um den Ausgleich herzustellen. Die Funktionsweise des Rechts setzte eher auf informelle Kontrollen, wobei immer mit einem unmittelbaren Eingreifen Gottes gerechnet wurde: »Gesellschaftsgeschichtlich erlangte der Gedanke des Gotteszornes dadurch eine außerordentliche Bedeutung, daß Recht und Gericht seiner Wirkung unterstanden. Der Prolog in Eike von Repgows Sachsenspiegel mahnt die Richter: ›Sie mögen so richten, daß Gottes Zorn und Gericht DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 73 über sie gnädig ergehen möge.‹ Ferner ermöglichte der Gotteszorn den Eid, ohne den mittelalterliches Rechtsleben gar nicht denkbar gewesen wäre: Der Schwörende rief den Gotteszorn auf sich herab für den Fall, daß er eine Falschaussage machte oder das Versprochene nicht zu halten bereit war. Der Eid stellte mit seiner Unterstellung unter den Gottesfluch überhaupt die engste Verbindung von Religion und Recht dar.« (Angenendt 1997: 103) In ähnlicher Weise ist auch das Gottesurteil zu verstehen als ein unmittelbares Eingreifen Gottes. Wenn jemand z.B. einer Probe unterworfen wird, etwa ein glühendes Eisen anzufassen, so zeigt sich im Ergebnis, ob Gott den Beschuldigten schützt, die Hand also nicht verbrennt, oder nicht. Die Richter bzw. Priester haben keinen Einfluss, sie müssen lediglich dafür Sorge tragen, dass das Gottesurteil in der rituell vorgeschriebenen Form durchgeführt wird. (vgl. Angenendt 1997: 116f) Wenn die Schädigung nicht von einem Freien verursacht wurde, gewährte das germanische Recht auch weitgehende Befugnisse zur Selbstverteidigung. Wenn Unfreie bei der Schädigung des Besitzes eines anderen Herrn in flagranti ertappt wurden, d.h. bei »handhafter Tat«, konnte als Ausgleich für den zugefügten Schaden die erwischte Entität entweder auf der Stelle totgeschlagen werden, oder es wurde ein Schnellgericht einberufen, das ebenfalls die Tötung beschließen konnte. Wenn die ertappte Entität festgesetzt wurde, kam es darauf an, ob ihr Herr die Buße für den angerichteten Schaden leistete. Tat er das nicht, konnte entweder der Richter eine körperliche Züchtigung bzw. eine Tötung anordnen oder dies dem Geschädigten überlassen. Aber auch bei dieser Praxis stand weniger eine moralische Wertung der Tat im Vordergrund, als vielmehr die Form des Ausgleichs. In jedem Fall war es weitgehend ausgeschlossen, dass Freie auf diese Weise behandelt wurden. Für sie bestand immer die Möglichkeit, auf eine Bußzahlung auszuweichen (vgl. Hirsch 1922/1958: 125). Insgesamt ist für das frühmittelalterliche Recht zu konstatieren, dass es auf einem Bußensystem basierte, das eine elementare Ungleichheit zwischen Freien und Unfreien beinhaltete. Direkten Zugang zum Recht hatten nur die freien Herren als Repräsentanten ihrer Familiengruppe. Nur durch den Herrn vermittelt kamen die Unfreien in eine Beziehung zum Recht, denn nur die freien Herren konnten für eine Schädigung einen Ausgleich fordern und nur sie waren rechtmäßig dazu in der Lage, den durch eine Schädigung gestörten Lebenszusammenhang durch einen Ausgleich wiederherzustellen. Da der Richter letztlich über keinen Zwangsapparat verfügte, war das Funktionieren dieses Systems sehr stark von der Funktion informeller Kontrollen abhängig. Wer sich der Aufforderung, vor Gericht zu erscheinen, widersetzte oder trotz eines entsprechenden Urteils sich weigerte, den Ausgleich zu leisten, konnte DIVIDUALISIERUNG UND DER ÜBERGANG ZUM SEELENINDIVIDUUM 74 »friedlos gelegt« werden (vgl. Planitz, Eckhardt 1971: 64, 226, 230). Im Extremfall hieß das, dass er bußfrei erschlagen werden konnte. In dieser Verfahrensordnung des Ausgleichs wurden im Wesentlichen Familiengruppen zueinander in Beziehung gesetzt. Es kommt nicht auf den Einzelnen und seine Schuld an, sondern darauf, wie in den Beziehungen zwischen Gruppen ein Ausgleich hergestellt werden kann. Der Bedeutung der Familiengruppe entsprechend hängt der Akt Namensgebung und die Inklusion in die Gemeinschaft von der Familie ab, d.h., es war Sache der freien Herren. Diese mussten die Neugeborenen als Glied der Familie anerkennen (Grimm 1828: 455). Dies war in der Regel damit verbunden, dass die Kinder auch einen Namen erhielten. Neugeborene, die noch keinen Namen hatten, waren den Ungeborenen gleichgestellt (Meyer 2013: 98ff). Sie existierten noch nicht innerhalb des Rechts, konnten deshalb auch nicht erben und ihre Tötung war innerhalb des Familienzusammenhangs wahrscheinlich erlaubt (Grimm 1828: 455, Meyer 2013: 101). Damit war die Bildung der Identität bestimmt durch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Die Rechtsstellung hing von der Position und Funktion innerhalb der Gemeinschaft ab. Im Rahmen dieses Rechts wurde nicht grundsätzlich zwischen Menschen und Tieren unterschieden, jedenfalls war diese Grenze nicht identisch mit den Grenzen des Sozialen bzw. der Grenze zwischen Personen und Nicht-Personen. Das frühmittelalterliche Recht war auf Ausgleich zwischen Familienverbänden angelegt, und es hatten primär die freien Herren Zugang zum Recht. Sie waren verpflichtet, einen Ausgleich herzustellen. Die unfreien lebendigen Entitäten (Knechte, Mägde, Schweine, Rinder usw.) hatten keinen direkten Zugang zum Recht, ihre Schädigung erforderte aber einen Ausgleich. Dieser war geringer als der Ausgleich, der für die Schädigung eines freien Herren zu zahlen war, aber auch die Schädigung der unfreien lebendigen Entitäten war ausgleichspflichtig. Der abgehauene Arm eines Herrn war mit einer höheren Summe auszugleichen als ein abgehauener Knechtsarm oder ein erschlagenes Schwein. Im Ausgleichsprinzip liegt keine Personalisierung von Tieren, sondern eher eine Gleichstellung von unfreien Tieren und unfreien Menschen auf einem Status, der zwischen einem personalen und nichtpersonalen Status schwankt (Schumann 2009: 206ff). Zugleich ist für das Frühmittelalter aber zu beachten, dass der Vorrang der dividualisierenden Vergesellschaftung nicht ungebrochen war, denn trotz des Zusammenbruchs des von theologischen Schriften geleiteten spätantiken Christentums blieb der Bezug auf das Christentum als einheitliche Religion erhalten. Angenendt führt diese Tradierungsleistung auf die zwischenzeitliche Errichtung einer starken Zentralgewalt unter Karl dem Großen zurück (Angenendt 1997: 28ff). Auf diese Weise wurde zum einen die Einheit des Christentums auch unter den Bedingungen des Zerfalls der Zentralgewalt gewahrt und zum anderen wahrscheinlich DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 75 auch eine rudimentäre Form jenseitsbezogener Individualisierung. Die auf Gott bezogene und pastoral geführte Sorge um sich, die sich in der christlichen Spätantike entwickelt hatte und im Mönchstum fortgesetzt worden war (Foucault), wurde einerseits dominiert durch eine praktische familiengruppenbezogene Dividualisierung, andererseits blieb aber für leibliche Selbste in Form der Seele ein möglicher Bezug auf die jenseitige Individualisierung erhalten. Dieser konnte sich aber nicht als solcher entfalten, solange die diesseitigen dividualisierenden institutionellen Verpflichtungen in und durch Gruppenbezüge selbst göttlich legitimiert waren. Dies war im frühen Mittelalter der Fall, denn die frühmittelalterliche Frömmigkeit erkannte das Wirken Gottes bereits im Diesseits. Wirksam werden konnte der christliche Seelenindividualismus erst in dem Maße, in dem die Kirche diesseitig organisatorisch wirkmächtig wurde und die diesseitige Macht, die sich entwickelnden Territorialherren, nicht mehr unmittelbar als göttlich legitimiert galten, wozu eine stärkere Trennung zwischen diesseitiger und jenseitszugewandter Macht erforderlich war. Dies entwickelte sich im 12. und 13. Jahrhundert. Ad 3 – Gerichtswesen: Eine der entscheidenden Voraussetzungen dafür, dass sich das neue Recht entwickeln konnte, war die Etablierung von Territorialherrschaften, die durch einen Konkurrenzmechanismus angetrieben wurde. Elias (1976, Bd. 2) rekonstruiert diesen Mechanismus folgendermaßen: Nach der einheitlichen Reichsausgestaltung zur Zeit Karls des Großen setzte im 9. Jahrhundert ein Prozess der Feudalisierung ein. Die kleinen und großen Adelsherren erlangten gegenüber der Zentralgewalt eine weitgehende Selbständigkeit und geraten miteinander in eine direkte Konkurrenz. Jeder musste versuchen, immer mächtiger zu werden, sich immer mehr Macht über Land, Vieh und Menschen anzueignen. Wer seinen Besitz nur wahrte und nicht vergrößerte, riskierte es, im Verhältnis zu seinen Nachbarn kleiner zu werden. Diese Konkurrenz führte wiederum zur Ausbildung größerer Herrschaften. Weil aber die technischen Mittel zur Kontrolle und Verwaltung großer Gebiete noch sehr begrenzt waren, musste ein erfolgreicher Herr das eroberte Land wieder an Gefolgsleute verteilen, die es für ihn verwalteten. Wenn diese nicht mehr direkt kontrolliert werden konnten, tendierten die eingesetzten Gefolgsleute dazu, sich ihrerseits als Herrscher über das ihnen anvertraute Gebiet zu verstehen und begannen ebenfalls, sich eigenständig am Konkurrenzkampf zu beteiligen. Im Unterschied zu Deutschland gelang es in Frankreich und England den Königen ausgehend von einer steten Vergrößerung ihrer Hausmacht, einen Herrschaftsanspruch über größere Gebiete, den späteren Nationalstaat, durchzusetzen. Im Kampf um die DIVIDUALISIERUNG UND DER ÜBERGANG ZUM SEELENINDIVIDUUM 76 Zentralmacht bildeten sich zunächst größere Territorialherren heraus. Unter diesen fand dann der Ausscheidungskampf um die Zentralgewalt statt. Die Ausbildung stabiler Territorialherrschaften war für Elias ein erster Schritt im Zivilisationsprozess. An den Höfen der Territorialherren sieht er die ersten Formen zivilen Lebens entstehen. Die Konkurrenz, in der stabile Territorialherrschaften entstanden, fand im 12. Jahrhundert ihren vorläufigen Abschluss. Ab dann ging es vornehmlich um die Macht im Zentralstaat. Je deutlicher ein Herr seine Gerichtsrechte durchsetzen konnte, umso eher gelang es ihm, im Alltag fühlbar seine Herrschaft darzustellen. Dies sicherte ihm darüber hinaus wichtige Einkünfte. In Anbetracht der machtpolitischen Bedeutung und der finanziell-materiellen Dimension der Gerichtsbarkeit liegt es nahe – über Elias hinausgehend –, das Rechtssystem in die Funktionsweise des Konkurrenzmechanismus zu integrieren. Wenn der Blick für diesen Zusammenhang erst einmal geschärft ist, wird man darauf aufmerksam, dass das erste Zwischenergebnis der Konkurrenz, nämlich die Ausbildung der Territorialherrschaften, mit einer Veränderung des Rechtssystems einhergeht, durch die erstmals in den Gebieten des ost- und westfränkischen Reiches im Rahmen des säkularen Strafrechts, die Vorstellung eines schuldfähigen Subjekts entsteht, das wegen seiner Tat bestraft wird. Territorialherrschaft und Gerichtsbarkeit Da die Konkurrenz zu einem intensiven Kampf um Macht, d.h. um Grundbesitz, Menschen und Vieh, führen musste, war die selbstverständliche Geltung des Rechts zunehmend gefährdet. Gegen die dadurch entstehende Unsicherheit wandte sich seit dem ausgehenden 10. Jahrhundert die sogenannte »Gottesfriedensbewegung«, die in Südfrankreich ihren Ausgang nahm (vgl. Dhondt 1968: 252ff). Die damit intendierte Befriedung wurde aber erst praktisch wirksam, als die großen Territorialherren in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts mächtig genug waren, um ihrerseits den Frieden zu garantieren (vgl. Dhondt 1968, S. 256). Im Rahmen der auf die Macht der großen Herren gestützten Friedenssicherung machte das Rechtssystem entscheidende Wandlungen durch, die sich folgendermaßen zusammenfassen lassen: • Die frühen Gottesfrieden basierten auf einer von hohen Klerikern (Bischöfe, Äbte) initiierten eidlichen Selbstverpflichtung des bewaffneten Adels, zu bestimmten Zeiten gegenüber bestimmten Bevölkerungsgruppen (Frauen, Bauern, Angehörigen des Klerus) Frieden zu halten. Je mächtiger die großen Herren wurden, umso eher war es für sie vorteilhaft, sich an die Spitze der Friedensbewegung zu DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 77 setzen, denn ein weiterer Verzicht auf die kriegerische Verschiebung der Machtgleichgewichte stärkte diejenigen, die bereits eine starke Position erreicht hatten. Die Unterwerfung unter die überlegene Macht bewirkte, dass die eidliche Selbstverpflichtung, Frieden zu halten, tatsächlich eingehalten wurde (vgl. Dhondt 1968: 256). • Nach den gesetzgeberischen Initiativen Karls des Großen wurde das Recht im 12. Jahrhundert erstmals seit mehreren hundert Jahren wieder als ein Recht betrachtet, das von Menschen gestaltet werden kann. Die großen Territorialherren setzten aus eigener Machtvollkommenheit heraus Recht (vgl. Achter 1951: 65). • Das »Gesetzte« und »Willkürhafte« des Rechts wurde in den Rechten der neu gegründeten Städte besonders offensichtlich. Die Bürger konnten das Recht ihrer Stadt selbst gestalten, und sie verpflichteten sich durch Eid dazu, sich an das Recht zu halten (vgl. Ebel 1953; 1966). • Die Streitfälle, die unter die hohe Gerichtsbarkeit fielen, behielten sich die großen Herren vor (vgl. Achter 1951: 63). Sie konnten die hohe Gerichtsbarkeit durch Verleihung von Privilegien abtreten, in deren Genuss vor allem Städte und Klöster kamen (vgl. Hirsch 1922/1958: 148f). • Es wurden die todeswürdigen Vergehen (Totschlag, schwerer Diebstahl, Notzucht , Frauenraub), d.h. die diejenigen, bei denen die Anwendung der Todesstrafe gegenüber jedem Täter angezeigt ist, eigens abgegrenzt (vgl. Hirsch 1922/1958: 164). Dies war eine dramatische Veränderung gegenüber dem alten System, bei dem körperliche Strafen fast ausschließlich an die »handhafte Tat« gebunden waren, und sofort vollstreckt werden mussten. Todesstrafe und Hochgerichtsbarkeit waren noch nicht unmittelbar aneinander gebunden (vgl. Hirsch 1922/1958: 225ff). Erst nachdem das geschehen war, wurde die Blutgerichtsbarkeit zu einem integralen Bestandteil der Hochgerichtsbarkeit (vgl. Hirsch 1922/1958: 105). • Während das Bußensystem den Taterfolg, d.h. die effektive Schädigung, und die Buße in allgemein anerkannter Weise aufeinander bezog, verband das neue Recht Tat und Unrechtsfolge aufgrund der Erkenntnis und des Ermessens des Richters (vgl. Achter 1958: 73f, Ebel 1966: 247). • Das Verfahren des alten Rechts war formalistisch, d.h., Kläger und Beklagter mussten die rituellen Formen einhalten und die festgelegten Eidformeln korrekt aussprechen, um vor Gericht Erfolg zu haben. Im neu entstehenden Recht lag der Schwerpunkt auf der materiellen Rechtswahrheit, die vom Richter erkannt werden sollte. Dies kommt an einer Veränderung des Verfahrens besonders gut zum Ausdruck: Aus Eidhelfern werden Zeugen. Der Eidhelfer des alten Verfahrens brauchte nichts über den tatsächlichen Vorgang, der vor DIVIDUALISIERUNG UND DER ÜBERGANG ZUM SEELENINDIVIDUUM 78 Gericht behandelt wurde, zu wissen. Durch seinen Eid bezeugte er, dass der Eid entweder des reinigungspflichtigen Beklagten oder der Eid des überführungspflichtigen Klägers »rein« sei, d.h., dass er vertrauenswürdig sei. Der Zeuge dagegen sollte etwas über den verhandelten Sachverhalt selbst aussagen. Während die Eidhelfer aus der Verwandtschaft des Beweisführers stammten, mussten die Zeugen zwar bekannte und vertrauenswürdige Leute sein, aber ansonsten war es eher von Vorteil, wenn sie gerade keine engen Verbindungen zum Beweisführer hatten. Der Eidhelfer leistete einen Eid für eine Partei, der Zeuge sollte sagen, was er gesehen hat (vgl. Ebel 1966: 246). • Die Zurückdrängung des Formalismus im Gerichtsverfahren hatte eine weitere Implikation, die aber eher in zivilrechtlichen Sachen relevant wurde. Im alten Verfahren war der Wille der vor Gericht streitenden Parteien unerheblich. Entscheidend war, ob die rituellen Formen gewahrt wurden. Im neuen Recht wurde der tatsächliche Wille der Beteiligten von Bedeutung. Es wurde zur Aufgabe des Gerichts herauszufinden, was die Beteiligten bei Abschluss des Rechtsgeschäfts gewollt hatten. Dies führte zur Ausbildung einer neuen prozessualen Möglichkeit, nämlich der Anfechtung eines Vertrages wegen Irrtums (vgl. Ebel 1966: 247). • Im Strafrecht wurde der Wille insofern relevant, als der böse Wille, der sich in der Ausführung einer Missetat zeigt, die ethische Verwerflichkeit der Tat begründete. Die Legitimität des richterlichen Ermessensurteils beruhte darauf, dass der Richter die ethische Verwerflichkeit der Tat und des Täters erkannte und entsprechend der Qualität der Tat und des in ihr zum Ausdruck kommenden bösen Willens die Unrechtsfolge festsetzte. Im Unterschied zum alten Recht ging es nicht mehr um den Ausgleich einer Schädigung, sondern um die Feststellung der ethischen Verwerflichkeit der Tat und der sich daraus ergebenden Strafe. • Im fränkischen Recht wurde bis in das 12. Jahrhundert hinein nicht grundsätzlich zwischen verschiedenen Deliktgruppen unterschieden. Es wurde lediglich katalogartig aufgelistet, welcher Ausgleich für welchen Schaden zu leisten war (vgl. Achter 1958: 13). Diese Einheit des Rechts löst sich um 1150 auf. Es wurde zunächst in Urkunden des Languedoc zwischen zwei Deliktgruppen differenziert: den Delikten, die als »conflictus« zu werten sind, und jenen bei denen das nicht der Fall ist. Aus dieser Differenzierung entwickelte sich ab Beginn des 13. Jahrhunderts die feste Unterscheidung zwischen den »causae criminales« und den »causae civilis« (vgl. Achter 1958: 67, 103f). • Zumindest was die causae criminales anbetrifft, erhalten Unfreie, Gemeinfreie und je nach Machtverhältnissen auch Edelfreie DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 79 gleichermaßen Zugang zum Recht, d.h., sie können alle in gleicher Weise angeklagt und verurteilt werden. Sowohl Freie als auch Unfreie werden zu schuldfähigen Akteuren des neu entstehenden Strafrechts (vgl. Hirsch 1922/1958: 234). Ein allgemeiner Zugang für alle zu einem Gericht, das nach einem Recht unabhängig vom Stand urteilt, findet zuerst in den Städten statt (vgl. Ebel 1966: 253). • Die rechtlich vorgesehene körperliche Züchtigung bzw. die Tötung, die zuvor nur gegenüber den Unfreien möglich waren, werden jetzt zu einer legitimen Rechtspraxis auch gegenüber Freien (vgl. Hirsch 1922/1958: 153f). • Im Verlauf des dreizehnten Jahrhunderts wird die Folter zu einem anerkannten Mittel der Wahrheitsfindung (vgl. Fried 1985). Im Sinne Webers (1921–22/1980: 395ff, 444f) lassen sich diese Ver- änderungen als Rationalisierung des Rechts verstehen. Das alte Recht wurde als vorgefunden betrachtet, das neue Recht wird als etwas von Menschen gemachtes verstanden, das bestimmten Zwecken, eben der Friedenssicherung, dient. Im Eisenacher Stadtrecht wurde expressis verbis formuliert, dass es sich um willkürlich gesetztes Recht handelt, das sich an einem angenommenen Allgemeinwohl orientiert und nicht alle Interessen gleichermaßen berücksichtigen könne. Der selbstverständlich geltende Ausgleichsautomatismus des alten Rechts wird durch eine Ermessensentscheidung des Richters ersetzt, die auf einer Erkenntnis und ethischen Würdigung des zu behandelnden Sachverhalts und des Täters basiert. Gerade bei der Verhängung der Todes- und Leibstrafen handelt es sich um die Anwendung geschriebener Rechtssätze. Diese Veränderungen setzten sich nach und nach durch. Generell kann man sagen, dass die Stadtrechte in diesem Sinne »moderner« waren als das »Landrecht«.4 Das Seelenindividuum unter der Folter Die Einführung der Folter ist Bestandteil des bereits oben benannten, zu Beginn des 13. Jahrhunderts einsetzenden, auf die Sozialdimension begrenzten Individualisierungsprozesses. Denn die Folter ist integraler Bestandteil einer Veränderung des Rechts, in deren Rahmen das Konzept der individuellen ethischen Verantwortung für eine Tat in das Recht 4 »Betrachten wir die Stadtverfassung, so ist leicht zu sehen, wie sich die Stadt – auch die kleine – in viel stärkerem und ganz anderem Maße den Formen neuzeitlicher Staatsverfassung nähert als das Land, sei es die adelige Herrschaft oder das genossenschaftlich organisierte Dorf … Eine Reichsstadt des 15. Jahrhunderts etwa gleicht einem neuzeitlichen Staatsgebilde nach DIVIDUALISIERUNG UND DER ÜBERGANG ZUM SEELENINDIVIDUUM 80 eingeführt wurde. Bis auf die Folter erscheint es relativ einfach, die oben angeführten Veränderungen im Sinne einer Rationalisierung des Rechts und einer Etablierung der Geltung von Freiheit und Gleichheit – zumindest vor dem Strafrecht – zu deuten. Es scheint allerdings unvermeidlich, auch die Folter in diesem Sinne zu verstehen. Das alte Verfahren bediente sich des Eides bzw. des Gottesurteils, um die Wahrheit herauszufinden. Wenn der Beklagte die Anschuldigung bestritt und er darin ausreichend von Eidhelfern unterstützt wurde, die beschworen, dass der Beweisführer einen reinen Eid geleistet hatte, d.h., dass es sich um einen ehrbaren Herrn handelte, kam es auf eine Wertung der Eide an, denn auch die Anklage musste entsprechend durch Eidhelfer gestützt werden. Falls es unentschieden blieb, musste der Richter auf ein Gottesurteil ausweichen, etwa durch einen Zweikampf. Das Ergebnis des Zweikampfs war das Urteil. Nachdem diese ritualisierte Entscheidungsfindung ausgefallen war und der Richter gemäß seiner Erkenntnis des Sachverhalts ein Ermessensurteil fällen sollte, wurde das Geständnis zum entscheidenden Beweis. Dies galt gemäß dem Beweisrecht vor allem für Verbrechen, auf die die Todesstrafe stand. Denn das Recht ließ in solchen Fällen nur schwerlich eine Verurteilung allein aufgrund von Indizien zu, sondern es forderte immer auch Zeugenaussagen und/oder ein Geständnis. Der Historiker Langbein fasst dieses Beweisrecht in seiner Geschichte der Folter folgendermaßen zusammen: »First, the court could convict and condemn an accused upon the testimony of two eyewitnesses to the gravamen of the crime. Second, if there were not two eyewitnesses, the court could convict and condemn the accused only upon the basis of his own confession. Third, circumstantial evidence, so-called indicia, was not an adequate basis for conviction and condemnation, no matter how compelling.« (Langbein 1967/2006: 4) Die hohe Bedeutung, die dem Geständnis zugemessen wurde, war in den Zweifeln begründet, die den Indizienbeweisen entgegengebracht wurden. Hier lag der wesentliche Unterschied des kontinentaleuropäischen zum englischen Recht. Das letztere ließ Verurteilungen auch auf Grund von Indizienbeweisen ohne Geständnis bzw. ohne Zeugenaussage zu. Im kanonischen Recht und in dem im 13. Jahrhundert entstehenden Strafrecht der kontinentaleuropäischen Länder war es dagegen unerlässlich, dass die Straftat von zwei Zeugen beobachtet wurde. Wenn es keinen Zeugen gab oder nur ein Zeuge das Verbrechen beobachtet hatte, erachteten die Richter üblicherweise ein Geständnis als notwendige Voraussetzung für eine Verurteilung. Verfassung und Verwaltung (Steuer, Wehrwesen usw.), während die Territorien zu dieser Zeit noch weitgehend aus lehnsrechtlichen oder patrimonialen Herrschaftsverhältnissen bestehen.« (Ebel 1966: 253). DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 81 Dass das letztlich strengere Beweisrecht Kontinentaleuropas die Einführung der Folter begünstigte, hatte seinen Grund nicht zuletzt in der im 12. Jahrhundert entwickelten Lehre vom freien Willen. Fried untersucht in seiner Analyse des Prozesses gegen den Templerorden die Frage, warum die unter Folter zustande gekommenen Geständnisse der wegen Häresie angeklagten Templer als wahre Aussagen gewertet wurden. Sein Ergebnis ist, dass dem Glauben an die Wahrheit der unter Folter zustande gekommenen Geständnisse eine bestimmte Auffassung von der Freiheit des Willens zugrunde lag. Die in der Scholastik entwickelte Lehre vom freien Willen fasst Fried unter Verweis auf Bacon und Thomas von Aquin so zusammen: »Keine Folter kann den freien Willen eines Menschen vergewaltigen. Was der Wille unter äußerem Zwang will, ist zwar nicht sponte oder spontanea voluntate, aber es bleibt stets voluntarie. Entfällt der Zwang, wird auch aus dem unter der Folter voluntarie Gestandenen durch Wiederholung oder Bestätigung folterlose spontanea voluntas« (Fried 1985: 422f). Die darin angesprochene Differenzierung zwischen »voluntarie« und »spontanea voluntas« bezieht sich auf die Rechtspraxis, die vorsah, dass ein Geständnis nur dann galt, wenn es ohne Drohung mit der Folter gemacht wurde. Ein Delinquent konnte im Vorverfahren der Folter unterzogen werden. Wenn er dabei ein Geständnis ablegte, war dies zwar willentlich, aber nicht dem spontanen freien Willen zuzurechnen. Dies war erst dann möglich, wenn der Delinquent das Geständnis wiederholte, ohne dass ihm die Hände gebunden waren und die Folterinstrumente gezeigt wurden. Wenn er allerdings das vormalige Geständnis widerrief, begründete das zuvor unter der Folter gemachte Geständnis zumindest einen schweren Verdacht. Um diesem nachzugehen, wäre in jedem Fall ein erneutes Vorverfahren mit erneuter Folter gerechtfertigt. Es wurde in diesem Verfahren durchaus anerkannt, dass die Folter Zwang beinhaltete, aber es wurde verneint, dass dieser Zwang den innersten Kern der Willensfreiheit erreichen konnte. Das höhere Sein, die Seele, konnte nicht durch das niedere Sein, den Körper, gezwungen werden. Die Anwendung der Folter diente lediglich dem Zweck, die Delinquenten in einen Zustand zu bringen, in dem der Widerstand gegen die Wahrheit so stark geschwächt war, dass sie freiwillig die Wahrheit sagten: »Freiheit und Folter sind Geschwister der heraufziehenden abendländischen Vernunftkultur, die nach der Wahrheit fragt.« (Fried 1985: 424, zustimmend Schmöckel 2000: 237ff) Mit Bezug auf Foucault müsste man hinzufügen, dass es hier insbesondere um die Wahrheit des individuellen Selbst geht, die das christliche Seelenindividuum im Geständnis offenbaren soll. (Foucault 1988/1993a: 51ff) DIVIDUALISIERUNG UND DER ÜBERGANG ZUM SEELENINDIVIDUUM 82 Die Folterpraxis basierte auf der Annahme eines auf das Jenseits bezogenen freien Willens. Hierin kommt die Einordnung des individuellen Willens in das übergeordnete auf Gott bezogene Heilsgeschehen zum Ausdruck. Zugleich deutet sich darin ein egalitäres Verständnis personaler Subjekte an, denn die der Folter Unterworfenen wurden als in gleicher Weise frei anerkannt. Im 13. Jahrhundert fand die Idee des individuellen freien Willens Eingang in das säkulare Recht. In diesem Zusammenhang spaltete sich das Recht auf in ein allgemeines Recht und die Causae Criminales, das Strafrecht. Zumindest im Strafrecht, zu dessen essenziellen Bestandteilen die Folter gehörte, wurde kein Unterschied zwischen Unfreien und Gemeinfreien gemacht (vgl. Hirsch 1922/1958: 234). Damit wurde im säkularen Strafrecht und in der Praxis der Folter eine Form der Gleichheit durchgesetzt, die es im christlichen Europa ansonsten nur als Gleichheit vor Gott gegeben hatte. Die Bedingung für die Gültigkeit der Aussagen, die unter der Folter zustande kamen, war die Annahme eines seelenbezogenen Individualismus. Diesem müssen wir uns nun zuwenden. 2.2 Seelenindividualismus Die Verfahrensordnung des Gerichtswesens setzte sich in Europa parallel zur organisatorischen Durchsetzung der Seelenindividualität durch und kann ohne diese letztlich nicht verstanden werden. Wahrscheinlich kann man erst ab diesem Zeitpunkt davon ausgehen, dass die Pastoralmacht, die in den christlichen Klöstern entwickelt worden war (Foucault 1988/1993a: 61), für breite Teile der Bevölkerung verbindlich gemacht wurde. Die für die Verfahrensordnung der Gewalt beschriebenen Veränderungen haben eine Entsprechung in der Theologie und im wirtschaftlichen Leben. In der Theologie fand eine Rückbesinnung auf die Theologie bzw. die theologische Reflexion statt. Die übergreifenden Legitimationstheorien des Christentums wurden jetzt unter Bezug auf Vernunftgründe weiterentwickelt (Angenendt 1997: 45). Dabei wurden antike Autoren – vor allem Aristoteles – wieder entdeckt (Angenendt 1997: 52f). In diesem Zusammenhang wurde die der antiken Philosophie entstammende und in der Spätantike christlich interpretierte Theorie der »großen Kette der Wesen« (Lovejoy 1936/1993: 87f) in der wieder erneuerten christlichen Theologie im 12. und 13. Jahrhundert weiterentwickelt (Lovejoy 1936/1993: 91ff). Im Rahmen der im Hochmittelalter christlich interpretierten Legitimationstheorie der großen Kette der Wesen bildete der moralische Status des getauften Christenmenschen den Kern. Von diesem Status unterschieden sich zum einen die Ungetauften, aber prinzipiell vernünftigen und daher tauffähigen Seelen, zum anderen die reinen Geistwesen (Engel, Teufel), sowie zum Dritten diejenigen, die zwar irgendwie menschenähnlich, aber DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 83 nicht ausreichend vernünftig und deshalb auch nicht tauffähig waren, zum Vierten die nicht vernünftigen Tiere und schließlich fünftens die von Menschen gemachten Maschinen. Das Lebensende markierte bezogen auf die individuelle Seelenexistenz zwar einen Einschnitt, weil Seele und Leib getrennt wurden, dies behinderte aber nicht grundsätzlich die individuelle Weiterexistenz der Seele, die bei der Wiederauferstehung mit einem verklärten Leib wieder vereinigt werden würde. Die Taufe, d.h. die Aufnahme in die Christengemeinschaft, war als Begrenzung des moralischen Status von größerer Bedeutung. 2.2.1 Der legitimierende Diskurs der großen Kette der Wesen Die Theorie von der Kette der Wesen setzt alles Existierende in ein inneres Verhältnis zu Gott, weil alles von Gott geschaffen ist. Dabei enthält diese Theorie eine innere Spannung (vgl. Lovejoy 1936/1993: 10ff). Es gibt das eine vernünftige Prinzip bzw. Gott, von diesem ausgehend werden alle Wesen geschaffen. Insofern geht die Schöpfung von dem Einen zu den vielen Wesen. Dabei gilt, dass alles was von Gott ausgehend geschaffen werden kann, auch geschaffen wird, sonst würde Gott seine Schöpferkraft nicht vollständig realisieren. In diesem Sinn hat die Schöpfung eine innere Logik, die auf Vollständigkeit zielt. Dies bezeichnet Lovejoy (1936/1993: 69) auch als das »Prinzip der Fülle«. Das Prinzip der Fülle enthält eine normative Spannung, die sich daraus ergibt, dass das Prinzip der Fülle in zwei Richtungen gedacht werden kann. Wenn es im Sinne der Schöpfung aus dem Einen heraus hin zu den Vielen verstanden wird, enthält es eine Gottes- bzw. Wertorientierung, die dem Diesseits und der schöpferischen Betätigung zuneigt (vgl. Lovejoy 1936/1993:105f). Das Prinzip der Fülle kann aber auch in die andere Richtung orientiert sein, nämlich weg von den vielen einzelnen Dingen und Wesen hin zu dem Einen, zu Gott. Diese Richtung wird in der Askese realisiert, in der Enthaltung von den vielen Dingen und Wesen des Diesseits. Hier wären die obersten Wertorientierungen die Zuwendung zu dem Einen sowie diejenige der Entsagung von der Welt (Lovejoy 1936/1993: 105f). Die Orientierung vom Einen hin zu den vielen Dingen und Wesen »hätte die Menschen im Rahmen ihrer Endlichkeit zur Teilnahme an der schöpferischen Leidenschaft Gottes, zur bewussten Mitarbeit an dem Prozess aufgefordert, durch den die Mannigfaltigkeit der Dinge und der Reichtum des Universums zustande kommen.« (Lovejoy 1936/1993: 106) Dabei riskieren die Schöpfer aber praktisch eine Konkurrenz mit Gott, und dieses kann immer auch als diabolisch, als teuflisch, ausgelegt werden. Daher war im christlichen Europa vor allem die Richtung der Entsagung dominant, d.h. weg von der Orientierung in die Welt hinein und hin zur Vereinigung mit dem Einen. Der Protestantismus DIVIDUALISIERUNG UND DER ÜBERGANG ZUM SEELENINDIVIDUUM 84 ist eine fast paradoxe Verbindung dieser beiden Orientierungen, indem er die Askese (Hinwendung zu dem Einen) durch Berufsarbeit propagiert (Weber 1920/1986). Damit wird die Jenseitsorientierung in einer Diesseitsorientierung realisiert, die eine Zerstreuung in die Vielfältigkeit des lustvollen und schöpferischen Umgangs mit den Dingen und Wesen verbietet. Ein weiterer Grund für die Dominanz der Abwendung von der Welt liegt darin, dass nur dadurch die auf die Seele bezogene Individualisierung erreicht werden kann. Diejenigen, die sich in das Diesseits verlieren, sind davon bedroht, sich in die vielfältig dividualisierenden irdischen Verpflichtungen und die Lüste des Fleisches zu verlieren (Lindemann/Kirchhofer 2018). Durch die Eingliederung in die große Kette der Wesen erhielt alles Geschaffene seinen Platz in Bezug auf Gott. Insofern definierte diese Theorie auch die Grenzen des Kreises möglicher personaler Akteure. Gemäß der Theorie der großen Kette der Wesen grenzten die menschlichen Seelen individuen einerseits an die Tiere, die zwar auch eine Seele hatten, aber keine vernünftigen Geistwesen waren, andererseits grenzten die Seelenindividuen an die reinen Geistwesen (Lovejoy 1936/1993: 101f), seien diese nun gut, wie die Engel, oder böse, wie der Teufel. Die Besonderheit des Menschen in dieser Kette bestand darin, dass er ein vernünftiges Wesen, zugleich aber seine Bestimmung nicht festgelegt ist (Lovejoy 1936/1993: 127). Er kann selbst zwischen Gut und Böse unterscheiden. Er kann sich von Gott entfernen oder sich ihm nähern. Deshalb steht auf der Erde wegen der Menschen »der Erfolg des göttlichen Schöpfungsplans auf dem Spiel« (Lovejoy 1936/1993: 127). Auch für die getauften Christenmenschen galt, dass sie im Rahmen der Theorie der Kette der Wesen in eine legitime hierarchische Ordnung eingefügt waren und zwar im Sinne der ständischen Hierarchie bzw. im Sinne der Hierarchie zwischen Männern und Frauen. Dennoch wurde aber allen noch nicht getauften Seelen im christlichen Europa ausreichend Vernunft zuerkannt, um getauft werden zu können. Die Annahme der grundsätzlichen Gleichheit der Christenmenschen war auch die praktische Bedingung der Möglichkeit für das sich entwickelnde Strafrecht (s.o.). Damit entstand im Recht des christlichen Europa eine Spannung zwischen dem Prinzip der ausgleichenden Buße und der Annahme der Gleichheit aller Seelenindividuen mit einem freien Willen, der sich auch zum Bösen entschließen konnte. Die Dominanz der neuen auf die Seele bezogenen Gleichheitskonzeption dokumentiert sich in der oben beschriebenen Entwicklung hin zu einem neuen Recht. Vor diesem Hintergrund ergibt sich, dass eine Abgrenzung des Menschlichen nicht identisch ist mit der Begrenzung des Kreises sozialer Personen, denn soziale Beziehungen sind auch zu den reinen Geistwesen möglich. Darüber hinaus ist es erforderlich, getauft zu sein, um als moralisch vollwertige soziale Person anerkannt zu werden. Alle getauften DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 85 Christen waren in ein unmittelbares Verhältnis zu Gott gesetzt. Diese Beziehung war maßgeblich durch ihre unsterbliche Seele garantiert. Die jenseitsbezogene Gleichbehandlung der Christenmenschen darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass es noch kein einheitliches Menschengeschlecht gab. Denn alle Wesen waren in einer hierarchisch strukturierten Kette miteinander verbunden, weshalb Menschen unterschiedliche Positionen innehatten, die dem Grad ihrer Annäherung an die Vollkommenheit entsprachen. In dieser Weise unterschieden sich Männer und Frauen, sowie Bewohner der verschiedenen Erdgegenden – sie alle waren verschieden hinsichtlich ihres Grades der Annäherung an die Vollendung. Entsprechend musste es auch Wesen geben, die irgendwie den Menschen ähneln, aber deren Position in der Kette der Wesen dennoch soweit von Gott entfernt war, dass sie nicht getauft werden konnten. Hierzu wären etwa die »Rassen des Plinius« (Daston, Park 1998: 34, Prosperi 2007: 188) zu zählen, die sich durch ihre Monströsität auszeichnen würden. Die getaufte Seele ist zum einen zu unterscheiden von den ungetauften Seelen, zum zweiten von den reinen Geistwesen (Engel, Teufel), drittens von den nicht ausreichend vernünftigen, deshalb auch nicht tauffähigen, Monstren, viertens von den nicht ausreichend vernünftigen Tieren und fünftens den evtl. von Menschen geschaffenen künstlichen Menschen. Aufgrund der starken normativen Orientierungen in Richtung der Weltentsagung, spielt die letztgenannte Unterscheidung aber weder praktisch noch diskursiv eine bedeutsame Rolle. 2.2.2 Die Taufe, die Seele und die nichttauffähigen Seelen der Monstren Im 11. bis 13. Jahrhundert vollzogen sich in Europa wichtige Veränderungen. Die Durchsetzung der Territorialherrschaft, des Gerichtswesens und damit einhergehend die Etablierung des rechtlichen Konzepts der individuellen Verantwortlichkeit gingen auch einher mit einer Veränderung der Aufnahme der Neugeborenen. Die in Europa geborenen Menschen galten zwar schon vorher als zu taufende Seelen, aber erst im 13. Jahrhundert wurde die Neugeborenentaufe festgeschrieben. Ab jetzt galt verbindlich, dass ein Neugeborenes getauft werden musste, um als vollwertiges Glied der Gemeinschaft anerkannt zu werden. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts ist ein Prozess dokumentiert, der dazu führte, dass die Namensgebung und damit die Einordnung in die soziale Gemeinschaft der Zuständigkeit der Familie entzogen wurde. Das Neugeborene erhielt seinen gültigen Namen im Rahmen der nun offiziell verpflichtend gemachten Taufe. Diese war ein offizieller Akt, der vom Priester vollzogen werden musste. Der Akt Namensgebung und die Inklusion in die DIVIDUALISIERUNG UND DER ÜBERGANG ZUM SEELENINDIVIDUUM 86 Gemeinschaft war zuvor Sache der Familie, d.h. Sache der freien Herren (s.o.). Diese Form von Identität wurde durch die Einführung des Sakraments der Taufe als Beginn der Rechtsfähigkeit in Frage gestellt. Der grundsätzliche Gehalt dieser Neuerung wurde bereits im frühen Mittelalter herausgearbeitet, aber noch nicht organisatorisch durchgesetzt. Durch die Taufe war vorgeschrieben, dass jedes Neugeborene seinen Namen im Rahmen der Taufe erhalten soll. Erst dadurch würde es zu einem vollgültigen Mitglied der christlichen Gemeinschaft. Das Neugeborene ist also einerseits Kind seiner Eltern, andererseits soll es aber erst dann wirklich ein lebendes Kind sein, wenn es getauft ist. Erste Ansätze, die Taufe allgemein verbindlich durchzusetzen, gab es bereits unter Karl dem Großen und unter dem englischen König Ine (688–726). Sie erließen Bußnormen, die es unter strenge Strafen stellten, wenn Väter ihre Neugeborenen nicht taufen ließen (Meyer 2013: 102). Es bestand allerdings noch keine Verpflichtung zur Dokumentation, und es gab keine verbindlichen organisatorischen Vorkehrungen, um die Taufpflicht durchzusetzen. Dies änderte sich zu Beginn des 13. Jahrhunderts. Von Seiten der Kirche und damit im gesamten Gebiet der katholischen Christenheit wurde die Taufpflicht für Neugeborene im Rahmen der Beschlüsse des vierten Laterankonzil 1215 nicht nur festgeschrieben, sondern es wurde zugleich festgelegt, dass der Priester, der dem Kind das Taufsakrament gespendet hat, die Taufe auch dokumentieren soll durch einen Eintrag in das Taufbuch. Damit wurde ein neuer Kontrollmechanismus erfunden, um die Taufe praktisch durchzusetzen. Erst die dokumentierte Taufe machte aus einem Neugeborenen ein anerkanntes Glied der christlichen Gemeinschaft, welches soweit in diese integriert ist, dass es auf eine christliche Weise sterben, d.h. beerdigt werden kann. Theologisch ergab sich die Notwendigkeit der Taufe aus der Erbsünde. Adam hatte die Sünde in die Welt gebracht und wurde daher aus dem Paradies vertrieben. Alle Menschen stammten von Adam ab und hatten als Kinder Adams dessen Sünde mitvollzogen. D.h., eigentlich war der Mensch verdammt, da er qua menschlicher Abstammung das sündige Blut Adams in sich trug. Die Taufe reinigte von der Erbsünde, erst danach wurden Neugeborene zu unschuldigen Kindern, die als Individuum noch keine Sünde begangen hatten (Prosperi 2007: 238f). Ob Gott ihnen das ewige Leben tatsächlich gab, hing von ihren Taten ab, die gerecht beurteilt wurden. Daraus ergab sich die Pflicht zur Taufe, die im vierten Laterankonzil verbindlich beschlossen wurde. Nur durch die Taufe erhielt ein Neugeborenes überhaupt die Möglichkeit, in den Himmel zu kommen. Insgesamt folgte daraus auch die Pflicht zur Mission und zum Kreuzzug. Wenn nur die christliche Taufe dem Menschen die Möglichkeit gab, das ewige Leben und damit ewige Seligkeit zu erlangen, musste es zur Pflicht eines jeden Christen werden, allen Menschen dieses Glück zu bringen. (Prosperi 2007: 241f) DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 87 Die veränderte Bedeutung der Taufe veränderte auch die Bedeutung des Sterbens. Die Taufe war die Bedingung für das christliche Sterben, d.h. des Rechts, auf einem Friedhof beerdigt zu werden. Dieser wurde jetzt als Versammlung der Toten verstanden, die auf die Auferstehung und das Jüngste Gericht warteten. (Prosperi: 2007: 231f) Diejenigen, die ungetauft starben, d.h. diejenigen ohne Heilserwartung, durften nicht auf dem Friedhof beerdigt werden. Dies betraf auch die ungetauften Kinder. Denn diese waren der ewigen Verdammnis verfallen, da sie nicht durch die Taufe von der Erbsünde gereinigt worden waren. Die Beschlüsse des vierten Laterankonzils sind theoretisch auf der Ebene von Theorien über symbolische Sinnwelten anzusiedeln. Sie haben als solche keine unmittelbare Durchschlagskraft auf die alltägliche Lebenspraxis. Der Beschluss allein führte noch nicht dazu, dass die Taufe mit der Namensgebung verbunden, ein Taufregister geführt wurde usw. Wie groß die Schwierigkeiten waren, die vom Konzil 1215 beschlossene Kontrollpraxis durchzusetzen, zeigt sich daran, dass in den folgenden Jahrhunderten immer wieder beschlossen bzw. bestätigt werden musste, dass die Taufe notwendig und ein Taufregister zu führen ist. Entsprechende Beschlüsse erfolgten auf dem Konzil von Florenz im Jahre 1439 (Prosperi 2007: 245) und im Rahmen der Gegenreformation 1546 auf dem Konzil von Trient. Hierbei wurde zugleich beschlossen, die Kirche noch weitergehend organisatorisch zu festigen. Es sollte kein Kirchenvolk mehr geben dürfen, das nicht einer Pfarrei zugeordnet ist, der Pfarrer hatte in seiner Pfarrei anwesend zu sein und die Pflicht Kirchenbücher (Taufbuch, Ehebuch) zu führen (Krämer 1999). Damit wurde in organisatorischer Hinsicht die Grundlage dafür gefestigt, dass jede Geburt kirchlich registriert wird. Obwohl die sich abspaltenden protestantischen Kirchen die Taufe nicht in gleicher Weise als unbedingte Voraussetzung für das Seelenheil betrachteten, übernahmen sie dennoch von der katholischen Kirche die Organisationspraxis, dass Taufe und Namensgebung zusammenfallen und Taufbücher zu führen sind. Das Taufsakrament scheint eine der ersten wenn nicht die erste Form einer allgemeinen Rechtsfähigkeit gewesen zu sein. Der Eintrag zur Rechtsfähigkeit in Jurispedia benennt als Bedingung der Rechtsfähigkeit des modernen Rechts die Geburt und führt abschließend aus: »Der rechtsgeschichtliche Ursprung des abstrakten Begriffs Rechtsfähigkeit war die Erfindung der Taufe als Sakrament [...]. Durch die Taufe wurden zweitausend Jahre lang Menschen aller Glaubensrichtungen in den Rechtsraum des Christentums, d.h. in das Kanonische Recht aufgenommen. Dokumentiert wurde dies in den örtlichen Taufregistern.«5 5 https://de.jurispedia.org/index.php?title=Rechtsf%C3%A4higkeit (abgerufen am 26.07.2018) DIVIDUALISIERUNG UND DER ÜBERGANG ZUM SEELENINDIVIDUUM 88 Ähnlich argumentiert Meyer (2013: 92), der in der Taufe einen unverlierbaren Status begründet sieht. Durch die Taufe wurde eine Position in der Gemeinschaft (Kirchengemeinde) begründet und zugleich eine Position in Bezug auf Gott, eine transzendente Macht. Wenn das Verhältnis zu Gott einmal begründet war, konnte dieses von Menschen nicht mehr aufgelöst werden. Faktisch begründete die Taufe aber nicht nur den Personenstatus im kanonischen Recht. Die Taufe war nicht nur ein Pro blem, welches die Seele bzw. die Beziehung zum Jenseits betraf, vielmehr wurde ein Kind erst mit der Taufe auch im Diesseits zu einer voll rechtsfähigen Person (Brendel 1823: 388, Gitzler 1841: 126, Kocher 1989: 76f). Ein Kind wurde z.B. erst, nachdem es getauft war, in der Erbfolge berücksichtigt (Meyer 2013: 104f). Die Anerkennung durch die Familie bzw. das Familienoberhaupt reichte nicht mehr aus, die Geburt musste durch die Kirche anerkannt werden. Ein Kind, das ungetauft starb, hatte im rechtlichen Sinne nicht gelebt, es hatte keinen Namen, war nicht erbfähig und konnte auch nicht mit den anderen rechtmäßig Verstorbenen auf dem Friedhof auf das Jüngste Gericht warten. Im 16. Jahrhundert bis in das 18. Jahrhundert hinein entwickelt sich eine enge Verbindung zwischen Kirche, Staat und Medizin. In dem Maße, wie sich große Territorialherrschaften in den christlichen Gebieten entwickelten, setzte der Staat die Taufpflicht durch. Zugleich hatten die sich entwickelnden Territorialstaaten vom 16. bis 18. Jahrhundert ein Interesse an den Kirchenbüchern. Die Kirche schaffte es in dieser Zeit, sich soweit organisatorisch zu festigen, dass sie verlässliche Tauf-, Ehe- und Sterbebücher führte. D.h., die Kirche verfügte über ein für die sich entwickelnden Zentralstaaten wichtiges Wissen über ihre Untertanen. Die Organisationsleistung der Kirche, die den Gläubigen einen einheitlichen und unverlierbaren Rechtsstatus brachte, machte aus den Christen dokumentierte Individuen, die sich als solche zu verstehen hatten. Sie waren als Individuen in Bezug zu Gott gesetzt, und sie waren als Individuen für ihr Seelenheil verantwortlich. Die Organisationsleistung war zwar diesseitig, aber zugleich auf einen transzendenten Bezugspunkt, Gott, ausgerichtet. Das Christentum wird zu einem mitgliedschaftlich verfassten Gebilde, indem es durch eine Organisationsleistung den auf die Seele bezogenen Individualismus und eine kontinuierliche jenseitsbezogene Seelenbeobachtung (Predigt und Beichte) verbindlich machte. Die Verbindung von Kirche und Medizin entwickelte sich nicht zuletzt aus der Sorge um die ungetauften Seelen. Im 16. Jahrhundert erweiterte sich der Horizont der Europäer und führte auch zu einer dramatischen Ausweitung des Missionsauftrags. Die Entdecker und Eroberer hatten erwartet, dass sie in den fernen Weltgegenden nichtmenschliche aber vielleicht menschenähnliche Wesen finden würden, die »Rassen des Plinius« (Prosperi 2007: 188), die sich durch ihre Monströsität auszeichnen DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 89 würden. Dies galt auch für die spanischen Eroberer Amerikas. Die tatsächliche Begegnung mit den Bewohnern Amerikas führte jedenfalls zu Verhandlungen darüber, um welche Art von Wesen es sich bei ihnen handelte. Im Ergebnis fanden die Spanier zu einer Klärung, nach der es sich bei den Eingeborenen Amerikas um prinzipiell vernünftige, d.h. missionierbare, Seelen handelte (Lüdtke 2015). Es wurde damit zu einer zentralen Aufgabe, die Taufe und damit das Seelenheil in die neue Welt zu tragen (Prosperi 2007:189). Der Missionseifer und die damit aufgeworfene Frage nach der Unterscheidung von Tauffähigen und monströsen Rassen hatte eine innereuropäische Rückwirkung, denn es schien, als würden die monströsen Rassen am Ende des 15. bzw. im 16. Jahrhundert auch in den Kernlanden des Christentums immer häufiger wurden. Im Jahre 1575 publizierte Cornelius Gemma, Professor der Medizin in Louvain eine Abhandlung, die aufzählt »a conventional list of monstrous races, ›men competely wild in appearance and way of life: Fauns, Satyrs , Androgynes, Ichthyophages, Hippopodes, Sciopo des, Himantipodes, C yclops,‹ and so on. But, he noted, ›it is not necessary to go to the New World to find beings of this sort; most of them and others still more hideous can still be found here and there among us, now that the rules of justice are trampled underfoot, all humanity flouted, and all religion torn to bits.« (Daston, Park 1998: 175) Die Häufigkeit der monströsen Rassen machte es fraglich, ob eine Frau immer ein menschliches Wesen gebiert. Musste man nicht mit der Geburt von Monstren, von ungestalteten nicht-menschlichen Wesen rechnen? Wie entwickeln sich diese in einer Frau? (Prosperi 2007: 188ff) Der Geistliche, der das Taufsakrament spendete, war deshalb auch verpflichtet, das Neugeborene auf seinen körperlichen Zustand zu prüfen. Um zu verhindern, dass ein monströses Wesen geboren wird, beinhaltete die Organisationspraxis der Taufe auch eine Prüfung, ob es sich bei dem potentiellen Täufling überhaupt um einen Menschen mit einer tauffähigen Seele handelte. Die Prüfung bestand aus einer Begutachtung auf die körperliche Vollständigkeit des Kindes. D.h., das Kind sollte in seiner Gestalt wohlgeformt, d.h. kein Monstrum, sein, sonst konnte es nicht in die Christengemeinschaft aufgenommen werden. Es wurde ausgestoßen und getötet (Prosperi 2007: 193). Der Körper hatte in dieser Praxis nicht die Bedeutung, ein dreidimensional ausgedehntes Gebilde zu sein, sondern er war eine Oberfläche, die einen praktischen Zugriff ermöglichte und auf der Zeichen zu finden waren, die zeigen würden, wo das Geborene in der Kette der Wesen anzusiedeln war. Nur wenn das Neugeborene an »allen Stellen komplett« ist, kann es als Mensch anerkannt und DIVIDUALISIERUNG UND DER ÜBERGANG ZUM SEELENINDIVIDUUM 90 getauft werden. (Prosperi 2007: 192ff) Dies war die eine Hinsicht, in der medizinisches Wissen für die Durchführung der Taufe bedeutsam war. Medizinisches Wissen wurde aber noch in einer anderen Hinsicht relevant. Wenn sich die Leibesfrucht in einer Frau zu einem neugeborenen Menschen entwickelt, besteht die unbedingte Pflicht, diesen so früh wie möglich zu taufen, um seine Seele vor der ewigen Verdammnis zu retten. Das Motiv der Seelenrettung führte dazu, dem stets drohenden Tod eines Neugeborenen zuvor zu kommen. Dazu musste das Kind gleich nach der Geburt oder am besten noch vor der Geburt getauft werden. Dies galt insbesondere dann, wenn die Mutter lebensgefährlich erkrankt oder verletzt war. Es gab zwei Wege, um das Ziel zu erreichen. Zum einen wurde das Weihwasser in den Körper der Frau eingebracht, damit es den Kopf des Kindes berührte (Problem: es ist nicht sicher, ob es die Kopfhaut berührt). Zum anderen wurde die Kaiserschnitttechnik entwickelt, um es nach der Geburt zu taufen. Ob die Frau diese Art der Geburtshilfe überlebte, galt als nachrangig. Sie war getauft und hatte die Möglichkeit in den Himmel kommen, auf dem Spiel stand das ewige Leben des Kindes. (vgl. Prosperi 2007: 292) Die sich entwickelnde Geburtshilfe stand von medizinischer Seite im Zeichen der Seelenrettung. Die Dualität von unsterblicher Seele und sterblichem Körper war für das gesamte Mittelalter, die frühe Neuzeit bis hin zur Sattelzeit prägend. Sie ermöglichte eine Auffassung, gemäß derer die noch lebendigen Körper mit ihren unsterblichen Seelen gemeinsam mit den Seelen der Verstorbenen in der Erwartung der Wiederauferstehung lebten. Letztere blieben irgendwie örtlich auf ihre sterblichen auf dem Friedhof beerdigten Leiber bezogen und hatten insofern auch einen Warteort. Wenn man dies voraussetzt, wird es verständlich, dass das diesseitige Leben der Frau geringer geschätzt werden kann als das Seelenheil des Neugeborenen. 2.2.3 Der Tod und die Seele Im vormodernen Europa stand die Dualität zwischen unsterblicher Seele und sterblichem menschlichem Körper im Mittelpunkt der Ausbildung eines Selbstverständnisses als individuelle Person. Erst durch die Taufe wird ein Kind zu einem unschuldigen Wesen, welches von Gott beim Jüngsten Gericht gerecht beurteilt werden und in den Himmel kommen kann. Vor diesem Hintergrund war die Grenze am Lebensende im Prinzip eine weniger relevante Grenze. Die Seelen der Lebenden und die Seelen der kirchlich Beerdigten warteten gemeinsam auf das Jüngste Gericht bzw. sie lebten in Erwartung des ewigen Lebens. Es war wichtig, in diese Gemeinschaft der ewigen Seelen hineinzukommen, der Tod des irdischen Körpers änderte nur die Art der Beteiligung an dieser Gemeinschaft. DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 91 Es entspricht der eher relativen Bedeutung des körperlichen Todes, dass es in der europäischen Vormoderne keine intensive Auseinandersetzung darüber gab, woran der Tod zu erkennen ist. Schäfer (2001: 110) zufolge wurde der Tod als Trennung von Leib und Seele verstanden. Deshalb sei es darum gegangen, diesen Sachverhalt am Zustand des Körpers abzulesen. Gemäß diesem Verständnis wurde der Tod z.B. nicht durch das Ausbleiben des Atems verursacht, vielmehr wäre das Ausbleiben des Atems als Folge und nicht als Ursache des Lebensendes zu verstehen. Weil die Seele den Körper verlassen hat, atmet dieser nicht mehr. Insgesamt bildete der »Tod nach Vorstellung der mittelalterlichen Theologie nur eine Zäsur im Leben des Menschen: Seele und Körper werden sich nach dem Vorbild Christi zu neuem Leben wiedervereinigen. Der Tod ist eine Tür, die von der einen zur anderen Existenz führt, und die Seele vollführt einen transitus, eine vart ins Jenseits, deren Zeitpunkt und Dauer unbestimmbar ist.« (Schäfer 2001: 109f) Der Arzt war für die Gestaltung des Übergangs, also das Sterben und die Feststellung des Todes, kaum von Bedeutung. Er war vielmehr für das Leben zuständig, allenfalls konnte er prognostizieren, wann der Tod eintritt (Kessel 2001: 135). Wenn es klar war, dass der Arzt dem Kranken nicht mehr helfen kann, sollte er sogar dessen Nähe meiden. Die Transition ins Jenseits löste die Verbindung zwischen Lebenden und Toten nicht. Dies wird anhand von zwei Phänomenen deutlich. Zum einen lebten die Seelen der Lebenden und der Toten örtlich eng beieinander. Die Kirchhöfe befanden sich inmitten der Orte der Lebenden und fungierten als reguläre Treffpunkte der Lebenden, als Marktplätze oder auch als allgemein zugängliche Viehweide (Kessel 1993: 303). Zum anderen war es möglich, die Position von Toten im Jenseits durch diesseitige Aktivitäten zu verbessern. Gemäß christlicher Lehre durchlief die Seele nach dem Tod einen zwei- oder dreiphasigen Prozess. Nach einer ersten Beurteilung der Sünden, dem »besonderen Gericht« (Kompendium Artikel 208) folgte entweder das »Eintreten in die Seligkeit des Himmels, unmittelbar oder nach einer entsprechenden Läuterung, oder im Eintreten in die ewige Verdammnis der Hölle« (Kompendium Artikel 208). Die Läuterung war ein Reinigungsprozess, das Purgatorium. Das Warten auf das Jüngste Gericht bestand also entweder aus einer Phase (sofortiges Eintreten in die Seligkeit bzw. in die Verdammnis) oder aus zwei Phasen (Purgatorium mit anschließendem Eintreten in die Seligkeit). Diese Phase bzw. zwei Phasen wurden mit dem Jüngsten Gericht abgeschlossen. Letzteres bildete den Übergang zur Vollendung des göttlichen Heils plans (Kompendium Artikel 214–216), es fand die Auferstehung der Leiber statt, und diese hatten Teil an der Vergeltung, die den Seelen widerfahren ist, d.h. Eintreten in den Status der endgültigen Seligkeit in der Anschauung Gottes oder in den Status der ewigen Verdammnis in der Hölle. Die mögliche Unterstützung aus dem Diesseits bezog sich auf DIVIDUALISIERUNG UND DER ÜBERGANG ZUM SEELENINDIVIDUUM 92 die Dauer des Aufenthalts im Purgatorium. Diese konnte durch die Aktivitäten von diesseitigen Seelen verkürzt werden, wenn Letztere in einem ausreichendem Maße Buße taten. Eine solche Möglichkeit wurde relativ früh durch Gregor den Großen (gestorben 604) ins Spiel gebracht. Ihm zufolge müsste man zwischen solchen Sünden unterscheiden, die durch eine Reinigung gesühnt werden könnten und solchen, bei denen das nicht der Fall ist (Gregor der Große 604a). Aufgrund eines Erfahrungsberichts kam er weiter zu der Einsicht, dass es möglich ist, die Reinigungszeit abzukürzen, indem jemand im Diesseits für den Sünder Sühne und Buße tut (Gregor der Große 604b). Diese Möglichkeit wird auch heute noch als gültig betrachtet (Kompendium Artikel 211). Daraus folgt, es lag in der Macht der lebenden Seelen durch eigene Aktivitäten (Bußetun), die Erlösung der im Fegefeuer leidenden Seelen der Verstorbenen zu befördern. Die enge Gemeinschaft der Lebenden und Toten wurde durch den Protestantismus in zweierlei Weise gelockert. Zum einen lehnte der Protestantismus das Fegefeuer ab. Nach dem Tod wurde sofort entschieden, ob die Seele in den Himmel oder die Hölle kommt. Eine Reinigungsphase, bevor die Seele in den Himmel kam, war nicht mehr vorgesehen. Dies wurde als nicht mehr erforderlich betrachtet, da Jesus durch den Kreuzestod bereits alle Sünden auf sich genommen hatte (Luther 1537: 4). Die Entscheidung, ob und wie schnell jemand in den Himmel oder die Hölle kommt, lag allein bei Gott, sie konnte nicht durch Aktivitäten der lebenden Seelen beeinflusst werden. Totenmessen zu lesen oder sonst Buße zu tun, konnte sich nicht auf den Erlösungszustand auswirken (Kessel 1993: 299, Luther 1537: 3). Dieser Logik entsprechend verloren in den Testamenten von Protestanten die Verfügungen für das Lesen von Messen oder anderen Bußhandlungen zum Wohle der verstorbenen Seele an Bedeutung (Kessel: 1993: 300). Es blieb allerdings das Grundprinzip erhalten, wonach die Lebenden und die Toten eine Gemeinschaft bilden, die auf die Auferstehung und den Tag des Jüngsten Gerichts warteten. Es wurden zwar die Wartezonen strikter getrennt, aber die Bestattung und der Abschied vom Verstorbenen blieb ein sozialer Akt innerhalb der Gemeinschaft (Kessel 1993: 300). Die stärkere Trennung der Wartezonen dokumentierte sich auch in deren ortsräumlicher Anordnung. Mit dem Protestantismus setzte eine erste Welle von Friedhofsverlegungen ein (Fischer o.J.). Die Grabstätten wurden an den Rand der Städte und Dörfer verlegt. 2.2.4 Die problematischen sozialen Beziehungen zu den Geistwesen Was die Möglichkeit von Geistwesen betrifft, muss man von einer gro- ßen Übereinstimmung zwischen Gebildeten, die die Theorie der großen Kette der Wesen kannten und sich an ihr orientierten, und den einfachen DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 93 Leuten ausgehen. Dass es Geister wirklich gibt, war integraler Bestandteil sowohl der übergreifenden Legitimationstheorie als auch der Alltagserfahrung. Die Alltagsrelevanz von Geistern für die Menschen des Mittelalters und der frühen Neuzeit gilt in der historischen Forschung als unstrittig (Dülmen 1994/2005, Bd. 3: 78ff, Thomas 1971/1991). Die Geister der Toten konnten z.B. aus dem Zwischenreich wieder zu den Lebenden zurückkehren, wenn diese etwa aus Geiz der Seele den Beistand durch die kostenpflichtigen Fürbitten eines Geistlichen verweigert hatten (vgl. Rüve 2008: 56). Die diesseitigen Seelenindividuen konnten auch die Rufe der Seelen aus dem Fegefeuer hören, was gelegentlich zu tragischen Verwechslungen führte, wenn etwa die Hilferufe Schiffbrüchiger als Hilferufe der leidenden Seelen missdeutet wurden (Kessel 2001: 158). Auch die evangelische Kirche hielt an den Grundannahmen der gro- ßen Kette der Wesen fest, wonach es Geistwesen gibt. Dies gilt insbesondere für die Existenz des Teufels. Vor allem in der moralischen Wertung dessen, sich auf Kontakte mit dem Teufel bzw. auf dessen Unterstützung einzulassen, gab es eine große Übereinstimmung zwischen dem Alltagsverständnis im Mittelalter und in der frühen Neuzeit sowie den theoretischen und normativen Konzepten der Gebildeten, d.h. vor allem der katholischen und evangelischen Theologen (Dülmen 1994/2005 Bd. 3: 82). Erst im 18. Jahrhundert, als die Theorie der großen Kette der Wesen ihren Einfluss verlor und zunehmend durch ein modernes diesseitig wissenschaftliches Verständnis der Welt und ein Verständnis des Menschen gemäß der Konzeption des anthropologischen Quadrats ersetzt wurde, verlor die Annahme, dass es Geister gibt, an Evidenz. Der Hexenkult und damit zusammenhängend die Hexenprozesse zeigen die Übereinstimmung zwischen den Weltvorstellungen von einfachen Leuten und der Welt, wie sie sich in Legitimationstheorien darstellten, besonders gut. Dies gilt insbesondere für die moralische Wertung der Teufelsbeziehungen (Dülmen 1994/2005, Bd. 3: 85). In der Annahme, dass Hexen ihre Macht einem Pakt mit dem Teufel verdanken, scheint auch die Besonderheit des vormodernen europäischen Hexenverständnisses zu liegen (Thomas 1971/1991: 521). Die Hexenprozesse stellten eine Verbindung zwischen dem im 13. Jahrhundert entstehenden Strafrecht (mit individueller Verantwortlichkeit) und der Existenz von Geistern, Teufeln und Dämonen her. Da es sich bei den Taten von Hexen und Zauberern um böse Taten handelte, die aus einem bösen Willen heraus begangen wurden, musste das Strafrecht eingreifen. Dabei kamen die üblichen Mittel der Wahrheitsfindung zur Anwendung. In einem hierarchisch legitimierten Verfahren musste die Wahrheit durch Zeugen belegt werden. In solchen Verfahren wurde geklärt, ob im konkreten Einzelfall davon auszugehen ist, dass ein Teufelspakt geschlossen worden war (Neumann 2007). DIVIDUALISIERUNG UND DER ÜBERGANG ZUM SEELENINDIVIDUUM 94 Die Hexenprozesse wurden von Anfang an einer Kritik unterzogen. Diese bewegte sich zunächst im Rahmen der Theorie der großen Kette der Wesen und bezog sich darauf, dass in einer von Gott geschaffenen Welt Geister, Dämonen und Teufel nicht eigenmächtig agieren könnten (vgl. Thomasius 1701 u. 1712/1986). Bereits auf der Grundlage dieser Kritik wurden Hexenprozesse eingestellt. Im 18. Jahrhundert setzt eine anders gelagerte Kritik ein, die darauf abhebt, dass es gar keine Geister, Dämonen o.ä. geben könne. Dies hängt mit einer neuen Form von Rationalität zusammen, in deren Rahmen der Raum zu einem kalkulierbar durchgestalteten dreidimensionalen Gebilde und die Welt insgesamt als eine sich in der Zeit veränderliche Welt begriffen wurde. Damit wurden zentrale Prämissen der Theorie der großen Kette der Wesen brüchig. Gemäß dem neuen wissenschaftlichen Verständnis wurde aus der Wirklichkeit von Geistern, Hexen und Zauberern der Hexenglaube der Ungebildeten (Behringer 1995, vgl. auch Lindemann 2014a: 316ff, 322ff). Auf diese Weise wird die Grenze zwischen Menschen und Geistwesen aus dem allgemein verbindlichen Diskurs über den Menschen bzw. dessen Wesen ausgeschlossen. Damit ist nicht gesagt, dass es nicht auch im Rahmen moderner Vergesellschaftung Subsinnwelten gibt, in denen diese Grenzziehung als bedeutsam angesehen wird. Hierbei handelt es sich aber nicht um ein Wissen, welches allgemein legitimierbar wäre. 2.2.5 Von Menschen geschaffene Menschen? Von Menschen geschaffene Menschen sind im Rahmen der christlichen Interpretation der großen Kette der Wesen kaum erwartbar, da die normative Richtung der Entsagung von der Welt dominant ist. Dennoch wird in den publizierten Anthologien über künstliche Menschen eine kontinuierliche Kette konstruiert, die von der Antike bis in die Gegenwart reicht. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich allerdings, dass es sich für die Zeit der Antike nicht um von Menschen geschaffene Menschen handelt, sondern um von Göttern geschaffene Automaten. Lediglich der Golem kann als ein genuin von Menschen geschaffener künstlicher Mensch gelten. Bei diesem zeigt sich aber zugleich das Problem, wenn Menschen sich im Sinne einer Weiterführung des göttlichen Schaffensprinzips von sich aus an der Schöpfung beteiligen. Es droht Sünde und Verderben. Völker (1971/1994) unterscheidet in seiner Analyse der künstlichen Wesen vier unterschiedliche Typen. Den Golem (Völker 1971/1994: 431ff), die Homunculi (Völker 1971/1994: 454ff) und die Androiden (Völker 1971/1994: 466ff) sowie die belebten und liebenden Statuen (Völker 1971/1994: 483ff). Diese Aufteilung ist typologisch und nicht chronologisch und sie orientiert sich auch nicht daran, auf wen die DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 95 jeweilige Belebtheit zurückgeführt wird. Dies ist insofern erstaunlich, als sich etwa bei den Mythen des Altertums zeigt, dass es sich gerade nicht um Schöpfungen des Menschen, sondern um besondere Schöpfungen von Göttern handelt. Dies trifft auf die von ihrem Herrn geschaffenen Dienerinnen des Hephaistos ebenso zu (Homer Ilias 18. Gesang, Vers 415) wie auf die gleichfalls von Hephaistos geschaffene Pandora (Ranke-Graves 1955/1979 Bd. 1: 128) und auf die Belebung der Frauenstatue des zyprischen Bildhauers Pygmalion, in welche dieser sich so sehr verliebte, dass die Göttin Venus sich seiner erbarmte und die Statue belebte (vgl. Ovid Metamorphosen 10. Buch, Verse 243–297). Es handelt sich also nicht um von Menschen geschaffene künstliche Wesen, sondern um Wesen, die die Götter eben auch einmal geschaffen hatten. Abgesehen von mythischen Erzählungen, in denen Götter andere Wesen als Menschen schaffen, um diesen zu schaden (Pandora) oder ihnen Wünsche zu erfüllen (Pygmalion) wird etwa in der Anthologie von Drux (1988) auch auf den von Bau Maschinen verwiesen, wie etwa die bewegliche Statue des Herakles, die einen Pfeil auf eine Schlange abschießt. Die Konstruktionsbeschreibung des Heron von Alexandrien (1. Jahrhundert nach Christus) beschreibt den Mechanismus im Detail (Drux 1988: 7f). Hierbei handelt es sich aber auch nicht im engeren Sinn um künstliche Menschen, sondern um eine Variation von Kriegsautomaten. Bei den Homunculi, deren Schöpfungsbeschreibung sich etwa bei Paracelsus findet, handelt es sich ebenfalls nicht im engeren Sinn um Schöpfungen des Menschen, sondern um eine Versuchsanordnung, die es ermöglichen soll, dass sich aus dem männlichen Samen außerhalb der Gebärmutter ein Mensch entwickelt (Paracelsus, zitiert nach Drux 1988: 15f). Dieser Versuch basiert auf den anthropologischen Annahmen des Eingeschlechtmodells (s.u.) und wurde mit der Entdeckung der anatomisch begründeten Zweigeschlechtlichkeit in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts (s.u.) als unmöglich erklärt (Johannes Prätorius, zitiert nach Drux 1988: 18f). Im eigentlichen Sinne scheint es sich nur beim Golem um ein von Menschen geschaffenes sich eigenständig bewegendes künstliches Wesen zu handeln, bei dem zudem die Art und Weise der Herstellung genauer angegeben wird. Im Mittelpunkt stehen dabei die schöpferische bzw. zerstörerische Kraft des Wortes. Diese vermochte es, aus einem Klumpen Lehm oder aus Holz ein lebendiges Wesen zu machen.6 Damit wurde 6 Dies wird in der »Jewish Encyclopedia« folgendermaßen beschrieben: »In the Middle Ages arose the belief in the possibility of infusing life into a clay or wooden figure of a human being, which figure was termed ›golem‹ by writers of the eighteenth century. The golem grew in size, and could carry any message or obey mechanically any order of its master. It was supposed to be created by the aid of the ›Sefer Yeẓirah,‹ that is, by a combination of letters forming a ›Shem‹ (any one of the names of God). The Shem was written on DIVIDUALISIERUNG UND DER ÜBERGANG ZUM SEELENINDIVIDUUM 96 gleichsam die Schöpfungsgeschichte wiederholt. Einigen eingeweihte Menschen gelang es, die Macht des Wortes so zu nutzen, dass ein lebendiges Wesen entstand. Da der Golem ein geschaffenes Wesen war, musste er in die hierarchisch strukturierte Kette der Wesen eingereiht werden, weshalb es ausführlich diskutiert wurde, wie weit vollendet der Golem war. War er auf der Stufe eines Tieres anzusiedeln oder höher. Dies hing davon ab, ob ihm eine Geistseele zugesprochen wurde, die es ihm ermöglichte zu sprechen, oder nicht (vgl. Schlich 1998: 544). Einige der Geschichten befassten sich mit den Problemen, zu denen die Erschaffung eines solchen künstlichen Wesens führte. Denn es war fraglich, ob die Menschen alle Konsequenzen bedenken, die sich aus ihrer Schöpfung ergeben würden (vgl. Jewish Encyclopedia, Eintrag Golem). Zudem wurde explizit das Problem aufgeworfen, ob es nicht zu einer neuen Form des Götzendienstes führen würde, wenn sich der Mensch als Schöpfer gebärden würde (Völker 1971/1994: 432). Damit würde es die Orientierung am ersten normativen Prinzip der Fülle verunmöglichen, dem zweitem normativem Prinzip zu folgen, d.h., der Vielfalt der Welt zugunsten der Orientierung auf den Einen, den Schöpfer, zu entsagen. Da der Orientierung auf Gott im Zweifel die höhere Bedeutung zukommt, sollte sich der Mensch eines zu weit gehenden Schöpfertums enthalten. Derartige normative Probleme werden seit der Sattelzeit zunehmend irrelevant. Denn es setzt sich die Auffassung durch, dass der Mensch ein diesseitiges, verkörpertes natürliches Wesen ist, das im Prinzip mit den Tieren auf einer Stufe steht und lediglich als ein besonders weit entwickeltes Tier zu begreifen ist. Der Mensch wird damit selbst zu einem Wesen, das im Prinzip als eine Maschine zu begreifen ist (Schlich 1998: 547f). Descartes war einer der ersten, die eine entsprechende Auffassung des menschlichen Körpers formulierten (Schlich 1998: 547), entsprechend dieser Auffassung bildete zunächst das Uhrwerk das Paradigma (Tietzel 1984: 34), an dem sich die Schaffung künstlicher Menschen orientierte (Schlich 1998: 547). Besonders bewundert wurden die an diesem Prinzip ausgerichteten Automaten von Vaucanson. Er schuf 1738 einen ›Flötenspieler‹. Damit begann eine »Welle der Automatenkonstruktionen« (Völker 1971/1994: 471), deren Ergebnisse technisch zunehmend vollkommener wurden. Diese Entwicklung führte dazu, dass im Rahmen der modernen Begrenzung des Menschlichen die Mensch-Maschine-Differenz zentral wurde. a piece of paper and inserted either in the mouth or in the forehead of the golem, thus bringing it into life and action.« DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 97 2.2.6 Mensch und Tier Gemäß der Theorie der Kette der Wesen galten Tiere als nicht vernünftig, sie hatten keinen moralisch relevanten Status inne. Die Berichte über Tierprozesse widersprechen dieser klaren Einordnung allerdings. In den dokumentierten Prozessen wurden Tiere als Akteure behandelt, die eine Tat aus einem bösen Willen heraus begangen hatten und deshalb vor Gericht gestellt und bestraft werden mussten. Hinsichtlich der Einordnung der Dokumente, die auf Tierprozesse in der Zeit zwischen der zweiten Hälfte des 13. und dem 18. Jahrhunderts hinweisen, löst sich allerdings der Konsens innerhalb der rechtshistorischen Literatur gerade auf. Unstrittig ist, dass die Dokumente über Strafprozesse gegen Tiere ungefähr zur gleichen Zeit entstanden sind wie das Strafrecht. Strittig ist aber ob es sich um Dokumente handelt, die auf reale Strafprozesse gegen Tiere verweisen, oder ob es sich um quasi-satirische, d.h. fiktive, Darstellungen handelt (vgl. hierzu Schumann 2009). Unabhängig vom Status der Dokumente – real oder fiktiv – kann man festhalten, dass in diesen implizit der Sachverhalt verhandelt wurde, wie der Kreis der Straffähigen, d.h. derjenigen, die eine Tat aus bösem Willen heraus begangen hatten, begrenzt werden konnte. Dies verweist auf ein komplexes Grenzziehungsproblem. Es gab Grenzziehungsschwierigkeiten auf zwei Ebenen. Einerseits gab es das bereits beschriebene Problem, ob existierende Körper von ihrer Gestalt her darauf hinweisen, dass in ihnen eine ausreichend vernünftige, d.h. tauffähige, Seele wohnt (s.o.). Diese Frage stellte sich mit Bezug auf Bewohner Amerikas und mit Bezug auf Wesen, die aus dem Bauch einer Frau herauskommen. Die Bearbeitung dieses Problems wurde durch die sich entwickelnde neue wissenschaftlich-anatomisch gebildete Medizin geleistet. Ein analoges Problem stellte sich mit Bezug auf die Straffähigkeit. Ausgangspunkt war hier die alte Auffassung der Verfahrensordnung des Ausgleichs, der zufolge Gruppen miteinander in Beziehung stehen, die jeweils von freien Herren repräsentiert wurden. Das Verhältnis der Familiengruppen zueinander war durch das Prinzip des Ausgleichs geregelt. Danach waren die freien Herren als Repräsentanten der Familiengruppen verpflichtet, einen Ausgleich zu leisten in Form von Geldzahlungen. In diesem Rahmen gab es einen rechtlich relevanten Unterschied zwischen Freien und Unfreien, aber nicht zwischen Menschen und Tieren, denn die unfreien Menschen waren den unfreien Tieren mehr oder weniger gleich gestellt. Die Bußkataloge enthielten genaue Angaben darüber, wie der durch eine Schädigung gestörte Lebenszusammenhang wieder hergestellt werden konnte, in den meisten Fällen durch Zahlung einer Geldbuße. (Schumann 2009: 203f). Es war unerheblich, ob der Schaden willentlich oder unbeabsichtigt verursacht worden war. Entscheidend waren der Taterfolg und die Feststellung, wer zu einem Ausgleich verpflichtet ist. DIVIDUALISIERUNG UND DER ÜBERGANG ZUM SEELENINDIVIDUUM 98 Gemäß dem alten Recht nicht zwischen Menschen und Tieren zu unterscheiden, wurde zu einem Problem, als die Annahme des freien Willens sich im säkularen Recht durchzusetzen begann. Alle Freien und Unfreien, sofern sie einen freien Willen hatten, sollten jetzt direkten Zugang zum Recht erhalten. Daraus folgt, dass im Recht jetzt nicht mehr die Unterscheidung freier Herr/Unfreie (Menschen und Tiere) relevant war, sondern die Unterscheidung »Mensch mit einer vernünftigen Seele« und »Tier ohne vernünftige Seele«. Ich deute die Entstehung der Dokumente über Strafverfahren gegen Tiere als eine Form, die Verunsicherung zu verarbeiten, die sich aus der Einführung der neuen Unterscheidung ergeben hatte. Je nach Interpretation der Quellen als real oder fiktiv kann man die Verunsicherung als mehr oder weniger dramatisch einstufen. Wenn es sich um fiktive Quellen handelt, würden sie auf eine rein diskursiv-semantische Verarbeitung der genannten Unsicherheit verweisen. Diese setzte in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts ein, wurde im 16. und 17. Jahrhundert geringer, und für das 18. Jahrhundert finden sich bereits keine Dokumente mehr, die auf eine Verarbeitung dieser Unsicherheit hinweisen würden. Wenn die Dokumente auf tatsächliche Strafverfahren verweisen, wären sie als Ausdruck einer massiven Verunsicherung zu werten. Um einen Eindruck von derartigen Dokumenten zu gewinnen, soll ein Beispiel angeführt werden. Der Hund Provetie hatte am 9. Mai 1595 ein Kind totgebissen, als er versuchte, diesem ein Stück Schinken zu entreißen. Der Vater des Kindes stellte einen Strafantrag gegen den Täter. Der wurde daraufhin in Haft genommen, aber wegen seines Geständnisses nicht gefoltert. Provetie wurde zum Tod durch den Strang verurteilt. Als Strafzweck verfolgte das Gericht offensichtlich auch eine Generalprävention, denn es wurde beschlossen, dass der Täter noch einige Tage hängen bleiben soll, um andere Bösewichter von solchen Taten abzuschrecken. Ein etwa vorhandenes Vermögen des angeklagten Hundes sollte eingezogen werden (Berkenhoff 1937: 129). Derartige Dokumente beziehen sich vor allem auf Prozesse gegen Rinder, Schweine, Pferde und Hunde. Es handelte sich ausnahmslos um todeswürdige Vergehen, die bei den Tieren geahndet wurden, d.h. um Totschlag. Während es in den säkularen Dokumenten eindeutig ist, dass die angeklagten Tiere im gleichen Sinne wie Menschen als schuldfähige Subjekte galten, ist die Sachlage in kirchenrechtlichen Prozessen komplizierter. Gemäß der theologisch-philosophischen Lehre von der Willensfreiheit war diese ein Privileg des Menschen, weshalb sie als tauffähig galten. Im Kirchenrecht wurden Tiere bis weit in das 15. Jahrhundert hinein nicht als schuldfähige Subjekte anerkannt, weshalb sie auch nicht in kirchenrechtlichen Prozessen bestraft werden konnten. Ab Mitte des 15. Jahrhunderts finden sich Dokumente, in denen namhafte Theologen und DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 99 Kirchenrechtler die Auffassung vertraten, auch Tiere könnten durch eine »malediction«, eine Verfluchung, oder den großen Bann, d.h. durch den Ausschluss aus der christlichen Gemeinschaft, bestraft werden (vgl. Amira 1891: 571). Derartige Aussagen sind für ca. 100 Jahre dokumentiert bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts. Zu den tierischen Akteuren, gegen die kirchenrechtliche Prozesse angestrengt wurden, zählten keine Haustiere, sondern Insekten, Engerlinge, Ratten und sonstige schädliche Tiere, die die Ernte oder die Vorräte gefährdeten. Eine Klage vor einem kirchlichen Gericht konnte allerdings erst erhoben werden, nachdem das Gericht zuvor die Frage geklärt hatte, ob die Tiere von allein gekommen oder ob sie als Strafe von Gott gesandt worden waren. Nur wenn die Tiere aus eigenem Antrieb gekommen waren, konnte eine Klage erhoben und eine Strafe ausgesprochen werden. Die schädlichen Tiere wurden dazu verurteilt, die Gegend zu verlassen. Falls sie dem nicht nachkommen sollten, wurde ihnen als kirchliche Strafe die Verfluchung und in einigen Fällen der große Kirchenbann, d.h. die Exkommunikation aus der christlichen Gemeinschaft, angedroht. Unabhängig davon, ob es sich um Fiktionen oder reale Prozesse gehandelt hatte, waren die Entstehung des literarischen Genres bzw. die realen Prozesse Formen der Bearbeitung einer Unsicherheit. Diese verschwand mit der Durchsetzung des verkörperten Menschen. Denn jetzt entsteht eine neuartige Grenze zwischen Mensch und Tier, die nicht mehr in das Kontinuum der großen Kette der Wesen eingeordnet ist, sondern von einer grundlegenden Grenze ausgeht. Der Gottesbezug wurde verabschiedet und der Mensch gerät in die Position einer »empirisch-transzendentalen Doublette« (Foucault 1966/1971 388). Denn er ist der Schöpfer kultureller und moralischer Ordnungen und zugleich sind diese Ordnungen und der Mensch als natürliches Wesen der Gegenstand empirischer Forschung. Das neue Verständnis des Menschen schafft neue Grenzprobleme. Gemäß der Theorie der großen Kette der Wesen grenzten die menschlichen Seelenindividuen einerseits an die Tiere, die zwar auch eine Seele hatten, aber keine vernünftigen Geistwesen waren, andererseits grenzten die Seelenindividuen an die reinen Geistwesen (Lovejoy 1936/1993: 101f), seien diese nun gut, wie die Engel, oder böse, wie der Teufel. Die letztere Unterscheidung wurde im Übergang zur Moderne irrelevant, um die Stellung des Menschen zu begreifen (s.u.). Ab ca. 1800 ging es in allgemein anerkannter Weise zunehmend nur noch um die Differenzen des anthropologischen Quadrats: Ab wann beginnt das natürlich personale Leben? Wann endet es? Wie unterscheidet sich der Mensch vom Tier bzw. von der Maschine? DIVIDUALISIERUNG UND DER ÜBERGANG ZUM SEELENINDIVIDUUM 100 2.2.7 Die Spannung von jenseitsbezogenem Seelenindividualismus und praktisch wirksamer leiblicher Dividualisierung im Diesseits Insgesamt zeichnet sich das Seelenindividuum durch eine besondere Spannung aus. Auf der einen Seite ist es durch einen individualisierenden Jenseitsbezug gekennzeichnet und auf der anderen Seite durch vielfältige diesseitige Bindungen. Für Dumont stellt sich dies dar als ein Verhältnis zwischen individualisierendem Jenseitsbezug und holistisch verfasstem diesseitigem Leben (Dumont 1991: 31). Vor dem Hintergrund der hier vorgetragenen Überlegungen lässt sich diese Einsicht differenzieren. Denn meine Analyse kommt zu dem Ergebnis einer Spannung zwischen einer jenseitsbezogenen individualisierenden Seele und dem Sachverhalt, diesseitig in unterschiedliche Beziehungen eingebunden zu sein. Die dividualisierenden diesseitigen Beziehungen werden durch den individualisierenden Jenseitsbezug nicht ad hoc irrelevant, vielmehr ist von einer langsamen Zurückdrängung der institutionellen Sicherungen der dividualisierenden Vergesellschaftung auszugehen. In diesem Zusammenhang sind vier Faktoren von Bedeutung: 1. Die schrittweise institutionelle Neuordnung der Verfahrensordnung der Gewalt, 2. die Spaltung der westlichen Christenheit in Katholizismus und Protestantismus, 3. die schrittweise Verselbständigung einer Wirtschaft, die im Diesseits rational kalkulierende Akteure erfordert sowie 4. die Institutionalisierung eines körperorientierten Individualitätsverständnisses. Während die Bedeutung der Sachverhalte, die in den Punkten 1–3 angesprochen sind, einen festen Bestandteil des soziologischen Verständnisses des Übergangs in die Moderne darstellen, ist der vierte Punkt, die Bedeutung eines körperorientierten Individualitätsverständnisses, bislang nicht berücksichtigt. Ich beginne daher mit der Entwicklung hin zu einem körperbezogenen Individualitätsverständnis und werde dabei nur soweit es erforderlich ist, auf die anderen Punkte eingehen, insbesondere auf die Veränderung der Verfahrensordnung der Gewalt. Diese steht dann bei der Ausarbeitung der Theorie der horizontalen Differenzierung am Anfang, denn sie bildet eine zentrale Prämisse für die Ausdifferenzierung der Wirtschaft. Bei deren Darstellung werde ich in Stichpunkten noch einmal die Entwicklung von der Lebenssicherung unter den Bedingungen dividualisierender Vergesellschaftung über die eingebettete Form des Wirtschaftens im Rahmen von Territorialherrschaft und Gerichtswesen bis zur ausdifferenzierten kreditgeldgetriebenen Eigentumswirtschaft durchgehen. Denn nur vor diesem Hintergrund wird deren Funktionsweise nachvollziehbar. DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 101 3. Körperindividualismus in den Grenzen des anthropologischen Quadrats Die gesellschaftstheoretische These besagt, dass das nach Geschlechtern differenzierte menschliche Körperindividuum gleich an Freiheit und Würde das Element der modernen horizontal differenzierten Vergesellschaftung bildet. Bis jetzt wurde vorbereitend herausgearbeitet, wie sich die vorkörperliche seelenbezogene Individualisierung begreifen lässt und welche Konsequenzen diese Form der Individualisierung für die relevanten Grenzen des Sozialen hatte. Wenn die These zutrifft, wonach diesseitige Individualisierung mit einer Verkörperung einhergeht, muss sich dies entsprechend historisch dokumentieren. Solche Hinweise sind unübersehbar, wenn man die Studien zur Körpergeschichte einbezieht und sie zu den bekannten Themen der Gesellschaftsgeschichte ins Verhältnis setzt. Es lässt sich zeigen, dass der Übergang zur horizontal differenzierten Gesellschaft vorbereitet wird durch eine schrittweise Verkörperung des zweigeschlechtlichen Menschen. Dieser Übergang erfordert eine grundlegende Modifikation des Rechts. Während für das Seelenindividuum galt, dass es zur legitimen Wahrheitsfindung der Folter unterzogen werden konnte, kann die Folter gegenüber Körperindividuen nicht mehr legitimerweise angewendet werden. Wenn der individuelle freie Wille nicht mehr in der unsterblichen Seele fundiert ist, sondern diesseitig im Körper steckt, wird der Zugriff auf den Körper in der Folter zu einem Mittel, um beliebige Geständnisse zu erpressen. Folglich schied die Folter als ein legitimes Mittel der Wahrheitsfindung aus. Um den Prozess der Verkörperung zu rekonstruieren, muss man sich einer ungewohnten Anforderung unterziehen: Es gilt, den dreidimensional ausgedehnten menschlichen Körper als ein historisch entstandenes Phänomen zu begreifen. Dass sich ein solches Körperverständnis entwickeln konnte, setzte spezifische Formen leiblicher Erfahrungen von Raum und Zeit voraus. Solange die leiblichen Selbste in übergreifende kosmologische Zusammenhänge eingebettet blieben, die das Verhältnis von Mikro- und Makrokosmos regulierten, scheint es nicht möglich zu sein, den dinglich verstandenen Körper zum Bezugspunkt der Ausbildung einer individuellen Identität zu machen. Im Rahmen einer derart strukturierten Raum-Zeiterfahrung bleiben die dividualisierenden Verpflichtungen für das alltägliche Erleben dominant. Für die einfachen Leute hieß das z.B., eingebettet zu bleiben in eine primär richtungsräumliche Ordnung des Raumes sowie in die Abfolge jahreszeitlicher Rhythmen, die die Arbeitspflichten gegenüber den lokalen Herren festlegten. Neuerungen, die zu einer schrittweisen Veränderung von Raumund Zeiterfahrung führten, wurden im 14. bis 16. Jahrhundert entwickelt (vgl. hierzu ausführlicher Band II). Ich beginne mit der Veränderung KÖRPERINDIVIDUALISMUS 102 des legitimen Zeiterlebens durch die Schlaguhr und gehe dann auf den Raum ein. Die Entstehung der Schlaguhr lässt sich nicht genau datieren, Dohrn-van Rossum begnügt sich mit der vagen Angabe »zwischen dem 9. und 14. Jahrhundert« (Dohrn-van Rossum 1992/2007: 64). Allerdings scheint die Schlaguhr erst im 14. Jahrhundert zu einer allgemeiner bedeutsamen technischen Neuerung geworden zu sein. Sie eröffnete die Möglichkeit, Arbeit und soziale Zusammenhänge ohne Bezug auf natürliche Wandlungskontinuen (dem Sonnenstand, dem Ablauf der Jahreszeiten, dem Stand der Gestirne usw.) zu gestalten. Alltagsrelevant wurde diese Neuerung in den Klöstern, dem sich entwickelnden Bereich des Handels und Geldverleihs und in den Städten. Das Landleben dürfte davon noch für längere Zeit weitgehend unberührt geblieben sein. Deshalb ist es wahrscheinlich auch nicht angemessen, davon auszugehen, dass die Entwicklung der Schlaguhr direkt zu einem umfassenden Wandel des Zeitbewusstseins geführt hat (vgl. die Ausführungen von Dohrnvan Rossum [1992/2007: 9–13] in seiner Diskussion der entsprechenden Arbeiten zum Mentalitätswandel). Im Laufe des 15. Jahrhunderts entwickelte sich mit der Zentralperspektive ein Raumverständnis, in dessen Rahmen der Raum als kontinuierlich dreidimensional ausgedehnt begriffen wurde (Panofsky 1927/1980). Das historisch Neue dieses Raums bestand darin, eine mathematisch kalkulierbare Zentralperspektive zu ermöglichen. Diese identifizierte einen Punkt im Raum, von dem ausgehend die Perspektive entfaltet wurde. Damit wurde ein Aspekt der leiblichen Umweltbeziehung simuliert, denn es wurde von einem Nullpunkt ausgehend ein Raum geordnet. Der Unterschied zur leiblichen Erfahrung bestand darin, dass in der Konstruktion der Zentralperspektive der Nullpunkt selbst in einem übergeordneten leeren dreidimensional ausgedehnten Raum identifiziert werden konnte. Dadurch erhielt der erlebte Leib, das Zentrum, von dem die eigene Welterfahrung ausging, eine körperliche Position in einem objektivierbaren Raumzeitkontinuum. Unter dieser Voraussetzung konnte der Leib mit einem Körper identifiziert werden, der einen messbaren Ort in einem dreidimensionalen ausgedehnten Raum einnahm. Das neue Raum-Zeitverständnis wurde durch technische (Schlaguhr) bzw. wissenschaftliche und ästhetische (mathematisierte Zentralperspektive) Neuerungen getragen und verstärkte deren Relevanz. Wenn man im Sinne der »vermittelten Unmittelbarkeit« (Plessner 1928/1975: 321f; Lindemann 2017b, Lindemann 2016b) die Ordnung des Wissens als vermittelnde Bedingung für die Strukturierung der unmittelbaren leiblichen Erfahrung begreift, ist es plausibel anzunehmen, dass die Veränderungen des Wissens über die Zeit und den Raum mit einer Veränderung der wissensvermittelt unmittelbaren Leib-Umweltbeziehung einhergingen. Dafür spricht auch, dass sich im Rahmen des neuen Raum-Zeitverständnisses Veränderungen der praktischen Umweltbeziehungen ausfindig DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 103 machen lassen. Sutter (2001) rekonstruiert anhand von Dokumenten der Stadt Zürich, wie sich die Zeitbezüge in Gerichtsakten, Dokumenten der Stadt und Beschreibungen des Alltaglebens mit Bezug auf die neue mechanische Zeit veränderten bzw. wie die neue Zeit die alten Zeitbezüge ersetzten, die sich am Sonnenstand bzw. an den Einteilungen des Kirchenjahres orientiert hatten. Weiterhin forcierten die neuen Raum-Zeitbezüge die Entwicklung eines mechanischen Verständnisses der Welt. Dies erweiterte zum einen die Möglichkeiten technischer Konstruktion im 16. und 17. Jahrhundert (Schmidtchen 1997: 549ff, Troitzsch 1997) und führte zum anderen auch zu einer veränderten Sicht auf den menschlichen Leichnam und zu einem neuen Umgang mit diesem, der jetzt zunehmend durch die empirisch-wissenschaftliche Anatomie gekennzeichnet war. Die durch die Kirchenspaltung provozierte stärkere Trennung der Lebenden und der Toten lockerte die Einordnung des Leichnams in die Erwartung der Widerauferstehung (vgl. hierzu den späteren Abschnitt über die Grenzziehung am Lebensende). Der Leichnam wurde in einem deutlich stärkeren Maße als zuvor zu einem individualisierten Körper, an dem allgemeine Funktionsprinzipien identifiziert werden konnten. 3.1 Die Verkörperung der Geschlechter Durch den objektivierenden Blick auf den Leichnam als vereinzelten Körper wurde es möglich, diesen aus den Zusammenhängen von Mikround Makrokosmos herauszulösen. Damit setzte sich eine neue Auffassung der Geschlechterdifferenz durch, die sich gut an den Arbeiten von Thomas Laqueur bzw. deren Kritik herausarbeiten lässt. Für das vormoderne Europa hat Thomas Laqueur (1992) zwei Thesen aufgestellt. Danach gab es bis in das 18. Jahrhundert hinein keine grundsätzliche Trennung zwischen dem natürlichen Geschlechtskörper sowie den kulturellen Geschlechterverständnissen und gesellschaftlichen Handlungsanforderungen an Akteure (Laqueur 1992: 40f). Deshalb konnte der Geschlechterunterschied auch nicht an einem natürlichen der Gesellschaft vorgelagerten biologischen Körper festgemacht werden. Die Unterschiede der Geschlechter wurden vielmehr anhand eines Netzes von Unterscheidungen festgestellt, wie etwa »aktiv/passiv, heiß/kalt, geformt/ungeformt, formend/formbar« (Laqueur 1992: 157). Für die Ausbildung der Genitalien scheint vor allem der Gegensatz von heiß und kalt relevant gewesen zu sein. Hitze wurde als ein allgemeines Entwicklungsprinzip des Lebens verstanden, die je nach Geschlecht unterschiedlich wirken würde. Männer und Frauen hatten eigentlich qualitativ gleichartige Geschlechtskörper. Der Geschlechtsunterschied war eine Frage der mehr oder weniger vollständigen Entwicklung, die auf die unterschiedliche Hitze KÖRPERINDIVIDUALISMUS 104 zurückgeführt wurde. Hitze wirkte öffnend bzw. austreibend. Wenn ein Körper heißer war, wurden die Genitalien nach außen getrieben, und es entstand ein Mann. Wenn ein Körper dagegen kälter war, blieben die Genitalien innen, und es entstand eine Frau. Ein wichtiger Beleg für diese These waren diejenigen, die als Zwitter oder Hermaphroditen bezeichnet wurden. Bei ihnen wirkte die Hitze stärker als bei Frauen, weshalb die Genitalien nach außen getrieben worden waren, aber nicht so stark wie bei Männern, weshalb die Entwicklung irgendwo in der Mitte stecken geblieben war und die Genitalien nicht vollständig nach außen ausgestülpt worden waren. Im Rahmen eines Geschlechterverständnisses, das nicht von einer strikten Trennung zwischen Natur und Kultur ausging, war es möglich, dass Wirkungen in unterschiedliche Richtungen entfaltet werden können. Die Hitze führte zu einer bestimmten genitalen Entwicklung, und Menschen mit einer gewissen Hitze und dadurch bewirkten Genitalausstattung kam eine bestimmte soziale Position zu. Die Übernahme von sozialen Handlungsanforderungen, die nicht dem eigenen Geschlecht entsprachen, war verboten. Dies war erforderlich, da es nicht auszuschließen war, dass durch die Übernahme von Handlungsweisen, die dem anderen Geschlecht zugeordnet wurden, sich die Hitze veränderte. In der Folge konnte sich entsprechend auch der Körper verändern, d.h., die Genitalien wurden ausgetrieben. Dies würde dann wieder ein Problem hinsichtlich der rechtlichen Einordnung in die Verpflichtungen der Geschlechter aufwerfen (vgl. Laqueur 1992: 156ff). Wenn es noch keine strikte Trennung von Natur und Kultur gibt, kann es zu unerwarteten Wechselwirkungen zwischen Handlungen und Körperformen kommen. Bei der Diskussion der Wechselwirkungen von Körper und Handlungsanforderungen verfängt sich Laqueur allerdings in der modernen Natur-Kulturunterscheidung, indem er die Trennung zwischen biologischem und sozialem Geschlecht einführt (Laqueur 1992: 156ff). Damit verwischt er ein wichtiges Merkmal, das ansonsten aus der Präsentation seiner Quellen gut hervortritt. Das gesamte Leben einschließlich des nach Geschlechtern differenzierten Lebens wurde – wie gesagt – mit einem Netz von Unterscheidungen überzogen, wie »aktiv/passiv, heiß/kalt, geformt/ungeformt, formend/formbar« (Laqueur 1992: 157). Diese Unterschiede waren weder natürlich noch kulturell, sondern entsprachen allgemeinen Ordnungsprinzipien, die der strikten Unterscheidung zwischen Natur und Kultur vorausgingen. Es handelte sich um ordnende Differenzen, die genauso gut auf die Unterschiede zwischen Menschen im Sinne von Völkern, zwischen Menschen und Tieren, zwischen Tieren usw. bezogen wurden (vgl. Lüdtke 2015). Im Grunde genommen konnte jedes einzelne Wesen auf diese Weise charakterisiert werden. Diese Besonderheit des Netzes aus Unterscheidungen übergeht Laqueur und bezeichnet sie als »soziale Geschlechtsunterschiede« (Laqueur 1992: 157). DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 105 Es handelte sich aber weder um Unterschiede, die der Natur, noch um solche, die der Kultur zuzuordnen wären. Vielmehr ersetzte die moderne Trennung von Natur und Kultur die Pluralität der europäisch vormodernen Ordnungsprinzipien (vgl. hierzu auch Foucault 1966/1971, Descola 2005/2011). Vor diesem Hintergrund verstehe ich die Kritik an Laqueur von Schnell und Cadden. Sie postulieren, dass es bis in das 16. Jahrhundert auch in der Medizin konkurrierende Modelle der körperlichen Geschlechtsmerkmale gegeben habe, die nebeneinander existierten (Schnell 2002: 70f; Cadden 1995: 279–281). Diese Kritik trifft insofern zu, als sie Laqueur vorwirft, ein eindeutig anatomisch begründetes Eingeschlechtmodell formuliert zu haben, bzw. wenn sie ihm vorwirft, dass das soziale Geschlecht das anatomische Geschlecht bestimmt habe. Beide Kritiken ließen sich anhand der Quellen rechtfertigen. Dennoch verfehlt die Kritik einen wichtigen Punkt. Laqueurs Verdienst ist es, aufgezeigt zu haben, wie die Geschlechterunterscheidung funktioniert, wenn es noch keine etablierte Natur-Kultur-Unterscheidung und damit auch noch keine eindeutige natürliche biologische Grundlage für die Geschlechterunterscheidung gibt. Stattdessen ist mit einer Pluralität von Geschlechterunterscheidungen zu rechnen, die sich gerade daraus ergibt, dass auch die Geschlechterunterscheidungen nur dadurch begriffen wurden, dass sie in ein Netz von Unterscheidungen eingefügt waren. Für definitive Festlegungen der Geschlechtszugehörigkeit war es deshalb relevant, die hierarchisch legitimierten Positionen zu kennen, von denen ausgehend gültige Geschlechtsfestlegungen getroffen werden können. Dies zeigt Laqueur sehr eindrücklich, wenn er die Gerichtsdokumente analysiert, bei denen es um die Anmaßung eines Geschlechtsstatus geht (Laqueur 1992: 156ff). Mögliche Zweifelsfälle sind kein Problem, solange es Positionen in der legitimen Hierarchie gibt, von denen aus die Zweifelsfälle entschieden werden können. Davon unberührt bleibt eine weitere Kritik. Diese besagt, dass der Bezug auf ein natürliches Geschlecht bereits im 16. Jahrhundert mit dem Beginn der empirischen Anatomie einsetzt (Stolberg 2003) und nicht erst im 18. Jahrhundert, wie Laqueur (1992: 172ff) behauptet. Während Laqueur für die Zeit nach 1500 überwiegend nationalsprachliche Quellen verwendet, bezieht sich Stolberg (2003) vorwiegend auf lateinische Quellen, d.h. auf die Sprache der sich entwickelnden naturwissenschaftlichen Medizin. Dabei kommt er zu dem Ergebnis, dass die wissenschaftliche Anatomie bereits im 16. Jahrhundert einen nach Geschlechtern deutlich differenzierten anatomischen Körper entdeckt. Sowohl die Organe als auch der Knochenbau von Männern und Frauen unterscheiden sich danach deutlich. 1583 publizierte der Baseler Anatom Felix Platter eine erste umfassende und systematische Darstellung der weiblichen Anatomie (Stolberg 2003: 277). Die besondere Bedeutung dieser neuen KÖRPERINDIVIDUALISMUS 106 Auffassung des Geschlechts bestand darin, dass jetzt zum ersten Mal das natürliche anatomische Geschlecht als solches unterschieden wurde. Damit wurde auch die Wirkmöglichkeit des allgemeinen Vitalprinzips der Hitze eingeschränkt. Dieses musste mit den festen Strukturen der Anatomie in Übereinstimmung gebracht werden und bestimmte Wirkungen der Hitze galten ab jetzt als ausgeschlossen. Dazu gehörte z.B. die Annahme, dass die Genitalien einer Frau im Laufe ihres Lebens nach au- ßen getrieben würden, weil die Ausführung männlicher Tätigkeiten einen Schub vitaler Hitze verursacht hatte (Stolberg 2003: 287). Der anatomische Körper wurde in ersten Ansätzen als ein isolierter dreidimensional ausgedehnter Gegenstand begriffen, der nicht mehr vollständig durch allgemeine kosmische Wirkprinzipien bestimmt war und insofern ansatzweise aus dem allgemeinen kosmischen Wirkzusammenhang und der Einordnung in das christliche Heilsgeschehen herausgelöst war. Allerdings erfolgte diese Herauslösung nicht vollständig, denn der Körper wurde als eine natürliche Grundlage verstanden, aus der sich die je besondere Funktion im Makrokosmos ergab, und er wurde auch nicht vollständig aus dem Heilszusammenhang (vgl. den Abschnitt »Grenzziehung am Lebensende) herausgelöst. Die besonderen Gestaltungen der Körper von Männern und Frauen wurden auch als Begründung für deren je unterschiedliche Stellungen im gesellschaftlichen Lebenszusammenhang angeführt. Frauenkörper waren dafür gemacht, Kinder zu bekommen, im Haus zu bleiben, die Kinder aufzuziehen usw. Während Männerkörper dafür gemacht waren, im öffentlichen bzw. im Geschäftsleben zu stehen. Damit fand auf der Grundlage der anatomischen Natur von Männern und Frauen eine Differenzierung der Körper und der Geschlechtscharaktere statt. Eine solche Differenzierung der Körper bzw. der Geschlechter hatte Laqueur bzw. schon vor ihm Karin Hausen (1976) erst für das 18. und 19. Jahrhundert ausgemacht. Die Arbeit von Stolberg zwingt zu der Annahme, dass sich bereits im 16. Jahrhundert eine anatomisch begründete Geschlechterdifferenz einschließlich einer Sonderanthropologie für Frauen, eine Vorform der Gynäkologie, entwickelt hatte. Die um 1800 formulierten anatomischen Differenzen und die entsprechende Differenzierung der Geschlechtscharaktere (Hausen 1976) wiederholten lediglich die bereits bekannten Ergebnisse. Vor diesem Hintergrund stellen sich zwei Fragen. Erstens: Ist die räumlich individualisierende Anatomisierung der Körper in einem Zusammenhang mit einem auch anderweitig ablaufenden Individualisierungsschub zu sehen? Zweitens: Worin besteht das Besondere des Individualisierungsschubs, durch den sich die Sattelzeit auszeichnet, und wie steht dieser im Zusammenhang mit der sich dann endgültig durchsetzenden Trennung von Natur und Kultur? Weit bekannter als die beschriebenen Veränderungen des Verständnisses von Raum und Zeit ist die Auflösung der Einheit des westeuropäischen DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 107 Christentums, d.h. die Spaltung der Kirche in die evangelischen Kirchen und die katholische Kirche. Diese Spaltung gehört anerkanntermaßen zu den einschneidenden Ereignissen des 16. Jahrhunderts. Die individualisierende Anatomie der Geschlechtskörper scheint nun in denjenigen Ländern ihren Ausgang zu nehmen, die von dieser Spaltung betroffen waren. Zugleich finden sich in diesen Ländern bereits im 16. Jahrhundert weitere Indizien für die ersten Ansätze von Individualisierung. Ohne Bezug auf die anatomische Individualisierung identifiziert Schulze (1987) für die von der Kirchenspaltung betroffenen Länder drei zusammenspielende Individualisierungsprozesse, 1. die beginnende positive Bewertung des Eigennutzens, 2. die Trennung zwischen Untertan und zum religiösen Dissens fähigen Individuum und 3. die Stärkung individueller Eigentumsrechte durch die neue Theorie subjektiver Rechte von Hugo Donnellus. Nachdem der Eigennutz das gesamte Mittelalter hindurch – wenn auch mit abnehmender Intensität (Le Goff 1956/2005: 101ff) – überwiegend negativ bewertet und entsprechend einer religiösen Kritik unterzogen worden war (vgl. Le Goff 1956/2005), findet sich 1564 eine der ersten, wenn nicht die erste Schrift, die explizit eine positive Wertung des Eigennutzes vornimmt. Der Autor, Leonhard Fronsberger, pries den Eigennutz und kam dazu, es sei zum Besten für alle, wenn jeder seinem eigenen Nutzen folgen würde. (Schulze 1987: 22f) Als Grund dafür, warum sich dies zuerst in Deutschland ereignet habe, führt Schulze an, dass die deutschen Territorialstaaten ihre Steuern erhöhen wollten und dazu wirtschaftlich starke Untertanen benötigten. »Der wirtschaftlich starke Untertan wird gefordert und gefördert, und dieser Zusammenhang ist es, der alle Beschränkungen privaten Erwerbsstrebens aufhebt. Die Steuerpolitik wird zu einem wichtigen Hebel zur Freisetzung eines neuen ökonomischen Verhaltens.« (Schulze 1987: 31) Die Freisetzung des Eigennutzens geht einher mit einer Entlastung von religiöser Kritik, denn mit der Religionsspaltung erfolgt eine »Aufspaltung des Individuums in einen ›Menschen‹, der der dissentierenden religiösen Überzeugung fähig ist, und in einen gehorsamen Untertan…« (Schulze 1987: 33), der Steuern zahlen soll. Die Förderung dessen, dass Individuen ihren eigenen Nutzen verfolgen können sollten, hatte weiterhin eine Entsprechung im Recht. Hier sieht Schulze eine Stärkung der individuellen Eigentumsrechte und die Entstehung eines Konzepts subjektiver Rechte, das zuerst von Hugo Donnellus (1527–1591) entwickelt worden war (Schulze 1987: 34). Ich ergänze die von Schulze genannten Prozesse der Individualisierung um den körperlich anatomischen Aspekt. Individualisierung bestand nicht nur darin, den eigenen Nutzen verfolgen und religiös dissentieren zu können sowie subjektive Rechte zu haben, sondern auch darin, den Referenzpunkt dieser egoistischen Nutzenorientierung im isolierten dreidimensional ausgedehnten Körper verorten zu können. Leibliche KÖRPERINDIVIDUALISMUS 108 Akteure sollten sich als tendenziell isolierte Körper identifizieren und erleben. Dadurch konnten leibliche Akteure einen individuellen Bezugspunkt für die Orientierung am eigenen Nutzen bilden. Ein leibliches Selbst, das sich als aufgelöst in dauerhafte Beziehungen erlebt, wäre zu einer solchen Orientierung nicht in der Lage, denn eine vollständige Eingliederung des leiblichen Erlebens in ein Netz von Beziehungen würde der Idee des eigenen Nutzens widersprechen. Die auf den anatomischen Körper bezogene Individualisierung war vorbereitet durch die auf die Seele bezogene Individualisierung. Diese Individualisierung war bezogen auf eine Organisationsleistung, die dokumentierte Taufe, und die sich entwickelnden Territorialherrschaften, die zugleich die Voraussetzung für die Münzprägung waren (s.u.) und die ausgehend vom Münzgeld in der Zeit zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert eine »kommerzielle Revolution« (Le Goff 1956/2005: 12ff) ermöglichten. Seit dem 13. Jahrhundert verlor die negative Bewertung der Habgier an Intensität. Im 15. und vor allem im 16. Jahrhundert wurde dann das besonders beanstandete Zinsnehmen zwar nicht positiv bewertet, aber zunehmend weniger beanstandet und teilweise sogar verteidigt (Le Goff 1956/2005: 101ff). Dies galt insbesondere für die weit entwickelten Stadtstaaten Oberitaliens, deren Oberschichten aus Kaufleuten und Bankiers bestanden. Je näher der Tod rückte, umso mehr wurde die Orientierung am Eigennutz jedoch wieder problematisch (Le Goff 1956/2005: 95ff). Eine eindeutig positive Bewertung der Orientierung am Eigennutz scheint vor der Orientierung am Körper nicht erfolgt zu sein. Die Kirchenspaltung und damit einhergehend die Emanzipation der politischen Herrschaft aus der Einbettung in das jenseitsbezogene Heilsgeschehen ermöglichten erste Ansätze der Institutionalisierung eines Individualitätsverständnisses, gemäß dem sich leibliche Selbste von dem Körper, den sie haben, her verstanden und ein auf den diesseitigen Nutzen hin orientiertes Handlungsverständnis zu entwickeln begannen. Die Strukturierung des leiblichen Erlebens durch den Bezug auf den im Raum isolierten Körper trennte das Individuum weit genug aus übergreifenden Beziehungszusammenhängen und makrokosmischen Wirkzusammenhängen heraus. Eigennutz und individualisierende Verkörperung stehen also mutmaßlich in einem engen Zusammenhang. Es wäre allerdings verkürzend, hier eine einsinnige Begründungsrichtung anzunehmen im Sinne von: zuerst die Verkörperung und dann der Eigennutz oder umgekehrt. Eher ist von einer wechselseitigen Verstärkung dieser Prozesse auszugehen. Damit es sich institutionell und habituell verfestigen konnte, dass sich leibliche Akteure an ihrem eigenen Nutzen orientieren, müssten sie zumindest im Ansatz ihr leibliches Erleben durch den Körper vermitteln, d.h., sie müssten ihr leibliches Erleben mit dem Körper, den sie haben, identifizieren und umgekehrt, wenn leibliche Akteure sich mit dem DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 109 Körper identifizieren, den sie haben, würden sie leichter dazu in der Lage sein, sich am Eigennutz zu orientieren. Dass und wie die leibliche Erfahrung in Europa zunehmend durch eine Orientierung am anatomischen individualisierten Körper strukturiert wurde, lässt sich anhand weiterer Studien zur Körpergeschichte zeigen. Bis in das 17. Jahrhundert klagten Anatomen darüber, dass trotz aller Aufklärung es immer noch Leute gäbe, die an den Unsinn einer wandernden Gebärmutter glauben würden. Der Prozess des gebärmütterlichen Sesshaftwerdens war langsam. Er begann im 16. Jahrhundert, als anatomische Illustrationen weitere Verbreitung fanden. Es gibt einen engen zeitlichen Zusammenhang zwischen der zunehmenden Verbreitung anatomischer Illustrationen und dem erlebten Sesshaftwerden von Gebärmüttern (Laqueur 1992: 130f). Dieser Zusammenhang ist ein Beleg für die These, dass die Orientierung am sichtbaren anatomischen Individualkörper die Struktur der leiblichen Erfahrung bestimmt. Leib und Körper gerieten dabei in eine Beziehung wechselseitiger Bedeutung. Die bildhaft sichtbare gemachte Gestalt des anatomischen Körpers bestimmte, wie der eigene Leib vermittelt über das bildliche Wissen unmittelbar erfahren wurde. Dass ein leibliches Selbst in einer dem anatomischen Individualkörper entsprechenden Weise räumlich ausgedehnt und abgegrenzt war, wurde zu einer leiblich evidenten Realität. Denn der eigene Leib wurde in seiner Ausdehnung so erfahren, wie der sichtbare Körper ausgedehnt ist. Der gespürte Leib bedeutete für die Person, dass der Körper eine unmittelbar erlebte Realität war. Umgekehrt bedeutete der Körper der Person, wie der eigene Leib zu spüren ist. Mit anderen Worten: Das Wissen um den eigenen Körper bedeutete dem verkörperten Selbst, welche Form der gespürte Leib annehmen sollte. Die Analyse der Verkörperung als Herauslösung leiblicher Selbste aus übergreifenden und dividualisierenden Beziehungen stellt Taylors These des Übergangs von einem porösen zu einem abgepufferten Selbst (Taylor 2007/2012: 68ff) ein auf den Leib bzw. den Körper bezogenes Pendant zur Seite. Taylor begreift die Differenz zwischen dem modernen abgepufferten Selbst und dem porösen gläubigen Selbst um 1500 als einen Unterschied zwischen einem Geist, der sich durch eine »radikale Reflexivität« individualisierte (Taylor 2007/2012: 59) und damit von seiner Umwelt getrennt wurde. Damit wird das individuelle Selbst als übergreifende Einheit vorausgesetzt. Es kann porös sein und damit durchlässig für die sinnhaften wirkenden Kräfte, die sich um es herum finden (Taylor 2007/2012: 67f) oder eben abgepuffert. In diesem Fall wird die Sinnhaftigkeit der Welt zu etwas, das erst durch das Selbst entsteht (Taylor 2007/2012: 61f). Taylor begreift das poröse Selbst als ein Bollwerk des Glaubens. Wenn sinnhafte Wirkungen sich auch außerhalb des Selbst befinden, kann dieses in der Welt die Gegenwart Gottes erfahren (Taylor 2007/2012: 51f). Danach sind etwa Dürren oder reiche Ernten keine KÖRPERINDIVIDUALISMUS 110 sinnlosen Naturereignisse, vielmehr zeigt sich in diesen Ereignissen das Wirken Gottes (Taylor 2007/2012: 51). Da Gott auch die Ordnung der Gesellschaft garantiert, können die porösen Selbste diesen in sozialen Riten und Zeremonien erfahren (Taylor 2007/2012: 52) und schließlich leben poröse Selbste in einer verzauberten Welt, in der sie den sinnhaften Wirkungen von Kräften bzw. guten oder bösen Geistern ausgesetzt sind (Taylor 2007/2012: 52). Taylor fokussiert seine Analyse auf das Selbst bzw. den modernen Geist und setzt dabei implizit ein je individuelles Selbst als basale Einheit voraus – sei es porös oder abgepuffert. Hier liegt ein Unterschied zu der hier verfolgten Theorie leiblicher Selbste. Denn hier bildet im Anschluss an Plessners Theorie der exzentrischen Positionalität die soziale Unentschiedenheitsrelation den Ausgangspunkt, die sich für materiale Forschung operationalisieren lässt im Sinne der Struktur triadisch aufeinander bezogener Leib-Umweltbeziehungen. Damit wird der Sachverhalt, dass es ein individuelles leibliches Selbst gibt, seinerseits bereits zu einem bemerkenswerten Phänomen. Was Taylor generalisierend als poröses Selbst beschreibt, kann ein Seelenindividuum meinen oder Dividualisierung vollziehende leibliche Operatoren. Worin bestehen nun die Unterschiede zwischen dem durch neue raum-zeitliche Erfahrungsformen gestützten Individualisierungsschub des 16. Jahrhunderts und dem Individualisierungsschub der Sattelzeit (1750–1850)? Im 16. Jahrhundert wurde der sich entwickelnde anatomische Individualismus noch eingehegt durch seine Einbindung in übergreifende makrokosmische Sinnzusammenhänge. Trotz der Kirchenspaltung gab es für Gläubige weiterhin eine gottgewollte Ordnung, in der alle ihren Platz, ihre Funktion und ihr Auskommen haben. »Das Mittelalter … erlebte den Ausbau der Kirche zu einem alles umfassenden, verknüpfenden und vermittelnden sozialen Ganzen…« (Troeltsch 1912: 182). Dieses umfasste sowohl den Bereich der Natur, indem es alles Existierende in die Theorie der großen Kette der Wesen einordnete, und »den soziologischen Kreis der Religion selbst und auch die politisch-sozialen Bildungen …«, wie Troeltsch (1912: 182) besonders hervorhebt. Entsprechend sind die anatomisch vergeschlechtlichten Körperindividuen zwar einerseits voneinander isoliert, sie sind aber andererseits auch gemäß ihren Körpern in die Ordnung der Natur, die ständische Ordnung des menschlichen Zusammenlebens und damit übergreifend in die von Gott gegebene Ordnung eingefügt. D.h., der Körper ist noch nicht rein zu einem natürlichen Ding geworden, sondern bleibt auch weiterhin eingeordnet in die große Kette der Wesen und das christliche Heilsgeschehen. Entsprechend musste die leibliche Erfahrung auch weiterhin offen bleiben für die makrokosmischen Wirkungen, in denen sich Gott zeigt. Die Geschichte des Übergangs, die Taylor (2007/2012) in »Ein säkulares Zeitalter« erzählt, beschreibt den Übergang vom noch porösen, d.h. DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 111 noch nicht vollständig verkörperten Seelenindividuum, zum isolierten Körperindividuum. Die dividualisierende Offenheit der leiblichen Erfahrung des Seelenindividuums kann Barbara Duden noch für die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts ausmachen. In ihrer Studie über die Behandlung von Patientinnen in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts durch den Eisenacher Arzt Johann Storch analysiert Duden (1987) wie der Arzt die Darstellungen seiner Patientinnen widergibt. Darin zeigte sich ein Verständnis des leiblichen Erlebens, das in die praktischen und sozialen Beziehungen eingebunden war, in denen die Patientinnen standen. Ein im modernen Sinn isolierter natürlicher Körper findet sich bei Storch noch nicht. In ihren historischen Arbeiten zur Schwangerschaftserfahrung zeigt Barbara Duden weiterhin, welchen Aufwandes es bedurfte, um die leibliche Erfahrung von Frauen in eine Form zu bringen, die mit dem im 19. und 20. Jahrhundert sich sprunghaft weiterentwickelnden medizinisch-biologischen Wissen vereinbar war (Duden et al. 2002). Zugleich stellt Duden aber auch dar, wie in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts leibliche Akteure darauf verpflichtet wurden, sich als Besitzer ihres Körpers zu verstehen (Duden 1987: 12), wodurch sie zu Körperindividuen wurden. Die Orientierung der leiblichen Erfahrung am anatomischen Körper wird zunehmend verbindlich. Damit brach in der Sattelzeit die makrokosmische Einhegung der anatomisch vergeschlechtlichten Körperindividuen nach und nach zusammen. Erst für die im 18. und 19. Jahrhundert sich durchsetzende moderne Gesellschaft galt in einer umfassenderen Weise, d.h. auch für die einfachen Leute und nicht nur für wissenschaftlich gebildete Eliten, dass der wissenschaftlich-biologische Körper und die in ihm empirisch nachgewiesenen Ereignisse zu einer allgemein verbindlichen Erfahrungsform für den Leib wurden. Die leibliche Erfahrung der modernen Individuen wurde in ihre nach Geschlechtern differenzierten Körper eingeschlossen. Der erfahrende und gespürte Leib bekam eine innere Struktur und Grenzen, die mit dem Körper der Biologie bzw. der Medizin übereinstimmen. Anhand der Abschaffung der Folter lässt sich zeigen, welche Konsequenzen die Verkörperung des diesseitigen Menschen für die Entwicklung des Rechts hat. 3.2 Verkörperung in der Abschaffung der Folter Im Prozess der Verkörperung des Menschen stellte die Abschaffung der Folter einen wichtigen Schritt dar. Um deren Bedeutung zu verstehen, ist es erforderlich, sich zu vergegenwärtigen, was mit dem Folterverbot abgeschafft wurde. Dabei geht es – wie gesagt – nicht um die Folter im Allgemeinen, sondern um die Folter, die in Europa ab Mitte des 13. Jahrhunderts zum regulären Bestandteil zunächst des kirchlichen und KÖRPERINDIVIDUALISMUS 112 sodann des säkularen Rechts geworden war. Deren Praxis erfuhr eine Veränderung, die eng mit der im 16. Jahrhundert einsetzenden Bedeutung der Verkörperung zusammenhing. Die Entwicklung eines Verständnisses menschlicher Individuen vom Körper her, schwächte nicht nur die durch den Seelenbezug ermöglichten Verbindungen zwischen Lebenden und Toten, sondern beschleunigte auch die Problematisierung der Folter. Bereits vor der Zeit der Reformation, also in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts tauchte mit dem Klagspiegel eine Schrift auf, die darauf zielte, die Folter zu regulieren. Im 16. Jahrhundert, also zur Zeit der ersten Welle der anatomischen Verkörperung (s.o.), in deren Rahmen begonnen wurde, den individuellen Willen als etwas im Körper Liegendes zu identifizieren, wurde die Folter stärker problematisiert. Es entstanden erste verbindliche Regelwerke, die die Anwendung der Folter regulierten. Solche Reglementierungen der Folter (z.B. in der Bambergischen Halsgerichtsordnung oder der Halsgerichtsordnung Kaiser Karls V) sind aber nicht als grundsätzliche Zweifel an der Wahrheit erfolterter Aussagen zu verstehen. Vielmehr ging es darum zu verhindern, dass ein Mittel, das grundsätzlich sehr gut geeignet war, die Wahrheit ans Licht zu bringen, durch falschen Gebrauch in Misskredit gebracht wurde. Dennoch wurde die Folter nun offiziell an die menschliche Körperexistenz angepasst. Die Problematisierung dessen, ob mit der Folter tatsächlich die Wahrheit oder nicht doch eher ein beliebiges und deshalb ein für die gerichtliche Wahrheitsfindung wertloses Geständnis erzwungen wurde, führte schließlich zur Abschaffung der Folter. Auf die rechtshistorische Debatte, ob die Abschaffung der Folter im Sinne einer innerrechtlichen Entwicklung zu verstehen ist, die primär auf einer Modifikation des Beweisrechts basierte (Langbein 1967/2006: 48), oder ob es sich um eine politisch-gesellschaftliche Entwicklung handelte (Schmöckel 2000), möchte ich hier nur kurz eingehen. Das erste deutsche Land, das die Folter tatsächlich abschaffte, war Preußen unter König Friedrich II. Dies erfolgte in einem mehrjährigen Prozess (Schmöckel 2000). An dessen Anfang stand die Ablehnung der Folter durch den gerade gekrönten Friedrich II. Die Außerkraftsetzung der Folter durch eine Kabinettsorder von 1740 führte in den preußischen Strafverfahren allerdings zu Beweisproblemen. In der Strafrechtspraxis glaubte man nämlich, das Beweisrecht nicht legitimerweise ändern und auf das Geständnis (s.o.) verzichten zu können. Erst mit einer Kabinettsorder von 1754 eröffnete Friedrich eindeutig die Möglichkeit, auf der Grundlage von Indizien eine Verurteilung zu vollziehen. Diese Reihenfolge ist schlecht vereinbar mit der Annahme, wonach die Änderung des Beweisrechts der Abschaffung der Folter vorangeht. In Preußen, dem für die Beendigung der Folterpraxis eine Vorreiterrolle zukam, verlief die Entwicklung andersherum: Am Anfang stand die weitgehende Einschränkung der Folter; die Änderung des Beweisrechts, d.h. die Anerkennung von Indizienbeweisen, erfolgte als DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 113 Lösung der Folgeprobleme. Diese Entwicklung zeigt, dass die Abschaffung der Folter kaum im Sinne einer rein innerrechtlichen Entwicklung begriffen werden kann; angemessener ist es, von einem komplexen politisch-gesellschaftlichen Prozess auszugehen (Schmöckel 2000). Unabhängig davon, welche dieser historischen Entwicklungen zur faktischen Abschaffung der Folter geführt hatte, stimmen beide Deutungen des historischen Prozesses darin überein, dass in der Abschaffung der Folter die prinzipiellen Zweifel an der Wahrheit der unter Folter zustande gekommenen Aussagen zum Ausdruck kamen. Damit dokumentiert sich zugleich eine entscheidende Wendung im Verständnis der jetzt ausschließlich Menschen zugesprochenen Freiheit. Die radikale spätmittelalterliche und frühneuzeitliche auf das Seelenindividuum bezogene Freiheitsauffassung hatte dazu geführt, es für unmöglich zu halten, den innersten Kern der Willensfreiheit durch den Zugriff auf den Körper zu zwingen. Die ersten Regulierungen der Folter können zwar als erste Zweifel an dieser radikalen Freiheitsauffassung gewertet werden, setzten die Jenseitsbindung des Seelenindividuums aber nicht außer Kraft. Daraus schließe ich umgekehrt, dass mit der Abschaffung der Folter die an die Unsterblichkeit der Seele gebundene Freiheitsauffassung nicht mehr verbindlich war. Damit blieb als einzig realistische Deutung der Folter, dass der Angriff auf den Körper den freien Willen zwingen konnte. D.h., dieser wurde als im Körper existierend wahrgenommen. Die Abschaffung der Folter ist ein zentrales Dokument der individualisierenden Verkörperung des Subjekts der Willensfreiheit. Der Zugriff auf den Körper wurde seitdem als ein Angriff auf das Subjekt verstanden (Hunt 2007: 70ff). Nur dann kann der Körper nämlich als ein »Mittel gegen das Gewissen« (Bayle zitiert nach Schmöckel 2000: 162) begriffen werden. Die Abschaffung der Folter bzw. das Folterverbot ist somit als ein zentrales Element der Institutionalisierung des freien, verkörperten lebendigen Menschen zu verstehen. 3.3 Das anthropologische Quadrat Der zweigeschlechtlich verkörperte moderne Mensch, gleich an Freiheit und Würde (s.u.), ist das institutionelle Element aus dem moderne Gesellschaften aufgebaut sind. Die Grenzen des Sozialen sind daher identisch mit den empirisch zugänglichen Grenzen des anthropologischen Quadrats. Der Mensch als erforschbares Naturding beginnt zu leben und stirbt (Grenzen am Lebensanfang und am Lebensende), als diesseitiges Naturding könnte der Mensch ein Tier sein oder auch ein technisch herzustellendes Ding wie ein Roboter. Die Festlegung der Kriterien, ob sich ein Wesen innerhalb oder außerhalb der Grenzen befindet, ist ein rein kognitiv zu behandelndes Problem. Das Ergebnis der Unterscheidung ist KÖRPERINDIVIDUALISMUS 114 zwar von hoher normativer Bedeutung, aber die Unterscheidung selbst stellt sachlich einen Zustand fest. Es soll eine Tatsachenfeststellung sein, ob ein Mensch lebt, ein Tier oder ein Roboter ist oder nicht. Gerade weil es sich um Tatsachenfeststellungen handelt, die letztlich mit Hilfe wissenschaftlicher Mitteln erfolgen, sind die Unterscheidungen nicht einfach vorhanden, sondern es handelt sich um umstrittene Unterscheidungen, deren Gültigkeit immer wieder in Frage gestellt wird. Es ist fraglich, ab wann ein sich entwickelnder menschlicher Embryo bzw. Fötus als ein personales Wesen mit einem Recht auf Leben zu gelten hat. Es ist fraglich, ab wann ein Mensch tot ist. Und es wird immer wieder in Frage gestellt, ob es tatsächlich eine Grenze zwischen Mensch und Tier bzw. Mensch und Maschine gibt. Die Grenzen des anthropologischen Quadrats existieren, insofern sie dramatisiert und als problematische Grenzziehungen inszeniert werden. Die Debatten um Todesfeststellung und die Abtreibung begleiten die Moderne ebenso wie die Debatte darum, ob es möglich ist, menschenähnliche Maschinen herzustellen oder ob es tatsächlich einen qualitativen Unterschied zu Tieren gibt. Die dramatische Inszenierung der Grenzen des anthropologischen Quadrats schließt zugleich andere mögliche Grenzen aus, die z.B. auch im vormodernen Europa eine zentrale Rolle gespielt haben. Dazu gehört etwa die Unterscheidung zwischen Menschen und Dämonen bzw. Teufeln sowie zwischen Menschen und verstorbenen Ahnen. Der vormoderne europäische Mensch war gekennzeichnet durch seinen Jenseitsbezug, weshalb er auch Kontakt zu Jenseitsakteuren wie Engeln und Dämonen haben konnte. Dies gilt für den modernen Menschen nicht mehr. Zugleich war auch der Unterschied zwischen Menschen und Tieren nicht unbedingt identisch mit der Unterscheidung zwischen denjenigen, die zur Moral fähig sind und deshalb für ihre Taten zur Verantwortung gezogen werden können. Der im Übergang zur Moderne in Europa entstehende diesseitig verkörperte Mensch ist ein natürliches Wesen, d.h., seine Geburt und sein Tod sind diesseitig-natürliche Vorgänge. Nicht dass er eine Seele hat, sondern dass er in einem individuellen lebendigen menschlichen Körper existiert, bildet das Kriterium dafür, dass ein Mensch als Person anzuerkennen ist. Alles, was ihn zum Menschen macht, muss in dem vereinzelten dreidimensional ausgedehnten Körper gegeben sein. 3.3.1 Lebensanfang Die entscheidende Grenze für das Seelenindividuum bildete die Taufe, durch die die Seele in ein unmittelbares Verhältnis zu Gott gesetzt und damit von der Erbsünde soweit gereinigt wurde, dass es ab dann auf die individuellen Taten ankam, die von Gott gerecht beurteilt werden DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 115 würden. In diesem Rahmen entwickelte sich im 17. Jahrhundert innerhalb der Medizin bereits eine quasi moderne Seelenauffassung, wonach die Seele und damit der freie Wille an den Körper gebunden wäre (Prosperi 2007: 360). Diese Auffassung setzte sich im Übergang zur Modern, d.h. im Laufe der Sattelzeit, durch. Damit veränderten sich sowohl der organisationale als auch der identitätsbildende Bezugspunkt für die Ausbildung des Selbstverständnisses als dauerndes Individuum. Das entscheidende Kennzeichen dieser Veränderung bestand darin, dass im Laufe des 19. Jahrhunderts die Taufe als Bedingung der vollen Rechtsfähigkeit durch eine naturalisierte Bedingung abgelöst: die Geburt. Diese wurde nicht in einem Kirchenbuch dokumentiert, sondern in einem von staatlicher Seite geführten Personenstandsbuch. Im Rahmen dieser Veränderung wanderte der Bezugspunkt des Individualitätsverständnisses in das Diesseits. Seit der Sattelzeit kam es auf den geborenen menschlichen Körper an. Es findet aber keine vollständige Positivierung des Menschen statt. Eher wird eine Transzendenz im Diesseits etabliert. In triadisch verfassten kommunikativen Vollzügen verstehen sich leibliche Selbste als menschliche Individuen, indem sie sich als Glied einer im Prinzip vernunftbegabten Menschheit begreifen. Als menschliche Individuen sollen sie der staatlichen Ordnung vorausgesetzt sein, weshalb die staatlich organisationale Ordnung keinem Menschen seine Rechte als Mensch aberkennen können soll. Alle von einem Staat organisatorisch erfassten menschlichen Körper rücken damit in eine gleiche Rechtsstellung als Person ein. Die Gottesunmittelbarkeit der Seelenindividuen wird abgelöst durch die Staatsunmittelbarkeit des Körperindividuums als Bürger. Zugleich tritt der Bürger als Mensch aber in ein Verhältnis zu sich selbst als Glied der Menschheit. Denn dem Staat sind im Verhältnis zum Körperindividuum analoge und eher noch striktere Grenzen gesetzt, als es bei der Kirche im Verhältnis zum Seelenindividuum der Fall war. Gott, die kirchlichen Instanzen und das Seelenindividuum bilden ein Dreieck, dem das Dreieck Mensch als Glied der Menschheit, Staat und Körperindividuum als Bürger entspricht. Dies führt zu einem doppeltes Verhältnis von Mensch/Bürger zum Staat, auf das ich bei der Analyse des Handlungsbereichs des Politischen noch zurückkommen werde. Als Bürger ist das menschliche Körperindividuum der Gewalt des Staates unterworfen und ist zugleich als Mensch freigesetzt dafür, sich in beliebige andere Handlungszusammenhänge (Wirtschaft, Wissenschaft etc.) zu involvieren, und zugleich steht der Bürger dem Staat als menschliches Körperindividuum mit subjektiven öffentlichen Rechten gegenüber, weshalb der Bürger als Mensch zu einem potentiell aufrührerischen Subjekt wird. Für den Eintritt in dieses besondere Verhältnis wird seit der französischen Revolution und der Verkündung der Rechte aller Menschen ein neues Verständnis leiblicher Akteure relevant. Es wurde einzig und allein der Sachverhalt der diesseitigen Lebendigkeit – Geburt eines lebenden KÖRPERINDIVIDUALISMUS 116 Menschen – ausschlaggebend dafür, dass jemandem die volle Rechtsfähigkeit zuerkannt wurde. Ab jetzt sollte jeder Mensch, wenn er geboren ist, ein Recht auf Leben und grundsätzlich die Fähigkeit haben, am Rechtsleben teilzunehmen. Die Rechtsfähigkeit wurde zunächst in Frankreich und später in den von Frankreich besetzten bzw. abhängigen Gebieten durch den 1804 eingeführten Code Civil (auch Code Napoleon genannt) geregelt. Danach ist die Rechtsfähigkeit ausschließlich an die Geburt gebunden. Analoge Regelungen wurden in Deutschland für alle Länder des 1871 gegründeten Deutschen Reiches mit dem 1875 verkündeten »Gesetz über die Beurkundung des Personenstandes und die Eheschließung« verbindlich. Die Rechtsfähigkeit begann bzw. beginnt nun mit der Geburt. Sowohl bei der Geburt als auch bei der Taufe handelt es sich um einen institutionalisierten Sachverhalt. Der Sinn dieser Institution besteht darin, die Betreffenden aus dem familialen Zusammenhang heraus zu individualisieren, d.h., den Betreffenden wird die Bildung eines Selbstverständnisses als Individuum jenseits familialer Zusammenhänge zugemutet. Die Taufe bezieht den Täufling in die Gemeinschaft der Christen ein und setzt ihn als Seelenindividuum in Bezug zu Gott. Dies sichert dem Christen einen Rechtsstatus, der durch die irdische Gemeinschaft nicht mehr annulliert werden kann. Sogar nach der Exkommunikation bleiben die Betreffenden innerhalb der Christengemeinschaft. Die moderne Geburt sichert dem Menschen als Staatsbürger den gleichen Rechtsstatus als Individuum und mutet ihm zu, sich als menschliches Individuum zu verstehen. Damit erhält das Neugeborene einen Rechtsstatus, der es aus der Familie löst, seine Rechtsfähigkeit hängt nicht von der Anerkennung durch Vater oder Mutter ab. Diese haben nicht das Recht, das Neugeborene zu töten, wie es in vorchristlichen gentilen, d.h. familienbezogenen, Rechten der Fall war. In der Taufe erhält das Neugeborene einen allgemeinen Rechtsstatus, weil es in ein unmittelbares Verhältnis zu Gott gesetzt ist, das von Menschen nicht aufgelöst werden kann. Im Übergang zur Moderne wird der allgemeine Rechtsstatus gegen die Familie durch die Staatsunmittelbarkeit der dokumentierten Geburt gesichert. Sowohl im Rahmen des christlichen als auch im Rahmen des modernen individuellen Rechtsstatus als Person stellt sich die Frage, ob er auf die Phase vor der Geburt ausgedehnt werden soll. Soll die Rechtsgarantie, die die individuelle Seele bzw. den individuellen lebendigen menschlichen Körper aus dem familialen Zusammenhang löst, bereits vor der Geburt in Geltung gesetzt sein? Solange das Taufsakrament entscheidend war für das Verständnis als personales Individuum jenseits der Familie, standen die Seelen im Mittelpunkt. Aus diesem Grund musste bei der vorgeburtlichen Individualisierung durch die Taufe das irdische Überleben der Schwangeren nicht unbedingt in Rechnung gestellt werden. In die Gemeinschaft derjenigen, die wieder auferstehen, blieb sie weiterhin DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 117 einbezogen. Ein problematischer Ausschluss aus dem Kreis der Personen findet nicht statt. Dies änderte sich, als die individualisierende Anerkennung mit Bezug auf den diesseitig lebendigen Menschen erfolgte. Denn jetzt war der Tod der Schwangeren ein endgültiger Ausschluss aus dem Kreis anerkannter Personen. Es entstand also eine normativ hoch problematische Konfliktsituation, die zugunsten der Schwangeren aufgelöst wurde und wird. Im Konfliktfall soll das bereits anerkannte personale Leben der schwangeren Frau mehr gelten als das Leben des Fötus, der noch nicht als Person mit einem vollen moralischen Status anerkannt ist. Wie die Gewichtung im Einzelnen erfolgen soll, bleibt umstritten. Der Streit um die Abtreibung gehört zu großen Debatten, die die Moderne seit dem 19. Jahrhundert begleiten (vgl. hierzu insgesamt Graumann 2012). Grundsätzlich resultiert aus dieser Gewichtung, dass das Leben des Fötus zwar verhandelbar ist, aber dennoch in abgestufter Weise unter Schutz steht. Unabhängig von solchen Debatten hat sich mit der Entwicklung der Frühgeborenen-Intensivmedizin ein praktisches Konfliktfeld entwickelt. Aber auch hier bleibt die Grenze der Geburt erhalten. Solange ein Fötus sich im Mutterleib befindet, ist sein Leben grundsätzlich verhandelbar. In Deutschland kann bis kurz vor der regulären Geburt noch eine Spätabtreibung durchgeführt werden. Wenn ein Fötus aber aus dem Mutterleib heraus ist, wenn er früh geboren ist, ist er eine rechtsfähige Person, der grundsätzlich ein Recht auf Leben und damit auf medizinische Behandlung zukommt (vgl. Büsing 2018, Schaeffer 2018). Damit ist die faktisch existierende Grenze des anthropologischen Quadrats am Lebensanfang ausgemacht. Ein heranwachsender menschlicher Körper ist dann eine Person, wenn er sich außerhalb des mütterlichen Körpers befindet, in dem er selbst herangewachsen ist. Sowie er geboren ist, hat ein menschlicher Körper das Recht auf eine – notfalls invasive – intensivmedizinische Behandlung. Das ist die gegenwärtige gesellschaftliche Praxis. 3.3.2 Lebensende In der Sattelzeit wurde die als allgemein-verbindlich institutionalisierte Gemeinschaft der Lebenden und Toten aufgelöst. Aus dem Menschen, der eine Einheit aus unsterblicher Seele und sterblichem Leib war, wurde ein Mensch, der in einem diesseitigen Körper lebt. Der Sachverhalt der Lebendigkeit des Körpers wurde damit zu einem rein diesseitigen Phänomen. Dieses materialistische Verständnis des Sterbens bzw. des Todes beinhaltete auch, dass das Eintreten des Todes nicht mehr mit dem Zeitpunkt identifiziert wurde, an dem die Seele den Körper verlässt. Vielmehr wird der Tod zu einem material identifizierbaren Zerfallsprozess des Lebens (Pernick 1988: 28f, Rüve 2008: 63f). Wenn die Seele nicht mehr KÖRPERINDIVIDUALISMUS 118 das tragende Prinzip des Lebens ist, sondern der Körper, endet mit dem diesseitigen Leben das Leben überhaupt. Der Gedanke der Wiederauferstehung verlor grundsätzlich an Evidenz, als das Leben in allgemeinverbindlicher Weise ausschließlich an den diesseitigen Körper gebunden wurde. Mit dem Tod war das Leben beendet. Damit fiel der Mensch als ein diesseitiger Körper aus dem christlichen Heilszusammenhang heraus. Und zugleich wurde der Zeitpunkt des eingetretenen Todes schwerer bestimmbar, denn die einzelnen Phasen des Sterbens waren nicht in jedem Fall gut voneinander abgrenzbar (Rüve 2008: 64). Die Entstehung dieses Menschen ging auf seine beginnende Verkörperung in der Anatomie seit dem 16. Jahrhundert zurück. Der Körper blieb aber zunächst noch eingebunden in die Gemeinschaft der Lebenden und Toten und damit in die übergreifende auf Gott bezogene Ordnung. Erst in der Sattelzeit fiel der verkörperte Mensch aus der übergreifenden Ordnung heraus. Die zu diesem Menschen gehörige Anthropologie begreift ihn als »Teil der Natur, im Verhältnis zu Tieren, zu außereuropäischen Menschen und als autonom handelndes Subjekt der Geschichte« (Rüve 2008: 10). Damit benennt Rüve bereits zwei Seiten des modernen anthropologischen Quadrats. Sie bemerkt allerdings nicht, dass dieser Mensch als diesseitiges Wesen ebenso von der Maschine unterschieden werden musste und dass dieser neue Mensch einer natürlichen Geburt bedurfte, um zu existieren. Und sie übersieht, dass dieser Mensch nicht mehr von Geistern und Dämonen unterschieden werden musste, denn die sich in der Sattelzeit institutionalisierenden Wissensbestände sahen nicht mehr in einer allgemeinverbindlichen Weise vor, dass es solche Wesen in gibt. Solche diskursiv erzeugten Wissensbestände vermitteln in der Sattelzeit zunehmend die unmittelbaren Umweltbeziehungen leiblicher Selbste. Mit der Verkörperung änderte sich die Bedeutung des Todes bzw. der Umgang mit dem Tod. Denn jetzt war der Tod das endgültige Ende des Lebens. Deshalb wird die Frage nach sicheren Todeszeichen zu einem Problem. Solange die Möglichkeit der Widerauferstehung existierte, war die Grenze zwischen Leben und Tod grundsätzlich in beide Richtungen passierbar. Es war auch möglich, dass Totengeister den Lebenden zusetzten und beruhigt werden mussten (Rüve 2008: 56). Wenn der Mensch nur noch ein körperliches Leben hat, gab es nur noch eine mögliche Richtung des Grenzübertritts. Die Debatte um den Scheintod, die im 18. Jahrhundert begann und bis in das 19. Jahrhundert andauerte (Rüve 2008: 9), dokumentierte die Probleme, die sich aus der Verkörperung ergaben (Kessel 2001: 136). Die Lösung des Scheintodproblems erfolgte durch eine weitere beachtliche Organisationsleistung, nämlich durch die staatlich-bürokratisch forcierte Einbeziehung der Medizin in die Todesfeststellung. Während die Mediziner vor der Sattelzeit den Sterbenden fernbleiben sollten, wurden sie jetzt staatlicherseits verpflichtet, den Tod festzustellen. Im DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 119 Laufe dieses Prozesses wurden zunächst die Priester von Seiten des Staates miteinbezogen. Gemäß dem Allgemeinen Landrecht von 1794 sollten etwa in Preußen Geistliche selbst die Zeichen des sicher eingetretenen Todes feststellen und dabei sorgfältig vorgehen (Kessel 2001: 149). Zugleich verwies das Landrecht aber auch auf die »Polizeyverordnungen«, die ihrerseits festlegten, dass nicht mehr der Geistliche, sondern ein Arzt den Tod feststellen und erklären sollte, hilfsweise der Dorfschulze, falls ein Arzt nicht erreichbar war (vgl. Kessel 2001: 149). In Deutschland wurde erst mit dem Reichsgesetz zu Beurkundung des Personenstandes von 1875 eindeutig festgelegt, dass Mediziner den Totenschein ausstellen sollten. »Der Totenschein speicherte persönliche Daten ebenso wie Krankheitsursache und -verlauf. Er lieferte ein zuverlässiges Hilfsmittel für die staatlichen Informationsbedürfnisse und die Systematisierung von Sterberegistern, nachdem die Medizinalordnungen seit den 1720er Jahren meist vergeblich von den Physici gefordert hatten, zuverlässige Daten über Epidemieverläufe zu liefern.« (Kessel 2001: 150) Vergleichbare Vorschriften wurden nach und nach in Kontinentaleuropa seit dem Ende des 18. Jahrhunderts gesetzlich vorgeschrieben und bis zum Ende des 19. Jahrhunderts auch tatsächlich durchgesetzt. Danach galt, dass ein Arzt jeden Toten in Augenschein genommen haben musste, bevor er den Totenschein ausstellte und die Toten mussten über einen längeren Zeitraum (12 Stunden in Italien und Frankreich, bis zu drei Tagen in Sachsen) aufgebahrt werden (vgl. Pernick 1988: 31, 35). Erst solche Maßnahme galten als ausreichender und letztendlich sicherer Schutz davor, vorzeitig, d.h. im Zustande des Scheintodes, beerdigt zu werden. Denn als letztendliches sicheres Todeszeichen galt und gilt immer noch die einsetzende Verwesung. Sie bildete den Abschluss der verschiedenen Phasen des Todes (Kessel 2001: 141). Wer allerdings an der Annahme festhielt, dass eine Rückkehr aus dem Jenseits prinzipiell möglich ist, musste die Durchsetzung der Aufbahrung in Leichenhäusern für gefährlich halten. Diese Annahme konfligierte effektiv bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts mit der modernen materialistischen Auffassung, wonach der Mensch lediglich ein lebender Körper ist, der endgültig stirbt (Kessel 2001: 151ff). Wenn der Tod das Ende bedeutete und die Gemeinschaft der Lebenden und Toten endgültig als allgemein verbindliche Sinnorientierung verloren war, wurden auch die Orte der Lebenden und Toten unter rein diesseitigen medizinischen Gesichtspunkten betrachtet, d.h. in diesem Fall, unter rein medizinisch-hygienischen Gesichtspunkten. Dementsprechend war die zweite große Debatte mit Bezug auf den Umgang mit dem Tod diejenige um die Verlagerung der Friedhöfe (Kessel 2001: 133). Im Mittelpunkt der Debatten stand die Sorge um die Hygiene, denn die innerstädtischen bzw. innerdörflichen Friedhöfe quollen sozusagen über vor verwesenden Leichen, die im Lichte der sich entwickelnden Medizin KÖRPERINDIVIDUALISMUS 120 als Herde der Ansteckung mit schweren Krankheiten erschienen. Aries (1978/1982: 612f) beschreibt diesen neuen medizinischen Blick auf die Friedhöfe sehr eindrücklich. Gegen die medizinisch-hygienische Perspektive wandte sich die Geistlichkeit aus mehreren Gründen. Zum einen befürchtete die Kirche finanzielle Einbußen, wenn der Umfang kirchlicher Rituale eingeschränkt würde und zum anderen würde die Verbindung zwischen Lebenden und Toten zerschnitten, denn die Lebenden würden sich nicht mehr um die Toten und deren Heil sorgen (Aries 1978/1982: 623). Fischer beschreibt sachlich ähnlich gelagerte Debatten um die Standorte von Friedhöfen für Deutschland (Fischer 1996: 30ff, 37ff). Der Kirche drohte also ein doppelter Verlust: zum einen verlor sie die Einnahmen aus den aufwändigen Bestattungszeremonien der Wohlhabenden und zum anderen drohte ein Verlust des Einflusses auf die Lebenden, denn wenn die Verbindung zwischen Lebenden und Toten aufgelöst wurde und sich die Lebenden den Toten nicht mehr verbunden fühlten und für sie beteten, würde dies generell den Einfluss der Kirche auf die Lebenden unterminieren (Aries 1978/1982: 622f). In dieser Auseinandersetzung trugen die Reformer, die Vertreter der Medizin bzw. der »medizinischen Polizey« (Fischer 1996: 30) den Sieg davon (Fischer 1996: 34ff). Die Friedhöfe wurden an die Ränder der Ortschaften verlegt und entwickelten sich dort zu einer eigenständigen Form des Gedenkens an die Toten. Diese folgte gleichzeitig zwei Prinzipien: Das eine Prinzip war die Orientierung an der Gleichheit aller Menschen: das individuelle Reihengrab. Es ersetzte das ungeordnet angelegte Massengrab, das für die einfachen Leute im Mittelalter die Regel war. Daraus ergab sich eine geometrische Anlage der neuen Friedhöfe, in der jeder der Reihe nach in einem Einzelgrab beerdigt wurde (Fischer 1996: 49ff). Das zweite Prinzip war dasjenige der privilegierten Familiengräber. Diese traten an die Stelle der privilegierten Bestattung innerhalb der Kirche bzw. innerhalb eines Monuments (Aries 1978/1982: 629, Fischer 1996: 53). Die Gestaltung der Friedhöfe blieb während des 20. Jahrhunderts mehr oder weniger unverändert. Was die Feststellung des Todes anbelangt, war das 20 Jahrhundert allerdings von einer wieder um sich greifenden Unsicherheit geprägt. Interessant dabei ist, dass die Unsicherheit bezogen auf die Todesfeststellung nicht zu einer Wiederbelebung der Angst führte, vorzeitig begraben zu werden. Grundsätzlich blieb das Vertrauen in die staatlich vorgeschriebene ärztliche Todesfeststellung seitens der medizinischen Laien erhalten, aber es resultierte weniger da raus, dass die Medizinerinnen genau wüssten, ab wann ein Mensch als tot zu betrachten sei, als vielmehr aus einem Vertrauen darauf, dass die medizinische Forschung eher auf Einschluss denn auf Ausschluss zielte. Einerseits wurde es im 20. Jahrhundert wieder fraglich und auch öffentlich DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 121 diskutiert, welche Prozeduren eine sichere Todesfeststellung ermöglichten bzw. welche Zeichen als verbindlich für die Todesfeststellung gelten sollten, andererseits führten die Ergebnisse der medizinischen Forschung aber nicht dazu, den Kreis der möglicherweise Lebenden zu begrenzen, sondern eher dazu, ihn zu erweitern. Es wurde nach immer unscheinbareren Lebenszeichen in weitgehend als leblos erscheinenden Körpern gesucht. Einen neuen Höhepunkt erreichte die Produktion von Unsicherheit in den 1950er Jahren. Im Mittelpunkt standen einerseits die Entwicklung der Intensivmedizin, vor allem die Techniken der maschinell gestützten künstlichen Beatmung und der künstlichen Aufrechterhaltung des Blutkreislaufs, und andererseits die Erfolge der Reanimationsforschung, der es gelang, im Experiment auch höhere Säugetiere nach allen Regeln der Kunst zu töten und vollständig wieder zu beleben (Lindemann 2003: 55ff). Die neuen Techniken der Lebenserhaltung bzw. die Reanimationsforschung bildeten die unmittelbare Voraussetzung der Hirntodkonzeption, und zugleich stellte die Entwicklung der Hirntodkonzeption einen Scheidepunkt dar. Durch die Intensivmedizin und die Reanimationsforschung wurde die Unsicherheit hinsichtlich der Todesfeststellung auf die Spitze getrieben. Die neuen Techniken ließen es sogar als möglich erscheinen, den Tod endgültig zu überwinden (Lindemann 2003: 67f). Erst die Etablierung der hirnbezogenen Todesfeststellung beendete die hoffnungsvolle Unsicherheit, den Tod technisch beherrschen zu können. Das Hirntodkonzept war zunächst ein Mittel, das es erlaubte, die Sinnlosigkeit einer weiteren Behandlung zu begründen (Lindemann 2003: 69ff), und es führte schließlich erneut zu der Vorstellung, den Tod definitiv feststellen zu können Lindemann 2003: 74ff). Erst als der Hirntod seit dem Ende der 1960er Jahre als Bedingung für die Entnahme transplantierbarer Organe begriffen wurde (Lindemann 2003: Kap. 2.2.1.), entstand erheblich zeitverzögert in den 1990er Jahren erneut eine intensive öffentliche Dramatisierung der Grenze am Lebensende (Fuchs 1996), die bis heute anhält. 3.3.3 Mensch-Tier Ab ca. 1800 ging es in allgemein anerkannter Weise zunehmend nur noch um die Differenzen des anthropologischen Quadrats: Ab wann beginnt das natürlich personale Leben? Wann endet es? Wie unterscheidet sich der Mensch vom Tier bzw. von der Maschine? Während der Mensch im christlichen Verständnis der großen Kette der Wesen im Zentrum steht, weil die Verwirklichung des göttlichen Heilsplans von ihm bzw. von den Ereignissen auf der Erde abhängt, wird der Mensch jetzt eher an den Rand gestellt (Lauer 2014: 224). Mit Bezug KÖRPERINDIVIDUALISMUS 122 auf die Differenz zwischen Mensch und Tier entstand zugleich eine Debatte darum, wie dieser Unterschied zu begreifen sei bzw., ob dieser Unterschied tatsächlich als ein grundsätzlicher Unterschied zu begreifen wäre. Im Mittelpunkt stand dabei seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Auseinandersetzung um Darwins Werk. Dabei ging es zentral um die Frage, ob nicht die Moralität des Menschen grob missverstanden wäre, wenn der Mensch im Darwin’schen Sinne als ein durch die Evolution entstandenes rein natürliches Wesen begriffen werden muss. Darwin selbst räumte der Moral eine besondere Bedeutung bei der Unterscheidung zwischen Menschen und Tieren ein, bestand aber darauf, dass auch diese als ein Ergebnis der natürlichen Evolution zu begreifen sei (Darwin 1871, Bd. 2: 345). Gemäß der von Darwin maßgeblich formulierten Evolutionstheorie ist der Mensch ein rein natürliches Wesen, d.h. als ein Tier, zu begreifen, das besondere intellektuelle (Sprache) und moralische Fähigkeiten entwickelt hat. Dabei realisierte Darwin durchaus, dass mit dem Durchbruch zur Moralbildung ein qualitativ neues Element ins Spiel kommt. Mit explizitem Bezug auf Kant formulierte Darwin, dass das pflichtgemäße Sollen sich auch gegen natürliche Instinkte richtet (Darwin 1871, Bd.1: 73f). Damit hat Darwin auf einer naturalistischen Basis eine der anerkannten Versionen der dreifachen Bestimmung des Menschen formuliert: als natürlich, als kulturbildend und als moralisch. Zugleich entging Darwin aber den Problemen der empirisch-transzendentalen Doppelbestimmung nicht. Denn es sind Menschen, die mit von Menschen geschaffenen Kategorien, die Ordnung der Evolution als eine kulturelle Ordnung schaffen. Gerade mit dieser internen Problematik leistete die Theorie Darwins einen Kernbeitrag zur Legitimationstheorie der modernen Vergesellschaftung, durch die die Legitimationstheorie der europäischen Vormoderne abgelöst wurde. Wenn man den historischen Ablauf im Übergang zur Sattelzeit in den Blick nimmt, stellt es sich so dar: Der diesseitige Mensch entsteht in der Sattelzeit und bekommt von Buffon und später von Darwin eine Jahrtausende währende Entwicklungsgeschichte in die Wiege gelegt. Trotz ihrer Unüberschreitbarkeit gibt es eine Ähnlichkeit zwischen der Grenze Mensch/Tier und den Grenzen am Lebensanfang und am Lebensende. Es handelt sich nicht um eine einmalig fixierte Grenze, vielmehr wird diese Grenze immer wieder diskursiv dramatisiert. In der diskursiven Dramatisierung lässt sich eine in sich widersprüchliche normative Struktur identifizieren, denn die Unterscheidung zwischen Mensch und Tier kann in zwei Richtungen problematisiert werden. Zum einen kann es heißen, dass Tiere wie Menschen sind, weshalb auch Tieren entsprechende Rechte zuerkannt werden müssen und zum anderen kann es heißen, dass Menschen wie Tiere sind, die sich zivilisieren müssen bzw. Menschen können zu tierähnlichen Wesen gemacht werden. Aus beiden DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 123 Orientierungen ergeben sich unterschiedliche normative Schlussfolgerungen. 1. Tiere sind wie Menschen bzw. es gibt zumindest einige Tiere, die wie Menschen sind. Wenn es Tiere gibt, die wie Menschen sind, müssen sie einen den Menschen ähnlichen normativen Status haben. 2. Menschen sind (noch) wie Tiere und müssen sich erst zu Menschen entwickeln bzw. Menschen können zu tierähnlichen Wesen gemacht werden. Hier ergeben sich zwei unterschiedliche moralische Schlussfolgerungen: a) Es muss verhindert werden, dass Menschen zu Tieren gemacht bzw. degradiert werden. b) Wenn Menschen wie Tiere sind, bzw. solange sie sich in einem tierähnlichen Zustand befinden, erübrigt sich die Orientierung am Ethos der Menschenrechte. Dies gilt zumindest für diejenigen Menschengruppen, die (noch) wie Tiere sind. Die erste Frage bezieht sich auf das Problem, ob höher entwickelte Tiere nicht auch die Fähigkeiten haben, die den Menschen zum Menschen machen. Dazu gehören Werkzeuggebrauch bei Schimpansen, der relativ früh etwa von Köhler nachgewiesen wurde. Ob Affen die Fähigkeit besitzen, sprachliche Symbole zu verstehen und zu benutzen, wird seit den 1960er Jahren diskutiert und erfreut sich auch großer medialer Beliebtheit. Für Frans de Waal (2015) finden sich Belege für moralisches Verhalten, das Darwin für den Menschen reservierte, bereits bei den Bonobos. Dies führte insgesamt zu der Forderung danach, auch großen Menschenaffen Menschenrechte zuzuerkennen (vgl. Cavalieri/Singer 1993/1996). Im Sinne dieser Forderungen sind auch konkrete Initiativen entstanden, in denen es darum geht, vor allem für die großen Menschenaffen juristisch einen Personenstatus durchzusetzen. Einen guten Überblick über diese Versuche bietet die Netzseite des »Great Ape Projects«. Die sich entwickelnde Biotechnologie hat zu einer Möglichkeit im Sinne von 2a) geführt, die Mensch-Tier-Grenze zu dramatisieren. Hier geht es um die Frage, ob Menschen zu Tieren werden, bzw. was es für die Frage der Tier-Mensch-Unterscheidung bedeutet, wenn Zellen oder Teile von tierischen Zellen zu Heilungszwecken in menschliches Gewebe bzw. Zellen eingebracht werden. In diesem Kontext werden Probleme wie die folgenden aufgeworfen: Ist ein Mensch, der eine Herzklappe aus Schweinegewebe hat, noch ein Mensch? Oder es geht hinsichtlich der Differenz KÖRPERINDIVIDUALISMUS 124 Mensch-Tier, d.h., »hinsichtlich der Speziesproblematik« um die Vermischung des Erbgutes. Letzteres findet sich in der Erschaffung solcher »Lebewesen …, die durch Einbringung somatischer menschlicher Zellkerne in entkernte tierische Eizellen … die aufgrund der im Plasma verbleibenden mitochondrialen DNA dementsprechend einen geringen Anteil des tierischen Genoms aufweisen…« (Rothhaar 2016, Projektantrag, S. 4). Hier geht die Vermischung von menschlichem und tierischem Erbgut für einige soweit, dass auf diese Weise die Mensch-Tiergrenze in Frage gestellt wird. Ein Vorgang, den es auf jeden Fall zu verhindern gälte. Insgesamt stellt es sich aber so dar, dass solche Technologien zwar zu intensiven Debatten führen, ohne dass dadurch die Tier-Mensch-Grenze ernsthaft in Frage gestellt würde. Die Funktion von Diskursen über die Differenzen von Menschen und Affen und deren Rechte bzw. um die Biotechnologie besteht eher darin, durch die dramatische Infragestellung die Bedeutung dieser Grenze zu aktualisieren. Die Thematisierung der Mensch-Tier-Grenze im Sinne der Orientierung von 2b) prägte auch die Diskussion um das Verhältnis von Naturzustand und dem Grad von Zivilisation, den Menschengruppen erreicht haben. Danach entwickeln sich Menschen von einem den Tieren ähnlichen Naturzustand weg hin zu einem immer höher zivilisierten wahrhaft menschlichen Zustand. Dieses Verständnis wird von Edward B. Tylor in die Ethnologie eingeführt (Kroeber/Kluckhohn 1952: 19). »Culture or Civilization, taken in its wide ethnographic sense is that complex whole which includes knowledge, belief, art, law, morals, custom, and any other capabilities and habits acquired by man as a member of society« (Tylor 1871: 1). Kultur in diesem Verständnis sei eine kollektive Schöpfung des Menschen, »die einer fortschreitenden Bewegung zur Vervollkommnung unterliegt« (Descola 2005/2011: 121). In dieser Perspektive werden Gesellschaften daraufhin untersucht, wie sie sich vom Naturzustand entfernen und inwiefern ihre jeweiligen kulturellen Institutionen eine zunehmende Vervollkommnung zeigen. Als am weitesten entwickelt begriffen sich im ausgehenden 18. und im 19. Jahrhundert die Europäer (Osterhammel 2009: 1186). Entsprechend sprachen sie sich die Verantwortung zu, die Entwicklung der anderen zur Kultivierung fähigen Menschengruppen voranzutreiben. Der Göttinger Philosoph und Völkerkundler Christoph Meiners entwickelte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine Anthropologie, in der er körperliche, moralische und auf die Sozialstruktur bezogene Merkmale unterschiedlicher Menschengruppen systematisch miteinander verglich und zu dem Ergebnis kam, dass es zwar im Prinzip eine einheitliche Menschheit gäbe, diese aber in sich heterogen wäre, denn es gäbe »Stämme«, »Racen« und »Varietäten« (Meiners zit. nach Lotter 1987: 47). Die unterschiedlichen Stämme und Racen untersucht Meiners mit Bezug auf eine Reihe unterschiedlicher Vergleichshinsichten. Dabei zieht DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 125 er sowohl körperliche Eigenschaften wie »Körpergröße, Gliederbau, Beleibtheit, Körperkraft, körperliche Beweglichkeit« in Betracht als auch moralische und kognitive Merkmale wie »Verstand, Anlagen für Kunst und Wissenschaft … Sittliches Gefühl, Gefühl für Ehre« in Betracht (vgl. Lotter 1987: 47). Bei seinen Vergleichen der Stämme und Racen der Menschen unter all diesen Gesichtspunkten kam Meiners zu dem Ergebnis, dass die Kelten und insbesondere die Germanen am höchsten entwickelt wären (Lotter 1987: 48). Demgegenüber nähmen die Völker mongolischen Ursprungs, dem zweiten großen Stamm der Menschheit, eher eine Position zwischen Mensch und Tier ein und ähneln vielfach mehr den Tieren als den zivilisierten Europäern (Lotter 1987: 50). Dies wird insbesondere an der schlechten Position deutlich, die den Frauen in diesen Menschengruppen aufgezwungen würde (Lotter 1987: 5). Meiners systematisierte mit seiner Argumentation eine Position, die der Rechtfertigung der Sklaverei und der Kolonialherrschaft diente. Sie wurde zu seiner Zeit von einer Reihe von Autoren vertreten. Demnach gibt es eine natürliche Ungleichheit zwischen den Menschen, die eine unterschiedliche moralische Wertigkeit begründet und eine natürliche Begründung für Herrschaft und Sklaverei darstellt.7 Die Theorie der bio-psycho-sozialen Unterschiedlichkeit bzw. unterschiedlichen Wertigkeit war allerdings im engeren wissenschaftlichen Diskurs bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts umstritten. Stilbildend für die sich daraus ergebenden Diskussion zwischen denjenigen die auch in normativer Hinsicht die Einheit des Menschengeschlechts, und denjenigen, die die unterschiedliche Wertigkeit von Menschengruppen vertraten, war die Debatte zwischen Meiners und dem Mainzer Völkerkundler und Forschungsreisenden Georg Forster. Beide waren angesehene Wissenschaftler und Mitglieder der Göttingischen Akademie der Wissenschaften. Forster war ein entschiedener Verfechter der Annahme der Gleichheit aller Menschen und hielt es für unsinnig mit Bezug auf physische Merkmale moralische Urteile zu fällen (Bödeker 2010). Die Debatte fand in den 1770er und 1780er Jahren in verschiedenen Zeitschriften statt in Form von Rezensionen und Repliken (Lotter 1987: 60ff). Aus solchen Debatten entwickelte sich seit der Sattelzeit die Idee einer einheitlichen Menschheit, deren Glieder als gleichwertig anzusehen sind (Bödeker 1982). 7 Zu den Autoren, die Meiners wahrscheinlich beeinflusst haben, zählen Lotter zufolge etwa L. G. L. Buffon (gest. 1788), David Hume (gest. 1776) aber auch Voltaire, der »die Negersklaverei mit den von Natur aus verschiedenen Graden von Intelligenz und Charakter der Menschenrassen erklärte« (Lotter 1987: 59). KÖRPERINDIVIDUALISMUS 126 Politisch dominierte vor allem im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts die Doktrin, wonach die weißen Europäer eine besonders weit zivilisierte Menschengruppe wären, woraus praktisch ein Erziehungsauftrag resultierte. Literarisch setzt Rudyard Kipling diesem Auftrag ein Denkmal mit dem Gedicht »The white man’s burden«. Dieses ruft dazu auf, die »sullen peoples, half-devil and half-child« durch eine angemessene Erziehung in den Zustand der Zivilisation zu führen.8 Es gibt also Menschengruppen, bei denen es sich um minderwertige Rassen handelt, für die nicht bzw. noch nicht in einem gleichen Sinne das Ethos der Menschenrechte gelten konnte, weil sie sich noch in einem Zustand befänden, der zu stark einem natürlichen tierähnlichen Zustand glich. In der Praxis des Kolonialismus und in der Praxis der Erziehung der Unterschichten zur zivilisierten Disziplin (vgl. Foucault 1975/1979: Kap. III, Disziplin) zeigte sich, dass dazu auch Mittel erforderlich waren, die gegenüber bereits zivilisierten Menschen nicht mehr angewendet werden durften. Jedenfalls würde eine übertriebene Orientierung am Ethos der Gleichheit aller Menschen die Zivilisierung der sich noch im Naturzustand befindenden also eher noch tierähnlichen Menschen nur behindern. Das Fortschrittsmodell der Kultivierung und der daraus resultierende Zivilisationsauftrag geriet denn auch in die Kritik, weil es dazu gedient habe und dienen würde, den Anspruch auf Überlegenheit und Führung von weißen Europäern und Amerikanern gegenüber den kolonisierten Ländern Afrikas und Asiens zu legitimieren und durchzusetzen (Said 1978/1981). In der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg verlor der Diskursstrang 2b), wonach Menschen bzw. Menschengruppen zumindest vorübergehend wie Tiere sind und erst zu Menschen gemacht werden müssen, zunehmend an Bedeutung, während die beiden anderen Diskursstränge an Bedeutung gewinnen, wonach Tiere bzw. einige Tiere wie Menschen sind (Diskurstrang 1) bzw. wonach Menschen durch medizinische oder biotechnologische Eingriffe nicht den Tieren angeähnelt werden dürfen (Diskursstrang 2a). Da der Strang 2b) aber grundsätzlich einen Bestandteil der möglichen diskursiven Dramatisierungen des anthropologischen Quadrats bildet, kann an diesen vermutlich immer wieder angeschlossen werden. Zeitgleich mit diesen eher auf den Menschen bezogenen Debatten entstand auch eine neue moralische Orientierung im Umgang mit Tieren. Wenn Tiere insofern den Menschen gleichen, als sie lebendige Wesen sind und insofern beide von den unbelebten Dingen verschieden sind, eröffnet dies auch die Möglichkeit, die Grenzziehung dadurch zu stabilisieren, dass analog zu den Menschenrechten besondere Schutzrechte 8 http://www.loske.org/html/school/history/c19/burden_full.pdf (Zugriff am 18.6.2018) DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 127 für Tiere entwickelt werden, ohne deshalb ihren Status als Tiere zu bestreiten. Vorreiter in dieser Hinsicht war England. Im House of Lords bzw. im House of Commons wurde bereits 1822 das weltweit erste Tierschutzgesetz verabschiedet, der Martins Act. Die Befürworter des Gesetzes argumentierten, dass Tiere bislang nur als Eigentum betrachtet würden. Sie seien aber nicht selbst als lebendige Wesen vor einer grausamen Behandlung geschützt, unter der sie doch leiden würden. Daher bedürfe es entsprechender Gesetze zum Schutz vor grausamer Behandlung. In der Debatte um den »Cruel Treatment of Cattle Act« bzw. dessen Novellierungen in den Folgejahren wurden im Prinzip alle Probleme angesprochen, die auch die weitere Debatte beherrschen. Es ging zum einen darum, ob Tiere um ihrer selbst willen zu schützen sind (ethischer Tierschutz) oder ob sie geschützt werden sollten, weil eine grausame Behandlung von Tieren auch zu einer allgemeinen Verrohung führt, die im Weiteren auch zu einer grausamen Behandlung von Menschen führen würde. Das Tierschutzgesetz umfasste zunächst die Behandlung von Nutztieren, wurde dann ausgedehnt auf das Verbot von Bullenhatz und Tierkämpfen und Ende des 19. Jahrhunderts wurde der gesetzliche Schutz von Tieren in England auf Versuchstiere ausgeweitet. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts und zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurden auch Wildtiere unter gesetzlichen Schutz gestellt. Eine ähnliche Entwicklung findet sich mit zeitlicher Verzögerung auch in Deutschland und den USA (vgl. Lindemann et al. 2010). Nichtwestliche Länder, wie etwa Japan oder Korea, entwickeln erst später und unter dem Einfluss westlicher Gesetzgebungen bzw. des importierten modernen Tierschutzgedankens vergleichbare Gesetze (vgl. Lindemann et al. 2010). Diese rechtlichen Entwicklungen geben Tieren einen rechtlich ambivalenten Status. Zum einen dokumentieren sie, dass Tiere den Menschen ähneln, insofern sie leiden bzw. Schmerz empfinden können. Zum anderen bleiben Tiere aber Entitäten, über die wie Sachen verfügt werden kann. Typisch hierfür ist der Kommentar zum § 90a BGB, der den Tieren einen Status zwischen bloßen Dingen und Menschen einräumt. Hierbei handele es sich um eine »gefühlige Deklamation ohne wirklichen rechtlichen Inhalt« (Ellenberger, J., in: Palandt Bürgerliches Gesetzbuch, 68. Aufl. München 2009, § 90a BGB, RdNr. 1., zit. nach Schumann 2009: 182). In den USA scheint die Stellung von Tieren auf den ersten Blick anders auszusehen. Denn es ist eine Besonderheit des US-Rechts, dass es dort möglich ist, das »Standing« von Entitäten vor Gericht von Fall zu Fall festzulegen. »Standing« meint die Fähigkeit, einen Anwalt haben zu können und sich durch diesen vor Gericht vertreten lassen zu können (Lindemann 2009a: 200–217, Lindemann et al. 2010: 28ff). Es gab vor US-Gerichten verschiedene Verfahren, in denen Tiere ein Standing zunächst zuerkannt worden war. Dies galt allerdings nur solange, wie das KÖRPERINDIVIDUALISMUS 128 Standing der beteiligten Tiere von der Gegenseite nicht bestritten wurde. Wenn das Standing von Tieren bestritten wurde, wurde es ihnen regelmäßig aberkannt (vgl. Lindemann et al. 2010: 32–34). Im Ergebnis führten also die Auseinandersetzungen um das Standing vor US-amerikanischen Gerichten zu einem dem deutschen Recht vergleichbaren Ergebnis, denn Tiere haben nur dann Standing, solange es nicht bestritten wird. Damit beschränkt sich deren Rechtsstatus in einem vergleichbaren Sinn auf »Deklamationen«. Bei aller Problematisierung wird – bis jetzt – der qualitative Unterschied zwischen Menschen und Tieren und damit die unüberschreitbare Grenze zwischen menschlichen Personen und Tieren gesichert. 3.3.4 Mensch-Maschine Die Auffassungen davon, wie künstliche Menschen zu schaffen sind, änderte sich im Laufe der Zeit und folgte dabei den jeweils herrschenden Annahmen darüber, welcher Aspekt der materiellen Existenz des Menschen bzw. der Tiere als Bedingung ihrer natürlichen Lebendigkeit zu begreifen war. Im 19. Jahrhundert wurde die Annahme, es handele sich beim Menschen um ein besonders perfektioniertes Uhrwerk aufgegeben zugunsten der Auffassung, dass die Lebendigkeit wesentlich auf die materielle Existenz menschlicher Organe und die Elektrizität als Energie zurückzuführen sei. Literarisch reflektiert wird diese Auffassung in einem der bekanntesten Romane über die Schaffung künstlicher Menschen, in Mary Shelleys »Frankenstein«. Dr. Frankenstein setzt den Körper zunächst aus Leichenteilen zusammen und belebt den Körper schließlich durch Elektrizität (Schlich 1998: 550). Anhand von Shelleys Roman wird deutlich, wie sich die moralischen Probleme gewandelt haben, seitdem das Prinzip der Fülle und seine widersprüchlichen normativen Orientierungen an Einfluss verloren hatte. Frankenstein erschreckt zutiefst, als er erkennt, dass ihm die Schaffung eines künstlichen Menschen gelungen ist, der ein Bewusstsein hat. Dies kann man im Sinne einer Verletzung des normativen Prinzips »Orientierung an dem Einen, an Gott« auffassen. Aber dies ist nicht das einzige Problem und vielleicht noch nicht einmal das bedeutendste. Das Geschöpf ist ein künstliches Wesen und es stellt sich vor allem die Frage, ob es trotz seiner Künstlichkeit nicht ein Mensch ist, auf den die allgemeinen Bestimmungen des modernen Menschen zutreffen. Dies zeigt sich an der Art seines Bewusstseins. Es ist von Natur aus gut und wird erst durch die schlechten Erfahrungen mit den Menschen verdorben und dadurch zu einem Monster (Shelley 1818/1969: 141). Das künstliche geschaffene Wesen steht prinzipiell mit dem Menschen auf einer Stufe, es wird auch nicht länger thematisiert, ob und wie das geschaffene Wesen seiner Natur nach in der DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 129 großen Kette der Wesen fixiert ist. Vielmehr ist es eindeutig, dass es ein bewusstes Wesen ist wie alle anderen Menschen. Lediglich seine besondere Hässlichkeit verweist auf seine problematische Entstehung. Das Geschöpf ist mehr oder weniger vollständig durch seine Individualgeschichte bedingt und nicht durch seine Natur fixiert. Seine besondere Haltung zur Welt, der Hass auf die Menschen und seinen Schöpfer, ist das Resultat seiner lebensgeschichtlichen Erfahrungen. Insofern Frankensteins Geschöpf sich selbst in seiner Haltung zur Welt schafft, kommt ihm im Prinzip auch die Fähigkeit zu, eine Kultur zu schaffen, in der es leben kann. Zugleich wird das Monster als moralisches Wesen beschrieben, denn es urteilt über Frankenstein, seinen Schöpfer, der es ablehnt (Shelley 1818/1969: 145). Insofern ist Frankensteins Geschöpf wie der Mensch ein natürliches Wesen, das zugleich moralisch und (potentiell) kulturbildend ist. In dieser Konstellation zeigen sich neue normative Probleme: Wenn der Mensch künstliche Wesen schafft, muss er sie auch anerkennen. Er muss Verantwortung für seine Schöpfung übernehmen. Wenn es sich um Wesen handelt, die wie Menschen sind, müssen sie auch wie Menschen behandelt werden. D.h., ihr Status muss sich an dem Ideal der Gleichheit aller Menschen und damit am Gebot der Allinklusion orientieren. Diese Wesen müssen als Teil der menschlichen Gesellschaft anerkannt werden. Wenn die künstlichen Wesen von ihrer Natur her den Menschen nicht gleichen, gilt für sie auch das Gebot der Allinklusion nicht. Solche Fragen hätten sich im Rahmen der normativen Orientierungen des Prinzips der Fülle nicht ergeben können. Denn diese normativen Prinzipien enthalten in jedem Fall eine hierarchische Ordnung gemäß dem Grad der Perfektion der Wesen. Es gab aus diesem Grunde auch kein einheitliches Menschengeschlecht, denn Männer und Frauen sowie die Bewohner der verschiedenen Erdgegenden unterschieden sich im Grad ihrer Annäherung an die Vollendung. Die von Shelley aufgeworfenen moralischen Probleme beschreiben die wichtigen Elemente des bis heute gültigen Rahmens, in dem seit der Sattelzeit über das Problem der Differenz Mensch-Maschine nachgedacht wird. Dieser Rahmen ähnelt von seiner Struktur her den normativen Problemen, die sich bei der Mensch-Tier-Grenze gezeigt haben. Es gibt auch hier zwei andersgelagerte aber ebenfalls in sich widersprüchliche Orientierungen. Wenn das Wesen des Menschen problematisiert wird, indem die Mensch-Maschine-Grenze in Frage steht, kann dies in zwei Richtungen geschehen. Zum einen kann es heißen, dass der Mensch Maschinen herstellt, von denen zumindest einige wie Menschen sind, weshalb ihnen entsprechende Rechte zuerkannt werden müssen und zum anderen kann es heißen, dass Menschen allgemein im Sinne eines maschinellen Funktionierens zu begreifen sind, d.h., dass Menschen wie Maschinen sind bzw. dass einige oder fast alle Menschen zu maschinenähnlichen KÖRPERINDIVIDUALISMUS 130 Wesen gemacht werden können. Aus beiden normativen Orientierungen können jeweils zwei unterschiedliche normative Schlussfolgerungen abgeleitet werden. 1. Maschinen sind wie Menschen bzw. es können Maschinen gemacht werden, die wie Menschen sind. a) Es stellt ein Problem dar, wenn Menschen sich in dieser Weise zum Schöpfer aufschwingen, denn es besteht die Gefahr, dass die Maschinen die Macht übernehmen. b) Wenn menschenähnliche Maschinen gebaut werden, muss ihnen ein normativer Status zuerkannt werden, der demjenigen von Menschen entspricht. 2. Menschen sind wie Maschinen bzw. Menschen können zu maschinenähnlichen Wesen gemacht werden. a) Dies muss verhindert werden. Menschen dürfen niemals zu maschinenähnlichen Wesen degradiert werden. Wenn Menschen maschinenähnlich gemacht worden sind, müssen sie wieder zu Menschen gemacht, d.h., emanzipiert werden. b) Wenn Menschen wie Maschinen sind, erübrigt sich die Orientierung am Ethos der Menschenrechte. Die erste Fragerichtung untergliedert sich in zwei Gruppen von normativen Problemen. Die erste Gruppe, 1a), wonach es ein Problem darstellt, wenn Menschen Maschinen schaffen, die wie Menschen sind, wird primär in der Science Fiction-Literatur und dem Feuilleton verhandelt. Hier geht es darum, dass die Maschinen die Macht übernehmen und die Menschen unterwerfen. Eine stärker normativ aufgeladene Kritik ist religiös inspiriert. Hier geht es darum, dass es menschliche Hybris wäre, solche Maschinen zu schaffen (Klinkhammer 1997). Die zweite Gruppe normativer Probleme, 1b), wonach Maschinen wie Menschen sind und deshalb einen menschenähnlichen normativen Status haben müssten, ist einerseits ebenfalls ein beliebtes Thema der SF-Literatur, andererseits werden derzeit Maschinen entwickelt, die bislang von Menschen ausgeübte Tätigkeit derart ersetzen, dass sich bereits praktisch die Frage nach ihrem normativen Status stellt. Ein Beispiel hierfür sind Softbots, die im automatisierten Börsenhandel eigenständig Verträge abschließen oder Roboter, die ihre Reaktionen auf die Umwelt durch einen Lernprozess verändern. Bei solchen künstlichen Wesen stellt sich die Frage, wie Verantwortung zugerechnet werden kann, wenn eine solche Maschine einen Schaden anrichtet. Hierbei kann es sich im schlimmsten Fall um den Tod eines Menschen handeln. Es wird zunehmend schwieriger DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 131 mögliche angerichtete Schäden, auf menschliche Verursacher (Herstellerin, Nutzerin) zurückzuführen. Denn die Herstellerinnen sind zwar für eines oder mehrere Software-Module verantwortlich, die lernende Algorithmen enthalten, aber die Herstellerinnen können nicht mehr für die Aktionen verantwortlich gemacht werden, welche ein Roboter oder ein Softbot durch Lernen entwickelt. Auch die Endnutzerinnen können nicht verantwortlich gemacht werden. Es sei denn, sie hätten die Software durch Interaktionen bewusst im Sinn einer bestimmten Reaktion trainiert. Für Fälle derartiger Verantwortungsübernahmen im Rahmen von Haftungsproblemen wird derzeit z.B. ein neuer rechtlicher Status diskutiert, der Status der »Elektronischen Person« (Beck 2016). Hierbei handelt es sich um eine künstliche Person, analog zur juristischen Person. Die elektronische Person würde registriert und wäre selbst versichert. In die Versicherung würden alle Herstellerinnen und evtl. die Nutzerinnen einzahlen. Die Statusbesonderheit der elektronischen Person besteht darin, dass es sich nicht um eine menschliche Person handelt, sondern um eine funktionsspezifische Personalitätskonstruktion. Die elektronische Person ist Person in einer besonderen Hinsicht, sie kann zivilrechtlich zur Verantwortung gezogen werden für einzelne Aktionen, die im Anwendungsbereich dieser Maschine liegt. Dieser Weg weist eine interessante Richtung auf, wie Maschinen einen rechtlichen Status erhalten können, ohne dadurch die Mensch-Maschine-Grenze in ihrer faktischen Gültigkeit in Frage zu stellen (Matsuzaki, Lindemann 2016). Die zweite Fragerichtung unterteilt sich ebenfalls in zwei klar voneinander zu unterscheidende Themencluster. Die normative Problematisierung im Sinne von 2a), wonach es verhindert werden muss, dass Menschen zu maschinenähnlichen Wesen werden, führt auf die Themen der romantischen Technikkritik und sie bildet auch einen wichtigen Bestandteil der marxistischen Verdinglichungskritik. Danach schaffen die Menschen Automatismen in ihren Beziehungen, in dem sie ihre Beziehungen nicht nur objektivieren, sondern diesen Objektivationen – etwa in Gestalt der Wertform der Ware – einen quasi naturhaften Charakter verleihen. Damit erscheinen den Menschen ihre Beziehungen im Sinne eines quasi naturgegebenen Automatismus, den sie nur noch vollziehen können, statt ihn aktiv zu gestalten (Marx 1890/1977: 85ff). In einer modernen Terminologie könnte man sagen, dass Marx die kapitalistische Gesellschaft als einen ungeheuren von Menschen produzierten Softbot begreift, dessen Logik die Beziehungen der Menschen zueinander bestimmt. Die oben beschriebenen Softbots, die Börsenkontrakte eingehen, machen deutlich, was die Verdinglichung der Beziehungen zwischen Käufern und Verkäufern meinen kann. Das Verhältnis dieser Positionen ist derart automatisiert, dass Menschen nicht mehr erforderlich sind, um es zu realisieren. Hier ist es nicht mehr nur so, dass KÖRPERINDIVIDUALISMUS 132 Warenbeziehungen fetischisiert sind, vielmehr funktioniert der Fetisch selbständig, und es ist fraglich, ob er die Menschen noch braucht. Erste Ansätze dazu kannte Marx bereits in der Entwicklung industrieller Maschinen, er arbeitet heraus, wie sich die Herrschaft der in der Produktion der Maschine vergegenständlichten Arbeit, d.h. der toten Arbeit, über die lebendige Arbeit durchsetzt. Der Arbeiter wird zum Anhängsel der Maschine (Marx 1890/1977: Kap. 13). Habermas formuliert analog zu Marx, wenn er die Bildung von Kommunikationsautomatismen beschreibt, er spricht von Systemen bzw. Formen systemischer Koordination (Habermas 1981/1995: Kap. VIII). Auch hier ist es der reibungslose Automatismus der systemischen Koordination, die diesen eine Überlegenheit über die kommunikative Koordination ermöglicht. Systemische Koordinationen könnte man gleichfalls als Softbot-Maschinen begreifen, die zunehmend die Lebenswelt, d.h. den Bereich der eigentlich menschlichen Kommunikation, beherrschen. Die Fragerichtung 2b), wonach Menschen ohnehin wie Maschinen sind, problematisiert insgesamt die Struktur des anthropologischen Quadrats, denn sie unterminiert auch die Mensch-Tier-Grenze. Wenn nämlich der Mensch wie eine Maschine zu begreifen ist, gilt dies erst recht für Tiere. Diese Fragerichtung enthält einen performativen Selbstwiderspruch. Denn bereits die Feststellung, dass Menschen wie Maschinen sind, enthält eine reflexive Erkenntnis, die gemäß dem Credo »Menschen sind Maschinen« eigentlich nicht möglich ist. Dieser Widerspruch wird dadurch aufgelöst, dass in die Gruppe der Menschen eine Zweiteilung eingeführt wird. Danach gibt es diejenigen Menschen, die einer reflexiven Einsicht fähig sind und diejenigen Menschen, die dazu nicht in der Lage sind. Bei letzteren handelt es sich letztlich um technisch zu manipulierende Wesen. Der erstgenannten Gruppe, den Reflexionsfähigen, kommt die Aufgabe zu, zum Wohle aller maschinell kalkulierbaren Menschen eine Gesellschaft kontrollieren. Die entsprechende Dystopie hat Aldous Huxley (1932/1998) in »Schöne neue Welt« formuliert. Diese setzt voraus, dass es einige Menschen gibt, die nicht wie Maschinen sind und deshalb eine wissenschaftlich geplante Welt durchsetzen können, in der die maschinenähnlichen Menschen wissenschaftlich durchgeplant und reibungslos funktionieren können. Eine Variation dieses Themas findet sich in der neueren Debatte zwischen Neurowissenschaften, Philosophie und Recht (vgl. hierzu etwa die Diskussion in Krüger 2007 und Lampe et al. 2008). Hier geht es um die Frage des freien Willens. Die Neurowissenschaften proklamieren, dass es einen freien Willen nicht geben könne, da der Umweltbezug von menschlichen und tierischen Organismen durch hochkomplexe neuronale Automatismen gesteuert werde (Singer 2004, Roth 2004). Dies müssten die Philosophie und das Recht einsehen. Es wäre vielleicht sogar unmenschlich, neuronale Automatismen als frei im Sinne des freien DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 133 Willens anzusehen, denn man würde dadurch menschlichen Organismen etwas zumuten, was diese niemals leisten können (Pauen 2010: 12). Weitere gesellschaftliche Konsequenzen werden in dieser Debatte allerdings nicht gezogen. 3.4 Die Irrealisierung der Grenze zu den Geistwesen Es gibt Gruppen, die in einem begrenzten Rahmen ein Wirklichkeitsverständnis etablieren, in dem es Teufel und Dämonen gibt. Es gibt auch Individuen, in deren Erfahrungswirklichkeit Geister oder Dämonen real vorkommen. Aber es gibt zugleich eine Vielzahl organisatorischer Einrichtungen und Diskurse, deren Aufgabe darin besteht, ein solches Weltverständnis als nicht allgemein verbindlich zu beschreiben und es damit zu marginalisieren. Um diese Marginalisierungsprozesse in ihrer Bedeutung zu erfassen, ist zu berücksichtigen, dass Menschen im Sinne des anthropologischen Quadrats in normativer Hinsicht eine Sonderstellung haben. Ihnen kommen subjektive Rechte zu. Dies beinhaltet auch das Recht, sich eine eigene Vorstellung von der Welt zu bilden und dieser im Alltag zu folgen. Solange andere Menschen dadurch nicht in Mitleidenschaft gezogen werden, wird menschlichen Individuen in der Moderne ein sehr weitgehendes Recht auf die individuelle Ausgestaltung ihres praktischen Weltverständnisses zugestanden. Menschen können z.B. davon ausgehen, dass sie zur Rettung von Gott und Welt verpflichtet sind und entsprechend handeln. Solange es ihnen zugleich möglich ist, sich an die allgemein verbindlichen Regeln zu halten, stellt dies kein Problem dar. Ein frühes und eindrückliches Beispiel schildert Daniel Paul Schreber, Senatspräsident beim Königlichen Oberlandesgericht Dresden (a.D), in seinen Memoiren (Schreber 1903/1973). Daniel Paul Schreber erlebte einen Zusammenbruch seines modernen Weltverständnisses und wurde seinem Selbstverständnis nach in eine Auseinandersetzung um die Existenz von Gott und Welt verstrickt. In der Hochphase dieser Auseinandersetzung wurde er als psychiatrisch erkrankt eingestuft, entmündigt und in eine Nervenheilanstalt eingewiesen. Nachdem sein Zustand sich so verändert hatte, dass er wieder angepasst an ein modernes Weltverständnis leben konnte, wurde er entlassen und strebte die Aufhebung seiner Entmündigung an. Er begründet diesen Schritt damit, dass er sich dazu in der Lage sehe, die beiden Weltverständnisse praktisch zu koordinieren. Denn einerseits war er immer noch mit der Rettung von Gott und Welt beschäftigt, aber dies beeinträchtige nicht seine Fähigkeit, seinen eigenen Geschäften nachzugehen und sein Vermögen selbstständig zu verwalten. Diese Auffassung wurde letztinstanzlich durch das Oberlandesgericht Dresden bestätigt, wonach er dazu in der Lage sei, seine KÖRPERINDIVIDUALISMUS 134 Rechtsgeschäfte alleinverantwortlich zu erledigen. Ein Wiederabdruck des Urteils findet sich in Schreber (1903/1973: 448ff). Die Quintessenz der Entscheidung könnte man so zusammenfassen: Solange eine eigensinnig-schrullige Auffassung von der Welt es nicht verhindert, dass ein Mensch sich an den allgemein gültigen Prinzipien des Geschäftslebens orientiert, darf dieser Mensch nicht entmündigt werden. In diesem Urteil dokumentiert sich ein Grundprinzip der modernen Ordnung. Die Individuen oder auch Gruppen von Individuen sind freigestellt zu glauben, was ihnen beliebt. Sie können auch ihrem Glauben entsprechend leben und handeln. Relevant ist nur, dass sie als Individuen zu Folgendem in der Lage sind: 1. Sie müssen die Differenz zwischen der eigenen partiell in einer Gruppe bzw. evtl. nur individuell verbindlichen Auffassung der Welt und dem allgemein verbindlichen Weltverständnis erfassen und 2. müssen sie sich in Angelegenheiten, die ein Handeln gemäß dem allgemein verbindlichen Weltverständnis erfordern, diesem entsprechend verhalten können. Wenn diese Bedingungen erfüllt sind, bleiben sie allgemein geschäftsfähig und können ansonsten die Welt verstehen, wie sie wollen. Daraus resultiert eine enorme Vielfalt von möglichen Weltverständnissen. Dennoch zerfällt die Ordnung der modernen Vergesellschaftung nicht in Beliebigkeit, denn sie wird zusammengehalten durch die differentielle Kosmologie der Moderne, die eine allgemeine Natur kennt und den Menschen des anthropologischen Quadrats mit seiner dreifachen Bestimmung als natürliches, kulturbildendes und moralisches Wesen. Fazit Die Analysen der Grenzziehungen am Lebensanfang und Lebensende beziehen sich auf übergreifende diskursive Sinngeneralisierungen. Diese markieren den Übergang von der christlichen Kosmologie der europäischen Vormoderne hin zur differentiellen Kosmologie der europäischen Moderne. Die Sekundäranalysen historischer Studien zeigen, dass übergreifende Sinngeneralisierungen nicht ohne weiteres auf konkrete alltägliche Handlungsvollzüge durchschlagen. Dazu bedurfte es – jedenfalls in den bisher analysierten Fällen – beachtlicher organisatorischer Leistungen. Bereits die Durchsetzung der Taufe als Etablierung eines allgemeinen Rechtsstatus, der die christlichen Seelen aus den familiären Zusammenhängen löste und diesen damit die absolute Macht über die Neugeborenen nahm, basierte auf einer organisatorischen Leistung. Die Kirche musste effektiv garantieren können, dass jedes Pfarrvolk einen tatsächlich anwesenden Pfarrer hatte, der die erforderliche Dokumentation von Geburt, Hochzeit und Tod vornahm. Die Organisationsleistung machte die Sinngeneralisierung, wonach jede Seele mit der Taufe in DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 135 ein unmittelbares Verhältnis zu Gott eintrat, alltäglich verbindlich. Die Realisierung der organisatorischen Erfassung aller Kirchenglieder war mühselig und deshalb immer wieder Thema auf kirchlichen Konzilen. Zuerst auf dem vierten Laterankonzil (1215), auf dem Konzil von Florenz (1439) und im Rahmen der Gegenreformation 1546 auf dem Konzil von Trient. Das letztere führte als zentrale Neuerung die Verpflichtung zur Anwesenheit eines Pfarrers bei seinem Pfarrvolk ein. Aufgrund der Konkurrenz der christlichen Kirchen seit der Kirchenspaltung war eine intensivere Betreuung der Seelen erforderlich, die zugleich eine intensivere Seelenindividualisierung zur Folge hatte. Dies ist ein Hinweis darauf, dass die verstärkten organisatorischen Anstrengungen, die durch die mit der Kirchenspaltung einhergehende Konkurrenz der Glaubensrichtungen motiviert waren, die Loslösung der individuellen Seelen aus ihren famili- ären Zusammenhängen beförderte. Der moderne Staat schließt an diese Organisationsleistung nicht nur an, sondern baut sie mit der Durchsetzung der Beurkundung des Personenstandes aus. Der Staat gewährleistet organisatorisch, dass jeder Tote von einem Arzt in Augenschein genommen wird, damit wird jeder Tote als diesseitig dreidimensional ausgedehnter verstorbener Körper betrachtet – ohne jeden allgemeinverbindlichen Seelenbezug ins Jenseits. Der Arzt stellt fest, dass das Leben dieser menschlichen Person beendet ist. In dem Maße, in dem die entsprechende Organisationsleistung für die Grenzziehung am Lebensende gelang, wurde die neue diskursive Sinngeneralisierung, wonach leibliche Selbste sich als ein menschliches Körperindividuum zu verstehen hatten, umfassender für alltägliche Handlungsvollzüge relevant. Damit deutet sich an, dass die Institutionalisierung des Prinzips der mitgliedschaftlichen Verfasstheit bzw. das Prinzip der Organisation in der Sozialdimension es ermöglichen, übergreifende Sinngeneralisierungen für die alltäglichen Handlungsvollzüge verbindlich zu machen. Die Sinngeneralisierungen, die in dieser Praxis relevant gemacht wurden, waren in sachlicher Hinsicht nicht homogen. Es lassen sich zumindest drei unterschiedliche Formen unterscheiden. Es handelt sich 1. um die naturwissenschaftlich orientierte Medizin, 2. um die die politisch machtvoll durchgesetzte mitgliedschaftliche Verfassung des Staates und beide Sinngeneralisierungen sind 3. bezogen auf den Sinnzusammenhang von individuellem Körper und Familie. Anders gesagt: Die Familie ermöglicht das Individuum als diesseitigen Körper, dessen Leben gegen die Familie unmittelbar vom Staat garantiert wird, der seine Garantenfunktion gegen die Familie vermittels der Medizin durchsetzt, die ihre Sinnlogik in diese Vermittlung einbringt. Damit werden leibliche Selbste in eine neue institutionelle Form gebracht: das menschliche Körperindividuum mit einem allgemeinen Rechtsstatus, der Freiheit und Würde garantiert. Das Körperindividuum wird demnach gebildet in der Verschränkung dreier diskursiver Sinngeneralisierungen (Familie, Medizin, Recht/Politik), die KÖRPERINDIVIDUALISMUS 136 in einer organisationalen Praxis reflexiv ineinander verschränkt werden und das verkörperte Individuum in die differentielle Kosmologie der Moderne einordnen. Seit dem Mittelalter wurden durch die kirchlichen Organisationsleistungen Seelenindividuen geschaffen. Als solche waren leibliche Selbste des Dissenses, d.h. der Sünde fähig. Die Kirche hatte dann mit einem Folgeproblem zu kämpfen: Die sich als Seelenindividuen verstehen sollenden leiblichen Selbste mussten wieder in die hierarchische Ordnung integriert werden. Das Mittel hierzu war die Entfaltung der Pastoralmacht durch Beichte und Predigt, wodurch die Seelenindividuen angehalten wurden, ihr Innerstes nicht nur zu er-, sondern auch vor dem Priester zu bekennen bzw. zu offenbaren (Foucault 1988/1993b). Für die Gesellschaft, die sich aus menschlichen Körperindividuen zusammensetzen, verschärft sich dieses Problem. Als institutionalisierte Körperindividuen sind leibliche Akteure aus der Einbindung in das Jenseits bzw. aus der selbstverständlich geltenden christlichen Hierarchie entlassen. Es gibt keine vorgegebene Ordnung mehr, in die sie sich selbstverständlich integrieren sollten. Menschliche Körperindividuen gelten als frei und gleich an Würde, es soll daher in ihrer Macht liegen, heterogene Ordnungen zu schaffen, die nicht mehr in eine übergreifende Ordnung zu integrieren sind. Die europäische Vormoderne kannte eine konflikthafte Einordnung dissensfähiger Seelenindividuen in eine vorgegebene Ordnung. Daraus wird eine Pluralität von Ordnungen, deren Bildung auf der Institution des Menschen gleich an Freiheit und Würde basiert. DIE ENTSTEHUNG DES MENSCHLICHEN KÖRPERINDIVIDUUMS 137 Kapitel 2 Horizontale Differenzierung Als Ergebnis der bisherigen Ausführungen lässt sich festhalten: Die moderne Gesellschaft besteht aus institutionalisierten Einheiten, den menschlichen Körperindividuen. Insofern kann man die moderne Gesellschaft als eine – und evtl. bislang einzige – menschliche Gesellschaft beschreiben. Diese reicht soweit, wie in ablaufenden Institutionalisierungen und beschreibenden diskursiven Legitimierungen der Sachverhalt hergestellt wird, dass nur lebendige Menschen als legitime Personen in Frage kommen. Dieser Sachverhalt wird in der traditionellen soziologischen Theorie nicht als solcher begriffen, vielmehr werden Körperindividuen als quasi natürliche Grundlage der Vergesellschaftung vorausgesetzt. Die Analyse der unterschiedlichen Grenzziehungen des Seelenindividuums und des Körperindividuums im anthropologischen Quadrat haben aufgezeigt, dass von einer solchen quasi-natürlichen Voraussetzung nicht die Rede sein kann. Den institutionalisierten Körperindividuen gingen die durch kirchliche Legitimationstheorien bzw. kirchliche Organisationsleistungen erzeugten Seelenindividuen voraus, denen ihrerseits familiengebundene Dividuen vorausgegangen waren. Im Weiteren geht es darum, genauer herauszuarbeiten, welche Konsequenzen sich aus der Einsicht in die Historizität der Körperindividuen für die Theorie gesellschaftlicher Differenzierung ergeben. Bezogen auf gesellschaftliche Differenzierung werden allgemein zwei Formen unterschieden: die horizontale Ausdifferenzierung sachlich unterschiedlicher Handlungsbereiche und die vertikale Differenzierung im Sinne von sozialer Ungleichheit. Diese beiden Achsen der Differenzierung gelten als allgemein anerkannt in der soziologischen Forschung (vgl. Schwinn 2007). Mit Bezug auf die bisherigen Analysen zur Institutionalisierung der menschlichen Körperindividuen mit einem allgemeinen Rechtsstatus kann man diese Unterscheidung weitergehend charakterisieren. Zunächst einmal gilt es die Besonderheit des Konzepts der horizontalen Differenzierung zu benennen. Es schließt einerseits an die These an, dass es differenzierte gesellschaftliche Subgruppen im Sinne Durkheims oder soziale Kreise im Sinne Simmels gibt, die sich jeweils aus menschlichen Körperindividuen zusammensetzen. Zum anderen schließt es an die These von Luhmann an, dass sich mit dem Übergang zur Moderne Handlungsbereiche ausbilden, die jeweils einer eigenen Sinnlogik folgen, Luhmann spricht hier von der Ausdifferenzierung funktionaler Teilsysteme der Gesellschaft. In der Systemtheorie gibt es eine Debatte darum, wie der Funktionsbegriff und entsprechend wie die Funktion der 138 einzelnen Teilsysteme für die Gesellschaft zu verstehen sind. Ich möchte mich in diese Diskussion nicht einmischen und übernehme von Luhmann die Annahme, dass die ausdifferenzierten Handlungszusammenhänge nicht in einem hierarchischen Verhältnis zueinander stehen, begnüge mich aber mit der weniger anspruchsvollen Annahme der horizontalen Differenzierung von diskursiv legitimierten Handlungszusammenhängen. Die Bescheidenheit rührt daher, dass es mir nicht um die Analyse der modernen Gesellschaft als soziales System geht, sondern um die Analyse der modernen Gesellschaft verstanden als Analyse der Ordnung des modernen Weltzugangs. Diese ist nicht nur eine Ordnung in der Sozialdimension bzw. der Symboldimension, sondern immer auch eine Ordnung von Raum und Zeit sowie der sachtechnischen Verfahren. Die Frage der Funktionalität einzelner Handlungszusammenhänge kann ich sinnvollerweise also nur mit Bezug auf die Ordnung eines Weltzugangs insgesamt stellen. Diese Fragestellung kann frühestens am Ende des zweiten Bandes aufgenommen werden. Wenn sich abzeichnet, wie die technisch bzw. symbolisch vermittelten Raum-Zeit-Strukturen beschaffen sind, wird ein Urteil darüber möglich, wie die symbolisch vermittelten Differenzierungsstrukturen in der Sozialdimension und die Raum-Zeitstrukturen einander bedingen und insofern eine Gesamtordnung bilden, deren Teilstrukturen funktional füreinander sind. Da ich also die Frage nach der Funktionalität von was für was noch nicht sinnvoll stellen kann, beschränke ich mich mit Bezug auf die Differenzierung der Gesellschaft in der Sozial- und Sachdimension darauf, von horizontaler Differenzierung in Subgruppen und diskursiv legitimierte sachlichen Handlungszusammenhänge zu sprechen. Horizontale Differenzierung stellt eine ambivalente Differenzierungsform dar (Schimank 2007: 13). In ihren positiven Hinsichten erscheint sie als die Sollform moderner Vergesellschaftung, denn sie ist kompatibel mit deren zentralen normativen Strukturvorgaben (Ethos der Menschenrechte) und der damit einhergehenden Sicherung der Rechte des Individuums. Die Institutionen des Menschen bzw. der Menschenrechte und die Struktur horizontaler Differenzierung stehen in einem Verhältnis wechselseitiger Voraussetzung (vgl. Durkheim 1950/1999, Luhmann 1965/1999, Lindemann 2012a), dies wird im folgenden dritten Kapitel genauer ausgearbeitet werden. Die Ambivalenz rührt daher, dass Individualisierung auch »Entfremdung und Orientierungslosigkeit« (Schimank 2007: 13) beinhalten würde, bzw. dass die Handlungslogiken der unterschiedlichen Teilbereiche sich verselbständigen würden, was zu einer »Desintegration der Gesellschaft« führen könne (Schimank 2007: 13). Ungleichheit ist nicht grundsätzlich unvereinbar mit horizontaler Differenzierung (in institutionalisierte Handlungszusammenhänge und in Subgruppen). In gewisser Weise ermöglichen sich soziale Ungleichheit HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 139 und eine horizontale Differenzierung in Subgruppen und Handlungszusammenhänge sogar wechselseitig. Die normative Besonderheit horizontaler Differenzierung liegt darin, dass es keine allgemeine, die Gesellschaft als Ganze einbeziehende Hierarchie mehr gibt, sondern sich stattdessen gruppenbezogene (etwa in Organisationen) und leistungsbezogene Hierarchien (bezogen auf einzelne Handlungszusammenhänge) ausbilden. Es gibt keinen allgemeinen gesellschaftlichen Status mehr, sondern nur noch leistungsbezogene bzw. subgruppenbezogene Hierarchien. Die Durchsetzung differentieller Hierarchien fördert die Individualisierung. Diesen Sachverhalt hat bereits Simmel als solchen identifiziert, wenn er feststellt, dass ein Individuum umso stärker ein Individuum ist, je mehr die Status in unterschiedlichen Gruppen divergieren (Simmel 1908/1983: 320). Das Gleiche gilt für unterschiedliche Status mit Bezug auf die Sinnhorizonte des Handelns und Kommunizierens: Statusdifferenzen in den Handlungszusammenhängen Politik, Wirtschaft oder Wissenschaft wirken nicht nur individualisierend, sondern auch im Sinne einer Differenzierung dieser Handlungsbereiche. Insofern sichern differente Statushierarchien sowohl Individualisierung als auch die Struktur horizontaler Differenzierung. Die vertikale Differenzierung im Sinne von sozialer Ungleichheit kann allerdings problematisch werden, wenn durch sie die normative Strukturvorgabe horizontaler Differenzierung, das Ethos der Menschenrechte, verletzt wird. Die Differenzierung von Leistungshierarchien verhindert nicht, dass einzelne Körperindividuen in mehreren unterschiedlichen Leistungshierarchien hohe Positionen übernehmen bzw. andere Körperindividuen vollständig die Möglichkeit verlieren, an leistungsbezogenen institutionalisierten Handlungsabfolgen teilzunehmen, die an der Logik eines Handlungszusammenhangs orientiert sind. Die Soziologie hat sozusagen intuitiv erfasst, dass eine derart gesteigerte soziale Ungleichheit für die Sollstruktur der horizontalen Differenzierung problematisch ist und thematisiert nahezu durchgehend soziale Ungleichheit, soweit sie nicht meritokratisch entsprechend den Leistungsvorgaben einzelner Handlungszusammenhänge begründbar ist, als ein Problem (vgl. Parsons 2000). Auch im Rahmen der Systemtheorie im Anschluss an Luhmann wurde spätestens seit den 1990er Jahren begonnen, derart plurale Exklusionen mit Bezug auf die einzelnen Körperindividuen als Problem zu analysieren (Luhmann 1995a, Stichweh 2000: 85ff). Das Problem sozialer Ungleichheit wird im Rahmen der hier vorgestellten Gesellschaftstheorie im dritten Band »Verfahrensordnungen der Gewalt« im Sinne der These struktureller Gewalt behandelt. Um zu begreifen, inwiefern soziale Ungleichheit ein Problem sein kann, ist es aber zunächst erforderlich, die als ambivalent begriffene, in wichtigen Hinsichten jedoch als normative Solldifferenzierung geltende horizontale Differenzierung der menschlichen Vergesellschaftung zu erfassen. HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 140 Die Analyse des Zusammenhangs zwischen dem institutionalisierten Menschen des anthropologischen Quadrats und horizontaler Differenzierung bewegte sich bislang überwiegend auf der Ebene diskursiver Legitimationen. Dabei war allerdings schon deutlich geworden, dass es nicht ausreicht, sich allein auf dieser Ebene zu bewegen. Die Durchsetzung des allgemeinen kirchenrechtlichen Status der getauften Seelenindividuen fand nicht nur auf der Ebene des Diskurses statt, sondern ging mit einer praktischen Organisationsleistung einher. Priester mit organisatorisch gesicherter Anwesenheitspflicht bei ihrem Pfarrvolk tauften die Neugeborenen, stifteten die Ehe, gaben die letzten Sakramente und führten über diese Ereignisse Kirchenbücher. Diese Organisations- und Dokumentationspraxis übernimmt der Staat von der Kirche und bildet auf diese Weise die Körperindividuen mit einem allgemeinen Rechtsstatus – orientiert an der übergreifenden Legitimationstheorie des Ethos der Menschenrechte. Auch hier war eine praktische Organisationsleistung erforderlich. Um im nächsten Schritt die Theorie gesellschaftlicher Differenzierung zu entfalten, führe ich zunächst die hier verwendete Diskurstheorie weiter aus, soweit sie für die Beschreibung funktionaler Sinnzusammenhänge relevant ist. Auf diese Weise wird zugleich deutlich, dass und inwiefern diese Fassung der Theorie horizontaler Differenzierung auf die empirische Kritik an der Differenzierungstheorie im Sinne funktionaler Differenzierung mit einer Neukonzeptualisierung antwortet. 1. Diskurs als Beschreibung von Handlungs- und Kommunikationszusammenhängen Bislang habe ich von ausdifferenzierten Handlungszusammenhängen gesprochen. Genau genommen muss man allerdings von Handlungs- und Kommunikationszusammenhängen sprechen. Denn die Ausdifferenzierung dieser Zusammenhänge erfolgt maßgeblich durch Kommunikation, d.h. durch diskursive Legitimationen. Diskursive Legitimationen sind institutionalisierte Formen von Kommunikation, durch die Institutionenzusammenhänge (institutionalisierte Gesamthandlungen und vermittelnde Institutionen) in einen sinnhaft kohärenten Zusammenhang gebracht werden und damit von anderen derartigen Zusammenhängen abgegrenzt werden können. Insofern diskursive Legitimationen sich auf Institutionenzusammenhänge beziehen, kann man auch von einem Kommunikations- und Institutionenzusammenhang sprechen, wenn man etwa den Zusammenhang der Wirtschaft oder von Recht und Politik meint. Als institutionalisierte Ordnungen sind Diskurse triadisch strukturiert. Dabei setzen sie die Diabolik der Kommunikation mit Bezug auf HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 141 den je spezifischen Institutionenzusammenhang fort. Der Diabolik der Kommunikation entsprechend wird im Diskurs zum einen festgelegt, wer legitimerweise zu wem sprechen darf und wer nicht, und zum anderen welche Drittenperspektiven einzubeziehen sind und welche nicht. 1.1 Die Dia-Symbolik des Diskurses Diskursive Legitimationen symbolisieren immer auch, wer in einen Kommunikationszusammenhang auf welche Weise einbezogen ist. Damit beinhalten Diskurse einen Bezug auf einen jeweils gültigen übergreifenden Kommunikationszusammenhang, indem kommunikativ expliziert wird, welche praktischen Bezüge auf begegnende Entitäten als Bezüge auf mögliche Akteure zu erleben sind. In den praktischen Bezügen wird symbolisiert, wer als eine berührende Person in einem Kommunikationszusammenhang in Frage kommt. Faktisch führt dies im Rahmen horizontaler Differenzierung zu einer gestuften Diabolik: In übergreifenden Legitimationen dokumentiert sich, wer überhaupt teilnehmen können sollte: alle menschlichen Körperindividuen. In Legitimationstheorien, die sich auf einzelne Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge (Recht, Staat, Wirtschaft usw.) beziehen, dokumentiert sich, wer an einzelnen Institutionen, bzw. Zusammenhängen von Institutionen zu beteiligen ist. Wenn man diese abnehmende Generalisierung für die moderne Gesellschaft durchspielt, würde etwa gelten, dass alle lebenden Menschen prinzipiell teilnehmen können sollten (Verweis auf den übergreifenden Handlungs- und Kommunikationszusammenhang), während für den Bereich der Wirtschaft etwa gelten würde, dass nur diejenigen zu beteiligen sind, die etwas kaufen können oder etwas zu verkaufen haben und sich damit am Worum-Willen der Wirtschaft, der Gewinn- bzw. Nutzenmaximierung, beteiligen können (Verweis auf einen subsinnweltspezifischen Kommunikations- und Institutionenzusammenhang). Zugleich müssen die Beteiligten es hinnehmen, dass sie dadurch auch den legitimierten selegierenden Institutionen, z.B. der Konkurrenz, unterworfen sind und als Verlierer in der Konkurrenz nicht bzw. nicht mehr bzw. vorübergehend nicht teilnehmen können. Durch solche gestuften Dia-Symbolisierungen wird bereits auf der Ebene der ablaufenden Institutionen eine gewisse sinnhafte Kohärenz erzeugt. Diskurse setzen die Diabolik der Kommunikation mit Bezug auf den je spezifischen Institutionenzusammenhang fort. Dies gilt für die Sozialdimension (wer darf legitimerweise zu wem sprechen – und wer nicht), aber auch für die anderen Sinndimensionen, die Diabolik in der Sozialdimension wird ergänzt durch die Diabolik in der Raum-, Zeit-, Symbolund Sachdimension. Die Einführung der Drittenperspektive ist für ein DISKURS ALS BESCHREIBUNG 142 Verständnis der Diabolik in der Sachdimension von besonderer Bedeutung. Die Drittenperspektive garantiert, dass die Beiträge zum Diskurs im Vollzug objektiviert werden und damit in geregelt sachlicher Weise auf das Legitimationsproblem (der Wirtschaft oder der Politik) bezogen werden. Dadurch wird eine sachbezogene Rationalität und sachliche Kritik auf der Ebene der rein theoretischen Erörterung ermöglicht. Die Dia-Symbolisierung der Sachdimension besteht darin, dass im Diskurs bestimmte Themen nur in einer bestimmten Form angesprochen werden können bzw. sollen, weshalb andere Themen oder unangemessene Thematisierungsweisen aus dem Bereich dessen heraus fallen, was gegenwärtig unter diesen Umständen gesagt werden kann. Entsprechend der Mehrdimensionalität von Ordnungsbildung gilt es ebenfalls, die Diabolik der Zeit- und der Raumdimension zu berücksichtigen. Beiträge sind gegenwärtig in diesem »sozialen Resonanzraum« (Fritz-Hoffmann 2017) relevant, bzw. sie sind gegenwärtig unsagbar. Das heißt aber nicht, dass es nicht eine zukünftige Gegenwart in diesem oder einem anderen sozialen Resonanzraum geben kann, in der das gegenwärtig Unsagbare sagbar wird. Die Diabolik der Zeitdimension liegt darin, dass etwas immer nur jetzt gesagt werden kann und damit alles andere, was jetzt auch noch gesagt werden könnte, ausgeschlossen wird für diese Gegenwart in diesem sozialen Resonanzraum. Das Verhältnis von Gesagtem und Ungesagtem bildet die Vergangenheit zukünftiger Gegenwarten, von denen aus das Verhältnis von Gesagtem und Ungesagtem wieder aufgenommen, fortgesetzt oder durch geänderte Zukunftsbezüge modifiziert werden kann. Dadurch, dass Diskurse raum-zeitlich vollzogene Ereignisse sind, wird die Diabolik in der Sozial- und Sachdimension relativiert. Denn sachliche und soziale Ausschlüsse gelten nur als verzeitlichte und verräumlichte Ausschlüsse. Die symbolisch-diskursiven Vollzüge leiblicher Akteure ereignen sich nicht nur in der Sozialoder Sachdimension, vielmehr sind sie in ihrer praktischen Gestaltung raum-zeitlich vermittelt. Gegenwärtig gelten Engel und Dämonen nicht in allgemein anerkannter Weise als legitime Akteure, die Unterschiede zwischen Menschen und Engeln fallen gegenwärtig z.B. aus dem Bereich des wissenschaftlich Sagbaren heraus. Im 14. und 15. Jahrhundert gab es dagegen einen allgemein anerkannten Diskurs um Engel, Teufel und Hexen. Ein solches Diskursverständnis nimmt – wie gesagt – einige Aspekte auf, die Foucault (1972/1973: 11) in den Vordergrund stellt. Die Machtbezogenheit von Diskursen wird als deren Diabolik in der raum-zeitlich vermittelten Sozial- und Sachdimension berücksichtigt. Es dürfen nicht alle Beiträge zu Diskursen machen, sondern nur diejenigen, die die Sprecherposition einnehmen dürfen. Im Diskurs wird festgelegt, wer legitime Beiträge leisten kann. Das ist die Diabolik in der Sozialdimension. HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 143 Die Diabolik gilt auch für die Sachdimension des Diskurses, d.h. für dessen Themen, denn im Diskurs wird festgelegt, worin das Problem besteht und wie es diskursiv zu verhandeln ist. Damit sind andere Themen bzw. andere Vorgehensweisen für die relevante Gegenwart des Sprechens (Zeitdimension) bzw. Beiträge-Machens in einem bestimmten sozialen Resonanzraum nicht mehr anschlussfähig. Die Dia-Symbolisierung in der Sachdimension verleiht dem hier verwendeten Diskursbegriff eine gewisse Nähe zum Diskursverständnis von Habermas. Denn die triadische Struktur des Diskurses weist eine Tendenz zur kommunikativen Rationalität auf: Beiträge zum Diskurs zu leisten, beinhaltet, den eigenen Beitrag im Verhältnis zum Thema aus der Perspektive Dritter zu objektivieren. Es muss also immer mitbedacht werden, ob Dritte den Bezug zum Thema nachvollziehen können. Beiträge sind nicht nur an die Kontrahenten im Diskurs adressiert, sondern sie werden aus der Perspektive Dritter objektiviert. In einem Diskurs schließt Ego mit einer Stellungnahme an die Äußerung eines Alter Egos an und kritisiert diese. Die kritische Stellungnahme antizipiert, dass es sich um eine Stellungnahme vor Dritten handelt. Der Dritte zwingt dazu, die Kritik nicht nur so zu formulieren, dass sie gegen Alter Ego gerichtet ist, sondern auch so, dass die Kritik vor Dritten bestehen kann. In diesem Verfahren bilden sich Regeln des guten und überzeugenden Argumentierens heraus. Dies ermöglicht eine theoretisch-sachliche Rationalisierung; deren implizites Telos besteht darin, eine generalisierte Nachvollziehbarkeit von Argumenten zu ermöglichen. Die Tendenz zur Rationalisierung und zur Versachlichung wird bei Foucault nicht eigens reflektiert, sondern charakterisiert eher das Diskursverständnis von Habermas. Gemäß dem hier vorgeschlagenen Verständnis ist Diskurs als Ordnung praktischer Vollzüge zu begreifen, durch die Beiträge zu Themen geleistet werden, die ihrerseits als Bestandteil von Legitimationstheorien (Luhmann würde hier von gepflegter Semantik sprechen) zu verstehen sind. Damit wird Diskurs im Rahmen eines Konzepts gedacht, das den vermittelt-unmittelbaren praktischen Leib-Umweltbezug in den Mittelpunkt stellt. Diskurse werden von leiblichen Akteuren getragen, und Diskurse sind für diese Praxis von Bedeutung, weil und insofern sie praktische Umweltbezüge strukturieren. Dieses Diskursverständnis nimmt damit eine wichtige Debatte im Rahmen der Diskursanalyse auf. Denn Diskurse werden einerseits als in sozialen Feldern auffindbare Theorien zu bestimmten Themen begriffen, denen als solche auch eine kommunikativ rationalisierende Eigendynamik zukommt und andererseits werden Diskurse als Vermittlungen der alltäglich ablaufenden institutionellen Praxis verstanden. Zwischen institutionellen Praktiken und Diskursen ist dabei eine Wechselwirkung anzunehmen, denn Diskurse wirken nicht einfach top-down, vielmehr werden diskursive Bezüge in ablaufenden Institutionen aktualisiert und gegebenenfalls abgewandelt. DISKURS ALS BESCHREIBUNG 144 Die Veränderungen der vermittelt unmittelbaren Praxis können ihrerseits auf eher theoretische Diskurse zurückwirken und theoretische Neuerungen können praktisch relevant werden. Das hier vorgeschlagene Diskursverständnis setzt den Diskurs von vornherein in einen engen Bezug zur triadisch strukturierten institutionell und technisch vermittelten Praxis. Denn Diskurse werden als Formen der Vermittlung alltäglicher Praxis verstanden und zugleich als möglicherweise praxisfernes Geschehen, denn die Themen des Diskurses können in diesem rationalisierend verhandelt werden. Diskurse sind von der Praxis abgehoben und können als solche untersucht werden. Solche Analysen sind aber nur dann sinnvoll, wenn zumindest die Hypothese gilt, dass Diskurse auch die institutionelle Praxis strukturieren, sie also diskursiv vermitteln. Wenn man es unterlässt, die institutionelle Praxis selbst in den Blick zu nehmen, wird die Aussage, dass die institutionelle Praxis diskursiv vermittelt ist, zu einer idealistischen Setzung. In diesem Sinne kritisiert etwa Andrea Bührmann (2005) Ulrich Bröcklings Theorie des unternehmerischen Selbst.1 Ich verstehe diese Kritik so: Wenn man sich auf die Ebene von Diskursen beschränkt und sich die Analyse der unmittelbaren Praxis spart, beinhaltet dies die Annahme, dass der Diskurs sozusagen selbstläufig und mit einer gewissen Notwendigkeit die Praxis strukturiert. Das Konzept der vermittelten Unmittelbarkeit bietet hier eine Lösung, denn es stellt die möglichen Freiheitsspielräume der triadisch verfassten institutionellen und diskursiven Praxis in Rechnung und berücksichtigt gleichermaßen die strukturierende Funktion von Diskursen. Damit nimmt das hier vorgeschlagene Diskursverständnis gegenwärtige Bemühungen in der Diskursanalyse auf (Keller 2011), die Bedeutung der Unmittelbarkeit des subjektiven Handelns stärker zu berücksichtigen. Während Keller aber Handeln eher im Sinne individuellen Handelns versteht und damit die Gedankenführung von Berger und Luckmann direkt fortsetzt, führt das hier vorgeschlagene Diskursverständnis eine Erweiterung ein. Diese besteht darin, dass Diskurse nicht auf Handlungen bezogen werden, sondern auf triadisch strukturierte institutionelle und kommunikative Vollzüge leiblicher Selbste. Diese Perspektive ist auch entscheidend für eine Differenzierung, die im Subjektverständnis von Keller und auch von Foucault nicht thematisierbar ist, nämlich die Differenz zwischen Dividualisierung und Individualisierung – ausgehend von der sozialen Unentschiedenheitsrelation. 1 Bröckling hat diese Theorie, nachdem er sie in mehreren Aufsätzen skizziert hatte, zusammenfassend formuliert in Bröckling (2007). HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 145 1.2 Antwort auf die empirische Kritik der Differenzierungstheorie Die Theorie diskursiver legitimierender Beschreibungen eröffnet eine neue Perspektive auf die Analyse moderner Gesellschaften. Diese gelten als differenziert in unterschiedliche Teilbereiche wie etwa »Politik«, »Recht«, »Wissenschaft«, »Wirtschaft« usw. Solche Differenzierungen lassen sich mit Bezug auf diskursive Legitimationen empirisch beobachten als Beschreibungen von Institutionszusammenhängen. Akteure beschreiben die Beteiligungen an Gesamthandlungen und deren institutionelle Vermittlungen als Beteiligung etwa an den Handlungs- und Kommunikationszusammenhängen »Politik«, »Kunst«, »Wissenschaft« oder »Wirtschaft« usw. Armin Nassehi (2004) bezeichnet in seiner Diskussion der unterschiedlichen Kritiken an der Theorie funktionaler Differenzierung diejenige von Karin Knorr Cetina (1992) als besonders bedenkenswert. Denn sie beziehe umfangreich empirische Forschung ein. Mit Bezug auf die Wissenschaft kommt Knorr Cetina zu dem Ergebnis, dass die empirische Erforschung der Praxis wissenschaftlicher Forschung auf Vieles stößt, aber nur selten auf den Code wahr/unwahr. Vielmehr gehe es in der wissenschaftlichen Praxis um handwerkliche Geschicklichkeit bei der Durchführung von Experimenten, um die Auseinandersetzungen um Ressourcen für die Durchführung der Forschung, um das Verhältnis zu Geldgebern, um interne Laborhierarchien usw. usf. Der Bezug auf den Code wahr/unwahr sei dagegen eher selten. Das Gegenargument von Nassehi lautet, dass ein solcher Code erst auf einer stärker generalisierten Ebene wissenschaftlicher Kommunikation zum Tragen komme, etwa bei Publikationen, die zugleich rückwirkend eine Selbstbeschreibung der wissenschaftlichen Forschungspraktiken enthielten (Nassehi 2004: 108). Kommunikationen, die solche Selbstbeschreibungen mitführen und dadurch den Bezug auf das System herstellen, fänden sich etwa in Publikationen oder wissenschaftstheoretischen Reflexionen. Erst auf der Ebene von Kommunikationen, die reflexiv Bezug nehmen auf die wissenschaftliche Praxis, wird ein Bezug zum Gesamtzusammenhang wissenschaftlicher Kommunikation hergestellt und erst auf dieser Ebene ließen sich daher Hinweise auf die Gültigkeit funktionaler Differenzierung finden. Damit setzt Nassehi eine formale Argumentation Luhmanns (1984: 601ff) fort. Dieser hatte in »Soziale Systeme« drei Formen von kommunikativer Reflexivität unterschieden und den Terminus »Reflexion« reserviert für die kommunikative Beschreibung von ablaufenden Kommunikationen als System (Luhmann 1984: 601). Systeme sind danach Kommunikationen, die reflexiv durch Kommunikationen als einem System zugehörig beschrieben werden. DISKURS ALS BESCHREIBUNG 146 Der Aufbau der Theorie reflexiver Institutionalisierung weist eine gewisse Nähe zu dieser Argumentation auf. Denn auch hier geht es darum, dass institutionelle Handlungsabläufe und vermittelnde Institutionen durch Diskurse als einem spezifischen Zusammenhang (Politik, Wirtschaft etc.) zugehörig beschrieben werden. Der Unterschied zu Luhmanns Konzept liegt darin, dass zum einen von funktionaler auf die weniger anspruchsvolle Annahme horizontaler Differenzierung umgestellt wird und zum anderen auch materielle Handlungsabläufe und Technik bzw. durch Technik vermittelte Handlungsabläufe einbezogen werden. Diese Ebene ist im Rahmen der Theorie Luhmanns spätestens seit der autopoietischen Wende nicht mehr erfassbar.2 Für das Problem einer empirischen Differenzierungstheorie ergibt sich aus einem Theoriedesign, das von zunehmend generalisierten und reflexiv aufeinander bezogenen Sinnschichtungen ausgeht, folgendes: Wenn man die Gültigkeit der Theorie funktionaler bzw. horizontaler Differenzierung empirisch untersuchen möchte, reicht es nicht aus, empirisch zu konstatieren, dass der Bezug auf übergreifende Sinnzusammenhänge nicht in jeder einzelnen Praktik unmittelbar beobachtbar ist, sondern man muss in den Blick nehmen, wie beobachtbare situative Praktiken und generalisierte reflexive Beschreibungen von Institutionszusammenhängen miteinander vermittelt sind. Ohne auf die Institutionalisierungstheorie Bezug zu nehmen, verweist Nassehi damit auf die Ebene der Legitimation im Sinne von Legitimationstheorien. Er macht allerdings keine Angebote, wie diese Ebene mit derjenigen des wissenschaftlichen Alltags, d.h. der alltäglichen Forschungspraxis, zusammenhängt. Wie sind die wissenschaftlichen Experimentalpraktiken, die Bedeutung von handwerklicher Geschicklichkeit, Reputation, ungleicher Ressourcenverteilung, Machtkämpfen sowie die gelingende Kooperation mit Geldgebern aus Wirtschaftsorganisationen oder der Verwaltung usw. vermittelt mit den Selbstbeschreibungen, aus denen sich eine Orientierung am Code wahr/unwahr erschlie- ßen lässt. Für das Projekt einer empirischen Differenzierungsforschung schlage ich in Weiterführung von Berger und Luckmann vor, legitimierende Beschreibungen folgendermaßen zu begreifen. Sie formulieren ein normativ ausgerichtetes »Worum-willen«, das für jeweilige Zusammenhänge unterschiedlich ausfällt. In diesem Sinne favorisieren Legitimationen der Wirtschaft als Worum »Gewinnmaximierung«, womit zugleich legitimiert ist, dass Waren bzw. Geld getauscht und individuell exklusiv angeeignet werden. Damit wird für den Bereich der Wirtschaft zugleich 2 Neuere Versuche, den Aspekt des Materiellen in der Systemtheorie zu berücksichtigen (Henkel 2016a), werden vermutlich dazu führen, Systemtheorie und die von der Leib-Umweltbeziehung ausgehende Theorie reflexiver Institutionalisierung einander anzunähern. HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 147 eine strikt individualisierende Vergesellschaftung verbindlich gemacht. Leibliche Operatoren haben sich, insofern sie sich in die wirtschaftlichen Institutionenzusammenhänge involvieren, als Individuen zu verstehen, die ihrem Nutzen folgen. Legitimationen der Wissenschaft stellen die Orientierung an rational begründbarer und im Fall der empirischen Wissenschaften empirisch gestützter Wahrheit in den Mittelpunkt. Wahre Aussagen werden nicht weniger, wenn sie von einzelnen Akteuren angeeignet werden. Zudem werden wahre Aussagen in ihrem Wahrheitsgehalt gestützt, wenn auch die Bedingungen, unter denen sie entstanden sind, wahrheitsorientiert beschrieben werden. Die Gültigkeit bzw. das Zustandekommen der Aussagen werden gesichert, indem leibliche Selbste sich als Individuen adressieren, die für ihre Forschung verantwortlich gemacht werden können. In diesem Sinne kann man die Offenlegung von Experimentaldaten bzw. -verfahren normativ fordern und kann auf den institutionalisierten Konsens Dritter bauen, wenn man dies von wissenschaftlichen Konkurrenten verlangt. Insofern Wissenschaftler einzeln verantwortlich gemacht werden bzw. als Individuen Reputation erwerben, erfolgt auch im Bereich der Wissenschaft eine Festlegung auf Individualisierung. Dennoch unterscheidet sich die normative Orientierung an der Gewinnmaximierung von derjenigen an der Wahrheitsfindung. Ein erfolgreicher Fondsmanager kann von Konkurrenten nicht normativ darauf verpflichtet werden, die Verfahren offen zu legen, die ihm so hohe Gewinne eingetragen haben. Legitimierende Beschreibungen besagen nicht unbedingt, dass es allen Beteiligten bei jedem aktuellen Vollzug darum geht, zu wahren Aussagen zu kommen bzw. Gewinn zu maximieren; sie besagen lediglich, dass Akteure sich an dem jeweils legitimierten »Worum-Willen« orientieren sollten und dass sie voneinander normativ einfordern können, sich daran zu orientieren. In einem individualistisch verkürzten handlungstheoretischen Rahmen beschreibt Schimank (1988) einen vergleichbaren Ansatz, wenn er Teilsysteme als handlungsorientierende Fiktionen beschreibt, die das Wollen von Akteuren festlegen. Das Problem besteht darin, dass im Rahmen des akteurzentrierten Institutionalismus individuelle Akteure als Einheiten vorausgesetzt werden. Im Unterschied dazu werden im Rahmen reflexiver Institutionalisierung Körperindividuen als das Ergebnis der institutionellen Fixierung der sozialen Unentschiedenheitsrelation analysiert. Die Legitimation des je spezifischen »Worum« enthält fast immer auch anthropologische Aussagen. In diesem Sinne kennt die Wirtschaft einen gewinnorientierten homo öconomicus, die Politik einen machtorientierten homo politicus, die Kunst kennt den kreativen Menschen, den das Erhabene (Kant) beeindruckt, die Medizin den leidenden und alternden Menschen, dem geholfen werden muss, die Religion kennt den trost- und jenseitsbedürftigen Menschen, das Recht den individuell DISKURS ALS BESCHREIBUNG 148 verantwortlichen Menschen mit einem freien Willen usw. Es ist also einsichtig, dass Legitimationen sich in unterschiedliche, kaum miteinander zu vereinbarende Richtungen entwickeln können. Dass solche Legitimationen praktisch verbindlich werden, kann dadurch gestützt werden, dass Personengruppen institutionell legitimiert werden, die Normorientierung als für alle geltend durchzusetzen, indem sie Sanktionen ausüben. Beispiele hierfür wären etwa Ethikkomitees, die die Praxis guter wissenschaftlicher Forschung überwachen oder die standesrechtlichen Sanktionen der Professionen im Bereich der Medizin oder des Rechts. Diese Personengruppen sind auch berechtigt, die geltenden Normen, an denen sich die Beteiligten zu orientieren haben, weiter zu entwickeln. Sie setzen nicht nur institutionalisierte Normen durch, sondern sie institutionalisieren neue Normen. Dies ist etwa der Fall, wenn in der Wissenschaft nicht nur die Fälschung von Daten sanktioniert wird, sondern auch weitergehende normative Orientierungen eingefordert werden, wie z.B. die Freiwilligkeit von Probanden bei Experimenten mit Menschen oder die Vermeidung von Schmerz bei Experimenten mit Tieren. In diesem Fall bilden diejenigen, die institutionell legitimiert sind, selbst institutionell gültige Normen (Luhmann 1972: 79). 2. Die institutionalisierten Körperindividuen und ihre Mitgliedschaften Die Institutionalisierung von Körperindividuen ermöglicht ein neues für moderne Gesellschaften charakteristisches Phänomen: mitgliedschaftsbasierte soziale Formen. Diese bilden ein Kennzeichen horizontal differenzierter Vergesellschaftung, lassen sich allerdings nicht einer der bereits beschriebenen Ebenen der Sinngeneralisierung zuordnen. Um dies zu verdeutlichen, ist es sinnvoll, sich noch einmal die Ebenen der Sinngeneralisierung zu vergegenwärtigen. • Es gibt die Sinngeneralisierung auf der Ebene der von leiblichen Selbsten getragenen triadisch verfassten und deshalb institutionalisierten Handlungsabläufe, d.h. ablaufende Institutionen: das gemeinsame Mittagessen, die Arbeitspause, die Herstellung eines Werkstücks usw. Es handelt sich um sinnhafte Einheiten, die die Beteiligten als für aktuellen Handlungsvollzüge relevant erleben und beschreiben. • Die Übergänge zwischen ablaufenden Institutionen werden durch die von leiblichen Selbsten getragene triadisch-kommunikativ gebildeten vermittelnden Institutionen geleistet. Hier geht es um Institutionen, die es ermöglichen, von einem beendeten institutionellen HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 149 Handlungsablauf zum nächsten überzugehen. Vermittelnde Institutionen wären auch solche, die regulieren, wer an institutionellen Handlungsabläufen teilnehmen kann. Dies trifft z.B. auf die Konkurrenz zu, durch die etwa auf dem Arbeitsmarkt entschieden wird, wer sich an den institutionellen Abläufen der Produktion von Gütern beteiligen kann, usw. • Der sinnhafte Zusammenhang zwischen diesen Institutionalisierungen wird durch die von leiblichen Selbsten getragene Institutionalisierung legitimierender Diskurse gesichert, durch die sinnhafte Zusammenhänge zwischen Institutionen, vermittelnden Institutionen und gesellschaftlichen Subgruppen (s.u.) hergestellt werden. Legitimierende Diskurse in diesem Sinne wären solche, die die Wissenschaft oder die Politik oder die Wirtschaft als einen Handlungsund Kommunikationszusammenhang beschreiben. • Die von leiblichen Selbsten getragene Institutionalisierung übergreifender symbolischer Sinnwelten im Sinne von Kosmologien formuliert die Einheit der Ordnung eines Weltzugangs. Dazu gehört auch die differentielle Kosmologie der Moderne, die das menschliche Körperindividuum als moralisches, kulturbildendes und natürliches Wesen beschreibt, das einer nicht personal verfassten Natur gegenübersteht. Diese ist analog zur dreifachen Bestimmung des Menschen ebenfalls dreifach bestimmt: als ein nicht sinnhaft verfasstes rein natürliches Phänomen, das offen ist für kulturelle, d.h. für sinnhafte, Konstruktionen und analog zur Würde einen moralischen Eigenwert besitzt. • Der Bildung der institutionellen Form des Körperindividuums mit gleichem Rechtsstatus korrelieren gesellschaftliche Gruppen, zu denen sich die institutionalisierten Körperindividuen zusammenfinden können. Ich bezeichne sie im lockeren Anschluss an Durkheim als gesellschaftliche Subgruppen. Ohne einen Anspruch auf Vollständigkeit kann man hierzu rechnen: Organisationen, Gruppen, Familien, Bewegungen3 sowie Szenen oder die technisch durch das Internet ermöglichten sozialen Formen wie »soziale Netzwerke«. Diese Subgruppen setzen voraus, dass es institutionalisierte Körperindividuen gibt, die als Mitglieder bzw. individuelle Teilnehmende in Frage kommen. Der Staat kann nicht als eine derartige mitgliedschaftsbasierte Gruppe verstanden werden, er ist vielmehr mitgliedschaftlich verfasst, bzw. die durch den Staat ermöglichte 3 Hiermit greife ich eine These auf, die Stefan Kühl (2013) in einem systemtheoretischen Rahmen formuliert hat. Er knüpft an die Unterscheidung Luhmanns zwischen Interaktion, Organisation und Gesellschaft und ergänzt die Ebene zwischen Interaktion und Gesellschaft um die sozialen Formen: Familie, (Freundes-)Gruppen, soziale Bewegungen. DIE INSTITUTIONALISIERTEN KÖRPERINDIVIDUEN 150 spezifische Form der Gewaltunterworfenheit führt allererst zur Bildung von Körperindividuen, die von den gesellschaftlichen Subgruppen vorausgesetzt werden müssen. Von den gesellschaftlichen Subgruppen sind zumindest einige relevant für die Struktur horizontaler Differenzierung, diese sollen kurz benannt werden. Die Institutionalisierung von Subgruppen hat als logische Voraussetzung, dass es potentielle individuelle Mitglieder gibt. Diese werden gesellschaftlich in Form von institutionalisierten Körperindividuen bereitgestellt. Abgesehen von Eltern und Kindern einer Familie handelt es sich bei institutionalisierten Subgruppen um solche, deren Mitgliedschaft als freiwillig gilt, d.h., die Körperindividuen können Mitglied einer Subgruppe werden und diese auch freiwillig wieder verlassen. Kühl (2013, 2015) hat zuerst die These stark gemacht, dass sich in der Sattelzeit, also dem Übergang zur Moderne, eine besondere Form sozialer Systeme herausbildet, die er als mitgliedschaftsbasierte soziale Systeme begreift. Zu diesen rechnet er Familie, Gruppe, soziale Bewegung, Organisation. Die Analysen von Kühl sind allerdings offen und zwingen von den beschriebenen Sachverhalten her nicht dazu, den Systembegriff zu übernehmen. Die von Kühl vorgeschlagene Aufzählung begreife ich als eine offene, denn ich vermute, dass sich empirisch immer wieder neuartige mitgliedschaftsbasierte gesellschaftliche Subgruppen herausbilden. Bereits gegenwärtig kann man dem von Kühl genannten Quartett zumindest noch zwei weitere hinzufügen: soziale Szenen sowie die auf der Technologie des Internet aufbauenden Gruppenzusammenhänge, die z.B. als »Foren«, »soziale Netzwerke« oder »Plattformen« bezeichnet werden. Mitgliedschaftsbasierte Subgruppen lassen sich danach unterscheiden, ob und inwiefern sie für die Struktur horizontaler Differenzierung relevant sind. Zumindest für einige dieser Subgruppen lässt sich dies gut zeigen. Dazu gehören Organisationen, technisch-netzbasierte Gruppenzusammenhänge, soziale Bewegungen und Familie. Organisationen gab es zwar auch schon, bevor sich die Strukturen moderner Vergesellschaftung entwickelt haben, aber sie entwickeln sich erst im Übergang zur Moderne in ihrer jetzigen Gestalt. Organisationen zeichnen sich aus 1. durch die Unterscheidung zwischen Mitglied/Nichtmitglied (Tacke 2008: 212), 2. durch die Möglichkeit, freiwillig in eine Organisation einzutreten und wieder auszutreten (Tacke 2008: 212), 3. durch funktional (sachliche Aufgabe) und hierarchisch definierte Positionen (Zimmermann 1998: 261), HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 151 4. durch kollektive Handlungsfähigkeit (Zimmermann 1998: 262f), bzw. durch die Fähigkeit zur Kommunikation von Entscheidungen nach innen und außen (Luhmann 1997 Bd. II: 831, 834) 5. durch eine normativ gebundene und leistungsbezogene Vergabe der Mitgliedschaft: Das aufzunehmende Mitglied muss Leistungen bezogen auf die Zwecke bzw. Ziele der Organisation erbringen können. Organisationen nehmen Mitglieder auf, es gibt aber keine normative Sollvorgabe, dies zu tun. (Luhmann 1997 Bd. II: 844) 6. durch ihre Multireferentialität, d.h., Organisationen folgen der Handlungs- bzw. Kommunikationslogik unterschiedlicher Funktionsbereiche (Bora 2001, Nassehi 2002). In diesem Sinne gab es im vormodernen Europa kaum Organisationen. Denn es fehlte die grundlegende Voraussetzung, nämlich menschliche Körperindividuen, die »sich grundsätzlich beliebig organisieren« können (Türk/Lemke/Bruch 2006: 37). Organisationen sind für die Ausbildung funktionaler Differenzierung insofern strukturrelevant, als Organisationen das Worum-willen, d.h. die Relevanzen, einzelner Bereiche wie Wirtschaft oder Politik für die Beteiligten durchsetzen. Soziale Bewegungen sind eine weitere strukturrelevante mitgliedschaftsbasierte gesellschaftliche Subgruppe. Sie sind die wesentlichen Träger von Kritik an denjenigen Tendenzen moderner Vergesellschaftung, die als Gefährdung der normativen Strukturvorgaben horizontaler Differenzierung gelten können. Wenn z.B. dem Ethos der Menschenrechte gemäß alle lebenden Menschen als Personen mit einem gleichen Rechtsstatus gelten sollen, stellt etwa der mindere Rechtsstatus von Frauen, der diese in die Familie einschließt, ein Problem dar. Es ist ein Problem, dass es Sklaven gibt, und es ist ein Problem, dass Arbeiter ihre gesamte Lebenszeit auf ihre ökonomische Sicherung verwenden müssen. Denn sie können sich nicht mehr in andere gesellschaftlichen Handlungs- und Kommunikationsbereiche involvieren. Mit Bezug auf solche Probleme entstehen soziale Bewegungen, die strukturrelevante Kritik üben – unter Einschluss eines rationalen Verhältnisses zur Gewalt. Soziale Bewegungen sind Formen, die Beteiligte bilden, indem sie sich als Menschen verstehen, die für sich als Mensch und für andere Menschen eintreten. In vermittelter Weise gilt dies auch für die Umweltschutz- und Tierschutzbewegung. Die Umweltschutzbewegung übt Kritik an einer einseitigen Vereinnahmung der dreifach bestimmten Umwelt des Menschen (natürlich, kulturell, ausgestattet mit einem moralischen Eigenwert) und versucht eine dem Menschen angemessene Umwelt zu erhalten. Ich werde auf darauf im dritten Kapitel ausführlich eingehen. Kritische soziale Bewegungen sind strukturerhaltende Subgruppen horizontaler Differenzierung. Neben der Mitgliedschaftsbasiertheit teilen Subgruppen mit Organisationen noch weitere Merkmale. Soziale DIE INSTITUTIONALISIERTEN KÖRPERINDIVIDUEN 152 Bewegungen sind handlungs- und entscheidungsfähig (Organisieren von Demonstrationen), sie sind multireferentiell, d.h. sie folgen der Handlungslogik des Politischen (Demonstrationen, Wahlbeeinflussung) oder auch derjenigen der Wirtschaft (Boykottaufrufe) oder der Wissenschaft. Letzteres findet etwa statt, wenn Forschung innerhalb der Umweltbewegung betrieben wird. Am Verhältnis von Organisation und Bewegung wird auch deutlich, dass mitgliedschaftsbasierte Subgruppen ineinander verschachtelt sein können. Für die Ausbildung von Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit von Bewegungen sind organisatorische Kerne relevant. Wenn sie Teil einer sozialen Bewegung sind, handeln die organisatorischen Kerne allerdings nicht selbst, sondern die Bewegung. Damit die Bewegung gehandelt hat, müssen dem Demonstrationsaufruf bzw. dem Boykottaufruf auch tatsächlich Körperindividuen folgen. Auf der Grundlage der Technologie des Internet bilden sich schließlich neuartige technisch ermöglichte mitgliedschaftsbasierte Subgruppen. Diese sind bislang in der Gesellschaftstheorie kaum als solche thematisiert. Die netzbasierten Kommunikationsplattformen erzwingen technisch in einem bislang nicht bekannten Ausmaß Mitgliedschaft. Wer z.B. an der Plattform für Softwareentwicklung »Github« teilnehmen möchte, muss sich anmelden und darstellen. Gleiches gilt für sogenannte »Soziale Netzwerke« wie Facebook. Es wird technisch eine je individuelle Anmeldung gefordert, wodurch technische Mitgliedschaftsformen erzeugt werden. Im Unterschied zu Organisationen werden die Einzelnen hier aber zugleich einer technisch ermöglichten quasi-öffentlichen Beobachtung ausgesetzt. Auch technisch vermittelte Netzwerke sind handlungsfähig, wenn sie sich als Teil einer politischen Bewegung verstehen, können sie sich zu sogenannten »Flashmobs«, d.h. zu spontanen Treffen, zusammenfinden. Zunächst schien es so, als sei eine Quasi-organisatorische Verfasstheit erforderlich, damit technisch vermittelte Netzwerke außerhalb von Organisationen die Teilhandlungen komplexerer Handlungsfolgen koordinieren können, z.B. Softwareentwicklung. Neuere Plattformen für die Softwareentwicklung machen Organisationsbezüge allerdings technisch überflüssig. Die Plattform Github ermöglicht es technisch, Software zu entwickeln, ohne dass eine Hierarchie erforderlich wäre, durch deren Autorität festgelegt wird, welche Codezeilen in die offizielle Version aufgenommen werden (Schünemann 2018). Auf die neuen Formen der technischen Mitgliedschaft und ihre Auswirkungen auf die normative Strukturvorgabe des Körperindividuums mit gleichem Rechtsstatus sowie die Struktur horizontaler Differenzierung werde ich im zweiten Band ausführlich eingehen, wenn es um die Sachtechnik und die Raum-Zeitstrukturen moderner Vergesellschaftung geht. Moderne Familien zeichnen sich dadurch aus, dass sie auf die lebenden Körperindividuen beschränkt sind. In der Regel umfassen sie drei, bei besonderer Langlebigkeit auch vier, Generationen: Großeltern, Eltern HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 153 und Kinder und evtl. Urgroßeltern. Für den Unterschied zu vormodernen Verwandtschaftszusammenhängen ist es wichtig, dass transgenerationale Beziehungen zwischen Lebenden unter Ausschluss der Verstorbenen etabliert werden. Dies unterscheidet die moderne Familie von vormodernen Verwandtschaftszusammenhängen, die auch die Verstorbenen einbezogen. Weiterhin wurden die Beteiligten von vormodernen Familienzusammenhängen zunächst weitgehend vereinnahmt. Dies änderte sich in Ansätzen durch den christlich bzw. kirchlich garantierten Status als Seelenindividuum. Individualität bezog sich in diesem Fall aber auf den übergreifenden Zusammenhang von Diesseits und Jenseits (Himmel/Hölle). Im Diesseits war das Seelenindividuum in vielfacher Hinsicht noch sehr stark in die familiäre Bindung eingewoben. Dies änderte sich erst mit dem Übergang zum Körperindividuum. Seit der Sattelzeit wurde die natürliche Geburt zum rituellen Übergang, der einen allgemeinen Rechtsstatus sicherte. Dies ermöglichte auch im Diesseits einen staatlich garantierten Rechtsstatus gegen die Vereinnahmung durch die Familie. Insofern die Familie aus lebenden Körperindividuen zusammengesetzt ist, die letztlich mit jeder neuen auf Liebe basierenden Eheschlie- ßung neu entsteht, wird die Familie zu einer stark individuell emotionalen Verbindung zwischen lebenden Körperindividuen (Burgess/Locke 1945). Erlebte Bezüge zu Verstorbenen werden psychologisiert und damit evtl. zu einem Konflikt in der Seele, die die einzelnen Körperindividuen in sich tragen. Eine genaue Verortung der Seele, des freien Willens oder der Entscheidung im Körperindividuum ist bislang noch nicht geglückt, dennoch werden die entsprechenden Instanzen als wirkmächtig angenommen. In der Theorie der rationalen Wahl ist es die Entscheidung, in der Psychoanalyse ist es die als Psyche bezeichnete Seele, das Unbewusste usw. Die Familie ist in zweifacher Hinsicht relevant für die Struktur horizontaler Differenzierung. Sie sichert die Natürlichkeit der »natürlichen Geburt«. Moderne Legitimationstheorien begreifen die Familie als eine vorgesellschaftliche, d.h. natürliche Einheit, die die Individuen bereitstellt. Nur insofern scheint die natürliche Geburt als Übergang in den Personenstatus möglich zu sein. Es ist daher nicht erstaunlich, dass die Grundrechtserklärungen fast durchgängig einen starken Bezug zur Familie beinhalten. Beispiele hierfür wären etwa das Deutsche Grundgesetz oder die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Weiterhin ist die Familie aber auch in negativer Weise strukturrelevant. Denn sie ermöglicht die transgenerationale Stabilisierung sozialer Ungleichheit. Wenn bei deren Analyse auf einzelne Körperindividuen fokussiert wird, beinhaltet dies eine Verkürzung. Denn die Zeit eines individuellen menschlichen Lebens reicht nicht aus, um Ungleichheiten strukturell relevant werden zu lassen. Problematisch wird die Ungleichheit der Körperindividuen erst dann, wenn sie durch einen transgenerationalen DIE INSTITUTIONALISIERTEN KÖRPERINDIVIDUEN 154 Zusammenhang der Lebenden stabilisiert wird. Die mitgliedschaftsbasierte Familie wird zu einem Ungleichheitsgenerator, wenn sie soziale Ungleichheit transgenerational durch Vererbung festschreibt. Bezogen auf einzelne Aspekte ist dies gut untersucht, etwa für den Bereich der Bildung und Geschmack (Bourdieu 1979/1984) oder des ökonomischen Kapitals (Beckert 2004, 2013a). Wenn man die transgenerationalen Zusammenhänge einbezieht, wird deutlich, wie geborene Körperindividuen von der Möglichkeit ausgeschlossen werden, sich frei in unterschiedliche Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge zu involvieren. Damit wird die normative Strukturvorgabe, das Körperindividuum mit gleichem Rechtsstatus (Freiheit und Würde), gefährdet. Um die Subtilität der transgenerationalen Stabilisierung von Ungleichheit analytisch in den Blick zu bekommen, hat Pierre Bourdieu (1979/1984) die Theorie des Habitus entwickelt. Dieser soll erklären, wie Körperindividuen durch ihre Herkunftsfamilie in ihrem Weltbezug bestimmt werden (Bourdieu 1987). Eine solche Vererbung des Weltbezugs kann sich nicht zuletzt deshalb ereignen, weil Familien – wie Organisationen – handlungsfähig sind. Sie entscheiden darüber, auf welche Art von Schule ihre Kinder gehen, mit wem Kinder Kontakt halten usw. Die Bedeutung der Familie als Sicherung der Natürlichkeit der Körperindividuen ergibt sich aus dem anthropologischen Quadrat. Auf die Bedeutung der Familie als Stabilisator bzw. Erzeuger sozialer Ungleichheit werde ich im dritten Band als strukturelle Gewalt ausführlicher eingehen. Freundesgruppen und Szenen sind nach derzeitigem Kenntnisstand nicht in gleicher Weise strukturell relevant. Freundesgruppen setzen ebenfalls institutionalisierte Körperindividuen voraus, die sich in freundschaftlicher Verbundenheit einander zuwenden können. Hierbei kann es sich um Zweckfreundschaften bzw. -bündnisse handeln, sowie um Beziehungen, die durch ethische Verpflichtungen gekennzeichnet sind, oder um quasi-erotische Bindungen (vgl. Pfeiffer 2000). In jedem Fall scheint diese besondere Form der Bindung sich erst im 18. Jahrhundert zu entwickeln und setzt, wie gesagt, Körperindividuen voraus, die sich einander frei in dieser Weise zuwenden können. Evtl. besteht ein besonderer Reiz von Freundschaften gerade darin, sich in eine freiwillige wechselseitige Verpflichtung zu begeben, die sozusagen kontrollierte Formen der Dividualisierung ermöglicht. In diesem Sinne könnte man evtl. Jugendfreundschaften bzw. Jugendcliquen verstehen. Szenen lassen sich begreifen als institutionalisierte Subgruppen, die sich um institutionalisierte Handlungsabläufe herum entwickeln. Dazu gehören etwa die Gothic-Szene, die Rock-, Tanz-, Klassikszene usw. Solche Szenen bilden sich um institutionalisierte Aktivitäten herum, wie etwa das Hören von Musik, die Rezeption von Tanz oder das praktische Ausüben von Tanzformen. In der Regel handelt es sich um jeweils individuelle Freizeitgestaltungen. HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 155 Organisationen, Bewegungen, technisch ermöglichte Gruppen und Familien sind, nach bisherigem Kenntnisstand vermutlich die wichtigen, d.h. strukturrelevanten, mitgliedschaftsbasierten Subgruppen. Die Bedeutung von Organisationen besteht darin, dass sie für die Ausbildung der Struktur horizontaler Differenzierung im Sinne der Ausdifferenzierung von Handlungs- und Kommunikationsbereichen relevant sind. Diesem Zusammenhang werde ich mich zunächst zuwenden 3. Horizontale Differenzierung und Organisation Ich hatte in der oben gegebenen Definition die Strukturrelevanz von Organisationen damit begründet, dass diese es ermöglichen, die abstrakte Handlungslogik einzelner Handlungs- und Kommunikationsbereiche für ablaufende Institutionen, d.h. Handlungsabläufe, relevant zu machen. Um dieses Argument zu entfalten, ist es erforderlich, genauer zu klären, in welchem Verhältnis Organisation bzw. Organisationen und die unterschiedlichen Ebenen der reflexiven Sinngeneralisierung zuei nander stehen. Dazu werde ich in diesem Abschnitt eine zweifach gegliederte These entwickeln. 1. Organisationen haben eine zentrale Bedeutung dafür, das »Worum-Willen«, d.h. die Handlungslogik, der einzelnen Handlungsund Kommunikationszusammenhänge in ablaufenden institutionalisierten Handlungsabläufen relevant zu machen. 2. Es gibt Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge, die selbst mitgliedschaftlich verfasst sind und damit mitgliedschaftsbasierte soziale Formen ermöglichen, sowie Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge, für die zwar mitgliedschaftsbasierte Subgruppen, Organisationen, relevant sind, aber diese Zusammenhänge sind nicht mitgliedschaftlich verfasst. Auf dieser Grundlage werde ich im nächsten Abschnitt herausarbeiten, dass die Struktur und Dynamik horizontaler Differenzierung sich entwickelt in der Spannung zwischen mitgliedschaftlich verfassten Handlungs- und Kommunikationszusammenhängen (Politik und Recht) und weltgesellschaftlichen Zusammenhängen, bei denen das nicht der Fall ist (Wirtschaft, Wissenschaft). Ich entfalte die These in zwei Schritten. Zunächst skizziere ich, wie sich horizontale Differenzierung unter Einbeziehung von Organisation in der Perspektive reflexiver Institutionalisierung darstellt. Hiermit schließe ich an die im Rahmen der Systemtheorie entwickelte These an, dass Organisationen eine entscheidende Bedeutung für die Ausbildung funktionaler Differenzierung zukommt. Deshalb ist es erforderlich, das HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG UND ORGANISATION 156 Verhältnis von Organisation und Gesellschaft zu diskutieren. Hierbei führe ich die Unterscheidung zwischen mitgliedschaftlich verfassten und den nicht mitgliedschaftlich verfassten Handlungs- und Kommunikationszusammenhängen ein. Auf dieser Argumentation aufbauend werde ich im nächsten Abschnitt das spannungsvolle Verhältnis zwischen diesen Typen von Handlungs- und Kommunikationszusammenhängen diskutieren, aus dem heraus sich die fragile und sich selbst gefährdende Struktur der horizontal differenzierten Weltgesellschaft begreifen lässt. Weiter oben hatte ich bereits dargelegt, wie sich differenzierte gesellschaftliche Teilbereiche, etwa »Politik«, »Wissenschaft«, »Wirtschaft« usw. begreifen lassen: Es handelt sich um Institutionszusammenhänge, die durch diskursiv legitimierende Diskurse als eine Einheit beschrieben werden. Solche Legitimationen sind Beschreibungen dessen bzw. Theorien darüber, wie institutionalisierte Gesamthandlungen und vermittelnde Institutionen in einem sinnhaften Zusammenhang miteinander stehen. Legitimierende Beschreibungen sind dann für die institutionelle Praxis relevant, wenn sie diese im Sinne der vermittelten Unmittelbarkeit strukturieren. Legitimierende Diskurse sind also auf zwei Ebenen zu begreifen. Sie müssen relevant sein für die Struktur alltäglich ablaufender institutionalisierter Handlungszusammenhänge, zugleich können sie auch eine von der Praxis abgehobene Ebene bilden und ein Eigenleben führen, das von internen theoretischen Problemen bestimmt wird. Um herauszuarbeiten, wie legitimierende Diskurse etwa der Wirtschaft, oder der Politik die alltägliche Praxis bestimmen, muss ihr Verhältnis zu den anderen Ebenen der Sinngeneralisierung geklärt werden. Es muss also darum gehen, wie diskursive Beschreibungen spezifischer Handlungszusammenhänge mit ablaufenden Institutionen bzw. vermittelnden Institutionen zusammenhängen. Wenn es horizontale Differenzierung gibt, muss man zeigen können, dass für den Vollzug institutionalisierter Gesamthandlungen und den Vollzug vermittelnder Institutionen das spezifische Worum-willen eines jeweiligen Handlungszusammenhangs ausreichend relevant gemacht wird. Wie wird das Worum-Willen der Wirtschaft die Gewinnmaximierung, bzw. die individuell exklusive Aneignung im Austausch von Ware-Geld für die Beteiligten allgemein verbindlich gemacht. D.h., wie wird es für leibliche Operatoren verbindlich, sich als Individuen zu verstehen, die ihrem Nutzen folgen. Dies gilt analog für die anderen Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge wie Politik, Wissenschaft oder Recht. Wenn es um den Zusammenhang zwischen diskursiven Sinngeneralisierungen und dem Vollzug konkreter Handlungs- und Kommunikationsabläufe geht, zeichnet sich ein allgemeines Muster ab. Es sind maßgeblich Organisationen, in deren Rahmen das Worum-Willen eines jeweiligen Handlungszusammenhangs für die situativ Beteiligten HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 157 relevant gemacht wird. Diese Einsicht ist vorbereitet in systemtheoretischen Arbeiten zum Verhältnis von Organisation und Gesellschaft. Organisationen sind ein spezifisch modernes Phänomen (Luhmann 1997, Bd. II: 827, 840). Erst im Übergang zur modernen funktional differenzierten Gesellschaft bilden sich zugleich »flächendeckend« Organisationen heraus (Nassehi 2002: 454). Dabei gilt, dass sich »wenn nicht die meisten, so doch die wichtigsten und größten Organisationen innerhalb der Funktionssysteme« bilden und dabei deren Funktionsprimate übernehmen (Luhmann 1997 Bd. II: 840f). Organisationen sind »Funktionssystemen zugeordnet«, ohne »Teil von Funktionssystemen« zu sein (Nassehi 2002: 454). Da Arbeit in der funktional differenzierten Gesellschaft überwiegend als bezahlte Arbeit in Organisationen geleistet wird (Luhmann 1997 Bd. II: 827, Schimank oJ) und Organisationen gegenüber ihren Mitgliedern organisationsspezifische Handlungsprämissen durchsetzen können, folgt daraus, dass Organisationen für die Beteiligten in der einen oder anderen Weise eine Orientierung am Funktionsprimat relevant machen können. Diese These lässt sich anhand von Detailstudien zu Organisationen in der Wirtschaft und der Politik gut belegen (Kalthoff, Köllner 2015; Nonaka 1994, Scheffer 2015). Es erscheint aber nicht sinnvoll, dies ausschließlich auf Bezahlung zu reduzieren. Die ehrenamtlichen Mitglieder einer politischen Partei orientieren sich aller Wahrscheinlichkeit nach auch in ihren institutionalisierten Handlungsabläufen am Primat der Politik (Machterhalt/-erwerb), z.B. bei der Mitarbeit im Wahlkampf, aber sie tun dies nicht gegen Bezahlung. 4. Strukturtypen von Handlungs- und Kommunikationszusammenhängen Bislang bin ich davon ausgegangen, dass sich Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge anhand unterschiedlicher legitimierender Diskurse voneinander unterscheiden lassen, die das spezifische Worum-Willen eines solchen Zusammenhangs formulieren, das durch Organisationen für die Beteiligten relevant gemacht wird. Handlungsbereiche lassen sich allerdings nicht nur anhand von legitimierenden Beschreibungen charakterisieren, sondern auch mit Bezug auf formale Merkmale von Drittenkonstellationen. Dieser Aspekt ist in der Differenzierungstheorie bislang nicht berücksichtigt worden. In der soziologischen Debatte wurden bisher drei formale Merkmale von Drittenkonstellationen identifiziert. Dazu gehören erstens die Differenz von anwesendem und abwesendem Dritten und die damit verbundene Orientierung auf die versachlichend-kognitive oder die normative Dimension des Erwartens sowie zweitens die Temporalisierung STRUKTURTYPEN 158 der Differenz anwesend/abwesend und drittens die Differenz zwischen zahlenmäßig begrenzten und nicht begrenzten Drittenkonstellationen. Diese Drittenkonstellationen setzen voraus, dass die soziale Unentschiedenheitsrelation institutionell in Richtung individualisierender Vergesellschaftung fixiert ist. Dies eröffnet in formaler Hinsicht Differenzierungsmöglichkeiten, die sich anders gestalten würden, als es bei einer Dominanz dividualisierender Vergesellschaftung der Fall wäre (vgl. Lindemann 2014a: 172ff). Zur Erinnerung: Die soziale Unentschiedenheitsrelation ist unentschieden hinsichtlich der Differenz zwischen Dividualisierung und Individualisierung. Leibliche Selbste existieren in Berührungsbeziehungen, und es wird durch den drittenvermittelten sozial-reflexiven Bezug festgelegt, ob sich leibliche Selbste institutionell darauf verpflichtet sind, sich als Teil von Beziehungen zu erleben oder als Individuen, die in Beziehungen eintreten können. Im ersten Fall ist von einer Dauer der Beziehungen auszugehen, die von leiblichen Selbsten als ihren Operatoren getragen wird, während im Fall der Institutionalisierung von Individualisierung und insbesondere im Fall der Körperindividualisierung die einzelne Person als dauernd erlebt wird. In diesem Fall fungieren leibliche Selbste als Operatoren der Dauer eines Ich. Leibliche Selbste, die institutionell auf Individualisierung verpflichtet sind, können als Individuen von ihrer Anzahl her bestimmt oder unbestimmt sein und sie können als verkörperte Individuen entweder an einem Ort anwesend sein oder abwesend sein. Letzteres kann allerdings zeitlich vermittelt sein, d.h. jetzt abwesend und zukünftig anwesend oder in der Vergangenheit abwesend, aber jetzt anwesend. Die sich daraus ergebenden formalen Charakteristika sind in mehreren Hinsichten bei Simmel vorbereitet worden und werden entweder implizit oder explizit von späteren Autoren wieder aufgenommen. Simmels Prämisse besteht darin, leibliche Selbste jeweils als ein Ich bzw. ein Du zu verstehen Simmel (1908/1983: 23). Auf dieser Grundlage entwickelt er auch seine Analyse des Dritten. Für die hier interessierende Frage ist vor allem sein Verständnis des Dritten als Schiedsrichter bzw. als Richter relevant. Hierbei hebt Simmel die versachlichende Wirkung des anwesenden Dritten hervor (Simmel 1908/1983: 78f). Für ihn stand die Versachlichung eines emotional geführten Konfliktes im Vordergrund. Eine Isolierung des kognitiven Aspektes nimmt Simmel noch nicht vor. Dies geschieht später z.B. bei Habermas (1981/1995, Bd. 2: 59f.). Dieser akzentuiert, dass der Aspekt kognitiver Richtigkeit daran gebunden sei, dass die Akteure Ego und Alter eine dritte Position, diejenige von Neuter, einnehmen. Neuter wird dabei im Sinne von real anwesenden dritten Akteuren begriffen. Dies führt zur Objektivierung des Beziehungsmusters zwischen Ego und Alter, welches damit zu einer zukünftig auch kritisierbaren Regel wird. HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 159 Dass und inwiefern sich der anwesende vom abwesenden Dritten unterscheidet und wie der Letztere gerade deshalb für die normative Dimension des Erwartens relevant ist, hat Luhmann (1972: 66ff) herausgearbeitet. Genau genommen gewinnt die Differenz von anwesendem und abwesendem Dritten erst durch Luhmanns Analyse an Prägnanz. Ihr zufolge könne nur ein abwesender Dritter verlässlich die Stabilität geltender Normen garantieren. Normen müssen, so Luhmann, gegen kognitive Infragestellungen gesichert sein. Gegenüber anwesenden Dritten wäre es immer möglich zu versuchen, sie von der Unstimmigkeit oder Unangemessenheit von Normen zu überzeugen. Von anwesenden Dritten kann kognitive Einsicht erwartet werden, sie können lernen, statt an den einmal gefassten normativen Erwartungen festzuhalten. Von abwesenden Dritten kann kognitive Einsicht nicht erwartet werden. Nur wenn ein Bezug auf abwesende Dritte eingebaut würde, sei deshalb die Möglichkeit permanenter Normveränderung ausgeschlossen. Normen müssten Luhmann zufolge stabiler sein als rationale Einsichten, denn sonst müsste bei jedem Erwarten einkalkuliert werden, dass die Erwartungen möglicherweise zu revidieren sind. Nur bei einem Bezug auf abwesende Dritte sei diese Möglichkeit verbaut und nur auf dieser Grundlage wären normative Institutionen ausreichend stabil. Das Entscheidende des abwesenden Dritten im Sinne Luhmanns besteht darin, dass er kommunikativ nicht derart adressiert werden kann, dass von ihm eine Stellungnahme zu erwarten ist. Insofern ist die Gleichsetzung von anwesendem Dritten und Zuschauer irreführend. Denn es kommt weniger auf physische Anwesenheit an, sondern darauf, kommunikativ derart adressierbar zu sein, dass mit einer Stellungnahme zu rechnen ist. Habermas und Luhmann stimmen darin überein, dass der in diesem Sinn anwesende Dritte die Möglichkeit des Lernens und damit der Normver- änderung verbürgt. Der Unterschied liegt darin, dass Habermas hier die positiv bewertete Möglichkeit gesellschaftlichen Lernens ausmacht, während Luhmann eher die Stabilität sozialer Ordnung durch ein Zuviel an kognitiver Einsicht gefährdet sieht. Vor diesem Hintergrund lässt sich die gesellschaftstheoretische These formulieren, dass diejenigen Handlungsund Kommunikationszusammenhänge, die für die Sicherung normativer Erwartungen relevant sind, auf einer Drittenstruktur basieren, die strukturell die Abwesenheit der legitimierenden Dritten ermöglichen muss. Eine wichtige Möglichkeit, auf Dritte Bezug zu nehmen, besteht in der Temporalisierung von Anwesenheit und Abwesenheit. Hier werden in der Literatur bislang zwei Fälle unterschieden. Im ersten Fall ist der Dritte gegenwärtig abwesend, aber zukünftig anwesend. Diese Struktur sei die Bedingung für die Funktionsweise des Geldes (Weber 1921–22/1980: 11), denn im Tausch würde Geld nur dann angenommen, wenn es als sicher gelten kann, dass ein zukünftig anwesender Dritter, das Geld wieder als Tauschmittel akzeptieren würde. Davon zu unterscheiden ist die STRUKTURTYPEN 160 Temporalisierung von An- und Abwesenheit, wenn es um den Fremden geht. Dieser war gestern noch nicht da, ist gegenwärtig anwesend und bleibt; aufgrund seiner früheren Abwesenheit kann er aber nicht sicher zur Gruppe dazugerechnet werden (Simmel 1908/1983: 509ff.). Eine von Simmel und Weber noch nicht mitbedachte Möglichkeit besteht in der Etablierung offener Konkurrenz durch zukünftig evtl. anwesende Dritte (s.u.). Die dritte Möglichkeit, auf der Ebene der triadischen Konstellation selbst formale Differenzen einzuführen, besteht darin, die quantitative Bestimmung zu berücksichtigen. Hierzu ist es wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass die Differenz zwischen dyadischen und triadischen Konstellationen nicht in der quantitativen Erweiterung um eine zusätzliche Person liegt, sondern darin, dass die Einführung des Dritten eine strukturelle Veränderung beinhaltet. Davon zu unterscheiden ist die Anzahl der Akteure, deren Kommunikation bzw. Zusammenhandeln erforscht werden soll. Es lassen sich die Handlungen bzw. Kommunikationen von sehr vielen Akteuren sowohl im Rahmen dyadischer als auch im Rahmen triadischer Konstellationen untersuchen. Darauf haben bereits Simmel (1908/1983: Kap. 2) und Luhmann (1972: 65f) aufmerksam gemacht. Simmel (1908/1983: Kap. 2) wirft darüber hinaus explizit das Problem auf, ob nicht auch die quantitative Bestimmtheit eine Rolle für die Gestaltung des Vergesellschaftungsprozesses spielt. Allerdings führt Simmel eher ungeordnet eine Vielzahl an Möglichkeiten an, wie die Quantität relevant werden könne. Mit dem Bezug auf die Bedeutung der Quantität schließe ich also an Simmel an, beschränke mich aber darauf, eine für die Typik von Handlungs- und Kommunikationszusammenhängen strukturell relevante quantitative Differenz in den Mittelpunkt stellen, nämlich den Unterschied zwischen solchen Zusammenhängen, die eine prinzipiell unbestimmte und damit unbegrenzte Zahl von institutionalisierten Körperindividuen einbeziehen und somit in formaler Hinsicht quantitativ keine Grenze aufweisen, und solchen Zusammenhängen, bei denen die Anzahl möglicher Körperindividuen bestimmt und somit begrenzt ist, die also in formaler Hinsicht quantitativ beschränkt sind. Die formale Struktur der Drittenkonstellationen verwende ich als Heuristik für die Analyse der jeweiligen Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge. Dies führt im Ergebnis darauf, zwei unterschiedliche Typen solcher Zusammenhänge zu unterscheiden: 1. Es gibt Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge, für die es strukturell erforderlich ist, Drittenkonstellationen quantitativ zu begrenzen. Dies gilt für den Zusammenhang der Politik und denjenigen des Rechts. Diese Zusammenhänge sind als solche mitgliedschaftlich verfasst. Es sind die als Mitglieder erfassten Staatsbürger, die als Wähler den maßgeblichen Bezugspunkt der Politik und als Rechtssubjekte den Bezugspunkt des Rechts bilden. Wie sich zeigen HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 161 wird, weisen diese Handlungszusammenhänge auch eine Präferenz für einen normativen Erwartungsstil auf. Hier wird deshalb auch die Struktur des abwesenden Dritten institutionalisiert. 2. Es gibt diejenigen Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge, für die es strukturell erforderlich ist, Drittenkonstellationen quantitativ nicht zu beschränken. Die Kommunikations- bzw. Handlungsorientierung bezieht quantitativ eine unbeschränkte Anzahl möglicher Dritter ein. Dazu gehören die Zusammenhänge der Wirtschaft und der Wissenschaft. Die Herstellung wahrer Aussagen bzw. die entsprechende wissenschaftliche Kritik ist global verfasst, es kann sich jeder beteiligen, sofern er die spezifischen Leistungsmerkmale der Wissenschaft erfüllt. Das gleiche gilt analog für die Wirtschaft. Für beide Zusammenhänge ist die Drittenstruktur offener Konkurrenz kennzeichnend, d.h. die temporalisierte Differenz anwesend/abwesend ohne eine quantitative Beschränkung möglicher Teilnehmender. Luhmann (1971/2005) folgend bezeichne ich diese Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge im Weiteren als weltgesellschaftlich ausgerichtet. Für ihre Stabilisierung sind zwar auch mitgliedschaftsbasierte Organisationen (Wirtschaftsunternehmen, Universitäten) relevant, aber diese Zusammenhänge sind nicht selbst mitgliedschaftlich verfasst, denn die für sie basalen Drittenkonstellationen sind nicht zahlenmäßig begrenzt. Andere Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge wie Erziehung/Bildung und Medizin entwickeln sich entweder mehr gemäß der einen oder der anderen Sinnlogik. Je stärker die Schulpflicht durchgesetzt ist, umso eher ist für die Bildung etwa mit einer Orientierung am Prinzip der organisatorischen Verfasstheit und damit der zahlenmäßigen Beschränktheit zu rechnen. Diesen Weg hat die Etablierung von Bildung und Erziehung in Deutschland genommen. Je mehr Schule und Bildung zwar verpflichtend sein sollte, aber private Beschulung evtl. auch in der Familie erlaubt ist, umso eher ist mit einer weltgesellschaftlichen Orientierung zu rechnen. Dies würde auch eine globale Expansion privater Bildungsorganisationen erleichtern und würde eher dem US-amerikanischen Modell entsprechen. 4.1 Mitgliedschaftlich verfasste Handlungszusammenhänge im Unterschied zu Organisation Die Bedeutung der quantitativ beschränkten mitgliedschaftlichen Verfasstheit von Politik und Recht wird in der neueren Systemtheorie nicht mehr berücksichtigt. Dies ist vermutlich dem Umstand geschuldet, dass in der Trias »Gesellschaft, Organisation und Interaktion« (Luhmann STRUKTURTYPEN 162 1975/2005) der Sachverhalt der Organisiertheit für Organisationen reserviert wird. Auch in seinen Überlegungen zu einer allgemeinen Theorie organisierter Sozialsysteme verbleibt Luhmann (1975/2005) auf der Ebene der Organisation. Als mitgliedschaftsbasierte soziale Form unterscheiden sich Organisationen von den mitgliedschaftlich verfassten Handlungszusammenhängen, die durch ihre Organisationsleistung für die Ausbildung des anthropologischen Quadrats direkt relevant sind. D.h., diese Handlungszusammenhänge sichern die Grenzziehungen am Lebensanfang und am Lebensende und den Ausschluss von Jenseitswesen durch die Institution des Körperindividuums. Im Zentrum dieser Organisationsleistungen steht der Staat. Dieser ist zwar mitgliedschaftlich verfasst, aber es handelt sich nicht nicht um einen mitgliedschaftsbasierten Gruppenzusammenhang. Dies lässt sich z.B. anhand der oben genannten Merkmale von Organisationen erkennen. Diese zeichnen sich – wie gesagt – aus durch die Unterscheidung Mitglied/Nichtmitglied bei freiwilliger Mitgliedschaft (Tacke 2008: 212), durch funktional (sachliche Aufgabe) und hierarchisch definierte Positionen (Zimmermann 1998: 261), wodurch kollektive Handlungsfähigkeit ermöglicht wird (Zimmermann 1998: 262f), bzw. durch die Fähigkeit zur Kommunikation von Entscheidungen nach innen und außen (Luhmann 1997 Bd. II: 831, 834) und die leistungsbezogene Vergabe von Mitgliedschaft (Luhmann 1997 Bd. II: 844). Diese Merkmale treffen weder auf die westeuropäische Kirche vor Kirchenspaltung im 16. Jahrhundert zu noch auf den modernen am Ethos der Menschenrechte orientierten Staat. Die Kirche kennt zwar die Trennung von Mitgliedern und Nichtmitgliedern, aber zumindest vor der Religionsspaltung im 16. Jahrhundert war es nicht möglich, in die Kirche freiwillig ein bzw. auszutreten und auch im Weiteren sind der Wechsel der Konfession kaum mit dem Wechsel von einer Organisation in eine andere zu vergleichen. Es erscheint auch wenig sinnvoll, die Kirche insgesamt als kollektiv handlungsfähig zu betrachten. Dies galt eher für innerkirchliche organisierte Einheiten wie etwa Klöster oder Orden. Auch der Staat kennt die Differenz von Mitgliedern und Nichtmitgliedern und dokumentiert dies im Personenstandsregister. Die Möglichkeiten des Ein- und Austritts in einen Staat sind aber nicht vergleichbar mit denjenigen, die es bei Organisationen gibt. Die normative Sollvorgabe wird in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte formuliert: »Jeder hat das Recht auf eine Staatsangehörigkeit. Niemandem darf seine Staatsangehörigkeit willkürlich entzogen noch das Recht versagt werden, seine Staatsangehörigkeit zu wechseln.« (Artikel 15 – Recht auf Staatsangehörigkeit) HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 163 Die normative Sollvorgabe, dass jeder Mensch ein Recht auf eine Staatsangehörigkeit hat, beinhaltet den Verzicht auf ein leistungsbezogenes Aufnahmekriterium. Jeder lebendige Mensch soll Mitglied eines Staates sein können. Entsprechend fehlt auf Seiten des Staates die Möglichkeit, potentielle Bürger aufgrund von leistungsbezogenen Kriterien bzw. aufgrund normativer Orientierungen auszuschließen. Organisationen der Wirtschaft müssen nicht jedes Kind ihrer Angestellten (ius sanguinis) bzw. jedes Kind, das auf dem Firmengelände geboren wurde (ius soli), aufnehmen und sie bis zum Tod als Mitglieder führen. Bei Staaten ist das der Fall. Es kommt in der Regel eines der beiden Aufnahmeprinzipien zum Tragen und die Mitgliedschaft endet mit dem Tod. Dies war eines der Ergebnisse der Analyse des Grenzübertritts am Lebensanfang und am Lebensende. Der Grenzübertritt am Lebensanfang durch die natürliche Geburt enthält keinen Bezug auf ein personales Leistungskriterium, sondern lediglich den Bezug auf ein natürliches Leistungsmerkmal, die Lebensfähigkeit. Wenn diese erloschen ist, ist die Mitgliedschaft beendet. Der Wechsel der Staatsangehörigkeit ist zwar möglich, aber nicht mit dem Wechsel der Zugehörigkeit zu Organisationen der Wirtschaft oder der Wissenschaft vergleichbar. Aus einer Wirtschaftsorganisation kann man austreten, ohne dass es eine normative Sollvorgabe gäbe, sofort wieder einer solchen beizutreten. Im Unterschied dazu ist der Wechsel von Staatsangehörigkeit in die Staatenlosigkeit zwar nicht unmöglich, dies ist aber nicht nur normativ, sondern auch faktisch ein Grenzfall, ohne gesellschaftliche Relevanz.4 Aber nicht nur der Staat, sondern der gesamte Bereich des Politischen ist als solcher organisatorisch verfasst. Demokratische Staaten basieren auf Wahlen. Die Frage von Machtgewinn, -erhalt bzw. -verlust hängt vom Wahlerfolg ab. Damit eine demokratische Wahl stattfinden kann, müssen die geborenen Staatsbürger als Mitglieder der Wählerschaft erfasst werden, um Wähler sein zu können. Bezogen auf diese mitgliedschaftlich erfasste Gesamtheit findet Politik statt, es werden z.B. von politischen Parteien Sachpositionen entwickelt (Scheffer 2015), die den erfassten Wählern vermittelt werden sollen in der Hoffnung auf den Gewinn bzw. den Erhalt der Macht. Es erscheint mir also unabdingbar, dass nicht nur der Staat, sondern der Bereich des Politischen selbst als mitgliedschaftlich verfasst zu begreifen ist. Dennoch ist es nicht angemessen, den Staat mit den mitgliedschaftsbasierten Subgruppen (Organisation, Familie, soziale Bewegung usw.) auf eine Stufe zu stellen. Der Staat bzw. der Bereich des Politischen ist an einer Sinnlogik orientiert, die sich auf die Herstellung von Staatsbürgern bzw. 4 In dem Maße, in dem der Staat die grenzsichernde Organisierung des Sozialen übernimmt, wird – nebenbei bemerkt – aus der Kirche eine Organisation. Gegenwärtig kann man freiwillig aus einer Kirche aus und einer anderen beitreten. STRUKTURTYPEN 164 -bürgerinnen mit einem einheitlichen Rechtsstatus und auf den Machterhalt bzw. -gewinn oder -verlust bezieht. Die Existenz von Organisationen und sozialen Bewegungen setzen im Unterscheid dazu relevante Leistungen der Politik und des Rechts voraus, dazu gehört vor allem die Bereitstellung menschlicher Körperindividuen mit einem einheitlichen Rechtstatus. Ohne diese können sich weder soziale Bewegungen noch Organisationen entwickeln. Soziale Bewegungen setzen das Recht voraus, sich zu versammeln und politisch aktiv zu sein. Ohne Körperindividuen mit einem gleichen Rechtstatus könnten auch nicht die vielfältig differenzierten Organisationen gegründet werden, die die horizontal differenzierte Gesellschaft kennzeichnen. Deshalb ist es unerlässlich, zwischen mitgliedschaftsbasierten Subgruppen und der mitgliedschaftlichen Verfasstheit der Handlungsbereiche Politik und Recht zu unterscheiden. 4.2 Mitgliedschaftlich verfasste versus welt gesellschaftlich orientierte Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge Es gehört zu den wichtigen Einsichten Luhmanns, dass die funktional differenzierte Gesellschaft eine Weltgesellschaft ist (Greve/Heintz 2005). In der systemtheoretischen Perspektive gerät allerdings die Bedeutung des Staates sowie des menschlichen Körperindividuums für die Entwicklung zur Weltgesellschaft aus dem Blick (Luhmann 1971/2005: 71). Hier liegt ein wichtiger Unterschied zu Durkheim, der die Bedeutung des Staates für die Herausbildung einer globalen Orientierung am Ethos der Menschenrechte hervorgehoben hat. Wenn man von horizontaler Differenzierung ausgeht und dabei sowohl die auf Sinngeneralisierung zurückgehenden Handlungszusammenhänge als auch die aus Individuen bestehenden Subgruppen einbezieht, kann man die Einsichten Durkheims für die Ausbildung der modernen Differenzierungsform berücksichtigen. Durkheim weist darauf hin, dass es Aufgabe des Staates sei, das menschliche Individuum aus den gesellschaftlichen Subgruppen herauszulösen und seinen Status als Individuum gegen diese zu sichern. Umgekehrt kommt den gesellschaftlichen Subgruppen gemäß Durkheim die Aufgabe zu, es zu verhindern, dass der Staat das Individuum total vereinnahmt (Durkheim 1950/1999: 91ff). Auf diese Weise wird Durkheim zufolge eine die gesellschaftliche Differenzierung ermöglichende Balance erzeugt. Auf die Bedeutung der staatlichen Organisationsleistung für die Individualisierung weist Durkheim allerdings nicht hin. Durkheims Verständnis gesellschaftlicher Differenzierung setzt implizit den Nationalstaat als Rahmen voraus. Ihm zufolge ist der Staat das Reflexiv-Bewusstwerden des gesellschaftlichen Kollektivbewusstseins (Durkheim 1950/1999: 74), das als solches zunächst diffus über die HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 165 Gesellschaft verteilt sei. Dabei handelt es sich um kollektive Mythen und diffuse Vorstellungen. Der Staat steht im Kontakt mit dem diffusen, seiner selbst nicht bewussten gesellschaftlichen Kollektivbewusstsein und bringt es in eine reflektierte präzise Form. Der Staat ist für Durkheim also das Denken der Gesellschaft. Darin kommt zum Ausdruck, dass Gesellschaft und die Teilung der gesellschaftlichen Arbeit von den Grenzen des Staates her gedacht werden. Die Eingrenzung horizontaler Differenzierung auf staatlich verfasste Gesellschaften war aber bereits Ende des 19. Jahrhunderts problematisch geworden, denn die Handlungs- bzw. Kommunikationslogik der Wirtschaft überschritt bereits im Verlauf des 19. Jahrhunderts den nationalen Rahmen und war global orientiert. Hobsbawm analysiert die Periode der Dominanz des global orientierten Freihandels zwischen dem Ende der 1840er Jahre und den 1870er Jahren als »Zeitalter des Kapitals« (Hobsbawm 1975/1997). Polanyi (1944/1978: 40) gelangt in seiner Rekonstruktion der Geschichte des 19. Jahrhunderts zu einer ähnlichen Feststellung. Danach hat sich bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts ein Markt entwickelt, der zwar nicht die gesamte Welt umfasste, aber alle zu dieser Zeit wirtschaftlich ausreichend entwickelten Gebiete. Eine vergleichbare Weltorientierung findet sich auch in der Wissenschaft, diese ist zwar national und nationalsprachlich organisiert, aber es findet eine intensive wechselseitige Beobachtung der nationalen Wissenschaftsgemeinschaften statt (Stichweh 2000: 107f), sodass sich Wissenschaft mit Bezug auf einen internationalen Forschungsstand entwickelt. Die Erkenntnisse von Wissenschaftler/innen im Rahmen einer nationalen Wissenschaftsgemeinde wurden als Erkenntnis für die Menschheit begriffen und entsprechend universal an die Gemeinschaft der Forschenden adressiert, die nicht national beschränkt ist. Durkheim erfasst die weltgesellschaftliche Orientierung von Handlungszusammenhängen aber nicht als solche, sondern begreift den Konflikt zwischen der staatlich mitgliedschaftlichen und der globalen Orientierung am Menschen ausschließlich als einen normativen Konflikt. Denn einerseits ist der Staat die Bedingung für den Kult des Individuums, andererseits überschreitet dieser Kult aber die Grenzen des Staates. Denn als ein menschliches ist das Individuum ein Glied der Menschheit, und als ein solches ist es Gegenstand des staatlichen Kults. Damit entsteht bei Durkheim ein Gegensatz zwischen dem Individuum als Mensch (global) und dem Individuum als Staatsbürger. Diesen normativen Konflikt auszugleichen, ist für Durkheim eine der hervorragenden Aufgaben des Staates. Ihm obliegt es, sich selbst und die Bürger an einer an der Menschheit orientierten Moral auszurichten. (Durkheim 1950/1999: 109) Durkheim gelangt hinsichtlich der normativen Struktur zu einem wichtigen Resultat. Die nationale Orientierung der Bereiche Politik und Recht transzendiert sich selbst durch den Bezug auf den Kult des menschlichen Individuums. Dies ist für die These der STRUKTURTYPEN 166 mitgliedschaftlichen Verfasstheit eine wichtige Einsicht. Die weltgesellschaftliche Orientierung ist den mitgliedschaftlich verfassten Handlungsund Kommunikationszusammenhängen nicht äußerlich, sondern bildet einen integralen Bestandteil ihrer normativen Orientierung. Der These der Weltgesellschaft zufolge geht es darum, Handlungen bzw. Kommunikationen gemäß der Sinnlogik eines Zusammenhangs als an alle Menschen adressiert zu begreifen, die dazu in der Lage sind, gemäß dieser Sinn- und/oder Leistungslogik adressiert zu werden. Die Vergesellschaftungsform horizontaler Differenzierung bezieht sinn- bzw. leistungsorientiert die gesamte Welt ein. Luhmann konzentriert seine Argumentation auf den Nachweis, dass es nicht mehr möglich sei, die Strukturierung des Anschlusses von Kommunikationen an Kommunikationen regional zu beschränken. »Regional differenzierbar in der Form von Staaten ist nur das politische System und mit ihm das Rechtssystem der modernen Gesellschaft. Alle anderen operieren unabhängig von Raumgrenzen.« (Luhmann 1997, Bd. I: 166) Diese Einsicht ist richtig, aber sie unterlässt es zu zeigen, welche Funktion die regionale Begrenzung für die Gesellschaft hat. In der Luhmann’schen Theorie erscheint die regionale Bindung von Recht und Politik als ein Faktum, das nicht richtig zur Weltgesellschaft passt. Dies erscheint mir in Anbetracht der Persistenz von Staaten wenig plausibel. Stattdessen erscheint mir eine andere These überzeugender. Diese führt die Einsicht Durkheims weiter und integriert sie in die Theorie des anthropologischen Quadrats. In diesem Sinne ermöglichen die mitgliedschaftlich verfassten Handlungszusammenhänge des Politischen und des Rechts den globalen Bezug auf den Menschen. Denn es sind die mitgliedschaftlich verfassten Handlungsbereiche, durch deren Organisationsleistungen und legitimierende Beschreibungen Körperindividuen mit gleichem Rechtsstatus institutionalisiert werden. Diese sind die Voraussetzung für die Bildung mitgliedschaftsbasierter sozialer Formen – wie etwa Organisationen, die faktisch z.B. die weltgesellschaftliche Orientierung der Wirtschaft tragen. In seiner frühen Schrift zur Weltgesellschaft erkennt Luhmann die Bedeutung des institutionell mit subjektiven Rechten ausgestatteten menschlichen Individuums noch an (Luhmann 1971/2005: 68). Zugleich sieht er auch, dass es nur bestimmte Handlungszusammenhänge sind, deren Sinnorientierungen global auf alle Glieder der Menschheit ausgerichtet sind. Dazu gehören »die Interaktionsfelder der Wissenschaft und der Technik, der Wirtschaft, der öffentlichen Kommunikation von Neuigkeiten und des Reiseverkehrs« (Luhmann 1971/2005: 68). Für diese Interaktionsfelder, vor allem für Wirtschaft, Wissenschaft und Technik macht Luhmann aus, dass diese primär einen kognitiven Erwartungsstil ausprägen. Er unterscheidet damit Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge, die einen primär normativen Erwartungsstil institutionalisieren von denjenigen, die einen primär kognitiven Erwartungsstil institutionell absichern. HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 167 Mit Bezug auf die Drittenkonstellationen lassen sich die Differenzen zwischen organisatorisch verfassten und weltgesellschaftlich orientierten Funktionsbereichen nun weitergehend charakterisieren: 1. Die mitgliedschaftlich verfassten Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge beinhalten eine quantitative Begrenzung auf die erfassten Mitglieder. 2. Eine solche Begrenzung findet sich bei den weltgesellschaftlich orientierten Handlungs- und Kommunikationszusammenhängen nicht. 3. Neben der quantitativen Beschränktheit weisen die mitgliedschaftlich verfassten Handlungszusammenhänge eine Präferenz für einen normativen Erwartungsstil auf (Politik, Recht), der seiner Struktur nach die Figur des abwesenden Dritten erfordert. 4. Neben der quantitativen Unbeschränktheit weisen die weltgesellschaftlich orientierten Handlungszusammenhänge eine Präferenz für einen kognitiven Erwartungsstil auf (Wissenschaft, Wirtschaft, Technik). Dieser erfordert seiner Struktur nach das Prinzip des anwesenden Dritten, wobei die Anwesenheit temporalisiert sein kann (gegenwärtig abwesend und zukünftig anwesend bzw. zukünftig adressierbar). 5. Der jeweils entgegengesetzte Erwartungsstil bzw. die entgegengesetzte Drittenkonstellationen wird in die Sinnlogik eines Typus von Handlungszusammenhang eingebaut. Deshalb kann in den Bereichen Politik und Recht gelernt werden und deshalb gibt es normative Orientierungen auch in der Wirtschaft bzw. der Wissenschaft. Mit der Differenzierung zwischen diesen Typen von Handlungs- und Kommunikationszusammenhängen stößt Luhmann auf ein Problem, welches er aber nicht lösen kann. Denn einerseits konstatiert er eine »strukturelle Präferenz für normative Leitlinien der Erwartungsbildung auf der Ebene des Gesellschaftssystems« (Luhmann 1971/2005: 69), aber andererseits identifiziert er gerade solche Funktionsbereiche als Treiber für die Entwicklung zur Weltgesellschaft, die durch einen kognitiven Erwartungsstil gekennzeichnet sind. Da für ihn die Entwicklung zur Weltgesellschaft die evolutionär angemessene Richtung darstellt, kommt er zu dem Ergebnis: »Es könnte sein, dass diese eigentümliche Kombination von Recht und Politik gerade in ihrer besonderen Leistungsfähigkeit eine Fehlspezialisierung der Menschheitsentwicklung war, die sich vorläufig jedenfalls, nicht auf das System der Weltgesellschaft übertragen läßt.« (Luhmann 1971/2005:71) Durkheims Analyse hatte eine Spannung zwischen nationaler und weltgesellschaftlicher Orientierung im Bereich normativen Erwartens offengelegt. Luhmann konstatiert dagegen lediglich, dass die mitgliedschaftliche Verfasstheit nicht recht zu einer Weltvergesellschaftung passt. Hierin STRUKTURTYPEN 168 liegt eine Vereinfachung, die sich aus der Prämisse seiner Argumentation ergibt. Luhmann betrachtet es als eine gleichsam natürliche Voraussetzung von Vergesellschaftung, dass es eine einheitliche Menschheit gibt (Luhmann 1971/2005: 68). Wie sich bei der Analyse des anthropologischen Quadrats gezeigt hat, ist die Annahme einer aus gleichen Gliedern bestehenden Menschheit das Ergebnis einer historischen Entwicklung, für die die Organisationsleistung der politisch-rechtlichen Handlungszusammenhänge bzw. deren mitgliedschaftliche Verfasstheit konstitutiv waren. Es sind normative Erwartungen, nämlich die Institutionalisierung des menschlichen Körperindividuums und seiner subjektiven (Menschen-) Rechte, die globale Kommunikationen ermöglichen. Die Tradition, von der Luhmann sich abwendet, identifiziert Gesellschaft mit jeweiligen nationalen Gesellschaften (Luhmann 1997 Bd I: 158f). In seiner Kritik übergeht Luhmann aber die besondere Funktion, die der Bindung von Vergesellschaftung an die staatlich-rechtliche Organisationsleistung und ihren Legitimierungen zukommt. Durkheim hatte in seinen Vorlesungen zur »Physik der Sitten und des Rechts« den Widerspruch zwischen einer moralischen Orientierung am Nationalstaat und einer kosmopolitischen an der globalen Menschheit ausgerichteten moralischen Orientierung (Durkheim 1950/1999: 106) erkannt. Wenn auch in anderer Weise sieht auch Luhmann hier ein problematisch-konflikthaftes Verhältnis. Beide sehen aber nicht, dass dieser Widerspruch in der Differenzierungsform moderner Vergesellschaftung selbst angelegt ist. Denn die mitgliedschaftliche Verfasstheit von Politik und Recht, die einen nationalstaatlichen Bezug erfordert, ermöglicht eine Sinnorientierung am Menschen, die den Rahmen dieser Handlungsbereiche übersteigt. Indem Politik und Recht eine auf den Menschen hin orientierte Sinngeneralisierung ermöglichen, wird der Anschluss an die weltgesellschaftliche Orientierung ermöglicht. Die Notwendigkeit, den Anschluss an die weltgesellschaftliche Orientierung zu entwickeln und zu stabilisieren resultiert ihrerseits aus der weltgesellschaftlichen Orientierung der Funktionsbereiche Wirtschaft und Wissenschaft. Diese fordern und stützen strukturell die Notwendigkeit, dass die mitgliedschaftlich verfassten Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge ihre eigene Sinnlogik überschreiten. Die politisch-rechtliche Orientierung am Menschen ist nicht nur eine moralische Forderung, wie Durkheim glaubte, sondern strukturell notwendig, denn diese Orientierung wird durch die weltweit ausgerichtete Logik der wirtschaftlich bzw. wissenschaftlich orientierten Vergesellschaftung faktisch gefordert. Die Organisationsleistungen von Politik und Recht garantieren die Bedingungen der Weltgesellschaft und die weltgesellschaftlich orientierten Handlungszusammenhänge garantieren den mitgliedschaftlich verfassten Orientierungen, die notwendig sind, um die Begrenzungen des Staates transzendieren. Ohne den Zwang dazu, die mitgliedschaftliche Verfasstheit zu transzendieren, bestünde die HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 169 Gefahr, den Menschen total in den Staat zu vereinnahmen. Und umgekehrt würde die weltgesellschaftliche Orientierung ihre Grundlage, den Menschen, zerstören, wenn sie diesen als Weltbürger gegenüber seiner organisatorischen Absicherung im Nationalstaat isoliert. Dass die weltgesellschaftlich ausgerichteten Handlungsbereiche auf die Leistungen der mitgliedschaftlich verfassten Bereiche angewiesen sind, zeigt sich nicht zuletzt an dem Gruppenzusammenhang, der allgemein als besonders relevant für die horizontale Differenzierung und damit auch für die Weltgesellschaft gilt: Organisation. Deren Bildung setzt Politik und Recht sowie die durch diese garantierten Körperindividuen voraus. Körperindividuen mit einem allgemeinen Rechtsstatus können gemäß den rechtlichen Verfahrensvorschriften eine Organisation gründen. Für deren Gründung werden unterschiedliche Rechtsformen angeboten, die sich von Staat zu Staat bzw. von Recht zu Recht unterscheiden und den Organisationen auch in normativer Hinsicht Handlungsmöglichkeiten geben bzw. Restriktionen auferlegen. Die Rechtsbindung von Organisationen besteht auch dann, wenn diese weltweit agieren. Evtl. werden Organisationen dabei gezwungen, plurale Rechtsbindungen einzugehen, wenn sie im Bereich anderer Staaten/Rechte handlungsfähig werden wollen als dem Staat/Recht, in dem sie ursprünglich gebildet worden waren. Seltsamerweise wird die Rechtsbindung von Organisationen und damit deren Bezug zu den mitgliedschaftlich verfassten Handlungsbereichen in der systemtheoretischen Organisationstheorie kaum thematisiert. Dies gilt auch dann, wenn es explizit um das Verhältnis von Gesellschaft und Organisation geht (Nassehi 2002). Damit wird aber das entscheidende Scharnier, welches die Organisationstheorie mit der Gesellschaftstheorie verbindet, ausgeblendet. Denn staatlich-rechtlich ermöglichte Organisationen sind diejenigen Subgruppen, die die Transzendierung der ortsräumlichen Bindungen von Staat und Recht ermöglichen. Dass die Wirtschaft in ihren Handlungs- und Kommunikationsketten faktisch global ausgerichtet ist, wird erst durch große Organisationen z.B. Aktiengesellschaften möglich (Weber 1924: 241ff). Ohne organisierte große Betriebe bzw. Kapitalgesellschaften wäre eine globale Wirtschaft vielleicht im Prinzip möglich, aber faktisch ist ihre Existenz an solche Organisationen gebunden. Die Weltgesellschaft existiert durch ihre Verankerung in den mitgliedschaftlich verfassten Handlungsbereichen. Denn ohne diese wären weder die Bildung von Körperindividuen noch die notwendige Organisationsbildung möglich. Die beiden Typen von Handlungszusammenhängen stehen in einem Verhältnis wechselseitiger Voraussetzung. Die weltgesellschaftliche Orientierung garantiert die Notwendigkeit des normativen Bezugs auf die Körperindividuen als Teil der Menschheit, womit zugleich die Grenzen der mitgliedschaftlichen Verfasstheit überschritten werden. Umgekehrt sichern die mitgliedschaftlich verfassten den weltgesellschaftlich ausgerichteten Handlungsbereichen die mitgliedschaftliche STRUKTURTYPEN 170 Basis, ohne die eine weltgesellschaftliche Orientierung nicht realisiert werden könnte. Dass die Weltgesellschaft ohne Organisationen nicht hätte gebildet werden können, bezeichnet Krücken (2006: 301) als eine wichtige Erkenntnis des »world-polity-Ansatzes« von John Meyer, die dieser in Weiterführung von Weber ausgearbeitet habe. Dies macht es auch verständlich, warum mit der Durchsetzung der Weltgesellschaft der moderne Staat zu einem Exportschlager wurde. Nur vermittelt über die mitgliedschaftliche Verfasstheit der Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge Politik und Recht kann eine durch Organisationen vorangetriebene Entwicklung zur Weltgesellschaft stattfinden. Wenn die weltgesellschaftliche Perspektive etabliert ist, können sich Staaten gegenseitig beobachten und dabei eine normativ am Menschen orientierte Weltperspektive einnehmen bzw. Staaten werden von Organisationen (z.B. Vereinte Nationen) oder sozialen Bewegungen mit einer normativen am Menschen orientierten Weltperspektive (z.B. Arbeiter, Frauen- oder Umweltschutzbewegung) beobachtet und so dazu gedrängt, sich mit der am Kult des individuellen Menschen orientierten Weltperspektive auseinanderzusetzen (Meyer 2005, Stichweh 2000: 58ff). 4.3 Das konflikthafte Verhältnis der beiden Typen von Funktionsbereichen Wenn man moderne Vergesellschaftung ausgehend von der strukturellen Differenz zwischen regionaler mitgliedschaftlicher Verfasstheit und globalem Weltbezug begreift, lässt sich auch die Dynamik der geschichtlichen Entwicklungen innerhalb der modernen Vergesellschaftung besser begreifen. Die Geschichte der modernen Vergesellschaftung seit dem 19. Jahrhundert scheint gekennzeichnet zu sein durch die konflikthafte Abfolge der Dominanz der jeweiligen Sinnorientierungen. Seit ungefähr den 1970er und 1980er Jahre erleben wir eine Dominanz der weltgesellschaftlich ausgerichteten Funktionszusammenhänge – vor allem der Wirtschaft (Streeck 2015: 96ff), die auch in der sozialwissenschaftlichen Forschung spätestens seit den 1990er Jahren als Globalisierung beschrieben wurde. Dagegen deutet sich gegenwärtig, d.h. im Jahre 2017, erneut eine Änderung in der Strukturdominanz an, die sich durch eine stärkere Fokussierung auf den Staat bzw. die Nation auszeichnet. Es wird auch eine Frage der Politik und (wie sich unten zeigen wird) der Entwicklung sozialer Bewegungen, ob dies genauso kriegerische Konsequenzen haben wird, wie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert. Die Einführung der Differenz zwischen mitgliedschaftlich verfassten und weltgesellschaftlich ausgerichteten Handlungszusammenhängen beinhaltet eine weitere wichtige Veränderung im Verhältnis zur Theorie funktionaler Differenzierung. Funktionssysteme im Sinne Luhmanns HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 171 sind darüber bestimmt, welche Strukturen es wahrscheinlich machen, dass Kommunikationen bzw. Handlungen aneinander anschließen. In diesem Sinn stehen alle Funktionssysteme auf einer Ebene und es lassen sich von ihrer Grundstruktur her keine theorierelevanten Unterschiede zwischen ihnen ausmachen, die über die Differenz der jeweiligen symbolisch generalisierten Erfolgsmedien (Geld, Macht, Wahrheit usw.) bzw. die Codes der Funktionssysteme und deren legitimierende Beschreibungen hinausgehen. Da die funktional differenzierte Gesellschaft zugleich eine Weltgesellschaft ist, kann in diesem Theorierahmen die Besonderheit der Funktionssysteme von Politik und Recht – zumindest insofern die Durchsetzung des letzteren an den Staat gebunden ist – nicht mehr angemessen verstanden werden. Wenn man dagegen von einer horizontalen Differenzierung zwischen strukturell unterschiedlichen Typen von Handlungszusammenhängen ausgeht, wird deutlich, inwiefern diese einerseits strukturell aufeinander angewiesen sind und andererseits in einem antagonistischen Spannungsverhältnis miteinander stehen. Mit diesem differenzierungstheoretischen Vorschlag schließe ich an Beckert (2009) an, funktionale Differenzierung im Anschluß an Polanyi konflikttheoretisch zu begreifen. Den Ausgangspunkt bildet bei Beckert die Annahme, dass funktionale Differenzierung durch das ausdifferenzierte kapitalistische Wirtschaftssystem dominiert wird (Beckert 2009, Schimank 2009). Beckerts Argument lautet in Anschluss an Polanyi (1944/1987), dass die Gesellschaft sich gegen diese Dominanz wehren würde und dass sich aufgrund dieses Konflikts die gesellschaftliche Realität funktional differenzierter Gesellschaften begreifen ließe. Ich möchte hier zunächst anfügen, dass neben Polanyi (1944/1987) auch Marshall (1992) implizit einen derartigen konfliktorientierten Beitrag zur Differenzierungstheorie entwickelt hat. Polanyi analysiert das Verhältnis vor allem von Wirtschaft und Politik bzw. Staat als den Motor der gesellschaftlichen Dynamik seit dem 19. Jahrhundert (Polanyi 1944/1987: 19). Eine Dynamik, die schließlich zum Untergang der Kultur des 19. Jahrhunderts geführt habe. Marshall beruft sich auf ein explizit als konflikthaft begriffenes Verhältnis zwischen Staat und Wirtschaft, denn durch den entwickelten Staatsbürgerstatus, also ein politisches Moment, könne die durch die liberale Ökonomie erzeugte soziale Ungleichheit auf legitimes Maß beschränkt werden (Marshall 1992: 86ff). Bislang wurden die Arbeiten von Polanyi und Marshall kaum in ihrer Bedeutung für eine differenzierungstheoretische Perspektive gewürdigt. Die Differenzierung zwischen Typen von Handlungszusammenhängen nimmt die Einsichten von Polanyi und Marshall auf und erschließt damit eine neue Analyseperspektive, die auf das strukturell konflikthafte Verhältnis zwischen unterschiedlichen Typen von Zusammenhängen abhebt. Es gibt allerdings eine wichtige Differenz. Polanyi und an ihn anschließend Beckert gehen von einem Primat der Wirtschaft aus, dieses Funktionssystem würde die STRUKTURTYPEN 172 anderen eindeutig dominieren. Im Unterschied dazu lautet mein Argument, dass es zwei Typen von Handlungs- und Kommunikationszusammenhängen gibt, die strukturell miteinander in Konflikt stehen und zugleich wechselseitig aufeinander angewiesen sind. Die Gründe für diese Differenz liegen in einer Unterschätzung des politisch-rechtlichen Rahmens für die Entwicklung horizontaler Differenzierung. Polanyi, Schimank und Beckert teilen den blinden Fleck der Mainstreamsoziologie. Sie betrachten die Existenz von Körperindividuen mit einem gleichen Rechtsstatus als eine quasi naturgegebene Voraussetzung. Deshalb kann es auch eine Sache der Wirtschaft sein, die Individuen freizusetzen, die sich dann marktmäßig vergesellschaften können. Die Gesellschaft kann diesen Prozess günstigstenfalls abfedern bzw. in eine für die Menschen erträgliche Bahn lenken. Wenn man aber den Sachverhalt, dass es menschliche Körperindividuen gibt, selbst als eine Institution begreift, stellt sich der Sachverhalt anders dar. Dass es Individuen gibt, die über sich verfügen und sich selbst als »Ware Arbeitskraft« (Marx 1890/1977: 181ff.) verkaufen können, ist eine Leistung des politisch-rechtlichen Bereichs. Im Mittelpunkt steht dabei die Etablierung einer Verfahrensordnung der Gewalt, die eine besondere und hochunwahrscheinliche Form annehmen muss, durch die horizontale Differenzierung allererst ermöglicht wird. Ich gehe also nicht von der Dominanz eines Funktionssystems aus, sondern von der Dominanz eines Konflikts zwischen unterschiedlichen Typen von Handlungszusammenhängen. In dem dadurch gebildeten Rahmen existieren weitere Handlungszusammenhänge wie derjenige der Bildung oder der Medizin, die von ihrer Strukturlogik her nicht von vornherein einem der beiden Typen zugeordnet sind, die aber für den Gesamtzusammenhang horizontaler Differenzierung dennoch relevant sind. Der Bereich der Bildung soll die Körperindividuen in den Stand setzen, die Leistungsanforderungen der unterschiedlichen Handlungsund Kommunikationszusammenhänge zu erfüllen. Die Schule kann organisatorisch eher an den Staat (Kontinentaleuropa) oder an den privatwirtschaftlichen Bereich angelehnt sein und es können sich Mischformen entwickeln (UK und USA). In jedem Fall richtet sich die Bildung aber an den Menschen, denn es geht darum, Menschen die Freiheit zu geben, sich potentiell in alle Handlungszusammenhänge zu involvieren. Der Handlungszusammenhang der Medizin bildet eine zentrale Scharnierstelle für das Verhältnis von Staat, Individuum und Familie, denn die Medizin garantiert einerseits vermittelt über die Familie die Natürlichkeit der natürlichen Geburt und andererseits die Natürlichkeit des natürlichen Todes als Einschluss- bzw. Ausschlusskriterium in den bzw. aus dem Kreis sozialer Personen. In der staatlich kontrollierten Organisationspraxis dokumentiert sich zugleich eine auf den Menschen und nicht HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 173 auf den Staatsbürger bezogene Orientierung. Die Medizin stellt den Ausschluss aus dem Kreis der dokumentierten Staatsbürger fest, indem sie den Tod eines Menschen diagnostiziert. Zugleich macht die Medizin die Verkörperung für die leiblichen Beteiligten verbindlich, deren erlebtes Leiden wird als etwas begriffen, das auf ihren individuellen menschlichen Körper zurückgeführt werden kann, weshalb die Medizin zugleich Schutz vor den diesseitigen Leiden verspricht. Organisatorisch kann die Medizin ebenfalls eher an den Staat bzw. die staatlich geforderten Versicherungsleistungen oder an den privatwirtschaftlichen Bereich angelehnt sein. 4.4 Zur Orientierung: ein Vierfelderschema: Drittenkonstellation quantitativ unbegrenzt Drittenkonstellation quantitativ/mitgliedschaftlich begrenzt Anwesende bzw. zukünftig anwesende Dritte Feld A Typische Funktionsweise der weltgesellschaftlich orientierten Bereiche Wirtschaft und Wissenschaft – Präferenz für einen kognitiven Erwartungsstil Feld B Einbau des entgegengesetzten Erwartungsstils in die Funktionsbereiche von Politik und Recht. Lernen in der Politik durch soziale Bewegungen, Lernen in der Verwaltung und im Recht durch Anpassung an ver- änderte gesellschaftliche Gegebenheiten Abwesende Dritte Feld C Einbau des entgegengesetzten Erwartungsstils in die weltgesellschaftliche Orientierung: (mögliche) Institutionalisierung von Weltnormen (Weltrecht?), Akteure sind Staaten, internationale Organisationen, informelle Stellvertreter (NGOs, soziale Bewegungen), die sich durch den Bezug auf die Menschheit als dauernde Institution legitimieren Feld D Typische Funktionsweise der mitgliedschaftlich verfassten Bereiche Politik und Recht – Präferenz für einen normativen Erwartungsstil STRUKTURTYPEN 174 Anhand der Strukturmerkmale der Drittenkonstellationen lassen sich zwei Einsichten verdeutlichen. Zum einen gibt es typische Sinnlogiken der weltgesellschaftlich orientierten (Feld A) bzw. der mitgliedschaftlich verfassten (Feld D) Handlungszusammenhänge. Diese Drittenkonstellationen werden im Folgenden ausführlich dargestellt. Bei den Feld B zugeordneten Phänomenen handelt es sich um Prozesse gesellschaftlichen Lernen. Das normale Funktionieren der mitgliedschaftlich verfassten Handlungszusammenhänge basiert auf der Abwesenheit der legitimierenden Dritten, der Wähler. In Form von sozialen Bewegungen machen sich die legitimierenden Dritten im Bereich der Politik anwesend. Sie stellen die Legitimation durch die abwesenden Dritten in Frage und stellen Forderungen, die für die institutionalisierten Akteure des politischen Handlungszusammenhangs neu und zunächst unerhört sind. Beispiele hierfür wären die Forderungen nach Gesetzesänderungen, wie etwa die Forderung nach einem Wahlrecht für Frauen. Im Erfolgsfall können soziale Bewegungen die etablierten Akteure des politischen Bereichs zum Lernen zwingen. Die sozialen Bewegungen, die in Feld B angesprochen sind, haben einen klaren Adressaten: die nationale Politik. Davon zu unterscheiden wäre das Lernen im Recht, wenn in der Rechtsprechung auf veränderte gesellschaftliche Gegebenheiten reagiert wird. In diesen Fällen handelt es sich um ein stilleres, weniger spektakuläres Lernen. Gleiches gilt für das Lernen der Verwaltung, die sich im Rahmen gegebener Handlungsspielräume auf veränderte gesellschaftliche Gegebenheiten einstellt. Das Feld C beschreibt zweierlei. Zum einen geht es um eine besondere Legitimationsfigur, die soziale Bewegungen in Anspruch nehmen, nämlich den Bezug auf die Menschheit. Dieser war für die alte Arbeiterbewegung relevant, deren Kampflied, »Die Internationale«, explizit den Kampf um »des Menschen Recht« in den Mittelpunkt rückte. Der Bezug auf die Menschheit war und ist aber auch für die Frauenbewegung zentral, der es um die Gleichheit aller Menschen, d. h. von Männern und Frauen, geht und schließlich steht der Bezug auf die Menschheit für die Umweltschutzbewegung im Mittelpunkt. Die Legitimationsfigur sprengt den nationalen Rahmen, dennoch bleibt der Adressat dieser sozialen Bewegungen zumeist die nationale Politik. Davon zu unterscheiden wären Bewegungen, Nichtregierungsorganisationen sowie internationale Organisationen (UNO, WTO), die versuchen, internationale Normen durchzusetzen. Beispiele für Bewegungen und Nichtregierungsorganisationen wären die internationale Umweltbewegung oder auch politische Bewegungen, die sich gegen die weltgesellschaftlich ausgerichteten Strukturen der Wirtschaft wenden. Solche Bewegungen adressieren sich nicht bzw. nicht nur an ihre nationalen Regierungen, sondern etwa an die Staatengemeinschaft und evtl. an die Vereinten Nationen. Politisch wirksam werden Bewegungen aber zumeist nur, wenn sie sich zumindest teilweise dem Typus von Bewegung HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 175 des Feldes B angleichen. Internationale Organisationen wie die UNO oder die Welthandelsorganisation, die WTO, versuchen ebenfalls internationale Normen durchzusetzen, bewegen sich dabei aber in einer komplizierten kognitiv-normativen Gemengelage, denn sie werden von Staaten getragen, die stets als anwesende Akteure auf Lernen umstellen können. Interessanterweise übernehmen die sich entwickelnden Monopolisten der IT-Branche bzw. der Wissenswirtschaft eine ähnliche Legitimationsstrategie, die zu mindestens von außen ihre Faszination steigert. Die Unternehmen Google oder Uber verstehen sich nicht nur als Unternehmen, sondern auch als ein Versuch, die Welt für die Menschen zu einem besseren Ort zu machen. Die Menschen bzw. die Menschheit fungieren hierbei als abwesende Dritte einer Legitimation, die vollständig ohne rationale Repräsentation auskommt, aber die Selbstdarstellung des Unternehmens prägt. Die Phänomene des Feldes C werden, sofern sie dem politischen Feld zugerechnet werden können im dritten Kapitel behandelt und insofern sie der Wirtschaft zuzuordnen sind, im Rahmen des Abschnitts zur Wirtschaft mitbehandelt. 5. Politik und Recht (Feld D, B – und C) Sowohl Politik als auch Recht werden letztlich vom Problem der Gewalt bzw. der Macht her gedacht. Weber hatte zumindest für moderne Gesellschaften einen engen Zusammenhang zwischen politischer Herrschaft und Recht herausgearbeitet. Die für moderne Gesellschaften rationale Herrschaft sei, so Weber, ohne staatliches Gewaltmonopol (Weber 1921–22/1980: 822) und gesatztes Recht nicht denkbar (vgl. Weber 1921– 22/1980: 125ff., 516, 519). Die spezifische Legitimität der Rechtsordnung ergibt sich aus ihrem rationalen Charakter. Auch die an Weber anknüpfende Theorie des Staates akzentuiert diesen Zusammenhang (Breuer 1998). Luhmann ordnet zwar Politik (Luhmann 2002) und Recht (Luhmann 1999) zwei verschiedenen Systemen mit je eigenen Codes zu, nämlich Politik mit dem Code Macht haben/keine Macht haben und Recht mit dem Code recht/unrecht, hebt aber dennoch deren engen Zusammenhang hervor. Recht sei einerseits eine Zweitcodierung von Macht (Luhmann 1997a: 357) und andererseits ermögliche erst die Verrechtlichung von Macht, d.h. die Bindung von Macht an das Recht, dass Macht als Medium der politischen Reduktionsperspektive verselbstständigt wird. Verfassungen und die in ihnen zum Ausdruck kommenden Institutionen seien der Punkt, von dem aus der Zusammenhang des Rechtlichen und des Politischen zu begreifen sei. Denn Verfassungen legen fest, wie der Code recht/unrecht auf das Recht anzuwenden ist und wie das Recht, einschließlich der Verfassung selbst, politisch geändert werden kann (Luhmann 1990). Aufgrund dieser Schnittstellenfunktion ist eine Analyse der »Grundrechte als Institution« POLITIK UND RECHT 176 (Luhmann 1965/1999) nicht nur ein Beitrag zur Rechtssoziologie, sondern auch ein Beitrag zur politischen Soziologie. 5.1 Die moderne Verfahrensordnung der Gewalt Aufgrund des engen Zusammenhangs von Staat, Politik und Recht sowie Gewalt und Macht ist es für eine Theorie der Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge des Politischen sowie des Rechts von zentraler Bedeutung, sich darüber zu verständigen, wie Gewalt soziologisch zu begreifen ist. Hierzu habe ich den Begriff der Verfahrensordnung der Gewalt eingeführt. Dabei wird im Rahmen von vermittelter Unmittelbarkeit ein leibtheoretisch fundierter Gewaltbegriff zugrunde gelegt. Demzufolge ist Gewalt einerseits ein unmittelbar leibliches Ereignis des Antuns und/oder Erleidens, das durch den Bezug auf legitimierende Dritte vermittelt ist. Der Bezug auf (de-)legitimierende Dritte tritt nicht zusätzlich zur Gewalt hinzu, sondern ist dieser inhärent. Denn erst die Vermittlung durch Dritte erlaubt die Unterscheidung zwischen personalen Wesen und anderen Entitäten. Gewalt findet immer in einer drittenvermittelten Verfahrensordnung statt, durch die festgelegt wird, 1. wie der Kreis der legitimen Personen zu begrenzen ist, 2. wie ein Kraftaufwand als ein Fall von Gewaltausübung identifiziert werden kann, 3. wie zwischen erlaubter, verbotener und gebotener Gewalt unterschieden werden kann (Reemtsma 2008: 190 ff.), 4. wie Gewalt legitimiert und wie zwischen legitimer und illegitimer Gewalt unterschieden werden kann, 5. welche normative Erwartungen als legitim, d.h. als das Recht einer Gesellschaft, gelten können, 6. wie die Rechtsdarstellung angemessenerweise erfolgen sollte. Im ersten Kapitel hatte ich dabei zwischen drei Verfahrensordnungen unterschieden: der Verfahrensordnung der Opferung, des Ausgleichs und des Gerichtswesens. Bei dieser Differenzierung handelt es sich um idealtypische Unterscheidungen, D.h. es ist nicht davon auszugehen, dass eine solche Ordnung real ausschließlich realisiert ist. Empirisch ist eher mit einer Konkurrenz unterschiedlicher Verfahrensordnungen zu rechnen. Dennoch gilt, dass man für bestimmte historische Zeiten von der Dominanz einer idealtypischen Ordnung ausgehen kann. In diesem Sinn lässt sich auch eine idealtypische Verfahrensordnung der Gewalt identifizieren, deren Dominanz horizontale Differenzierung strukturell ermöglicht. Die horizontale Differenzierung ermöglichende, d.h. die moderne, Verfahrensordnung der Gewalt bildet sich aus der Verfahrensordnung des HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 177 Gerichtswesens heraus. Sie baut auf der Etablierung einer Zentralgewalt auf, d.h. auf der Zentralisierung der Entscheidung über den Gewalteinsatz; sie unterscheidet sich vom Gerichtswesen vor allem dadurch, dass die Gültigkeit des Rechts nicht mehr selbst gewalttätig dargestellt wird. Diese vierte Verfahrensordnung entwickelt sich im Übergang zur modernen horizontal differenzierten Gesellschaft als die dominante Verfahrensordnung. Sie impliziert ein paradoxes Gewaltverständnis. Es bleibt einerseits der Sachverhalt erhalten, dass Gewalt nur innerhalb des Sozialen angewendet werden kann und andererseits soll zugleich im Sozialen keine Gewalt angewendet werden. Denn Gewalt wird als Ausschluss aus dem Sozialen verstanden. Dieses paradoxe Gewaltverständnis entspricht der Differenzierungsstruktur moderner Vergesellschaftung in horizontal geordnete Subgruppen sowie horizontal gegliederte sachlich spezifizierte Kommunikations- und Handlungszusammenhänge, wie etwa Wirtschaft, Politik, Wissenschaft usw. Im Rahmen einer solchen Differenzierungsform werden soziale Personen logisch zweischrittig vergesellschaftet: Einerseits sind sie als menschliche Körperindividuen das institutionalisierte Element der Vergesellschaftung überhaupt und zum anderen sind sie als Körperindividuen in jeweils unterschiedliche institutionalisierte Handlungszusammenhänge und Subgruppen vergesellschaftet. Damit die Gesamtstruktur einer horizontal geordneten Vielzahl institutionalisierter Vergesellschaftungsformen erhalten bleibt, soll keine dieser Subgruppen bzw. keiner dieser Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge den Erfahrungshorizont von Menschen vollständig vereinnahmen. Vor diesem Hintergrund wird ersichtlich, inwiefern Gewalt als Ausschluss aus der Struktur moderner Vergesellschaftung verstanden werden kann, denn Gewalttäter und vor allem Gewaltopfer werden in ihrem Erleben total vereinnahmt. Die Vereinnahmung durch eine Subgruppe bzw. einen Handlungszusammenhang würde auf einen Ausschluss aus der Gesamtstruktur der Vergesellschaftung hinauslaufen, denn dieser basiert darauf, an einer Vielzahl institutionalisierter Subgruppen bzw. diskursiv legitimierter Handlungszusammenhänge beteiligt zu sein bzw. sein zu können. Aber das kann nur deswegen als ein Problem verstanden werden, weil Menschen weder von einzelnen institutionalisierten Handlungszusammenhängen, noch von gesellschaftlichen Subgruppen total vereinnahmt werden sollen. Dennoch muss durchgesetzt werden, dass die als Recht institutionalisierten normativen Erwartungen allgemeine Gültigkeit haben. Gewalt wird in einer horizontal differenzierten Gesellschaft einerseits zu einem durch und durch problematischen Ereignis, das nicht stattfinden soll. Andererseits muss Gewalt zumindest im Hintergrund immer präsent bleiben, da nur so in generalisierter Weise und eben mit Gewalt die Gültigkeit des Rechts dargestellt werden kann. Innerhalb moderner POLITIK UND RECHT 178 Gesellschaften darf sich Gewalt nur noch an den Rändern der Gesellschaft ereignen und zwar so, dass es sich um reine bzw. legitime Gewalt im Sinne Benjamins (1920–21/1999) oder Girards (1972/2002: 41 ff.) handelt. Diese Gewalt ist überlegen und hat das Ziel, die Anwendung von Gewalt überflüssig zu machen. Legitime Gewalt ist ihrem Selbstverständnis nach die abschließend angewendete Gewalt im Dienste einer Vergesellschaftung, die im Weiteren ohne Gewalt erfolgen wird. Legitime Gewalt ist immer »gebotene Gewalt« (Reemtsma 2008: 191). Der moderne Staat ist diejenige Instanz, die befugt ist, legitime Gewalt in einer an das Recht gebundener Weise auszuüben. Im Kern besteht die moderne Verfahrensordnung der Gewalt darin, das Problem zu bearbeiten, dass die Darstellung der Gültigkeit der Ordnung bzw. des Rechts nicht mehr durch Gewalt erfolgen soll, denn die Erfahrung leiblicher Beteiligter soll nicht vollständig, d.h. über alle Sinndimensionen hinweg, vereinnahmt werden, zugleich muss aber über alle Sinndimensionen hinweg in kongruenter Weise eine Ordnung etabliert und dargestellt werden. Die in sich widersprüchlichen Anforderungen an eine Verfahrensordnung, die horizontale Differenzierung ermöglicht, wird durch ein besonderes Zusammenspiel von Politik und Recht erreicht, in dem ein besonderes Verhältnis zwischen Staat und Bürgerin erzeugt wird: Die leiblichen Selbste sind der rechtlich vermittelten Zentralgewalt des Staates unterworfen und werden damit zu menschlichen Körperindividuen, die als Bürger Mitglied des Staates sind. Als Bürger stehen leibliche Selbste der Staatsgewalt aber auch als Subjekte gegen- über. Insofern die Bürger der gesetzlich gebundenen Gewalt des Staates unterworfen sind, werden sie von der Politik nicht vollständig vereinnahmt und können sich deshalb auch gemäß unterschiedlicher Sinnlogiken vergesellschaften. D.h., sie können sich nicht nur gemäß der Sinnlogik der Politik oder des Rechts vergesellschaften, sondern auch gemäß der Sinnlogik der Wirtschaft oder der Wissenschaft usw. Demzufolge sind Bürger als Menschen dazu in der Lage, sich als Wirtschaftssubjekte begegnen, als Forschende, Lehrende und Lernende usw. Der Sachverhalt, dass die Gewaltunterworfenen dem Staat auch gegenüberstehen, hat auch für das Verständnis horizontaler Differenzierung Konsequenzen, die in einer herrschaftssoziologischen Perspektive nicht mehr fassbar werden. Die Tatsache, dass die Staatsbürger der Staatsgewalt nicht nur unterworfen sind, sondern dieser auch gegenüberstehen, führt nämlich dazu, dass der Bereich des Politischen nicht nur durch den Code der Macht bzw. der Gewalt definiert werden kann, sondern auch durch die Differenz von Sachpositionen charakterisiert werden muss. Die Institutionalisierung der Differenz zwischen inhaltlicher Sachposition und dem Code von Macht/Gewalt ist für die Politik ähnlich relevant wie die Differenz zwischen Gebrauchswert und Tauschwert HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 179 bzw. Besitz und Eigentum für die Wirtschaft. Wenn die Gewaltunterworfenen dem Staat auch als Subjekte gegenüberstehen, muss der Staat sich auf diese und ihre sachlich differenzierten institutionellen Praxisformen einlassen, um zu lernen. Der Staat herrscht nicht nur, sondern er lernt auch von seinen Bürgern. Es geht deshalb in der Politik zum einen um die Verteilung von Macht bzw. um die Verteilung des Zugangs zur staatlichen Gewalt und zum anderen um die Entwicklung von Sachpositionen, die zur Herrschaft gebracht werden sollen. Parteien entwickeln in Auseinandersetzung mit der öffentlich-diskursiven oder auch der geheimen lobbyistischen Beobachtung der Politik Sachpositionen, mit denen sie sich zur Wahl stellen. Dies ermöglicht politisches Lernen im Sinne von Gesetzgebung. Es geht dabei nicht darum, überhaupt Gesetze, sondern darum, sachliche Positionen zu Gesetzen zu machen, die im Weiteren die rechtlichen Vorgaben für die institutionellen Ordnungen des Handelns bilden. Dieser Sachverhalt gibt der Sach- und Zeitdimension des Politischen ein besonderes Gepräge. Sachlich geht es nicht nur um Macht, sondern auch um Sachpositionen und zeitlich sind die legitimierenden Dritten gegenwärtig abwesend, aber sie werden mit der Wahl als zukünftig – momenthaft – anwesend erwartet. Im Rahmen der modernen Verfahrensordnung der Gewalt werden – vermittelt durch politisches und rechtliches Lernen – die notwendigen generalisierten Normgeltungen erzeugt. Generalisierung bezieht sich dabei auf die unterschiedlichen Sinndimensionen. Auf diesen Sachverhalt hatte bereits Luhmann hingewiesen (Luhmann 1972: 94ff). Dabei hatte er – ohne dies weiter zu begründen – zwischen der Sozialdimension, der Zeitdimension und der Sachdimension unterschieden. Aus den Strukturmerkmalen exzentrischer Positionalität lassen sich in Ergänzung der Liste Luhmanns zumindestens fünf Sinndimensionen entfalten (Lindemann 2014a: 82f). Neben der Sozialdimension, die Dimensionen von Raum und Zeit sowie die Sachdimension und die Symboldimension. Da diese Sinngeneralisierung im Zusammenspiel von Politik und Recht erfolgt, orientiere ich die weitere Darstellung an diesen Sinndimensionen. 5.2 Sozial- und Raumdimension Die legitimierenden Beschreibungen von Politik und Recht werden im klassischen Kanon der politischen Theorie, der Staatslehre und des Völkerrechts formuliert. Bei aller Unterschiedlichkeit konvergieren die Ansätze der politischen Theorie in einem wesentlichen Punkt: Im Mittelpunkt steht ein Vertragsschluss zwischen menschlichen Körperindividuen. Die politische Vergesellschaftung wird als eine Geschichte erzählt, in der als natürlich vorausgesetzte Körperindividuen in einem Naturzustand leben und durch einen sie bindenden Vertrag in den POLITIK UND RECHT 180 Gesellschaftszustand übergehen. Dabei stand bei Hobbes (1651/1984) der Verzicht der Individuen auf das Recht auf Gewaltanwendung im Mittelpunkt, während etwa Kant in seiner Schrift »Zum ewigen Frieden« den Sachverhalt betonte, dass die Individuen vernünftig sind und sich selbst ein für alle verbindliches Gesetz geben, das auch die Herrschaftsausübung selbst bindet (Kant 1795/1977). In der Sozialdimension wird damit von Kant ein in sich widersprüchliches Verhältnis von Staatsorganisation und Bürgerin angesprochen: Die Bürgerin ist der Gewalt des Staates unterworfen und die Bürgerin tritt dem Staat als ein Subjekt gegenüber. Das doppelte Verständnis des Verhältnisses von Staat und Bürgerin wiederholt sich auch in der Staatslehre. Diese unterscheidet im Wesentlichen drei Elemente, die konstitutiv für den Staat seien. Dazu gehören das Staatsgebiet (Jellinek 1905/1960: 394ff), das Staatsvolk (Jellinek 1905/1960: 406ff) und die Staatsgewalt (Jellinek 1905/1960: 427ff). Die liberale Staatslehre stimmt insofern mit der Theorie des Gesellschaftsvertrags überein, als das Staatsvolk nicht als eines begriffen wird, welches dem Staat ausschließlich unterworfen ist, vielmehr kommen den Gliedern des Staatsvolks, den Bürgern, subjektive öffentliche Rechte zu (Jellinek 1892: 111ff; 1905/1960: 419ff), die letztlich den modernen Staatsbürgerstatus (Mackert 2006) kennzeichnen. Die Bürger sind der Gewalt des Staates unterworfen und können insofern als private Rechtssubjekte gegeneinander die Gewalt des Staates in rechtlich gebundener Weise in Bewegung setzen (Privatrecht) und zugleich sind sie öffentliche Rechtssubjekte, die auch gegen den Staat subjektive öffentliche Rechte geltend machen können. Es wird sich zeigen, dass diese doppelte Bestimmung in legitimierender Weise den Sachverhalt beschreibt, der sich nicht mehr in einer herrschaftssoziologischen Perspektive fassen lässt. Der Herrschaftsaspekt der modernen Ordnung wurde bereits von Weber klar herausgearbeitet. Die moderne Verfahrensordnung der Gewalt bedarf einer Instanz, die als einzige legitimiert ist, über die Anwendung von Gewalt zu entscheiden und die durch diese Gewalt das Recht stützt. Auf diesen Sachverhalt hatte Weber hingewiesen, indem er den engen Zusammenhang zwischen politischer Herrschaft und Recht beschrieben hat. Die entscheidende Grundlage für moderne Herrschaft sieht Weber im Monopol der Kontrolle über die Gewaltmittel. »Staat ist diejenige menschliche Gemeinschaft, welche innerhalb eines bestimmten Gebietes … das Monopol legitimer physischer Gewaltsamkeit für sich (mit Erfolg) beansprucht. Denn das der Gegenwart Spezifische ist, daß man allen anderen Verbänden oder Einzelpersonen das Recht zur physischen Gewaltsamkeit nur soweit zuschreibt, als der Staat sie von ihrer Seite zuläßt: er gilt als alleinige Quelle des ›Rechts‹ auf Gewaltsamkeit.« (Weber 1921–22/1980: 822) Das Gewaltmonopol muss organisatorisch realisiert werden. Es bedarf eines Stabes von Menschen (Polizei, Militär), HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 181 die das Gewaltmonopol in einer Weise durchsetzen, dass dessen Gültigkeit von den Beherrschten anerkannt wird.5 Von hier ausgehend definiert Weber Politik als »Streben nach Machtanteil oder nach Beeinflussung der Machtverteilung, sei es zwischen Staaten, sei es innerhalb eines Staates« (Weber 1921–22/1980: 822). Dies entspricht dem von Luhmann identifizierten Code der Politik, der Macht. Der Staat ist ein auf das »Mittel der legitimen … Gewaltsamkeit gestütztes Herrschaftsverhältnis von Menschen über Menschen« (Weber 1921–22/1980: 822). Der Staat muss die Mittel verwalten, derer er bedarf, um seine Herrschaft auszuüben. Dies führt zu einer knappen Definition des Staates, wonach »der moderne Staat ein anstaltsmäßiger Herrschaftsverband ist, der innerhalb eines Gebietes die legitime physische Gewaltsamkeit als Mittel der Herrschaft zu monopolisieren mit Erfolg getrachtet hat und zu diesem Zweck die sachlichen Betriebsmittel in der Hand seiner Leiter vereinigt…« (Weber 1921–22/1980: 824). Auf der Grundlage eines durchgesetzten Gewaltmonopols entwickelt sich ein weiteres Merkmal moderner Herrschaft: die Bürokratie bzw. Verwaltung oder »Behörde«, wie Weber (1921–22/1980: 125) sagt. Eine Behörde hat einen sachlichen Zuständigkeitsbereich, innerhalb dessen nach allgemeinen Regeln entschieden wird, das heißt auch, die »Beamten« einer Behörde sollen sich im Kontakt mit ihrem Publikum nicht persönlich bereichern, denn die Entscheidung soll allgemeinen Regeln folgen und nicht auf der Grundlage persönlicher Vorlieben. (Weber 1921–22/1980: 126) Die Forderung nach sachlicher Kompetenz und regelgebundener Entscheidung erfordert eine »Fachqualifikation« (Weber 1921–22/1980: 127). Dies führt dazu, dass im Laufe des 19. Jahrhunderts Beamte zunehmend nicht mehr nach Stand, sondern nach Qualifikation ausgewählt werden (Schwinn 2007: 29ff). Die Ausdifferenzierung der Verwaltung ist ein wichtiger Aspekt der Unterwerfung der Staatsbürger. Es gehört zur »politischen Technologie des Individuums« (Foucault 1988/1993b), dass die Verwaltung in deren Leben in vielfältiger Weise eindringt, um es zu verbessern. In diesen Zusammenhang gehören die Beziehungen der Körperindividuen zueinander (Verwaltung des Personenstandes, s.o.) sowie deren Gesundheit und Eigentumsbeziehungen (Foucault 1988/1993b: 180f). Zentral für die sich dabei entwickelnden Technologien des Selbst ist die besondere Form der Selbstunterwerfung, denn die derart von der Staatsgewalt Verwalteten müssen sich in ihren Beziehungen zueinander zugestehen, dass es nicht moralisch verwerflich ist, sich dem Gewaltmonopol bzw. der staatlichen Verwaltung zu unterwerfen. Die gleiche Einsicht findet sich 5 Eine historisch detaillierte Darstellung des langwierigen Prozesses der Unterwerfung unter eine Gewalt für England und Frankreich findet sich bei Gerstenberger (1990). POLITIK UND RECHT 182 auch bei Luhmann, der feststellt, dass ohne diesen wechselseitig erteilten moralischen Dispens ein gleichmäßiger horizontal ausdifferenzierter ziviler Verkehr unter den Gewaltunterworfenen nicht möglich wäre (Luhmann 1965/1999). Zunächst folge ich also der von Weber vorgeschlagenen Untergliederung des Politischen in den Bereich der Satzung des Rechts (Gesetzgebung) und die an dieses Recht bzw. an besondere Verfahrensvorschriften gebundene Verwaltung. Ein solches Verständnis des Politischen kann als Konsens gelten, so orientiert sich z.B. auch Luhmann (2010: 133) an der Untergliederung des politischen Bereichs in die Teilsysteme Politik und Verwaltung. Weber selbst orientiert sich mit seiner Konzeption des Politischen an der von Jellinek (1905/1960) formulierten Trias von Staatsvolk, Staatsgewalt und Staatsgebiet und führt sie damit in die Soziologie ein. Auf die Bedeutung der subjektiven öffentlichen Rechte geht Weber allerdings nicht in gleicher Ausführlichkeit ein. Seine Argumentation verbleibt in einer herrschaftssoziologischen Perspektive. Bevor ich im nächsten Abschnitt auf die widersprüchlichen Strukturen in der Sozialdimension – Gewaltunterworfenheit und Subjekthaftigkeit – eingehe, wende ich mich zunächst der Raumdimension zu. Eine Begründung dafür, warum das Territorium für die Staaten von so großer Bedeutung ist, findet sich bei Weber ebenfalls nicht. Wenn man die Analysen des anthropologischen Quadrats einbezieht, wird ersichtlich, warum es für moderne Staaten nahe liegt, sich an einen dreidimensional ausgedehnten Ortsraum zu binden. Bereits das moderne Verständnis des Sozialen ist nämlich räumlich aufgeladen. Denn das Soziale wird als eine Relationierung von Körperindividuen begriffen. Der Staat, insofern er mitgliedschaftlich verfasst ist, besteht aus dreidimensional ausgedehnten menschlichen Körperindividuen. Derartige natürliche dreidimensional ausgedehnte Körperindividuen sind auch die Akteure der Erzählungen über den Gesellschaftsvertrag. Entsprechend liegt es nahe, die Herrschaft über diese Individuen daran zu binden, an welchem Ort sie sich aufhalten. Ohne die Dominanz eines abstrakten messbaren Raums wäre ein modernes Staatsverständnis kaum möglich. Im Rahmen eines solchen Verständnisses werden erlebte Gegenden bzw. leibnahe Ortsräume, in denen sich leibliche Selbste richtungsräumlich bewegen, in messbar ausgedehnte Ortsräume transformiert, deren Ausdehnungen lückenlos aneinander anschließen. Staaten werden sozusagen zu messbar ausgedehnten Raumindividuen, die aneinander grenzen. Dieser Aspekt ist für das moderne Staatsverständnis von grundlegender Relevanz, denn an seinen Grenzen endet das rechtlich gebundene staatliche Gewaltmonopol und die Verwaltungshoheit eines Staates; auf der anderen Seite der Grenze beginnt das rechtlich gebundene Gewaltmonopol sowie die Verwaltungshoheit eines anderen Staates (vgl. Kempen 2014: 21). HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 183 Für die politische Kommunikation hat dies gravierende Konsequenzen. Der rechtlich gebundene Kampf um die Macht wird innerhalb von Staaten ausgetragen, damit wird der kommunikativ relevante soziale Resonanzraum durch den Staat ortsräumlich begrenzt. Der politische Kampf wird dadurch, dass es um die Macht, d.h. die Befugnis zur Anwendung von Gewalt, geht, gleichsam automatisch in den Grenzen eines Staates gehalten. Dies kann immer dann zu einem Problem werden, wenn innerhalb eines Staates Strukturen derjenigen Handlungszusammenhänge berührt werden, die weltgesellschaftlich orientiert sind. Mit politischer Macht bzw. Gewalt kann diesen nur im Rahmen des Staates begegnet werden, die Strukturen der Wirtschaft sind aber immer auch global und betreffen daher notwendigerweise immer auch die politischen Zustände in anderen Staaten. Im Verhältnis zwischen den Staaten gelten aber andere Regeln des politischen Kampfs. Die Gestaltung des Verhältnisses zwischen Wirtschaft und Politik in einem staatlichen Rahmen (etwa durch staatliche Regulierung und evtl. die Verstaatlichung von Unternehmen), kann daher zu einer konflikthaften Gestaltung des Verhältnisses zwischen Staaten führen. Staaten existieren als ortsräumlich messbar ausgedehnte Gebilde neben anderen Staaten, mit denen sie in politischer und militärischer Konkurrenz stehen. Das Gewaltmonopol nach innen hat eine Entsprechung in der Souveränität von Staaten. Moderne Staaten sind keine isolierten Gebilde, sondern stehen in einem territorialen Verhältnis zu anderen Staaten, dessen Gestaltung einem historischen Wandel unterliegt. Noch im 19. Jahrhundert galt, dass Staaten nicht nur keiner Gewalt untergeordnet sein sollen, sondern auch normativ souverän entscheiden können sollen, gegen andere Staaten Krieg zu führen, d.h., Gewalt anzuwenden. In dieser Hinsicht wurde im modernen Staat das Souveränitätsverständnis weitergeführt, das sich seit dem westfälischen Frieden (1648) als Völkerrecht entwickelt hat und zunächst als »europäisches öffentliches Recht« (Kimmich 1993: 70) begriffen wurde, d.h. als Recht das die Angelegenheiten von Krieg und Frieden der christlichen europäischen Staaten untereinander regelt. In diese Regularien waren die christlichen Gebiete außerhalb Europas gleichsam automatisch integriert (USA und die Staaten Südamerikas), im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden zunächst einige nicht-europäische bzw. nicht-christliche Staaten (Japan und die Türkei) aufgenommen. Erst im 20. Jahrhundert galt das Völkerrecht neutral zunächst als das Recht der zivilisierten und später im Rahmen der Vereinten Nationen als das Recht aller friedliebenden Nationen (vgl. Kimmich 1993: 93ff). Die Erzählung vom Gesellschaftsvertrag besagt, dass diejenigen, die ihn schließen, das Recht zur Gewaltanwendung abgeben. Im Unterschied dazu war es für das klassische Völkerrecht des 19. Jahrhunderts entscheidend, dass die Staaten als gleichermaßen zur Gewalt berechtigt POLITIK UND RECHT 184 angesehen wurden. Kein Staat kann über einen anderen eine moralische, etwa religiös begründete, Überlegenheit beanspruchen und jedem Staat wird das Recht auf die Entscheidung über Gewaltanwendung gegen einen anderen Staat zuerkannt. Damit sind Angriffskriege grundsätzlich gerechtfertigt. Das Völkerrecht unterschied sachlich den Friedens- vom Kriegszustand und stellte für die jeweiligen Zustände unterschiedliche rechtliche Regeln auf, an die sich die Staaten halten sollten (Kimmich 1993: 73ff). Der Übergang vom Friedenszustand in den Kriegszustand war nicht verrechtlicht. Damit wurde der Versuch unternommen, die Anwendung von Gewalt als ein Mittel zu verstehen, das instrumentell für die Interessen von Staaten eingesetzt werden konnte. Auf dieser Grundlage entwickelte sich in Europa die Doktrin vom Gleichgewicht der Mächte, welches für das 19. Jahrhundert innerhalb Europas längere Friedenszeiten und eng begrenzte Kriegszeiten ermöglichte (Kimmich 1993: 77f, Polanyi 1944/1978: 24ff). Das Recht des Kriegszustandes, das Kriegsrecht, lässt sich als ein Versuch begreifen, Gewaltanwendung nach außen mit den Prinzipien horizontaler Differenzierung zu vereinbaren. Denn Krieg soll als ein ausdifferenzierter Handlungsbereich begriffen und die an den Kriegshandlungen nicht Beteiligten sollten verschont (Kimmich 1993: 75) werden. Es sollten also nur diejenigen Menschen vom Krieg betroffen sein, die qua Rollendifferenzierung aktiv am Kriegsgeschehen beteiligt sein sollen: Soldaten (Kuchler 2013). Das vor allem im 19. Jahrhundert gültige klassische Völkerrecht beschreibt eine historisch vergleichsweise kurze Phase, in der die Anwendung zumindest zwischenstaatlicher Gewalt aus dem Bereich des Moralischen herausgenommen werden sollte. Denn die Entscheidung über die Gewaltanwendung gegen andere Staaten galt als eine Entscheidung, die rein instrumentell und ohne moralische Wertung vollzogen werden können sollte. Damit geriet das Völkerrecht in eine Spannung zum ebenfalls im 19. Jahrhundert entstehenden Nationalismus (s.u., 3. Kapitel), denn dieser beinhaltet eine auf die Nation bezogene normative Legitimierung des Gewalteinsatzes. Bereits nach dem ersten Weltkrieg und nicht zuletzt mit Bezug auf das Problem des Nationalismus beschnitt das Völkerrecht das Recht der einzelnen Staaten, anderen Staaten den Krieg zu erklären. Gemäß den Statuten des 1920 gegründeten Völkerbundes wurden Angriffskriege verboten, damit entfiel das Recht eines Staates, souverän über den Einsatz von Gewalt gegen andere Staaten zu entscheiden. Krieg sollte nur noch als Verteidigung gegen einen nicht rechtmäßigen Angriff legitim sein. Ein Krieg, der gemäß dem Völkerrecht rechtmäßig sein sollte, musste ausdrücklich durch den Völkerbund legitimiert werden. (Kimmich 1993: 84ff) Der entscheidende Wandel im Verhältnis zum klassischen Völkerrecht bestand darin, eine über den Staaten stehende Perspektive zu etablieren, von der aus die Legitimität des Gewalteinsatzes festgestellt HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 185 werden können sollte. Damit wurde die gegenseitige Beobachtung der Staaten normativ aufgeladen, denn auch der Übergang vom Friedens- in den Kriegszustand wurde dem Grundsatz nach verrechtlicht, wodurch die rechtmäßige Verurteilung wegen eines Angriffskrieges möglich wurde (Kimmich 1993: 86). Effektiv institutionalisiert wurde die normativ aufgeladene wechselseitige Beobachtung der Staaten untereinander allerdings erst nach dem zweiten Weltkrieg im Rahmen der Gründung Vereinten Nationen. Für das Völkerrecht hieß das, Staaten als je unantastbare Raumindividuen zu begreifen, deren Unantastbarkeit allerdings an die Erfüllung einer Aufgabe nach innen gebunden ist. Staaten haben danach die Verpflichtung, nach innen das Gewaltmonopol sowie eine rechtliche Bindung der Anwendung von Gewalt bzw. Macht durchzusetzen und eine Verwaltung von Staatsvolk und Staatsgebiet sicher zu stellen. »In der Unantastbarkeit des erreichten territorialen Status selbst liegt der tiefere Sinn. Die Ordnungsfunktion des inneren staatlichen Rechtsraums soll vor der Störung von außen bewahrt werden. Der äußere Raum der Staatenwelt schützt den inneren staatlichen Raum.« (Kempen 2014: 29/2) Staaten, die diese Ordnungsleistung nicht erbringen können, werden als failed states begriffen und ihnen gegenüber hat die Staatengemeinschaft gestützt auf das Völkerrecht auch das Recht, gewaltsam einzugreifen. (Kempen 2014: 30f) In dem Maße, in dem das Bekenntnis zur Norm der Aufrechterhaltung des status quo der territorial gegliederten Ordnung der Staaten etabliert ist, gewann – wie gesagt – eine wechselseitige normativ aufgeladene Beobachtung der Staaten an Bedeutung. Diese schließt – vor allem nach dem zweiten Weltkrieg – auch eine globale wechselseitige Beobachtung ein, in der es um ökonomische und kulturelle Standards geht. Dabei wurden die westlichen Länder zum Vorbild. Dadurch gewann der von John Meyer (2005) beschriebene Prozess der globalen Durchsetzung westlicher Prinzipien an Dynamik. Hierzu gehörte eine Orientierung an den Prinzipien der westlichen staatlich verfassten Formen von Politik und Verwaltung, allgemeines Wahlrecht, Etablierung von Schulen und Universitäten usw. 5.3 Widersprüchliche Strukturen in der Sozialdimension: die Staatsbürgerschaft Was die Mitgliedschaft in einem Staat betrifft, so wurden wichtige strukturell relevante Aspekte bereits im Rahmen der Analyse des anthropologischen Quadrats herausgearbeitet. Die Mitgliedschaft im Staat, d.h. die Staatsbürgerschaft, wird nicht orientiert an personaler Leistungsfähigkeit vergeben, vielmehr wird die Mitgliedschaft an die natürliche Geburt gebunden und durch den natürlichen Tod begrenzt. Der Mensch wird POLITIK UND RECHT 186 durch die Geburt für die Zeit seines Lebens zugleich zu einem Staatsbürger. Im Unterschied zu den Seelenindividuen ist für die Staatsbürger die Gemeinschaft der Lebenden und der Toten, die für die christlichen Seelenindividuen konstitutiv war, aufgehoben. Es gibt nur noch die Gemeinschaft der lebenden Staatsbürger bzw. Menschen. Die Differenz zwischen Mensch und Staatsbürger wird durch eine Spezifikation des Kriteriums »natürliche Geburt« institutionalisiert. Dabei kommen im Wesentlichen zwei Prinzipien zum Tragen: das Prinzip des »ius sanguinis« (alle Geborenen einer bestimmten Abstammung) oder dasjenige des »ius soli« (alle auf einem Territorium Geborenen) (vgl. Grawert 1984: 192). Sowohl das Prinzip des ius soli als auch dasjenige des ius sanguinis erlauben es, die Mitgliedschaftskriterien so zu entwickeln, dass bei der Geburt praktisch zwischen solchen Menschen unterschieden werden kann, die Staatsmitglieder sind, und solchen, bei denen das nicht der Fall ist. Eine natürliche Hierarchie zwischen den Menschen und den Staatsbürgerinnen wird durch diese Prinzipien nicht institutionalisiert. Für die Ausbildung horizontaler Differenzierung fungieren beide Prinzipien äquivalent, denn die Differenz zwischen Mitglied/Nichtmitglied enthält kein Urteil darüber, wie Menschen in nicht-politische Vergesellschaftungsprozesse involviert sein sollten. Vielmehr ist es gemäß beiden Prinzipien möglich, den Staatsbürger als Menschen für beliebige Vergesellschaftungsprozesse adressierbar zu machen. Mit der Etablierung des Staatsbürgerstatus wird ein in sich gegliedertes Dia-Symbolon institutionalisiert. Leibliche Akteure werden durch die Organisationsleistung des Staates zu menschlichen Körperindividuen und als solche von allen Wesen unterschieden, die nicht als soziale Personen gelten, und sie werden als Staatsbürger von allen Menschen unterschieden, die nicht Bürger dieses, sondern eines anderen Staates sind. Durch diese Differenz wird die Einheit des Demos, d.h. »wir, das Volk« (Mann 2005/2007: 87), etabliert. Staatsangehörigkeit bindet Bürger und Staat aneinander, denn leibliche Selbste haben als Menschen einen Anspruch darauf, Staatsbürger zu sein, und umgekehrt ist es dem Staat verboten, seine Angehörigen von der Mitgliedschaft auszuschließen (Grawert 1984: 188). Staatenlosigkeit soll ein Ausnahmefall sein. Am Beispiel des deutschen Grundgesetzes zeigt Grawert zudem, dass es Verpflichtungen gibt, Staatenlosen einen Status analog zu demjenigen des Staatsbürgers zu geben. Dies ermöglicht es Staatenlosen, sich als Menschen gemäß den unterschiedlichen Zwecksetzungen horizontaler Differenzierung zu integrieren (Grawert 1984: 191f). Dies beinhaltet zum einen die Verpflichtung zur Steuerzahlung und andererseits das Recht am Bildungswesen teilzunehmen oder das Recht, Eigentum – auch an Grund und Boden – zu erwerben. Grundsätzlich besagt Staatsangehörigkeit, dass »eine begrifflich klare, rechtlich konsequenzenreiche und ideologisch aufgeladene Unterscheidung zwischen Bürgern und Ausländern (besteht). Der Staat beansprucht, HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 187 der Staat von und für ein bestimmtes begrenztes Staatsvolk zu sein; er beansprucht Legitimität, indem er geltend macht, den Willen dieses Staatsvolkes auszudrücken und seine Interessen zu vertreten. Ein solches begrenztes Staatsvolk wird gewöhnlich als Nation begriffen…« (Brubaker 1994: 45) Entsprechend sind Nichtstaatsbürger von zentralen Institutionen ausgeschlossen, deren rationale Gestaltung jeweils eine mitgliedschaftliche Begrenzung erfordert. Dazu gehören das Recht auf politische Beteiligung (aktives und passives Wahlrecht), aber auch Formen gesellschaftlicher Inklusion durch materielle Umverteilung im Rahmen sozialstaatlicher Politiken. Der durch die Staatsangehörigkeit etablierte Status der Staatsbürgerin weist insgesamt eine in sich widersprüchliche Struktur auf. »Die Individuen als Objekt der Staatsgewalt sind Pflichtsubjekte, als Glieder des Staates hingegen Rechtssubjekte.« (Jellinek 1905/1960: 408) Einerseits beinhaltet der Staatsbürgerstatus die Notwendigkeit sich unter den Staat bzw. die staatliche Ordnung zu unterwerfen. Diesen herrschaftssoziologisch relevanten Aspekt macht wie oben gezeigt auch Max Weber stark. Die Unterwerfung beinhaltet, dass niemand außer dem Staat bzw. mit dessen Zustimmung gegen einen Staatsbürger Gewalt anwenden darf. Bürger sind der rechtlich gebundenen Verwaltung durch den Staat unterworfen. Dies ist von herausragender Bedeutung für die Herauslösung von Einzelnen aus gesellschaftlichen Subgruppen. Solange es noch konkurrierende Formen der Gewaltunterworfenheit gibt, kann es keinen allgemeinen Rechtsstatus und auch keinen Staatsbürgerstatus geben. Erst wenn die Einzelnen in gleicher Weise ausschließlich der Staatsgewalt bzw. der staatlichen Verwaltung unterworfen sind und nicht mehr in durch Gewalt gesicherte Verpflichtungen anderer Art (etwa gegenüber der Familie oder anderen gesellschaftlichen Subgruppen) eingebunden sind, wird ein allgemeiner Rechtsstatus möglich. Dies schließt auch den Status als privates Rechtssubjekt ein. »Das Privatrecht ist die rechtliche Ordnung der Lebenssphären coordinirter Persönlichkeiten, die gemeinsam der Staatsordnung unterworfen sind.« (Jellinek 1892: 8) Wenn alle Individuen durch den Staat gesichert als gleiche Rechtssubjekte ohne weitere Bindungen anerkannt sind, werden die leiblichen Selbste, die sich vermittelt über den Staat unmittelbar als Körperindividuen verstehen, frei, miteinander Verträge nach eigenem Gutdünken schließen zu können. Dieser als »Vertragsfreiheit« bezeichnete Sachverhalt ist nicht selbstverständlich, sondern eine gesellschaftlich erzeugte Möglichkeit. In diesem Rahmen können Körperindividuen den Inhalt der vertraglichen Bindung selbst festlegen und für die Durchsetzung der sich daraus ergebenden Verpflichtungen auf den Konsens Dritter zählen (Luhmann 1972: 76), d.h. letztlich auf das durch die Staatsgewalt gestützte Recht. Vertragsfreiheit ermöglicht eine enorme Steigerung gesellschaftlicher Differenzierung, denn die Beteiligten können sich POLITIK UND RECHT 188 wechselseitig dazu entschließen, eine Vielfalt wirtschaftlicher und/oder kultureller Verpflichtungen einzugehen, deren Einhaltung rechtlich, d.h. durch Dritte vermittelt, garantiert wird. Für die Ausbildung eines verselbständigten Bereichs wirtschaftlichen Handelns mit weltgesellschaftlicher Orientierung ist es unerlässlich, dass die Rechte unterschiedlicher Staaten jeweils Vertragsfreiheit vorsehen. Der Status als Staatsbürger beinhaltet aber nicht nur die das Privatrecht begründende Gewaltunterworfenheit, sondern begründet auch eine Subjektstellung gegenüber dem Staat. Der Staat anerkennt leibliche Selbste als Körperindividuen, die subjektive öffentliche Rechte haben. Hierbei geht es um die Rechte zur politischen Partizipation wie aktives und passives Wahlrecht oder Versammlungsrecht sowie um die Rechte zur gesellschaftlichen Teilhabe. Mackert fasst die Merkmale des Staatsbürgerstatus, die sich als Konsequenz aus der Staatsmitgliedschaft ergeben, folgendermaßen zusammen. Danach handelt es sich um »ein Bündel von Rechten und Pflichten … das Individuen eine formale, legale Identität verleiht … Durch die bürgerlichen, politischen und insbesondere sozialen Rechte, die den Status des Staatsbürgers definieren, wird eine substanziell gehaltvolle Form der Mitgliedschaft institutionalisiert. Damit er seine Rechte wahrnehmen und seine Pflichten erfüllen kann, sind vom Bürger Autonomie, Urteilsfähigkeit und Loyalität gegenüber seinem Staat gefordert.« (Mackert 2006: 25) Als Staatsbürger hat ein Mensch Anspruch darauf, sich politisch betätigen zu können, das aktive und passive Wahlrecht, und von Leistungen des Staates zu profitieren. Hierzu gehören etwa die Bereitstellung von öffentlichen Einrichtungen zur Bildung sowie die Teilhabe an Maßnahmen zur Umverteilung gesellschaftlichen Reichtums. Dies beinhaltet Sozialleistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts bzw. der Unterkunft genauso wie Formen staatlicher Unterstützung beim Besuch von Bildungsinstitutionen wie Schule oder Universität. Mit Bezug auf den Staatsbürgerstatus scheint mir ein Punkt von besonderer Bedeutung zu sein, den auch Mackert nicht als solchen hervorhebt. Wenn das Recht grundsätzlich als ein änderbares Recht begriffen wird und jede Rechtsetzung durch die Gesamtheit der Staatsbürgerinnen, das Staatsvolk, legitimiert wird, schließt die Anerkennung als Staatsbürgerin auch ein, dass die Staatsbürgerinnen das Recht haben, sich zu versammeln, um eine Änderung der rechtlichen und damit auch der staatlichen Ordnung zu erreichen. Dabei müssen sich die Staatsbürgerinnen zwar an das Recht binden, durch das geregelt wird, wie Änderungen der legalen Ordnung erfolgen sollen, aber grundsätzlich beinhaltet der Staatsbürgerstatus das Recht, öffentlich gegen die vom Staat garantierte Ordnung aufzutreten. Dieses aus der modernen Legitimitätsgeltung folgende Prinzip macht es letztlich unmöglich, moderne staatlich verfasste Vergesellschaftung ausschließlich in einer herrschaftssoziologischen HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 189 Perspektive zu denken. Dass die Staatsangehörigen nicht nur in privatrechtlicher Hinsicht Subjekte sind, sondern dem Staat als politische Subjekte mit öffentlichen subjektiven Rechten gegenüber stehen, ist »das Resultat von Interventionen der Beherrschten, die mehr oder weniger radikal, mehr oder weniger gewaltsam sein können, auf jeden Fall aber die für die Herrschaftssoziologie konstitutive Perspektive sprengen, nach der alle Aktivität, einschließlich der Legitimierung, ›von oben‹ ausgeht.« (Breuer 1998: 162) Breuers Formulierung ist doppeldeutig, denn er bezieht den Sachverhalt, dass eine ausschließlich herrschaftssoziologische Perspektive zu kurz greift, explizit nur auf die Entstehung der modernen Legitimitätsgeltung. Da diese aber ohne den Bürger mit subjektiven öffentlichen, d.h. politischen, Rechten nicht zu haben ist, erscheint es mir unabdingbar, die Struktur moderner Vergesellschaftung insgesamt als eine zu begreifen, die nicht vollständig von einer herrschaftssoziologischen Perspektive erfasst werden kann. Die subjektiven öffentlichen Rechte ermöglichen die kontinuierliche Kritik der modernen gesellschaftlichen Ordnung, und es wird sich zeigen, dass die Struktur moderner Vergesellschaftung nur durch eine derartige Kritik aufrechterhalten werden kann. Die durch soziale Bewegungen getragene Kritik ist nicht außerhalb der modernen Verfahrensordnung der Gewalt, sondern deren integraler Bestandteil und sichert als solcher die Struktur horizontaler Differenzierung gegen deren eigene selbstgefährdende Strukturdynamiken. 5.4 Der Dritte und die symbolische Legitimität der Staatsgewalt und des Rechts Die moderne Verfahrensordnung der Gewalt steht mit dem Prinzip horizontaler Differenzierung in einem Verhältnis wechselseitiger Voraussetzung. Die leiblichen Selbste dürfen als menschliches Körperindividuum niemals vollständig von der Sinnlogik einzelner Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge vereinnahmt werden, weil sie sonst aus der Perspektive einer anderen Sinnlogik nicht mehr adressiert werden können. Für den Bereich der Politik wird dies maßgeblich dadurch erreicht, dass alle politischen Prozesse rechtlich gebunden sind. Hieraus ergibt sich die Legitimität der modernen staatlichen Herrschaft. Der politische Kampf folgt in wesentlichen Teilen rechtlichen Regeln, denn die Verteilung der politischen Macht erfolgt über Wahlen, d.h. über das Prinzip der im Verfassungs- und Wahlrecht festgelegten Form der rationalen Repräsentation. Die im Wahlergebnis resultierende Machtverteilung ermöglicht eine an gesetzliche Vorgaben gebundene Gesetzgebung. Die so zustande gekommenen Gesetze binden die innerstaatlichen Entscheidungen über die Anwendung von Gewalt und das Handeln der Verwaltung. Insgesamt gilt daher, dass moderne politische Herrschaft ohne Bindung POLITIK UND RECHT 190 an das Recht nicht denkbar ist (vgl. Weber 1921–22/1980: 125ff., 516, 519). Die Legitimität des Politischen und des Rechts wird im Rahmen spezifischer Drittenkonstellationen erzeugt. Der Dritte ermöglicht die Entstehung und Stabilisierung einer normativ gültigen symbolischen Ordnung. Im Mittelpunkt des Politischen steht das Problem des Erwerbs bzw. des Verlusts bzw. der Verschiebung von Macht. Es geht nicht um Macht im Allgemeinen, sondern um eine Form der rechtsgebundenen Macht- bzw. Herrschaftsausübung, die mit horizontaler Differenzierung vereinbar ist. Die dafür erforderlichen Konstellationen entsprechen dem Feld D des oben beschriebenen Schemas und lassen sich mit Bezug auf die genannten formalen Merkmale folgendermaßen charakterisieren: • Es handelt sich bei der Drittenkonstellation um diejenige des abwesenden Dritten. Als solcher garantiert der Dritte die symbolische Legitimation von Politik und Recht. • Als mögliche abwesende Dritte fungieren die vom Staat als Mitglieder erfassten abwesenden Körperindividuen. Es handelt sich also grundsätzlich um eine quantitativ beschränkte Drittenkonstellation. • Körperindividuen werden einerseits als Mitglieder, d.h. als Staatsbürger, vereinnahmt, zugleich setzt sich der politisch-rechtliche Handlungszusammenhang Grenzen, denn dieser setzt den Staatsbürger als Menschen für beliebige Kommunikationschancen frei. Dies ist das Prinzip der gegliederten Dia-Symbolik. Die dia-symbolisch differenzierte Adressierung bildet die notwendige Schnittstelle zu den weltgesellschaftlich ausgerichteten Funktionsbereichen. Mit der Annahme von einander teilweise ähnlichen und aufeinander bezogenen Drittenkonstellationen für Recht und Politik führe ich zwei Überlegungen Luhmanns zusammen, die dieser jeweils getrennt in seiner Analyse der Grundrechte (Luhmann 1965/1999) und der Rechtssoziologie (Luhmann 1972) formuliert hat. In seiner Analyse der Grundrechte versteht Luhmann die Funktion des Wahlrechts im Sinn eines Schutzes der Politik vor der Gesellschaft. Mit der Wahl gibt der Staatsbürger seine Stimme ab und anerkennt die Legitimität der Entscheidungen der Gewählten (Luhmann 1965/1999: Kap 7). Die Wählenden selbst bleiben in den organisatorischen Einheiten, in denen Politik praktisch wird, abwesend. Nach der Wahl wird die Politik in Parlamenten und Ausschüssen gemacht, die Wählenden werden nach der Wahl nicht weiter gefragt. Diese Abwesenheit schützt die Autonomie politischen Entscheidens vor der Gesellschaft, wie Luhmann sagt. Hier liegt offensichtlich eine Strukturgleichheit mit der Figur des abwesenden Dritten vor, durch die Luhmann die Gültigkeit von normativen Institutionen und damit des Rechts HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 191 gewährleistet sieht. Im Sinne Eastons wäre die Repräsentation der abwesenden Dritten als eine Form des »supports« für ein bestimmtes »regime« zu begreifen, wodurch der Stress, der von der gesellschaftlichen Umwelt auf das politische System ausgeübt wird, verarbeitet und das politische System in seiner Autonomie aufrecht erhalten wird (vgl. Easton 1965: 190ff., 252ff.). Was bei Luhmann nicht eigens angesprochen wird, ist die notwendige mitgliedschaftliche Verfasstheit des Politischen und des Rechts. Diese bildet aber die Grundlage für die Möglichkeit der rationalen Repräsentation und damit der Legitimität des rechtlich gebundenen Kampfes um die Macht bzw. des Machterwerbs. Der Funktionsbereich der Politik zeichnet sich dadurch aus, dass die Figur des abwesenden Dritten im Rahmen der Beschreibung des Funktionsbereichs in die Form rationaler Repräsentation gebracht wird. Rational überprüfbare »freie Repräsentation« (Weber) setzt eine vorgängige Festlegung der Anzahl von Akteuren voraus, die durch die Repräsentation zu abwesenden Dritten werden. Die Begrenzung der Zahl derjenigen, die zu repräsentieren sind, ist die Voraussetzung für eine rationale Repräsentation. Die Repräsentierten werden als Wähler, d.h. als zählbare Einheiten, vertreten, sind selbst aber in der Politik nicht anwesend. Da der Staat nicht nur als Gebietsverband, d.h. als territorial gebunden, sondern auch als Personenverband begriffen wird, bilden im Fall der Politik die Staatsbürger selbst die Elemente des mitgliedschaftlich verfassten Funktionsbereichs (Grawert 1984: 179). Die Analyse des anthropologischen Quadrats hatte gezeigt, welchen Aufwandes es bedurfte, um aus leiblichen Selbsten ausgehend von einer dividualisierenden Vergesellschaftung Seelenindividuen und schließlich Körperindividuen zu machen. Erst für die Letzteren kann das Prinzip der rationalen Repräsentation in Anschlag gebracht werden: ein geborener Körper mit Wahlrecht (ab einem festgelegten Alter), welches dieser ausüben kann, solange er lebt. Unter dieser Voraussetzung kann eine quantitative Begrenzung der zu Repräsentierenden rational begründet werden. Über die zu Repräsentierenden wird durch staatliche Organisationen Buch geführt. Die Zahl kann sich verändern, aber die Zu- und Abgänge werden kontrolliert. Legitimität wird durch die als Körperindividuen gezählten abwesenden Dritten garantiert. Es ist der Dritte als Körperindividuum, als institutionalisierter staatlich erfasster Bürger, der rationale Repräsentation und damit auch Legitimität verbürgt. Rationale Repräsentation der abwesenden Körperindividuen ermöglicht verbindliches Entscheiden in der Politik und damit verbindliche Rechtsetzung. Insofern sind die an gesatzte Regeln gebundene Verwaltung und das Recht politisch legitimiert. Die rationale Verwaltung beinhaltet die Sollvorgabe, dass abwesende Dritte erwarten können, dass ihr mögliches zukünftiges Anliegen nach den gleichen Regeln in gleicher POLITIK UND RECHT 192 bzw. vergleichbarer Weise von der Verwaltung behandelt wird, wie die Anliegen, die gegenwärtig von der Verwaltung behandelt und entschieden werden. In ähnlicher Weise ist auch die Praxis des Rechts selbst an die Figur des abwesenden Dritten gebunden. Dies hatte schon Simmel gesehen, der dabei auf die Figur des Richters bzw. des Schiedsrichters im Konfliktfall verwiesen hatte. Luhmann fügt hinzu, dass der anwesende Dritte (Richter) als Repräsentant eines abwesenden Dritten begriffen werden müsse, der in der Konfliktsituation selbst nicht in Erscheinung tritt und nicht kommunikativ adressierbar ist. Recht als normative Institution basiert, so Luhmann, auf dem Bezug auf abwesende Dritte. Diese sind im Moment nicht interessiert, aber ihre Interessen sind zu berücksichtigen. Organisatorisch wird dies durch das Gerichtsverfahren realisiert. Es ist öffentlich, wobei die anwesenden Dritten die abwesenden Dritten repräsentieren, die tatsächlich nicht anwesend sein können. Wenn anwesende Dritten die Legitimität verbürgen sollten, käme es auf ihre faktische Zustimmung an. Nur durch den Bezug auf die abwesenden Dritten kann die im Recht abstrakt formulierte normative Erwartungsstruktur, auf die sich der Kläger beruft, gegen eine mögliche Überzeugungsarbeit in der gegenwärtigen Situation gesichert werden. Wenn der Konsens der Anwesenden normativ ausschlaggebend wäre, wäre die Gültigkeit von Normen vom Nachweis der kognitiven Gültigkeit abhängig. Damit wäre es in jedem Verfahren immer wieder aufs Neue unklar, was als Recht bzw. Unrecht gilt. Normen, die von ihrer kognitiven Gültigkeit abhängen würden, müssten als ununterbrochen veränderbare Normen begriffen werden und wären insofern keine stabilen Normen, auf deren Gültigkeit man sich verlassen könnte. Der Richter kann sich bei seiner Unterscheidung von recht und unrecht entweder auf die Repräsentanten und deren Entscheidungen beziehen (auf den Willen des Gesetzgebers) oder aber direkt auf die die Legitimität verbürgenden Abwesenden beziehen – das Volk, in dessen Namen Gesetze gemacht und Recht gesprochen wird. In jedem Fall wird Legitimität durch den Bezug auf abwesende Dritte erzeugt. Die unterschiedlichen Drittenbezüge können in Konkurrenz zueinander geraten. Dies wäre etwa in der Verfassungsgerichtsbarkeit der Fall, wenn die Rechtmäßigkeit eines Gesetzes geprüft wird. Die Legitimität der Gesetzgebung basiert auf dem Bezug auf die abwesenden Dritten der politischen Repräsentation. Wenn das Gericht über die Rechtmäßigkeit befindet beruft es sich auf das Volk, in dessen Namen es urteilt, als Gemeinschaft der legitimierenden abwesenden Dritten. Wenn man sich dem Bereich des internationalen Rechts zuwendet, kommt ein strukturell anderer Bezug auf legitimierende Dritte in Betracht – zuallererst die beteiligten Staaten, die sich an internationalen Verträgen beteiligen. Hier kann man in einem strengen Sinn nicht von abwesenden Dritten sprechen, denn die beteiligten Staaten können ihre HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 193 Interessen immer wieder einbringen und versuchen, das internationale Recht auf Lernen umzustellen. Daraus resultiert ein anders gelagertes Verhältnis des Faktischen und des Normativen, das eher der normativen Kraft des Faktischen ähnelt (Kimmich 1993: 50f), als einer rechtlichen Regelung, die es erlaubt kontrafaktisch an Erwartungen festzuhalten. Das Völkerrecht ist in einem qualitativ anderen Ausmaß lernbereit, denn es stehen ihm kaum überlegene Gewaltmittel gegen einen Staat zur Verfügung, der das Völkerrecht bricht. Die widersprüchliche Struktur des Staatsbürgerstatus geht in der bislang beschriebenen Drittenkonstellation allerding nicht vollständig auf. Dieser Struktur zufolge sind die Dritten einerseits der Gewalt des Staates unterworfen und können sich insofern als private Rechtssubjekte einander gegenübertreten, die gegeneinander die Gewalt des Staates in Bewegung setzen können: Sie können einander verklagen. Davon zu unterscheiden sind die subjektiven öffentlichen Rechte. Diese garantieren in gewisser Weise auch das Privatrecht, denn die Gewaltunterworfenheit von Körperindividuen unter den Staat ist rechtlich begrenzt. Als vom Staat mit einem eigenen Freiheitsspielraum anerkannte Personen sind Körperindividuen frei, beliebige private Verpflichtungen einzugehen (Jellinek 1905/1960: 418f). Die Anerkennung als Person mit subjektiven Rechten beinhaltet darüber hinaus aber auch das Recht, die Gewalt des Staates für die Interessen des Individuums in Bewegung zu setzen. Dazu gehört es, die Verwaltung für eigene Zwecke in Anspruch nehmen zu können (Jellinek 1905/1960: 420) und das Recht auch gegen den Staat bzw. Verwaltungsentscheidungen in Bewegung zu setzen (Jellinek 1905/1960: 794). Von besonderer Bedeutung für die Gestaltung des Verhältnisses von Staat und Bürger sind Wahlrecht und Versammlungsrecht (Jellinek 1905/1960: 421f). Das Wahlrecht und das Recht, als gewählte Repräsentanten Politik aktiv zu gestalten, existiert im Rahmen der Struktur der abwesenden Dritten. Das Versammlungsrecht allerdings geht in dieser Konstellation nicht auf. Versammlungs- und Demonstrationsrecht garantieren eine Form subjektiver öffentlicher Rechte, die es den leiblichen Selbsten ermöglicht, sich als repräsentierte menschliche Körperindividuen anwesend zu machen. Hierbei handelt es sich um den Versuch, den Vollzug von Politik durch Anwesenheit unter Lerndruck zu setzen. Ein derartiger Lerndruck bedarf einer gewissen Kontinuität, die durch soziale Bewegungen zustande kommt. Soziale Bewegungen machen die abwesenden Repräsentierten gegenwärtig anwesend. Sie versuchen, die Abschließung der organisierten politischen Handlungssphäre (Parlament und Parteien) zu durchbrechen und diese, wie man mit Easton sagen könnte unter Stress, genauer unter Lernstress, zu setzen. Von der Frauenbewegung lernt die Politik im ausgehenden 19. Jahrhundert, dass Frauen das Wahlrecht und der Zugang zu öffentlichen Bildungseinrichtungen zustehen. Von der Arbeiterbewegung lernt die Politik im POLITIK UND RECHT 194 Verlaufe des 19. und 20. Jahrhunderts, dass auch Arbeitern ein Wahlrecht zusteht, dass dem Staat die Aufgabe zukommt, ein Mindestmaß an gesellschaftlicher Umverteilung zu gewährleisten und dass der Arbeitstag nicht nach Belieben ausgedehnt werden kann. Von der Homosexuellenbewegung lernt die Politik, dass staatliche Gewalt, d.h. die Gewalt des Rechts, gegen die Diskriminierung aufgrund von sexueller Orientierung eingesetzt werden soll. Usw. Die Erzeugung von politischem Lernstress wird ausführlicher im dritten Kapitel behandelt. Relevant ist hier, dass sich diese Formen politischen Lernens im Rahmen einer anderen Drittenstruktur ereignen, nämlich im Rahmen der quantitativ begrenzten anwesenden Dritten. Es sind die Bürger eines Staates, die sich für den Funktionsbereich des Politischen anwesend machen und an die staatlich verfasste Politik eines Nationalstaates adressiert, Forderungen formulieren. Diese Sachverhalte entsprechen dem Feld B des oben genannten Schemas. 5.5 Zeit- und Sachdimension Die Möglichkeit politischen Lernens basiert darauf, dass Recht durch rechtsgebundene Entscheidungen politisch gesetzt wird. Es beinhaltet also ein Zusammenspiel von Lernstress und typischem Funktionieren, das durch die abwesenden Dritten legitimiert wird. Lernstress wird für die Politik, die Verwaltung und das Recht auf zweierlei Weise erzeugt. Zum einen durch soziale Bewegungen und zum anderen durch gesellschaftliche Entwicklungen, die nicht mehr in die etablierte Normstruktur zu passen scheinen. Von besonderer Bedeutung sind dabei vor allem die chronischen Konfliktpunkte mit der Wirtschaft, die sich daraus ergeben, dass der Staat mit der Verwaltung der von Polanyi als »fiktive Waren« bezeichneten Sachverhalte befasst ist. Waren sind Polanyi zufolge hergestellt, um verkauft zu werden. Nun gibt es aber drei für einen entwickelten Kapitalismus unentbehrliche Waren, die nicht hergestellt wurden, um verkauft zu werden (Polanyi 1944/1978: 108): Boden, Arbeitskraft und Geld. Damit die fiktiven Waren systematisch zum Verkauf stehen können, bedarf es einer gezielten staatlichen Verwaltung bzw. einer staatlich kontrollierten privaten Verwaltung. Um Grund und Boden gemäß dem Marktmechanismus handeln zu können, muss der Boden aus seinen sozialen Bindungen gelöst (s.u.) und er muss vermessen sowie als vermessener Boden kontrolliert erfasst werden. Dies wird zumeist durch eine staatliche Verwaltung geleistet, die den Boden in messbare Einheiten untergliedert und so in ortrsäumlich ausgedehnte Eigentumseinheiten aufspaltet. Eigentümerwechsel werden in einem von staatlichen Verwaltungen oder zumindest unter staatlicher Aufsicht geführten Dokumentation der Eigentumsrechte (Grundbuch) HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 195 vermerkt. Ohne eine vom Käufer-Verkäufer-Verhältnis unabhängige Verwaltung der Eigentumsrechte wäre privates Eigentum am Boden nicht möglich. Bezogen auf die Arbeitskraft bildet die allgemeine Gewaltunterworfenheit die Voraussetzung dafür, dass leibliche Selbste als menschliche Körperindividuen frei werden, sich selbst zu verkaufen. Wären leibliche Selbste als Körperindividuen nicht nur der staatlichen, sondern auch noch anderen Gewalten unterworfen, könnten sie nicht frei über sich als Arbeitskraft verfügen. In der Bundesrepublik Deutschland waren z.B. Frauen bis zur Reform des Eherechts 1976 staatlich anerkannt der Gewalt des Ehegatten insofern unterworfen, als es der Zustimmung des Ehemannes bedurfte, damit die Ehefrau ihre Arbeitskraft frei verkaufen konnte. Die Reform durch die damalige SPD-FDP-Regierung beinhaltete, dass auch Frauen einzig der Gewalt des Staates unterworfen sein sollen. Sie konnten nach der Reform privatrechtlich frei über den Verkauf ihrer Arbeitskraft verfügen, eine Zustimmung des Ehemannes zum Abschluss eines Arbeitsvertrags war nicht mehr erforderlich (Münch 1976). Frauen und Männer werden in gleicher Weise als Körperindividuen behandelt, die ihre Arbeitskraft verkaufen können und zugleich Mitglieder des Staates sind. Der Staat beobachtet den Verkauf der Ware Arbeitskraft, indem er den Arbeitsmarkt organisatorisch erfasst, es werden die gekauften Arbeitskräfte und die aktuell unverkäuflichen gezählt, wobei nur diejenigen als aktuell unverkäuflich, d.h. als arbeitslos, gelten, die namentlich von den zuständigen staatlichen Organisationen, in Deutschland den Agenturen für Arbeit, erfasst werden. Mit der Durchsetzung der sozialen Rechte stützt der Staat darüber hinaus seine Mitglieder, die Inhaber von Bürgerrechten, gegen die Wirtschaft, indem er ihnen zu Zeiten der Selbstunverkäuflichkeit, d.h. Arbeitslosigkeit, einen minimalen Lebensunterhalt sichert. Polanyi begreift Geld ebenfalls als eine Ware, die nicht zum Verkauf hergestellt worden ist. Geld würde aber zu einer Ware, wenn sie gegen Geld, also gegen Zinsen, verliehen wird. Die Zinsen bilden Polanyi zufolge den Preis des Geldes. In kapitalistisch entwickelten Ökonomien garantieren der Staat, der die Herstellung von Falschgeld unter Strafe stellt, sowie Zentralbanken die Echtheit des Geldes, das sie ausgeben, und sie garantieren als Dritte im Handel mit Geld dessen Stabilität und ermöglichen so das dauerhafte Vertrauen in Geld. Sie verhindern, dass kreditgestützte Zahlungsfähigkeit in Zahlungsunfähigkeit umschlägt (Luhmann 1988: 145f). Über das Geld sind Wirtschaft und Staat noch in einer anderen und für den Staat geradezu existentiellen Weise konflikthaft verbunden, nämlich über die Erhebung von Steuern (Ingham 2004: 78). Die Etablierung eines Steuersystems, das allein auf Geldzahlungen an den Staat abstellt, ist eine zentrale Vorbedingung für die Etablierung einer differenzierten POLITIK UND RECHT 196 staatlichen Verwaltungsstruktur und umgekehrt scheint die Etablierung eines ausschließlich geldbasierten Steuersystems, die Entwicklung zu einer ausdifferenzierten kapitalistischen Wirtschaft zu stützen bzw. zu stabilisieren. D.h., die Art und Weise, wie ein Staat Steuern erhebt, kann einer Entwicklung hin zu einem ausdifferenzierten kapitalistischen Wirtschaftssystem hinderlich oder förderlich sein. (vgl. hierzu insgesamt Weber 1921–22/1980: 116f, 559). Die von Polanyi genannte Trias der fiktiven Waren ergänze ich um eine vierte: Wissen. Neues Wissen wird auch in der Wirtschaft produziert mit dem Zweck, es verkaufen zu können. Insofern unterscheidet sich Wissen von den anderen fiktiven Waren, aber Wissen ist ein Gut, welches im Unterschied zu anderen Waren, einschließlich der anderen fiktiven Waren, nicht bzw. nur schwer individuell exklusiv angeeignet werden kann. Wissen wird nicht weniger, wenn es von vielen geteilt wird. Daraus folgt, Wissen kann zwar produziert werden, um verkauft zu werden, aber wenn es produziert ist, wird es sofort zu einem Problem, seinen Warencharakter aufrechtzuerhalten und es wie eine Ware in den Tauschkreislauf – Ware-Geld-Ware-Geld- Ware – einzuschließen. Auf dieses Problem werde ich im Folgenden noch genauer eingehen. Jedenfalls erfordert es diese Besonderheit des Wissens, dass sein Warencharakter durch eine Behörde, das Patentamt, gesichert wird. Wissen bleibt nur deshalb eine Ware, weil es vom Staat verwaltet wird. Vermittelt über die fiktiven Waren stehen Politik und Wirtschaft notwendigerweise in einem chronisch konflikthaften Verhältnis, welches aufgrund der Vertragsfreiheit einer dauernden Veränderung unterliegt. Als Körperindividuen können leibliche Selbste nahezu beliebig über sich oder ihr Eigentum verfügen. Sie können neue Waren einschließlich neuer Finanzprodukte entwickeln, für diese Produktionsstandorte und Absatzmärkte suchen, sie können ihre Arbeitskraft in unterschiedlichen Varianten verkaufen (im Rahmen fester Arbeitsverträge, stundenweise, für bestimmte Projekte usw.), sich zu Vereinen, GmbHs, Aktiengesellschaften und anderen Organisationen zusammenschließen usw. Die chronischen Veränderungen, die vor allem durch die Wirtschaft induziert werden, erfordern ein nahezu ununterbrochenes Lernen, d.h. neuartige sachliche Differenzierungen des Rechts. Politik und Recht haben Strukturen entwickelt, um mit diesem Lernstress umzugehen. Legitimes Recht basiert nicht mehr auf Tradition bzw. auf Natur, sondern allein darauf, dass die Repräsentierten das Recht als eine gegebene symbolische Ordnung hinnehmen, die in ihrem Namen gebildet worden ist. Die Legitimation der rechtsetzenden Instanz (Parlament) wird zeitlich begrenzt und muss nach gesetzlich festgelegten Perioden erneuert werden. Während einer Gesetzgebungsperiode sind die legitimierenden Dritten gegenwärtig abwesend, allerdings als zukünftig zu umwerbende Wähler anwesend. Während des Wahlkampfs nehmen HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 197 auch die organisierten Parteien vorübergehend die Form von Bewegungen oder zumindest von Quasi-Bewegungen an. Selbst Honoratiorenparteien müssen in einem gewissen Umfang mobilisierend wirken. Im Wahlkampf werden die legitimierenden Dritten als anwesend behandelt. Von ihnen sind in Form des Wahlakts kommunikative Stellungnahmen zu erwarten. Im Wahlkampf stellen sich die Parteien mit ihren Sachpositionen zu Wahl und präsentieren damit ihren aktuellen Stand gesellschaftlichen Lernens. Etablierte Parteien mutieren während des Wahlkampfs zu Quasi-Bewegungen und umgekehrt mutieren soziale Bewegungen, die ihren Stand politischen Lernens vermittels der rechtsgebundenen staatlichen Gewalt durchsetzen wollen, zu Parteien, die sich zur Wahl stellen. In der gegenwärtigen Stellungnahme, dem Wahlakt, ist zugleich die zukünftige legitimierende Abwesenheit der Wählenden enthalten. Der Wahlzettel passiert den Schlitz der Wahlurne und wird Teil des politischen Zusammenhangs, der Wähler bleibt draußen und legitimiert das Wahlergebnis bzw. die Sitz- und damit Machtverteilung durch seine Abwesenheit. Die Bedeutung von Sachpositionen in der Politik verweist auf eine Differenz, die derjenigen von Gebrauchswert und Tauschwert entspricht (s.u.). Diese bezieht sich auf den Unterschied zwischen dem sachlichen Gebrauch, d.h. dem praktischen Besitz, von etwas und der Tatsache, dass der Verkauf von Gebrauchswerten als Waren Gewinn erwirtschaften soll. In der Politik handelt es sich um die Differenz zwischen den Sachpositionen, die das praktische Leben von Menschen bzw. die Gestaltung von Institutionen und Institutionenzusammenhängen betreffen, und dem Code der Macht, der sich darauf bezieht, dass Sachpositionen eine Mehrheit benötigen, um in Regierungspolitik umgesetzt zu werden. Die Institutionalisierung der Differenz von Sachposition (sachliches Lernen) und Code der Macht/Gewalt kennzeichnet moderne Politik. Durch ihre Sachpositionen sind Parteien in die Gesellschaft verwoben. Sie vertreten Sachpositionen zur Verbesserung der Situation von Wirtschaftsorganisationen und reichen Steuerzahlern oder Sachpositionen, die sich auf den Schutz des Weltklimas, der Verbesserung der Situation von Migranten und anderen diskriminierten Gruppen beziehen. Sachpositionen kennzeichnen den Bezug zu den konkreten Problemen der Vergesellschaftung. Um in der modernen Verfahrensordnung der Gewalt wirksam zu werden, d.h., um mit der Gewalt des Staates durchgesetzt zu werden, müssen Sachpositionen auf den Code der Macht, d.h. auf den politischen Kampf bezogen werden. Hier liegt ein unauflösliches Spannungsfeld. Für die Arbeit an den Sachpositionen berufen sich die Beteiligten darauf, dass ihre Aussage wahr bzw. normativ richtig ist, d.h., sie beziehen sich auf institutionalisierten Strukturen, die denjenigen der Wissenschaft ähneln. Jeder, der vernünftig ist, muss einsehen, dass X zutrifft. Zugleich muss die Sachposition in die Verfahrensordnung der Gewalt geschleust werden, d.h., es muss geklärt werden, welche Partei mit welchen Sachpositionen POLITIK UND RECHT 198 über die Gesetzgebung und damit über den Einsatz der staatlichen Gewalt zu entscheiden hat. Das praktische Worum-Willen der Politik wird nicht nur durch den Bezug auf den Code der Macht bzw. Gewalt bestimmt, sondern ebenso durch die Differenz der Sachpositionen. Dies wird auch daran deutlich, dass selbst im parlamentarischen Betrieb die Arbeit an Sachpositionen aufrechterhalten wird. Parteien arbeiten unentwegt an ihren Sachpositionen (Scheffer 2015), um im politischen Kampf um die Macht bestehen zu können. Das Politische der horizontalen Differenzierung ist durch die Doppelverfasstheit von Sachposition und Macht/Gewalt gekennzeichnet. Versuche, das Politische – wie Luhmann – auf den Code der Macht zu reduzieren, verfehlen den Charakter des Politischen ebenso, wie die Versuche, das Politische ausschließlich im Sinne Habermas als rationale Arbeit an Positionen zu begreifen. Wenn es nur um Macht und niemals um Positionen ginge, müßten Spaßparteien, die etwa mit der Forderung »Freibier für alle« in den Wahlkampf ziehen, in gleicher Weise erfolgreich sein. Bislang wird eine solche Partei noch nicht einmal von allen Alkoholikern gewählt, denn dann dürften sie vermutlich nur knapp – wenn überhaupt – an der derzeit in Deutschland geltenden 5%-Hürde scheitern. Wahlen erzwingen periodische Veränderungen in der Legitimation, d.h. eine veränderte Zusammensetzung des Parlaments, und sie erzeugen symbolische Zwänge zur Rechtsänderung, denn im Wahlkampf wird politisches Lernen präsentiert. Diese Lerndynamik ermöglicht es, das Recht vergleichsweise unkompliziert an neue gesellschaftliche Situationen anpassen zu können. Luhmann (1972: 50f) bezeichnet dies als den reflexiven Einbau eines konträren Erwartungsstils in das Recht, ohne dabei allerdings auf das Zusammenspiel der Strukturen von anwesenden und abwesenden Dritten einzugehen. Durch dieses Zusammenspiel wird zweierlei erreicht. Das Recht bleibt als gesetztes Recht stabil, denn es muss garantieren, dass man an bestimmten Erwartungen festhalten können soll. Ego darf auf den Konsens Dritter hoffen, wenn es an der Erwartung festhält, das gebaute Atomkraftwerk weiter zu Gewinnzwecken zu betreiben. Die Lernfähigkeit der Politik besteht darin, die Risiken, die mit dieser Art der Energieerzeugung einhergehen, anders einzuschätzen und die Laufzeit von AKWs zu begrenzen. Wenn eine Partei gewählt wird, die im Wahlkampf genau das verspricht und damit rechtsgestaltende Macht erlangt, müssen auch alle anderen lernen, dass das fortan möglich ist. Die Geschichte der Atomkraft bzw. der Antiatombewegung in Deutschland ist insgesamt ein gutes Beispiel, an dem das Zusammenspiel zwischen Wirtschaft, die ein neues Produkt (Atomenergie) entwickelt, sozialen Bewegungen, dem Recht der Bürger gegen den Staat zu klagen und den Möglichkeiten parlamentarischer Rechtsgestaltung gut anschaulich wird (Radkau 2011a,b). HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 199 Es ist ein wesentlicher Bestandteil der symbolischen normativen Ordnung der Moderne, dass sie zeitlich nicht als dauernd, sondern als änderbar verstanden wird. Dabei ist allerdings zu bedenken, dass gerade die Änderbarkeit auf einer nicht weiter thematisierten Dauer unbefragter Prämissen aufruht. Von diesen scheinen zwei von besonderer Bedeutung: Das menschliche Körperindividuum mit privaten und subjektiven öffentlichen Rechten und die moderne Ordnung der messbaren Zeit und des messbaren Raums. Beide Aspekte sind als dauernde Voraussetzung der privaten Vertragsfreiheit unabdingbar. Ein leibliches Selbst darf als menschliches Körperindividuum alles verkaufen, aber nicht sich selbst, insofern es das Recht hat, etwas zu verkaufen, d.h., es muss in jedem Fall ein Körperindividuum mit einem freien Willen bleiben, welches einen Vertrag abschlie- ßen kann. Deshalb wäre ein Selbstverkauf in die Sklaverei nicht gültig. Denn damit würde ein Körperindividuum sich der Gewalt des Staates entziehen, es wäre nicht mehr freigestellt, sich in beliebige Zusammenhänge zu involvieren, vielmehr wäre es der Gewalt eines anderen Individuums unterworfen. Vertragsfreiheit beinhaltet, dass leibliche Selbste als Körperindividuen sowohl über sich als auch über äußere Dinge verfügen können. Körperindividuen können Dinge, Leistungen, Arbeitskraft, Grund und Boden, Energieeinheiten, Wassermengen, Wissen und vieles mehr kaufen oder verkaufen bzw. vermieten oder mieten. Derartige Verträge setzen voraus, dass die entsprechenden Dinge bzw. Sachverhalte räumlich und vor allem zeitlich messbar begrenzt werden können. Es kann nach Belieben festgelegt werden, wann welche Leistung erbracht werden muss, bis wann das Geld zu welchen Konditionen verliehen wird usw. Damit solche Festlegungen für private Akteure möglich werden, muss vorausgesetzt werden, dass die Ordnung der digital messbaren Zeit ihrerseits nicht im Sinne der messbaren Zeit begrenzt ist. Der Sachverhalt, dass es eine messbare Zeit gibt, dauert, d.h., es ist unentschieden, ob der Sachverhalt, dass es eine messbare Zeit gibt, eindeutig gegenwärtig oder eindeutig vergangen oder eindeutig zukünftig ist (vgl. Lindemann 2014a: 157ff). Wenn die symbolischen Formen der messbaren Zeit, des messbaren Raumes und das institutionalisierte Symbol der Moderne, das Körperindividuum als Inhaber eines allgemeinen Rechtsstatus, dauerhaft existieren, entsteht ein Rahmen, innerhalb dessen gemäß den dauernden Prämissen eine ungeheure Varianz möglich ist. Insgesamt besteht die Funktion der mitgliedschaftlich verfassten Handlungszusammenhänge darin, eine horizontale Differenzierung ermöglichende Verfahrensordnung der Gewalt durchzusetzen. Darauf ist das je spezifische Worum-willen der Politik und des Rechts bezogen. POLITIK UND RECHT 200 1. Der Bereich des Politisch-Rechtlichen ist bestimmt durch die Institutionalisierung der Differenz zwischen Sachpositionen und dem Kampf um den Zugang zur staatlichen Gewalt bzw. deren verwaltungsmäßiger Ausübung. Sachpositionen bezeichnen den Sachverhalt, dass die Politik auf die institutionellen Formen der gesellschaftlichen Praxis bezogen ist, bzw. dass sich das Recht in sachlich unterschiedene Gebiete und Aufgabenfelder ausdifferenziert – gemäß dem Stand der Entwicklung institutionalisierten Handelns. Die Codes der Macht und des Rechts bezeichnen im Unterschied dazu die abstrahierende Verselbständigung von Politik und Recht. Unabhängig davon, um was es sachlich geht, basiert die sachbezogene Entscheidung auf Mehrheitsverhältnissen, bzw. unabhängig davon, um welches konkrete Rechtsgebiet es sich handelt, orientiert sich die richterliche Entscheidung an der Differenz von recht und unrecht. 2. Raum- und Sozialdimension: Das Zentrum der modernen Verfahrensordnung der Gewalt bildet der Staat, in dem die Körperindividuen als Staatsvolk erfasst werden. Dieses ist der rechtlich gebundenen Gewalt des Staates auf dem ortsräumlich begrenzten Territorium des Staates unterworfen. Der territorial begrenzte Nationalstaat verzichtet auf universelle normative Geltungsansprüche und stellt sich selbst in ein Verhältnis unter Gleichen zu anderen ebenfalls territorial begrenzten Nationalstaaten mit je unterschiedlichen Rechten. Moderne Nationalstaaten sind Staaten im Verhältnis zu anderen Staaten und keine Imperien mit einem moralisch begründeten übergreifenden Herrschafts- und Geltungsanspruch. 3. Widersprüche des Staatsbürgerstatus (Sozialdimension): Die Mitgliedschaft im Staat, d.h. die Staatsbürgerschaft, wird nicht orientiert an personaler Leistungsfähigkeit vergeben. Die Begrenzung der Mitglieder erfolgt durch eine Spezifikation des Kriteriums »natürliche Geburt« im Sinne des »ius sanguinis« (alle Geborenen einer bestimmten Abstammung) oder des »ius soli« (alle auf einem Territorium Geborenen). Durch die Staatsangehörigkeit wird ein besonderer Status etabliert: der in sich widersprüchliche Status des Staatsbürgers: a) Der Rechtsstatus erfordert die Unterwerfung des Mitglieds unter die rechtlich gebundene Staatsgewalt. Letztere ist damit zugleich im Zugriff auf die Staatsbürger beschränkt, weshalb diese freigesetzt sind, sich auch in anderer als einer politischen Weise zu vergesellschaften. Dies beinhaltet zweierlei: Der Staat ist in seinen Handlungen gegenüber der Bürgerin rechtlich gebunden und der Staat stellt seine Gewalt den Mitgliedern in geregelter Weise zur Verfügung, um Konflikte mit anderen Mitgliedern auszutragen. Der HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 201 Rechtsstatus schließt also die Distribution geregelter Konfliktfähigkeit (Vertragsfreiheit, Privatrecht) zwischen den Bürgern ein. b) Die Bürgerin ist dem Staat aber nicht nur unterworfen, sondern ist ihm gegenüber auch Inhaberin subjektiver öffentlicher Rechte, die es ihr ermöglichen, dem Staat gegenüber in rechtlich gebundener Weise Gewalt auszuüben. Die Bürgerin wird mit Konfliktfähigkeit gegenüber dem Staat ausgestattet. Dies beinhaltet auch, den Staat aus einer normativ weltgesellschaftlichen Perspektive zu beobachten und sich zu dadurch motivierten Aktionen gegen den Staat bzw. gegen die durch den Staat garantierte Ordnung zu versammeln. 4. Der Dritte und die symbolische Legitimität: Die mitgliedschaftlich verfassten Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge sichern die Legitimität der Entscheidung über Gewaltanwendung sowie die Legitimität der Entscheidungen über allgemeinverbindliche Normsetzungen. Hierdurch wird die verfahrensmäßige Kontrolle der Gewaltausübung bzw. deren horizontale Differenzierung ermöglichende Begrenzung erreicht. Die Sicherung der Legitimität erfolgt über den Bezug auf die mitgliedschaftlich erfassten abwesenden Dritten. Dieses bildet auch die Grundlage für den rechtlich gebundenen Kampf um die Macht. Das Prinzip der im Wahlrecht geregelten Repräsentation durch Wahl wird durch die organisatorische Erfassung von Körperindividuen als Staatsmitglieder gesichert. Die öffentlichen subjektiven Rechte beinhalten zugleich das Recht der Bürgerinnen, sich gegenüber der Politik in Form von sozialen Bewegungen anwesend zu machen. Auf diese Weise wird die parlamentarische Politik einem Lernstress ausgesetzt. Wahlkämpfe bilden die Schnittstelle zwischen den Strukturen der ab- bzw. anwesenden Dritten. In Wahlkämpfen nehmen parlamentarische Parteien zumindest vorübergehend die Form sozialer Bewegungen an (Versammlungen, Mobilisierung usw.). Umgekehrt müssen soziale Bewegungen die Form parlamentarischer Parteien annehmen, um sich an der gesetzlich gebundenen Form der Entscheidung über staatliche Gewaltaus- übung zu beteiligen. Die mitgliedschaftliche Verfasstheit, d.h. die Staatsbürgerschaft als Dia-Symbolon, das Bürger von Nichtbürgern trennt, bildet zugleich die Grundlage für eine rationale Umverteilung unter den zahlenmäßig begrenzten Anspruchsberechtigten. 5. Zeit- und Sachdimension: Das Recht ist gesatztes Recht, dessen Legitimität durch repräsentierte abwesende Dritte garantiert wird. Die symbolische Herstellung von Legitimität ist, orientiert an der messbaren Zeit, durch Wahlperioden strukturiert. Auf der Grundlage von Wahlkämpfen, die den Stand der Auseinandersetzung um POLITIK UND RECHT 202 Sachpositionen dokumentieren, wird Legitimität jeweils neu hergestellt. Mit Bezug darauf kann das Recht durch legale Rechtsetzung mit Bezug auf die abwesenden Dritten geändert werden. Das politische Lernen wird ergänzt durch Lernen im Recht durch richterliche Rechtsfortbildung. Politisches Lernen und Lernen im Recht sind unter den Bedingungen der dauernden Institutionen des Körperindividuums mit allgemeinem Rechtsstatus und der institutionalisierten Ordnung der messbaren Zeit unerlässlich. Denn diese dauernden Institutionen ermöglichen die Schaffung einer unbestimmten Vielzahl differenzierter Sachverhalte, die gesamtgesellschaftlich, d.h. für alle, gültig normativ geregelt werden müssen. Korrelativ zur sachlichen Differenzierung des Rechts bedarf es einer sich in sachlichen Angelegenheiten differenzierenden staatlichen Verwaltung. Sowohl soziale Bewegungen als auch die Wirtschaft setzen die Politik und das Recht unter Lernstress, denn für den Umgang mit den fiktiven Waren (Arbeit, Boden/Natur, Geld, Wissen) ist die Wirtschaft auf die unterstützende Verwaltung durch den Staat angewiesen, die wiederum von sozialen Bewegungen beobachtet wird. Da der Umgang mit den fiktiven Waren durch die Wirtschaft dauernden Veränderungen unterliegt, induziert die Wirtschaft einen chronischen Lernstress. Dieser wird dadurch verschärft, dass soziale Bewegungen sich gegen die durch die Wirtschaft angesto- ßenen Veränderungen richten. Die Politik ist demnach einem zweiseitigen Lernstress ausgesetzt. Die Sicherung des Primats der modernen Verfahrensordnung der Gewalt implementiert eine kongruente symbolische Generalisierung in der Raum- und Sozialdimension, das gesetzte Recht ist territorial begrenzt gültig und grenzt an andere Rechte. Das politisch gesetzte Recht garantiert über die Zeit Erwartungssicherheit und erhält zugleich einen zeitlichen Verfallsindex. Man kann nicht darauf beharren, dass gesetztes Recht dauerhaft gültig bleibt. Das Recht gilt generalisiert, aber immer nur bezogen auf den durch das Recht geregelten sachlichen Zusammenhang. Da sich gesellschaftliche Sachverhalte beständig ändern, müssen Politik (politisches Entscheiden und Verwaltung) und Recht in einem hohen Maße lernfähig bleiben. Die Lernfähigkeit basiert auf der dauernden Geltung von zwei Prämissen: zum einen der Institutionalisierung menschlicher Körperindividuen mit einem allgemeinen Rechtsstatus und der Institutionalisierung der messbaren Zeit und des messbar ausgedehnten Raums. HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 203 6. Eigentumswirtschaft (Feld A – und C): In der gegenwärtigen Debatte um die Ordnung der modernen Wirtschaft gelten drei Elemente als unstrittig: »erstens die Verselbstständigung einer als Gewinnstreben angelegten Tauschwertorientierung als Leitwert wirtschaftlichen Handelns gegenüber einer Orientierung an der Produktion von Gebrauchswerten; zweitens die Verfolgung des Gewinnstrebens auf Märkten, wo Warenanbieter untereinander konkurrieren; und drittens die Überführung aller Produktionsfaktoren – Natur, Kapital und Arbeit – in Waren, die gemäß dieser Tauschwertlogik ebenfalls auf Märkten gehandelt werden. Aus der Perspektive einer Theorie gesellschaftlicher Differenzierung betrachtet sind dies genau diejenigen Merkmale, die strukturell die gesellschaftliche Ausdifferenzierung des Wirtschaftssystems tragen. Insoweit stimmt also die differenzierungstheoretische Perspektive auf die moderne Wirtschaft mit deren Kennzeichnung als kapitalistisch überein: Eine funktional ausdifferenzierte ist eine kapitalistische Wirtschaft.« (Schimank 2009: 329) Der von Schimank strukturiert formulierte Diskussionsstand bietet zugleich auch eine Systematik an, deren Entfaltung es ermöglicht, die Dynamik der ausdifferenzierten Wirtschaft und ihre Wirkungen auf die Gesellschaft zu erfassen. Der erste von Schimank genannte Punkt – die Trennung von Tauschwert und Gebrauchswert – bildet einen Schlüssel für das Verständnis der fiktiven Waren und auch dafür, wie die Wirtschaft auf die Gesellschaft wirkt. Um dies zu verstehen, ist es erforderlich, die Unterscheidung zwischen Tausch- und Gebrauchswert zu reformulieren als Unterscheidung zwischen Eigentum und praktischem Besitz. Die Wirtschaft lässt sich dann als Eigentumswirtschaft begreifen, die eine spezifische Dynamik entfaltet, die sie der Gesellschaft aufzwingt und dadurch auch Recht und Politik einem dauernden Lernstress aussetzt. Ich beginne daher mit der Institutionalisierung der Unterscheidung von Eigentum und Besitz entwickle davon ausgehend an Polanyi anschließend die Theorie der fiktiven Waren, die ich um eine vierte fiktive Ware, Wissen, ergänze. Dies ermöglicht zugleich den Anschluss an die Theorie des anthro pologischen Quadrats und formuliert den chronischen Konflikt der Wirtschaft mit den mitgliedschaftlich verfassten Handlungszusammenhängen Politik und Recht. Die institutionellen Strukturen des Marktes involvieren die Beteiligten in die Wirtschaft, deshalb lässt sich anhand der institutionellen Struktur von Knappheit und Markt herausarbeiten, worin der strukturelle Unterschied zwischen den mitgliedschaftlich verfassten und den weltgesellschaftlich orientierten Handlungszusammenhängen besteht. Der Markt ist ein Phänomen des Feldes A (Drittenkon stellation ist quantitativ nicht begrenzt und ist gekennzeichnet durch den gegenwärtig oder zukünftig anwesenden Dritten) und wie sich mit Bezug auf die Besonderheiten der fiktiven Ware Wissen zeigen lässt, produziert er EIGENTUMSWIRTSCHAFT 204 auch Phänomene, die dem Feld C (Drittenkonstellation ist quantitativ nicht begrenzt und ist gekennzeichnet durch den Legitimation sichernden abwesenden Dritten) zuzuordnen sind (s.o. das Vierfelderschema). Abschließend entfalte ich anhand der Trennung von Eigentum und Besitz die Frage, wie die Eigentumswirtschaft potentiell alle Institutionen der Gesellschaft durchdringt, sie also dominiert, aber dadurch zugleich auch von diesen Institutionen abhängig wird. 6.1 Die Institutionalisierung der Trennung von Eigentum und Besitz Die Relevanz der Unterscheidung von Eigentum und Besitz liegt darin, die Besonderheit des modernen Wirtschaftens begreifen zu können. Sowohl für das Verständnis der Entstehung der fiktiven Waren als auch für das Verständnis der marktorientierten Produktion ist die Institutionalisierung dieser Unterscheidung relevant. Den Fokus auf die Institutionalisierung der Unterscheidung von Eigentum und Besitz zu richten, beinhaltet eine Differenz zur Neoklassischen Ökonomie, zur modernen Institutionenökonomik und zur marxistischen Theorie, obwohl letztere zwischen Gebrauchswert und Tauschwert unterscheidet. In der Tradition der neoklassischen Ökonomie und der Institutionenökonomik steht das Konzept der »property rights« im Mittelpunkt. Hierbei werden wesentlich drei Aspekte unterschieden: (1) »exclusivity of rights to choose the use of a resource, (2) exclusivity of rights to the services of a resource, … (3) rights to exchange the resource at mutually agreeable terms.« (Alchian 2009: 1) In dieser Definition werden die Formen des praktischen Besitzes und der abstrakte Rechtsanspruch, der im Eigentum formuliert ist, zusammengefasst und nicht systematisch unterschieden. Nur das letztgenannte Recht ist in dem von mir vorgeschlagenen Verständnis ein Eigentumsrecht. Damit ist der abstrakte Rechtsanspruch gemeint, eine Sache verkaufen, bzw. sie als Absicherung für einen Kredit verwenden zu können. Hierbei kann es sich um eine vom Gläubiger zu leistende Sicherung (z.B. bei einem Wechsel s.u.) oder um eine vom Schuldner zu leistende Sicherung (Verpfändung s.u.) handeln. Eigentum meint also nur das Recht, eine abstrakte rechtliche Verfügung zu treffen. Diese ist zu unterscheiden vom praktischen Besitz, auf den sich das erstgenannte Recht bezieht. Hierbei geht es ausschließlich darum, wer den praktischen Zugriff auf eine Sache hat und damit das Recht hat, den praktischen Umgang mit der Sache zu bestimmen. Der Mieter einer Sache hat das Recht, den praktischen HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 205 Umgang mit dieser zu bestimmen. Über den praktischen Umgang mit einer Mietwohnung entscheidet der Mieter in den Grenzen des Mietvertrags. Der abstrakte Eigentumsanspruch kann zwar den praktischen Besitz in gewissen Grenzen beschränken, dennoch verbleibt die Wohnung im Besitz des Mieters. Das zweitgenannte Verfügungsrecht beinhaltet das Fruchtziehungsrecht. Dieses bezieht sowohl den Aspekt des Eigentums als auch denjenigen des praktischen Besitzes ein. Bei einer Mietwohnung hat der Eigentümer Anspruch auf die Miete, die der Besitzer zu entrichten hat. Aber wenn der Mieter ein Gewerbemieter ist, hat er ebenso ein Fruchtziehungsrecht, denn durch sein Gewerbe zieht er einen Gewinn aus der Nutzung der Immobilie. Das Gleiche würde für eine landwirtschaftliche Fläche gelten. Der Eigentümer verpachtet die Fläche und hat damit einen Anspruch auf die »services« der Sache und der Pächter, der die Fläche praktisch nutzend besitzt, indem er etwas anbaut und verkauft, hat ebenfalls einen Anspruch auf die Früchte des Feldes. Der Vorteil, die Institutionalisierung der Trennung von Eigentumsansprüchen und praktischem Besitz zentral zu stellen, besteht darin, die besondere Dynamik der kapitalistischen Wirtschaft und das in dieser bestehende Kreditgeld besser erfassen zu können. Wenn man die gesellschaftlich gültigen Unterschiede zwischen Eigentumstitel und Besitz verwischt, lassen sich wesentliche Phänomene der modernen Wirtschaft nicht mehr begreifen. Für die vormodernen Gesellschaften des europäischen Mittelalters bzw. der frühen Neuzeit gilt, dass in deren Rahmen die Unterscheidung von Eigentum und Besitz praktisch kaum relevant war. Unter dieser Voraussetzung ist das Wirtschaften ein integraler Bestandteil der gesamten institutionellen Struktur der Gesellschaft ohne ein eigenständiges Merkmal, welches es gegen die institutionelle Gesamtstruktur isoliert. In diesem Sinne bemerkt Polanyi, dass das Wirtschaften in vormodernen Gesellschaften in deren Gesamtordnung eingebettet gewesen sei (Polanyi 1944/1978: 75), während sich die marktkapitalistische Wirtschaft dadurch auszeichnen würde, dass sie sich gegenüber der Gesellschaft verselbständigt habe (Polanyi 1944/1978: 102ff). Dies erfolgt maßgeblich durch die Institutionalisierung der Trennung von Eigentum und Besitz. Es lassen sich vor bzw. neben der durch den Markt koordinierten Wirtschaft andere Formen des Wirtschaftens identifizieren, die in die Gesellschaft eingebettet (gewesen) seien (Polanyi 1944/1978: 71ff). Die eingebettete Wirtschaft folgt gemäß Polanyi anderen Prinzipien als demjenigen des Eigennutzes, nämlich den Prinzipien der »Reziprozität und Redistribution« (Polanyi 1944/1978: 77). Dem Prinzip der Reziprozität zufolge waren die Einzelnen einander zur wechselseitigen Hilfeleistung verpflichtet. Das Prinzip der Redistribution war relevant, wenn Überschüsse erzielt wurden, diese wurden an lokale Führungspersonen, etwa den Häuptling, abgegeben und umverteilt. (Polanyi 1944/1978: EIGENTUMSWIRTSCHAFT 206 77) Diese Formen des Wirtschaftens kamen ohne das Prinzip des am eigenen Nutzens orientierten Marktakteurs aus, es lässt sich im Rahmen dieser gesellschaftlichen Ordnungen auch kein Markt identifizieren, der zur Allokation von Gütern dient (vgl. auch Heinsohn/Steiger 1996/2009: 310ff). Heinsohn und Steiger formulieren in dieser Hinsicht besonders prägnant: »Die Menschheit kennt nicht nur eine, sondern drei gesellschaftliche Grundstrukturen, die für die materielle … Reproduktion bedeutend sind. An ihnen ist erst zu zeigen, inwieweit diese Reproduktion ökonomisch oder eben anders bestimmt ist bzw. was den Begriff der Wirtschaft konstituiert. Diese drei Grundstrukturen sind (1) die Solidargesellschaft des Stammes, (2) die Befehlsgesellschaft des Feudalismus und Realsozialismus sowie (3) die Eigentumsgesellschaft der Freien. Jede dieser Strukturen unterliegt eigenen Gesetzen, wobei die beiden ersten den Gesetzen von Sitte bzw. Befehl folgen. Allein die Gesetze der Eigentumsgesellschaft können durch das erschlossen werden, was als ökonomische Theorie bezeichnet wird.« (Heinsohn/Steiger 1996/2009: 17/2)6 Im Unterschied zu Polanyi sprechen Heinsohn und Steiger in dieser Typisierung zugleich eine zentrale Prämisse des sich in der Sattelzeit allgemein durchsetzenden Markttausches an. Ihnen zufolge ist an diesem Punkt besondere Sorgfalt angebracht, denn um die Besonderheit der modernen Wirtschaft zu erfassen, sei es erforderlich, Eigentum und Besitz strikt zu trennen. Wenn ein Eigentümer zugleich Besitzer ist, kann er darüber befinden, wer in welcher Weise materiellen Zugriff auf einen Gegenstand haben soll, aber nur als Eigentümer kann man eine Sache bzw. ein Stück Land verkaufen oder es als Pfand für einen Kredit verwenden. Gemäß Heinsohn und Steiger kann sich die moderne wirtschaftliche Ordnung nur auf der Grundlage der wirksamen Trennung von Eigentum und Besitz entwickeln (Heinsohn/Steiger 1996/2009: 18f). Es erscheint mir allerdings fragwürdig, die Wirtschaftsordnung als synonym für die gesamte Gesellschaft zu begreifen und die in der Sattelzeit entstehende Ordnung insgesamt als »Eigentumsgesellschaft der Freien« (Heinsohn/ Steiger 1996/2009: 17) zu bezeichnen. Ich ziehe es vor, von der Eigentumswirtschaft der Freien zu sprechen, die ein wesentliches Strukturmerkmal horizontaler Differenzierung bildet. Die Bedeutung der Trennung zwischen Eigentum und Besitz liegt darin, dass Eigentum ein »Rechtstitel« ist, der die »freie Verkaufbarkeit« die 6 Ingham (2004: 93) argumentiert ähnlich im Anschluss an Polanyi. Auch Engels (1892/1974) kommt auch auf vergleichbare Unterscheidungen bei der Darstellung des Wirtschaftens, ohne dabei allerding systematisch in dem hier vorgeschlagenen Sinn zwischen Eigentum und Besitz zu unterscheiden. Sombart (1902: 59f) kommt ebenfalls zu einer Dreiteilung, berührt dabei aber auch das Verhältnis von Eigentum und Besitz nicht. HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 207 »freie Belastbarkeit und Verpfändbarkeit« ermöglicht (Heinsohn/Steiger 1996/2009: 18). Der Rechtstitel ist von der materiell-stofflichen Seite des praktischen Besitzens unabhängig. Eigentum stellt eine Institution dar, denn sie trennt Ego als Nichteigentümer von Alter als Eigentümer derart, dass diese Relation aus der Perspektive Dritter zu einer objektivierten Struktur wird, die Ego gleichsam substantiell zu einem Nichteigentümer macht und Alter Ego zum Eigentümer. Dieser Sachverhalt ist die tragende Institution der Eigentumswirtschaft, die von den praktischen Besitzverhältnissen und den sie tragenden Institutionen zu unterscheiden ist. Institutionalisierte praktische Besitzverhältnisse regeln Zugänge des gebrauchenden Umgangs, des konkreten Nutzens, den Dinge für leibliche Selbste haben. Solche Institutionen regeln, wie die Dinge zu handhaben sind. Erst wenn die Institutionalisierung von Besitz und Eigentum entstanden ist, kann die Institution des Eigentums unabhängig von jedem praktischen Gebrauch bzw. praktischem Nutzen regeln, ob und zu welchem Preis ein Ding als Ware verkauft oder verpfändet wird. Verkauf oder Verpfändung sind unabhängig vom praktischen Besitz, das Haus oder die Fabrik werden verkauft, d.h. die Eigentümer wechseln, aber die Besitzer, d.h. die Bewohner bzw. die Belegschaft, bleiben die gleichen. In der fest institutionalisierten Trennung zwischen Eigentum und materiell-stofflichem Besitz liegt das Besondere der modernen Wirtschaftsordnung. Wenn man die Trennung von Eigentum und Besitz analytisch zentral stellt, wird es zu einem bemerkenswerten Phänomen, dass aus einer rechtlichen bzw. staatswissenschaftlichen Perspektive (Scheel 1892) die Unterscheidung zwischen Eigentum und Besitz als zentral angesehen wird, sie aber weder in der politischen Philosophie (Locke), noch in den Wirtschaftswissenschaften, die mit dem Konzept der »property rights« (s.o.) arbeitet, mit dergleichen Präzision benannt wird. Erstaunlicherweise tut sich auch die Wirtschaftssoziologie oft schwer mit einer klaren begrifflichen Trennung. Dies gilt für Weber (1921–22/1980: 23, 42, 61, 201f; 1924: 38ff, 109) ebenso wie für Luhmann (1965/1999: Kap. 6; 1988: 188f). Vor allem bei Luhmann wird Eigentum immer wieder mit dem Zugriff auf eine Sache identifiziert, d.h. im Sinne der property rights begriffen, womit die Unterscheidung zwischen Rechtstitel und praktischer besitzergreifender Nutzung verwischt wird. In jedem Fall wird diese Differenz nicht als solche mit ihren Konsequenzen benannt. Das gleiche gilt auch für Marx (vgl. Heinsohn/Steiger 1996/2009: 92ff), weshalb ich es vorziehe, die Unterscheidung zwischen Tausch- und Gebrauchswert durch die Unterscheidung zwischen Eigentum und Besitz zu ersetzen. Die Weiterverwendung der Marxschen Terminologie ist nur dann unschädlich, wenn man sie begrifflich exakt analog zur Differenz Eigentum/Besitz versteht. Der Schutz des Eigentums gehört zu den Menschenrechten der ersten Generation, d.h. zu den »liberalen Abwehrrechte(n) des Bürgers EIGENTUMSWIRTSCHAFT 208 gegenüber dem Staat« (Riedel 1999: 25). Gemäß Artikel 17 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte hat jedermann »das Recht, allein oder in Gemeinschaft mit anderen Eigentum zu haben« und: »Niemand darf willkürlich seines Eigentums beraubt werden.« (AEMR Art. 17) Die praktische Institutionalisierung dieses Menschenrechts in der Sattelzeit bildet die Basis eines neuen Wirtschaftens. Die Institutionalisierung des Eigentums kommt nicht ohne eine rechtlich gebundene Zentralgewalt aus, die das Eigentum eines jeden schützt. Es ist gerade die Institutionalisierung des Eigentums als Rechtstitel, also die Trennung von Eigentum und Besitz, die die Wirtschaft an die moderne Verfahrensordnung der Gewalt bindet. Individuelle Vertragsfreiheit im Privatrecht basiert – wie im vorhergehenden Abschnitt gezeigt – auf der Gewaltunterworfenheit der leiblichen Selbste. Indem diese als Körperindividuen einer Gewalt, nämlich der staatlichen Zentralgewalt unterworfen sind, sind sie zugleich im privaten Verkehr miteinander freigesetzt und können gemäß ihrem eigenen Willen Verfügungen treffen. Eigentum von Individuen oder gesellschaftlichen Gruppen bedarf einer Zentralgewalt, die den rechtlichen Eigentumstitel schützt. Die rechtlich gebundene Gewaltunterworfenheit hat eine weitere wichtige Konsequenz. Man kann in rechtlich gesicherter Form Eigentum verlieren, wenn man es z.B. als Pfand zur Sicherung eines Kredits verwendet hat und den Kredit nicht zurückzahlen kann. In diesem Fall hat der Gläubiger rechtlich die Möglichkeit, in das Eigentum anderer zu vollstrecken (Heinsohn/Steiger 1996/2009: 87f). Die Vollstreckung nimmt dem Eigentümer sein Eigentum in einer rechtlich gesicherten Weise. Die Möglichkeit des Verlusts des Eigentums ist in einer Eigentumswirtschaft von existentieller Bedeutung, denn es gibt weder Solidarverpflichtungen wie in einer Stammesgesellschaft noch Hierarchien, in deren Rahmen eine Verpflichtung zur Sorge für die Armen besteht. Daraus resultieren besondere Handlungsorientierungen, die auf eine Vermeidung des Eigentumsverlusts und eine Vermehrung des Eigentums zielen. Ich schließe einerseits an den Vorschlag von Heinsohn und Steiger an, indem ich die Differenz von Eigentum und Besitz als das zentrale Charakteristikum der ausdifferenzierten Wirtschaft begreife. Andererseits erscheint es mir notwendig – weitergehend als Heinsohn und Steiger –, die Trennung von Eigentum und Besitz in seiner konflikthaften Bezogenheit auf die moderne Verfahrensordnung der Gewalt zu verstehen. Bei genauerem Hinsehen lässt sich ein enger Zusammenhang zwischen den Verfahrensordnungen der Gewalt und den Verfahrensordnungen des Wirtschaftens ausmachen. Ingham (2004) analysiert in seiner Studie zur Natur des Geldes in vergleichbarer Weise diesen Zusammenhang. Mit Bezug auf die Trennung von Eigentum und Besitz lässt sich zudem der Zusammenhang zwischen der Entstehung großer Unternehmen und dem Marktmechanismus in den Blick nehmen. In dieser Perspektive wird es also möglich, einer Kritik Rechnung zu tragen, die Maurer HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 209 (2017: 4) sowohl an den dominanten Theorievarianten der Ökonomik als auch der Soziologie übt, auch letztere betrachte nämlich »entweder nur Markt oder nur Unternehmen, bzw. die Organisationshierarchie«, aber nicht »deren Zusammenspiel wie auch die gemeinsame Geschichte« (Maurer 2017: 4). Da sich der Institutionenzusammenhang, der die kapitalistische Wirtschaft trägt, ausgehend von der Trennung zwischen Eigentum und Besitz erschließen lässt, soll von dieser ausgehend die Entstehung der fiktiven Waren untersucht werden, die sich im Übergang zur modernen differenzierten Gesellschaft entwickeln. Anhand dieses Aufbaus lässt sich gut nachvollziehen, wie die Ordnungen des Wirtschaftens und die Verfahrensordnungen der Gewalt aufeinander bezogen sind. 6.2 Die fiktiven Waren Für ein Verständnis der europäischen Entwicklung zu einer kapitalistischen Wirtschaft sind zwei Übergänge relevant. Der Übergang von der Verfahrensordnung des Ausgleichs zu einer zentralisierten Rechtsprechung, d.h. der Ordnung des Gerichtswesens, und im Weiteren der Übergang zur modernen Verfahrensordnung der Gewalt. Diesen Übergängen korrespondieren zwei für die Struktur des Wirtschaftens relevante Übergänge. Ich lasse bei dieser Darstellung die Verfahrensordnung des Opfers außer Acht, die für die Etablierung der Ordnung des Wirtschaftens in den frühen Großreichen (Ägypten, Mesopotamien) relevant sind und aus denen sich wahrscheinlich erste Formen einer Eigentumswirtschaft in der antiken Polis bzw. in Rom entwickelt haben (vgl. hierzu die entsprechenden Kapitel in Heinsohn/Steiger 1996/2009 und Ingham 2004). 6.2.1 Boden (Raum-, Zeit- und Sozialdimension) Die Gesellschaftsordnung des frühen Mittelalters (7. und 8. Jahrhundert) war durch ein besitzorientiertes Verständnis gekennzeichnet. Der Boden wurde von den leiblichen Akteuren gemeinsam bewirtschaftet. Leibliche Akteure und der von ihnen bewirtschaftete Boden gehörten sozusagen zusammen (Henkel 2017a,b). Als Maß für den Boden setzte sich die Arbeit durch, derer es bedurfte, um den Boden zu bestellen.7 Das Verständnis von Land war also eng mit der praktischen Besitzergreifung verbunden. Das Land war eingebunden in ein eng an den 7 »In diesem Sinne sprach man auch von hide oder huba als vom Pflugland, zu verstehen als Anbaufläche, die ein Gespann durchschnittlich in einem Jahr EIGENTUMSWIRTSCHAFT 210 leiblichen Umweltbeziehungen ausgerichtetes Verständnis des Raums, d.h., der Raum wurde geordnet anhand praktischer richtungsräumlicher Beziehungen des Könnens. Ein Weg war so lang, wie man brauchte, um ihn zu gehen. Eine Hufe war so viel Land, wie ein Bauer in einer bestimmten jahreszeitlichen Ordnung bewirtschaften konnte. Hier wurde der Raum sozusagen praktisch verzeitlicht, orientiert am erfahrungsgemäßen Können. Im Rahmen eines solchen Raumverständnisses waren verzeitlichtes leibliches Können und Raum unauflöslich miteinander verschränkt. Es war deshalb kaum sinnvoll zwischen Eigentum und Besitz zu unterscheiden. Denn dies würde es erfordern den Boden als räumlich ausgedehntes Gebilde zu begreifen, das abstrahiert von leiblichen Bezügen als Eigentum besessen werden kann. Im Rahmen einer Ordnung, die nicht zwischen Eigentum und Besitz unterscheidet, gehörten z.B. die unfreien Bauern, die auf den Gütern eines adligen Herrn arbeiteten, zum Land. Der Herr konnte als Besitzer über das Land und die dazu gehörenden Leute herrschen, aber er konnte nicht über das Land wie über sein Eigentum verfügen. Er war gegenüber den Leibeigenen, die zum Land gehören, gemäß den Prinzipien der vertikalen Gabe (s.u.) verpflichtet, genauso wie diese ihm gegenüber Dienste zu leisten hatten. Dass der Boden derart in praktische Besitzbeziehungen eingebunden war, veränderte sich erst im Übergang zur modernen kapitalistischen Gesellschaft. Der Boden blieb zwar weiterhin eingebunden in soziale Beziehungen, aber nicht in praktische Besitzbeziehungen, sondern in Eigentumsbeziehungen, die von den stärker leiblich orientierten Besitzbeziehungen abstrahierten und den Boden in ein Netz abstrakter Eigentumsansprüche integrierten. Polanyi beschreibt diese Entwicklung für England, die dort bereits im späten 15. Jahrhundert einsetzte und sich bis in das 18. Jahrhundert hinzog (Polanyi 1944/1978: 59ff). Während die Überführung des Bodens in Eigentumsbeziehungen in England ein langwieriger Prozess war, ereignete er sich in z.B. in Preußen zu Beginn des 19. Jahrhunderts als eine Revolution von oben im Rahmen der Stein-Hardenbergschen Reformen. Wesentlich war hier die allgemeine Abschaffung der Leibeigenschaft, wodurch zugleich die Verpflichtungen der gro- ßen Landeigentümer gegenüber den abhängigen Bauern erloschen. Aus landbesitzenden Feudalherren wurden auf diese Weise Grundeigentümer, die ihr Eigentum verkaufen, belasten und zur Erlangung eines Kredits verpfänden konnten. In diesem Rahmen wurde es möglich, »Kredit ›auf die substanz der Güter selbst, und nicht blos auf die Revenüen derselben, hypothekarisch aufzunehmen‹«. (»›Edikt den erleichterten Besitz und freien Gebrauch des Grundeigenthums so wie die persönlichen umzupflügen vermag; nämlich einhundertzwanzig Morgen oder einhundertzwanzig Tagwerk, das heißt einhundertzwanzig Tage Pflugarbeit verteilt auf die drei Jahreszeiten der Ackerbestellung.« (Duby 1977/1981: 40) HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 211 Verhältnisse der Land-Bewohner betreffend‹ vom 9. Oktober 1807« zitiert nach Heinsohn/Steiger 1996/2009: 454) In der Folge der preußischen Reformen wurde aber nicht nur aus gro- ßen Grundbesitzern große Grundeigentümer, es wurde auch eine Vielzahl von Bauern zu kleinen Grundeigentümern, die sich verschulden bzw. ihr Eigentum verpfänden konnten und mussten, um die erforderlichen Ablösezahlungen zu leisten, die sie an ihre ehemaligen Herren zahlen mussten (Knapp 1987). Wenn der Kredit nicht bezahlt werden konnte, hatte der Gläubiger das Recht in das Eigentum des Schuldners zu vollstrecken. Im Unterschied zu angestammten Besitzrechten konnte ein Eigentümer auf diese Weise, d.h. durch Vollstreckung in sein Eigentum, letzteres endgültig verlieren. Analog zur Befreiung der Arbeitskraft kann man also auch von einer Befreiung des Bodens aus Besitzbeziehungen sprechen. D.h.: Der Boden wird in Eigentumsbeziehungen eingebettet, die die praktischen Besitzbeziehungen im Zweifelsfall dominieren. Wenn man diese Veränderung in den Mittelpunkt rückt, wird deutlich, worin der Fehler liegt, nur bei vormodernen Formen des Wirtschaftens von einem Eingebettetsein in das gesellschaftliche Leben zu sprechen. Dabei wird nämlich die Einbindung des Bodens in soziale Beziehungen mit der Einbindung in Besitzbeziehungen identifiziert. Dies führt zu der falschen Annahme, dass die Wirtschaft in vormodernen Gesellschaften in soziale Beziehungen eingebettet gewesen sei, während dies für die moderne Wirtschaft nicht mehr gälte. Entsprechend gilt für den Boden, dass dieser in die sozialen Beziehungen der praktischen Bodenbearbeitung bzw. die Herrschaft über die Bodenbearbeitung eingebunden war und im Übergang zur modernen Wirtschaft aus den Besitzbeziehungen entbettet und zu einem Teil der Marktwirtschaft gemacht wurde. Diese Aussage trifft nicht zu, denn der Boden wurde einerseits aus den praktischen Besitzbeziehungen herausgelöst, zugleich aber in eine abstrakte soziale Beziehung eingebettet: die Institution des Eigentums, die im Weiteren die konkreten Besitzbeziehungen dominierte. Die Besonderheiten der Einbettung des Bodens in Eigentumsbeziehungen ist der Sachverhalt, den Polanyi theoretisch nicht mehr eigens erfasst. Die neuartigen Beziehungen, die das Eigentum ermöglichte, waren diejenigen zwischen Eigentümern als Käufern, Verkäufern, Gläubigern und Schuldnern. Damit ist folgendes gemeint. Das Eigentum an Boden, Grundeigentum, fügte dem praktischen Umgang mit dem Boden im Sinne von Besitz nichts hinzu. Besitzbeziehungen konnten und können von den Eigentumsbeziehungen unberührt bleiben und weiterbestehen. Dies gilt allerdings nur solange, wie dies im Sinne des Eigentümers ist. Denn Eigentümer können ihr Eigentum verkaufen. Für den Boden beinhaltet dies die Möglichkeit, diesen ohne Rücksicht auf die auf ihm lebenden Menschen zu veräußern an einen Käufer, welcher im Weiteren EIGENTUMSWIRTSCHAFT 212 mit dem Boden nach seinem Gutdünken verfahren kann. Die abstrakten Eigentumsbeziehungen dominieren die praktischen Besitzbeziehungen. Weiterhin kann ein Eigentümer sein Eigentum belasten und einen Kredit vergeben, den ein Schuldner empfängt und für den er vorzugsweise sein Grundeigentum als Pfand bieten muss (vgl. Heinsohn/Steiger 1996/2009: 137f). Auch in diesem Fall wird das Besitzverhältnis vom Eigentumsverhältnis dominiert. Die Entwicklung von Grundbesitz zu Grundeigentum ging einher mit der Entwicklung eines gleichermaßen abstrakten Raum- und Zeitverständnisses, das ich als digitale Raum-Zeit bezeichnet habe (Lindemann 2014a: 174f). Dieses reduzierte den Raum darauf, dreidimensional ausgedehnt zu sein. Solange der Boden in einer allgemein verbindlichen Weise in die räumliche Orientierung oder in bestimmte Formen sozialer Zugehörigkeiten eingebettet war, konnte er nicht zur freien Verfügung verkauft werden. Solche vormodernen Formen der Bodenübereignung beinhalteten immer auch, dass die auf dem Boden lebende Bevölkerung mit übernommen wurde, woraus sich wechselseitige Verpflichtungen ergaben. Die Eigenholden des Bodens mussten dem neuen Herrn Abgaben und Dienste leisten und der Herr war ihnen gegenüber zum Schutz verpflichtet. Erworbene Bauern und Leibeigene konnten nicht entlassen werden. Es gab nicht den isolierten Boden, sondern zu diesem gehörten Menschen – sei es als Herren des Bodens, wie es bei Adelsgeschlechtern der Fall war, oder als Diener wie im Fall der Leibeigenen. Damit der Boden zu einer immobilen Ware werden konnte, musste er aus solchen Bindungen gelöst werden. Erst dadurch wurde der Boden zu etwas, über das der Käufer nach dem Erwerb frei verfügen konnte. Die digitale Raumzeit war das Medium, das diese Isolierung ermöglichte. Es isolierte abmessbare Raum-Zeitstellen aus allen anderen möglichen Bezügen und erlaubte es so, ansonsten beziehungslose Orte zu identifizieren. Frei verfügbarer Boden war mit Bezug auf die digitale Raumzeit nur noch darüber definiert, dass er sich immobil an einem Ort und zu einem bestimmten Zeitpunkt X im Eigentum von Frau A. befand. Ein solcher Boden wurde zu einer beliebig parzellierbaren und handelbaren Ware. Frau A. stand es frei, beliebig große oder kleine Teile ihres Bodens zu einem beliebigen Zeitpunkt an beliebige Käufer zu veräußern oder für beliebig lange, aber messbare Zeiträume zu verpachten. 6.2.2 Die Ware Arbeitskraft (Sozialdimension) Die Ware Arbeitskraft ist zu verstehen im Sinne des menschlichen Körperindividuums, das sich selbst als sein Eigentum hat, und darüber verfügen kann, wem es den Besitz an sich selbst, d.h. den praktischen Gebrauch seines Arbeitsvermögens, überlässt. Institutionentheoretisch stellt HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 213 sich der Sachverhalt so dar: Leibliche Selbste werden durch ihre famili- är und medizinisch vermittelte Staatsunmittelbarkeit für sich selbst und andere zu menschlichen Körperindividuen, die sich zum anderen in verschiedene gesellschaftliche Subgruppen sowie Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge vergesellschaften. Damit diese Doppelstruktur nicht gefährdet wird, müssen sich leibliche Selbste kontinuierlich in einer doppelten Weise aufeinander beziehen: als menschliche Körperindividuen und als Käufer/Verkäufer bzw. als Ware Arbeitskraft, also als die personae der sinnhaften Reduktionsperspektive der Wirtschaft. Im Fall der Arbeitskraft liegt das Problem insofern tiefer, als es der verkörperte Mensch selbst ist, der wirtschaftlich in Besitz genommen wird. Nur wenn derjenige, der in Besitz genommen wird, in einer institutionell gestützten Weise an sich selbst zwischen dem dem Käufer zu überlassenden Besitz und sich selbst als Eigentümer unterscheiden kann und alle anderen ihm diese Unterscheidung zubilligen, kann der Verkäufer der Ware Arbeitskraft, der totalen Inbesitznahme strukturell entgehen und auch Mensch bleiben, der für andere Funktionszusammenhänge zur Verfügung steht. Zur Ware Arbeitskraft zu werden, ist deswegen auch ein Emanzipationsakt aus Verhältnissen, in denen nicht zwischen Eigentum und Besitz unterschieden wurde. Denn hier konnten leibliche Akteure vollständig darin aufgehen, in praktische Besitzverhältnisse involviert zu sein. Die Diener des Bodens waren an diesen gebunden und konnten sich nicht frei dazu entscheiden, diesen zu verlassen, um an anderen Orten zu arbeiten. Die Entwicklung der Trennung von Eigentum und Besitz lässt sich als zunehmende Herauslösung aus dividualisierenden Verhältnissen begreifen. Die Gesellschaft des frühen Mittelalters (6. und 7. Jahrhundert) kannte im Wesentlichen eine dreifach gestufte Sozialstruktur: Sklaven (Unfreie), kleine freie Herren und große freie Herren, den Adel (Duby 1977/1981: 38). Mit Bezug auf die Sozialdimension ist dabei festzuhalten, dass weder die Herren, noch die Unfreien oder die freien Herren bzw. Bauern als Individuen im modernen Sinn zu verstehen waren, sie waren eher dividualisierend eingebunden in die Familiengruppe bzw. den Stamm, die den maßgeblichen Bezugspunkt für die oben beschriebene Verfahrensordnung des Ausgleichsprinzips bildeten. Es standen sich nicht »Individuen, sondern Kollektive, die sich gegenseitig verpflichten,« (Maus, zitiert nach Duby 1977/1981: 54) gegenüber. Der institutionalisierte Ausgleich fand zwischen Familiengruppen oder Stämmen statt, in die die Familiengruppen eingebunden waren. Die Gewährleistung des Ausgleichs erfolgte durch die Institutionalisierung spezifischer Drittenpositionen, die nichtgewalttätige Formen von Wechselseitigkeit, Vermittlung und Schlichtung zwischen den Parteien ermöglichten (Kroeschell 1972/1999: 30). Wirtschaft war hier eingebettet in die dividualisierenden Beziehungen zwischen Familien- bzw. Stammesangehörigen. EIGENTUMSWIRTSCHAFT 214 »Wesentliches Kriterium für die Freiheit was das Recht, Waffen zu tragen, dem Kriegsherrn bei seinen Frühjahrsfeldzügen zu folgen und am möglichen Gewinn dieser Angriffe teilzuhaben. Außerdem umfasste sie die Verpflichtung, sich in regelmäßigen Abständen zu versammeln, um Recht und Gerechtigkeit zu sprechen. Schließlich ermächtigte sie die freien Männer, die nicht kultivierten Teile der Gemarkung gemeinsam zu nutzen und darüber zu entscheiden, ob Neuankömmlinge in die ›nachbarschaftliche‹ Gemeinde aufgenommen wurden oder ob ihnen der Beitritt versagt blieb.« (Duby 1977/1981: 38) Hier wäre zu ergänzen, dass die freien Herren bzw. die Familiengruppe insgesamt auch über die Neuaufnahme von Neugeborenen in die Familiengruppe entschieden (s.o.). Über Heeresgefolgschaft und Rechtsprechung waren die freien Herren in die Strukturen der Nachbarschaft bzw. des Stammes eingebunden, dessen Führern sie Gefolgschaft bei Kriegszügen schuldeten. Die militärische Ausstattung, d.h. die Waffen, mussten die freien Herren selbst bereitstellen. Regelmäßige wechselseitige Beutezüge waren regulärer Bestandteil des Zusammenlebens der Stämme. Dabei wurde die Beute zwischen den Angehörigen der Sieger aufgeteilt (Duby 1977/1981: 53). Dem Prinzip des Ausgleichs gemäß wurde die Verpflichtung zur wechselseitigen Gewalt durch wechselseitige Geschenke im Falle gleichstarker Stämme bzw. Tribut im Falle einer Unterwerfung abgewendet. Die Zirkulation der Gaben erfolgte horizontal zwischen Gruppen und zugleich vertikal zwischen den wohlhabenden Großen und ihren Gefolgsleuten und Armen. Zum einen waren die Gefolgsleute dazu verpflichtet, ihren Oberen Geschenke zu machen und andererseits durften die Großen die Armen, die sich in ihren Dienst stellen wollten bzw. Bittstellern ihre Unterstützung nicht versagen. Insgesamt war diese Ordnung des Zusammenlebens gekennzeichnet durch einen Austausch, der bestimmt war von zirkulierenden Geschenkund Gabeverpflichtungen. Die Gaben wurden einerseits horizontal zwischen Gruppen gegeben und andererseits vertikal. Letzteres beinhaltete zum einen die Verpflichtung von unten nach oben: Die Abgaben, die die freien Bauern und die auf den Höfen der Großen tätigen Bauern ohne eigenen Hof an die Großen leisten mussten, sowie die Geschenke, zu denen die Großen gegenüber dem König verpflichtet waren (Duby 1977/1981: 54f). Zum anderen die Verpflichtung von oben nach unten: »Kein einziger Reicher konnte den Bittstellern seine Tür verschließen, keiner die Hungrigen fortschicken, die vor seinen Speichern um Almosen bettelten … Auf diese Weise wurde ein großer Teil der Güter … notwendigerweise wieder unter jenen verteilt, die sie gebracht hatten.« (Duby 1977/1981: 55) In die Zirkulation der Gaben waren sowohl die Lebenden als auch die Toten eingeschlossen. D.h., die Verpflichtung zur Gabe bestand auch gegenüber den Toten, weshalb den Verstorbenen reiche Opfergaben HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 215 mitgegeben wurden (Duby 1977/1981: 57/2). Aus dem Totenanteil entwickelten sich im Laufe der Zeit die Gaben an die Kirche, die sowohl dem eigenen Seelenheil als auch demjenigen der Verstorbenen dienten (Duby 1977/1981: 58). Aus der Konstellation der Verfahrensordnung des Ausgleichs heraus entwickelten sich, befördert durch Konflikte zwischen den Familiengruppen und vor allem zwischen den Stämmen, größere Herrschaften. In diesem Prozess stellen sich freie Bauern unter die Schutzherrschaft anderer (Knapp 1887 Bd. 1: 29, für England und Frankreich vgl. Gerstenberger 1990: 44ff, 261ff). Dadurch verliert der Stand der Freien seine grundlegende Bedeutung zugunsten einer eindeutig hierarchisierten Gesellschaft, in der die großen Grundherrschaften wirtschaftlich an Bedeutung gewinnen (Duby 1977/1981: 172). Die Entwicklung zu größeren Territorialherrschaften erfolgte, wie oben beschrieben im 11. Jahrhundert (westliche Gebiete des ehemaligen Fränkischen Reiches) und im 12. sowie dreizehnten Jahrhundert (östliche Gebiete des ehemaligen fränkischen Reiches) vermittels des von Elias beschriebenen Konkurrenzmechanismus (s.o.). Während die Entstehung der Territorialherrschaften für die Ausbildung von Geld relevant war (s.u.), war sie für das Verhältnis der leiblichen Akteure zum Boden weniger von Bedeutung. Die Entwicklung übergreifender Territorialherrschaften hatte nichts daran geändert, dass der Boden in verpflichtende soziale Beziehungen eingebunden blieb. Es fanden allerdings in dieser Zeit in der Sozialdimension wichtige Veränderungen statt. Dies war bereits ausführlicher mit Bezug auf die Grenzziehung am Lebensanfang herausgearbeitet worden. Die Taufe garantiert einen einheitlichen Rechtsstatus, der in der Gottesunmittelbarkeit fundiert war. Dadurch wurden Unterschiede der Standeszugehörigkeit in Form der Seelenindividualität unterlaufen. Zugleich wurden die leiblichen Akteure durch die Taufe darauf verpflichtet, sich wechselseitig und damit auch sich selbst als Seelenindividuen zu verstehen und wurden auf diese Weise aus der Familienbindung heraus individualisiert. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung blieb aber weiterhin in die sozialen Beziehungen eingebunden, die sie als freie Bauern oder Leibeigene an den Boden und seinen Herrn banden. Diese Verbindung löste sich in Europa erst in der Sattelzeit auf, also im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert. Die oben beschriebene Entwicklung vom Seelenindividuum zum Körperindividuum bekommt jetzt eine Ergänzung. Das sich entwickelnde Körperindividuum wurde zugleich der natürliche Eigentümer seiner selbst. Es war nicht mehr an den Boden und seinen Herrn gebunden, sondern es konnte sich frei bewegen und sich bzw. seine Arbeitskraft frei verkaufen. Mit dieser Entwicklung fielen die leiblichen Selbste als Körperindividuen aus den zuvor existierenden Sicherungen heraus. Sie waren als neue Eigentümer ihrer selbst darauf angewiesen, sich verkaufen EIGENTUMSWIRTSCHAFT 216 zu können. Aus Bauern wurden Landarbeiter bzw. Arbeiter, die für die Großgrundeigentümer und die sich entwickelnde Industrie zur Verfügung standen (vgl. für England Polanyi 1944/1978: 113ff und für Preu- ßen Knapp 1887). Die Durchsetzung der Lohnarbeit seit dem 18. Jahrhundert konnte nur gemeinsam mit dem Erfolgsmedium digitale Raumzeit (s.o.) gelingen. Dies wird nicht zuletzt daran deutlich, wie dieses Medium im Konflikt zwischen Lohnarbeitern und Fabrikherren zu einer Selbstverständlichkeit wurde. Der Kampf um die Ausdehnung bzw. Begrenzung der Arbeitszeit (Marx 1890/1977: Kap. 8) etablierte ein allgemein anerkanntes Prinzip, demzufolge die Uhrzeit zu einem Motiv wurde, die Beteiligung an einer institutionalisierten Gesamthandlung – der Produktion von Gütern – zu beginnen und zu beenden. Die Messbarkeit der Zeit ermöglichte die rationale Kalkulation des Kaufs und Verkaufs der Ware Arbeitskraft. Zugleich wäre es ohne das Medium der digitalen Raumzeit schwerlich möglich, den Kauf der Arbeitskraft, vom Kauf des personalen Subjekts abzugrenzen. Marx hat zuerst darauf hingewiesen, dass auch die Arbeitskraft Warenform annehmen würde (Marx 1890/1977: 181ff.). Personen, die ihre Arbeitskraft verkaufen, nehmen einerseits die Rolle eines Verkäufers ein, andererseits ist das zu verkaufende Produkt aber merkwürdig mit ihnen verbunden. Diese Besonderheit wird beim Übergang von der Zirkulation zur Produktion deutlich. Nachdem der Arbeitskraftbesitzer seine Arbeitskraft verkauft hat, folgt er dem Käufer seiner Arbeitskraft in die Fabrik »widerstrebsam, wie jemand, der seine eigne Haut zu Markt getragen und nun nichts anderes zu erwarten hat als die – Gerberei« (Marx 1890/1977: 191). Dass ein Mensch nicht vollständig verkauft wurde, sondern dass er zugleich ein Verkäufer blieb, der seine Arbeitskraft anbot, wurde ermöglicht, indem der Verkauf im Medium der digitalen Raumzeit begrenzt wurde. Auf eine messbar angebbare Zeit begrenzt konnten leibliche Akteure als menschliches Körperindividuen selbst in den praktischen Besitz des Käufers übergehen und diesem ihre physischen, kognitiven und emotionalen Fähigkeiten praktisch zur Verfügung stellen. Die Tatsache, dass Menschen die Nutzungsrechte an sich selbst anhand des Maßes der digitalen Raumzeit begrenzten, erlaubte es, den Verkauf der Arbeitskraft von einem Selbstverkauf in die Sklaverei abzugrenzen. Dieser Sachverhalt wird in der Industrie- und Arbeitssoziologie unterschiedlich konzeptualisiert. Zunächst dominierte die organisationssoziologisch orientierte Annahme, dass mit dem Verkauf der Ware Arbeitskraft eine begrenzte Zone der Indifferenz geschaffen würde. Diese dient dazu, wie Luhmann (1964/1976: 96) unter Berufung auf Chester Barnard ausführt, im Rahmen des durch den Arbeitsvertrag konstitutierten Mitgliedschaftsverhältnises fremde Entscheidungen zu akzeptieren. Die neuere Diskussion zur HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 217 »Subjektivierung von Arbeit« zeigt, dass dieses Verständnis von Mitgliedschaft in einer wissensbasierten Ökonomie zunehmend obsolet wird (Moldaschl, Voß 2002). Der moderne Arbeitskraftunternehmer akzeptiert nicht bloß fremde Entscheidungen, sondern mutiert tendenziell zum unternehmerischen Selbst, das keine Anweisung »von oben« mehr braucht, um Projekte zu steuern und sich als Marktsubjekt zu bewähren. Gefordert wird »Commitment« statt Indifferenz (Bröckling 2007). Aber auch in diesem Fall bleibt die Strukturierung durch die digitale Raumzeit erhalten, denn die selbstständige Durchführung von Projekten ist ihrerseits in eine Abfolge gemäß der digitalen Raumzeit integriert und wird derart begrenzt. Das Projekt des engagierten projektorientierten Arbeitnehmers ist eingegliedert in eine digital raumzeitliche Ordnung der Abfolge von Teilhandlungen und eben dadurch begrenzt. Die Besonderheit der Ware Arbeitskraft besteht – wie gesagt – darin, nicht in das Eigentum eines anderen übergehen zu können. Zugleich ist der Eigentümer aber dazu gezwungen, für die Zwecke seines Lebensunterhaltes anderen den zeitlich befristeten Besitz an sich selbst zu überlassen. Da dies für die institutionalisierten Eigentümer der Arbeitskraft, die menschlichen Körperindividuen, die einzige Möglichkeit darstellt, Eigentumstitel, d.h. Geld, zu erwerben, droht die Eigentumswirtschaft den gesamten Erfahrungshorizont des Menschen zu vereinnahmen. Hier liegt ein struktureller Konflikt zwischen der sich ausdifferenzierenden Gesellschaft, vor allem der modernen Verfahrensordnung der Gewalt und der spezifischen Reduktionsperspektive der Wirtschaft. Die Besitzüberlassung an sich selbst droht immer wieder den gesamten Erfahrungshorizont von Menschen zu vereinnahmen, damit wird der Sachverhalt, Eigentum an sich selbst zu haben, in der verzeitlichten Erfahrung irrelevant. Der Mensch bleibt zwar abstrakt Eigentümer seiner selbst, aber es bleibt ihm keine Zeit, um für andere Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge mobilisierbar zu sein. Dadurch droht die Wirtschaft die Bedingung horizontaler Differenzierung, nämlich die Anerkennung als Mensch – als Subjekt von Rechten, das als solches an verschiedenen horizontal geordneten Subgruppen bzw. Handlungszusammenhängen partizipieren kann – zu zerstören. Horizontale Differenzierung bedarf einer Begrenzung des wirtschaftlichen Zugriffs auf den Menschen, die maßgeblich politisch bzw. durch politische Kämpfe durchgesetzt wurde. Die politischen Auseinandersetzungen um die soziale Frage im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts lassen sich im Sinne einer Bearbeitung des strukturellen Konflikts zwischen der sich horizontal differenzierenden Gesellschaft und ihrer Eigentumswirtschaft verstehen. Wie etwa Marshall (1992) gezeigt hat, geht es dabei darum, die formalen Bürgerrechte zu politischen und sozialen Bürgerrechten zu erweitern, um eine breitere gesellschaftliche Partizipation von Menschen zu erreichen. Es ist zu erwarten, dass auch die neue Form der Vereinnahmung EIGENTUMSWIRTSCHAFT 218 des Menschen durch die Ökonomie im Sinne der Subjektivierung von Arbeit und der Verbreitung des unternehmerischen Selbst zu politischen Konflikten führt, wenn sich diese als unvereinbar mit der Struktur horizontaler Differenzierung erweisen. Ein zentrales Ergebnis der politischen Auseinandersetzung um den wirtschaftlichen Zugriff auf die institutionalisierten Körperindividuen ist neben der Begrenzung des Arbeitstages auch die Durchsetzung sozialer Rechte, d.h. die Bildung von Formen sozialer Absicherung im Fall von Arbeitslosigkeit. Zu diesem Zweck übernimmt der Staat die Verwaltung der Arbeitskräfte und bindet diese in eine rechtlich geregelte Umverteilung ein. Arbeitslose und Bedürftige werden in eine neue Form des Gabentauschs (s.u. den Abschnitt über Geld) eingebunden. 6.2.3 Geld (Sozial- und Symbolimension) Bezüglich der wesentlichen Funktionen des Geldes besteht Konsens: Es gilt als Zahlungs- bzw. Tauschmittel, als Mittel der Wertaufbewahrung und als Wertmesser. Wie diese Funktionen erfüllt werden, ist allerdings strittig. Während es bei der Bildung der fiktiven Waren Boden und Arbeitskraft im Prinzip klar ist, um was es jeweils geht, ist es bei der Ware Geld bereits strittig, um was es sich handelt. Die Rede davon, dass Geld selbst eine Ware ist, bringt zumindest das moderne Geld in einen systematischen Zusammenhang mit der Kreditvergabe. Daraus ergibt sich eine Positionierung in dem Streit darum, um was es sich bei Geld handelt. Im Prinzip geht es dabei um zwei Probleme: 1. Ist Geld ein rein wirtschaftliches, ein rein staatlich-rechtliches Phänomen oder kann das Phänomen Geld nur aus dem Zusammenspiel von Staat und Wirtschaft verstanden werden. 2. Insofern Geld ein wirtschaftliches Phänomen ist, geht es um die Frage, ob Geld ein Mittel ist, um den Austausch zwischen Gütern zu erleichtern, d.h. eine Tauschware, die die Transaktionskosten des Tausches minimiert, oder ob Geld als das Resultat des ökonomischen Vorgangs der Kreditvergabe und damit als Forderung zu begreifen ist? Unter Berücksichtigung der historischen Entwicklung in Europa, erscheint es angemessen, Geld aus dem Zusammenspiel zwischen Staat und Wirtschaft zu begreifen und Geld als wirtschaftliches Phänomen von der Kreditvergabe her zu begreifen. Damit folge ich der von Ingham (2004) vorgeschlagenen Synthese, die zum einen die »Staatliche Theorie des Geldes« (Knapp 1905) und die Kredittheorie des Geldes (Innes 1913; 1914) zusammenführt.8 Geld wird dabei in doppelter Weise charakterisiert, 8 Wray (o.J.) versucht herauszuarbeiten, dass sich bereits bei Innes eine Synthese dieser Positionen fände. In der Debatte um das Geld gilt Innes (1913; 1914) allerdings als Vertreter der Kredittheorie (vgl. Ingham 2004). HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 219 nämlich als Münzgeld, das für Zahlungen an den Staat, und als Kreditgeld, das von den Banken zur Vereinfachung des internationalen Handels geschaffen wurde. Die knappen Ausführungen zum Geld, die sich bei Polanyi finden, lassen sich als Hinweis darauf verstehen, dass ihm diese Doppelperspektive auf das Geld ebenfalls vorschwebte. Seine Überlegungen zum Geld scheinen Einsichten der gegenwärtigen soziologischen Geldtheorie (Heinsohn/Steiger 1996/2009; Ingham 2004; Paul 2006/2012) vorwegzunehmen. Er beschreibt Geld folgendermaßen: »und das eigentliche Geld, schließlich, ist nur ein Symbol für Kaufkraft, das in der Regel überhaupt nicht produziert, sondern durch den Mechanismus des Bankwesens oder der Staatsfinanzen in die Welt gesetzt wird.« (Polanyi 1944/1978: 107f) Hiermit scheint Geld von der Kreditvergabe her verstanden zu werden. Polanyi kritisiert entsprechend die englische Wirtschaftspolitik, die das ganze 19. Jahrhundert der Lehre Ricardos gefolgt sei, wonach Geld eine Ware sei, die den Tausch erleichtere. Geld sei aber eher zu verstehen als das vom Staat akzeptierte »Zahlungsmittel für Steuern und andere Zwecke« (Polanyi 1944/1978: 265) und als durch das Bankwesen erzeugtes Kreditgeld, welches für eine Erweiterung der Produktion erforderlich sei: »Geldmangel war ein ständiges und schwerwiegendes Problem in den Handelsstädten des 17. Jahrhunderts. Zeichengeld wurde bereits zu einem frühen Zeitpunkt entwickelt, um den Handel vor den zwangsläufigen Deflationen zu schützen, die den Gebrauch von Metallgeld begleiteten, wenn das Geschäftsvolumen zunahm. Eine Marktwirtschaft war ohne das Medium solchen künstlichen Geldes nicht möglich.« (Polanyi 1944/1978: 261f) Damit wird die Doppelperspektive auf das Geld vorgeschlagen, die Ingham später entfaltet. Polanyis Kritik an der Warentheorie des Geldes bezieht sich darauf, dass es notwendigerweise zu einer Deflation kommen müsse, wenn Geld bzw. der Geldwert mit dem Warenwert des Goldes identifiziert werden würde. Denn die für den Kapitalismus notwendige Ausweitung der gewinnbringenden Produktion würde notwendigerweise dazu führen, dass die produzierten Waren an Wert verlieren würden, da die Menge an Gold, der klassischen Geldware, nicht in dergleichen Weise zunehmen würde wie die produzierte Gütermenge. Die Warentheorie des Geldes sei zwar nicht richtig, aber sie würde funktionieren, weil sie performativ realisiert würde. Es sei im Verlauf des 19. Jahrhunderts eine politische Entscheidung gewesen, den Goldstandard in den internationalen Wirtschaftsbeziehungen einzuführen und auch noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts daran festzuhalten (Polanyi 1944/1978: 265). Mit dieser Charakteristik begreift Polanyi die Politik des Goldstandards im 19. Jahrhundert als performative Umsetzung der Warentheorie des Geldes, weshalb diese zumindest für den internationalen Handel als gültig zu betrachten sei (vgl. Polanyi 1944/1978: 265f). EIGENTUMSWIRTSCHAFT 220 Insgesamt verweisen Polanyis Aussagen zur Geldtheorie und insbesondere zur Warentheorie des Geldes auf einen komplexen Theorieansatz. Denn die Warentheorie ist einerseits eine Theorie, die in wissenschaftlicher Konkurrenz mit der staatlichen Theorie des Geldes und der Kredittheorie steht und andererseits wird die Warentheorie zu einem Phänomen des Feldes, das untersucht wird. Diese Doppeldeutigkeit trifft allerdings auf alle wirtschaftspolitisch relevanten Geldtheorien zu. Sie sind wissenschaftliche Theorien und sie sind unter bestimmten Umständen performativ wirksam. Dass hier ein Problem liegen könnte, wird von Polanyi allerdings nicht eigens reflektiert. Wenn man Geld und Geldtheorie allerdings im Rahmen der Theorie reflexiver Institutionalisierung begreift, kann man die Doppelrolle von Theorien als solche erfassen. Geld ist dann einerseits zu verstehen als ein institutioneller Sachverhalt, der andererseits – aufgrund seiner Bedeutung für die Wirtschaft einer eigenständigen theoretischen legitimierenden Beschreibung bedarf, die ihrerseits wieder auf den institutionellen Sachverhalt zurückwirkt und diesen in seiner Struktur bestimmt. Dies entspricht in etwa auch dem Geldverständnis von Ingham (2004), der ebenfalls davon ausgeht, dass Geldtheorien performativ wirksam sind und von den institutionellen Prozessen unterschieden werden müssten, die durch die Geldtheorie zu einem einheitlichen Phänomen gemacht werden. Im Weiteren werde ich herausarbeiten, inwiefern die europäische Entwicklung seit dem frühen Mittelalter Hinweise dafür bietet, Geld aus dem Zusammenspiel von Staat und sich entwickelnder Wirtschaft zu begreifen. Dabei lassen sich wichtige Hinweise für die Gültigkeit der These Simmels finden, dass Geld und Individualisierung in besonderer Weise zusammenhängen (Simmel 1907/1989), denn die wichtige Schritten in der Entwicklung des Geldes finden parallel statt mit der Herausbildung des Seelenindividuums und dessen ansatzweiser Verkörperung im späten 16. Jahrhundert sowie dem Übergang vom Seelenindividuum zum Körperindividuum in der Sattelzeit. Horizontale Zirkulation der Gaben Wenn man sich die Verwendung von Münzen und Kreditgeld in der europäischen Geschichte anschaut, zeigt sich, dass Münzen bereits in der Verfahrensordnung des Ausgleichs, also in der horizontalen Zirkulation von Gaben, eine Rolle spielten. Hier fungierten Münzen aber nicht als Wertmesser im Sinne eines ökonomischen Austauschs, sondern als ein Wertmesser, der den Ausgleich einer Ungleichgewichts ermöglichte. Eine der zentralen Formen, um die Darstellung der Gültigkeit normativer Erwartungen zu gewährleisten, war die Forderung nach bzw. die Zahlung von »Wergeld«. Der relevante Punkt liegt darin, dass die HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 221 Ordnung durch eine Tat ins Ungleichgewicht gerät. Einem Knecht wurde der Arm abgehauen, ein Familienoberer wurde verletzt oder getötet. Solche Verletzungen der Ordnung verlangten nach einem Ausgleich, sonst bestand die Gefahr, dass Familiengruppen oder Stämme in die Wechselseitigkeit der Gewalt, d.h. einen Blutrachezyklus, gerieten. Aus diesem Grund war ein schneller und allgemein anerkannter Ausgleich erforderlich. Im Rahmen dieses Bußensystems ging es nicht um eine ethische Wertung der Tat, sondern vor allem um die Herstellung eines Wertausgleichs. Entsprechend findet sich eine »Theorie der Geldverwendung« in der Verfahrensordnung des Ausgleichs in Form differenzierter Bußkataloge, die detailliert festlegten, welche Summe für welche Art von Verletzung welchen Gruppengliedes welchen Standes (freier Herr oder Knecht) zu zahlen war (vgl. Kroeschell 1972/1999: 39f, 198). Die Geldtheorie des alten Rechts erlaubte es, die Beziehungen zwischen Familiengruppen und Stämmen zu regulieren. Ingham (2004: 92f) interpretiert diese Verwendung von Münzen als Hinweis auf die Existenz eines Verrechnungsgeldes (money of account), denn es wurden allen Gütern bzw. Tatfolgen quantifizierte Werte zugewiesen, weshalb sie gegeneinander aufgerechnet werden konnten. Auf die Bedeutung der Bußkataloge geht Ingham nicht ein. Wichtig für eine Rekonstruktion des in den Bußkatalogen zum Ausdruck kommenden Geldverständnisses ist es, dass Münzen weder eine ökonomische noch eine moralische Bedeutung hatten, denn es ging nicht um eine moralische Wertung der Tat, sondern nur um den Ausgleich der Tatfolgen. Münzen wurden zu einem Mittel, um ein in der Welt aufgetretenes Ungleichgewicht auszugleichen (Achter 1951), und damit zu einem kosmologischen Wertmesser. Wenn Geld als Wertaufbewahrungsmittel verstanden werden soll, so handelt es sich um ein Mittel, das aufbewahrt wird, um Ungleichgewichte der Ordnung auszugleichen. Es ist deshalb auch kaum als Zahlungs-, sondern eher als ein Ausgleichsmittel zu verstehen. Im Rahmen der Verfahrensordnung des Ausgleichs scheint es nicht möglich zu sein, das Verrechnungsgeld selbst herzustellen. Es wurde vielmehr – wie die kosmische Ordnung selbst – vorgefunden. Dies entsprach der Situation insofern, als die germanischen Familiengruppen und Stämme, die Münzen als Verrechnungseinheiten für die Formen der Verletzung der Ordnung verwendeten, ihre Münzen nicht selbst herstellten. Vielmehr bedienten sie sich römischer Münzen oder derjenigen Münzen, die zur Zeit Karls des Großen hergestellt worden waren, d.h. zu einer Zeit, der vorübergehenden Etablierung einer starken Zentralgewalt. EIGENTUMSWIRTSCHAFT 222 Vertikale Zirkulation der Gaben Nach dem Niedergang des römischen Reiches und der relativ kurzen Zwischenepisode einer starken Zentralgewalt unter Karl dem Großen etablierte sich die Praxis, Münzgeld zu schlagen, erst wieder, als sich zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert in Europa ausreichend starke Territorialherrschaften durchsetzten. Diese Entwicklung führte zu einer besonderen Situation, die Ingham (2004) zufolge für die europäische Entwicklung zu einem kapitalistischen Kreditgeld bestimmend war. Wenn man die Entstehung des Kreditgeldes und den Prozess der Individualisierung (s.o.) im Verhältnis zueinander sieht, ergibt sich folgendes Bild. Ein Territorialherr setzte gestützt auf seine überlegenen Gewaltmittel die Verfahrensordnung des Gerichtswesens durch, d.h., er setzte Recht und etablierte Gerichte, die eine Ethisierung des Rechts bewirkten (s.o.), d.h. die individuelle Verantwortlichkeit für die eigenen Taten, die aus einem bösen Willen heraus vollbracht worden waren. Dieser Individualisierungsschub ging einher mit der verstärkten Durchsetzung der Individualisierung durch die Taufe (Beschlüsse des IV. Laterankonzils 1215, s.o.). Die Seelenindividuen blieben allerdings in ihre vertikalen Abgabeverpflichtungen integriert und leisteten diese in Form von Münzen, die vom jeweiligen Territorialherrn geschlagen worden waren. Das sich abzeichnende Selbstverständnis leiblicher Akteure als Seelenindividuen ermöglichte ansatzweise Formen auch diesseitiger individualisierender Vergesellschaftung. Die Bildung von Märkten, in denen das neue Münzgeld nicht nur als Mittel der Begleichung einer Abgabeverpflichtung, sondern auch als Zahlungsmittel und Wertmesser fungierte, wird auf diese Weise verständlich. Die Funktionsweise des von den sich bildenden Individuen verwendeten Geldes lässt sich folgendermaßen aufschlüsseln. Ego nimmt von Alter Ego Geld in der Erwartung, es an Dritte, Tertii, weitergeben zu können. Das Vertrauen in diese Zukunft hat ebenfalls eine triadische Struktur: der gegenwärtige Geldnehmer (Ego) übernimmt zukünftig die Position von Alter Ego (Geldgebender), der Geld an ein zukünftiges Ego (Geldnehmer) gibt. Der zukünftig Geldgebende kann darauf vertrauen, dass das Geld angenommen wird, weil die dauerhafte Gültigkeit des Geldes ihrerseits durch einen Dritten gesichert ist, den Territorialherrn, der die Gültigkeit der Münzen in seinem Herrschaftsbereich garantiert. Es gab allerdings eine Vielzahl von Territorialherrschaften und entsprechend eine Vielzahl von Gebieten, in denen jeweils andere Münzwährungen galten (Ingham 2004: 109f). Bei Münzwährungen musste (und muss heute noch) unterschieden werden, zwischen der Einheit des Verrechnungsgeldes und dem Geld, das tatsächlich in Umlauf ist. Knapp (1905: §1) hatte darauf hingewiesen, dass zwischen der Werteinheit des Geldes und dem Metall, das als Münze in Umlauf ist unterschieden werden HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 223 müsse. Der Staat könne z.B. die Art des Metalls ändern oder die Zusammensetzung des Metalls ändern und verlangen, dass die Abgaben, die ihm zustehen, nun in der neuen Form zu leisten sind. Er muss lediglich garantieren, dass die Schuldenrelationen angemessen umgerechnet werden. Historisch kann man sich dies anhand der Münzprägung Karls des Großen klarmachen, die später als Bezugspunkt für die Münzprägungen der sich entwickelnden Territorialherrschaften diente. Um eine steuerliche Einheit herzustellen, setzte Karl der Große eine Rechnungseinheit fest, auf die Münzen bezogen werden konnten. Als Einheit des Verrechnungsgeldes fungierte die Einheit »libra« (Pfund Silber), das unterteilt wurde in 20 solidii und 240 Pfennige. (Ingham 2004: 110/1) Als Münze geprägt wurde nur der Silberpfennig. Auf die Rechnungseinheit der libra wurde jede im Umlauf befindliche Münze bezogen. »The money of account, based on pounds, shillings, pence, did not necessarily correspond to any of the actual minted coins in use ...« (Ingham 2004: 110/1) Wichtig war nur, dass die geprägten Münzen eines bestimmten Territoriums die Einheiten des Verrechnungsgeldes ausdrücken konnten. Es kam zentral darauf an, dass die Münzen einen Verrechnungswert ausdrückten, deshalb änderte sich auch deren Wert nicht, wenn der Silbergehalt der einzelnen Münze gesenkt wurde. Die Münze behielt ihren Verrechnungswert unabhängig vom Silberwarenwert. (Ingham 2004: 110/2) Soweit entsprach die Situation der staatlichen Theorie des Geldes. Bereits Weber hatte Knapp aber dahingehend kritisiert, dass es nicht nur auf die Verrechnungseinheit für existierende Schulden ankäme, sondern auch darauf, dass das staatlich geprägte Münzgeld – einmal in Umlauf gebracht –, auch als Tauschmittel fungieren würde bzw. als Mittel zur Berechnung neuer Kredite. »An diesem Punkte beginnt die Unvollständigkeit der im übrigen völlig ›richtigen‹ und schlechthin glänzenden, für immer grundlegenden, ›Staatlichen Theorie des Geldes‹ von G.F. Knapp.« (Weber 1921–22/1980: 99) Ingham arbeitet heraus, wie sich die von Weber genannten Sachverhalte (die Funktion als Tauschmittel und das Abschließen neuer Kreditkontrakte) unter den besonderen Bedingungen der Münzvielfalt entwickelten. Es waren sozusagen die besonderen Schwierigkeiten, deren Überwindung zum Kapitalismus führte. Es gab eine Vielzahl von Territorialherren und eine entsprechend Münzvielfalt. Wenn Münzen außerhalb des Rechtsgebiets zirkulierten, in dem sie rechtmäßig galten, mussten sie in die Münzen des entsprechenden Rechtsgebiets getauscht werden, was Geldwechseleinrichtungen erforderlich machte; daraus entwickelten sich Banken, bei denen Einlagen gemacht werden konnten. (Ingham 2004: 113/1) Weiterhin führte die Münzvielfalt dazu, dass sich private transterritorial bzw. später international anerkannte Bankwährungen bildeten. Die Banken entwickelten dabei ein eigenes privates Verrechnungsgeld, das in Form von privaten Wechseln (»bills of exchange«) zirkulierte und EIGENTUMSWIRTSCHAFT 224 von den Banken als Zahlungsmittel anerkannt wurde. (Ingham 2004: 113/1) Bankgeld hat eine Tendenz zur transterritorialen bzw. internationalen Gültigkeit. Wer über es verfügte, konnte potentiell global handeln. Geld wurde im 11. und 12. Jahrhundert zumeist negativ verstanden, als etwas, das zu meiden war, da es Habsucht beförderte (Le Goff 2010/2011: 12f). Im 13. Jahrhundert kam es allerdings zu einer Relativierung der kirchlichen Verurteilung des Geldes (Le Goff 2010/2011: 38ff). Geld wurde zu einem Mittel, das von der christlich legitimierten Obrigkeit gegeben wurde, um Abgaben zu ermöglichen unter anderem zur Finanzierung öffentlicher Arbeiten. Dabei blieb das Geld in eine Zirkulation eingebunden, die das Jenseits einschloss. Geld diente dem Erwerb von Grund und Boden, es gewährte Sicherheit und die Möglichkeit mit der Obrigkeit in Frieden zu leben und »schließlich wurde Geld…für fromme Werke verwendet, um zu seinem Seelenheil beizutragen.« (Le Goff 2010/2011: 61) Durchgängig bezog sich die kirchlich dominierte Geldtheorie aber darauf, dass Geld zu Habsucht verführe, weshalb es immer auch ein problematisches Phänomen blieb. Insbesondere war es ein Problem, Geld für Zins zu verleihen. Es versteht sich beinahe von selbst, dass zu dieser Zeit keine positive Theorie des Kreditgeldes entstehen konnte. Allerdings verlor die Gewinnorientierung, die Habgier, ihre Einordnung als Todsünde. Sie wurde zu einer Sünde, die vermittels eines Reinigungsprozesses, des Fegefeuers (s.o.), abgegolten werden konnte. Die Umwertung der Habgier erfolgte nicht zuletzt deshalb, weil ihre Resultate, das Heranschaffen nützlicher Güter über den risikoreichen Fernhandel, positiv bewertet wurden. (Le Goff 2010/2011: 118f) Geld, das ohne Gewinnabsicht zirkulierte, konnte man zudem als Vereinfachung des sich mit dem Aufkommen des Geldes entwickelnden Warentauschs verstehen. Insgesamt sollten Geld und Geldverwendung aber immer auf die Caritas bezogen bleiben – die Sorge um die Bedürftigen, die über die Kirche vermittelt wurde. Damit schloss sich der Kreis der Gabenzirkulation. Die Seelenindividuen leisteten Abgaben an die Obrigkeit und die Kirche. Die Reichen bzw. die Fürsten leisteten Abgaben an die Kirche im Dienste ihres Seelenheils und die Kirche leistete Almosen an die Armen. »Die Caritas stellte im Mittelalter das wichtigste gesellschaftliche Bindeglied zwischen dem Menschen und Gott sowie zwischen allen Menschen untereinander dar.« (Le Goff 2010/2011: 235) Mit Bezug auf das Geld bzw. den Preis wurde die Orientierung an der Caritas ergänzt durch die Prinzipien des »gerechten Preises«, worunter der ortsübliche Preis verstanden wurde, und das Prinzip der »Gemeinwohlverträglichkeit« (Le Goff 2010/2011: 236). Damit war das Abhalten von Märkten nicht von vornherein ein Problem, sondern konnte als unproblematisch verstanden werden, solange die genannten normativen Orientierungen eingehalten wurden. HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 225 Die Entwicklung kapitalistischen Kreditgeldes Innerhalb des mittelalterlichen Geldverständnisses, das zumindest auf dem europäischen Kontinent bis ins 18. Jahrhundert vorherrschend war (Le Goff 2010/2011: 237), fanden insgesamt vier miteinander zusammenhängende Prozesse statt, die zum kapitalistischen Kreditgeld führten, das ausschließlich für eine diesseitige Zirkulation – unter Ausschluss des Jenseits – vorgesehen war: 1. die Entstehung von Banken und 2. von öffentlichen Banken, bei denen sich Staaten bzw. Fürsten verschulden, 3. die Verwendung von Wechseln als privates Geld zwischen einander bekannten Kaufleuten und 4. die Entpersönlichung des privaten Geldes, d.h. dessen Anerkennung als zirkulierende Forderung, die von jedem eingefordert werden kann. Die Entstehung von Banken aus der Notwendigkeit des Münztauschs: Wenn Münzen außerhalb des Rechtsgebiets zirkulierten, in dem sie rechtmäßig galten, mussten sie in die Münzen des entsprechenden Rechtsgebiets getauscht werden. Zu diesem Zweck wurden Geldwechseleinrichtungen geschaffen, deren Aktivitäten im späten 13. Jahrhundert zu der Entstehung von Banken führten, bei denen Einlagen gemacht werden konnten. Dies ermöglichte es, Zahlungen zwischen Bankkonten zu verrechnen. Übertragungen von einem Konto zum anderen erfolgten im Rahmen eines institutionellen Arrangements: Übertragungen wurden in Gegenwart der beteiligten Parteien vor den Augen der Banker vollzogen. (Ingham 2004: 114f) Die Banken bzw. Bankangestellten traten dabei in eine Position des Dritten ein, die den Übertrag von Verrechnungsgeld in einer Währung auf ein anderes Konto in einer anderen Währung ermöglichte. Die Banken überbrückten durch dieses institutionelle Arrangement den Übergang von einer durch den Territorialherren als Dritten gesicherten Position in eine andere Währung, die von einem anderen Territorialherrn als Dritten garantiert wurde. Banken ermöglichten auf diese Weise Zahlungen über die Grenzen von Münzwährungsgebieten hinweg. Im 15./16. Jahrhundert entwickelten sich öffentliche Banken. Deren Aufgaben bestanden darin, unter Kontrolle der jeweiligen (Stadt-)Regierung (Genua, Venedig etc.) Währungen zu tauschen, verbotene Münzen einzuziehen und generell die Zirkulation der lokalen Münzwährung zu kontrollieren. Dafür musste sich die Bank einer öffentlichen Kontrolle unterziehen. Zudem begannen Staaten sich bei den öffentlichen Banken zu verschulden, um – vor allem kriegerische – Unternehmungen zu finanzieren. (Ingham 2004: 115f) Der Staat trat jetzt in einer Doppelfunktion auf. Er prägte Münzen und damit die gültige Währung seines Territoriums, mit dem die Bürger die fälligen Abgaben leisten konnten, und er wurde zum Schuldner seiner reichen Bürger. Damit erhielt das Abgabenverhältnis eine zweifache Richtung. Es war nicht mehr nur so, dass die Bürger dem Staat Abgaben schuldeten, sondern der Staat schuldete EIGENTUMSWIRTSCHAFT 226 seinen Bürgern, d.h. den Eigentümern der Bank, eine Abgabe nämlich den Zins, der zusätzlich zur zurückzuzahlenden Geldsumme aufzubringen war. Die Bedingung dafür, dass der Staat ein vertrauenswürdiger Schuldner wurde, bestand darin, dass der Staat in eine zweifache Drittenposition eintrat. Der Staat empfing in der Ego-Position einen Kredit von seinen Bürgern (Alter-Position), wenn a) der Staat darauf vertrauen konnte, dass er das Geld ausgeben konnte, was durch ihn selbst als Münzherrn garantiert wurde und b) die Gläubiger darauf vertrauen konnten, dass der Staat sich an seine Verpflichtung hielt, das Geld einschließlich Zins zurückzuzahlen – dies wird garantiert durch die Position des Staates als rechtsgarantierendem Dritten. Die Rückzahlungsverpflichtung musste im Zweifelsfall gerichtlich einklagbar sein. Der Staat war deshalb nur dann ein vertrauenswürdiger Schuldner, wenn er sich nicht über das Gesetz stellte, sondern seine Rechtsbindung auch im Fall der Rückzahlungsverpflichtung anerkannte. Damit tritt der Staat als rechtsgarantierender Dritter in dem Kreditverhältnis zwischen seinen Bürgern und sich selbst auf. D.h. der Staat musste seine absolute Macht zumindest gegenüber seinen kreditgebenden Bürgern aufzugeben bereit sein. Absolute Herrscher, bei denen Gefahr bestand, dass sie ohne Rechtsbindung Geld leihen, hatten einen strukturellen Nachteil beim Erlangen von Krediten, da die Gefahr bestand, dass sie die Bedingungen der Rückzahlung ändern würden. Die Wechselseitigkeit im Abgabeverhältnis zwischen reichen Bürgern und Staat und die Intensivierung des transregionalen Handels entwickelten sich zeitlich parallel zu: a) den ersten Ansätzen im 16. Jahrhundert, die Seelenindividualisierung an den Körper zu binden (s.o.), und b) der ebenfalls im 16. Jahrhundert sich durchsetzenden religiösen Spaltung des Christentums, womit auch die Bindung der Zirkulation der Gaben an das Jenseits zumindest für die protestantischen Gebiete gelockert wurde. Für Protestanten war die Möglichkeit verschlossen, die eigene Position im Jenseits durch Leistungen der Erben, die im Testament verankert worden waren, zu verändern. Wohlhabende Katholiken konnten Erben weiterhin testamentarisch dazu verpflichten, für sie Messen lesen zu lassen, um den Aufenthalt im Fegefeuer zu verkürzen. Diese Möglichkeit gab es für Protestanten nicht mehr (s.o.). Entsprechend wurde der Umgang mit Geld stärker auf das Diesseits fokussiert und es finden sich für protestantische Gebiete erste Darstellungen, die das Gewinnstreben positiv bewerten (Schulze 1987).9 Im 16. Jahrhundert begannen international tätige Kaufleute und Banker, Wechsel als Form privaten Geldes zu nutzen (Ingham 2004: 113f). 9 Hier liegt eine wichtige Parallele der von mir beschriebenen Entwicklung zu Webers These, wonach der spezifische Diesseitsbezug des Protestantismus für die Entstehung der kapitalistischen Wirtschaft relevant war (Weber HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 227 Wechselpapiere waren im 12. Jahrhundert entstanden als besondere Form eines kirchlicherseits erlaubten Kredits (vgl. Le Goff 1956/2005: 104). Da das Zinsnehmen als eine schwere Sünde galt10, war die Kreditvergabe gegen Zins für christliche Kaufleute ein nur schwer zu verwendendes Mittel. Im Wechsel war der Zins dagegen versteckt, denn der Wechselnehmer musste keine höhere Summe zurückzahlen als er bekommen hatte, vielmehr erhielt er eine geringere Summe als er später zurückzahlen musste. Die Differenz erschien als Wechselgebühr, aber nicht als Zins. Dies machte die Form des Wechsels für die katholische Kirche annehmbar. Die Konstruktion, die den Zins für die Kirche ausreichend genug versteckte, funktionierte folgendermaßen: »Mit einem Wechsel bezahlt ein nicht sofort zahlungsfähiger Schuldner als sogenannter Bezogener zu einer bestimmten Frist eine Rechnung für gelieferte Waren über einen – in einem bestimmten Geldstandard – festgelegten Geldbetrag. Diese Wechselsumme liegt höher als die Rechnungssumme, da der Schuldner nicht sofort bezahlt und für die ihm eingeräumte Frist Zins leisten muss. Dieser Wechsel wird vom Gläubiger als sogenanntem Aussteller geschaffen. Er unterschreibt auf der Vorderseite des Wechsels. Der Wechsel muss von dem im Wechsel als Bezogener benannten Schuldner angenommen werden. Diesen Akzept drückt der Bezogene durch seine Unterschrift ebenfalls auf der Vorderseite des Wechsels aus.« (Heinsohn/Steiger 1996/2009: 288f) Dieses Kreditgeschäft wurde in einer triadischen Konstellation realisiert, dem Gläubiger (Wechselaussteller), dem Schuldner (Bezogenen) und der Bank als Vermittler. Zu einem Zahlungsmittel wird ein Wechsel, wenn er an einen Dritten weitergegeben wird, der die Übertragung des Kredits als Zahlung akzeptiert. Bereits im 16. und 17. Jahrhundert entwickelte sich aus dem personalisierten Zahlungsversprechen in den großen europäischen Staaten 1920/1986, vgl. auch Maurer 2017). Allerdings findet sich bei Weber trotz seiner starken Berücksichtigung der protestantischen Wurzeln des Kapitalismus kaum eine Bezugnahme auf den Aspekt der stärkeren (nicht vollständigen) Trennung der Lebenden von den Toten, der im Protestantismus erfolgte und auch nicht auf die sich zu dieser Zeit anbahnende Verkörperung der Seelenindividuen. 10 »Wir verabscheuen die verdammungswürdige Raubsucht der Wucherer und schließen sie von allem kirchlichen Troste aus. Kein Geistlicher darf, ohne äußerste Vorsicht, einen Wucherer (zu den Sakramenten) zulassen; sie sollen ihr ganzes Leben lang insam, und wenn sie sich nicht bessern, auch des kirchlichen Begräbnisses beraubt werden.« (Canon 13, Beschluss des zweiten Laterankonzils 1139, zitiert nach Hefele 1863: 391) EIGENTUMSWIRTSCHAFT 228 ein entpersönlichtes und allgemein übertragbares Zahlungsversprechen. Dieser Prozess erfolgte über verschiedene technische Neuerungen, die in der schriftlichen Erweiterung des Wechsels bestanden. Diese ermöglichten eine Entpersonalisierung des Zahlungsversprechens, denn dieses konnte aufgrund der im Wechsel selbst enthaltenen Angaben, d.h., unabhängig von persönlicher Bekanntschaft durchgesetzt werden. (vgl. hierzu insgesamt Ingham 2004: 119ff) Eine noch weitergehende Anonymisierung stellten die von Banken herausgegebenen Banknoten dar. Durch die Emission von Banknoten wurde Geld geschaffen, das an den Bankkunden als Schuldner der Bank ausgegeben wird. Dieser musste dafür Eigentum als Sicherheit bieten. Die so geschaffenen Banknoten stellten eine zirkulierende Zahlungsforderung dar und die emittierende Bank verpflichtete sich, das Zahlungsmittel in jedem Fall anzunehmen und als Ausgleich für eine Forderung anzuerkennen. Wer eine Banknote bei der emittierenden Bank vorlegte, konnte erwarten, dass er den Gegenwert in Münzen oder einer wertvollen Ware (Gold, Silber) erhielt.11 Mit der zunehmenden Übertragbarkeit von Wechseln bzw. der allgemeinen Übertragbarkeit von Banknoten bildeten sich erste Formen eines zirkulierenden Kreditgeldes. Die Zirkulation des Geldes erfolgte in einer institutionell-triadischen Konstellation: Ego nimmt von Alter dann einen Wechsel/eine Banknote als Zahlung, wenn Ego sicher sein kann, dass es dieses Zahlungsversprechen an Dritte, d.h. weitere Wechselnehmer/ Banknotennehmer, weitergeben kann. Wenn dieser Schritt gelingt, entsteht Kreditgeld: die Zirkulation allgemein anerkannter anonymer Zahlungsversprechen. Ein Wechsel bzw. eine Banknote, für den eine Bank bürgt, gleicht damit einem allgemeinen Zahlungsmittel, solange es ein ausreichendes Vertrauen in die Zahlungsfähigkeit der Bank gibt, d.h., solange die Bank als Dritter gilt, der das Zahlungsversprechen in jedem Fall einlöst. Das Problem einer rein privaten Kreditwährung besteht darin, ob die institutionellen Sicherungen ausreichen, um das private Kreditgeld für Abgaben an den Staat zu verwenden. In diesem Fall müßte der Staat auf die institutionellen Sicherungen vertrauen, die für die Einlösung zirkulierender privater Zahlungsforderungen gelten. Solange es ein rein privates Zahlungsmittel bleibt, kann der Staat als Gläubiger einfach Pech haben und den Schuldner bzw. die emittierende Bank als nicht zahlungsfähig antreffen. Um den Anspruch auf Einlösung der Zahlungsforderung durchzusetzen, müsste der Gläubiger in das Eigentum eines Schuldners vollstrecken, wenn dieser zahlungsunfähig ist. Dazu müsste ein Gläubiger, d.h. der Staat, die Möglichkeit haben zu klagen. Bei 11 Vgl. hierzu etwa: https://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Standardartikel/Bundesbank/Numismatik_und_Kunst/saechsische_cassenbillets.html HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 229 transterritorialen bzw. transnational zirkulierenden Zahlungsversprechen könnte das schwierig werden, denn die Gewalt des staatlichen Rechts macht an den territorialen Grenzen halt. Ingham kommt daher zu dem Schluss: »Until private credit-money was incorporated into the fiscal system of states which commanded a secure jurisdiction and a legitimacy, it could be argued that it remained a dead-end.« (Ingham 2004: 122) Die Elemente für die Lösung des Problems waren in Europa durch dessen besondere Entwicklung bereitgestellt, sie mussten aber zusammengeführt werden. Die Besonderheit der europäischen Situation bestand da rin, einerseits Rechtssicherheit für den Handel und ein territorial gültiges Tauschmittel zu bieten und andererseits die Bildung eines privaten Geldes zu forcieren, das den Handel über territoriale Münzgrenzen hinweg ermöglichte. Zwischen dem 17. und 19.Jahrhundert gelang es den europäischen Staaten in unterschiedlicher Weise, staatliches Münzgeld und privates Kreditgeld zu einer Währung zu integrieren. Der entscheidende Schritt bestand darin, Zentralbanken zu etablieren. Diese ermöglichten es, die Schöpfung privaten Kreditgeldes einer gewissen Kontrolle zu unterwerfen, denn sie emittierten das Geld, das die Banken an ihre Kunden weiterleiteten, und sie waren die Banken, die das Geld emittieren, das der Staat als Zahlungsmittel für Abgaben akzeptierte. Umgekehrt verpflichteten sich Zentralbanken dazu, das emittierte Kreditgeld als Zahlungsmittel anzuerkennen, mit dem Geschäftsbanken ihre Kredite bei der Zentralbank begleichen konnten. Zugleich waren Zentralbanken diejenigen Banken, bei denen sich Staaten bzw. über deren Vermittlung sich Staaten verschulden konnten. Geldschöpfung durch Zentralbanken erfolgt auch heute noch, indem Geschäftsbanken bei ihrer Zentralbank ein Konto einrichten, auf das diese Verrechnungsgeld überweist. Dieses Kreditgeld wird von der Zentralbank in Form von Münzen und Banknoten an die Geschäftsbank ausgezahlt. Hierbei handelt es sich um neugeschaffenes Geld. Für den Kredit müssen die Geschäftsbanken als Schuldner Eigentum hinterlegen als Sicherheit für den Kredit. Wenn die Geschäftsbanken den Kredit an die Zentralbank zurückzahlen, wird Geld vernichtet. Das von der Zentralbank geschaffene Geld muss aber auch von Gläubigerseite gedeckt sein. Die nach der Gründung des deutschen Kaiserreichs etablierte »Reichsbank war dazu verpflichtet, die von ihr ausgegebenen Banknoten zu einem Drittel durch Gold und zu zwei Dritteln durch ordentliche Handelswechsel zu decken.« (Deutsche Bundesbank: Die Deutsche Bundesbank: 16) Mit dieser Deckung erfüllte sie die Bedingungen des im 19. Jahrhunderts geltenden Goldstandards. Die Orientierung am Goldstandard brachte allerdings das oben von Polanyi benannte Problem mit sich, den Kreditbedarf der Wirtschaft nicht decken zu können, wenn sich die Wirtschaft produktiver entwickelt als die Golddeckung des emittierten EIGENTUMSWIRTSCHAFT 230 Kreditgeldes erweitert werden kann. (Deutsche Bundesbank: Die Deutsche Bank: 17) Geschäftsbanken können das Problem einer zu geringen Geldmenge zur Finanzierung des Kreditbedarfs der Wirtschaft allerdings auch dadurch lösen, dass sie selbst Kreditgeld schaffen. Dieses wird als reines Verrechnungsgeld nur von Konto zu Konto bewegt, ohne jemals bar ausgezahlt zu werden. Damit wird der Einfluss der Zentralbank auf die Schöpfung von Kreditgeld durch die Privatbanken beschränkt. Allerdings ist es für Geschäftsbanken ratsam, das private Kreditgeld so abzusichern, dass es z.B. als Sicherheit von Zentralbanken anerkannt wird (etwa als ordentlicher Handelswechsel) und insofern als Zahlungsmittel auch gegenüber dem Staat bzw. der Zentralbank fungieren kann. 6.2.4 Geldzirkulation in der Eigentumswirtschaft Die institutionellen Prozesse, in denen Geld eine Rolle spielt, lassen sich in miteinander verschränkte Zirkulationen aufgliedern. Dabei lassen sich unterscheiden: a. die rechtlich gebundene Gabenzirkulation: Geld-Abgaben an den Staat – Geld-Ausgaben des Staates b. die Zirkulation: Geld – Ware – Geld… (G-W-G…) c. die Zirkulation: Geld/Kredit – Waren – Geld‘ (= mehr Geld)… (GW-W/W-G‘…) d. die Zirkulation: Geldware – Geld‘… (GW-G‘…) Anhand der Differenzierung der vier Ebenen der Zirkulation wird deutlich, dass die Annahme Luhmanns, wonach der Code der Wirtschaft zahlen/nicht-zahlen sei (Luhmann 1988: 53ff), zwar nicht falsch, aber überabstrahiert ist und dadurch die institutionellen Zwänge, die in der eigentumswirtschaftlichen Zirkulation wirksam sind, nicht mehr erfasst. Die Differenzierung ist insbesondere von Bedeutung, um das Verhältnis der Bereiche Politik/Recht zur Wirtschaft genauer zu erfassen. Zirkulation a) Die politisch-rechtliche Gabenzirkulation Die erste Zirkulation beinhaltet eine rechtsgebundene Form der Zirkulation der Gaben. Der Unterschied zwischen der durch die Caritas bestimmten Zirkulation der Gaben und der rechtsgebundenen Zirkulation der Gaben, besteht darin, dass letztere durch Gesetze begründet wird. Es ist gesetzlich geregelt, welche Steuern zu zahlen sind, wie der Staatshaushalt verabschiedet wird und wie die Verteilung staatlicher Gaben HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 231 auf welcher rechtlichen Grundlage erfolgen soll. Die steuerpflichtigen Bürger sind der Gewalt des Staates unterworfen und zahlen deshalb in der vom Staat vorgegebenen Form an diesen die rechtlich begründeten Abgaben und empfangen Staatsausgaben. An der Bildung der Gesetze, die die Abgaben an den Staat und die Gaben des Staats an die Bürger regeln, sind die Bürger beteiligt. Wenn die Erhebung von Steuern rechtlich gebunden und demokratisch legitimiert ist, legitimieren die Bürger als abwesende Dritte die Zahlung von Alter Ego an den Staat, der sie in der Egoposition entgegennimmt. Insofern die Verteilung der Gaben gesetzlich geregelt ist, besteht ein einklagbarer Anspruch darauf, die Gabe zu erhalten. Sofern die Verteilung der Gaben nicht rechtlich, sondern politisch geregelt ist, besteht ein solcher Anspruch nicht. D.h., es gibt keine einklagbare Ansprüche darauf, wie die Staatsausgaben ausfallen sollen: Ob eher Schulen, Rüstungsgüter oder Straßen durch den Staat gebaut werden, ist Sache staatlicher, d.h. politischer und im Kern parlamentarischer, Entscheidung. Die Bürger haben auf diese staatlichen Entscheidungen nur Einfluss, indem sie ihre öffentlichen subjektiven Rechte wahrnehmen. Die politischen Kämpfe um die materielle Unterstützung von Arbeitslosen und Bedürftigen (s.o.) spielten z.B. eine wichtige Rolle für die Ausgestaltung der Staatsausgaben. Der politische Kampf gegen staatliche Rüstungsaufwendungen erweist sich bisher dagegen als eher unwirksam. Bei der politisch-rechtlichen Zirkulation der Gaben handelt es sich nicht um eine ökonomische Zirkulation im eigentlichen Sinn. Das Geld fungiert nicht als Tauschmittel, bzw. als Wertmesser, durch den ein ökonomischer Tausch ermöglicht wird. Durch einseitige Entscheidung kann der Staat die Schaffung einer Steuer, also einer Abgabeverpflichtung, festlegen – ein Tausch findet nicht statt. Die einseitig festgelegten Abgaben können auch mit Gewalt eingefordert werden. Zudem kann der Staat die Gültigkeit des von ihm hergestellten Geldes bzw. das Vertrauen in sein Geld bis zu einem gewissen Grad erzwingen, indem er es unter Strafe stellt, wenn Steuern nicht in der vorgeschriebenen Geldform gezahlt werden. Dies erwies sich als ein probates Mittel etwa der englischen Kolonialherren, um die Kolonisierten zur Anerkennung von Geld zu zwingen (Wray zitiert nach Ingham 2004: 55). Davon profitiert die Wirtschaft, die das erzwungene Geld als Tauschmittel in der Zirkulation G-W-G… verwendet. Zirkulation b) G-W-G… Die Zirkulation G-W-G... beschreibt einen Warentausch, der sich etwa beim Erwerb von Konsumgütern vollzieht. Geld fungiert hier als Wertaufbewahrungs- und Zahlungsmittel sowie bei der Bildung des Preises als Wertmesser. Die institutionelle Drittenkonstellation dieser Geldfunktion EIGENTUMSWIRTSCHAFT 232 hat bereits Webers begrifflich klar gefasst: Ein Akteur nähme Geld für eine Ware nur, wenn er davon ausgehen kann, dass an beliebigen Orten und Zeiten gegenüber beliebigen zukünftig anwesenden Dritten das Geld verwendet werden kann, um es erneut gegen Waren einzutauschen. Ohne das Vertrauen in die zukünftige Anwesenheit eines aktuell abwesenden Dritten könnte Geld nicht seine allgemeine Tauschfunktion haben (vgl. Weber 1921–22/1980: 11). In diese ökonomische Zirkulation fließt auch das Geld aus der politisch-rechtlichen Gabenzirkulation ein in Form von staatlicherseits gezahlten Gehältern und anderen Staatsausgaben bzw. Investitionen – etwa in Schulen, Rüstung oder den Straßenbau. Zirkulation c) G-W/W-G‘… Die Zirkulation c) ist die von Marx beschriebene kapitalistische Produktion. Allerdings muss man die von Marx postulierte Annahme nicht teilen, dass es die Arbeit ist, die das Mehrgeld oder den Mehrwert erzeugt, wie Marx es nennt (Marx 1890/1977: Kap. 4). Ausgehend von der Prämisse des Eigentums ergibt sich ein Gedanke, der neutraler hinsichtlich der Ursache von Mehrgeld, d.h. des Gewinns, ist. Der Kapitalist bzw. der Unternehmer ist prädestiniert für die Schuldnerposition. Polanyi hatte darauf hingewiesen, dass eine expandierende Produktion nicht ohne Kredit auskommt. In die gleiche Richtung argumentiert auch Schumpeter, wenn er darauf verweist, dass wirtschaftliche Entwicklung ohne Kredit nicht auskommt (Schumpeter 1911/1993: 104ff). Kredit wird gegen Zins vergeben. Am Anfang steht daher die Geldware im Sinne Polanyis. Um die Ware Geld zu erhalten, muss der kapitalistische Unternehmer Eigentum verpfänden, in das der Gläubiger vollstrecken kann. Das Geld, das der Unternehmer als Ware erhalten hat, wird verwendet, um Waren (Arbeitskraft und Produktionsmittel) zu kaufen. Es ist immer ein Plural, denn es müssen immer zumindest zwei Sorten von Waren gekauft werden: Arbeitskraft und Produktionsmittel sowie evtl. noch eine dritte Ware: Boden. Der kapitalistische Unternehmer steht nun unter dem Zwang, so zu produzieren, dass der Erlös aus dem Verkauf der Waren ausreicht, um die Kreditsumme und die fälligen Zinsen zu bezahlen. Er muss mehr Geld erwirtschaften, als er investiert hatte, sonst läuft er Gefahr, seine Kreditverpflichtungen nicht einlösen zu können und sein Eigentum zu verlieren. Dies führt zu dem Zwang die Produktion permanent so zu verändern, dass mehr Geld verdient werden kann. (vgl. Heinsohn/Steiger 1996/2009: 466ff). Dieser Zwang gilt auch, wenn das Geld, das zur Produktion verwendet wird, nicht unmittelbar einem Kredit entstammt, sondern in Form von Aktienkapital oder Risikokapital nicht von einer Bank geliehen, HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 233 sondern direkt – wenn auch vermittelt über eine Bank – von verschiedenen Geldgebern eingesammelt wird. Auch in diesem Fall unterliegt der Kapitalist dem Zwang, das eingesammelte Geld durch die Produktion in mehr Geld zu verwandeln (Weber 1924: 241). Dabei kann der Zeithorizont, in dem die Realisation von Mehrgeld gelingen soll, mehr oder weniger lang in die Zukunft gestreckt sein. Solange die Hoffnung auf Gewinn besteht, kann der Aktienkurs auch über einen langen Zeitraum steigen, ohne dass Gewinn ausgeschüttet wurde.12 Die Zirkulation c) ist in sich geschlossen, insofern es um das Verhältnis zwischen Schuldnerkapitalist und Gläubiger geht. Dieses Verhältnis kann aber nur funktionieren, wenn die Zirkulation c) in die beiden anderen Zirkulationen verschränkt ist. Denn der Verkauf von Produkten, sei es an den Staat oder an einzelne Käufer erfolgt im Rahmen der Zirkulation b) G-W-G... Es ist lediglich so, dass es sich um G‘ handelt, wenn der kapitalistische Unternehmer Geld für die verkaufte Ware erhält. G‘ ist aber in dem Geld enthalten, welches als Preis für die Waren bezahlt wird. Der Zwang, die Produktion kostengünstiger als den Kredit zu halten, führt zu dem Versuch, alle Kostenfaktoren kontinuierlich zu senken, um auf diese Weise die gesamten Waren aus der Produktion mit Gewinn verkaufen zu können. GW-G‘… Bei der Zirkulation GW – G‘... handelt es sich um die Zirkulation des Kreditwesens, die geldschöpfende Zirkulation: Das Geld, das als Geldware verliehen wird, existiert nicht, bevor es als solche verliehen wurde. Mit dem Kredit werden neue Einheiten einer zuvor existierenden Berechnungseinheit, dem Verrechnungsgeld, geschaffen und diese Einheiten werden auf dem Konto des Schuldners gutgeschrieben. Geldware in diesem Sinn wird nur geschaffen, wenn es Eigentum gibt, das belastet werden kann. Dies erfolgt idealerweise so, dass der Gläubiger eigenes Eigentum belastet, indem er sich dazu verpflichtet, das ausgegebene Geld gegen eigenes Eigentum einzutauschen. Dadurch wird die Sicherheit des Kreditgeldes unabhängig von der Zahlungsfähigkeit des Schuldners. Um den Eingriff in das eigene Eigentum zu vermeiden, verlangt der Gläubiger eine Sicherheit vom Schuldner, dieser muss an den Gläubiger Eigentum verpfänden. Weil der Gläubiger sein eigenes Eigentum nicht weiter belasten kann, fordert er von seinem Schuldner einen Zins (Heinsohn/Steiger 1996/2009: 215, 464f). Wenn Kreditprodukte als Geldware akzeptiert werden, kann bereits verliehenes Geld, d.h. belastetes und 12 Die darin zum Ausdruck kommende Zukunftsbezogenheit der Eigentumswirtschaft hat Beckert (2013b) analysiert. EIGENTUMSWIRTSCHAFT 234 verpfändetes Eigentum, erneut in Geld umgewandelt werden, ohne dass zuvor eine (Rück-)Zahlung erfolgt wäre. Hier besteht die Möglichkeit, dass sich die Kreditzirkulation in sich selbst einschließt und den Kontakt mit der produktiven Zirkulation c) verliert. Paul (2006/2012: 183) bezeichnet dies als die »Reflexivität des Geldes«, damit sind »die Anwendbarkeit und Aufstufung von Kreditoperationen im Medium des Kredits« (Paul 2006/2012: 183) gemeint. Damit die Eigentumswirtschaft funktioniert, müssen die unterschiedlichen Zirkulationen ineinander verschränkt bleiben. Diesen Sachverhalt kann man sich anhand folgender Überlegungen verdeutlichen. Die Staatsausgaben, als Teil der politisch-rechtlichen Gabenzirkulation a), sind Teil von Zirkulation d), wenn der Staat Kredite aufnimmt, um Staatsausgaben zu finanzieren bzw. wenn Staatsausgaben dazu dienen, Kredite des Staates zu tilgen. Zugleich werden die Staatsausgaben zu einem Teil von Zirkulation b), wenn der Staat investiert, bzw. wenn staatlich gezahlte Gehälter und Transferleistungen in die Zirkulation G-W-G… fließen. In vergleichbarer Weise ist auch die Zirkulation G-W/W-G‘… in die anderen Zirkulationen eingebunden. Wenn G‘ der Zirkulation c) für die Rückzahlung eines Unternehmenskredits verwendet wird, wird es als Zahlung an einen Gläubiger Teil der Zirkulation d). Zugleich ist jeder Verkauf einer Ware zum einen Teil der Realisierung von G‘ und zum anderen Teil von G-W-G…, insofern die Ware gekauft wird, um praktisch gebraucht zu werden. Das Geld der Zirkulation b) kann einem Konsumentenkredit, also Zirkulation d), entstammen; wenn dieses Geld verwendet wird um den Preis einer Ware zu bezahlen, kommt es als G‘ bei einem Unternehmen an, ist also Teil der Zirkulation c) und wenn es im Weiteren der Zurückzahlung eines Unternehmenskredits dient, wird es zum Element von Zirkulation d). In einer Eigentumswirtschaft kann keine dieser Zirkulationen isoliert bestehen bleiben. Wenn Zirkulation a) ausfallen würde, gäbe es keine staatlichen Unterstützungsleistungen mehr und es würden umgehend alle Staatsbediensteten arbeitslos. Damit müsste die Sicherung der Institution des Eigentums unmittelbar durch Gewaltanwendung gesichert werden. Wahrscheinlich wäre eine Entwicklung hin zur frühmittelalterlichen Form des horizontalen Gabentauschs. Wenn Zirkulation b) ausfiele würde zugleich die Zirkulation c) zusammenbrechen, denn der Verkauf von Waren, der den Gewinn sichert, würde zusammenbrechen. Damit wäre zugleich die Grundlage für die Abgaben an den Staat verändert. Es wäre wahrscheinlich, dass sich die Gesellschaft hin zu einem vertikalen Gabentausch entwickeln würde. Wenn Zirkulation c) entfallen würde, wäre zugleich Zirkulation d) in Mitleidenshaft gezogen, denn es gäbe nur noch Kredite an den Staat und einzelne Bürger. Zugleich wäre Zirkulation b) betroffen, weil das Warenangebot deutlich sinken würde, denn die Produktion würde weniger HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 235 erfinderisch. Es ist allerdings extrem unwahrscheinlich, dass diese Zirkulation ausfallen würde, solange es die Institution Eigentum gibt. Der Ausfall der Zirkulation d) würde dazu führen, dass es keine Kredite an den Staat mehr gäbe, wodurch die Zirkulation a) massiv beschädigt werden würde, was Auswirkungen auf den Umfang von Zirkulation b) hätte und zugleich würde der Wegfall der Möglichkeit, Kredite aufzunehmen zu einem starken Rückgang der gewinnorientierten Produktion führen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass ein Wegfall der Zirkulation d) zu einer wirtschaftlichen Implosion führen würde, die letztlich eine Entwicklung hin zur horizontalen bzw. vertikalen Gabenzirkulation zur Folge hätte. Solange es Eigentum gibt, das mit einem Kredit belastet werden kann, ist es allerdings unwahrscheinlich, dass dieser Fall eintritt. Die Möglichkeit Eigentum zu belasten und zu verpfänden eröffnet immer wieder die Möglichkeit im Rahmen von Zirkulation d) Geld zu schaffen und zu vernichten und damit die Zirkulation c) zu stimulieren. (Heinsohn/Steiger 1996/2009: 464ff)13 Faktisch besteht lediglich für die Zirkulation d) aufgrund der »Reflexivität des Geldes« (Paul) eine Tendenz, sich gegen die anderen Zirkulationen zu isolieren. Dies ist dann der Fall, wenn der Handel mit Kreditprodukten attraktiver wird als die Kreditvergabe in die anderen Zirkulationen. Es ist mutmaßlich Aufgabe der Politik und der Zentralbanken zu verhindern, dass sich Zirkulation d) derart in sich einschließt. Die Aufgabe der Politik besteht darin, einen angemessenen gesetzlichen Rahmen für Zirkulation d) zu schaffen. Die Zentralbanken können als 13 »Wenn eine Bank Bedarf an Bargeld hat, nimmt sie bei der Zentralbank einen Kredit auf. Die Zentralbank prüft, ob die Voraussetzungen für eine Kreditvergabe erfüllt sind. Ist dies der Fall, schreibt die Zentralbank der Bank den aufgenommenen Betrag auf dem Konto der Bank bei der Zentralbank als Sichteinlage gut. Die Zentralbank gewährt nur dann Kredit, wenn die Bank den Kredit durch Hinterlegung von Pfändern besichert. Ganz allgemein handelt es sich bei solch einem Vorgang – Kreditgewährung und entsprechende Gutschrift als Sichteinlage auf einem Konto – um die Schöpfung von Buch- oder Giralgeld. In diesem Fall handelt es sich um die Schöpfung von Zentralbankgeld. Denn die Sichteinlagen, die Banken auf ihren Konten bei der Zentralbank halten, sind Zentralbankgeld. – Die Bank kann sich ihre Sichteinlage in bar auszahlen lassen. Üblicherweise holen dann spezialisierte Transportunternehmen das Bargeld bei einer Filiale der Zentralbank ab und bringen es zur Bank. Der in bar ausgezahlte Betrag vermindert die Sichteinlage der Bank bei der Zentralbank. Dafür hat die Bank nun aber den entsprechenden Betrag an Bargeld in der Kasse. Zahlt sie Banknoten und Münzen schließlich an ihre Kunden aus, kommt Bargeld in Umlauf. Hat eine Bank mehr Bargeld in der Kasse, als sie absehbar benötigt, kann sie die Banknoten und Münzen wieder zur Filiale EIGENTUMSWIRTSCHAFT 236 Beteiligte der Zirkulation d) durch die Bereitstellung von Krediten und Kreditbedingungen das Geschäftsverhalten der Banken beeinflussen. 6.2.5 Wissen und technischer Fortschritt (Sach-, Sozial- und Symbolimension) Der Zwang, die Produktion kostengünstiger als den Kredit zu halten, führt zu dem Versuch, alle Kostenfaktoren kontinuierlich zu senken. Der Unternehmerkapitalist unterliegt daher einem steten Veränderungszwang (Schumpeter 1911/1993: 100). Hieraus resultiert die Bedeutung des Faktors Wissen. Es ist daher erforderlich, die Theorie der fiktiven Waren zu erweitern, um die Dynamik der kapitalistischen Wirtschaft zu erfassen. Die von Weber (1921–22/1980: §11) beschriebene Verselbständigung des Zwangs zur Rationalisierung entspringt der Logik der kreditgetriebenen Eigentumswirtschaft. Weber beschreibt eindrücklich, wie Markt und Geldrechnung zu einer zunehmenden Rationalisierung aller in die Produktion einbezogenen Faktoren führen. Auf die sich aus dem Konkurrenzkampf ergebenden Zwang zu technologischen Innovationen in der Produktion hat Marx (1857–58/1974: 592ff) hingewiesen. Im Prinzip führt die durch den Konkurrenzkampf der Eigentumswirtschaft erzwungene beständige Erweiterung und Erneuerung von Wissen dazu, dieses als eine Ware zu behandeln. D.h., es muss individuell exklusiv angeeignet und in die rationale Geldrechnung einbezogen werden. Das Verständnis von Wissen als Ware wird aber in einer horizontal differenzierten Gesellschaft zu einem Problem, denn als Ware nimmt Wissen Eigentumsform an, es wird individuell exklusiv angeeignet. Damit widerspricht das Wissen, das in der Eigentumswirtschaft erzeugt wird, dem Charakter des Wissens, das zugleich im Handlungs- und Kommunikationszusammenhang der Wissenschaft hergestellt wird. Dadurch der Zentralbank bringen und sich diese Bareinzahlung auf ihrem Konto bei der Zentralbank als Einlage gutschreiben lassen. Nutzt sie diese Einlage, um einen zuvor bei der Zentralbank aufgenommenen Kredit zu tilgen, kommt es zur »Vernichtung« von Zentralbankgeld: Sowohl der Kredit als auch die entsprechende Sichteinlage werden ausgebucht.« (Deutsche Bundesbank: Geld und Geldpolitik: 75) – Mit dieser Darstellung wendet sich die Deutsche Bundesbank implizit von der Geldtheorie der Neoklassik ab, die immer noch den Mainstream der Volkswirtschaft bildet. Dies hat z.B. im Wirtschaftsblog der FAZ eine heftige Kontroverse ausgelöst. http:// blogs.faz.net/fazit/2017/07/28/die-deutsche-bundesbank-laeutet-die-reformation-der-makrooekonomik-ein-oder-doch-nicht-8965/ – http://blogs. faz.net/fazit/2017/07/19/realwirtschaftliche-modelle-sind-ueberholt-8932/ – http://blogs.faz.net/fazit/2017/07/09/8879-8879/ – http://blogs.faz.net/ fazit/2017/07/14/das-geldangebot-ist-kein-geheimnis-8892/ HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 237 entsteht ein seltsamer Widerspruch. Die Eigentumswirtschaft ist selbst auf die Erweiterung und Erneuerung von Wissen angelegt und tritt insofern in Konkurrenz mit dem Handlungszusammenhang der Wissenschaft, d.h. dem Bereich, in dem das gesellschaftlich gültige Wissen produziert wird. Wissenschaftliches Wissen hat strukturell einen anderen Charakter als wirtschaftliches Wissen, denn wissenschaftliches Wissen ist ein solches (s.u.), das nicht individuell exklusiv angeeignet werden können soll. Im Rahmen horizontaler Differenzierung entsteht mit der Wissenschaft ein Bereich, der normativ einen Wissenskommunismus fordert, demzufolge Wissen ein Gemeingut ist. Dieses Verständnis entsteht nahezu zeitgleich mit der ebenfalls normativ, d.h. in den Grundund Menschenrechten, fundierten Eigentumswirtschaft. Die strukturelle Doppelcharakteristik von Wissen als Gemeingut und Wissen als Ware macht Wissen zu einer fiktiven Ware, denn es kann nur mit großer Mühe als exklusiv anzueignendes Eigentum fixiert und in die Geldrechnung einbezogen werden. In Deutschland, dessen Universitäten des 19. Jahrhunderts zum Vorbild für andere Länder wurden (Osterhammel 2009: 1132f), entwickelte sich ein Streit darum, ob Patente schädlich oder nützlich sind. Auch Vertreter des Freihandels setzen sich dafür ein, Patente abzuschaffen, bzw. nicht einzuführen. Dennoch wurde nach dem Vorbild Englands (17. Jahrhundert) und Frankreichs (18. Jahrhundert) auch in Deutschland im 19. Jahrhundert der Patentschutz verankert. Als Vorbild fungierte dabei insgesamt eine Innovation Venedigs aus dem 15. Jahrhundert, das einen Patentschutz einführte (Kurz 2000: 54), dem für das sich im 18. Jahrhundert industrialisierende Europa neben dem englischen Patentrecht eine Vorbildfunktion zukam (Kurz 2000: 79). Beim Patentschutz wird, den Prinzipien der Eigentumswirtschaft entsprechend, eine Trennung zwischen Eigentum und Besitz vorgenommen. Das patentierte Wissen darf mit Zustimmung des Eigentümers, des Patentinhabers, in Besitz genommen werden, wenn der Patentnutzer für den praktischen Besitz des Wissens eine Gebühr bezahlt, die Lizenz. Entrichtet der Nutzer die Gebühr nicht und nimmt er das geistige Eigentum ohne Zustimmung des Eigentümers in Besitz, muss der Nutzer dafür einen Schadensersatz leisten. Wissen wird in dieser Weise allerdings nur in einer zeitlich begrenzten Form zu einer Ware, denn nach Ablauf einer gesetzlichen Frist wird das Wissen frei gegeben, und jeder darf es in Besitz nehmen. Patentiertes Wissen wird nach Ablauf des Patentschutzes veröffentlicht und kann von allen in Besitz genommen werden. Die Differenz von Eigentum und Besitz implodiert, wenn der Eigentumsschutz an diesem Wissen erloschen ist. Im Rahmen der Eigentumswirtschaft führt die allgemeine Einführung des Patentschutzes zu einer Steigerung der Produktivität, die seit dem 18. Jahrhundert zu einer kontinuierlichen technologischen Entwicklung geführt hat. EIGENTUMSWIRTSCHAFT 238 Wie gesagt, besteht eine Spannung zwischen Wissen als Gemeingut und Wissen als Eigentum. Dies hatte Marx dazu geführt, das in der Technik materialisierte Wissen als eines zu begreifen, dessen Entwicklung durch die Eigentumsform gehemmt wird. Gerade in seiner materialisierten Form sei gesellschaftliches Wissen etwas, das nur mit gro- ßem Aufwand in der Eigentumsform gehalten werden könne, denn eigentlich sei es als gesellschaftliches Wissen eines, das von seiner Natur her allen zur Verfügung gestellt ist (Marx 1857–58/1974: 592ff). Dieses Merkmal des Wissens widerspricht der Annahme, dass es gerade die Eigentumswirtschaft sein soll, die einen technologischen Fortschritt erzwingt, wie Heinsohn und Steiger meinen (Heinsohn/Steiger 1996/2009: 468). Zugleich finden sich in gegenwärtigen Reflexionen auf die Bedeutung des Wissens Stimmen, die darauf hinweisen, dass Wissen sich nicht in einer Weise berechnen lässt, dass es in der Buchhaltung berücksichtigt werden könne. Dies gilt insbesondere für die moderne Form des Wissens, Daten, die ein Wirtschaftsunternehmen über sich selbst, seine Kunden bzw. den Markt sammelt. Bei der Reflexion darauf, wie Datenwissen über die eigene Organisation oder den Markt in die Bilanz einfließen soll, kommt eine Studie des SAS-Instituts zu dem Ergebnis, dass sich dieses Wissen nicht in Geld berechnen lasse und daher auch in der Bilanz nicht auftauchen könne. Dies liege daran, dass dieses Wissen eine »non-rival nature« habe (SAS Institute 2013: 1). Es kann also nicht bzw. nur schwer als Eigentum exklusiv angeeignet werden. Es sei daher auch nicht auszuschließen, dass auch andere Unternehmen über ein gleiches oder ähnliches Wissen verfügen würden. Mason kommt in seiner Analyse gegenwärtiger technologischer Neuerungen zu der Einsicht, dass der Wert des Datenwissens steige, je mehr Daten gesammelt werden. Dieses Wissen sei daher dann gewinnbringend, wenn es ein Monopolwissen werde. Er belegt diese These mit dem Hinweis darauf, dass in der IT-Branche ein qualitativ anderer Sog zur Monopolbildung zu beobachten sei. In den Branchen, in denen das klassische lizensierbare Eigentumswissen relevant sei, etabliere sich stets ein Markt mit 4–5 großen Anbietern. Im Unterschied dazu würden sich in den Märkten, die durch Datenwissen und deren Verarbeitung getrieben seien, stets Duopole oder Monopole entwickeln. Dies gilt für den Markt für Suchmaschinen, den Google beherrscht, ebenso wie für den Markt für soziale Netzwerke, der von Facebook bzw. spezifischen Nischenanbietern etwa für berufliche Netzwerke dominiert sei. Gleiches gilt für Betriebssysteme (Microsoft und als Kleinanbieter Apple) usw. (Mason 2015/2016: 166ff) Es ist ein charakteristisches Merkmal sowohl der etablierten als auch der aufstrebenden (also noch nicht) Wissensmonopolisten, dass sie eine normativ orientierte Legitimation ihres Geschäftsmodells entwickeln, HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 239 die sich auf das Leben bzw. Überleben der Menschheit beziehen. Damit verwenden sie eine Rhetorik, die ansonsten eher in den Bereich der Politik bzw. der nicht-parlamentarischen Bewegungspolitik gehört. Die weltgesellschaftlich normativ orientierte Selbstdarstellung (Feld C) eines der Vorreiter der Datenwissensmonopole, »Google«, wird zwar massiv hinterfragt und kritisiert (Schulz 2015). Trotzdem versteht sich Google in seiner Außendarstellung weiterhin als ein Unternehmen, dem es darum geht, die Welt zu verändern, indem z.B. allen Menschen alles Wissen der Welt zugänglich gemacht werden soll (vgl. auch hierzu die Darstellung bei Schulz 2015). Die normative Ausrichtung auf die Lösung der im öffentlichen Diskurs behandelten Menschheitsprobleme leitet auch andere Unternehmen der IT-Branche. Der Fahrdienst Uber stellt sich eher als ein Unternehmen dar, dem es eigentlich nur nebenbei darum geht, auch Gewinn zu machen. Im Mittelpunkt steht die Verbesserung des öffentlichen Lebens: »Über alle Grenzen, Kulturen und Sprachen hinaus bringen wir Menschen, die eine sichere Fahrt benötigen, mit Menschen zusammen, die mit ihrem Auto Geld verdienen wollen. Eure Reisen sind unsere Inspiration. Danke.«14 Der Firma Tesla ist es laut Mission Statement darum zu tun, die Nachhaltigkeit zu fördern, indem die »Umstellung auf erneuerbare, umweltfreundliche Energien« vorangetrieben wird.15 Allen diesen Firmen geht es darum, algorithmisch verarbeitetes Datenwissen optimal zu nutzen. Dies kann nur dann erfolgen, wenn dem Unternehmen potentiell alles relevante Wissen zugänglich ist, es sich also um ein Monopolwissen handelt. Entsprechend können solche Unternehmen nur dann profitabel arbeiten, wenn es ihnen gelingt, eine Monopolstellung zu erreichen und damit ein Wissen zu generieren, das nicht in einzelne eigentumsbasierte Wissensbestände zerfällt. Vor diesem Hintergrund stellt sich erneut die Frage, ob dieses Wissen noch als parzelliertes Eigentümerwissen sinnvoll genutzt werden kann. Da es sich hierbei wahrscheinlich um ein Strukturmerkmal des algorithmisch verarbeiteten Datenwissens handelt, erneuert Mason die von Marx (1857–58/1974: 582–594) im Maschinenmanuskript gestellte Frage, ob das relevante Produktionswissen noch in der Eigentumswirtschaft eingeschlossen werden könne, oder ob die Weiterentwicklung des gesellschaftlichen Wissens nicht über die Eigentumsordnung hinausgehen muss. Diese Frage wird im Mittelpunkt des zweiten Bandes stehen. 14 Uber: https://www.uber.com/de/our-story/# (Zugriff am 17.8.2017) 15 Tesla: https://www.tesla.com/de_DE/about (Zugriff am 17.8.2017) EIGENTUMSWIRTSCHAFT 240 6.3 Die Märkte knapper Güter und die Dynamik der Eigentumswirtschaft Die Darstellung der fiktiven Waren setzte implizit die Struktur des Marktes voraus, auf dem knappe Güter bzw. knappes Geld getauscht werden. Die institutionelle Struktur von Knappheit und Markt soll nun explizit zum Gegenstand gemacht werden, sie bildet die Voraussetzung für die spezifische Dynamik der Eigentumswirtschaft. • Die strukturell relevante institutionenbildende Drittenkonstellation der Wirtschaft ist diejenige des abwesenden, aber zukünftig als anwesend, d.h. als kommunikativ adressierbar erwarteten Dritten. Dies gilt – wie gezeigt – für die geldvermittelte Zirkulation. • Es gibt keine quantitative Beschränkung für die Teilnahme möglicher Akteure. Die Begrenzung erfolgt in qualitativer Weise: Die Beteiligten müssen über Eigentum bzw. zu verkaufende Waren oder Geld verfügen. • Der Erwartungsstil ist primär kognitiv, wenn eine Gewinnerwartung enttäuscht wird, müssen die Beteiligten lernen, es anders bzw. besser zu machen. • Die institutionalisierten Elemente der wirtschaftlichen Ordnung sind warenförmig, d.h. eigentumsförmig, d.h., die objektivierten Elemente werden individuell-exklusiv angeeignet. Dies gilt auch für diejenigen Waren, die nicht für den Verkauf produziert wurden bzw. diejenigen Waren, die nur schwer in der Eigentumsform zu halten sind wie Wissen. • Die durch ihre Staatsunmittelbarkeit als Körper individualisierten leiblichen Selbste sind als Rechtssubjekte Eigentümer ihrer Arbeitskraft. Den Besitz an, d.h. die praktische Nutzung, ihrer Arbeitskraft können sie gegen Bezahlung anderen überlassen. Damit werden die leiblichen Akteure selbst als Körperindividuen zu einem institutionellen Element der wirtschaftlichen Ordnung, das individuell von einem anderen in Besitz genommen werden kann. Darin ist eine Tendenz angelegt, den gesamten Erfahrungshorizonts leiblicher Selbste zu besetzen. Dies geht über die Übernahme von Rollen – wie Käufer und Verkäufer – hinaus. Diese institutionelle Charakteristik zeigt die strukturell transnationale und potentiell weltgesellschaftliche Orientierung wirtschaftlicher Prozesse an. Wirtschaft bzw. wirtschaftliche Marktaktivitäten bleiben ihrer Struktur nach nicht in einem nationalen Rahmen, obwohl sie notwendigerweise auf einen national garantierten sicheren politisch-rechtlichen Rahmen angewiesen sind. Von besonderer Bedeutung für die institutionellen Zwänge der Wirtschaft sind Markt und Knappheit, die beide HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 241 als institutionelle Phänomene zu begreifen sind. Erzeugt werden diese Institutionen durch zwei ähnlich strukturierte und aufeinander bezogene Drittenkonstellationen, die jeweils auf der Temporalisierung von An- und Abwesenheit basieren: Der Dritte ist gegenwärtig abwesend und wird als zukünftig anwesend erwartet. Die Variation dieser Drittenkonstellation ermöglicht sowohl die Funktionsweise des Geldes (s.o.) als auch die Funktionsweise der Marktkonkurrenz und durch sie wird Knappheit erzeugt. Wenn die Temporalisierung von An- und Abwesenheit im Sinne der Konkurrenz spezifiziert wird, wird eine Drittenkonstellation etabliert, die vom Typus her derjenigen des »tertius gaudens« (Simmel 1908/1983) entspricht. Die Konkurrenz kann sich rein logisch sowohl darauf beziehen, dass Verkäuferinnen konkurrierend etwas anbieten, als auch auf konkurrierende Käuferinnen. Wie Baumol (1982) gezeigt hat, ist der Fall konkurrierender Käufer aber der Ausnahmefall. Wenn er eintritt, würden sofort weitere Verkäufer auf den Markt drängen, um mit den vorhandenen Verkäufern um Käufer zu konkurrieren. Mit Bezug auf die fiktive Ware Wissen scheinen sich allerdings in jüngerer Zeit Märkte zu entwickeln, in dem dieses Prinzip ausgehebelt wird. Die datenwissensbasierte Ökonomie führt dazu, dass auch über längere Zeit ein Markt besteht, in dem Käufer auf einen Anbieter angewiesen sind und sich dessen Bedingungen unterwerfen (Beispiel: Googles Monopolstellung auf dem Suchmaschinenmarkt). Baumol hatte dagegen noch Märkte vor Augen, in denen lizensiertes Eigentumswissen vorherrscht. Bei solchen Märkten besteht das Spezifische der wirtschaftlichen Konkurrenz darin, dass im Prinzip unbegrenzt viele Konkurrentinnen möglich sind. Es muss immer damit gerechnet werden, dass es in naher Zukunft immer weitere Konkurrenten geben wird, die aktuell vielleicht abwesend sind, aber zukünftig anwesend sein können, weshalb sich ein Monopol nicht dauerhaft halten kann. Entscheidend ist danach nicht nur, wie viele aktuelle Konkurrenten vorhanden sind, sondern auch die Möglichkeit von Konkurrenz. Hier gilt analog Luhmanns Argument, dass man dem anwesenden Dritten die Norm nicht anvertrauen dürfe. Genauso wenig darf man dem anwesenden Dritten die Stabilisierung von Konkurrenz anvertrauen. Anwesende Konkurrenten könnten sich auf ein gemeinsames Vorgehen einigen und so die Konkurrenzsituation im Sinne einer rationalen Verteilung unter Anwesenden umgehen. Wenn Anwesende aber strukturell mit immer mit mehr Konkurrenten von noch nicht, aber zukünftig vielleicht Anwesenden rechnen müssen, wird es unmöglich, sich der Konkurrenzkonstellation zu entziehen. Diesen Sachverhalt offener Konkurrenz müssen Beteiligte füreinander durch ihr Konkurrenzverhalten darstellen, um so eine gültige Konkurrenzsituation zu erzeugen. Wenn offene Konkurrenz als normative Vorgabe gilt, muss diese zumindest gegenüber der machtvollen ordnungspolitischen Instanz EIGENTUMSWIRTSCHAFT 242 dargestellt werden. Absprachen unter Konkurrenten sind unter dieser Voraussetzung nicht nur normativ skandalisierbar, sondern auch rechtlich sanktionierbar. Diese Form der Konkurrenz führt im Zusammenspiel mit der Institution des Eigentums zu institutionalisierter Knappheit. Die Eigentumsordnung erfordert, dass ihre institutionellen Elemente (Geld, Waren) individuell-exklusiv angeeignet werden. Hier geht es wohlgemerkt um Eigentum als Rechtsanspruch. Besitz ohne Eigentumsbezug ist nicht unbedingt knapp, Eigentum ist es in jedem Fall. Das Geld oder die Ware, die jemand als Eigentum hat, kann nicht gleichzeitig Eigentum eines anderen sein. Die Bedeutung der individuell exklusiven Aneignung wird deutlich, wenn man sie mit den Elementen der institutionellen Ordnung der Wissenschaft vergleicht. Wahre Aussagen werden nicht dadurch weniger bzw. weniger wahr, dass es mehr als einen gibt, der sie sich aneignet. Für die Wissenschaft könnte man von einer individuell-inklusiven Form der Aneignung sprechen. Dies gilt auch für wirtschaftliches verwertbares Wissen, das deshalb besonderer institutioneller Eigentumsformen bedarf. Der Modus der individuell-exklusiven Aneignung führt in Verbindung mit der spezifischen Form der Konkurrenz zu zwei Konsequenzen: Wenn identifizierbare Elemente (Ware oder Geld) individuell-exklusiv angeeignet werden und wenn es unklar ist, mit wie vielen man um etwas konkurriert, wird das Eigentum an Gütern prinzipiell knapp. Wenn potenziell unbegrenzt viele konkurrieren, kann es nie genug für alle geben, denn es ist immer unbekannt, um wen bzw. um wie viele es sich bei »allen« handelt. Das Insgesamt der Konkurrenz einer unbegrenzten Zahl von Teilnehmerinnen unter den Bedingungen individuell-exklusiver Aneignung und damit institutionalisierter Knappheit könnte man aus einer soziologischen Perspektive als den Markt der Eigentumswirtschaft bezeichnen. In solchen Märkten werden die oben beschriebenen Zirkulationen realisiert. Von der Besitz- bzw. Gebrauchswertseite her gibt es den Markt der Zirkulation b) G-W-G…, in dem die Allokation von Besitz bzw. Gebrauch geregelt wird – vermittelt über die Eigentumsbeziehung, die dem ökonomischen Tausch zugrunde liegt. Von der Eigentums- bzw. Tauschwertseite her geht es um die Zirkulationen c) G-W/W-G‘… und d) Geldware-G‘-Geldware-G‘… Hier geht es um die Allokation von Zinsgewinnen, sei es durch profitable Produktion oder durch den Handel mit Krediten und ihrer Rückzahlung. Der Unterschied der Zirkulationen c) und d) liegt darin, dass die Zirkulation c) ohne die Vermittlung über den Besitz nicht funktioniert. Nur Güter, die in den Augen potentieller Verbraucherinnen in Besitz genommen werden können, können verkauft werden. Im Unterschied dazu geht es in der Zirkulation d) ausschließlich um die Konkurrenz um Eigentumsansprüche. Die Vermittlung über den Aspekt des praktischen Besitzens entfällt. HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 243 Die Institutionen der Eigentumswirtschaft (Geld, Konkurrenz und Knappheit) gelten in der neoklassischen Ökonomie als neutral und werden dadurch legitimiert. Wirtschaftliche Konkurrenz führt dazu, dass gemäß dem Prinzip des Grenznutzens eine bestmögliche Allokation von Gütern erfolgt, dabei fungiert das Warengeld als ein neutrales Tauschmittel. Auch wenn einige der Annahmen der neoklassischen Ökonomie in die Kritik geraten sind, gelten doch die wesentlichen Annahmen noch heute: Der Marktaustausch wird durch das Prinzip des Grenznutzens beschrieben und Geld wird ausgehend von der Warentheorie konzeptualisiert. Diese besagt, dass es schon immer Tausch von Gebrauchswerten gegeben habe, den einzelne Marktakteure gemäß dem Prinzip des abnehmenden Grenznutzens vollziehen. Dabei entstehen notwendigerweise Transaktionskosten, denn es kann schwierig sein, Abnehmer für die selbst produzierten Gebrauchswerte zu finden. Es werden daher von den Marktteilnehmern besondere Waren identifiziert, die den Tausch erleichtern. (vgl. Menger 1883/2004: 175ff) Die idealtypische Geldware ist Gold. Es kann gut gelagert werden, ohne sich zu verändern, deshalb ist es ein gutes Wertaufbewahrungsmittel, es kann in kleinste Einheiten aufgeteilt werden, deshalb kann es gut als Wertmesser fungieren, denn der Wert (jeweiliger Grenznutzen) kann gut in einem bestimmten Quantum Gold ausgedrückt werden, Gold ist schließlich ein gutes Tauschmittel, da es gern angenommen wird. Die Konzepte der Neoklassik gelten besonders dominant unter der Voraussetzung einer nicht allzu krisenhaften Entwicklung der Eigentumswirtschaft. Der Vorzug dieser Selbstbeschreibung der Wirtschaft besteht darin, diese als einen weitgehend autonomen Handlungszusammenhang zu beschreiben, der ohne Eingriffe von außen, d.h. des Staates, gemäß seiner eigenen Logik, der Wirtschaftslogik, am besten funktioniert. In dieser Beschreibung werden allerdings zentrale Institutionen ausgeblendet, ohne die eine kapitalistische Marktwirtschaft kaum verstanden werden kann (vgl. Maurer 2017: 3). Dass die Wirtschaft auf die rechtliche Institution des Eigentums und damit die Gewalt des Staates angewiesen ist, wird in der Neoklassik zwar nicht explizit bestritten, aber dethematisiert. Gleiches gilt für die besondere Stellung der Arbeitskrafteigentümer, die in besonderer Weise von der Wirtschaft abhängig sind, da die Arbeitskraft mit ihnen selbst als individuelle verkörperte Person zusammenfällt. Damit werden mögliche Konflikte um die fiktiven Waren zwischen Staat und Wirtschaft aus der Selbstbeschreibung der Wirtschaft ausgeklammert. Ein solches Selbstverständnis stärkt ein gesellschaftliches Wissen, welches die Wirtschaft als Ganzes als unabhängig vom Staat begreift und wirkt entsprechend orientierend für die Politik. Dieses gesellschaftliche Verständnis der Wirtschaft gerät allerdings immer dann in die Krise, wenn staatliche Eingriffe bzw. ordnungspolitische Eingriffe notwendig werden. Für die Nicht-Mainstream-Geldtheorien haben etwa Ingham EIGENTUMSWIRTSCHAFT 244 (2004) und auch Polanyi (1944/1978) gezeigt, dass und wie ihre – stets vorübergehende Bedeutung – im Kontext von Krisen zu verstehen ist. Schließlich werden in der neutralisierenden Beschreibung der Wirtschaft durch die Neoklassik die besonderen Zwänge der Eigentumswirtschaft dethematisiert, die deren besondere Dynamik tragen und ihren Einfluss auf die Gesellschaft ausmachen. 6.3.1 Die Zwänge der Eigentumswirtschaft Die Zwänge der Eigentumswirtschaft sind bereits von Marx und Weber erfasst worden: Der geldvermittelte Markttausch der Eigentumswirtschaft ist keine neutrale Institution zur besonders effizienten, d.h. Transaktionskosten minimierenden, Allokation von Gütern, vielmehr institutionalisiert der geldvermittelte Tausch Knappheit und zwingt die Beteiligten in einen ökonomischen Konkurrenzkampf (Weber 1921– 22/1980: 49f), in dem es darum geht, Waren zu einem Preis zu verkaufen, die die Kapitalinvestitionen (Produktionsmittel und Arbeitskraft) übersteigt. Dieser »Kampf des Menschen mit dem Menschen« (Weber 1921–22/1980: 49) kennt Gewinner und Verlierer. Diejenigen, die dauerhaft unterlegen sind, müssen es hinnehmen, dass sie ihr Eigentum verlieren. Mithilfe der rechtlich gebundenen staatlichen Gewalt wird in ihr Eigentum vollstreckt (Heinsohn/Steiger 1996/2009: 463f). Der Konkurrenzkampf der Eigentümer führt mehr oder weniger zwangsläufig zu einer Konzentration des Eigentums in den Händen immer weniger Eigentümer. Das Mittel der Durchsetzung der Marktdynamik der Eigentumswirtschaft ist das Recht und seine gewaltsame staatliche Durchsetzung. Ohne diese könnte der Markt seine Zwänge nicht entfalten. Die selbstverständliche Anerkennung der Gewaltunterworfenheit unter den Staat wird damit zu einer zentralen Bedingung der Eigentumswirtschaft. Dies ermöglicht die Ausbildung immer größeren Eigentums, dessen Weitergabe durch die Familie gesichert wird. Die Angewiesenheit auf Staat und Recht wird in der neoklassischen Theorie des Wirtschaftens dethematisiert. In der Eigentumstheorie der Wirtschaft, wie sie Heinsohn und Steiger verstehen, wird diese Abhängigkeit zwar explizit angesprochen, aber nicht in ihrer systematischen Bedeutung erfasst. Gelegentlich neigen Heinsohn und Steiger sogar dazu, das Eigentum als rechtliche Institution im Sinne einer Schöpfung aus dem Nichts zu begreifen. Danach ist Eigentum das Ergebnis eines »Recht setzenden Aktes« (Heinsohn/Steiger 1996/2009: 184). Dass hierin eine Verkennung der Bedeutung des Staates liegt, hat bereits Paul (2006/2012: 165) bemerkt, ohne aber seinerseits die Bedeutung der Gewaltunterworfenheit der Eigentümer als solche zu erfassen. Diese besteht darin, dass leiblichen Akteure sich als menschliche Körperindividuen verstehen, die HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 245 nur einer Gewalt unterworfen sind und gerade dadurch in umfassender Weise frei werden, um privat über ihr Eigentum nach Belieben verfügen zu können. Erst dadurch kann sich der Bereich des Wirtschaftens auf der Grundlage der Institution Eigentum entwickeln. Damit akzeptieren leibliche Akteure, insofern sie sich als Körperindividuen verstehen, dass der Zugriff auf das Eigentum eines Körperindividuums hinzunehmen ist, wenn dies eigentumsrechtlich, d.h. durch abwesende Dritte, legitimiert ist. Jeder andere Zugriff auf das Eigentum soll nicht legitimiert sein. Wenn diese institutionelle Prämisse gilt, entsteht der von Weber beschriebene Kampf des Menschen mit dem Menschen. Um in diesem Konkurrenzkampf bestehen zu können, sind kapitalistische Produzenten auf die kontinuierliche Weiterentwicklung des Produktions- und Verwaltungswissens angewiesen. Diese auf permanente Optimierung ausgerichtete Form der rationalen an der Geldrechnung orientierten Verwaltung des Betriebs und dessen Produktion führt insgesamt zur Entwicklung großer Kapitalgesellschaften (Weber 1924: 244f). Der Sachverhalt, dass einzelne Subgruppen bzw. Handlungszusammenhänge bzw. institutionalisierte Gesamthandlungen den Menschen nicht vollständig vereinnahmen sollen, wird im Fall des rationalen Wirtschaftens auch durch eine räumliche Trennung von privatem Leben und Berufsarbeit realisiert. D.h. für den kapitalistischen Betrieb, dass »die alte Identität von Haushalt, Werkstatt und Kontor, wie sie der ungebrochenen Hausgemeinschaft … selbstverständlich war«, zerfiel. (Weber 1921–22/1980: 229) Die von Weber und Marx hervorgehobene Wissensbasierung der Eigentumswirtschaft wird zumindest implizit auch in der Debatte um die Wissensgesellschaft als neuem Typus von Vergesellschaftung anerkannt (Stehr 1994: 32f).16 Der mit der Wissensbasierung der Eigentumswirtschaft gegebene Zwang zur permanenten Veränderung und Erweiterung des Verwaltungs- und Produktionswissen erfordert für den kapitalistischen Erwerbsbetrieb eine reflexive Einstellung zu sich selbst bzw. zur eigenen Marktsituation. Schumpeter hat diesen Sachverhalt bereits klar als solchen benannt. Er beschreibt ihn als Zwang zur »Durchsetzung 16 Trotzdem meint Stehr im Weiteren, einen neuen Typus von Gesellschaft ausfindig gemacht zu haben, die Wissensgesellschaft. Seine These basiert auf einer Vorstellung, die Eigentum und Besitz nicht klar voneinander unterscheidet (vgl. Stehr 1994: 165f), weshalb er die Besonderheit der Eigentumswirtschaft nicht erfassen kann, die notwendigerweise zu einer beständigen Erneuerung und Erweiterung von Wissen zwingt. Es erscheint mir sinnvoll, eine kurzatmige Zeitdiagnostik (Industrie-, Risiko-, Wissens- usw.-gesellschaft) durch genauere Strukturbeschreibungen zu ersetzen und dann danach zu fragen – etwa im Sinne Masons –, ob es aktuelle technische Entwicklungen gibt, die sich auf grundlegende Strukturen der Ordnung von Vergesellschaftung auswirken. EIGENTUMSWIRTSCHAFT 246 neuer Kombinationen« (Schumpeter 1911/1993: 100) aller für die Produktion bzw. den Verkauf von Waren relevanten Faktoren. Dabei unterscheidet er fünf Fälle: 1. »Herstellung eines neuen, d.h. dem Konsumentenkreise noch nicht vertrauten Gutes oder einer neuen Qualität eines Gutes. 2. Einführung einer neuen, d.h. dem betreffenden Industriezweig noch nicht praktisch bekannten Produktionsmethode, die keineswegs auf einer wissenschaftlich neuen Entdeckung zu beruhen braucht und auch in einer neuartigen Weise bestehen kann, mit einer Ware kommerziell zu verfahren. 3. Erschließung eines neuen Absatzmarktes d.h. eines Marktes, auf dem der betreffende Industriezweig des betreffenden Landes bisher noch nicht eingeführt war mag dieser Markt schon vorher existiert haben oder nicht. 4. Eroberung einer neuen Bezugsquelle von Rohstoffen oder Halbfabrikaten, wiederum: gleichgültig, ob diese Bezugsquelle schon vorher existierte – und bloß sei es nicht beachtet wurde sei es für unzugänglich galt – oder sie erst geschaffen werden muss. 5. Durchführung einer Neuorganisation, wie Schaffung einer Monopolstellung (z.B. durch Vertrustung) oder Durchbrechen eines Monopols.« (Schumpeter 1911/1993: 100f) Die Veränderung bzw. Erweiterung seines Wissens, zu der der Unternehmer gezwungen ist, betrifft damit: Die Beziehung zwischen Unternehmen und Kunden bzw. Markt (Punkte 1 und 3), zu Lieferanten (Punkt 4), Konkurrenten (Punkt 5) sowie zu sich selbst, d.h. zur eigenen Arbeitsorganisation (Punkte 1 und 2). In all diesen Hinsichten ist es Schumpeter zufolge erforderlich, das bestehende Wissen auf den Prüfstand zu stellen und gegebenenfalls zu verändern, um so neue Handlungsmöglichkeiten zu erschließen, die das Bestehen auf dem Markt der Eigentumswirtschaft auch zukünftig sichern. Mit dieser Forderung beschreibt Schumpeter die Aufgaben des klassischen Unternehmers. Analysen zur Optimierung des Wissensmanagements in Großunternehmen kommen zu einem ähnlichen Ergebnis. Auch hier geht es um das Wissen, das in den von Schumpeter genannten Hinsichten relevant ist, nämlich über interne Organisations- und Betriebsabläufe, Wissen um die Kunden und die Marktkonkurrenz. Dabei kommt die Differenz von Eigentum und Besitz in spezifischer Weise zum Tragen. Orientiert am Eigentum geht es um ein Wissen, Waren (gleichviel, um welche es sich handelt) kostengünstig zu produzieren und gewinnträchtig zu verkaufen, um dadurch die Eigentumsposition zu sichern, d.h., es geht um die Realisierung des Tauschwerts im Sinne von Marx. Davon zu unterscheiden ist ein Wissen um den praktischen Besitzwert von Waren, HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 247 bzw. um den Gebrauchswert. Da Kunden Waren nicht kaufen, um dem kapitalistischen Produzenten bei der Sicherung der Eigentumsposition zu unterstützen, sondern weil sie die Waren benutzen wollen, müssen Produzenten ein umfangreiches Gebrauchswertwissen entwickeln. Schumpeter spricht daher von der besonderen Qualität, die Waren aufweisen müssten. In der Managementliteratur wird ebenfalls explizit darauf hingewiesen, dass das Wissensmanagement beide Aspekte umfassen müsse. Dabei beziehen sich die qualitativen Faktoren auf die Gebrauchswertaspekte. Z.B.: was für eine Art Autos wollen wir bauen? (Nonaka, Toyama 2005: 420) Entsprechend muss die kontinuierliche Veränderung des Wissens sich auf beide Aspekte beziehen – auf die an der Geldrechnung orientierte Tauschwertseite (Eigentum) – und auf die Herstellung der Gebrauchswertseite (Besitz). Insofern das letztere der Fall ist, führt der Veränderungszwang der Eigentumswirtschaft dazu, immer wieder neue Produktangebote auf den Markt zu bringen und damit den praktischen Umgang mit der Welt und den Dingen zu verändern. Unternehmen der Eigentumswirtschaft verändern aufgrund des Innovationszwangs, unter dem sie stehen, immer wieder die praktische Struktur des Lebens aller leiblichen Akteure. Für den kapitalistischen Betrieb heißt das, auf eine doppelte Motivationsstruktur seitens ihrer Arbeitskräfte angewiesen zu sein. Zum einen muss es immer in einem ausreichenden Maß Arbeitskräfte geben, die sachlich motiviert an der Veränderung von Produkten arbeiten und zum anderen Arbeitskräfte, die anhand der Geldrechnung darauf achten, dass sich die Gebrauchswertinnovationen lohnen. Insofern muss das Management insgesamt auf eine ausgewogene Bewertung neuen Wissens achten (Nonaka 1991: 103). Betriebe, die zu weberianisch auf rationale Geldrechnung achten, würden gemäß Schumpeter den kreativen Gebrauchswertaspekt vernachlässigen und deshalb langfristig in Probleme geraten. Das Gleiche gilt aus umgekehrten Gründen für solche Betriebe, die zu sehr auf Sachinnovation abzielen, ohne sich um Entwicklungskosten bzw. Verkaufsaussichten zu kümmern. Es kommt im kapitalistischen Erwerbsbetrieb darauf an, beide Aspekte gleichermaßen zu berücksichtigen. Daraus folgt als insgesamt einzig realistische Einschätzung: Kapitalistischen Unternehmen der Eigentumswirtschaft unterliegen dem Zwang, in der Marktkonkurrenz zu überleben; deshalb werden sie immer wieder neue Gebrauchsangebote machen, die die Umweltbeziehungen der leiblichen Akteure sowohl in der Produktion als auch in der Konsumtion neu formen werden, wenn leibliche Selbste die neuen Vorschläge für praktische Besitzformen annehmen. Wenn man beide Aspekte, d.h. die Eigentums- und Besitzorientierung, zusammen berücksichtigt, führt dies zu der folgenden Einsicht: die kapitalistische Wirtschaft führt aufgrund des ihr immanenten EIGENTUMSWIRTSCHAFT 248 Erneuerungszwangs immer wieder zu einer Umwälzung der praktischen Lebensverhältnisse. Die sich daraus ergebende kontinuierliche Umwälzung der Institutionen des praktischen Besitzens ist die Grundlage für Zeitdiagnosen, die konkretistisch mal diese und mal jene Gesellschaft ausrufen, ohne dass sich bislang strukturell etwas verändert hätte. Es ist allerdings wahr, dass die kontinuierliche Umwälzung der institutionellen Formen des Besitzens den politisch-rechtlichen Bereich chronisch unter Lernstress setzt, denn die neu entstehenden Besitzstrukturen müssen praktisch institutionell in neuen Formen des Gebrauchs abgesichert und die Institutionen des Gebrauchs müssen in eine rechtlich passende Form gebracht werden. Dies führt zu der Frage, ob der kapitalistischen Wirtschaft ein Primat im Rahmen der Ordnung horizontaler Differenzierung zugeschrieben werden muss. 6.3.2 Dominanz der Eigentumswirtschaft? In der Debatte, ob die Eigentumswirtschaft und damit die weltgesellschaftliche Orientierung als dominant im Rahmen horizontaler Differenzierung zu begreifen ist, spielt allerdings weniger die Umwälzung praktischer Besitzverhältnisse bzw. die Institutionalisierung neuer Gebrauchsstrukturen eine Rolle, sondern vor allem der Sachverhalt, dass das Medium der Wirtschaft, das Geld, alle anderen gesellschaftlichen Bereiche durchdringe (Schimank 2009, Beckert 2009). Dies Argument basiert auf der Annahme, dass Geld in der Wirtschaft produziert werde und alle anderen Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge (Politik, Wissenschaft, Recht usw.) auf Geld als vermittelndes Medium angewiesen seien. Diese Annahme ist in Anbetracht der oben entwickelten Geldanalyse allerdings zweifelhaft. Geld wird als Kreditgeld in der Tat in der Wirtschaft geschaffen, allerdings sind die rein wirtschaftlichen Zirkulationen notwendigerweise verschränkt in die politisch-rechtliche Gabenzirkulation, ohne die auch die anderen drei genuin wirtschaftlichen Zirkulationen zusammenbrechen würden. Insofern erweist sich die Prämisse als falsch, Geld sei ein rein wirtschaftliches Phänomen, denn Geld kann nur aus dem Zusammenspiel von eigentumsbasierter Wirtschaft und der modernen Verfahrensordnung der Gewalt verstanden werden. Gegen eine Dominanz der Eigentumswirtschaft spricht auch die Tatsache, dass die fiktiven Waren, ohne die es die Eigentumswirtschaft nicht gäbe, einer Verwaltung durch die Handlungszusammenhänge von Recht und Politik bedürfen, sonst könnten sie nicht zu Elementen der Eigentumsordnung werden. Wissen muss als Patent verwaltet oder als Geschäftsgeheimnis rechtlich geschützt werden, sonst kann es nicht in die Geldrechnung einfließen; Geld bedarf einer sicheren Rechtsprechung HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 249 sowie einer Steuerung durch Zentralbanken und auch der Politik17; die Arbeitskraft muss aus allen anderen Formen der Gewaltunterworfenheit herausgelöst sein, sonst könnten Arbeitskrafteigentümer anderen nicht den Besitz an sich selbst überlassen; die Eigentumsverhältnisse am Boden werden vom Staat verwaltet. Dass es problematisch ist, von einer Dominanz der Eigentumswirtschaft zu sprechen, lässt sich zeigen, wenn man das Verhältnis der unterschiedlichen Zirkulationen zueinander in den Blick nimmt. Die Akteure der Wirtschaft fordern, die unterschiedlichen Zirkulationen so zu gestalten, dass die kreditgetriebenen Zirkulationen c) und d) aufrechterhalten werden. Da die Wirtschaft transnational, d.h. weltgesellschaftlich, ausgerichtet ist, kann dies im Fall der Zirkulation c) mit der Drohung verbunden sein, die gewinnbringende Produktion zu verlegen. Rein orientiert am eigentumsorientierten Gewinn, wäre das vielleicht erfolgversprechend, aber die Einbindung in die institutionellen Arrangements eines Landes können eine solche Drohung auch relativieren. Auf längere Sicht kann es doch profitabler sein, im Lande zu bleiben. Zudem ist es eine Entscheidung der Staaten, ob sie lieber im Sinne einer Regulierung der Wirtschaft kooperieren oder ob sie um Wirtschaftsunternehmen konkurrieren wollen. Wie abhängig Politik und Recht von der Wirtschaft sind, hängt maßgeblich von politischen Faktoren ab, d.h. von internationalen politischen Konstellationen. Je mehr sich Staaten gegeneinander ausspielen lassen, umso eher gelingt es transnational agierenden Wirtschaftsorganisationen bzw. deren Eigentümern von der rechtlich gebundenen Gabenzirkulation in Form von sinkenden Abgaben (Steuern) und steigenden Ausgaben (Subventionen) zu profitieren, ohne selbst Steuerabgaben zu leisten. Zumindest kurzfristig ist die Zirkulation d) am weitest gehenden unabhängig vom Staat und insofern können Akteure der Kreditzirkulation (vor allem Banken) diesen durch die Auswirkungen, die ein Zusammenbruch dieser Zirkulation hätte, kurzfristig am besten unter Druck setzen. Auch hier geht es darum, die rechtsgebundene Gabenzirkulation zugunsten der Eigentümer zu beeinflussen. Wenn Banken so groß sind, dass ihre Pleite einen Zusammenbruch der Kreditzirkulation (Zirkulation d) zur Folge haben könnte, neigen Staaten dazu, Zahlungsverpflichtungen der Banken zu übernehmen. Aufgrund der Verschränkung der Zirkulationen ist das Drohpotential aber nicht nur einseitig. Und: Rein strukturell gesehen bliebe dem Staat die Möglichkeit, die vertikale Zirkulation der Gaben als Rückfallposition zu betrachten. Diese kommt – wie historisch gesehen – auch ohne die drei ökonomischen Zirkulationen aus. Zudem sind die Besonderheiten der gegenwärtigen technologischen Situation zu 17 Vgl. hierzu auch Sahr (2017), der die politische Steuerung der Kreditvergabe analysiert. EIGENTUMSWIRTSCHAFT 250 berücksichtigen. Es ist eine offene Frage, ob die erweiterten Datenverarbeitungs- und Steuerungsmöglichkeiten, die die sich entwickelnde Informationstechnologien bieten, noch sinnvoll in der Eigentumswirtschaft zu nutzen sind. Deshalb könnte das Experiment attraktiv werden, die Institution des Eigentums, d.h. den eigentumsbasierten Warentausch als Allokationsmechanismus, zu riskieren und ihn durch intelligente Technologien zu ersetzen. Evtl. spielen die Akteure der Kreditzirkulation mit einem Feuer, in dem die Eigentumsstruktur selbst zerstört werden kann. Es gibt letztlich nur einen Aspekt, der für eine klare Dominanz der Wirtschaft in der horizontal differenzierten Gesellschaft spricht: die permanente Umwälzung der institutionellen Ordnung des praktischen Besitzens aufgrund des Zwangs zur Innovation, der aus der Marktkonkurrenz der kapitalistischen Produzenten herrührt. Interessanterweise erweist sich gerade die Wirtschaftssoziologie als unfähig, diesen Aspekt ins Auge zu fassen. Hier rächt sich, dass auch die Wirtschaftssoziologie nicht angemessen zwischen Eigentumsorientierung und Besitzorientierung unterscheidet. Beckerts (2012) Versuch, die Sittlichkeit marktlicher Vergesellschaftung aufzuzeigen, bezieht sich auf die Besitz- bzw. Gebrauchswertseite. Mit Bezug darauf geht es um die institutionellen Bindungen und Orientierungen der Marktakteure. Es geht um Konventionen des Lebens, die immer auch um Fragen des »guten Lebens« kreisen, wie Beckert mit Bezug Diaz-Bone und Thevenot festhält. Oder es geht um die Netzwerke und sonstigen institutionellen Arrangements, die die Gebrauchswertseite der Wirtschaft kennzeichnen. Diese besitzorientierten Aspekte begreift Beckert als gesellschaftliche Einbindung der Ökonomie. »Was als Interesse gilt, konstituiert sich im Feld ausgehend von den Regeln des Feldes, der strukturellen Position der Akteure und ihrem Habitus, beruht jedoch nicht auf einem präsozialen individuellen Nutzen oder einer von den Werten der Akteure unabhängigen »Eigenlogik« des Systems. Verbindet man das Feldkonzept mit einer pragmatistischen Handlungstheorie, wie dies etwa in der Soziologie der Konventionen vorgeschlagen wird (Diaz-Bone 2011), lässt sich – stärker als in der Feldtheorie bei Bourdieu – die Kreativität und damit die Kontingenz des Handelns der Akteure in den Vordergrund rücken.« (Beckert 2012: 261) Beckerts Argument lautet hier: Es ist nicht das von der Grenznutzentheorie beschriebene Marktverhalten, das relevant ist, denn dies würde eine ökonomisch-anthropologische Unterstellung enthalten. Es ist auch nicht ein Systemzwang, der wirksam ist, sondern es sind die Wertorientierungen der Akteure, die den Gebrauch der Dinge bzw. ihren Erwerb steuern. Bezogen auf die Unterscheidung zwischen Eigentum und Besitz sind es die institutionalisierten Formen des praktischen Besitzens, in deren Rahmen orientierende Werte gebildet und begründet werden. Auf dieser Grundlage kommt Beckert dazu, das Wirtschaften als institutionell-sittlich eingebunden zu begreifen. Das ist richtig, aber aus der HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 251 Perspektive der Eigentumswirtschaft nur die halbe Wahrheit, die ergänzt werden muss um die andere Hälfte: Die Einbeziehung der den praktischen Besitz steuernden Institutionen und den durch sie geprägten Akteuren ist aus der Perspektive der Eigentumswirtschaft nur das sachlich-soziale Material des Gebrauchswerts, welches das Innovationsfeld für den gewinnorientierten Handlungszwang darstellt. Die eigentumsalso kredit- bzw. gewinngetriebenen Akteure der Wirtschaft müssen, was die Besitz- bzw. Gebrauchswertseite anbelangt, sowohl hemmungs- als auch richtungslos mit den institutionellen Arrangements des Gebrauchs experimentieren. Zu diesem Zweck müssen sie sich, um an die Sitten und institutionellen Arrangements anzudocken, notwendigerweise auf deren institutionalisierte Gebrauchslogik einlassen. Dies geschieht jedoch nur, um das wirtschaftliche Überleben zu sichern, also die Eigentumsposition zu erhalten bzw. in der Konkurrenz auszubauen. Der kreditgetriebene Unternehmer macht sich von den Institutionen des Besitzens nur insofern abhängig, als es darum geht, sie zu dominieren. Wenn man die Institutionalisierung der Trennung von Eigentum und Besitz als Grundlage der Eigentumswirtschaft begreift, erscheint der Versuch Beckerts, sich mithilfe einer weiterentwickelten Feldtheorie gegen die Nutzenorientierung der Wirtschaftswissenschaften zu wenden, theoretisch geradezu widersinnig. Denn die Nutzenorientierung bzw. die Anwendung des Prinzips des Grenznutzens setzt – genau wie die Argumentation Beckerts – auf der Gebrauchswertseite an. Die Grenznutzentheorie bezieht sich ja gerade auf den besitzbezogenen Gütertausch und reflektiert die Besonderheiten der Unterscheidung zwischen Eigentum und Besitz nicht. Von einem Grenznutzen zu sprechen, macht nur Sinn, wenn man den »Geldwert« glaubt mit Bezug auf konkrete Bedürfnisse bestimmen zu können. Da sich Grenznutzen und Feldtheorie auf der Besitzseite befinden, könnte Beckert der Wirtschaftswissenschaft sogar anbieten, mithilfe der Feldtheorie den Grenznutzen besser zu erfassen. Es ginge sozusagen um eine historisierende Einbettung der Grenznutzentheorie, wie sie Hartmut Esser (1993) schon längst vorgeschlagen hat. Damit wird aber verfehlt, dass es bei der Geldrechnung der Eigentumswirtschaft nicht um Besitz geht, also konkreten Nutzen bzw. Grenznutzen, sondern um die Sicherung der Eigentumsposition unter den Bedingungen eines Marktes stets ungewisser Chancen der Eigentumssicherung. Für diese gibt es keinen erreichbaren Grenznutzen, sondern nur das nicht stillbare Verlangen nach Eigentumssicherheit unter den Bedingungen einer ungewissen Realisierung des notwendigen Gewinns. Die Umwälzung der institutionellen praktischen Besitzverhältnisse ist also einerseits die Form, durch die die Wirtschaft in alle gesellschaftlichen Bereiche eindringt, zugleich bindet sich die Wirtschaft aber dadurch auch institutionell in die Institutionen von Besitz und Gebrauch ein. Dies ist der Aspekt, den Beckert einseitig hervorhebt. Dabei übergeht er den EIGENTUMSWIRTSCHAFT 252 anderen Aspekt der gewinnorientierten Realisierung von Eigentumspositionen im Verkauf der Waren. Dieser Aspekt macht die Wirtschaft gleichgültig gegen die institutionalisierten Formen des Besitzes und treibt sie unter dem Zwang der Sicherung von Eigentumspositionen dazu, immer weiter auszugreifen und sukzessiv weltweit in die institutionalisierten Formen des Besitzens mit immer neuen Warenangeboten einzugreifen. Der wirtschaftliche Kampf, d.h. die stete Konkurrenz, wirtschaftlicher Akteure miteinander führt zu Märkten mit mehreren großen Anbietern, die zumeist weltweit im Rahmen unterschiedlicher institutioneller Besitzverhältnisse agieren, die ihnen als solche gleichgültig sind, solange sich Geld verdienen lässt. Dies führt zu einer Dominanz der Wirtschaft, wenn Staaten sich gegeneinander ausspielen lassen und es Großeigentümern gelingt, die gesetzlich gebundene Gabenzirkulation zu ihren Gunsten zu kanalisieren. Nicht das Geld oder die umwälzende Innovationskraft der Wirtschaft führen notwendigerweise zu einer Dominanz der Wirtschaft, sondern die besonderen politischen Herausforderungen, derer es bedarf, um eine international koordinierte Regulation der globalen Eigentumswirtschaft durchzusetzen. Hier sind die Staaten aufgrund der Konkurrenz untereinander strukturell im Nachteil. 7. Wissenschaft (Feld A – und C): Die wissenschaftsgeschichtlichen Studien, die sich mit der Entstehung desjenigen Wissens befassen, das man als modernes wissenschaftliches Wissen bezeichnet, laufen an einem wichtigen Punkt zusammen: die Entstehung dieser besonderen Form der Wissensherstellung wird in die Sattelzeit verlegt, d.h. in die Zeit zwischen 1750 und 1850. Wie bei den bereits beschriebenen Entwicklungen lassen sich wichtige institutionelle Elemente der Herstellungsform wissenschaftlichen Wissens vor allem in England bereits im 17. Jahrhundert identifizieren. Insofern verläuft die Differenzierung des Handlungszusammenhangs Wissenschaft zeitlich parallel mit der Ausdifferenzierung der mitgliedschaftlich verfassten Handlungszusammenhänge von Politik und Recht und der weltgesellschaftlich orientierten Wirtschaft. Die moderne Wissenschaft ist ein Phänomen, dessen institutionelle Drittenkonstellation derjenigen des Feldes A entspricht. D. h.: Die Drittenkonstellation ist quantitativ bzw. mitgliedschaftlich nicht begrenzt, und sie ist gekennzeichnet durch gegenwärtig bzw. zukünftig anwesende Dritte, d. h. kommunikativ adressierbare Dritte. Dies ist die institutionelle Konstellation einer kritischen Öffentlichkeit. Aufgrund ihrer Öffentlichkeit weist die Wissenschaft Bezüge zu den Phänomenen auf, die institutionell den Feldern B (gesellschaftliches Lernen im Sinne der Entwicklung politischer Sachpositionen mitgliedschaftlich verfasster Politik) und C (globale HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 253 normative Festlegung auf einen kognitiven Erwartungsstil) zugeordnet werden. Da Wissenschaft strukturell auf den anwesenden bzw. kommunikativ adressierbaren Dritten orientiert ist, weist sie von ihrer institutionellen Struktur her zudem eine Nähe zu sozialen Bewegungen auf, die Sachpositionen entwickeln und die Dritten in der Politik anwesend machen. Es lassen sich zwei wichtige Voraussetzungen für die Entstehung der horizontal differenzierten Wissenschaft identifizieren. 1. Die übergreifende Legitimationstheorie der großen Kette der Wesen bricht zusammen und wird durch die Theorie des dreifach bestimmten Menschen (natürlich, kulturbildend, moralisch) und die daraus resultierende differentielle Kosmologie ersetzt, in der grundsätzlich zwischen der Natur und dem Bereich der Moral bzw. der Kultur unterschieden wird. 2. Es wird eine Verpflichtung auf eine neue Sensibilität und Moralität des Beobachtens und des Argumentierens institutionalisiert. Dadurch wird die Unterscheidung wahr/unwahr an eine Objektivität gebunden, die sich durch eine besondere Kontrolle von Subjektivität bzw. deren Abwesenheit auszeichnet. Analog zu den Doppelbeschreibungen der Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge von Recht/Politik und Wirtschaft findet sich in der Wissenschaft die Differenz zwischen der Institutionalisierung der Herstellung wahrer Aussagen und Reputation. In der Wissenschaft geht es um die kritische Prüfung von Wahrheitsansprüchen (Sachdimension) und um Reputation, d.h. Statuserfolg in der Konkurrenz unter Wissenschaftlern (Sozialdimension). Mit dieser Doppelbestimmung schließe ich zum einen an die Kennzeichnung von Wissenschaft an, wie sie sich etwa bei Weber oder Luhmann findet. 7.1 Legitimation und institutionelle Praxis der vormodernen Wissenschaft Institutionelle Formen, die eine diskursive Rationalisierung in der Erzeugung von Wissen fordern, finden sich bereits im Rahmen der Legitimationstheorie der großen Kette der Wesen. Diese institutionellen Formen erhalten mit der Gründung von Universitäten seit dem 11. bzw. 12. Jahrhundert auch einen organisatorischen Ort (Ruegg 1993a). Ich stelle zunächst die für die Wissenserzeugung relevanten Aspekte der Theorie der Kette der Wesen dar und skizziere dann die institutionellen Kontrollen der Wissenserzeugung. 7.1.1 Legitimationstheorie der großen Kette der Wesen Die beiden Prinzipien der Fülle und der Kontinuität bilden die Grundlage der Theorie der großen Kette der Wesen. Das Prinzip der Fülle WISSENSCHAFT 254 besagt, »daß das Universum ein plenum formarum ist, in dem die Gesamtheit der denkbaren Fülle von Arten lebender Dinge erschöpfend verwirklicht ist, … daß keine Seinsmöglichkeit unverwirklicht bleiben darf, daß der Umfang und die Fülle der wirklichen Schöpfung so groß wie das Reich der möglichen und der schöpferischen Potenz einer vollkommenen und unerschöpflichen Quelle angemessen sein muß, und daß schließlich die Welt umso vollkommener ist, je mehr Dinge sie enthält.« (Lovejoy 1936/1993: 69f) Dem Prinzip der Kontinuität zufolge besteht die Kette der Wesen aus einer großen und vielleicht sogar unendlichen »Anzahl von Gliedern …, die von den niedersten, gerade noch dem Nichtsein entgangenen Dingen in hierarchischer Abfolge durch alle denkbaren Stufen hindurch zum ens perfectissimum reichten oder, in einer orthodoxeren Version, zu demjenigen höchsten erdenklichen Geschöpf, dessen Abstand zum absoluten Seienden unendlich klein sein mußte; jedes dieser Glieder unterschied sich von dem unmittelbar über und unter ihm durch den ›kleinstmöglichen‹ Grad an Verschiedenheit.« (Lovejoy 1936/1993: 78) Insgesamt kann die Theorie der großen Kette der Wesen nicht als eine einheitliche und konsistente Theorie gelten. Vielmehr wird durch sie ein von Widersprüchen durchzogenes Feld abgesteckt, innerhalb dessen sich von der Antike bis ins 18. Jahrhundert hinein im Wesentlichen die theologischen, philosophischen und wissenschaftlichen Dispute ereigneten. Unabhängig davon, welche Position ein Autor im Einzelnen vertrat, war er durch die Logik dieses Denkrahmens dazu gezwungen, auch eine Aussage dazu zu machen, wie das Verhältnis von Schöpfer und Schöpfung zu denken ist. Allein aus dieser Problemstellung ergaben sich sehr unterschiedliche Konzeptionen: Ist Gott frei, etwas zu schaffen und damit seiner Schöpfung ein Gesetz zu geben, oder ist Gott darauf festgelegt, eine Schöpfung und ihre Gesetzmäßigkeiten hervorzubringen? Anders gesagt: Muss Gott alles schaffen, was ihm zu schaffen möglich ist oder bleibt ihm ein Freiheitsspielraum? Dies waren Fragen, die für die mittelalterliche Theologie und Philosophie zentral waren (vgl. Lovejoy 1963/1993: 90–100) und deren Beantwortung mitunter darüber entscheiden konnte, ob jemand als Häretiker oder rechtgläubig eingestuft wurde. Ein weiterer wichtiger Streitpunkt innerhalb der Theorie der großen Kette der Wesen war die Stellung des Menschen. Sollte die Schöpfung um des Menschen willen da sein, oder sollte man davon ausgehen, dass der Mensch nur ein Glied in der hierarchischen Kette der Wesen ist? Theologisch musste dem Menschen eine besondere Stellung zukommen, da er frei war, sich für das Gute oder das Böse zu entscheiden. Das Gegenargument lautete, dass das Universum geschaffen wurde, »damit alle möglichen Formen des Seienden sich dort, jedes auf seine Weise, darstellen konnten.« (Lovejoy 1936/1993: 228) Alles Geschaffene hat seinen HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 255 Zweck in sich selbst mit Bezug auf die Prinzipien der Fülle, der Kontinuität und der Abstufung. Mit Bezug auf diese Fragen entwickelt sich innerhalb der Theorie der großen Kette der Wesen z.B. die Debatte um das geozentrische und heliozentrische Weltbild. Wenn die Schöpfung für den Menschen da ist, liegt ein geozentrisches Weltbild nahe, denn auf der Erde entscheidet sich das Gelingen des göttlichen Schöpfungsplans: Da nur die Menschen frei sind, sich entweder für das Gute oder das Böse zu entscheiden, hängt es tendenziell von ihnen ab, wie sich die Schöpfung insgesamt entwickelt. Deshalb ist die Erde der Ort, an dem sich das Schicksal der Schöpfung entscheidet. Dies entspricht einem geozentrischen Weltbild. Wenn man dagegen davon ausgeht, dass auch andere erdähnliche Planeten möglich sind, muss man gemäß der deterministischen Auffassung der Schöpfung davon ausgehen, dass Gott diese auch geschaffen hat. Er musste sie schaffen, weil es ihm möglich war. Damit wäre auch die besondere Dramatik des Sündenfalls auf der Erde relativiert, und die Erde verlöre ihre zentrale Stellung im göttlichen Heilsplan. Dies hätte Konsequenzen für das Verhältnis von Schöpfer und Mensch. An diesem Beispiel wird deutlich, wie wenig sich moralische bzw. heilsgeschichtliche Fragen von solchen der Astronomie trennen lassen. Mit dem Übergang von einem geozentrischen zu einem heliozentrischen Weltbild stehen zentrale theologische Aussagen, die das ewige Seelenheil des Menschen betreffen auf dem Spiel. Um genauer zu verstehen, wie solche Streitfragen entstehen konnten, bzw. wie mit ihnen umzugehen war, wende ich mich den institutionellen Kontrollen zu. 7.1.2 Die institutionelle Ordnung der universitären Reflexion Die gesellschaftliche Transformation West- und Mitteleuropas zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert beinhaltete die Wiedererrichtung und Sicherung von Territorialherrschaften, die zum einen die Münzprägung wiedereinführten und zum anderen Universitäten als Orte schufen, an denen Leute für theoretische Reflexion und Verwaltungsarbeit ausgebildet wurden (Ruegg 1993a). Die Universität war als Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden konzipiert. In diesem organisatorischen Rahmen wurde ein besonderes institutionelles Ethos der Rationalisierung von Diskursen entwickelt, dessen Dia-Symbolik sich folgendermaßen beschreiben lässt. In der Sozialdimension wurde die Dia-Symbolik realisiert durch die Möglichkeit, eigene Titel (Bakkalaureat, Lizenziat, Magistergrad, Doktorat) zu vergeben (Ruegg 1993a: 13). Auf diese Weise wurden legitime Sprecherpositionen erzeugt, die festlegten, wer sprechen durfte und wer vom wissenschaftlichen Sprechen auszuschließen war. WISSENSCHAFT 256 In sachlicher Hinsicht wurden wissenschaftliche Diskurse durch systematische Theoriekonstruktionen, z.B. durch die aristotelische Philosophie, gerahmt, eine Institutionalisierung, die sich bis in das 17. Jahrhundert durchhielt. Dabei wurde der Bezug auf Dritte in zweifacher Weise antizipiert. Erstens: Es wurden Dritte in gleicher Position miterwartet, dies beinhaltet eine sachliche Rationalisierung hin auf Schlüssigkeit der Argumentation und Konsistenz der Theorie. Auf diese Weise bildete sich ein Ethos des sachbezogenen und richtigen Argumentierens heraus. Sachlich nicht zu verteidigende Argumente wurden aus dem Diskurs ausgegrenzt. Zweitens: Es mussten autoritative Dritte – vor allem Dritte der theologischen Hierarchie – miterwartet werden, wodurch eine Orientierung an der richtigen Lehre der Kirche erzwungen wurde. Eine Anklage wegen Häresie konnte lebensgefährlich sein. Die beiden unterschiedlichen institutionellen Drittenbezüge hatten bezogen auf die sachliche Ausgestaltung des Diskurses unterschiedliche Konsequenzen. Theologisch autoritative Dritte mitzuerwarten beinhaltete, sich der Gefahr bewusst zu sein, welche Konsequenzen es haben konnte, wenn ein vorgetragenes Argument mit der herrschenden Lehre der Kirche nicht übereinstimmte. Ein Beispiel hierfür war die oben bereits aufgeführte Frage, ob ein geozentrisches oder heliozentrisches Weltbild als wahr gelten sollte. Im Rahmen der übergreifenden Legitimationstheorie der großen Kette der Wesen wäre prinzipiell beides möglich gewesen. Denn auch im Rahmen eines heliozentrischen Weltbildes wäre auf den anderen Planeten bzw. in den anderen Sonnensystemen all dasjenige zu erwarten, was Gott geschaffen hatte. Dennoch widersprach das heliozentrische Weltbild bis in das 17. Jahrhundert hinein der kirchlichen Lehrmeinung, die das irdische Heilsgeschehen in den Mittelpunkt rückte. Trotzdem war es möglich, die häretische Theorie argumentativ weiterzuentwickeln, solange sie als Hypothese behandelt wurde (Bieri/ Masciadri 2008). An diesem Beispiel wird deutlich, wie die beiden institutionellen Orientierungen aufeinander bezogen wurden. Es gab zum einen die Notwendigkeit, ein Argument schlüssig zu entfalten. Dies erfolgte im Rahmen der Denkmöglichkeiten der Kette der Wesen. Diese erlaubte es, auch das heliozentrische Weltbild für möglich zu halten und theoretische Neuerungen zu formulieren. Solange möglicherweise ketzerische Gedanken als Hypothese behandelt wurden, war es unproblematisch, diese mit aller begrifflichen Schärfe und theoretischen Konsequenz auszuformulieren. Denn als Hypothese war die Aussage nicht wahr und spielte daher keine Rolle, wenn es darum ging, das Verhältnis von Schöpfer und Schöpfung zu behandeln. Erst wenn die Hypothese als wahr behauptet würde, würde sie die Autorität der Kirche herausfordern. Diejenige Drittenstruktur, die eine Rationalisierung der Argumentation erzwingt, führte zu sich immer feiner unterscheidenden Theorien HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 257 und zur Bildung von Denkschulen, die sich polemisch gegenüberstanden. Diese spezifisch theoretisch orientierte institutionelle Steuerung der Aufmerksamkeit verlor – wenn auch eher langsam – im Verlauf des 16. und 17. Jahrhunderts an Bedeutung zugunsten der Beobachtung und des Experiments (Daston 1995: 16). Nicht nur die Theorie bzw. die Interpretation von Beobachtung und Experiment sollten im Mittelpunkt stehen, sondern auch das Beobachtete bzw. das Beobachten und die handwerkliche Durchführung des Experiments, wobei der Primat der Theorie bis ins 17. Jahrhundert erhalten blieb (Daston/Park 1998: 242f). Die neue institutionelle Orientierung der wissenschaftlichen Aufmerksamkeit hatte eine für uns Gegenwärtige seltsame Implikation. Da die Fokussierung hin auf Beobachtung und Experiment (auch) als Kritik an der universitären auf Theoriestreit ausgerichteten Wissenserzeugung erfolgte, wurden seit dem 16. Jahrhundert Wunder und Wunderbares verstärkt zum legitimen Gegenstand der gelehrten Aufmerksamkeit. Denn das Außergewöhnliche diente dazu, die argumentativ erzeugte Gültigkeit von Theorien in Frage zu stellen (Daston 1995: 16). In dem Maße, in dem die gelehrte Aufmerksamkeit nicht mehr nur den Theorien und der Argumentation galt, sondern auch der Beobachtung, entwickelte sich eine institutionelle Kontrolle der Haltung zur Welt. Diese beinhaltete zunächst, gegenüber den realen und möglichen Objekten des Wissens eine Haltung des Staunens, des Sich-beeindrucken-lassens einzunehmen (Daston/Park 1998: 17). Hierbei handelte es sich um eine Anforderung an die gebildeten Eliten (Daston/Park 1998: 18). Eine solche Haltung nicht einnehmen zu können, galt eher als das Merkmal der einfachen Leute, die nicht die beschränkten Grenzen der üblichen Erfahrung überschreiten konnten. Die Orientierung am Ehrenmann war zentral für die Ausbildung institutioneller Kontrollen, die für die Darstellung von Beobachtungen und/oder Experimenten sowie für die Kontrolle der Gültigkeit von Argumenten galten. Einem Gentleman bzw. einer sozial hochgestellten Persönlichkeit musste man eher Vertrauen schenken als einfachen Bauern. Für die Einschätzung von Zeugen eines Experiments sollten dieselben Kriterien gelten, wie sie für die Einschätzung von Zeugen vor Gericht galten. Sie sollten fähig sein, etwas wahrzunehmen und sie sollten sozial vertrauenswürdig sein. Damit kommt eine subjektive, aber nicht durch die Wissenschaft selbst erzeugte Qualifikation ins Spiel, denn soziale Vertrauenswürdigkeit hing von der allgemeinen sozialen Position ab (Shapin 1984: 489). Die institutionelle Kontrolle der Aufmerksamkeit in Richtung auf das Außergewöhnliche, das dazu angetan ist, allgemeinen Theorien zu widersprechen, verband die sich entwickelnde empirische Wissenschaft mit einem lang existierenden Diskursstrang um Wunder und das Wunderbare. Dieser Diskurs wurde jetzt auch in einer gelehrten Weise begründet. Die Theorie der Kette der Wesen wurde ganz allgemein zu einem WISSENSCHAFT 258 Programm des Staunens, erlaubte sie doch die Annahme, dass die Schöpfung unendlich ist und auch die Existenz von Dingen einschließt, die der gewohnten Erfahrung wiedersprechen. Dem deterministischen Verständnis der Theorie der Kette der Wesen zufolge musste Gott dasjenige schaffen, das ihm zu schaffen möglich war. Es war daher ausgeschlossen, dass Menschen sich etwas vorstellen können, das nicht irgendwo auf der Welt oder im Universum auch existierte. 7.1.3 Die Neuordnung des Verhältnisses zum autoritativen Dritten Am Beispiel des Konflikts um die Aussage, dass es im Rahmen des heliozentrischen andere erdähnliche Planeten gibt, wird deutlich, dass jede Aussage institutionell in zwei Drittenbezüge eingeordnet ist. Zum einen in die institutionelle Konstellation des kollegial miterwartenden Dritten und zum anderen in diejenige des autoritativ miterwartenden Dritten, der nicht nur sachlich erwartet, sondern auch die an der Lehrmeinung der Kirche orientierten Erwartungen mit Gewalt durchzusetzen vermag. Beide Drittenbezüge können in ein harmonisches Verhältnis gebracht werden. Im Fall des heliozentrischen Weltbildes gelang dies dadurch, dass letzteres als Hypothese behandelt wurde. Wenn allerdings die ketzerische Hypothese als wahr behauptet wird, geraten die Drittenbezüge miteinander in Konflikt. Das möglicherweise konflikthafte Verhältnis zwischen der Drittenstruktur der argumentativen Prüfung und derjenigen des theologischhie rarchisch mit zu erwartenden Dritten verschärfte sich unter den Bedingungen der Kirchenspaltung. Die Ablösung der protestantischen bzw. reformierten Kirchen von der katholischen Kirche führte nicht nur zu einer Spaltung des Glaubens, sondern aufgrund der engen Verbindung von Glaube und Zentralgewalt auch zu heftigen militärischen Auseinandersetzungen um die Vorherrschaft in den jeweiligen Herrschaftsgebieten. In England, in dem sich die institutionellen Strukturen der Wissenschaft früh entwickelt hatten, entstand schließlich eine institutionelle und organisatorische Neuordnung, durch die der Konflikt zwischen diesen Drittenorientierungen systematisch entschärft wurde. Die Lösung besteht institutionell in einer Halbierung des alten Erkenntnisanspruchs, der sowohl die Ordnung der Natur als auch die Ordnung des irdisch-menschlichen Zusammenlebens und dessen Jenseitsbezug umfasste. Solange die Theorie der Kette der Wesen galt, gab es ein einheitliches Wissen, das sowohl die Natur als auch die Fragen des gerechten Zusammenlebens unter den Menschen und ihr mögliches Seelenheil betraf. Eine experimentelle wissenschaftliche Forschung, die sich in diesem theoretischen Rahmen bewegte, konnte zu immer neuen Streitigkeiten führen. Denn sie konnte einander widersprechende Aussagen stützen, was HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 259 zu neuem religiös-gesellschaftlichem Streit führen konnte. Dies Problem bestand vor allem dann, wenn die Experimente quasi im Geheimen, also nicht öffentlich, durchgeführt wurden. Die Experimente sollten zwar öffentlich stattfinden, und die Ergebnisse sollten nur gelten, wenn sie von Beobachtern als gültig anerkannt wurden (Shapin/Schaffer 1985). Aber es galt als fraglich, ob die Öffentlichkeit tatsächlich gegeben wäre. Thomas Hobbes, einer der wichtigen Kritiker der experimentellen Wissenschaft, argwöhnte, dass die Öffentlichkeit nur scheinbar wäre und es sich vielmehr um private, durch lokale Autoritäten bestimmte Veranstaltungen handeln würde (Shapin/Schaffer 1985: 112ff). Folglich wäre es nicht möglich, zu einem Konsens zu kommen, wenn es privaten Herren erlaubt wäre, den Anspruch zu erheben, in ihren Zirkeln zu einer wahren Erkenntnis über die Natur zu kommen. Diese Erkenntnisse könnten immer wieder mit der autoritativen kirchlichen Lehre in Konflikt kommen und so zu neuen gesellschaftlichen Konflikten führen. Shapin und Schaffer (1985) rekonstruieren den daraus resultierenden Konflikt zwischen den Gegnern und Proponenten der experimentellen Philosophie, namentlich Hobbes (Gegner) und Boyle (Befürworter), ausführlich. Hobbes hält die experimentelle Forschung für politisch gefährlich. Dies ist nur verständlich, wenn man die Geltung der Prinzipien der Fülle und der Kontinuität zugrunde legt. Denn nur unter dieser Voraussetzung müssen die Erkenntnis des Guten und die Erkenntnis der Natur auf eine Ursache zurückgeführt werden, sind die Fragen der Naturerkenntnis und der Einsicht in die Bildung einer gerechten politischen Ordnung untrennbar miteinander verbunden. Der Konflikt um die neue Wissenschaft wurde durch eine organisatorische Innovation (Gründung der Nationalen Wissenschaftsgesellschaften) sowie eine institutionelle Neuordnung der Aufmerksamkeit gelöst, die einer Trennung von Erkenntnisansprüchen entspricht. Danach soll die Erkenntnis der Natur einhergehen mit einem Verzicht darauf, sich in Fragen einzumischen, die »‘…Divinity, Metaphysics, Moralls, Politicks…« (Hooke, zitiert nach van den Daele 1977: 139) betreffen. Dies wird von Hooke in dem Entwurf für die Statuten der 1662 gegründeten »Royal Society« explizit formuliert. Bei dieser handelte es sich neben der französischen »Academie des Sciences« (1666 in Paris gegründet) um die zu ihrer Zeit wichtigste nationale Wissenschaftsgesellschaft. Die experimentelle Philosophie erhält durch diese Gründungen einen neuen organisatorischen Ort neben der Universität. Als Bedingung dieser Neuordnung wird eine neue institutionelle Orientierung der Aufmerksamkeit festgeschrieben. Es soll bei der experimentellen Wissenschaft nicht mehr nach den Ursachen oder dem zureichenden Grund der Natur bzw. der Schöpfung gefragt werden, denn dies würde sie notwendigerweise auf die Frage nach Letztursachen und folglich auf die Frage nach dem Verhältnis von Schöpfer und Schöpfung und damit evtl. zu einem Dissens WISSENSCHAFT 260 mit den etablierten Autoritäten und deren Moral bringen. Boyles Strategie, die neue Wissenschaft zu legitimieren, bestand darin, zwischen »physiological« und »metaphysical languages« (Shapin 1984: 500) zu trennen, um es auf diese Weise zu vermeiden, in die metaphysischen Debatten um Ursachen und den Bezug zur letzten Ursache (Gott) hineingezogen zu werden. Die Trennung zwischen einerseits Wissenschaft und andererseits Glauben, Metaphysik, Moral und Politik war die Voraussetzung für die Etablierung der modernen Wissenschaft als einer neuen, von den herrschenden Institutionen abweichenden Form wissenschaftlichen Handelns. Sie hielt zwar an der schon von der scholastischen Universitätsphilosophie gehegten Erwartung fest, dass jede Kritik an einer vorangegangenen Theorie bzw. deren Interpretation eine Prüfung durch Dritte antizipiert. Zugleich folgte sie aber auch der neuen institutionellen Kontrolle der Aufmerksamkeit hin auf das Handwerk der Beobachtung und des Experiments, und sie erkannte die Halbierung des Erkenntnisanspruchs an, d.h. die Beschränkung auf die funktionalen Bedingungen der Beobachtung bzw. der experimentellen Forschung (vgl. hierzu van den Daele 1977: 159) 7.2 Legitimation und institutionelle Praxis der modernen Wissenschaft Die moderne Wissenschaft entwickelt sich auf dieser Grundlage. Sie beinhaltet eine Umwälzung auf der Ebene der Legitimationstheorie und eine Weiterentwicklung der institutionellen Kontrolle der Aufmerksamkeit, die nun auch eine Kontrolle der subjektiven institutionellen Erkenntnisposition einschließt. Damit wird die Diabolik in der Sozialdimension verschärft, denn es wird in einem stärkeren Maße kontrolliert, wer wie eine Sprecherposition einnehmen kann. 7.2.1 Die Legitimationstheorie des modernen Wissens Auf der Ebene der Legitimationstheorie ist es wichtig, dass mit der Auflösung des einheitlichen Erkenntnisanspruchs, der die wahre Erkenntnis der Natur und des moralisch Guten gleichermaßen umfassen konnte, die Theorie der Kette der Wesen irrelevant wurde. Deren Gültigkeit basierte darauf, dass die Natur sowie die gerechte Ordnung im Diesseits und Jenseits gleichermaßen aus dem Verhältnis von Schöpfer und Schöpfung heraus begriffen werden konnte. Bereits die vormoderne Wissenschaft hatte die Erkenntnis der Natur und ihrer funktionalen Zusammenhänge von der metaphysisch aufgeladenen Frage nach Ursachen sowie von HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 261 Glaubensfragen und der Erkenntnis des Guten getrennt (siehe den vorhergehenden Abschnitt). Aber prinzipiell galt es im 17. Jahrhundert noch als möglich, eine solche Verbindung von berufener Seite herzustellen. Die großen Philosophen dieser Zeit, Descartes und auch Leibniz, entwickelten ihre Theorien im Rahmen der Theorie der Kette der Wesen. Die frühen Naturforscher waren lediglich enthaltsam in dieser Sache. Zu einer Auflösung der Theorie der Kette der Wesen kam es erst, als die Erkenntnis der Natur und diejenige der gerechten Ordnung unterschiedlichen Erkenntnisansprüchen zugeordnet wurden. Mit Bezug auf die Legitimationstheorie des Wissens war die Verabschiedung des Kausalprinzips zentral, welches darauf abzielte, alle Ursachen auf eine weitere Ursache und schließlich auf eine Letztursache, Gott als Schöpfer, zurückzuführen. Hume hatte in der Mitte des 18. Jahrhunderts die rationalistische Vorstellung des Kausalprinzips als notwendiger Verknüpfung von Ursache und Wirkung kritisiert. Stattdessen, so Hume, gebe es lediglich eine beobachtbare Abfolge von Ereignissen. Wenn Ereignisse regelmäßig aufeinander folgen, würden Menschen die Erwartung entwickeln, dass das zweite Ereignis auf das erste folgen würde. Hierbei handele es sich aber nicht darum, dass die Wirkung aus der Ursache folge, sondern um einen Zusammenhang, der aufgrund einer erfahrenen Regelmäßigkeit hergestellt werde. (Hirschberger 1953/1979: 232f) Hume entwickelt insgesamt eine Erkenntniskritik, die die Bedingungen der Erkenntnis Welt in den sinnlichen und psychologischen Gegebenheiten der menschlichen Subjekte findet. Mit seiner empiristischen Position formuliert Hume die für den angloamerikanischen Sprachraum zentrale Legitimationstheorie der sich entwickelnden modernen Naturwissenschaft. In der kontinentaleuropäischen Philosophie gewinnen die kritischen Schriften von Kant eine bedeutsame Position. Im Werk Kants verdichtet sich geradezu paradigmatisch der Übergang von der Theorie der großen Kette der Wesen hin zum modernen Verständnis des Menschen. Die frühen Schriften Kants konnten von Lovejoy noch als Beleg für die Gültigkeit der Theorie der Kette der Wesen begriffen werden (Lovejoy 1936/1993: 227, 234). Danach konnte alles Existierende auf die Schöpferkraft eines allmächtigen Gottes zurückgeführt werden. Kant setzte sich auch ausführlich mit der Möglichkeit auseinander, »das Dasein Gottes aus den Wirkungen desselben zu erkennen« (Kant 1763/1977: A10118). Dabei bezog er explizit die Möglichkeit ein, Gott könnte auch durch Wunder bewiesen werden (Kant 1763/1977: A10219). Nachdem Kant die Erkenntniskritik Humes in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts verarbeitet hatte, verabschiedete er sich von den 18 S. 682 der Suhrkampwerkausgabe 19 S. 682 der Suhrkampwerkausgabe WISSENSCHAFT 262 Denkfiguren der großen Kette der Wesen. In der »Kritik der reinen Vernunft« wandte er sich in dem Abschnitt »Von den Beweisgründen der spekulativen Vernunft, auf das Dasein eines höchsten Wesens zu schlie- ßen« (Kant 1787/1956: 561–604, B612–B670) gegen die Möglichkeit eines jeden Gottesbeweises. Die Sicherheit der Erkenntnis werde nicht durch Gott garantiert, sondern durch die in den Erkenntnissubjekten, also den Menschen, notwendigerweise anzunehmenden apriorischen Bedingungen des Erkennens (vgl. Kant 1787/1956: 19f, BXVI). Wichtig war dabei, dass auch die Frage nach den Ursachen bzw. das Verhältnis zwischen Ursache und Wirkung als Bestandteil der konstruktiven Leistung des Subjekts begriffen wurden (Kant 1787/1956: B: XXVII ff). Es wurde damit unmöglich, von den sinnlichen Erscheinungen ausgehend zu notwendigen Ursachen zu gelangen. Der Theorie der Erkenntnis der Natur, der »Kritik der reinen Vernunft«, folgte im Weiteren mit der Kritik der praktischen Vernunft die Theorie der moralischen Erkenntnis. Damit formulierte Kant stilbildend für die weitere Debatte eine der ersten Begründungen der Differenz der Erkenntnisansprüche, die sich auf empirisch-wissenschaftliche Wahrheit und Moral beziehen. Diese Erkenntnisansprüche könnten nur noch von ihrer Differenz her gedacht, aber nicht mehr auf einen einheitlichen Grund zurückgeführt werden. Als Bedingung der Differenz kann nur noch das menschliche Subjekt verstanden werden, das in sich widersprüchlich bestimmt ist als empirisches und vernünftiges bzw. moralisches Wesen. Wie die große Kette der Wesen ist die Theorie des in sich widersprüchlich bestimmten Menschen und die daraus resultierende differentielle Kosmologie keine einheitliche Theorie. Stattdessen definiert sie den Rahmen des Wissens bzw. des Wissbaren und legt auf diese Weise fest, worüber gestritten werden kann. Die Möglichkeiten des Problematisierens beziehen sich vor allem auf die Differenz der Erkenntnisansprüche und dabei zentral auf das Verhältnis zwischen Erkenntnissubjekt und dem Objekt des Erkennens. Hierbei steht die zweifache bzw. dreifache Bestimmung des Menschen als Erkenntnissubjekt im Mittelpunkt. Kant hatte zunächst zwei unterschiedliche Erkenntnisansprüche formuliert, denen zufolge die Erkenntnis der Natur und die vernünftige Einsicht in das moralisch Richtige zu unterscheiden wären. Bereits im kantischen Werk wurde allerdings deutlich, dass diese Unterscheidung nicht ausreichte, denn das Lebendige ließ sich nicht eindeutig darin unterbringen. Dieses Problem bearbeitete Kant in der Kritik der Urteilskraft (Kant 1790/1924), die eine Theorie des Lebendigen enthielt, welche dieses in Analogie zur Selbstzweckhaftigkeit des freien Handelns des menschlichen Moralsubjekts begriff (vgl. Lindemann 2014c). Damit war zwar keine Lösung betreffs der Einordnung des Lebendigen formuliert, aber ein Problem identifiziert, welches mit dem Zerfall der zuvor einheitlichen Welterkenntnis in zwei unterschiedliche Erkenntnisbereiche entstanden HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 263 war. Denn das Lebendige war im Rahmen dieser Erkenntnisansprüche nicht gut unterzubringen. Die Philosophie der Biologie entwickelte sich im Wesentlichen als Entfaltung dieses Problems. Kann das Lebendige auf physikalische und chemische Vorgänge reduziert werden? Oder enthält es eine besondere Qualität, die in dieser Reduktion verloren zu gehen droht? (vgl. Krohs/Toepfer 2005) Eine über Kant hinausgehende Differenzierung der Erkenntnisansprüche erfolgte im Verlauf des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit der Entwicklung der Kultur- und Sozialwissenschaften. Die bei Kant paradigmatisch ausformulierte Doppelbestimmung des Menschen wurde zum Teil in direkter Auseinandersetzung mit Kant durch eine dritte Bestimmung ergänzt: die Fähigkeit, unterschiedliche Kulturen zu schaffen (Lindemann 2014b), weshalb sich im Laufe des 19. Jahrhunderts bzw. im Übergang zum 20. Jahrhundert ein Verständnis durchsetzte, wonach es von Menschen geschaffene kulturelle Ordnungen gäbe, die es zu verstehen gälte, während die Natur gemäß allgemeinen Gesetzmäßigkeiten erklärt werden könne (vgl. Descola 2005/2011; Kroeber, Kluckhohn 1952, Lindemann 2014a). Das Problem des Lebendigen blieb bestehen. Hier stellt sich die Frage, ob es sich um ein Phänomen handelt, das diesseits der Trennung zwischen kulturwissenschaftlichem Verstehen und naturwissenschaftlichem Erklären angesiedelt und insofern beiden Erkenntnisansprüchen zugänglich ist (vgl. hierzu auch Plessner 1928/1975). Die Theorie der großen Kette der Wesen wurde damit abgelöst durch die Theorie des dreifach bestimmten Menschen und der dadurch bedingten unterschiedlichen drei Erkenntnisansprüche. Erstens: Der Mensch ist ein natürliches Wesen in einer natürlichen Umwelt, die es zu erklären gilt; zweitens: Der Mensch ist ein kulturbildendes Wesen, welches in einer von ihm je selbst geschaffenen sozio-kulturellen Umwelt lebt, insofern gilt es den Menschen und seine sozio-kulturellen Bildungen zu verstehen; drittens: der Mensch ist ein Wesen, dem eine vernunftgeleitete Einsicht in das moralisch Gute möglich ist, die weder durch seine Natur noch seine Kultur bedingt ist. Mit dieser Analyse schließe ich an die Einsicht Foucaults an, wonach die besondere Stellung des Menschen als das Kennzeichen der modernen Ordnung des Wissens zu begreifen ist. Danach ist der verkörperte Mensch für das moderne Wissen zentral, weil er sowohl die (transzendentale) Bedingung des Wissens als auch den empirischen Gegenstand des Wissens bildet (Foucault 1966/1971: 384ff, 410ff). Foucault hat hiermit das entscheidende Merkmal des Übergangs von der klassischen Episteme, die noch zur Theorie der Kette der Wesen gehörte, zur anthro pologischen Ordnung des modernen Wissens herausgearbeitet. Der Mensch als Subjekt-Objekt des modernen Wissens ist nicht mehr in eine übergreifende Ordnung eingebunden wie die Seelenindividuen, die WISSENSCHAFT 264 in die große Kette der Wesen integriert waren und in dieser einen Platz hatten. Die Körperindividuen existieren als natürliche Wesen in der Zeit ohne Einbindung in die Ewigkeit und haben eine Geschichte mit offenem Ausgang, d.h. eine Geschichte und eine Kultur, die sie selbst machen und moralisch beurteilen können. Um die charakteristische Doppelstellung des dreifach bestimmten Menschen zu erfassen, ist es sinnvoll, die Formel von der empirisch-transzendentalen Dublette allgemeiner als Reflexionsdublette zu begreifen: Der Mensch macht sich und die natürliche bzw. kulturelle Umwelt, in der er lebt, zum Gegenstand. Konkret heißt das: Gemäß der Bestimmung, wonach der Mensch ein natürliches Wesen in einer natürlichen Umwelt ist, macht er sich und seine Umwelt zum Gegenstand seiner Forschung. Gemäß der Bestimmung, wonach der Mensch ein kulturbildendes Wesen in einer sozio-kulturellen Umwelt ist, macht er sich und seine sozio-kulturelle Umwelt zum Gegenstand seiner Forschung. Gemäß der dritten Bestimmung, wonach der Mensch ein vernünftiges bzw. moralisches Wesen ist, macht er seine Erkenntnis und die Möglichkeit, allgemeine moralische Einsichten zu bilden, zum Gegenstand. Wenn man den dreifach bestimmten Menschen in diesem Sinn als Subjekt-Objekt-Dublette begreift, gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten, wie diese gestaltet sein kann: a) die Subjekt-Objekt-Differenz wird innerhalb eines jeweiligen Erkenntnisanspruchs formuliert, b) die Subjekt-Objekt-Differenz wird als Relationierung unterschiedlicher Erkenntnisansprüche entfaltet. Im Rahmen von Fall a) geht es darum, zunächst die drei unterschiedlichen Erkenntnisansprüche zu differenzieren: den natürlichen, den kulturellen und den vernunft- bzw. moralbezogenen Erkenntnisanspruch. In jeden dieser Erkenntnisansprüche wird die Subjekt-Objekt-Differenz eingetragen. Dies heißt für den Menschen als natürliches Wesen: Der Mensch ist als natürliches Wesen das Subjekt des Erkennens, welches sich selbst als ein natürliches Wesen und seine natürliche Umwelt erkennt. Hierbei ist die Subjekt-Objekt-Dublette klar ausgebildet: es gibt die Forscher als körperliche Sinnenwesen, welche die Natur einschließlich des menschlichen Körpers zum Gegenstand machen. Wenn auch die Subjektseite ausschließlich im Sinne eines empirisch-feststellbaren Beobachtungssubjekts verstanden wird, führt dies eher zum Empirismus als Legitimationstheorie. In diesem Sinne können sich unterschiedliche Legitimationen der naturwissenschaftlichen Forschung entwickeln, die aber auf den Menschen als Erkenntnissubjekt bezogen bleiben. Sinnentsprechend gilt auch für die anderen beiden Erkenntnisansprüche, dass sie eine interne Subjekt-Objekt-Unterscheidung einführen und eine oder mehrere entsprechende Legitimationstheorien entwickeln. Fall b) bezieht sich darauf, dass ein Erkenntnisanspruch auf der Subjektseite als Bedingung des Erkennens auftaucht, während Phänomene, HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 265 die eher einem anderen Erkenntnisanspruch zuzuordnen wären, zum Objekt gemacht werden. Diese Relationierung der Erkenntnisansprüche führt zu einem Streit um das Primat zwischen zwei konkurrierenden Erkenntnisansprüchen. Denn der Erkenntnisanspruch, der auf der Objektseite verortet wird, löst sich als Erkenntnisanspruch notwendiger Weise auf. Um das Argument an einem Beispiel zu verdeutlichen: Wenn es als Bedingung der Erkenntnis gilt, dass der Mensch ein rein natürliches Wesen ist und der Mensch als kulturbildendes Wesen zum Gegenstand gemacht wird, wird der eigenständige Erkenntnisanspruch der Sozialund Kulturwissenschaften, der vom Menschen als einem durch Kulturbildung bestimmten Wesen ausgeht, verneint, denn Kulturbildung wird auf Natur bzw. den natürlichen Konkurrenzkampf zurückgeführt, weshalb es keines eigenständigen Erkenntnisanspruchs bedarf, um den Menschen als kulturbildendes Wesen zu untersuchen. 7.2.2 Subjekt-Objekt-Stellung innerhalb der Erkenntnisansprüche Die Doppelstellung als Subjekt und Objekt des Wissens bezieht sich auf alle der drei genannten Bestimmungen. Der Mensch ist als Naturwesen durch seine Sinne und die Verarbeitungsmöglichkeiten des Gehirns determiniert und erkennt sich zugleich als ein Wesen, das sinnlich wahrnimmt und Informationen neuronal verarbeitet (vgl. Roth 1997). In diesem Sinne kann der Mensch sowohl sich selbst als auch die umgebende Umwelt zum Gegenstand seiner Forschung machen. Dabei sind immer die natürlichen bzw. empirischen Grenzen seiner Wahrnehmungs- bzw. allgemeiner seiner Erfahrungsfähigkeit (Hume) zu berücksichtigen. In dieser Hinsicht unterscheiden sich Menschen nicht grundsätzlich von Tieren, deren Wahrnehmung ebenso durch ihre empirische Natur determiniert wird. Die naturwissenschaftliche Erforschung des Menschen unterminiert beständig die Mensch-Tier-Grenze. Stilbildend hierfür werden die Auseinandersetzungen um das Werk Darwins (für einen aktuellen Überblick vgl. Engels 2009). Zugleich wird durch die Praxis des Forschens aber auch die Mensch-Maschine-Grenze in Frage gestellt. Denn insofern der Mensch als subjektive Bedingung der Erkenntnis der Welt fungiert, können seine organischen Wahrnehmungsgrenzen in kontrollierter Weise durch technische Apparaturen ersetzt werden. Menschen sind technisch schlechte Wahrnehmungs- und Aufzeichnungsapparate, weshalb sie seit dem 19. Jahrhundert im Bereich der experimentellen Naturwissenschaft zunehmend durch technische Apparate ersetzt werden (vgl. Daston, Galison 1992: 98ff). Ideal wäre eine vollständig automatisierte Erkenntnis, die gänzlich von menschlicher Subjektivität gereinigt wäre. Die schlechten empirischen Bedingungen des Wahrnehmens auf der Subjektseite werden durch bessere, d.h. nichtsubjektive, empirische WISSENSCHAFT 266 Bedingungen, d.h. technische Apparaturen, ersetzt. Diejenigen Wissenschaften, die auf eine technische Kontrolle bzw. technische Ersetzung des Erkenntnissubjekts zielen, haben entsprechend einen starken Hang zur naturorientierten Variante der modernen Legitimationstheorie. In diesem Sinne erforschen die meisten Naturwissenschaften in einer technisch objektivierten Weise sowohl die Natur als auch den Menschen als ebenfalls zu erklärendes Element der Natur. Da im Rahmen eines naturorientierten Selbstverständnisses der Wissenserzeugung das körperliche Individuum zur entscheidenden Bedingung der Erkenntnis wurde, war es naheliegend, den Geschlechterunterschied in seiner Bedeutung für die Erzeugung von Wissen zu berücksichtigen. Gemäß der körperlich begründeten Differenzierung der Geschlechtscharaktere (Hausen 1976, Honegger 1991) folgte daraus im 19. Jahrhundert, dass Frauen aufgrund ihrer Physiologie nicht für die Wissenschaft gemacht waren. Sie galten als unfähig, von ihrer Subjektivität abzusehen, sie waren zu empfindsam und zu wenig rational, um wahre Aussagen formulieren zu können.20 Diese Position wurde nicht aufgrund wissenschaftlicher Einsicht in die physiologische Fähigkeiten von Frauen, sondern aufgrund politischer Kämpfe und unter starkem Bezug auf die anderen beiden Erkenntnisansprüche aufgegeben (s.u. Kap. 3). Der zweite Erkenntnisanspruch begreift den Menschen als ein durch Kultur bestimmtes Wesen. Danach bildet der Mensch Kulturen und wird durch diese bestimmt. Als ein solches Wesen ist der Mensch das Subjekt des Erkennens. Analog zur mechanischen Ersetzung der menschlichen Subjektivität in der Forschung findet sich im Rahmen dieses Erkenntnisanspruchs eine Kontrolle der beobachtenden/interpretierenden Subjektivität. Diese wird dem Verdacht ausgesetzt, durch die Bedingungen ihrer eigenen Kultur, d.h. durch Sprache und kulturell erzeugte historische Apriori (Foucault) ihres Denkens in der Erkenntnis sowohl der eigenen Kultur als auch anderer Kulturen begrenzt zu sein. Es wurde daher notwendig, die eigene Erkenntnisposition zu reflektieren, um so die Subjektivität zu kontrollieren und idiosynkratisch gefärbte Aussagen über den beobachteten Gegenstand zu vermeiden. Wenn man die Subjekt-Objekt-Dublette in dieser Weise versteht, wird man auf zwei Probleme geführt. Erstens: Die Bindung an die eigene Kultur erschwert das Erkennen anderer Kulturen bzw. macht diese evtl. sogar unmöglich. Zweitens: Es wird zu einem Problem, ob man sich von der eigenen Kultur weit genug distanzieren kann, um ihre wesentlichen erkenntnisbedingenden Merkmale überhaupt zu erkennen, denn 20 Wie dramatisch sich zumindest für einige die körperlich bedingte Unfähigkeit von Frauen zur Wissenschaft darstellte, kommt bereits im Buchtitel des Neurologen und Psychiaters Paul Julius Möbius zum Ausdruck: »Der physiologische Schwachsinn des Weibes« (Möbius 1900/1903). HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 267 diese determinieren ja auch die eigene Beobachtung. Mit Bezug auf das erste Problem hat sich eine ausführliche Debatte um die Möglichkeit des Verstehens anderer Kulturen entwickelt (vgl. hierzu die Textsammlung in Berg/Fuchs 1993), bei der es darum geht, ob das Andere nicht notwendigerweise fehlrepräsentiert würde. Die Debatte um die zweite Erkenntnisschwierigkeit führte zu einer ausführlichen Kritik der gesellschaftlichen Gebundenheit des Erkennens. Stilbildend hierfür waren die Arbeiten Diltheys und von Georg Misch (1929–30/1967) sowie von Karl Mannheim (1929/1985) und der an ihn anschließenden Wissenssoziologie sowie die marxistische Ideologiekritik. Die Ethnomethodologie wendete das Problem der erkenntnisverhindernden Nähe zur eigenen Kultur praktisch, indem sie eine Methodologie ausarbeitete, die es ermöglichen sollte, sich von den alltäglichen Selbstverständlichkeiten der eigenen Kultur zu distanzieren (Garfinkel 1967/2011, Aman, Hirschauer 1997). Gemeinsam ist den beiden Erkenntnisansprüchen (Mensch als Naturwesen, Mensch als kulturbildend) das Misstrauen gegenüber der erkennenden Subjektivität, die daher einer Kontrolle unterworfen werden muss. Im Rahmen des naturbezogenen Erkenntnisanspruchs wird die mechanische Objektivität der Naturwissenschaften entwickelt, und im Rahmen des kulturellen Erkenntnisanspruchs erfolgt eine reflexive Kontrolle der Kulturgebundenheit des erkennenden Subjekts. Nur insofern der Mensch ein freies vernünftiges und moralisches Wesen ist, kann er auf die eigene Erkenntnis reflektieren und die eigenen Handlungen und die Handlungen anderer moralisch beurteilen. Eine solche Reflexionsfähigkeit anzunehmen, ist die Bedingung jeder rational argumentierenden Ethik. In diesem Rahmen gibt es keinen strengen Bezug auf empirisches Wissen. Es gilt vielmehr das Primat des rationalen Arguments bzw. der rationalen Kritik an zuvor vorgetragenen Argumenten, um so zu einer allgemein gültigen Einsicht in die ethischen Grundlagen menschlichen Handelns zu gelangen. Dass eine derartige ethische Reflexion in den Bereich der Wissenschaften gehört, ist zwar immer wieder strittig, aber es war bisher noch nicht möglich, eine solche Reflexion aus einem erweiterten Wissenschaftsverständnis auszuschließen. Nur wenn man Wissenschaft ausschließlich gemäß dem ersten, dem natürlichen Erkenntnisanspruch begreift, wäre dies möglich. Dies gehört in den Abschnitt über die Konkurrenz der Erkenntnisansprüche. Wenn man ein Verständnis des Menschen entwickelt, das diesen als moralisch beschreibt, führt dies nicht zu einer einheitlichen Theorie, vielmehr kann dieser Sachverhalt in unterschiedlicher Weise performativ realisiert werden. In der analytischen Philosophie wird der Sachverhalt, dass es ein Subjekt gibt, das auf sich reflektieren kann, als Prämisse gesetzt und entsprechend performativ umgesetzt (Shoemaker 1991, Castaneda 1991). Der Sachverhalt reflexiver Rationalität kann auch als Bedingung einer WISSENSCHAFT 268 Reflexionspraxis transzendentaltheoretisch expliziert werden (z.B. Kant oder Husserl), wobei das Subjekt der Reflexion auch als ein in der Welt existierendes gedacht werden kann (der späte Husserl, Heidegger, Sartre, Merleau-Ponty). Im Sinne der Transzendentalpragmatik Apels wäre der Ort der Reflexionspraxis verschoben, denn es geht nicht um die Reflexivität eines Subjekts, sondern darum, dass die Bedingungen der Erkenntnis in einem kritischen Diskurs gebildet werden. Alle Positionen haben starke normative Implikationen. Die von Apel vertretene Variante sticht dabei hervor, denn er entwickelt sie im Rahmen einer Reflexion auf die Moralität der Wissenschaft einschließlich der empirischen Forschung. Apels Argument lautet dass Wissenschaftler die Verpflichtung hätten, auch die Forschungsobjekte, sofern es sich um Menschen handelt, in den Diskurs um die Bedingungen der Forschung einzubeziehen. Eine Wissenschaft, in der sich Forscher anmaßten, andere Menschen zum Objekt zu machen, sei auf die Dauer eine unhaltbare Position (Apel 1979: 300ff). Es zeigt sich, dass der Mensch mit Bezug auf jede der drei Bestimmungen als Subjekt und Objekt der Erkenntnis auftaucht. Diese Doppelstellung lässt sich auch in Anschlag bringen, um das Verhältnis der Erkenntnisansprüche zueinander zu begreifen. Dies führt zur Einsicht in deren Konkurrenz. 7.2.3 Subjekt-Objekt-Stellung als Relationierung der Erkenntnisansprüche Wenn die Gleichzeitigkeit der Erkenntnissubjekt/-objekt-Relationen auf das Verhältnis der Erkenntnisansprüche untereinander angewendet wird, führt dies zu einem Streit um den Primat eines jeweiligen Erkenntnisanspruchs. Dies ist der Normalzustand ihres Verhältnisses zueinander. Denn weder wird einer der Erkenntnisansprüche dauerhaft und konsensuell als grundlegend im Verhältnis zu den anderen verstanden, noch scheint es möglich zu sein, eine übergreifende Synthese zu bilden, in denen die drei unterschiedlichen Erkenntnisansprüche harmonisch aufeinander bezogen sind. Die Legitimationstheorie des modernen Wissens und des zukünftig Wissbaren führt zu einem Dauerstreit um die Geltung von Erkenntnisansprüchen bzw. darum, wie sie aufeinander zu beziehen sind. Wenn das Erkenntnissubjekt als ein rein natürliches begriffen wird, löst sich das Erkenntnisobjekt des Erkenntnisanspruchs des Verstehens bzw. der Moralreflexion auf. Die Biologie bzw. Soziobiologie oder die Neurobiologie begreifen den Menschen und seine Kultur als rein natürliche Phänomene, die auf die Biologie der genetischen Vererbung und den damit verbundenen Konkurrenzkampf (Wilson 1978, Wickler/Seibt 1991) oder neuronale Prozesse (Roth 1997) reduziert werden können. Umgekehrt gehen Philosophen sowie Kultur- und Sozialwissenschaften von HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 269 einem sinnhaft handelnden Erkenntnissubjekt aus und rekonstruieren auf dieser Grundlage die Erkenntnispraxis der Naturwissenschaften als sinnhaftes Handeln bzw. als sinnhafte Praxis, das bzw. die es zu verstehen gilt (Fleck 1935/1980, Knorr Cetina 1981/1991, Pickering 1992, Woolgar/Latour 1979). Der Versuch, die beiden unterschiedlichen Erkenntnisansprüche zueinander ins Verhältnis zu setzen, hat zur Erklären-Verstehen-Kontroverse geführt, die von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart zu den großen Kontroversen in der Konkurrenz unterschiedlicher Erkenntnisansprüche gehört (vgl. Apel e.a. 1978; Apel 1979, Greshoff e.a. 2008). In analoger Weise hebeln sich auch die Erkenntnisansprüche des Verstehens und diejenigen einer universalen Erkenntnis- und Moralreflexion aus. Der Erkenntnisanspruch des Verstehens beinhaltet die Anerkennung unterschiedlicher kultureller Ordnungen des Wissens mit je eigenen Werten (Berger/Luckmann 1966/1980, Descola 2005/2011, Misch 1929– 30/1967), womit der Möglichkeit einer universalen Geltung bzw. vernunftorientierten Begründung von Erkenntnis und Moral der Boden entzogen wird. Denn sowohl die Ordnung des Wissens als auch die normativen Orientierungen von Menschen werden durch die kulturelle Ordnung bestimmt, in der sie leben. Wenn man dagegen als Bedingung der Erkenntnis solche Subjekte annimmt, die sich durch eine universale Vernunft und Moral auszeichnen, verlieren sowohl die Erkenntnis als auch die Moral ihre kulturrelative Bindung. Hierfür gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder haben die Subjekte Teil an der Möglichkeit zu einer universalen vernünftigen Einsicht im Sinne Kants oder sie können zumindest durch wechselseitige Kritik, die Bindungen an ihre Kultur und deren Vorurteile lockern bzw. aufheben. Die letztere Möglichkeit wird etwa vom Kritischen Rationalismus im Sinne Poppers (Popper in Adorno e.a. 1969/1980: Sechste These) stark gemacht. In der Soziologie wurde dieses Problem ausführlich unter dem Titel »Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie« verhandelt (Adorno e.a. 1969/1980). Wenn man ein Erkenntnissubjekt annimmt, das rein natürlich verfasst ist, wird dieses in seinem Objektbereich keine universalen Normen entdecken können, sondern ausschließlich Nutzenorientierung und Selbsterhaltung (ökonomische RC-Theorie, biologische Verhaltensforschung – vgl. Voland/Voland 2014). Wer dagegen von menschlichen Subjekten ausgeht, die vernunftbegabt sind und eine universell gültige Moral ausbilden können, findet eine wissenschaftliche Erforschung der Natur, die selbst gegebenen Verfahrensvorgaben folgt und frei entwickelte Hypothesen orientiert am universalen Wert der Wahrheit prüft. Diese Position wurde zuerst von Kant formuliert. Er begriff den Menschen – wie gesagt – als ein Wesen, das einerseits teilhat an den universalen apriorischen Bedingungen des Wahrnehmens und zugleich andererseits ein empirisches Sinnenwesen ist. Diese Zweiteilung hebt den WISSENSCHAFT 270 Menschen als Erkenntnissubjekt scharf von allen Naturwesen ab. Auf dieser Grundlage wird Naturerkenntnis, insbesondere die Praxis des experimentellen Nachweises, als einem Gerichtsverfahren ähnlich begriffen. Er begreift die Praxis des experimentellen Nachweises jedenfalls in diesem Sinne. »Sie (die Naturforscher, GL) begriffen, daß die Vernunft nur das einsieht, was sie selbst nach ihrem Entwurfe hervorbringt, daß sie mit Prinzipien ihrer Urteile nach beständigen Gesetzen vorangehen und die Natur nötigen müsse auf ihre Fragen zu antworten, nicht aber sich von ihr allein gleichsam am Leitbande gängeln lassen müsse; denn sonst hängen zufällige, nach keinem vorher entworfenen Plane gemachte Beobachtungen gar nicht in einem notwendigen Gesetz zusammen, welches doch die Vernunft sucht und bedarf.« (vgl. Kant 1787/1956: 18, BXIII) Neuere Varianten eines solchen Erkenntnisanspruchs postulieren die Notwendigkeit von Diskurs und Kritik, um zu allgemein gültigen Aussagen zu kommen. Die allgemeine Gültigkeit von Aussagen wird danach durch die Praxis der Kritik erreicht. In dieser Hinsicht konvergieren interessanterweise die Transzendentalpragmatik im Sinne Apels und Habermas’ und der kritische Rationalismus Poppers (vgl. hierzu als besonders prägnant die sechste These in Poppers Referat im Positivismusstreit – in Adorno e.a. (1969/1980: 105f). Trotz aller empirischen Kritik an der Möglichkeit eines vernunftbegabten Erkenntnis- und Moralsubjekts bleibt der entsprechende Erkenntnisanspruch erhalten. Denn implizit geht sogar der naturbezogene Erkenntnisanspruch von einem solchen Subjekt aus. Forschersubjekte müssen für die Durchführung von Experimenten, die sorgfältige Dokumentation der Datenerhebung usw. verantwortlich gemacht werden können. Andernfalls wäre es z.B. nicht möglich, die Fälschung von Experimentaldaten zu kritisieren. 7.2.4 Holismus oder Historisierung Neben dem Streit um Alleingültigkeit oder primäre Gültigkeit von Erkenntnisansprüchen haben sich zwei weitere Ansätze entwickelt, um mit der Differenz der Erkenntnisansprüche umzugehen: Holismus und Historisierung. Holismus meint den Versuch, die unterschiedlichen Erkenntnisansprüche miteinander in einem übergreifenden System zu versöhnen (Hegel, Whitehead) bzw. sie miteinander in ein systematisches Verhältnis zu setzen (z.B.: Gehlen 1940/1993; Geißler/Hörz 1988; Scheler 1928/2005 oder Tomasello 1999/2006). In diesen Zusammenhang gehören wahrscheinlich auch die Arbeiten von Latour zu einer neuen HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 271 Soziologie für eine neue Gesellschaft (Latour 2005/2007) und zur Integration des Menschen in eine Gaiakonzeption (Latour 2017). Solche Versuche sind mit mehr oder weniger rasch erlahmenden wissenschaftlichem und gelegentlich auch feuilletonistischem Interesse zur Kenntnis genommen worden, konnten aber nie ihren Anspruch einlösen, die konkurrierenden Erkenntnisansprüche konsensuell gültig aufeinander zu beziehen. In diesen Debatten spielte und spielt der Bezug auf Descartes eine wichtige Rolle. Obwohl Descartes selbst sich im Rahmen der Theorie der Kette der Wesen bewegte, wurde die von ihm formulierte Teilung in res extensa und res cogitans als »Kartesianismus« zum Symbol der modernen differentiellen Kosmologie einer zu erklärenden Natur und einer zu verstehenden Kultur. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gehört es in der Philosophie zum guten Ton, sich an dieser Zweiteilung abzuarbeiten, d.h., sie aufzulösen oder zu unterlaufen, ohne dabei allerdings der differentiellen Kosmologie entkommen zu können.21 Alle Versuche, die Theorie des dreifach bestimmten Menschen und die sich daraus ergebende differentielle Kosmologie in eine Ordnung zu bringen oder sie zu einer Einheit zusammenzufassen, sind bislang gescheitert. Weder konnte sich ein Erkenntnisanspruch als einzig gültig durchsetzen, noch ist eine übergreifende Synthese in einem System gelungen. Dies ist der Sachverhalt, den es anzuerkennen und zu analysieren gilt. Denn nur von diesem Ausgangspunkt kann man die in sich widersprüchliche und gerade dadurch historisch gültige Legitimation des modernen Wissens und des Wissbaren erfassen. Der dreifach bestimmte Mensch gleich an Freiheit und Würde ist ein historisch kontingentes Phänomen. Er ist die epistemologische Bedingung bzw. die übergreifende Legitimation der Ordnung des modernen Weltzugangs. Soweit ich sehe, sind bislang nur Plessner (1928/1975; 1931/1981) und Foucault (1966/1971) diesen Weg gegangen. Sie analysieren den dreifach bestimmten Menschen und die differentielle Kosmologie der Moderne als ein historisch kontingentes Phänomen. Plessner hat bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erkannt, dass das natürliche Leben der Begriff ist, in dem sich die Moderne begreift, ohne zu vergessen, dass die Moderne sich ebenso reflektiert in der Vorstellung vom Menschen als einem kulturbildenden und moralischen Wesen. Dass dieser Mensch und die zu ihm gehörige ihm gegenüberstehende nichtsinnhaft funktionierende Natur historisch entstanden sind und deshalb auch wieder vergehen können, wurde von Plessner 1932 explizit ausgearbeitet (vgl. Plessner 21 Ein Beispiel dafür, wie man versuchen kann, mit der Irreduzibilität der unterschiedlichen Erkenntnisansprüche zurechtzukommen, ist etwa Charles P. Snows Theorie der zwei Kulturen (vgl. Snow 1959/1967 und als Beispiel für eine neuere Debatte darum Kreuzer 1987). WISSENSCHAFT 272 1931/1984) und später von Foucault (1966/1971) als These vom möglichen Tod des Menschen erneut formuliert. Obwohl die These der Historizität des Menschen zunächst Aufsehen erregt hatte, geriet sie im Weiteren in Vergessenheit. Auf den Schultern dieser Riesen stehend gilt es, die Ordnung des modernen Weltzugangs soweit auf Abstand zu bringen, dass seine Geschichtlichkeit sichtbar wird. Dies ist die Aufgabe, der sich diese Theorie der modernen Gesellschaft stellt. Bezogen auf die Legitimation des wissenschaftlichen Wissens heißt das: Von diesen Ansätzen ausgehend wäre eine Geschichte der legitimierenden Kontroversen um die Gültigkeit der unterschiedlichen Erkenntnisansprüche zu schreiben. Ich belasse es hier bei dieser Skizze, um mich nun den institutionellen Konstellationen zuzuwenden, in denen diese in sich widersprüchliche Legitimationstheorie praktisch relevant wird. Die Bedeutung der institutionellen Praxis der Wissenschaft wird bereits daraus ersichtlich, dass sehr unterschiedliche Legitimationstheorien ihre Gültigkeit dadurch zu erweisen versuchen, dass sie auf die institutionelle Praxis des Experimentierens und der wechselseitigen Kritik verweisen. In seiner Erkenntniskritik bezieht sich schon Kant explizit auf die Bedeutung des geplanten Experiments, dieser Aspekt wird in späteren wissenschaftstheoretischen Debatten noch stärker zentral gestellt (Hacking 1983). Sowohl Popper als auch Habermas und Apel verweisen auf die Bedeutung der Praxis öffentlicher Kritik an den Prämissen, Methoden und Zielen wissenschaftlicher Forschung. Die kontroverse Entfaltung der Legitimationen wissenschaftlichen Wissens kommt ohne den Bezug auf die institutionelle Ordnung der Praxis nicht aus. Durch diese Praxis soll das garantiert werden, was in allen Legitimationstheorien als Anspruch formuliert wird: Die Formulierung wahrer Aussagen über einen Gegenstand geht von prinzipiell explizierbaren und deswegen auch kritisierbaren theoretischen sowie praktischen Prämissen aus und wird in methodisch kontrollierter, d.h. in einer ebenfalls kritisierbaren, Weise gewonnen. Bei der Analyse der institutionellen Ordnung dieser Praxis wird sich erweisen, dass das Wissen der modernen Wissenschaft sich durch neuartige institutionelle Verpflichtungen auszeichnet: Die Aufmerksamkeit wird in neuer Weise diszipliniert, und es werden diejenigen mit Prioritätsansprüchen bzw. Reputation belohnt, die mit Bezug auf eine wahre Aussage als erste der Kritik standgehalten haben. 7.3 Die institutionelle Ordnung der horizontal ausdifferenzierten Wissenschaft Zunächst entwickelte sich die institutionelle Ordnung der Wissenschaft im Rahmen nationaler wissenschaftlicher Gesellschaften. Vorbildfunktion in dieser Hinsicht hatten die 1662 in London gegründete »Royal HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 273 Society« und die »Académie des Sciences« in Paris (gegründet 1666) (van den Daele 1977 137). Im 19. Jahrhundert verloren die wissenschaftlichen Gesellschaften an Bedeutung und die Forschungsuniversität wurde zum tragenden organisatorischen Rahmen der institutionellen Ordnung der Wissenschaft. Hierbei kam den deutschen Universitätsgründungen bzw. Neuorganisationen der Universitäten eine Vorbildfunktion zu (vgl. Osterhammel 2009: 1132f). Das Konzept der institutionellen Ordnung der Wissenschaft weist viele Ähnlichkeiten zu Lorraine Dastons’ Konzept der »moral economies« (Daston 1995) auf. Daston entwickelt dieses Konzept, um sich von Merton abzusetzen, dem es nicht gelänge, den Kern des wissenschaftlichen Arbeiten einzubeziehen (Daston 1995: 5f). Die hier zugrunde gelegte Theorie reflexiver Institutionalisierung bildet einen übergreifenden Rahmen, der es erlaubt, die Einsichten Dastons einzubeziehen, ohne sich polemisch von der institutionentheoretischen Wissenschaftsforschung Mertons absetzen zu müssen. Reflexive Institutionalisierung setzt bei der sinnhaften Strukturierung konkreter Handlungssequenzen an und entwickelt von dort aus weitergehende Sinngeneralisierungen. Deshalb kann ein solches Konzept zum einen das konkrete Forschungshandeln und damit den Kern des wissenschaftlichen Arbeitens im Sinne Dastons einbeziehen und zum anderen auch allgemeine Wertorientierungen, um die es Merton ging. In der Darstellung arbeite ich mich sozusagen von innen (dem Kern der Wissenschaft) nach außen. Die institutionelle Ordnung, die die Wissenschaft als Handlungs- und Kommunikationszusammenhang auszeichnet, weist drei Aspekte auf, die mir von besonderer Bedeutung zu sein scheinen: 1. die Öffentlichkeit der Wissenschaft ohne mitgliedschaftliche Begrenzung – verbunden mit der Möglichkeit der Reputation, 2. die Ordnung der Aufmerksamkeit auf das Allgemeine bzw. das Typische hin, 3. die Kontrolle der subjektiven Erkenntnisposition. Die Öffentlichkeit der Wissenschaft bezieht sich auf das Prinzip der Publizität. Die Ergebnisse der Wissenschaft sollen der (Fach-)Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, um dadurch deren Kritik zu ermöglichen. In dieser Hinsicht unterscheiden sich die Wissenschaft des 17. Jahrhunderts und diejenige, die sich in der Sattelzeit entwickelt, nicht (Shapin 1984: 507). Entscheidend ist hier die Lockerung der Vorzensur für wissenschaftliche Publikationen. Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts herrschte in England und bis zum Ende des 18. und teilweise bis weit in das 19. Jahrhundert hinein in Kontinentaleuropa der Grundsatz der Vorzensur, d.h. alle Publikationen mussten der zentralen staatlichen Zensurstelle vor der Veröffentlichung vorgelegt werden (Wilke 2013b). WISSENSCHAFT 274 Für wissenschaftliche Publikationen wird dieses Vorgehen gelockert. Die nationalen Wissenschaftsgesellschaften Englands und Frankreichs erhalten ein Druckprivileg (van den Daele 1977: 136). Die Institutionalisierung freien wissenschaftlichen Publizierens schafft eine besondere Sichtbarkeit wissenschaftlicher Autoren für das wissenschaftliche Publikum. Dies ist die Bedingung für die Ausbildung zweier wichtiger Merkmale der Wissenschaft: Wissenskommunismus (Merton 1942/1973: 273ff) und institutionelle Sicherung von Prioritätsansprüchen bei Entdeckungen (Merton 1968/1973). Diese arbeitet Merton als zentrale Merkmale des Handlungszusammenhangs Wissenschaft und seiner spezifischen Motivationsstruktur heraus. Auf die institutionelle Ordnung der Fachöffentlichkeit werde ich näher eingehen, nachdem ich die Unterschiede herausgearbeitet habe, die sich mit Bezug auf die anderen beiden Punkte ergeben: die Ordnung der Aufmerksamkeit und die Kontrolle der subjektiven Erkenntnisposition. Die institutionelle Ordnung der Aufmerksamkeit bezieht sich auf eine selektive Leistung, die in der Wissenschaft vorgenommen werden muss: Was ist der wissenschaftlichen Aufmerksamkeit wert, und wie soll etwas wahrgenommen werden? Wie soll das subjektive Erkennen kontrolliert werden? 7.3.1 Die Ordnung der Aufmerksamkeit und die Beziehung zwischen Forscher und seinem Gegenstand Die moderne Wissenschaft zeichnet sich durch eine Neuordnung der Beziehung zwischen Wissenschaftlern und ihren Gegenständen aus. Hierbei stehen eine neue institutionelle Kontrolle der Aufmerksamkeit und eine Fokussierung auf das Allgemeine bzw. Typische im Vordergrund. In beiden Hinsichten bildet die moderne Wissenschaft besondere Strukturen aus. Vom subjektiven Zeugen zum kontrollierten Erkenntnissubjekt Seit dem Ende des 17. Jahrhunderts und deutlicher im 18. Jahrhundert änderte sich die institutionelle Ordnung der wissenschaftlichen Aufmerksamkeit. Diese wandte sich von den Berichten über die außergewöhnlichen und wunderbaren Dinge ab und den kontrollierbaren Ereignissen im Labor zu (Porter 1992: 646) zu. Zugleich richtete sich die Aufmerksamkeit bei Beobachtungen eher auf das Typische und nicht auf das Besondere (Daston/Galison 1992: 88). Die neue institutionelle Ordnung der Wissenschaft unterwarf die wissenschaftliche Aufmerksamkeit auf die Welt einer skeptischen Disziplin. HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 275 Zentral für diese Veränderung war ein neues Verständnis dessen, wie Beobachtung und Objektivität zusammenhängen. Für die Wissenschaft des 17. Jahrhunderts galt, dass die (nicht ausschließlich wissenschaftlich legitimierte) Vertrauenswürdigkeit des Beobachters als Garantie der sicheren Existenz eines Phänomens angesehen wurde. Wenn der Bericht von einem vertrauenswürdigen Beobachter stammte, wurde es zu einem Merkmal des berichteten Sachverhalts, dass er existierte (Dear 1992: 623). Der sozialen Stellung des berichtenden Beobachters kam dabei eine hohe Bedeutung zu, denn diese garantierte seine Vertrauenswürdigkeit. Dies lässt sich anhand mehrerer Beispiele gut illustrieren. Um 1700 versuchten die Mitglieder der Académie des Sciences in Paris vergeblich ein Experiment von Johann Bernoulli zu replizieren. Obwohl sie ihr Scheitern eingestehen mussten, stuften sie das Experiment doch als gelungen ein, weil es sich bei Bernoulli um einen Ehrenmann handeln würde, dem man vertrauen müsste (Daston 1995: 15). Es ist die subjektive Besonderheit des Experimentators, also dasjenige, was ihn von anderen unterscheidet, wodurch seine besondere Glaubwürdigkeit erzeugt wurde. Nur aufgrund dieser besonderen Stellung des glaubwürdigen Beobachters als Zeichen der objektiv sicheren Existenz eines beobachteten Sachverhalts wurden auch die ersten Beobachtungen Galileis als objektiv eingestuft. Für einige Jahre konnten seine Ergebnisse nämlich nicht durch andere Beobachter reproduziert werden, denn die anderen verfügten nicht über ausreichend gute Teleskope (Dear 1992: 625f). In der Begegnung mit einem Objekt und seinen Besonderheiten wurden Dritte je individuell als Ehrenmänner miterwartet. Dies ermöglicht auch die Entdeckung von Ungewöhnlichem und Wunderbarem. Denn wenn ein Ehrenmann davon berichtet, musste es dies geben können. Es hätte der Prüfung durch andere Männer in angemessener Stellung bedurft, um den Bericht zu bestätigen oder zu widerlegen. Im Rahmen einer solchen institutionellen Ordnung konnte das Staunen über wunderbare Dinge und Wesen stabilisiert werden, solange die Aufklärung bzw. Entlarvung eines Wunders durch einen Nachschub an neuen Wundern aufgewogen wurde. Diese Sicherung des Staunens funktionierte bis um 1700 in einem ausreichendem Maße (Daston/Park 1998: 331). Die die Beziehung zum Gegenstand steuernde institutionelle Ordnung des 17. Jahrhunderts zeichnet sich insgesamt durch folgende Merkmale aus. Sie basierte auf einem Ehrencode von Gentlemen und forderte zivile Umgangsformen, die dem Prinzip der Öffentlichkeit entsprachen. Im Streit um die Existenz von objektiven Tatsachen sollten die Gentlemen einander ohne persönliche Angriffe begegnen und die Forschenden wurden auf eine stete Neugier auf das Neue und Ungewöhnliche verpflichtet und legten auf diese Weise fest, welche Gegenstände der Untersuchung wert sind (vgl. Daston 1995: 18). WISSENSCHAFT 276 Im Verlauf der Sattelzeit wurde das Staunen über das Wunderbare durch einen sich entwickelnden Skeptizismus diszipliniert. Dabei ging es nicht darum, jedes Wunder bzw. wunderbare Phänomene einzeln auf allgemeine Ursachen zurückzuführen. Vielmehr veränderte sich die wissenschaftliche Haltung zur Welt insgesamt, weswegen Berichte über das Ungewöhnliche, über Wunder und wundersame Dinge auf einen Schlag als unglaubwürdig galten (Daston/Park 1998: 331). Wunder, göttliche Zeichen und Monstren wurden unwahrscheinlich, weil die Wissenschaft der Welt mit einer neuen Haltung zu begegnen begann. Es entstand ein neues Ethos des Beobachtens, initiiert durch eine neue institutionelle Kontrolle der Beziehung zwischen Erkenntnisobjekt und berichtendem Beobachter. Letzterer musste nun kühle Kritiker antizipieren, die seinen Bericht über eine Beobachtung oder ein Experiment oder sein Argument einer unbeeindruckten Kritik unterziehen würden. Dabei sollte der soziale Status sowohl des Sprechers als auch des erwarteten Kritikers irrelevant sein. Es sollte nur die spezifisch kontrollierte wissenschaftliche Subjektivität zählen. Objektivität in einem modernen Verständnis des Wortes beinhaltete eine solche skeptische Beziehung zwischen Beobachter und beobachtetem Sachverhalt. Von den Merkmalen, die einen glaubwürdigen Zeugen auszeichneten, wurde jetzt vor allem der Aspekt des desinteressierten Beobachters relevant (Merton 1942/1973: 275). Aus dem glaubwürdigen Zeugen, der sich durch eine Vielfalt von sozialen und persönlichen Merkmalen auszeichnete, zu denen auch die geachtete soziale Stellung gehörte (Shapin 1984: 489), wurde nun ein Zeuge, dessen subjektive Merkmale eher als ein Problem angesehen wurden. Gefordert war jetzt eine durch Kontrolle des Erkenntnissubjekts hergestellte rein wissenschaftliche Subjektivität – ein Subjekt ohne weitere qualifizierende subjektive Merkmale. Eine Beobachtung war jetzt nur dann ein Hinweis darauf, dass etwas objektiv existierte, wenn die subjektiven Merkmale des Beobachters für die Beobachtung bedeutungslos waren bzw. einer besonderen Kontrolle unterworfen waren. Die Beobachtung sollte so durchgeführt werden, dass jeder beliebige an die Stelle des Beobachters treten können sollte. Objektiv bildete jetzt den Gegensatz von subjektiv, d.h., objektiv wird nicht selbst als ein Merkmal des Gegenstandes betrachtet, sondern bezeichnet die Abwesenheit der idiosynkratischen Besonderheiten von Subjekten, die ihre persönlichen oder sozialen Besonderheiten in der Beobachtung und Beschreibung eines Gegenstandes nicht kontrollieren können (Dear 1992: 628). Es entsteht ein Ethos der unpersönlichen bzw. kontrolliert subjektiven Beobachtung. Noch im 17. Jahrhundert mussten Beobachter Dritte miterwarten, die seine soziale Stellung, seine Ehrenhaftigkeit in Betracht zogen, um die Gültigkeit seiner Beobachtungen einzuschätzen. Im Verlauf des 18. Jahrhunderts und definitiv im Verlauf der Sattelzeit veränderte sich dies. Ein HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 277 wissenschaftlicher Beobachter musste ab dieser Zeit Dritte miterwarten, die im Bericht jeden Hinweis auf die subjektiven Besonderheiten des Beobachters als suspekt betrachten würden. Das wissenschaftlich erzeugte Wissen sollte eines sein, das von jedermann stammen könnte. Diese Kontrolle des Erkenntnissubjekts entwickelte sich zuerst im Rahmen des natürlichen Erkenntnisanspruchs, dem seit einigen Jahrzehnten in der Wissenschaftsgeschichtsschreibung besondere Aufmerksamkeit gewidmet wird. Die aperspektivische Objektivität wurde im Verlauf des 19. Jahrhunderts ergänzt um die mechanische Objektivität, d.h. um den Einsatz von Maschinen, die die Reaktionen des Forschungsobjekts aufzeichnen. Die fehlerhafte menschlich subjektive Beobachtung wird ersetzt durch Aufzeichnungsgeräte. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts erhält die Kontrolle des Erkenntnissubjekts ein Äquivalent auf der Seite des gesellschaftlich-kulturellen Erkenntnisanspruchs. Im Rahmen dieses Erkenntnisanspruchs wird die erkennende Subjektivität kontrolliert, indem Dritte miterwartet werden, die die gesellschaftliche bzw. die Kulturgebundenheit des Erkennens identifizieren. Die erkennende Subjektivität wird kontrolliert, indem sie als solche reflexiv in den Blick genommen wird, um so die Verzerrungen zu identifizieren, die sich aus dem jeweiligen subjektiven Zuschnitt des Erkennens ergeben. Dies erfolgt in je unterschiedlicher Weise. Es können die theoretischen bzw. konzeptuellen Prämissen oder die soziale Situation des Erkennens in den Blick genommen werden. Als Methode wurden dabei interpretative Verfahren entwickelt, die als Hermeneutik des Zweifels funktionierten. Diese sollten es einerseits erlauben zu erfassen, welche Begriffe bzw. theoretischen Konzepte der Erkenntnis zugrunde liegen (vgl. Misch 1929–30/1967)22, oder die Hermeneutik des Zweifels rekurrierte auf das gesellschaftliche Sein, welches die Erkenntnis verstellen bzw. ermöglichen würde (Marx/Engels 1932/1969, vgl. hierzu auch die These von der »Seinsgebundenheit« des Denkens Mannheim 1929/1985). Als wichtige Gemeinsamkeit beider Erkenntnisansprüche stellt sich die Fokussierung auf das Allgemeine bzw. das Typische heraus. Das allgemeine Erkenntnissubjekt ohne weitere Besonderheiten soll sich am Gegenstand für dasjenige interessieren, das von einem Jedermann wahrgenommen werden konnte. Eine Haltung, die auf das Besondere und Einzigartige von Objekten bzw. der Situation der Erkenntnis abhob, galt ab jetzt in der Wissenschaft eher als problematisch. Auch in den interpretativen Sozial- und Kulturwissenschaften, die den zweiten Erkenntnisanspruch maßgeblich tragen, geht es um das Typische 22 Vgl. hierzu auch die Auseinandersetzungen um das Konzept des historischen Apriori von Foucault oder die Debatte um das Verfahren der Dekonstruktion im Sinne Derridas. WISSENSCHAFT 278 (Weber), bzw. darum, in den vielfältigen sozialen Erscheinungen allgemeine formale Gesetzmäßigkeiten zu entdecken (Simmel) oder darum, das Soziale wie einen äußeren Gegenstand zu betrachten, an dem allgemeine Gesetzmäßigkeiten zu entdecken sind (Durkheim). Auch bei Einzelfallstudien geht es immer um das Allgemeine bzw. Typische. In diesem Sinn muss man auch die Ergebnisse der zumeist qualitativ verfahrenden Erforschung naturwissenschaftlicher Labore verstehen. Sie arbeiten es als das Typische der Arbeit in einem Labor heraus, dass es nicht auf die Differenz zwischen wahr und unwahr ankommt, sondern z.B. darauf, ob es handwerklich geschickte Laborassistenten und kluge Designerinnen von Experimenten gibt. In einem ähnlichen Sinn haben Glaser und Strauss (1965) gemäß der von ihnen entwickelten »grounded theory« eine Typik entdeckt, wie Ärzte mit Sterbenden umgehen, d.h. etwa, wann sie Patientinnen mitteilen, dass sie nichts mehr für sie tun können und es nur noch darum gehen würde, auf den Tod zu warten. Einen Kult des Besonderen sollte es auch in den interpretativen Wissenschaften nicht geben. Das epistemische und das technische Objekt Wissenschaftliche Kommunikation unterliegt einer institutionellen Kontrolle, die Forscherinnen dazu zwingt, in einer kontrollierten Weise Neues mitzuteilen. Wissenschaftlerinnen beziehen sich auf vergangenes Wissen, d.h. auf vergangene Autorinnen, und erwarten die Erwartungen Dritter, dass sie durch ihre eigene Forschung das bekannte Wissen nicht nur irgendwie, sondern in einer begründeten Weise erweitern oder ver- ändern. Wissenschaftlerinnen müssen angeben, warum und inwiefern ihr Forschungsergebnis etwas Neues im Verhältnis zum vergangenen Wissen darstellt. Auf diese Weise wird institutionell eine geradezu zwanghafte Orientierung auf das Neue hin erzeugt.23 Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass zu staunen bzw. sich überraschen zu lassen, durch die Fokussierung auf das Typische bzw. Allgemeine nicht vollständig aus der Beziehung zwischen Forscher und Objekt verbannt wurde. Sich überraschen zu lassen, wurde allerdings einer neuen Disziplin unterworfen. Das neue Ethos der Forschung besteht darin, dass sich der Forscher von seinem Objekt in einer kontrollierten Weise abhängig macht. 23 Die zwanghafte Orientierung auf Neues wird von Wissenschaftsakteuren durchaus beklagt. In den neurobiologischen Laboren, in denen ich beobachtet habe (Lindemann 2009b), beklagten sich Wissenschaftler immer wieder darüber, dass es viel schwerer sei, gerade in Journals mit einem hohen Impactfaktor Publikationen unterzubringen, die Ergebnisse vergangener Experimente falsifizieren oder bestätigen. HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 279 Hinsichtlich des Sich-Abhängig-Machens zeigt sich ein wichtiger epistemologischer Unterschied zwischen Naturwissenschaften auf der einen und Sozial- und Kulturwissenschaften auf der anderen Seite: Naturwissenschaftler müssen sich darüber im Klaren sein, dass der Zuschnitt eines Experiments z.B. festlegt, ob das epistemische Ding als Teilchen oder als Welle erscheinen kann. Für die Kultur- und Sozialwissenschaften stellt sich ein zusätzliches Problem. Sie räumen dem epistemischen Objekt den Spielraum ein, selbst festzulegen, ob es als Teilchen oder als Welle erscheint. Wenn die Forschungsbeziehung selbst als soziale Beziehung konzeptualisiert wird, ist das unvermeidlich. Das Objekt, von dem sich der Forscher abhängig macht, nimmt die Position eines »epistemischen Dings« (Rheinberger 1992a: 67, vgl. auch Rheinberger 1992b) ein. Dabei handelt es sich um ein Objekt, das nicht vollständig kontrolliert wird, sondern dem ein gewisser Spielraum im Rahmen der Beobachtung bzw. der Experimentalanordnung eingeräumt wird. Das epistemische Objekt soll überraschen können, seine Reaktion soll gerade nicht vollständig kontrolliert werden können. Man könnte es auch so sagen: Die Unsicherheit im Experiment und damit die Abhängigkeit vom Forschungsobjekt resultieren daraus, dass dieses in die Position eines Quasi-Alter-Ego rückt. Forscher spielen gleichsam mit der möglichen Selbstständigkeit ihrer Objekte. Dies geht bis an die Grenze dessen, dass ein Objekt möglicherweise ein anderes Subjekt, d.h. ein soziales Gegenüber, ist, dessen Haltung zu übernehmen wäre, womit die Forschungsbeziehung potenziell durch doppelte Kontingenz charakterisiert wäre. Dabei handelt es sich aber um ein Spiel mit Unsicherheit an einer epistemologischen Grenze, die als solche in den Naturwissenschaften nicht überschritten wird. Die Etablierung wahren Wissens basiert in der Naturwissenschaft darauf, dass die Beziehung letztlich nicht als eine soziale Beziehung begriffen wird (Lindemann 2002: 294–299; 2005/2007, 2009b). Wenn das Objekt der Forschung ein Subjekt wäre, würde sich in der Forschungsbeziehung notwendigerweise die Frage stellen, ob das epistemische Ding den Erwartungen (den Hypothesen) des Forschers aus Höflichkeit entspricht oder der Hypothese nicht entspricht, weil es den Forscher ärgern möchte. Solche Fragen würden sich ergeben, wenn die Forschungsbeziehung eine soziale Beziehung wäre. Dies muss ausgeschlossen werden, um zu wahren Aussagen über das Objekt zu gelangen. Die Einhaltung der epistemologischen Grenze wird durch eine institutionelle Drittenkonstellation garantiert. In der Forschung werden die Erwartungen Dritter, der Fachöffentlichkeit bzw. des Fachpublikums, miterwartet. Die Erwartungen möglicher anwesender Dritter bzw. die antizipierten Dritten als Leser und Kritiker der Publikation garantieren die Einhaltung der epistemologischen Grenze. Indem das materiale Objekt zum »epistemischen Objekt« im Sinne Rheinbergers wird, kann es WISSENSCHAFT 280 den Forscher nur noch in kontrollierter Weise überraschen. Unter dieser Voraussetzung gibt es ein Wissen über das epistemische Objekt, das rein kognitiv als ein stets revidierbares Wissen gilt und damit frei von normativen Aspekten bleibt. Wissenschaftliches Wissen ist kein Wissen, das kontrafaktisch aufrechterhalten werden sollte, es bleibt stets revidierbar. Die kognitive Orientierung auf Veränderbarkeit hat einerseits einen normativen Rahmen und andererseits selbst kognitiv-institutionelle Grenzen. Wie zu Beginn dieses Abschnitts festgestellt, ist die institutionelle Fokussierung auf das Neue selbst eine Norm, an der sich Wissenschaftlerinnen orientieren müssen. Es ist also eine normative Forderung, Wissen als ein revidierbares Wissen zu begreifen. Weiterhin sind der Bereitschaft zur Veränderung bekannten Wissens Grenzen gesetzt, die sich daraus ergeben, dass Neues nur in einer kontrollierten Weise zu entdecken ist. Dazu gehört, dass jede Forschung an bestimmten konzeptuellen und empirisch-experimentellen Prämissen orientiert ist, die als unbefragte Voraussetzungen gelten. Die kontrollierenden Bedingungen der Forschung bilden einen Rahmen, der durch die Forschung selbst nicht in Frage gestellt werden kann. Die kontrollierenden konzeptuellen Bedingungen werden innerhalb der Wissenschaftsforschung als Paradigmen (Kuhn 1976) bezeichnet. Danach bewegt sich jede Einzelforschung im Rahmen eines Paradigmas, d.h. einem Set von theoretischen Prämissen. Hierhin gehört auch, dass sich innerhalb einer Wissenschaftlergemeinschaft ein Selbstverständnis darüber herausbildet, was eine sinnvolle Fragestellung ist (Fleck 1935/1980) (vgl. hierzu näher den Abschnitt zur »Rekurrenz«). Schließlich begrenzen auch die experimentellen Bedingungen der Forschung bereits die Möglichkeit Fragen zu stellen (vgl. hierzu näher den Abschnitt über »die Ironie technischer Objektivität und das diplomatische Geschick«). Die Drittenkonstellation, die die Beziehung zwischen Forscher und Gegenständen in eine institutionelle Ordnung überführt, hat genaugenommen zwei Funktionen: Sie kontrolliert die Subjektivität der Forscher, indem sie diese dazu verpflichtet, die eigenen subjektiven Merkmale, die in die Forschungsbeziehung eingehen können, zu verleugnen bzw. zu kontrollieren. Dies ist die Ethik des Unpersönlichen, der die Forscher folgen sollen (Daston 1995: 22), auf diese Weise wird eine »aperspektivische Objektivität« (Daston 1995: 21) erzeugt, die den Gegenstand aus einer Jedermanns-Perspektive zeigt, d.h. so, wie jeder und jede ihn sehen könnte. Die zweite Funktion besteht darin, materiale Gegenstände in »epistemische Dinge« zu verwandeln und dem Gegenstand dadurch in kontrollierter Weise den notwendigen Antwortspielraum zu geben, damit an ihm Neues entdeckt werden kann, ohne ihm aber den Freiraum einzuräumen, der das Gegenüber zu einer Person machen würde (vgl. hierzu auch Lindemann 2005/2007: 253, Lindemann 2009b). HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 281 Im Rahmen des zweiten Erkenntnisanspruchs entwickeln sich in den Sozial- und Geisteswissenschaften Korrelate zur aperspektivischen Objektivität und zur Kontrolle des Antwortspielraums des epistemischen Objekts. Dies erfolgt, wie oben schon gezeigt, durch Reflexivität. Analog zur Ethik des Unpersönlichen entwickelt sich eine Ethik der Reflexivität, die die Forschung unter den Verdacht stellt, durch die Merkmale der subjektiven Erkenntnisposition den Bezug zum Gegenstand zu verstellen. Für Sozial- und Geisteswissenschaftler ist es darüber hinaus unerlässlich, den Spielraum des Forschungsobjekts zu reflektieren, der dadurch entsteht, dass die Forschungsbeziehung eine soziale Beziehung oder zumindest eine Beziehung zu einem gesellschaftlich-kulturellen Artefakt (Ding oder Schrift) ist. Selbst die den Naturwissenschaften stark angeähnelte standardisierte Sozialforschung berücksichtigt deshalb Aspekte, die in den Naturwissenschaften nicht auftauchen. Dazu gehören etwa die Forschung zu »Interviewereffekten« oder das Problem der sozialen Erwünschtheit von Antworten. In den Naturwissenschaften wird aus epistemologischen Gründen negiert, dass eine soziale Beziehung zum epistemischen Objekt vorliegt, denn nur auf diese Weise können stabile Erklärungen entstehen. Umgekehrt wird der Sachverhalt, dass die Forschungsbeziehung eine soziale Beziehung ist, in den Sozial- und Kulturwissenschaften reflexiv zum Problem gemacht und als solches bearbeitet. Dabei wird dem epistemischen Objekt ein größerer Spielraum eingeräumt. Methodisch dokumentiert sich dies in der Anwendung hermeneutischer Verfahren. Diese machen es erforderlich, immer wieder die Beziehung zwischen Forschungssubjekt, epistemischem Ding und dessen Kontext in Blick zu nehmen und genau dies nachvollziehbar zu explizieren. Denn nur so kann in einem Bereich, in dem Verstehen angemessen ist, das Allgemeine bzw. Typische entdeckt werden. Man könnte die unterschiedlich gelagerten Reflexivitätsprobleme folgendermaßen auf den Punkt bringen. Die Naturwissenschaften haben ein eigenes Reflexivitätsproblem, auch sie müssen auf die Beziehung zum epistemischen Objekt reflektieren. Nur aufgrund dieser Reflexivität erlangen die Naturwissenschaften Klarheit darüber, dass der Zuschnitt eines Experiments z.B. festlegt, ob das epistemische Ding als Teilchen oder als Welle erscheinen kann. Die Kultur- und Sozialwissenschaften zeichnen sich dadurch aus, dass sie dem epistemischen Ding einen weitergehenden Antwortspielraum einräumen. Das epistemische Objekt erhält den Spielraum, selbst festzulegen, wie es sich als subjektives Gegenüber der Forschung zeigt. Dies ist unvermeidlich, wenn die Forschungsbeziehung selbst als soziale Beziehung konzeptualisiert wird. WISSENSCHAFT 282 7.3.2 Das Besondere der Forschungssituation und das Allgemeine der Publikation Die Fokussierung auf das Allgemeine scheint auf den ersten Blick den Ergebnissen der empirischen Wissenschaftsforschung zu widersprechen. Es gehört zu den wichtigen Einsichten dieser Forschungsrichtung, dass die Praxis der Laborforschung gerade nicht durch den Bezug auf das Allgemeine gekennzeichnet ist. Ebenso wenig kann von der Subjektivität der Forschenden abgesehen werden. Denn auf beides kommt es an, wenn es um die Praxis der Forschung geht. In dieser kommen subjektiv besondere Merkmale notwendigerweise zum Tragen. Dazu gehören sowohl individuelle handwerkliche Geschicklichkeit und die Fähigkeit, gute Instrumente zu bauen, als auch die Fähigkeit, sich in den Auseinandersetzungen um die Zuteilung von materiellen Ressourcen durchzusetzen. Solche Aspekte stehen seit den frühen Laborstudien von Steve Woolgar und Bruno Latour (1979) oder von Karin Knorr Cetina (1981/1991) im Mittelpunkt der wissenschaftssoziologischen Aufmerksamkeit. Der Umgang mit Technik kennzeichnet das Besondere der naturwissenschaftlichen Forschung. Diese Besonderheit hat im Rahmen des zweiten Erkenntnisanspruchs eine Entsprechung in der Kunstfertigkeit im Umgang mit hermeneutischen Verfahren und in der methodischen Kontrolle der Diplomatie der Forschung, denn die Sozial- und Kulturwissenschaften müssen mit der Tatsache umgehen, dass die Forschungsbeziehung selbst eine soziale Beziehung ist. Die Ironie technischer Objektivität und das diplomatische Geschick Die Notwendigkeit des praktischen Umgangs mit den Gegenständen, d.h. die Arbeit der Beobachtung und des Experiments, und die Herstellung aperspektivischer Objektivität hängen auf komplizierte Weise miteinander zusammen – vermittelt über die mechanische Objektivität. Wenn alles Subjektive in der Durchführung von Beobachtung und Experiment verdächtig ist, liegt es nahe, die Datenwahrnehmung standardisiert durch Menschen ausführen zu lassen bzw. Menschen ganz durch Aufzeichnungsmaschinen zu ersetzen. Die aperspektivische Objektivität wird auf diese Weise seit dem 19. Jahrhundert durch eine mechanische Objektivität ergänzt. Hierbei geht es darum, die menschliche Arbeit des Beobachtens und Aufzeichnens von Daten durch eine Maschine automatisch durchführen zu lassen. Wissenschaftler schieben immer mehr technische Dinge zwischen sich und die Welt, um diese gemäß den Prinzipien der mechanischen Objektivität ohne Verzerrung durch Menschen wahrzunehmen. Temperatur wird objektiviert durch die Messung der Ausdehnung einer Quecksilbersäule. Das Innere des Körpers wird objektiviert HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 283 mithilfe von Röntgenstrahlung, die ein Schattenbild des Körperinneren erzeugen. Die Hirnaktivität wird durch ein ElektroEnzephalogramm objektiv dargestellt usw. Am erfolgreichsten in dieser Hinsicht ist die Physik (Knorr Cetina 2002: Kap. 3). Was die Arbeit des Beobachtens und Aufzeichnens betrifft, seien Maschinen so die Analyse von Daston und Galison menschlichen Subjekten überlegen. Sie schlafen nicht, sind nicht unaufmerksam, sondern zeichnen, ohne zu ermüden, Daten auf. Maschinen sind die besseren Beobachter (Daston/Galison 1992: 83). Die Standardisierung und Technisierung hebt das Subjektive aber nicht einfach auf, sondern macht es in neuer Weise bedeutsam. Die Beobachtungs- und Aufzeichnungsapparate müssen hergestellt und der speziellen Laborsituation angepasst werden. Dies erfordert subjektives handwerkliches Geschick. Wenn eine handwerklich erfahrene Arbeitskraft ein Labor verlässt, nimmt sie das »implizite Wissen« (Polanyi 1966/1985), d.h. das verkörperte praktische Wissen, wie man mit Geräten umgeht, mit.24 Wenn man sehr teure Geräte benötigt, um eine Forschung durchzuführen, ist es nicht nur eine Frage des wissenschaftlichen Könnens, sondern auch eine Frage der finanziellen Ressourcen, ob man in diesem Feld arbeiten kann. Je geräteintensiver Wissenschaft ist, umso mehr haben Wissenschaftlerinnen Finanzierungsprobleme und sind entsprechend von Geldgebern abhängig. Die Forderung nach aperspektivischer Objektivität führt zu einer Standardisierung und Technisierung der Forschung, d.h. zur praktischen Durchsetzung mechanischer Objektivität. Gerade dadurch machen sich aber unausweichlich die Besonderheiten der praktischen Subjektivität von Wissenschaftlerinnen und Laborangestellten wieder bemerkbar. Die Leistungsfähigkeit von Laboren hängt davon ab, ob sie mit avanciertester Technologie ausgestattet sind, bzw. mit welcher Technik und ob sie über handwerklich geschicktes Personal verfügen, welches es versteht, die technischen Geräte zu handhaben und diese evtl. sogar für die besonderen Forschungszwecke anzupassen und weiterzuentwickeln. Die Herstellung von Besonderheit durch technische Objektivität ist ein Aspekt, der im offiziellen Selbstverständnis der Wissenschaft mehr oder weniger ausgeblendet wird und der durch die Wissenschaftsforschung seit den 1970er Jahren in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt worden ist. 24 In einem neurobiologischen Labor, in dem ich beobachtet habe, geriet eine Arbeitsgruppe in die Kritik, weil ihre Messergebnisse schlechter wurden. Der Grund dafür lag darin, dass eine technische Angestellte, die in der Herstellung von Elektroden sehr erfahren war, das Labor verlassen hatte. Es dauerte fast ein Jahr, bis dieser Verlust wieder ausgeglichen war. WISSENSCHAFT 284 Rheinberger hat für diesen Sachverhalt den Terminus »Experimentalsystem« geprägt. Darunter versteht Rheinberger eine materielle Anordnung, die insgesamt dazu dient, Neues zu erzeugen. Innerhalb eines Experimentalsystems lassen sich funktional technische Objekte und wissenschaftliche Objekte unterscheiden. Technische Objekte sind diejenigen Elemente des Experimentalsystems, die im Sinne der Wiederholbarkeit identischer Resultate funktionieren. Das heißt: Technische Objekte sind in ihrer Funktionsweise bekannt und können deshalb menschliche Beobachter und Aufzeichner ersetzen. Denn es ist garantiert, dass sie – gleiche Eingaben vorausgesetzt – gleiche Ergebnisse produzieren. Davon zu unterscheiden sind die oben bereits erwähnten wissenschaftliche Objekte bzw. epistemischen Dinge (Rheinberger verwendet diese Worte synonym). Diese stellen diejenigen Elemente des Experimentalsystems dar, die dazu dienen, Neues, bisher Unbekanntes zu produzieren. Die Funktionsweise eines epistemischen Dings darf gerade nicht bekannt sein. An ihm sollen immer wieder neue Aspekte entdeckt werden können. Wenn ein epistemisches Ding nur noch in einer bekannten immer wieder wiederholbaren Weise funktioniert, wird es zu einem technischen Objekt. Es kann jetzt in eine Apparatur integriert werden, die kontrollierbar funktioniert und zur Untersuchung (neuer) epistemischer Dinge verwendet werden kann. Die Differenz zwischen technischen und wissenschaftlichen Dingen ist ausschließlich funktional und nicht substantiell zu verstehen. Jedes Ding kann zu einem technischen Objekt werden, wenn es so betrachtet und gehandhabt wird, dass an ihm repetitiv immer nur dieselbe Funktionsweise relevant sein soll und jedes Ding kann zu einem epistemischen Ding werden, wenn es so betrachtet wird, dass an ihm Neues zu entdecken ist.25 Die subjektiven Besonderheiten, die sich im Rahmen des zweiten Erkenntnisanspruchs ergeben, sind anders gelagert. Denn die Forschung ist kaum durch technische Objektivität gekennzeichnet. Das Besondere der Forschungssituation wird also nicht durch die Ironie mechanischer Objektivität relevant, sondern dadurch, dass die Forschung dem eigenen Selbstverständnis nach selbst eine soziale Beziehung oder eine Beziehung zu kulturellen Artefakten ist. D. h, die Forschungssituation ist durch alle Unwägbarkeiten gekennzeichnet, die eine soziale Beziehung und die 25 Es ist leicht nachvollziehbar, dass sich das von Wissenschaftlern organisierte Zusammenspiel von wissenschaftlichen und technischen Dingen ebenso als ein Akteursnetzwerk beschreiben lässt. Rheinberger beruft sich in seiner Darstellung denn auch auf die Forschungen Latours, nimmt aber für sich in Anspruch, den Gesamtvorgang besser beschreiben zu können (vgl. Rheinberger 1992b: 70, Fn 14, 15). Knorr Cetinas (1998) These der Sozialität mit Objekten lässt sich als eine Ausarbeitung der Struktur der Beziehung zu technischen und epistemischen Objekten begreifen. HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 285 Interpretation kultureller Artefakte auszeichnen. Aus diesem Grund gehören etwa diplomatisches Feingefühl bei der Interviewführung oder ein Gefühl für die Erwartungen des Gegenübers notwendigerweise zu einer erfolgreichen Forschung dazu. Ein begabter Statistiker wird kaum gute Sozialforschung zustande bringen, wenn er einen Fragebogen entwirft, dessen Fragen von den Befragten als Beleidigung aufgefasst werden. Das schließt, analog zu den Naturwissenschaften, nicht aus, dass Statistiker über handwerklich-technisches Geschick verfügen müssen, um nicht responsiv gewonnene Daten sinnvoll auszuwerten. In der historischen Forschung gibt es Verstehensprobleme, die denjenigen in den Sozialwissenschaften vergleichbar sind. Artefakte und Texte werden interpretiert, dabei gehen immer Annahmen darüber ein, wie die Menschen, die die Artefakte und Texte hergestellt haben, diese verstanden bzw. praktisch genutzt haben. Forscherinnen, die gemäß dem zweiten Erkenntnisanspruch arbeiten, benötigen Takt und diplomatisches Geschick bzw. ein Gefühl für den Kontext, um hermeneutische Verfahren kunstgerecht einzusetzen. Andernfalls kann sozial- oder kulturwissenschaftliche Forschung nicht gelingen Sowohl in den Natur- als auch in den Sozial- und Geisteswissenschaften werden die lokalen Besonderheiten der Forschung allerdings zumeist übergangen, wenn es darum geht, die Ergebnisse zu publizieren. Für die Veröffentlichung kommt es darauf an, Formen zu finden, die es erlauben, eine Forschung bzw. deren Ergebnis nachzuvollziehen, ohne dass dazu ein Verständnis der lokalen Besonderheiten der Forschung erforderlich wäre. Denn die Publikation richtet sich an ein zahlenmäßig nicht begrenztes (Fach-)Publikum und erwartet dessen Kritik. Die Erwartung der Kritik bezieht sich auf zwei Aspekte. Zum einen auf die Einhaltung der Struktur der Rekurrenz und zum anderen auf die Entwicklung und Stabilisierung symbolischer Formen, die eine die lokalen Besonderheiten übergreifende weltweite wissenschaftliche Gemeinschaft ermöglichen. Rekurrenz Rekurrenz bezieht sich darauf, wie das Verfahren der Publikation, das Kritik durch Dritte beinhaltet, das epistemische Ding des Experiments mitbestimmt. Denn die miterwartete Kritik diszipliniert die Autorinnen einer Publikation dahingehend, bereits vorhandenes Wissen über den Gegenstand zur Kenntnis zu nehmen. Eine wissenschaftliche Publikation bezieht sich auf bekanntes Wissen und muss darlegen, dass mit dieser Publikation Neues zu erwarten ist. Diese Struktur bezeichnet Rheinberger (2007: 60ff) als Rekurrenz. Wenn man dieses Prinzip zugrunde legt, wird es einsichtig, dass jede Publikation mit der Darstellung bekannten Wissens beginnt, d.h. mit einem Forschungsstand, und zugleich WISSENSCHAFT 286 darlegen muss, dass durch das Experiment bzw. durch die Beobachtung bzw. durch die Entwicklung einer Theorie das bestehende Wissen ver- ändert und/oder erweitert werden wird. D. h., wer publiziert, muss zeigen, dass die eigene Forschungspraxis darauf zielt, das epistemische Ding zu verändern. Dabei bleibt die Zukunft offen, d. h., die Forschung führt nicht dazu, das epistemische Ding vollständig in ein technisches Objekt überführen zu können. Das epistemische Ding ist eines, welches gegenwärtig noch nicht vollständig bekannt ist und aus diesem Grund stets in der Zukunft liegt. Um der Existenz des epistemischen Dings willen sollte jede Publikation daher mit offenen Fragen schließen bzw. offene Fragen ermöglichen. Diese Form des Publizierens, die einerseits rückbezüglich die Vergangenheit aufnimmt und andererseits auf die Zukunft hin gerichtet ist, bestimmt das epistemische Ding in seiner Struktur mit. Die Rekurrenz kontrolliert durch den Vergangenheitsbezug, inwiefern am epistemischen Objekt zukünftig Neues zu entdecken ist. Insofern kontrolliert die Rekurrenz des Publizierens die Forschungspraxis. In dieser Hinsicht gibt es kaum Unterschiede zwischen den unterschiedlichen Erkenntnisansprüchen. Da die Rekurrenz auch für eine rein theoretische Forschung gilt, kann man an dieser Stelle auch den dritten Erkenntnisanspruch einbeziehen, der sich auf den Menschen als vernunftorientiertes Erkenntnissubjekt bzw. moralisches Wesen bezieht. Bislang hatte ich mich auf die beiden ersten Erkenntnisansprüche beschränkt, die beide empirische bzw. materiale historische Forschung enthalten. Die Semantik des Publizierens Die mechanische Objektivität ermöglicht technisch eine gewisse Standardisierung der Experimentalpraxis, ohne dadurch aber die Besonderheiten des Labors eliminieren zu können. Für eine Wissenschaft, die auf das Allgemeine bzw. Typische zielt, ist dies aber erforderlich. Die Lösung dieses Problems liegt in der Institutionalisierung von Allgemeinheit verbürgenden symbolischen Formen bzw. Semantiken. Dass es eine nichtsubjektive aperspektivische Objektivität (wissenschaftliche Tatsachen) gibt, über die ohne Bezug auf das Besondere des Labors bzw. der Beobachtung berichtet werden kann, wird im Rahmen des ersten Erkenntnisanspruchs (Mensch als Naturwesen) dargestellt durch die symbolische Form der Zahl bzw. die Form der Quantifizierung von Ergebnissen und deren statistischer Auswertung. Die Semantik des Quantitativen entwickelte sich maßgeblich auf der Grundlage der mechanischen Objektivität zur präferierten Form der Überwindung von Besonderheiten einzelner Labore. Porter (1992: 643) bezeichnet Quantifizierung als »style of communication«, der die Bildung einer weltweiten wissenschaftlichen HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 287 Gemeinschaft ermöglicht, denn Zahlen »überspringen Ozeane, verbinden Laboratorien, Fabriken und Regierungen« (Porter 1992: 643)26 Mit der Präferenz für Zahlen, Statistik und mathematische Ausdrucksformen entwickelt sich eine Semantik des Quantitativen. Diese ist ein Garant für Ausdrucksformen, die dem Anspruch nach unabhängig von allen lokalen Besonderheiten funktionieren können sollen. Gerade mit Bezug auf die Semantik des Quantitativen zeigt sich, dass moderne wissenschaftliche Publikationen mehr oder weniger unzureichend sind, »to convey the tacit richness of experimental technique, or, for that matter, the arcane craft of formulating theories.« (Porter 1992: 645) Hierbei handelt es sich aber nicht um einen Mangel, denn durch die Verwendung der symbolischen Form des Quantitativen in der Publikation wird implizit dargestellt, dass die Besonderheiten der Labore für die praktischen Zwecke des Publizierens als weniger bedeutsam gelten sollen (Porter 1992: 645). Publikationen sind ein Bestandteil der reflexiven Institutionalisierung von Wissenschaft. Denn sie gliedern die Besonderheiten des Labors bzw. der Beobachtung durch eine sinngeneralisierende Beschreibung der lokalen Experimental- oder Beobachtungspraxis in den Handlungs- und Kommunikationszusammenhang der Wissenschaft ein. Diesen Zusammenhang hatte bereits Nassehi (2004) geahnt, ohne dabei aber darauf einzugehen, wie dies genau geschieht. Sein Argument war, dass der Bezug auf den Code wahr/unwahr erst auf einer stärker generalisierten Ebene wissenschaftlicher Kommunikation relevant würde und bezieht sich dabei ebenfalls auf Publikationen, die eine Selbstbeschreibung der wissenschaftlichen Forschungspraktiken enthielten (Nassehi 2004: 108). Er geht allerdings nicht darauf ein, wie sich dies genau vollzieht. Jetzt lässt sich der Zusammenhang genauer begreifen. Erstens: Publikationen gliedern durch das Prinzip der Rekurrenz jede Forschung in den zeitlich verfassten Gesamtzusammenhang der Forschung zu einem Thema ein – durch den Bezug auf das epistemische Ding. Zweitens: Publikationen verwenden dazu in vielen Disziplinen eine generalisierende Semantik des Quantitativen, durch die die Besonderheiten von Laboren als irrelevant dargestellt werden. Im Rahmen des zweiten Erkenntnisanspruchs (Kultur- und Sozialwissenschaften) bildet sich eine alternative Semantik der Reflexion aus, durch die die eigene Erkenntnisposition kenntlich gemacht wird. Der Bezug auf die Besonderheiten des Labors bzw. der standardisierten sozialwissenschaftlichen Befragung oder der ethnographischen Beobachtung wird in Publikationen durch einen Methodenteil simuliert. Dieser enthält eine generalisierende Beschreibung des Aufbaus des Experiments oder der Beobachtung bzw. Datenerhebung oder Messung, die zumeist in technischer Form erfolgt sowie der Verfahren der 26 Eigene Übersetzung – GL. WISSENSCHAFT 288 Auswertung. Für die ethnographische Forschung ist es typisch, dass Probleme des Feldzugangs bzw. die Art der Kontaktaufnahme geschildert werden. Auf diese Weise wird das erzeugt, was Shapin als Technologie der virtuellen Zeugenschaft (Shapin 1984: 491ff) beschreibt. Damit ist ein Darstellungsstil gemeint, der mithilfe von Abbildungen und Beschreibungen von experimentellen Abläufen bzw. von Interaktionsabläufen für mögliche Leser den Eindruck erzeugt, dass die Forscher tatsächlich da gewesen sind und dass die Beobachter auch hätten dabei sein können. Bzw. noch weitergehend, dass sie den Eindruck gewinnen, selbst dabei gewesen zu sein und es selbst gesehen zu haben. Je mehr sich die mechanische Objektivität durchgesetzt hat, umso mehr ändert sich auch der Darstellungsstil: Gegenwärtig geht es weniger darum, den Eindruck zu erzeugen, dabei gewesen zu sein, als darum, das Experiment auf der Grundlage der Angaben in der Publikation replizieren zu können. Für mechanische Objektivität gilt, dass die Besonderheiten der Experimental- bzw. der Beobachtungspraxis bis auf Weiteres irrelevant bleiben können sollen. Da es solche Standardisierungen für die ethnographische Forschung nicht gibt, ist hier weiterhin ein sehr konkreter Darstellungsstil erforderlich. Solange dem Genüge getan ist, gilt in beiden Fällen, dass die Besonderheiten der Forschungssituation bis auf Weiteres unerheblich sein sollen. Dies ändert sich erst dann, wenn es etwa um Fälschungsvorwürfe geht oder wenn ein Labor ungewöhnliche Ergebnisse produziert. Solange dies nicht der Fall ist, sollen die situativen Besonderheiten der Forschungspraxis für die kommunikativen Bezüge des Publizierens als irrelevant gelten. Auf diese Weise ordnet die Beschreibung der Forschungspraxis in der Publikation die Besonderheiten der Praxis in den öffentlichen Handlungszusammenhang der Fachwissenschaft ein. Wenn man die Institutionalisierung von Rekurrenz als ein Strukturmerkmal von Wissenschaft begreift, lassen sich, wie gezeigt, auch diejenigen Wissenschaften einbeziehen, die dem zweiten und dritten Erkenntnisanspruch folgen, die den Menschen also nicht als natürliches, sondern als kulturelles bzw. moralisches Wesen begreifen. Hierzu gehören etwa die Ethnologie und die als qualitativ bezeichneten Erhebungs- und Auswertungsverfahren in den Sozialwissenschaften. Weiterhin lassen sich gemäß der Institution der Rekurrenz auch theoretische und philosophische Forschung als Teilbereiche der Wissenschaft begreifen. Auch für diese gilt die Notwendigkeit, sich auf vergangenes Wissen zu beziehen und auszuweisen, inwiefern dieses durch die eigene Forschung verändert wird. Auch in diesen Fällen gilt die Prüfung der Gültigkeit von Argumenten durch Dritte. Publikationen schließen an vorhergehende Publikationen an, interpretieren und kritisieren diese. Dabei erwartet die Autorin, die eine Kritik an Autorinnen vorhergehender Publikationen übt, die Kritik Dritter daran, wie sie sich auf vergangenes Wissen bezieht und ob HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 289 ihr Anspruch, das vorhandene theoretische Wissen verändert zu haben, zurecht erhoben werden kann. Wenn man die theoretisch ausgerichteten Disziplinen einbezieht, verschiebt sich die Bedeutung der Konzepte epistemisches Objekt und Rekurrenz. Nicht nur ein materielles Objekt kann als epistemisches Ding existieren, sondern auch ein theoretisches Problem, das zu lösen bzw. ein sozialer Sachverhalt, der zu untersuchen ist. Auch mit Bezug auf diese Probleme gibt es ein vergangenes Wissen, und es wird neues Wissen erzeugt werden. Ausdifferenzierung von Rekurrenzordnungen Wenn das Konzept des epistemischen Objekts in dieser Weise verallgemeinert wird, ist es einsichtig, dass es nicht nur eine Rekurrenzordnung gibt, sondern mehrere. Wie etwas als Problem oder offene Frage mit Bezug auf ein epistemisches Objekt formuliert wird, differenziert sich gemäß der Unterschiedlichkeit der Erkenntnisansprüche aus. Rekurrenzordnungen legen fest, was mit Bezug auf ein Problem als bekanntes Wissen gilt, und es werden je nach Erkenntnisanspruch unterschiedliche Regeln institutionalisiert, wie der Anspruch, etwas Neues beizutragen, darzustellen ist. Auf diese Weise differenzieren sich zunächst Disziplinen aus und im Weiteren innerhalb von Disziplinen weitere Rekurrenzordnungen, die jeweils bezogen auf epistemische Dinge Vorgaben darüber enthalten, was als bekanntes Wissen gilt und wie darauf bezogen der Anspruch, Neues beizutragen, zu begründen und zu explizieren ist. Rekurrenzordnungen sind aufgrund ihrer spezifischen Vergangenheits- und Zukunftsbezüge dynamisch. Deshalb ist es auch nicht ausgeschlossen, dass disziplinär getrennte Aspekte wieder zu einer interdisziplinären Rekurrenzordnungen zusammengeführt werden. In der ethnographischen Forschung werden z.B. die Rekurrenzordnungen soziologischer und ethnologischer Forschung zusammengeführt. Die Neurowissenschaften haben in den letzten beiden Jahrzehnten als Attraktor für andere Disziplinen gewirkt, was ebenfalls zur Ausbildung neuer Rekurrenzordnungen geführt hat, die etwa als Neuroethics oder Neuroeconomics bezeichnet werden. Während die erstere die Rekurrenzordnungen der philosophischen Ethik und der Neurowissenschaften aufeinander bezieht, amalgamieren die Neuroeconomics die Rekurrenzordnungen der Ökonomie und der Neurowissenschaften. Wenn man diese Dynamik von Rekurrenzordnungen einbezieht, kann man zwei unterschiedliche Formen unterscheiden, wie der institutionelle Zwang zum Neuen wirkt. Zum einen wirkt er innerhalb einer gegebenen Rekurrenzordnung. Dies wäre im Sinne Kuhns mit dem wissenschaftlichen Normalbetrieb zu vergleichen. Dasjenige, was Kuhn als Paradigmenwechsel bzw. als wissenschaftliche Revolution beschreibt, wäre dann WISSENSCHAFT 290 konkreter als Restrukturierung der Rekurrenzordnung zu begreifen. In der Ausdifferenzierung von Disziplinen werden paradigmatische Konzeptionen entwickelt, die für die spätere Forschung als Bezugspunkt gelten. In diesem Sinne hat sich etwa die Soziologie als Disziplin aus der Philosophie und der Nationalökonomie entwickelt. Die paradigmatischen Formulierungen entstammen dem 19. Jahrhundert und dem beginnenden 20. Jahrhundert (Durkheim, Simmel, Weber). Hierbei handelt es sich um eine wissenschaftliche Revolution, denn es werden neue Paradigmen als Grundlage einer neuen Disziplin etabliert. Der institutionelle Zwang zum Neuen führt einerseits zum Normal-Neuen im Rahmen einer Rekurrenzordnung und zum Innovativ-Neuen im Rahmen einer Neustrukturierung der Rekurrenzordnung bzw. der Etablierung einer neuen Rekurrenzordnung. Diese Unterscheidung ist im Sinne eines polaren Gegensatzes mit fließenden Übergängen zu verstehen. Weiterhin wird letztlich in der Kommunikation über die Mitteilung von Neuem entschieden, ob es sich um Normal-Neues oder um Innovativ-Neues handelt. Es ist nicht ausgeschlossen, dass eine Autorin glaubte, sich im Rahmen einer Rekurrenzordnung zu bewegen, und in der Kommunikation über ihre Mitteilung wird deutlich, dass dies nicht der Fall ist. Entweder wird die Mitteilung deshalb im Weiteren als irrelevant aus der Kommunikation ausgegrenzt, oder die Autorin wird zur Begründerin einer neuen Rekurrenzordnung. In analoger Weise kann es einer Autorin geschehen, die den Anspruch auf eine Neustrukturierung der Rekurrenzordnung mitteilt, dass ihre Kommunikation als Normal-Neues interpretiert wird. Aus der revolutionären Neuerung wird ein Fall des wissenschaftlichen Normalbetriebs. 7.3.3 Reputation Mit der reflexiven Institutionalisierung der Wissenschaft durch Publikationen bildet sich auch ein Merkmal heraus, das sich nur bedingt auf die Differenz wahr und unwahr beziehen lässt: der Kampf um Reputation. Reputation wird in der Wissenschaftsforschung in der Regel mit Bezug auf die zeitliche Struktur der Rekurrenz analysiert. Denn diese schafft einen Index, welcher Autor wann etwas zuerst publiziert hat und deswegen zu zitieren ist, wenn es um den Bezug auf vergangenes Wissen geht. Mit dieser Fassung von Reputation wird eine direkte Entsprechung zwischen der zeitlichen Ordnung in der Sachdimension und der zeitlichen Ordnung in der Sozialdimension erzeugt. Es geht darum, wer zuerst die neue sachlich wahre Aussage gemacht hat (vgl. Luhmann 1992b: 247). Noch bevor die moderne Ordnung der Kontrolle der subjektiven Erkenntnisposition institutionalisiert wurde, war die (Fach-)Öffentlichkeit der Forschung und damit die Rekurrenz institutionalisiert worden. HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 291 Deshalb lassen sich Auseinandersetzungen um Priorität und Reputation bereits im 17. Jahrhundert beobachten. Also zur Zeit der Anfänge der modernen Wissenschaft, die sich noch im Rahmen der Legitimationstheorie der großen Kette der Wesen entwickelt hatte. Merton zufolge ist die Wissenschaft seit ihrer Entstehung in England im 17. Jahrhundert durch die Konkurrenz um die Anerkennung von Priorität gekennzeichnet (Merton 1968/1973). Es gäbe lediglich zwischendurch Ausnahmezustände. Wenn bestimmte Forschungsgebiete gerade keine weitere Beachtung fänden, wäre es möglich, dass in diesen Bereichen ohne besondere Hast geforscht werden könnte – orientiert an der Differenz wahr/unwahr. Solche Ausnahmezustände würden von vielen als allgemeines Charakteristikum der Wissenschaft angesehen, wie sie einmal gewesen sei. Es ließe sich aber keine Epoche ohne den Streit um Priorität finden. Merton konstatiert in dieser Hinsicht nüchtern: »For the plain fact is, of course, that the race for priority has been frequent throughout the entire era of modern science.« (Merton 1968/1973: 334f) Worum es in solchen Auseinandersetzungen geht, ist die Stellung in der Rekurrenzordnung der Wissenschaft. Deren Institutionalisierung schafft die hohe Bedeutsamkeit, die den jeweils erreichten Neuerungen des Wissens beigemessen wird. Es geht nicht nur darum, eine wahre Aussage gemacht zu haben, sondern darum, wer sie als erster gemacht hat und deshalb im Bezug auf vergangenes Wissen wieder (und wieder) genannt werden muss. Diese Struktur wird weiter gestützt durch die institutionellen und technischen Kontrollen des Forschungssubjekts. Während in der Wissenschaft des 17. Jahrhunderts die soziale Stellung noch eine Rolle spielte für die Anerkennung durch die Gemeinschaft der Forschenden, wird dies mit der Institutionalisierung der modernen Wissenschaft anrüchig. Auf diese Weise wird wissenschaftliche Anerkennung zur einzig relevanten Form der Anerkennung in der Wissenschaft. Nicht-wissenschaftliche Besonderheiten der Forschersubjekte verlieren damit – dem Anspruch nach – vollständig an Bedeutung. Damit grenzt sich die Wissenschaft durch eine besondere Form der institutionalisierten Anerkennung gegen andere Gruppen- und Handlungszusammenhänge deutlicher ab. Denn ein wissenschaftliches Subjekt kann als verantwortliches Subjekt nur hervortreten, wenn ihm das Verdienst zukommt, zuerst an einem epistemischen Objekt durch ein Experiment, eine Beobachtung oder theoretische Argumentation etwas Neues entdeckt zu haben. Dadurch wird die legitime Sprecherposition in der Rekurrenzordnung festgelegt. Es geht darum, wer der Sprecher ist, der genannt werden muss. Bei der Reputation geht es um das sachliche Problem der Erstkommunikation von Wissen und darüber vermittelt um die Diabolik der Wissenschaft in der Sozialdimension. Dieser Sprecher muss genannt werden und alle anderen nicht. Die Unterscheidung zwischen dem Normal-Neuen und dem Innovativ-Neuen ermöglicht es, unterschiedliche Formen des Reputationsgewinne WISSENSCHAFT 292 und deren Risiken zu unterscheiden. Wer sich im Rahmen einer Rekurrenzordnung bewegt und darauf zielt, an einem epistemischen Objekt Normal-Neues zu entdecken, wandelt auf sicheren Pfaden und darf auf einen begrenzten Reputationsgewinn hoffen. Mit Bezug auf den einen neuen Aspekt, den die Forscherin am epistemischen Objekt entdeckt hat, muss sie als Erstautorin genannt werden. Diejenigen, die an einer Restrukturierung der Rekurrenzordnung arbeiten (Ausdifferenzierung einer Disziplin oder Subdisziplin bzw. Zusammenführen vormals getrennter Rekurrenzordnungen), können leichter scheitern; denn das Neue, das sie anbieten, kann als irrelevant im Rahmen der etablierten Rekurrenzordnung(en) eingestuft werden. Zugleich ist der Reputationsgewinn im Falle eines Erfolgs aber auch höher. Die erfolgreiche Restrukturierung der Rekurrenzordnung schafft die Verpflichtung, die Begründer oder Klassiker der sich neu etablierenden Rekurrenzordnung immer wieder zu nennen. Beispiele wären Darwins Evolutionstheorie, die für die Rekurrenzordnungen der verschiedenen biologischen Subdisziplinen immer noch relevant ist, oder im Fall der Soziologie ihre Klassiker wie Durkheim, Weber oder Simmel, die immer wieder zitiert werden müssen. 7.4 Die reflexive Institutionalisierung der Wissenschaft Wenn man Wissenschaft im Sinne der reflexiven Institutionalisierung eines horizontal ausdifferenzierten Handlungs- und Kommunikationszusammenhangs begreift, kann man einerseits an ein Verständnis anschlie- ßen, welches Wissenschaft als ein historisch entstandenes Unternehmen zur Herstellung und Sicherung wahrer Aussagen begreift (Luhmann 1992b), und andererseits die Ergebnisse der neueren Wissenschaftsforschung einbeziehen, die Wissenschaft als handwerkliche oder soziale Praxis analysieren, wobei konkurrierende Akteure versuchen, sich gegeneinander durchzusetzen (Latour/Woolgar 1979; Knorr Cetina 1981/1991, 1992), ohne dass es ihnen unbedingt um Wahrheit gehen würde, weshalb immer auch das Verhältnis von Wissen und Macht (Foucault) berücksichtigt werden müsse. Die unterschiedlichen Verständnisse von Wissenschaft lassen sich zusammenführen, wenn man die Praxis der Laborforschung bzw. allgemeiner der wissenschaftlichen Beobachtung und deren Zusammenhang mit der Rekurrenz des Publizierens im Sinne reflexiver Institutionalisierung versteht. In dieser Perspektive tritt sowohl die Differenz zwischen den verschiedenen Ebenen der Sinngeneralisierung der institutionellen Praxis des Forschens und Publizierens hervor als auch deren Zusammenhang. Mit Bezug auf konkrete Forschungen und ihre Besonderheiten werden, orientiert an einem der drei genannten Erkenntnisansprüche (Mensch HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 293 als Naturwesen in einer natürlichen Umwelt, als kulturbildend in einer von ihm gebildeten Kultur und als vernünftiges bzw. moralisches Wesen) in den Wissenschaften jeweilige Fachöffentlichkeiten erzeugt. Durch die über alle Differenzen der Fächer hinweg gesicherte Geltung der Institution der Rekurrenz können sich Akteure aller Wissenschaften als einem gemeinsamen Unternehmen zugehörig beschreiben, indem sie sich im kontroversen Feld der Legitimationstheorie des dreifach bestimmten Menschen positionieren. Hiermit wird ein weites Feld wissenschaftlicher Tätigkeiten einbezogen: von den experimentellen Naturwissenschaften über die weniger technisch objektiviert beobachtenden Kultur- und Sozialwissenschaften bis hin zu den verstehenden maßgeblich mit Texten arbeitenden Geisteswissenschaften unter Einschluss der Philosophie und auch der Mathematik, der es im 19. Jahrhundert gelungen ist, eine eigene der formalen Logik verwandte und global gültige symbolische Form des Schließens und Beweisens zu entwickeln (Heintz 2000). Mit Blick auf die reflexive Institutionalisierung lassen sich zwei Drittenkonstellationen voneinander unterscheiden: die neuigkeitssichernde Konstellation der Forschungspraxis und die das epistemische Ding mitkonstituierende institutionelle Rekurrenzordnung des Publizierens. Diese Drittenkonstellationen sind ineinander verschachtelt und lassen sich nur analytisch voneinander trennen. Die institutionellen Drittenkonstellationen weisen folgende Charakteristika auf: • In der Forschung machen sich Wissenschaftlerinnen in einer kontrollierten Weise von ihrem epistemischen Ding abhängig. Diese Forschungsdyade wird durch die Erwartungen Dritter institutionell kontrolliert, d.h., die Art und Weise, wie Wissenschaftlerinnen sich vom ihrem epistemischen Ding abhängig machen, wird durch die Erwartungen Dritter, der relevanten Fachöffentlichkeit, institutionell kontrolliert. Bereits in der Forschung zeichnet sich wissenschaftliches Wissen also durch seine Exoterik aus. Es ist ein öffentliches Wissen, das nicht einem kleinen Kreis vorbehalten bleiben soll, wie es für esoterisches Wissen (etwa in der Wirtschaft) typisch ist. • Die Wissenschaft ist weltgesellschaftlich orientiert. Es gibt keine mitgliedschaftlich verfasste Beschränkung für die Teilnahme möglicher Akteure. Die Begrenzung der teilnehmenden Akteure erfolgt in qualitativer Weise durch den Nachweis von Qualifikationen bzw. durch deren Stellung in einer jeweiligen Rekurrenzordnung. (Differenz zu Staat und Recht) • Wissenschaft erzeugt vorläufig wahre Aussagen, die in öffentlich (durch Dritte) kontrollierten Verfahren zustande kommen, verteidigt oder bestritten werden. Die Öffentlichkeit des Wissens konstituiert seine Exoterik. Entscheidend ist dabei die Ordnung der WISSENSCHAFT 294 Rekurrenz sowie die Erzeugung von Objektivität durch die kritische Kontrolle der Erkenntnisposition. Die empirischen Wissenschaften gemäß dem ersten (natürlichen) und dem zweiten (kulturellen) Erkenntnisanspruch unterscheiden sich mit Bezug auf die Art der Kontrolle der subjektiven Erkenntnisposition. In den Naturwissenschaften wird eine aperspektivische bzw. mechanische Objektivität entwickelt, während in den Kultur und Sozialwissenschaften Objektivität durch eine auf Dauer gestellte Reflexion der subjektiven Erkenntnisposition angestrebt wird, um so zu einer kontrollierten Erkenntnis zu gelangen. • Die Ergebnisse der Forschung, das wissenschaftliche Wissen, werden als Gemeingut beschrieben, sie werden nicht individuell-exklusiv angeeignet. Während in der Wirtschaft esoterisches Wissen erzeugt wird, das nur einem ausgewählten Kreis zugänglich sein soll, wird in der Wissenschaft exoterisches Wissen erzeugt, das jedem und jeder zugänglich sein soll. • Wissenschaftler konkurrieren vor Dritten, der wissenschaftlichen Öffentlichkeit, darum, wer als derjenige anzuerkennen ist, dem eine wahre Aussage als erster gelungen ist. Die sich daraus ergebenden Ansprüche auf Priorität bzw. Reputation werden individuell exklusiv erhoben, und Reputation wird individuell exklusiv angeeignet. Auf diese Weise wird eine spezifisch wissenschaftliche Subjektivität erzeugt. Bei der für die Wissenschaft charakteristischen Drittenkonstellation handelt es sich um zwei strukturell ähnliche und aufeinander bezogene Konstellationen. Diese Dopplung ist erforderlich, um die Ergebnisse der neueren empirischen Wissenschaftsforschung zu integrieren, die das alltägliche Forschungshandeln in den Naturwissenschaften zum Gegenstand gemacht hat. In diesen Forschungen standen die Besonderheiten des Labors und das Problem der Mitbeteiligung technischer Objekte im Vordergrund. Es sei nicht sinnvoll, nur Naturwissenschaftler und Techniker als Akteure zu berücksichtigen, vielmehr müsse auch der Beitrag der epistemischen Objekte und der eingesetzten Geräte berücksichtigt werden. Die Analyse müsse es offenhalten, welche der beteiligten Entitäten in einer konkreten Situation als Akteur gelten können. Dies solle von den Besonderheiten der Forschungssituation abhängig gemacht werden. Damit wird die Kontingenz der Mitwelt implizit zu einem Dauerthema in der Analyse der Wissenschaft (Latour 1991/1995). In diesem Sinn begreife ich die technisch vermittelte Beziehung zwischen Forscher und Forschungsobjekt als Forschungsdyade, bei der das Forschungsobjekt in die Position eines fraglichen Alter Ego rückt. Dieser analytische Schritt dient dazu, darauf aufmerksam zu machen, dass sich Forscher vom Forschungsobjekt abhängig machen müssen, um sich HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 295 von ihm überraschen zu lassen. Das epistemische Objekt muss aber in den Grenzen der Naturwissenschaft gehalten werden, d.h., es darf gerade kein kommunikatives Gegenüber werden. Dies bezeichne ich als epistemologische Grenze der Komplexität der Beziehung zwischen Forscher und dem epistemischen Objekt der Naturwissenschaft. Durch diesen analytischen Zug werden die Ähnlichkeiten zwischen dem ersten und dem zweiten Erkenntnisanspruch sichtbar. Der erste Erkenntnisanspruch bezieht sich auf den Menschen als ein natürliches Wesen in einer Umwelt, die zu erklären sind. Der zweite Erkenntnisanspruch bezieht sich auf den Menschen als kulturbildendes Wesen in einer Kultur, welche es zu verstehen gilt. Im Rahmen beider Erkenntnisansprüche geht es um die Notwendigkeit, sich vom epistemischen Objekt in kontrollierter Weise überraschen zu lassen. Zu diesem Zweck wird die nichtsoziale Forschungsbeziehung in den Naturwissenschaften einer sozialen Beziehung tendenziell angeglichen, wodurch das Überraschungsmoment entsteht. Im Rahmen des kulturellen Erkenntnisanspruchs ist das Überraschungsmoment unvermeidbar, denn die Forschungsbeziehung ist in jedem Fall eine schwer zu kontrollierende soziale Beziehung; es bedarf einer gesteigerten reflexiven Aufmerksamkeit, um die Komplexität der sozialen Beziehung soweit zu kontrollieren, dass wissenschaftliche Aussagen möglich werden, die auf das Allgemeine bzw. Typische zielen und damit über die besondere Situation und ihre Anforderungen hinausgehen. Die Erkenntnisansprüche der Natur- sowie der Sozial- und Kulturwissenschaften weisen mit Bezug auf die Gestaltung der Beziehung zum epistemischen Ding folgende Gemeinsamkeiten und Unterschiede auf: Gemäß der Einordnung in die Rekurrenz wird das epistemische Ding in kontrollierter Weise befragt. Dabei wird das zu befragende epistemische Ding als eines konzipiert, welches antworten kann. Um eine überraschende Antwort geben zu können, bedarf das epistemische Objekt eines Spielraums. Dieser Spielraum wird im Rahmen des ersten (naturwissenschaftlichen) Erkenntnisanspruchs deutlich stärker kontrolliert als im Rahmen des zweiten (sozial- und kulturwissenschaftlichen) Erkenntnisanspruchs. Die Institutionalisierung der Objektivität, die der Erzeugung wahren Wissens dient, besteht darin, die Beziehung zwischen Forscher und ihren epistemischen Dingen institutionell unter Kontrolle zu stellen: Die Forschung findet vor Zeugen bzw. kommunikativ adressierbaren Dritten statt. Forschungsergebnisse sind so darzustellen, dass wissenschaftliche Leserinnen einer Publikation die Beobachtung bzw. das Experiment nachvollziehen können. Die in der Publikation miterwartete Kritik diszipliniert die Forscher zur Ausschaltung aller Elemente, die die subjektiven Besonderheiten der Experimental- bzw. Beobachtungspraxis als problematisch erscheinen lassen könnten und institutionalisiert auf diese WISSENSCHAFT 296 Weise eine durch das Erkenntnissubjekt nicht verstellte Objektivität. In den Naturwissenschaften wird dies durch technische Objektivität gestützt, während in den Sozial- und Geisteswissenschaften eine gesteigerte Aufmerksamkeit auf den theoretischen Erkenntnisprämissen bzw. auf den praktisch wirksamen gesellschaftlich-kulturellen Bindungen der Beobachtung liegt. Dies ist die Grundlage für die Exoterik wissenschaftlichen Wissens. Für die Mitkonstitution des epistemischen Objekts durch Publikation ist ein weiteres Charakteristikum der Forschungspraxis relevant: die Rekurrenz (Rheinberger). Wissenschaftliches Wissen bezieht sich auf bekanntes Wissen und zielt in der Forschungspraxis darauf, dieses zu erweitern bzw. zu verändern. Das Objekt des wissenschaftlichen Wissens, das epistemische Ding, ist deshalb eines, das stets in der Zukunft liegt. Es ist ein Ding, an dem in kontrollierter Weise immer wieder Neues zu entdecken ist. Bei gegenwärtig gültigem Wissen handelt es sich um Publikationen, die die vorangegangenen Beobachtungen des epistemischen Dings durch einen oder mehrere Forscher dokumentieren. Autorinnen von Folgepublikationen nehmen auf die Proponenten des vergangenen Wissens und ihre Beobachtungen Bezug und verarbeiten diese – etwa in der Darstellung des Forschungsstandes. Damit geraten sie in die Egoposition, denn sie interpretieren vorangegangene Mitteilungen. Dabei wird eine kritische Fachöffentlichkeit miterwartet, denn im Verfassen der Publikation werden mögliche kritische Stellungnahmen Dritter miterwartet, was zu einer Orientierung an rationaler Nachvollziehbarkeit führt. Ausgehend von etablierten Rekurrenzordnungen kann auf zweierlei Weise Neues entdeckt werden. Normal-Neues wird im Rahmen einer gegebenen Rekurrenzordnung entdeckt, während Innovativ-Neues durch eine Neubildung bzw. Restrukturierung von Rekurrenzordnungen erzeugt wird. Dass die eigene Forschung unter kritischer Beobachtung steht, wird in der Forschungspraxis antizipiert, denn bereits bei der Entwicklung der Fragestellung bzw. des Designs des Experiments und dessen technischer Objektivität bzw. im Design der Beobachtung wird die kritische Stellungnahme durch Dritte mitbedacht. Die Drittenkonstellation der Publikation bestimmt die Drittenkonstellation der Forschungspraxis mit. Denn die Konstruktion des epistemischen Dings wird durch die antizipierten Anforderungen in einer zukünftigen Publikation mitbestimmt. Dadurch wirkt die generalisierende Beschreibung der Forschung in der Publikation strukturierend auf die Forschungspraxis. Die Exoterik wissenschaftlichen Wissens wird so bereits für die durch lokale und subjektive Besonderheiten gekennzeichnete Herstellung des Wissens relevant gemacht. Wenn man die triadische Struktur wissenschaftlichen Publizierens in Rechnung stellt und das Prinzip der Rekurrenz auf das Verfahren des HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 297 Entdeckens neuer Aspekte an einer bekannten Sache hin verallgemeinert, lassen sich erstens die empirisch orientierten Naturwissenschaften, zweitens die empirischen bzw. material orientierten Sozial- und Geisteswissenschaften einbeziehen sowie drittens die rein theoretisch argumentierenden Wissenschaften einschließlich der Philosophie und der Mathematik. Wissenschaft ist ein Handlungs- und Kommunikationszusammenhang, in dem im kontrollierten Bezug auf vergangene Kommunikationen durch ein Experiment etwas gezeigt wird, Beobachtungen dargestellt und Theorien argumentativ geprüft werden. Die an die vergangene Mitteilung von Alter anschließende Deutung von Ego erfolgt unter Antizipation kritischer Stellungnahmen Dritter. Diese müssen also kommunikativ anwesend sein. Nur dann ist erwartbar, dass Dritte bestreiten, was experimentell gezeigt oder beobachtet bzw. was argumentativ begründet wurde. Der Bezug auf Tertius erzeugt einen Zwang zur rationalen Begründung. In solchen triadisch strukturierten Verfahren wird ein unwahrscheinliches Muster akzentuiert: Die Beteiligten legen sich darauf fest, dass es für sie im Mittelpunkt steht, sich an der Unterscheidung wahr/unwahr zu orientieren. Dies geht so weit, dass eine solche Orientierung im Zweifelsfall auch normativ eingefordert wird. Die Zahl der Teilnehmenden an der Drittenkonstellation ist nicht mitgliedschaftlich begrenzt. Es gibt lediglich eine qualitative Beschränkung: Es dürfen nur diejenigen teilnehmen, die dazu in der Lage sind, eine Theorie bzw. ein Experiment oder eine Beobachtung nachzuvollziehen und zu beurteilen. Dieses Können wird in der Regel durch formale Qualifikationen nachgewiesen. Die Ordnung der Rekurrenz führt dazu, dass für Wissenschaftlerinnen notwendigerweise nur eine Form der Anerkennung bleibt, die den Handlungs- und Kommunikationszusammenhang der Wissenschaft auszeichnet: die Anerkennung von Prioritätsansprüchen und der daraus resultierenden Reputation. Es ist entscheidend, dass sich Wissenschaftlerinnen durch antizipierte Kritik Dritter dahingehend disziplinieren, Prioritätsansprüche anzuerkennen und dies nötigenfalls auch für sich selbst einzufordern. Wissenschaft ist ein Unternehmen, welches in seiner Selbstbeschreibung zum einen der Erzeugung wahrer Aussagen dient und zum anderen ein Kampf um Prioritätsansprüche und Reputation, der von Beginn an mit allen Mitteln ausgetragen wird. Gemäß der Unterscheidung zwischen dem Normal-Neuen und dem Innovativ-Neuen lassen sich unterschiedlich risikoreiche Wege identifizieren, die Wissenschaftlerinnen im Kampf um Reputation beschreiten können. Sowohl die Legitimationstheorien des dreifach bestimmten Menschen als auch die institutionelle Praxis weisen die Wissenschaft als einen Handlungs- und Kommunikationszusammenhang aus, der an einer weltgesellschaftlichen Perspektive orientiert ist. Eine mitgliedschaftlich verfasste Beschränkung gibt es nicht. Dies macht die Wissenschaft der WISSENSCHAFT 298 Wirtschaft ähnlich. Von dieser unterscheidet sie sich aber durch die die Exoterik des Wissens bzw. die Institutionalisierung des Wissenskommunismus. Wissenschaftliches Wissen soll nicht individuell exklusiv angeeignet werden können, wie es für das in der Wirtschaft erzeugte esoterische Wissen typisch ist. Es gehört zu den wichtigen Fragen der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts, ob es eine Bedrohung für die Ordnung wissenschaftlichen Wissen darstellt, wenn das derzeit technisch wirkmächtigste Wissen, die Konstruktion von Steuerungsalgorithmen, durch private Konzerne (Google, Microsoft, Tesla usw.) erzeugt wird. HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG 299 Kapitel 3 Beobachtung und Kritik Die Struktur horizontaler Differenzierung zeichnet sich durch ein chronisch konflikthaftes Verhältnis zwischen den mitgliedschaftlich verfassten Handlungsbereichen (Politik und Recht) und den weltgesellschaftlich orientierten Handlungsbereichen (vor allem der Wirtschaft, weniger mit der Wissenschaft) aus. An Polanyi anschließend habe ich dies als Konflikte um den Zugriff auf die fiktiven Waren (Boden/Natur, Arbeitskraft bzw. Körperindividuum, Geld und Wissen) beschrieben. Damit ist allerdings der normative Rahmen, in dem diese Konflikte allererst möglich werden, nicht begriffen. Warum sollte es normativ ein Problem darstellen, wenn Arbeitskraftvermieter nur solange Geld bekommen, wie die Nutzung ihrer Arbeitskraft rentabel ist, sie ansonsten aber verhungern? Warum sollte es ein Problem darstellen, wenn die Umwelt bis zur Unbewohnbarkeit industriell oder militärisch genutzt wird, solange es noch genug saubere Gegenden für die gesellschaftlich wichtigen Leute gibt? Warum sollte es ein Problem darstellen, wenn Bürgerinnen, die die Harmonie der Gesellschaft durch abweichende politische Meinungen stören, verfolgt und evtl. getötet werden? Warum sollte es ein Problem darstellen, wenn das Wissen um die Heilung einer Krankheit als Geschäftsgeheimnis gehütet und nur an zahlungskräftige Kunden weitergegeben wird? Allein die Fragen so zu stellen, wirkt skandalös, denn dadurch wird das spontane moralische Empfinden verletzt, das leibliche Selbste haben sollten, die in ihrem Erleben auf den menschlichen Körperindividualismus verpflichtet sind. Die Institutionalisierung der Verpflichtung auf eine am Menschen und seiner Umwelt orientierten Moral gilt es nun zu rekonstruieren. Es ist diese moralische Verpflichtung, die den Konflikt um die fiktiven Waren normativ auflädt und durch die es einsichtig wird, warum horizontale Vergesellschaftung auf eine kritische (Selbst-)Beobachtung angewiesen ist. Um den Status der kritischen Beobachtung der Vergesellschaftung zu erfassen, komme ich auf die Ebenen der Sinngeneralisierung zurück. Hierbei hatte ich die folgenden Ebenen unterschieden: • Von leiblichen Selbsten getragene triadisch verfasste Handlungsabläufe werden durch Institutionalisierung auf Dauer gestellt, dies beschreibt die Bildung einfacher Institutionen. • Vermittelnde Institutionen ermöglichen die Übergänge zwischen ablaufenden Institutionen. • Legitimierende Diskurse etablieren sinnhafte Zusammenhänge zwischen Institutionen, vermittelnden Institutionen und gesellschaftlichen 300 Subgruppen. Solche Diskurse beschreiben Wissenschaft, Politik oder Wirtschaft als jeweilige Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge mit einem je eigenen Wo rum-willen, welches sich für Wirtschaft und Wissenschaft sowie Politik und Recht jeweils im Sinne einer Doppelbestimmung rekonstruieren ließ. • Die am weitesten generalisierte Ebene der Sinngeneralisierung bildet die Institutionalisierung übergreifender symbolischer Sinnwelten. Diese formulieren im Sinne von Kosmologien die Einheit der Ordnung eines Weltzugangs. Dazu gehört auch die differentielle Kosmologie der Moderne, die das menschliche Körperindividuum als moralisches, kulturbildendes und natürliches Wesen beschreibt, das einer nicht personal verfassten Natur gegenübersteht. • Der Bildung der institutionellen Form des Körperindividuums mit gleichem Rechtsstatus korreliert die Bildung gesellschaftlicher Subgruppen, zu denen sich die institutionalisierten Körperindividuen zusammenfinden können. Für die Praxis der kritischen Beobachtung von Vergesellschaftung sind vor allem soziale Bewegungen relevant. Die kritische Beobachtung bezieht ihre moralische Kraft aus der normativen Sonderstellung des Menschen, d.h. dem Ethos der Menschenrechte, welches einen zentralen Bestandteil der übergreifenden modernen Legitimationstheorien bildet. In den vorhergehenden Kapiteln habe ich diesen normativen Bezugspunkt immer wieder in Anspruch genommen, ohne allerdings seinen moralischen Gehalt als solchen zu explizieren. Dies ist erforderlich, um die Strukturnotwendigkeit von Kritik zu begreifen. Horizontale Vergesellschaftung produziert aus sich heraus einen moralischen Überschuss, der eine kritische Dynamik entfaltet, die den Erhalt der Strukturen horizontaler Differenzierung sichert. Strukturnotwendige Kritik beinhaltet zwei Aspekte: zum einen die normativ aufgeladene kritische Beobachtung von Vergesellschaftung und zum anderen die Sicherung der Strukturrelevanz von Kritik – durch den Bezug auf die Verfahrensordnung der Gewalt. Dieser Zusammenhang ist in den Legitimationstheorien der Kritik immer verstanden worden, wird aber in der jüngeren Kritischen Theorie der Gesellschaft (zuerst bei Adorno und Habermas) ausgeblendet. Wenn die Bedeutung der Sicherung der Strukturrelevanz der Kritik durch Gewalt verkannt wird, regrediert Gesellschaftskritik zu einer moralisch aufgeladenen Gesellschaftsbeobachtung. Deshalb gilt es, die kritische Theorie der Gesellschaft durch eine Theorie der kritischen Gesellschaft zu ersetzen, d.h. durch eine Theorie der Gesellschaft, die die strukturelle Bedeutung des moralischen Überschusses erfasst und so die praktisch wirksame Kritik als relevanten Teil der modernen Gesellschaft begreift. BEOBACHTUNG UND KRITIK 301 Die These lautet: Horizontale Differenzierung zeichnet sich durch eine chronische Selbstgefährdung ihrer Strukturen aus. Deshalb bedarf sie einer kontinuierlichen Beobachtung und Bewertung der Vergesellschaftung und gegebenenfalls einer praktisch wirksamen Gesellschaftskritik, um die Gesamtordnung horizontaler Differenzierung vor ihrer Selbstzerstörung zu bewahren. Als Maßstab der Kritik fungiert die Institution des dreifach bestimmten Menschen gleich an Freiheit und Würde. Diese normative Institution gilt als universaler Bezugspunkt der Kritik und ist insofern außerhalb der ausdifferenzierten Subgruppen bzw. Handlungsund Kommunikationszusammenhängen situiert. 1. Horizontale Differenzierung und das Ethos der Menschenrechte Das hier entwickelte Verständnis des Ethos der Menschenrechte und insbesondere der normativen Prinzipien Freiheit und Würde zeichnet sich dadurch aus, dass es nicht nur die Frage danach stellt, wie Freiheit und Würde gesellschaftlich gebunden sind. Es wird vielmehr die Frage danach gestellt, welche Funktion diese normativen Prinzipien mit Bezug auf die Struktur horizontaler Differenzierung und der Sicherung der Grenzen des Sozialen durch das anthropologische Quadrat haben. Das moderne Verständnis des Menschen bzw. des Ethos der Menschenrechte entwickelt sich als neuartige Legitimationstheorie aus dem Verständnis des Menschen, das im Rahmen der Theorie der großen Kette der Wesen formuliert worden war. In deren Rahmen waren Menschen in die hierarchisch gegliederte Skala der Schöpfung eingeordnet. Denn Menschen standen einerseits über den Tieren und andererseits unter den Geistwesen. Die hierarchische Gliederung setzte sich in der hierarchischen Ordnung zwischen den Menschen fort. Dabei kamen den Menschen in sich widersprüchliche Bestimmungen zu. Insofern es um den göttlichen Heilsplan ging, hatte der Mensch eine geradezu dramatisch herausgehobene Position. Als individuelles freies Wesen konnte er nicht nur zwischen Gut und Böse unterscheiden, sondern er konnte sich auch für das eine und gegen das andere entscheiden. Deshalb war der Mensch das einzige Wesen, bei dem es überhaupt denkbar war, dass es einen Einfluss auf die Heilsentwicklung haben konnte. (Lovejoy 1936/1993: 127f) Andererseits konnte man den Menschen aus annähernd den gleichen Gründen auch als ein unvollkommenes Wesen betrachten. Gemäß der Theorie der Kette der Wesen steht alles Existierende in einem inneren Verhältnis zu Gott. Denn alles wurde von Gott geschaffen, dabei gelten die Prinzipien der Fülle und der Kontinuität. Das Prinzip der Fülle HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG UND ETHOS 302 besagt, dass alles was von Gott ausgehend geschaffen werden kann, auch geschaffen wird, sonst würde Gott seine Schöpferkraft nicht vollständig realisieren. (Lovejoy 1936/1993: 69) Das Prinzip der Kontinuität besagt, dass jede Möglichkeit, d.h. jede Variation, die denkbar ist, auch irgendwo realisiert sein muss. Entsprechend kann man alle Wesen im Sinne einer kontinuierlichen Abstufung zwischen vollkommen und vernünftig zu weniger vollkommen und weniger vernünftig einordnen. »Irgendwo auf dieser Leiter mußte ein Geschöpf existieren, in dem das bloß Tierische endet und das ›Geistige‹ seinen ersten zaghaften Anfang nimmt, und dieses Wesen war der Mensch.« (Lovejoy 1936/1993: 239) Wenn man den Aspekt der mittleren Stellung des Menschen in der hierarchischen Kette der Wesen in den Vordergrund rückt, verliert er seine Besonderheit und wird zu einem mehr oder weniger unvollkommenen Wesen, dem letztlich keine besondere Bedeutung in der gesamten Schöpfung zukommt. Der Unterschied zu den Tieren ist aufgrund der mangelhaften Ausbildung der Vernunft letztlich nicht als allzu groß einzuschätzen. (Lovejoy 1936/1993: 238) Wenn der Mensch derart eingeordnet wird, gibt es keinen besonderen Grund ihm im Diesseits besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Auch eine Verbesserung der Lebensverhältnisse von Menschen ist letztlich nicht ratsam, denn früher der später werden aufgrund seiner Unzulänglichkeit doch wieder ungerechte Verhältnisse herrschen. (Lovejoy 1936/1993: 239) Insgesamt folgen daraus feste Legitimationen sozialer Hierarchien, denen gemäß es am besten ist, wenn alle an ihrem Platz bleiben. Auf der Grundlage derartiger Legitimationen »…schien sich ganz natürlich zu ergeben, daß die imitatio Dei nicht die Aufgabe des Menschen sein konnte und dass jeder Versuch des Aufstiegs auf der Leiter ein Akt der Empörung gegen den göttlichen Plan und ein Verbrechen gegen die Natur sein musste.« (Lovejoy 1936/1993: 244) Diese Sicht auf den Menschen gewann im 18. Jahrhundert zunächst an Bedeutung (Lovejoy 1936/1993: Kap. VI). Daraus folgte die Legitimation der Unterwerfung von Seelenindividuen unter unterschiedliche Gewalten, woraus unterschiedliche Verpflichtungen resultierten, die leibliche Selbste in dividualisierende Besitzbeziehungen im Diesseits auflösten, wobei mit Bezug auf das Jenseits zugleich ein egalitärer Individualismus möglich war. Dieser wurde aber eher im Sinne einer Legitimierung der diesseitigen Ungleichheiten unter den Menschen verstanden, die aufzuheben wider die Natur gewesen wäre (Lovejoy 1936/1993: 248ff). Diese ambivalente Perspektive auf den Menschen als Seelenindividuum wurde im Laufe der Sattelzeit abgelöst durch eine neue Sicht, die sich von der Theorie der Kette der Wesen verabschiedete. Die damit sich durchsetzenden Veränderungen habe ich bezogen auf die Legitimationstheorie des Wissens und des Wissbaren im Abschnitt über die Wissenschaft herausgearbeitet. Die oben bereits beschriebene Trennung der BEOBACHTUNG UND KRITIK 303 Erkenntnisansprüche der Natur und ihrer funktionalen Zusammenhänge von der metaphysisch aufgeladenen Frage nach Letzt-Ursachen sowie von Glaubensfragen und der Erkenntnis des Guten hatte eine weitere wichtige Konsequenz. Wenn Wahrheit und Moral nicht mehr von einem Prinzip her begriffen werden können, kann die Wissenschaft keine politisch relevanten Erkenntnisansprüche mehr erheben. Diese werden aus den spezialisierten Fachöffentlichkeiten mit ihren jeweiligen Rekurrenzordnungen in die Sphäre einer allgemeinen Öffentlichkeit verlagert. Mit der Gründung der nationalen wissenschaftlichen Gesellschaften in England (Royal Society, 1662) und Frankreich (Académie des Sciences, 1666) wurde diese Trennung durchgesetzt. »Die in den offiziellen Wissenschaftsorganisationen nicht institutionalisierten kognitiven Dimensionen der politischen, sozialen, moralischen Regeneration … werden in die Institutionen der bürgerlichen Gesellschaft, in die literarische Öffentlichkeit verwiesen. … Die Aufklärung proklamiert ›scientia‹ als ein Mittel gegen Vorurteil und Ignoranz.« (van den Daele 1977: 164) Für die moralische und politische Debatte war dabei die Stellung des Menschen von zentraler Bedeutung. Dies dokumentiert sich exemplarisch im Werk Kants. Zwar blieb auch für Kant, nachdem der Mensch aus der Kette der Wesen und dem darin gesicherten Gottesbezug herausgetreten war, die Doppelbestimmung als eines natürlichen und vernünftigen Wesens erhalten, allerdings nahm sie eine ganz andere Form an. Denn die Bestimmung als vernünftig bzw. moralisch gliederte den Menschen nicht in eine mittlere Position nahe den Tieren in der Kette der Wesen ein, vielmehr wurde der Mensch auf diese Weise scharf von der Natur, d.h. auch den Tieren, abgehoben. Der Mensch wurde von Kant als ein triebhaftes Wesen verstanden, aber er war seinen Trieben nicht ausgeliefert, sondern konnte sich zu ihnen verhalten. Es war dem Menschen möglich, sich als vernünftiges Wesen selbst Zwecke bzw. Normen zu setzen und sich gegen seine triebhaften Neigungen zu entscheiden. Hierin lag die Freiheit des Menschen. Weil der Mensch frei war und sich dafür entscheiden konnte, einer vernünftigen Einsicht in die Geltung einer Norm zu folgen, kam ihm Würde zu. Der Inhalt der Norm sollte dem Einzelnen nicht vorgegeben sein, vielmehr sollte er deren Geltung anhand eines Verfahrens einsehen, das Kant in der »Grundlegung zur Metaphysik der Sitten« als kategorischen Imperativ bezeichnete. Gemäß diesem Verfahren sollte ein Mensch ein potentiell für die gesamte Menschheit gültiges Sittengesetz ausbilden bzw. dies tun können (vgl. Kant 1785/1974: 51f). Mit diesem Verständnis des Menschen nahm Kant auf eine nichtreligiöse Weise die Dramatik des christlichen Heilsgeschehens auf und führte es weiter. Denn jeder HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG UND ETHOS 304 Mensch sollte in der Auseinandersetzung mit seinen natürlichen Neigungen Normen allgemeiner Gültigkeit entwickeln (können) und war deshalb auch für die Ausbildung allgemeiner Normen für alle Menschen verantwortlich. Da es Kant auf die moralische Autonomie des Menschen ankam, trennte er Staat und Recht von der Moral. In »Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht« (Kant 1784/1977: 5.–7. Satz) entwickelte er den Gedanken, dass die Bürger der gesetzlich gebundenen Gewalt eines Staates unterworfen sein müssen, um in diesem Rahmen ihre Autonomie entfalten zu können. Dabei sollten die Staaten, um Kriege untereinander zu vermeiden, sich selbst als Teil eines Völkerbundes begreifen. In diesem Rahmen war es am ehesten möglich, dass »der Mensch alles, was über die mechanische Anordnung seines tierischen Daseins geht, gänzlich aus sich selbst herausbringe, und keiner anderen Glückseligkeit, oder Vollkommenheit, teilhaftig werde als die er sich selbst, frei von Instinkt, durch eigene Vernunft, verschafft hat.« (Kant 1784/1977: 3. Satz) Staat und Recht waren Mittel, um dies zu ermöglichen. Damit wurde die Frage des moralisch guten Lebens vom Recht getrennt. Staat und Recht setzten einen Rahmen, innerhalb dessen Menschen je auf ihre Weise nach Wegen suchen sollten, ihre Form der Glückseligkeit zu schaffen. Für Kant war dies noch ein Unterfangen, welches eine Verpflichtung auf das Allgemeine, d.h. auf die Menschheit insgesamt, enthält. Der verpflichtende Bezug auf das Allgemeine in der Frage des guten Lebens wurde im Verlauf des 19. und 20. Jahrhunderts zunehmend brüchig. Dies lag nicht zuletzt daran, dass die Möglichkeit vernunftgeleiteter Erkenntnis und Moral, von der Kant selbstverständlich ausgegangen war, unterminiert wurde durch die Ausbildung des dritten Erkenntnisanspruchs. Danach war der Mensch auch ein Wesen, das unterschiedliche Kulturen schaffen konnte, die es in ihrer Unterschiedlichkeit zu verstehen galt. Diese Bestimmung des Menschen unterminierte notwendigerweise die Allgemeinheit der Ansprüche, die an vernünftige bzw. moralische Wesen gestellt werden können. Die Menschheit zerfällt vielmehr in unterschiedliche Kulturen mit je eigenen Fragen nach dem guten Leben. Dies ist die Situation der bürgerlich-menschlichen Gesellschaft. Alle Menschen sind einer staatlichen Gewalt unterworfen und entwickeln in diesem Rahmen unterschiedliche Fragen (und Antworten) nach dem guten moralischen Leben. Der politische Aspekt der Kantischen Philosophie, als Beispiel einer übergreifenden Legitimationstheorie der Moderne gelesen, besagt: Der natürliche Mensch gleich an Freiheit und Würde bildet den absoluten normativen Bezugspunkt der modernen Gesellschaft. Anders gesagt, die Institutionalisierung des menschlichen Körperindividuums, das Kant als natürliche Voraussetzung begreift, beinhaltet die Institutionalisierung BEOBACHTUNG UND KRITIK 305 eines moralischen Anspruchs, der selbst im Sinne einer strukturellen Notwendigkeit horizontaler Differenzierung zu begreifen ist. Denn die bürgerliche Vergesellschaftung soll und muss aus der Perspektive der Frage nach dem guten moralischen Leben beurteilt werden. Der Versuch, dies zu zeigen, ist in mehreren Gesellschaftstheorien unternommen worden. Die Arbeiten von Durkheim und Luhmann stechen dabei besonders hervor. 1.1 Kritik soziologischer Theorien zu Individualisierung, Freiheit und Würde Dass es einen Zusammenhang zwischen christlicher Tradition1, der Entstehung horizontaler Differenzierung und Individualisierung bzw. dem »Kult des Individuums« (Durkheim) gibt, kann als Konsens innerhalb der soziologischen Debatte um Menschenrechte (Luhmann 1965/1999; Tilly 1990; Turner 2006; Waters 1996; Heintz/Leisering 2015) und menschliche Würde (Luhmann 1965/1999; Spickard 2002) gelten. Dabei wird aber immer als unbefragte Prämisse gesetzt, dass nur Menschen in dieser Weise als Träger von Würde bzw. als Träger von Rechten anzuerkennen sind. Dies vorausgesetzt kann man – wie es in einer neo-institutionalistischen Perspektive geschieht – das Prinzip der menschlichen Würde als ein Element der ›human rights ideology‹ (Elliot 2007, 353) analysieren, das zu einem Teil der Weltkultur geworden ist. Oder man kann zu der Feststellung gelangen, dass die grundlegenden normativen Muster in westlichen bzw. kapitalistischen Ländern mit einer liberalen Wirtschaftsordnung entstanden sind (Woodiwiss 2002, 2005), nun aber eine globale Gültigkeit erlangt haben (Boyle/Meyer 1998; Meyer/Boli/ Thomas 1987; Meyer/Jepperson 2000). Vor dem Hintergrund der bisherigen Analysen zur Entstehung des verkörperten Menschen des anthropologischen Quadrats erscheint diese Position als naiv. Sie muss voraussetzen, dass es den verkörperten Menschen immer schon gegeben hat und muss damit den historisch evidenten Übergang vom Seelenindividuum zum Körperindividuum verleugnen.2 1 Für eine Darstellung des christlichen Erbes im modernen Individualismus vgl. Dumont 1991, Meyer 1989 und Novak 2002. Joas hat in seinen Arbeiten ebenfalls besonderen Wert auf die christlichen Wurzeln des Kults des Individuums gelegt (Joas 2008a; 2008b: Kap. 11; 2011: Kap. 2). 2 Ein besonders deutlicher Fall einer solchen falschen Universalisierung findet sich z.B. bei Turner (2006), der aus der körperlichen Verletzlichkeit des Menschen die Notwendigkeit von Menschenrechten ableitet. Nur nebenbei sei bemerkt, dass es sich hier auch um ein besonders schönes Beispiel für einen Sein-Sollen-Fehlschluss handelt. Selbst wenn es eine allgemeine Tatsache wäre, dass Menschen verkörpert und deswegen verletzlich sind, so folgt HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG UND ETHOS 306 Anstatt das Problem der Grenzen des Sozialen auszuklammern, schlage ich eine soziologische Neuinterpretation des Ethos der Menschenrechte vor, die dieses Problem zentral mit aufnimmt. Ausgehend von einer Kritik der Theorien über Freiheit und menschlicher Würde von Durkheim und Luhmann lässt sich zeigen, wie sich ein Verständnis dieser Prinzipien entfalten lässt, ohne das Problem der Grenzen des Sozialen zu ignorieren. So lassen sich in konsistenter Weise die gesellschaftlichen Bedingungen der normativen Ressourcen freilegen, auf die die kritische Beobachtung moderner Vergesellschaftung seit ihrer Entstehung zurückgreifen kann. Gemäß der hier vorgeschlagenen Theorie der Freiheit bzw. menschlicher Würde bildet die horizontal differenzierte Gesellschaft die erste Gesellschaft, die aus Menschen besteht. Sie ist zentriert um den verkörperten Menschen, dem wesentlich Würde und Freiheit zukommen. Es handelt sich dabei nicht nur um eine soziologische Theorie der Würde von aktiv Handelnden wie etwa bei Luhmann, sondern um eine allgemeine Theorie von Freiheit und Würde, die auch schwache, bedürftige und abhängige Menschen einbezieht, d.h., Kinder, Menschen mit Alzheimer, komatöse Menschen oder Menschen mit einer Schwerstbehinderung.3 1.1.1 Menschenwürde als Resultat des Kults des Individuums in arbeitsteilig differenzierten Gesellschaften Durkheims Theorie menschlicher Würde ist in zwei Hinsichten bemerkenswert. Sie erlaubt es, den gesellschaftstheoretischen Gehalt des an thropologischen Quadrats genauer zu erfassen, und sie macht verständlich, in welchem Verhältnis das zu schützende Gut, die Würde des verkörperten Menschen, zu sozialen Beziehungen steht. Bezogen auf das Letztere ergibt sich eine interessante Analogie zwischen dem Rechtsstatus des Seelenindividuums, der durch die Kirche geschützt sein sollte und dem Würdestatus, der durch den Staat geschützt werden soll. Durkheim hat seine Theorie menschlicher Würde, im Zusammenhang mit seiner Analyse gesellschaftlicher Arbeitsteilung (Durkheim 1930/1992) und seinen Forschungen zu Religion (Durkheim 1912/1984) und Moral (Durkheim 1950/1999, 19241976) entwickelt. Das entscheidende Kriterium für die Unterscheidung zwischen einfachen und differenzierten Gesellschaften ist die Entfaltung der Arbeitsteilung. Einfache Gesellschaften zeichnen sich dadurch aus, dass alle notwendigen daraus keine Norm. Es sei denn, man hätte dem lebendigen menschlichen Körper bereits eine normative Sonderstellung eingeräumt. 3 Bezogen auf das Verhältnis von Menschenrechten und Behinderung vgl. Graumann 2011. BEOBACHTUNG UND KRITIK 307 Arbeiten innerhalb eines Klans oder einer Familie erledigt würden. Gesellschaften, die aus derartigen gleichen Einheiten bestehen, bezeichnet Durkheim als segmentäre Gesellschaften (Durkheim 1930/1992: 230). In diesen spielt Arbeitsteilung zwischen den gesellschaftlichen Einheiten keine Rolle. Ferner sei es so, dass die Individuen dem gesellschaftlichen Kollektivbewusstsein nicht nur unterworfen seien, sondern die Individuen werden zu einem Mittel der Gesellschaft. Davon zu unterscheiden sind solche Gesellschaften, in denen sich zunehmend Arbeitsteilung ausbildet. Das idealtypische Beispiel dafür ist die moderne sich im 18. Jahrhundert in Europa und den USA herausbildende Gesellschaftsform. Hier entstehen unterschiedliche Professionen, weshalb die einzelnen gesellschaftlichen Gruppen und die Individuen durch die Organisation der Arbeit notwendigerweise voneinander abhängig werden und sich aufei nander beziehen müssen. Die Professionen, d.h. die differenzierten Berufsgruppen, sind wie die Organe eines Organismus aufeinander bezogen. Die Art der Moralität arbeitsteiliger Gesellschaften würde sich Durkheim zufolge deutlich von derjenigen segmentärer Gesellschaften unterscheiden. Die letztere gesellschaftliche Organisationsform habe eine »mechanische« Form der Solidarität. Alle Individuen bezögen sich in gleicher Weise auf für alle verbindliche Regeln, die das gesamte gesellschaftliche Leben erfassen. Die moralischen Regeln seien in einer solchen Gesellschaft sakraler Art. Die Gesellschaft als Ganzes sei religiös symbolisiert. Ein Verstoß gegen die gesellschaftliche Ordnung sei zugleich auch ein Verstoß gegen die göttliche Ordnung. Auf das Individuum bzw. individuelle Variationen komme es nicht an. Im Unterschied dazu wiesen arbeitsteilige Gesellschaften eine organische Solidarität auf, denn alle Individuen einer solchen Gesellschaft seien aufeinander in je unterschiedlicher Weise angewiesen. Es könne in einer solchen Gesellschaft nicht mehr einen Satz von Regeln geben, der für alle verbindlich ist. Die moralischen Regeln unterschieden sich danach, an welcher Position im Gefüge der gesellschaftlichen Arbeitsteilung jemand steht. In einer solchen Gesellschaft erlange das Individuum eine besondere Stellung. Es sei das Individuum, das sich in eine Profession begibt und bei Bedarf sich auch einer neuen Profession zuwenden kann. Insofern würde das Individuum und seine Variabilität zu einer notwendigen Bedingung für die Entwicklung einer arbeitsteiligen Gesellschaft. Für die kollektive Moral heißt das, dass es nur noch wenige für alle verbindliche moralische Regeln gibt, denn die unterschiedlichen Arbeits- und Lebenssituationen erfordern jeweils unterschiedliche moralische Orientierungen. Daraus folgt aber nicht, » … dass das gemeinsame Bewusstsein vom völligen Verschwinden bedroht wäre«, vielmehr wird das Individuum selbst »der Gegenstand einer Art Religion.« (Durkheim 1930/1992: 227) Die individuelle menschliche Person wird zu einem Gegenstand sakraler Verehrung, HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG UND ETHOS 308 weil in der einzelnen Person die Gesellschaft als Ganze symbolisiert ist. Der sachliche Grund hierfür ist, dass das Individuum die zentrale Bedingung für die moderne Form der Arbeitsteilung darstellt. Zu den zentralen Bedingungen für die Existenz des Kults der Person rechnet Durkheim den Staat. Es sei Aufgabe des Staates, das Individuum aus sozialen Sekundärgruppen herauszulösen, damit es als Individuum für die Gesellschaft zur Verfügung steht. Zu den Sekundärgruppen zählt Durkheim alle Formen sozialer Vereinigungen, in denen Individuen dauerhaft zusammenkommen. Zu den wichtigsten gehörten die Berufsgruppen und die Familie. Diese Gruppen hätten ihrerseits die Tendenz, das Individuum vollständig zu vereinnahmen. Dies gelte speziell für die »die häusliche Gemeinschaft«, von der bekannt sei, »wie sehr sie ihre Mitglieder absorbiert, wenn sie sich selbst überlassen bleibt«. (Durkheim 1950/1999: 91) Ohne die besonderen organisatorischen Bedingungen im Einzelnen aufzuführen, benennt Durkheim hier die im anthropologischen Quadrat als Bedingung für Individualisierung herausgearbeitete Bedeutung des Staates im Verhältnis zur Familie. Dabei übersieht er allerdings die notwendige Vermittlung durch die Medizin. Diese war bzw. ist erforderlich, da der Staat nicht direkt auf den Körper zugreifen kann. Dies fällt in einer horizontal differenzierten Gesellschaft in den Handlungszusammenhang der Medizin. Vermittels deren Zugriff auf den Körper kann der Staat im Verhältnis zur Familie eine Individualisierung der menschlichen Körper durchsetzen. Diese löste die Individualisierung der Seelen ab, die durch die Organisationsleistung der Kirche garantiert worden war. Durkheim zufolge findet eine optimale Sicherung der individuellen Person statt, wenn es eine Machtbalance zwischen dem Staat und den Sekundärgruppen gibt. Wenn eine solche Balance etabliert sei, schützt der Staat das Individuum vor den Sekundärgruppen und andererseits verhindern die Sekundärgruppen gleichsam einen Kurzschluss zwischen Individuen und Staat. Es werde verhindert, dass der Staat direkt auf die Individuen zugreift und sie seiner Macht unterwirft (Durkheim 1950/1999: 93). Mit seiner Theorie der Würde formuliert Durkheim, ohne es zu bemerken, eine strukturelle Analogie zum Rechtsstatus der Seelenindividuen. Durch die Taufe werden die Seelen in ein unmittelbares Verhältnis zu Gott gestellt. Damit wird eine Trennung eingeführt zwischen der Position innerhalb der diesseitigen kirchlichen Organisation und der Position, die sich aus der Gottesunmittelbarkeit ergibt. Die letztere garantiert, dass das Seelenindividuum ein Recht, darauf hat, Rechte gegenüber der organisierten Kirche zu haben. Diese Rechte erlöschen auch durch die Exkommunikation nicht vollständig. Denn das Seelenindividuum behält immer das Recht darauf, dass geprüft wird, ob die Gründe für die Exkommunikation noch vorliegen, und es hat ein Recht darauf, dass BEOBACHTUNG UND KRITIK 309 die Exkommunikation aufgehoben wird, wenn die Gründe dafür entfallen sind. Dass zwischen der mitgliedschaftlich verfassten Einheit, die das Gut schützt, und dem Schutzgut, das einen transzendenten Bezugspunkt aufweist, getrennt wird, ist eine formale Struktur, die sich ebenfalls in Durkheims Theorie der Menschenrechte wiederfindet. Denn dem Menschen kommt Würde zu, insofern er als individuelles Glied einer aus gleichartigen Gliedern gebildeten Menschheit verstanden wird. Damit entsteht eine Spannung zwischen Nationalstaat und dem der Schutzgut, der Würde des menschlichen Individuums als Glied der Menschheit. Entsprechend argumentiert Durkheim: Wenn die Arbeitsteilung zu einer Form der Würde des menschlichen Individuums als solchem führen soll, hat dies zur Voraussetzung, dass die Zugehörigkeit zur Gruppe auf die Zugehörigkeit zur gesamten Menschheit ausgedehnt wird. Das Ideal der Gesellschaft muss zu einer besonderen Form des menschlichen Ideals werden, d.h., »der Typus des Citoyen« deckt sich mit »dem Typus der menschlichen Gattung« (Durkheim 1924/1976: 106). Damit bildet der Mensch als Glied der Menschheit einen transzendenten Bezugspunkt, von dem her das Individuum gegenüber dem Staat Rechte hat. Von der Logik Durkheims her gedacht, müsste dies zur Voraussetzung haben, dass die Arbeitsteilung globale Dimensionen annimmt und alle Menschen dadurch miteinander in Kontakt bringt, dass sie durch die Arbeitsteilung voneinander abhängig geworden sind. Diese Tendenz kann sich allerdings nicht durchsetzen, weil der Staat aufgrund der Konkurrenz der Staaten unverzichtbar bleibt. Das kollektive Bewusstsein bedarf eines faktisch wirksamen gesellschaftlichen Ausdrucks, einer organisierten Gruppe, denn ohne ein faktisch wirksames Organ des Kollektivbewusstseins könne es keine praktisch wirksame Moralität geben. »Vor dem Bezug auf ein überstaatliches moralisches Ideal (Menschheit) war der Staat ausschließlich der Zweck der moralischen Orientierung. Das Individuum war Diener des Staates. Mit der Entwicklung der Orientierung am menschlichen Individuum als solchem, das heißt an der Menschheit, entsteht eine Aktivitätsrichtung des Staates nach innen, er muss innerhalb seiner Einflusssphäre die Gleichheit der menschlichen Individuen und ihre Entfaltungsmöglichkeiten sicherstellen. (Durkheim 1950/1999: 104) Die Möglichkeit von Staatenlosigkeit hatte Durkheim noch nicht realisiert, aber er sieht, dass sich mit der Durchsetzung horizontaler Differenzierung ein Spannungsverhältnis entwickelt zwischen dem Staat, der ein normatives Ideal durchsetzen soll, und diesem normativen Ideal selbst, denn dieses transzendiert von seinem Geltungsbereich her notwendigerweise den einzelnen Staat. Aus diesem Spannungsverhältnis heraus wird Hannah Arendt (1949) später die Idee formulieren, dass es ein Recht darauf geben muss, nicht nur als Mensch anerkannt zu werden, sondern dass HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG UND ETHOS 310 es ein Recht darauf geben muss, als Bürger eines Staates anerkannt zu werden. Denn nur der Staat kann das staatstranszendente Ideal realisieren. Grundsätzlich bliebe das Problem auch bei der Durchsetzung eines Weltstaates erhalten, denn es müsste garantiert sein, dass das menschliche Individuum auch gegenüber dem Weltstaat ein Recht hat, Rechte zu haben. Der Kult des Individuums ist allerdings nicht nur allgemein an gesellschaftsstrukturelle Bedingungen (Arbeitsteilung) gebunden, sondern er fordert vom Individuum auch, sich als würdig zu zeigen. Beide Bedingungen hängen miteinander zusammen, denn es ist nicht das Individuum als Individuum, dem Achtung und damit Würde zukommt, sondern das Individuum, insoweit es strukturell die Bedingung der Existenz des gesellschaftlichen Ganzen ist – nämlich der Ausdifferenzierung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung. Nur deswegen steht es im Zentrum der organischen moralischen Solidarität. Wenn ein Individuum durch sein Verhalten zeigt, dass es sich außerhalb des Kontextes der gesellschaftlichen Arbeitsteilung gestellt hat, verliert es seinen sakralen Status. Den Status, den die Gesellschaft verliehen hat, kann sie auch wieder nehmen. Mord und Selbstmord würde Durkheim zu den Handlungen rechnen, die zu einem Würdeverlust führen (Durkheim 1898/1983: 391). Damit führt Durkheim implizit die religiöse Tradition fort. Denn auch Durkheim wird angenommen haben, dass die Exkommunikation aus dem Kreis der Träger von Würde dann aufgehoben werden muss, wenn die Gründe dafür entfallen. Wenn erwiesen ist, dass das »Attentat« auf die Würde des Menschen doch nicht stattgefunden hat, muss der Ausschluss aus dem Kreis der Träger von Würde aufgehoben werden. Durkheim bindet den Status, ein Träger von Würde zu sein, an einen minimalen Gehorsam gegenüber dem Staat. Damit proklamiert er ein Verständnis menschlicher Würde, das explizit im Widerspruch steht zu demjenigen Konzept menschlicher Würde, wie es in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte formuliert ist. Denn dieses sieht vor, dass es keinen Ausschluss aus Kreis der Träger von Würde geben können soll. Mit seiner Position schließt Durkheim an die formale Struktur der religi- ösen Garantie eines allgemeinen Rechtsstatus an. Diese sah die Möglichkeit vor, dass ein Ausschluss, eine Exkommunikation, unter bestimmten Bedingungen erfolgen kann. Die konditionierte Garantie des allgemeinen Rechtsstatus, bzw. des Würdestatus, widerspricht aber der faktisch gegebenen normativen Struktur des Würdestatus, der sich gerade dadurch auszeichnet, nicht aberkannt werden zu können. Dieses faktisch gegebene normative Versprechen, kann aber nur dann eingelöst werden, wenn zugleich die Zugehörigkeit zu einem Staat garantiert ist, denn nur dieser kann tatsächlich die Einlösung des faktisch existierenden normativen Versprechens garantieren. Durkheim hat also das Problem identifiziert, auf das Hannah Arendt reagieren wird, nämlich die Spannung zwischen allgemeinem Menschenrecht und dessen nationalstaatlicher Sicherung. BEOBACHTUNG UND KRITIK 311 Durkheim verkennt aber die spezifische normative Struktur des Würdestatus. Diese besteht darin, dass der Würdestatus als vorstaatliche Prämisse staatlicher Organisation gelten soll. Denn nur dann kann das normative Versprechen einen unverlierbaren Würdestatus beinhalten. 1.1.2 Würde als Leistung der Persönlichkeit in funktional differenzierten Gesellschaften Während Durkheim das Verhältnis von Freiheit und Würde und der Differenzierung in gesellschaftliche Subgruppen in den Mittelpunkt stellt, geht es bei Luhmann um das Verhältnis zwischen Würde und Freiheit auf der einen und der horizontalen Differenzierung in Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge auf der anderen Seite. Ernüchtert durch die historischen Erfahrungen des Totalitarismus im 20. Jahrhundert verabschiedet Luhmann zugleich auch den staatsbezogenen Fortschrittsoptimismus Durkheims. In noch stärkerem Ausmaß als Durkheim begreift Luhmann den Würdestatus in einer sehr weitgehenden Weise als abhängig von personalen Leistungen. Er schlägt eine Interpretation des Menschenrechtsethos vor, die dieses im Sinne einer liberalen Leistungstheorie verkürzt. Damit verkennt Luhmann die besondere Funktion des Ethos der Menschenrechte für die moderne Vergesellschaftung in einer eklatanten Weise. Luhmann begreift Würde als Leistung der Persönlichkeit. Er entwickelt seine Theorie menschlicher Würde im Rahmen seiner Analyse der Grundrechte als Institution (Luhmann 1965/1999). Grundrechte versteht Luhmann als normative Institutionen, deren Geltung die Voraussetzung einer bestimmten gesellschaftlichen Form sozialer Differenzierung bildet: der funktionalen Differenzierung. Und umgekehrt führt die Ausbildung funktionaler Differenzierung zur Entstehung dieser normativen Institutionen. Unter funktionaler Differenzierung versteht Luhmann einen Prozess, der demjenigen ähnelt, den Durkheim als Durchsetzung der sozialen Arbeitsteilung beschreibt. Wie Durkheim unterscheidet er diese Differenzierungsform von anderen gesellschaftlichen Differenzierungsmöglichkeiten wie etwa der segmentären Differenzierung oder der stratifikatorischen Differenzierung. Die erstere begreift Luhmann in ähnlicher Weise wie Durkheim. Da die Vorgängergesellschaft der funktionalen Differenzierung die stratifizierte Gesellschaft war, definiere ich funktionale Differenzierung anhand der Differenz zur stratifizierten Gesellschaft (vgl. für das folgende Luhmann 1997: Kap. 4). Den idealtypischen Fall einer stratifizierten Gesellschaft stellt die mittelalterliche Ständegesellschaft dar. Die soziale Differenzierungsordnung ist hierarchisch und soziale Akteure gehören einem Stand, also einer hierarchisch differenzierten Ebene, an. Alle Kommunikationen sind darüber vermittelt, welchem HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG UND ETHOS 312 Stand jemand angehört. Die Personen sind mehr oder weniger vollständig darüber definiert, welchem Stand sie angehören. Funktionale Differenzierung zeichnet sich idealtypisch durch andere Charakteristika aus. Die Differenzierung der Gesellschaft erfolgt dadurch, dass Kommunikationen an unterschiedlichen Sachlogiken orientiert werden. In diesem Sinne kann man verschiedene gesellschaftliche Bereiche unterscheiden, in deren Kontext jeweils eine andere Sachlogik gilt. Klassischerweise werden dabei zumindest folgende Bereiche unterschieden: Politik/Recht, Wirtschaft, Wissenschaft, Familie, Erziehung (vgl. zusammenfassend Luhmann 1997 Bd. 2: Kap. 4, VII und VIII). Die Wirtschaft wird als ein gesellschaftlicher Bereich verstanden, in dem ausschließlich die Sachlogik des geldvermittelten Tausches gilt. Andere Handlungsorientierungen sind in der Wirtschaft dysfunktional. Der Funktionsbereich der Politik zeichnet sich durch eine andere Handlungslogik aus, die Akteure orientieren sich ausschließlich am Machtgewinn bzw. Machterhalt. Machtverlust stellt die unter allen Umständen zu vermeidende Alternative dar. In der Wissenschaft ist im Unterschied zu diesen Handlungsorientierungen ein rein kognitiver Weltbezug verselbstständigt, der primär am Code wahr/unwahr orientiert ist. Dass Akteure4 sich an einer bestimmten Sachlogik orientieren, signalisieren sie, indem sie einen Verweis auf einen systemspezifischen binären Code in die Kommunikation einbauen. Die Zugehörigkeit von Kommunikationen zum Recht wird signalisiert, indem mitkommuniziert wird, dass Kommunikationen auf die Unterscheidung zwischen recht/unrecht bezogen sind. Anhand dieses binären Codes wird rechtliche Kommunikation von den Kommunikationen anderer Teilsysteme unterschieden, die einen Verweis auf andere binäre Codes enthalten. Bei wissenschaftlicher Kommunikation wäre dies z.B. der Code wahr/unwahr, bei wirtschaftlicher Kommunikation der Code zahlen/nicht-zahlen.5 Wenn bei jeder Kommunikation signalisiert wird, welchem Code sie folgt, wird es dem Rezipienten der Kommunikation möglich einzuschätzen, unter welchen Voraussetzungen er die Kommunikation annimmt und was es für ihn bedeutet, die Kommunikation weiterzuführen. Dadurch wird in der Kommunikation ein Sicherheitsgewinn erzielt, der die Entstehung 4 Der Mensch bzw. das menschliche Individuum hat in den verschiedenen Phasen von Luhmanns Werk eine unterschiedliche Funktion. In den späteren Arbeiten, d.h. seit der sogenannten autopoietischen Wende, die Luhmann (1984) mit »Soziale Systeme« vollzogen hat, wird der Mensch in der Umwelt des Sozialen angesiedelt. In den frühen Arbeiten, zu denen seine Studie über »Grundrechte als Institution« zu zählen ist, kommt dem Menschen bzw. dem menschlichen Individuum dagegen noch eine zentrale Rolle zu. In »Grundrechte als Institution« spricht Luhmann etwa davon, dass Mensch und System sich wechselseitig transzendieren (Luhmann 1965/1999: 192f). 5 Für diese Systeme und ihre Codes vgl. Luhmann (1997). BEOBACHTUNG UND KRITIK 313 hochspezialisierter und deswegen sehr unwahrscheinlicher Kommunikationen ermöglicht. Ohne eine solche Sicherheitsgarantie hätte funktionale Differenzierung nicht entstehen können. Die Institution der Grundrechte und funktionale Differenzierung stehen Luhmann zufolge in einem Verhältnis wechselseitiger Voraussetzung. D.h., die Institution der Grundrechte bildet eine zentrale Bedingung des Bestehens funktionaler Differenzierung und umgekehrt etabliert sich diese Institution mit der Durchsetzung der neuen Differenzierungsform. Mit Bezug auf diese kommen den einzelnen Grundrechten unterschiedliche Funktionen zu. Luhmann versteht Freiheit und Würde als allgemeine Grundrechte, denn sie garantieren dem Menschen in allgemeiner Weise einen Freiraum, der es ihm ermöglicht, an verschiedenen Kommunikationszusammenhängen teilzunehmen. Von Freiheit und Würde sind in funktionaler Hinsicht diejenigen Grundrechte zu unterscheiden, die eher im Sinne einer institutionellen Bedingung einzelner Funktionsbereiche zu verstehen sind. Die Grundrechte auf Freiheit und Würde nehmen damit eine Sonderstellung ein, da sie sich allgemein auf die Person beziehen und nicht wie die besonderen Grundrechte (z.B. Eigentumsschutz, Meinungsfreiheit) für die Ausbildung spezieller funktionaler Teilbereiche relevant sind. Die Institutionalisierung von Freiheit und Würde garantiert für das Individuum die inneren und äußeren Bedingungen seiner Teilnahme an einer differenzierten Kommunikationsordnung. Freiheit meint bei Luhmann die Freiheit vor äußeren Eingriffen in die Existenz der Person. Freiheit versteht Luhmann also als Freiheit von äußerem Zwang, weshalb einem freien Individuum seine Taten zugerechnet werden können. Dabei spielt die Frage, ob es innerlich frei war, eine Handlung auszuführen oder nicht, keine Rolle. Innere Freiheit von Determinationen ist nicht gemeint. Im Unterschied dazu bezeichnet Würde die inneren Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit eine Person sich am Prozess funktional differenzierter Vergesellschaftung beteiligen kann. Würde ist bei Luhmann ein Leistungskonzept (vgl. Tiedemann 2006), welches darauf abhebt, dass die Darstellung des Individuums als ein von anderen unterscheidbares Individuum gelingt. In einer funktional differenzierten Gesellschaft muss eine Person dazu in der Lage sein, in kurzer Folge unterschiedliche und zum Teil sogar von ihren Handlungsanforderungen her unvereinbare Rollen zu übernehmen. Frau M. hat z.B. die Rolle der Mutter im familialen System zu erfüllen, diejenige der Geschäftsfrau im Wirtschaftsleben sowie diejenige des Parteimitgliedes im politischen System. Die Kommunikationen sind teilsystemspezifisch differenziert an unterschiedlichen Codes orientiert und folgen entsprechend verschiedenen Sachlogiken. Dem Individuum fällt damit eine besondere Aufgabe zu. Da es keine übergeordnete Orientierung mehr gibt, die alle Kommunikationslogiken HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG UND ETHOS 314 integriert, wird es zur Aufgabe des Individuums selbst, zum Teil miteinander unvereinbare Anforderungen zu vermitteln und sie in ein sinnvolles Verhältnis zu bringen. Das Individuum wird zum Knotenpunkt der gesellschaftlichen Ordnung (vgl. Luhmann 1965/1999: 55). Daraus resultiert ein spezifischer Selbstdarstellungszwang. Das Individuum muss zeigen, dass es divergierende Handlungsanforderungen als Individuum bewältigt. Es reicht also nicht aus, divergierende funktionsspezifische Rollen übernehmen zu können, sondern eine Person muss diese individuell ausfüllen. D.h., ein Mensch muss sich konsistent als eine individuelle Persönlichkeit darstellen, von der erwartet werden kann, dass sie erfolgreich auf individuelle Weise unterschiedlichsten Kommunikationsanforderungen genügen kann. Vor diesem Hintergrund entwickelt Luhmann sein leistungsbezogenes Würdekonzept. Würde bezeichnet die gelungene individuelle Selbstdarstellung. Das Misslingen der Selbstdarstellung kennzeichnet den Würdeverlust. »Ohne Erfolg in der Selbstdarstellung, ohne Würde, kann er (der Mensch, GL) seine Persönlichkeit nicht benutzen. Ist er zu einer ausreichenden Selbstdarstellung nicht in der Lage, scheidet er als Kommunikationspartner aus und sein mangelndes Verständnis für Systemanforderungen bringt ihn ins Irrenhaus.« (vgl. Luhmann 1965/1999: 69) Luhmann begreift den quasi-vorgesellschaftlichen Charakter nicht, der im modernen Würdeversprechen zum Ausdruck kommt. Es geht ja gerade darum, dass menschliche Körper, die die Mitte des anthropologischen Quadrats füllen, als natürliche Körper einen normativen Sonderstatus erhalten. Nur dann kann man die Körper dementer Menschen noch von BSE-infizierten Rinderkörpern unterscheiden. Wäre der normative Sonderstatus mit der Unfähigkeit zur systemangemessenen Selbstdarstellung verloren, könnte man für beide Gruppen von Körpern die gleichen Konsequenzen ziehen. Neurologisch schwersterkrankte lebendige Körper müssen gekeult werden, unabhängig davon, ob es sich um Rinder- oder Menschenkörper handelt. Ich nehme nicht an, dass Luhmann eine solche Konsequenz tatsächlich propagiert hätte. Interessanterweise haben seine Schüler die Beschränktheit von Luhmanns Würdetheorie aber auch nicht korrigieren wollen, obwohl die Kritik seit einigen Jahren bekannt ist (Lindemann 2012a). Mit Bezug auf die Grundrechte führt Luhmann im Verhältnis zu Durkheim eine Differenzierung ein. Für Durkheim war es Aufgabe des Staates, das Individuum davor zu schützen, von gesellschaftlichen Sekundärgruppen vereinnahmt zu werden. Luhmann fügt ergänzend hinzu, dass der Staat im Zugriff auf den Menschen einer Begrenzung bedürfe. Dementsprechend haben die Grundrechte die Funktion einer Selbstbegrenzung des Staates im Zugriff auf die Bürger, denn die Grundrechte »hemmen die strukturell bedingten Expansionstendenzen des politischen Systems im Interesse der Erhaltung einer differenzierten Kommunikationsordnung, BEOBACHTUNG UND KRITIK 315 die in ihren einzelnen Sphären auf spezifische funktionale Probleme der Gesellschaft bezogen ist.« (Luhmann 1965/1999, 197) Luhmann übersieht zwar die konflikthafte Konstellation zwischen Staat und Familie (Durkheim) bzw. Staat, Medizin und Familie (anthropologisches Quadrat), die das Individuum überhaupt erst ermöglicht. Er macht aber auf eine Gefahr aufmerksam, die Durkheim noch nicht im Blick hatte. Luhmann identifiziert eine dem Differenzierungsprozess immanente Gefahr, denn »die Gefahr der Entdifferenzierung, der Politisierung des gesamten Kommunikationswesens, ist in der gesellschaftlichen Emanzipation und Autonomsetzung des politischen Systems angelegt…« (Luhmann 1965/1999: 24). Eine strukturelle Expansion des politischen Systems heißt, dass die sinnhafte Orientierung von Kommunikationen an der Reduktionsperspektive des politischen Systems sich immer weiter ausbreitet. Im Extremfall wäre jede Kommunikation bzw. Interaktion politisiert. D. h., ohne eine normativ-institutionelle Stütze kann funktionale Differenzierung nicht dauerhaft bestehen, denn ohne diese bestünde die Gefahr, dass der Erfahrungshorizont des Menschen vollständig politisiert würde. Der Mensch wäre dann vollständig vom politischen System vereinnahmt. Hiermit integriert Luhmann die politischen Erfahrungen totalitärer Regime in die soziologische Theorie der Menschenrechte. Durkheim folgte an dieser Stelle noch dem Fortschrittsoptimismus des 19. Jahrhunderts. Genauso wie Durkheim entgeht Luhmann allerdings die Struktur des institutionalisierten Versprechens menschlicher Würde. Denn er bindet den Würdestatus an hoch anspruchsvolle personale Leistungen. Bei der Würde steht im Mittelpunkt, dass Menschen sich gelungenermaßen als Individuen darstellen, die als Individuum dazu in der Lage sind, im Sinne eines gesellschaftlichen Knotenpunktes zu fungieren. Wer diese kommunikative Leistung nicht erbringen kann, verliert seine Würde; er kann nicht mehr kompetent an Kommunikation teilnehmen und verliert dadurch dasjenige, was den Menschen zum Menschen macht. Auch bei Luhmann bliebe das Recht erhalten, dass der Ausschluss, d.h. die Exkommunikation, aus dem Kreis der Träger von Würde aufgehoben wird, wenn die Gründe dafür entfallen. Es bleibt aber in einer viel schärferen Weise als bei Durkheim das Problem erhalten, dass die Struktur des institutionalisierten normativen Versprechens der Menschenwürde verkannt wird. Es ist der Mensch als lebendiges Wesen, dem Würde zukommt. Wie muss also eine Theorie der menschlichen Würde aussehen, die die Struktur des institutionalisierten normativen Versprechens rekonstruieren kann, das im Rahmen der modernen Vergesellschaftung allen lebenden Menschen gemacht wird. HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG UND ETHOS 316 1.2 Die Würde des diesseitig verkörperten Menschen (des anthropologischen Quadrats) als institutionelle Bedingung horizontaler Differenzierung Durkheim und Luhmann analysieren menschliche Würde, indem sie den Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher Differenzierung und Individualisierung herausarbeiten.6 Dabei zeichnet sich eine wichtige sachliche Differenz ab. Durkheim hebt darauf ab, dass die neue Form gesellschaftlicher Arbeitsteilung dazu führt, dass Individuen nicht mehr von einer Gruppe vollständig vereinnahmt werden. Gemäß dem Prinzip gesellschaftlicher Arbeitsteilung sind sie in unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen involviert (Durkheim). Hierbei geht es darum, dass Menschen dadurch zu Individuen werden, dass sie als Individuum in mehreren Gruppen als Mitglied fungieren. Die plurale Mitgliedschaft sichert den Menschen ihren Status als Individuum. Funktionale Differenzierung im Sinne Luhmann hebt auf einen anderen Sachverhalt ab. Es geht darum, ob die sinnhafte Logik eines Handlungs- bzw. Kommunikationsbereichs den Erfahrungshorizont von Menschen vollständig vereinnahmt, oder ob Menschen sich an unterschiedlichen Sinnstrukturen orientieren. Hierbei geht es nicht um Mitgliedschaft in gesellschaftlichen Subgruppen, sondern darum, unterschiedliche Sinnhorizonte jeweiliger Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge (Wirtschaft, Politik usw.) zu aktualisieren. Wie ich im vorhergehenden Kapitel zur horizontalen Differenzierung gezeigt habe, ist es angemessen, das Verhältnis von Durkheim und Luhmann in dieser Hinsicht nicht als Theoriefortschritt, sondern als Ergänzung zu begreifen und vor allem auf das weniger anspruchsvolle Konzept horizontaler Differenzierung umzustellen. Horizontale Differenzierung meint sowohl die Differenzierung in gesellschaftliche Subgruppen als auch die Differenzierung in unterschiedliche Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge. Zwischen Durkheim und Luhmann besteht eine wichtige Gemeinsamkeit: Sowohl Durkheim als auch Luhmann nehmen implizit an, dass nur lebende Menschen in dieser Weise individualisiert sein können. Die etwas engstirnigen Ausschlussphantasien, die sich vor allem bei Luhmann Bahn brechen, lassen sich nur vor dem Hintergrund der Gewissheit begreifen, dass eigentlich doch allen lebenden Menschen Würde zukommt. Wenn man es als seine offene Frage betrachtet, welche Wesen in dieser Weise individualisiert werden können, wird man in der Theorie menschlicher Würde zu mehr Konsistenz gezwungen. Ausgangspunkt bildet die folgende Frage. Lässt sich der Sachverhalt, wonach nur lebende Menschen in dieser Weise individualisiert sein können, ebenso als 6 In der soziologischen Forschung gilt es als Konsens, Individualisierung als einen integralen Bestandteil des Übergangs in die Moderne zu begreifen. (Dumont 1991, Eisenstadt 2000, 2007). BEOBACHTUNG UND KRITIK 317 ein Strukturmerkmal horizontaler Differenzierung begreifen. Diese Frage stellt den gegenwärtigen Zuschnitt der Differenzierungstheorie in Frage und führt darauf, diese mit der Tradition der Analyse der Grenzen der Sozialwelt zu verbinden, d.h. mit der Theorie des anthropologischen Quadrats, die die anthropozentrische Perspektive relativiert.7 1.2.1 Freiheit, Würde und horizontale Differenzierung Das neue Verständnis der Moderne fügt dem von Durkheim und Luhmann entwickelten eine wichtige Nuance hinzu. Es geht nicht nur um Individualisierung, sondern auch um diesseitige Verkörperung. Für Durkheim und Luhmann steht die normativ abgestützte Individualisierung im Mittelpunkt, durch die der Mensch aus sozialen Zusammenhängen herausgelöst wird und damit frei wird, sich in unterschiedlichen Gruppen- und Handlungszusammenhängen zu vergesellschaften. Dies wird nun ergänzt durch den Aspekt der diesseitigen Verkörperung. Nicht die individuelle Persönlichkeit oder die handelnde sakralisierte Person, sondern das menschliche Individuum als diesseitig lebendiges, als verkörpertes Individuum bildet den kognitiv-normativen Bezugspunkt für die Ordnung der Moderne. Zwischen der neuen Form der Grenzziehung und der Entwicklung der Form horizontaler gesellschaftlicher Differenzierung gibt es einen wechselseitigen Bedingungszusammenhang. Dieser stellt sich folgendermaßen dar. Der verkörperte lebendige Mensch und die Menschenrechte bildeten einen Institutionenkomplex, an dem sich die Praxis der Unterscheidung soziale Person/anderes orientiert. Zugleich bildet dieser Institutionenkomplex die strukturelle Bedingung horizontaler Differenzierung. Ebenso scheint umgekehrt der Institutionenkomplex Mensch/ Menschenrechte nicht ohne die horizontale Differenzierungen bestehen zu können. Als institutionalisierte Einheiten gelten lebende Menschen in gleicher Weise als Elemente der modernen Gesellschaft. Da diese Elemente sich ohne ständische, transzendente oder sonstige Bindungen in gleicher Weise aufeinander beziehen können, können sie in gleicher Weise für beliebige Interaktionen – im Prinzip weltweit – mobilisiert werden. Die Durchsetzung des Institutionenkomplexes Mensch/Menschenrechte eröffnet somit die Chance zu einer Mobilisierung der institutionalisierten Elemente des Sozialen. Diese können sich in eine Vielzahl unterschiedlicher 7 Die Tradition der Analyse der Grenzen der Sozialwelt ist mit den Namen Kelsen (1941/1982), Luckmann (1970/1980) und Descola (2005/2011) verbunden. Ich habe mich an anderer Stelle ausführlich mit diesen Positionen auseinandergesetzt (Lindemann 2014a: 56ff). HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG UND ETHOS 318 Gruppenzusammenhänge bzw. gemäß einer Vielzahl unterschiedlicher kultureller Handlungs- und Kommunikationslogiken vergesellschaften. Der Unterschied zu Luhmann wird deutlich, wenn es um das Zugehörigkeitskriterium selbst geht. Dessen Spezifität liegt darin, dass es zwar gesellschaftlich erzeugt ist, aber letztlich als ein unpolitisches, genau genommen sogar als ein ungesellschaftlich geltendes Kriterium funktioniert. Es geht einzig darum, ob bei einem menschlichen Körper der Vollzug einer inneren Zweckmäßigkeit beobachtet werden kann: der Vollzug des eigenen Lebens. Ein menschlicher Körper ist solange eine soziale Person, wie er sich in einer triadischen Konstellation als ein lebendiger Körper zeigen kann (s.o. zu den Grenzen am Lebensanfang und am Lebensende, vgl. auch Lindemann 2002, 2004, 2009a: Kap. 6.2). Mit der Frage des Kriteriums der Zuerkennung des Status einer sozialen Person ist aber noch nicht die Frage beantwortet, ob einer Person auch Menschenwürde in dem Sinne zukommt, wie es für die Aufrechterhaltung der Struktur horizontaler Differenzierung erforderlich ist. Zunächst einmal muss man festhalten, dass stratifizierte Gesellschaften darauf verzichten können, allen Seelenindividuen im Diesseits eine gleiche Würde zuzusprechen, denn es kommt für das diesseitige Leben auf die normative Unterschiedlichkeit der Statuspositionen an. Bei aller Kritik an den Würdetheorien von Durkheim und Luhmann gilt es doch an der grundlegenden Einsicht festzuhalten, dass der Würdestatus allen Menschen, wenn sie denn die allgemeinen Bedingungen erfüllen, in gleicher Weise zukommt. Sowohl Luhmann als auch Durkheim verfehlen aber die Struktur des Würdeversprechens, indem sie dieses an die Bedingung anspruchsvoller personaler Vollzüge gebunden haben. Wie kann nun eine Theorie menschlicher Würde aussehen, die einerseits den Bezug zur Struktur horizontaler Differenzierung aufrechterhält und zugleich ohne die spezifischen Verkürzungen von Luhmann und Durkheim auskommt? 1.2.2 Das doppelte Individualitätsverständnis horizontaler Differenzierung Eine solche Theorie ergibt sich ausgehend vom doppelten kommunikativen Bezug auf den Menschen. In der Festlegung der sozialen Unentschiedenheitsrelation werden leibliche Selbste als menschliches Körperindividuum adressiert und zugleich als Mitglied eines Gruppenzusammenhangs und/oder als Beteiligte an Handlungsvollzügen orientiert an der Sinnlogik eines Handlungszusammenhangs. Damit der Mensch kontinuierlich für beliebige Kommunikationen adressierbar bleibt, muss es ausgeschlossen werden, dass er von einzelnen Subgruppen bzw. der Logik eines einzelnen Handlungszusammenhangs vollständig vereinnahmt wird (Lindemann 2010). Diese Argumentation ähnelt BEOBACHTUNG UND KRITIK 319 derjenigen Durkheims und Luhmanns. Durkheim hatte es als notwendig erachtet, dass das Individuum vor der Vereinnahmung durch einzelne Sekundärgruppen bewahrt wird. Dabei war die Vereinnahmung durch konkrete Personengruppen gemeint. Luhmann habt darauf ab, dass der Mensch einerseits jede Systembildung transzendiere, zugleich aber die Gefahr besteht, dass der gesamte Erlebnishorizont eines Menschen durch die Sachlogik eines Funktionsbereichs besetzt werden kann. (Luhmann 1965/1999: 193) Mit Bezug auf die formale Charakteristik des triadisch strukturierten Vergesellschaftungsprozess lässt sich das Problem so beschreiben. Ego-Alter-Tertius beziehen sich in konkreten Kommunikationen so aufeinander, dass sie einander gemäß den Relevanzen und Zwecksetzungen eines Handlungszusammenhangs bzw. als Glied einer Subgruppe behandeln; d.h., sie behandeln einander etwa als Handelspartner, von denen Leistungen bzw. Zahlungen zu erwarten sind, oder als Arzt und Patient, die voneinander erwarten, dass kranke Körper zum Heilungshandeln auffordern usw. In jede dieser Kommunikationen muss zugleich eine Grenze mitkommuniziert werden, denn keine dieser Kommunikationen soll den Erlebnishorizont der beteiligten leiblichen Operatoren vollständig vereinnahmen. Die gleiche Argumentation gilt sinnentsprechend für das Verhältnis von Individuum und Mitgliedschaft in Subgruppen. Luhmann geht auf diesen Aspekt im Zusammenhang mit Organisationen ein (Luhmann 1965/1999: 91). Da Luhmann sich auf eine Theorie der Würde festgelegt hat, die auf Selbstdarstellungsleistungen abhebt, kann er nicht mehr sehen, dass die soziologische Forschung an diesem Punkt einen Sachverhalt freilegt, der von der Sache mit der Kantischen Würdeformel eine enge Verwandtschaft aufweist. Dieser lässt sich folgendermaßen begreifen. Im Rahmen der Struktur horizontaler Differenzierung weisen Kommunikationen stets einen Doppelbezug auf. Die Beteiligten sollen sich nicht nur anhand aktueller Zwecksetzungen im Rahmen von Gruppen oder der Sachlogik eines Handlungszusammenhangs aufeinander beziehen, sondern sollen immer zugleich anerkennen, dass das Gegenüber ein Mensch ist, der in beliebige andere Kommunikationen involviert sein kann. Diese jedem kommunikativen Vollzug immanente Grenze weist eine Ähnlichkeit mit dem Objektivierungsverbot auf, das Kant im kategorischen Imperativ formuliert.8 Der diesseitige Mensch wird in der horizontal differenzierten Gesellschaft zu einer alle Einzelzwecke übersteigenden Größe, weil er die Bedingung der Ausdifferenzierung einzelner Zweckordnungen ist. 8 »Der praktische Imperativ wird also folgender sein: Handle so, Dass du die Menscheit, sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.« (Kant 1785/1974: 61) HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG UND ETHOS 320 Insofern kann der Mensch unter den Bedingungen horizontaler Differenzierung nicht zu einem Zweck unter anderem werden. Vielmehr ist der Mensch selbst als der Zweck der kommunikativen Ordnung insgesamt zu verstehen; denn der Mensch bzw. die Menschheit bildet die stets zu reproduzierende Bedingung horizontaler Differenzierung. Diesen Sachverhalt bezeichne ich mit dem Wort Menschenwürde. Jeder Person der horizontal differenzierten Gesellschaft kommt Würde zu, insofern sie ein Mensch ist, der nicht von einzelnen Gruppen- oder Handlungszusammenhängen vereinnahmt werden können soll. Wenn man dies Argument mit Bezug auf Durkheim durchführt, gelangt man zu einem Individualitätsverständnis im Sinne Simmels. Im Rahmen der Differenzierung in gesellschaftliche Subgruppen weisen Kommunikationen stets einen Doppelbezug auf. Die Beteiligten sollen sich nicht nur anhand aktueller gruppenbezogener Zwecksetzungen aufeinander beziehen, sondern sollen immer zugleich anerkennen, dass das Gegenüber ein Mensch ist, der als solcher in beliebige Gruppen involviert sein kann. Das Individuum erscheint, wie Simmel sagt, als ein Kreuzpunkt sozialer Kreise, und es bildet sich als Individuum umso deutlicher heraus, je vielfältiger und differenzierte die Kreise sind, denen es angehört (vgl. Simmel 1908/1983: 311). Da die Beteiligten im Rahmen horizontaler Differenzierung stets in einer doppelten Weise angesprochen werden, entwickelt sich ein Verständnis vom Individuum, welches in sich widersprüchlich ist. Zum einen ist es ein Individuum, das innerhalb von Handlungsbereichen und auch innerhalb von Organisationen und anderen Gruppenzusammenhängen Rollen und Positionen übernimmt und entsprechend der damit vorgegebenen Zwecke ein Mittel ist. Zum anderen ist das Individuum aber auch ein Zweck in sich selbst, insofern ihm Würde zukommt. Damit das Individuum gemäß den Anforderungen spezifischer Gruppenoder Handlungszusammenhänge sicher adressiert werden kann, ist es erforderlich, dass seine Handlungen berechenbar werden. Das Individuum, insofern es Mittel ist, sollte für andere und für sich selbst kalkulierbar sein. Das Erfordernis, das Individuum für sich selbst und andere zu einem kalkulierbaren Mittel zu machen, führt dazu, dass das Individuum unter unterschiedlichen Zwecksetzungen – auch wissenschaftlich – erforscht wird. Dieser Aspekt moderner Individualität wurde von Foucault bzw. im Anschluss an Foucault in vielfacher Hinsicht untersucht. Das gesamte dritte Kapitel von »Überwachen und Strafen« (Foucault 1975/1979: 173ff) ist dem Thema Disziplin gewidmet und beschreibt, wie die Individuen kalkulierbar gemacht werden, damit sie im Rahmen strukturierter Handlungsabfolgen gut eingepasst werden können. Von besonderer Bedeutung ist für Foucault dabei die »Prüfung« (Foucault 1975/1979: 238ff). Die Prüfung ist ein »Verfahrensschema«, das in vielen Bereichen BEOBACHTUNG UND KRITIK 321 Verbreitung findet »von der Psychiatrie bis zur Pädagogik, von der Diagnose der Krankheiten bis zur Überprüfung von Arbeitskräften« (Foucault 1975/1979: 238f). Durch die Prüfung wird der Mensch zum Objekt, d.h. zu einem Mittel, gemacht, und zugleich soll er sich selbst in dieser Weise zum Mittel machen, indem er sich selbst als ein Subjekt versteht, das gemäß den Resultaten der Prüfung sicher erwartbar ist. Von jemandem mit einer bestimmten Qualifikation kann erwartet werden, dass er bestimmte Handlungen ausführen kann. Wenn formale Abschlüsse weniger relevant sind, muss der Mensch im Erlernen der Tätigkeit geprüft werden (learning by doing). Im Rahmen der prüfenden Bewertung werden Menschen gemessen, d. h., in Datenrelationen aufgelöst. Ihre Qualifikationen, Körpermerkmale, ihr Verhalten werden erfasst und zueinander in ein Verhältnis gesetzt. Dies schließt ein, dass Individuen gemäß der Resultate der Kalkulationen miteinander verglichen werden. Individuen werden damit zum Gegenstand von Forschungen, die sie weitgehend in Datenrelationen auflösen. Sie werden vom Staat als Aggregat von Bewohnern einzelner Regionen gemessen, ihre Fortpflanzungsrate wird erfasst, die Verbreitung von Krankheiten usw. Die angewandte empirische Sozialforschung setzt diese Erfassung fort und löst das Individuum weitergehend in Datenrelationen auf. Sein Verhalten wird von der Marktforschung (Kaufverhalten) oder der politischen Wahlforschung (Wahlverhalten) statistisch erfasst und mit anderen Datenrelationen ins Verhältnis gesetzt (soziale Herkunft, Verdienst usw.). Entsprechende Forschungen werden durchgeführt, insofern die Individuen als Mittel zum Zweck des Wirtschaftslebens oder des politischen Lebens existieren. Daraus kann man Vorhersagen wie die Folgenden entwickeln: Arbeiter, die in Haushalten mit mehr als zwei Kindern geboren wurden und deren Eltern Tauben züchten und nicht zur Kirche gehen, werden ihren Kindern ein Produkt der Marke X kaufen, oder sie werden sich in einer politischen Partei des Typus Y organisieren oder diese zumindest wählen. Oder: Mädchen, deren Kinderwägen mit blauen statt mit rosafarbenen Decken ausgestattet sind, entwickeln im Alter von zwei Jahren eher eine Vorliebe für Autos als für Puppen. Die angewandte Wissenschaft über die menschlichen Individuen ist voll von solchen Entdeckungen. Foucault geht es darum, dass die Individuen entsprechend der Vorhersagen in ihrem Verhalten gesteuert und dann entsprechend auf die Organisationen verteilt werden. Solange die Techniken der Datenerhebung und Verarbeitung begrenzt sind, kann man auf diese Weise lediglich typische Individuen bilden, von denen konkrete Einzelindividuen immer abweichen. Je mehr Datenrelationen gebildet werden, desto eher lassen sich allerdings auch nicht nur Prognosen für typische Individuen, sondern auch für konkrete einzelne Individuen bilden. Genügend Datenrelationen vorausgesetzt, kann das je konkrete Individuum als Kreuzpunkt von Datenrelationen ein Mittel HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG UND ETHOS 322 zum Zweck im Rahmen der Zwecksetzungen einzelner Handlungszusammenhänge werden. Damit Beteiligte im Rahmen der Zwecke unterschiedlicher Subgruppen bzw. Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge angemessen als Individuum existieren können, objektivieren sie sich mit Bezug auf Dritte als Individuum mit bestimmten kalkulierbaren Eigenschaften in der Beziehung zu anderen. So stellen sie sich als Individuen dar, die in dieser und jener Weise als Mittel für die Wirtschaft bzw. die Politik oder das Recht existieren können. Mittel zu sein, beinhaltet auch, sich aus der Perspektive Dritter als Individuum zu identifizieren und sich selbst zum Mittel für die bessere Erfüllung der Zwecke unterschiedlicher Handlungsbereiche bzw. Gruppenzusammenhänge zu machen. Nicht nur andere machen die Beteiligten zu einem individualisierten Mittel, sondern Beteiligte machen sich für sich selbst als Individuum zu einem Mittel. Dieser Aspekt wird in der jüngeren Gouvernementalitätsforschung behandelt, die darauf abhebt, dass sich das Individuum selbst wissenschaftlichen Vorgaben entsprechend kalkulierbar macht und versucht, sein eigenes Verhalten im Sinne gesellschaftlicher Zwecksetzungen zu optimieren. Bröckling beschreibt die Vorgaben für die Selbstoptimierung gemäß den Zwecksetzungen der Wirtschaft als die Ausbildung eines »unternehmerischen Selbst« (Bröckling 2007).9 Mit der Entwicklung von digitalen Speicherungs- und Steuerungstechnologien, die die Individuen selbst bedienen, werden die Möglichkeiten enorm gesteigert, Individuen in Datenrelationen aufzulösen. Die durch digitale Plattformen (Facebook) oder Suchmaschinen (Google) ermöglichte Erhebung von Daten macht es möglich, in noch vielfältigerer Weise Daten zu erheben, da die leiblichen Selbste im Netz als Adressen auftreten, denen individuell Daten zugeordnet werden. Auf diese Weise scheint es möglich, endgültig die Ebene von Typenbildung zu verlassen und stattdessen dazu überzugehen, die individuellen Kreuzpunkte von Datenrelationen selbst in ein Rangverhältnis auf einer Skala prüfender Bewertungen zu setzen. Wirtschaftlich gesehen geht es darum, die Individuen auf ihre Brauchbarkeit für besondere Warenangebote zu prüfen. Politisch ginge es darum, potentielle Wählerinnen auf ihre Beeinflussbarkeit durch gezielte Werbemaßnahmen zu prüfen. Zusätzlich besteht die Möglichkeit, dass leibliche Selbste sich mit einer individuellen Adresse identifizieren und sich über diese vermittelt einer kontinuierlichen Selbstprüfung unterziehen. Auch diese Prüfung kann anderen zur Prüfung zugänglich 9 Die Herstellung von Prognostizierbarkeit und damit Steuerbarkeit von Individuen ist der Gegenstand dystopischer Romane. Dabei wird vorausgesetzt, dass den Individuen ihre Auflösung in determinierende Datenrelationen von außen durch politisch-organisatorische Steuerung angetan wird (Huxley: Schöne neue Welt). BEOBACHTUNG UND KRITIK 323 gemacht werden. Man kann den eigenen Fitness- bzw. Gesundheitszustand überwachen (Quantified Self Bewegung) und diese Daten können ganz oder teilweise der Krankenkasse zur Prüfung überlassen werden. Wichtig anzumerken ist hierbei, dass es sich nicht um ein grundsätzlich neues Phänomen handelt, sondern lediglich darum, dass das Prinzip der individualisierenden Prüfung durch die technischen Möglichkeiten der neuen Speicher- und Steuerungstechnologien gesteigert wird. Dies ist aber nur die eine Seite des modernen Individualitätsverständnisses. Denn die Beteiligten stellen sich nicht nur als Individuum dar, das von anderen und von sich selbst zu einem Mittel gemacht wird, sondern auch als individueller Mensch, der alle besonderen Zwecke überschreiten soll, bzw. nicht in einzelnen Zwecksetzungen aufgehen soll. Dieses Individuum hat eher den Charakter eines nicht fixierbaren Punktes. Es geht nicht in dem zweckorientierten Wissen über es selbst auf, das im Rahmen von Zwecksetzungen jeweiliger Handlungszusammenhänge über Individuen existiert. Wie oben beschrieben ist dieser Aspekt das Resultat dessen, dass die Beteiligten sich in einer doppelten Weise adressieren. Als Individuum, das ein Mittel ist und als Individuum, welches die besonderen Einzelzwecksetzungen (einschließlich der Selbstverzweckung) überschreitet und immer auch anders handeln kann. Die Beteiligten objektivieren sich aus der Perspektive Dritter als ein alle Zwecke überschreitendes Individuum in der Beziehung zu anderen. Dies impliziert, dass es sich als Individuum zu seinen faktischen aktuell gültigen Determinationen verhalten können soll, weshalb diese nicht direkt das Verhalten bestimmen, sondern als bloßes Rollenverhalten verstehbar werden soll. Damit wird das Individuum von der Disziplin bzw. dem disziplinierten Verhalten, das es an den Tag legt, unterschieden. Dies ist die Bedingung dafür, dass es sich unterschiedlichen und evtl. erst zukünftig erzeugten Zwecksetzungen unterwerfen kann. Dieser Aspekt des modernen Individualitätsverständnisses wird von Foucault nicht behandelt und auch die Studien, die in dieser Tradition entstanden sind, legen den Schwerpunkt auf die (Selbst-)Unterwerfung unter die Disziplin. Foucault betreibt damit eine Analyse des menschlichen Individuums als eines rein empirischen Wesens, das im Rahmen eines naturorientierten Erkenntnisanspruchs in Datenrelationen aufgelöst wird. Der zweite Aspekt des modernen Individualitätsverständnisses entspricht eher dem Erkenntnisanspruch des vernunftbegabten Erkenntnis- bzw. Moralsubjekts. Dieser wird eher in philosophischen Debatten behandelt. Hier werden die Individuen als solche verstanden, die sich immer auch anders verhalten können. In diesem Sinne könnte man sagen, dass ein jeweiliges Individuum zwar durch seine Herkunft, seine Geschichte und seinen messbaren körperlichen Zustand bestimmt wird, aber es kann sich dazu verhalten, dass das der Fall ist. In einer derzeit kaum noch beachteten Studie über Gustave Flaubert hat Jean HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG UND ETHOS 324 Paul Sartre Freiheit als die Möglichkeit beschrieben, sich zu der Determination durch Geschichte und körperliche Konstitution zu verhalten und so als Individuum hervorzubringen. (Sartre 1977–1980) Bereits in »Das Sein und das Nichts« hatte Sartre (1943/1993) ähnlich argumentiert. Danach ist ein Individuum nicht vollständig determiniert und vorhersehbar. Z.B. können alle messbaren körperlichen Zeichen darauf hindeuten, dass das Individuum müde ist und gleich ins Bett gehen wird. Dies hat es bisher in diesem Zustand immer getan. Es kann sich aber zu seinem Zustand verhalten, sich zusammenreißen und doch noch einmal außer Haus gehen, um etwa ein Vereinsgründungstreffen zu besuchen. Sartre begreift diese Möglichkeit als ein universales Merkmal des Individuums selbst. Mit einem historisch geschulten Blick lässt sich zeigen, dass diese individuelle Freiheit im Rahmen einer dividualisierenden Ordnung gar nicht existiert und in Europa zum ersten Mal den Seelenindividuen zugemutet wurde, die im wahrsten Sinne des Wortes in den Folterkellern Kontinentaleuropas zu ihr verurteilt wurden (s.o.). Für den gesellschaftlichen Zusammenhang insgesamt wurde ein solches Freiheitsverständnis erst seit dem Ende des 18. Jahrhunderts relevant. Ausgehend von einem triadischen Sozialitätsverständnis lässt sich begreifen, wie leibliche Selbste sich in Prozessen reflexiver Institutionalisierung zur individuellen Freiheit »verurteilen« und dass ihnen insofern Würde und Freiheit zukommen. 1.2.3 Die Würde des lebendigen Körpers Eine menschliche Person ist ein Glied einer aus prinzipiell gleichartigen Individuen bestehenden Menschheit. Da jeder sozialen Person in diesem Sinn Würde zukommt, ist das Kriterium für die Zuerkennung von Würde das gleiche wie das Kriterium für die Zuerkennung eines personalen Status. Es reicht aus, in einem gesellschaftlich anerkannten Sinn ein lebendiger menschlicher Körper zu sein. Der Bezug auf den lebendigen Körper als entscheidendes Kriterium der Zugehörigkeit zum Kreis sozialer Personen und zum Kreis derjenigen, denen menschliche Würde zukommt, ist empirisch belegt. Dies gilt sowohl für das Lebensende (Lindemann 2002, 2003) als auch für den Lebensanfang. Im Rahmen der Theorie des anthropologischen Qua drats hatte sich gezeigt, dass mit der natürlichen Geburt als lebendiger Mensch diese Struktur relevant wird. Vermittelt über die Medizin wird das Geborene durch den Staat als ein Mensch mit Rechten institutionalisiert, die den lebenden Körper auch vor der Familie schützen. Mit den ersten Atemzügen eines 23-wöchigen Frühgeborenen, das zeigt, dass es leben will, existiert ein Träger von Würde, der als solcher anzuerkennen ist BEOBACHTUNG UND KRITIK 325 (Büsing 2018, Schaeffer 2018) und kommunikativ die horizontal differenzierte Ordnung ebenso trägt, wie er von ihr getragen wird. Gesellschaftstheoretisch muss man aber auch die Frage stellen, ob es eine strukturelle Notwendigkeit horizontaler Differenzierung darstellt, dass bereits dem lebendigen Körper als solchem Würde zukommt. D. h., erlaubt es diese soziologische Theorie menschlicher Würde, Gründe dafür anzugeben, warum menschliche Würde nicht an personale Leistungen gebunden ist? Hier kann folgende Überlegung weiterhelfen. Leistungen werden in einer horizontal differenzierten Gesellschaft in spezialisierten Handlungsbereichen erbracht. Wissen wird in der Wissenschaft erzeugt, Krankenbehandlung in der Medizin, verbindliche Entscheidungen in der Politik, Güter und geldwerte Leistungen in der Wirtschaft usw. Diese Leistungserbringung ist jeweils an eine bestimmte Logik der Interaktion bzw. Kommunikation gebunden. Solche Leistungen erscheinen, wenn sie als Leistungen einem Individuum zugerechnet werden, als personale Leistungen. Solche Zurechnungen als personale Leistungen gelten etwa für das Wirtschaftssystem, in dem Gewinnorientierung und eine rational kalkulierende Stellungnahme zu sich und zu anderen gefordert wird. Ähnliche Modi des Rational-zu-sich-Stellungnehmens werden auch in der Politik gefordert. Wenn man einen derart anspruchsvollen personalen Vollzug zum Kriterium für die Anerkennung als soziale Person einführt, wird ein leistungsgebundenes Kriterium institutionalisiert, das zwar für die Ausdifferenzierung eines Handlungs- und Kommunikationszusammenhang relevant ist, bzw. vielleicht in abstrakter Form als Bedingung mehrerer solcher Zusammenhänge gelten kann. Es ist aber unwahrscheinlich, dass solche anspruchsvollen Kriterien alle Gruppen- Handlungszusammenhänge erfassen. Der zentrale Grund hierfür ist die Offenheit horizontaler Differenzierung. Auch Luhmann geht davon aus, dass es nicht möglich ist, einen festen Satz von Handlungszusammenhängen festzulegen, die in einer differenzierten Gesellschaft vorhanden sein müssen. Vielmehr können sich immer neue Subgruppen und Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge mit einer je eigenen Sinnlogik ausdifferenzieren. Der Prozess horizontaler Differenzierung ist zwar an unterschiedliche Typen von Zusammenhängen (mitgliedschaftlich verfasst und weltgesellschaftlich orientiert) gebunden, aber prinzipiell ein offener Prozess. Mit der Einführung eines Kriteriums, das eine bestimmte Form personaler Existenz voraussetzt, wird diese Offenheit gefährdet. Die Institutionalisierung eines anspruchsvolleren Kriteriums – also etwa der Rekurs auf den aktuellen Vollzug anspruchsvoller personaler Eigenschaften (wie z.B. selbstbewusst zu sich Stellung zu nehmen, Vernünftigkeit, intentional zu handeln) – wäre für eine moderne Gesellschaft problematisch und aller Wahrscheinlichkeit nach dysfunktional (Lindemann 2010). Um sich die Probleme zu vergegenwärtigen, ist HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG UND ETHOS 326 es sinnvoll, ein Gedankenexperiment durchzuführen. Wenn das aktuelle Kriterium der Zuerkennung des Status einer sozialen Person, nämlich lebendig zu sein, durch das Kriterium ersetzt würde, aktuell die Fähigkeit zu zeigen, rational zu sich Stellung zu nehmen und intentional handeln zu können, müssten alle diejenigen, die diese Merkmale nicht aufwiesen, aus dem Kreis der Personen ausgeschlossen werden. Dies müsste politisch-rechtlich in der gleichen Weise strikt durchgesetzt werden, wie gegenwärtig die Gültigkeit des Kriteriums lebendiger Körper. Darüber hinaus müssten solche gesellschaftlichen Bereiche, in denen es geradezu geboten ist, sich von einer äußeren Gewalt überwältigen zu lassen, ohne dazu rational Stellung zu nehmen, negativ sanktioniert werden. Wenn einem Körper der Personenstatus und damit Würde nur zukommt, insofern er das Niveau personaler Leistung erfüllt, muss die Ausdifferenzierung von Handlungsbereichen, in denen dieses Niveau systematisch unterschritten wird, als eine Verletzung menschlicher Würde gelten. Unter solchen Bedingungen müsste die Ausdifferenzierung etwa des Handlungs- und Kommunikationszusammenhangs Religion durch den politisch-rechtlichen Bereich negativ sanktioniert werden. D.h., der Prozess der Ausdifferenzierung unterschiedlicher Handlungszusammenhänge müsste unter politische Kontrolle gestellt werden. Denn es müsste verhindert werden, dass sich Bereiche herausbilden, deren kommunikativer Logik es widerspräche, dass Akteure sich als rational zu sich selbst Stellungnehmende begreifen. Damit wäre der Prozess gesellschaftlicher Differenzierung partiell blockiert. Ein solcher Vorgang wäre für die moderne Gesellschaft dysfunktional. Gläubige Menschen, deren Leben dem eigenen Selbstverständnis nach durch eine Offenbarung bestimmt wird, wären als pathologische Fälle einzustufen, denen im strengen Sinn kein Personenstatus und keine Würde mehr zukommen kann. Die Theorie des Körperindividuums gleich an Freiheit und Würde kann also darlegen, warum menschliche Würde nicht an personale Leistungen gebunden ist. Leistungen werden in der Moderne in mitgliedschaftsbasierten Zusammenhängen (z.B. Organisationen) sowie spezialisierten Handlungszusammenhängen erbracht. Exoterisches Wissen wird in der Wissenschaft erzeugt, Krankenbehandlung in der Medizin, verbindliche Entscheidungen in der Politik usw. Menschenwürde ist die institutionelle Garantie dafür, dass Menschen von solchen Leistungsanforderungen nicht vereinnahmt werden. Nur unter dieser Voraussetzung wird die Offenheit des Differenzierungsprozesses dauerhaft gewährleistet. Freiheit lässt sich ebenso als strukturelles Erfordernis moderner Gesellschaften verstehen. Sie bezeichnet den Anspruch, sich im Prinzip in unterschiedliche Subgruppen sowie in unterschiedliche Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge involvieren zu können. Die einzige Vorbedingung besteht darin, die durch die Sachlogik des Gruppen- bzw. BEOBACHTUNG UND KRITIK 327 Handlungszusammenhangs vorgegebenen Erfordernisse erfüllen zu können. An der Wirtschaft kann jeder teilnehmen, sofern er/sie etwas zu verkaufen hat oder etwas kaufen kann. An der Wissenschaft kann jeder teilnehmen, sofern er/sie die erforderlichen Qualifikationen mitbringt. An der Medizin kann jeder teilnehmen, wenn er/sie krank oder heilbefugt im Sinne des Handlungszusammenhangs ist. Usw. Diese Theorie menschlicher Würde und Freiheit erweitert das Szenario für mögliche Selbstgefährdungen horizontaler Differenzierung. Durkheim folgte noch einem grundsätzlichen Optimismus bezogen auf die historische Entwicklung. Luhmann thematisiert vor allem die Selbstgefährdung horizontaler Differenzierung durch das politische System. Wenn man die Offenheit horizontaler Differenzierung und die Würde des Menschen als eines diesseitig-lebendigen Wesens in den Mittelpunkt stellt, wird auch die Gefährdung etwa durch eine liberal-ökonomische oder szientifische Orientierung deutlich. Denn auch wenn ein anspruchsvoller personaler Vollzug zum Kriterium für die Zugehörigkeit zum Kreis sozialer Personen gemacht wird, gefährdet dies die Offenheit horizontaler Differenzierung.10 Horizontale Differenzierung erscheint in dieser Perspektive als eine fragile Ordnung, die eine immanente Tendenz zur Selbstzerstörung aufweist. 10 Im Anschluss an Luhmann beschreibt Teubner (2006) funktionale Differenzierung als eine »anonyme matrix« unterschiedlicher Kommunikationsbereiche. Jeder dieser Bereiche habe eine totalitäre Tendenz, den Menschen vollständig zu vereinnahmen. Menschenrechte seien ein Mittel, um die Autonomie unterschiedlicher Kommunikationsbereiche vor den totalitären Tendenzen anderer Funktionsbereiche zu schützen. Vor allem aber seien Menschenrechte ein Mittel, um die »latenten Rechte der Körper-Seele-Einheit«, d.h. den Menschen, vor den totalisierenden Tendenzen der Kommunikation zu schützen. Es gibt zwei wesentliche Unterschiede zwischen dieser systemtheoretischen Konzeption und der von mir vorgeschlagenen Theorie der Menschenrechte bzw. der Institutionen von Freiheit und Würde. 1. Teubners Argument basiert auf einer positiven Anthropologie. Er begreift die menschliche Körper-Seele-Einheit als universale Grundlage von Kommunikation. Im Unterschied dazu lautet mein Argument, dass der lebende diesseitige Mensch eine historisch kontingente Institution ist. Es gibt keine universale Körper-Seele-Einheit (Lindemann 2014a: 302f). 2. Teubner liefert kein Argument dafür, warum der universalen Körper-Seele-Einheit latent Rechte zukommen sollen. Anders als Teubner gibt die von mir vorgetragene Argumentation einen Grund an, warum dem Menschen Würde zukommen muss, den bei letzterer handelt es sich um eine funktionsnotwendige Institution funktionaler Differenzierung. Zusammengefasst: Die Tradition der Systemtheorie analysiert die Institution des diesseitig lebendigen Menschen nicht, sondern setzt sie unreflektiert voraus als notwendiges Element, das in der Umwelt der Kommunikation bestehen muss. HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG UND ETHOS 328 Um ihre Differenzierungsstrukturen zu erhalten, bedarf es der Institutionalisierung einer kritischen Beobachtung, die die zerstörerischen Tendenzen der einzelnen Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge identifiziert und zu Gegenbewegungen motiviert. Horizontale Differenzierung ist eine Vergesellschaftungsform, die ohne ihre Kritik nicht existieren kann. Deren normative Quellen werden im Rahmen der Struktur horizontaler Differenzierung immer mit reproduziert. Dabei sind vor allem drei Quellen der Kritik von Bedeutung: 1. die normativen Prinzipien von Freiheit und Würde: dies ermöglicht es, die Verletzung dieser normativen Prinzipien zu skandalisieren, 2. die dreifache Bestimmung des Menschen als natürlich, kulturbildend und moralisch: dies ermöglicht eine Kritik an möglichen Vereinseitigungen, 3. die Kritik möglicher Vereinseitigungen kann zusätzlich immer auch die moralisch relevanten Grenzen des anthropologischen Qua drats problematisieren; dies betrifft vor allem die Mensch-Maschineund die Mensch-Tier-Grenze. 1.3 Interaktionsordnung: Die alltägliche Achtung vor der individuellen menschlichen Person Das moderne zweigeschlechtliche Körperindividuum wird natürlich (s.o. den Abschnitt zur natürlichen Geburt) in eine Familie hineingeboren und wird zugleich durch eine medizinisch vermittelte staatliche Organisationsleistung aus dieser heraus individuiert. Leibliche Selbste, die sich als menschliches zweigeschlechtliches Körperindividuum darstellen und verstehen, werden, wie Durkheim erkannt hat, zum Gegenstand des allgemeinen Kults des Individuum, ihnen kommen Freiheit und Würde zu. Dass leiblichen Selbsten als Körperindividuen ritueller Respekt gebührt, ist eine Konsequenz, die Durkheim selbst aber nicht weiter ausarbeitet. Goffman (1982) hat diese These aufgenommen und daraus ein empirisches Forschungsprogramm gemacht. In detailgenauen Studien weist er nach, dass und inwiefern die Achtungsbezeugungen gegenüber der individuellen Person einen rituellen Charakter haben und dass diese kleinen Riten des Alltags an die Stelle der großen rituellen Ehrbezeugungen gegenüber den Göttern getreten sind (Goffman 1982: 97f). Demnach gibt es keine großen Rituale mehr gegenüber großen göttlichen Wesen, sondern nur noch kleine Rituale gegenüber den vielen kleinen Göttern, den individuellen Menschen, denen Würde und Freiheit zukommen. In den Beziehungen zwischen menschlichen Personen identifiziert Goffman im Anschluss an Durkheim den Doppelcharakter des Heiligen. Dieser bestünde darin, dass man unter bestimmten Umständen die BEOBACHTUNG UND KRITIK 329 Sphäre des Heiligen nicht berühren bzw. nicht mit ihr in Kontakt kommen darf, während man unter anderen Umständen die sakrale Sphäre berühren bzw. mit ihr in Kontakt kommen soll. In dem einen Fall wäre es ein Sakrileg, das Heilige zu berühren, während es in dem anderen Fall ein Sakrileg wäre, das Heilige nicht zu berühren. (Goffman 1982: 100) Die entsprechenden Rituale differenzieren sich – auch hier folgt Goffman seinem Gewährsmann Durkheim – in positive Rituale, die den Göttern gegenüber Respekt bzw. Ehrfurcht ausdrücken und negative Rituale, die dem Schutz bzw. der Wiederherstellung der Integrität der Sphäre des Heiligen dienen. Für Goffman geht es darum, in alltäglichen Interaktionen die Rituale der Ehrerbietung zu entdecken bzw. die kleinen negativen Rituale zum Schutz des Territoriums des Selbst. Wenn es um die Erweisung von Ehrerbietung geht, wird die Beziehung zwischen den beteiligten menschlichen Personen bestätigt. Dies kommt darin zum Ausdruck, dass man sich grüßt, dass man bei einer Verabschiedung die Beziehung zwischen den Beteiligten bestätigt usw. Dagegen geht es im Rahmen negativer Rituale um die Anerkennung des Anderen in seinen territorialen Ansprüchen. Während Rituale der Ehrerbietung zwischen Unbekannten in anonymen Settings nahezu unsichtbar werden, lassen sich die negativen Rituale auch in anonymen Settings gut identifizieren. Beispiele hierfür wären etwa die Entschuldigungen, zu denen sich Personen genötigt sehen, wenn sie jemanden in der U-Bahn oder im Bus versehentlich auf den Fuß getreten haben. Vgl. hierzu Goffman (1982: 98ff) Um diese Rituale genauer zu verstehen, gibt Goffman eine Definition seines Verständnisses von sozialem Kontakt. Dabei setzt er, ohne diese Prämisse als solche zu explizieren, einen sozialen Resonanzraum voraus. Für Goffman besteht ein sozialer Kontakt, wenn von den beteiligten Personen »gleichzeitig erkannt wird«, dass sie einander wahrgenommen haben und es »erkannt wird, dass es erkannt wird.« (Goffman 1982: 106) Kontakt in diesem Sinn ist Goffman zufolge nicht identisch damit, an einem Ort zu sein, denn man kann an einem Ort sein, ohne in Kontakt zu sein. Dies wäre etwa der Fall, wenn Personen an einem Ort sind, ohne einander wahrzunehmen. Man kann aber in Kontakt sein, ohne sich zugleich am selben Ort aufzuhalten, etwa »bei einer Unterhaltung am Telefon oder bei einem Austausch von Briefen«, in diesem Fall findet Goffman zufolge »eine soziale Berührung« statt, ohne dass sich die Körper der Beteiligten »berühren.« (Goffman 1982: 108) Um den Raum zu begreifen, in dem sich solche Berührungen ereignen führe ich den Begriff des sozialen Resonanzraums ein. HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG UND ETHOS 330 1.4 Definition des sozialen Resonanzraums Kommunikation wird oft ohne Bezug zum Raum thematisiert. Dies erscheint mir wenig sinnvoll, wenn man leibliche Selbste als Operatoren des kommunikativen Geschehens begreift. Leibliche Selbste richten sich in einen umgebenden Raum und berühren einander. Der umgebende Raum ist zunächst ungegliedert. Er zeichnet sich dadurch aus, dass er um das Selbst herum in Form einer ungegliederten Ausdehnung da ist. Diesen Raum bezeichnet Schmitz (1967: § 118) als Weiteraum. Es ist dieser Raum, in den hinein sich leibliche Selbste richten. Indem sie sich in ihn hinein richten, wird der ungegliederte Raum durch Bewegungen, Gesten und Ähnliches geordnet (vgl. Lindemann 2014a: Kap. 3.2). Der Raum, in den hinein ein Selbst sich richtet, wird von diesem erlebt als ein Raum, in den hinein andere sich ebenso richten können. Damit wird der umgebende Raum zu einem potentiell sozialen Raum, aus dem ein leibliches Selbst Mitteilungen aller Art als auf es gerichtet empfangen kann. Wenn die Möglichkeit des Empfangs von Mitteilungen erwartet wird, wird der potentiell soziale Raum zu einem »sozialen Resonanzraum« (Fritz-Hoffmann 2016), aus dem heraus leibliche Selbste Beobachtungen und Kommunikationen als auf sie gerichtet erwarten.11 Die Möglichkeit der Präsenz anderer leiblicher Selbste, die sich auf ein Selbst richten könnten, kann durch unterschiedlichste Phänomene angezeigt werden. Das dunkle Brummen, das ein Selbst hören mag beim Spaziergang durch den Wald, macht die Präsenz eines Dämons erwartbar, der sich aus dem umgebenden Raum auf das Selbst richten kann. Dass ein Schlauphon angeschaltet ist, macht es erwartbar, dass sich von irgendwoher jemand auf mich richtet – evtl. mein Vorgesetzter mit einer Aufgabe, die auch im Urlaub zu erledigen ist. Das wesentliche Merkmal des sozialen Resonanzraums besteht darin, dass er nicht mit einem modernen Verständnis von Ortsraum (Schmitz 1967: 92f) gleichgesetzt werden kann. Der soziale Resonanzraum kann sich auf den Raum beschränken, den man als Ort bezeichnen kann, an dem Akteure anwesend sind – etwa in einem Zimmer. Man würde jetzt 11 Der Begriff des sozialen Resonanzraums verwendet ein erweitertes Verständnis von Resonanz als etwa Hartmut Rosa (2016). Der soziale Resonanzraum wird hier als konstitutiv für jede Art kommunikativen Mitteilungsverhaltens verstanden. Für Rosa ist es dagegen wichtig, Resonanz normativ aufzuladen, um so zu einer Kritik sozialer Verhältnisse zu kommen, in denen Resonanz verunmöglicht wird. Dies wäre in dem hier verwendeten Verständnis von Resonanz gleichbedeutend mit dem Ende der Möglichkeit von Kommunikation überhaupt. Rosa muss dagegen einen engeren Begriff von Resonanz verwenden, sonst wäre es nicht möglich, kommunikativ zu kritisieren, dass Resonanz in sozialen Beziehungen bzw. in den Beziehungen zur Welt fehlt. BEOBACHTUNG UND KRITIK 331 nur noch die Anwesenden als diejenigen verstehen, die antworten können, d.h., den sozialen Resonanzraum bevölkern. Wenn man technische Vermittlungen einbezieht, wird der soziale Resonanzraum diffus erweitert um all diejenigen, die sich gegenwärtig technisch vermittelt bemerkbar machen könnten. Wenn man schließlich eine Ordnung annimmt, in der Dämonen oder Götter einbezogen sind, würde sich der soziale Resonanzraum noch einmal verändern. Denn es sind im umgebenden Raum Richtungen bzw. Kräfte spürbar, wenn auch (wahrscheinlich) nicht messbar, die auf andere Anwesenheiten leiblicher Operatoren im Sinne von Geistern oder verstorbenen Ahnen verweisen. Ein sozialer Resonanzraum ist immer auch zeitgebunden, denn er existiert nur insofern als leibliche Selbste sich je gegenwärtig in einen umgebenden Raum hinein richten. Soziale Resonanzräume existieren immer nur gegenwärtig mit Bezug auf gegenwärtig erlebende leibliche Operatoren. Eine Berührung, die im sozialen Resonanzraum stattfindet, kann beinhalten, a) dass Personen einander an einem Ort begegnen und sich signalisieren, dass sie erkannt haben, dass sie miteinander in Kontakt sind, b) dass sie einander vermittelt über technische bzw. institutionelle Vermittlungen berühren, wie etwa Telefon, Briefverkehr, E-Mail-Austausch oder soziale Netzwerke. In beiden Fällen handelt es sich um jeweils unterschiedliche Weisen einer Berührung in einem sozialen Resonanzraum. Berührungen im sozialen Resonanzraum beinhalten immer auch Formen eines bestätigenden oder eines korrektiven Austauschs. Ein bestätigender Austausch besteht darin, dass Personen einander zeigen, dass eine Beziehung besteht, die eine Berührung erlaubt und sie evtl. sogar erfordert. Dies findet z.B. statt, wenn Personen einander begrüßen. Die Beteiligten signalisieren einander, dass sie die Berührung der jeweils anderen Person zulassen wollen. Ein korrektiver Austausch ist dagegen erforderlich, wenn eine soziale Berührung als nicht angemessen erlebt wird, in diesem Fall muss die Person, die es sich hat zuschulden kommen lassen, in das Territorium der anderen einzudringen, darstellen, dass sie weiß, dass sie einen Fehler begangen hat. Dass soziale Berührungen auch in einem technisch vermittelten sozialen Resonanzraum vorkommen, hat Schünemann (2018) anhand der Analyse von Kommunikationen in Mailing-Listen und Internetforen gezeigt. Entsprechend lassen sich in diesen Kommunikationen sowohl Formen des bestätigenden als auch Formen des korrektiven Austauschs finden. Mit Goffman lässt sich zeigen, dass Würde und Freiheit zentrale Prämissen der alltäglichen Interaktion sind. In den Alltagssituationen, die Goffman in den Blick nimmt, kommen allerdings nur Körperindividuen vor, die aktiv handeln und kommunizieren. Die These, die sich ausgehend vom anthropologischen Quadrat und der Theorie des Würdestatus im Rahmen horizontaler Differenzierung ergibt, ist weitergehend. Nicht HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG UND ETHOS 332 nur dem aktiv handelnden Körperindividuum, sondern dem Körperindividuum als solchem sollen Freiheit und Würde zukommen. Vor allem für den Würdestatus gilt, dass es sich nicht um ein Leistungskonzept handeln soll. Gemäß der am anthropologischen Quadrat orientierten Grenzziehung müsste es so sein, dass auch dem menschlichen Körperindividuum, insofern es lebendig ist, Würde zukommt. Indizien dafür finden sich im Umgang mit Patienten in der Intensivmedizin und paradigmatisch realisiert in der »Vitalindikation« (Lindemann 2002: 327). Um deren Struktur zu verstehen, muss man rekonstruieren, wie der menschliche Körper ein institutionalisiertes Symbol ist (vgl. für das folgende Lindemann 2002: 326ff). Es ist seit 1894 ständige Rechtsprechung deutscher Gerichte, dass ein ärztlicher Heileingriff grundsätzlich den Tatbestand der Körperverletzung erfüllt (vgl. Eisenbart 1998: 48). Nicht rechtswidrig ist die ärztliche Handlung nur unter der Voraussetzung, dass ein Rechtfertigungsgrund vorliegt. Als ein solcher kommt im Falle der medizinischen Praxis die Einwilligung der Patientin in Betracht. Wenn das Leben des menschlichen Körpers unmittelbar bedroht ist und es weder eine Möglichkeit gibt, die Einwilligung der Person einzuholen, noch die Möglichkeit besteht, den Willen des Patienten anderweitig in Erfahrung zu bringen, gilt die Einwilligung der Person für den Heileingriff als mutmaßlich erteilt (vgl. Eisenbart 1998: 59f). Der soziale Sinn der rechtlichen Konstruktion »mutmaßlicher Wille« besteht darin, einen bewusstlosen Körper in ein kommunikatives Symbol zu verwandeln, dessen semantischer Gehalt sich folgendermaßen übersetzen lässt: »Ich will, daß mir geholfen wird – ich will, wenn es nötig ist, medizinisch behandelt werden.« Für Medizinerinnen ist die angemessene Deutung dieser Mitteilung in besonders akzentuierter Weise normativ vorgeschrieben. Innerhalb des praktischen medizinischen Wissens wird dieser Sachverhalt unter dem Stichwort »Vitalindikation« oder »absolute Indikation« verhandelt (Lindemann 2002: 327f). Der semantische Gehalt des Symbols enthält eine absolut geltende Norm, die die Ärztin ohne weiteres Nachfragen zu einer Aktion verpflichtet. Es sei denn, sie kann mit hoher Gewissheit damit rechnen, dass ihr Eingriff erfolglos ist. Da jede Unterlassung unter einem hohen Begründungszwang steht, unterbleibt sie im Zweifelsfall, d.h., der Arzt folgt der kommunikativen Aufforderung. Insofern der in seinem Leben bedrohte Körper zu einem Symbol wird, wird der in seinem Leben bedrohte menschliche Körper zu einem staatlich-rechtlich vermittelten medizinisch unmittelbaren Körper. Der Arzt soll den Körper unmittelbar als Handlungsaufforderung erleben. Die Bedeutung dessen, dass der lebendige Körper ein kommunikatives Symbol mit einem spezifisch normativen semantischen Gehalt ist, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass dessen Aussage durch weitere Aussagen der Person modifiziert werden kann. Hierbei kann es sich um Aussagen handeln, BEOBACHTUNG UND KRITIK 333 die ein autorisierter Stellvertreter des bewusstlosen Körpers der Ärztin übermittelt oder um ein Patiententestament, durch das der Patient seinen Willen zu einer medizinischen Behandlung bzw. zu einer Begrenzung der Behandlung dokumentiert. Nur weil dem lebendigen menschlichen Körper selbst Würde zukommt, wird er zu einem Symbol, welches dem Arzt kommuniziert, ihn zu retten. Der in seinem Leben bedrohte Körper ist die Mitteilung, die es dem Arzt erlaubt, sich dem Körper zu nähern und notfalls technisch invasiv zu berühren. Zugleich verpflichtet der personale Würdestatus des lebendigen Körpers dazu, dessen vorherige kommunikative Stellungnahmen zu berücksichtigen. Es kann daher der Fall eintreten, dass unterschiedliche kommunikative Stellungnahmen hinsichtlich ihrer Gültigkeit zu gewichten sind. Es gibt zum einen die aktuelle Stellungnahme des bewusstlosen lebendigen Körpers und die z.B. in einem Patiententestament formulierte kommunikative Stellungnahme. Ärzte müssen unter der Aufsicht von Gesetzgebung und Rechtsprechung darüber befinden, welche dieser Stellungnahmen im je konkreten Fall als gültig anzusehen ist. Bei der gegenwärtigen kommunikativen Stellungnahme durch den bewusstlosen Körper handelt es sich um eine solche, die konkret auf diese Situation bezogen ist. Damit eine Vorausverfügung die aktuelle Stellungnahme ungültig machen kann, muss ihr nach aktuellem Rechtsverständnis zu entnehmen sein, dass sich die Vorausverfügung auf die aktuell eingetretene Situation bezieht. Dies wird erreicht durch eine genauere Beschreibung des Zustandes, in dem etwa eine Behandlung abgelehnt wird. Generalisierende Formulierungen erfüllen diesen Tatbestand nicht und können daher die Gültigkeit der Stellungnahme des bewusstlosen Körpers nicht aushebeln. Daraus ergeben sich Formvorgaben für die Formulierung von Vorausverfügungen, über die breit informiert wird.12 Zu zeigen war an diesem Beispiel, dass der lebendige Körper als solcher bereits die Bedingungen dafür erfüllt, aktiv an Kommunikationen teilzunehmen und dass ihm insofern bereits Würde zukommt. Denn auch der lebendige Körper als solcher darf nicht einfach von der Medizin vereinnahmt werden, vielmehr muss er von sich aus in einem bestätigendem Austausch (Goffman) der Vereinnahmung zustimmen, und er bleibt auch weiterhin offen dafür, in andere mitgliedschaftsbasierte Gruppenbzw. andere Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge involviert werden zu können. 12 Vgl. hierzu etwa die Veröffentlichung des Bundesjustizministeriums für das Verfassen von Vorausverfügungen. http://www.bmjv.de/SharedDocs/Publikationen/DE/Patientenverfuegung.pdf?__blob=publicationFile&v=7, Zugriff am 14.04.2017 HORIZONTALE DIFFERENZIERUNG UND ETHOS 334 2. Die Institutionalisierung kritischer Beobachtung Die Analyse des Ethos der Menschenrechte hat ergeben, dass horizontale Vergesellschaftung einen moralischen Kult des menschlichen Körperindividuums institutionalisiert. Damit wird ein moralischer Überschuss gebildet, der als normative Ressource für die kritische Beobachtung zur Verfügung steht. Diese Beobachtung ist sowohl außerhalb etablierter Subgruppenzusammenhänge als auch außerhalb der fest institutionalisierten mitgliedschaftlich verfassten bzw. der weltgesellschaftlich orientierten Handlungszusammenhänge angesiedelt. Insofern sie sich au- ßerhalb fest institutionalisierter Zusammenhänge befindet, operiert die moralische Kritik von außerhalb der Gesellschaft. Allerdings ist sie nicht vollständig außerhalb, denn die normativen Quellen der Kritik werden im Vollzug horizontaler Differenzierung miterzeugt. Der Kritik geht es um die Frage des moralisch guten Lebens vor dem Hintergrund der Gefährdung der Institution des Menschen gleich an Freiheit und Würde durch das chronisch konflikthafte Verhältnis zwischen den mitgliedschaftlich verfassten (Politik und Recht) und den weltgesellschaftlich orientierten (Wirtschaft und Wissenschaft) Handlungs- und Kommunikationszusammenhängen. Die hohe moralische Aufladung der Konflikte um die fiktiven Waren (Boden/Natur, Arbeitskraft bzw. Körperindividuum, Geld und Wissen) lässt sich nun begreifen als Konflikt um die Institution des Menschen gleich an Freiheit und Würde. In diesen Konflikten werden die in sich widersprüchliche Wesensbestimmungen des Menschen als natürliches, kulturbildendes sowie vernunftbegabt moralisches Wesen und weiterhin die analogen Bestimmungen der Natur (natürlicher Kreislauf, offen für kulturelle Formung, mit einem moralischen Eigenwert versehen) verhandelt sowie die Grenzen des anthropologischen Quadrats, die eng mit der konflikthaften Wesensbestimmung zusammenhängen. Die Gefährdungen der Struktur horizontaler Differenzierung lässt sich bezogen auf die Institution des Menschen so begreifen. In dem Maße, in dem der Erfahrungshorizont leiblicher Selbste als institutionalisierten menschlichen Körperindividuen jeweils von einzelnen Subgruppen (z.B. Familie) oder Handlungs- und Kommunikationszusammenhängen vollständig vereinnahmt zu werden droht, wird die Struktur horizontaler Differenzierung gefährdet. Dies beinhaltet für die Politik, dass die verfahrensmäßig gestaltete Gewaltkonkurrenz um Sachpositionen entschieden ist und ein sachlich bestimmtes Worum-Willen für die menschlichen Körperindividuen verbindlich gemacht wird. Die menschlichen Körperindividuen sind in diesem Fall der Gewalt nur noch unterworfen und stehen der staatlichen Gewalt nicht mehr als Subjekte gegenüber. Es kann sein, dass die Körperindividuen noch freigesetzt sind, um sich wirtschaftlich zu betätigen. BEOBACHTUNG UND KRITIK 335 Es kann aber auch sein, dass der gesamte Erfahrungshorizont politisiert wird. D.h., es findet eine Totalvereinnahmung des Erfahrungshorizonts leiblicher Akteure durch die Politik statt. Die empirischen Beispiele hierfür wären autoritäre kapitalistische Regime oder moderne totalitäre Regime (Faschismus, Kommunismus). Ein weiterer Fall der Totalvereinnahmung durch die Politik besteht darin, dass die Gewaltkonkurrenz der Sachpositionen in Form direkter wechselseitiger Gewaltkommunikation ausgetragen wird. Beispiele hierfür wären bürgerkriegsnahe Auseinandersetzungen innerhalb von Staaten oder das Auseinanderbrechen von Staaten im Bürgerkrieg. Für die Wirtschaft besteht die Totalvereinnahmung darin, dass leibliche Operatoren sich selbst und die gesamte Umwelt vollständig unter dem Gesichtspunkt der Eigentumssicherung erleben und entsprechend zu handeln. Empirisch dokumentiert sich das darin, dass Arbeitskraftvermieter nahezu ausschließlich darauf fokussiert sind, sich für die Vermietung ihrer Arbeitskraft zu optimieren, bzw. dazu gezwungen sind, die Selbstvermietung derart auszudehnen, dass ihnen buchstäblich keine Zeit für anderes bleibt. Die Mieter der Arbeitskraft oder einfache Selbständige unterliegen dem Zwang sich selbst bzw. die Organisationen, die sie leiten, permanent mit Bezug auf die Sicherung ihrer prekären Eigentumsposition zu optimieren. Der von großen Banken erzeugte Druck zur Gewinnmaximierung hat darüber hinaus die Tendenz, die Kreditzirkulation in sich selbst einzuschließen und somit – dem Worum-Willen der Wirtschaft, der Gewinnmaximierung folgend – die produktive Wirtschaft zu gefährden und damit die Möglichkeiten der Reproduktion des Lebens von Arbeitskraftvermietern. Beide Vereinnahmungstendenzen führen dazu, dass die alltäglich ablaufenden institutionellen Handlungszusammenhänge und das Erleben der Beteiligten zunehmend von einem spezifischen Worum-Willen (der Wirtschaft oder der Politik) dominiert werden. Dies erfolgt maßgeblich durch eine Politisierung oder Ökonomisierung aller Kommunikationen und Handlungen sowie des Wissens über den Menschen und die Natur. Dadurch entstehen je spezifische Vereinseitigungen innerhalb der dreifachen Bestimmung des Menschen. Bislang haben sich dabei folgende Konstellationen als relevant herausgestellt. a. Es gibt eine politische Vereinseitigung, die den Menschen als ein natürliches und kulturelles Wesen begreift, und besagt, dass Menschen in homogenen ethnisch-kulturellen Zusammenhängen leben sollen, einem homogenen Volk. Bei der Bildung des Volkes können natürliche, d.h. genetische, Prinzipien zur Anwendung kommen (Züchtung). Diesem Prinzip muss die Wirtschaft mit ihren weltgesellschaftlichen Tendenzen untergeordnet werden. Wissen ist mit Bezug auf die Volksgemeinschaft zu begreifen. DIE INSTITUTIONALISIERUNG KRITISCHER BEOBACHTUNG 336 b. Die wirtschaftliche Vereinseitigung in Richtung Natur besagt, dass der Mensch ein individuelles auf die Maximierung des eigenen Nutzens hin orientiertes Wesen ist, dessen Entscheidungen und Verhalten nur über (globale) Märkte koordiniert werden können. Aufgrund des Konkurrenzkampfes muss der Mensch sich als Individuum permanent verbessern. Dies schließt genetische Eingriffe nicht aus. Diesen Prinzipien muss sich die Politik mit ihrer auf den Staat und seine Bürger bezogenen Perspektive unterordnen. c. Die politische Vereinseitigung in Richtung Kultur und Moral besagt, dass der Mensch sich durch Kultur, Wissenschaft und Technik selbst formt. Deshalb geht es darum, durch Technik, Kultur und Erziehung einen neuen Menschen zu schaffen, der dazu fähig ist, sich rational in die Gemeinschaft aller Menschen einzufügen. Diesen Prinzipien muss die Wirtschaft sich unterordnen. Die Natur kann im Rahmen dieser Vereinseitigung als Ausgangspunkt einer auf Höherentwicklung angelegten Zivilisierung angesehen werden oder im Sinne einer weitgehend oder vollständig unbestimmten Grundlage, die beliebig geformt werden kann. d. Eine wirtschaftliche Vereinseitigung in Richtung Kultur und Moral zeichnet sich bislang nicht ab. Denn der Imperativ der Veränderung aufgrund von Konkurrenzkampf wird als natürlich begriffen. Wenn auf kulturelle Variabilität Bezug genommen wird, wäre diese nur ein Mittel der natürlichen Konkurrenz. Die Würde und Freiheit des Menschen lässt sich nur wahren, wenn diese Gefährdungen vermieden werden. Die Gefährdungen durch die Politik bestehen in der Tendenz zum Totalitarismus im Namen des ethnisch-kulturell homogenen Volkes (Nationalismus) bzw. im Namen der Erziehung zum neuen Menschen (Kommunismus). Auf diese Gefährdungen hatte bereits Luhmann hingewiesen. Neu ist es im Rahmen einer Differenzierungstheorie auf die Strukturgefährdungen aufmerksam zu machen, die von der Wirtschaft ausgehen. Wenn der Mensch einseitig im Sinne einer unausweichlichen natürlich-ökonomischen Orientierung begriffen wird und dies das spezifische Worum-Willen aller institutionellen Handlungsabläufe bestimmen würde, wäre horizontale Differenzierung ebenfalls letztlich aufgehoben. Auch die Politik, das Recht und die Wissenschaft wären lediglich Variationen der Wirtschaft. Differentielle Eigenlogiken, d.h. unterschiedliche institutionelle Handlungsorientierungen, wären nicht mehr möglich. Damit wäre zwar nicht die Freiheit eingeschränkt, immer wieder dem eigenen Nutzen zu folgen, aber es gäbe keine Freiheit mehr, dies nicht zu tun. Die Vereinnahmung durch das imperative Worum-Willen der Wirtschaft würde zudem die Möglichkeit verschlie- ßen, dass sich Menschen in anderer Weise begreifen als ein zu verbesserndes Mittel, um in der Konkurrenz bestehen zu können. Damit machen BEOBACHTUNG UND KRITIK 337 sich leibliche Selbste, die sich als menschliche Körperindividuen verstehen, zu einem Mittel, das einem unabänderlichen Wo rum-Willen dient, der individuellen Gewinnmaximierung. Dies beinhaltet den Verlust der menschlichen Würde. Da die Gefährdungen a) und b) jeweils einen Bezug auf den Menschen als Naturwesen enthalten, können sie eine Affinität zueinander aufweisen. Das Ergebnis wäre ein auf die Nation bezogener extrem autoritärer Kapitalismus. Das Problem der Vereinseitigung tritt analog für die Umwelt des Menschen auf. Entsprechend seiner dreifach differenzierten Bestimmung steht dem Menschen eine dreifach bestimmte Umwelt gegenüber: 1. als natürlicher Funktionszusammenhang, 2. der zugleich zugänglich für kulturelle Formung und 3. moralisch mit einem Eigenwert versehen ist. Nicht nur für den dreifach bestimmten Menschen, sondern auch für die dreifach bestimmte Umwelt besteht immer wieder die Gefahr, dass diese ausschließlich durch den Zugriff einzelner Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge besetzt wird und dadurch nicht mehr für andere sinnhafte Zugriffe zugänglich ist. Das Beispiel hierfür wäre eine Umwelt, die durch industrielle Fertigung derart verschmutzt ist, dass es unmöglich ist, in ihr zu leben, bzw. ein durch einseitige Bewirtschaftung derart ausgelaugter Boden, dass auf ihm nichts mehr wächst. Solche (Stadt-) Landschaften sind einseitig vereinnahmt und können nicht mehr zur Sicherung der natürlichen Umwelt mit ihrer Artenvielfalt, als zu bearbeitende Kulturlandschaft oder als Erholungsgebiet genutzt werden oder als Natur, die dem Menschen als mit einem moralischen Eigenwert versehen gegenüber tritt und von deren Erhabenheit der Mensch sich überwältigen lässt. In Analogie zu den Institutionen von Freiheit und Würde wurde der moralische Eigenwert dieser Landschaft missachtet, sie steht dem Menschen als unzugängliches Mahnmal einer einseitig vereinnahmenden Nutzung gegenüber. Die chronische Selbstgefährdung der Strukturen horizontaler Differenzierung erfordert eine kontinuierliche Beobachtung und Bewertung der Vergesellschaftung und gegebenenfalls eine praktisch wirksame Gesellschaftskritik, um die Gesamtordnung horizontaler Differenzierung vor einer Selbstzerstörung zu bewahren. Die praktische Bedingung der Kritik besteht darin, dass menschliche Körperindividuen institutionalisiert werden, die freigesetzt sind für beliebige Vergesellschaftungsweisen und deshalb als Elemente horizontaler Differenzierung fungieren können. Insofern es sich bei menschlichen Körperindividuen gleich an Freiheit und Würde um die institutionalisierten Elemente einer horizontal differenzierten Gesellschaft handelt, bilden diese einen normativen DIE INSTITUTIONALISIERUNG KRITISCHER BEOBACHTUNG 338 Bezugspunkt außerhalb der unterschiedlichen Handlungsbereiche und Subgruppen. Daraus ergibt sich ein besonderes Verhältnis der Kritik zu den ablaufenden Vergesellschaftungsprozessen. Zum einen nimmt die Kritik durch den Bezug auf das menschliche Körperindividuum gleich an Freiheit und Würde einen Standort außerhalb der kritisierten Vergesellschaftung ein. Zugleich wird die Möglichkeit der Kritik aber durch Institutionen getragen, die selbst Elemente horizontaler Differenzierung sind, denn das menschliche Körperindividuum gleich an Freiheit und Würde sowie horizontale Differenzierung setzen einander wechselseitig voraus. Es wird sich zeigen, dass soziale Bewegungen diejenigen Gruppen sind, die das für die Kritik erforderliche innerhalb und außerhalb der Vergesellschaftung realisieren. Nicht Individuen, sondern soziale Bewegungen sind der Träger einer (kantischen) auf Universalität zielenden moralischen Kritik, die sich gegen das etablierte Funktionieren institutioneller Handlungsabläufe richtet, die ihre eigene Grundlage, die Struktur horizontaler Differenzierung, gefährden. Soziale Bewegungen sind ein institutioneller Teil der Vergesellschaftung, der sich in legitimer Weise moralisch universalisierend gegen die Gesellschaft als Ganzes stellt. Auf diese Weise kann im Namen des Ganzen an einzelnen Gruppenoder Handlungszusammenhängen Kritik geübt werden. Denn der in sich dreifach widersprüchlich bestimmte Mensch, der in einer analog unbestimmten bzw. dreifach bestimmten Natur lebt, steht der Pluralität unterschiedlicher Gruppen- und Handlungszusammenhänge gegenüber und wird dadurch zum normativen Bezugspunkt der bewertenden Beobachtung der Vergesellschaftung. Diese kann etwa in Freundesgruppen verbleiben oder die Form einer öffentlich-diskursiven Kritik annehmen, die von sozialen Bewegungen getragen wird. Wenn das letztere der Fall ist, entfaltet sich von einem Diesseits der Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge aus eine kritische Beobachtung der Gesellschaft, der es darum geht, den Vereinnahmungen und Vereinseitigungen praktisch wirksam zu widersprechen. Luhmann missversteht das komplexe Verhältnis von innerhalb/außerhalb der Vergesellschaftung als Anwendung der »Beobachtungstechnik des Teufels« (Luhmann 1997: 848), denn mit dieser Beobachtung würde eine »Grenze in einer Einheit gegen diese Einheit« gezogen (Luhmann 1997: 853). Er übersieht dabei, dass es sich immer um eine Kritik im Namen des Ganzen handelt. Die These lautet: Eine kritische und auf praktisch wirksamen Widerspruch ausgerichtete Beobachtung muss als solche außerhalb von bestehenden Gruppen- und Handlungszusammenhängen institutionalisiert werden. Dies schließt ein, dass es keinen dauerhaft ausdifferenzierten Handlungs- und Kommunikationszusammenhang gibt, der reklamieren kann, für kritische Beobachtung allein zuständig zu sein. Die spezifische Innerhalb-Außerhalbposition sozialer Bewegungen dokumentiert BEOBACHTUNG UND KRITIK 339 sich darin, dass die die Kritik tragenden sozialen Bewegungen entstehen, vergehen und gegebenenfalls wieder erstehen. Es gelingt aber nicht, soziale Bewegungen wie andere fest institutionalisierte Subgruppen, etwa Organisationen oder Familien, auf Dauer zu stellen. Soziale Bewegungen sind auf Öffentlichkeit, d.h. auf die freie Zugänglichkeit von Informationen, angewiesen. Deshalb bildet die Institutionalisierung einer freien Presse bzw. der Massenmedien eine wesentliche Bedingung kritischer Beobachtung, dies ist auch Teil der offiziellen Beschreibung der Medien als »vierte Gewalt« (Branahl 2010). Dennoch kann die Öffentlichkeit, die soziale Bewegungen herstellen, nicht mit der Öffentlichkeit identifiziert werden, die durch eine freie Presse geschaffen wird. Letztere besteht dauerhaft und folgt einer Sinnlogik, die das zu Berichtende nach einer Vielzahl von Kriterien auswählt, die oft wenig mit kritischer Beobachtung zu tun haben (Kepplinger 2011). Dazu gehören Aktualität, Skandalträchtigkeit, Konflikthaftigkeit usw. Dennoch bildet die Entstehung einer freien Presse eine wesentliche Bedingung kritischer Beobachtung der Gesellschaft, denn die freie Presse enthält eine Beobachtung und Bewertung von Vergesellschaftungsprozessen. Deshalb ist es erforderlich, die Entstehung der freien Presse einzubeziehen. Im Sinne der Institutionalisierung praktisch wirksamer Kritik sind also zwei Punkte von Bedeutung: Zum einen die Institutionalisierung gesellschaftlicher Beobachtung durch eine freie Presse, die einen unkontrollierten Informationsfluss und eine pluriperspektivische bewertende Beobachtung ermöglicht, und zum anderen die Bildung sozialer Bewegungen als Institutionalisierung des spezifischen Innerhalb/Außerhalb-Verhältnisses strukturrelevanter Kritik. Dies sind die Bedingungen für die Dynamiken wirksamer Gesellschaftskritik durch liberale, feministische, sozialistische, kommunistische oder nationalistische Bewegungen. 2.1 Die Ausbildung der öffentlich-diskursiven Beobachtung der Vergesellschaftung. Mit der Annahme einer strukturnotwendigen öffentlichen Beobachtung und Bewertung der Vergesellschaftung nehme ich eine These von Jürgen Habermas auf, der unter positivem Bezug auf Kant die Entstehung einer kritischen Öffentlichkeit an die Strukturen der entstehenden bürgerlichen Gesellschaft bindet (Habermas 1962/1990: 93ff), und entwickle sie weiter, indem ich die freie öffentliche, d.h. die publizierte bzw. (massen-)medial verbreitete, Beobachtung lediglich als eine Hälfte der Institutionalisierung wirksamer Kritik begreife. Das Verständnis von Öffentlichkeit, das ich damit in Anschlag bringe, ist nüchterner als dasjenige von Habermas. Dieser verbindet mit der Öffentlichkeit das Versprechen, dass der Staat nicht mehr als Herrschaftsinstrument fungiert (Habermas 1962/1990: 152f). DIE INSTITUTIONALISIERUNG KRITISCHER BEOBACHTUNG 340 Deshalb steht es für ihn im Mittelpunkt, eine Form des rational selbstbestimmten Diskurses zu identifizieren, die die Ausübung von Herrschaft im Sinne der Unterwerfung unter eine Gewalt ersetzt durch die rational gewonnene Einsicht im öffentlichen Diskurs. Für Habermas soll die Öffentlichkeit an die Stelle der Ordnung der Gewalt bzw. der Herrschaft treten. Ich verstehe Öffentlichkeit dagegen bescheidener als Ansatzpunkt einer kritischen Beobachtung, von der eine Gewalt gegen die herrschende Gewalt von Politik, Recht und Wirtschaft ausgehen kann. Die Verfahrensordnung der Gewalt horizontaler Differenzierung beinhaltet mit der auf den Staat bezogenen Politik einen kontinuierlichen Kampf um die Durchsetzung von Sachpositionen. Der politische Kampf enthält eine sachliche Komponente. Er ist nicht nur Kampf um die Entscheidungsbefugnis über den staatlichen Gewalteinsatz, sondern auch argumentative Auseinandersetzung um das bessere Argument für eine Sachposition. Insofern beinhaltet der politische Kampf eine sachliche öffentliche Debatte. Hier liegt die Verbindung zwischen der Eigenlogik des Politischen und der öffentlichen kritischen Beobachtung. In der Logik institutioneller Strukturen stellt sich die Differenz zwischen der Konkurrenz politischer Sachpositionen und der öffentlichen Debatte, die Habermas vorschwebt, folgendermaßen dar. Die für die Politik relevante Drittenkonstellation unterscheidet notwendigerweise innerhalb des Politischen zwischen differentiellen Sachposition, durch die sich politische Gruppen voneinander abheben, auf der einen Seite und auf der anderen Seite dem Kampf um den Zugang zur staatlichen Gewalt, der durch Wahlen entschieden wird. Sowohl der Kampf um die Macht als auch die Entwicklung differentieller Positionen erfolgt zwischen den politischen Akteuren mit Bezug auf zahlenmäßig begrenzte und kommunikativ adressierbare Dritte (die registrierten Wahlbürger), die widersprechen können. Der politische Kampf erfolgt in Form einer – mehr oder weniger – sachlichen Auseinandersetzung (Wahlkampf, politische Debatte, Lobbyarbeit etc.). Mit der Abgabe der Stimme findet der Übergang in den Modus des Kampfes um die Gewalt/Macht statt. Dies beinhaltet zweierlei: Erstens: Es zählt nur noch die Stimme, der Bürger passiert den Schlitz der Wahlurne nicht, er wird zu einem abwesenden Dritten. Zweitens: Nach der Wahl geht es zunächst nur um die Arithmetik der Macht (Sitzverteilung im Parlament). Die Sachpositionen treten in den Hintergrund, es geht primär um die Frage, wer mit wem eine Regierung bilden kann. Da entschieden werden muss, wer den Zugang zur Entscheidung über den Einsatz der Staatsgewalt hat, muss eine Regierung gefunden werden; dies wird legitimiert durch die abgegebenen Stimmen der abwesenden Dritten. In den Verhandlungen zur Regierungsbildung werden im Fall einer Koalition zwischen mehreren Parteien permanent machtbezogene (Stimmenverteilung) die Sache oft kompromittierende Kompromisse zwischen den Sachpositionen erforderlich. BEOBACHTUNG UND KRITIK 341 Davon zu unterscheiden ist die institutionelle Struktur der kritischen moralischen Beobachtung, die durch horizontale Differenzierung ermöglicht wird. Die menschlichen Körperindividuen haben dieser zufolge ihren institutionellen Platz diesseits einzelner Handlungs- und Kommunikationszusammenhänge. Ihr Erfahrungshorizont soll in dem Worum-Willen einzelner solcher Zusammenhänge nicht aufgehen. Leibliche Selbste, die sich praktisch als menschliche Körperindividuen verstehen, haben als menschliche Subjekte eine institutionelle Position, die einen Blick auf das Ganze beansprucht. Dies ist die Bedingung der öffentlich diskursiven Beobachtung, um die es Habermas geht. Sie entspricht in einem wichtigen Punkt der oben beschriebenen diskursiven Rationalisierung. Der Sprecher richtet sich an ein Publikum und erwartet dabei Kritik. Dabei spaltet sich das Publikum in zwei Positionen, diejenigen des Adressaten und diejenigen des Dritten, der die allgemeine Gültigkeit der Aussage prüft.13 Gleiches gilt für das Verstehen des Publikums, denn dieses erwartet im Vollzug des Verstehens eine Drittenperspektive, von der ausgehend das eigene Verstehen objektiviert wird. Diese Drittenkonstellation ermöglicht eine Verbindung mit der Entwicklung differentieller Sachpositionen in der Politik, ist mit dieser aber nicht gleichzusetzen. • Die Dritten der diskursiven öffentlichen Beobachtung sind kommunikativ anwesend. Sie werden – eher der institutionellen Ordnung der Wissenschaft entsprechend – als ein potentiell antwortender Kreis prüfender Adressaten verstanden. Wer eine Sachposition in der öffentlichen Debatte publik macht, erwartet eine Reaktion im Sinne von negativer oder positiver Stellungnahme. Aufgrund dessen ähneln sich sachbezogene politische Auseinandersetzung und öffentlich-diskursive Beobachtung. • Die Drittenkonstellation der öffentlich-diskursiven Beobachtung beinhaltet einen Bezug auf Dritte ohne quantitative Beschränkung. Die Bürgerinnen werden als Mensch angesprochen, d.h. in einer institutionellen Position, in der sie mit allen anderen Menschen, d.h. den Bürgerinnen aller Staaten, auf eine Stufe gestellt sind. Insofern ist eine mitgliedschaftliche Beschränkung nicht auszumachen. Hierin liegt ein wichtiger Unterschied zum Drittenbezug im Rahmen des Politischen, denn dieser beinhaltet notwendigerweise eine mitgliedschaftliche Beschränkung. Das Ergebnis des Präsidentschaftswahlkampfs in den USA mag für die gesamte Welt von Bedeutung sein, bei der Auseinandersetzung um Sachpositionen spielen dennoch ausschließlich die registrierten US-Wahlbürger 13 Diesen Gedanken formuliert Habermas später explizit als Bedingung eines rationalen Diskurses (Habermas 1981/1995: 59f). DIE INSTITUTIONALISIERUNG KRITISCHER BEOBACHTUNG 342 eine Rolle. Wenn man – wie Habermas – die Drittenkonstellation des öffentlichen Diskurses als einzig relevant ansieht, wird der Bezug zur verfahrensmäßigen Gestaltung der Gewalt im Sinne des Kampfes um eine Mehrheit bzw. um die parlamentarische Machtverteilung gekappt. • Die öffentlich-diskursive Beobachtung basiert auf der normativen Erwartung, dass im Diskurs kognitiv erwartet wird. Denn im öffentlichen Räsonnement erwarten die Teilnehmenden Kritik und stellen die Bereitschaft dar, die eigenen Erwartungen zu ändern, wenn die Kritik überzeugt. Diese Bereitschaft ist im Rahmen des öffentlichen Diskurses im Prinzip nicht begrenzt, aber sie ist grundsätzlich und notwendigerweise beschränkt im Rahmen der politischen Konkurrenz um Sachpositionen. Faktisch ist es so: Der öffentliche Diskurs, der sich wie beschrieben als die andere Seite der Entpolitisierung der Wissenschaft entwickelt hat, und die Entwicklung politischer Sachpositionen haben miteinander Berührungspunkte. Sie unterscheiden sich aber durch unterschiedliche in stitutionelle Strukturen, denn die Auseinandersetzung um Sachpositionen adressiert mitgliedschaftlich begrenzte Dritte, die es zugleich akzeptieren, zu abwesenden Dritten zu werden. Wenn einzig die institutionelle Struktur der öffentlich-diskursiven Beobachtung als Grundlage für die Entstehung von Gesetzen und der Bereitschaft, ihnen zu folgen, dienen könnte, ginge es nur noch um eine sachliche Auseinandersetzung, aber nicht mehr um politische Durchsetzung. Letztere würde durch rationale Einsicht ersetzt. Hierin liegt für Habermas das institutionelle Versprechen der Moderne: Gesetzgebung wird auf Selbstgesetzgebung aus Einsicht zurückgeführt. Auf diese Weise würde das Prinzip der Selbstgesetzgebung, das Kant für die Moral reserviert hatte, auf den Bereich der Politik und der Rechtsbildung übertragen. Die Frage ist nun, handelt es sich hierbei um ein institutionelles Versprechen der Moderne bzw. horizontaler Differenzierung, das nicht eingelöst wird oder unterliegt Habermas einem institutionentheoretischen Missverständnis, indem er die öffentlich-diskursive Beobachtung, die einen Bestandteil der institutionellen Ordnung horizontaler Differenzierung ausmacht, gegen das faktische Versprechen der Moderne isoliert, Vergesellschaftung einer kritischen Beobachtung auszusetzen. Von der Beantwortung dieser Frage hängt es ab, ob es einer kritischen Theorie der Gesellschaft bedarf oder einer Theorie der kritischen Gesellschaft. Deren Legitimationstheorie hätte Kant mit seiner Trennung von Moral und Staat/Recht zumindest teilweise in geradezu exemplarischer Weise geschrieben. Ein Blick in die Geschichte der Entwicklung der Pressefreiheit kann hilfreich sein, um diese Frage zu entscheiden. BEOBACHTUNG UND KRITIK 343 2.2 Reflexive Institutionalisierung horizontaler Beobachtung unter den Bedingungen der Glaubensspaltung Aufgrund der besonderen europäischen Situation entwickelten sich zwei Formen gesellschaftlicher Beobachtung, die man als horizontale und vertikale Beobachtung beschreiben kann. Die vertikale Beobachtung gliederte die Seelenindividuen, die sich aufgrund der organisatorischen Stärkung der kirchlichen Beobachtung zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert herausbilden, in die vertikale christliche bzw. feudale Ordnung ein. Es darf dabei nicht übersehen werden, dass die Kirche auf diese Weise ein Problem bearbeitet, welches sie selbst in die Welt gebracht hat. Denn sie war es, die durch ihre Organisationsleistung in die dividualisierende Vergesellschaftung eingegriffen und leibliche Selbste in ein gottesunmittelbares Verhältnis gestellt hatte, weshalb sich diese nun vor anderen und sich selbst als Seelenindividuen zu verstehen hatten. Die Bildung von Seelenindividuen führte auf das Folgeproblem, diese wieder in die Ordnung integrieren zu müssen, der sie der gültigen Legitimationstheorie nach widersprechen konnten. Jedes Seelenindividuum war zum Dissens, zur Sünde fähig und bedurfte daher der steten Beobachtung, Führung und Ermahnung. Deren Praxis hatte Foucault als Pastoralmacht bezeichnet, sie wurde durch die Institutionalisierung der Beichte und Buße als Suche nach dem wahren inneren Selbst realisiert (Foucault 1988/1993b). Beichte und Buße sind institutionalisierte Handlungssequenzen, in denen durch den Bezug auf Gott als miterwartendem Dritten leibliche Selbste auf das Selbstverständnis eines dissensfähigen, d.h. sündenfähigen, Seelenindividuums festgelegt werden. Worauf Foucault nicht eingeht, ist die Predigt. Diese bildete die öffentliche Seite der Pastoralmacht. In der Predigt erfolgte eine öffentliche Beobachtung der Vergesellschaftung aus der Perspektive der gültigen Legitimationstheorie. Dabei wird unter anderem die Legitimation dafür bereit gestellt, dass sich die Seelenindividuen in die hierarchisch geordnete Gesellschaft einzufügen haben. »Die Prediger traten für die Einhaltung der in politia (Obrigkeit), ecclesia (Kirche) und oikonomia (Haus, Familie) gegliederte Ordnung der Stände ein.« (Holtz 2011: 17) Da in dieser Ordnung jeder seine Verantwortlichkeiten zu erfüllen hatte, konnten die Prediger den gleichen Maßstab aber auch an die Obrigkeit, d.h. die Fürsten, anlegen und sie kritisieren (Holtz 2011: 27). Dabei genossen die Prediger einen gewissen Schutz, denn die Fürsten besaßen keine »innerliche Kirchengewalt«. Was die »Absolution und das Spenden der Sakramente« betraf, waren auch die Fürsten von ihren Geistlichen bzw. Predigern abhängig »als gehorsame Schaf die Stimm Christi zuhören/ und jhren Seelen-Hirten zu folgen … und soltens nochmalen Käyser/ König/ Fürsten/ und Hohe/ also die höchsten Potentaten in der Welt seyn/ welchen in allweg gebürt/ sich für den Dienern Christi in deren Ampt zu DIE INSTITUTIONALISIERUNG KRITISCHER BEOBACHTUNG 344 demütigen.« (Tobias Wagner, zitiert nach Holtz 2011: 28) Die besondere Funktionsweise der Pastoralmacht stellte diese zumindest teilweise au- ßerhalb des weltlichen Machtgefüges. Die Kirche legitimierte die Ordnung, indem sie diese auf einen transzendenten Punkt (Gott, die gottgewollte Ordnung) bezog und von dort her beobachtete und bewertete.14 Die Theorie der hierarchisch geordneten Kette der Wesen lieferte in ihrer christlichen Fassung sowohl die Legitimation der individuellen jenseitsbezogenen Freiheit als auch dafür, dass sich die Individuen im irdischen Leben ihre Verpflichtungen einzufügen hatten. Die Beobachtung von Vergesellschaftung durch die Predigt fand in einem Rahmen statt, der einerseits durch die Einheit der Kirche und andererseits durch die konkurrierenden Territorialherren gekennzeichnet war. Diese Situation änderte sich grundlegend mit der Kirchenspaltung im 16. Jahrhundert, diese ermöglichte erste Formen einer horizontalen Beobachtung. Denn für Katholiken und Protestanten bzw. Reformierte gab es kaum noch gemeinsam anerkannte Bezugspunkte im Glauben. Vor allem Protestanten und Reformierte unterzogen in ihren Predigten die Glaubenspraxis bzw. die Glaubensinhalte der Papstkirche einer intensiven und wertenden Beobachtung. »In der Phase der aktiven Abspaltung der protestantischen bzw. reformierten Kirchen wurden insbesondere für letztere die gedruckte Kommunikation von Predigten von Bedeutung, durch die sie die eigenen Glaubensinhalte und -praktiken von denjenigen der katholischen Kirche abgrenzten. (Holtz 2011: 13f) Mit der Kirchenspaltung werden miteinander konkurrierende Beobachtungen nicht nur institutionalisiert, sondern auch in gedruckter Form verbreitet. Dies gefährdet die Sicherung einer eindeutigen hierarchisch strukturierten Gesellschaft, in der jeder seinen Platz einnimmt. Eine solche Gefährdung war im Prinzip durch den Seelenindividualismus angelegt. Denn grundsätzlich war jedes Seelenindividuum in ein unmittelbares Verhältnis zu Gott gestellt und dadurch auch gegen die Kirche zum Dissens fähig. In der Reformation realisierten sich die umstürzlerischen Möglichkeiten, die in der Institutionalisierung des Seelenindividuums angelegt waren. Aufgrund der Gottesunmittelbarkeit bestand immer die Gefahr, dass die irdisch-hierarchischen Sicherungen durchbrennen. Damit drohte aber auch die einheitliche auf den jeweiligen Territorialherren bezogene Legitimation der irdischen Hierarchie verloren zu gehen. 14 In der Ausbildung eines solchen Bezugspunkts im Verhältnis zur vorgefundenen Ordnung liegt die Bedeutung dessen, was Jaspers als die achsenzeitliche Revolution bezeichnet hat. Für breitere Bevölkerungsschichten praktisch relevant wurde die achsenzeitliche Revolution in Europa vermutlich erst in der Zeit zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert. BEOBACHTUNG UND KRITIK 345 Die daraus resultierenden Probleme wurden in unterschiedlichen Ländern verschieden gelöst. Besonders betroffen von der Kirchenspaltung waren Frankreich, die Territorien des Deutschen Reiches und England. In Frankreich war das 16. Jahrhundert durch intensive religiöse Konflikte geprägt, die sogenannten Hugenottenkriege, in denen es darum ging, wie die Einheit des Landes und die besondere Stellung des französischen Königtums gegenüber dem Papst unter den Bedingungen der religiösen Spaltung aufrechtzuerhalten wären. Die Konflikte wurden unter Heinrich IV gelöst, der das Toleranzedikt von Nantes (1598) erließ, welches den Protestanten mit Einschränkungen die Ausübung ihrer Religion erlaubte. Hierbei handelt es sich aber eher um einen Formelkompromiss, denn faktisch setzte sich im Weiteren das Grundprinzip der bereits vor der Reformation gültigen französischen Staatsauffassung durch, welches in der Trias – ein König, ein Gesetz, ein Glaube – seine bündige Formulierung gefunden hatte (Roelker 1996: 89). Die Orientierung an der einheitlichen Legitimation von König, Gesetz und Glaube führte dazu, dass das Edikt von Nantes vom Parlement15 von Paris lediglich als vom König aufgezwungen akzeptiert und in der praktischen Umsetzung behindert wurde (Roelker 1996: 449f, 477f). Ludwig XIV hob es schließlich 1685 vollständig auf. Damit war Frankreich seit dem Übergang zum 18. Jahrhundert wieder ein Land, in dem Seelenindividuen auf konsistente Weise gemäß der Theorie der großen Kette der Wesen in eine legitime Hierarchie integriert wurden. Dieser Sachverhalt wurde durch eine staatlicherseits einheitlich überwachte Presse zementiert. (Wilke 2013b: 22) Im Deutschen Reich wurde das Problem in analoger Weise gelöst, allerdings unter der staatlichen Prämisse des Zerfalls in einzelne Territorialherrschaften. Nach langen gewaltsamen Auseinandersetzungen wurde im Augsburger Religionsfrieden (1555) die religiöse Spaltung nach dem gleichen Prinzip gelöst: Ein Fürst, ein Gesetz, ein Glaube. Da es aber mehrere Fürsten gab, konnten diese jeweils einem anderen Glauben folgen. Es galt das Prinzip des cuius regio, euis religio, wonach ein jeweiliger Territorialherr die Religion (evangelisch/reformiert oder katholisch) festlegen konnte und den Untertanen ein ius emigrandi gewährte. Diese Lösung sicherte eine einheitliche religiöse Ausgestaltung jeder Territorialherrschaft und – im Unterschied zu Frankreich – zugleich im Ansatz eine gewisse Form der Religionsfreiheit für die Untertanen, weil diese gemäß ihrem Glauben in das Land eines anderen Landesherren ausweichen konnten. Wenn man mit Luhmann die abweichende Beobachtung als Beobachtungstechnik des Teufels versteht (Luhmann 1997: 848), thronte dieser in Deutschland 15 Ein Parlement ist nicht mit einem Parlament zu verwechseln. Es entspricht seiner Funktion nach eher einem Gericht, welches Streitfälle schlichtet und entscheidet. DIE INSTITUTIONALISIERUNG KRITISCHER BEOBACHTUNG 346 seit dem 16. Jahrhundert gleich nebenan als Gott, dessen Teufel man umgekehrt sein musste. Im Rahmen des Prinzips »cuius regio eius religio« war das Emigrationsrecht das Recht, sich zum Teufel zu scheren. Die englische Situation ähnelte der französischen Situation darin, dass der religiöse Dissens innerhalb einer Territorialherrschaft ausbrach. Die deutsche Lösung hätte eine Spaltung des Landes erfordert. Diese Gefahr wurde explizit auch in Frankreich gesehen. Statt der Glaubensspaltung des Landes, kam es in England – wie in Frankreich – zum Bürgerkrieg (1642–1649), in dem sich das Königshaus, das sich auf die anglikanische Staatskirche stützte, auf der einen und das Parlament mit einer starken Gruppe von Reformierten und Dissentern einander gegenüberstanden. Beendet wurden diese Auseinandersetzungen erst mit der »Glorious Revolution« (1688/1689). Diese führte – anders als in Frankreich – zu einer zumindest partiellen Religionsfreiheit, die allerdings zunächst die Katholiken ausschloss und es nur den verschiedenen Strömungen der Reformierten gestattete ihrem Glauben gemäß zu leben. Die partielle Realisierung der Glaubensfreiheit wurde wenige Jahre später, 1695, ergänzt durch die Aufhebung der Vorzensur. Seitdem fanden Versuche der Beschränkung der Pressefreiheit als Nachzensur im Rahmen von gerichtlichen Verfahren statt (Wilke 2013b: 35). Insgesamt wurden mit der Glorious Revolution erstmals wesentliche Prinzipien der modernen Verfahrensordnung der Gewalt realisiert. Das Regierungshandeln des Königs wurde an Gesetze gebunden und durch das Parlament kontrolliert. (Dippel 2015: 5) Darüber hinaus setzte sich eine reformiert-plurale Beobachtung der Vergesellschaftung durch – ein Vorläufer der auf den Menschen bezogenen polyperspektivischen Beobachtung. Es war die verfahrensmäßige Gestaltung der Gewalt, die die Pressefreiheit in England ermöglichte. Die Öffentlichkeit wurde durch die Verfahrensordnung der Gewalt ermöglicht, war aber nicht von dieser abgekoppelt 2.3 Säkulare horizontale Beobachtung und die Entstehung einer bürgerlichen Öffentlichkeit Die heftigen religiösen Kämpfe bildeten die Voraussetzung und den Rahmen für die Entwicklung einer säkularen Presse. Bereits für das Mittelalter lassen sich nicht unmittelbar kirchlich gebundene Formen der Beobachtung von Vergesellschaftung identifizieren. Dazu gehörten zum einen die Nachrichtenübermittlung durch Spielleute sowie die Beobachtung von Preisen und Märkten durch transregional tätige Kaufleute (ab dem 13. Jahrhundert)16 und die wechselseitige diplomatische Beobachtung der 16 »Als Frühform der europäischen Presse gelten auch die seit dem 14. Jahrhundert von Italien über London bis Damaskus in Kaufmannskorrespondenzen BEOBACHTUNG UND KRITIK 347 vielen Territorialherrschaften, in die Europa zersplittert war. Wenn man diese Entwicklung aus der Perspektive ihres Endergebnisses, der freien Presse, betrachtet, lassen sich drei Funktionen unterscheiden, die sich historisch nacheinander ausbilden: »1. die Korrespondenzfunktion, 2. die schriftstellerische Funktion, 3. die redaktionelle Funktion.« (Baumert 1928/2013: 47) Diese Funktionen sind nicht alle gleichzeitig gegeben, sondern entfalten sich historisch. Am Beginn stand eine reine Nachrichtenübermittlung, die kontextuelle Rahmung von Nachrichten und deren Bewertung durch einen Autor bzw. Schriftsteller entwickelte sich im 17. Jahrhundert (das ist der Beginn des öffentlichen Räsonnements im Sinne Habermas’). Die redaktionelle Funktion wurde zunächst durch den staatlichen Zensor ausgeübt. Dessen Befugnisse im Rahmen der Vorzensur waren sehr groß, was Baumert zu der Aussage führt: »In der Zeit des Absolutismus reichten die Befugnisse des Zensors teilweise so weit, daß er bis zu einem gewissen Grade als der Träger der redaktionellen Funktion angesehen werden kann. Ihm ist daher eine gewisse journalistische Bedeutung zuzuerkennen.« (Baumert 1928/2013: 92) Das heißt, noch bevor die redaktionelle Funktion direkt von Journalisten ausgeübt wurde, war sie von der staatlichen Zensur ausgeübt worden, die sozusagen im Sinne einer staatlichen Monopolredaktion fungierte. Die Vorzensur war die erste durchgängige redaktionelle Prägung des sich entwickelnden Zeitungswesens. Mit der staatlichen Vorzensur setzte die Zentralgewalt eine einheitliche Darstellung und Kommentierung der Ereignisse innerhalb des Herrschaftsgebietes durch. Über inländische Ereignisse berichteten vor allem solche Zeitungen, die von der Regierung mehr oder weniger kontrolliert wurden. In Ländern mit einer starken Zentralgewalt (etwa Frankreich und England) wurde in dieser Hinsicht zeitweise eine große Vereinheitlichung erreicht, d.h., es gab jeweils eine Zeitung mit einer Quasi-Monopolstellung, die die offizielle Medienwirklichkeit des Landes darstellte (Würgler 2012: 2012: 28f). Die Regel »ein König, ein Gesetz, ein Glaube« wurde ergänzt um »eine öffentlich dargestellte Wahrheit«. Deren institutionelle Struktur entsprach derjenigen des stets miterwartenden autoritativen Dritten, wodurch eine vertikal strukturierte Beobachtung etabliert wurde. Im Deutschen Reich war die Situation komplizierter, da hier die Landesfürsten für die Zensur zuständig waren, welche sich nicht immer an die kaiserlichen Zensurvorgaben hielten. Dadurch entstand im Deutschen Reich während des 17. und 18. Jahrhundert mit Bezug enthaltenen handschriftlichen Preislisten und Wechselkurse. Sie wurden seit dem 16. Jahrhundert (Antwerpen 1540, Venedig 1585) wöchentlich in italienischer Sprache als listini dei prezzi gedruckt und differenzierten sich im 17. Jahrhundert aus in separate Publikationen für entsprechende Güter und Preise.« (Würgler 2012: 22) DIE INSTITUTIONALISIERUNG KRITISCHER BEOBACHTUNG 348 auf Zeitungen ein Zensurflickenteppich, innerhalb dessen in dem einem Land schon gedruckt war, was im Nachbarland die Vorzensur verbieten wollte. (Wilke 2013b: 13f) Die weitere Entwicklung der Presse besteht in der Auseinandersetzung um die Ausübung der redaktionellen Funktion. Soll sie vom Staat im Sinne einer Vorzensur institutionalisiert werden, d.h. gemäß der Struktur des hierarchisch miterwartenden Dritten, oder soll die redaktionelle Funktion sachlich vervielfältigt werden in Form einer Vielzahl redaktioneller Linien, die sich wechselseitig beobachten und dabei ein zahlenmäßig nicht bestimmtes Publikum als potentiell antwortende Dritte miterwarten. Wenn man die Geschichte der Presse begreift unter Berücksichtigung des Konflikts um das Prinzip »eine Zentralgewalt (ein König), ein Glaube, ein Recht und eine einheitliche Pressedarstellung«, wird ersichtlich dass die notwendige Grundlage für Kritik, das Recht zur pluralen öffentlich-diskursiven Beobachtung, d.h. Presse- und Meinungsfreiheit, erkämpft werden musste. Die monopolisierte Beobachtung orientiert an den hierarchisch miterwartenden Dritten wurde zerstört bzw. erschüttert in den Glaubenskämpfen des 17. Jahrhunderts und den Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts. Seit dem Ende des 18. bis zum 20. und 21. Jahrhundert werden Presse- und Meinungsfreiheit immer wieder erkämpft und bzw. durch Kämpfe aufrechterhalten. Um es anders zu sagen: Die Ausdifferenzierung unterschiedlicher Typen von Handlungs- und Kommunikationszusammenhängen entwickelt sich aus einer vertikal geordneten Gesellschaft mit einer staatlichen Redaktion der Medienrealität und einem an Gerechtigkeit sowie der christlichen Caritas orientierten Gabentausch, der die beteiligten Seelenindividuen in einen Diesseits und Jenseits vermittelnden Gabenzusammenhang integrierte. Mit Bezug auf die Verfahrensordnungen der Gewalt entspricht dies der Verfahrensordnung des Gerichtswesens. Diese vertikale Ordnung musste mit Gewalt zerstört bzw. erschüttert werden, um eine neue Verfahrensordnung der Gewalt zu institutionalisieren, der eine Form der Gewaltunterworfenheit entsprach, die unterschiedliche Typen von Handlungs- und Kommunikationszusammenhängen und differenzierte Subgruppen sowie eine öffentlich-diskursive Beobachtung ermöglichte. 2.4 Kritische Theorie der Gesellschaft oder Theorie der kritischen Gesellschaft In der historischen Skizze bestätigen sich zunächst die formalen institutionellen Merkmale der öffentlich-diskursiven Beobachtung. BEOBACHTUNG UND KRITIK 349 • Die Drittenkonstellation der öffentlich-diskursiven Beobachtung beinhaltet einen Bezug auf Dritte ohne quantitative Beschränkung. Die wechselseitige Beobachtung der Redaktionslinien findet vor einem zahlenmäßig nicht bestimmten Publikum, das als Mensch im Sinne eines Kollektivsingulars, adressiert und miterwartet wird. Die Position der hierarchisch miterwartenden Dritten wird durch den bzw. die Menschen als miterwartendes, prüfendes und möglicherweise antwortendes Publikum ersetzt. Die beiden anderen Punkte, nämlich die kommunikative Anwesenheit, d.h. kommunikative Adressierbarkeit und die normative Erwartung eines kognitiven Erwartungsstils lassen sich am besten auf der Grundlage von relevanten Legitimationen der Pressefreiheit explizieren. Es geht um folgenden Sachverhalt: Der Sprecher richtet sich an ein Publikum und erwartet dabei Kritik. Demnach spaltet sich das Publikum in zwei Positionen, diejenigen des Adressaten und diejenigen der Dritten, die die allgemeine Gültigkeit der Aussage prüft. Gleiches gilt für das Verstehen des Publikums, denn dieses erwartet im Vollzug des Verstehens eine Drittenperspektive, von der ausgehend das eigene Verstehen objektiviert wird. Nur durch die Objektivierung aus der Perspektive von Dritten kann die Versachlichung und Rationalisierung erfolgen, die sich Habermas vom öffentlichen Räsonnement erhofft. In der Theorie des kommunikativen Handelns wird er diesen Sachverhalt formal präzise entwickeln (Habermas 1981/1995: 59). Die Verteidiger der freien Presse in England bemühen diese Rationalität ermöglichende institutionelle Struktur, wenn sie gegen Zensur argumentieren. Im Prozess gegen Thomas Paine, der wegen seiner Schrift »Rights of Man« angeklagt war, argumentierte die Verteidigung folgendermaßen: »The proposition which I mean to maintain as the basis of the liberty of the press, and without which it is an empty sound, is this: that every man … may address himself to the universal reason of a whole nation, .. that he may analyse the principles of its constitution, point out its errors and defects, examine and publish its corruptions, warn his fellow citizens against their ruinous changes in establishments which he considers to be radically defective, or sliding from their object by abuse.« (Erskine, zitiert nach Hellmuth 1981) Ich verstehe das Argument so: Erskine unterscheidet zwischen zwei Sorten von Adressaten, zum einen »his fellow citizens« und zum anderen »the universal reason of a whole nation«. Ich unterstelle dabei, dass nicht gemeint ist, sich an eine universale Vernunft selbst zu adressieren, sondern dass Repräsentanten dieses Prinzips adressiert werden, von denen eine Prüfung des Arguments erwartet wird. Öffentlichkeit bemisst sich diesem Anspruch gemäß daran, dass ein Argument vor Dritten, die die Vernunft der Nation repräsentieren, Stand hält. Die Prüfung, die im DIE INSTITUTIONALISIERUNG KRITISCHER BEOBACHTUNG 350 Verstehen der gewarnten Mitbürger erfolgt, muss um ihrer Rationalität willen ebenfalls Dritte miterwarten, die der Relation Sprecher-Hörer extern sind. Für die Verteidiger der freien Öffentlichkeit ist diese Denkfigur ein Kampfmittel gegen die Zensur. Sowohl Zensur als auch freie Presse lassen sich institutionell im Sinne formal unterschiedlich gestalteter Drittenkonstellationen begreifen. In der alten Ordnung wurde die Rationalität ermöglichende Drittenposition von den Repräsentanten der göttlich gestützten Hierarchie besetzt, die miterwartenden Zensoren repräsentieren die Vernunft der göttlichen Schöpfung und stellen entweder eine Übereinstimmung oder eine Abweichung fest, im letzteren Falle ist im begrenzten Umfang eine Debatte möglich. Letztlich sind Zensoren aber befugt, die Diskussion von Einwänden zu beenden und zur Feststellung einer Abweichung überzugehen. Danach weicht der Schreiber von der allgemeinen Vernunft ab, in die er aufgrund seiner Begrenztheit keine angemessene Einsicht haben kann. Dies führte zu einer vernünftig-einheitlichen medialen Darstellung der Welt, die durch die Zensur der Kirche oder des Staates durchgesetzt wurde. Worum es in der Aufklärung geht, ist die Vervielfältigung der Perspektiven. Es gibt keine eindeutige Hierarchie mehr, die garantiert, dass von den oberen Positionen die entscheidenden Drittenpositionen gestellt werden. Vielmehr soll jede öffentliche Kommunikation, auch diejenige der Autorität, einer objektivierenden Drittenposition ausgesetzt werden. Die Drittenposition wird mit Bezug auf die in den einzelnen Menschen gegebene Menschheit bzw. menschliche Vernünftigkeit besetzt und damit potentiell vervielfältigt. Sich einer Aufklärung durch eine derartige Kritik zu verweigern, wäre »ein Verbrechen wider die menschliche Natur« (Kant 1783/1977: 58). Sich der Kritik der säkularen Drittenpositionen auszusetzen, heißt sich »als Glied eines ganzen gemeinen Wesens, ja sogar der Weltbürgerschaft« anzusehen (Kant 1783/1977: 56) und sich mit diesem Drittenbezug an ein konkretes Publikum zu wenden. Die vertikale Verteilung der Drittenpositionen soll durch deren horizontale Verteilung abgelöst werden, d.h., der Anspruch auf eine Monopoldarstellung der Wirklichkeit soll aufgegeben werden. Damit werden Fragen nach der gerechten Gestaltung der Gesellschaft gemäß dem gleichen Prinzip bearbeitet, welches sich zuvor für die Bearbeitung wissenschaftlicher Fragen etabliert hatte. Die Halbierung des Erkenntnisanspruchs wird aufgegeben und in der