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Dominik Gerst, Maria Klessmann, Hannes Krämer (Ed.)

Grenzforschung

Handbuch für Wissenschaft und Studium

1. Edition 2021, ISBN print: 978-3-8487-5387-1, ISBN online: 978-3-8452-9530-5, https://doi.org/10.5771/9783845295305

Series: Border Studies. Cultures, Spaces, Orders, vol. 3

CC-BY-NC-ND

Bibliographic information
Grenzforschung Dominik Gerst | Maria Klessmann | Hannes Krämer [Hrsg.] Border Studies. Cultures, Spaces, Orders l 3 Handbuch für Wissenschaft und Studium Nomos BUT_Gerst_5387-1.indd 1 18.11.20 07:59 Border Studies. Cultures, Spaces, Orders herausgegeben von Prof. Dr. Astrid Fellner, Universität des Saarlandes Prof. Dr. Konstanze Jungbluth, Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) Prof. Dr. Hannes Krämer, Universität Duisburg-Essen Dr. Christian Wille, Universität Luxemburg Band 3 BUT_Gerst_5387-1.indd 2 18.11.20 07:59 Grenzforschung Dominik Gerst | Maria Klessmann | Hannes Krämer [Hrsg.] Handbuch für Wissenschaft und Studium BUT_Gerst_5387-1.indd 3 18.11.20 07:59 Onlineversion Nomos eLibrary Die Entstehung dieses Buches wurde gefördert vom Viadrina Center B/ORDERS IN MOTION. Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. 1. Auflage 2021 © Dominik Gerst | Maria Klessmann | Hannes Krämer (Hrsg.) Publiziert von Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG Waldseestraße 3-5 | 76530 Baden-Baden www.nomos.de Gesamtherstellung: Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG Waldseestraße 3-5 | 76530 Baden-Baden ISBN (Print): 978-3-8487-5387-1 ISBN (ePDF): 978-3-8452-9530-5 DOI: https://doi.org/10.5771/9783845295305 Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz. Die frei zugängliche Open-Access-Publikation des vorliegenden Titels wurde mit Mitteln des Publikationsfonds der Universitätsbibliothek Duisburg-Essen ermöglicht. BUT_Gerst_5387-1.indd 4 18.11.20 07:59 Inhaltsverzeichnis Einleitung ................................................................................................... 9 Grundlagen Entwicklungslinien einer interdisziplinären Begriffsgeschichte von Grenze .................. 29 Falko Schmieder Die Grenzen der Gesellschaften ........................................................................ 50 Markus Schroer Grenze, Staat und Staatlichkeit ......................................................................... 68 Goetz Herrmann und Andreas Vasilache Geschlossene, offene oder gar keine Grenzen? Zur Legitimität von (Staats-)Grenzen ..... 89 Christian Banse Vom processual shift zum complexity shift: Aktuelle analytische Trends der Grenzforschung ....................................................................................... 106 Christian Wille Methodologie der Grenzforschung .................................................................... 121 Dominik Gerst und Hannes Krämer Konzepte und Perspektiven Diesseits und jenseits der Grenze – das Konzept der Grenzregion ............................. 143 Martin Klatt Cross-Border Governance in europäischer Regionalkooperation .............................. 156 Peter Ulrich und James W. Scott Phantomgrenzen als heuristisches Konzept für die Grenzforschung ........................... 175 Béatrice von Hirschhausen Grenze als Konfliktzone – Perspektiven der Grenzregimeforschung ........................... 190 Sabine Hess und Matthias Schmidt-Sembdner Transnationalität und soziale Ungleichheit .......................................................... 206 Jana Schäfer Grenze/n und Diskurs/e .................................................................................. 221 Sabine Lehner 5 Frontier – ein Gegenbegriff zur Grenze? ............................................................. 240 Conrad Schetter und Marie Müller-Koné Grenzrelationen Grenzen und Europa ...................................................................................... 257 Monika Eigmüller (Un-)Sicherheit und Grenzen ............................................................................ 267 Alexandra Schwell Grenzen und Technologie ............................................................................... 283 Holger Pötzsch Grenzen im Spiegel des Rechts ......................................................................... 297 Timo Tohidipur Grenzen und Migration – eine dynamische Interdependenz ..................................... 316 Bastian A. Vollmer und Franck Düvell Grenze und Mobilität – ein vielfältiges Forschungsgebiet ........................................ 331 Larissa Schindler Ethnisierungsprozesse und Grenzen ................................................................... 345 Concha Maria Höfler und Maria Klessmann Gendering Border Studies? Schnittstellen zwischen Border und Gender Studies ........... 363 Claudia Bruns Grenzen und Märkte ..................................................................................... 384 Wolf-Fabian Hungerland und Sebastian Teupe Grenzen und Sprachgrenzen in der Sprachwissenschaft .......................................... 400 Marek Nekula Die zeitlichen Dimensionen von Grenzen und Grenzüberquerungen .......................... 419 Carolin Leutloff-Grandits Grenze und Ästhetik: Repräsentationen von Grenzen in den kulturwissenschaftlichen Border Studies ............................................................................................. 436 Astrid M. Fellner Grenzen weiterdenken Grenze als Methode oder die Vervielfältigung der Arbeit ........................................ 459 Sandro Mezzadra und Brett Neilson Inhaltsverzeichnis 6 Critical Limology – ein Ansatz kritischer Grenzforschung ...................................... 475 Thomas Nail Die Konstruktion von Grenzen: Der Wandel einer Ausgrenzungspolitik zu einer Integrationspolitik ......................................................................................... 490 Christine Leuenberger Gesellschaftliche Grenzregime der Moderne: das anthropologische Quadrat ............... 506 Gesa Lindemann Was bedeutet Grenzforschung? Ein Interview mit Chiara Brambilla, Didier Fassin und Sarah Green ................................................................................................ 526 Chiara Brambilla, Didier Fassin, Sarah Green, Dominik Gerst, Maria Klessmann, Hannes Krämer Autor*innen ................................................................................................ 546 Inhaltsverzeichnis 7 Einleitung Dominik Gerst, Maria Klessmann, Hannes Krämer Vielfalt der Grenze Grenzen rücken in den letzten Jahren wieder stärker in die Öffentlichkeit. Wurde die Jahrtausendwende noch von Visionen einer grenzenlosen Welt begleitet, sind wir heute Zeug*innen eines rasanten Anstiegs vielfältiger Wieder- und Neubegrenzungen. Dies umfasst das Ziehen neuer politisch-territorialer Grenzen wie im Fall des postsowjetischen Raums ebenso wie die Verschiebung und Ausdehnung etablierter geopolitischer Demarkationen, wie es das Beispiel der Außengrenzen der EU zeigt. Auch verändern sich alltägliche Grenzpraktiken stetig, wie es aktuell die grenzüberschreitenden Mobilitätseinschränkungen im Rahmen der COVID-19- Pandemie sichtbar machen. Wohin man auch blickt, Grenzen erscheinen als hochdynamische Phänomene. Ihre vermeintlich starren Strukturen des Ein- und Ausschließens sind veränderlich. Zugleich wird immer deutlicher, dass Grenzen als multidimensionale Gebilde zu begreifen sind, die auf vielen Ebenen wirken: Sie sind ‚Orte‘, an denen sich räumliche Identitäten zwischen lokalen, regionalen, nationalen, europäischen und globalen Bezügen konstituieren – europäische Grenzregionen wie etwa die Großregion Saar-Lor-Lux sind hierfür sichtbarer Beleg. Eine besondere Brisanz gegenwärtiger Grenzkonstellationen liegt zudem in der Wechselwirkung politisch-territorialer und soziosymbolischer Grenzziehungen. Dies zeigen rigide Exklusionspraktiken und existenzielle Erfahrungen im Zuge der sogenannten ‚Flüchtlingskrise‘, die sowohl nationale und supranationale Grenzregime als auch vermeintlich kulturelle Alteritätserfahrungen (re)produzieren. Aber auch Prozesse des technologischen und digitalen Wandels, des grenz- überschreitenden Waren- und Kapitalflusses sowie Phänomene der Ästhetisierung politischen Widerstands führen zu einer Auffächerung dessen, was wir als Grenzen verstehen können. Von ‚smarten‘ Grenzkontrollen zu Grenzen als logistischen Knotenpunkten und Infrastrukturen, vom vermeintlich entgrenzten digitalen Raum zu popkulturellen Aneignungen und Umdeutungen von Grenzbefestigungen wie der Mauer zwischen den USA und Mexiko: Hier zeigt sich die Bandbreite der Gestalt und Wirkweisen von Grenzen. Es sind diese vielfältigen Grenzen, Grenzerfahrungen und Sichtweisen auf Grenzen, die den Gegenstand einer interdisziplinären Grenzforschung bilden. Die Forschungslandschaft zu Grenzen erweist sich dabei als ebenso divers wie die sie konstituierenden Phänomene. So gehen die Verständnisse von Grenze innerhalb der Forschung längst über eine dinghafte und rein typologische Unterscheidung verschiedener Grenzphänomene hinaus. Vielmehr fragt die Grenzforschung heute nach den Bedingungen, Erscheinungsformen und Wirkweisen von Grenzen und Grenzprozessen. International werden diese Forschungen unter dem Begriff Border Studies gefasst. Diese Bezeichnung markiert ein heterogenes Forschungsfeld, welches analysiert, „what happens at, across and because of the borders to nations and states, and in extension to other geopolitical borders and boundaries, such as those of cities, regions and supranational polities“ (Wilson/Donnan 2012b, S. 1). Die Border Studies spannen sich zwischen verschiedenen Disziplinen auf; darüber hinaus finden sich inzwischen zahlreiche weitere Diskussionsstränge, welche zur differenzierten Betrachtung von Formen, Funktionen und Effekten von Grenzphänomenen beitragen. Thematisch schlägt sich dies in der Erforschung 1. 9 von Grenzpraktiken, Grenzdiskursen ebenso wie in Analysen zu Grenzregionen, Grenzregimen und vielfältigen grenzbezogenen Lebensrealitäten nieder. Mit dem vorliegenden Handbuch machen wir es uns zur Aufgabe, die Bandbreite und Diversität der gegenwärtigen Erforschung von Grenzen abzubilden. Dabei stehen wir vor der Herausforderung, dass im Deutschen mit dem Begriff Grenze viele verschiedene Phänomene und Aspekte adressiert werden können, die in anderen Sprachen deutlicher voneinander unterschieden werden: Boundary, border, frontier und barrier im Englischen oder limite, frontière, barrière im Französischen etwa rücken unterschiedliche Aspekte von Grenze in den Fokus. Sie thematisieren mal mehr die territoriale Dimension, mal mehr soziosymbolische Grenzziehungen; mal mehr die eindeutige Zäsur, mal mehr die Ausdehnung und Dispersion in Raum und Zeit (vgl. z.B. Anderson/O’Dowd 1999; Haselsberger 2014; Kleinschmidt 2014). Um dieses interdisziplinäre Forschungsfeld in seinen Konturen zu erfassen, lohnt ein kurzer Blick in die disziplinären Ursprünge der Grenzforschung. Wohl wissend, dass dies nur schlaglichtartig erfolgen kann, wollen wir zentrale Entwicklungen und gegenwärtige Schwerpunkte der Grenzforschung skizzieren und damit eine Grundlage für die Rezeption der folgenden Beiträge liefern. Die Lektüre der einzelnen Beiträge in diesem Handbuch macht deutlich, dass eine solche disziplinäre Verortung zwar aufgegriffen, aber ebenso hinterfragt und neu formuliert wird, bringen doch die Autor*innen eigene Herleitungen, Zuschnitte und Verständnisse des Feldes der Grenzforschung mit. Das Feld der Grenzforschung Grenzforschung hat sich als eigenständiges Feld in den 1980er- und 1990er-Jahren zu einer Zeit konstituiert, in der mit dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem sich verstärkenden Globalisierungsdiskurs Grenzauflösungen und neue Grenzziehungen die politische Agenda dominierten. Einerseits rückten in den 1980er-Jahren Prozesse der Internationalisierung und Transnationalisierung politischer, ökonomischer, sozialer und kultureller Beziehungen grenz- überschreitende, gar grenzauflösende Phänomene in den Blick; vor dem Hintergrund von Europäisierungs- und Regionalisierungsprozessen intensivierte sich diese Tendenz ab den 1990er- Jahren (vgl. Sevastianov et al. 2015, S. 6). Andererseits war es die Zunahme territorialer und ethnonationaler Konflikte etwa auf dem Balkan oder in Afrika, die die Bedeutung politischer Grenzen in der Welt untermauerte (vgl. z.B. Hysa/Janjić 2011; Hoehne/Feyissa 2013). Im Spannungsfeld dieser Ent- und Neubegrenzungsprozesse konstituierte sich eine „multidisciplinary generation of border studies“ (Wastl-Walter 2011a, S. 2), die auf verschiedene disziplinäre Strömungen und Quellen zurückgeht: Neben den häufig angeführten Disziplinen wie der Geografie, der Anthropologie, der Geschichtswissenschaft und seit dem Zweiten Weltkrieg auch der Politikwissenschaft sind es in den letzten Jahren weitere Disziplinen wie die Soziologie, die Philosophie und auch die Kulturwissenschaften, die die Border Studies mitgestalten. Diese einzelnen Disziplinen werden hier im Folgenden hinsichtlich ihres Einflusses auf die Grenzforschung kurz vorgestellt. Wir hoffen damit auch Querverbindungen zu weiteren Disziplinen, wie der Rechtswissenschaft, den Wirtschaftswissenschaften oder naturwissenschaftlichen Fächern aufzeigen und Diskussionsanstöße anregen zu können. 2. Dominik Gerst, Maria Klessmann, Hannes Krämer 10 Geografie Einen der zentralen Ausgangspunkte der Grenzforschung bildet die (politische) Geografie, in der bereits früh ein Interesse an Grenzen als territoriale, geopolitische Phänomene ausgebildet wurde (vgl. Reuber 2012). So mehren sich im Zuge des Nationalismus und Kolonialismus im 19. Jahrhundert konzeptuelle Arbeiten, welche Gesellschaften und Nationen als räumlich fixierte Einheiten begreifen, mit klaren Abgrenzungen nach innen sowie nach außen. Das frühe Interesse der Geografie an Grenzen gilt besonders der historisch hergeleiteten Verortung ‚natürlicher Grenzen‘, deren Entstehung, Gestalt sowie typologischer Einordnung (vgl. Kolossov 2005). Bei Friedrich Ratzel etwa verbindet sich das Konzept ‚natürlicher Grenzen‘ mit einem organizistischen Verständnis von Staatlichkeit. Ratzel begreift demnach die Grenze als Außenhaut, als „peripherisches Organ“ (Ratzel 1923/1974, S. 434) des Herrschaftsgebiets (vgl. auch Schultz 2001). In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg sind es vor allem funktionalistische und geopolitische Perspektiven, welche das Forschungsthema Grenzen in der politischen Geografie etablieren. So werden etwa in den einflussreichen Studien von Victor Prescott (1965) und Julian Minghi (1963) territoriale Konflikte und Fragen staatlicher Souveränität analysiert sowie die funktionale Bedeutung des Grenzwandels in Bezug zu ihrer historischen und geografischen Lage untersucht. Dies führt zur Herausbildung zentraler Begriffe und Typologien und der Etablierung einer empirischen, historisch verorteten Geografie der Grenze (vgl. dazu die Beiträge in Grundy-Warr/Schofield 2005). Darüber hinaus werden in der politgeografischen Erforschung territorialer Grenzen ab den 1970er-Jahren zunehmend politikwissenschaftliche und soziologische Perspektiven aufgenommen. Derartige Forschungen thematisieren Staatenkonflikte und internationale Beziehungen im Kontext der Weltgesellschaft und greifen dabei auch auf poststrukturalistische, insbesondere diskursanalytische Ansätze zurück (vgl. Paasi 2005; Bürkner 2017). Die grenzbezogene Geografie rückt vornehmlich Grenzziehungen in der globalisierten Weltgesellschaft und damit Themen wie die Ausbildung territorialer Identitäten, Prozesse der Versicherheitlichung, Fragen sozialer Repräsentationen (insbesondere ethnonationale Zugehörigkeiten), Grenzmanagement und Migration sowie Ökopolitik an der Grenze von Natur und Gesellschaft in den Fokus (vgl. Kolossov 2005). Anthropologie Neben der (politischen) Geografie macht die Anthropologie der Grenze einen zweiten zentralen Strang in der Grenzforschung aus. Deren Bedeutung lässt sich auf Arbeiten im Bereich der historischen Anthropologie und insbesondere auf Fredrik Barths (1969) Auseinandersetzung mit dem „ethnic boundary making“ als Grenzziehungspraxis sozialer Gruppen zurückverfolgen. Dieses wurde in der Anthropologie vielfach aufgenommen (z.B. Cohen 1985) und erweitert. So wurden Fragen politischer und territorialer Grenzen um zentrale Konzepte von Identität, Grenzen sozialer Gruppen und Gemeinschaften sowie kulturelle Praktiken und Differenzen ergänzt. Während die Anthropologie in der Folge Barths ihr Interesse an soziosymbolischen Grenzen (boundaries) vertiefte, spielten geopolitische, territoriale Grenzen lange Zeit nur als Kontext lokaler Studien eine Rolle. Dies änderte sich mit Arbeiten, die sich auf der Grundlage ethnografischer Feldforschung den Bedingungen, Erscheinungsformen und Effekten Einleitung 11 territorialer Grenzen widmen (insb. Cohen 1965; Cole/Wolf 1974) und dabei vermehrt auch Grenzüberschreitungen im Kontext von Flucht, Migration und lokalem Handel thematisieren (z.B. Camara/Kemper 1979). Spätestens seit den 1980er-Jahren lässt sich dann ein Forschungsfokus ausmachen, der als Anthropology of Borderlands die Herausbildung von border cultures in Regionen an und über Grenzen hinweg zum Gegenstand macht. Paradigmatisches Beispiel ist hier die US-mexikanische Grenze, wie sie klassisch etwa bei Stoddard (1986) und Alvarez (1995) behandelt wird. Diese anthropologischen Grenzraumstudien fragen danach, wie sich Grenzkulturen durch historisch geformte, homogene wie heterogene Identitätszuschreibungen, kulturelle Praktiken und Verhältnisse von Kooperation und Konflikt auszeichnen und Aufschluss über die Bedeutung und Symbolik der Grenze für das border life sogenannter borderlanders geben. Geschichtswissenschaft Seit ihrer Gründung als eigenständiges Fach hat sich die Geschichtswissenschaft auf die Erforschung von staatlichen und politischen Zentren fokussiert (vgl. Medick 1995; Struck 2012). Erst nach dem Zweiten Weltkrieg bildet sich vor allem in der amerikanischen und französischen Geschichtswissenschaft ein Interesse an historischen Grenzprozessen heraus (z.B. Forbes 1968; Febvre 1988). In den 1980er-Jahren formten sich geschichtswissenschaftliche Ansätze zur Erforschung von Grenzräumen, die als einflussreiche Kritik an ‚zentristischen‘ Vorstellungen von Staats- und Nationenbildung rezipiert wurden (vgl. v.a. Sahlins 1989; auch Medick 1995) und dabei maßgeblich auch den afrikanischen Kontinent in den Blick der Grenzforschung rückten (z.B. Asiwaju 1985). Im Anschluss daran erlangte eine historisch-komparative Perspektive auf den „life cycle“ von Grenzregionen große Beachtung (Baud/Schendel 1997, S. 223). Parallel dazu wurden, angetrieben von einer „Konjunktur des Räumlichen“ (Jureit 2012, S. 15) sowie einem Interesse am cultural turn, einerseits transnationale und globalgeschichtliche Betrachtungen gesellschaftlicher Wandlungsprozesse und andererseits transkulturelle Perspektiven auf die Geschichte von Grenzen wichtig. In diesem Rahmen reagierte die Geschichtswissenschaft auch verstärkt auf sich wandelnde Grenzregime, u.a. im Zuge der europäischen Integration. Mittlerweile bilden Grenzen und Grenzregionen wichtige Themen der historiografischen raumorientierten Europaforschung (vgl. Duhamelle et al. 2007; Struck 2012; Thijs/Haude 2013) sowie der Erforschung räumlicher Transformationsprozesse (vgl. Hecker 2006). Hier werden nicht mehr nur Fragen nach den Grenzen Europas in ihrer Historizität und Dynamik, sondern auch Grenzauflösungen und -verschiebungen über Europa hinaus in den Blick gerückt. Dabei finden auch Fragestellungen jenseits territorialer Grenzen Platz in der zeitgenössischen Geschichtswissenschaft, wie beispielsweise ästhetische oder disziplinäre Grenzverhandlungen. Gegenwärtige Perspektiven beziehen sich auf verschiedene Grenztypen und deren vergangenen wie heutigen Funktionen (beispielsweise System-, Block-, Wohlstandsgrenzen; vgl. Becker/ Komlosy 2004), den Bau und die Entwicklung von Grenzanlagen wie die innerdeutsche Grenze (vgl. Grafe 2002; Lebegern 2002; Ritter/Lapp 2006) oder Fragen der Erinnerungskultur (vgl. Steinbach/Ploenus 2016; Stokłosa 2019). Dominik Gerst, Maria Klessmann, Hannes Krämer 12 Politikwissenschaft Spuren eines politikwissenschaftlichen Interesses an Grenzen lassen sich bis in die Gründungsphase der politischen Geografie zurückverfolgen. Eine dezidiert politikwissenschaftliche Betrachtung nationalstaatlicher Grenzen setzte allerdings erst ab den 1970er-Jahren vor allem im Forschungsbereich der sogenannten Internationalen Beziehungen (IB) ein. Staatsgrenzen werden aus dieser Perspektive als Strukturen der Ermöglichung wie auch der Gefährdung grenzüberschreitender politischer Interaktionen sowie der Begrenzung von Spielräumen staatlicher Politiken gefasst (vgl. Starr/Most 1976, S. 588; Walker 1993). Als Reaktion auf Globalisierungsprozesse erlebten die Internationalen Beziehungen dann ab den 1990er-Jahren einen Aufschwung und Grenzthemen damit eine größere politikwissenschaftliche Aufmerksamkeit: Es werden in diesem Zusammenhang grundlegende Theoretisierungen staatlicher Grenzen vorgelegt (vgl. Anderson 1996) und instabile geopolitische Weltverhältnisse dezidiert als Grenzkonflikte thematisiert (vgl. Shapiro/Alker 1996). Darüber hinaus werden Grenzen im Spannungsfeld von Territorium, Identitäten und politischen Ordnungen verortet (vgl. Albert et al. 2001), woraus sich vielfältige Anschlussmöglichkeiten nicht nur für die politische Theorie ergeben, in denen Grenzen in der Zwischenzeit eine zentrale Rolle zugewiesen wird (vgl. Vasilache 2007), sondern auch für die interdisziplinäre Grenzforschung. Parallel dazu hat sich in der Politikwissenschaft ein starkes Interesse an Cross-Border Governance herausgebildet. Vor dem Hintergrund des Interesses an Grenzen im Kontext politischer Mehrebenensysteme und angetrieben durch europäische Regionalisierungsprozesse (vgl. Hooper/Kramsch 2004; Scott 2012) findet politikwissenschaftliches Forschen hier mitunter auch in anwendungs- und beratungsbezogener Form statt. Schließlich untersucht die politikwissenschaftliche Grenzforschung sicherheitsbezogene Fragen staatlicher Souveränität und internationaler Konflikte. Forschungen an der Schnittstelle von Border und Security Studies haben im Nachgang von 9/11, weiteren Phänomenen des globalen Terrorismus sowie des zunehmend restriktiven Außengrenzregimes der EU an Bedeutung gewonnen (vgl. z.B. Walters 2002; Brunet-Jailly 2007; Longo 2018). Es sind vor allem diese Forschungen, welche den politikwissenschaftlichen Strang kritischer Grenzforschung innerhalb der interdisziplinären Border Studies mitgeprägt haben (vgl. Salter 2012; Parker/Vaughan-Williams 2013; Rumford 2014). Soziologie Obwohl die räumliche Grenze bereits bei Georg Simmel (1908/1983, S. 467) als „soziologische Tatsache, die sich räumlich formt“ verhandelt wurde, waren Grenzen lange Zeit kein Thema in der Soziologie (vgl. Strassoldo 1982). Wenn überhaupt, wurden sie als Begleiterscheinung oder Randphänomen in der Politischen Soziologie aus einem Interesse an (national)staatlicher Ordnungsbildung (Tilly 1975; Rokkan 2000) oder im Kontext der Migrationssoziologie und Ungleichheitssoziologie, die sich mit Fragen von Inklusion und Exklusion befassen (Eisenstadt 1954; Bommes/Halfmann 1998), aufgenommen. Unter den Bedingungen fortschreitender Globalisierung sowie der Kritik an einem methodologischen Nationalismus sozialwissenschaftlicher Forschung (vgl. Wimmer/Glick Schiller 2002) bildete sich ab den 1980er-Jahren das Paradigma des Transnationalismus bzw. der Cross-Border Studies heraus (Amelina et al. 2012). Einleitung 13 Hier stehen grenzüberschreitende Beziehungen, Mobilitäten und Institutionen im Fokus. Grenze wird als Barriere wie auch Ermöglichungsbedingung transnationaler Verbindungen analysiert und setzt so einem staatszentrierten Forschen eine Sichtweise auf Grenzüberschreitungen entgegen (vgl. Mau 2010; Nowicka 2019). Parallel dazu gewann ein auf soziosymbolische Grenzziehungen fokussierender Grenzbegriff zunehmend an Bedeutung, insbesondere weil damit eine Brücke zum zentralen soziologischen Begriff der Differenz geschlagen werden konnte (vgl. Luhmann 1982; Hirschauer 2014). Als wirkmächtig erweist sich die darauf zurückgehende und bis heute einflussreiche Unterscheidung von symbolischen und sozialen Grenzen, wie sie vor allem in der Forschung zu social boundaries verhandelt wird (vgl. Lamont/Molnár 2002). Politisch-territoriale Grenzen werden in dieser Lesart als Sonderfall sozialer Grenzziehungen verhandelt. Ab der Jahrtausendwende verstärkt sich das soziologische Interesse an Grenzthemen und damit auch an den Border Studies. So werden nationale Grenzen im Kontext von Migration und ethnischer Differenzierung (Bös 2000; 2007), bei Prozessen der Europäisierung (Vobruba 2001; Eder 2006; Bach 2010) oder der Konstitution der Weltgesellschaft (Schimank 2005) verhandelt. Ebenso rücken Formen der Grenzverletzung (Horn et al. 2002), raumsoziologische Fragen (Schroer 2006) oder Prozesse der Konstitution von Grenzräumen und -regionen (Martinez 1994; Roose 2010; Banse 2013) in den Fokus. Im deutschsprachigen Raum haben Monika Eigmüller und Georg Vobruba (2016) das interdisziplinäre Interesse an politisch-räumlichen Grenzen als Grenzsoziologie etabliert. Philosophie Auch die Philosophie trägt (zumindest mittelbar) zu den Border Studies bei. Als „Fundamentalbegriff der Philosophie und des Wissens überhaupt“ (Girndt 2011, S. 1103) ist mit dem Grenzbegriff seit den Anfängen der Disziplin die grundsätzliche Separierung von Einheiten und damit einhergehend die Konstitution von Entitäten beschrieben. Ein solches abstraktes Verständnis von Grenzen adressiert Fragen nach dem Wesen von Dingen sowie der Gestalt von Erkenntnis. Prominent wird dies bei Immanuel Kant (z.B. 1783/2001) und Georg Wilhelm Friedrich Hegel (etwa 1817/1991) diskutiert: Letzterer thematisiert die Negation eines anderen als konstitutiven Bestandteil des Daseins. Individuen, aber auch Gruppen grenzen sich in einem Identitätsakt von anderen und anderem ab. Es sind im Anschluss vor allem Theoretiker*innen der Postmoderne und des Poststrukturalismus, die die Hegel’schen Gedanken zur Grenze aufnehmen und weiterentwickeln (vgl. Müller-Funk 2016). Dabei betonen die Autor*innen das unaufhörliche Wechselspiel von Identität und Differenz und die nachhaltig belastbare Unterscheidung eines Innen von einem Außen (Derrida 1972; Deleuze/Guattari 1992). Für die aktuellen Border Studies, vor allem in ihrer kritischen Färbung, sind es häufig poststrukturalistische Konzeptionen von Grenzziehungen als eine komplexe, sich dynamisch entwickelnde Beziehung (vgl. Foucault 1974), die für die Analysen territorialer und auch soziosymbolischer Grenzen herangezogen werden. Phänomene wie Migration, staatliche Souveränität oder politische Subjekt- und Raumordnungen werden in diesem Zusammenhang mit Verweis auf philosophische Konzeptionen von Grenze, häufig aus der politischen Philosophie, bearbeitet: Einerseits werden Grenzziehungen in einem generellen Sinne als Instrumente macht- wie wirkungsvollen Unterscheidens geprie- Dominik Gerst, Maria Klessmann, Hannes Krämer 14 sen (Liessmann 2012) oder als Schlüsselbegriff für die dynamische Gegenwartsgesellschaft verstanden (Nail 2016), andererseits lassen sich materiale Studien finden, die philosophische Konzepte an die Grenze tragen (vgl. Woodward/Jones III 2005), um damit die prekäre Lage von Geflüchteten an den Außengrenzen der EU zu beschreiben (Schindel 2016; Schulze Wessel 2017), die Multidimensionalität gegenwärtiger Grenzverhältnisse in einem Begriff zu fassen (Gielis/Houtum 2012; Brambilla 2015; Sohn 2016) oder staatliche Identitätspolitiken zu analysieren (Brown 2018). Kulturwissenschaften Die Kulturwissenschaften haben ihren verhältnismäßig jungen Zugang zur Grenze parallel zu den Border Studies seit dem Ende der 1980er-Jahre herausgebildet. Dabei geht es – vor allem in Form kulturtheoretisch informierter Analysen von Grenzordnungen – um Fragen der Identität, Alterität, Differenz und Performanz, wobei hier insbesondere postkoloniale und poststrukturalistische Ansätze grenzanalytisch fruchtbar gemacht werden (Anzaldúa 1987; Mignolo/Tlostanova 2006). Kulturwissenschaftliche Analysen folgen keinem binären Grenzbegriff, der eindeutig ein Innen von einem Außen unterscheidet. Mit ihrem Fokus auf das Liminale, Periphere, Marginale und Transgressive gerät vielmehr die Grenze oder der Grenzraum selbst sowie dessen Überschreitung in den Blick. Vor allem in einer kritischen Kulturwissenschaft werden dabei multiple Differenz- und Ungleichheitsdimensionen wie Geschlecht, Ethnizität, Klasse und Alter untersucht, die in ein Verhältnis zu Nation und Migration gesetzt werden und die Grenzforschung damit auch ins Gespräch mit der Geschlechter- oder Ethnizitätsforschung bringen (z.B. Yuval-Davis 2004; Aaron et al. 2010; Collins 2016; Fassin 2020). Prominent werden Konzepte wie Hybridität (Anzaldúa 1987) und third space (Bhabha 2000): Wo an der Grenze Kulturen zusammentreffen oder eigene Grenz(land)kulturen entstehen, kann die Grenze als dynamische „Kontaktzone“ (vgl. Pratt 1991; Kleinmann et al. 2020) oder als semiotische Landschaft (Sidaway 2002) gelesen werden, in der produktive kulturelle Übersetzungen stattfinden, die mitunter Neues entstehen lassen. Insbesondere in den Sprach- und Literaturwissenschaften haben diese Überlegungen zu vielfältigen Forschungen geführt. Während in den Sprachwissenschaften Fragen der kulturellen Ausgestaltung von Grenzen in Programmen einer Soziolinguistik der Grenze (Carvalha 2014; Watt/Llamas 2014) oder Forschungen zur Linguistic Landscape in Grenzräumen (Muth 2014; Gerst/Klessmann 2015) angegangen werden, sind es vor allem literaturwissenschaftliche Ansätze, die dem Feld der Border Studies seit den 2000er-Jahren mit ihrem Fokus auf die Literatur der Grenze neue Impulse geben. Konzepte wie das „border writing“ (Kurki 2014) oder „border poetics/aesthetics“ (Schimanski/Wolfe 2017) verweisen dabei nicht nur auf die Arten und Weisen der erzählerischen Thematisierung von Grenzen und deren Überschreitung, sie stellen auch grundlegende Fragen zur kulturellen Produktion und Rezeption von Grenzen. Über die Perspektive der Literaturwissenschaften hinaus lässt sich aktuell ein Interesse an Grenzästhetiken auch in anderen Bereichen finden: etwa in Architektur, Design und Kunstgeschichte (Rael et al. 2017; Keshavarz 2018; Kaller 2020). Einleitung 15 Grenzforschung heute Die aufgezeigten disziplinären Thematisierungen von Grenze haben sich in den letzten Jahrzehnten zunehmend intensiviert und dazu beigetragen, das Feld der Grenzforschung stärker zu konturieren und ihm eine erkennbare Gestalt zu verleihen. So lassen sich seit den 1980er-Jahren gemeinsame Interessen, seit den 1990er-Jahren auch die Nutzung von Konzepten anderer Disziplinen und schließlich ab den 2000er-Jahren verstärkt auch interdisziplinäre Projekte beobachten (vgl. Kolossov 2005; Paasi 2011; Wilson/Donnan 2012b). Aufgrund ihrer diversen Zugänge aber ist die Grenzforschung als ein multiparadigmatisches Feld mit einer Bandbreite an Forschungsthemen, Ansätzen und Methoden zu begreifen. Entsprechend interessiert die Grenze dabei nicht allein als politisch-territoriale Demarkationslinie, sondern in ihren vielfältigen Ausprägungen, Effekten und Bedingungen auf verschiedenen Ebenen (vgl. Gerst et al. 2018). Dabei geht die zeitgenössische Grenzforschung über dichotome Grenzverständnisse hinaus, welche eindeutig ein Innen von einem Außen unterscheiden, und sensibilisiert für Phänomene des Dazwischens. Mit ihrem doppelten Fokus auf das, was an, über und wegen Grenzen geschieht, sowie darauf, wie Grenzen zum Verständnis von Wandlungsprozessen und gesellschaftlichen Veränderungen beitragen können (vgl. Wilson/Donnan 2012b), führt die Grenzforschung spezifische Perspektiven auf zentrale sozial- und kulturwissenschaftliche Konzepte zusammen. So werden beispielsweise Mobilität, Identität, Ethnizität oder Macht als Phänomene im Spannungsfeld von Ent- und Wiederbegrenzungsprozessen (de- und rebordering) ausgewiesen. Auch etablierte Themen wie Sicherheit, räumliche und soziale Ordnungsbildung, Territorialität oder auch Ungleichheit werden damit als Grenzphänomene betrachtet, was wiederum fruchtbare Erkenntnisse produziert, wie auch die einzelnen Beiträge des Handbuchs zeigen. Dabei lassen sich entlang der fortschreitenden Ausdifferenzierung und zunehmenden Konsolidierung des Feldes Entwicklungstendenzen feststellen, die nicht alle gleichermaßen auf die Border Studies begrenzt sind, sondern auch Ergebnisse allgemeiner wissenschaftlicher Trends darstellen, den Border Studies aber eine spezifische Gestalt verleihen: (1) Zunächst lässt sich in der Grenzforschung eine Tendenz weg von Einzelfallstudien hin zu komparativen Analysen beobachten, was mit einem gestiegenen Interesse an generalisierbarem Grenzwissen einhergeht. Zwar sind die Border Studies in erster Linie immer noch ein Feld empirischer, materialer Analysen, aber nicht zuletzt aufgrund der heterogenen Zusammensetzung dieses interdisziplinaren Felds kommen immer wieder Bemühungen auf, so etwas wie ein kanonisiertes Grenzvokabular zu entwickeln, das mal als forschungsleitende Heuristik, mal als grundlegende Theorie konzipiert wird (vgl. Newman 2003; Nail 2016; Schiffauer et al. 2018). (2) Dabei ist zugleich eine Pluralisierung theoretischer und methodologischer Ansätze zu beobachten, die sich in Weiterentwicklung oder Opposition zum mehr oder minder expliziten Positivismus früherer Grenzforschung etabliert haben. Insbesondere prozessuale und praxisbezogene Ansätze, die Bordering-Prozesse als in Gesellschaften verstreute, in Form und Funktion variable Bearbeitungsweisen von Grenze thematisieren, machen in den letzten Jahren den Mainstream der Grenzforschung aus (vgl. Brambilla et al. 2015; Yuval-Davis 2019; Connor 2021). (3) Parallel zur Diversifizierung der Positionen wird zudem auch eine inhaltliche Ausdifferenzierung der einzelnen Grenzbegriffe und -konzepte deutlich. So scheint es mittlerweile Konsens zu sein, nicht mehr von der Grenze als klarer Linie auszugehen, sondern die Vielfalt 3. Dominik Gerst, Maria Klessmann, Hannes Krämer 16 der Grenzkonstellationen zu betonen, die konzeptuell etwa als Grenzraum, borderlands, borderscapes, border regimes, cross-border movements und interactions, border discourses gefasst werden. (4) Damit eng verbunden geht auch eine gesteigerte Thematisierung einer akteur*innenbezogenen Vielstimmigkeit der Grenze einher. Grenzforschungen rücken immer häufiger die diversen und komplexen Konstellationen zwischen staatlichen und ökonomischen Akteur*innen, lokalen Anrainer*innen und aktivistischen Gruppen sowie Wissenschaftler*innen in den Fokus (vgl. Rumford 2012; Brambilla 2015). Es wird so deutlich, dass verschiedene, mal divergierende, mal sich verstärkende Positionen und Diskurse für eine gesteigerte Dynamik von Grenzziehungen sorgen. Unter anderem wird in diesem Zusammenhang die vermeintlich neutrale wissenschaftliche Beobachter*innenrolle hinterfragt und durch stärker aktivistische, aber auch beratende Positionierungen von Grenzforschenden ergänzt. (5) Schließlich rücken die Border Studies Grenzen sowohl als Gegenstand als auch als Analyseort von der Peripherie ins Zentrum. Einerseits zeigen die Untersuchungen, wie an und über Grenzen hinweg zentrale gesellschaftliche Auseinandersetzungen stattfinden und soziale Prozesse verhandelt werden. Andererseits wird die Grenze zudem als spezifischer Beobachtungs- und Analysepunkt genutzt, an dem ebendiese Prozesse besonders deutlich werden (vgl. Mezzadra/Neilson 2013; Rumford 2014; Brambilla 2015). Mit diesem methodologischen Zuschnitt ist ein gesteigertes wissenschaftspolitisches Selbstbewusstsein verbunden, welches Grenzforschungen als eigenständiges Feld begreift. Ebenso wie sich Grenzen als komplexe Phänomene wandeln, befindet sich auch das Feld der Grenzforschung in ständiger Bewegung. Leitend sind hier verschiedene Einflüsse: So wird die Dynamik durch die Spannung zwischen disziplinären Erkenntnisinteressen auf der einen und dem Entwickeln interdisziplinärer Forschungsagenden auf der anderen Seite angetrieben. Zudem lässt sich gegenwärtig ein zunehmendes Interesse der Grenzforschung an aktuellen kultur- und naturwissenschaftlichen Debatten um einen Neuen Materialismus, eine kritische Ökologie oder das Anthropozän beobachten (vgl. Grichting/Zebich-Knos 2017; Nikiforova 2018; Park/Pellow 2019). Entsprechende sozial- und kulturtheoretische Verschiebungen tragen auch in den Border Studies dazu bei, die Verhältnisse zwischen verschiedenen Dimensionen von Grenzziehungen neu zu denken und veränderte Relationen zu betonen. Ebenso gibt es auf der Ebene der Methodologie inzwischen Vorschläge, verstärkt über die Grundlegung materialer Analysen nachzudenken und diese systematischer zu reflektieren (vgl. Nail 2016; Wille et al. 2021). Schließlich wird verschiedentlich über die Rolle der Grenzforschung als Akteurin innerhalb von Grenzziehungsprozessen gesprochen. Hier sind es vor allem Impulse aus dem Bereich der kritischen Grenzforschung, die grenzbezogene Machtverhältnisse und Formen des Grenzmanagements analysieren und dabei an der Schnittstelle von Wissenschaft, Kunst, Politik und Aktivismus arbeiten (vgl. Amilhat Szary/Giraut 2015; Brambilla et al. 2015). Das Handbuch Um ein derart heterogenes und dynamisches Forschungsfeld zu erfassen, schlagen wir vor, ein erweitertes Verständnis von Grenze anzulegen, das es möglich macht, die Verschiedenheit der Phänomene, Zugänge und Konzepte zu versammeln. Ausgehend von einem Interesse an politisch-räumlichen Grenzziehungen bezieht dies soziosymbolische Grenzziehungen mit ein, ohne die auch politisch-territoriale Grenzen nicht zu denken sind. In diesem erweiterten Verständnis von Grenzen nimmt das Handbuch zur Grenzforschung seinen Ausgangspunkt 4. Einleitung 17 und eröffnet, ausgehend vom Feld der Border Studies, einen systematischen Blick auf ein diverses und interdisziplinäres Forschungsfeld. Wir verfolgen mit dem Handbuch drei Ziele: Erstens wollen wir den interessierten Lesenden einen einführenden, gleichsam informierten, umfangreichen Überblick über den Stand der Grenzforschung bieten und damit grundlegendes Orientierungswissen bereitstellen. Das Handbuch kann dann als Nachschlagewerk dienen, in dem unterschiedliche begriffliche und konzeptuelle Zugänge sowie materiale Forschungsgegenstände versammelt sind. Zweitens wollen wir mit dieser Publikation auch innerhalb der Grenzforschung Diskussionsimpulse setzen, in dem wir Perspektiven und Paradigmen nebeneinanderstellen und Wege aufzeigen, Grenzforschung neu zu denken. Dies betrifft einerseits das Verhältnis der Grenzforschung zu benachbarten Forschungsfeldern und andererseits die Beziehungen verschiedener Ansätze und Forschungsfokusse innerhalb der Grenzforschung. Wir glauben, dass auf diese Weise die ohnehin schon interdisziplinäre und multiperspektivische Zusammenarbeit vertieft werden kann. Drittens wollen wir mit dem Handbuch das Forschungsfeld Grenzforschung im deutschsprachigen Raum als eine genuine, spannende und produktive Forschungsperspektive verankern. Innerhalb der Grenzforschung werden mit der Analyse von De- und Reborderingprozessen zentrale Probleme der gegenwärtigen Gesellschaft und korrespondierende Zeitdiagnosen genauso adressiert, wie maßgebliche sozial- und gesellschaftstheoretische Fragen verhandelt. Die Beiträge des Handbuchs spannen einen Bogen von grundlegenden Einordnungen über konzeptuelle Perspektiven hin zu einzelnen materialen Grenzrelationen und verdeutlichen so die Breite des Forschungsfeldes. Eine solche deutschsprachige Überblicksdarstellung fehlte bislang. Auch liegen die letzten umfangreichen Systematisierungsversuche der Grenzforschung beinahe zehn Jahre zurück und nehmen vorrangig eine internationale Ebene in den Blick (Wastl-Walter 2011b; Wilson/Donnan 2012a). In diesen Jahren hat sich die Grenzforschung weiter ausdifferenziert und rapide entwickelt, wie eine Reihe an überblicksorientierten Sammelbänden, Monografien und Special Issues verdeutlicht, die seitdem zu zentralen Forschungsperspektiven wie der Grenzraumforschung, der kritischen Grenz(regime)forschung oder der kulturwissenschaftlichen Grenzforschung entstanden ist (z.B. Diener/Hagen 2012; Lechevalier/Wielghos 2013; Parker/Vaughan-Williams 2013; Brambilla et al. 2015; Sevastianov et al. 2015; Nail 2016; Donnan et al. 2017; Laine/Casaglia 2017; Opiłowska et al. 2017; Schimanski/Wolfe 2017; Boesen/Schnuer 2018; Gerst et al. 2018; Graciano 2018; Heintel et al. 2018; Kleinmann et al. 2019; Wille/Nienaber 2019; Fassin 2020). Eine gute Zeit also, wie wir meinen, einen systematischen Blick auf das Feld aus einer europäischen, vorrangig einer deutschsprachigen Perspektive zu wagen. Dabei zielen wir mit dem Handbuch zunächst einmal auf eine Bestandsaufnahme ab und hoffen dabei auch Forschungslücken zu schließen, insofern sich für einige der behandelten Themen und Relationen bisher keine systematischen Darstellungen finden ließen. Darüber hinaus geht es darum, eine Erweiterung des bestehenden Diskurses anzuregen. Indem auch Forschung aus angrenzenden Feldern versammelt wird, die bislang nicht den klassischen Border Studies zugerechnet wurde, eröffnet das Handbuch neue Zugänge und ergänzt bestehende Debatten. Um die Vielgestaltigkeit und Vielstimmigkeit des Feldes abbilden zu können, gliedert sich das Handbuch in vier Teile. Der erste Teil Grundlagen widmet sich zunächst grundsätzlichen Fragen, die das Feld der Grenzforschung umreißen und erschließen. Einerseits sind dies die Begriffsgeschichte der Grenze (Falko Schmieder), die Erörterung des Phänomens als zugrunde liegendes Prinzip gesellschaftlicher Formierung (Markus Schroer) und staatlicher Ordnungs- Dominik Gerst, Maria Klessmann, Hannes Krämer 18 bildung (Goetz Herrmann und Andreas Vasilache) sowie das Verständnis von Grenze als moralisch zu legitimierendem Gegenstand (Christian Banse). Andererseits werden die zentralen Denkströmungen aktueller Grenzforschung (Christian Wille) und methodologische Überlegungen und Zugänge (Dominik Gerst und Hannes Krämer) aufgezeigt. Der zweite Teil Konzepte und Perspektiven führt diese Grundlagen ins Feld und zeigt deren Analysegewinn entlang verschiedener Grenzverständnisse auf. Zugänge zur räumlichen Grenzregion (Martin Klatt), zu politischem Regieren und Kooperieren über Grenzen hinweg (Peter Ulrich und James W. Scott) sowie zum Nachwirken von Phantomgrenzen (Béatrice von Hirschhausen) sind dabei zentrale theoretische Überlegungen. Darunter fallen auch machtsensible und kritische Perspektiven der Grenzregimeforschung (Sabine Hess und Matthias Schmidt- Sembdner), der Transnationalismusforschung (Jana Schäfer) sowie der grenzbezogenen Diskursforschung (Sabine Lehner). Letztlich ist es auch die Diskussion des wieder erstarkenden Begriffs der frontier (Conrad Schetter und Marie Müller-Koné), die das konzeptuelle Denken über Grenzen theoretisch und empirisch herausfordert. Im dritten Teil Grenzrelationen werden thematische und empirische Verhältnisbestimmungen vorgenommen, die zentral für das Verständnis gegenwärtiger Grenzen sind. Dies betrifft das Spannungsverhältnis zwischen Grenzaufbau und -abbau in Europa (Monika Eigmüller) und den grundsätzlichen Aspekt der (Un-)Sicherheit an und aufgrund von Grenzen (Alexandra Schwell). Ebenso behandelt der Teil Fragen nach der fortschreitenden Technologisierung der Grenze (Holger Pötzsch) sowie Grenzen im Spiegel des Rechts (Timo Tohidipur). Im Folgenden wird der zentrale Zusammenhang von Grenze und Migration (Bastian Vollmer und Franck Düvell) sowie – allgemeiner – Grenzen und Mobilität (Larissa Schindler) herausgearbeitet. Ferner werden zentrale gesellschaftliche Differenzkategorien wie Ethnisierungsprozesse (Concha Maria Höfler und Maria Klessmann) und Geschlechterverhältnisse (Claudia Bruns) in ihren Zusammenhang mit Grenzen gestellt. Die Aufarbeitung des Verhältnisses zu Märkten (Wolf-Fabian Hungerland und Sebastian Teupe) sowie zu Sprachgrenzen (Marek Nekula) sind zwei seltener beachtete, aber, wie die Beiträge zeigen, produktive Aspekte für die Grenzforschung. Die Beiträge zur Zeitlichkeit von Grenzen und deren Überschreitung (Carolin Leutloff- Grandits) und zum Zusammenhang von Ästhetik und Grenze (Astrid M. Fellner) eröffnen vielversprechende Grenzrelationen. Der vierte Teil Grenzen weiterdenken gibt Einblicke in eine mögliche Zukunft der Grenzforschung und zielt auf ein produktives Weiterdenken. Dies betrifft zunächst die Übersetzung von Ausschnitten bisher nicht in deutscher Sprache vorliegender Ansätze, die das Verhältnis der Grenze zu Arbeit und Kapitalismus (Sandro Mezzadra und Brett Neilson) sowie zur Mobilität (Thomas Nail) durchdringen und dabei wichtige theoretische und methodologische Impulse setzen. Zudem wird in essayistischer Form eine offen kritische Position gegenüber der materialen Wiederkehr von Grenzen und für eine Politik der Inklusion (Christine Leuenberger) eingenommen. Das soziologisch-anthropologische Konzept moderner Grenzregime (Gesa Lindemann), welches in der Grenzforschung bisher nicht rezipiert wird, verspricht spannende Verknüpfungen zu Fragen der Konstitution von Subjekten. Den finalen Beitrag bildet ein Interview zur Frage „Was bedeutet Grenzforschung?“ (Chiara Brambilla, Didier Fassin, Sarah Green, Dominik Gerst, Maria Klessmann und Hannes Krämer), in dem anthropologische und ethnografische Zugänge zu aktuellen Grenzfragen miteinander diskutiert werden. Einleitung 19 Danksagung Dieses Buch handelt von Grenzen und ist zugleich Ergebnis ihrer Überschreitungen: Wir danken den Autor*innen für ihre Beiträge und die intensive Arbeit am Text. Erst die konstruktive Zusammenarbeit über Länder- und Disziplinengrenzen hinweg hat dieses internationale und interdisziplinäre Buchprojekt möglich gemacht. Wir freuen uns darüber, dass das Buch in der Reihe Border Studies. Cultures, Spaces, Orders beim Nomos Verlag erscheinen kann. Beate Bernstein hat bei Nomos das Projekt von Beginn an kompetent und tatkräftig begleitet: Ihr möchten wir herzlich danken. Dass in diesem Buch auch Sprachgrenzen überschritten werden konnten, verdanken wir Ines Bergfort, die als Übersetzerin englischsprachige Beiträge einer deutschsprachigen Lesendenschaft zugänglich macht. Ein besonderer Dank gilt dem Viadrina Center B/ORDERS IN MOTION, welches dieses Vorhaben großzügig gefördert hat. Besonders Andrea Meissner hat das Projekt fortwährend unterstützt. Die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) war auch der Ort, an dem die Idee zum Buch geboren wurde. Die zahlreichen Gespräche im Kontext der AG Grenztheorien, der Forschungsgruppe Border und Boundary Studies und dem Center haben ein besonderes intellektuelles und freundschaftliches Klima eröffnet, ohne das dieses Handbuch so nicht hätte entstehen können. Literaturverzeichnis Aaron, Jane/Altink, Henrice/Weedon, Chris (Hrsg.) (2010): Gendering Border Studies. Cardiff: University of Wales Press. Albert, Mathias/Jacobson, David/Lapid, Yosef (Hrsg.) 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Neben der politisch-territorialen Bedeutung von Grenze im Zusammenhang der Entstehung des modernen Staates interessieren vor allem die Übertragungen des Grenzbegriffs auf andere Wissensfelder, von der Mathematik und Philosophie über die Ökonomie bis hin zur Ökologie. Als übergreifende Merkmale werden u.a. die Temporalisierung, Politisierung und Verflüssigung des Grenzbegriffs herausgearbeitet. Die Spannungen und Widersprüche der verschiedenen Grenzvokabulare verweisen auf ungelöste politisch-soziale Probleme, die zugleich die Begriffsentwicklungen vorantreiben. Schlagwörter Entgrenzung, Grenzüberschreitung, Globalisierung, Geopolitik, Ökologie Zur Einführung1 Ein Charakteristikum vieler neuerer Auseinandersetzungen mit dem Thema Grenze ist das interdisziplinäre Forschungsinteresse, das auch die folgende Begriffsgeschichte motiviert. Es ergibt sich vor allem aus der Erfahrung, dass durch die Prozesse der Globalisierung traditionelle Grenzregime und Grenzvorstellungen unter beschleunigten Veränderungsdruck geraten. Bislang disziplinär oder sektoral ausdifferenzierte und voneinander weitgehend unabhängige Grenzbegriffe vermischen sich und geraten in Konflikt miteinander. Darüber hinaus entstehen neue Problem- und Anwendungsfelder des Grenzbegriffs (wie etwa auf dem Feld der politischen Ökologie), die mit überkommenen Bestimmungen ins Verhältnis zu setzen sind. Die vorliegende Darstellung muss sich aus methodischen wie auch aus Platzgründen weitgehend auf die deutsche Sprachentwicklung und im Wesentlichen darauf beschränken, längerfristige Entwicklungstrends sowie wichtige Knotenpunkte und Wandlungen im Verständnis des Begriffswortes und mit ihm zeittypisch verknüpfter Begriffe und Begriffsfelder zu skizzieren. Verbindungen zur Sozialgeschichte sowie vor allem auch die Einbindungen der Begriffe in Praktiken und institutionelle Arrangements können bestenfalls angedeutet werden. Grenze, politisch-territorial: vorneuzeitliche Entwicklungen Im Vergleich mit anderen europäischen Sprachen weist die deutsche Sprachentwicklung des Begriffs Grenze mindestens zwei Besonderheiten auf: zum einen existiert in anderen Sprachen eine Vielzahl von Ausdrücken zur Bezeichnung jeweils spezifischer Bedeutungsfelder, die im Deutschen oft unter dem einen Terminus Grenze gefasst werden, zum anderen ist die moderne Grenzterminologie in den anderen Sprachen eng mit der altokzidentalen Tradition verknüpft, während der in der deutschen Sprache dominierende Grenzbegriff aus dem mittelalterlichen 1 2 1 Der vorliegende Beitrag ist in Zusammenarbeit mit dem vom spanischen Wirtschafts- und Wissenschaftsministerium geförderten Forschungsprojekt FFI2017-82195-P entstanden. 29 Slawischen, genauer dem Pomoranischen entlehnt ist. Anders als die moderne Entwicklung der Wortbedeutung von Grenze, für die materialreiche und vor allem interdisziplinär verfahrende Studien weitgehend fehlen (vgl. Medick 1995, S. 216; Wokart 1995, S. 278; Böckler 2003), ist die frühe Wortgeschichte relativ gut erschlossen (vgl. Kolb 1989; Schmale 1998). Sie setzt mit dem Terminus granica/graniz ein, der Trennungslinien zwischen privaten Grundstücken und politisch-territorialen Gebilden bezeichnete und erstmals im Laufe des 12. Jahrhunderts als Fremdwort und im 13. Jahrhundert als Lehnwort im Zusammenhang der Regelung von Grenzstreitigkeiten und Landteilungen zwischen dem Deutschen Orden und den slawischen Fürsten verwendet wurde. Der Ausdruck granica hatte im Altslawischen ursprünglich die Eiche bedeutet (vgl. Hoke 1971, S. 1802). Als Folge der Verwendung des Baumes als Grenzzeichen hatte das Wort dann die Bedeutung des Grenzbaumes und schließlich allgemein der Grenze (Grenzlinie) angenommen. Er trat in dieser Bedeutung zunächst neben das deutsche Wort Marck bzw. Landmarken, das Grenzen vor allem als räumlich ausgedehnte Bereiche zwischen unterschiedlichen Herrschaftsgebieten erfasste und noch nicht deutlich zwischen Grenze im Sinne von Grenzlinie und den an bzw. auf ihr liegenden Gebieten unterschied (vgl. Böckler 2003, S. 179). Wie sich anhand von Lehns- und Besitzurkunden sowie von Städtechroniken verfolgen lässt, dringt der Ausdruck im 14. und 15. Jahrhundert in regional und zeitlich variierenden Schreibweisen (u.a. granizze, gränze, grenitze, grenytze, grentz, grenicz, grenice, grenitzte) nach Süden und Westen vor. Laut Deutschem Wörterbuch hatte Martin Luther „geradezu eine Vorliebe für das Wort“ (Hübner 1919/1935, Sp. 125). Seine Bibelübersetzung trug maßgeblich dazu bei, dass es „namentlich seit den dreißiger Jahren des 16. Jahrhunderts auf hd. Boden allgemeine Verbreitung findet, und zwar zuerst in den Gebieten, die sich der Reformation öffneten“ (ebd.). Wie ein Vergleich mit anderen Bibelübersetzungen und zeitgenössischen Schriften zeigt, war der Sprachgebrauch aber noch vielfältig und eine Fülle sinnverwandter Ausdrücke unterschiedlicher Herkunft im Gebrauch, wie landmarcken, marck steyn, marck, aber auch anstösz, frontier, anrein, scheyde u.a.m. Wenn sich Grenze allmählich immer mehr durchsetzte und das ältere Marck zurück- und schließlich fast ganz verdrängte,2 so liegt das auch daran, dass der neue Ausdruck schärfer die Grenze als Trennungslinie fokussierte. Der lange und keineswegs linear verlaufende Durchsetzungsprozess wurde später im Anschluss an eine Arbeit von Helmholt (1896) unter der Formel „vom Grenzsaum zur Grenzlinie“ zu einem Paradigma der historischen Grenzforschung.3 Seine sozialhistorische Voraussetzung ist der Übergang von der mittelalterlichen zur neuzeitlichen Gesellschaft, genauer die Herausbildung neuzeitlicher Formen der Staatlichkeit und der Durchsetzung territorialstaatlicher Herrschaftsstrukturen. Der damit verbundene Prozess der Rationalisierung (Linearisierung, Verrechtlichung) der Grenze reflektiert sich auch in anderen Sprachen. Eine Parallele zur Ablösung der Grenze von Marck bildet im Französischen die Ablösung von limes/fines durch frontiere (vgl. Febvre 1928/1988). Frontiere hat eine militärische Bedeutung, die auf den Staat als grenzziehende Instanz verweist. Lucien Febvre führt die Bedeutungsveränderungen der Grenzbegrifflichkeit auf Personengruppen zurück, die im Dienste des entstehenden territorialen Staates standen, unter ihnen vor allem Militärs, Geo- 2 Der ältere Sprachgebrauch klingt in Bezeichnungen wie Uckermark oder Mark Brandenburg nach. 3 Haushofer (1927, S. 136) fasst diese Entwicklung, die er allerdings unter den Vorzeichen von Oswald Spenglers Untergang des Abendlandes als Rückbildungsprozess begreift, noch differenzierter als eine „vom vagen Grenzraum zum Grenzsaum, von ihm zum Grenzstreifen, zum Grenzstrich, zur Grenzlinie“. Falko Schmieder 30 grafen, Festungsbaumeister, Diplomaten und Juristen. Sie „entwickelten eine Vorstellung von Grenzen, für die einerseits die ,Erdung‘ der Grenze, ihre Zurückführung auf natürliche und naturräumliche Gegebenheiten im Vordergrund stand. Andererseits wurde hier die politische Herstellung, ja „,Machbarkeit‘ des Raums betont“ (Medick 1995, S. 215). Die Grenze der Neuzeit Merio Scattola (1997) hat dargestellt, dass ab der Mitte des 16. Jahrhunderts die Grenze zu einem staatsrechtlichen Thema wird. Es entstanden erste Theorien der öffentlichen Grenze, die zunächst noch unter vornaturrechtlichen Vorzeichen als partikulare oder privatrechtskonforme Grenzen innerhalb eines breiteren oder übergeordneten öffentlichen Bereiches aufgefasst, dann aber immer deutlicher von den privaten Grenzen abgehoben und auf der Basis der neu entstehenden Disziplin des Natur- und Völkerrechts begründet werden. Seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts unterscheiden Dissertationen „mit großer Genauigkeit die private von der öffentlichen Grenze, wobei die ältere Vielzahl der öffentlichen Grenzen preisgegeben und eindeutig bestimmt wird, dass es nur eine einzige Staatsgrenze geben kann, weil sie auf der Einheit des Territoriums beruht“ (Scattola 1997, S. 64). Wie Scattola festhält, ist damit das Ende einer langen Entwicklung erreicht, mit dem die römische Auffassung „völlig auf den Kopf gestellt wird“ – während nämlich im Corpus iuris civilis die Grenze „nur eine privatrechtliche Geltung genießt, wird gerade diese privatrechtliche Bedeutung jetzt ausgeschlossen, und nur die öffentliche wird als ursprüngliche und eigentliche Grenze verstanden“ (ebd., S. 64f.). Unter den Wörterbüchern ist es Johann Heinrich Zedlers Großes vollständiges Universal-Lexicon (1731–1754), das diesen kategorialen Paradigmenwechsel festhält und sprachlich konsequent umsetzt. Unter dem Lemma „Grentzen“ heißt es: „Heutiges Tages wird dieser Unterschied in Acht genommen, daß man die Grentzen allein denen Land-Marcken, die man mit einem besonderen Namen Frontiere nennet, welche die Herrschafft und Gebiete von ein ander unterscheiden, und die Marck-Steine gemeiniglich nur denen privat-Gütern zugeeignet“ (Zedler 1731–1754, S. 831). Verbunden mit dem Bedeutungszuwachs der Grenzterminologie setzt im 16. Jahrhundert auch in breiterem Umfang eine „ungemein fruchtbare Substantivcomposition“ ein (Hübner 1919/1935, Sp. 147), die vor allem auf die mit den (staats-)theoretischen Grenzreflexionen verbundenen Materialisierungen von Grenzen und die daran geknüpften Grenzpraktiken verweist: „Am frühesten erscheinen naheliegende Bildungen wie Grenzbaum, -brunnen, -flusz, -kreuz, -mark (= Grenzzeichen), -rain, -stein, -wasser u.ä.; auch Grenzhaus, -schlosz, -stadt gehören schon dem 16. Jahrhundert an, ebenso Grenzbrief, -vertrag, selbst künstlichere Bildungen wie Grenzgedächtnis, -oberster. Auch persönliche Verbalsubstantiva setzen früh ein, vgl. grenzbereiter, -beschreiber, -bewahrer, -scheider, -verwahrer“ (ebd., Sp. 148). Diese Grenzkomposita differenzieren dann im weiteren historischen Verlauf immer mehr aus, wobei laut Deutschem Wörterbuch für das 18. und 19. Jahrhundert die im 16. und 17. Jahrhundert noch eher seltenen Verbalsubstantiva auf -ung (wie etwa Grenzackerung, -bestätigung, -irrung, -scheidung, -setzung, -verschreibung, -verwahrung) besonders charakteristisch sind. 2.1 Entwicklungslinien einer interdisziplinären Begriffsgeschichte von Grenze 31 Nationalstaatliche Grenzen Die rasante Ausdifferenzierung des territorial-politischen Grenzvokabulars im 18. und 19. Jahrhundert steht vor allem im Zusammenhang mit der Herausbildung der modernen Nationalstaaten. Ein Vergleich der Einträge in Zedlers Großem vollständigem Universal-Lexicon (1731–1754) mit der von Johann Samuel Ersch und Johann Gottfried Gruber herausgegebenen Allgemeinen Encyclopädie der Wissenschaften und Künste (1818–1889) verdeutlicht die massive Verstaatlichung und Bürokratisierung der Grenze, die sich in einem umfangreichen Apparat von Registrierungsverfahren, Kontrollinstanzen sowie Grenzmarkierungs- und Grenzsicherungspraktiken niederschlägt, für die ein neues Vokabular geschaffen werden musste (vgl. Seweloh 1808) – die Allgemeine Enzyclopädie spricht im Artikel zum Lemma „Grenze“ u.a. von Grenzkommissionen, -polizei, -räthen, -kommissarien, -ämtern, -festungen, -städten, -dörfern, -protokollen, -rezeß, -vergleich, -register, -begehungen, -zügen, -beziehungen, -umgängen (vgl. Ersch/Gruber 1818–1889). Mit der Bildung der Nationalstaaten verschärfen sich auch die Grenzstreitigkeiten und die im Medium symbolischer Identitätskonstruktionen vollzogenen Abgrenzungspolitiken, was sich auch in divergierenden Grenzvorstellungen niederschlägt. Markant ist die Differenz im Verständnis sogenannter natürlicher Grenzen zwischen Frankreich und Deutschland. Seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entwickelte sich hier vor allem bei eher ‚staatsfernen‘ Schriftstellern und Philosophen eine Vorstellung von den Grenzen der deutschen Nation als primär sprachlich-kulturell bestimmten Grenzen, die eng mit einem nationalen Kultur- und Identitätsverständnis verknüpft war. Als wesentliche (natürliche) Grenzen galten für diese Auffassung, wie dies in Frankreich der Fall war, nicht herrschaftlich-territoriale, politische Grenzen oder gar natürliche (physische) Grenzen, sondern vielmehr die sprachlich-kulturell und ethnisch bestimmten Grenzen (vgl. Medick 1995, S. 219). Prägnant kommt dieses Ineinandergreifen von nationaler Abgrenzung und ‚innerer‘, sprachlich-kulturell und ethnisch bestimmter Grenzbildung in Johann Gottlieb Fichtes Reden an die deutsche Nation von 1808 zum Ausdruck: „Zuvörderst und vor allen Dingen: – die ersten, ursprünglichen und wahrhaft natürlichen Grenzen der Staaten sind ohne Zweifel ihre inneren Grenzen. [...] Aus dieser inneren, durch die geistige Natur des Menschen selbst gezogenen Grenze ergiebt sich erst die äußere Begrenzung der Wohnsitze, als die Folge von jener“ (Fichte 1808/1846, S. 460). Neben der Herstellung einer inneren Einheit bestand ein unmittelbares Ziel der deutschen Patrioten darin, die 1801 völkerrechtlich festgelegte Rheingrenze wieder nach Westen zu verschieben. Ein prominenter öffentlicher Stimmführer war Ernst Moritz Arndt, der in seiner 1813 erschienenen Schrift Der Rhein, Teutschlands Strom, aber nicht Teutschlands Gränze gegen die französischen Grenzvorstellungen (speziell die „angebliche Naturgränze“ des Rheins) polemisierte und das Konzept der natürlichen Grenze statt auf territoriale Aspekte auf die Sprache bezog: „Ich sage: die einzige gültigste Naturgränze macht die Sprache“ (Arndt 1813/1845, S. 6; Herv. i. O.). Und kurz darauf heißt es: „Aber Ströme sind nie Naturgränzen gewesen und können es auch nie werden“ (ebd., S. 9). 2.2 Falko Schmieder 32 Grenzen in der politischen Geografie Die Vorstellung von den ethnisch bzw. sprachlich bestimmten natürlichen Staatsgrenzen bleibt in Deutschland auch über die Zeit der Reichsgründung 1871 hinaus präsent. Eine wirkmächtige Neukonfiguration erfährt sie im Rahmen der Politischen Geographie, die nach der Reichsgründung als neue universitäre Disziplin etabliert und gefördert wurde. Ihr wichtigster Vertreter ist Friedrich Ratzel, der als Begründer der Anthropogeografie gilt. Ratzel war von Haus aus Biologe und übertrug Charles Darwins Evolutionstheorie auf die gesellschaftlichen Umweltbeziehungen. Staaten begriff er als Organismen, die in einem beständigen Kampf ums Dasein, oder, wie Ratzel Darwins Formel spezifiziert, in einem beständigen Kampf um Raum stehen. In diesem Rahmen entwickelt er auch seinen Begriff der Grenze, die er „als peripherisches Organ des Staates“ versteht, das „sowohl der Träger seines Wachstums wie auch seiner Befestigung“ ist und „alle Wandlungen des Organismus des Staates mit[macht]“ (Ratzel 1896/1977, S. 42). Die politische Grenze wird damit zu einem „besonderen Fall“ des allgemeinen Begriffs der geografischen Grenze; ihre Behandlung wird deshalb „naturgemäß bei den Grenzen organischer Ausbreitungen zunächst Anschluss zu suchen haben“ (Ratzel 1892, S. 53). Ratzel dynamisiert damit den Begriff der Grenze, der bei ihm in enger Nachbarschaft mit imperialen Kampfbegriffen (wie Expansion, Invasion, Kolonisation) erscheint. Treibende Kräfte für die beständigen Grenzveränderungen sieht er im Auseinanderfallen von Lebensraum und Nahrungsraum bzw. von Staatsraum und Volkswachstum: je größer die Distanz zwischen Staatsgrenze und Lebensraum, umso verwundbarer ein Staat. Und umgekehrt gelte, dass ein Staat umso sicherer gegründet ist und seine Ausdehnung umso leichter gelinge, je näher der Lebensraum an den Grenzgebieten liege und je tiefer er in diesen verankert sei. Ältere Auffassungen von den natürlichen Grenzen aufnehmend, unterscheidet Ratzel zwischen abstrakten, politisch ausgehandelten linearen Grenzen und wirklichen, d.h. den dynamischen Volksentwicklungen Rechnung tragenden Grenzen. Die Völkergrenze ist für ihn ein Grenzsaum bzw. -raum. Damit wird der Begriff der Grenze zugleich verräumlicht, was sich auch im Verständnis der Grenze als „Kampfplatz“ ausdrückt (Ratzel 1901, S. 63). Die Ausdehnung des Staates unterliegt für Ratzel dem (Natur-)Gesetz der Zunahme der politischen Räume, dem sich der Staat nur bei Strafe seines Unterganges entziehen könne. Ratzels Theorie ist im Zusammenhang des erstarkten nationalen Selbstbewusstseins und der Bemühungen im Deutschen Kaiserreich, in den Kreis der großen Kolonialmächte aufzurücken, zu sehen. Er selbst engagierte sich politisch im Vorstand der Leipziger Sektion der Deutschen Kolonialpolitik, im Alldeutschen Verband und im Deutschen Flottenverein. Mit seinem sozialdarwinistischen Raum- und Grenzdenken wurde er zur Leitfigur seiner Disziplin und zur Inspiration von Arbeiten zu verschiedenen Aspekten der Grenze (vgl. Schöne 1911; Penck 1916; 1917; Sieger 1917/18; 1921; 1926; Supan 1918; Maull 1919; 1925; Dix 1922a; 1922b; Sölch 1924a; 1924b; Vogel 1926). Ratzel und seine Schüler lieferten der späteren Geopolitik als spezifischer Ausgestaltung der Politischen Geographie ein theoretisches Fundament und wichtige Stichworte (wie z.B. den Begriff des Lebensraums), die für die nationalsozialistische Expansionspolitik in Dienst genommen werden konnten. Die wichtigste Mittlerfigur war Karl Haushofer, der sich selbst als Schüler Ratzels bezeichnet. Obwohl durch Ratzel der Begriff der Grenze auch international zu einem zentralen Thema der Politischen Geographie aufgerückt und eine Vielzahl von Studien dazu erschienen war (vgl. Holdich 1916; La Pradelle 1928; Minghi 1977), reklamierte Haushofer in 2.3 Entwicklungslinien einer interdisziplinären Begriffsgeschichte von Grenze 33 seiner 1927 erschienenen Schrift Grenzen in ihrer geographischen und politischen Bedeutung das Desiderat einer umfassenden Analyse der verschiedenen Dimensionen des Grenzbegriffs als Erster eingelöst zu haben. Er versteht seine Arbeit als Beitrag zur „geopolitischen […] Grenzerziehung“ (Haushofer 1927, S. 108) des deutschen Volkes mit dem praktischen Ziel einer Revision der als „vergewaltigend“ angesehenen Grenzziehungen des Versailler Vertrages. Haushofer übernimmt Ratzels Verständnis der Grenze als „peripherisches Organ“ sowie tragende sozialdarwinistische Prämissen, dehnt dann aber das Grenzdenken auf nahezu sämtliche Lebensbereiche aus und versucht, eine Vielzahl verschiedener Grenzformen (z.B. Klimagrenze, Pflanzen- und Tiergrenzen), Sperrzonen (Kordon, Quarantäne, Korridor), Grenzfunktionen (z.B. Wehr-, Verkehrs-, Siedlungsgrenze) und Grenztypen zu erfassen. In einem Ordnungsvorschlag unterscheidet Haushofer fünf verschiedene Typen (vgl. ebd., S. 151–155; Herv. i. O.): erstens die „deutlich vorschreitenden, zum Greiforgan gewordenen, wehrgeographischen Angriffsgrenzen“, zweitens die „hoch organisierte, verkehrsdurchdrungene, jederzeit zum Vorschreiten entwickelte […] Lauergrenze“, drittens „die Gleichgewichtsgrenze, die beiderseits gleich instinktsichere oder gleich bewusste Lebensformen zugleich scheidet und verbindet“, viertens „die Schutzgrenze im Abwehrstande“, fünftens „die entwehrte, der Durchdringung, der Unterwanderung preisgegebene“ Zersetzungsgrenze, „in die fremde Wachstumsspitzen und Verkehrskampfe eindringen“. Als Unterform der Gleichgewichtsgrenze sieht er die apathische, erstarrte, blutarme „Trägheitsgrenze oder auch Trägestauungsgrenze“, der er wiederum die „übermäßig durchblutet[e], leicht erregt[e] und erregbar[e]“ tonische Reizgrenze gegenüberstellt. Haushofers Arbeit bietet eine exorbitante Fülle neuer Grenzkomposita. Zum Vergleich: Während sich im 1935 erschienenen Deutschen Wörterbuch insgesamt 398 separate Einträge zu diversen Grenzbegriffen finden, umfasst Haushofers „Grenznomenklatur“ 275 Ableitungsformen (also annähernd 70 % der Gesamtzahl des Deutschen Wörterbuchs), von denen im Deutschen Wörterbuch lediglich 73 verzeichnet sind – Haushofer kreiert also im Vergleich mit dem Deutschen Wörterbuch 202 neue Grenzkomposita, was einen Zuwachs von etwas über 50 % bedeutet. Viele der Neologismen Haushofers setzen die in Deutschland verstärkt seit der Reichsgründung zu beobachtende Verbürokratisierung des Grenzvokabulars voraus und treiben sie weiter, und zwar nicht selten zu bizarren Blüten, die von den ideologischen Zügen dieses „staats-“ bzw. „grenzbiologischen“ (Haushofer 1927, S. 132, 29) Ansatzes zeugen – Beispiele hierfür sind etwa die Ausdrücke Grenzdruckermittlung, -ferngefahr, -festigungserfahrung, -überschreitungskraft, -unterminierungsarbeit, -verantwortlichkeits-Bewusstsein, -verbitterung, -verschiebungsreiz, -volkstätigkeit. Expansionsgrenze: frontier Obwohl Haushofer sich wie auch schon Ratzel militant rassistischen Auffassungen verweigerte, ebnete er, wie ein Großteil der deutschen Vertreter der (Bio-)Geopolitik, mit seinem biologistischen und völkischen Grenzdenken der nationalsozialistischen Politik den Weg. Nach der Niederschlagung des Nationalsozialismus war dieser Strang des geopolitischen Denkens in Deutschland deshalb zu Recht kompromittiert. Die geopolitischen Grenzforscher in der Ratzel-Linie haben jedoch auch eine Reihe wichtiger Problemfelder markiert, die von den ausländischen Vertretern der Politischen Geographie aufgenommen und oft in kritischer Abset- 2.4 Falko Schmieder 34 zung von den deutschen Ansätzen weiterentwickelt wurden (vgl. Matznetter 1977). Im Blick auf Ratzel und die deutsche Geopolitik ist auch festzuhalten, dass das expansive Grenzdenken an der Wende zum 20. Jahrhundert kein Spezifikum der deutschen Theorieentwicklung war. Der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter definierte im Jahre 1918 den Imperialismus als „die objektlose Disposition eines Staates zu gewaltsamer Expansion ohne angebbare Grenze“ (Schumpeter 1918, S. 3). Im amerikanischen Englisch steht vor allem der Ausdruck frontier für eine Expansionsgrenze par excellence (vgl. Böckler 2007). Er wird seit dem 17. Jahrhundert für die Bezeichnung der Siedlergrenze verwendet. Später wurde er dann zunächst auf die besondere Mentalität der amerikanischen Pioniere und dann schließlich auf die gesamte amerikanische Gesellschaft übertragen. Eine Leitfigur war Frederick Jackson Turner, der den Begriff der frontier in den 1890er-Jahren theoretisch entwickelt und damit zugleich den Grundstein für eine mythisierende Überhöhung der Siedlererfahrung als Kern der amerikanischen Identitätsbildung geliefert hat (vgl. Turner 1893/1920). 1914 übertrug Turner dann den Ausdruck auf „new frontiers of unwon fields of science, fruitful for the needs of the race; there are frontiers of better social domains yet unexplored“ (Turner 1914, S. 300) – eine Wendung zu „neuen Herausforderungen“ aller Art, die dann an wichtigen Wendepunkten der amerikanischen Geschichte von höchsten Repräsentanten des Staates aufgegriffen wurde: von Franklin D. Roosevelt 1932 im Zusammenhang mit der Weltwirtschaftskrise und des New Deal, von Vannevar Bush in seinem Bericht Science. The endless frontier (1945) an den Präsidenten der USA sowie von John F. Kennedy in einer Rede vom 15. Juli 1960, mit der er seine Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten der Demokratischen Partei annahm. Die anhaltende Relevanz und internationale Ausstrahlung dieser „Mobilisierungsmetapher“ (Bredow 2014, S. 92) zeigt sich daran, dass die Europäische Kommission im Jahre 2005 den programmatischen Leitbegriff der Grundlagenforschung basic research durch den Begriff frontier research ersetzt hat (vgl. Flink/Kaldewey 2018). Auch das 1902 geprägte Schlagwort von Amerika als ‚Land der unbegrenzten Möglichkeiten‘ reflektiert die im frontier-Begriff festgehaltene Expansionskultur (vgl. Grossmann 1994; Petersen 1996). Übertragungen des Grenzbegriffs Die Ausbreitung der Grenzterminologie seit dem 16. Jahrhundert stand in einem engen Zusammenhang mit der Etablierung des modernen Territorialstaates und war semantisch entsprechend auf politisch-geografische Aspekte bezogen. Parallel dazu lassen sich vor allem bei Reformatoren und Humanisten übertragene Gebrauchsweisen erkennen, die sich von den räumlichen Bezügen lösten. Ein wichtiges Feld bilden speziell seit dem 16. Jahrhundert die Diskussionen um die Ausdehnung und Grenzen des Universums im Schnittfeld von Theologie, Philosophie, Mathematik und Astronomie. In diesen Debatten formte sich eine gänzlich neue Bedeutungsdimension von Grenze heraus, die dann vor allem seit dem 18. Jahrhundert zunehmende Verbreitung findet: „Während der Begriff der Grenze im ursprünglichen Sinne auf der Vorstellung eines Raumes diesseits oder jenseits der Scheidelinie fußt“, entwickelt sich nun „ein Gebrauch, der von dem Raum jenseits der Grenze mehr oder weniger absieht und das Wort [Grenze] so den Bedeutungen ,Schranke, Abschluss, Ziel, Ende‘ nähert“ (Hübner 1919/1935, Sp. 134). Indem die andere Seite der Beziehung nicht mehr ausdrücklich benannt wird, ist sie durch den Ausdruck nun selbst nicht mehr positiv, sondern nur noch durch Ausschluss definiert, womit offensichtlich auch die Symmetrie der Beziehung verloren geht (vgl. Böckler 2003, S. 211). Es 3 Entwicklungslinien einer interdisziplinären Begriffsgeschichte von Grenze 35 ändert sich durch diese Übertragung die logische Binnenstruktur des Begriffs – aus der Grenze zwischen wird die Grenze von. Eine Konsequenz dieser neuen Bedeutungsdimension ist der prominent bei Gottfried Wilhelm Leibniz zu beobachtende Versuch, zwischen Grenze und Schranke zu differenzieren (vgl. Fulda 1974, S. 875). Ein spezieller Beitrag von Leibniz zur Diskussion um den mathematischen Grenzbegriff ist seine Infinitesimalrechnung, mit der unendlich kleine (infinitesimale) Intervalle einer Funktion widerspruchsfrei beschrieben werden können. Die Bedeutung dieser neuen Dimension von Grenze zeigt sich in den Wörterbüchern und Enzyklopädien des 18. und 19. Jahrhunderts, die oft erstaunlich umfangreiche Beiträge zu diesem mathematischen Bedeutungsspektrum von „Grenze“ enthalten, das vom politisch-geografischen Bedeutungsstrang deutlich abgehoben wird. Im Verlauf der Entwicklung der Mathematik bildet sich eine ausdifferenzierte fachspezifische Terminologie heraus, die dann ihrerseits zum Reservoir weiterer Metaphorisierungen wird: zu den neuen Begriffen gehören u.a. Grenzwert, -beziehung, -form, -lage, -winkel, -zahl, -ziffer, -begriff, -bestimmung, -punkt oder das Begriffspaar Supremum und Infimum zur Bezeichnung der kleinsten oberen bzw. der größten unteren Schranke bei der Untersuchung halbgeordneter Mengen. Als übergreifende Klammer der beiden Entwicklungen des Grenzbegriffs seit dem 16. Jahrhundert ließe sich der speziell auch am Wandel der kartografischen Darstellungen verfolgbare Prozess neuzeitlicher Rationalisierung des Lebens verstehen, den auf dem Feld der Politik am reinsten die Grenze in Form einer geometrischen Linie verkörpert (vgl. Schneider 2006; Barth 2018). Grenze als erkenntniskritische Kategorie Die Mathematik ist aber nur ein, wenngleich wichtiges Feld, auf das der Grenzbegriff im Zuge der Ausbreitung der bürgerlichen Gesellschaft übertragen wird. Speziell seit dem 18. Jahrhundert dehnt sich der Gebrauch des Grenzbegriffs auf nahezu jedes Feld aus. Die Übertragungsdynamik erfolgt dabei keineswegs beliebig, sondern lässt verschiedene feldspezifische Muster, Dynamiken und Übertragungslogiken erkennen, die sich bestimmten sozial- und kulturhistorischen Entwicklungen zuordnen lassen. Verallgemeinert gesprochen, wird spätestens mit der Aufklärung Grenzbewusstsein als Verfahren der Selbstreflektion und Erkenntniskritik methodisch relevant. In besonderer Weise gilt das für die Philosophie. Bereits René Descartes (1626–28/1972, S. 28) erörtert am Beginn der neuzeitlichen Philosophie die „Grenzen der Erkenntniskraft“ (ingenii limites), und speziell mit Immanuel Kant wird der Rückgriff auf den Grenzbegriff als erkenntniskritische Kategorie verbindlich. Philosophie, heißt es in der Kritik der reinen Vernunft, bestehe darin, „seine Grenzen zu kennen“. In den Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können (1783) handeln die Paragrafen 57 bis 60 „Von der Grenzbestimmung der reinen Vernunft“. Verstärkt seit dem 19. Jahrhundert forderten die Entwicklungen der Naturwissenschaften Revisionen epistemologischer Grenzbegriffe heraus (vgl. Du Bois-Reymond 1873; Rickert 1896/1902). An den metaphorischen Dimensionen der Grenzbegriffe lassen sich zugleich die kulturellen und sozialen Einbettungen und Voraussetzungen der erkenntniskritischen Reflexionen ablesen, so etwa schon am vorkritischen Werk Kants, wenn es heißt, die Metaphysik sei „eine Wissenschaft von den Grenzen der menschlichen Vernunft, da ein kleines Land jederzeit viel Grenze hat, 3.1 Falko Schmieder 36 überhaupt auch mehr daran liegt, seine Besitzungen wohl zu kennen und zu behaupten, als blindlings auf Eroberungen auszugehen“ (Kant 1766/1912, S. 368). Bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel bekommt der Grenzbegriff dann bereits eine weitaus existenziellere Bedeutung, wenn er, in Absetzung sowohl von einer bloß erkenntniskritischen wie auch von mathematischen Bedeutungen, als eine wesentliche Dimension von Sein dynamischqualitativ bestimmt wird: „Die Negation ist im Dasein mit dem Sein noch unmittelbar identisch, und diese Negation ist das, was wir Grenze heißen. Etwas ist nur in seiner Grenze und durch seine Grenzen das, was es ist. Man darf somit die Grenze nicht als dem Dasein bloß äußerlich betrachten, sondern dieselbe geht vielmehr durch das ganze Dasein hindurch. Die Auffassung der Grenze als einer bloß äußerlichen Bestimmung des Daseins hat ihren Grund in der Verwechslung der quantitativen mit der qualitativen Grenze. Hier ist zunächst von der qualitativen Grenze die Rede“ (Hegel 1830/1970, S. 197, Herv. i. O.). In seiner Wissenschaft der Logik (1812/16) hatte Hegel eine spezifische Form des Hindurchgehens der Grenze durch das ganze Dasein in der „schlechten Unendlichkeit […] des Progresses des Quantitativen ins Unendliche“ gesehen. Gemeint ist damit das „fortgehende Überfliegen der Grenze“, das in der bürgerlichen Gesellschaft „für etwas Erhabenes und für eine Art von Gottesdienst gehalten“ werde (Hegel 1812–16/1969, S. 264, Herv. i. O.). Karl Marx verknüpft dann im Rahmen seiner Kritik der politischen Ökonomie (1857– 58/1974) die erkenntnis- wie auch die seinskritischen Dimensionen des Grenzbegriffs, wenn er sich im Zusammenhang von Darstellungsfragen der Grenzen der Dialektik (vgl. Haug 2001) versichert und zugleich die von Hegel beschriebene Expansionslogik des fortgehenden Grenzüberfliegens als Bewegungsprinzip der vom Kapitalverhältnis dominierten modernen Gesellschaft dechiffriert. „Die Tendenz[,] den Weltmarkt zu schaffen[,] ist unmittelbar im Begriff des Kapitals selbst gegeben. Jede Grenze erscheint als zu überwindende Schranke“ (Marx 1857–58/1974, S. 311, Herv. i. O.) Ganz ähnlich und stark an Hegels Formulierung erinnernd, sagt Carl v. Rodbertus-Jagetzow von den „Capitalien“, dass sie geradezu „die Beweglichkeit selbst“ sind und es vermögen, „sich in alle Formen umzusetzen, alle nationalen Grenzen zu überfliegen, sich zu ungeheuren Summen zusammenzuschließen“ (Rodbertus-Jagetzow 1869, S. V). Marx’ Kritik der politischen Ökonomie gibt als kritische Theorie der modernen Gesellschaft zugleich eine Erklärung für die seit der Neuzeit zu verzeichnende Expansion des Grenzbegriffs an die Hand – der Begriff drängt sich auf, weil die an der Schwelle zur Neuzeit sich herausbildende Gesellschaft als Ganze von einer Dynamik beherrscht ist, die bestehende Grenzen permanent in Frage stellt, unterläuft, überschreitet und verschiebt. Marx’ kritische Analyse dringt bis zu dem Punkt vor, wo die historischen Grenzen dieser Gesellschaftsform selbst aufscheinen. Die Marx’sche Theorie der modernen Gesellschaft ist damit ein Paradefall einer weiteren wesentlichen Entwicklung des Grenzbegriffs, die sich seit dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts anbahnt und im 19. Jahrhundert rasch an Bedeutung gewinnt: die Ausweitung auf die zeitliche Dimension und damit seine Temporalisierung. Die Grenze wird so von einer Linie oder Zone der Scheidung im Raum zu einer Grenze der Zeit, die verschiedene Epochen, Perioden, Weltalter etc. voneinander trennt. Entwicklungslinien einer interdisziplinären Begriffsgeschichte von Grenze 37 Übertragungen der Aufklärung Neben und im engen Kontakt mit der Entwicklung der erkenntniskritischen Dimensionen des Grenzbegriffs auf dem Gebiet der Philosophie entwickelt sich speziell seit der Aufklärung ein Grenzbegriff zur Reflexion der Zuständigkeiten und Formen bestimmter Wissensbereiche. Entdeckt die Aufklärung mit der Historizität der Begriffe zugleich das Erfordernis einer Reflexion ihrer Reichweite und ihres Umfangs, so wiederholt sich das in Bezug auf die disziplinären Organisationsformen des Wissens, die seit dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts in Bewegung geraten und neu begründet werden müssen. Ein seit dieser Zeit notorisches Feld ist die Kunsttheorie, für die u.a. Gotthold Ephraim Lessing mit seiner Schrift Laokoon oder über die Grenzen der Mahlerey und Poesie (1766) Maßstäbe gesetzt hat. Georg Gottfried Gervinus reflektiert dann schon verallgemeinernd „jenes von Lessing begriffene Bestreben der Zeit, in alle geistige Thätigkeiten, in die Gattungen der Dichtung, in die Grenzorte der Kunst und Wissenschaft [...] eine reine Scheidung zu bringen“ (Gervinus 1842, S. 406). Lessings Ansatz inspirierte eine Vielzahl anderer Versuche, die Grenzen verschiedener Wissenschaften, Gattungen, Künste oder zwischen Wissenschaft und Kunst auszuloten und die nun öfter beklagten „Grenz(en)verwirrungen“ aufzuklären – bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts entsteht so eine Fülle von Schriften zu den Grenzen der Musik und Poesie, der Malerei, der Kunst, der Mythologie, der Dichtung u.a.m. Eine von Lessing in seiner Hamburgischen Dramaturgie (1767/69) kommentierten Abhandlung von Richard Hurd mit dem Titel Über die verschiednen Gebiete des Drama verweist ähnlich wie Gervinus’ Begriff des Grenzorts oder der Grenzbegriff des frühen Kant auf den territorialen Hintergrund und Bildspender dieser Übertragungen. Dass es bei diesen Gebietsabsteckungen immer auch um Machtverhältnisse und Disziplinierungen geht, zeigt sich besonders deutlich an einem weiteren wichtigen Feld, auf dem der Grenzbegriff im übertragenen Sinne speziell seit der Aufklärung an Bedeutung gewinnt: dem der politischen und juristischen Theorie des Staates. Ein Standardthema ist die Bestimmung der Grenzen seiner Gewalt und Befugnisse. Ein Beispiel hierfür ist Wilhelm von Humboldts Arbeit Ideen zu einem Versuch, die Gränzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen, die im Jahre 1792 entstanden ist, aber zunächst verboten und erst im Jahre 1851 vollständig veröffentlicht wurde. Anton Kurz, Regierungsrat und Abgeordneter zur zweiten Kammer der Stände des Königreichs Bayern meinte 1821 im Hinblick auf die Literatur der Zeit feststellen zu können, dass „der Grundsatz“ von „allen Staatsrechtlehrern und Staats-Männern als richtig anerkannt“ sei, „ohne Trennung der Gewalten, ohne genaue Bezeichnung der Grenze ihres Wirkungskreises“ könne „keine vollständige Garantie für die Rechte der Staatsglieder“ bestehen (Kurz 1821, S. 22). Ein damit verbundenes Thema bilden die Diskussionen um die Grenzen der Pressefreiheit. Henrik Steffens zufolge erkenne jeder „gebildete Staat“ an, „daß die Grenze seiner Gewalt da sei, wo das Geistige angeht“ (Steffens 1808–09/1956, S. 324). Vorher hatte schon Martin Wieland die Auffassung vertreten, es stände der Gesellschaft übel an, „der Aufklärung […] unnatürliche Grenzen setzen zu wollen, da sie doch, vermöge der Natur des menschlichen Geistes ebenso grenzenlos ist als die Vollkommenheit, wozu die Menschheit mit ihrer Hülfe gelangen kann und soll!“ (Wieland 1788/1930, S. 229). Eine weitere „ebenso natürliche Folge der Aufklärung“ erblickt er in dem Umstand, dass, „je weiter die Grenzen unserer Kenntnisse hinaus gerückt werden“, desto weiter dehne sich „auch der Kreis des Möglichen“ aus (Wieland 1781/1928, S. 326). 3.2 Falko Schmieder 38 Ausdifferenzierung fachspezifischer Grenzvokabulare Neben solchen Zentralthemen finden sich Übertragungen des Grenzbegriffs auf alle erdenklichen anderen Bereiche – so ist von den Grenzen des Anstands, des guten Geschmacks, der Sittlichkeit usw. die Rede. Wie oben schon anhand der Mathematik gezeigt wurde, bilden sich mit der gesellschaftlichen Ausdifferenzierung und der Entstehung neuer Disziplinen und Forschungsfelder verschiedene fachspezifische Grenzvokabulare aus. Ein Beispiel hierfür ist die Politische Ökonomie bzw. die Nationalökonomie. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bildete sich gegen die von der klassischen Politischen Ökonomie von Adam Smith über David Ricardo bis hin zu John Stuart Mill sowie von Karl Marx vertretene objektive (Arbeits-)Wertlehre die subjektive Wertlehre heraus. In ihrem Rahmen entstand die sogenannte Grenznutzenschule. Ihren Namen erhielt sie nach dem von Friedrich von Wieser (1884, S. 128) als Äquivalent zu Hermann Heinrich Gossens „Wert des letzten Atoms“ und als deutsches Komplement zu angelsächsischen oder französischen Begriffen bzw. Theoremen wie final degree of utility, terminal utility oder intensité du dernier besoin satisfait eingeführten Begriff des Grenznutzens. Dieser Begriff bezeichnet „den Nutzen, den der letzte zur Verfügung stehende Teil des Vorrates an einem Gute für ein bestimmtes wirtschaftendes Subjekt hat; nach ihm bemiszt sich der Wert einer Mengeneinheit des Gutes für das betreffende Subjekt“ (Hübner 1919/1935, Sp. 172). Die Vertreter dieser Lehre werden Grenzwerttheoretiker genannt. Auf der Grundlage des Theorems vom Grenznutzen wurden innerhalb dieser Schule dann weitere ökonomische Grenzbegriffe entwickelt, wie etwa „Grenzarbeiter“, „Grenzunternehmung“ oder „Grenzboden“. Die in der Aufklärung entwickelte Vorstellung von der „grenzenlosen“ bzw. „unbegrenzten“4 Vervollkommnungsfähigkeit des Menschengeschlechts ruht auf geschichtsphilosophischen Prämissen, die im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts an Plausibilität zu verlieren begannen. Hatte Marx bereits die historischen Schranken der modernen Gesellschaft aufgewiesen, so sind es am Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem marxistische Theoretiker, die das Ziel verfolgen, im Anschluss an Marx möglichst exakt die objektiven Grenzen des Kapitalismus, den Endpunkt von dessen Entwicklung zu bestimmen. Rosa Luxemburg (1913/1975) vertrat die These, dass mit der Durchkapitalisierung der nichtkapitalistischen Länder der Kapitalismus notwendig zusammenbrechen müsse, da er keine äußeren Absatzgebiete mehr vorfinde. Henryk Grossmann legte das von Marx postulierte Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate zum ersten Mal systematisch als Theorie des unausweichlichen Zusammenbruchs des Kapitalismus aus. Die Leitfrage seines Buches, „ob der vollentwickelte Kapitalismus als ausschließliches und allgemeines, nur auf sich selbst angewiesenes Wirtschaftssystem imstande ist, den Reproduktionsprozess auf einer fortschreitend sich erweiternden Basis schrankenlos zu entfalten, oder aber ob für diese Erweiterung nicht etwa irgendwelche unüberschreitbare Grenzen bestehen“ (Grossmann 1929, S. VIII) beantwortet er nach Art eines mathematischen Beweises mit der These, dass für die Kapitalakkumulation „eine exakt bestimmbare Maximalgrenze gezogen“ sei, „weil die Höchstquote der erzielbaren Mehrwertmasse exakt gegeben ist“ (ebd., S. 523). Infolge mangelnder Kapitalverwertung tritt für ihn „notwendig das Ende der Kapitalakkumulation ein“ (ebd., S. 164). 3.3 4 Zur Auseinanderentwicklung dieser anfänglich synonymen Wörter vgl. das Lemma „grenzenlos“ im Deutschen Wörterbuch der Gebrüder Grimm. Entwicklungslinien einer interdisziplinären Begriffsgeschichte von Grenze 39 Zu den semantischen Variationen seiner Zusammenbruchstheorie gehören Begriffe wie „Entwicklungsgrenze“, „Akkumulationsgrenze“, „Zusammenbruchsgrenze“ oder „Verwertungsgrenze“, die ebenso wie seine Wendung vom „Entropiegesetz der Kapitalakkumulation“ (ebd., S. 190) auf den Einfluss naturwissenschaftlicher Methoden hindeuten. John Maynard Keynes spricht in ähnlichem Zusammenhang von der „Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals“ (englisch marginal efficiency of capital; Keynes 1936/1983, S. 185). Am Beginn des 20. Jahrhunderts spielt der Grenzbegriff auch in der Lebensphilosophie und der Soziologie eine Rolle, prominent etwa und in verschiedenen Zusammenhängen und Variationen bei Georg Simmel. In seinen Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung konstatiert er, der Begriff der Grenze sei „in allen Verhältnissen von Menschen untereinander äußerst wichtig, wenngleich sein Sinn nicht immer ein soziologischer ist“ (Simmel 1908/1992, S. 696). Gegen naturalistische Grenzauffassungen betont er den Konstruktionscharakter, die gesellschaftliche Vermitteltheit von Grenzen: „Die Grenze ist nicht eine räumliche Tatsache mit soziologischen Wirkungen, sondern eine soziologische Tatsache, die sich räumlich formt“ (ebd., S. 697). Und an anderer Stelle heißt es, dass „jede Grenze […] ein seelisches, näher: ein soziologisches Geschehen“ sei (ebd., S. 699). In der späten Arbeit Lebensanschauung nimmt Simmel die soziologische Bedeutung zurück und wertet sie als eine anthropologische, wenn er den Menschen als ein „Grenzwesen, das keine Grenze hat“, bestimmt (Simmel 1918/1999, S. 218) und ganz allgemein das Leben „als Einheit von Grenzsetzung und Grenz- überschreitung“ betrachtet (ebd., S. 230). Parallele Begriffe wie „revolutionär“ oder „schöpferisch“ zeigen aber an, dass dieser lebensphilosophische Ansatz Bestimmungen naturalisiert, die Marx schon als dezidiert gesellschaftliche ausgewiesen hatte. Ganz ähnlich verhält es sich mit dem von Karl Jaspers im Jahre 1919 wohl in Reaktion auf die Erfahrung des Ersten Weltkrieges geprägten und seitdem immer wieder aufgegriffenen Begriff der Grenzsituation. Grenzsituationen, auch Grundsituationen oder letzte Situationen genannt, sind unvermeidliche Widerfahrnisse (wie beispielsweise Tod, Zufall, Schuld und die Unzuverlässigkeit der Welt), bei denen der Mensch auf seine Grenzen stößt und sein Scheitern erfährt. Für Jaspers ist nun entscheidend, wie der Mensch sich in diesen Grenzsituationen verhält, ob er sie verdrängt und ihnen ausweicht oder ob er sie nutzt, um zu seiner Existenz durchzubrechen. „Grenze bezeichnet dann nicht mehr bloß die endgültige Beschränkung, sondern zugleich die Stelle, an der das Dasein auf Transzendenz hin durchsichtig wird und somit aus möglicher in wirkliche Existenz umschlägt“ (Saner 1974, S. 878). „Grenzsituationen erfahren und Existieren ist dasselbe“ (Jaspers 1932, S. 204, Herv. i. O.). Hans Blumenberg sieht in der Figur des Scheiterns „eine Metapher der Grenzerfahrung, die erst mit der nachlebensphilosophischen Existenzphilosophie“ (Blumenberg 1987, S. 123) die historische Bühne betritt. Mit dem Anwachsen sozialer Antagonismen wird auch der Grenzbegriff vermehrt zu einem Kampfkonzept. Ab Mitte der 1920er-Jahre entstehen zeitlich parallel und oft auch in Reaktion auf die marxistischen Zusammenbruchstheorien kulturkritische Ansätze, die zwar oft immer noch auf lebensphilosophischen, anthropologischen oder naturalistischen Prämissen beruhen, aber den Grenzbegriff wieder verstärkt mit sozialkritischen Gehalten verbinden. Oswald Spengler sieht im Anschluss an Friedrich Nietzsche in der Geschichte einen „Wille[n] zur Macht“ am Werk, „der aller Grenzen von Zeit und Raum spottet, der das Grenzenlose, das Unendliche zum eigentlichen Ziel hat“ und „sich ganze Erdteile [unterwirft]“ (Spengler 1931, S. 62). An diesem Willen werde die abendländische Zivilisation zerbrechen. Anklänge an das Zusammenbruchstheorem von Rosa Luxemburg finden sich in Jaspers’ Die geistige Situation Falko Schmieder 40 der Zeit (1931/1964). Darin wird konstatiert, dass der Planet „zum erstenmal […] der eine umfassende Wohnplatz des Menschen“ geworden und damit „die äußere Eroberungsbewegung […] an ihre Grenze gestoßen [ist]; die sich ausbreitende Bewegung trifft gleichsam im Rückstoß auf sich selbst“ und lasse so „die Grenze der Daseinsordnung“ (Jaspers 1931/1964, S. 17, 37) hervortreten. Der Begriff der Grenze nimmt in diesen Diskursen, ähnlich wie bei den marxistischen Vertretern, die Bedeutung des Endes des Kapitalismus an und dient zur Untersuchung der genaueren Formen und Gründe dieses Endes. Helmuth Plessner hat in seiner 1924 veröffentlichten Arbeit Grenzen der Gemeinschaft. Eine Kritik des sozialen Radikalismus (1924/2002) den Grenzbegriff in umgekehrter Richtung gegen die linke wie rechte Gesellschaftskritik gekehrt und damit einen soziologischen Grenzbegriff entwickelt, der bis heute wirkmächtig ist. Aber auch seine später entwickelte philosophische Anthropologie sieht die „prometheische Kultur“ der Moderne „unter dem Gesetz der Grenzenlosigkeit“ stehen, weshalb sich das Problem der Unmenschlichkeit „mit größerer Dringlichkeit als früher“ (Plessner 1967/2003, S. 334, 328) und in wachsender Schärfe stelle. Grenzen und Extreme Ein hervorstechender Zug des Grenzdenkens der 1930er-Jahre ist die Verknüpfung des Begriffs der Grenze mit anderen (oft temporalen) Grenzbegriffen wie denen des Rekords, des Tempos, der Front oder des Extrems, die ihrerseits den Begriff der Grenze historisch profilieren und feldspezifisch neu bestimmen. In diesem Sinne sieht es Ernst Jünger 1932 in seinem Essay Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt als Signatur seiner Zeit an, „fortwährend über die äu- ßersten Grenzen der Leistungsfähigkeit unterrichtet zu sein“ (Jünger 1932/1982, S. 146). Im Deutschen Wörterbuch wird dieses Bedeutungssegment als ein spezifischer Wortgebrauch von Grenze beschrieben, „der die Annäherung eines Zustandes an sein Extrem bezeichnet“ und sich darin mit der Bedeutung von „alle Grenzen überschreitend, maßlos, rein quantitierend“ berührt (Hübner 1919/1935, Sp. 155). Dieser Gebrauch, der sich überhaupt erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entwickelt, hat seitdem beständig an Bedeutung wie auch an existenzieller Wucht gewonnen. Ein neuer Grenzbegriff, der die traumatischen Erfahrungen der Konzentrationslager reflektiert, ist der 1943 von Bruno Bettelheim eingeführte Begriff der Extremsituation, der in einem Aufsatz mit dem Titel Die äußerste Grenze entwickelt wird (vgl. Bettelheim 1943/1982). „Wir befinden uns dann in einer Extremsituation, wenn wir in eine Lage hineinkatapultiert werden, in der unsere alten Anpassungsmechanismen und Wertvorstellungen nicht mehr helfen, ja wo sogar einige von ihnen unser Leben gefährden, anstatt es wie früher zu schützen. In dieser Situation werden wir sozusagen unseres ganzen Abwehrsystems beraubt, und wir werden so weit zurückgeworfen, daß wir – der Situation gemäß – neue Einstellungen, Lebensweisen und Wertvorstellungen entwickeln müssen“ (ebd., S. 20). Seit den 1950er-Jahren lässt sich eine zunehmende Verbindung des Grenzbegriffs mit der Technikentwicklung beobachten. Ein wichtiges Feld ist das der Auseinandersetzungen mit der Atombombe und den neuen Massenvernichtungsmitteln. Ein einflussreicher philosophischer Interpret ist Günther Anders, der die conditio humana grundlegend verändert sieht und erkenntniskritische Konsequenzen daraus zieht. 3.4 Entwicklungslinien einer interdisziplinären Begriffsgeschichte von Grenze 41 „Eine Kritik der Grenzen des Menschen, also nicht nur der seiner Vernunft, sondern der Grenzen aller seiner Vermögen (der seiner Phantasie, seines Fühlens, seines Verantworten[s] usf.) scheint mir heute, da sein Produzieren alle Grenzen gesprengt zu haben scheint, und da diese spezielle Grenzsprengung die noch immer bestehenden Grenzen der anderen Vermögen umso deutlicher sichtbar gemacht hat, geradezu das Desiderat der Philosophie geworden zu sein“ (Anders 1956/2002, S. 18, Herv. i. O.). Im Zusammenhang mit den Atombombentests ergeben sich seit den 1950er-Jahren intensive Diskussionen um die zulässigen Obergrenzen radioaktiver Belastungen – ein Thema, das dann mit der Entstehung der Ökologiebewegung seit Ende der 1960er-Jahre eine allgemeinere Bedeutung gewinnt und sich auf eine Fülle sogenannter Schadstoffe bezieht. Debatten um Grenzwerte, Obergrenzen, Höchstbelastungsgrenzen, ihre Konstitution, Einhaltung, Kontrolle und Ahndung bilden seitdem ein durchgängiges Politikum, dessen Bedeutung beständig zu wachsen scheint, wie neuere Diskussionen um Schadstoffemissionen oder Treibhausgase und die darauf bezogenen Grenzbegriffe (Stoppfunktion, Leitplanke, Korridor, Tempolimit u.a.) zeigen. Grenzbegriffliches Neuland: die Politische Ökologie und die Grenzen im Globalisierungsdiskurs Die Entstehung der Ökologiebewegung markiert dann wohl auch den tiefsten Einschnitt in der jüngeren Diskursgeschichte zum Thema und Begriff der Grenze, den die klassische Pionierarbeit Die Grenzen des Wachstums (Meadows et al. 1973) signalgebend im Titel trägt. Das Buch wurde in kürzester Zeit zu einem Weltbestseller und richtete das ökologiepolitische Denken neu aus, wobei der Grenzbegriff eine Schlüsselrolle spielte (vgl. Mansholt 1974; Peccei/Siebker 1974; Illich 1975). Die Hauptthese ist, dass das moderne Wirtschaftssystem mit seinem Wachstumsimperativ zwangsläufig dazu tendiert, über gegebene Naturgrenzen hinauszuschießen, was die Gefahr eines „Zusammenbruchs“ impliziere. Damit kehrt die speziell vom marxistischen Denken bearbeitete Problematik der systemischen Grenzen des Kapitalismus zurück, die jetzt aber nicht mehr in immanenten Faktoren, sondern in den (externen) natürlichen Bedingungen gesehen werden. Für den Fall eines Anhaltens der Entwicklungstrends prognostizieren die Autoren das Erreichen der „absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten 100 Jahre“ (Meadows et al. 1973, S. 17). Sie sehen die Menschheit damit an einem „Wendepunkt der Geschichte“ (ebd., S. 174) stehen – eine Formel, die im Bunde mit der zäsuralen Wendung des „zum ersten Mal“ für die frühe Rezeption prägend wird (vgl. Mesarović/Pestel 1974). Herbert Gruhl (1975, S. 225) spricht von einer „kopernikanischen“ bzw. „planetarischen Wende“ (ebd., S. 226) und zieht als Lehre den Schluss, dass das neue Denken „von den Grenzen dieses Planeten ausgehen“ muss (ebd.). Mit der Wendebestimmung geht zugleich eine neue Betrachtung der Vergangenheit einher, als deren „Kulturidol“ Gruhl „das Prinzip des Kampfes gegen Grenzen“ sieht (ebd.). Ganz ähnlich war es für Erhard Eppler, „das Pathos der europäischen Geschichte, zumindest seit Beginn der industriellen Revolution, wenn nicht schon seit der Renaissance, die Überwindbarkeit von Grenzen immer neu zu demonstrieren: Grenzen des Wissens und Erkennens, Grenzen der Leistung, Grenzen der Geschwindigkeit, Grenzen der Produktivität und der Produktion, Grenzen des Raumes, schließlich Grenzen des Erdballs selbst“ (Eppler 1975, S. 11). 3.5 Falko Schmieder 42 Entsprechend besteht für ihn der „historische Wendepunkt“ im (geforderten) Übergang „von einem Zeitalter der Grenzüberwindung zu einem Zeitalter der Grenzbestimmung“ (ebd., S. 22). War schon die Temporalisierung der Grenze, wie sie sich etwa in der um 1800 entstehenden Rede von der Grenze der Zeiten manifestiert, eine semantische Innovation, so gewinnt die Temporalisierung eine neue Qualität, wenn das jüngste Zeitalter selbst als eines der permanenten Grenzüberschreitung charakterisiert wird. Als eine Konsequenz ihrer Befunde forderten die Autoren der Grenzen des Wachstums, „neue Denkgewohnheiten zu entwickeln, die zu einer grundsätzlichen Änderung menschlichen Verhaltens und damit auch der Gesamtstruktur der gegenwärtigen Gesellschaft führen“ (Meadows et al. 1973, S. 170). Ihre Anregung, „bessere Einsichten in die Ursachen […] für die Grenzen des Wachstums zu gewinnen“ (ebd., S. 80), wurde in der Folgezeit aufgenommen und führte zur Reduktion des zunächst noch beträchtlichen Mangels „an grundlegenden Daten und selbst an einem elementaren Vokabular im Zusammenhang mit der […] Überschreitung von Grenzen“ (Meadows et al. 2006, S. XVI). Die 1992 präsentierte Nachfolgestudie Die neuen Grenzen des Wachstums, die mit dem Kapitel „Grenzüberschreitung“ beginnt, präsentiert ein Glossar, in dem wichtige Grenzbegriffe der ökologischen Systemforschung definiert werden. Zum Stichwort „Grenzen“ heißt es: „Im Sinne dieses Buches sind Grenzen nicht als geographische Begrenzungen zu verstehen, sondern allgemein als Höchstbelastungen, die man der Umwelt aufbürden kann, ohne ihre lebenswichtigen Funktionen nachhaltig zu stören“ (Meadows et al. 1993, S. 299). „Grenzüberziehung“ wird als „zeitweiliger Zustand, bei dem für die Dauer nicht überschreitbare Grenzen überschritten sind“, definiert. „Grenzüberziehung wird verursacht durch Verzögerungen oder fehlerhafte bzw. falsch verstandene Informationen über Systemgrenzen, die es unmöglich machen, das System in den auf Dauer erträglichen Grenzen zu halten. Grenzüberziehung kann auch als Ergebnis einer zu hohen Wachstumsrate auftreten, so dass das hohe Moment der Veränderung ein Hinausschießen über Grenzen unvermeidbar macht. Grenzüberziehung muss durch Systembeschränkung rückgängig gemacht werden, da sonst die Gefahr eines Zusammenbruchs droht“ (ebd.). Die Ausdifferenzierung des ökologischen Grenzvokabulars und die Entwicklung neuer quantitativer Maße für die Diskussion der Grenzüberschreitung erfolgt auf breiterer Basis ab Mitte der 1990er-Jahre. In ihrer neuen Arbeit Grenzen des Wachstums. Das 30-Jahre-Update heben die Autoren besonders das von Mathis Wackernagel und Kollegen entwickelte Konzept des ökologischen Fußabdrucks der Menschheit hervor, das die Anforderungen der Menschheit an die Erde ins Verhältnis zu ihrer Kapazität, diese zu erfüllen, setzt. Dabei werden jetzt verschiedene Formen von Grenzen (z.B. nach Gegenstandsfeldern oder Zeitspannen) sowie von Grenzüberschreitungen (z.B. Grenzüberschreitung mit Schwingungsvorgang und Grenz- überschreitung mit Zusammenbruch) differenziert. Ins Blickfeld treten jetzt auch stärker die Komplexität der Zusammenhänge (feedbacks, nichtlineare Beziehungen etc.) zwischen verschiedenen Formen von Grenzüberschreitung sowie die epistemischen Schwierigkeiten ihrer Erfassung. „Die Signale, die der wachsenden Bevölkerung und Wirtschaft die Grenzen aufzeigen, sind verzerrt, verschwommen und verwirrend, kommen mit Verzögerung an oder werden ignoriert. Daher erfolgen die Reaktionen auf diese Signale ebenfalls verzögert.“ (Meadows et al. 2006, S. 182) Von großer Bedeutung ist dabei die Figur der Kipppunkte oder auch tipping points. „Das Unheimliche daran ist, dass niemand weiß, wann ein tipping point erreicht ist, wie lange ein System belastbar ist, wo seine Bruchstellen liegen. All das zeigt sich erst im Entwicklungslinien einer interdisziplinären Begriffsgeschichte von Grenze 43 Kollaps. Ex post wird man gewusst haben, dass eine Grenze erreicht wurde, die man nicht zur Kenntnis genommen hat.“ (Horn 2014, S. 378, Herv. i. O.) Konzepte wie Grenzüberschreitung mit und ohne Zusammenbruch führen zu einer Verräumlichung und Verzeitlichung des ökologischen Grenzdenkens, das mit verschiedenen Formen von Überlastung rechnet und diese Überlastungen nicht als einmalige Brüche oder punktuelle Katastrophen, sondern als gedehnte, längerfristige Prozesse fasst. Populäre Bilder, die den vermeinten Zustand einer globalen Grenzüberschreitung erfassen, sind die des Fiebers, der Verschuldung oder das der Kontraproduktivität; eine alltagspolitische Übersetzung quantifizierter Grenzüberschreitungen ist etwa der Erdüberlastungstag (oder auch Welterschöpfungstag, Weltüberlastungstag, Ressourcenerschöpfungstag, Ökoschuldentag; im Englischen spricht man vom Earth Overshoot Day oder auch Ecological Debt Day), der den Tag eines Jahres bezeichnet, an dem die Menschheit beginnt, die hypothetisch angenommenen jährlich zur Verfügung stehenden natürlichen Ressourcen überzubeanspruchen. Ein sprachliches Charakteristikum der ,Epoche der Grenzüberschreitung‘ ist die wachsende Bedeutung der Vorsilbe über-, wie sie in Begriffen wie Übervölkerung, Übernutzung, Überfischung, Überweidung, Überentwicklung, Übersäuerung erscheint. Das Deutsche Wörterbuch erfasst unter dem Lemma „Grenze“ solcherart Konstruktionen in einer besonderen Gruppe und kommentiert, dass die Grenze hier das Gebiet des Billigen, Erlaubten, Rechtmäßigen, Gehörigen oder Schicklichen abschließt (vgl. Hübner 1919/1935, Sp. 143). Diese Einschätzung erscheint vor dem Hintergrund des aktuellen Sprachgebrauchs nachgerade harmlos und steht in einem deutlichen Kontrast zur existenziellen Härte der ökologischen Begriffe, wo die Grenzüberschreitung eher in die Zone der Gefahr, des Risikos, des Zusammenbruchs oder der Überlebensbedrohung hineinführt. Zeitlich parallel zur Herausbildung des ökologischen Grenzforschungsparadigmas entsteht seit den 1980er Jahren ein Diskurs zur sogenannten Globalisierung, der gerade den zunehmenden Bedeutungsverlust von Grenzen behauptet, wobei hier vor allem die politisch-territorialen Grenzen des traditionellen Nationalstaates gemeint sind. Leitbegriffe und Topoi des Globalisierungsdiskurses sind etwa Entgrenzung, Verflüssigung, grenzenlose Welt oder vielfältige Verbindungen mit dem Adjektiv grenzüberschreitend (Handel, Verkehr, Mobilität, Austausch, Informationen, Prozesse etc.). In Bezug auf den ökologischen Grenzdiskurs heißt das, dass die Umweltprobleme nur im Rahmen internationaler Vereinbarungen und Kooperationen angegangen werden können. Zu den drastischen Folgen des ökologischen Grenzüberzugs gehört die schon seit einiger Zeit beobachtbare beschleunigte Verschiebung ,natürlicher‘ Grenzen (z.B. der Verbreitungsgebiete von Tieren und Pflanzen, der Klimazonen, der Gletscher und Eisgebiete bis hin zur Veränderung des Verhältnisses von Land- und Wassermassen) sowie die Zunahme von Massenmigration, die schon heute zur Veränderung staatlicher Grenzregime führen. Im Spannungsfeld zwischen kapitalistischer Entgrenzung und (öko-)politischer Begrenzung stoßen gegensätzliche Grenzbegriffe aufeinander, die der Ausdruck unbewältigter Probleme und realer politischer Konflikte sind (vgl. Altvater/Mahnkopf 1996). Eine neue Kategorie, die in diesem Spannungsfeld entstanden ist, ist die des Klimaflüchtlings, die an Bedeutung sicher zunehmen wird. Die vielen neuen Grenzstreitigkeiten zeigen jedenfalls, dass die mit dem Diskurs zur Globalisierung verbundene Auffassung von der Antiquiertheit der Grenze (Anders 1979) voreilig bzw. irreführend war. Falko Schmieder 44 Fazit und Ausblick Die neuere Institutionalisierung der Grenzforschung in den border(land) studies und der Boundary-Forschung seit den 1990er-Jahren indiziert das Bewusstsein, dass sich Grenzen keineswegs ganz aufgelöst haben, sondern verschoben, verändert, diversifiziert und neu organisiert wurden, was sich in einer erstaunlichen Fülle neuer Qualifizierungen wie etwa unsichtbare, virtuelle, intelligente, elektronische, smarte oder mobile Grenzen ausdrückt. Diese vielfältigen Adjektivierungen verweisen auf neue Technologien und Praktiken der Grenzziehung und auf den Prozess einer Medialisierung und Diversifizierung von Grenzen, der zu einer stärkeren Verklammerung politisch-geografischer und kultureller Grenzbestimmungen führt, weil sich damit die Grenzen immer mehr in die Gesellschaften hineinverlagern. Wie der vorliegende Aufsatz anhand begriffshistorischer Untersuchungen gezeigt hat, stehen diese Prozesse in einer längeren Tradition, die mit der Entstehung moderner Staaten beginnt. Markant seit der Aufklärung dient der Grenzbegriff dann auch der theoretischen Reflexion spezifischer Merkmale der modernen Gesellschaft. Die ihr inhärente Dynamik führt nicht nur zur Temporalisierung des Grenzbegriffs, sondern darüber hinaus auch dazu, dass sich in ihrem Rahmen der Begriff zu einer spezifischen Epochensignatur entwickelt. Die Moderne als eine Ordnung, die „sich nur (noch) dynamisch zu stabilisieren vermag“ (Rosa 2016, S. 673, Herv. i. O.), erscheint als „Zeitalter der Grenzüberwindung“ bzw. „Grenzüberschreitung“. Die für sie charakteristische Dialektik von (ökonomischer, technologischer) Entgrenzung und (politischer, moralischer, ethischer) Begrenzung setzt als Widerspruchsbewegung immer neue Grenzbegriffe frei. Die Flexibilisierung und Entgrenzung des Grenzbegriffs führt so weit, dass sich der Begriff in der Gestalt des frontier-Begriffs als Expansionsgrenze selbst noch sein Gegenteil einzuverleiben scheint. Der systemisch eingebaute Steigerungsimperativ und die daraus resultierende Beschleunigungsdynamik werden mit Sicherheit zu einem weiteren Bedeutungszuwachs von Grenzkategorien führen, da die gesellschaftlichen Strukturen und Lebensverhältnisse im Zeichen von Globalisierung und Klimakatastrophe unter einen weiter steigenden Veränderungsdruck geraten. Die Verflüssigung verschiedener Grenzen und Grenzsysteme wird zu massiven Grenzstreitigkeiten und Grenzkonflikten und zur Entstehung neuer Grenzziehungspraktiken (Formen der Einund Ausschließung) führen. Die neuere Grenzforschung reagiert auf diese Entwicklungen mit dem Plädoyer für eine „erweiterte Grenzperspektive“ und eine interdisziplinäre Zusammenführung verschiedener Grenzforschungen und Grenzbegriffe, um der Komplexität und dem Zusammenspiel verschiedener Grenzregime sowie den Widersprüchen und Ungleichzeitigkeiten feldspezifischer Grenzbegriffe und Grenzpraktiken Rechnung zu tragen (vgl. Newman 2006; Gerst et al. 2018). Sie trägt damit in einer unsicherer und unübersichtlicher werdenden Welt zur Politisierung der (kultur-)wissenschaftlichen Forschungspraxis bei. Weiterführende Literatur Böckler, Stefan (2003): Grenze: Allerweltswort oder Grundbegriffe der Moderne? In: Archiv für Begriffsgeschichte. Bd. 45, Hamburg: Meiner, S. 167–220. Febvre, Lucien (1928/1988): „Frontière“ – Wort und Bedeutung. In: Ders.: Das Gewissen des Historikers. Berlin: Wagenbach, S. 27–37. Hübner, Arthur (1919/1935): [Art.] Grenze. In: Grimm, Jacob/Grimm, Wilhelm (Hrsg.): Deutsches Wörterbuch. 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Als elementare Aufgabe einer Soziologie der Grenze wird das Ziel ausgegeben, den aus verschiedenen Modi von Grenzziehungen resultierenden Gesellschaftstypen je verschiedene Grenztypen zuzuordnen. Schlagwörter Grenze, Gesellschaft, Entgrenzung, Abschottung, Formwandel Einleitung Keine Gesellschaft kommt ohne Grenzziehungen aus. Die erste von ihr vollzogene Grenzziehung ist diejenige, mit der sie sich von etwas anderem unterscheidet. Gesellschaft ist damit selbst das Produkt einer Grenzziehung. Damit die Gesellschaft sie selbst sein kann, muss sie sich von etwas anderem abgrenzen (lassen). In der sozialwissenschaftlichen Literatur wird die Gesellschaft klassischerweise der Natur (vgl. Rehberg 2008), der Kultur (vgl. Rehberg 1985), dem Staat (vgl. Luhmann 1994), dem Individuum (vgl. Schroer 2001a), der Gemeinschaft (vgl. Tönnies 1979) und anderen Gesellschaften (vgl. Immerfall 1995) gegenübergestellt, um anschließend über die Beziehungen nachzudenken, die zwischen den so unterschiedenen Grö- ßen bestehen. Erst durch diese Trennung werden beide Seiten der Unterscheidung in eine gewisse Spannung zueinander gebracht. Dabei handelt es sich nicht um rein epistemologische Grenzziehungen, die eine arbeitsteilig verfahrende wissenschaftliche Erforschung ermöglichen soll, sondern um tief in die moderne Gesellschaft eingesenkte Denkkategorien, die das Handeln der Menschen und die soziale Praxis prägen. Sie zeigen, dass in einem unübersichtlichen Feld von Möglichkeiten einzelne Bereiche eingegrenzt und von anderen abgegrenzt werden, um der Komplexität des Gegebenen eine Ordnung abzuringen, die auf der Einführung solcher Dualismen beruht. Grenzziehungen bringen also Ordnungen hervor und jede Ordnung verdankt sich bestimmter Grenzziehungen. Je nachdem, wie diese gezogen werden, entsteht eine je spezifische (gesellschaftliche) Ordnung. Im vorliegenden Beitrag geht es darum, das Verhältnis von Gesellschaften und ihren Grenzen zu analysieren. Dabei stellen sich grundsätzliche Fragen: Wo verlaufen die Grenzen der Gesellschaften? Welche Art Grenzen ziehen Gesellschaften? Wer legt die Grenzen der Gesellschaften fest? Gibt es eine klar zu bestimmende Grenze, an der Gesellschaft aufhört und etwas anderes beginnt? Was wäre dieses andere? Um diesen Fragenkomplex bearbeiten zu können, geht es im Folgenden um die nähere Bestimmung der beiden Begriffe Grenze und Gesellschaft (1). Dabei werden beide nicht isoliert behandelt, sondern von Anfang an aufeinander bezogen. Es geht also nicht einerseits um Gesellschaft und andererseits um Grenzen, sondern um die „Grenzen der Gesellschaft“ (Mauss 1975, S. 134; Lévi-Strauss 1967, S. 321). Der darauffolgende historische Abriss (2) zeigt, dass Jäger- und Sammlergesellschaften, Agrargesellschaften und Nationalgesellschaften nicht nur 1. 50 über Grenzen verfügen, sondern das Produkt von Grenzziehungen sind, die sie selbst vornehmen. Im Anschluss daran werden verschiedene Gesellschaftsentwürfe (globale Gesellschaft, Weltgesellschaft, Netzwerkgesellschaft, „Liquid Modernity“) vorgestellt (3) und kritisiert (4). Schließlich wird die von den neuen Gesellschaftsformen geteilte Vorstellung einer wachsenden Indifferenz gegenüber physischen Räumen und territorialen Grenzen mit der aktuellen These einer weltweiten Wiederkehr der Grenzen konfrontiert (5). Der Beitrag plädiert abschließend (6) im Sinne einer elaborierten Grenzforschung dafür, den Suggestionen einer grenzenlosen Gesellschaft auf der einen und von sich einmauernden Gesellschaften auf der anderen Seite nicht zu erliegen, sondern den Wandel der Grenzformen in den Mittelpunkt der grenzsoziologischen Forschung zu stellen. Elementare Aufgabe einer Soziologie der Grenze wäre es, den aus verschiedenen Modi von Grenzziehungen resultierenden „Gesellschaftstypen“ (vgl. Tenbruck 1989a; Popitz 1995, S. 130) je verschiedene Grenztypen zuzuordnen. Gesellschaften und ihre Grenzen Der sozialen Morphologie von Emile Durkheim, Marcel Mauss und Maurice Halbwachs (vgl. Halbwachs 2002; Durkheim 2010; Mauss 2010; Schroer 2018a) verdanken wir die zentrale Einsicht, dass der Terminus Gesellschaft nicht für eine rein abstrakte Vorstellung steht, die ausschließlich in den Köpfen der Menschen vorkommt, sondern ein durchaus konkretes Gebilde bezeichnet: „Keine Gesellschaft, die sich nicht auch in ihren räumlichen Umrissen zeigte, nicht eine Ausdehnung und materielle Unterlage hätte.“ (Halbwachs 2002, S. 23) Gerade ihre morphologische Struktur bestimmt die jeweilige Form einer Gesellschaft: „Je nachdem, ob die Bevölkerung mehr oder weniger umfangreich und mehr oder weniger dicht ist, je nachdem, ob sie in den Städten konzentriert oder über das Land zerstreut, je nach Bauweise der Städte und der Häuser, je nachdem, ob der von der Gesellschaft eingenommene Raum mehr oder weniger ausgedehnt ist, je nachdem, welches ihre Grenzen sind und welches die Verkehrswege, die sie durchziehen, etc., ist das soziale Substrat ein verschiedenes.“ (Durkheim 2010, S. 182) Gesellschaften schreiben sich förmlich in den Raum ein, nehmen unterschiedliche Gestalt an, bleiben aber niemals eine bloße Idee. Dabei zeichnen sie sich vor allem auch durch ihre Grenzziehungen aus, mit denen sie sich überhaupt erst konstituieren: „Gesellschaften […] sind soziale Einheiten. Wo immer Menschen sich zusammentun, wo sie ihr Verhalten alltäglich einander orientieren, entstehen soziale Einheiten: Wildbeuter- Horden, Familien, Sippen, Städte, bis hin zum Gesangsverein. Vergesellschaftung gehorcht einem zellenbildenden Prinzip. Soziale Einheiten sind leicht zu erkennen, weil sie Wert darauf legen, sich erkennbar zu machen. Sie ziehen Grenzen zwischen Innen und Außen, Drinsein und Draußensein. Wer als Zugehöriger anerkannt wird, muß über bestimmte Qualitäten verfügen, angeborene wie Geschlecht oder Herkunft, oder erworbene wie bestimmte Leistungen oder Bewährungen. Vergesellschaftung bedeutet, daß Menschen in Strukturen von Zugehörigkeiten leben. Also in Ein- und Ausgrenzungen. Das zellenbildende Prinzip der Vergesellschaftung ist ein Prinzip der Grenzziehung.“ (Popitz 1995, S. 126f.) Diese Auffassung von Gesellschaften ist für unseren Zusammenhang zentral, da hier Grenzziehungen als fundamentale Basisoperation von Gesellschaften angesehen werden. Gesellschaften ebenso wie andere soziale Einheiten bestimmen durch Ein- und Ausschließungen über Zugehö- 2. Die Grenzen der Gesellschaften 51 rigkeit und Nichtzugehörigkeit. In diesem Sinne argumentiert auch Gesa Lindemann, wenn sie davon ausgeht, dass jede Vergesellschaftung auf einer Grenzregulierung beruht, „durch die entschieden wird, wer in den Kreis personaler Akteure gehört, die den Prozeß der Vergesellschaftung tragen, und was aus diesem Kreis ausgeschlossen ist.“ (Lindemann 2004, S. 26f.; vgl. auch Lindemann in diesem Band) Die Bestimmung des Gesellschaftsbegriffs von Heinrich Popitz enthält darüber hinaus den gleichermaßen zentralen Hinweis, dass soziale Einheiten selbst daran gelegen ist, sich erkennbar zu machen. Damit ist ein wichtiger Einspruch gegen ein Verständnis von Gesellschaft formuliert, das diese für ein nur schwer fassbares, weil nicht sichtbares, nur abstrakt beschreibbares Phantom hält, das „man nur vom Hörensagen, aus dem Fernsehen oder der Zeitung“ (Uzarewicz 2016, S. 60) kennt. Sich erkennbar machen zu wollen, heißt nichts anderes als Sichtbarkeit anzustreben (vgl. Schroer 2014). Eine sichtbare Gestalt erhalten Gesellschaften wie andere soziale Einheiten etwa durch das bei Durkheim angesprochene Bauen von Unterkünften, so dass sich von der Geburt der Gesellschaft aus der Praxis des Bauens sprechen ließe. Von den Anfängen der Menschheitsgeschichte bis heute machen sich verschiedene Gesellschaftstypen an ihrer jeweiligen Architektur sicht- und erkennbar (vgl. Delitz 2010). Von der „Urhütte bis zum Wolkenkratzer“ (Klotz 1991) stehen die verschiedenen Bauten und Baustile für jeweils bestimmte Gesellschaftsformen. Schon die Zeltarchitektur vormoderner Gesellschaften zeigt, „dass bereits die frühen Menschen alle sich bietenden Möglichkeiten der Gestaltung und Aneignung von Raum kreativ genutzt haben.“ (Trebsche et al. 2010, S. 19) Zu dieser aktiven Gestaltung von Räumen gehört immer auch die Notwendigkeit von Grenzziehungen, die Räume erst hervorbringen (vgl. Schroer 2019a). Die von Popitz darüber hinaus thematisierten „Zugehörigkeitsgrenze[n]“ (Simmel 1992, S. 701) spielen auch in Stein Rokkans grundlegender Arbeit über den Aufbau von Staat und Nation (vgl. Rokkan 2000) eine tragende Rolle. Rokkan unterscheidet zwischen „dem physischen Raum zum einen und dem sozialen und kulturellen zum anderen. Wir können den einen als den geographischen Raum, den anderen als den Mitgliedschaftsraum bezeichnen. Die Mitgliedschaftsgrenze ist gewöhnlich viel unüberwindbarer als die geographische Grenze.“ (ebd, S. 135, Herv. i. O.; vgl. Bös 2000) Mit dem letzten Satz spricht Rokkan an, dass das Überschreiten der Grenze zu einem staatlichen Territorium für einen Touristen, Händler oder Gelegenheitsarbeiter sich zwar relativ leicht bewerkstelligen lässt, der Grenzübertritt aber nicht mit dem Erwerb von Mitgliedschaft einhergeht. Während Rokkan dabei noch an die Mitgliedschaft in einer „Kerngruppe“ denkt (ebd., S. 135), kann man im Anschluss an Popitz von einer Vielzahl sozialer Einheiten ausgehen, die nicht über einheitliche, sondern diverse Zugehörigkeitsregeln verfügen, die der Einzelne erfüllen muss, um dazugehören zu können. Das bedeutet, dass sich Gesellschaften nicht nur durch eine geographische Grenze nach außen, sondern durch vielerlei soziale Grenzziehungen im Innern bzw. durch Binnengrenzen auszeichnen. Sie sind durchsetzt von Grenzziehungen zwischen oben und unten, arm und reich usw., die sich zwar nicht zwangsläufig materialisieren müssen, um wirksam zu sein, dies aber durchaus oft tun – nicht zuletzt aufgrund des von Popitz betonten Strebens nach Sichtbarkeit. Wohl aber auch deshalb, weil die „sozialen Begrenzungsprobleme durch ihre Verräumlichung“ eine „unvergleichliche Festigkeit und Anschaulichkeit“ erlangen, worauf bereits Georg Simmel ausdrücklich hinweist (Simmel 1992, S. 699; vgl. Schroer 2006, S. 68f.): „So ist eine Gesellschaft dadurch, daß ihr Existenzraum von scharf bewußten Grenzen eingefaßt ist, als eine auch innerlich zusammengehörige charakterisiert, und umgekehrt: Markus Schroer 52 die wechselwirkende Einheit, die funktionelle Beziehung jedes Elements zu jedem gewinnt ihren Ausdruck in der einrahmenden Grenze.“ (Simmel 1992, S. 694) Da Gesellschaften demnach nicht als homogene Einheit vorstellbar sind, sie sich vielmehr in zahlreiche soziale Einheiten, Milieus und Gruppierungen unterteilen bzw. ausdifferenzieren, erweisen sie sich geradezu als – mitunter heiß laufende – Generatoren von Grenzen, die sich auch räumlich niederschlagen, wenn sie Regionen, Zonen, Gebiete und Areale voneinander abgrenzen. Gesellschaften haben also keine Grenzen von vornherein, sondern sind Produkt einer Grenzziehung, die sie von etwas anderem unterscheidet – etwa von der Natur bzw. der Umwelt. Haben sie sich durch eine Grenzziehung nach außen erst einmal konstituiert, werden Binnengrenzen gezogen, die auch auf die Zugehörigkeits- wie auf Abgrenzungsbedürfnisse der Menschen reagieren, die für Simmel einen Grundmodus menschlichen Daseins ausmachen (ebd., S. 855; vgl. Schroer 2001a, S. 311ff.). Jede Gesellschaftsform will über die Art und Weise ihrer Grenzziehungen festlegen und sichtbar machen, wer und was zu ihr gehört und wer oder was nicht, um sich damit – ganz im Sinne von Popitz – als identifizierbare Einheit erkennbar zu machen. Da sich Gesellschaften über ihre jeweiligen Grenzziehungen definieren und zu stabilisieren versuchen, wachen sie streng über der Einhaltung dieser Grenzen. Allerdings geht es nur in Ausnahmefällen um die Verteidigung von ein für alle Mal gezogenen Grenzen. Bezeichnend ist vielmehr, dass immer wieder neu vorzunehmende Grenzziehungen an der Tagesordnung sind. Grenzen werden errichtet, verteidigt, verlagert, verschoben, abgebaut und neu gezogen und sind damit eher dynamische denn starre Gebilde (vgl. Bös/Zimmer 2006). Dabei ist keineswegs nur an die politischen Grenzen von Nationalstaaten zu denken. Ob Körperraum, Wohnraum oder nationalstaatlicher Raum (vgl. Schroer 2006): Immer geht es darum, den Zugang zu diesen Räumen zu limitieren, ihn nur unter bestimmten Bedingungen und Auflagen zu erlauben. Jeder dieser Räume umgibt sich mit Grenzen, die den wohl dosierten Austausch mit der Umwelt erlauben und den ungehinderten Zutritt unterbinden können sollen: die Haut, die Tür und der Schlagbaum. So unterschiedlich diese Grenzen im Einzelnen auch sein mögen, gemeinsam ist ihnen die Funktion der Selektion (vgl. Lotman 2010): Sie alle sorgen für geregelte Übergänge in Räume, die nicht jedermann offenstehen. Während den einen Einlass gewährt wird, werden die anderen abgewiesen. Dabei spielt die Materialität der Grenze keine geringe Rolle für den jeweiligen Charakter der Grenze: Weiche Formen der Begrenzung wie etwa Membrane unterscheiden sich deutlich von harten Abschlüssen wie etwa Betonmauern (vgl. Schroer 2018b; 2019b). Insofern ließe sich jede Form von Gesellschaft mit den jeweiligen Grenzziehungen in Beziehung setzen, die sie hervorrufen und deren Produkt sie gleichzeitig sind. Gesellschaftstypen und ihre Grenzen Die Geschichte der Konstituierung von Gesellschaften durch das Ziehen von Grenzen kann bis in die Ursprünge der Menschheitsentwicklung zurückverfolgt werden: „Am Anfang steht der Zaun. Tief und begriffsbestimmend durchwirken Zaun, Hegung, Grenze die von Menschen geformte Welt.“ (Trier 1943, S. 232; vgl. Freyer 1965, S. 23) Grenzen sind also keineswegs eine Erfindung der Nationalstaaten. Zwar haben wir es bei den historischen Vorläufern noch nicht mit jenen klar gezogenen Grenzlinien zu tun, die spätestens seit dem 19. Jahrhundert zwischen den Nationalstaaten gezogen werden. Doch die Gleichsetzung dieser spezifischen Form der Grenze zur Grenze schlechthin birgt die Gefahr, den Blick auf deren zahlreiche Vorläufer zu verstellen (vgl. auch Schmieder in diesem Band). Nach allem, was wir heute 3. Die Grenzen der Gesellschaften 53 wissen, hat der Mensch in der Frühzeit zwar nicht in Höhlen gehaust, sondern „in künstlich errichteten Schutzbauten“ (Leroi-Gourhan 1980, S. 396) wie etwa Zelten und Hütten, die am Eingang der Höhle errichtet wurden. Doch schon in dieser frühen Periode der Menschheitsgeschichte wurde ein „Wohnraum gegen das Chaos der Umgebung abgegrenzt“ (ebd., S. 397), der Lebensraum in einen „Verdauungs- und Fortpflanzungsraum (die Hütte)“ (Flusser 2006, S. 279) einerseits und einen „Jagdraum“ (ebd.) andererseits unterteilt und damit eine „Grenze zwischen bewohntem und unbewohntem Raum“ (Eßbach 1999, S. 88) gezogen. Bereits hier haben wir es also mit der Grenzziehung zwischen einem Innen- und einem Außenraum zu tun. Während dem Außenraum die Grundlagen für die Ernährung abgerungen werden, dienen die Innenräume primär als Schutzräume. Dieser Schutz wird benötigt, „weil der Mensch zunächst einmal den Bedürfnissen seines Organismus genüge tun“ muss (Malinowski 2005, S. 76): „Zur Ernährung und Behausung, zur Kleidung und zum Schutz vor Kälte, Wind und Wetter muß er Einrichtungen treffen und Tätigkeit entfalten. Er muß sich selber schützen und diesen Schutz gegen äußere physische, menschliche und tierische Feinde und Gefahren organisieren.“ (ebd.) Über die Funktion des Schutzes hinaus spielen die ersten Behausungen aber auch eine elementare Rolle für die Stabilisierung von Mitgliedschaft in einem sozialen Verband. Dieter Claessens betont den „imperativischen Charakter“ (Claessens 1980, S. 71), der vom vertrauten Raum einer einfachen Lagerstätte wie etwa einer Höhle ausgeht: „[D]as in diesen Raum eintretende Gruppenmitglied erfährt durch den Raum, daß es Mitglied ist; es wird in diesem bestätigt und weiter geprägt, und gleichzeitig resultieren aus dieser Aufforderung auch alle jene Anweisungen, die sich aus dem Gruppenleben entwickelt haben und sozusagen im Raum sich sicht- und fühlbar eingenistet haben“ (ebd.). In diesem Zeitraum fallen physischer Raum und Mitgliedschaftsraum also noch zusammen: Wer den Raum betreten darf, gehört auch dazu. Zusätzlich „zieht das Verwandtschaftssystem klare Grenzen zwischen Personen, die zur Gemeinschaft gehören, und solchen, die ausgeschlossen sind.“ (Rokkan 2000, S. 135) Obwohl unter Anthropologen über die Frage des Territorialitätsbezugs einfacher Gesellschaftsformen durchaus gestritten wird, herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass „viele primitive Gesellschaften sich aus Familien, Horden und Lineages zusammensetzen, die sehr wohl fest in abgegrenzten Territorien zusammenleben“ (Service 1977, S. 99, Herv. i. O.). Wenngleich dies auch schon für nicht-sesshafte, nomadische Völker gilt – „[a]uch wandernde Verbände der Jäger-Sammler-Stufe haben ein privilegiertes Territorium“ (Gehlen 1964, S. 15) –, verstärkt sich offenbar der exklusive Anspruch auf ein Territorium im Laufe der sozialen Evolution: „Mit der neolithischen Revolution, mit der Ausbreitung der Landwirtschaft und der Gründung von Städten, wurde die Beständigkeit des Besitzes und das Markieren von territorialen Grenzen zu einem grundlegenden Anliegen gesellschaftlicher Organisation.“ (Rokkan 2000, S. 135; vgl. Løvschal 2014) Dies betont auch Durkheim in seiner Beschreibung der einfachen Gesellschaften, die sich aus weitgehend homogenen Segmenten wie Horden, Klans, Stämmen oder Familien zusammensetzen. Jeder Klan lebt streng gesondert vom nächsten. Die von ihnen bestellten Felder lagen niemals direkt nebeneinander, sondern waren durch frei liegende Flächen voneinander getrennt, die nicht für die Landwirtschaft genutzt werden durften: Markus Schroer 54 „Jedes Feld mußte […] von einer Umfriedung umgeben sein, die es von dem Besitztum der anderen Familien streng abschloß. Diese Umfriedung war keine steinerne Mauer: sie war ein Streifen Erde, einige Fuß breit, der unbebaut bleiben mußte, und den der Pflug nie berühren sollte. Dieser Zwischenraum war geheiligt. […] An gewissen und bestimmten Tagen des Monats und des Jahres machte der Familienvater einen Rundgang um seine Felder, indem er diese Linie verfolgte; er trieb die Opfertiere vor sich hin, sang Hymnen und brachte Opfer dar. […] Der Weg, den die Opfertiere und der betende Mann verfolgt hatten, war die unverletzliche Grenze der Behausung. In diese Linie legte der Mensch in gewissen Zwischenräumen große Steine oder Pfähle, die man Grenzsteine nannte.“ (Coulanges 1996, S. 67f.; vgl. Durkheim 1991, S. 211f.; Schroer 2006, S. 51ff.; Schroer i. E.) Als oberstes Gebot galt in dieser Zeit: „Überschreite nicht den Grenzstein“ (Coulanges 1996, S. 69). Spätestens an diesem Punkt der historischen Entwicklung stoßen wir auf den engen Zusammenhang von Grenze und Eigentum bzw. Eigentumsrecht. Die mit der Sesshaftigkeit einhergehende Ausbreitung von Ackerbau und Viehzucht führt zur sukzessiven Aufteilung der Erdoberfläche in Kleinterritorien, deren Grenzsteine das Eigentum an Grund und Boden sowohl physisch als auch symbolisch markieren. In der politischen Theorie und Rechtsgeschichte wird von John Locke über Jean-Jacques Rousseau bis hin zu Carl Schmitt der „Akt des Einzäunens“ (Bühler 2014, S. 70) als fundamentaler Einschnitt gewertet, der den Übergang vom Natur- zum Gesellschaftszustand definiert. Die exklusive Inbesitznahme von einem Stück Land und dessen Verteidigung setzt zwar deutlich vor der Konstituierung moderner Staaten ein: „Die Menschen entwickelten schon früh ein Repertoire von Signalen, um Besitz oder Besetzung eines Territoriums zu identifizieren, und organisierten sich, um Eindringlinge zurückzudrängen.“ (Rokkan 2000, S. 141) Dennoch besteht weithin Einigkeit darüber, dass die Exklusivität des Territoriums und die „ausgeprägte Sensibilität für das Gebiet, in dem die Gesetze gelten sollen und das zu verteidigen ist“ (Service 1977, S. 99), im Laufe der gesellschaftlichen Evolution zunimmt und erst mit der Staatenbildung zur vollen Entfaltung gelangt. Der Hinweis auf die Gesetze ist wichtig für das Verständnis der Herausbildung von Nationalstaaten. Schon für Montesquieu ist der Staat eine „Gesellschaft, in der es Gesetze gibt.“ (Montesquieu 1951, S. 212) Auch für Carl Schmitt gehören die juristische Ordnung und das Territorium unauflöslich zusammen. Für ihn ist das Recht die „Einheit von Ordnung und Ortung“ (Schmitt 1997, S. 13). Der Rückblick auf frühere Gesellschaftsformen zeigt gleichwohl, dass nicht erst moderne Staaten, sondern schon ihre Vorgänger über Territorien und Grenzen verfügten. An Rokkan anschließend, lässt sich auch die Gründung von Städten als zentraler Ausdruck für den wachsenden Bedarf verstehen, angehäufte Besitztümer durch das Markieren von territorialen Grenzen zu schützen: „Die entscheidende Innovation der Stadt war, daß sie starke Grenzen für eine differenzierte Kontrolle von Transaktionen ausbildete. Ganz gleich, ob sie physisch von einer Mauer umgeben war oder nicht: Die Stadt des Altertums war eine rituelle und rechtliche Gemeinschaft, die strenge Kontrolle über ihre Mitglieder ausübte, während sie gleichzeitig ihre Grenzen für Export und Import sowohl von Personen […] als auch von Waren offenhielt.“ (Rokkan 2000, S. 136) Die Grenzen der Gesellschaften 55 Selbst dort also, wo es zur Errichtung von Mauern kommt, die geradezu als Sinnbild für radikale Abschottung stehen, geht es nicht um die gänzliche Verhinderung des Austausches von Waren und Personen, sondern um dessen Organisation. Das war selbst beim Limes schon so (vgl. Scheuerbrandt 2009). Neu an der Entstehung der modernen Staaten ist deshalb nicht, dass es überhaupt zur Besetzung und Verteidigung von Territorien und der Errichtung von Grenzen kommt. Neu ist vielmehr die Etablierung eines spezifischen Grenztyps, der bis heute unser Bild von Grenzen prägt: „Die Idee einer linearen Grenze entstand ab dem 14. und 15. Jahrhundert, mit der Entwicklung des modernen Staates. […] Der moderne Staat beansprucht eine lineare Grenze – zumindest als Begriff – allein schon aufgrund seines territorialen Wesens.“ (Raffestin 2010, S. 60) Die sich im 19. Jahrhundert endgültig etablierenden Nationalgesellschaften zeichnen sich durch klare Grenzziehungen gegenüber anderen Nationalgesellschaften aus. Auf dem Höhepunkt der Verbreitung der nationalstaatlichen Ordnung stoßen Staaten unmittelbar aufeinander – nur durch eine Grenzlinie voneinander geschieden. An diesen Grenzlinien wird die Kontrolle über das Territorium ausgeübt, der Zugang von Personen und Waren gewährt oder verweigert (vgl. Schroer 2019b). Die ehemals bestehenden Zwischenräume und Pufferzonen sind in dieser Zeit auf ein Nichts zusammengeschrumpft: „Wie die Flur als ganze, sogar viel sichtbarer als sie, grenzt sich jeder bebaute Acker von selber, als Muster aus Furchen, als Saatfläche, als Ährenfeld, als Stoppel. Denn jeder Ort und jede Verortung an ihm setzt auch den Nachbarn und setzt die Grenze gegen ihn. Wenn die Nachbarn näher rücken und die Flur endgültig aufgeteilt ist, werden die Grenzen scharf.“ (Freyer 1965, S. 23) Weil die Populationen der einzelnen sozialen Einheiten größer werden und dadurch immer mehr in die unmittelbare Nähe der anderen Einheiten gelangen, schrumpfen die ehemaligen Grenzgebiete auf eine „scharf“ gezogene Grenzlinie zusammen. Der so beschriebene Vorgang stützt die These Friedrich Tenbrucks, „daß die gesellschaftliche Entwicklung im Grunde kein Binnenvorgang ist, sondern aus raumgreifenden Expansionen und zwischengesellschaftlichen Verbindungen hervorgeht, wie sie sich durch Eroberung, Unterwerfung, Kolonisierung, Vereinigung, Verflechtung oder andere Formen der Ausdehnung […] ergeben.“ (Tenbruck 1989b, S. 432) Entgegen dem vor allem in systemtheoretischen Differenzierungstheorien vorherrschenden Grundgedanken, dass sich die gesellschaftliche Entwicklung durch den Wandel der Differenzierungsformen (von der segmentären über die stratifikatorische zur funktionalen Differenzierung) „innerhalb der Gesellschaft und als Binnengeschehen“ (Tyrell 2005, S. 39, Herv. i. O.) vollzieht, gelangt Tenbruck zu einem ganz anderen Ergebnis: „Stets und überall sind es zwischengesellschaftliche Verhältnisse und Veränderungen durch raumgreifende Vorgänge gewesen, die eine gesellschaftliche Entwicklung mittels Bildung jeweils größerer Einheiten ermöglicht haben. Selbst bei räumlicher Isolierung wird das Leben in einer Gesellschaft durch die Orientierung an ihren Außenlagen bestimmt, die als wichtiger Teil der Umwelt bewußt sind und die Binnenstruktur beeinflussen.“ (Tenbruck 1989b, S. 434f.) Tenbruck widerspricht grundsätzlich der Annahme eines „Ein-Gesellschaft-Modells“ und stimmt darin mit Cornelius Castoriadis überein, der ebenfalls nicht von einer „Produktion diverser Exemplare der Wesenheit ‚Gesellschaft‘, sondern von der Schöpfung eines anderen Markus Schroer 56 Typus des Gesellschaftseins (einer anderen Form/Gestalt, eines anderen Aspekts/Sinns: eidos)“ (Castoriadis 1984, S. 607, Herv. i. O.) ausgeht: „Die Gesellschaft als solche ist eine Form, und jede bestehende Gesellschaft ist eine besondere, ja einzigartige Form.“ (Castoriadis 2010, S. 27) Schon bei Durkheim heißt es ausdrücklich: „‚[D]ie Gesellschaft‘ existiert nicht. Es gibt ‚Gesellschaften‘, die sich in Gattungen und Arten einteilen lassen, ähnlich wie bei den Gewächsen und Tieren. […] Heute […] ist es offenkundig unmöglich, als wahr zu behaupten, daß es eine überall mit sich selbst identische menschliche Entwicklung gibt, und daß die Gesellschaften alle nur Variationen ein und desselben Typs sind.“ (Durkheim 1981, S. 35) Als Beispiel für die von Tenbruck erwähnte Bildung größerer Einheiten käme in jüngerer Zeit etwa die Europäische Union in Frage, durch die die Vielfalt von Gesellschaften jedoch keineswegs aufgehoben wurde. Ganz im Gegenteil, es kommt nahezu parallel zum Zusammenschluss der Länder unter dem Dach der EU zur Gründung neuer Nationalstaaten und Abspaltungsbestrebungen einzelner Regionen innerhalb einzelner Nationalstaaten. Im Zuge der Globalisierungsdebatte der 1990er Jahre werden an die Stelle der Nationalstaaten – die bei Marcel Mauss noch als „die jüngste und vollkommenste Form des Lebens in Gesellschaften“ (Mauss 2017, S. 336) angesehen werden – immer wieder alternative Gesellschaftskonzeptionen gesetzt, die sich nach der Überzeugung ihrer Verfechter von physischen Räumen und territorialen Grenzen weitgehend unabhängig machen und die Bindung der Gesellschaft an den Nationalstaat überwinden (vgl. Schroer 2018b). Gesellschaft ohne Grenzen? Der schillernde Begriff der Globalisierung wird in weiten Teilen der Sozial- und Kulturwissenschaften als Entwicklung verstanden, die zum Bedeutungsverlust des Raumes, der Grenzen und des Nationalstaates führt (vgl. Schroer 2006, S. 185ff.). Globalisierung steht hier für einen weltweiten Prozess der Enträumlichung, Entgrenzung bzw. Deterritorialisierung (vgl. Robertson 1992; Giddens 1995; Schroer 2006, S. 195ff.). In dieser Perspektive erscheinen Grenzen rein negativ als unerwünschtes Hindernis und lästige Hürden, die der Durchsetzung einer ungehinderten Mobilität vorübergehend zwar noch im Wege stehen, schon bald aber verschwunden sein werden. Angesichts des weltweiten Austausches von Waren, Dienstleistungen und Informationen, der Entwicklung globaler Kapitalmärkte und zunehmender Migration über nationale Grenzen hinweg, sei die Vorstellung nicht mehr länger plausibel, „in geschlossenen und gegeneinander abgrenzbaren Räumen von Nationalstaaten und ihnen entsprechenden Nationalgesellschaften zu leben und zu handeln“ (Beck 1997, S. 44). Die Nationalstaaten drohen in dieser Sichtweise zunehmend die Kontrolle über die auf ihrem Territorium stattfindenden Aktivitäten zu verlieren und damit an Souveränität einzubüßen. Ihre immer auch Sicherheit versprechenden Grenzen hätten sich zunehmend als wirkungslos erwiesen, die eigene Bevölkerung und das eigene Territorium umfassend vor Einflüssen und Gefahren von außen zu schützen. In der Tat haben sich die radioaktiven Wolken nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl ebenso wenig von Nationalstaatsgrenzen aufhalten lassen wie Krankheiten und Seuchen (BSE, Schweinegrippe, Ebola), die Finanzkrise oder der Terrorismus. Der Fall der Berliner Mauer, der Untergang der Sowjetunion und das Ende des Ost-West-Gegensatzes haben zudem gezeigt, dass Grenzen nicht nur mehr oder weniger mühelos überschritten, sondern sogar buchstäblich niedergerissen und zum Einsturz gebracht werden können – selbst wenn 4. Die Grenzen der Gesellschaften 57 sie bis dato für viele als schier unüberwindbar gegolten haben. Aufgrund dieses umfassenden Versagens und Abbaus der Grenzen wurde eine „Borderless World“ (Ohmae 1990) in Aussicht gestellt, ein baldiges Ende des Nationalstaates prophezeit (vgl. Albrow 1998) oder eine „postnationale Konstellation“ (Habermas 1998) anvisiert: „Gegenüber der territorialen Verankerung des Nationalstaats beschwört der Ausdruck ‚Globalisierung‘ das Bild von anschwellenden Flüssen, die die Grenzkontrollen unterspülen und das nationale Gebäude zum Einsturz bringen können. Die neue Relevanz von Fließgrößen signalisiert die Verschiebung der Kontrollen aus der Raum- in die Zeitdimension. Die Verlagerung der Gewichte vom ‚Beherrscher des Territoriums‘ zum ‚Meister der Geschwindigkeit‘ scheint den Nationalstaat zu entmachten.“ (ebd., S. 103) Unter diesen Bedingungen verliert auch die Gesellschaft ihre nationalstaatliche Basis. Den zahlreichen Neubeschreibungen von Gesellschaften, die an die Stelle der Nationalgesellschaften treten, ist bei allen sonstigen Unterschieden gemeinsam, dass sie nicht länger im nationalstaatlichen Rahmen verbleiben, sondern weit über diesen hinausführen oder ihn gleich ganz hinter sich lassen. Ob nun von „Globalisierung“ (Giddens 1995), der „Weltgesellschaft“ (Luhmann 1971; Stichweh 2000), der „Netzwerkgesellschaft“ (Castells 2001) oder der „Liquid Modernity“ (Bauman 2000) die Rede ist: Gemeinsam ist all diesen Konzepten, dass sie dafür werben, Gesellschaften nicht mehr länger mit den Nationalstaaten gleichzusetzen, wie dies in der Soziologie bisher – so die nahezu einhellige Kritik an ihrem methodologischen Nationalismus (Beck 1997, S. 46) – der Fall gewesen sei. Darüber hinaus vertreten sie übereinstimmend die These, dass Gesellschaften sich von räumlichen Grenzen zunehmend emanzipieren. Niklas Luhmanns Konzept der „Weltgesellschaft“ (Luhmann 1971) verdankt sich seinem gesellschaftstheoretisch ambitionierten Versuch, Gesellschaft grundsätzlich antiterritorial zu denken. Das moderne Gesellschaftssystem hat gegenüber seinen Vorgängern derart an Komplexität und Heterogenität zugenommen, dass es „seine Teilsysteme nicht mehr durch gemeinsame (etwa territoriale) Außengrenzen integrieren“ kann (Luhmann 1973, S. 89), weshalb Gesellschaft „von jetzt ab nur noch als Weltgesellschaft möglich“ ist (ebd.) und dabei keine anderen Gesellschaften mehr neben sich duldet. Gegenüber der traditionellen Vorstellung einer Vielzahl menschlicher Gesellschaften gibt es Gesellschaft für den Bielefelder Systemtheoretiker nur noch im Singular, als Weltgesellschaft. Neben den „technischen Errungenschaften“ (Luhmann 1971, S. 60) ist die „Ausdifferenzierung des Wirtschaftssystems“ (Luhmann 1973, S. 89) die treibende Kraft dieser Entwicklung. Der internationale Geld- und Zahlungsverkehr macht vor nationalen Grenzen nicht länger halt. Doch dabei bleibt es nicht. Die grenzüberschreitenden Aktivitäten des Wirtschaftssystems machen Schule und infizieren auch die anderen Teilsysteme, die sich aus dem engen Korsett der territorialen Grenzen des Nationalstaats ebenfalls befreien. Mit Ausnahme des Politik- und Rechtssystems operieren alle Funktionssysteme „unabhängig von Raumgrenzen“ (Luhmann 1997, S. 166). Mit Luhmann erhält man damit einen von allen ‚alteuropäischen‘ Annahmen weitgehend gereinigten Gesellschaftsbegriff, der sich um Raum, Grenze, Territorialität, Erde, Land, Boden und Materialität nicht länger schert. Unter Gesellschaft wird nur mehr „das jeweils umfassendste System kommunikativer Beziehungen zwischen menschlichen Erlebnissen und Handlungen, die füreinander erreichbar sind“ (Luhmann 1973, S. 83) verstanden. Offenbar ist dies nicht als wissenschaftlich begründbare These, sondern als unumstößliche Wahrheit zu verstehen: „Die Tatsache eines weltweiten Kommunikationssystems kann nicht bestritten werden.“ (Luhmann 1998, S. 373). Sie ist schlichtweg ein „Faktum“ (Stichweh 2000, S. 12). Markus Schroer 58 Die „Netzwerkgesellschaft“ (Castells 2001) beruht auf dem grundlegenden Gedanken einer weltweiten Konnektivität, die sich durch die neuen Kommunikations- und Informationstechnologien herstellen lässt. Die Bildung von Netzwerken resultiert aus den Verflechtungen und Verbindungen von bisher unverbundenen Elementen, durch die ehemals relevante Grenzen unterlaufen oder gar aufgehoben werden. Netze trennen nicht, Netze verbinden. Aufgrund dieser Qualität tragen sie zur „Intensivierung weltweiter sozialer Beziehungen“ (Giddens 1995, S. 85) bei und erfüllen damit das grundlegende Versprechen der Globalisierung und der Weltgesellschaft, „weltweite Interaktion“ (Luhmann 1975, S. 53) und „weltweite Verflechtungen“ (ebd., S. 54) über alle Grenzen hinweg zu ermöglichen – jenseits nationalstaatlicher Vorgaben und Trennlinien. Manuel Castells geht in seiner Konzeption einer Netzwerkgesellschaft von der „Auflösung der Orte im Raum der Ströme“ aus (Castells 2001, S. 475): „Ströme von Kapital, Ströme von Informationen, Ströme von Technologie, Ströme von organisatorischer Interaktion, Ströme von Bildern, Tönen und Symbolen“ (Castells 2003, S. 402) überwinden mühelos die Ebene des Lokalen und bilden eine neue globale Gesellschaftsstruktur. Die raum- und grenzüberwindenden Konzeptionen der Welt- und Netzwerkgesellschaft finden in Zygmunt Baumans Diagnose der „flüchtigen Moderne“ (Bauman 2003), die an die Stelle der „schweren Moderne“ (ebd., S. 136) tritt, noch eine Steigerung. Bauman zufolge ist das gegenwärtige Zeitalter von einer umfassenden Verflüssigung des Sozialen gekennzeichnet: Liquid Modernity (Bauman 2000), Liquid Life (Bauman 2005), Liquid Fear (Bauman 2006), Liquid Times (Bauman 2007) lauten die Titel einiger seiner in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts veröffentlichten Bücher. In all diesen Publikationen wird im Grunde die immer gleiche Botschaft verbreitet: Das Feste weicht dem Flüssigen! „Raum, Grund und Boden waren zentrale Obsessionen der Moderne, das Streben nach ihrem Erwerb geradezu zwanghaft – und die Bewachung der Grenzen entwickelte sich zur allgegenwärtigen, sich immer weiter verbreitenden Sucht.“ (Bauman 2003, S. 136) Damit ist es nun vorbei. Die „flüchtige Moderne“ hat zur „Irrelevanz des Raums“ (ebd., S. 140) und zu seiner „Entwertung“ (ebd., S. 141) geführt. In ihr herrscht das Fluide, Flüssige und Flüchtige, das sich durch keinerlei Grenze mehr aufhalten lässt. Was heute zählt, ist die Geschwindigkeit, die Beweglichkeit und die Flexibilität. Die Bewohner der flüssigen Moderne sind keine „Landtreter“ mehr (Schmitt 1981, S. 7; vgl. Schroer 2001b), sondern nomadische Subjekte, Weltenbummler, immer unterwegs, heute hier, morgen dort, sich geschmeidig an immer neue Bedingungen anpassend und dabei auf Grenzen jeglicher Art keine Rücksicht mehr nehmen müssend. So schwer die Moderne also auch gewesen sein mag: Eine regelrechte „Verflüssigungswut“ (Bauman 2003, S. 12) hat deren starre Strukturen und stabil geglaubte Institutionen einfach hinweggespült! Grenzen der Entgrenzung Die Konzepte der Globalisierung, der Weltgesellschaft, der Netzwerkgesellschaft und der flüssigen Moderne sind überaus wirkmächtige Beschreibungen der Gegenwartsgesellschaften, die viele Jahre den soziologischen Diskurs über die gesellschaftliche Wirklichkeit bestimmt haben. Zu keinem Zeitpunkt jedoch sind sie unwidersprochen geblieben. Die Kritik an diesen Konzepten bezieht sich dabei vor allem auch auf ihre These von der wachsenden Indifferenz der neuen Gesellschaftsformen gegenüber physischen Räumen und territorialen Grenzen. Das Konzept der Weltgesellschaft ist als „soziologische Fiktion“ (Wagner 1997), als „Unbegriff und Phantom“ (Tudyka 1989) bezeichnet und kritisiert worden. Dabei wird argumentiert, 5. Die Grenzen der Gesellschaften 59 dass von einer bereits erfolgten Realisierung eines welteinheitlichen Gesellschaftssystems gar keine Rede sein könne, da nicht einmal die immer wieder als Paradebeispiel angeführte globale Weltwirtschaft tatsächlich weltweit agiere (vgl. Wagner 1999, S. 33). Bemerkenswert ist, dass Zweifel an der raumabstinenten und grenzneutralen Ausrichtung des Konzepts der Weltgesellschaft auch von ihren Verfechtern selbst geäußert werden. Entgegen des dezidiert nichträumlich angesetzten Gesellschaftsbegriffs der Luhmann’schen Systemtheorie werden insbesondere in seiner Thematisierung von Exklusionsphänomenen explizit räumliche Kategorien bemüht (vgl. Schroer 2006, S. 149ff.; 2001c). Statt auf eine stetig steigende Homogenisierung der Lebensbedingungen und Verhaltensstandards stößt er auf Favelas, Slums und andere vernachlässigte, von der Globalisierungsdynamik übergangene oder von ihr abgehängte Gebiete, die keine Anbindung an die weltumfassenden Kommunikationsströme erlangen und in „schwarzen Löchern“ (Stichweh 1997, S. 132) zu verschwinden drohen. Rudolf Stichweh konzediert, dass die räumliche Ausgrenzung bestimmter Bevölkerungsteile von der übrigen Bevölkerung „exterritoriale, für Fremde unbetretbare Räume“ schafft, „die mit der These der Weltgesellschaft nicht ohne weiteres harmonisierbar sind“ (ebd., S. 127). Entgegen der apodiktischen Behauptung einer unabhängig von Grenzen und Räumen funktionierenden Weltgesellschaft braucht es offenbar doch „räumliche Grenzen, an denen man die Bewegung von Körpern kontrollieren kann“ (Luhmann 1995, S. 260). Auch die Netzwerkgesellschaft zieht hinsichtlich ihres Umgangs mit dem Grenzbegriff Kritik auf sich: „Wenn es auch treffend sein mag, die Konstitution gegenwärtiger Gesellschaft mit der Netzwerkmetapher zu beschreiben: Grenzen werden nicht obsolet, das territoriale Moment verschwindet nicht.“ (Kaufmann 2006, S. 36) Statt von einem bloßen Wegfall, ist vielmehr von einer Transformation der Grenzen auszugehen: „Lineare Grenzziehungen werden netzwerkartig umgebildet.“ (ebd., S. 37) Und diese Umbildung hat gravierende Auswirkungen, die sich mit Brian Massumi als umfassende Ausweitung von Kontrollpunkten beschreiben lassen: „Man kann sich frei bewegen. Doch nach ein paar Schritten lauert immer ein Kontrollpunkt. Sie sind überall. Sie sind fest in die soziale Landschaft integriert.“ (Massumi 2010, S. 49) Grenzkontrollen erfolgen demnach nicht mehr länger nur an den Rändern staatlicher Hoheitsgebiete, sondern können jederzeit an jedem Ort vorgenommen werden, erfolgen flächendeckend. Statt einer Abnahme ist damit eher eine Zunahme von Grenzkontrollen zu konstatieren, da sie flexibel gehandhabt und überraschend ausgeübt werden können. Für die Netzwerkforschung ist jedoch bezeichnend, dass sie die Frage der Grenzen erst nachträglich aufgeworfen hat (vgl. Häußling 2009). Der Aufbau von Netzen geriet zunächst allein unter dem Gesichtspunkt in den Blick, dass damit bisher isoliert existierende Elemente miteinander verbunden werden können – unbekümmert um die Frage der unterschiedlich verteilten Möglichkeiten der Partizipation aufgrund fehlender Infrastruktur, auf die Bruno Latour hinweist: „Das Telefon mag noch so universell verbreitet sein, wir wissen dennoch sehr genau, daß wir neben einer Telefonleitung verschmachten können, wenn wir mit ihr nicht durch einen Anschluß und einen Telefonapparat verbunden sind. […] Die elektromagnetischen Wellen verbreiten sich vielleicht überallhin, aber eine Antenne, ein Abonnement und ein Decoder sind trotzdem notwendig, um Canal Plus zu empfangen.“ (Latour 1998, S. 157, Herv. i. O.) Obwohl sich daran bis heute nichts geändert hat, steckt die systematische Berücksichtigung der Infrastruktur als unverzichtbare Basis aller Kommunikationsnetzwerke noch in den Anfängen. Markus Schroer 60 George Ritzer hält dem Bauman’schen Konzept der flüchtigen Moderne und der behaupteten Ablösung des Festen durch das Flüchtige bzw. Flüssige entgegen, dass beide Aggregatzustände des Sozialen nicht einander ablösen, sondern in vielfältigen Kombinationen miteinander verbunden sind. Ihm geht es darum zu zeigen, „dass Flüssiges nie ohne feste Strukturen fließt“ (Ritzer 2002, S. 53). In Containern, Kanälen, Staudämmen, Blockaden, Sperren, Hürden und Sieben sieht er wirkungsvolle Begrenzungstechnologien am Werk, die das in Fluss geratene „umgeben, kanalisieren, eindämmen oder gar zu blockieren suchen“ (ebd., S. 73). Sie sorgen dafür, dass es zu keinem gänzlich ungehinderten und konturlosen Fließen kommt. Die „Festigkeit der Moderne“ (ebd.) erweist sich nach dieser Lesart als weitaus zählebiger als die Propheten eines neuen globalen Zeitalters suggerieren. Das damit offenkundig nicht erst heute erkennbare Defizit vieler Theorien der Globalisierung, der Welt- und Netzwerkgesellschaft sowie der flüchtigen Moderne besteht grundsätzlich darin, Grenzen und Räume als Kategorien der Vergangenheit auszuweisen und zu verabschieden, sich aber kaum für die sich neu herausbildenden räumlichen Konfigurationen und neuen Grenzbildungsprozesse zu interessieren, die ihre Vorläufer zumeist keineswegs so restlos ablösen wie oftmals suggeriert wird. Entgegen der vorschnellen Verabschiedungsrhetorik in solchen und anderen soziologischen Zeitdiagnosen, drängt sich zudem die Persistenz bestimmter Raumund Grenzkonstellationen auf, die es stärker zu berücksichtigen gilt, als dies gemeinhin geschieht. Persistenz, Metamorphose und Ausweitung von Grenzen Angesichts der jüngsten weltgeschichtlichen Entwicklungen werden die schon zur Hochzeit der Globalisierung artikulierten Zweifel an den weitgehend raum- und grenzenlos gedachten Gesellschaftskonzeptionen nicht eben geringer. Ein aktueller Blick auf die Weltkarte zeigt, dass von einer grenzenlosen Welt gar keine Rede sein kann. Ganz im Gegenteil, wir sehen uns einer „very bordered world“ (Diener/Hagen 2012, S. 1) gegenüber. Der Traum von einer sich zunehmend verflechtenden und zusammenwachsenden Welt scheint – zumindest vorerst – ausgeträumt. Wer wollte der vor kaum mehr als zehn Jahren publizierten Diagnose Baumans heute noch zustimmen: „Der Druck auf die Grenzen, der darauf abzielt, sie zu durchlöchern und zu demontieren, und den man gemeinhin ‚Globalisierung‘ nennt, hat Wirkung gezeigt: Mit wenigen Ausnahmen, deren Anzahl rapide sinkt, stehen heute die Tore aller Gesellschaften weit offen, materiell wie intellektuell.“ (Bauman 2008, S. 14) Entgegen dieser bemerkenswert optimistischen Einschätzung muss heute eine wahre Renaissance der Grenzen und Wiederaufrüstung von Grenzanlagen konstatiert werden (vgl. Leuenberger in diesem Band). Die Liste der derzeit wieder aufgerüsteten, neu gebauten und in Planung befindlichen Grenzbefestigungen ist lang (vgl. Thränhardt 2012; Debray 2016). Sie reicht von der geplanten Mauer zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko über die Sperranlage zwischen Israel und Palästina bis hin zu den innerhalb Europas eilig errichteten Grenzzäunen als politische Antwort auf die so genannte „Flüchtlingskrise“. Das „gegenwärtige nationalstaatliche Mauerbaufieber“ (Brown 2018, S. 46) greift offenbar um sich und droht alle Länder auf dem Planeten Erde in streng gegeneinander abgeschirmte Festigungsanlagen zu verwandeln. 6. Die Grenzen der Gesellschaften 61 Träfe diese Beschreibung vollends zu, hätten wir es nach einer Zeit der vor allem in den 1990er Jahren verbreiteten Diagnosen der Öffnung mit einer radikalen Umkehrbewegung zu tun, die uns eine Rückkehr ins Geschlossene beschert. Zweifellos lassen sich für die These einer neuen „Abschottung“ (Brown 2018; Marshall 2018) eine stattliche Anzahl von Indizien anführen, die kaum von der Hand zu weisen sind: Das Wiedererstarken des Nationalismus, die Erfolge des Rechtspopulismus, die restriktive Migrationspolitik, der neue Protektionismus und die überall aus dem Boden sprießenden Zäune und Mauern sprechen eindeutig dafür. Am Ende aber könnte sich eine solche Diagnose als ebenso eindimensional erweisen wie die zahlreichen Prognosen, die uns noch vor gar nicht langer Zeit einen „Umzug ins Offene“ (Fecht/Kamper 2000) versprochen haben. Doch so wenig der Nationalstaat durch die Globalisierung tatsächlich abgelöst wurde, so wenig kehrt er nun in alter Pracht zurück, so als seien die Entwicklungen spurlos an ihm vorübergegangen. Um einer solch auf den ersten Blick naheliegenden, letztlich aber zu kurz greifenden Rollback-These zu entkommen, erweist sich gerade der nüchtern analysierende Blick auf Grenzen als hilfreiches Antidot gegen verabsolutierende Trendaussagen, deren Halbwertszeit ohnehin immer kürzer zu werden scheinen. Denn nur dem – medial massiv unterstützten – Anschein nach, haben wir es mit einer bloßen Wiederkehr der aus Mauern und Stacheldraht errichteten Befestigungsanlagen im klassischen Gewand zu tun, die das Bild einer Rückkehr in durch streng bewachte Grenzen strikt voneinander geschiedenen Nationalstaaten heraufbeschwören. Was dieses Bild letztlich erzeugt, ist der einseitige Blick auf die nationalstaatliche Grenze als Grenzlinie, der insofern gleich mehrfach trügt, weil bei der Erschließung der vormodernen Grenzverhältnisse, beim Blick auf die netzwerkartigen globalen Strukturen und bei der heutigen Wiederkehr der Grenzbefestigungsanlagen durchgehend diese spezielle Form der Grenze als Maßstab genommen wird, die wir von der Trennung zweier Nationalstaaten in der Fläche her kennen. Nur wenn diese zum Idealbild einer Grenze erhoben wird, gab es territoriale Grenzen – entgegen unserer eigenen Rekonstruktion – in vormodernen Gesellschaften noch kaum (vgl. Parsons 1975, S. 65), während der großen Zeit der Nationalstaaten nahezu durchgängig, in der Ära der Globalisierung nicht mehr oder kaum noch und aktuell wieder in großem Ausmaß. Statt ein solches Auf- und Abtreten des immer gleichen Grenztyps in immer neuen gesellschaftlichen Formationen zu rekonstruieren, wäre es im Sinne einer elaborierten Grenzforschung weitaus gewinnbringender, den Wandel der Grenzen und der Grenzauffassungen selbst stärker ins Auge zu fassen, als dies zumeist der Fall ist. Die Phänomenologie von Grenzen erweist sich dabei als überaus reichhaltig. Wer dagegen ihr Verschwinden prognostiziert oder ihre Wiederkehr verkündet, dem entgeht das Entscheidende: die Metamorphosen und der Formwandel von Grenzen. Nimmt man diese in den Blick, erweisen sich die Anzeichen einer Wiederkehr der nationalstaatlichen Grenzarchitektur als zumindest trügerisch, denn die aktuellen Grenzanlagen bestehen aus der Akkumulation von sowohl alten wie neuen, harten wie weichen Kontroll- und Überwachungstechnologien, also aus Mauern, Zäunen, Stacheldrahtrollen und Wachtürmen ebenso wie aus Drohnen, Hubschraubern, Wärmebildkameras und Nachtsichtgeräten (vgl. auch Nail in diesem Band). Hinzu kommen Pässe, Visa, Gesundheitszertifikate, Zoll- und Finanzbeamte, Gesundheits- und Einwanderungsbehörden. Kurz: Es kommt alles zum Einsatz, was die Menschen im Laufe des gesellschaftlichen Werdens an Begrenzungstechnologien erfunden haben – mixed borders with mixed materials gewissermaßen. Durch die Mischung aus sichtbaren und unsichtbaren, diskursiven und nichtdiskursiven Elementen lässt sich die Grenze in ihrer aktuellen Form treffend als „Raumdispositiv“ (Walters 2011, S. 322) oder „Grenzregime“ (Opitz 2011, S. 259) beschreiben. Im Gegensatz zum naheliegenden Befund eines martialischen Aufbaus von Grenzbefesti- Markus Schroer 62 gungsanlagen zur Verwirklichung einer totalen Abschottung ist vielmehr die Perfektionierung der Grenze als Selektionsinstrument das Ziel der massiven Aufrüstung ausgefeilter Grenzapparaturen (vgl. Schroer 2019b). Entgegen des äußeren Anscheins sollen die hoch technologisierten Grenzarchitekturen nicht für die lückenlose Abdichtung der Grenzen, sondern für einen geregelten Grenzverkehr sorgen und damit die genuine Funktion der Grenze als Instrument der Selektion erfüllen, denn die Bestrebungen gehen offenbar grundsätzlich dahin, allen unerwünschten Migrationen mit Schließung und allen erwünschten mit Öffnung der Grenzen zu begegnen, den Zustrom von Waren und Personen also nicht grundsätzlich zu unterbinden, sondern zu kanalisieren und zu filtern (vgl. Hess/Schmidt-Sembdner in diesem Band). Die Souveränität eines Staates wird in Zukunft wohl mehr denn je daran festgemacht werden, ob er zu einem solchen Sortierungsvorgang auf der Höhe der technologischen Möglichkeiten in der Lage ist oder nicht (vgl. dazu Pötzsch in diesem Band). Allerdings geht es nicht nur um die vom Staat gezogenen territorialen Grenzen, sondern auch um die von anderen sozialen Einheiten gezogenen. Nicht nur jeder Staat, auch jede Stadt, jede Organisation, jede soziale Gruppe und jedes Individuum zieht Grenzen und steckt damit Räume ab, die von den einen betreten werden dürfen und von den anderen nicht. Dabei geht es um die Aneignung und Besetzung von Territorien – von den „Territorien des Selbst“ (Goffman 1974) über städtische Territorien bis zu staatlichen Territorien. Wer Kämpfe um Territorien für ein vormodernes oder gar nur der Tierwelt vorbehaltenes, zumindest aber für ein die freischwebenden Netze der Weltgesellschaft in ihrer Selbstgenügsamkeit nicht tangierendes Phänomen gehalten hat, wird zur Kenntnis nehmen müssen, dass wir es auch weiterhin und offenbar mit zunehmender Intensität mit der Besetzung und Verteidigung von Territorien zu tun haben werden, bei dem es nicht um das einmalige Ziehen und Festlegen von Grenzen geht, sondern um sich permanent vollziehende Grenzpraktiken und den immer neuen Kampf um den Verlauf von Grenzen. Fazit Unsere Überlegungen über das Verhältnis zwischen Gesellschaft und Grenze haben gezeigt, dass die Entwicklung von Gesellschaften ohne die Berücksichtigung der Grenzen, die sie für sich bestimmt, kaum umfassend darstellbar ist, denn gänzlich ohne Grenzen kommt keine Gesellschaft aus. Aber statt von der sukzessiven Etablierung oder dem stetigen Abbau von Grenzen zu erzählen, ist der Formwandel der Grenzen stärker als bisher in den Blick zu nehmen. Von der Ackerfurche über den Zaun und die Mauer bis zur Firewall durchziehen Grenzkonstruktionen die Geschichte der Menschheit. Über die Art und Weise ihrer Grenzziehungen konstituieren sich Gesellschaften zu einem je spezifischen Gebilde. Eine Jäger- und Sammlergesellschaft ist durch andere Grenzen charakterisiert als eine Netzwerkgesellschaft. Den jeweiligen „Gesellschaftstypen“ (Tenbruck 1989a, S. 59) können deshalb entsprechende Grenztypen hinzugefügt werden. Welche Grenzziehungen jeweils vorgenommen werden, sagt viel über die jeweilige Gesellschaftsform aus, mit der wir es zu tun haben. Auf diese Weise ließe sich auch der von Tenbruck vorgeschlagene Gesellschaftsbegriff durchaus auch weiterhin fruchtbar als Grundlage soziologischen Denkens einsetzen: „Anstatt die Existenz der ‚Gesellschaft‘ vorauszusetzen, ist es die Aufgabe der Soziologie zu prüfen, ob, wann, wie und warum aus vielen Vergesellschaftungen eine Gesellschaft entsteht. Insofern ist die Gesellschaft nicht der gegebene Ausgangspunkt, sondern das aufgegebene Rätsel der Soziologie.“ (Tenbruck 1989b, S. 429) 7. Die Grenzen der Gesellschaften 63 Ein fruchtbarer methodischer Weg, dieser von Latour (2007) verblüffend ähnlich formulierten Aufgabe nachzukommen, bestünde darin, die jeweils vorgenommenen Grenzziehungen systematisch nachzuverfolgen, die jede Vergesellschaftung begleiten. Weiterführende Literatur Agier, Michel (2016): Borderlands. 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Schlagwörter Souveränität, Sicherheit, Ordnung, Globalisierung, Entgrenzung Einleitung: Der Staat und seine Grenzen – die Grenzen des Politischen Das Konzept von moderner Staatlichkeit ist eng mit dem der Grenze verwoben. In der europäischen Geschichte des politischen Denkens lässt sich dabei ein Fokus auf territoriale Grenzziehungen des souveränen Staates ausmachen, die auch noch unser zeitgenössisches Bild der Grenze prägen. Diese Konzentration auf die souveräne territoriale Ebene findet sich von der frühneuzeitlichen Vertragstheorie bis in die moderne Staatstheorie und Staatsrechtslehre.1 Aus dieser Perspektive fungieren Grenzen als Demarkationen und Sicherungsinstanzen, die die Konstituierung und Erhaltung eines Raums des Politischen ermöglichen, der eigenen Gesetzmäßigkeiten und Logiken unterliegt und sich maßgeblich von der internationalen Ebene unterscheidet. Die räumliche Demarkierung eines territorialen Gebiets staatlicher Souveränität hat demnach auch eine schöpferische Funktion. Zugleich basiert diese Funktion auf einer stark evaluativen Beziehung zwischen Innen- und Außenraum: Im Inneren haben wir Ordnung und Frieden, gleichsam einen kulturellen (und naturbeherrschenden) Raum des Politischen für eine definierte Gruppe von Staatsbürger*innen (Volk), wohingegen außen Chaos und Krieg herrschen, die der Logik eines vorpolitischen Naturzustands folgen. Dieser Punkt verweist bereits auf Ergebnisse der Grenzforschung aus den letzten Jahren, wonach sich neben einem politisch-territorialen Fokus auch auf soziosymbolischer Ebene stattfindende Grenzziehungsprozesse als bedeutsam erweisen, die in einem komplexen Wechselverhältnis zueinander stehen (vgl. Eigmüller 2007, S. 28; Gerst et al. 2018, S. 4). Das Konzept des Politischen und insbesondere des modernen Staates mit seinem vergleichsweise rigiden Fokus auf Ordnungsbildung ist immer auf soziale und kategoriale Differenzierungen und Grenzen angewiesen. Grenzen tragen zur Strukturierung symbolischer Ordnungen bei, wirken sinnstiftend und ermöglichen so die Bildung und Zuweisung von Identitäten. Diese definitorische und identitätskonstituierende Funktion ist auch für staatliche Grenzen charakteristisch. So kann etwa ein solch abstraktes und multiples Gebilde wie eine Nation oder ein Volk überhaupt 1. 1 Vgl. die einschlägigen Beiträge in Voigt (2016; 2018). 68 erst durch eine Unterscheidung und letztlich Abgrenzung von etwas anderem definiert werden. Dabei muss stark vereinfachend vorgegangen, also Komplexität reduziert werden (vgl. Balibar 2002, S. 76). Dies erfolgt meist über die Verallgemeinerung bestimmter Gemeinsamkeiten, die hierdurch eine Aufwertung gegenüber bestehenden Unterschieden erfahren. Die Aufgabe dieser Komplexitätsreduktion wird (in Westeuropa) seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert vornehmlich dem Staat zugesprochen. Paradoxerweise wird die Komplexitätsreduktion aber erst durch die Bildung eines sehr komplexen Gefüges aus Dichotomien möglich. So ist die Unterscheidung und Trennung zwischen Ökonomie/Politik, Privatheit/Öffentlichkeit, Individuum/Allgemeinheit, Recht/Unrecht, Ordnung/Chaos, Natur/Kultur eine entscheidende Voraussetzung für die Funktionsweise moderner Regierungsführung und Staatlichkeit (vgl. Vasilache 2007). Erst durch ihre jeweilige Abgrenzung voneinander und wechselseitige Bezugnahme aufeinander erhalten die einzelnen Elemente Bedeutung und bilden die Basis für Macht- und Herrschaftsstrukturen, die einer politischen Ordnung zugrunde liegen. Gleichzeitig gilt es festzuhalten, dass die damit verbundenen Abgrenzungen, Einschlüsse und Exklusionen nie in der von den Verfechter*innen der jeweiligen Grenze intendierten und proklamierten Eindeutigkeit Bestand haben. Dies gilt sowohl für territoriale Grenzziehungen als auch für soziale und symbolische Differenzierungen. Die Vereinfachung zur Komplexitätsreduktion stößt immer wieder an ihre eigenen Grenzen: Stets entzieht sich etwas den Zuordnungen und Kategorien, stets werden Grenzen unterwandert und unterminiert, stets werden neue Grenzen gezogen oder bestehende verschoben. Das unaufhörliche Spiel aus Reproduktion von Ordnung und deren Erosion bildet die treibende Kraft politischer Auseinandersetzungen. So darf eine staatliche Ordnung mit ihren Grenzen nicht als ein fixes Gebilde verstanden werden, das einmal etabliert wurde und danach unverändert Bestand hat. Grenzen kann keine Essenz zugesprochen werden, die zu allen Zeiten und an allen Orten gleiche Gültigkeit hat (vgl. Balibar 2002, S. 75). Grenzen sind demnach für das Konzept moderner Staatlichkeit konstitutiv, während sie zugleich historisch spezifisch, umstritten und veränderbar sind. Um im Folgenden die Konstitution und Funktion von Grenzen für den modernen Staat zu beleuchten, soll zunächst der verwendete Begriff der Grenze dargelegt werden. Im Anschluss daran werden anhand einer kurzen historischen Rekonstruktion das moderne Grenzverständnis, insbesondere in der politischen Theorie sowie den Internationalen Beziehungen, und sein Verhältnis zum Konzept politischer Ordnung ausgewiesen. Über einen tradierten Fokus auf territoriale Staatsgrenzen hinausgehend soll dann die theoretisch hervorgehobene und politisch gewichtige Rolle von Grenzen in den Bereichen der Sicherheit und der Migration erkundet werden. Abschließend werden Veränderungen der Grenzen des Staates sowie Entgrenzungsphänomene und -dynamiken unter aktuellen Bedingungen der Transnationalisierung diskutiert. Der Begriff der Grenze Das Nachdenken über Grenzen, über ihre Funktion und Bedeutung für Staatlichkeit und Politik setzt eine Klärung des Grenzbegriffes voraus (vgl. auch Schmieder in diesem Band). Hierbei scheidet die Möglichkeit einer nominaldefinitorischen Setzung schon deshalb aus, weil ein Begriff der Grenze die vielfältigen und ständigem Wandel unterliegenden Phänomenologien von Grenzen berücksichtigen und daher sowohl inklusiv als auch in gewissem Maße selbst wandelbar sein muss. Dies mag ein Grund dafür sein, dass Diskussionen über Grenzen zwischen einem rein metaphorischen Verständnis einerseits und einer Überfokussierung auf ausdehnungslose, lineare territoriale Staatsgrenzen andererseits zu oszillieren scheinen. Selbst 2. Grenze, Staat und Staatlichkeit 69 in der Grenzforschung ist dem Grenzbegriff erstaunlich wenig systematische Aufmerksamkeit zuteilgeworden. Gerade aufgrund der Gleichzeitigkeit einer Tendenz zur expansiven Assoziativität einerseits und der Unangemessenheit eines zu engen und unflexiblen Verständnisses andererseits ist es notwendig, den Grenzbegriff systematisch und konzeptionell zu umreißen. In unserem Zusammenhang ist dabei hervorzuheben, dass die begrifflichen Überlegungen auf politische Grenzen beschränkt sind. Nähert man sich politischen Grenzen in systematischer begrifflicher Absicht, wird rasch deutlich, dass ein allein auf staatliche Territorialität fixiertes Verständnis von Grenzen theoretisch unzureichend ist. Eine solch eingeschränkte Perspektive verkennt die voraussetzungsreichen Prozesse, durch die staatliche und geopolitische Grenzen überhaupt erst hervorgebracht werden, und birgt so das Risiko ihrer Naturalisierung (vgl. auch Nail in diesem Band). In diesem Sinne konnte in den Critical Geopolitics (vgl. z.B. Agnew 1994; Agnew et al. 2009) und in den Border und Borderlands Studies (vgl. z.B. Newman 2003; Houtum 2005) gezeigt werden, dass tradierte und objektivistische Vorstellungen von politischen Räumen und Territorialität – wie die Idee natürlicher Grenzen2 – irreführend sind. Vielmehr sind Grenzen, Räume und Territorien das Resultat von mannigfaltigen Diskursen und Praktiken (vgl. Berg/Houtum 2003; Vaughan-Williams 2012, S. 60), durch die Grenzen als politische und auch physische Phänomene konstituiert und Räume erst territorialisiert werden (vgl. Walters 2004). Eine ausschließlich territoriale Vorstellung von Grenzen würde also ihren sozialen Konstruktionscharakter und damit die ihnen stets innewohnende Kontingenz verkennen. Aus der Zurückweisung einer Territorialitätsfixierung für einen Begriff politischer Grenzen folgt, dass eine alleinige Konzentration auf materielle Manifestationen von Grenzen ebenfalls unzureichend wäre. Beispielsweise kommen die politischen Grenzen zwischen den Staatsgewalten, zwischen öffentlichem und privatem Gestaltungsbereich oder die durch die Gesetze gesteckten Handlungsgrenzen ohne eine physische Repräsentation aus. Und insbesondere das Beispiel der Binnengrenzen im Schengen-Raum verdeutlicht, dass materielle Realisierung und Sicherung nicht einmal für zwischenstaatliche Territorialgrenzen zwingend sind.3 Im Unterschied zu den zwar möglichen, aber keineswegs notwendigen Eigenschaften der territorialen Bezogenheit und physischen Materialität von Grenzen ist Grenzen allerdings stets eine epistemische Differenzierungsfunktion eigen. So hebt Niklas Luhmann hervor, dass räumliche beziehungsweise geografische Grenzen nur als „Sonderfall von Sinngrenzen“ (Luhmann 1987, S. 266) anzusehen seien, während Ehrhardt Cremers (1989, S. 86, 163–164) auch in staatlichen Grenzen nicht lediglich ein territoriales Phänomen, sondern ein Medium der epistemischen Ordnungsbildung erkennt. Dabei gehen politische Grenzen aufgrund der Gleichzeitigkeit und Verbindung einer politischen und einer epistemischen Unterscheidungsfunktion über einfache Unterscheidungen hinaus, die weder politische noch epistemisch-geltungsräumliche Implikationen haben müssen. Dagegen zeichnen sich sowohl Staatsgrenzen als auch die soeben genannten innerstaatlich-institutionellen Grenzen des Rechts, der Regierungsgewalt, zwischen den Staatsgewalten oder zwischen Öffentlichkeit und Privatheit dadurch aus, dass sie epistemische und politische Geltungsbereiche konstituieren, umreißen und voneinander scheiden. In diesem Sinne können Grenzen als ein spezifischer Typus der Differenzierung gelten. Begrifflich 2 Vgl. zur Begriffs- und Wirkungsgeschichte der Vorstellung von natürlichen Grenzen Monika Eigmüller (2007, S. 21ff.). 3 Gerade angesichts der oft zu beobachtenden öffentlichen Identifikation von Grenzen mit physischen Barrieren und Befestigungen sowie auch angesichts der aktuell populären Forderung nach befestigten Grenzen darf der Aspekt der möglichen Materialität von Grenzen allerdings nicht aus den Augen verloren werden. Goetz Herrmann und Andreas Vasilache 70 können sie in ihrer Doppelfunktion als politische sowie epistemische Ordnungsprinzipien gefasst werden, durch die unterschiedliche politisch-epistemische Geltungssphären differenziert werden (vgl. Vasilache 2007; 2012). Ein solches Verständnis von Grenzen ist nicht auf staatliche Außengrenzen festgelegt und verfängt sich nicht in einem „territorial trap“ (Agnew 1994, S. 53). Zugleich weist es über das thematische und empirische Interesse der Border und Borderlands Studies an räumlichen Grenzen (vgl. Wilson/Donnan 2012; Parker/Vaughan-Williams 2014) hinaus und kann auch politisch-institutionelle Grenzziehungen ins Auge fassen, denen ein geografischer Raumbezug fehlt. Folglich schließt dieser Grenzbegriff territoriale und weitere physisch-räumliche Grenzen sowie die Möglichkeit materialer Grenzrepräsentationen und -sicherungsvorrichtungen mit ein, ohne aber auf solche Grenzen beschränkt zu bleiben. So erlaubt er es, die epistemischen Unterscheidungs- und Ordnungsbildungsfunktionen von Grenzen sowie die vielfältigen innerstaatlichen und transnationalen Grenzziehungen in den Blick zu nehmen, durch die zum einen der vertragstheoretische Staat als politische Methodologie der Grenzziehung konstituiert wird (vgl. Vasilache 2007, S. 108–112, 319–326) oder die zum anderen im Kontext (post)moderner Politik und in Zeiten (vermeintlicher) Entgrenzung ihre Relevanz entfalten. Hiermit zusammenhängend wird die Berücksichtigung sowohl ausdehnungslos-linearer als auch räumlich ausgedehnter Grenzbereiche und borderlands möglich. Denn wenn Matthew Longo (2018, S. 49) darauf hinweist, dass Staatsgrenzen immer einen Grenzraum um sich kreieren und „that even the most linear borders have zonal elements or catchments areas that extend far inland“, dann gilt einschränkend zu betonen, dass dies ein empirisches Merkmal von Territorialgrenzen, aber kein theoretisch zwingendes Charakteristikum politischer Grenzen überhaupt ist. Aus den bisherigen konzeptionellen Überlegungen folgt überdies, dass eine apriorische ethische und moralische Skepsis gegen politische Grenzen (vgl. Baltes-Löhr 2003, S. 89–92; Moore 2003, S. 335) vermieden werden muss.4 Grenzüberschreitungen können nicht grundsätzlich als normativ wünschenswert gelten. Die Frage der normativen Legitimität von Grenzüberschreitungen (vgl. auch Banse in diesem Band) lässt sich nicht auf der allgemeinen Ebene des Grenzbegriffs, sondern ausschließlich auf der spezifischen Ebene konkreter Grenzziehungen und -praktiken sinnvoll stellen.5 Im Rahmen des hier dargelegten Grenzbegriffs werden Grenzen zudem nicht auf eine bestimmte Funktion festgelegt, sondern können in ihrem Schließungs-, Öffnungs- und Verbindungspotenzial gleichermaßen und damit insbesondere in ihrem relationalen Charakter (vgl. Gerst 2017, S. 489f.) berücksichtigt werden. Nicht zuletzt aber impliziert ein solcher Grenzbegriff, Grenzen nicht alleine als Strukturen oder gar als Gegenstände, sondern vielmehr in ihrer Komplexität (vgl. Bossong et al. 2017) und ihrem prozeduralen und dynamischen Charakter (vgl. Flügel-Martinsen et al. 2018) zu begreifen. Gleich ob bei der Betrachtung räumlicher 4 Dagegen hat Andreas Hetzel (2016) jüngst einige Überlegungen zu einer Kritik der Grenze vorgelegt, in der er von einer apriorischen Illegitimität sämtlicher Grenzen ausgeht. Aus seiner Perspektive sind Grenzen normativ abzulehnen und zu überwinden, wobei dies schließlich in der Forderung einer „unbedingten Gemeinschaft“ (ebd., S. 181) mündet, der mit politischen Grenzen auch die Möglichkeit jedweder Abwehrrechte des Individuums gegen die Gemeinschaft abgeht und die ja bereits ihrem Wortlaut nach Gefahr läuft, in eine totale Ordnung zu führen. 5 So können etwa rassistische Grenzziehungen keine Legitimität für sich in Anspruch nehmen, während das ausnahmslose Verbot des Angriffskrieges zur territorialen Expansion als eine in ihrer Absolutheit erhaltenswerte Grenzziehung verstanden werden kann. Wenngleich die – oft implizit und stillschweigend eingeführte – negative Konnotation von Grenzen in der jüngeren Grenzforschung nicht mehr verbreitet ist, ist sie im breiteren Diskurs über Grenzen und insbesondere in der alltagssprachlichen und metaphorischen Verwendung des Ausdrucks der Grenze gleichwohl weiter anzutreffen. Grenze, Staat und Staatlichkeit 71 oder nicht-räumlicher Grenzen wird durch einen solchen Begriff der Blick dabei auch auf den Wandel von Grenzziehungen gelegt. Staatstheorie und die historische Genealogie von Grenzen Aufgrund ihrer politisch und sozial ordnungsbildenden Funktion und ihrer konstitutiven Rolle für den modernen Staat kommt staatlichen Grenzen ein institutionelles Gewicht zu. Daher sollen im Folgenden staatliche Grenzen und ihre Bedeutung für die staatliche, territoriale und nationale Ordnung aus theoretischer wie genealogischer Perspektive besprochen werden. Versteht man Grenzen im soeben ausgewiesenen Sinne als dynamische, immer auch kontingente und prozedurale Einrichtungen, ist eine staatstheoretische wie genealogische Betrachtung von Grenzen und Grenzdiskursen zugleich von besonderer Relevanz. Dies ist zum einen deshalb der Fall, da sich die aktuelle Gestalt sowie die Funktionen staatlicher Grenzen über einen langen Zeitraum entwickelt haben und einem fortgesetzten Wandel unterliegen. Zum anderen ist auf der Grundlage eines dynamisch-prozeduralen Grenzverständnisses eine Befassung mit staatlichen Grenzen nicht zuletzt deshalb geboten, da insbesondere staatliche Grenzen oft essentialistisch verstanden und repräsentiert werden, während ihre historische-kulturelle Genealogie, ihre Konstitutionsbedingungen, ihre Kontingenzen und in der Folge ihre grundsätzliche Veränderbarkeit verdeckt zu werden drohen. Die Idee des Staates: Das Innen, das Außen und die Ordnung Bereits der frühneuzeitliche Vertragstheoretiker Thomas Hobbes macht in seiner theoretischen Gründungsmythologie moderner Staatlichkeit deutlich, dass der souveräne Staat von „bewaffneten Grenzen und auf die anliegenden Nachbarn gerichteten Kanonen” (Hobbes 2011, S. 166) umgeben sein muss. Und auch in den folgenden einflussreichen kontraktualistischen Staatsentwürfen John Lockes und Jean-Jacques Rousseaus ist das Vertragsgebiet eines Staates durch territoriale Grenzen definiert (vgl. Vasilache 2007). Der territorial-souveräne Fokus findet sich beispielhaft ebenfalls in Max Webers prominenter Staatsdefinition als „Gemeinschaft, welche innerhalb eines Gebietes – dies: das ‚Gebiet‘, gehört zum Merkmal – das Monopol legitimer physischer Gewaltsamkeit für sich (mit Erfolg) beansprucht“ (Weber 2010, S. 1043). Die Grenzen dieses Gebietes geben demnach zugleich die Grenzen des Monopols auf legitime Gewaltsamkeit an. Eine der wichtigsten Annahmen in der Theoriegeschichte des modernen Staates ist dabei, dass die Legitimität, die Durchsetzungsfähigkeit und letztlich der Bestand staatlich-souveräner Ordnung von der Einheit von Staatsgebiet, Staatsvolk und Staatsgewalt abhängt.6 Für Hobbes sind staatliche Grenzen primär ein logisches Erfordernis und eine zwingende Grundlage der Staats- und Gemeinschaftsbildung. So erklärt er den Zusammenschluss einzelner Subjekte zu einer politischen Gemeinschaft mit der Notwendigkeit der Abgrenzung von einer (fiktiven) Situation absoluter naturzuständlicher Unordnung. Nur durch einen Vertragsschluss mit dem Souverän und ihrer kollektiven Unterwerfung können die nach Selbsterhaltung strebenden Subjekte einem stetigen Kreislauf aus Chaos und Gewalt entgehen (vgl. Hobbes 2011; Herrmann 2018, S. 13). Dieser identitätsstiftende Zusammenschluss zu einer 3. 3.1 6 Vgl. zur sogenannten Drei-Elemente-Lehre Georg Jellinek (1905, S. 381–420). Goetz Herrmann und Andreas Vasilache 72 politischen Einheit ist demnach nur mittels einer negativen Bezugnahme auf und Abgrenzung von einem konstitutiven Außen (vgl. Laclau 2007, S. 38) möglich. Es wird ein Unterschied zwischen einem Innen (Ordnung und Frieden) und einem Außen (Gewalt und Chaos) eingeführt, der bewahrt und notfalls verteidigt werden muss. Der Begriff der Ordnung gewinnt Bedeutung erst durch diese Abgrenzungsbewegung von seinem Gegensatz, dem Chaos. Weil der staatliche Raum durch diese Abgrenzung vom Anderen bestimmt wird, lässt sich das Verhältnis zwischen dem Innen und dem Außen von Staaten zugleich nur als ein wechselseitiges denken. Daher sind in einem internationalen Staatensystem die einzelnen Staaten auf die Anerkennung durch andere Staaten angewiesen (vgl. schon Hegel 1986, S. 498).7 Die klassische Staatstheorie von der Vertragstheorie bis zur Staatsrechtslehre befasst sich nur wenig mit der empirischen und historischen Konstitution und Genealogie politischer Ordnung und ihrer Grenzen. Zugleich aber ist festzustellen, dass sich moderne Staatlichkeit mit ihrer Einheit von Staatsgebiet, Staatsvolk und Staatsgewalt erst über einen langen Zeitraum etabliert hat. Daher ist es zum Verständnis der Entwicklung und Funktionsweise politischer Ordnung und ihrer Grenzen notwendig, die historische Konstitution und Genealogie der in der klassischen Staatstheorie entworfenen Ordnungskonzepte in den Blick zu nehmen. So hängt das schon bei Hobbes, Rousseau und Locke vorausgesetzte Vermögen, zwischen einem politischen Inneren und einem als weitgehend kontingent verstandenen vorpolitischen Raum außerhalb des Staates räumlich zu unterscheiden, von historisch sehr spezifischen Artikulationen der Beziehungen zwischen Universalität/Partikularität, innen/außen, Selbst/Anderes, privat/öffentlich ab (vgl. Walker 1997, S. 69f.). Wo und wie diese Trennlinien verlaufen, ist alles andere als eindeutig, zumal Ordnungsbildungsprozesse stets auch Ausdruck eines (unabgeschlossenen) Interpretations- und Bedeutungsgeschehens sind. Tatsächlich ist das Funktionieren moderner staatlicher Macht auf ein Kategoriensystem angewiesen, das auf evaluativen Dichotomien basiert und so auf eine sehr spezifische Weise unterscheidet, strukturiert, inkludiert und exkludiert – wie z.B. nach Staatsbürger*innen und Fremden, Legalität und Illegalität oder Innen- und Außenpolitik. Dieses Kategoriensystem ist nicht aus vermeintlich natürlichen Komponenten zusammengesetzt. Vielmehr bildet es sich im Laufe des 17. Jahrhunderts heraus und vermag erst im Verlauf des 18. und 19. Jahrhunderts, seine Kraft zu entfalten – wobei es auch unser heutiges Bild von Grenzen noch stark beeinflusst (vgl. Hirst 2005, S. 33ff.; vgl. auch Eigmüller 2007, S. 15; Buzan/Hansen 2009, S. 23ff.; Herrmann 2018, S. 25ff.). So musste sich die in der (normativen) politischen Theorie oftmals vorausgesetzte Einheit des souveränen Staates, der exklusiv über ein durch seine Grenzen umgebenes Territorium und dessen Bewohner*innen in Gestalt eines homogenen Volkes regiert, erst über einen längeren Zeitraum etablieren und sich gegen konkurrierende Prozesse gesellschaftlicher Organisation durchsetzen. Die Vorstellung der souveränen und territorialen Einheit des Staates – mit all ihren Implikationen für das Verständnis und die Funktionen von Grenze(n) – war das Ergebnis eines langen Prozesses in Westeuropa, der sich durch besondere politische, ökonomische 7 Dieses idealtypische Anerkennungsverhältnis, wonach sich die Staaten als zumindest formell gleiche Akteure verstehen, mit denen entweder Krieg geführt oder Verträge geschlossen und Handel betrieben werden kann, wird in den meisten klassischen Ansätzen der europäischen Theoriegeschichte und insbesondere in realistischen Theorien der Internationalen Beziehungen (vgl. Morgenthau 2006) vertreten, gilt historisch gesehen jedoch nur für einen kleinen Teil der Erdbevölkerung. Menschen in den Kolonien etwa durften nicht mit dem gleichen Maß an Anerkennung rechnen, geschweige denn Staaten bilden. Vielmehr wurde aus europäischer Perspektive die eigene Kultiviertheit und Zivilisation abgrenzend gegenüber vermeintlich Wilden und naturbelassenen Völkern definiert (vgl. Said 2003). Grenze, Staat und Staatlichkeit 73 und soziale Konstellationen und Auseinandersetzungen auszeichnete. Dabei erweist sich, dass insbesondere die Nationalisierung des Begriffs der politischen Gemeinschaft im 19. Jahrhundert einen wesentlichen Beitrag zur Homogenisierung von Bevölkerungen und zur exklusiven Regierung eines Territoriums durch einzelne Staaten geleistet hat (vgl. Anderson 2006). Angesichts der komplexen, dynamischen und hochgradig situationsspezifischen Ursachen dieser Transformation ist freilich zu betonen, dass es sich bei diesem historischen Prozess und den mit ihm verbundenen Kämpfen weder um einen vermeintlich natürlichen Prozess oder die Folge einer historischen Gesetzmäßigkeit8 noch alleine um die zweckrationale Einsicht vernunftbegabter Subjekte in die Notwendigkeit souveräner Ordnung gehandelt hat. Die moderne Grenze als Territorialgrenze Während gegenwärtige Konzepte von Staatsgrenzen also nicht schon immer in ihrer jetzigen Form und Funktion Bestand hatten, gibt es seit der Antike verschiedene Formen von Grenzverläufen, Markierungen, Grenzgebieten und Landstrichen, die als Orte der Trennung und/oder Begegnung fungierten (vgl. Balibar 2002, S. 77). Unser heutiges Verständnis von Grenzen ist stark von einer sehr spezifischen modernen und insofern stark nationalstaatlich codierten Idee der Grenze geprägt. Dieses moderne Grenzkonzept arbeitet wiederum überwiegend mit Metaphern territorialer Trennlinien, Befestigungen, Zäunen und Mauern. Demnach handelt es sich bei einer Grenze um eine durchgängige Linie, die ein Territorium und den mit ihm zusammenfallenden Raum souveräner politischer Autorität demarkiert (vgl. Walters 2006, S. 193), deren exklusives Zugriffsrecht notfalls mit Gewalt verteidigt werden muss. Ein solches, immer auch militärisch konnotiertes Konzept einer Trennlinie ist, wie Lucien Febvre (1988) in seiner Studie zur Genealogie von Grenzkonzepten zeigt, vergleichsweise neu. Zuvor gab es bereits Grenzen, diese waren aber anders organisiert. So umfasste etwa das Konzept der Mark gleich ein ganzes Grenzgebiet eines Reiches, das nicht in absoluter Eindeutigkeit umrissen und markiert war (vgl. Hirst 2005, S. 36; Eigmüller 2007, S. 14f.). Dieses Grenzkonzept war in eine feudale Herrschaftsform eingebettet, die nicht durch eindeutige territoriale Grenzen um einen geografischen Raum bestimmt wurde, über den ein Souverän exklusive Herrschaft beanspruchen konnte. Auch ein (formal) eigenständiges Rechtssystem oder ein von politischer Herrschaft getrennter Bereich der Ökonomie – und damit wichtige sachliche und funktionale Grenzziehungen des modernen Staates – waren dieser Herrschaftsform fremd. Mit der Zuspitzung der Konflikte zwischen Kaiser, Papst, Territorialfürsten, Ständen und Städten geriet diese Herrschaftsordnung seit dem späten Mittelalter vermehrt in eine Krise. Vorangetrieben von Entwicklungen wie der Reformation, dem Dreißigjährigen Krieg und neuen (Militär-)Technologien konnten sich schließlich die Territorialfürsten durchsetzen (vgl. Hirsch 2005, S. 53). Frühe Territorialstaaten erlangten allmählich Kontrolle über ihr Staatsgebiet und setzten sich gegenüber territorial kleineren Verbünden von wohlhabenden Stadtstaaten und transterritorialen Netzwerken wie der Hanse oder der Kirche durch (vgl. Hirst 2005, S. 34). Der stetige Bedarf dieser Territorialstaaten an kostspieligen Heeren gilt als einer der 3.2 8 So wird es etwa prominent in Arbeiten des Deutschen Idealismus dargestellt (vgl. v.a. Fichte 1910). Die verwandte These einer historischen Fortschrittslogik findet ihre prominenteste Fürsprache sowohl in marxistischen Konzepten vom Staat als politischem Überbau des Kapitalismus als auch in veränderter Form bei Max Weber mit seiner These der Entstehung eines rationalistisch-bürokratisch geprägten kapitalistischen Geistes als Grundlage für Modernisierung. Goetz Herrmann und Andreas Vasilache 74 Antriebsmotoren für den modernen professionalisierten und zentralisierten Verwaltungsapparat, der dann die Einrichtung eines modernen Steuerwesens und in der Folge eine einheitliche Regierung der Bevölkerung innerhalb des Territoriums ermöglichte. Erst auf dieser Grundlage konnten Herrschafts- und Rechtsbeziehungen in einer Weise erweitert und zentralisiert werden, die die „Herausbildung einer Privatsphäre und somit die Entstehung eines gegenüber den politischen Herrschaftsbeziehungen formell getrennten Bereichs“ (Hirsch 2005, S. 54) und die weiteren institutionellen Grenzziehungen des Staates (vgl. auch Vasilache 2007, Kap. 3) ermöglichten. Mit dem Aufstieg des modernen Staats setzte sich das Konzept einer territorialen Linie also erst allmählich durch und markierte ein Gebiet exklusiver und „legitimer Gewaltsamkeit“ (Weber 2010, S. 1042). Aus einer vormals primär für die Aristokratie und das Militär (in Kriegszeiten) gültigen „limite“ (Febvre 1988, S. 33) wird nun eine für alle gleichermaßen verbindliche Demarkationslinie: „Die Linie der Grenzen wird zu einer Art Graben zwischen deutlich geschiedenen Nationalitäten. Obendrein wird sie zur moralischen Grenze (frontière), die sich rasch mit allem Haß, aller Rachsucht und allen Schrecken belud, die in Frankreich und im Ausland von der Französischen Revolution hervorgerufen wurden“ (ebd.). Die Nationalisierung des Staates Mit seinem Begriff der „moralischen Grenze“ verweist Febvre (1988, S. 33) auf eine wichtige Entwicklung, die das moderne Verständnis von Grenzen geprägt hat. Infolge der Veränderungen in Administration und Verwaltung, die auch ein neues Verhältnis zum Territorium erforderten, erwies sich insbesondere ein Faktor als entscheidender Beitrag zur ethischen und moralischen Beladung der Grenze: Die Nationalisierung des Begriffs der politischen Gemeinschaft und des Staates im 19. Jahrhundert. Das Konzept der Nation veränderte das Verständnis vom Verhältnis zwischen Individuum und Allgemeinheit, zwischen nationalkultureller Eigenheit und Fremdheit sowie zwischen dem Inneren des Staates und dem externalisierten Außenraum tiefgreifend. Es wurde eine klare Unterscheidung und Abgrenzung zwischen nun als homogen verstandenen Nationen möglich, die exklusiv über ihr Territorium herrschen sollten. Dieser moderne nationale Identitätsbegriff bildete sich zunächst als Reaktion auf die Revolution von 1789 heraus, in deren Folge neue Bevölkerungsschichten politische Ansprüche stellten. Die Herausforderung für die Regierenden verschärfte sich noch mehr, als im Zuge der industriellen Revolution neue Klassen und Milieus entstanden. Diese mussten nun auf neue Weise über Klassen- und Standesgrenzen hinweg an den Staat gebunden werden, etwa indem an gemeinsame Traditionen appelliert oder gar Ursprungsmythen erfunden wurden (vgl. Hirst 2005, S. 34; Hobsbawn 2005, S. 97ff.; Herrmann 2018, S. 32). Hierdurch wurden jedoch unkontrollierte Dynamiken freigesetzt, die schließlich in rivalisierende und gegen die Obrigkeit gerichtete nationalistische Projekte mündeten. So wurde unter dem Banner der Volkssouveränität eine vertiefte und nachhaltige Nationalisierung des Begriffs des Volkes als einer nun präpolitisch gedachten Gemeinschaft eingeleitet (vgl. Yack 2012, S. 136ff.). Nationalistische Projekte forderten auch die Verschiebung und das Ziehen neuer Grenzen ein, etwa in Gestalt national vereinigender oder separatistischer Bewegungen. Mit dem normativen Ideal, dass das Volk in der Rolle des Souveräns über sein Territorium exklusiv regieren solle, erreichte die 3.3 Grenze, Staat und Staatlichkeit 75 Beziehung zwischen Staat, Bevölkerung und Territorium eine neue Qualität. Von nun an galt der Staat als das Mittel, um die Herrschaft eines als national homogen verstandenen Volkes über ein Territorium zu gewährleisten, wobei der Staat dem Volk und das Volk zum Staat gehören sollte. Aufgrund der singulären und hierarchischen Autoritätsstruktur des Staates musste diese Herrschaft über ein Territorium dabei zwangsläufig exklusiv einem einzelnen Volk vorbehalten bleiben (vgl. ebd., S. 149). Im Lichte eines solchen Exklusivitätsanspruchs können z.B. mehrfache Staatsbürgerschaften als Loyalitätsproblem gelten (vgl. Balibar 2004, S. 4). Auf dem Territorium lebende und am gesellschaftlichen Leben partizipierende ‚Fremde‘ bergen im Rahmen dieser Identifikationsvorstellung das Potenzial, die Imagination und Repräsentation eines einheitlichen und homogenen Volkes zu stören. Der Anspruch an die repräsentative Funktion des Staates als Ausdruck des Volkswillens verstärkt sich überdies mit der Herausbildung demokratischer Nationalstaaten, in denen die Forderung nach exklusiver Identifikation der einzelnen Staatsbürger*innen mit dem Staat und seinem Territorium besonders stark ausgeprägt ist: „The absolutization and sacralization of borders is perhaps even greater in the democratic State than in the monarchic State […] precisely because it expresses now the fact that the State is ideally the people’s property just as it is the eminent representative/owner of the population’s rights” (ebd., S. 5). Im staatstheoretischen und -philosophischen Diskurs des 19. Jahrhunderts zeichnen sich auch verstärkte Bemühungen ab, staatliche Grenzen als essenzielle Komponenten einer als natürlich – also präpolitisch – verstandenen homogenen Einheit zwischen Territorium, Volk und Staat zu definieren. So weist beispielsweise das politische Denken der deutschen Romantik (Herder, Novalis, Fichte) sogenannte rationalistische Staatstheorien zurück. Gegen diese als künstlich empfundenen Konzepte wird eine Organismus-Metapher in Stellung gebracht, die im Gegensatz zum ‚revolutionär Gemachten‘ die staatlichen Verhältnisse als ‚natürliche‘ versteht (vgl. Schnädelbach 2005, S. 246f.). Manche Autoren gehen gar von „natürlichen Grenzen“ (Fichte 1910, S. 94) aus, an denen die Politik sich zu orientieren habe, wenn sie Frieden und Wohlstand gewährleisten wolle.9 Das Konzept der Grenze als territoriale Linie zwischen souveränen und national homogenen Entitäten ist also eine vergleichsweise neue Erfindung des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Die Debatten und politischen Kämpfe des 19. Jahrhunderts – und insbesondere die Vorstellung der kulturellen Homogenität der Nation – bereiten dabei den Boden sowohl für die dramatischen Zuspitzungen des 20. Jahrhunderts mit zwei Weltkriegen als auch für das sich mit der formalen Dekolonisierung schließlich global ausbreitende internationale System souveräner Nationalstaaten und ihrer Grenzen. Sicherheit und Migration Nach den staatstheoretischen und historischen Überlegungen wenden wir uns nun mit den Bereichen Sicherheit und Migration zwei Politikfeldern zu, in denen Grenzen eine besondere Rolle spielen. Die vorausgegangenen Betrachtungen zur Idee und Entwicklung des modernen 4. 9 Als besonders eindrückliches Beispiel gilt Johann Gottlieb Fichtes Werk „Der geschlossene Handelsstaat“ (Fichte 1910). Darin geht er von einer Natur des Volkes aus und stellt diese in einen unmittelbaren Zusammenhang zum Territorium, zu dem das Volk einer Nation eine natürliche Verbindung habe. So seien gewisse „Teile der Oberfläche des Erdbodens, samt ihren Bewohnern, […] sichtbar von der Natur bestimmt, politische Ganze zu bilden“ (ebd., S. 94), die wiederum von „natürlichen Grenzen“ (ebd.) umgeben seien. Goetz Herrmann und Andreas Vasilache 76 Staates als eines territorial abgeschlossenen und in seinem Inneren homogenen politischen Raums deuten bereits an, dass und wie Grenzen zu einem fundamentalen Bestandteil der Sicherheits- und Migrationspolitik werden konnten. Die Eingrenzung von Sicherheit Das Verständnis von Sicherheitspolitik in den Internationalen Beziehungen hat sich aus dem begrifflichen Instrumentarium der klassischen Staatstheorie entwickelt, das den Staat wie auch die Staatenwelt binär codiert und in legal/illegal, innen/außen und Freund/Feind aufteilt. Hieraus erklärt sich ebenfalls die in der internationalen Politik lange vorherrschende Zuständigkeitsaufteilung zwischen innerer und äußerer Sicherheit und die Vorstellung, dass diese beiden Bereiche jeweils nach eigenen Gesetzmäßigkeiten funktionieren. Dabei wird insbesondere die äußere Infragestellung einer staatlichen Grenze als Angriff auf den gesamten Herrschaftsanspruch des jeweiligen Staates angesehen (vgl. Morgenthau 2006, S. 330). Auf diesen Prämissen baut vor allem die Theorietradition des Realismus auf, die die Disziplin der Internationalen Beziehungen den gesamten Ost-West-Konflikt hindurch dominierte und Sicherheit zu einem zentralen Begriff werden ließ.10 Der Fokus der meisten Studien innerhalb dieser Theorieströmung war auf externe Bedrohungen gerichtet, wobei als unangefochtenes Referenzobjekt für Sicherheit der Nationalstaat galt – dessen Einheit, kulturelle Homogenität und Integrität vorausgesetzt wurden (vgl. Buzan/Hansen 2009, S. 28). Die Sicherheit eines Staates muss dieser Konzeption zufolge vornehmlich durch militärische Mittel garantiert werden. Aus realistischer Perspektive gelten auf der internationalen Ebene andere Regeln als im innerstaatlichen Bereich, da dort kein Souverän die Sicherheit der Staaten voreinander gewährleistet und kein einheitliches und ordnendes normatives Wertegerüst besteht. Vielmehr herrscht hinter den Grenzen des Staates Anarchie und das schlichte Gesetz des Stärkeren. Rechtsstaatlichkeit, Kultur und Fortschritt bleiben aus realistischer Sicht dagegen innerstaatliche Angelegenheiten. Grenzen kommt in diesem Kontext eine wichtige Funktion zu. Sie fungieren als zu verteidigende Demarkationslinien, die die anarchische und gefährliche Unordnung der internationalen Sphäre vom geordneten und befriedeten Binnenraum des Staates trennen (vgl. hierzu auch Vasilache 2007; Brown 2010). Aus dieser Logik heraus erklärt sich, weshalb eine Abschwächung der Grenze – z.B. im Sinne eines erhöhten Maßes an grenzüberschreitender Bewegung von Personen und Waren – staatlicherseits immer auch als potenzielles Sicherheitsrisiko verstanden wird (vgl. Waltz 1979; Tsianos/Karakayali 2010; Herrmann 2018). Bei näherer Betrachtung des realistischen Verständnisses von internationaler und Außenpolitik zeigt sich, dass Grenzen aber nicht allein in einem militärstrategischen Sinne von sicherheitspolitischer Relevanz sind. Vielmehr erfüllen sie überdies eine wichtige epistemologische Funktion, indem sie Wissen und Gewissheit darüber herstellen sollen, wer überhaupt Freund und wer Feind ist (siehe hierzu auch Schwell in diesem Band). Dies verweist auf die oben genannte komplexitätsreduzierende Funktion staatlicher Grenzen, die also auch sicherheitspolitische Implikationen aufweist. Durch ihre stark komplexitätsreduzierende Wirkung werden durch Grenzen Räume der Kalkulierbarkeit definiert. Sie erlauben Staaten, sich als weitgehend ho- 4.1 10 Neuere Arbeiten in den Security Studies (vgl. insgesamt Buzan/Hansen 2009) kritisieren Realismus und Neo- Realismus jedoch dafür, den Begriff der Sicherheit auffällig unterbestimmt zu lassen. Grenze, Staat und Staatlichkeit 77 mogene Einheiten zu verstehen, die sich durch spezifische soziale und kulturelle Faktoren und Eigenheiten auszeichnen (vgl. Hirst 2005, S. 37), was wiederum für potenzielle Mobilisierungen wichtig ist und zudem Feindbildkonstruktionen (wir gegen die) ermöglicht. Grenzen strukturieren sicherheitsrelevantes Wissen, indem sie definieren und fixieren, was wir über wen mit welchem Grad an Gewissheit sagen können. In der neuzeitlichen westlichen politischen Theorie wird das Vermögen, Gewissheit durch Grenzziehung herzustellen, dem Souverän zugesprochen. Er soll dazu in der Lage sein, die durch Ungewissheit hervorgehende epistemologische Angst zu objektivieren (vgl. Huysmans 2006, S. 53f.; Debrix/Barder 2009). Dagegen erscheint der oben genannte (fiktive) Naturzustand als Situation vollkommener Ungewissheit, in der wir nicht eindeutig sagen können, welche Personen und sozialen Zusammenhänge als gefährlich zu bewerten sind. Der Souverän gibt das Versprechen, eben diese Leistung zu vollbringen, indem er Grenzen setzt und Gefahren klar definiert und benennt: „The chaos that is implied by not knowing how to relate to whom is displaced by an order that is based on instituting certainty about who should be feared and by implication who can be trusted” (Huysmans 2006, S. 53). Während wir ein recht hohes Maß an Gewissheit darüber haben können, was im Inneren eines Staates möglich ist und geschehen kann, herrscht der realistischen Perspektive zufolge hinter der Grenze ein Höchstmaß an Ungewissheit darüber, wer sich wie verhalten und damit zur potenziellen Gefahr werden könnte. Indem der Feind v.a. außen, hinter der Grenze, in einem internationalen System des Naturzustands verortet wird, wird zum einen der innerstaatliche Raum als Bereich der Sicherheit und Gewissheit konstituiert und repräsentiert. Zum anderen wird hierdurch auch auf internationaler Ebene zumindest ein wenig epistemische Gewissheit gestiftet. So wird Staaten aus realistischer Perspektive ein strukturell zwingendes Interesse zugesprochen, zur Selbsterhaltung ihre eigene Sicherheit zu maximieren (vgl. Waltz 1979), was sie zu einem in Teilen kalkulierbaren Verhalten nötigt. In diesem Sinne kann Sicherheitspolitik immer auch als eine Form der Wissenspolitik verstanden werden (vgl. hierzu ausführlich Herrmann 2018), in der Sicherheit mit Gewissheit über eine Situation und ihr Gegenteil, die Bedrohung, mit Ungewissheit in Verbindung gebracht wird. Zugleich wird insbesondere seit dem Ende des Ost-West-Konfliktes vermehrt darüber diskutiert, inwiefern dieses Vermögen, Gewissheit durch Abgrenzung und Zuordnung zu schaffen, im Schwinden begriffen ist. Im Zuge der sogenannten Globalisierung und der mit ihr einhergehenden Ausweitung der grenzüberschreitenden Zirkulation von Kapital, Waren und Personen verschwimmen die Grenzen zwischen innerer und äußerer Sicherheit zunehmend. Sicherheit wird auch im internationalen Kontext nicht mehr als reine Verteidigung gedacht. Innerhalb der Security Studies wird diese Entwicklung unter dem Begriff der Erweiterungsdebatte (vgl. Huysmans 2006, S. 19; Buzan/Hansen 2009, S. 162ff.) gefasst: Demnach steht nicht mehr allein der Staat und seine militärische Verteidigung im Zentrum aller sicherheitspolitischen Bemühungen, sondern Sicherheit dehnt sich auf zahlreiche andere Sachbereiche aus. Nun befassen sich sicherheitspolitische Expert*innen und Akteur*innen auch mit Umweltsicherheit, food security, human security, Migration und zahlreichen weiteren Politikfeldern.11 Diese sicherheitspolitischen Gegenstandsbereiche zeichnen sich vor allem dadurch aus, nicht mehr in den Aufgabenbereich allein des Staates oder gar eines einzelnen Ressorts zu fallen. Wird etwa Migration zunehmend als Sicherheitsproblem verhandelt, hat dies ökonomische, sozial- 11 Dies zeigt sich eindrücklich im Human Security-Konzept. Vgl. hierzu die Beiträge in Schuck (2011). Goetz Herrmann und Andreas Vasilache 78 politische, menschenrechtspolitische und mitunter sogar klimapolitische Implikationen. Eine klare Unterscheidung zwischen innen und außen, zivil und militärisch sowie letztlich gefährlich und harmlos wird dadurch immer schwieriger. Kaum ein gegenwärtiges Bedrohungsbild zeigt dies so deutlich wie der transnationale Terrorismus: Terrorist*innen bewegen sich in transnationalen Netzwerken (wie Al-Qaida) und sind – wenngleich einzelne Staaten Terrorismusnetzwerke unterstützen – nicht auf die Unterstützung durch oder die lokale Gebundenheit an einzelne Staaten angewiesen. Vielmehr sind sie dazu in der Lage, sich an ihre Umwelten anzupassen und in den Zielgesellschaften unterzutauchen – wodurch sie nicht mehr eine nur von außen kommende Bedrohung darstellen (vgl. de Goede 2008, S. 162f.; Muller 2011, S. 26ff.; Herrmann 2018, S. 67). Eine souveräne Politik der klassischen Grenzziehung scheint hier nicht mehr angemessen zu sein. Die Grenzen zwischen innerer und äußerer Sicherheit werden prekär, denn auf transnationale Bedrohungen kann weder allein mit innen- noch nur mit außenpolitischen Maßnahmen und Instrumentarien reagiert werden. Insbesondere für demokratische Staaten wird Grenzsicherheit zu einem gleichermaßen akuten wie brisanten Thema, da Demokratien nicht nur der Sicherheit ihrer Staatsangehörigen verpflichtet sind, sondern zumeist auch die Ermöglichung von inter- oder transnationalen Zirkulationsbewegungen als wesentlichen Bestandteil ihrer Politik betrachten. Das Resultat dieses Dilemmas ist oft eine Mischung aus tradierten, gleichsam repressiven Politiken und neueren grenzpolitischen und -technologischen Maßnahmen. So sind neben Forderungen nach Mauern (z.B. durch den Präsidenten der USA; vgl. auch Fellner in diesem Band) neue Ansätze zu einem komplexen Grenzmanagement zu beobachten, in dem „Grenzen als Sortiermaschinen“ funktionieren und hochgradig selektiv werden (Mau 2010, S. 57; vgl. Mau et al. 2012). Insgesamt ist festzustellen, dass aktuelle Vorstellungen und Politiken staatlicher Grenzsicherheit nicht mehr allein und noch nicht einmal vornehmlich auf internationale, d.h. zwischenstaatliche Gefahren konzentriert sind, sondern vermehrt transnationale Risiken in den Blick nehmen. Dabei ist der Wandel staatlicher Grenzpolitiken vor allem auf Fragen der transnationalen Mobilität und der Migration bezogen. In diesem Sinne stellt Didier Bigo (2011, S. 35) fest, dass „[h]ere, security is less conceived of as an operation of coercion and struggle against an enemy force at the border (seen as a barrier), than it is conceived of in terms of the anticipation and a detection of adversaries in the midst of flows of travelers”. Grenzüberschreitende Mobilität und Migration In der Grenzforschung ist bereits vor den Fluchtbewegungen nach Europa im Jahre 2015 eine sowohl breite als auch intensive Befassung mit grenzüberschreitenden Mobilitäts- und insbesondere Migrationsphänomenen festzustellen. Durch die anhaltende Krise der Migrationsund Flüchtlingspolitik in Europa, aber ebenfalls in der Auseinandersetzung mit der US-mexikanischen Grenze (vgl. Bigo/Guild 2007; Muller 2011) hat sich das Interesse an der Rolle von Grenzen und Grenzpraktiken mit Blick auf Fragen von Flucht und Migration jüngst freilich noch verstärkt. Der Großteil der aktuellen Diskurse und Arbeiten zur Funktion und Rolle von Grenzregimen ist dabei einer kritischen Forschungsagenda verpflichtet. Neben Debatten über Migration als einer dynamischen und autonomen Kraft, die grenztranszendierend und sozial transformativ wirksam sei (vgl. Tsianos/Karakayali 2010; Scheel 2013; Hess 2016), stehen hier 4.2 Grenze, Staat und Staatlichkeit 79 insbesondere biopolitische Techniken und Praktiken (vgl. Foucault 2017) des Grenzmanagements und der Technologisierung von Grenzkontrollen im Mittelpunkt des Interesses (vgl. z.B. Huysmans 2006; Broeders 2007; Vaughan-Williams 2012; 2015; Herrmann 2014; 2018). In diesem Sinne spricht Nick Vaughan-Williams (2012, S. 11) vom „concept of the generalised biopolitical border“, das er dem tradierten „geopolitical concept of the border of the state“ (ebd.) gegenüberstellt. Im Rahmen der biopolitischen Technologisierung der Grenze wird mittels einer intensivierten Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien (vgl. Broeders/Hampshire 2013) insbesondere an einer liquiden Überwachung von Gruppen und ihrer flexiblen Kategorisierung (vgl. zum social sorting Lyon 2018, S. 32ff.) gearbeitet, die zunehmend auch mit algorithmisch basierten Verhaltensvorhersagen und Risikokalkulationen operieren (vgl. Amoore 2013). Unter Rückgriff auf große Datenbanksysteme wie etwa dem Visa-Informationssystem (VIS) des Schengenraums oder den zentral gesammelten Fluggastdaten (Passenger Name Records, PNR) können riesige personenbezogene Datenmengen analysiert werden, um im Dienste einer präemptiven Logik (vgl. de Goede 2008) für bestimmte Gruppen und einzelne Personen komplexe Verhaltensanalysen und -vorhersagen vorzunehmen. Diese Vorhersagen dienen anschließend als Entscheidungsgrundlagen für die Ermöglichung oder Verwehrung von Ein- und Ausreisen sowie Grenzübertritten (vgl. Herrmann 2018, S. 245ff.). Dabei geht seit einigen Jahren der Trend verstärkt zum „policing at a distance“ (Bigo 2011, S. 35). So wird auf EU-Ebene auf eine Kooperation mit Anrainerstaaten gesetzt, beispielsweise in Form von sogenannten Mobilitätspartnerschaften, die „die kontrollierte Einwanderung wirtschaftlich nützlicher MigrantInnen bei gleichzeitiger Unterbindung ‚illegaler‘ Migration nach Europa“ (Lenz 2010, S. 150) zum Ziel haben. Den Partnerstaaten werden finanzielle Zuwendungen, Programme für legale Migration und Visaerleichterungen in Aussicht gestellt, sofern sie sich in Grenzsicherungsmaßnahmen der EU einbinden lassen. Für nicht erwünschte Migrant*innen werden hierdurch die EU-Außengrenzen faktisch in die Partnerstaaten hinein verschoben (vgl. Herrmann 2018, S. 238). Im Rahmen der biopolitischen Grenzdebatte richtet sich der Blick verstärkt auf die Subjekte der Grenze und der Grenzüberschreitung. Julia Schulze Wessel (2016, S. 47) beschreibt Geflüchtete als Grenzfiguren bzw. als „Border Subjects“, denen die Grenze selbst eingeschrieben sei und die damit gleichsam als mobile Träger*innen der Grenze gelten könnten. Während sie zunächst im Anschluss an Giorgio Agamben (2002) das Lager als Grenzraum ausweist (vgl. auch Vasilache 2007, Kap. 5.4) und als den „spezifische[n] Ort des heutigen Flüchtlings“ (Schulze Wessel 2017, S. 80, vgl. S. 61–80) diskutiert, betont sie demgegenüber die Unzulänglichkeit einer objektivierenden Betrachtung undokumentierter Migrant*innen. Sowohl theoretisch als auch anhand vielfältiger Beispiele arbeitet sie die subjektivierende Wirkung des Aufenthalts und der Bewegung undokumentierter Migrant*innen auf der Grenze heraus – und zeigt, dass die Grenze nicht mehr allein als territoriale oder institutionelle Linie, sondern zum einen als Grenzraum und zum anderen als ein Prozess des bordering konstituiert wird (ebd., Kap. 5). Da der besonderen Betonung des aktiven Subjektcharakters undokumentierter Migrant*innen oder der Beschreibung von „Migration als widerständige[r] Praxis“ (Hess 2016, S. 54) zugleich die Gefahr der empirischen Kontrafaktizität und des moralischen Euphemismus innewohnt, hebt Sabine Hess den strukturellen Charakter und die historisch-materialistische Lesart einer „Autonomie der Migration“ (ebd.) hervor, die nicht mit einer individuellen „Autonomie von Migrant_innen“ (ebd., S. 60) verwechselt werden dürfe. In diesem Sinne ist Goetz Herrmann und Andreas Vasilache 80 festzustellen, dass weiterführende Diskussionen über das unter Bedingungen lebensbedrohender Fluchtsituationen tatsächlich mögliche Maß migrantischer Selbstermächtigung und Handlungsfreiheit notwendig sind. Nicht zuletzt der Blick auf die jüngsten Fluchtbewegungen nach Europa offenbart die Herausforderung, eine objektivierende Betrachtung von Migrant*innen zu vermeiden, ohne eine empirisch unzutreffende wie normativ problematische Idealisierung von Flüchtlingssituationen zu implizieren. Ebenfalls von der Krise der europäischen Migrationspolitik ausgehend, aber mit einem Fokus auf die Wandelbarkeit biopolitischer Grenzen, hat Nick Vaughan-Williams die Ablehnung des biopolitischen Denkens in den Critical Border Studies als „an anti-politics of wishful thinking“ (Vaughan-Williams 2015, S. 122) zurückgewiesen. Der alleinigen Perspektive auf Widerstand und Negation stellt er die Möglichkeit einer kritischen Aneignung und Transformation biopolitischer Grenzvorstellungen entgegen und schlägt vor, biopolitische Grenzen affirmativ zu denken (ebd., S. 14, 122). Auch Vaughan-Williams versteht Grenzen nicht als fixe Institutionen, sondern vielmehr als politische und soziale Praktiken und Prozesse der Grenzziehung und -verhandlung. Dabei hebt er die Janusköpfigkeit biopolitischer Grenzziehungen hervor, die es erlaube, die bisher vor allem ausschließende, gewalttätige und potenziell tödliche Funktion biopolitischer Grenzen zugunsten von Funktionsweisen zurückzudrängen, die normativen Kriterien genügten und aus einer kritischen Perspektive gerechtfertigt werden könnten (ebd., S. 122–124). Auf der Grundlage einer Diskussion der Ansätze Roberto Espositos und Jacques Derridas schlägt er vor, die Grenze als Immunsystem zu konzeptualisieren, das sowohl bei absoluter Durchlässigkeit als auch bei völliger Undurchlässigkeit dem politischen Körper schade und im Sinne einer Autoimmunkrise letztlich seinen Fortbestand gefährde. Der Grenze als Immunsystem der Gesellschaft komme hierbei die Aufgabe der Differenzierung zwischen bisweilen notwendiger, schließender Gefahrenabweisung einerseits und einladender Inklusion, d.h. einer „affirmative contamination“ (ebd., S. 148) durch Grenzüberschreitungen andererseits zu (ebd., S. 124–130, 138–148). Insbesondere für das europäische Grenz- und Migrationsmanagement sieht Vaughan-Williams ein solches immunitäres Grenzregime als geeignet an. Da es sich der Gefahr der Schließung für das eigene Überleben stets bewusst sei (ebd., S. 147–151), könne es der herausragenden Rolle Rechnung tragen, die Grenzüberschreitungen jedweder Art für die Herausbildung europäischer Identitäten spielen. Vaughan-Williams Ansatz trägt dazu bei, die widerständige Kritik biopolitischer Grenzen um eine affirmative und normativ begründbare Handlungsoption zu erweitern. Hierfür allerdings nimmt er in Kauf, dass die Immunsystemmetaphorik begrifflich einer Naturalisierung von Grenzen wie von Staaten und politischen Zusammenschlüssen überhaupt Vorschub leistet. So lässt sich in aktuellen Diskussionen insgesamt auch eher eine kritische bis tendenziell ablehnende Betrachtung der immunologischen Konzeptualisierung von Grenzen, Mobilität und Sicherheit feststellen. Beispielhaft zu nennen sind die Arbeiten von Ulrich Bröckling (2012) und Kevin Grove (2014), die sich mit der Verwendung einer immunologischen Logik im Bereich von Resilienzpolitiken befasst haben. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass immunologische Rationalitäten depolitisierende Effekte haben und primär der Reproduktion neoliberaler Ordnungsvorstellungen dienlich seien. In diesem Sinne stellen Sonja Buckel et al. (2017, S. 15) mit Blick auf den Zusammenhang zwischen neoliberalem Regieren und der gegenwärtigen EU-Migrationspolitik fest, dass die Grenze dem kapitalistischen Staat strukturell eingeschrieben sei: „The North-South relationship in the form of the imperial mode of living manifests itself materially in the state apparatus of the border”. Dieser Zusammenhang zwischen ka- Grenze, Staat und Staatlichkeit 81 pitalistischer Wirtschaftsordnung, Staat und Grenzen ist nicht unerheblich, denn tatsächlich sind Grenzziehungen des Staates historisch tief in sozioökonomische Prozesse eingebettet und bilden auch im Bereich der Wirtschaft eine wichtige Grundlage moderner Regierungsführung. Um die Erosion dieser Grundlage kreisen gegenwärtige – und mit Globalisierungsdiskursen der 1990er-Jahre virulent werdende – Auseinandersetzungen über den Verlust nationalstaatlicher Steuerungsfähigkeit im Bereich der Geld- und Fiskalpolitik und in den Bereichen der Sozial-, Wachstums-, Forschungs-, Industrie- und Konjunkturpolitik (vgl. Hirsch 2005, S. 188; Jessop 2007). Dabei wird insbesondere unter dem Schlagwort der Entgrenzung (vgl. Albert et al. 1999; Beisheim et al. 1999) davon ausgegangen, dass eine drastische Ausweitung grenzüberschreitender Wirtschaftsaktivitäten das politische Gestaltungspotential des Staates unterminiere. Ausblick: Globalisierung und Entgrenzung Während in Globalisierungsdiskursen der 1990er-Jahre eine bisweilen recht pauschale Betrachtung von Globalisierung als einer allgemeinen Entgrenzungsbewegung in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft festzustellen war und der Ausdruck der Entgrenzung ohnehin zu einer assoziativen Verwendung einlädt (vgl. z.B. Albert et al. 1999; Beisheim et al. 1999; Blatter 2000; Thiel 2011; Martinsen 2015), hat sich in der jüngeren Grenzforschung ein differenzierteres Bild von Ent- und Begrenzungsdynamiken im Kontext globalisierter Politik durchgesetzt. In diesem Sinne wird auch in aktuellen historisch-materialistischen Ansätzen vor einer verkürzten Analyse von Denationalisierungsprozessen gewarnt, die nun gerade nicht zu einem Verschwinden, sondern vielmehr zu einem Neuarrangement staatlicher Funktionen führen und Grenzen (im Sinne von boundaries) zwischen staatlichen und nichtstaatlichen Apparaten neu definieren würden (vgl. Jessop 2007). Demzufolge stehen Prozesse der Begrenzung (im Sinne von rebordering) nicht im Widerspruch zur Transnationalisierung, sondern müssen vielmehr als Effekte von Transnationalisierungsprozessen verstanden werden (vgl. Jessop 2007; Buckel et al. 2017). Insgesamt ist festzustellen, dass die Beobachtung der grenzüberschreitenden Ausdehnung politischer, ökonomischer und gesellschaftlicher Referenzsysteme und (partiell) globalisierter Dynamiken zu einem anhaltenden, theoretisch geleiteten empirischen Interesse an Grenzen geführt hat. Dieses Interesse betrifft nicht zuletzt den Wandel von Grenzen und Grenzregimen sowie ihre Ursachen, die Simultaneität von Entgrenzungen und Neubegrenzungen sowie die Funktionen überkommener und neuer Grenzziehungen. In zahlreichen Arbeiten werden Grenzen dabei verstärkt in ihrem dynamischen Prozesscharakter sowie, oft aus kritischer Perspektive, als Praktiken des bordering und boundary makings diskutiert (vgl. z.B. Vaughan-Williams 2012; Vasilache 2012; 2014; Wilson/Donnan 2012; Herrmann 2014; 2018; Parker/Vaughan- Williams 2014; Houtum et al. 2016; Opiłowska et al. 2017). Im Unterschied zum früheren Globalisierungsdiskurs hat sich die Grenzforschung in den letzten Jahren allerdings nicht nur von einer pauschalen Entgrenzungsrhetorik abgesetzt – vielmehr geht der Blick aktuell deutlich stärker zu Phänomenen der Wieder- und Neubegrenzung und zu Tendenzen der Wiedererrichtung souveräner Grenzpolitiken. Für diese – freilich keineswegs absolute, aber doch feststellbare – Verschiebung des Interessensschwerpunktes von Ent- zu Begrenzungen kann zum Ersten die in der Grenzforschung vorherrschende kritische Forschungsperspektive als ursächlich gelten. Zum Zweiten aber sprechen die Versicherheitlichung von Mobilitäts- und Grenzpolitiken, die Verschärfung staatlicher Ein- und vor allem 5. Goetz Herrmann und Andreas Vasilache 82 Ausschlusspraktiken an und durch Grenzen, die Etablierung rigider Systeme des Grenzmanagements sowie insgesamt die Tendenz einer Rückkehr zu einem klassischen, souveränen Ideal der Grenzschließung und nationalen Einzäunung (man denke an rechtspopulistische Einmauerungsphantasien) in zahlreichen Staaten und Gesellschaften für eine intensivierte Untersuchung des Wiedererstarkens souveräner Grenzziehungen. Zum Dritten wird ein Fokus auf die Rückkehr der Grenzen, d.h. auf ihre Etablierung und ihren Wandel statt auf ihre Auflösung, auch dadurch besonders relevant, dass die bisweilen wuchtige Aktualisierung staatlicher Grenzen just unter den Bedingungen globalisierter Verflechtungen und vermeintlicher Entgrenzung stattfindet. In diesem Sinne erkennt Wendy Brown (2010) eine immer stärker zunehmende Umzäunung und Umwallung von Staaten und Gesellschaften und fragt nach dem Zusammenhang zwischen dem staatlichen Willen zur Verstärkung souveräner Grenzziehungen einerseits und politischer wie ökonomischer Inter- und Transnationalisierung andererseits. Nach Brown widerspricht die Wiederkehr nationaler Grenzen in ihrer überkommenen Form, d.h. als Bollwerke der Abwehr gegen ein feindliches Außen, nur auf den ersten Blick dem entgrenzenden Kompetenz- und Machtverlust nationaler Regierungen in der Globalisierung. Tatsächlich aber weist der aktuelle Trend zur nationalen Grenzziehung aus ihrer Sicht keinesfalls auf ein Wiedererstarken des Staates hin. Vielmehr sei dieser Trend ein – letztlich hilfloser – Kontrollreflex von Staaten, Regierungen und Gesellschaften, die unter den aktuellen Bedingungen einer insbesondere ökonomischen Globalisierung unter neoliberalen Vorzeichen eine erhebliche Verringerung eigener Einfluss-, Macht- und Kontrollmöglichkeiten erführen. Die Wiederkehr der Grenzen sieht sie daher als ein Zeichen schwindender Souveränität an: „Rather than resurgent expressions of nation-state sovereignty, the new walls are icons of its erosion“ (ebd., S. 36, vgl. auch S. 36– 38). Wenngleich Brown der Vorherrschaft globalisierter Märkte unter neoliberalen Vorzeichen hochgradig kritisch gegenübersteht, ist aus ihrer Sicht der Rekurs auf klassisch-souveräne Grenzideen in normativer Hinsicht allerdings ebenso problematisch. Gerade in der klaren rechtsgeltungsmäßigen Trennungsfunktion erkennt dagegen Matthew Longo (2018) einen normativen Vorzug der klassischen Vorstellung souveräner Grenzen. Dieser Vorzug der verlässlichen Rechtsgeltung werde aber in aktuellen Politiken des Grenzmanagements aufgegeben. Longo beschreibt heutige Grenzen als „thick, multi-faceted and bi-national institutions“ (ebd., S. 2, Herv. i. O.). Insbesondere im „co-bordering“ (ebd., S. 14), d.h. in der Konstituierung von Grenzen als binationale Räume mit unklaren und „de facto overlapping jurisdictions“ (ebd., S. 4, Herv. i. O.), erkennt er ein aktuelles – und für das Individuum durchaus bedrohliches – Charakteristikum (vgl. ebd., S. 6, 13–15, 17) gouvernementalen Grenzmanagements. Dass Staaten bereit seien, für Sicherheit auf klassische Souveränitätsmerkmale zu verzichten (vgl. ebd., S. 5), sieht er deswegen als besorgniserregend an, weil die co-bordered Grenzzonen letztlich imperiale frontiers seien (vgl. auch Schetter/Müller-Koné in diesem Band). In diesen ausgedehnten Grenzräumen sei die Regierungsautorität nicht mehr territorial beschränkt und könne das Individuum daher uneingeschränkt ins überwachungspolitische Visier nehmen (ebd., S. 24). Aus dieser Perspektive erscheint die klassische Vorstellung der binären, ausdehnungslosen Territorialgrenze nicht als normativ regressives Modell, sondern als Garantin staatsbürgerlicher (Abwehr-)Rechte. Wenn Longo auf die bei territorialen Staatsgrenzen vorhandene räumliche Ausdehnung von Grenzen um die eigentliche Grenzlinie herum aufmerksam macht und betont, dass “[i]f the Grenze, Staat und Staatlichkeit 83 border is a line, it is also a zone“ (ebd., S. 49), dann deutet dieses Interesse an der Beschaffenheit von Grenzziehungen auch auf die Notwendigkeit einer systematischen Betrachtung von Ent- und Begrenzungsdynamiken sowie ihres Wandels im Kontext aktueller Politiken hin. Nimmt man den Wandel von Grenzen in systematischer und typologischer Absicht in den Blick, dann offenbart sich, dass wir es beim Wandel von Grenzziehungen unter Bedingungen grenzüberschreitender Politik in den seltensten Fällen mit allgemeinen Entgrenzungsdynamiken oder gar mit der Aufhebung von Grenzen zu tun haben. Die Veränderung von Grenzen besteht kaum je in ihrer Auflösung, sondern vielmehr in der Modifikation ihres Verlaufs, ihrer räumlichen wie sachlichen Reichweite, der von ihr betroffenen Personen sowie der Bedingungen ihrer Transgression. Diese Modi des Grenzwandels können dabei in öffnender oder auch in schließender Absicht vollzogen werden. Nicht zuletzt zeigt sich, dass in keinem der genannten – meist miteinander verschränkten – Grenzveränderungstypen die Beständigkeit der veränderten Grenze in Frage gestellt, sondern vielmehr vorausgesetzt wird (vgl. ausführlicher Vasilache 2018). Dass sich selbst Prozesse vermeintlicher Entgrenzung kaum durch Grenzauflösung als vielmehr durch ihren Wandel auszeichnen, lässt sich sowohl für territoriale und räumliche Grenzen als auch für politische Grenzen im oben ausgewiesenen weiteren Sinne konstatieren, wie z.B. für die Grenze zwischen Innen- und Außenpolitik, zwischen öffentlicher und privater Sphäre oder für die Grenzen der Gewaltenteilung (vgl. z.B. die Fallstudien in Berg/Houtum 2003 und Houtum et al. 2016; vgl. Vasilache 2012; 2014). Die Betrachtung des Wandels von Grenzen offenbart ein komplexes Bild. So zeugt die Varianz von Grenzziehungsprozessen und -praktiken davon, dass Grenzziehungen situativ und flüchtig – und damit für die von ihnen betroffenen Subjekte unkalkulierbar werden. Wenn Vaughan-Williams (2012, S. 6) feststellt, dass „the vacillation of borders is not to be conflated with their disappearance“, dann deutet dies auf eine steigende Ungewissheit von Grenzen, die keinesfalls verschwinden, aber in steter Schwingung un(an)greifbar zu werden drohen. Unter Bedingungen globalisierter Verflechtungen zeichnen sich Grenzen in zunehmendem Maße durch eine Volatilität aus, die ihre Funktionen, ihre Verortung und ihren Verlauf, ihre Subjekte und Adressat*innen sowie ihre Transgressionsbedingungen betrifft. Diese permanente Schwingung und Bewegung betrifft allerdings nicht den Bestand der Grenze selbst, sodass das – auch gewaltförmige, ausschließende – Potenzial der Grenze durch ihre Volatilität eine Multiplizierung und Verstärkung erfahren kann. Wenn aktuelle grenzanalytische Diskussionen sowohl auf eine Wiederkehr der Schließungen als auch auf die Volatilität und den fortwährenden Wandel von Grenzen hinweisen, dann ist hiermit zwar eine sehr allgemeine Kongruenz, aber doch ein Grundbestand der überaus heterogenen Perspektiven in der Grenzforschung der letzten Jahre bezeichnet. Zu diesem Grundbestand ist insbesondere auch die Zurückweisung der Vorstellung von vermeintlich natürlichen Grenzen zu zählen. In diesem Sinne lässt sich in der jüngeren Grenzforschung eine Perspektivierung der Komplexität von Grenzen feststellen, die sich zum einen durch ein intensives und diversifiziertes theoretisches Interesse und zum anderen durch vielfältige empirische Schwerpunktsetzungen und Fallstudien auszeichnet. Dass die meisten Autor*innen und Studien angesichts aktueller staatlicher Grenzpolitiken zu kritischen Schlüssen kommen, führt allerdings kaum zu Forderungen nach einer allgemeinen Auflösung von Grenzziehungen. Die aktuelle kritische Grenz(regime)forschung folgt nicht einer apriorischen Ablehnung jedweder Grenzen oder einem undifferenzierten Ideal der Überwindung aller Grenzen (vgl. z.B. Vaughan-Williams 2015; Flügel-Martinsen et al. 2018). Zugleich tritt in der Abkehr von naturalis- Goetz Herrmann und Andreas Vasilache 84 tischen und naturalisierenden Grenzvorstellungen das kritische Potenzial der Grenzforschung deutlich zutage. Denn wenn Grenzen und Grenzziehungsprozesse als Resultate vielfältiger historischer, politischer und diskursiver Techniken und Praktiken gelten müssen, dann sind sie immer auch als Objekte kritischer Befragung zu behandeln. Weiterführende Literatur Gerst, Dominik/Klessmann, Maria/Krämer, Hannes/Sienknecht, Mitja/Ulrich, Peter (Hrsg.) (2018): Komplexe Grenzen. Berliner Debatte Initial 29, H. 1. Herrmann, Goetz (2018): Reflexive Sicherheit, Freiheit und Grenzmanagement in der Europäischen Union. Die Reterritorialisierung emergenter Bedrohungsgefüge. 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Fragen zur Legitimität beziehen sich auf staatliche und supranationale Grenzpolitik gegenüber Migrant*innen und auf Grenzveränderungen in Grenzregionen. Grenzen polarisieren, weil sie Unterscheidungen und Gegensätze etablieren und symbolisieren. Ihre Legitimität steht infrage, gerade wenn verschiedene Perspektiven berücksichtigt werden. Die moralische Dimension von Grenzziehungen tritt in den Vordergrund. Schlagwörter Staatsgrenze, Legitimität, Rechtfertigung, Grenzbegriff Einleitung Fragen zur Legitimität staatlicher Institutionen und Handlungen sind meist im politik- und rechtswissenschaftlichen, manchmal auch im philosophischen Bereich verortet und beziehen sich in der Regel auf die Rechtmäßigkeit einer politischen Ordnung. Legitim ist eine Ordnung dann, wenn sie durch bestimmte festgelegte, demokratische Verfahren von den an dieser Ordnung Beteiligten anerkannt wird und als Norm gelten kann (vgl. Forst 2015, S. 186ff.). Die Norm muss zumindest in der politischen Form der Demokratie den an dieser Ordnung Beteiligten gegenüber gerechtfertigt und begründet werden können (vgl. ebd., S. 190) und basiert auf einem allgemeinen moralischen Grundanspruch, der dem Selbstverständnis demokratischer Staaten entspricht: Man könnte der Norm als freie und gleiche Person zustimmen. Fragen zur Legitimität gehen in diesem Verständnis also immer mit potenziellen Rechtfertigungen einher, die auf einem gemeinsamen normativen Grund basieren (vgl. Dammayr et al. 2015, S. 7).1 Im Folgenden werden diese politisch-rechtlichen Begründungen als normative Legitimität bezeichnet. „Legitimationsprobleme“ (Habermas 1971), die im Sinne politisch-rechtlicher Begründungen im Zusammenhang mit den territorialen Grenzen des Hoheitsgebiets des souveränen Staates gesehen werden, beziehen sich in der Regel auf die Rechtmäßigkeit staatlichen Handelns an seinen Grenzen, etwa gegenüber dem Nachbarstaat, der Staatengemeinschaft oder vor allem gegenüber dem Handeln von Akteuren, die nicht Mitglied des Staates sind, wie etwa Migrant*innen und Geflüchtete. Die Legitimität wird zumeist dann ein Gegenstand der öffentlichen Auseinandersetzung, wenn eine Krise, etwa die sogenannte Flüchtlingskrise 2015, festgestellt wird (vgl. Dammayr et al. 2015, S. 7f.). Um Legitimationsprobleme, die auf eine normative Krise der nationalen Grenze hinweisen, soll es hier gehen. 1. 1 Dieser ‚Grund‘ wird im Alltag, wie Albrecht Koschorke (2017, S. 158f.) betont, selten umfassend gerechtfertigt. Nötige Legitimierungen werden von Deutungseliten und Legitimierungsexpert*innen übernommen. 89 Bei der Analyse der normativen Legitimität von Grenzziehungen heute zeigt sich jedoch ein grundlegendes Problem, das eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Thema erschwert: Geradezu offensichtlich beanspruchen nationale Grenzen Legitimität. Sie sind der sichtbare Beleg dieses Anspruchs. Wer eine Grenze zieht oder seine Grenze schützt, glaubt sich als staatliche, souveräne (und damit legitimierte) Macht im Recht; schon ihr faktisches Vorhandensein scheint die Grenze zu legitimieren (vgl. Falk 2011, S. 9f.).2 Aus der Sicht des grenzziehenden Staates also ist die Frage nach der Legitimität seiner Grenzen beantwortet. Nationale Grenzen werden so gleichsam naturalisiert und müssen gar nicht gerechtfertigt werden (vgl. Schultz 1993). Man könnte auch sagen: Wer seine Grenzen nicht kontrollieren kann, ist kein souveräner Staat (vgl. Herrmann/Vasilache in diesem Band). Positionen, die die normative Legitimität einer Grenzziehung hinterfragen, haben oft Probleme, einen anerkannten Bezugspunkt zu finden, wie die Vielzahl von Grenzveränderungen und -überschreitungen im Europa des 20. Jahrhunderts zeigen (vgl. Bös/Zimmer 2006). Diese vermeintliche Evidenz der Staatsgrenze wirft allerdings Fragen auf, sobald man weitere Akteure, die eigene Grenzen ziehen bzw. vorgefundene nicht akzeptieren oder überschreiten, in die Grenzbeobachtung einbezieht.3 Grenzen sind weitaus weniger selbstverständlich, wenn die soziale Herstellung der Legitimität der Grenze berücksichtigt wird. Dabei geht es um die Anerkennung sozialer Ordnung, die über die politisch-rechtliche Legitimation von Grenzen hinausgeht und das Handeln von Akteuren, die mit der Grenze konfrontiert sind, in den Blick nimmt.4 Aus einer soziologischen Perspektive sind Staatsgrenzen keinesfalls selbstverständlich. Soziologisch wird seit einiger Zeit die Legitimität im Zusammenhang mit Grenzen dann zum Thema, wenn es um weitreichende gesellschaftliche Veränderungen geht, die makrosoziologische Theorien diagnostizieren (Mann 1997; Beck 1999; Mau 2006; Vobruba 2006). Ein gesellschaftlicher Wandel durch Phänomene globaler Reichweite (wirtschaftliche Globalisierung, Umweltprobleme, weltweite Migration, mediale Vernetzung und Pandemien) sorgt für Einschätzungen, in denen nach der Legitimität staatlicher Grenzpolitik gefragt wird. Vor diesem Hintergrund unterliegen heutige Grenzpraktiken und Grenzziehungen einem normativen Legitimierungsdruck, mit dem Staaten und Akteure der Grenzregime sich gegenüber einer kritischen (sozialwissenschaftlich fundierten) Öffentlichkeit auseinandersetzen müssen. Von Sozial-, insbesondere Grenz- und Migrationsforscher*innen wird dementsprechend – allerdings meist implizit – gefragt: Wie und warum werden nationale Grenzen und ihre teils unmenschlichen Effekte legitimiert, wenn in der heutigen ‚globalisierten‘ und vernetzten Welt grenzüberschreitende Prozesse und Interessen zunehmen? Wie wird mit der Tatsache umge- 2 In diesem Zusammenhang wäre heute eine Analyse der Visualisierungen von nationalen Grenzen wichtig. Francesca Falk (2011) liefert erste Gedanken dazu. Georg Vobruba (2006) betont die medial erzeugten Bilder von Grenzen, die uns vertraut sind. 3 Zur soziologischen Beobachtung von Grenzen vgl. Vobruba (2006). Er stellt eine Akteursperspektive der (staatlichen) Steuerungsperspektive gegenüber. Grenzen sind zum einen Steuerungsinstrumente, die etwa den Grenzübertritt regeln, zum anderen aber werden durch Grenzen auch Handlungschancen für diverse Akteure generiert, die unterschiedliche Interessen haben. 4 Vgl. zum soziologischen Begriff der Legitimität Max Weber (1921/1980, S. 16f.), der Verbindlichkeit als ein Element erläutert. Hier schließen dann Theorien der Legitimität an, die von ‚ideologischen‘ Formen der Rechtfertigung handeln. Jürgen Habermas etwa sieht „Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus“ (1971), Pierre Bourdieu (2014) verdeutlicht, wie sehr dem Legitimierungsbedürftigen eine als selbstverständlich anerkannte symbolische Gewalt zugrunde liegt, und für Niklas Luhmann (2000) ist vor allem die Staatsgewalt als sich selbst legitimierende Instanz legitimierungsbedürftig. Einen Überblick über die sozialwissenschaftliche Beschäftigung mit Legitimität findet sich bei Maria Dammayr et al. (2015). Besonders die Entstehung von „Rechtfertigungssemantiken“ (ebd., S. 7) steht dabei im Vordergrund. Vgl. auch einschlägig Luc Boltanski und Laurent Thévenot (2007) zur Pluralität legitimer Rechtfertigungen. Christian Banse 90 gangen, dass an den nationalen und supranationalen Grenzen Menschen um ihr Überleben kämpfen und auch sterben? Welche Grenzüberschreitungen können legitim sein? Wie wird heute die geltende staatliche Norm im Zusammenhang mit nationalen Grenzziehungen und ihren Effekten begründet oder hinterfragt? Die grenzsoziologische Betrachtung zur Legitimität nationaler Grenzen, die in diesem Beitrag nachvollzogen werden soll, befragt die Forschung danach, wie und warum Grenzen legitimiert werden. Dazu muss die empirische Beobachtung von Handlungen, die direkt auf die nationale Grenze hin stattfinden, in die Überlegungen zu ihrer Legitimität einbezogen werden. Im Folgenden wird in analytischer Abgrenzung zur politisch-rechtlich fundierten normativen Legitimität der Grenze von einer empirischen Legitimität gesprochen, wenn es um Rechtfertigungen eines Handelns in Bezug zur nationalen Grenze geht, das an den Grenzen beobachtet werden kann.5 Der folgende Beitrag widmet sich also der Legitimität von nationalen Grenzen nicht allein aus der normativen Perspektive staatlicher Akteure, sondern auch aus einer sozialwissenschaftlichen, meist empirischen Perspektive, die das Zusammenspiel verschiedener Akteure und Gruppen in ihrer jeweiligen Dynamik untersucht. Wie jede Wissenschaft muss auch die Grenzsoziologie ihre Perspektive auf ihren Gegenstand reflektieren. Eine grenzsoziologische Bewertung von Grenzen, etwa wenn sie Effekte von Grenzregimen offenlegt und kritisiert, ist selbst Teil des Geschehens – Wissenschaft ist hier ein Akteur, der ebenfalls ‚beobachtet‘ werden muss bzw. der sich selbst beobachten muss (vgl. Luhmann 1982; Vobruba 2006). Auch wenn alltagspolitisch ein hohes Diskussionsaufkommen besteht, was das Für und Wider von etwa exkludierenden Grenzpraktiken oder der Grenze selbst betrifft, so wird in der empirischen Erforschung von nationalen Grenzen noch wenig systematisch reflektiert, wie und warum gerade Grenzen Gegenstand von gegensätzlichen normativen Rechtfertigungen werden und wie dem Normativen von Grenzen forschungspraktisch angemessen beizukommen ist. Ausgehend vom Ziel einer systematischen Erörterung des Verhältnisses von Grenzen und Legitimität gilt es in diesem Beitrag zunächst zu verstehen, wie bzw. vor welchem Hintergrund die Grenzforschung ihre spezifische Perspektive entwickelt hat. Dazu muss man wissen, in welcher Tradition die normative Legitimität von Grenzen und Grenzüberschreitungen sozialwissenschaftlich fokussiert werden kann. Daran anschließend kann an den für die Grenzforschung einschlägigen Forschungsfeldern Migration und Grenzregionen gezeigt werden, dass die Forschung mit kontroversen und diversen empirischen Legitimierungsprozessen zu tun hat, die auch etwas über das normative Verständnis von nationalen Grenzen aussagen. Der Beitrag schließt mit den Fragen, wie eine sozialwissenschaftliche Perspektive auf Legitimationen von (nationalen) Grenzen in der Gesellschaft heute aussehen könnte und warum sie gesellschaftlich wichtig ist. 5 Das Begriffspaar normative Legitimität/empirische Legitimität soll einen Gegensatz idealtypisch verdeutlichen: Während normative Legitimität meint, dass auf einen allgemein politisch-rechtlich anerkannten und herrschenden Rahmen in der Rechtfertigung (oder der Kritik) Bezug genommen wird, betont empirische Legitimität die konkrete Praxis und deren Rechtfertigung. Beide sind aus soziologischer Sicht eng verbunden, weil die normative Legitimität Praxis werden muss (es gibt ja Grenzen, die empirisch feststellbar normativ sind, weil Akteure sie mit Nachdruck ziehen) und weil die empirische (alltägliche) Legitimität auf Normen Bezug nehmen oder selbst normativ werden kann. Die normative Dimension der Legitimität ist eine Setzung, die empirisch bestätigt oder hinterfragt werden kann und die eine mögliche Abweichung bzw. Grenzüberschreitung verhindern soll (vgl. Kaufmann et al. 2002, S. 8). Geschlossene, offene oder gar keine Grenzen? Zur Legitimität von (Staats-)Grenzen 91 Die Legitimität der Grenzforschung Eine kleine Geschichte der (De-)Legitimierung von Grenzen Für die Darstellung der Zugänge der Grenzforschung zur Legitimität von (Staats-)Grenzen muss gefragt werden, welche gesellschaftlichen Dynamiken der wissenschaftlichen Konzeptualisierung von Grenzen zugrunde liegen, die für die Frage nach ihrer Legitimität relevant sein könnten. Eine sozialwissenschaftliche Perspektive auf die heutige Legitimität von nationalstaatlichen Grenzen muss den sozialhistorischen Kontext berücksichtigen, der zur wissenschaftlichen Beschäftigung mit Grenzen geführt hat. Die Frage nach der Legitimität von Staatsgrenzen heute ist ohne die widersprüchliche gesellschaftliche Entwicklung der letzten 30 Jahre nicht zu denken (vgl. Newman/Paasi 1998; Banse 2013; Graziano 2018; Paasi 2019). Die Konzepte von Grenzen, ihre metaphorischen Bezüge und impliziten Bewertungen, die in der wissenschaftlichen Reflexion von Grenzen zu finden sind, sind mit politischen Entwicklungen verwoben (vgl. dazu Schmieder in diesem Band), deren Berücksichtigung verständlich machen kann, warum die Frage nach der Legitimität von Grenzziehungen forschungspraktisch relevant wird. Grenzforschung, als interdisziplinäre Antwort auf empirische, methodische und gesellschaftspolitische Fragen der 1990er-Jahre, hat sich im Zuge des seit dem Fall des Eisernen Vorhangs stattfindenden gesellschaftlichen Wandels mit verschiedenen Auflösungen von nationalen Grenzen beschäftigen müssen und dabei Grenzen neu bewertet (vgl. Baud/Schendel 1997; Newman/Paasi 1998; Yarbrough/Yarbrough 2003). Bis dahin waren sie zwar ein Forschungsgegenstand der Geografie, Rechts- und Geschichtswissenschaft, wurden aber in der Regel als vorzufindende Tatsache behandelt. Grenzen waren Ausdruck des Souveränitätsprinzips von sich selbst bestimmenden Nationalstaaten, wie es zuerst im Westfälischen Frieden formuliert wurde (vgl. Graziano 2018, S. 14–17). Für das internationale Recht sind Grenzlinien, die den politischen Raum definieren, weiterhin grundlegend (vgl. ebd., S. 9f.; Paasi 2019). Die Bildung neuer Staatengemeinschaften und politischer Bündnisse auch im Zusammenhang mit Sicherheitsfragen bezüglich terroristischer Bedrohungen haben jedoch das alte Verständnis von Souveränität relativiert. In den Border Studies (Gerst et al. 2018), der empirischen Forschung zu Grenzregionen (Velde/Houtum 2000) und diversen fachspezifischen Forschungen wie etwa der Europasoziologie (Bach 2010), der Analyse der Globalisierung (Beck 1999) bzw. der Weltgesellschaft (Schimank 2005) und der Raumsoziologie (Schroer 2006) geht es seitdem um die Frage nach der Legitimität politisch-territorialer Grenzen des modernen Nationalstaats. Gefragt wird, ob sich Grenzen zunehmend auflösen oder ob sie als soziale Grenzphänomene (social boundaries; Fassin 2020) substituiert werden. Ob Grenzen zunehmend verschwinden oder sich verlagern (de-/rebordering), kann dementsprechend als grundlegende Frage der zeitgenössischen Grenzforschung gelten, die sich vor allem dadurch im Wissenschaftsbetrieb legitimiert, dass sie den Prozess der Entgrenzung sowie die Rückkehr oder Neubildung von verschiedenen Grenzpraktiken beobachtet und bewertet. Aus diesem Kontext heraus hat sich nicht nur die Perspektive auf die Grenze verändert, die vorher vor allem als die Nationalstaaten trennende Linie, häufig auch als kaum zu überwindende Block- und Systemgrenze gesehen wurde, einschlägig repräsentiert durch die Berliner Mauer. Verändert haben sich auch der Begriff der Grenze selbst und dementsprechend sei- 2. 2.1 Christian Banse 92 ne forschungspraktischen Konzeptualisierungen, die mit einem viel tieferen Verständnis der Funktionen und Dimensionen von Grenzen operieren (vgl. Fassin 2020, S. 6f.). Inwieweit die verwendeten Begriffe, theoretischen Konzepte und Forschungsmethoden der sich mit Grenzen beschäftigenden Forschungsbereiche differieren oder sich in ihren Bedeutungen überschneiden, kann hier nicht ausgeführt werden (siehe dazu Gerst/Krämer in diesem Band). Gegen die als „methodologischen Nationalismus“ (Beck 1999, S. 49f.) bezeichnete, lange vorherrschende Engführung von Grenzen als Endpunkt gesellschaftlicher Zusammenhänge (vgl. Banse 2013, S. 28f.) wurde zunächst mit Emphase die zunehmende Grenzöffnung und weltweite Vernetzung in einer globalen Welt (borderless world) festgestellt; deren mögliche Folgen wurden begrüßt (Ohmae 1990; Paasi 2019). Vor dem Hintergrund beispielloser Grenz- öffnungen in Europa und anderen Regionen der Welt wurde vor allem aus sozialwissenschaftlicher Perspektive jede Grenzziehung – besonders, wenn sie räumlich und territorial umgesetzt wurde – rechtfertigungsbedürftig. In Ansätzen, die im Austausch mit Integrationsprogrammen der Europäischen Union entstanden sind, wurden die Grenzüberschreitungen und die institutionalisierte grenzüberschreitende Zusammenarbeit, die von der Politik gefördert wurde, wichtig (Bach 2006; Mau 2006). Besonders Grenzregionen wurden für die wissenschaftliche Beobachtung von Grenzphänomenen ein Gegenstand, an dem sich eine enge Verknüpfung von Forschung und Politik realisierte: Grenzen wurden in den politischen Leitlinien von Trennungslinien zu Kontaktzonen umdefiniert, in denen es neue kulturelle und soziale Phänomene zu entdecken gab, die u.a. Forschungen aus Kultur- und Sozialwissenschaften bereicherten. Vor allem wurde konzeptuell die Durchlässigkeit von Grenzen betont und als Chance für Begegnungen, Austausch und wirtschaftliche Innovationen bewertet – gerade wenn man sich exemplarisch die europäische Politik der (Grenz-)Regionen vergegenwärtigt (vgl. Banse 2013, S. 85–92). In diesem Zusammenhang sind Grenzüberschreitungen und ihre Erforschung in einem politischen Rahmen legitimiert (und rechtlich kodifiziert) worden, dem es um die Überwindung der europäischen Grenzlinien als „Narben der Geschichte“ (AGEG 2008, S. 15) ging, also der Trennlinien, die im Zusammenhang mit verschiedenen Kriegen entstanden sind. Grenzüberschreitende Zusammenarbeit ging einher mit einer politischen Legitimierung von Grenzen als Begegnungsort, wo es im besten Fall zur Auflösung der Barrieren kommen würde, sodass dementsprechend Grenzen als Barrieren – zumindest im sozialwissenschaftlich inspirierten Diskurs von europäischen Institutionen6 – delegitimiert wurden.7 In der Folge der Wahrnehmung ‚neuer‘ Grenzphänomene, die paradoxerweise mit der Europäisierung, Globalisierung und durch die technischen Möglichkeiten der Vernetzung erst in ihrem Ausmaß sichtbar wurden oder sogar entstanden sind (vgl. Bach 2006; Schroer 2006; Banse 2013), wurden Grenzen als Gegenstand der nun sich verstärkt etablierenden Grenzforschung methodologisch zunehmend weniger als rein räumliches bzw. territoriales, sondern als ein multidimensionales und der vielfältigen Effekte wegen komplexes Phänomen eingeschätzt (vgl. auch Wille in diesem Band). Die Staatsgrenze etwa wird seitdem multiperspektivisch von unterschiedlichen Disziplinen wie der Politischen Geografie, den Rechts-, Politik-, Geschichts-, Kultur- und Sozialwissenschaften (und häufig auch als ästhetisches Phänomen) in den Blick genommen. Nachhaltige begriffliche Übereinstimmungen, auch innerhalb der Sozialwissenschaf- 6 Zur Frage nach der normativen Legitimität von Grenzen würde auch die demokratische Legitimierung der europäischen Politik insgesamt gehören, auf die hier nicht eingegangen wird (vgl. dazu aber Dux 2010). 7 In diesen Diskurs der Delegitimierung gehört die neoliberale Einschätzung, die offene Grenzen favorisiert (vgl. Paasi 2019). Trotzdem kommen auch liberale Modelle offener Grenzen in der EU nicht ohne eine Verschiebung von ‚harten‘ Grenzmaßnahmen vom Nationalstaat zur europäischen Außengrenze aus (vgl. Banse et al. 2007). Geschlossene, offene oder gar keine Grenzen? Zur Legitimität von (Staats-)Grenzen 93 ten, die Grenzen und Grenzziehungsprozesse methodisch recht divers untersuchen, bleiben noch aus. Auf jeden Fall bezeugen die Forschungen die besondere Bedeutung, die Grenzen heute kulturell und sozial zugesprochen wird. Diese neu entdeckte Multifunktionalität und Mehrdimensionalität von Grenzen beeinflusst auch die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Frage der Legitimität von Staatsgrenzen. Vor dem Hintergrund der konzeptionellen und disziplinären Ausdifferenzierung der Grenzforschung werden ganz unterschiedliche Legitimationserzählungen möglich, je nachdem, ob man die Legalität der Grenzübertritte bzw. des Grenzregimehandelns, Humanität als ethischen Maßstab oder etwa die historische Rechtfertigung von Grenzziehungen fokussiert. Die Ausweitung des Grenzbegriffs verlangt, dass die Grenzforschung Grenzen im jeweiligen empirischen Kontext beobachtet. Die Vielzahl an Akteuren, die Grenzen legitimieren oder delegitimieren, können sich in ihren Zielen widersprechen, verschiedene Aspekte der Grenze ansprechen und gegensätzliche Interessen verfolgen. Die Komplexität von Grenzlegitimierungen und ihrer empirischen Erforschung Grenzforschung als sozialwissenschaftliche, interdisziplinäre Perspektive rechtfertigt sich heute vor allem durch eine Herangehensweise, die der Komplexität ihres Gegenstandes gerecht wird. Aus der Sicht der Forschung ist die Komplexität der nationalen Grenze ein Spiegelbild der aktuellen politischen Anforderungen einer globalisierten und zugleich nationalstaatlich organisierten Welt, in der die Frage nach der legitimen Funktion nationaler Grenzen gestellt wird (vgl. Schimank 2005). Wenn es um die empirische Erforschung von Legitimierungen nationaler Grenzen geht, muss man davon ausgehen, dass sich die hoffnungsvollen Vorstellungen zur Auflösung der nationalen Grenze, wie sozialwissenschaftliche Theorien und politische Leitlinien einst annahmen, nicht erfüllten. Die Staatsgrenze ist weiterhin weltweit ein normatives Instrument, mit dem politische Interessen reguliert werden. Gleichzeitig können sich offizielle normative Legitimitätsvorstellungen von den Legitimitätsvorstellungen anderer Akteure an der Grenze empirisch massiv unterscheiden (vgl. Heyman/Symons 2015). Dementsprechend müsste jeder sozialwissenschaftlichen Befragung der normativen Legitimität einer nationalen Grenze die politische Vorstellung der Grenze und ihre empirische Entsprechung gegenübergestellt werden. Jede politische Vorstellung von Grenze drückt zunächst eine normative (inkludierende und exkludierende) Vorstellung der staatlichen Akteure aus; ihre empirische Realität weicht jedoch von dieser Vorstellung ab. So werden Grenzen normativ als undurchlässige Schutzwälle imaginiert, während aus empirischer Sicht Grenzen durchlässig sind (Migration), oder als durchlässig deklariert, obwohl sie immer noch in bestimmten Aspekten trennen (Grenzregionen). Grenzen sind deshalb immer auch ein Mittel symbolischer Politik. Sozialwissenschaftlich muss also die Erforschung von nationalen Grenzen und ihrer Legitimität von einer Differenz von empirischer Realität und ‚normierender‘ Symbolik ausgehen und die staatliche Akteur*innenperspektive hinterfragen. Dazu kommt, dass es nicht nur eine Differenz von Symbolpolitik und Grenzempirie gibt, sondern dass man unterschiedliche Realitäten an Grenzen und damit unterschiedliche Grenzerfahrungen feststellen kann. Das hat zum großen Teil damit zu tun, dass Grenzen sich für die, die von ihnen betroffen sind, ganz unterschiedlich darstellen können, je nachdem, welche 2.2 Christian Banse 94 Funktion der Grenzübertritt für die Grenzgänger*innen hat und mit welchem Hintergrund er ausgeführt bzw. verhindert wird (vgl. Vobruba 2006; Graziano 2018). Die Akteur*innen an der nationalen Grenze sind nicht nur unterschiedlich von ihr betroffen, sondern sie bewerten sie zuweilen gegensätzlich. Die Grenze ist von Interpretationskonflikten geprägt; die Analyse sollte deren Nachvollzug, die sich auch in antagonistischen Vorstellungen von der Legitimität der gezogenen Grenze ausdrücken können, ermöglichen. Es könnte also durchaus kontextabhängig sein, was für Protagonist*innen der Grenze legitim ist. Mit diesen Gegensätzen sind auch moralische Einschätzungen, die den Übertritt je nach Akteur und Herkunft bewerten, verbunden: Von undokumentierter Migration etwa profitieren Unternehmer*innen vermutlich mehr als einheimische Arbeiter*innen, die Billiglohnkonkurrenz fürchten müssen. Während es bisher um eine Dialektik von gesellschaftspolitischem Wandel und Forschung8 ging, in der der historische und konzeptuelle Ort, von dem aus nach der normativen Legitimität von Grenzen gefragt wird, thematisiert wurde, steht nun die Legitimität der nationalen Grenze als empirischer Gegenstand selbst im Vordergrund. Legitimationsprobleme von Grenzen werden an zwei exemplarischen Gegenständen – Migration und Grenzregionen – dargestellt, die auf unterschiedliche Weise die Ambivalenz von Grenzen und ihren Rechtfertigungen zeigen. Die Erforschung der Grenzlegitimität Legitimationsprobleme von Migration und Grenzpolitik Die Frage nach der Legitimität wird, wie eingangs betont, meist dann aufgeworfen, wenn Krisen festgestellt werden. Im Zusammenhang mit nationalen Grenzen werden vor allem die unterschiedlichen Lebenschancen thematisiert, die von staatlichen und supranationalen Grenzregimen beeinflusst, ermöglicht oder verhindert werden (vgl. Vobruba 2006). Besondere Aufmerksamkeit bekommt die Bewertung von Migration und Flucht über Staatsgrenzen hinweg, also die Frage nach der Legitimität von transnationalen Grenzüberschreitungen und von Grenzschließungen von Staaten und Staatenbündnissen (vgl. Brown 2018). Im öffentlichen Diskurs dominieren Ansätze, die dem staatlichen (oder supranationalen) Souveränitätsgedanken verpflichtet sind (vgl. Heyman/Symons 2015). Eine nationale Herleitung der Grenzen kann auf eine lange Tradition von Rechtfertigungen zurückgreifen (vgl. Bielefeld 2003).9 Sie steht vor allem mit der modernen Definition des Staates im Zusammenhang, der sein Gewaltmonopol mit dem klar eingegrenzten Staatsgebiet, in dem die Bevölkerung lebt, verknüpft (vgl. Flügel-Martinsen et al. 2018). In der Sichtweise des souveränen Nationalstaats stehen die Interessen des jeweiligen Staates geradezu selbstverständlich im Vordergrund: Begründungen von Exklusionsmaßnahmen lassen sich auf das Selbstbestimmungsrecht der Nation beziehen und ihre populäre Darstellung auf Landkarten zeigt klare Trennlinien, die Territorien unterscheiden und eine explizite Differenz zwischen dem Eigenen und dem Anderen implizieren (vgl. Bielefeld 2003). Der Vorteil einer so konzeptionierten 3. 3.1 8 Ich danke Maria Klessmann für diese zusammenfassende Formulierung. 9 Einen Überblick über die philosophischen Grenztheorien von Locke, Hobbes und Rousseau findet sich bei Andreas Vasilache (2007). Geschlossene, offene oder gar keine Grenzen? Zur Legitimität von (Staats-)Grenzen 95 Grenze ist ihre Eindeutigkeit (vgl. Luhmann 1982). Als rechtfertigende Erzählung fungiert in dieser Tradition ein nationales Identitätsnarrativ, das lange Zeit im Kontext der nationalstaatlichen Verfassung der Welt als Norm gelten konnte. In seiner aktuellen Variante ist das Narrativ oft von artikulierten Ängsten und Warnungen zu grenzüberschreitenden Phänomenen, etwa Terrorismus, Epidemien und vor allem Migration, bestimmt, vor der die geschlossene nationale Grenze schützen soll. Exkludierende bzw. inkludierende Grenzpolitik findet vor diesem Hintergrund als Bestandteil eines als notwendig angesehenen Sicherheitsdispositivs, das den Schutz der Bevölkerung in den Vordergrund stellt, ihre Legitimation (vgl. Falk 2011). Als normative oder moralisierende Grundlage kann die Bevorzugung der eigenen Gruppe gelten, die sich in diesem Konzept als eine Selbstverständlichkeit darstellt. Das Selbstbestimmungsrecht einer Nation wird als Begründung herangezogen. Scharf kontrollierende Grenzregime wie an der US-amerikanisch-mexikanischen Grenze, an der illegale Grenzübertritte bekämpft werden und Verhaftungen in diesem Zusammenhang als Erfolg gelten, können der symbolische Ausdruck dieses Konzepts sein (vgl. Brown 2018, S. 67). Besonders die vielfach festgestellte Rückkehr von Mauern und Zäunen kann als räumliche Manifestation des souveränen Anspruchs und als symbolische Politik gelten (vgl. ebd.; siehe auch Leuenberger in diesem Band). Als Reaktion auf die erwähnten Entgrenzungsprozesse wird durch den Staat eine Notwendigkeit der Grenzen behauptet. Wendy Brown betont die Legitimitätsdefizite, die die neuen Grenzbefestigungen weltweit betreffen, und stellt trotz aller regionalen Unterschiedlichkeit spezifischer Rechtfertigungen fest, dass weiterhin auf die „Idee nationalstaatlicher Souveränität“ (ebd., S. 59) rekurriert wird, die sozusagen performativ von der Mauer unterstützt wird. In diesem Zusammenhang ist häufig von einem „temporären Charakter der neuen Mauern“ (ebd., S. 60) die Rede, der durch den Bezug auf einen Notstand gerechtfertigt wird. Für Brown zeigen sich in der spektakelhaften Inszenierung des Grenzregimes eines souveränen Nationalstaats Legitimationsstrategien, die auf fast paradoxe Weise anzeigen, wie sehr Grenzen eher als postsouverän verstanden werden sollten. Brown diskutiert allerdings nur die eine Seite der Legitimationsdiskurse, die Grenzen als notwendiges Instrument des Schutzes konzipieren, während von einer anderen, ebenso kritischen Seite Grenzen als Instrument der Aus- und Abgrenzung verstanden werden. Ein universalistischer Ansatz, der sich zum Teil auf die sozialwissenschaftliche Tradition in der Grenzforschung, wie sie weiter oben dargestellt wurde, und auf ethische Grundlagen humanitärer Solidarität beruft (vgl. Paasi 2019), stellt sich gegen die Konsequenzen einer nationalen Grenzpolitik. Besonders Mobilität und Netzwerke sind die zentralen Kategorien einer weit verbreiteten sozialwissenschaftlichen Sichtweise, die auch die Öffentlichkeit erreicht hat (vgl. Nail 2016). Aus dieser Perspektive werden die „space of flows“ (Castells 1996) von Gütern und Informationen, transnationale Räume und Prozesse und die neue Qualität von Grenzüberschreitungen betont. Vor allem werden die weltweiten Migrationsbewegungen hervorgehoben, die eine Reaktion auf die schwierigen Lebensbedingungen in vielen Herkunftsländern sind. Verschiedene kritische Forschungen zu Migration und Grenzregimen (z.B. Tsianos/Karakayali 2008; Tsianos/Hess 2010) betonen nicht nur, dass diese Überschreitungen eine nicht zu verhindernde Realität sind – dem Umstand geschuldet, dass Grenzen niemals geschlossen werden können und allenfalls reguliert werden. Sie sehen außerdem in diesen Entwicklungen eine Produktivität der Grenzgänger*innen und Grenzüberschreitungen für ökonomische und kulturelle Prozesse und kritisieren ‚normativistische‘ Vorstellungen. Hier werden die Praktiken des doing border mit Untersuchungen zu Regierungspraktiken und den Verhaltensweisen und Strategien Christian Banse 96 der Geflüchteten methodisch in den Vordergrund gestellt. In diesem Perspektivwechsel sind auch moralische Vorstellungen virulent, wenn die Grenzpolitik gegenüber Migrant*innen aus Sicht von Menschenrechten bzw. einer grundlegenden Humanität als undemokratisch bewertet wird (vgl. Paasi 2019). So verstanden wären Grenzen nicht legitimierte politische Instrumente, auch weil sich die Bedingungen des Konzepts Grenze verändert haben, wie Étienne Balibar (2003) analysiert. Der Vorstellung von Grenze liegt nach dieser Einschätzung nicht mehr eine grundlegende territorial begründete Trennung von außen und innen zugrunde, weil migrantische Realitäten die Vorstellungen von nationalen Zugehörigkeiten und Territorien infrage stellen.10 In diesem Zusammenhang ist auch die politisch-rechtliche Veränderung des Grenzregimeverständnisses Gegenstand diverser Einschätzungen, die die Legitimation von neuen staatlichen Grenzpraktiken diskutieren. Es werden aus einer politischen und juristischen Perspektive konzeptuelle Veränderungen von zumindest europäischen Grenzregimen in die Analyse einbezogen, wenn Grenzen zunehmend privatisiert, internalisiert und externalisiert werden. Verena Risse (2018) folgend, kann man zusammenfassen, dass Grenzkontrollen immer weiter privatisiert werden; deutlich zu beobachten ist das etwa bei Fluggesellschaften. Die Externalisierung zeigt sich darin, dass Grenzkontrollen schon vor dem eigentlichen Hoheitsgebiet durchgeführt werden. Als Internalisierung kann gelten, wenn der Aufenthalt und die Meldepflicht im Inland kontrolliert und nationale Grenzen ausgeweitet werden. Die Veränderungen sind durch die herkömmlichen rechtlichen Strategien wenig legitimiert. Diese gesellschaftspolitischen Änderungen weisen auf die Probleme von Legitimitätsdiskursen hin, die entstehen, wenn ein Zustand behauptet wird, der die Notwendigkeit nationaler Grenzschließungen oder antihumanitärer Maßnahmen impliziert, sodass die Maßnahmen und Schließungen nicht eingehender gerechtfertigt werden müssen, weil der Notstand die Praxis der Grenzziehung quasi als naturwüchsig erscheinen lässt (vgl. Brown 2018). Eine politischphilosophische Debatte (vgl. Abizadeh 2013) wirft dementsprechend auch ethische Fragen zur Rechtfertigungsbedürftigkeit von Grenzmaßnahmen auf, weil die Beschränkungen der Bewegungsfreiheit etwa Grundrechte und Menschenrechte herausfordern. Grenzen können nicht der Forderung nach demokratischer Legitimierung entzogen werden, so die Kritik. Die beschriebenen konträren normativen Vorstellungen des nationalen souveränen Grenzkonzepts auf der einen und des universalistischen Ansatzes auf der anderen Seite sowie empirische Studien zu Grenzpraktiken zeigen, dass die Grenzpolitik vieler Staaten und Staatenbündnisse der Öffentlichkeit gegenüber gerechtfertigt werden muss, vor allem, wenn Menschen bei der Grenzüberquerung sterben oder in Auffanglagern stranden (vgl. Vobruba 2006; Mezzadra 2018). Das Selbstverständnis der Staaten und Staatenbündnisse wird durch transnationale Migration herausgefordert. Die nationale Grenze wird zum symbolischen Gegenstand für Bewertungen von Migration, Staaten und Sicherheitsdispositiven und deren Legitimationen. Besonders gesundheitspolitische Vorgänge, die mit den Schutz- und Sicherheitsmaßnahmen verknüpft werden, sind Teil einer Eigendynamik von nationalen Grenzen, die in dem Feld der Medizin neben den exkludierenden Effekten auch inkludierende Abstufungen zulassen und neue Grenzziehungen zwischen verschiedenen Grenzgänger*innen ermöglichen. Wenn die Herkunft etwa bei der Versorgung von schwerkranken Geflüchteten oder Migrant*innen relevant wird, weil ein Pass Leistungen garantiert, die Patient*innen ohne Pass nicht bekommen, 10 Eine ähnliche Perspektive nimmt Giorgio Agamben (2001) ein, der vor allem die kaum legitimierbare Rechtsform des Ausnahmezustands als Rechtfertigung für die Flüchtlingslager sieht. Geschlossene, offene oder gar keine Grenzen? Zur Legitimität von (Staats-)Grenzen 97 selektiert das Gesundheitssystem nach politisch-nationalen Kriterien auf Grundlage nationaler Grenzen (vgl. Banse 2018). Wenn, so kann man zusammenfassen, universelle Normen verletzt werden, die im Zusammenhang mit Migration stehen, wie Bewegungsfreiheit, der Schutz vor Verfolgung oder das Gebot, kranken Menschen die nötige medizinische Versorgung zu ermöglichen, braucht es „scharfe legitimatorische Waffen“ (Pfau 2008, S. 40). Legitimationsprobleme in Grenzregionen Auch in europäischen Grenzregionen als Lebensmittelpunkt geht es in öffentlichen regionalen Kontroversen um die schwindende normative Legitimität von nationalen Grenzen, deren Bedeutung wie im Migrationsdiskurs im ‚moralischen‘ Ton diskutiert werden kann, etwa indem auch hier der Schutz der Bevölkerung gegen eine grenzüberschreitende Bedrohung geltend gemacht wird. Themen in diesem Zusammenhang sind etwa in europäischen Grenzregionen Schleuserkriminalität (Pfau 2008), Schmuggel (Irek 1998; Wagner 2011), Prostitution (Pates/Schmidt 2009) und auch hier (Pendel-)Migration (Dall Schmidt 2006).11 Anders als im Konflikt um Effekte von Grenzregimen geht es in den Grenzregionen in der Regel nicht nur um Ausnahmezustände in Krisenzeiten, sondern auch um alltägliche Vorstellungen und Handlungen, die mit Grenzen zusammenhängen. Normative Legitimationskonflikte spielen sich auf verschiedenen Ebenen ab, die im Hinblick auf die Funktion der Grenze empirisch differenziert werden können, wenn die Vielzahl der Akteure und ihre Interessen einbezogen werden. Zunächst stehen sich an der trennenden nationalen Grenze Staaten gegenüber, Grenzregionbewohner*innen erleben die Grenzlinie als etwas, das erst geschaffen werden musste. Als Symbole nationaler Politik haben Grenzen praktische Konsequenzen, weil zunächst Unterschiede geschaffen und sozial etabliert werden (Baud/Schendel 1997). Häufig wurde einmal um die Rechtmäßigkeit der Linie, die sie trennt, gestritten, zuweilen gekämpft. Die meisten der die Staaten trennenden Grenzen haben eine konfliktreiche Geschichte, die von kontroversen Legitimationserzählungen begleitet wird. Gerade Grenzziehungen, die aus der Zeit des Nationalsozialismus stammen, zeigen die nachhaltige und ambivalente Wirkung von Grenzdiskussionen, die von Heimat und Vertreibung handeln (vgl. Brumlik 2005). Wenn es um die historische Begründung der Staatsgrenze und ihres Verlaufs geht, sind die häufig aus Kriegen oder dem Zerfall von Imperien entstandenen Grenzziehungen Gegenstand schwer lösbarer Auseinandersetzungen staatlicher Akteure um nicht verhandelbare Grenzen (vgl. Bös/Zimmer 2006; Bach 2010). Georg Simmels (1908/1992) in der Zeit größter nationaler Konflikte am Anfang des 20. Jahrhunderts verfasster abstrakte Gedanke, dass die Grenze nicht das Ende, sondern den Anfang eines Streits darstellt, findet seine empirische Konkretisierung in vielen europäischen Grenzregionen. Die staatlichen Akteure haben manchmal deutlich widersprechende Einschätzungen über den Grenzverlauf, der begründet werden muss. International politisch anerkannte Legitimationen für Grenzveränderungen (vgl. Bös/Zimmer 2006) beziehen sich meist auf historische Ereignisse, die im Zusammenhang mit der Selbstbestimmung der Nation stehen (vgl. Bielefeld 2003). Je nach historischem Kontext der Grenzziehung unterscheiden sich diese Legitimierungen jedoch, die Konflikte verweisen auf ganz verschiedene Auseinandersetzungen und ‚Kämpfe‘, die für die Bevölkerung eine symbolische Kraft auch ‚nach innen‘ entfalten können, besonders, wenn sie an die nationale Erzählung anknüpfen. In den Grenzregionen 3.2 11 Vgl. auch allgemein zu dem Thema Grenzverletzungen an Staatsgrenzen Eigmüller (2008). Christian Banse 98 innerhalb der Europäischen Union finden sich lange etablierte nationale Differenzen, die sich in den Meinungen über den Nachbarn widerspiegeln (vgl. Rüdiger 2004; Roose 2010). Wenn ‚billige‘ Konkurrenz (wie etwa an der polnisch-deutschen Grenze im Konflikt zwischen Bäckern) gefürchtet und die kulturelle Differenz zu Mehrheiten von Minderheiten in der dänischdeutschen Grenzregion betont wird, bleiben bipolare Sichtweisen eine wichtige Folie, auf der Abgrenzungen legitimiert werden. Gleichwohl ist diese normative Legitimität der nationalen Grenze nicht selbstverständlich, vielmehr ein widersprüchlicher Prozess, der im regionalen, historischen und politischen Kontext gesehen werden muss. Historisch mussten Grenzen in Europa in den entstehenden Grenzregionen von Nationalstaaten erst etabliert werden. Legitime Ansprüche auf Eigentum, wie sie in mittelalterlichen Zeiten traditionell vorherrschten, wurden nun zentral geregelt (vgl. Landwehr 2006). Es gibt viele Grenzregionen auf der Welt und auch in Europa, deren Bewohner*innen der nationalen Zentrumspolitik (wie auch heute der Europapolitik) kritisch gegenüberstanden und -stehen (vgl. Sahlins 1989; Banse 2013, S. 266–278). Die Legitimation nach innen, die der Nationalstaat politisch fördern musste, basierte auf nationalen Bezügen, mit denen sprachlich-kulturelle Unterschiede auf dem Hoheitsgebiet etabliert werden sollten. Grenzen wurden in der europäischen Geschichte der Nationalstaaten immer wieder militarisiert. Ehre und Würde, wie Lucien Febvre (1988) schreibt, machten die Grenze zwischen Nationen zu „moralischen Grenzen“ (ebd., S. 33, Herv. CB); im Kriegsfall sollten sie von nun an mit dem eigenen Leben geschützt werden. Gerade Bedrohungsszenarien, die etwa auch mit vorherigen Grenzverschiebungen und militärischen Grenzüberschreitungen, also mit der Ungewissheit zusammenhingen, die in Europa bei Grenzziehungen herrschte, mobilisierten Akteure zu politisch-ethnischen Gemeinschaften. Die historische Legitimation von nationalen Grenzen hat heute noch immer eine mobilisierende Wirkung, wenngleich oder weil der Rahmen ein ganz anderer ist, wenn im Zusammenhang mit der Europäischen Integration die einstigen Gegensätze überwunden werden sollen. Dabei sollte deutlich werden, dass regionale Legitimierungen nationaler Grenzen sich nach dem Kontext der historischen Situation unterscheiden. Wenn etwa die nationalen Grenzen von Deutschland zu Frankreich, Dänemark und Polen verglichen werden (siehe Banse 2013), so hat jede der noch heute aktuellen Grenzen eine spezifische Entstehungsgeschichte, sodass die Grenzen deshalb historisch auf jeweils andere Weise legitimiert oder delegitimiert werden. Die Grenze zwischen Frankreich und Deutschland hat eine lange Tradition an unklaren Grenzbestimmungen; besonders das Elsass mit seiner wechselvollen Geschichte zeigt, dass Staatsgrenzen wandern und Zugehörigkeiten variieren – wie die wechselvollen Familiengeschichten der Elsässer in der Grenzregion verdeutlichen (vgl. ebd., S. 108f.). Die dänisch-deutsche Grenze wiederum entstand nach einer Volksabstimmung 1920 und konnte nur dadurch relativ konfliktfrei vollzogen werden, indem der deutschen und dänischen Minderheit auf der jeweils anderen Seite der trennenden Grenze ausreichend Rechte zugesprochen wurden. Schließlich ist die polnisch-deutsche Grenze Resultat des Zweiten Weltkriegs und Ausdruck der Willkür großräumiger politischer Entscheidungen, die ganze Bevölkerungen über Grenzen wandern ließen und Städte ‚wie mit dem Rasiermesser‘ scharf trennten. Abgrenzungen sind das Resultat einer kaum geleisteten Bewältigung von Kriegserfahrungen (vgl. ebd., S. 224ff.). Ob das Versterben der Kriegsgenerationen europäische und grenzüberschreitende Politik legitimieren, wird die Forschung beschäftigen. Geschlossene, offene oder gar keine Grenzen? Zur Legitimität von (Staats-)Grenzen 99 Durch die Europäische Integration wurden diese Grenzen in der EU geöffnet. Konzepte zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit und zum transnationalen Regionalismus sollen die nationale Konfrontation in der Grenzregion relativieren und nun Grenzüberschreitungen legitimieren (vgl. Ulrich/Scott in diesem Band). Wie virulent nationale Grenzen weiterhin sind, zeigt sich in einem bemerkenswerten Paradox der Europäischen Integration, das an die eben genannten Konflikte anschließt und ein Licht auf Legitimitätsfragen wirft. Vielen Grenzregionen ist gemeinsam, dass die Vielzahl heutiger offizieller Legitimationskämpfe in europäischen Grenzregionen sich darauf beziehen, dass die Anerkennung der nationalen Grenze eine Voraussetzung für erlaubte Grenzüberschreitungen ist; um auf grenzüberschreitende Kooperation zu hoffen, muss die trennende Grenze politisch von der anderen Seite legitimiert sein. So hat Dänemark die Anerkennung der Grenze und des Status der Minderheit in Deutschland im Zusammenhang mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker als Voraussetzung für weiteren Austausch gesehen (vgl. Kühl 2004); auch die polnische Seite hat Deutschland zu einem entsprechenden Umgang mit der aus dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Grenze aufgefordert und wollte die nationale Grenze politisch anerkannt wissen (vgl. Banse 2013, S. 203ff.). Vor allem vor dem Hintergrund gewaltsamer Grenzüberschreitungen durch das nationalsozialistische Deutschland wird eine vorsichtige Grenzpolitik, auch im grenzüberschreitenden Kontext der Europäisierung, von den einst angegriffenen Staaten politisch legitimiert. Die Betrachtung von multidimensionalen und eigendynamischen Legitimationsprozessen in Grenzregionen stellt sich empirisch weitaus komplexer dar als die Betrachtung der reinen staatlichen Steuerungsperspektive, wenn nichtstaatliche Akteure, die in den Grenzregionen leben, einbezogen werden. Sie verfolgen regionale oder eigene Interessen, die denen der Staaten widersprechen können. In Grenzregionen rücken Grenzüberschreitungen, subversive Ökonomien (vgl. Eigmüller 2008) und alltägliche Aushandlungen von Vorteilen für die Bewohner*innen in den Vordergrund, der einen anderen Blick auf Legitimitätsprobleme gestattet: Grenzüberschreitungen können regional legitimiert sein, auch wenn sie es in einem größeren politischen Rahmen nicht sind, etwa, weil sie illegal sind. Dieses Phänomen betrifft etwa die beiderseitige Anerkennung von Prostitution in der polnisch-deutschen Grenzregion, weil zum Beispiel der finanzielle Gewinn bei Wohlstandsunterschieden bei den ‚Anbietern‘ oder weil die Nutzung von Preis- und Rechtsunterschieden bei den ‚Kunden‘ als legitim angesehen wird. ‚Tanktouristen‘ wie ‚Schnäppchenjäger‘ sind ‚legitime‘ Bestandteile von Grenzökonomien. Auch hier ist die nationale Grenze Voraussetzung für ihre Überschreitung. Der Unterschied, der durch die Grenzziehung geschaffen wurde, ökonomisch, politisch, rechtlich und zuweilen auch sozial und kulturell, kann für den regionalen Austausch der Grenzregionsbewohner*innen produktiv sein, wenn er etwas ermöglicht, was auf der eigenen Seite nicht möglich ist. Zugleich können sich sogar über diese Ökonomien gemeinsame grenzüberschreitende Interessen beider getrennten Grenzregionen bilden, die auch gegen jeweilige Zentrumsinteressen artikuliert werden (vgl. Sahlins 1989). Dementsprechend wird eine Grenzpolitik in der Region auch andere (zusätzliche) legitimierende Begründungen für die Grenze formulieren, als der rein nationalstaatliche ‚abgrenzende‘ oder der europäische ‚grenzauflösende‘ Blick es tun. Die Erforschung europäischer Grenzregionen zeigt, dass die Legitimationsdiskurse auf der einen Seite stark von den Entstehungsbedingungen der politischen Grenzen abhängen und bei Kontroversen national kodiert werden. Diese Bedingungen spielen bei der Delegitimierung von europäischer Politik in den Grenzregionen eine Rolle, wenn symbolisch die nationale Grenze als Schutzzone vorgestellt wird und verschiedene Abgrenzungen vorgenommen werden. Christian Banse 100 Auf der anderen Seite herrschen jedoch spezifische Bedingungen vor Ort vor, die den multidimensionalen Charakter von nationalen Grenzen verdeutlichen können, der vor allem heute relevant und vielleicht immer relevanter wird. Die Grenzlegitimität ist mit einem Netzwerk unterschiedlicher und komplex vernetzter Legitimationsprozesse verbunden, die noch weitgehend Forschungsdesiderat sind. So stehen Grenzen im lokalen Fokus, weil die Anrainer*innen durch eigene Entscheidungen den Grenzübertritt für legitim befinden, der ihren Interessen entspricht. Regional legitim kann der Bezug zu ökonomischen Standortbestimmungen sein, die den Ort auf- oder abwerten, während europäische Legitimationen hieran zwar anschließen können, jedoch auch im Konflikt mit den regionalen Prozessen stehen, wenn die Europäische Union symbolisch oder real noch wenig in der Region etabliert ist. Es kann durchaus sein, dass die Europäische Union als bürokratischer Apparat regional abgelehnt wird, wie es etwa in Dänemark der Fall ist (vgl. Kühl 2004). Zugleich sind Finanzmittel der Europäischen Union begehrte Hilfen für die Region und legitimieren politische Ideen der Zusammenarbeit. Schließlich sind Grenzregionen Akteure bei globalen kapitalistischen Marktprozessen, die Standorte in einen weltweiten Konkurrenzkampf bringen. Dass diese ökonomischen und politischen Auseinandersetzungen wiederum in nationale Deutungen, Abwehrkämpfe und Abgrenzungen eingebettet werden, kann unter den erläuterten Umständen als eine Form der Simplifizierung gesehen werden, die sich leichter ‚moralisch‘ verwenden lässt und Ressentiments rechtfertigen hilft. Fazit und Ausblick Eine vor allem sozialwissenschaftliche und grenzsoziologische Perspektive auf die Frage nach der normativen wie empirischen Legitimität von (nationalen) Grenzen in der Gesellschaft heute sollte bedenken, welche der Erkenntnisse für weitere gesellschaftstheoretische Beobachtungen wichtig sein könnten. Diese Perspektive sollte über die deskriptive Darstellung der Legitimationsprobleme von nationalen Grenzen hinausgehen. Wichtig ist die Frage: Warum werden Grenzen von Nationalstaaten überhaupt legitimiert? Oder anders gefragt: Warum haben gerade nationale Grenzen Legitimierungsprobleme?12 Nach dem sozial- und grenzwissenschaftlichen Forschungsstand sind nationale Grenzen heute ohne Frage besonders legitimierungsbedürftig, wenn man einen Maßstab anlegt, der sich an den öffentlich-politischen und den wissenschaftlichen Diskussionen orientiert. Beide hier diskutierten Themenfelder, Migration wie Grenzregion, offenbaren den Legitimierungsdruck, unter dem Grenzöffnungen wie -schließungen stehen. Offensichtlich wird ihre Legitimität zunehmend problematisch, weil die mehrdimensionale und widersprüchliche Realität der nationalen Grenze in den Blick kommt und keine ‚einfache‘ Legitimation möglich ist, die etwa nur auf der nationalen Rechtfertigung basiert. Die nationale Grenze wird zum Gegenstand von Aushandlungen (vgl. Bach 2010), wenn verschiedene Perspektiven einbezogen und gegenübergestellt werden. Hier müssen Forschungen anschließen und die Grenzdiskurse und die Diversität an Legitimierungen fassen. Systematisch sollte im Rückblick der Beispiele in diesem Beitrag festgehalten werden: Grenzen schlichten nicht nur Konflikte, sondern sie polarisieren auch, weil sie Unterscheidungen und Gegensätze, die oft auch lebensbedrohliche Konsequenzen haben können, etablieren wie kaum ein anderes politisch-soziales Instrument. So gesehen symbolisieren Grenzen einerseits 4. 12 Diese Frage kann hier natürlich nicht beantwortet werden; es wäre dazu nötig, auch andere Institutionen der heutigen Gesellschaft einer Legitimitätsprüfung zu unterziehen. Geschlossene, offene oder gar keine Grenzen? Zur Legitimität von (Staats-)Grenzen 101 normative Positionen, deren kontroverse Rechtfertigungsdynamiken andererseits anzeigen, dass sie immer weniger selbstverständlich sind. Hier sollten Rechtfertigungsformen in den Blick genommen werden, um die Semantik des Grenzbegriffs stärker auf seine widersprüchliche Bedeutung hin zu analysieren. So kann etwa eine Mauer als Grenze den souveränen Nationalstaat symbolisieren, während zugleich differenzierte grenzüberschreitende Prozesse an derselben Grenze stattfinden, die seine Souveränität unterlaufen. Nationale Grenzen werden in einer praxeologischen Weise sozial dadurch legitimiert, dass Akteure auf sie bezogen handeln, sie überschreiten, weil sie einen Unterschied markieren, den man ‚pragmatisch‘ nutzen kann. Die Grenze ist dann in einer unmittelbaren Weise legitim, weil ihre Überschreitung Chancen generiert.13 Gerade Forschungen in binneneuropäischen Grenzregionen zeigen, dass trennende Grenzen auch durchaus eine Funktion im psychischen Haushalt vieler Menschen haben und dementsprechend auch ‚gewünscht‘ sind. Grenzen sind moralisch. Sie sind also nicht nur Ausdruck unterschiedlicher Bedürfnisse und auch Sichtweisen, die an der Grenze aufeinanderprallen, sondern Grenzen selbst sind eine Form der moralischen Vorstellung, in der schließlich davon ausgegangen wird, dass etwas zu einem gehört oder nicht gehört, dass etwas nicht weitergehen darf oder überschritten werden soll und wo Eindeutigkeit oder Komplexität herrschen. Dass und wie diese Moral und Bewertung zunehmend (und nicht nur in Grenzregionen) ausgehandelt werden, muss Grundlage weiterer Grenzforschungen sein, die nach der sozialen Herstellung der Legitimität von Grenzen fragen. Die Forschung muss dabei reflektieren, in welcher Perspektive sie die Grenze betrachtet, etwa aus einer partizipierenden und zielorientierten und damit unter Umständen Moral verstärkenden Perspektive oder aus einer Perspektive, die die moralische Dimension von Grenzen reflektiert, indem sie selbst eine Perspektivenvielfalt berücksichtigt. An Grenzen treffen unterschiedliche Legitimitätsvorstellungen aufeinander: Sie sind der Ausdruck und Auslöser von moralisch konnotierten Konflikten, die gesellschaftliche Sprengkraft haben – je mehr das Normative und die Legitimität selbst an ihre Grenzen kommen. Weiterführende Literatur Abizadeh, Arash (2013): Geschlossene Grenzen, Menschenrechte und demokratische Legitimation. In: polylog. Zeitschrift für interkulturelles Philosophieren 30, S. 5–23. Brown, Wendy (2018): Mauern. Die neue Abschottung und der Niedergang der Souveränität. Berlin: Suhrkamp. Dammayr, Maria/Graß, Doris/Rothmüller, Barbara (2015): Legitimität und Legitimierung in der sozialwissenschaftlichen Debatte: eine Einführung in Theorien der Rechtfertigung und Kritik von Herrschaft. In: Dies. (Hrsg.): Legitimität. Gesellschaftliche, politische und wissenschaftliche Bruchlinien der Rechtfertigung. Bielefeld: transcript, S. 7–24. Paasi, Anssi/Prokkola, Eeva-Kaisa/Saarinen, Jarkko/Zimmerbauer, Kaj (Hrsg.) 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Abschließend wird auf die noch unzureichend bestimmte analytische Kategorie der sozialen Praxis und auf das Potential der Praxistheorien für die Grenzforschung eingegangen. Schlagwörter Bordering, borderwork, bordertextures, Multiplizität, Komplexität Einleitung Die Grenzforschung zählt seit den letzten Jahrzehnten zu den aufstrebenden Arbeitsfeldern der Sozial- und Kulturwissenschaften. Neben theoretisch-konzeptionellen Wenden (turns) ist dies vor allem auf jüngste gesellschaftliche Entwicklungen und das in Politik und Wissenschaft verstärkt nachgefragte Wissen über Grenz- und Migrationsdynamiken zurückzuführen. In diesem Zuge erfährt die Grenzforschung nun auch in Europa eine fortschreitende Institutionalisierung (Forschungszentren/-schwerpunkte, Studiengänge/-module, Handbücher u.a.), ebenso wie sie zunehmend mehr Disziplinen einschließt und sich in verschiedene Orientierungen ausdifferenziert (Comparative Border Studies, Critical Border Studies, Cultural Border Studies u.a.). Diese Entwicklung spiegelt sich gleichermaßen in den verwendeten Ansätzen und Begrifflichkeiten wider, die verschiedenen Disziplinen, Wissenschaftskulturen und Sprachgemeinschaften entspringen. Die Heterogenität und mitunter Schnelllebigkeit des Analyse- und Begriffsinstrumentariums erschwert die disziplinenübergreifende Selbstverständigung innerhalb der Grenzforschung, allerdings setzt sie zugleich Impulse für wissenschaftliche Weiterentwicklungen. Solchen wendet sich dieser Beitrag zu und versucht ungeachtet der vielfältigen Erkenntnisinteressen, Ansätze und Begriffe zentrale theoretisch-konzeptionelle Entwicklungen der letzten Jahrzehnte herauszuarbeiten. Damit soll zugleich ein Beitrag für die stärkere Konzeptualisierung und Systematisierung der Grenzforschung geleistet werden, wie sie etwa im Rahmen der Europa-Konferenz der Association for Borderlands Studies „Differences and discontinuities in a ‚Europe without borders‘“ (04.–07.10.2016, Luxemburg) eingefordert wurden. Als ein allgemeiner Trend in der Grenzforschung ist in den letzten Jahrzehnten die Thematisierung der Grenze als Praxis festzustellen, die eine Reihe an Ansätzen und Begriffen mit geteilten Grundannahmen hervorgebracht hat. Diese in eine Abfolge ihrer Vorkommen zu bringen, ist in dem unübersichtlichen multidisziplinären Arbeitsfeld kaum leistbar, findet die theoretisch-konzeptionelle Debatte hier doch noch augenfälliger als andernorts in unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Intensitäten statt. Für das Anliegen einer Systematisierung allerdings soll dieser Umstand aufgelöst werden, indem idealtypisch drei analytische Trends 1. 106 unterschieden werden. Diese Trends werden im Folgenden als shifts bezeichnet und zeigen weder grundlegende Neuorientierungen innerhalb der Grenzforschung an noch stehen sie hierarchisch zueinander oder lösen in der Zeit einander ab. Sie stehen jeweils für eine spezifische Orientierung in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Grenzen, schließen an generelle sozialanalytische Entwicklungen an und werden in der aktuellen Grenzforschung nebeneinander und miteinander praktiziert. Die vorzustellenden shifts sind zunächst auf eine gesteigerte Aufmerksamkeit (in Europa) für Grenzen zurückzuführen, die aus dem Spannungsfeld von ‚grenzenloser Welt‘ und ‚Festung Europa‘ der 1990er-Jahre resultiert. Damit angesprochen ist die Gleichzeitigkeit von Globalisierungsdynamiken und des Falls des Eisernen Vorhangs einerseits sowie der Entstehung neuer Nationalstaaten und der Stabilisierung der EU-Außengrenzen andererseits. Diese widersprüchlich erscheinenden Entwicklungen haben für den Gegenstand der Grenze in der Weise sensibilisiert, dass Sabine Hess (2018, S. 84) rückblickend von einem border turn spricht und sich in der Grenzforschung eine tiefgründige Neuorientierung vollzog, welche die Idee der gesetzten und fixen Grenzen überwindet. Diese Neuorientierung bildet den Ausgangspunkt der vorzustellenden shifts und geht auf den von Theodore Schatzki, Karin Knorr Cetina und Eike von Savigny (2001) ausgerufenen practice turn zurück. Als solcher wird die Hinwendung zu einem Verständnis von Kultur bzw. Sozietät bezeichnet, das weniger von den Repräsentationen (Sprache, Zeichen, semiotische Strukturen) her gedacht wird, denn vielmehr durch die sich vollziehenden Praktiken bzw. Praktikenkomplexe (vgl. Reckwitz 2003). Die Praxisperspektive betont das performative Moment – etwa Akte der Einsetzung oder Anfechtung von Grenzen als Grenz(re)produktionen – unter Einbezug des darin wirksamen Wissens, der Diskurse, Tätigkeiten, Objekte, Körper und ihrer Settings. Die folgenden shifts knüpfen an dieses Verständnis an und stellen die soziale Praxis mit jeweils unterschiedlicher Akzentuierung in den Mittelpunkt. Die Schlussbetrachtung in diesem Beitrag wird allerdings zeigen, dass in der Grenzforschung eine noch weitgehend unbestimmte Verwendung des Praxisbegriffs auszumachen ist. Processual shift Die Rezeption des practice turn (vgl. Schatzki et al. 2001) lässt sich in der Grenzforschung zunächst an einem Grenzverständnis festmachen, das auch als konstruktivistisch bezeichnet wird (vgl. z.B. Bürkner 2017; Herzog/Sohn 2019). Es überwindet die Vorstellung der fixen und gesetzten Grenzen zugunsten der Auffassung, dass Grenzen die Ergebnisse von sozialen Prozessen seien (vgl. z.B. Newman/Paasi 1998; zur Übersicht Konrad 2015). Dieser einschneidende Perspektivwechsel ist zum einen auf die angedeutete Gegenerzählung zum Globalisierungsdiskurs zurückzuführen, zum anderen auf den sich seit den 1980er-Jahren vollziehenden spatial turn (vgl. z.B. Soja 1989; Lefebvre 1991), der die in den 1990er-Jahren noch stark nationalräumlich orientierte Grenzforschung nachhaltig beeinflusste. Denn so wie Raum oder Territorium nun nicht mehr als unhinterfragte Randbedingung des Sozialen, sondern als soziale Produktionen thematisiert werden, scheinen unter sogenannten postmodernen Bedingungen auch Grenzen adäquater als soziale Produktion beschreibbar und verstehbar zu werden. Mit dieser Betrachtungsweise vollzieht sich in der Grenzforschung eine Verschiebung des Blicks von der Grenze hin zu den Prozessen, die Grenzen hervorbringen. Diese Neueinstellung der Analyse zielt damit nicht länger auf die Grenze als ontologischen Gegenstand, sondern auf 2. Vom processual shift zum complexity shift: Aktuelle analytische Trends der Grenzforschung 107 Prozesse der (De-)Stabilisierung von Grenzen, wie sie sich etwa über Praktiken vollziehen (vgl. Newman 2006; Kaiser 2012). Die Prozessperspektive auf Grenzen ist nicht nur dem Anliegen geschuldet, gesellschaftlichräumliche Verhältnisse adäquater untersuchen zu können, sie erlaubt auch dafür einen theoretischen Rahmen zu formulieren, der folgendermaßen zusammengefasst werden kann: – Gemachtheit von Grenzen: Grenzen werden nicht als fixe und gesetzte Gebilde betrachtet, sondern als Ergebnisse von sozialen Prozessen der Grenz(de)stabilisierung. Solche Prozesse können unterschiedlicher Art sein und verschiedene Maßstabsebenen umfassen, ebenso wie die daraus resultierenden Materialisierungen und Wirkungsweisen. Damit angesprochen sind beispielsweise im Kontext von Migration Praktiken des Protests, der Solidarität, der Kontrolle oder der Gesetzgebung, die sich auf unterschiedliche Weisen artikulieren. – Fortwährende (Re-)Produktion von Grenzen: Außerhalb sozialer Prozesse sind Grenzen nicht denkbar, erst in und durch soziale Prozesse erlangen sie eine Relevanz und damit ihre Existenz. Grenzen müssen dementsprechend Gegenstand sozialer Auseinandersetzung sein, um als solche zu existieren. Insofern sind auf Dauer gestellte Grenzen stets als (Re-)Produktionen zu verstehen, die sich über kontinuierliche Prozesse der Grenz(de)stabilisierung realisieren. Dazu zählen auch Praktiken der Grenzverletzung, welche die Grenze als solche bestätigen und (re)produzieren. – Veränderbarkeit von Grenzen: Die fortwährende (Re-)Produktion von Grenzen impliziert Verschiebungen und räumt damit einen potentiellen Wandel der praktizierten Grenz(de)stabilisierungen ein. Die stets im Werden befindlichen Grenzen unterliegen somit der Dynamik ihrer (Re-)Produktionen, die allerdings nicht festgeschrieben, sondern als kontingent vorausgesetzt werden. Ferner impliziert die (Re-)Produktionsdynamik eine zeitliche Dimension, die neben ihrem ephemeren Charakter auf ein Davor verweist und damit auf die in Grenz(de)stabilisierungen wirksame Gewordenheit von Grenzen. – Ordnungen der Grenze: Grenz(de)stabilisierungen (re)produzieren Ordnungen, die sich in unterschiedlicher Weise materialisieren; so z.B. territoriale oder kategoriale Ordnungen, die variabel sind und Machtverhältnisse anzeigen, weshalb Grenz(de)stabilisierungen stets als politisch zu betrachten sind. Diese vom Autor formulierten Punkte umreißen die Grundannahmen der Prozessperspektive auf Grenzen und verweisen auf eine Reihe an Erkenntnisinteressen, die im Zuge des processual shift verstärkt sichtbar werden und das Arbeitsfeld bis heute kennzeichnen. So interessieren – wie unten zu sehen sein wird – im Hinblick auf Grenz(de)stabilisierungen etwa die beteiligten Akteur*innen, die eingelassenen sozialen Logiken, relevanten Maßstabsebenen, soziomateriellen Apparaturen ebenso wie Pfadabhängigkeiten oder Wandlungsprozesse in der Zeit sowie die sich in Grenz(de)stabilisierungen abzeichnenden Hegemonialverhältnisse. Die Justierung und Erweiterung der Erkenntnisinteressen haben nicht nur dazu geführt, Grenzen und gesellschaftlich-räumliche Verhältnisse, die von gegenläufigen Entwicklungen und erhöhter Wandlungsdynamik geprägt sind, besser zu erfassen und zu verstehen. Sie haben auch eine Vervielfältigung der Disziplinen bewirkt, die Grenzforschung betreiben. Dabei hat sich disziplinenübergreifend ein Ansatz durchgesetzt, der die Vorstellung der Grenze als soziale Produktion eingängig auf den Begriff bringt und mit verschiedenen Grenzbegriffen (boundary, border, frontier, limit etc.) vereinbar ist. Angesprochen ist der Bordering-Ansatz, der die Grenze in prozessualisierender Absicht als Praxis fasst. Dieser Ansatz, der mitunter auch als doing border, border-making oder making difference umschrieben wird (vgl. z.B. Salter 2012), ist Christian Wille 108 allerdings nicht als ein heuristisches Analyseinstrument zu verstehen, das appliziert wird und Grenzen unmittelbar als Ent- oder Vergrenzungen beschreibt und analysierbar macht. Bordering, so Yuval-Davis et al. (2019, S. 5), „[…] constitutes a principal organising mechanism in constructing, maintaining, and controlling social and political order“. Es handelt sich also um einen Ansatz, der auf Grenz(de)stabilisierungen bzw. ihre Mechanismen fokussiert und in Orientierung an den jeweils spezifischen Erkenntnisinteressen und Untersuchungsgegenständen in ein adäquates Forschungsdesign übersetzt werden muss. Die Etablierung des Bordering-Ansatzes im Sinne einer generellen Untersuchungseinstellung lässt sich weder eindeutig datieren noch einem*r bestimmten Autor*in zuordnen. Er wird schon Mitte der 1990er-Jahre in den Politikwissenschaften erwähnt (vgl. Albert/Brock 1996), zur Jahrtausendwende von Humangeograph*innen produktiv gemacht (s. unten; Houtum/Naerssen 2002), in anderen Disziplinen wird er erst später rezipiert. Die zeitlich versetzte Auseinandersetzung mit Bordering-Prozessen hat die Debatte über Grenzen fortlaufend stimuliert und begrifflich sowie konzeptionell weiter geschärft. So werden zum Beispiel Grenzpraktiken bzw. Praktiken der Grenze (z.B. Parker/Adler-Nissen 2012, S. 776; Wille et al. 2014, S. 10, 254ff.) – wie etwa das Zählen und Klassifizieren von Flüchtenden oder das diskursive Projizieren von Differenzen (othering) – als mögliche Operationalisierungen des Bordering-Ansatzes thematisiert (vgl. auch Lehner in diesem Band). Außerdem ist eine Unterscheidung zwischen De- und Rebordering-Prozessen auszumachen, über die das dynamische Zusammenspiel von Prozessen der Destabilisierung und Stabilisierung von Grenzen gefasst wird (vgl. z.B. Salter 2012; Yuval- Davis et al. 2019, S. 59). So wie De- und Rebordering-Prozesse als einander unhintergehbar betrachtet werden, werden auch die in Grenzen codierten Ordnungen in eine sogenannte B/Ordering-Perspektive gestellt, die eine soziale und räumliche Dimension von Grenz(de)stabilisierungen analytisch unterscheidet. Dies zeigen exemplarisch Henk van Houtum, Olivier Kramsch und Wolfgang Zierhofer im Sammelband B/ordering Space (2005). Die Herausgeber veröffentlichen darin Beiträge von Humangeograph*innen, die sich mit Grenzpraktiken in einer sogenannten globalen und entgrenzten Welt auseinandersetzen und Bordering- mit Ordering-Prozessen in einer räumlichen Perspektive verknüpfen. Hintergrund dafür ist die Feststellung, dass sich durch Globalisierungsdynamiken nicht ‚alles‘ verflüssigt und enträumlicht, sondern Praktiken stets Ordnungen und Abgrenzungen implizieren, die in räumlichen Differenzierungen manifest werden oder sich aus ihnen ergeben. Dieser Zusammenhang, den van Houtum und van Naerssen (2002, S. 134) auch mit „Making others through the territorial fixing of order“ umschreiben, beruht auf einem Verständnis von Grenze als „ongoing strategic effort to make difference in space“ (ebd., S. 126). Der processual shift, der die Orientierung an Grenzen als ontologische Gebilde aufbricht, kann schließlich über zwei methodologische Prinzipien charakterisiert werden: Zum einen über die Dezentrierung der Grenze, womit nicht länger die Fokussierung auf die ‚Mauer in der Landschaft‘, sondern die Fokussierung auf soziale Prozesse ihrer Einsetzung oder Anfechtung angesprochen ist. Zum anderen über die Prozessualisierung der Grenze, die dynamische Veränderung sowie historische Gewordenheit einräumt und die Grenze nur in ihren (Re-)Produktionen existieren lässt. Beide Prinzipien sind ausschlaggebend für die zunehmende Relativierung von nationalräumlichen Ordnungen als Deutungs- und Erklärungskategorien in der Grenzforschung zugunsten von Analyseaspekten, die territoriale und nichtterritoriale Grenzen als soziale (Re-)Produktionen bestimmbar machen. Die sich im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhun- Vom processual shift zum complexity shift: Aktuelle analytische Trends der Grenzforschung 109 derts durchsetzende Einsicht um die Vielfältigkeit der für solche (De-)Stabilisierungsprozesse relevanten Aspekte wird vom Autor im Folgenden als multiplicity shift bezeichnet. Multiplicity shift Die den multiplicity shift charakterisierenden Entwicklungen sind als Fortschreibung und Erweiterung des processual shift zu verstehen. Grenzen stehen hier weiter als soziale Produktionen im Zentrum, sie erfahren nun allerdings eine nähere Bestimmung. Sie beruht auf der Beobachtung, dass Grenz(de)stabilisierungen selten in binären Codierungen aufgehen, von nur einem*r Akteur*in mit eindeutiger Agenda und Identität ausgehen oder sich an einem bestimmten Ort in expliziter Weise materialisieren. Grenz(de)stabilisierungen sind deutlich vielfältiger angelegt, weshalb sie zunehmend als multiple Prozesse verstanden und als solche untersucht werden. Dafür kennzeichnend ist eine Annäherung an Grenzen aus unterschiedlichen Blickwinkeln, über die möglichst viele der relevanten Aspekte und Perspektiven auf Grenz(re)produktionen einbezogen werden (vgl. Rumford 2012). Dieses an Multiplizität interessierte Vorgehen nimmt die soziale Gemachtheit von Grenzen in ihren unterschiedlichen Facetten ernst und hat nicht zuletzt das Arbeitsfeld für kulturwissenschaftliche Zugänge weiter geöffnet. Für die analytische Perspektivweitung im Zuge des multiplicity shift haben vor allem die Vertreter*innen der Critical Border Studies sensibilisiert, deren Anliegen machtkritisch orientiert sind (vgl. z.B. Parker et al. 2009; Parker/Vaughan-Williams 2012; Salter 2012; Brambilla/Jones 2019; Jones 2019; Yuval-Davis et al. 2019) und auf einer eingängigen Überlegung beruhen: „the construction of borders […] must always be done somewhere by someone against some other“ (Tyerman 2019, S. 2). Sie interessieren sich also nicht nur dafür, wie Grenzen (re-)produziert werden, sondern auch von wem (De-)Stabilisierungsprozesse mit welchen Interessen, Adressierungen und Effekten ausgehen. Anfang der 2010er-Jahre konstatieren sie vielschichtiger werdende bordering practices und zugleich ein dafür unzureichendes theoretisch-konzeptionelles Analyseinstrumentarium. Inspiriert von den dargelegten Entwicklungen des processual shift und mit Blick auf nationale Grenzen unterstreichen sie, dass sich Grenz(de)stabilisierungen nicht unmittelbar als solche zu erkennen geben und untersucht werden müsse, mit welchen Konsequenzen Grenz(de)stabilisierungen in Erscheinung treten und wer davon in welcher Weise profitiert. Bordering practices als Analysekategorien sollten daher weitgreifend im Sinne dynamischer Sets von performances bzw. Praktiken, die auch alltägliche Lebenswirklichkeiten einschließen und durch die Grenze gedacht werden, angelegt sein (Parker/Vaughan-Williams 2012, S. 728f.; vgl. auch Rumford 2011). Das zuletzt genannte Vorgehen, das Rumford (2012, S. 895) begrifflich als „seeing like a border“ fasst, bezeichnet das Anliegen der Grenze, in ihre sozialen Arenen zu folgen (vgl. auch Gerst/Krämer in diesem Band). Dorthin, wo die Grenze – in und durch Praktiken – als alltagskulturelle (Re-)Produktion stattfindet: „In aspiring to ‚see like a border‘ we must recognise the constitutive nature of borders in social […] life“ (Rumford 2012, S. 897). Die Vertreter*innen der Critical Border Studies machen sich somit für eine „multi-dimensional matrix of bordering“ (Konrad/Brunet-Jailly 2019, S. 5) stark, die differenzierend danach fragt, wie, wo und unter Wirksamkeit welcher Aspekte sich Grenz(de)stabilisierungen vollziehen: etwa in und durch Verkehrsinfrastrukturen, Kontrollprozeduren, Überwachungstechnologien, Repräsentation in Literatur und Kunst, Gesetzgebung, zivilgesellschaftliche Solidar- oder Protestkundgebungen, Symbole oder Rituale kultureller oder räumlicher Zugehörigkeit etc. Die Multiplizitätsperspektive erweitert somit das Spektrum der 3. Christian Wille 110 analytischen Ansatzpunkte und erlaubt Prozesse der Grenz(de)stabilisierung weitgreifender zu erfassen und damit einem simplifizierenden Verständnis von Grenzen entgegenzuwirken. Dies zeigen verschiedene Analyseperspektiven auf Grenz(de)stabilisierungen, die vor allem im Zuge des multiplicity shift diskutiert und in Anschlag gebracht werden: – Akteurspluralität: In Prozessen der Grenz(de)stabilisierung wirken weder nur ein*e Akteur*in noch sind sie exklusiv an eine staatliche Autorität gekoppelt. An ihnen sind unterschiedliche Akteur*innen (zugleich) beteiligt, die Grenzen etwa durch Anfechtung, Subversion oder Rebordering (re)produzieren. Diese Analyseperspektive schließt staatliche Akteur*innen ebenso ein wie Nichtregierungsorganisationen (NGOs), Aktivist*innen, Kunstschaffende, den*die einzelne*n Bürger*in oder Schleuser*innen und Flüchtende. Ihre (potentielle) Partizipation an Grenz(de)stabilisierungen fasst Rumford (2012, S. 894) mit dem Begriff borderwork, der vor allem auf die Handlungsmacht von zivilgesellschaftlichen Akteur*innen verweist und ein politisches Kapital beschreibt, das Responsibilisierung und Intervention impliziert: „Ordinary people (citizens, non-citizens) are increasingly active in constructing, shifting, or even erasing borders. Citizens, entrepreneurs, and ‚civil society‘ actors, amongst others, can engage in bordering, or what is here termed borderwork; the effort of ordinary people leading to the construction, dismantling, or shifting of borders. The borders concerned are not necessarily those (at the edges) of the nation-state; they can be found at a range of sites throughout society: in towns and cities, in local neighbourhoods, in the countryside” (ebd., S. 897). – Diffundiertheit: Borderwork weist dem Zitat weiter folgend über (De-)Stabilisierungsprozesse hinaus, die sich an nationalen Rändern ereignen, und fasst Grenzen als diffundiert. Damit ist auf den Umstand verwiesen, dass Grenzen räumlich verstreut, vom tradierten Ort der Grenze entfernt und durchaus ‚inmitten‘ von Gesellschaften stattfinden. Diese Analyseperspektive folgt der These Balibars (1998) „borders are everywhere“ und begreift die Grenze als ein in vielfältigen Praktiken eingelassenes Phänomen, das sich an verschiedenen Orten (zugleich) und räumlich variabel artikuliert. Anschauliche Beispiele dafür geben rezente Externalisierungen und Internalisierungen, die sich in der Vervielfältigung und Verschiebung von Kontroll- und Regulierungspraktiken an Orte außer- und innerhalb von nationalen Territorien zeigen. Solche Diffundierungsprozesse steigern die Multiplizität von Grenz(de)stabilisierungen in räumlicher Hinsicht, zugleich erweitern sie das Spektrum der zu berücksichtigenden Akteur*innen, denn zumeist stehen Flüchtende oder ihre Migrationsdynamiken in Wechselwirkung mit Externalisierungs- und Internalisierungsprozessen; auch involviert das „territoriale Outsourcing“ von Kontrollpraktiken die Autoritäten weiterer Staaten, ebenso wie Grenzstabilisierungen im „nationalen Inneren“ etwa private (Sicherheits-)Dienste auf den Plan rufen (Risse 2018). Akteurspluralität und räumliche Diffundiertheit von Grenzen bilden auch die Fluchtpunkte für Anne-Laure Amilhat Szary und Frédéric Giraut (2015), die dem multiplicity shift folgend das Konzept der mobile borders vorlegen. Damit fassen sie begrifflich die Multilokalität und Dynamik von Grenzen und betonen, dass mobile Grenzen trotz der Relativierung des tradierten Orts der Grenze keineswegs als dematerialisiert aufzufassen sind, sondern sich ihre Materialisierungen vervielfältigt haben, in Bewegung und räumlich verstreut sind. – Soziomaterialitäten: Das Konzept der mobile borders versucht die multiplen Erscheinungsformen von Grenzen zu erschließen und misst dafür dem Soziomateriellen einen besonderen Vom processual shift zum complexity shift: Aktuelle analytische Trends der Grenzforschung 111 Stellenwert bei. In den Blick geraten hier vor allem die an (De-)Stabilisierungspraktiken des Identifizierens, Kategorisierens, Filterns, Markierens, Steuerns usw. beteiligten technischen Apparaturen und ihre vielzähligen Bezüge zum menschlichen Körper. Ein bekanntes Beispiel dafür sind die in den USA und der Europäischen Union (EU) eingeführten smart borders (vgl. Sontowski 2018). Über biometrische Techniken, Datenüberwachung oder Big- Data-Automatisierung werden hier Körper und Apparaturen zu weiteren Akteur*innen von Grenz(de)stabilisierungen, indem sie soziomaterielle Allianzen eingehen und damit – wie Louise Amoore (2006, S. 347f.) es formuliert – Körper zu (mobilen) Trägern der Grenze werden (siehe auch Pötzsch in diesem Band). Solche Allianzen von Körpern und Überwachungstechnologien, die multiple Konfigurationen bilden können, thematisieren Amilhat Szary und Giraut (2015) über den Begriff borderity und bezeichnen damit das Verhältnis von Körper und Macht im Kontext der Grenze. (Biopolitische) Kontrolltechniken werden dabei als Praktiken der Grenzstabilisierung verstanden, mit denen Körper bzw. Subjekte wiederum auf unterschiedliche Weisen – etwa durch Destabilisierungen – in Beziehung stehen. Amilhat Szary und Giraut (2015) sprechen daher differenzierend von borderities (Plural), womit sie eine weitere Facette der Multiplizität von Grenz(de)stabilisierungen erschließen. – Multivalenz: Der differenzierende Blick auf Soziomaterialitäten hilft zu bestimmen, inwiefern Körper in Grenz(de)stabilisierungsprozessen zu Akteur*innen werden bzw. Überwachungsapparaturen für bestimmte Körper wirksam werden. Dieses Wechselverhältnis ist jeweils variabel formuliert, da Grenz(de)stabilisierungen in Verbindung mit bestimmten Körpern bzw. Subjekten unterschiedliche Wertigkeiten entfalten. Diesen Zusammenhang umschreibt Marc B. Salter (2012, S. 750) in Bezug auf Balibar mit „the border is not everywhere for everyone“ und verweist damit auf den multivalenten Charakter von Grenzen. Diesen thematisiert auch Julia Schulze Wessel (2017, S. 119ff.) mit Blick auf undokumentierte Migrant*innen und arbeitet angesichts ihrer andauernden Verflochtenheit mit Grenz(de)stabilisierungen für diese Gruppe eine „Permanenz der Grenze“ heraus. Sie besteht in der omnipräsenten Potentialität von Kontrollpraktiken, die sich weniger an nationalen Rändern denn vielmehr an strategisch wichtigen Punkten entlang bekannter Fluchtrouten (plötzlich) ereignen (können) (vgl. auch Vollmer/Düvell in diesem Band). Die Autorin bezeichnet undokumentierte Migrant*innen daher als „Bewohner der Grenze“, die sich fortwährend im „Raum der Grenze“ bzw. „in der Grenze“ bewegen (Schulze Wessel 2017, S. 123, Herv. i. O.). Dem stellt sie kontrastiv legal wandernde Personengruppen gegenüber und schlussfolgert, „[…] dass sich zwei Menschen an demselben Ort befinden können, ohne dass beide Teil der Grenze sein müssen“ (ebd., S. 134f.). Dieses Beispiel selektiver Wirksamkeit von Stabilisierungsprozessen untermauert die oben erwähnte Rolle des Körpers als (mobiler) Träger der Grenze, die Schulze Wessel (2016, S. 52) als ein Merkmal zeitgenössischer Grenzen herausstellt: „[…] borders are no longer tied to places, but instead to persons, and this is probably the clearest difference between today’s border and the traditional territorial boundary. Whereas nation-state borders enclosed a specific territory and were institutions designed to regulate cross-border movements and transactions, today’s borders enclose certain persons.“ Diese und weitere Analyseperspektiven illustrieren den als multiplicity shift bezeichneten Trend, die für Grenzen konstitutiven Prozesse verstärkt in ihrer Vielschichtigkeit zu denken. Christian Wille 112 Dafür werden in der Grenzforschung multiple Perspektiven auf Praktiken der Grenz(de)stabilisierung eingenommen, um möglichst vielfältige und zugleich jeweils spezifische Ansatzpunkte der Analyse herauszuarbeiten. Dieses Vorgehen ist von zwei methodologischen Prinzipien gekennzeichnet: Erstens von einer Multilokalisierung, über die der territoriale Rand als tradierter Ort der fixen Grenzen zugunsten der vielzähligen und wechselnden Orte, an denen sich Grenzen ereignen, relativiert wird. Solche Orte der Grenz(re)produktion können räumlich bestimmt werden, jedoch weist der multiplicity shift über die diffundierte Verräumlichung von Grenz(re)produktionen weit hinaus. Er macht vor allem auf die multiplen sozialen Schauplätze von Grenzen aufmerksam, an denen (De-)Stabilisierungen in unterschiedlicher Weise codiert sind und wirksam werden. Diese als analytische Ansatzpunkte herauszuarbeiten, gelingt, zweitens, über das Prinzip der Multidimensionierung, über das Prozesse der Grenz(de)stabilisierungen in verschiedene Analysedimensionen – etwa Akteurspluralität, Soziomaterialitäten, Multivalenz etc. – aufgefächert und in ihren vielfältigen Artikulationsformen zugänglich werden. Beide methodischen Prinzipien, die in einer weniger analytisch unterscheidenden Betrachtung auch als „multi-sited approach“ (Brambilla 2015, S. 22) bezeichnet werden, fördern nicht nur die Ansatzpunkte einer multiplen Analyse zu Tage, sie helfen auch das Modell der territorial-linienartig gedachten Grenze zu überwinden und sensibilisieren für Zusammenhänge zwischen den für Grenz(de)stabilisierungen relevanten Teilnehmer*innen und Dimensionen. Damit ist auf die in der Multiplizität angelegte Tendenz verwiesen, die sozialen (Re-)Produktionen von Grenzen in ihrer Komplexität und damit auch wissenschaftlich in komplexer Weise beschreiben und untersuchen zu wollen. Sie gewinnt in der Grenzforschung seit knapp einem Jahrzehnt an Bedeutung und deutet auf einen complexity shift hin. Complexity shift Als complexity shift wird in diesem Beitrag der Trend in der Grenzforschung zu komplexeren Betrachtungen bezeichnet. Dafür sind die oben erläuterten Entwicklungen weiterhin leitend, allerdings werden Grenz(de)stabilisierungen nunmehr weniger als ‚überschaubare‘ Prozesse oder ausschließlich als Vielheiten der sie konstituierenden Analyseaspekte gefasst. Grenz(de)stabilisierungen werden hier als Effekte von dynamischen Formationen verstanden, die für performative Verweisungszusammenhänge zwischen Wissen, Diskursen, Tätigkeiten, Objekten, Körpern stehen und Grenzen hervorbringen bzw. durch Grenzen hervorgebracht werden. Dieser Zugang versucht die für Grenz(de)stabilisierungen wirksamen Elemente zu einer komplexen Formation zusammenzudenken und sie als sozial, materiell, räumlich und zeitlich bestimmbares Gefüge beschreibbar zu machen. Für eine solche Morphologie der Grenze werden Wissen, Diskurse, Tätigkeiten, Objekte, Körper als von bestimmten Beziehungen zusammengehalten vorausgesetzt und in ihrer situativen Aufeinanderbezogenheit betrachtet. Dabei wird weniger angestrebt, die solche Formationen konstituierenden Elemente erschöpfend zu erfassen, sondern spezifische Konstellationen zu identifizieren, die in und für Grenz(de)stabilisierungen wirksam sind. Dem schließen sich Fragen nach den Entwicklungspfaden solcher Formationen an, den darin eingelassenen Logiken oder nach der Handlungsmacht der darin verstrickten Subjekte; aber auch inwiefern sich Grenz(de)stabilisierungen durch die Wechselwirkungen von bestimmten Wissen, Diskursen, Tätigkeiten, Objekten und Körpern verstärken oder relativieren. Solche komplexeren Perspektivierungen von Grenzen sind zum Beispiel zunehmend bei der Untersuchung von Flüchtlingscamps zu beobachten, wenn diese als durch Grenzen hervorgebrachte dynamische Formationen und zugleich als Grenzen (re-)produzierende komplexe 4. Vom processual shift zum complexity shift: Aktuelle analytische Trends der Grenzforschung 113 Gebilde projektiert werden. So betrachten etwa Diana Martin, Claudio Minca und Irit Katz (2019), Thom Tyerman (2019), Michel Agier (2018) oder Lucas Oesch (2017) Camps nicht als isolierte Einheiten, sondern als Praktikenkomplexe in und mit ihren Bezügen zu Grenzen: „Borders and bordering practices are […] related to the appearance and the functioning of many contemporary camps“ (Martin et al. 2019, S. 19). So wird etwa der Dschungel von Calais (vgl. Überblick bei Ibrahim/Howarth 2018) als „hypertrophie de la frontière“ (Agier 2018, S. 190) bezeichnet oder analytisch als „[a] complex assemblage of law, geography, technology, and policing […]“ gefasst (Tyerman 2019, S. 7). In einer solchen analytischen Perspektive untersucht Tyerman (ebd.), wie in Calais Grenzen in und durch Praktiken (re-)produziert werden und rekonstruiert dort europäische Grenzen als lokal verleiblichte politische Wirklichkeiten: „In Calais the ‚grand‘ racially exclusionary geopolitics of European borders is enacted through ‚minor‘ everyday practices, the interruption of meals, contamination of water, braking of tents, and physical assaults of migrants. […] these everyday features of the border are nor incidental to its geopolitical power but rather give the ‚hostile environment‘ its texture, bringing an inequitable racialized global ontology intimately to life as an embodied political reality“ (ebd., S. 14). Die Komplexitätsperspektive bringt weiter die im Zitat genannten Praktiken mit solchen der Grenzdestabilisierung in einen Zusammenhang: etwa mit Praktiken der Solidarität (z.B. Schweigemärsche), des Protests (z.B. Hungerstreik) oder der Subversion (z.B. Fluchtversuche). Grenzstabilisierungen und -destabilisierungen werden hier also als komplexe Formationen zusammengedacht, die sich in und durch „violent everyday [border] work“ (ebd.) fortlaufend (re-)strukturieren und „the ‚grand‘ […] geopolitics of European borders“ (ebd.) stabilisieren bzw. destabilisieren. Die Ausführungen zu Calais zeigen, inwiefern die an Komplexität orientierte Grenzforschung synthetisch gedachte Einheiten adressiert, um über das relationale Zusammenwirken ihrer Konstituenten zu einem tieferen Verständnis von Grenz(de)stabilisierungen zu gelangen. Solche hier als Formationen umschriebene und am Beispiel von Flüchtlingscamps illustrierten Einheiten werden einschlägig auch als Ensemble, Komplexe, Assemblagen, Arrangements, Versammlungen oder auch als Regime, Netzwerke, Ecosysteme, Konglomerate, Konstellationen, textures oder scapes bezeichnet (vgl. z.B. Tsianos/Karakayali 2010; Casas-Cortes et al. 2015, S. 69f.; Brambilla et al. 2015; Sohn 2016; Gerst et al. 2018; Weier et al. 2018; Pott et al. 2018; Wille et al., i.E.). Einen besonderen Impuls für diese Betrachtungsweise von Grenzen hat der breit rezipierte Ansatz borderscapes gesetzt, der allerdings weder eine Theorie der Grenze noch eine abgezirkelte Heuristik bezeichnet. Borderscapes steht für eine kritische Forschungsperspektive auf Grenz(de)stabilisierungen, welche die Vielheit der daran beteiligten und räumlich sowie zeitlich verstreuten Akteur*innen, Praktiken und Diskurse berücksichtigt und ihr performatives Zusammenwirken als eine stets umkämpfte Formation versteht (vgl. Brambilla 2015; Brambilla/Jones 2019). Diese Konzeption, die in der aktuellen Grenzforschung unterschiedliche Auslegungen erfährt, vertritt auch der Ansatz bordertextures, der die für Grenz(de)stabilisierungen wirksamen Formationen von Wissen, Diskursen, Tätigkeiten, Objekten und Körpern als Texturen fasst. Der Texturbegriff soll die relationale Verflochtenheit solcher Konstituenten betonen, eine ‚dichte Beschreibung‘ von Grenz(de)stabilisierungen befördern und in der Grenzforschung für die symbolisch-ästhetische Dimension und ihr politisches Potential sensibilisieren (vgl. Weier et al. 2018; Wille et al., i.E.). Christian Wille 114 Beide Ansätze beziehen sich auf territoriale Grenzen und teilen eine für den complexity shift zentrale und bereits angedeutete Auffassung. Danach kennzeichnen sich Grenzen als Produkte und Produzent*innen von sozialer Praxis, die als soziomaterielle Formation verstanden allerdings näher bestimmbar ist, denn Ansätze wie borderscapes oder bordertextures unterstellen Formationen der Grenz(de)stabilisierung komplexe Struktur(ierung)en, die sich zum Beispiel in der Aushandlung von konkurrierenden Logiken zeigen, welche sich im relationalen Zusammenspiel von bestimmten Akteur*innen, Praktiken und Diskursen rekonstruieren lassen. Die Untersuchung solcher Formationen zielt damit stets auf einen Erkenntnisgewinn über die Infra-Struktur(ierung)en von Grenzen, die sich als borderscapes oder bordertextures materialisieren und als solche empirisch handhabbar werden. Die an Komplexität orientierte Grenzforschung stellt also auf die relationalen „Binnenstrukturen“ (Gerst et al. 2018, S. 5) von Grenzen ab, die aus unterschiedlichen Blickwinkeln untersucht werden können und als Schauplätze der Aushandlung weder hierarchisch organisiert sind noch linear emergieren. Relationale Formationen der Grenz(de)stabilisierung werden als rhizomartig strukturiert verstanden, d.h. von vielzähligen Querverbindungen, Kreuzungen, Konnexionen etc. gekennzeichnet, die auf ein multiskalares und azentrisches Gefüge verweisen. Weiter unterliegen sie der Dynamik ihrer fortlaufenden (Re-)Produktion, weshalb sie nicht als fixe Formationen, sondern als volatil-ver- änderbare soziale Gefüge im Sinne eines vibrierenden Körpers der Grenze aufzufassen sind. Solche komplexer angelegten Betrachtungen werden in der Grenzforschung zwar verstärkt eingefordert – wie etwa auf der Konferenz B/ORDERS IN MOTION: Current Challenges and Future Perspectives (15.–17.11.2018) in Frankfurt/Oder –, allerdings noch unzureichend realisiert. Dies kann mit dem noch relativ jungen Trend erklärt werden, aber auch mit dem ambitionierten Anspruch, die für Grenz(re)produktionen relevante Wissen, Diskurse, Tätigkeiten, Objekte und Körper nicht nur zu identifizieren und mehr oder weniger voneinander isoliert zu betrachten (multiplicity shift), sondern sie in ihrem performativen Zusammenwirken als dynamische Formation empirisch zu begreifen. Dafür können zwei methodologische Prinzipien in Anschlag gebracht werden, die helfen, Grenzen als komplexe Formationen und in ihrer Wirkmächtigkeit in den Blick zu bekommen. Dazu zählt das Texturieren, das im eigentlichen Wortsinn ein Verfahren der Textilindustrie bezeichnet, um glatten Garnen eine Kräuselstruktur zu verleihen und somit ihr Volumen zu verändern. Auch in der Grenzforschung kann das Texturieren als Technik dienen, um Texturen von Grenz(de)stabilisierungen – d.h. das darin wirksame Wissen, die Diskurse, Tätigkeiten, Objekte, Körper und ihre Verweisungszusammenhänge – aufzudecken bzw. sichtbar(er) zu machen. Texturieren als ein Gegen-den-Strich-Kämmen von Formationen der Grenz(de)stabilisierungen soll für invisibilisierte Konstituenten und implizite Verknüpfungen sensibilisieren und Hinweise auf mögliche analytische Zugriffspunkte geben, denn Grenzen als Formationen bieten keinen klar identifizierbaren Ausgangspunkt der Analyse; es kann lediglich an einigen zu Tage geförderten ‚Knotenpunkten‘ der Formation angesetzt und von hier aus entlang von Querverbindungen das soziomaterielle Gefüge weiter erschlossen werden. Solche Erschließungsprozesse werden durch das weitere Prinzip des Relationierens unterstützt, über das nicht nur die als relevant angenommenen Wissen, Diskurse, Tätigkeiten, Objekte und Körper suchend mit Blick auf etwaige Zusammenhänge zueinander in Beziehung gesetzt werden. Relationierungsprozesse orientieren sich vor allem an den fortlaufenden empirischen (Re-)Struktur(ierung)en solcher Formationen, für welche die erwähnten performativen Verweisungszusammenhänge virulent sind. Für das Auf- und Nachspüren solcher wechselseitigen Bezugnahmen spielen ethnografische und textanalytische Vom processual shift zum complexity shift: Aktuelle analytische Trends der Grenzforschung 115 Verfahren gleichermaßen eine Rolle, allerdings geben erst wenige Arbeiten Hinweise darauf, wie Komplexitäten und Performativitäten in der aktuellen Grenzforschung tatsächlich adäquat operationalisiert werden können. Kritische Schlussbetrachtung Die Grenzforschung ist zunehmend stärker herausgefordert im Hinblick auf Europäisierungsprozesse, Rebordering-Tendenzen, Migrationsdynamiken usw., was sich in einer bewegten theoretisch-konzeptionellen Debatte widerspiegelt. Sie hat in den letzten Jahrzehnten eine kaum überschaubare Reihe an Ansätzen und Begriffen hervorgebracht, die inspiriert vom practice turn (vgl. Schatzki et al. 2001) die Grenze als soziale Praxis in den Mittelpunkt stellt. Von dieser als übergreifende Verklammerung verstandenen Orientierung ausgehend wurden in diesem Beitrag drei analytische Trends der aktuellen Grenzforschung idealtypisch unterschieden. Die als shifts bezeichneten Trends standen dabei für spezifische Schwerpunktsetzungen in der Beschreibung und Analyse von Grenzen: So wurde zunächst die Hinwendung zu Grenzen als soziale Produktionen vorgestellt, die sich an Prozessen ihrer (De-)Stabilisierung festmachen lässt und in bzw. durch Praktiken manifest wird. Daran anschließend wurde eine geweitete Auffassung solcher Prozesse herausgearbeitet, die für die Vielheit der daran beteiligten Aspekte sensibilisiert und einen multiplen Zugriff auf Grenz(de)stabilisierungen einfordert. Schließlich wurde die Tendenz zu komplexeren Betrachtungen ausgeführt, die Grenz(de)stabilisierungen als Effekte von dynamischen Formationen verstehen. Processual shift Multiplicity shift Complexity shift Grenzbegriff Grenze als soziale Produktion Grenze als multipler Prozess Grenze als komplexe Formation Methodische Prinzipien Dezentrieren Prozessualisieren Multidimensionieren Multilokalisieren Texturieren Relationieren Tabelle 1: Aktuelle analytische Trends der Grenzforschung (eigene Darstellung) Der Durchgang durch diese shifts hat zum einen gezeigt, dass sich die Ansätze und Begriffe der Grenzforschung kontinuierlich ausdifferenziert haben, um Grenz(de)stabilisierungen (noch) weitreichender zu erfassen und besser zu verstehen; zum anderen, dass die Idee der sozialen Gemachtheit von Grenzen von der Kategorie der sozialen Praxis angeleitet wird. Dabei weist sie eine gewisse begriffliche Variation auf bei weitgehender Verschwiegenheit darüber, was unter den analytisch bedeutsamen Grenzpraktiken, border practices, border-making processes genau zu verstehen ist. Dieses Desiderat der Grenzforschung erschwert nicht nur zu klären, was Praktiken der Grenze spezifisch macht und worauf der Forschungsfokus genau zu richten ist. Es erschwert genauso eine angemessene sozialtheoretische Fundierung vorzunehmen, die wiederum eine produktive Rückbindung von Forschungsergebnissen unterstützt. Neben vereinzelten Arbeiten, die sich explizit mit dem Praxisbegriff auseinandersetzen (vgl. z.B. Côté- Boucher et al. 2014; Wille 2014; Wille/Connor 2019), bleibt für die Grenzforschung also eine überwiegend unbestimmte Verwendung von Begriffen wie practices (vgl. Paasi 1999), border practice (Parker/Adler-Nissen 2012, S. 776), border performatives (Kaiser 2012, S. 523), Praktiken der Grenze (Wille et al. 2014, S. 10, 254ff.) oder la praxis des sujets (Auzanneau/Greco 5. Christian Wille 116 2018, S. 12) festzuhalten, die über das Deklarieren eines sozialkonstruktivistischen Ansatzes oft nicht hinauskommt. Ein von den beteiligten Disziplinen gemeinsam geteilter sozialtheoretischer Hintergrund ist weder durchsetzbar noch wünschenswert, im Sinne eines Ausblicks sei jedoch auf die Praxistheorien als eine mögliche Inspiration für die theoretisch-konzeptionelle Auseinandersetzung mit sozialer Praxis als Modus der Grenz(de)stabilisierung verwiesen. Zu den Praxistheorien zählen sozialtheoretische Ansätze (vgl. z.B. Schatzki 2002; Reckwitz 2003; Schmidt 2012; Hillebrandt 2014; Schäfer 2016; Gherardi 2019), welche die soziale Praxis ins Zentrum stellen und eine Reihe etablierter Dichotomien überwinden (z.B. Struktur/Handlung, Regel/Ausführung, Mensch/Objekt, Mikro-/Makroeinteilungen etc.). Die sogenannte flache Ebene der sozialen Praxis – hier verstanden als Schauplatz von Grenz(de)stabilisierungen – geht mit Blick auf Individuum und Gesellschaft von einem sich wechselseitig konstituierenden und fortlaufend erneut hervorbringenden Verhältnis aus; oder in anderen Worten: Den Ort des Sozialen bildet in den Praxistheorien die sich andauernd aktualisierende Praxis. Damit sind Sozialität bzw. Grenzen als soziale Produktionen außerhalb sozialer Praxis nicht denkbar, sie werden in der Praxis beständig (re)produziert und in der Zeit transformiert. Weiter sind die Praxistheorien für die Untersuchung von Grenzen als multiple Prozesse anschlussfähig, etwa über die in Praktiken berücksichtigten Körperlichkeiten und Materialitäten. Während Körper für die (gekonnte) Aufführung von Wissen in Praktiken bedeutsam sind, nehmen sie – wie Objekte oder Artefakte – in den Praxistheorien zugleich an Praktiken teil. Körper, Objekte und Artefakte sind also konzeptionelle Bestandteile sozialer Praxis bzw. von Prozessen der Grenz(de)stabilisierung, in denen sie als soziomaterielle Allianzen oder Träger der Grenze wirksam werden können (siehe auch Bruns in diesem Band). Außerdem verstehen Praxistheorien die Praktiken mit ihren verschiedenen Bestandteilen nicht als isolierte soziale Entitäten, sondern stets eingebettet in relationale Zusammenhänge mit anderen (mitunter vergangenen) Praktiken. Diese kontextualisierende Anschauung des Sozialen, die Praxistheoretiker*innen auch als „field of practices“ (Schatzki 2001, S. 2) oder „texture of practices“ (Gherardi 2019, S. 6) bezeichnen, bietet geeignete Anschlüsse für die Untersuchung von Grenzen als komplexe Formationen. Die abschließenden Hinweise auf mögliche produktive Verschränkungen der Grenzforschung mit den Praxistheorien weisen Perspektiven und geben einen Ausblick darauf, wie die analytisch bedeutsame Kategorie der sozialen Praxis als Modus der Grenz(de)stabilisierung sozialtheoretisch rückgebunden und somit die theoretisch-konzeptionelle Debatte zwischen Grenzforschenden und über Disziplinengrenzen hinweg intensiviert werden kann. Weiterführende Literatur Amilhat Szary, Anne-Laure/Giraut, Frédéric (2015): Borderities: The Politics of Contemporary Mobile Borders. In: Dies. (Hrsg.): Borderities and the Politics of Contemporary Mobile Borders. Basingstoke: Palgrave, S. 1–22. Brambilla, Chiara (2015): Exploring the Critical Potential of the Borderscapes Concept. In: Geopolitics 20, H. 1, S. 14–34. Houtum, Henk van /Naerssen, Ton van (2002): Bordering, ordering and othering. In: Tijdschrift voor Economische en Sociale Geografie 93, H. 2, S. 125–136. 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A Complexity Approach to Cultural Border Studies. Bielefeld: transcript, Yuval-Davis, Nira/Wemyss, Georgie/Cassidy, Kathryn (2019): Bordering. Cambridge: Polity Press. Christian Wille 120 Methodologie der Grenzforschung Dominik Gerst und Hannes Krämer Abstract Dem Feld der Border Studies fehlt eine systematische Reflexion seiner methodologischen Grundlagen. Der Beitrag adressiert diese Leerstelle, indem eine heuristische Unterscheidung von vier methodologischen Perspektiven vorgeschlagen wird. Ausgehend von einem Methodologieverständnis, welches ontologische, epistemologische und methodische Fragen der Untersuchung von Grenzen bündelt, werden die Perspektive des Auf-, Über-, In- und Wie-eine-Grenze- Sehens umrissen und anhand von empirischen Studien vorgestellt und verglichen. Der Beitrag schließt mit einer Diskussion methodologischer Herausforderungen. Das Ziel dieser Systematisierung ist es, einen alternativen Ordnungsversuch des diversifizierten Felds der Grenzforschung anzubieten. Schlagwörter Grenzforschung, Methodologie, Methoden, Interdisziplinarität Einleitung Das Feld der Border Studies weist bislang keine systematische Reflexion seiner methodologischen Grundlagen auf. Der vorliegende Handbuchartikel wendet sich dieser Leerstelle zu, indem systematisch nach der Methodologie der Grenzforschung gefragt wird. Der Begriff der Methodologie bezieht sich dabei nicht nur auf einzelne Schritte innerhalb von Forschungsprozessen, sondern meint grundlegender auch prinzipielle Forschungshaltungen und Beobachtungspositionen. Er umfasst damit „the tasks, strategies, and criteria governing scientific inquiry, including all facets of the research enterprise“ (Gerring 2012, S. 6). Methodologie verknüpft mithin ontologische Fragen (Was ist Grenze?) sowie epistemologische (Was kann ich über Grenze wissen?) und methodische Fragen (Wie kann ich Grenze erforschen?) der Untersuchung von Grenzen. Als „Scharnier“ (Strübing/Schnettler 2004, S. 9) zwischen diesen Bereichen bündelt die Methodologie allgemeine Reflexionen des doing Grenzforschung, d.h. sie grundiert basale Verfahrensfragen, indem sie Aufschluss über die Herstellungs- und Geltungsbedingungen wissenschaftlicher Forschungsergebnisse zum Thema Grenze gibt. Was ist der verfolgte Anspruch, wie kommen Analyseergebnisse zustande und wofür stehen sie, woran sind die Ergebnisse anschlussfähig? All das sind Fragen, die nicht nur die Wahl der Methode beeinflussen, sondern auch die Gesamtheit des Nachdenkens über und Forschens zu Grenzen. Dabei ist die Methodologie der Grenzforschung nicht nur von den wissenschaftsoder erkenntnistheoretischen Konzeptualisierungen von Grenze beeinflusst, sondern auch vom konkreten Forschungsgeschehen. In einer derartigen Verdichtung von Theorie und Empirie fragt die Grenzmethodologie nach den Bedingungen der Möglichkeiten wissenschaftlicher Forschung zu Grenzen. Eine explizite methodologische Reflexion innerhalb der Grenzforschung lässt sich erst in den letzten Jahren beobachten (z.B. O’Leary et al. 2013; Brambilla 2015; Cooper 2015; Nail 2016), ist bislang vor allem punktuell und nicht systematisch betrieben worden. Ein solches Unterfangen kann dabei durchaus lohnenswert sein: Erstens lässt sich ein gestiegenes öffentliches Interesse für Grenzfragen attestieren. Um fundierte, valide und belastbare Aussagen über 1. 121 Grenzen zu treffen, ist, wie wir meinen, eine gesteigerte forschende Reflexivität zum Thema hilfreich. Zweitens lässt sich wissenschaftsintern eine hohe Dynamisierung des Forschungsfeldes erkennen, wofür das vorliegende Handbuch ein guter Indikator ist. Um nicht nur die einzelnen empirischen Ergebnisse, sondern auch die Grundlagen der Studien in den Blick nehmen zu können, sollten die Herstellungsweisen und konkordanten Geltungsbedingungen der einzelnen Forschungen miteinander ins Gespräch gebracht, kritisiert und weiterentwickelt werden. Drittens produziert der Gegenstand Grenze selbst seine eigenen methodischen Herausforderungen. Der Gegenstand ist fluide, dynamisch und nicht widerspruchsfrei, er lässt verschiedene Perspektiven zu und kann kaum auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden. Zugleich proklamiert er Eindeutigkeit und einen quasinatürlichen Status (vgl. Gerst et al. 2018a, S. 5). Diese Paradoxie der Grenze hat Konsequenzen etwa für Feldzugänge und die Identifizierung von Datenquellen, für genuine Fragestellungen und Erkenntnisinteressen. Viertens lassen sich – um ein zentrales Ergebnis dieses Beitrags vorwegzunehmen – verschiedene methodologische Perspektiven bestimmen, die nicht tradierten methodologischen Unterscheidungen folgen. Vielmehr weist das Feld gegenstandsspezifische Eigenarten auf, die verschiedene Begründungen für das jeweilige Begriffs- und Forschungsdesign nahelegen. Die Herausforderung eines Artikels zur Methodologie der Grenzforschung besteht darin, die zahlreichen Fallstudien der Border Studies nachvollziehbar zu bündeln und mit den wenigen konzeptionellen Vorschlägen in Einklang zu bringen. Die Grenzforschung ist vor allem ein empirisches Forschungsfeld, welches spezifische Grenzgegebenheiten in ihren Bedingungen, Gestaltungen und Auswirkungen untersucht und dabei sehr differente empirische Methoden anwendet, von der Regressionsanalyse über Interviewforschungen bis hin zur Ethnografie. Au- ßerdem handelt es sich um ein multiparadigmatisches und multiperspektivisches Forschungsfeld, welches sich aus verschiedenen Disziplinen mit ihren jeweiligen method(olog)ischen Traditionen wie Moden speist und beispielsweise gleichermaßen die Politikwissenschaft wie Regionalwissenschaften, Soziologie wie Geschichtswissenschaft, Ethnologie wie Geographie umfasst. Eine derartige Vielfältigkeit kann unseres Erachtens nur durch ein Zurücktreten von rein empirischen Fragen und einer Distanz zu fachspezifischen Sortierungen sinnvoll aufgefangen werden. Diese Vielfältigkeit ernst nehmend schlagen wir vor, implizite wie explizite methodologische Annahmen aufeinander zu beziehen und im Sinne einer heuristischen Unterscheidung die spezifischen Perspektivierungen von Grenze zu rekonstruieren. Es geht darum, zu fragen, von welchem Beobachtungsstandpunkt aus Grenze analysiert wird. Ausgehend von einer Sichtung zentraler Literatur im Feld der Border Studies und angrenzender Forschungsfelder identifizieren wir vier paradigmatische methodologische Perspektiven, die wir im Folgenden näher erörtern wollen. Demnach blicken Forscher*innen auf die Grenze, sehen über die Grenze, schauen in die Grenze oder sehen wie eine Grenze. Diese vier Perspektiven strukturieren den weiteren Aufbau dieses Beitrags. Im folgenden Kapitel 2 werden die Perspektiven dargestellt und begründet, bevor wir im dritten Kapitel gegenwärtige Herausforderungen einer grenzanalytischen Methodologiediskussion umreißen. Der Beitrag schließt mit einem Fazit. Das Ziel unserer nachfolgenden Systematisierung besteht darin, einen Überblick über die Vielfältigkeit grenzanalytischer Positionen und ihrer methodologischen Grundierung zu geben und damit ein Desiderat in der Selbstreflexion des Forschungsfeldes zu adressieren. Dies lässt sich einerseits als Ordnungsvorschlag für die zahlreichen Analysen, also mit einer theoriesystematischen Brille, lesen. Andererseits kann der Text aber auch als kleine Orientierungshilfe für eigene Dominik Gerst und Hannes Krämer 122 Forschungen dienen. In beiden Fällen wird jedenfalls deutlich, dass Grenzen eben gerade keinen neutralen Gegenstand darstellen, sondern als eine relationale und gesellschaftlich zentrale Kategorie der Differenzbildung wirken. Methodologische Perspektiven der Grenzforschung Das Feld der Grenzforschung ist sehr dynamisch und zeichnet sich durch vielfältige Einflüsse aus. Innerhalb dieses diversifizierten Feldes lassen sich unseres Erachtens vier methodologische Perspektiven ausmachen: ein Blick auf die Grenze, über die Grenze, in die Grenze und wie eine Grenze. Demnach nähern sich Forschende dem Phänomen etwa aus der Vogelperspektive, sie blicken auf die Grenze, und begreifen die Grenze als mehr oder minder klare Linie, die territoriale Einheiten voneinander trennt. Demgegenüber fokussieren sie in der Perspektive über die Grenze grenzüberschreitende Beziehungen und Prozesse. In die Grenze sehend interessieren sie sich für die mehrdimensionale Ausdehnung der Grenze selbst. Grenzen werden damit als ein Dazwischen konzipiert, welches beispielsweise als Grenzregion, Grenzraum, borderland oder auch frontier beschrieben wird. Schließlich sind diejenigen Studien zu nennen, die von der Grenze aus resp. wie die Grenze auf Prozesse der Trennung und Verbindung blicken. Dabei geht es in erster Linie darum, die Grenze selbst in den Fokus zu rücken und weniger vom (Staats-)Zentrum als eher von der komplexen Grenzkonstellation aus Grenzen zu perspektivieren. Zunächst stellen diese border gazes analytische Kategorien dar, die häufig nicht so klar und statisch voneinander abzugrenzen sind und im empirischen Detail durchaus unterlaufen werden können. Dennoch bieten sie eine Orientierung in der Vielfalt methodologischer Positionierungen. Eine solche Vierteilung der zentralen methodologischen Perspektiven lässt sich nicht nur als synchroner Befund deuten, sondern ebenso diachron begründen: So lässt sich die Perspektive, auf die Grenze zu blicken, bereits in frühen grenzbezogenen Studien der Politgeografie finden (vgl. dazu auch Prescott 1987). Diese Untersuchungen bilden häufig den Ausgangspunkt traditioneller Grenzforschung. In der weiteren Entwicklung folgt eine Perspektive, die stärker die Überschreitung von Grenzen und der Ausbildung von Beziehungen über Grenzen hinweg in den Blick nimmt. Die Grenze wird damit als eine Ressource thematisiert, die die Verbindung verschiedener (staatlicher) Entitäten strukturiert. Einer solchen Perspektive folgt ab den 1980er-Jahren die Entdeckung der Grenze als borderland, als eine Art „dritter Raum“ (Bhabha 1994), der spezifische, hybride Identitäten ausbildet. Schließlich ist in den letzten Jahren eine Perspektivumkehr zu beobachten: Grenze wird dezentriert, Grenzprozesse prinzipiell überall positioniert und als komplexe Phänomene untersucht. Es geht mithin darum, von der Grenze und ihrer Dynamik her zu denken und nicht von außen daran anzuschließen. Auf die Grenze sehen Eine viel verbreitete methodologische Positionierung innerhalb der Grenzforschung blickt auf die Grenze meist aus einer Vogelperspektive. Grenzen werden in diesem Sinne als eine mehr oder minder klare Demarkation oder Zäsur, als eine (durchaus auch umstrittene) Linie verstanden: „The line has been the dominant thinking tool of border studies“ (Salter 2012, S. 736). Ein derartiges Grenzverständnis fokussiert die Differenzierungsleistung vornehmlich von Staatsgrenzen, indem stärker das Trennende hervorgehoben und nicht etwa das Verbin- 2. 2.1 Methodologie der Grenzforschung 123 dende oder ein Dazwischen in den Fokus gerückt wird. Grenzen trennen demnach ein Innen von einem Außen, sie grenzen eine politische Entität, eine Nation, eine Bevölkerung von einer anderen ab (vgl. Vasilache 2007; siehe auch Herrmann/Vasilache in diesem Band). Der moderne Nationalstaat in seiner hoheitsrechtlichen und gebietsbezogenen Konzeption fungiert hier als Ordnungsprinzip: „Ultimately the significance of borders derives from the importance of territoriality as an organizing principle of political and social life“ (Anderson/O’Dowd 1999, S. 594). Hier sind mindestens zwei verschiedene Formen des Verhältnisses von Grenze und Staat(sgebiet) angesprochen. Zum einen geht es, vor dem Hintergrund einer immer globaleren und dennoch nationalstaatlich organisierten Welt, um die Separierung einzelner Gebietseinheiten und deren Bedeutung für geopolitische Ordnungen (vgl. Schofield 1994). Dies wird besonders in der Diskussion um die Grenzpolitik größerer Ordnungssysteme wie der Europäischen Union, der Nato, der ASEAN deutlich. Indem der Blick auf beide Seiten der Grenze gelegt wird, werden politische, aber auch kulturelle, migrantische Dynamiken in den Blick genommen. Die Grenze ist aus dieser Perspektive meist eine Zäsur, die Wissens- und Ordnungssysteme unterscheidet und Zugänge reguliert. Grenzen werden dann etwa als Mobilitätsverhinderer, als staatlicher Selektions- und zuweilen Exklusionsmechanismus für Personen, Waren und auch Ideen konzipiert, regeln sie doch als „Sortiermaschinen“ (Mau 2010) Überschreitungen. Zum anderen findet sich neben diesem geopolitischen Blick die Konzeption von Grenze als Abgrenzung von einem – häufig unspezifisch gelassenen – Außen. Grenzen werden aus dieser Perspektive dabei eher als Inklusionsmechanismen konzipiert, die die Ordnung eines (gemeinsamen) Innen markieren. Entsprechend treten Grenzdemarkationen dabei häufig als Ränder auf, die den Abschluss jeweiliger staatlicher Territorien, deren Souveränität und Identität markieren (vgl. Vaughan-Williams 2009). Grenzüberschreitende Verbindungen, wie beispielsweise Handelsabkommen oder Formen sicherheitspolitischer Zusammenarbeit, werden aus dieser Perspektive als die Abweichung, als eine Überschreitung des Normalfalls Trennung konzipiert und in dieser besonderen Rolle etwa als grenz(de)stabilisierende Mechanismen diskutiert (vgl. Longo 2018). Dies kann sich zuweilen auch auf super- oder supranationale Einheiten beziehen, wie etwa die Forschung zur Europäischen Union (EU) als Raum der Sicherheit, der Freiheit und des Rechts zeigt. In der Markierung eines Referenzraumes für so etwas wie eine europäische Identität etwa ist demnach „eine klare Grenze für Europa als politische Gemeinschaft“ (Deger/Hettlage 2007, S. 12) festzulegen. Indem Grenzen aus dieser Perspektive den Abschluss eines Staatsgebiets oder eines Staatenbundes zeichnen, wird ihnen meist auch der Status einer Peripherie zugeschrieben (vgl. Müller 2014; Barthel 2016). Sie geraten damit nicht in ihrer Grenzspezifik in den Blick (vgl. dazu 2.4), sondern in ihrer Bedeutung als Abgrenzung einer Ordnung. Ein derartiger border gaze interessiert sich primär für Grenzen als räumliche Phänomene. Die Idee einer geopolitischen Konzeption von Grenzen wird in seiner historischen Fundierung dem Biologen und Geografen Friedrich Ratzel zugeschrieben. Dieser gilt als Begründer der Anthropogeographie und Pionier der Politischen Geographie (vgl. Houtum 2005). Ratzel geht von einer organischen Beziehung von Staat und Grenze aus, wobei die Grenze dabei als eine Art Haut aufgefasst wird, als ein „peripherisches Organ“ (Ratzel 1923/1974, S. 434), welches ein Herrschaftsgebiet abgrenzt, aber durchlässig ist, um Beziehungen nach außen zu ermöglichen. Dabei untersucht Ratzel die Begrenzungsleistungen räumlicher Gegebenheiten wie Flüsse, Gebirgszüge, Seen, die als ‚natürliche Grenze‘, als Zusammenspiel von politischer Ordnung und Dominik Gerst und Hannes Krämer 124 raumphysischer Beschaffenheit ihre Wirkung entfalten. Auch wenn sich heutzutage wenige Studien finden, die eine derart „essentialistische Grenzbetrachtung“ (Eigmüller 2016, S. 61) in Reinform einnehmen, und auch das Sprechen von ‚natürlichen Grenzen‘ in den Border Studies zugunsten prozesshafter, konstruktivistischer, antiessentialistischer Grenzkonzeptionen zurückgegangen ist (vgl. etwa Newman 2001), so ist der grenzmethodologische Blick Ratzels, von außen auf die Grenze zu blicken, implizit immer noch weit verbreitet. Reflektiert man die Themenvielfalt der methodologischen Position eines Auf-die-Grenze-Blickens, treten einige Bereiche besonders hervor: (geo)politische Ordnungen, Sicherheit, Identität. Ein großer thematischer Block etwa beschäftigt sich mit Fragen politischer Souveränität im Zusammenspiel mit territorialen Grenzverhältnissen, kurz mit Geopolitik, wie sich etwa in Journals wie Geopolitics (bis 1997 Geopolitics and International Boundaries) ablesen lässt. Diskutiert werden in diesem thematischen Zusammenhang dann etwa die politischen Reaktionen auf Grenzdynamiken in bestimmten Regionen. David Newman (2010) beispielsweise untersucht die Veränderungen der Grenze zwischen Israel und dem Westjordanland seit 1949, der so genannten Green Line. Er arbeitet dabei die zahlreichen Schließungs- und Öffnungsbewegungen dieser Demarkation heraus, die trotz aller Grenzübertritte und Permeabilitäten immer zwei Gebiete voneinander abgrenzt. Ein häufig diskutierter Fall ist auch die Europäische Union, bei der etwa das Verhältnis von Binnen- zu Außengrenzen diskutiert wird (z.B. Strüver 2005a; vgl. auch Eigmüller in diesem Band). Karolina Follis (2012) zeichnet in ihrer Fallstudie zur polnisch-ukrainischen Staatsgrenze nach, wie diese Grenze zugleich von supranationalen Ordnungsprozessen beeinflusst wird, mit dem Ergebnis, dass sich verschiedene Grenzkonzepte praktisch überlagern: „I argued that in Poland, the new European border regime substitutes expansive and technically advanced forms of border control for explicit policies regulating immigration and other forms of movement across its frontiers“ (ebd., S. 204). Stärker aus der Perspektive der internationalen Beziehung gedacht, wird die methodologische Position eines Blicks auf die Grenze häufig mit der Frage nach staatlicher Ordnung verbunden. Grenzanalyse ist damit auch notwendige politische Ordnungsanalyse. Ob auf nationaler, kontinentaler oder globaler Ebene: Es geht darum, Ordnungsformationen in ihren national- oder auch suprastaatlichen Einhegungen zu analysieren. Leitend ist hierbei die Vorstellung einer konstitutiven Abhängigkeit beider Dimensionen: Ordnungsbildung und Grenzziehung (vgl. Albert et al. 2001). Im Zusammenhang mit staatlichen Ordnungsprozessen ist es dann etwa das Thema Sicherheit, welches im Rahmen eines solchen Blicks auf die Grenze aufzufinden ist. Forscher*innen untersuchen die sicherheitsbezogenen Folgen der Aufweichung und Transformation EU-interner Grenzziehungen (z.B. Bossong/Carrapico 2016). In diesem Zusammenhang wird etwa ein „Sicherheitsdefizit“ (Georgiev 2010) innerhalb der Europäischen Union konstatiert, welches auf den Abbau gemeinsamer Binnengrenzen zurückgeführt wird und durch die Einführung neuer Sicherheitsstandards an der EU-Außengrenze („inventing a new border“, ebd., S. 256) aufgefangen werden soll. Sicherheit wird hier als etwas begriffen, was maßgeblich von der Verstärkung oder dem Abbau von Grenzen beeinflusst wird (siehe auch Schwell in diesem Band). Hierbei ist nicht nur eine Sicherheit hinsichtlich militärischer Angriffe gemeint, sondern es geht gleichermaßen um die Ausgrenzung von Epidemien, Ideologien, Personengruppen, aber auch Gütern. Vor allem so genannte realistische Ansätze innerhalb der international relations theory haben die sicherheitsverstärkende Wirkung einer Steigerung von Grenzanlagen hervorgehoben. Kritisch wurde diesen Perspektiven bisweilen vorgehalten, eine unnötige Militarisierung von Grenzen zu propagieren und die Ursache der Konflikte zu wenig einfangen zu können (zum Methodologie der Grenzforschung 125 Überblick vgl. Becker 2018). Derartige realistische Ansätze, im Gegensatz zu konstruktivistischen Ansätzen, hatten eine Hochzeit während des Kalten Krieges, erlangen allerdings in den letzten Jahren wieder mehr Beachtung, da auch eine Verstärkung von Grenzanlagen immer weiter zu beobachten ist (vgl. Brown 2010; Vallet 2017; auch Leuenberger in diesem Band). Ein weiteres Thema betrifft die Identität. Das Verhältnis von Ordnungsbildung und Grenzziehung geht meist mit einem Fokus auf Identität einher (vgl. Albert et al. 2001; Houtum/Naerssen 2002). Vor allem im Rahmen der Debatte um die Europäische Integration werden Grenzen als gemeinschaftsstiftende Raumeinheiten thematisiert: So markieren etwa Petra Deger und Robert Hettlage (2007) die Herausforderung für die Ausbildung einer europäischen Identität in der Festlegung ihrer Grenzen: „Die EU steht damit vor der doppelten Schwierigkeit, (1) einen Referenzraum für die Entwicklung einer europäischen Identität zu benennen und (2) eine klare Grenze für Europa als politische Gemeinschaft festzulegen. Grenzstrukturen und Mitgliedschaften definieren Identitäten, die traditionell an den Nationalstaat gebunden sind“ (ebd., S. 12). Territoriale Selbst- und Fremdverhältnisse werden hier nicht als grenzüberschreitende oder -verbindende Bezüge in den Blick genommen, sondern als Markierung eines Ein- und auch konstitutiven Ausschlusses. Methodologisch positioniert diese Perspektive ihren forschenden Beobachtungspunkt in kritischer Distanz zum Geschehen und betont demnach weniger die Verflechtungen, als eher die Demarkationskraft grenzbezogener Sozialverhältnisse. Zugleich zeichnen sich diese Studien eher durch einen disziplinären Zugang zum Phänomen Grenze aus, der zwar durch vielfältige Methoden angegangen wird, sich allerdings hauptsächlich auf Methoden mit einem Makrofokus stützen, wie zum Beispiel repräsentative Befragungen, Makrodaten über sozialstatistische Kennziffern oder statistische Datenbankenanalysen wie Eurostat oder Eurobarometer. Kritisch wurde einer solchen Position vorgehalten, dass sie eher an der Statik und weniger an der Dynamik sowie Prozessualität von Grenzen interessiert ist (vgl. Salter 2012). Als ein zu gro- ßer Fokus auf die Momentaufnahme ist diese Kritik sicherlich berechtigt, allerdings nehmen Studien aus dieser methodologischen Position heraus zumindest auf einer diachronen, weniger auf einer synchronen Ebene den Wandel von Grenzen durchaus in den Blick. Neuere Ansätze innerhalb der Border Studies (vgl. die folgenden Kapitel) kritisieren bei dieser methodologischen Position die Fixiertheit auf territoriale Grenzdimensionen und essentialistische Raumverständnisse im Sinne eines Containerdenkens („territorial trap“, Agnew 1994) oder den zu starken Fokus auf nationalstaatliche Akteur*innen („methodologischer Nationalismus“, Wimmer/Glick Schiller 2002). Über die Grenze sehen In der Perspektive des Über-die-Grenze-Sehens treten grenzüberschreitende Beziehungen und Prozesse in den Blick. Grenze erscheint hier vordergründig nicht als Barriere oder Schranke, sondern als durchlässiges Gebilde, welches Grenzüberschreitungen ermöglicht. Dies kommt etwa in Beschreibungen der Grenze als „semipermeable Membran“ (Heintel et al. 2018, S. 5) zum Ausdruck. Betont wird die verbindende und nicht so sehr die trennende Eigenschaft von Grenzen. Der Unterschied zur Perspektive auf die Grenze macht sich im zugrundeliegenden Grenzverständnis bemerkbar: Statt von einer Grenze von Nationalstaaten wird hier von einer 2.2 Dominik Gerst und Hannes Krämer 126 Grenze zwischen Nationalstaaten ausgegangen (vgl. Banse 2004b, S. 19). Als präferierte Phänomenbereiche dienen Mobilitäten in vielfältigen Ausprägungen sowie Kooperationsformen und Institutionalisierungen, die sich als grenzüberschreitende Bewegungen und Beziehungen analysieren lassen. Anhand dieser Bewegungen und mehr oder weniger stabilisierten Beziehungen über die Grenze lässt sich zeigen, unter welchen Bedingungen, auf welche Weise und zu welchem Zweck sie überschritten werden kann. Herausgebildet hat sich vor diesem Hintergrund das Forschungsfeld der Cross Border Studies, welches sich für „issues of cross-border mobility, global institutional restructuring, complex cultural transformations and cross-border histories“ (Amelina et al. 2012, S. 1) interessiert. Weithin sichtbare Paradigmen stellen die mehrheitlich migrationszentrierten Transnational Studies (Vertovec 2009; Nieswand 2018) sowie das Feld der Cross-Border Cooperation (Medeiros, 2018) dar. Zudem interessieren translokale Grenzüberschreitungen wie Ideenexporte (Czarniawska/Sevón 2009) und Tourismus (Wachowiak 2006; Mayer et al. 2019) sowie lokale grenzüberschreitende (Alltags-)Praktiken wie Schmuggel (Wagner/Łukowski 2010; Bruns/Miggelbrink 2012) oder Grenzpendeln (Wille 2012). Zentraler Bezugspunkt für diese Perspektive ist die Diagnose einer stetig fortschreitenden globalisierten und vernetzten Welt. Methodologisch begründet wird die Perspektive auf Grenzüberschreitungen nicht selten durch eine Kritik am methodologischen Nationalismus. Dieser beschreibt die analytische Essentialisierung des Nationalstaats als quasinatürliche Einheit, gebunden an eine klare territoriale Einteilung der Welt entlang nationalstaatlich verfasster Gesellschaften (vgl. Wimmer/Glick Schiller 2002). Thomas Faist (2012) sieht neben dem methodologischen Nationalismus noch zwei weitere methodologische Herausforderungen transnationaler Studien: Einerseits weist er auf die Verschleierung der Pluralität sozialer Zugehörigkeiten zugunsten der Essentialisierung eines Nationalen (bzw. im Kontext von Migrationsstudien eines Ethnisch-Nationalen) als prädominante soziale Kategorie hin. Andererseits sensibilisiert er für die Positionalität der Forschenden, da sowohl wissenschaftliche Konzepte wie auch Forschungsförderungen transnationalen Asymmetrien unterliegen (ebd., S. 52f.). Folglich zeichnet sich diese Perspektive durch den Versuch aus, eine „container methodology“ (Amelina et al. 2012, S. 4), zu überwinden, die nicht mehr von klar abgrenzbaren territorialen Einheiten ausgeht. Boris Nieswand (2005, S. 48) spricht vom „methodologischen Transnationalismus“ und hält fest: „Im Rahmen eines methodologischen Transnationalismus sollte es nicht darum gehen, die Relevanz von Nationalstaaten zu verneinen, sondern lediglich ihre Signifikanz in einem größeren Bezugssystem zu kontextualisieren.“ Als bedeutsame analytische Frage, die beim Blick über die Grenze wichtig wird, lässt sich diejenige nach dem Skalenverhältnis grenzüberschreitender Aktivitäten identifizieren. Wie die in diesem Zusammenhang auftretende konzeptuelle Unterscheidung zwischen kleinem und gro- ßem Grenzverkehr oder das Konzept des „multi-level cross-border governance“ (Gualini 2003) zum Ausdruck bringen, rückt der Blick über die Grenze eine Vielzahl von Phänomenen mit unterschiedlichen Skalenniveaus in den Fokus. Dies betrifft etwa die räumliche Verortung von Grenzüberschreitungen und deren Reichweite auf der lokalen, europäischen, kontinentalen oder globalen Ebene, die Differenzierung sozialer Beziehungsformen (zwischen Staaten, Institutionen, Unternehmen, Religionsgemeinschaften, Familien etc.) sowie die temporale Dimension der Überschreitung im Sinne von Wiederholungen, Rhythmen, Dauer. Zum Ausdruck kommt hier die grundsätzliche Relationalität und Konnektivität von Grenzen, also die Eigenschaft, Verbindungen herzustellen (vgl. Karafillidis 2018). Methodologie der Grenzforschung 127 Eng verknüpft mit der skalaren Verortung grenzüberschreitender Prozesse und Beziehungen ist die generelle Prozessualität solcher Grenzgänge. Martin van der Velde und Ton van Naerssen (2011) skizzieren eine an (Im-)Mobilitäten interessierte Grenzforschung und betonen am Beispiel von Migrationsbewegungen in die und innerhalb der EU, dass neben den Bewegungsentscheidungen der Menschen und der Beschaffenheit der zu überwindenden Grenzen vor allem grenzüberschreitende Trajektorien in den Fokus rücken, die die Distanzen zwischen „place of origin“ und „place of destination“ überbrücken (ebd., S. 221). Ein Beispiel für lokale grenzüberschreitende Mobilitätsformen, die auch als „short-distance transnationalism“ (Strüver 2005b, S. 339) begriffen werden können, liefert Peter Balogh (2013). Er widmet sich grenzüberschreitender residentieller Mobilität, die dadurch auftritt, dass Wohnen und Arbeiten nicht auf der gleichen Seite der Grenze stattfinden, im Gegensatz etwa zu okkasionellen Grenzüberschreitungen wie im Tourismus. Dieses Grenzpendeln lässt sich gut innerhalb der EU beobachten, da offene Grenzen und Arbeitnehmer*innenfreizügigkeit die Bedingungen täglichen Grenzübertritts erleichtern. Methodisch weist Balogh auf die Notwendigkeit hin, nicht nur die pendelnden Akteur*innen im Blick zu haben, sondern auch die „host community“, „as it is this group of people in relation to which cross-border residents identify“ (ebd., S: 197). So zeigt er in seiner Analyse residentieller Mobilität an der deutsch-polnischen Grenze, dass trotz des täglichen Überschreitens physisch-räumlicher Grenzen die kulturell-mentalen Grenzen im Sinne einer verbindlichen Identifikation mit der host community nicht dauerhaft überschritten werden. Methodologisch bedeutsam wird für die Perspektive über die Grenze auch die Figur des*der Grenzgänger*in (vgl. Houtum/Eker 2015, S. 42ff.; Schulze Wessel 2017). Als interessantes empirisches Beispiel können hier Schmuggler*innen gelten, insofern sich an ihren Grenzüberschreitungspraktiken Fragen von (Il-)Legalisierung, Infrastrukturen der Grenzüberwindung und ökonomischen Asymmetrien an Grenzen anschließen. So zeigt Bettina Bruns (2010), wie die russisch-polnische Grenze Schmuggler*innen als „Ressource“ (ebd.) für ökonomische Praktiken dient. Methodisch interessant ist diese Studie, weil sie auf der Grundlage intensiver ethnografischer Feldforschung verschiedene Typen von Schmuggler*innen unterscheiden kann, deren Schmuggelaktivitäten als individuelle und dennoch typische Reaktionen auf ein strukturelles Armutsproblem gelesen werden können. Auch liefert sie eine Rekonstruktion der „grenzüberschreitenden Schmuggelinfrastruktur“ (ebd., S. 123ff.), indem sie den Weg vom Zigarettenkauf in eigens eingerichteten Verkaufsbuden auf russischer Seite über die Nutzung eines grenzüberschreitenden Linienbusses, „der keinem anderen Zweck als dem Schmuggel dient“ (ebd., S: 174), bis hin zum Zigarettenverkauf an polnische Großhändler*innen nachzeichnet. Die Perspektive über die Grenze fächert sich hier auf, indem sowohl den Grenzüberschreitungsbewegungen gefolgt als auch die akteursbezogen unterschiedlichen Realisierungsbedingungen rekonstruiert werden. Die Frage nach der Grenze selbst wird in diesen Studien mehr oder weniger explizit gestellt und einbezogen. So zeichnet sich ein Großteil der hier adressierten Studien dadurch aus, die Grenze selbst aus dem Blick zu verlieren. Paradigmatisch dafür steht das in den 1990er-Jahren populär gewordene Diktum einer „borderless world“ (Ohmae 1990). Ein kleinerer Teil der Studien dieser methodologischen Perspektive weist darauf hin, dass alltägliche transmigratorische Praktiken einerseits die Grenze transzendieren, sie andererseits aber auch erfahrbar machen (z.B. Balogh 2013). Danach geht die Überschreitung mit der Erfahrung von Differenzen einher, etwa was den Sprach- und Währungsgebrauch oder die Anpassung des Verhaltens Dominik Gerst und Hannes Krämer 128 an divergierende Straßenverkehrsordnungen angeht. Die Deutung dieser und anderer lokalen Phänomene verweist auf das Konzept „transnationaler sozialer Räume“ (Pries 1996), ebenso wie Ansätze im Feld der Cross-Border Cooperation betonen, dass durch grenzüberschreitende Kooperationen und Regierungsformen „cross-border regions“ (Perkmann 2003) im Sinne politisch-territorialer und administrativer Einheiten entstehen. In die Grenze sehen Die Perspektive des In-die-Grenze-Sehens rückt die Grenze selbst wieder stärker ins Blickfeld, jedoch nicht als klare Demarkation, sondern als mehrdimensional ausgedehntes Phänomen: als Grenzraum bzw. Grenzregion (Banse 2004a; Boesen/Schnuer 2018), Kontaktzone (Kleinmann et al. 2020), Frontier (Turner 2015). Sensibilisiert wird für ein Dazwischen, welches je nach Deutung die Grenze selbst darstellt oder durch diese produziert wird. Für die Grenzforschung liegt hier einer ihrer privilegierten Gegenstandsbereiche, insofern sich die klassische raumbezogene Grenzforschung zu einem großen Teil als Grenzraumforschung (Borderland Studies) begreift (vgl. Wastl-Walter 2011; Wilson/Donnan 2012). James Anderson und Liam O’Dowd (1999) etwa bestimmen den Begriff der Grenzregion indem sie festhalten, dass „regional unity may derive from the use of the border to exploit, legally and illegally, funding opportunities or differentials in wages, prices and institutional norms on either side of the border“ (ebd., S. 595). Insbesondere kultur- und sozialwissenschaftliche Ansätze weisen darauf hin, dass Grenzräume sich neben ihrer territorialen, politisch-administrativen Eigenständigkeit auch durch die Herausbildung spezifischer Grenzlandidentitäten auszeichnen. Zwei klassische Studien weisen hier auf divergierende, aber zusammenhängende Fragestellungen hin: Oscar Martinez (1994) unterscheidet Formen der Grenzlandintegration anhand von grenzüberschreitenden Interaktionen sogenannter „Borderlanders“. Gloria Anzaldúa wiederum zeigt in ihrem über die Grenzforschung hinaus berühmt gewordenen Buch „Borderlands/La Frontera“ (Anzaldúa 1987), inwieweit die Grenze sich in die Subjekte einschreibt und hybride Identitäten hervorbringt. Auch zeitliche Aspekte finden Beachtung, so etwa in der Beschreibung von Grenzregionen als Erfahrungs- und Erinnerungsräume (Stokłosa 2019) oder die Identifikation historischer Grenzphasen. So unterscheiden Michiel Baud und Willem van Schendel (1997) mit ihrem Konzept der „life cycles“ idealtypisch fünf historische Etappen einer Grenzregion (infant, adolescent, adult, declining, defunct), um der Frage nachzugehen, „how borderlands change over time and to allow for comparative analysis of these changes“ (ebd., S. 225). Ein grundsätzliches Forschungsinteresse gilt vor diesem Hintergrund der Frage, ob Grenzregionen sich primär über ihre dichotome Struktur im Sinne eines Nachbarschaftsverhältnisses (vgl. Newman/Paasi 1998) beschreiben lassen oder „dritte Räume“ (Bhabha 1994) darstellen, die sich maßgeblich über Merkmale definieren, die den Zwischenraum als eigene Ordnung charakterisieren. Die sich in diesem Spannungsfeld entfaltende multidimensionale Eigenwirklichkeit, die beim Blick in die Grenze zutage tritt, wird durch das Aufeinandertreffen von subjektiven Grenzerfahrungen und grenzüberschreitenden Prozessen z.B. der Regionalisierung oder Europäisierung gestaltet (vgl. Banse 2013). Hinsichtlich des Spannungsfeldes von Grenzwahrnehmung und -struktur stehen sich innerhalb der Position des In-die-Grenze-Sehens methodisch zwei grundsätzliche Strategien gegenüber: Einerseits lässt sich der Versuch ausmachen, per 2.3 Methodologie der Grenzforschung 129 Narrativ- und Diskursanalytik die subjektiven Sinnzuschreibungen des Grenzraums nachzuzeichnen (z.B. Meinhof/Gałasiński 2005; Doevenspeck 2011). Martin Doevenspeck etwa zeigt, wie Menschen an der Grenze zwischen Kongo und Ruanda ihre „border-related social world“ (Doevenspeck 2011, S. 129) in Erzählungen hervorbringen und betont in diesem Zusammenhang, dass eine Analyse des „border talk“ vor allem Einsichten in „conceptualizations of the border as expressed in the narratives of borderlanders“ (ebd., S. 130) gewährt. Dementgegen stehen andererseits historiografische oder quantitative Erhebungen, die auf eine Beschreibung grenzregionaler Integrationsgrade oder der Grenzregion als eigener historisch gewachsener Realität abzielen (z.B. Roose 2010). Nur wenige Studien indes schlagen eine Brücke zwischen beiden Herangehensweisen; hier seien etwa Christian Banses (2013) Ansatz der „thin description“, James Sidaways (2007) „semiotic border analysis“ sowie die Strategie „situativer Transdisziplinarität“ (Wille et al. 2014) genannt, die auf sehr unterschiedliche Arten auf eine holistische Beschreibung der Grenzlandrealität abzielen. Methodologisch bedeutsam für den analytischen Blick in die Grenze wird deshalb eine Forschungshaltung, die sowohl für das Fortbestehen von Differenzen innerhalb der Grenzregion als auch sich etablierende Eigenheiten sensibel ist. Ulrike H. Meinhof und Dariusz Galasinski (2005) reflektieren dies im Rahmen ihrer Studie zur „Language of belonging“ an der deutsch-deutschen sowie deutsch-polnischen Grenze und folgen konsequenterweise der Strategie, zentrale Kategorien der räumlichen, sozialen und temporalen Zurechnung nicht selbst (etwa im Rahmen klarer Fragen) vorzugeben, sondern Fotografien als Erzählimpulse zu nutzen, um den idiosynkratischen Erzählungen der Grenzlandbewohner*innen Raum zu geben. Eine weitere methodologische Entscheidung liegt im Rahmen vieler Grenzraumstudien darin, komparativ vorzugehen und demnach verschiedene Grenzräume vergleichend zu analysieren. Auf diese Weise werden sowohl Partikularismen spezifischer Grenzverhältnisse eingefangen als auch bestimmte Grenzlandmotive (Sicherheit, kommunale Kooperationen etc.) oder umfassendere Prozesse wie Europäisierung oder Globalisierung in ihren jeweils spezifischen Auswirkungen deutlich. Schließlich rückt auch die Frage in den Fokus, wo die Grenzen von Grenzregionen liegen, also spezifische Grenzlandphänomene ausbleiben oder ihre Wirkung verlieren. Die klassische Grenzraumforschung hat nicht nur aus diesem Grund sogenannte „twin cities“ immer wieder zu ihrem Gegenstand gemacht (vgl. Langenohl 2015; Joenniemi/Jańczak 2017). Hier lassen sich am ehesten einfache Unterscheidungen zwischen Grenzraum/-region und Nichtgrenzraum/-region treffen, insofern diese Grenzen hier mit den Grenzen der Urbanität zusammenfallen. Wie eine Grenze sehen Die letzte vorzustellende Perspektive wollen wir als Wie-eine-Grenze- oder auch Von-der-Grenze-aus-Sehen bezeichnen. Sie kommt in Chris Rumfords (2012; 2014) prominenter Formulierung des „seeing like a border“ zum Ausdruck, womit eine methodologische Einstellung beschrieben wird, die sich dezidiert gegen ein staatszentriertes „seeing like a state“ wendet. Nicht mehr dem Staat und seinen Akteur*innen obliegt danach die Deutungshoheit über (und damit der Blick auf) eine territoriale Grenze und deren ordnungspolitische Funktionen. Vielmehr verlangen moderne Grenzen nach einer multiperspektivischen Grenzforschung, die der Vielgestaltigkeit der Grenze und ihren praktischen Vollzügen wie auch Sinnzuschreibungen 2.4 Dominik Gerst und Hannes Krämer 130 einer Vielzahl von Akteur*innen offen gegenübertritt, denn: „there is no longer a societal vantage point or privileged political position from which we can reliably know where all borders are to be found, what forms they take, what purpose they serve and who is involved in maintaining them“ (Rumford 2014, S. 16f.). Eine solche methodologische Perspektive des Wieeine-Grenze-Sehens kommt ebenso zum Ausdruck in Sandro Mezzadras und Brett Neilsons (2013) einflussreichem Buch Border as method, in dem die Autoren Grenze nicht nur als Forschungsgegenstand, sondern als „epistemological viewpoint“ (ebd., S. 13) in Szene setzen. Und sie findet sich wieder in den postkolonialen und insbesondere im Rahmen der kritischen und kulturwissenschaftlichen Grenzforschung viel beachteten Arbeiten Walter Mignolos (2002; 2012; Mignolo/Tlostanova 2006), in denen eine „border epistemology“ entworfen wird, die sich in Absatzbewegung von einem „thinking about borders“ als ein „thinking from the borders“ versteht (ebd., S. 214) und die Grenze als zugleich Zugriffsort und Ausgangspunkt für ein „theorizing in the borders“ (ebd., S. 219, Herv. i. O.) wählt. Wie eine Grenze zu sehen, meint dann nicht – wie es etwa in der Perspektive des Auf-die- Grenze-Sehen angelegt ist – die Grenze als politische, territoriale, soziale Tatsache vorauszusetzen, sondern sie im Gegenteil in ihren Bedingungen, Erscheinungsweisen und Effekten zu problematisieren. Noel Parker und Nick Vaughan-Williams übersetzen dies in die forschungspraktische Maxime: „to problematise the border not as taken-for-granted entity, but precisely as a site of investigation“ (Parker/Vaughan-Williams 2012, S. 728). Eingefordert wird damit eine Dezentrierung der Grenze, die grundsätzlich für die raumzeitliche Variabilität der Grenze sensibilisiert (vgl. Brambilla 2015) und dabei Ansätze nahelegt, die ein situatives Verständnis für lokale und alltägliche Grenzarbeit aufbringen (vgl. Rumford 2013; Jones/Johnson 2016; Casaglia/Laine 2017). Für einige Autor*innen geht diese Perspektive aus der Diagnose hervor, wonach sich moderne Grenzen durch eine gesteigerte Komplexität auszeichnen (vgl. Amilhat Szary/Giraut 2015; Brambilla et al. 2015; Gerst et al. 2018b). Verschiedene Ansätze weisen in diesem Sinne darauf hin, dass die Grenze selbst als komplexes Zusammenspiel verschiedener Elemente begriffen werden muss. „[B]orders are increasingly ‚messy‘“ bringt Rumford (2014, S. 16) diesen Gedanken auf den Punkt. Vor diesem Hintergrund werden nationalstaatliche Grenzen als multidimensionale „boundary sets“ (Haselsberger 2014), als heterogene „borderscapes“ (Brambilla 2015), als „Assemblagen“ (Sohn 2016), als „Grenzregime“ (Hess 2018; Hess/Kasparek 2010), als „Bordertexturen“ (Weier et al. 2018) oder als „soziale Institutionen“ (Cooper/Perkins 2012) beschrieben. Von der Grenze aus zu blicken, meint in diesen Fällen, eine grenzanalytische Innensicht vorzunehmen, also die Ordnung der Grenze selbst zu entschlüsseln, und zu diesem Zweck die Verbindungs- und Relationierungslogiken aufzudecken, die Grenzen als Gemengelagen etwa von Praktiken, Diskursen, Objekten, Narrativen, Affekten, Wissensbeständen wirkmächtig und als „Interfaces“ (Cooper/Rumford 2013; Karafillidis 2018) in Erscheinung treten lassen. Dabei äußert sich der Blick von der Grenze zugleich auch als Außensicht: zum einen als Kritik an einer „territorialist epistemology“ (Lapid 2001), die Grenzen auf ihre räumliche Dimension reduziert, zum anderen als Kritik an vermeintlich klaren, durch die Grenze realisierte binäre Ordnungen (wir/die Anderen; hier/dort; Ein-/Ausschluss). Dies impliziert eine Abkehr von der Vorstellung von der Grenze als line in the sand und sensibilisiert dafür, dass Grenze nicht mehr nur den Rand eines oder das Dazwischen mehrerer Territorien markiert, sondern „littered across society“ (Rumford 2014, S. 16) an vielen Orten wie etwa Flughäfen, Einkaufszentren, Arbeitsagenturen, Geflüchteteneinrichtungen usw. wirkmächtig werden kann Methodologie der Grenzforschung 131 (vgl. auch Heyman 2004). Dabei öffnet eine Perspektive von der Grenze die Augen für Fragen der (Un-)Sichtbarkeit von Grenzelementen und -prozessen: „Questioning the ‚where‘ of the border also involves a focus on the way in which the very location of borders is constantly dis-placed, negotiated and represented as well as the plurality of processes that cause its multiplication at different points within a society, making it visible or invisible depending on the case“ (Brambilla 2015, S. 19). Werner Schiffauer und Kolleg*innen (2018) weisen schließlich darauf hin, dass der Wechsel der Perspektive – „soziale Ordnungssysteme nicht mehr von ihren Zentren, sondern von ihren Grenzen aus in den Blick zu nehmen“ (ebd., S. 5) – auch eine Sensibilität für die Zeitlichkeit von Grenzen als Schwellenphänomene einfordert. Im Sinne eines prozessualen Grenzverständnisses treten in der Perspektive des Wie-die-Grenze- Sehens vielfältige Mobilitäten, Bewegungen und Flows in den Fokus. Dabei steht nicht so sehr die Frage im Vordergrund, ob diese durch die Grenze verhindert oder begünstigt werden – wie es in der Perspektive des Über-die-Grenze-Blickens der Fall ist –, sondern inwieweit die Grenze durch sie konstituiert wird (vgl. auch Schindler in diesem Band). So zeigt Thomas Nail (2016), dass Grenzen selbst in Bewegung geraten oder von Menschen bewegt werden können. Ausgehend von der Überlegung, dass Bewegung und nicht Statik der Grundmodus des Sozialen darstellt, fragt er danach, wie Grenzen Prozesse der Zirkulation generieren. Mit Nail dahingehend übereinstimmend, dass Grenzen aus dieser Perspektive als Konfliktzonen begriffen werden müssen, zeigt Sabine Hess (2018), wie Migrationsbewegungen und migrantisches Handeln an der Grenze nicht einfach abgewiesen werden, sondern sich das moderne Grenzregime im ständigen wechselseitigen Bezug auf migrantische Praxis neu konstituiert, sowie sich zugleich migrantische Praxis fortlaufend an diese Veränderungen anpasst. Neben einer Sensibilität für komplexe Relationen, raumzeitliche Variationen und bewegungsinduzierte Grenzkonfigurationen drängen sich schließlich auch machtanalytische Fragen in den Vordergrund, werden doch bei einem von der Grenze ausgehenden Blick keine fixierten (staatlichen) Machtkonstellationen (mehr) voraussetzbar, sondern in ihren verzweigten Wirkweisen notwendiger Teil einer Grenzanalyse. Anne-Laure Amilhat Szary und Frédéric Giraut (2015) führen die bisher diskutierten Aspekte hinsichtlich der räumlichen Dislokalisierung und gleichzeitigen Technologisierung der Grenze im Kontext einer staatlichen Kontrolle von Flows zusammen und weisen mit ihrem Konzept der borderities – mit Rückgriff auf die Machtanalytik Foucaults – darauf hin, dass moderne nationalstaatliche Grenzen Ausdruck eines Sicherheitsdispositivs sind, in dessen Kern eine gouvernementale staatliche Kontrolle die Formierung politischer Subjektivitäten reguliert und bedingt. Die Autor*innen sprechen deshalb auch von „mobile borders“ (ebd., S. 13), um die räumliche Instabilität und zugleich technologisierte Machtapparatur der Grenze zu fassen. Im Rahmen der kritischen Grenz- und Migrationsregimeanalyse betonen neuere Ansätze dabei die Notwendigkeit, einer Reifikation der Grenze als staatlicher Machtapparatur ein komplexeres Verständnis des Zusammenhangs von Grenzen und Macht unter Berücksichtigung migrantischer Handlungsmacht entgegenzusetzen (vgl. Hess 2018). In ihrer pluritopikalischen und plurivokalen Ausrichtung macht die Perspektive von der Grenze aus auf Widersprüchlichkeiten, Paradoxien, Ungleichzeitigkeiten, Inkongruenzen der Grenze aufmerksam. So wird in den Studien deutlich, dass Grenzen etwa materiell abgebaut, aber symbolisch als „Phantomgrenze“ (Hirschhausen et al. 2015; siehe auch Hirschhausen in die- Dominik Gerst und Hannes Krämer 132 sem Band) weiterbestehen können, dass gleiche Grenzen von den einen als Schutzwall und den anderen als unüberwindbare Festung gedeutet werden, dass Prozesse der Entgrenzung (debordering) stets mit Prozessen der Neubegrenzung (rebordering) einhergehen oder dass alte Grenzen nicht widerspruchsfrei auf neue Grenzen treffen (vgl. Amilhat Szary/Giraut 2015). Eine derartige methodologische Position bestimmt nicht im Vorhinein den Beobachtungsfokus, sondern versucht offen für etwaige Widersprüche und Konflikte zu sein. Eine Möglichkeit, diese „grenzanalytische Indifferenz“ (Gerst/Krämer 2020, S. 69f.) umzusetzen, liegt darin, ausgehend von der Grenze relevanten Grenzverläufen zu folgen und dadurch das Verhältnis von Grenzziehungen und Ordnungsbildungen in den Fokus zu rücken (vgl. Gerst/Krämer 2017; 2019). Unter den Bedingungen komplexer und disperser Grenzen wird zugleich die Notwendigkeit offenbar, ontologisch fixierende Einhegungen der Grenze zu unterlassen und sie stattdessen sowohl in ihrer „ontological multidimensionality“ (Brambilla 2015, S. 26) als auch in ihrem „constant state of becoming“ (Parker/Vaughan-Williams 2012, S. 728) ernst zu nehmen. Grenzanalytik in dieser Perspektive zielt dann nach Christophe Sohn nicht darauf ab, die Grenze festzulegen, sondern sie „in relative and provisional terms“ (Sohn 2016, S. 187) zu begreifen. Herausforderungen Der folgende Abschnitt thematisiert die Herausforderungen einer grenzanalytischen Methodologie. Diese resultieren aus dem Umstand, dass sich die Grenzforschung nicht auf eine methodologische Perspektive zurückführen lässt und stellen sich allen hier vorgestellten Forschungshaltungen gleichermaßen. Welche Reflexionsbedarfe zieht also die diagnostizierte methodologische Multiperspektivität der Grenzforschung nach sich? Insbesondere vier Herausforderungen lassen sich unserer Meinung nach identifizieren: Eine erste Herausforderung liegt in der folgenreichen Notwendigkeit begründet, zu entscheiden, was Grenze letztlich ist und in welcher Form sie in den Blick geraten soll. Dies gilt sowohl für eine zentrierte Betrachtung ‚der‘ Grenze, ihrer Überschreitung oder ihrer Ausdehnung als auch für eine dezentrierte Grenzanalytik verstreuter Grenzphänomene. So macht es einen Unterschied, ob Staatsgrenze als überschreitbare Linie am Grenzübergang, als transnationale Pendelroutine, als Thema eines gesellschaftlichen Migrationsdiskurses, als identitätsbildende Kategorisierungspraxis in grenzregionalen Kitas oder als Zutrittsverweigerung von Grenzbeamt*innen am Flughafen perspektiviert wird. Die Analyse von Grenzen verlangt nach einer kontrollierten Bestimmung dessen, was jeweils als Grenzphänomen vorausgesetzt oder angenommen wird bzw. entdeckt werden kann. Zugleich hängt die Möglichkeit, Grenzen zu sehen bzw. analytisch sichtbar zu machen, von der Methodenwahl und generell der methodologischen Einstellung ab: Wie deutlich geworden sein sollte, gehen mit den Perspektiven des Auf-, Über-, In- und Wie-die-Grenzen-Sehens je eigene Grenzvorstellungen einher. In der Grenzforschung wurde diese Herausforderung bisher insbesondere als Theorieproblem adressiert und eine Debatte darüber geführt, ob es eine allgemeine Grenztheorie geben könne. Während die einen die abstrakte Formulierung zentraler Konzepte und Phänomene vor allem als Überbrückungs- und Integrationsstrategie für das disziplinär und gegenstandsbezogen zunehmend zerklüftete Feld der Grenzforschung vorantreiben wollen (z.B. Newman 2003), mahnen andere Stimmen an, dass jede Grenze einzigartig und eine allgemeine Grenztheorie ein unrealistisches Ziel sei (z.B. Paasi 2011; Haselsberger 2014). Methodologisch gewendet lautet die Frage an dieser Stelle dann, was im spezifischen Fall die ‚Grenzhaftigkeit‘ eines grenzanaly- 3. Methodologie der Grenzforschung 133 tisch untersuchten Phänomens ausmacht – eine Qualität, die als fallspezifisch und wandelbar verstanden werden muss (vgl. Green 2012; Gerst/Krämer 2019). Die gegenstandssensible und reflektierte Beschreibung der Grenzhaftigkeit wird so als Gegenstrategie zu zwei methodologischen Abkürzungen verstanden (vgl. Gerst 2020, S. 149): einerseits gegen einen ‚Borderismus‘, der sämtliche Grenzrealitäten einem vereinfachenden Grenzverständnis unterordnet und dabei „everything in terms of borders“ (Rumford 2014, S. 13) fasst, andererseits gegen eine Diagnose der Grenzenlosigkeit, die im Sinne einer übersteigerten These einer „borderless world“ (Ohmae 1990) blind ist für die effektvollen Grenzrealitäten gegenwärtiger Gesellschaften. Damit einher geht eine zweite Herausforderung, die sich aus der Notwendigkeit zur gegenstandsadäquaten Wahl der Methoden empirischer Grenzforschung ergibt. Zwar lässt sich festhalten, dass verschiedene methodologische Perspektiven Präferenzen in der Methodenwahl herausgebildet haben, es aber keine ‚Standardmethode‘ für die jeweiligen Perspektiven gibt. Insofern verschiedene Forschungsmethoden den Blick für verschiedene Facetten der Grenzrealität öffnen und von unterschiedlichen Datentypen eine diversifizierte Erklärungskraft ausgeht, zieht dies die Notwendigkeit einer fallspezifischen Methodenreflexion nach sich. Etwa lässt sich fragen, welche Setzungen die Methodenwahl mit sich bringt oder im Sinne eines leitenden Erkenntnisinteresses festigt (vgl. auch Meinhof/Gałasiński 2005) – so beispielsweise im Fall narrationsanalytischer Zugänge, die auf alltagsweltliche Grenzverständnisse from below fokussieren und sich von Analysen offizieller Grenzdiskurse from above absetzen wollen (vgl. Prokkola 2009; Doevenspeck 2011). Wiederum von Interesse ist die Frage, welche Feld- und Datenzugänge bestimmte Methoden erfordern und welchen Hindernissen diese gegenüberstehen, etwa wenn Ethnograf*innen Grenzzugänge verweigert werden oder nationale Statistiken sich als inkompatibel für die Forschungsfragen erweisen. Mit Blick auf die methodologische Diversifizierung der Grenzforschung kann eine Verschränkung methodologischer Perspektiven zum Beispiel über eine Triangulation verschiedener Forschungsmethoden wie auch über eine Konfrontation divergierender Interpretationen im Rahmen einer Methode angegangen werden. Eine dritte Herausforderung adressiert allgemeiner den Zusammenhang von Disziplinarität (und damit Diszipliniertheit) und spezifischen Grenzperspektiven. In der inter- und transdisziplinären Grenzforschung bringen verschiedene Disziplinen ihre je eigenen ‚traditionellen‘ Grenzverständnisse und Grenzsensibilitäten mit.1 Methodologisch bedeutsam wird damit der Umstand, dass disziplinäre Perspektiven von einer impliziten wie expliziten wissenschaftlichen Arbeitsteilung leben. Durch die je disziplinäre Spezialisierung auf bestimmte Grenzaspekte und -dimensionen sind sie auf die Forschungsergebnisse der Nachbardisziplinen angewiesen, untersuchen doch diese ein ‚Anderes‘ der Grenze. Wichtig ist damit die Frage, wie Inter- bzw. Transdisziplinarität in der Grenzforschung praktisch umsetzbar wird. Unabhängig von der konkreten Umsetzung innerhalb von Forschungskonstellationen lässt sich wohl sagen, dass Fragen der Übersetzbarkeit auf mehreren Ebenen im Zentrum einer methodologisch reflektierten Grenzforschung stehen (vgl. auch Trans|Wissen 2020): als Überbrückung der Arbeitsteilung in interdisziplinären Forschungsteams (so etwa in Wille et al. 2014), als Übersetzung von disziplinären Forschungsergebnissen in abstraktere heuristische Interpretationsrahmen (Schif- 1 Nicht zufällig stieg mit der zunehmenden Öffnung der Grenzforschung für die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften auch das theoretisch-konzeptionelle Arsenal an Grenzbegriffen sowie der Drang zur Exploration bisher vernachlässigter Grenzdimensionen und -aspekte. Beides war im Vergleich mit der heutigen Unüberschaubarkeit der Grenzforschung bis dahin von der Geografie und den Politikwissenschaften relativ eng gefasst worden (vgl. Kolossov/Scott 2013). Dominik Gerst und Hannes Krämer 134 fauer et al. 2018) oder als Zusammenführungsleistung einer öffentlichen Wissenschaftskommunikation. Damit wären wir bei einer vierten Herausforderung angelangt, die sich ganz dezidiert aus dem Rollenverständnis von Grenzforschenden ergibt und darin liegt, einen klaren Umgang mit Selbstpositionierungen innerhalb des Forschens über Grenzen zu finden. Von Beginn an gehen die Selbstverortungsangebote in diesem Feld über rein akademische hinaus: Einerseits versteht sich ein beträchtlicher Teil der Untersuchungen als angewandte Forschung, die beispielsweise im Bereich der cross-border cooperation in Zusammenarbeit mit Praktiker*innen auf eine Verbesserung und Stabilisierung grenzüberschreitender Zusammenarbeit hinarbeitet und demnach hauptsächlich der Perspektive des Über-die-Grenze-Sehens folgt, andererseits versteht sich ein ebenso beträchtlicher Teil als kritische Grenzforschung, die einer emanzipatorisch aufklärerischer Grundhaltung folgt und dabei bisweilen auch die Grenze zwischen Wissenschaft und Aktivismus sowie Wissenschaft und artistischer bzw. künstlerischer Praxis auflöst. Derart ‚normativen‘ Positionen innerhalb der Grenzforschung stehen häufig eher ‚deskriptive‘ Positionen unberührt gegenüber, die sich durch ihre Orientierung an wissenschaftsinternen Erkenntnisinteressen auszeichnen. Eine Herausforderung besteht darin, eine gemeinsame Sprechgrundlage für die verschiedenen Akteur*innen innerhalb des Feldes Grenzforschung zu finden, die sich sowohl als anschlussfähig für verschiedene methodologische Perspektiven als auch divergierende Selbstpositionierungen der Forschenden erweist. Dazu gehören genauso Reflexionen über angesprochene Adressat*innenkreise wie die Debatte um die Darstellung wissenschaftlicher Forschungsergebnisse – etwa in multimedialen Repräsentationen in Blogs, Filmen, Ausstellungen. Ebenso zählt hierzu auch die Frage, inwieweit die Grenzforschung sich am tagesaktuellen Geschehen abarbeitet oder in Distanz zu ihren Gegenständen tritt. Fazit Unser Beitrag hat es sich zur Aufgabe gemacht, die diversen methodologischen Orientierungen im Feld der Grenzforschung zu identifizieren sowie auf ihre Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu befragen. Wir haben vier verschiedene methodologische Positionen (auf, über, in, wie) herausgearbeitet und deren Grundlagen vorgestellt. Je nach Position geraten demnach andere Aspekte von Grenzen in den Blick, werden andere Bedingungen, andere Effekte hervorgehoben und Grenzen entsprechend anders begründet. Wie eingangs geschildert, kann dieses Unternehmen ebenso als ein alternativer Ordnungsversuch des diversen Felds der Grenzforschung gelesen werden. Nicht der Versuch einer holistischen Großtheorie von Grenze oder regionalwissenschaftlicher Einteilungen sind hier ordnungsleitend, sondern die Frage nach dem Wie der Forschung. Methodologische Ähnlichkeit gruppiert so einzelne, eventuell geografisch weit entfernte, forschungspraktisch und epistemologisch hingegen naheliegende Forschungen und bringt somit andere Einzelforschungen miteinander ins Gespräch. Zugleich kann unser Beitrag als eine Orientierung für die Wahl oder die Verortung eigener Grenzforschungen dienen. Ob bewusst oder unbewusst, jegliche Forschung folgt einer methodologischen Grundorientierung, ohne die diese nicht durchführbar wäre. Daran erinnert auch der Sozialwissenschaftler John Gerring (2012, S. 8), wenn er formuliert: „While one can ignore methodology, one cannot choose not to have a methodology. In teaching, in research, and in analyzing the work of colleagues, scholars must separate the good from the bad, the beautiful from the ugly. In so doing, broader criteria of the 4. Methodologie der Grenzforschung 135 good, the true, and the beautiful necessarily come into play. Social science is a normative endeavor.“ Weiterführende Literatur Amelina, Anna/Nergiz, Devrimsel D./Faist, Thomas/Glick Schiller, Nina (Hrsg.) (2012): Beyond Methodological Nationalism: Research Methodologies for Cross-Border Studies. New York: Routledge. Green, Sarah (2012): A Sense of Border. In: Wilson, Thomas M./Donnan, Hastings (Hrsg.): A Companion to Border Studies. Malden: Wiley-Blackwell, S. 573–592. 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Schlagwörter Region, Grenzregion, grenzüberschreitende Zusammenarbeit, grenzüberschreitende Region Einleitung Der folgende Beitrag schildert, warum es sinnvoll für die Human- und Sozialwissenschaften ist, sich mit Grenzregionen zu befassen. Nach einer Begriffsklärung (Region, Grenzregion, grenzüberschreitende Region) werden verschieden Forschungsansätze zur Analyse von Grenzund grenzüberschreitenden Regionen und ihrer Einwohner*innen vorgestellt und verglichen. Kernfrage ist, inwieweit Grenzen das Verhalten und die Identität von Menschen beeinflussen und umgekehrt. In einem abschließenden Ausblick wird die Thematik in Bezug zur europäischen Integration und ihrem Ziel des Überwindens von Grenzen gesetzt. Eine Grenze ist zunächst eine eindeutig markierte geographische Linie, die zwei souveräne Staaten trennt. Grenzen repräsentieren die Bedeutung von Territorialität als modernem Prinzip der Ordnung von politischem und sozialem Leben (vgl. Anderson/O'Dowd 1999). Darüber hinaus ist die Grenze der Rand, die Peripherie, eines oft als relativ homogen aufgefassten Gebietes bzw. Untersuchungsraums. Neben der kartographischen Festlegung der Grenze interessiert sich die human- und gesellschaftswissenschaftliche Grenzforschung vor allem für die Beziehung von Grenzen zu den Menschen und der Gesellschaft sowie die Frage, in welcher Form und mit welcher Funktion Grenzen produziert, überwunden und reproduziert werden (vgl. Anderson 1996; Donnan/Wilson 1999; Brambilla et al. 2015). Die Grenzregion dient als Untersuchungsraum dieser Fragen (vgl. Banse 2004). Bei der räumlichen Abgrenzung einer Grenzregion greift man der Einfachheit halber meist auf existierende administrative Gliederungen der jeweiligen Staaten beiderseits der Grenze zurück. Seltener wird ein absolutes geographisches Entfernungskriterium (zum Beispiel bis zu 50 bis 100 km Luftlinie von der Grenze) benutzt oder eine funktionale Grenzregion gewählt, welche sich auf Handelsströme, Netzwerke und andere grenzbezogene soziale Aktivitäten bezieht (vgl. Blatter 2004). 1. 143 Region, Grenzregion und grenzüberschreitende Region Der Begriff Region, eine Entlehnung aus dem Lateinischen regio (territoriales Gebiet) bzw. regere (leiten, dirigieren bzw. regieren), verbindet die territoriale Gliederung eines Raums mit der Organisation menschlicher bzw. gesellschaftlicher Herrschaft, Ordnung und Verwaltung. Alltagssprachlich wird der Begriff vor allem naturgeographisch definiert, zum Beispiel als Bodenseeregion, Harz, Flachland, Bergregion oder auch Nord- bzw. Süddeutschland; ohne eindeutige geographische Abgrenzung. Strukturell macht es Sinn, zwischen eher ländlich und eher städtisch geprägten Regionen zu unterscheiden, aber auch zwischen wirtschaftlich und politisch zentralen und peripheren Regionen (vgl. Fitjar 2010). In den Gesellschaftswissenschaften haben sich jedoch seit den 1990er-Jahren Bemühungen durchgesetzt, den Begriff Region zu operationalisieren und als räumlichen Gegenbegriff zum Staat bzw. Nationalstaat zu benutzen. Region kann dabei subnational, also als Untergliederung eines Staates, aber auch supranational als geographischer Großraum verstanden werden (z.B. die EU als Region oder Skandinavien bzw. der ‚Norden‘). Für das Thema Grenzregion sind Letztere aber nicht relevant. Regionen sind seit 1993 mit dem Ausschuss der Regionen in den Gesetzgebungsprozess der EU eingebunden. Auch sind seither in vielen EU-Mitgliedsstaaten Regionen institutionalisiert und in ihren Kompetenzen gestärkt worden. Die Forschung hat diese Entwicklungen unter dem Begriff New Regionalism zusammengefasst, der Regionen als erstarkende politische Akteure sowohl in der Industrie- und Wirtschaftspolitik (vgl. Ohmae 1995; Keating 2004) als auch in der Außenpolitik (vgl. Aldecoa/Keating 1999; Klatt/Wassenberg 2018) entdeckt hat. Am weitesten entwickelt ist das Konzept Region bei Anssi Paasi (2002) und seiner Unterscheidung, von vier verschiedenen Merkmalsausprägungen (shapes) einer Region zu sprechen: ihrer territorialen, symbolischen, institutionellen und identitären Gestalt. Paasi versteht Regionen als zunächst historisch bedingte politische Strukturen, deren soziale Konstruktion auf der Institutionalisierung ihrer territorialen, symbolischen und institutionellen Gestalt beruht. Die identitäre Gestalt der Region ist eng mit dem Prozess der Institutionalisierung verbunden, der von Paasi als entscheidend für die Entwicklung einer regionalen Identität und Identifikation der Bewohner*innen angesehen wird. Analog zum Konsens in der sozialkonstruktivistischen Nationalismusforschung (vgl. Hobsbawm/Ranger 1983; Hroch 2005) wird den regionalen Eliten eine zentrale Rolle in diesem Prozess zugeschrieben (vgl. Paasi 2009b). Ebenso bedarf die institutionalisierte Region eines abgegrenzten Territoriums und einer erkennbaren Symbolik (z.B. Flagge, historische Mythen, volkskulturelle Symbole wie Trachten oder regionale Speisen) als Voraussetzung für die Bildung von Identität. Aus politikwissenschaftlicher Perspektive ist jedoch, trotz größerer regionaler Autonomie und interregionaler Vernetzung, auch heute der Staat der entscheidende Organisator und Identitätsbilder des territorialen Raumes (vgl. Paasi 2009a). Grenzregionen verbinden regionale Konzepte mit dem Staatskonzept, da sie mehr als eine staatliche Untergliederung darstellen. Staatsgrenzen sind das Resultat historischer Prozesse der Herrschaftssicherung und territorialen Ordnung des modernen Staates (vgl. Donnan/Wilson 1999). Diese Prozesse betreffen sowohl Lage als auch Funktion der Grenze. Damit sind Grenzen eine politische Konstruktion mit realen Konsequenzen. Sie basieren auf dem Souveränitätsprinzip, der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten eines Staates. Souveränität verlangt definierte und markierte territoriale Grenzen sowie das Recht und die Fähigkeit des 2. Martin Klatt 144 Staates, diese und die grenzüberschreitenden sozialen Prozesse zu kontrollieren (vgl. Ratzel 1901/2017). Hierzu gehört auch der staatliche Anspruch der Homogenisierung von Territorium, Identität und politischer Gemeinschaft (vgl. Kolossov/Scott 2013). Dies hat entscheidenden Einfluss auf Grenzregionen. Mit der Entwicklung der wirtschaftlichen, normativen und sozialen Funktion von Grenzen im modernen Staat wurden vor allem im 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Wirtschafts- und Kulturräume getrennt. Die Bevölkerung hat sich in der Mehrzahl diesen neuen Gegebenheiten angepasst, etwa durch sprachliche Assimilation, aber auch durch Veränderung der Alltagsgewohnheiten. Die Europäische Integration versucht seit den 1950er-Jahren, diese Entwicklung rückgängig zu machen und Grenzen zu überwinden. Damit sind Grenzen auch Anwendung und Gewohnheit (social practices), situiert und konstituiert in politischer Verhandlung und ihrem Gebrauch im täglichen Leben (vgl. Andersen/Sandberg 2012). Dies bedeutet, dass die Grenzregion ein Ort der Konfrontation, aber auch der Begegnung mit dem Anderen ist, wo das Eigene in Frage gestellt wird. Neben der symbolischen Bedeutung gibt es eine reale wirtschaftliche Konsequenz der Grenze. Grenzen stellen eine Barriere des freien Handels dar, die Kosten verursacht, etwa für Zölle, Abgaben, Wartezeiten bei Kontrollen, aber auch Markteindringungskosten wie zum Beispiel divergierende technische Standards, Übersetzungskosten für Betriebsanleitungen, Aufbau einer Verkaufsorganisation im Nachbarland. Grenzregionen gelten deshalb als wirtschaftlich benachteiligt und weisen oft verhältnismäßig schlechte sozioökonomische Kennziffern auf. Allerdings kann sich in Grenzregionen auch eine spezifische Grenzökonomie ansiedeln. So können sich bestimmte Unternehmen mit Vorteil in einer Grenzregion ansiedeln, um beispielsweise von unterschiedlichen staatlichen Abgaben, einem unterschiedlichen Lohnniveau oder anderer Faktoren zu profitieren, wie auch die Bewohner einer Grenzregion von besseren Verdienstmöglichkeiten im Nachbarland oder einem günstigeren Preisniveau für Nahrungs- und Genussmittel bzw. Immobilien profitieren können. Man verwendet deswegen auch den Begriff Grenze als Ressource (vgl. Sohn 2014). Mit der Europäischen Integration stellte sich schon in den Anfängen mit Ende der 1950er-Jahre die Frage der Bildung grenzüberschreitender Regionen als Instrument der lokalen Zusammenarbeit in einem Europa von unten (vgl. Eigmüller in diesem Band). Über die Errichtung von Euroregionen wurde seit damals die grenzüberschreitende Region operationalisiert. Euroregionen sollen ein Zusammengehörigkeitsgefühl der Bürger*innen entlang der Grenze erzeugen bzw. verstärken und den institutionellen Rahmen für weitgehende kommunalpolitische, kulturelle und wirtschaftliche Zusammenarbeit bereitstellen. Sie entstanden bis in die 1970er- Jahre an allen gemeinsamen Grenzen der EG-Gründungsmitglieder. Die zweite Phase der Gründung von Euroregionen war das erste Jahrzehnt nach dem Ende des Kalten Krieges, als insbesondere an den Grenzen der ehemaligen Mitgliedsstaaten des Warschauer Vertrags neue Euroregionen entstanden. Auch in Skandinavien wurden nun die oft schon seit den 1960erund 1970er-Jahren bestehenden losen grenzüberschreitenden Arbeitsgemeinschaften institutionalisiert, wenn auch ohne den Begriff Euroregion zu verwenden. Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts kamen schließlich die letzten Euroregionsgründungen hinzu, nicht zuletzt bedingt durch Interreg, das Förderprogram der EU für Grenzregionen (vgl. Durà et al. 2018). Heute befinden sich an allen Grenzen Europas, sowohl den Binnengrenzen der EU als auch ihren Außengrenzen und sogar an Grenzen zwischen Drittstaaten, Euroregionen. Zudem erschuf die EU 2006 mit der Möglichkeit des Rechtsinstruments Europäischer Verbund für Territoriale Diesseits und jenseits der Grenze – das Konzept der Grenzregion 145 Zusammenarbeit (EVTZ, englisch: European Grouping of Territorial Cooperation, EGTC) einen formalen juristischen Rahmen für grenzüberschreitende Regionen. Forschungsansätze zur Analyse von Grenz- und grenzüberschreitenden Regionen Das folgende Kapitel stellt verschiedene Ansätze der Forschung vor, mit denen Grenz- und grenzüberschreitende Regionen verglichen und analysiert werden. Solche Analysen können historischer, politikwissenschaftlicher, geographischer, linguistischer, kultureller und regional- ökonomischer Art sein oder einen interdisziplinären Ansatz verfolgen. Die Grenzregion steht dabei im Zusammenhang zur Grenze als Markeur staatlicher Souveränität im staatszentrierten Verständnis der westfälischen Ordnung, spiegelt aber gleichzeitig die relationale Komponente der Personen-, Kapital- und Warenströme der globalisierten Netzwerke wider, welche sich nicht unbedingt nach fixierten Grenzen richten (vgl. Kolossov/Scott 2013). Damit stellt sich die Frage, ob man Grenzregionen nur grenzüberschreitend sinnvoll untersuchen kann, da sie immer im Verhältnis zur Grenzregion auf der anderen Seite der Grenze stehen. Grundlegend relevant für eine Typologisierung von Grenzregionen ist deshalb immer noch Oscar Martinez’ (1994) Unterscheidung von alienated, coexistent, interdependent und integrated borderlands. Der Charakter der Grenzregion ist demnach abhängig von den bilateralen Beziehungen der Staaten, um deren Grenze es sich handelt, und dem sich daraus folgenden Grad der Offenheit der Grenze für den Personen- und Warenverkehr. Dieses Modell analysiert spezifische grenzregionale Situationen und ist im Ansatz normativ, da Martinez den Zustand des integrated borderland mit andauernd stabilen politischen Verhältnissen an der Grenze, funktioneller Fusion der Volkswirtschaften beiderseits der Grenze, freiem Personen- und Warenverkehr und Einwohner*innen der Grenzregion, die sich als Mitglieder eines gemeinsamen sozialen Systems empfinden (ebd., S. 7), für erstrebenswert hält. Peter Schmitt-Egner und Emmanuel Brunet-Jailly haben diesen teleologischen Ansatz weiterentwickelt. Schmitt-Egner (1998) hat ein dreizehnstufiges Modell entwickelt, an dessen Schlusspunkt die grenzüberschreitende Region steht, als ein von ihren politischen und wirtschaftlichen Akteuren und schließlich auch ihren Bewohnern empfundener einheitlicher, grenz- überschreitender Handlungsraum. Brunet-Jailly (2005) untersucht in seinem Modell zur Bildung grenzüberschreitender Regionen in vormals relativ unabhängig voneinander operierenden Regionen den Zusammenhang zwischen funktionalen Strömen und territorialen Konzepten. Nach Brunet-Jailly sind vier gegenseitig abhängige und sich befruchtende analytische Linsen („lenses“, ebd., S. 633) für die Evolution einer grenzüberschreitenden Region entscheidend: eine lokale, grenzüberschreitende Kultur, eine lokale, grenzüberschreitende politische clout (wahrscheinlich am besten mit „Einflusssphäre“ übersetzt), grenzüberschreitende multi-level governance sowie grenzüberschreitende Marktkräfte und Handelsströme (vgl. dazu Hungerland/Teupe in diesem Band). Brunet-Jailly setzt diese vier Linsen unabhängig miteinander in Beziehung, d.h. keine wird als erste Grundvoraussetzung und Startpunkt der grenzüberschreitenden Regionsbildung definiert. Damit ermöglicht das Modell sowohl einen funktionalen Ansatz, in dem die grenzüberschreitenden Marktkräfte, Handelsströme oder aber auch Umweltprobleme zur Institutionalisierung einer grenzüberschreitenden politischen clout führen, oder aber umgekehrt einen territorialen Ansatz, in dem die politische Institutionenbildung grenzüberschreitende Handelsströme ermöglicht oder verstärkt. 3. Martin Klatt 146 Die Schwäche dieser teleologischen Konzepte ist die bis heute fehlende empirische Nachweisbarkeit des Endzustands der integrierten grenzüberschreitenden Region. Fallstudien bestätigen die nach wie vor wirtschaftlich und sozial abgrenzende Funktion der Grenze auch in Grenzregionen innerhalb der EU. Es gibt aber beträchtliche Unterschiede im Integrationsgrad grenzüberschreitender Regionen. Die bisher umfassendste sozioökonomische Untersuchung wurde 2004 von 387 NUTS-3-Regionen1 an den damaligen Grenzen der EU (exklusive Malta und Zypern) sowie den Grenzen der damaligen Beitrittskandidaten Rumänien und Bulgarien durchgeführt. Sie demonstriert vor allem die Unterschiedlichkeit sozioökonomischer Verhältnisse in europäischen Grenzregionen. Das Forschungsteam um Lefteris Topaloglu (vgl. Topaloglou et al. 2005) hat mit Hilfe einer Fuzzy-Cluster-Analyse2 fünf Cluster von Grenzregionstypen kategorisiert (ebd., S. 84): „A: Highly integrated border regions with advanced economic performance, many cultural similarities and small size (Border regions in the EU15 core, Scandinavia, Ireland, UK) B: Border regions that enjoy agglomeration economies but need significant structural adjustments in order to deal with the increased competition (Border regions in the Baltics, Slovakia, Czech Republic, Poland) C: Highly integrated border regions that present significant economic performance, though much cultural dissimilarity (Border regions in France, Germany, Spain, Portugal, Italy and Austria) D: Border regions with high development potential due to their favorable geographic position, but with low economic performance (Border regions on the western side of EU new member states) E: Border regions with low market potentials and no prevailing positive characteristics (Border regions in the EU external borders prior to 2004-enlargement)“ Diese erste systematisch erarbeitete Typologisierung von Grenzregionen stellte fest, dass die Häufigkeit von Interaktion über die Grenze nicht unbedingt die Konvergenz der Regionen beiderseits der Grenze zur Folge hat. Ein weiteres Ergebnis war aber auch, dass die nationalen Teile grenzüberschreitender Regionen der westlichen Grenzregionen ausnahmslos im gleichen Cluster dominieren, während ein Gegensatz der Typologien in den nationalen Teilen grenzüberschreitender Regionen der ‚neuen‘ EU-Mitglieder deutlich sichtbar wurde. Der europäische Integrationsprozess in den Kernländern der EU hat also durchaus zu Konvergenz in ihren Grenzregionen geführt. Andere Fallstudien bestätigen, dass Grenzen weiterhin einen signifikanten ökonomischen Effekt haben: Grenzregionen bleiben unter ihrem ökonomischen Potenzial, so wie auch regionale Spill-over-Effekte im Wissens- und Technologietransfer weiterhin durch Grenzen behindert werden (vgl. Naveed/Ahmad 2016; Makkonen et al. 2018). Die Häufigkeit grenzüberschreitender Interaktionen korreliert in vielen Grenzregionen mit sozioökonomischen Unterschieden, aber beseitigt sie nicht (vgl. Sohn/Lara-Valencia 2013). Untersuchungsgegenstand der vergleichenden Forschung zu grenzüberschreitenden Regionen sind vor allem die territorial abgegrenzten Euroregionen (vgl. Scott 2000; Perkmann 2002; Heddebaut 2004; Lepik 2009; Lewandowski/Greta 2010; Medeiros 2011; Durà et al. 2018). 1 NUTS (französisch: nomenclature des unités territoriales statistiques) ist eine statistische geographisch-administrative Einheit der Europäischen Union. In Deutschland entspricht NUTS 3 den Landkreisen. 2 Fuzzy Clustering ist eine statistische Methode, in der jeder Datenpunkt nicht nur einem Cluster (also einer Häufung) zugeordnet wird, sondern mehreren zugeordnet werden kann. Diesseits und jenseits der Grenze – das Konzept der Grenzregion 147 Markus Perkmann (2003, S. 157) definiert Euroregionen als territoriale grenzüberschreitende Regionen: „a bounded territorial unit composed of the territories of authorities participating in a CBC initiative.“ Die Glieder können Provinzen, Bundesländer, Kantone, Kreise, Kommunen sein. Euroregionen beruhen auf einem Abkommen der Partner, jedoch nicht auf völkerrechtlich bindenden Verträgen. Eine grenzüberschreitende Region ist damit eine sozialterritoriale Einheit mit einem gewissen Grad an strategischer Kapazität und Organisation. Territoriale Abgrenzungen grenzüberschreitender Regionen sind aber oft willkürlich und politisch konstruiert. So ist zum Beispiel die von der EU definierte Größe des Interreg-Fördergebiets ein Anreiz, sich einer grenzüberschreitenden Euroregion anzuschließen. Historisch lässt sich hier eine Fluktuation feststellen, da die Mitgliedschaft in einer Euroregion nach politischer Interessenlage und Fördermöglichkeiten gewählt wird (vgl. z.B. Medve-Balint/Svensson 2012). Vorübergehend wurden Euroregionen aber durchaus als ein Zeichen einer Reterritorialisierung im post-westfälischen subnationalen Europa eingeschätzt (z.B. Popescu 2008). Gabriel Popescu (ebd.) demonstriert, dass geopolitische Ambitionen von Staaten und Regionen in Osteuropa durchaus eine wichtige Rolle bei der Errichtung von Euroregionen gespielt haben. Diese haben für politischen Sprengstoff in bilateralen Beziehungen gesorgt, da es in Staaten wie Ungarn und Rumänien politische Kräfte gibt, die mit dem Gedanken von Grenzrevisionen spielen. Dies wurde insbesondere bei der Errichtung der Euroregion Karpatien (Ungarn, Polen, Ukraine und Rumänien) deutlich (ebd.), bei der sich die rumänische Zentralregierung übergangen fühlte. Die regionalen rumänischen Vertreter, die an den Feierlichkeiten zur Errichtung der Euroregion teilgenommen hatten, wurden ihrer Ämter enthoben. Auch an der deutsch-dänischen Grenze gab es Bedenken einer Einmischung Deutschlands in innere dänische Angelegenheiten im Falle der Einrichtung einer Euroregion (vgl. Klatt 2006; Yndigegn 2012). Eine wiederkehrende Frage im Zusammenhang mit der politischen Etablierung grenzüberscheitender Regionen ist die nach ihrer Wirkmächtigkeit. Bisher existieren nur wenige breit angelegte Studien zur Analyse der Wirkmächtigkeit grenzüberschreitender Regionen in Europa. Als Variable wird dabei häufig der Aktivitätsgrad grenzüberschreitender Regionen gewählt: Perkmann hat um die Jahrtausendwende die Intensität der Zusammenarbeit in 74 grenzüberschreitenden Regionen (güR) anhand eines Katalogs der Association of European Border Regions (AEBR) analysiert und diese dann in vier Kategorien eingeteilt (vgl. Perkmann 2003): integrierte mikro-güR, entstehende mikro-güR, skandinavische Gruppierungen und großräumige Arbeitsgemeinschaften. Mikro-güR entsprechen den klassischen, institutionalisierten Euroregionen, großräumige Arbeitsgemeinschaften sind eine Kategorie eher lose institutionalisierter grenzüberschreitender Zusammenarbeit. Für die nur schwach institutionalisierten skandinavischen grenzüberschreitenden Regionen wählt Perkmann die Sonderkategorie skandinavische Gruppierungen, um auszudrücken, dass sie trotz eines geringen Institutionalisierungsgrades intensiv zusammenarbeiten. Es konnte somit kein notwendiger Zusammenhang zwischen dem Aktivitätsgrad und dem Grad der Institutionalisierung einer güR nachgewiesen werden. Gleiches bestätigt Eduardo Medeiros’ Vergleich schwedisch-norwegisch und spanisch-portugiesischer grenzüberschreitender Regionen (2011). Hier sind es eher die Konstanz in der Kooperation sowie funktionale Elemente wie räumliche Nähe, Infrastruktur und Verdichtung, welche die Intensität der Zusammenarbeit verstärken. Wirkmächtigkeit liegt auch dem jüngsten Versuch einer Typologisierung von grenzüberschreitenden Regionen zu Grunde. In einem mehrjährigen Projekt der Autonomen Universität Barcelona wurde auf der Basis einer Aktivitätsüberprüfung von Euroregionen und der Auswertung Martin Klatt 148 der während der Interreg IV-Förderperiode (2007–2013) unterstützten Projekte eine Bewertung von Strukturen territorialer Zusammenarbeit erstellt und in einem Katalog von good practices in den Kriterien Exzellenz und Innovation veröffentlicht (vgl. Durà et al. 2018). Entscheidend für die Aufnahme in den Katalog waren dokumentierte Aktivitäten sowie die ausdrückliche Erklärung in der Charta bzw. Satzung der Euroregion, direkt oder indirekt an der Entwicklung und Durchführung grenzüberschreitender Projekte beteiligt zu sein. Die oben angeführten Untersuchungen dokumentieren, dass grenzüberschreitende Integration nicht unbedingt mit historischen oder heutigen politisch inspirierten Raumkonzepten vor allem in der EU korreliert. Auch vor dem Hintergrund nordamerikanischer Erfahrungen rückten Grenzregionsforscher verstärkt die Waren- und Personenströme über Grenzen in den Vordergrund ihrer Empirie (siehe auch Schindler in diesem Band): der Fokus verschob sich von spaces of place, also territorial definierten Regionen, hin zu spaces of flow (vgl. Blatter 2004). Warenund Handelsströme waren auch im schon erwähnten Modell zur Bildung grenzüberschreitender Regionen von Brunet-Jailly (2005) eine entscheidende Variable. Die Region wird damit eher relational, also als Beziehungsgeflecht von Akteuren, als territorial verstanden (vgl. Varró/ Lagendijk 2012). Funktionale grenzüberschreitende Regionen können entlang von Infrastrukturachsen bzw. Transportkorridoren definiert werden, wie die Oberrhein-Region (DE–FR–CH; vgl. Zumbusch/Scherer 2015) oder der Jütlandskorridor (DE–DK; Danish-German 2015), oder als Einzugsräume grenzüberschreitender Metropolregionen (z.B. die Grande Région um Luxemburg, vgl. Wille 2015). Die Idee der Euroregion als einer Reterritorialisierung und Entgrenzung Europas mit neuen oder wiederentdeckten grenzüberschreitenden Regions- und Identitätskonzepten bleibt damit eine politische Ambition (vgl. Scott 2013) oder dreamscape (vgl. Löfgren 2008), während sich grenzregionale Integration vor allem auf wenige funktionelle Aspekte beschränkt. Selbst diese Integration gleicht eher einer cooperation by bottleneck, in der gewisse ‚Flaschenhälse‘ auf dem Arbeitsmarkt oder auch im Rettungswesen und anderen öffentlichen Diensten oft nur vorübergehend grenzüberschreitend gelöst werden, als dass dauerhaft gemeinsame funktionale Infrastruktur geschaffen wird (vgl. z.B. ESPON 2018). Es sind vor allem private Akteur*innen, die durch ihr Verhalten grenzüberschreitende Regionen als Aktionsräume schaffen; sei es durch Grenzhandel, durch Arbeits- und Wohnmobilität über die Grenze oder als Wirtschaftsunternehmen. Grenzüberschreitende Aktivitäten, Waren- und Handelsströme entwickeln sich anhand konkreter Anreize, während ein direkter Zusammenhang zum politischen Organisationsgrad und dem Grad der Institutionalisierung einer grenzüberschreitenden Region nicht notwendig festgestellt werden kann. Border Surfers und Regionaut*innen: Alltag der Grenzregionsbewohner*innen? Der vorangegangene Fokus auf die Struktur Grenz- und grenzüberschreitender Regionen soll nun um den Fokus auf die Bewohner*innen von Grenzregionen ergänzt werden. Wie nutzen diese Menschen die Grenzregion bzw. wie werden sie von der Grenze geprägt? Im Folgenden soll erläutert werden, wie der Blick auf die Menschen in der Grenzregion zum Verständnis dieser speziellen Regionen und ihrer Entwicklung beitragen kann. Grenzen sind nicht nur eine Linie im Sand (vgl. Parker/Vaughan-Williams 2009), sondern ein Prozess: Sie sind von Menschen gemacht und beeinflussen das Handeln der Menschen, 4. Diesseits und jenseits der Grenze – das Konzept der Grenzregion 149 wie auch das Handeln der Menschen wiederum die Grenze beeinflusst (vgl. Wille in diesem Band). Der Begriff borderwork (vgl. Rumford 2008) beschreibt, wie die Grenze durch die Praxis bestimmt wird, wie sie Normen setzt und das Verhalten von Menschen prägt, aber auch wie Menschen durch ihre Praxis die Grenze definieren. Wie schaffen Menschen sich ihre borderscape (vgl. Brambilla 2015) bzw. wie werden sie durch diese beeinflusst? Am Beispiel afrikanischer und asiatischer Grenzen, wo die Anpassungsprozesse der Menschen an Grenzziehungen auch heute gut empirisch beobachtbar sind, haben Michiel Baud und Willem van Schendel (1997) demonstriert, wie Bewohner*innen von Grenzregionen die Grenze herausfordern. Sie ignorieren die Grenze, wenn es sich für sie lohnt, und nutzen die Vorteile der Grenze auf eine Weise, die von den ‚Grenzziehern‘ (also den Staaten) so nicht vorgesehen war (ebd.). Gleichzeitig gibt es Prozesse der sozialen Adaption an die neuen Realitäten: Durch Einbindung lokaler Eliten können die Zentren der Staaten eine Änderung sozialer Praktiken wie wirtschaftlicher Handlungsmuster, aber zum Beispiel auch von Heiratsmustern erreichen, so dass die Grenze innerhalb weniger Generationen zunehmend von einer politischen auch zu einer sozialen Grenze wird (ebd.). Oscar Martinez hat Bewohner*innen von Grenzregionen durch ihre Einteilung in national borderlanders und transnational borderlanders mit diversen Schattierungen in Beziehung zur Grenze gesetzt (1994). Während national borderlanders die Grenze selten überqueren und indifferent zu den Bewohner*innen und der Kultur des Nachbarlandes sind, haben transnational borderlanders enge Verbindungen zum Nachbarland und überqueren die Grenze häufig. Sie sehen die grenzüberschreitende Region als zusammenhängenden Lebens- und Handlungsraum. In der europäischen Grenzforschung wurde Martinez’ Kategorisierung der Grenzregionsbewohner*innen durch die Begriffe Regionaut*innen (regionauts; vgl. O'Dell 2003) und Grenzsurfer*innen (border surfers; vgl. Terlouw 2012) ergänzt. Regionaut*innen, begrifflich abgeleitet von Astronaut*innen, sind Menschen, die Fähigkeiten entwickeln, um den Raum beidseits der Grenze aktiv nutzen zu können (vgl. Löfgren 2008). Der Begriff Grenzsurfer*innen soll deutlich machen, dass Grenzregionsbewohner*innen ihr Verhalten nicht unbedingt nach den Intentionen der EU-Förderprogramme oder den Visionen politischer Akteure einer grenzüberschreitenden Euroregion ausrichten. Oft sind es persönliche Bedürfnisse und Vorteile, die sich durch die Unterschiedlichkeit beiderseits der Grenze begründen (vgl. Klatt/Herrmann 2011; Terlouw 2012), die am Anfang einer Mobilität über die Grenze stehen: Arbeitslosigkeit und die Möglichkeit eines Jobs auf der anderen Seite, ein höheres Lohnniveau oder auch günstige Immobilienpreise. Eine im Jahr 2015 in allen Interreg-Programmgebieten der EU-Mitgliedsstaaten durchgeführte Eurobarometer-Umfrage hat allerdings gezeigt, dass nur eine Minderheit der Einwohner*innen von Grenzregionen regelmäßig die Grenze überqueren (vgl. European 2015). Um Ursachen für die mangelnde Mobilität in europäischen Grenzregionen zu finden und zu erklären, haben Bas Spierings und Martin van der Velde (2008; 2013a) das Unfamiliarity-Konzept entwickelt. Dieses Konzept sieht Mobilität über die Grenze durch rationale Push- und Pull-Faktoren begründet, wie etwa Preisunterschiede, aber auch durch emotionale Faktoren wie ein exotisches Einkaufserlebnis. Gleichzeitig gibt es Keep-and-Repel-Faktoren, die Menschen von grenzüberschreitenden Aktivitäten zurückhalten. Der Grad der Familiarität beeinflusst das Wissen über grenzbedingte Unterschiede, aber auch das Unbehagen, sich zum Beispiel am Arbeitsplatz mit einer fremden Kultur auseinandersetzen zu müssen. Die Bandbreite der Nichtfamiliarität erklärt nun, wie rationale und emotionale Unterschiede, tatsächlich oder empfunden, die Ent- Martin Klatt 150 scheidungen beeinflussen, im Alltag für gewisse Aktivitäten die Grenze zu überschreiten oder auch nicht (vgl. Spierings/van der Velde 2008; 2013; Klatt 2014; Boese/Schnuer 2017). Diese Bandbreite ist bei einmaligen Mobilitätsaktivitäten wie einem Einkauf größer als bei dauerhafter Mobilität, wie etwa bei der Verlegung des Wohnsitzes oder Arbeitsplatzes ins Nachbarland. Soziale Netzwerke scheinen auf die Vergrößerung der Bandbreite der Nichtfamiliarität eine wichtige Rolle zu spielen: Sie können aus Einzelfällen von Regionaut*innen zur Entstehung von Gruppen von transnational borderlanders führen (vgl. Klatt 2014). Von Euroregionen verbreitete Images als grenzüberschreitende oder gar grenzenlose Region werden bei einer Analyse der sozialen Aktivitäten und Mobilitäten dann oft konterkariert, wenn diese offensichtlich einseitig durch klare Kostenvorteile erzeugt worden sind. Hierzu gibt es Beispiele insbesondere in den Regionen um Luxemburg, Basel und Genf, aber auch Kopenhagen, wo Metropolen als Magnet für Pendlerströme bzw. Umsiedlung ins Nachbarland wegen wesentlich niedrigerer Immobilienpreise fungieren (vgl. Terlouw 2008; Nerb et al. 2009). Eine bisher in der Grenzregionsforschung kaum untersuchte Gruppe sind die in einigen Grenzregionen Europas existierenden nationalen Minderheiten. Insbesondere die Grenzziehungen nach dem Ersten Weltkrieg haben national diverse oder auch indifferente (vgl. Zahra 2010) Regionen geteilt. Als Teil des Friedensprozesses wurden nationale Minderheiten institutionalisiert, damit die Menschen, die sich national anders als die Titularnation des Residenzstaats identifizieren, als kollektiver, potenziell internationaler Akteur aufgefasst werden können und somit Relevanz für die politischen Prozesse in einer Grenzregion erhalten (vgl. Klatt 2017). Obwohl es in der Zwischenkriegszeit starke Anstrengungen der jeweiligen Staaten zu nationaler Homogenisierung gab und während und nach dem Zweiten Weltkrieg größere Bevölkerungsverschiebungen stattfanden, sind ethnisch nicht homogene Grenzregionen insbesondere für Zentral- und Osteuropa auch heute charakteristisch. Nationale Minderheiten können bei der Entwicklung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit eine wichtige Rolle als Brückenbauer*innen über die Grenze spielen (vgl. Malloy 2010). Gleichzeitig kann die Existenz institutionalisierter nationaler Minderheiten die Zusammenarbeit verkomplizieren, wenn Staaten Wünsche nach Grenzveränderungen oder Sezession fürchten. Dies ist zum Beispiel für Südtirol (vgl. Palermo 2005) und Sønderjylland-Schleswig (vgl. Klatt 2013; 2017) belegt. Als Individuen haben Mitglieder einer nationalen Minderheit durch ihre (vermeintliche) Zweisprachigkeit und Bikulturalität die besten Voraussetzungen, sich die Möglichkeiten einer Grenzregion wie den grenzüberschreitenden Arbeits- und Wohnraummarkt und Freizeitaktivitäten als Grenzsurfer*innen bzw. transnational borderlanders zu Nutze zu machen. Inwieweit dies passiert, ist bisher noch nicht genügend untersucht worden. Die existierenden Studien sehen aber noch erhebliches Potenzial, Minderheiten in die Erarbeitung grenzüberschreitender Regionalentwicklungsstrategien und konkreter grenzüberschreitender Projekte einzubeziehen (vgl. Klatt 2005; 2013; Klatt/Kühl 2008; Malloy 2010; Böhm/Drápela 2017). Ausblick Grenzregionen werden häufig als Laboratorien der europäischen Integration bezeichnet, da sich dort auch empirisch bestimmen lässt, in welchen Bereichen die Integrationsprozesse fortschreiten und wo sie behindert werden. Der sich entwickelnde Integrationsprozess, insbesondere die Verwirklichung des europäischen Binnenmarkts 1993 und die Abschaffung der permanenten Personenkontrollen mit dem Schengener Abkommen, haben Grenzregionen verändert und neue Möglichkeiten grenzüberschreitender Interaktion geschaffen. Das Interreg-Programm 5. Diesseits und jenseits der Grenze – das Konzept der Grenzregion 151 der EU hat diese Möglichkeiten seit 1991 gefördert und macht aber immer noch nur einen kleinen Teil der EU-Kohäsionspolitik aus. Heute existieren an allen europäischen Grenzen Strukturen der territorialen Zusammenarbeit, aber der Grad ihrer Intensität ist sehr unterschiedlich. Allen ist gemeinsam, dass sie institutionell schwach geblieben sind und eher als Rahmen von Netzwerken von Akteur*innen grenzüberschreitender Zusammenarbeit fungieren denn als eine neue Form territorialer und institutioneller Regionsbildung. Die Entwicklung hin zu sich integrierenden grenzüberschreitenden Räumen wird derzeit von globalen Herausforderungen wie insbesondere dem Klimawandel und Migration, aber auch neuen Gefährdungen wie dem islamistischen Terrorismus, der COVID-19 Pandemie oder neuen Formen grenzüberschreitender Kriminalität und Steuerhinterziehung überschattet. Auch das Narrativ der EU als Erfolgsgeschichte wird hinterfragt: Der Brexit, aber auch das vorhandene wirtschaftliche Ungleichgewicht innerhalb der Staatengemeinschaft sowie das Erstarken rechtsund linkspopulistischer Bewegungen stellen die Entwicklung hin zu offenen Grenzen in Frage. Werte- und Leitkulturdebatten in allen europäischen Ländern und auch global, etwa in den USA und Indien, unterstützen das Streben nach Abgrenzung und ethnischer wie religiöser Homogenität einhergehend mit stärkerer Kontrolle der Grenzen. Diese Thematik wird erst ansatzweise von der Forschung aufgearbeitet (vgl. Casas-Cortes et al. 2013; Cassidy et al. 2018; Klatt 2018). Ein weiterer Schwerpunkt zukünftiger Forschungen wird die funktionelle grenzüberschreitende Integration darstellen. Was bewirken grenzüberschreitende funktionelle Ströme und daraus entstehende Abhängigkeiten? Diese können durchaus zu einer funktionellen Spezialisierung führen, welche von sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheiten abhängt, zum Beispiel einem deutlich niedrigeren Lohnniveau auf einer Seite der Grenze (vgl. Durand et al. 2017). Für die Analyse und Typisierung der institutionellen Zusammenarbeit, insbesondere auch innerhalb eines EVTZ, ist eine Weiterentwicklung des Konzepts der multi-level governance nötig (siehe dazu Ulrich/Scott in diesem Band). Wir wissen zu wenig über die nach wie vor vorhandenen Hierarchien des Mehrebenenregierungssystems, insbesondere in grenzüberschreitender Perspektive. Administrative, systemische und juristische Barrieren werden in allen grenzübergreifenden Regionen thematisiert. Für die Forschung über diese Thematiken wäre eine größere Interdisziplinarität wünschenswert. Ein weites Feld ist auch die Forschung über Grenzregionen als Lebensraum. Hier gibt es vereinzelte Pionierstudien, die sich mit verschiedenen Aspekten in unterschiedlichen Grenzregionen befassen. Es fehlt aber eine bessere Vernetzung dieser Studien, die Ausweitung auf periphere, dünn besiedelte Grenzregionen, insbesondere in Zentralund Osteuropa, und eine verstärkte Einbeziehung regionalökonomischer und auch betriebswirtschaftlicher Forschung zu diesen Fragestellungen. Weiterführende Literatur Beck, Joachim (Hrsg.) (2019): Transdisciplinary Discourses on Cross-Border Cooperation in Europe. Brüssel: Peter Lang. Boesen, Elisabeth/Schnuer, Gregor (Hrsg.) (2017): European Borderlands. Living with Barriers and Bridges. Milton Park/New York: Routledge. Durand, Frédéric/Decoville, Antoine/Knippschild, Robert (2017): Everything All Right at the EU Borders? The Ambivalent Effects of Cross-Border Integration and the Rise of Euroscepticism. In: Geopolitics. DOI: 10.1080/14650045.2017.1382475. 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Scott Abstract Der Beitrag gibt ausgehend von einem Interesse an Cross-Border Governance einen Überblick über Entwicklung, disziplinäre Verortung und definitorische Prämissen des Begriffs Governance hin zu einem der größten ‚Modewörter‘ der Sozialwissenschaften. Es wird der Kontext und Entstehung von Cross-Border Governance beleuchtet, das Wechselverhältnis von Governance mit Grenze, Grenzregion und Institutionalisierung grenzüberschreitender Kooperation. Dazu werden vier Beispielstudien präsentiert und abschließend die Stärken und Schwächen des Begriffs besprochen. Schlagwörter Governance, Cross-Border Governance, grenzüberschreitende Kooperation, Regieren, Grenzmanagement Einleitung In der politischen Geografie wurde für kollektives Planen und Regieren der Terminus Governance eingeführt, der im weitesten Sinne Regieren jenseits des Nationalstaats (Zürn 2016) oder Regieren ohne Regierung (Rosenau 1992) durch dezentrale, nichthierarchische Netzwerke umschreibt. Der seit den 1990er-Jahren in den sozialwissenschaftlich geprägten Europa-, Grenz- und Regionalstudien sehr präsente Begriff kann dabei sowohl das Regieren im internationalen Mehrebenensystem (Multi-Level Governance), im Bereich der Außen- und Sicherheitspolitik (Border/Security Governance) oder der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit (Cross-Border Governance) insbesondere der Europäischen Union (EU) beschreiben. Letzterem Anwendungsgebiet wollen wir uns mit diesem Beitrag zuwenden. Ausgehend von der Beobachtung, dass sich die Akteur*innennetzwerke des nationalstaatlichen Grenzmanagements zunehmend ausdifferenzieren und grenzüberschreitende (Regional-)Kooperationen dadurch zugenommen haben, lassen sich Fragen in Bezug auf die dahinterliegenden Politikund Planungsprozesse nicht (mehr) eindeutig beantworten. Wer regiert und steuert politische Grenzen? Wie wird über Grenzen regiert und wie werden politische Planungsprozesse über Grenzen hinweg gesteuert? Der vorliegende Beitrag setzt sich zum Ziel, diese grenzüberschreitenden Prozesse unter dem Begriff der Cross-Border Governance zu beleuchten. Im Folgenden wird zunächst der Begriff Governance disziplinär verortet und entlang verschiedener Prämissen geschärft (Kapitel 2), bevor im Anschluss das Konzept Cross-Border Governance erklärt (Kapitel 3) und anhand von empirischen Beispielen im EU-Kontext erläutert wird (Kapitel 4). Abschließend wird es eine kritische Evaluation von Stärken, Grenzen und Weiterentwicklungsmöglichkeiten dieser Begrifflichkeit geben (Kapitel 5). Der Begriff Governance Es gibt zahlreiche verschiedene Definitionen des Begriffs Governance, die sich teilweise je nach Analysefokus und Disziplin stark unterscheiden. Differenzen tauchen etwa beim Basisverständ- 1 2 156 nis (empirisch-analytisch oder normativ-ontologisch) oder bei der Theoriefähigkeit des Begriffs (Theorie, Metapher oder theoretisches Modell) auf. Governance kann als Politik, als Prozess, als Struktur oder auch als Mechanismus für dezentrale Politik verstanden werden. Sie kann aber auch die Bedingung, Methode und Verfahrensweise von kollektiver Politikgestaltung oder governing practice bedeuten. Trotz uneinheitlicher Versuche, das Konzept Governance zu greifen, lassen sich doch einige wiederkehrende Prämissen festhalten, die folgendermaßen zusammengefasst werden können: 1. Governance (horizontal, bottom-up, nichthierarchisch, im Sinne von Regieren) ist abzugrenzen von Government (vertikal, top-down, hierarchisch, im Sinne von Regierung); 2. Governance umfasst eine Vielzahl an heterogenen Akteur*innen (staatlich, nichtstaatlich); 3. Governance ist ein hybrides Konzept, das politische Steuerung, Kontrolle, Regieren, Management oder Koordination bedeuten kann; 4. Governance ist häufig transnational ausgeprägt; 5. Governance umfasst eine wiederkehrende und unvollständige Form der Meinungs- und Entscheidungsfindung; 6. Governance kann funktional oder territorial verstanden werden; 7. Governance findet über verschiedene territoriale oder administrative Ebenen statt, die miteinander verflochten sind. Diese sieben Prämissen von Governance sollen im Folgenden als Orientierung dienen, da keine einheitlich-einvernehmliche Definition existiert. Zudem geht dieser Beitrag von der am häufigsten postulierten Annahme des Begriffs Governance als einem theoretischen Modell aus, das zur Identifikation und Analyse von politischen Deliberations- und Entscheidungsprozessen (Politics) von mehreren Akteur*innen (Polity) über nationalstaatliche und administrative Grenzen hinweg, die ein gemeinsames Politikfeld, Programm, Projekt (Policy) oder Territorium entwickeln, nützlich ist. Kontext, Entstehung und disziplinäre Verortung Der Begriff Governance wurde in den 1980er-, spätestens in den 1990er-Jahren aus den Wirtschaftswissenschaften in weitere Disziplinen, etwa in die Politik- und Verwaltungswissenschaft, übertragen. Insbesondere in den European, Regional und Border Studies und den Internationalen Beziehungen hat er sich schnell etabliert. So wurde in der Institutionenökonomie, einem Querschnittsbereich zwischen Politik- und Wirtschaftswissenschaften, Governance als „an exercise in assessing the efficacy of alternative modes (means) of organization“ (Williamson 1996, S. 11) beschrieben. Governance wird hier als eine neue Organisationsart klassifiziert, die auch ein Bündel von Bedingungen zur effizienteren Organisation von Bereichen, Sektoren und Aufgaben umfasst (vgl. Rhodes 1996, S. 658). Die Transformation vom wirtschaftlichoptimierenden Managementterminus zum normativ aufgeladenen Politikbegriff ist durch das Konzept Good Governance geschehen, das Empfehlungen für eine „gute“ Politikpraxis durch ein „Programm zur Verbesserung des Regierens in nationalen und internationalen politischen Systemen“ (Benz/Dose 2010, S. 20) vorschlägt.1 Auch im Bereich der Public Policy – also 2.1 1 Governance wird in diesem Zusammenhang einfach als Politik oder Anwendung von Politik verstanden. Die Grundannahmen, die später auch die Weltbank als offizielle guidelines definiert hat, sehen für good governance Cross-Border Governance in europäischer Regionalkooperation 157 der Schnittstelle zwischen Politik- und Verwaltungswissenschaften – speziell in den European Studies ist der Begriff durch Multi-Level Governance (vgl. Hooghe/Marks 2003) oder EU Governance (vgl. Jachtenfuchs/Kohler-Koch 2010) stark präsent und dient seit den 1990er- Jahren als Modell zur Analyse und Beschreibung europäischer Politik- und Entscheidungsprozesse über Verwaltungs- und Landesgrenzen hinaus. Governance ist über Disziplinen hinweg ein Modewort geworden und „gehörte um die Jahrtausendwende zu den Favoriten im Wettbewerb um den Titel des meistgenutzten Begriffes in den Sozialwissenschaften“ (Blatter 2006, S. 50; vgl. Beck 2017, S. 351). Da es – wie bereits erwähnt – keine einheitliche Definition gibt, ist es wichtig, sich nochmal die zentralen Prämissen des Begriffs zu verdeutlichen. Prämissen des Governance-Begriffs Wie einleitend erwähnt, kann Governance entlang von einigen Prämissen spezifiziert werden, was im Folgenden etwas vertieft wird. Governance lässt sich als Antithese zum Begriff Government verstehen. Politische Steuerung von kollektivem Regieren im globalen Westen geschieht – so die dem Begriff innewohnende These – nicht hierarchisch top-down durch eine (nationalstaatliche) Regierung, sondern durch eine nichthierarchische, netzwerkartige Form des Regierens. Es wird auch häufig als Regieren außerhalb/neben/mit dem Nationalstaat aufgefasst, aber nicht durch den Nationalstaat allein, was auf die neofunktionalistischen Grundannahmen des Begriffs zurückzuführen ist (vgl. Knodt/Große Hüttmann 2012). Diese Grundannahmen fußen nicht auf der Überzeugung, dass der Nationalstaat abgeschafft wird, sondern in globalen Fragen immer unwichtiger und ohnmächtiger wird. Der Nationalstaat bleibt aber ein wesentlicher Teil in Governance-Strukturen und ist kooperativ tätig. Durch Transnationalisierung, Denationalisierung und Globalisierung sind die Bearbeitung und Handhabung von globalen und europäischen wirtschaftlichen und politischen Zusammenhängen und transnationalen Flows hyperkomplex geworden. Der Nationalstaat – zumindest in westlichen Industrienationen – ist immer weniger in der Lage, diese komplexen Zusammenhänge allein zu lösen und delegiert Kompetenzen und Durchführungsakte an verschiedene, in Netzwerken organisierte Akteur*innen. Angesichts der Hyperkomplexität der internationalen Märkte, der Eigendynamik der globalen Wirtschaft und zunehmender internationaler Verflechtungen auf politischer Ebene setzt der Nationalstaat auf Kooperation mit supra-/subnationalen Organisationen – also der EU und den Regionen/Kommunen –, aber auch privaten wirtschaftlich tätigen Akteur*innen (vgl. Hungerland/Teupe in diesem Band). Trotz nationaler Grenzziehungsprozesse in Wirtschaft (Handelsblockaden und Strafzölle) und Politik (im Zuge von globalen Migrationsbewegungen oder der aktuellen Coronavirus-Pandemie) können viele soziale, wirtschaftliche und ökologische Sachverhalte nicht mehr im „nationalen Container“ (Sassen 2013) gelöst werden (vgl. Benz/Dose 2010, S. 15). Vielmehr wird der Fokus auf regelmäßige Formen von Gemeinschaftskooperationen von verschiedenen Akteur*innen2 und auf 2.2 einen effizienten öffentlichen Dienst, eine unabhängige Judikative und einen rechtlichen Rahmen vor (vgl. Rhodes 1996, S. 656). 2 Im Bereich der EU Multi-Level Governance kann nach Akteur*innen auf vertikaler Ebene (Institutionen auf supranationaler, nationaler und subnationaler Ebene) und horizontaler Ebene (Akteur*innen auf derselben vertikalen Ebene) unterschieden werden. So können auf der vertikalen Dimension Akteur*innen in Governance- Strukturen etwa die EU-Kommission, das EU-Parlament, einzelne Parlamentarier, der Europäische Ausschuss der Regionen (supranationale Ebene), das Ministerium für Justiz oder das Bundesamt für Bau-, Stadt- und Raumforschung (nationale Ebene) und Regionen (in Deutschland die Bundesländer), Landkreise und Kommunen Peter Ulrich und James W. Scott 158 unterschiedliche transnationale Maßstäbe (Scales) oder administrative Ebenen (Layer) gelegt. Des Weiteren kann Governance funktional (kollektive Bearbeitung eines Problems, Projektes, Programmes, Politikbereiches oder einer spezifischen Aufgabe) oder territorial (Entwicklung eines Raums oder Region) ausgeprägt sein (vgl. Benz/Dose 2010). Auf regionaler Ebene können „netzwerkartige regionale Formen der Selbststeuerung unter Einbezug von Akteuren aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und/oder der Zivilgesellschaft“ (Fürst 2007, S. 356) entstehen. Im Bereich der Cross-Border Governance ist auch der Blick auf die A-/Symmetrie, also die diagonale Form der Governance, äußerst relevant und interessant. Das Konzept Cross-Border Governance Im Bereich der grenzüberschreitenden Kooperation3 spielt das Governance-Konzept eine herausragende Rolle. Es ist dann etwa die Rede von grenzübergreifender Governance oder Cross- Border Governance. Der Begriff hat sich in Europa ab Ende der 1990er-Jahre herausgebildet (vgl. Scott 1999; 2000a; 2002; Leresche/Saez 2002; Perkmann/Sum 2002; Gualini 2003; Kramsch/Hooper 2004; Perkmann 2007), um die Zunahme von Kooperationsprozessen über nationalstaatliche Grenzen hinweg zu markieren und zugleich einen analytischen Ansatz für die Beschreibung dieser Interaktionsprozesse über territoriale Grenzen hinweg zur Verfügung zu stellen. Im Folgenden wird der Hintergrund der Entstehung des Begriffs erläutert und Cross-Border Governance entlang definitorischer Merkmale eingeordnet. Kontext und Entstehung Im ersten Abschnitt wurde zu den zentralen Merkmalen des Governance-Begriffs erklärt, dass politische Steuerung nicht mehr auf nationaler Ebene, sondern zwischen den Ebenen auf globaler, supranationaler und subnationaler Ebene stattfindet. Im Bereich der grenzübergreifenden Kooperation an innereuropäischen Grenzen in der EU hat eine „Regionalisierung durch Europäisierung“ (vgl. Keating 2002, S. 215) Formen von grenzüberschreitender (Cross- Border) Governance geschaffen. Genauer gesagt wurde die grenzüberschreitende subnationale Ebene politisch, rechtlich und finanziell durch den Europarat, die EG (Europäische Gemeinschaft) und später die EU unterstützt.4 Gleichzeitig hat diese Entwicklung den Druck auf die Akteur*innen in Grenzlage erhöht, grenzüberschreitend aktiv zu werden, da es durch die Förderung des europäischen Subsidiaritäts- und Partnerschaftsprinzips5 von der EU entscheidende 3 3.1 (subnationale Ebene) sein. Auf horizontaler Ebene können diese Akteur*innen auf regionaler Ebene das Landesministerium für Europa oder Wirtschaft, die Industrie- und Handelskammern, die ortsansässigen Vereine, Interessensvereinigungen und Kammern, sowie zivilgesellschaftliche Initiativen sein, die sich z.B. in die gemeinsame Gestaltung von regionalen Entwicklungsplänen einbringen. 3 Das Konzept Cross-Border oder grenzüberschreitende Governance kam speziell im Rahmen der EU-Regionalpolitik, aber auch in anderen regionalen und globalen Kontexten auf. 4 Politisch wurde die grenzüberschreitende Zusammenarbeit in Europa durch die Einheitliche Europäische Akte (1987) und den Vertrag von Lissabon gefördert, u.a. mit der Stärkung der EU-Regionalpolitik und der Schaffung des Ausschusses der Regionen (1995). Rechtlich wurde die subnationale Ebene durch das Subsidiaritätsprinzip (1992) bestärkt und durch die Einführung des EU-Binnenmarktes und des Schengener Abkommens wirtschaftliche Zirkulation und Reisefreiheit über Grenzen gefördert. Finanziell hat vor allen Dingen die Gemeinschaftsinitiative INTERREG (1990) und später die Europäische Territoriale Zusammenarbeit (ETZ) viele Projekte, Programme und Politiken grenzüberschreitend auf subnationaler Ebene ermöglicht. 5 Das von der EU eingeführte Subsidiaritätsprinzip gibt untergeordneten staatlichen Organisationen hohe Selbstbestimmungsrechte. Das Partnerschaftsprinzip ist von der EU hauptsächlich im Rahmen der Regionalpolitik eingesetzt worden. Cross-Border Governance in europäischer Regionalkooperation 159 Anstöße gab, die Kooperation mit den Nachbar*innen jenseits der Grenze zu vertiefen. Diese grenzregionale Förderung von Kooperationen hat zu einer Heterogenisierung von Netzwerken des Regierens in grenzüberschreitenden Regionen geführt. Speziell durch das INTERREG-Programm wurde in den 1990er-Jahren ein wahrer Boom grenzüberschreitender Zusammenarbeit ausgelöst. Angesichts der Entstehung von Kooperationsräumen über Grenzen hinweg stellt sich die Frage „[H]ow these emergent spaces are specifically to be governed?“ (Kramsch/Hooper 2004, S. 3). Politisch sind einige politische Absichtserklärungen zwischen angrenzenden Staaten geschlossen worden, grenzüberschreitend zu kooperieren.6 Institutionell entstanden seit den 1990er-Jahren zahlreiche sogenannte Euroregionen, Eurodistrikte oder Euregios7. Nach Markus Perkmann sind Euroregionen kleinskaligere Versionen von Grenzregionen, die auch als „micro-CBR“8 bezeichnet werden können und die mit territorialen Gebietskörperschaften über eine oder mehrere nationalstaatliche Grenzen hinweg einen Kooperationsverbund eingehen (vgl. Perkmann 2007, S. 861). Strategisch werden seit 1990 durch das EU-Programm INTERREG und später die Europäische Territoriale Zusammenarbeit (ETZ) von den zuständigen Verwaltungsbehörden siebenjährige Kooperationsprogramme herausgearbeitet, die mehrjährige Projekte finanzieren, um Grenzregionen wirtschaftlich und sozial zu stärken und die territoriale Kohäsion zu fördern. Diese Förderung von Grenzregionen und die dadurch entstandene erhöhte Notwendigkeit zur Steuerung und Planung grenzüberschreitender Prozesse führte zur Herausbildung von Governance-Strukturen über nationalstaatliche Grenzen hinweg. In diesem Zusammenhang wurde in der wissenschaftlichen Literatur Cross-Border Governance als theoretisches Modell eingeführt, um die Organisation und Koordination von Regieren und politischer Steuerung in Grenzregionen im Bereich von öffentlichen Dienstleistungen (Bildungs-, Infrastruktur-, Gesundheits-, Energie- und Transportmaßnahmen) zu erfassen. Durch das Analysemodell wurde der Fokus konkret auf die Einbeziehung von verschiedenartigen Akteur*innengruppen gelegt, die zumeist das Ziel haben, bei durchlässigen (permeablen) nationalstaatlichen Grenzen grenzüberschreitend zu agieren. Definitorische Annäherung Grenzüberschreitende Governance oder auch Cross-Border Governance beschreibt und untersucht Strukturen und Prozesse der politischen Steuerung durch Netzwerke kollaborativen Regierens über nationalstaatliche Grenzen hinweg. Das Konzept fokussiert dabei meistens die subnationale, also regionale und lokale Ebene im Hinblick auf Entwicklungsaspekte eines konkreten Raums oder Sachverhalts. Im europäischen Integrationsprozess geht es dabei primär um die politische Steuerung und das kollektive Regieren durch verschiedene staatliche und nichtstaatliche Akteur*innen (öffentliche und private Organisationen) sowie grenzüberschrei- 3.2 6 Ein Beispiel dafür ist der deutsch-polnische Nachbarschaftsvertrag (kurz für „Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Polen über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit“) vom 17.6.1991, der Initialzünder der deutsch-polnischen Zusammenarbeit war und einige Politikbereiche als gemeinsame Kooperationsfelder benennt. Siehe dazu auch Ulrich (2017, S. 375). 7 Die erste Euregio ist zwar 1958 an der deutsch-niederländischen Grenze entstanden, allerdings ging der Boom der Gründungen weiterer Euroregionen erst nach 1990 los. Das liegt zum einen an der neuen europäischen Gemeinschaftsinitiative INTERREG, die grenzüberschreitende Kooperationsprogramme und -projekte großzügig finanziell unterstützt hat, zum anderen hängt es aber auch mit dem Fall des Eisernen Vorhangs zusammen und der Heranführung des europäischen Ostens an die westeuropäischen Länder. Nach Sara Svensson (2013) existieren in Europa heute etwa 150 Euroregionen, die meisten wurden nach 1990 gegründet. 8 Nach Perkmann (2007, S. 861). CBR ist die Abkürzung von Cross-Border Region (Grenzregion). Peter Ulrich und James W. Scott 160 tend-supraregionale Akteur*innen (grenzüberschreitende Institutionen) über verschiedene Verwaltungsebenen und konkret über mindestens eine nationalstaatliche Grenze hinweg. Auch wenn der Begriff um die Jahrtausendwende in zahlreichen Beiträgen prominent diskutiert wurde, gibt es – wie bereits erwähnt – kaum konkrete Definitionen dazu. Im Folgenden werden die wenigen Definitionen, die es im Bereich der europäischen Grenzraumstudien gibt, kurz skizziert. Cross-Border Governance kann in Bezug auf die grenzüberschreitende EU-Regionalpolitik und im Rahmen der EU-Integrationsprozesse entlang der politisch-ökonomischen, institutionellen und symbolisch-kognitiven Dimension unterschieden werden (vgl. Gualini 2003, S. 44ff.). Der Begriff wird nach Enrico Gualini eher in einem institutionalistischen Verständnis definiert: „Cross-border Governance is an institutional construct resulting from complex processes of co-evolution. In their current phase of institutionalisation, cross-border Governance settings face a struggle that highlights the dialectics between path-dependency and pathshaping, between institution building and institutional design“ (ebd., S. 43). Das Entstehen von grenzüberschreitenden Governance-Strukturen ist daher stets mit Bedingungen des Gelingens und Pfadabhängigkeiten verbunden, die in den drei oben genannten Ebenen verortet sind. Des Weiteren wird Cross-Border Governance häufig als Resultat der Compliance mit EU- Rechtsprechung durch öffentliche Akteur*innen und territoriale Gebietskörperschaften verstanden. Diese Governance-Strukturen entstehen durch Prozesse der sogenannten ‚Europäisierung‘ von öffentlichen Verwaltungen und regionalen Behörden, wenn nämlich Normen, Strategien und Rechtsprechungen von der EU auf diese Organisationen übertragen werden. Noralv Veggeland beschreibt dieses Zusammenwachsen folgendermaßen: „Externally, the dynamic of spatial multilevel Governance formations is structured by both upwards and downwards pooling of sovereignty into vertical EU-state-region partnerships. Internally, the domestic regional tier develops its own local partnerships in a horizontal order. Furthermore, the growing number of cross-border jurisdictions and transboundary region as partnership constructions, i.e. the EU-regions and the Euro-regions, are organized in a horizontal order. […] As partners, the cooperating regions, the states, the private actors, and the EU, as indicated above, have all subordinated themselves under the legal rules of negotiated treaties, agreements and contracts. Thus, the building of EU-regions and the Euro-regions are intimately linked to EU Governance, to the arising territorial multilevel Governance and partnership structures in Europe“ (Veggeland 2004, S. 161f.). Hier wird deutlich, dass das Konzept Cross-Border Governance teilweise von anderen Formen der Governance in der EU, insbesondere der Multi-Level Governance, schwer zu trennen ist. Zudem wird das Konzept, wie bereits aufgezeigt, als Konsequenz der EU-Rechtsprechung und der Einhaltung von Rechten und Normen der EU gesehen. Jarosław Jańczak verwendet das Konzept der Cross-Border Governance als Steuerungsbegriff in Folge der immer stärker werdenden Entgrenzung und Verflechtung im Grenzraum durch Europäisierungsprozesse: „De-bordering (but also re-bordering) and increasing (or decreasing) mutual interdependencies create a necessity for cross-border Governance of the traditional public sphere where all the actors can be involved“ (Jańczak 2011, S. 39f.). Wie auch bei Veggeland (2004) wird Cross-Border Governance hier als Antwort auf „transformative Prozesse“ Cross-Border Governance in europäischer Regionalkooperation 161 verstanden. Tarmo Pikner erweitert diese Bestimmung, wenn er Cross-Border Governance als eine „social infrastructure across the state borders which create channels for the transfer or flow of material and non-material resources“ (Pikner 2008, S. 2014) beschreibt. Ein solches Verständnis von Governance betont die Bedingungen der Ermöglichung von Zirkulation von Objekten, Subjekten, Wissen, Kapital etc. Des Weiteren spricht James Scott von transnationaler Governance, einem Konzept, das dezentralisierte Formen der Interaktion über Grenzen umfasst (vgl. Scott 1999, S. 606) und auf angemessene Art und Weise auf Probleme reagiert, die zuvor nicht effizient und effektiv genug gelöst wurden: „Clearly then, one of the central issues determining the significance of transnational regionalism is that of Governance, of addressing in a politically meaningful way local and regional concerns that transcend traditional national and/or international problem-solving capacities“ (Scott 2002, S. 136). In dieser Definition wird nochmal die eingangs erwähnte Prämisse des Konzepts deutlich, dass Governance ein Problemlösungsmodus sein kann, wenn der Nationalstaat alleine nicht in der Lage ist, diese Probleme zu lösen. Nachdem die definitorische Annäherung an den Begriff vollzogen worden ist, wird im Folgenden der Grenzbezug hervorgehoben. Grenzbezug Anders als Global oder Multi-Level Governance, die auf unterschiedliche Skalen und administrative Ebenen verweisen, legt der Cross-Border Governance-Ansatz den Fokus explizit auf die räumlich-territoriale Dimension. Zudem besteht ein klarer Grenzbezug. Wie der Begriff grenzüberschreitende/Cross-Border Governance verdeutlicht, geht es hier um eine Form der Politiksteuerung und um Interaktionen über nationalstaatliche Grenzen hinweg. Der Fokus liegt also ganz klar auf politisch-territorialen, zumeist nationalstaatlichen Grenzen. Im Fall der EU muss zwischen inneren und äußeren territorial-politischen Grenzen unterschieden werden. Governance an oder über innere EU-Grenzen hinweg wird häufig im Rahmen der EU-Regionalpolitik durchgeführt. Demnach handelt es sich um regionale Formen der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit, etwa in den Bereichen der Daseinsvorsorge, wie Gesundheit, ÖPNV, Bildung, aber auch Umweltschutz, Regional- und Stadtplanung und wirtschaftliche Kooperation (vgl. Eigmüller in diesem Band). Governance an und über äußere EU-Grenzen hinweg umfasst eher die hoheitlichen Bereiche der Sicherheits- und Außenpolitik und die politische Steuerung an den Außengrenzen. Auch hier kooperieren verschiedene (z.B. staatliche und private) Akteur*innen unter Verwendung unterschiedlicher Technologien und transnationaler Informationsdatenbanken sowie EU-Einrichtungen wie die umstrittene Grenzschutzagentur Frontex miteinander (vgl. Pötzsch in diesem Band). Während also Cross-Border Governance über EU-Binnengrenzen hinweg im Dienste des Debordering steht, insofern Grenzüberschreitung erwirkt und so dem Wunsch nach permeablen Grenzen gefolgt wird, geht es im Falle der EU-Außengrenzen eher um Rebordering, insofern die Grenzsicherheit mit dem normativen Ziel der Schaffung von durablen Grenzen im Fokus steht. Für die Governance entlang der EU-Außengrenze wird im Rahmen der Diskussion um die Festung Europa auch häufig das Konzept Grenzregime verwendet (vgl. Hess/Kasparek 2010; siehe auch Hess/Schmidt-Sembdner in diesem Band). Grenzen werden in beiden Fällen nicht als einfache Trennlinien, sondern territoriale Gebilde verstanden, welche die zwischennationalen Grenzen (innere EU-Grenzen) oder geopolitisch- 3.3 Peter Ulrich und James W. Scott 162 systemischen Grenzen (äußere EU-Grenzen) überlagern und in dieser räumlichen Ausdehnung ein Netzwerkgeflecht an verschiedenen Akteur*innen und administrativen Ebenen verbinden. Im Folgenden wird der Fokus auf die institutionelle Dimension von Cross-Border Governance gelegt. Institutionalisierung von Grenzregionen Nach Gualinis Klassifizierung umfasst Governance auch eine Institutionalisierung grenzüberschreitender Zusammenarbeit (vgl. Gualini 2003, S. 44). Im Kontext von politischer Steuerung kann Governance daher aus einem formellen oder informellen Regelwerk zur Strukturierung und Konsolidierung grenzüberschreitender Politikpraxis bestehen. Jean-Philippe Leresche und Guy Saez verweisen darauf im Hinblick auf die grenzüberschreitende Zusammenarbeit in der EU: „Cross-border cooperation […] is one of those objects which, by construction, requires simultaneously to consider productive systems, affiliations and political organization“ (Leresche/Saez 2002, S. 77). Eine solche Institutionalisierung grenzüberschreitender Governance zielt auch auf eine Form supraregionaler Institutionenbildung, also einer überregionalen Einheit, die politisch nicht alleinig einer der beiden nationalen Gebietskörperschaften zuzurechnen ist, sondern über eigene grenzüberschreitende Kompetenzen verfügt. Im Hinblick auf Governance und Institutionen ist nach folgenden Bezügen zu differenzieren (vgl. Abbildung 1): Abbildung 1: Governance und Institutionen (eigene Darstellung: Peter Ulrich) Erstens beschreibt inter-institutionelle Governance innerstaatliche und zwischeninstitutionelle Formen der politischen Steuerung und Koordination. Funktionale oder territoriale Governance umfasst dabei mindestens zwei verschiedenartige Institutionen. Ein Beispiel dafür wäre im regionalen Kontext die politische Steuerung von Strukturwandel z.B. in der Lausitz, der von 3.4 Cross-Border Governance in europäischer Regionalkooperation 163 staatlichen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Akteur*innen koordiniert wird. Zweitens beinhaltet intra-institutionelle Governance die innerstaatliche politische Steuerung zwischen mindestens zwei Akteur*innentypen innerhalb einer gemeinsamen Institution. So könnten zwei verschiedene Interessen innerhalb einer Organisation kollidieren und eine politische Steuerung vonnöten machen. Ein Beispiel sind regionale Innovations- und Technologie- Cluster, die für die effiziente und effektive Steuerung von Entwicklungsprozessen innerhalb des Clusters verschiedene Einheiten umfassen, z.B. für Forschung sowie die Abteilung Transfers/Entwicklung. Hier bedarf es einer intra-institutionellen Steuerung – einer Governance – von verschiedenen Organisationseinheiten. Drittens verweist inter-institutionelle grenzüberschreitende Governance auf politische Steuerung von mindestens zwei Einrichtungen, die sich in unterschiedlichen Ländern, meist innerhalb einer Grenzregion, befinden. So können bei der Ausarbeitung eines mehrjährigen INTERREG-Programms z.B. zwischen Brandenburg und Polen regionale, lokale und nationale Entscheidungsträger auf beiden Seiten der Grenze in Interaktion treten. Viertens bezieht sich intra-institutionelle grenzüberschreitend-supraregionale Governance auf die höchste Form der Institutionalisierung grenzüberschreitender Governance, da überregionale, d.h. supraregionale Strukturen geschaffen werden. Genauer gesagt beschreibt das Konzept die interne politische Steuerung von grenzüberschreitenden Institutionen. Eine weiche Form ist der eher informelle Rahmen der Euroregion, der ein Dach, basierend auf einer institutionellen Kooperationsvereinbarung zweier Trägervereine auf beiden Seiten der Grenze, darstellt. Eine formellere Form der Institutionalisierung supraregionaler Governance ist die Schaffung von rechtlich-verbindlichen Rahmen, etwa durch die Anwendung des EU-Instruments des Europäischen Verbunds für territoriale Zusammenarbeit (EVTZ) in Grenzregionen. Die intrainstitutionelle Governance in diesen supraregionalen Strukturen beinhaltet die Nutzung und das Zusammenspiel von gemeinsamen Organen, Bilingualismus in internen Kommunikationsprozessen sowie die gleichmäßige und bilinguale Besetzung von Spitzenpositionen und Personalstellen, um die Berücksichtigung der mindestens zwei nationalen Seiten im Grenzraum zu garantieren. Die letztgenannte Form von Cross-Border Governance beschreibt Markus Perkmann mit Blick auf Euroregionen mit folgenden Eigenschaften: Grenzüberschreitende Governance umfasst mehrheitlich Akteur*innen aus dem öffentlichen Bereich (auch wenn andere Sektoren inkludiert werden), sie sind in informellen oder quasi-juridical Institutionen organisiert und dienen dem praktischem Problemlösen (vgl. Perkmann 2007, S. 863). Die grenzüberschreitenden Institutionen wie Euroregionen werden zumeist durch binationale Mitgliederräte, Präsidenten, Arbeitsgruppen und Sekretariate organisiert (vgl. ebd., S. 863). In den Räten und Arbeitsgruppen sind verschiedene Akteur*innengruppen vertreten – primär öffentlich-territoriale Akteur*innen –, aber auch private und zivilgesellschaftliche Netzwerke. Akteur*innenbezug und politikfeldspezifischer Anwendungsbezug Cross-Border Governance ist ein akteur*innenzentrierter Ansatz. Wie im Falle der Multi-Level Governance können Akteur*innen auf verschiedenen administrativen Ebenen (supranationale, nationale, subnationale Ebene) angesiedelt sein (vertikale Dimension). Das Besondere bei dem Ansatz der Cross-Border Governance ist aber der explizite Grenzbezug, der es erfordert, nicht 3.5 Peter Ulrich und James W. Scott 164 nur auf Akteur*innen-Interaktionsmuster auf einer Seite der Grenze zu schauen (horizontale Dimension), sondern auch das Wechselverhältnis mit Akteur*innen auf der anderen Seite der Grenze im Blick zu haben. Hier geraten mitunter Asymmetrien in den Fokus, insofern über Grenzen kooperierende Akteur*innen sich auf unterschiedlichen administrativen Ebenen befinden (diagonale Dimension). So verfügen diese Akteur*innen über ähnliche oder ganz andere Formen von Kompetenzen (vgl. Maier 2009, S. 459). Daher können zwei Besonderheiten in Bezug auf die Akteur*innenstrukturen der Cross-Border Governance genannt werden. Erstens besteht eine Art ‚Spiegel‘ der Akteur*innenstruktur auf beiden Seiten der nationalstaatlichen Grenze. So können auf der regionalen oder lokalen Ebene verschiedene oder ähnliche Arten von Akteur*innengruppen grenzüberschreitend in Interaktion treten. Zweitens kann ein diagonales Verhältnis bei ungleich verteilten Kompetenzen und Ressourcen bei den territorialen Gebietskörperschaften zwischen Land A und Land B bestehen. Je nach Staatsorganisation (dezentral/föderalistisch vs. zentralistisch) liegen die zuständigen Behörden in Bezug auf spezifische Politikbereiche auf verschiedenen hierarchischen Ebenen. Die Governance über Grenzen hinweg wird dadurch asymmetrisch und diagonal, was Governance-Prozesse erschweren kann (vgl. ebd., S. 459). Akteur*innen der Cross-Border Governance im Kontext der grenzüberschreitenden Kooperation in der EU gehören in erster Linie dem öffentlichen Sektor an und sind meist im Bereich der Daseinsvorsorge (Bildung, Gesundheit, Transport, Energie etc.) tätig. Weitere Akteur*innen sind etwa kulturelle, soziale und zivilgesellschaftliche Organisationen oder Interessensvertreter*innen aus dem privaten und wirtschaftlichen Bereich, die aber nach EU-Beihilfenrecht nicht problemlos EU-Regionalfondsmittel einwerben können. Normalerweise „sind es daher kommunale und staatliche Verwaltungsakteure oder sonstige institutionelle Akteure wie Kammern (IHK, HWK) und Verbände des Dritten Sektors, die in der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit tätig sind und die Projekte und Programme aus öffentlichen Budgets kofinanzieren“ (Beck 2017, S. 354). Auch Perkmann geht von einem heterogenen Netzwerk an Akteur*innen aus, die aber mehrheitlich aus dem öffentlichen Bereich kommen: „In most cases, the participating bodies are local authorities, although sometimes regional or district authorities are involved. Occasionally, other organizations, such as regional development agencies, interest associations and chambers of commerce also participate in the Governance of the CBR“ (Perkmann 2007, S. 863). Jańczak systematisiert die Akteur*innenstrukturen des Cross-Border Governance entlang einer vertikalen und horizontalen Form. Die horizontale Ebene bezieht sich hier auf Interaktionsprozesse verschiedener Akteur*innen auf beiden Seiten der Grenze. Wie auch in Abbildung 2 gezeigt, unterscheidet er zwischen Top-down- und Bottom-up-Formen der grenzüberschreitenden Governance: „Consequently, cross-border Governance has two dimensions. Vertically it contains three levels: administration, NGOs and individuals that interact in the process, of formulating policies addressed to the partner town. Horizontally, on the other hand, the corresponding actors interact at each level. Cross-border Governance in a border twin town may be top-down (by administration) or bottom-up (by individuals) inspired, but it always requires collaboration of at least two actors from both sides of the border, representing the same level of Governance“ (Jańczak 2011, S. 41f.). Cross-Border Governance in europäischer Regionalkooperation 165 Abbildung 2: Das Modell Cross-Border Governance (eigene Darstellung: Peter Ulrich) Die Ermöglichung innovativer, sozialer und von Bottom-up-Formen der grenzüberschreitenden Politikgestaltung bietet auch Raum für Beteiligung von neuartigen Akteur*innen, die sich über die Zeit auf diese Art von grenzüberschreitender Regionalpolitik spezialisieren. Perkmann bezeichnet diese Akteur*innen als policy entrepreneurs (vgl. Perkmann 2007, S. 862). Ob Cross-Border Governance aber tatsächlich bottom-up geschieht, wie es von Perkmann oder Jańczak formuliert wird, ist nicht ausgemacht. Mit dem politischen, von Eliten geschaffenen Rahmen, bestehend aus regionalen, nationalen und europäischen Akteur*innen, ist ein Handlungsraum geschaffen, der sich nach europäischem Vorbild institutionalisiert und zusammenwächst: „Faktisch wird die Institutionalisierung grenzüberschreitender Zusammenarbeit jedoch nicht in die Hände derer gelegt, die vor Ort leben, also spontanen Prozessen der Selbstorganisation überlassen, sondern durch regionale Eliten oder europäische Vertreter stufenweise verankert“ (Banse 2013, S. 84). Daher kann Cross-Border Governance als eine Form der politischen Steuerung der Eliten verstanden werden, welche aber auch zahlreiche andere Akteur*innen zulässt. Gegenstandsbereich politischer Steuerung durch eine Vielzahl von Akteur*innen sind im Bereich der grenzüberschreitenden subnationalen Kooperation das gemeinsame Planen, Entwerfen und Umsetzen von EU-Regionalpolitik in Grenzregionen (vgl. Klatt in diesem Band). EU-Regionalpolitik umfasst den Bereich der low politics, die in erster Linie die Grundsiche- Peter Ulrich und James W. Scott 166 rung der Bevölkerung und deren Daseinsvorsorge betrifft. Politikbereiche der EU-Regionalpolitik umfassen alle Bereiche der wirtschaftlichen, sozialen und territorialen Kohäsion, in der „Raumordnung, im Umweltschutz, beim öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV), in der Bildung, Forschung und Innovation“ (Beck 2017, S. 354). Zu trennen ist der Bereich etwa von der Cross-Border Security Governance oder Foreign & Security Governance, die sich als high politics um die Sicherung des Nationalstaates kümmern und somit vom Begriff der Cross-Border Governance klar zu differenzieren sind. Nach der Darlegung von zentralen Eigenschaften von grenzüberschreitender Governance werden im Folgenden einige Beispielstudien präsentiert. Anwendungsbeispiele und empirische Studien Im Folgenden wird die Anwendung des theoretischen Modells Cross-Border Governance anhand von vier empirischen Studien zum deutsch-polnischen Grenzraum illustriert. Obwohl es unzählige Governance-Fallstudien an Grenzen weltweit gibt, konzentrieren sich die meisten Studien auf EU-Grenzregionen, da im Kontext der Europäisierung und Regionalisierung ein besonderer Fokus und Bedarf an politischer Steuerung durch das postulierte Partnerschaftsprinzip in europäischen Grenzregionen vorliegt. Die deutsch-polnische Grenze wurde aufgrund ihrer starken politischen, historischen und sprachlichen Divergenzen und aufgrund der langjährigen Forschungstätigkeiten der Autoren in dieser Region als Analyseraum ausgesucht. Die Fallstudien in der Untersuchungsregion lassen sich nach verschiedenen Skalenniveaus differenzieren: Das erste Fallbeispiel umfasst die Doppelstadt Frankfurt (Oder)–Słubice (vgl. Jańczak 2011), das zweite Fallbeispiel den (euro)regionalen Verbund der Euroregion Pro Europa Viadrina (vgl. Perkmann 2007) und das dritte Fallbeispiel die transnationale Makroregion des Ostseeraums (vgl. Scott 2002). Das vierte Fallbeispiel zeigt mit der TransOderana EVTZ (in Gründung) eine besondere Form der Institutionalisierung von grenzüberschreitender deutschpolnischer Regionalkooperation (vgl. Ulrich 2017). Fallbeispiel 1: Doppelstadt und Kooperationszentrum Frankfurt (Oder)-Słubice In der Studie von Jarosław Jańczak (2011) zur Doppelstadt an der Oder wird gezeigt, wie mit dem Geschichtsverlauf seit 1945 Grenzverschiebungen, Bevölkerungswanderungen und -umsiedlungen zahlreiche geschichtliche und soziokulturelle Spuren in der Grenzregion hinterlassen haben, die auch in Zeiten der deutsch-polnischen Versöhnung die heutige Planung und grenzüberschreitende Kooperation nachhaltig beeinflussen. Zudem skizziert er verschiedene Formen von Asymmetrien – z.B. sprachliche, kulturelle, wirtschaftliche und soziale –, die die grenzüberschreitenden Politik- und Planungsprozesse vor Herausforderungen stellen (vgl. ebd., S. 43f.; siehe zu sprachlichen Grenzziehungen auch Nekula in diesem Band). So sind die soziale Integration und das Wissen über ‚die Anderen‘ auf beiden Seiten der Grenze wenig ausgeprägt. Zudem wurden grenzüberschreitende Vorhaben wie etwa eine Tramlinie über die Grenze von der Bevölkerung kritisch gesehen und per Bürgerinitiative abgelehnt (vgl. ebd., S. 44). Ausgehend von diesen Rahmenbedingungen der deutsch-polnischen Grenzgeschichte für die Kooperation in der grenzüberschreitenden Doppelstadt, geht Jańczak im Folgenden auf verschiedene Akteur*innengruppen ein. Er identifiziert eine ausgeprägte Teilhabe und breites Engagement von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und zivilgesellschaftlichen Akteur*in- 4 4.1 Cross-Border Governance in europäischer Regionalkooperation 167 nen beiderseits der Grenze trotz Unterschieden in den Entwicklungen der Zivilgesellschaft auf beiden Seiten der Grenze (vgl. ebd., S. 44). Laut Jańczak betonen zivilgesellschaftliche Akteur*innen wie etwa die Słubfurt-Initiative9 die kulturellen, historischen und sozialen Gemeinsamkeiten, die die Grenze als ein verbindendes, weniger als ein trennendes Element in Szene setzt, und zielen durch Kollaboration und Interaktion auf die Optimierung von lokalen Problemlösungskapazitäten ab (vgl. ebd., S. 44). Die weitreichendste Form der Zusammenarbeit findet aber zwischen den Stadtverwaltungen statt. Diese „top-down organized Governance“ (vgl. ebd., S. 44), die durch die nationalen Hauptstädte und EU-Förderungen lange unterstützt worden ist, hat auf der supraregional-grenzüberschreitenden intra-institutionellen Governance- Ebene zahlreiche politische Steuerungsformen und -formate errichtet, wie gemeinsame Kommissionen, Sitzungen etc. Gleichzeitig wurden viele gemeinsame Symbole geschaffen, wie ein gemeinsames Stadtmarketing und -logo. Außerdem wurden zahlreiche grenzüberschreitende Projekte durchgeführt, etwa in den Bereichen Bildung, Sport, Raumplanung etc. (vgl. ebd., S. 44). Im Jahr 2010 wurden zudem ein Kooperationszentrum der Doppelstadt (2010) mit monatlichen gemeinsamen Sitzungen der Bürgermeister eingerichtet, zwei grenzüberschreitende Handlungspläne verabschiedet (2010–2020 und 2020–2030) und eine grenzüberschreitende Buslinie und ein Fernwärmesystem installiert (vgl. Ulrich/Krzymuski 2018, S. 167ff.). Die Studie von Jańczak zeigt, dass grenzüberschreitende Governance zum einen ein Analysemodell ist, um regionalpolitische Prozesse zu beschreiben, zum anderen kann es auch als normatives Steuerungsinstrument verstanden werden, um verschiedene Akteur*innen über Grenzen hinweg für kooperative Zwecke zu verbinden – mit dem Ziel, historische Konfliktpotenziale abzubauen und neue Formen des Zusammenlebens zu gestalten. Die grenzüberschreitende Governance wurde 2010 durch eine Institutionalisierung der Zusammenarbeit zu einer supraregional-grenzüberschreitenden intra-institutionellen Governance-Form. Fallbeispiel 2: Euroregion Pro Europa Viadrina Die Euroregion, die den Ostteil des Landes Brandenburg und Teile der Wojewodschaft Lubuskie umfasst, wurde im Jahr 1993 mit damals noch starken Grenzdifferenzen (vgl. Perkmann 2007, S. 869) gegründet. Auf der deutschen Seite führten zwei Hauptmotive zur Gründung der Euroregion: Zum einen gab es zivilgesellschaftliche Ambitionen mit dem Ziel, einen Beitrag zur deutsch-polnischen Versöhnung bezüglich der Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg zu leisten, da sich mit der europäischen Integration nach dem Fall des Eisernen Vorhangs eine Möglichkeit dafür bot. Zum anderen war auch die Aussicht auf eine Regionalförderung durch den neu gegründeten Fördertopf INTERREG ein Motiv zur Gründung (vgl. ebd., S. 869f.). Das Land Brandenburg hat sich für die Schaffung einer Euroregion stark eingesetzt, die INTERREG-Mittel für Brandenburg und Polen teilweise für die Kooperation im genannten Territorium verwalten kann. In der Analyse der deutsch-polnischen Euroregion von Perkmann wird zum einen die inter-institutionelle grenzüberschreitende Governance anhand der beteiligten Akteur*innen aus Deutschland und Polen wie öffentlicher Behörden, funktionaler und repräsentativer Körperschaften (z.B. IHK) und des World Trade Center in Frankfurt (Oder) 4.2 9 Die Słubfurt-Initiative ist ein Kulturprojekt, das von einem Künstler in der Doppelstadt Frankfurt-Słubice geschaffen worden ist und auch aus einem Förderverein besteht. Zahlreiche Projekte der Słubfurt-Initiative zielen darauf ab, die in zwei Länder geteilte Stadt an der Oder als eine Einheit mit eigener Geschichte, Politik und kultureller Prägung zu sehen. Peter Ulrich und James W. Scott 168 beschrieben (vgl. ebd., S. 869). Zum anderen wird die intra-institutionelle grenzüberschreitend-supraregionale Governance, also die politische Steuerung innerhalb der Euroregion Pro Europa Viadrina veranschaulicht, die aus einem deutsch-polnischen bzw. euroregionalen Rat, der Präsidentschaft, einem Sekretariat und mehreren sektorspezifischen Arbeitsgruppen besteht (vgl. ebd., S. 869). Damit zeigt diese Studie zum einen, dass Governance ein akteur*innenzentrierter Begriff ist, der die Untersuchung von Interessen und Interaktionen einer Vielzahl von staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen anleiten kann. Zum anderen offenbart sie auch, dass Governance immer in unterschiedlichen Kontexten und institutionellen Rahmen zu denken ist: Governance-Formen erscheinen in intra-institutionellen supraregional-grenzüberschreitenden Einheiten, wie in einer Euroregion durch gemeinsame Organe, können aber auch zwischen Organisationen im Grenzraum in Form inner-institutioneller grenzüberschreitender Governance-Prozesse vorkommen. Fallbeispiel 3: Makroregion Ostseeraum Im Unterschied zu den beiden Studien, die Governance von kleinteiligen Regionen oder Städte an der deutsch-polnischen Grenze untersuchen, analysiert folgende Studie Governance-prozesse und -strukturen in Makroregionen, also großflächige transnationale Räume, die neben deutschen und polnischen Regionen auch weitere Länder umfassen. In der Studie von James Scott (2002) geht es konkret um die Makroregion des Ostseeraums (Baltic Sea Region), die aus „subregionalen Kernen der Kooperation aus mehrheitlich nordeuropäischen Staaten“ (vgl. ebd. S. 137) besteht und sich über die durch den europäischen Integrationsprozess zusammenwachsenden Regionen aus den baltischen Staaten, Ostdeutschland, Polen und Russland definiert (vgl. ebd., S. 137). Die Studie beleuchtet primär Formen und Foren der politischen Steuerung und Koordination von verschiedenen Skalen und Formen der Kooperation in multilateralen transnationalen Netzwerken. Scott identifiziert hier sechs Organisationsprinzipien der transnationalen Kooperation und Governance: 1. die Einrichtung von intergouvernementalen Institutionen zur Schaffung von Foren für staatliche Repräsentant*innen und Vertretungen; 2. inter-institutionelle Foren und NGO-Netzwerke bezüglich spezifischer Themen; 3. globale regionale Entwicklungskonzepte und Handlungspläne, 4. die Existenz und Implementierung von EU-Politiken und Programmen, die zwischenstaatliche Kooperation auf allen Ebenen fördern und Anreize schaffen; 5. lokale Projekte und Initiativen; sowie 6. digitale Vernetzung und Infrastrukturen (vgl. ebd., S. 137). Diese Formen und Foren sowie Bedingungen für grenzüberschreitende Governance erweisen sich als essenziell, um eine effektive und effiziente Form der politischen Steuerung und gleichzeitig territoriale, wirtschaftliche und soziale Kohäsion in der transnationalen Makroregion zu fördern. Die Studie von Scott veranschaulicht, wie auch auf größeren Skalen, Territorien und höheren administrativen Ebenen, zwischenstaatliche Politik in der Raumentwicklung durch politische Steuerung und Koordination verschiedener Akteur*innen vollzogen wird. Nationale Regierungen sind nicht allein in multilateralen transnationalen Netzwerken (wie dem Ostseeraum-Netzwerk) tätig, sondern delegieren Kompetenzen und Aufgaben auf ihre subnationalen Gebietskörperschaften, die wiederum das Netzwerk auch für NGOs, Akteur*innen aus Wissenschaft und Wirtschaft öffnen, mit dem Ziel, Raumentwicklung in der Region anzustoßen. Die kol- 4.3 Cross-Border Governance in europäischer Regionalkooperation 169 laborative politische Steuerung durch gemeinschaftliche Organe wird dann als Governance bezeichnet. Fallbeispiel 4: TransOderana EVTZ Eine vierte Fallstudie an der deutsch-polnischen Grenze untersucht grenzüberschreitende Governance im Prozess der Verrechtlichung und Institutionalisierung von grenzübergreifenden Territorialverbünden anhand der von der EU 2006 eingeführten EU-Rechtsform des EVTZ (Europäischer Verbund für territoriale Zusammenarbeit; vgl. Krzymuski et al. 2017). Entlang der ehemaligen Preußischen Ostbahnstrecke, die im Zweiten Weltkrieg zerstört worden ist und zum Teil reaktiviert wurde, ist eine Modellregion geplant, die nicht nur eine höhere Mobilität und Anbindung garantiert, sondern auch zu einer wirtschaftlichen Entwicklung entlang der Bahnstrecke beitragen soll. Diese Modellregion soll die EU-Rechtsform des EVTZ annehmen und als Mitglieder neben Städten und Gemeinden auch Landkreise sowie auf polnischer Seite eine staatliche Fachhochschule involvieren (vgl. Ulrich 2017, S. 394). Die Mitglieder wären bei erfolgreichem Abschluss eines grenzüberschreitenden EVTZ Akteur*innen in einer intra-institutionellen grenzüberschreitend-supraregionalen Governance-Struktur. Um aber zu einer intra-institutionellen Governance in einer supraregionalen Struktur zu kommen, bedarf es einer inter-institutionellen grenzüberschreitenden Aushandlung von zahlreichen verschiedenen staatlichen und nichtstaatlichen Akteur*innen. Die Idee der Gründung eines EVTZ ist bottom-up durch eine zivilgesellschaftliche Organisation Interessengemeinschaft Ostbahn e.V. (IGOB) entstanden, die über regionale Projektmanager, Gemeinden, Landkreise und mit Unterstützung von Akteur*innen aus Brüssel und wissenschaftlicher Expertise von regionalen wissenschaftlichen Einrichtungen vorbereitet wurde. Die finale Gründung und Vertiefung der Kooperationsstrukturen wurden aber bisher nicht von den staatlichen Bewilligungsbehörden abgeschlossen. Dies zeigt zum einen, dass nationale Grenzen des Rechts und der Verwaltung durchaus ein verhinderndes Element sein können – in diesem Fall sind es rechtliche, politische und administrative Grenzen (vgl. ebd., S. 402ff.). Die letzte Beispielstudie zeigt einen misslungenen Fall der Institutionalisierung von supraregionaler Governance in EU-Grenzregionen. Obwohl mit der Schaffung dieser Institution Governance-Prozesse im intra-institutionellen grenzüberschreitend-supraregionalen Kontext (innerhalb einer grenzüberschreitenden Organisation) anvisiert wurden, ist aufgrund von nationalen Grenzziehungsprozessen eher inter-institutionelle grenzüberschreitende Governance vonnöten gewesen. Die oben genannten empirischen Anwendungsfälle stellen Versuche dar, den Begriff der Cross- Border Governance anhand verschiedener empirischer Beispiele zu erläutern. Abschließend soll Cross-Border Governance kritisch evaluiert werden. Fazit: Kritik und weiterführende Entwicklungsmöglichkeiten Das Konzept der Cross-Border Governance hat sich zu Beginn des Jahrtausends im Zuge des europäischen Integrationsprozesses als eines der gewichtigen Konzepte in den politgeografischen Grenzraumstudien etabliert. In vielen Studien wurde Cross-Border Governance angewandt – entweder als analytisches Modell oder Konzept, um die politische Steuerung über 4.4 5 Peter Ulrich und James W. Scott 170 nationale Grenzen hinweg zu erfassen. Der Hauptkritikpunkt an dem Begriff richtet sich dabei nicht auf den Grenzbezug, sondern auf den viel zu unklaren und schablonenhaften Begriff Governance. Im Folgenden werden beide Termini kritisch reflektiert. Zum Konzept Governance Die Grenzen von Governance offenbaren sich bei der definitorischen Spezifizierung, der Form der Anwendbarkeit, der Theoriehaftigkeit und der Zeitgemäßheit des Begriffs. Erstens hat das Konzept Governance keine einheitliche und vorzeigbare, sondern zahlreiche und sehr unterschiedliche Definitionen, die aber meistens auf denselben Prämissen beruhen. Zweitens stellt sich die Frage, wie der Begriff verwendet werden soll. Definiert Governance Normen für gute Politikführung (normativ-ontologischer Begriff) oder dient sie zur empirischen Analyse von Akteur*innen, Netzwerken und Interaktionen (empirisch-analytischer Begriff; vgl. Beck 2017, S. 351f.)? Will man abstrakte Mechanismen aufzeigen und diskutieren oder konkrete Politikregime untersuchen (vgl. Fürst 2007, S. 355)? Soll Governance eine neue Analyseperspektive sein (die bisher in Theorien vernachlässigt worden ist) oder dient Governance als bloße Beschreibung oder empirische Erklärung der Gegenwart europäischen/globalen und grenzüberschreitenden Regierens im postnationalen Raum, die eine neue Form von analytischem Zugang braucht (vgl. ebd., S. 355f.)? Drittens ist der theoretische Gehalt des Begriffs stark infrage zu stellen. Governance wird eher als ein theoretisches Modell oder Theorieansatz verstanden, da sie wenig Erklärungsansätze und generalisierbare Aussagen über die Welt bietet. Daher stellt sich bei Governance stets die Frage: Ist es „[n]ur eine eingängige Metapher oder schon die Vorstufe einer Theorie“ (Knodt/Große Hüttmann 2012, S. 196)? Zum Konzept Cross-Border Governance Die oben dargestellten Ausführungen zum Begriff der Cross-Border Governance zeigen auf, dass auch dieser Begriff äußerst unscharf ist und teilweise anders verstanden und angewendet wird. Der Cross-Border Governance-Ansatz fokussiert die netzwerkartige Steuerung nationalstaatlicher bzw. territorialer Grenzen und die mit ihnen zusammenhängenden administrativen, ökonomischen, sozialen und politischen Unterschiede. Egal ob es sich um EU-Binnengrenzen oder EU-Außengrenzen handelt, der Ausgangspunkt ist, dass diese vermeintlich permeabel wahrgenommenen Grenzen durch politische Steuerung in einem Akteur*innennetzwerk in Bezug auf Planung und Umsetzung funktional besser gelenkt und gesteuert werden. Im Falle der EU-Außengrenzen soll eine Durabilität der Grenze durch Ausdifferenzierung von Zuständigkeiten, Akteur*innen, Technologien, Infrastrukturen und weiteren Kontrollinstanzen erreicht werden, während an EU-Binnengrenzen eine weitere Permeabilisierung durch wirtschaftliche, soziale und territoriale Kohäsion und dadurch auch Inklusion zahlreicher Akteur*innen anvisiert wird. Letztlich stellt sich beim Cross-Border Governance-Ansatz die Frage nach der Aktualität – also wie zeitgemäß ist dieser Erklärungsansatz? Verstehen wir Cross-Border Governance als ein auf neofunktionalistischen und postnationalen Prämissen beruhendes Erklärungsangebot europäisch-regionaler, lokaler oder subnational-grenzüberschreitender Gemeinschaftspolitik, so stellt 5.1 5.2 Cross-Border Governance in europäischer Regionalkooperation 171 sich unvermeidlich die Frage, inwieweit die ‚Schwäche des Nationalstaats‘ noch den tatsächlichen Gegebenheiten entspricht. Mit dem Blick auf die zunehmenden Renationalisierungsprozesse und protektionistischen Diskurse und Praktiken, Handlungen und Rechtsetzungen der Nationalstaaten in Zeiten der Migrations- und der aktuellen Corona-Krise, ist durchaus zu hinterfragen, ob nicht mehr von nation-state failure, sondern von Governance failure (vgl. Jessop 1998, S. 29) gesprochen werden kann. Sind es nicht gerade wieder die Nationalstaaten, die die Agenda setzen und Governance ins Hintertreffen geraten lassen? So wird auch in Grenzregionen im Zuge der Corona-Krise deutlich, dass Nationalstaaten alleinig entscheiden und das Notfallmanagement individuell und unkoordiniert mit subnationalen Akteur*innen und den Nachbarländern vollziehen. Von einer grenzüberschreitenden Governance kann hier nicht die Rede sein. In den meisten Governance-Ansätzen wird häufig von der Ohnmacht der Nationalstaaten ausgegangen. Sind diese protektionistisch-renationalistischen Tendenzen tatsächlich sukzessive eintretend, stellt sich die Frage, ob postnationalistische und neofunktionalistische Prämissen – wie im Governance-Ansatz postuliert – noch zeitgemäß sind. Nach den abrupten Grenzschließungen im März 2020 im Zuge der Corona-Krise zeigte sich jedoch schnell, dass unterstützt durch die EU auch grenzüberschreitende Lösungen gesucht wurden, etwa in der Gesundheitsversorgung oder auf dem Arbeitsmarkt. Die Grenzen wurden dabei für einige Personengruppen sukzessive permeabel und Kooperationen in einigen Politikbereichen durch staatliche und private Akteur*innen vorangetrieben und gelenkt. Des Weiteren haben auch die zivilgesellschaftlichen und bürgerschaftlichen Proteste gegen die Grenzschließung am 24.4.2020 in Frankfurt-Słubice einen Beitrag geleistet, um Kooperation und partielle Mobilität im Grenzraum wieder zu erzwingen und einer einseitigen staatlichen Grenzschließung entgegenzutreten. Solche Fragestellungen können auch in weiterführenden Studien untersucht werden. Welche Rolle spielen grenzüberschreitende regionale oder lokale Regierungsnetzwerke, wer sind ihre Akteur*innen und in welchen Bereichen sind diese Netzwerke integriert? Wie resilient sind diese Netzwerke in Zeiten von Krisen, Renationalisierung und rebordering? Und wie verhalten sich Zentrum und Peripherie zueinander in Zeiten von Krisen? Auch diese aktuellen Entwicklungen im Zuge der Corona-Krise zeigen, dass Cross-Border Governance in Bezug auf politische grenzüberschreitende Steuerungsprozesse die einzige praktikable Lösung in Planungs- und Politikkontexten auf grenzregionaler Ebene ist, da sie flexibel ist, Lernprozesse ermöglicht und den partizipierenden Akteur*innen auch großen Spielraum liefert. In Bezug auf grenzüberschreitend-planungspolitische Prozesse ist Cross-Border Governance daher umsichtiger als Cross-Border Government. Weiterführende Literatur Benz, Arthur/Dose, Nicolai (Hrsg.) (2010): Governance – Regieren in komplexen Regelsystemen. 2., überarb. Aufl., Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. Gualini, Enrico (2003): Cross-border Governance: Inventing Regions in a Trans-national Multi-level Polity. In: disP – The Planning Review 39, H. 152, S. 43–52. Kramsch, Olivier/Hooper, Barbara (2004): Cross-Border Governance in the European Union. London: Routledge. Perkmann, Markus/Sum, Ngai-Ling (Hrsg.) 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Dabei wird insbesondere auf die Wechselwirkungen zwischen drei nach Henri Lefebvre (1974) identifizierbaren Ebenen der Raumproduktion geachtet: Raumerfahrung, Raumimagination sowie Raumgestaltung. Die Identifikation und Interpretation von Phantomgrenzen ist kontextspezifisch und ermöglicht nicht nur einen neuen Blick auf die Entwicklung Ostmitteleuropas – der Region, in der die Forschung zu Phantomgrenzen erstmalig angewendet wurde –, sondern auch auf andere geografisch-historische Räume. Schlagwörter Phantomgrenzen, Phantomräume, Regionalforschung, Ostmitteleuropa Einleitung Dieser Beitrag behandelt das Konzept der Phantomgrenzen bzw. der von ihnen implizierten Phantomräume, sowohl konzeptionell als auch anhand ausgewählter Fallstudien. Ein wesentlicher Motor bei der Entwicklung des Konzepts der Phantomgrenzen war die breit rezipierte Kontroverse bezüglich einer spezifischen historischen Region: Südosteuropa. Dabei wird die ‚Realität‘ von durch Historiker umrissene geografische Regionen in Frage gestellt, welche im Folgenden als Geschichtsregionen bezeichnet werden. Die Auseinandersetzung um Geschichtsregionen (vgl. Troebst 2010) und deren Merkmale und Grenzen wurde in den 1990er-Jahren für die Region Südosteuropa maßgeblich zwischen dem Berliner Historiker Holm Sundhaussen und der bulgarisch-amerikanischen Historikerin Maria Todorova ausgetragen. Die Diskussion spiegelte die Kontroverse zweier Pole in der Regionalforschung wider: – Todorova (1997) hatte bei ihrer Dekonstruktion der Kategorie ‚Balkan‘ als Nebenprodukt eines abendländischen stigmatisierenden Diskurses über ‚Balkanismus‘ die Realität der Geschichtsregion selbst in Frage gestellt; – Holm Sundhaussen (1999) hatte dagegen einen im Kern strukturalistischen Ansatz gewählt, welcher auf der Sinnhaftigkeit solcher historischen, wenn auch durchlässigen Raumkonstruktionen zum Verständnis der dortigen Gesellschaften beharrte. Die Kontroverse ging in einem Formelkompromiss auf, der die Geschichtsregionen zwar nicht als naturalisierte regionale Raumformate deutet, aber auch keine weiteren alternativen Ansätze anbietet (vgl. Todorova 2002; Sundhaussen 2003). Damit blieb die Frage nach der zeitlichen Dimension von Räumen unbeantwortet, ebenso wie diejenige nach der Fortwirkung bestimmter regional geprägter kultureller und sozialer Muster im Handeln der Bevölkerung – trotz erheblicher Epochenbrüche und neuen, sich ändernden politischen Grenzziehungen. Diese Fra- 1. 175 gen wurden zum Ausgangpunkt der konzeptionellen Überlegungen zu Phantomgrenzen am Beispiel Ostmitteleuropas. Der folgende Beitrag fasst Ergebnisse des Forschungsprojekts „Phantomgrenzen in Ostmitteleuropa“ zusammen, welches zwischen 2011 und 2017 am Beispiel Ostmittel- und Südosteuropas im Rahmen eines interdisziplinären Verbundprojekts entwickelt wurde. Im Kern dieser Forschung stehen soziale Phänomene, welche sich statistisch erheben lassen und kartografisch darstellbar sind. Sie beschäftigen sich mit Menschen und Akteursgruppen, welche durch ihr konkretes alltägliches Handeln und ihre Entscheidungen solche Phantome ‚von unten‘ auf der Karte erscheinen lassen. Das Phantomgrenzen-Konzept und die damit verbundenen Thesen wurden durch einen interdisziplinären und induktiven, von Fallstudien ausgehenden Forschungsansatz geprüft und entwickelt; konkrete empirische Beispiele dienen der Veranschaulichung.1 Phantomgrenzen – eine heuristische Annäherung Die physische Markierung einer Grenze sowie ihre lokale Wirkung entlang einer Grenzlinie und in ihrer direkten Umgebung können binnen kurzer Zeit verschwinden, ohne Spuren zu hinterlassen: So können Zäune oder Grenzposten mit Schlagbäumen und Grenzkontrollen durch politische Entscheidungen abgeschafft werden bzw. ihre ursprüngliche Bedeutung verlieren. Dies trifft auch für ‚festere‘ Grenzen zu: Ohne Erinnerungspolitik und Musealisierung wären zum Beispiel die Berliner Mauer und die innerdeutsche Grenze des Kalten Krieges schon ein paar Jahre nach ihrer Abschaffung aus der Landschaft verschwunden. Die Räume aber, welche durch Territorialisierungs- sowie Vergesellschaftungsprozesse innerhalb der ehemaligen Grenzen geschaffen wurden, entwickeln sich auf einer wesentlich längeren Zeitachse (vgl. Löwis 2014b; Hirschhausen et al. 2019 mit weiteren Beispielen). Beispiele von Phantomgrenzen in Infrastrukturen und Wahlverhalten Betrachten wir Strukturen und Institutionen, die von politischen Akteuren geschaffen worden sind, verändern sich diese mitnichten innerhalb kurzer Zeiträume: Territoriale Gliederungen prägen den Raum langfristig in seiner physischen Gestalt sowie seine Ausstattung mit raumstrukturierenden Funktionseinrichtungen wie Straßen, Gleisen oder Brücken. Ein Blick auf die Karte des Streckennetzes der polnischen Staatsbahn in den 1950er-Jahren (Abb. 1) zum Beispiel lässt die Spuren der früheren imperialen Grenzen erscheinen, die im 19. Jahrhundert das Territorium Polens zwischen dem Russischen Reich, dem preußischen bzw. Deutschen Reich und dem habsburgischen Reich geteilt hatten. 35 Jahre nach der Wiedergründung des polnischen Staates im Jahr 1918 war das Bahnnetz in den zu Preußen gehörenden westlichen 2. 2.1 1 Das Kompetenznetzwerk „Phantomgrenzen in Ostmitteleuropa“ wurde von 2011 bis 2017 vom deutschen Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen der Förderung der Regionalstudien finanziert. Das Centre Marc Bloch, das Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität (Südosteuropäische Geschichte), das Zentrum Moderner Orient in Berlin und das Aleksander Brückner Zentrum (Institut für Geschichte der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg) leiteten jeweils ein Teilprojekt und vernetzten sich darüber hinaus auch mit weiteren Organisationen, darunter das GWZO, das Center B/ORDERS IN MOTION (Europa-Universität Viadrina), das Institut für Länderkunde, das Herder-Institut in Marburg, die Universität Siegen (Europäische Zeitgeschichte nach 1945) und mehrere Forschungsinstitutionen in Polen, der Ukraine, Rumänien, Kroatien und Serbien. Für weitere Informationen siehe die Darstellung des Projektes auf der Webseite www.phantomgrenzen.eu. Béatrice von Hirschhausen 176 und nördlichen Woiwodschaften (Kreise) wesentlich dichter als in den anderen Regionen des Landes (vgl. Müller 2014). Abb. 1: Eisenbahnnetz der polnischen Staatsbahn PKP in 1952–1953 Quelle: "Mapa Schematyczna Sieci PKP" ZIMA 1952/1953 (https://upload.wikimedia.org/wikipedia/com mons/2/22/PKP1952-53.jp) Der Aufbau des Eisenbahnnetzes in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte den Raum stark und dauerhaft strukturiert. Dabei hatten sowohl die politischen Grenzen dieser Zeit als auch die wirtschaftlichen Asymmetrien zwischen Preußen und den Randgebieten Russlands und Österreich-Ungarns jahrzehntelang überdauert. Die traditionelle Prägung des Raumes lässt sich auch in der Architektur sowie städtischen und dörflichen Siedlungsstrukturen erkennen, welche trotz der neuen Raumgliederung die Landschaften weiter markieren (vgl. Hartshorne 1933). Eine solche Ungleichzeitigkeit lässt sich nicht nur an der materiellen, sondern auch der Phantomgrenzen als heuristisches Konzept für die Grenzforschung 177 sozialen Prägung des Raumes beobachten. Eine durch bestimmte Agrarpolitik geschaffene Bodenverwaltung kann zum Beispiel die Abschaffung alter Grenzen überdauern. So wurden die Bodenstrukturen der kollektivierten Landwirtschaft der DDR nach der deutschen Wiedervereinigung weitgehend erhalten und in Großbetriebe überführt, welche heute die Landwirtschaft der neuen Bundesländer dominieren. Die von Walter Roubitschek (2004, S. 119) erstellte Karte der „Anteile der Betriebe >100 ha“ zeigt die abweichenden Produktionssysteme der neuen Bundesländer zehn Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung deutlich auf. Schließlich können auch immaterielle Strukturen die Existenz eines Staates lange überdauern: Dies wird in Fallstudien zur Rechtspflege im Katasterwesen in Rumänien deutlich (vgl. Siegrist/Müller 2015; Müller/Struve 2017, S. 9–11), aber auch in einer früheren Arbeit zu Rechtskulturen und tradierten Normen in Polen (Kraft 2002, S. 75–151). Besonders erstaunlich sind Spuren vergangener Territorien, die nicht nur in bestimmten formellen und informellen Institutionen als Restformen oder partielle Hinterlassenschaften im Alltagsleben zu erkennen sind, sondern in der kartografischen Visualisierung empirischer Daten, wie z.B. der demografischen Entwicklung, dem Wahlverhalten oder anderen sozialen Praktiken, erscheinen (vgl. Löwis 2015; Hirschhausen et al. 2019). So lassen die Wahlkarten Polens, Rumäniens oder der Ukraine insbesondere bei Präsidentschaftswahlen seit einem Vierteljahrhundert bei einigen Wahlgängen die alten Grenzen der Imperien ‚lebendig‘ werden, welche diese Gebiete vor mehreren Generationen unter sich aufgeteilt hatten. Die Stimmenanteile zum zweiten Wahlgang der Präsidentschaftswahl Polens (Abb. 2) zum Beispiel zeigt regional stark divergierende Wahlergebnisse in Ost- und Westpolen, bei denen das Fortwirken sowohl der Grenzziehungen nach dem Ersten Weltkrieg als auch der Grenzen aus der Teilungszeit vom Ende des 18. Jahrhunderts bis 1918 erkennbar sind (vgl. Grosfeld/Zhuravskaya 2014; Zarycki 2015). Abb. 2: Stimmenanteile der Kandidaten der zweiten Runde der Präsidentschaftswahl in Polen 2015 Quelle: Esch/Hirschhausen 2017, S. 42 Béatrice von Hirschhausen 178 Eine erste Arbeitsdefinition Auf einer ersten deskriptiven Ebene bezeichnen Phantomgrenzen die Spuren vergangener territorialer Ordnungen, welche in aktuellen Räumen feststellbar sind (vgl. Grandits et al. 2015, S. 18). Anders als die ‚unsichtbaren Grenzen‘ oder die Grenzziehungen zwischen ethnischen Gruppen (boundaries, vgl. Barth 1969), welche als Begegnungszonen zwischen den Gemeinschaften wirken, ihren Austausch regulieren und stetig hinsichtlich Überschreitbarkeit und Transgression neu verhandelt werden, können sich Phantomgrenzen ohne Grenzverletzung überschreiten lassen. Sie erscheinen weniger als Grenzen denn als Diskontinuitäten: Lokalen Bevölkerungen sind sie oft gar nicht oder nur in diffuser Weise bewusst. Der Begriff Phantomgrenze ist eine Metapher: Wie sogenannte Phantomschmerzen im doch amputierten Teil eines menschlichen Körpers verspürt werden, machen Phantomgrenzen die Spuren nicht mehr existierender politischer Körperschaften und ihrer Außengrenzen empirisch greifbar. In vielen Fällen wirken historische Räume bzw. die Ergebnisse ihrer Fragmentierung (beispielsweise das Habsburger Reich, das Osmanische Reich, die Teilung Deutschlands oder die Teilungen Polens) fort oder tauchen erneut auf. Zu Phantomen werden sie aber nicht zuletzt durch ihre Unberechenbarkeit: Die Spuren ‚verstorbener‘ Territorien erscheinen mal flüchtiger, mal über einen längeren Zeitraum hinweg: Zu einem gleichen historischen Zeitpunkt können sie die Kartografie bestimmter Daten prägen, zu anderen jedoch nicht (vgl. Grandits et al. 2015, S. 19). Phantomgrenzen als Herausforderung für die Forschung Weltweit haben staatliche Zerfalls- und Einigungsprozesse immer wieder dazu geführt, dass sich Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen in neuen Zusammenhängen wiedergefunden haben, wobei ihr Alltagshandeln über längere Zeiträume von politischen, wirtschaftlichen, rechtlichen und kulturellen Gepflogenheiten des alten Kontextes beeinflusst wurde. Insbesondere Ostmittel- und Südosteuropa sind Regionen, in denen Prozesse neuer Grenzziehungen in der jüngsten Geschichte ganz besonders oft und besonders eindringlich das politische und gesellschaftliche Leben prägten. Seit dem späten 18. Jahrhundert mussten sich Menschen in diesem Raum wiederholt an veränderte Staatsgrenzen gewöhnen (Abb. 3; Foucher 1993, S. 41–44; Ther 2003; Puttkamer 2010). Hier scheint die politische Landkarte bis in die Gegenwart besonders beweglich und bietet ein komplexes Forschungsfeld. 2.2 3. Phantomgrenzen als heuristisches Konzept für die Grenzforschung 179 Abb. 3: Palimpsest der Grenzen Ostmittel- und Südosteuropa 1875–2014 Quelle: Esch/Hirschhausen 2017, S. 45. Phantomgrenzen werden als instabile soziale Phänomene verstanden, welche situativ betrachtet werden sollen. Instabil deshalb, weil sie nicht in Strukturen befestigt, sondern kontextabhängig sind und auf die Handlungen und Wahrnehmungen der Akteure angewiesen sind. Sozial, weil sie nicht rein diskursiv produziert werden, sondern im Alltag und durch Praxis aktualisiert, wiedererfunden oder umgekehrt ignoriert und bis zum Verschwinden vergessen werden können. So können sie weder naturalisiert noch auf rein willkürliche diskursive Kreationen reduziert werden. Besondere Bedeutung kommt dabei den Wechselwirkungen zwischen drei nach Henri Lefebvre (1974) identifizierbaren Ebenen der Raumproduktion zu: des Raumimaginativs, der Raumerfahrung sowie der Raumgestaltung. Eine dezidiert akteurszentrierte Perspektive ermöglicht es, den Bogen zwischen strukturgeprägten Erfahrungen und Imaginativen zu spannen, wie im folgenden Abschnitt ausgeführt wird. Die drei verschränkten Ebenen der Raumanalyse: Erfahrung – Imaginativ – Gestaltung Der Phantomgrenzen-Ansatz sieht vor, Spuren vergangener Grenzen sowie territorialer Ordnungen auf verschiedenen Ebenen zu untersuchen, die aufeinander bezogen sind und sich gegenseitig verstärken oder abschwächen können. Wir gehen davon aus, dass Phantomgrenzen und -räume von Akteuren gleichzeitig auf drei Weisen rezipiert und gleichzeitig geschaffen werden, welche sich gegenseitig beeinflussen: Sie werden 1) erfahren, d.h. von Akteuren und wissenschaftlichen Beobachtern als Erfahrung wahrgenommen, 2) imaginiert, d.h. diskursiv produziert und weitervermittelt, und 3) gestaltet, z.B. durch Territorialisierungsprozesse in der Praxis aktualisiert. Im Zentrum des Phantomgrenzen-Konzeptes stehen damit die Wechselwir- 4. Béatrice von Hirschhausen 180 kungen zwischen Raumerfahrung, Raumimaginativ2 und Raumgestaltung (Esch/Hirschhausen 2017, S. 12–17). Dimension Raumform Ebene der Phantomgrenzen Raumerfahrung vorgefundener Raum Phantomgrenzen sind gespeichert in sozialen, mentalen und räumlichen Strukturen Raumimaginativ bedeutsamer Raum Phantomgrenzen werden in Diskursen, Narrativen und mental maps wahrgenommen und tradiert Raumgestaltung praktizierter Raum Phantomgrenzen werden durch die Praktiken der Akteure produziert, reproduziert, aktualisiert aber auch gelöscht; sie gestalten den Raum mit Abb. 4: Die drei verschränkten Dimensionen der Analyse Phantomgrenzen Quelle: Eigene Darstellung, angelehnt an Esch/Hirschhausen 2017, S. 13. Raumerfahrung Die Ebene der Erfahrung wird hier in Anlehnung an Reinhart Koselleck (1984) als gleichzeitig individuell und intersubjektiv begriffen. Auf der Ebene des Individuums handelt es sich um vergegenwärtigte und im Handeln mobilisierbare Vergangenheit, um gelerntes und bewusstes Wissen, aber ebenso um Konventionen, die in Alltagspraktiken übergegangen sind. Auf der intersubjektiven Ebene wird Erfahrung in formellen und informellen Regelsystemen gespeichert, die sich im Laufe der Zeit und über mehrere Generationen hinweg etablieren bzw. allmählich verändern. Diese Erfahrung kann wissentlich vergegenwärtigt werden, Gegenstand einer offiziellen Gedenkpolitik sein, aber auch unbewusst in Habitus, Routine und soziale Morphologie eingehen. In den Worten von Koselleck (1984, S. 354): „Erfahrung ist gegenwärtige Vergangenheit, deren Ereignisse einverleibt worden sind und erinnert werden können. Sowohl rationale Verarbeitung wie unbewusste Verhaltensweisen, die nicht oder nicht mehr im Wissen präsent sein müssen, schließen sich in der Erfahrung zusammen. Ferner ist in der je eigenen Erfahrung, durch Generationen oder Institutionen vermittelt, immer fremde Erfahrung enthalten und aufgehoben.“ Phantomräume und -grenzen werden sowohl von der Gesellschaft als auch individuell von den Akteuren erfahren, u.a. in gespeichertem und tradiertem Wissen, in dem praktischen Sinn und dem Erlernten, wie es im Habitus, in Normen, Institutionen und sozialer Morphologie oder in der vorgefundenen, quasi materiell kondensierten Raumstruktur niedergelegt ist. Die Raumerfahrung ist dabei teilweise praktisch ‚gefangen‘ in der Materialität, Gegebenheit und zweifelsfreien Wirksamkeit des vorgefundenen Raumes. Jedoch ist die Erfahrung selbst keine stabile Gegebenheit, sondern eine ständig von den Akteuren neu erfundene und geformte soziale Anordnung der vorgefundenen Gestaltung von Erfahrung. Akteure haben Spielraum bei der 4.1 2 Mit „Raumimaginativ“ ist mehr gemeint, als es die Übersetzung von Derek Gregorys (1994) „geographical imaginations“ in „geographische Imaginationen“ oder „Vorstellungen“ ausdrücken würde. Wir haben es nämlich hier mit einem höheren ‚Wirklichkeitsgehalt‘ zu tun und verwenden daher den im Deutschen seltener gebrauchten Begriff des „Imaginativs“ bzw „Raumimaginativs“, welcher – ähnlich dem französischen imaginaire – auf ein zu einem geografischen Abbild bzw. zu einer Karte geronnenes Narrativ verweist. Phantomgrenzen als heuristisches Konzept für die Grenzforschung 181 Gestaltung ihres Erfahrungsraums, wie sie ihn begehen, Sinn stiften und ihn verwenden und dadurch wiederum hervorbringen: „vorgefundene Gestaltung bestätigend, ihr ausweichend, sie transformierend, durchbrechend, neu erfindend“ (Esch/Hirschhausen 2017, S. 54). Beispiel: Raumerfahrung im habsburgischen Erbe Das Konzept der Raumerfahrung lässt sich seit den 1980er-Jahren anhand der ‚Renaissance‘ des habsburgischen Erbes in den Territorien des ehemaligen Reichs, d.h. den konkreten Nachfolgestaaten, beispielhaft aufzeigen. Zu Zeiten des triumphierenden Sozialismus der 1960erund 1970er -Jahre wurden die institutionellen architektonischen und landschaftlichen Spuren des Reichs von den lokalen Akteuren meistens ignoriert. Diese Spuren fanden sich u.a. im polnischen bzw. ukrainischen Teil von Galizien wieder, auch in der serbischen Vojvodina oder dem rumänischen Banat (vgl. Tomić 2016). Den Akteuren sagten diese Spuren wenig, sie wurden weder von politischen Versuchen der Wiedererstellung von Eigentum noch durch Identitätsdiskurse in Anspruch genommen. Der vorwärtsschauende Blick des sozialistischen Modernisierungsprojekts stellte die historischen Spuren in den Schatten bzw. deklarierte sie sogar als illegitim. So verfiel das barocke Erbe in Ruinen und das Interesse an der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie verkam zu einer Nebenbeschäftigung von Historikern. Erst im Laufe der 1980er-Jahre wurde dem habsburgischen Erbe wieder ein Sinn zugesprochen und die lokalen Erinnerungen der Angehörigkeit zum vormaligen Imperium wiedererweckt. Hier vermuten wir, dass dieser Trend durch die immer tiefer greifende Enttäuschung des kollektiven Glaubens an den Erfolg des sozialistischen Projekts getrieben war. Des Weiteren spielte auch die sukzessive grenzüberschreitende Diffusion des Konzepts von ‚Zentraleuropa‘ in den intellektuellen Eliten der Region eine wichtige Rolle: Emblematisch dafür ist der berühmte Artikel „Un occident kidanppé ou la tragédie de l'Europe centrale“ von Milan Kundera (1983; 1987; siehe auch Ash 1986). Der Zusammenbruch der sozialistischen Regime hat die regionale Wahrnehmung der Gesellschaft dann noch weitgehend beeinflusst. Dies spiegelt sich in der materiellen Wirklichkeit der Landschaften, der Architektur und des Kulturwerkes wider, welche seit drei Jahrzehnten restauriert werden und somit ihren alten Glanz wiederfinden: Sie erfahren zunehmend breite Erwähnung in der touristischen Literatur und werden in einigen journalistischen Berichten zelebriert. Das habsburgische Erbe wird aber auch von den lokalen Akteuren erwähnt und speist sich aus einer sozial erlebten Wirklichkeit, welche diese Akteure neuerdings wieder gerne als Leitmotiv für ihr alltägliches Handeln bzw. ihre politische Haltung angeben. Dieses lässt sich anhand der Studie von Đorđe Tomić (2016) über die Vojvodina zeigen, die eine aufschlussreiche Darstellung von gelebter Raumerfahrung aufweist. Seit den 1980er-Jahren verblasste der Bezug zum sozialistischen Idealstaat Jugoslawien. In diesem Zusammenhang begannen sowohl politische Eliten als auch ‚normale‘ Bürger, sich auf ein Idealbild der Vojvodina als „zivilisiertes, wirtschaftlich wohlhabendes Vielvölkerland in der Mitte Europas“ zu beziehen, um sich vom Rest Serbiens zu unterscheiden und abzugrenzen (ebd., S. 15). Mithilfe des historischen Argumentes seiner früheren politischen Zugehörigkeit zu dem verschwundenen imperialen Reich wurde die Vojvodina „als multikulturell und multikonfessionell gedacht und gleichzeitig als im Wesentlichen unterlegene Gegenposition zum serbischen Nationalismus“ entworfen (ebd., S. 15–16). Im Kontext des post-sozialistischen Umbruchs wird in der neuen Ordnung das ‚Alte‘ als ‚authentischer‘, ‚ursprünglicher‘ und ‚richtiger‘ wahrgenommen als die vorangegangene Erscheinungsform. Dies kann im Sinne Kosellecks als Umwandlung der Erfahrung, die von den lokalen Akteuren erlebt wird, verstan- Béatrice von Hirschhausen 182 den werden: Es handelt sich hier nicht um eine rein diskursive Erfindung, sondern um eine verflochtene und selektive Rekonfigurierung des materiellen und immateriellen, sozialen und kulturellen Erbes. Aus dieser Umdeutung der regionalen Erfahrung hat der Phantomraum des habsburgischen Reichs an ‚Wirklichkeit‘ gewonnen. Sie wird von den Akteuren internalisiert und die Phantomgrenze zum ‚Balkan‘ und ‚osmanischen Erbe‘ aufgerufen. Das Beispiel der Vojvodina weist aber auch auf eine allgemeinere Schlussfolgerung hin: Als Raumerfahrung können Phantomgrenzen und -räume nicht als in sich stabile oder konstante Gegebenheiten verstanden werden; sie werden immer wieder neu bemessen und definiert. In diesem Prozess spielt die zweite Ebene des Phantomgrenzen-Ansatzes, das Raumimaginativ, eine wichtige Rolle. Raumimaginativ Auf der Ebene des Raumimaginativs werden Phantomgrenzen in Diskursen, Narrativen sowie mental maps wahrgenommen und tradiert. Sie können als symbolische Grenzen wirken und Bestandteile der mentalen Konstruktionsprozesse geografischer Imaginative sein, welche die Distanz und Differenz zwischen dem, was sie umgrenzen und dem, was sie ausschließen, schaffen und „dramatisieren“ (Said 1978, S. 55). Wiederholt wurden historische Grenzen im Laufe der Geschichte instrumentalisiert, um z.B. die Zivilisation von der Barbarei zu trennen, die Moderne von der Rückständigkeit oder den Reichtum von der Armut. Nationale Großerzählungen haben systematisch aus dem immer vorhandenen großen Repertoire vergangener Grenzen geschöpft, um Identität zu konstruieren, neue Grenzverläufe zu legitimieren bzw. zu entkräften oder um Überlegenheit zu postulieren. Raumimaginativ am Beispiel des Flüsschen Brynica Als Beispiel dient uns hier die Brynica, ein knapp 55 Kilometer langer kleiner Fluss in Südpolen, welcher seit dem 15. Jahrhundert als Scheidelinie zwischen Schlesien und Kleinpolen die Außengrenze des Heiligen Römischen Reiches (und dann ab dem Ende des 19. Jahrhunderts bis 1922 des Deutschen Reiches) bildete. Die historische Arbeit von Jawad Daheur (2017) zeigt anhand von Archivquellen, dass dieses Flüsschen mit der Intensivierung der Staats- und Nationenbildung Deutschlands „eine nationalsymbolische Aufladung“ erfuhr (ebd., S. 158): In seiner Grenzfunktion wurde die Brynica als radikale Scheidelinie zwischen den Kulturen und Symbol für die Abgrenzung der Identitäten in dieser östlichen Grenzregion konstruiert. Trotz seiner geografisch-physischen Bedeutungslosigkeit galt der Fluss bzw. das Gewässer dann nicht nur als imperiale Grenze, sondern als „natürliche“ Grenzscheide „zwischen Schlesien, als Bollwerk der europäischen Kultur und Zivilisation, und Kleinpolen als Vorort der ‚asiatischen Barbarei‘“ (ebd., S. 159). Wie Daheur (ebd.) eindrücklich zeigt, galt die Brynica auch nach 1922 und der Verschiebung der deutsch-polnischen Grenze nach Westen weiterhin als zivilisatorische Grenze im Raumimaginativ der Oberschlesier. Geografische Imaginative sind nicht nur ein Produkt der herrschenden (Wissens-)Eliten und ihrer Kompetenz und Macht, zum Beispiel ost- oder südosteuropäische Peripherien zu definieren. Sie gehen auch auf das Vermögen der regionalen Akteure zurück, eine räumliche Ordnung Europas ‚von unten‘ mit zu erschaffen. Phantomgrenzen sind nicht ausschließlich politische oder intellektuelle Erfindungen, vorsätzlich geschaffen zu ideologischen Zwecken, 4.2 Phantomgrenzen als heuristisches Konzept für die Grenzforschung 183 um Identitäts- oder Hegemoniekonstrukte zu bedienen. Das Konzept der Phantomgrenzen entwickelt seine heuristische Besonderheit, wenn man es auch im sprachlichen Gebrauch und in den impliziten Verwendungen durch lokale Akteure erwägt. Die Narrative regionaler und lokaler Besonderheiten sind in Repräsentationen, in der Sprache (vgl. Schlottmann 2005) oder in Stereotypen verankert und werden (oft unreflektiert) weitergegeben. Aus dieser Perspektive erscheinen die geografischen Imaginationen mit kollektiven und individuellen Erfahrungen verflochten. Die Phantomgrenzen werden ohne ideologische Aufladung in die Dichte der Praktiken integriert. Im Unterschied zu Arbeiten zum mental mapping, welche sich insbesondere auf die Analyse von hegemonialen Diskursen konzentrieren (vgl. zu diesem Thema: Conrad 2002; Schenk 2002), werden die Produktion und Reproduktion geografischer Imaginationen mit dem Phantomgrenzen-Ansatz als in vollem Umfang soziale bzw. gesellschaftliche Vorgänge begriffen, welche in spezifischer Weise auf verschiedenen Ebenen stattfinden können (siehe auch Lehner in diesem Band). Das Beispiel der Brynica ist auch dafür relevant. Bis zum heutigen Tag wird dieser ehemalige Grenzfluss noch stets als eine ethnisch-kulturelle Grenzlinie imaginiert. Die Erfindung der Brynica als Scheidelinie der Zivilisationen wird heutzutage weiter übermittelt. Daheur (2017) verweist in seiner Arbeit zur Brynica als Instrument der Ost-West-Gliederung auf umfangreiche qualitative sozialwissenschaftliche Forschung, in deren Rahmen auch Interviews mit der Bevölkerung in Städten der Brynica durchgeführt wurden, u.a. in Katowice und Sosnowiec. Diese Studien dokumentieren deutlich, „wie historisch bestimmte Grenzvorstellungen sich in den Raum- und Identitätskonstruktionen der Einwohner widerspiegel[n]“. Die Partikularismen und lokalen Dialekte werden in den Alltagskulturen teilweise weitergepflegt. Bestimmte Stereotype bestehen: Die Oberschlesier werden als „fleißig, stark kirchlich geprägt und Warschau feindlich“ dargestellt. Nach wie vor werden sie mit dem abschätzigen Ausdruck „Hanysy“ (nach dem deutschen Vornamen „Hans“) bezeichnet. Auf der östlichen Seite des Flüsschens werden die Einwohner dagegen für „atheistisch, kommunistisch und Warschau treu eingestellt“ gehalten und „Gorole“ (eigentliche „Bergbewohner“) genannt. Vor Ort tauchen diese Vokabeln in der Alltagssprache sowie in der materiellen Kultur auf und gehören zur lokalen Folklore (ebd., S. 167–171). So können Gemeinschaften wie regionale, sprachliche oder religiöse Minderheiten Bilder und Symbole von Phantomgrenzen nutzen, um sich im Raum zu verorten und ihrer Erfahrung, ihrer Situation, ihrer Praxis oder ihren Anerkennungsansprüchen Sinn und Folgerichtigkeit zu verleihen. Da sie in ihrer Bindung an natürlich erscheinende Räumlichkeit und Historizität leicht als selbstverständlich erscheinen und diese Selbstverständlichkeit von vielfältigen Narrativen gespeist werden kann, ermöglichen diese ‚vertrauten‘ Phantomgrenzen die Verortung von Identitäten, indem sie den Raum durch Grenzen, die als ‚natürlich‘ wahrgenommen werden, gliedern. Mit anderen Worten: Sie werden nicht nur diskursiv oktroyiert, sondern auch in Praktiken ‚von unten‘ (re-)produziert. Eine solche geografische Vorstellung durchdringt den alltäglichen Sprachgebrauch außerhalb jedweder diskursiven Absicht und trägt dazu bei, eine als selbstverständlich erlebte geografische Wirklichkeit zu erschaffen. Wichtig ist an dieser Stelle zu betonen, dass solche Phantomgrenzen wandelbar sind. In den geografischen Imaginativen verhält es sich mit den Phantomgrenzen wie mit vermeintlich natürlichen Grenzen, die durch die klassische Geografie festgelegt wurden, um die Welt zu ordnen. Der oben erwähnte symbolische Wert der Brynica in Südpolen zum Beispiel war im 19. Jahrhundert radikal neu, obwohl sie als politische Grenze längst existierte. Erst im Béatrice von Hirschhausen 184 postsozialistischen Kontext kam es zur Wiederentdeckung dieser Grenze in den mental maps der schlesischen Autonomisten. Neue Hoffnungen, Enttäuschungen oder Erwartungen prägen die Erfahrungen von Akteuren rückwirkend. Die temporale Struktur von Erfahrung schließt also immer auch eine rückwärts wirkende Erwartung ein. Die sich wandelnde Erinnerung an die sozialistische Erfahrung ist ein gutes Beispiel hierfür: War sie Anfang der 1990er-Jahre im Zuge der Transformation von der Plan- zur Marktwirtschaft geprägt von Erinnerungen an Warenknappheit und Warteschlangen, so hat sich diese Erinnerung in den letzten 20 Jahren durch die spätere Erfahrung von Arbeitslosigkeit tiefgreifend verändert: Nun ist es häufig die Erinnerung an Sicherheit und die Vorhersehbarkeit beruflicher Wege, die für viele der ‚Verlierer‘ des postsozialistischen Wandels überwiegt. Dieses Beispiel verdeutlicht, wie gesellschaftliche Erfahrungen und räumliche Bezüge des Alltags aufeinander wirken. Sie können sich über die Zeit ‚sinnhaft‘ reproduzieren und unmerklichem Wandel unterliegen, sich aber auch nach historischen Brüchen innerhalb kürzester Zeit verändern. Raumgestaltung Phantomgrenzen werden nicht nur imaginiert und erfahren, sondern gestalten ihrerseits aktiv den Raum mit. Mit dieser dritten Dimension des Phantomgrenzen-Konzeptes wird auf die konkrete Produktion des Raumes hingewiesen, welche sich auf einer anderen analytischen Ebene abspielt als die Produktion von Sinn und die Praktiken der Akteure. Raumgestaltung an Phantomgrenzen in der Ukraine und in Rumänien Anhand einer Studie der Geografin Sabine von Löwis (2014a) kann das Phänomen der Raumgestaltung besonders deutlich gemacht werden. Dabei handelt es sich um die Aufteilung eines vormals einheitlichen Raumes in der Westukraine, in dem heute zwei Dörfer auf den beiden Ufern des Flusses Zbruč koexistieren. Dieser kleine Fluss bildete bis 1918 die Grenze des österreichisch-ungarischen und des Russischen Reiches bzw. zwischen den beiden Weltkriegen zwischen Polen und der Sowjetunion. In ihrer Studie untersucht Löwis in den beiden ‚Zwillingsdörfern‘ Räume der Identifikation und der politischen Orientierung der Bewohner. Sie betrachtet sowohl die Denkmalkultur als auch das Selbstverständnis der Einwohner auf der jeweiligen Seite des Zbruč. Dabei stellt sich heraus, dass weder die in den Denkmälern berücksichtigten Ereignisse noch die dort gefeierten Personen identisch sind, trotz der physischen Nähe und dem identischen Ursprung des Städtchens: Im Dorf auf der Ostseite des Flusses erinnern die Denkmäler an kommunistische Zeiten, die jeweiligen Anführer wie auch die durchgeführten Kriminalitätsakte, dagegen wird im Dorf westlich der alten Grenze dem ukrainischen, antibolschewistischen Nationalismus gedacht. Die Zeugnisse der befragten Einwohner weisen dagegen keine expliziten Gegensätze bezüglich ihrer Historie und Struktur auf. Der Bezug auf die Monumente ist eher instabil. Somit zeigt Löwis, dass es keine mechanistische intragenerationelle Weitergabe politischer Traditionen oder sozialer Normen gibt, z.B. das die Einwohner im westlichen Dorf ‚pro-ukrainisch‘ und die im östlichen Teil ‚pro-russisch‘ wären. Vielmehr erscheint die – von oben oktroyierte – Wahl bestimmter Erinnerungsorte als Motor, welcher wiederum durch die Notwendigkeit induziert wurde, dem jungen ukrainischen Staat eine nationale Identität zu geben: Die Bewohner des östlichen Dorfs identifizierten sich dabei eher mit der Erinnerung an die große Hungersnot 4.3 Phantomgrenzen als heuristisches Konzept für die Grenzforschung 185 (Olodomor) von 1935 und mit Erfahrungen an die Sowjetunion; die Bewohner des westlichen Dorfes konnten (natürlich) keine Episode hervorheben, an der sie nicht selber teilgenommen hatten, und hielten daher die Armee des ukrainischen Aufstands hoch. Die beiden Dorfgemeinschaften schaffen somit zwei deutlich unterschiedliche Erzählungen auf der Grundlage unterschiedlicher Interpretationen des großen Nationalepos, welches die Zentralmacht auf die Tagesordnung gesetzt hatte (ebd., S. 158–160). Anhand des Beispiels lässt sich erkennen, wie der Fokus auf die Akteure als Handelnde die Raumgestaltung zu einem alltäglichen Prozess macht: Die Subjekte gestalten ihre Räume nicht zufällig, beliebig, aus freien Stücken, sondern auf der Basis eines vorgegebenen, aber ständig neu interpretierten Raumverständnisses. Der in der longue durée (vgl. Braudel 1984) entstandene, vorgegebene Raum wird dabei nicht als determinierend für die Handlung der Akteure verstanden, sondern mit den konkreten und manchmal eigensinnig erscheinenden Strategien der Akteure ins Verhältnis gesetzt. Fortschreibung oder Wandel von vorgegebener Räumlichkeit sind immer kontextgebunden. Aus solcher Perspektive ‚von unten‘ lassen sich die strukturellen sowie die diskursiven Prägungen des Raumes in ihrer performativen Wirksamkeit – gleichsam als soziale Praxis – betrachten (Esch/Hirschhausen 2017, S. 15). Die hier beschriebenen raumgestaltenden Effekte beschränken sich nicht auf die Aufteilung der Räume im Beispiel der Phantomgrenzen in der Ukraine, sie haben darüber hinaus auch für die ‚normale‘ Raumgestaltung im Alltagsleben Bedeutung. Dies kann anhand einer banal erscheinenden Infrastruktur des täglichen Gebrauchs beispielhaft aufgezeigt werden: Die vergleichende Studie der Modernisierung der Wasserinfrastruktur in ländlichen Gegenden Rumäniens (vgl. Hirschhausen 2015; 2017) fragt danach, warum sich nach dem Jahr 2000 die ländlichen Modernisierungsstrategien so stark regional unterschieden. Sie waren in den Gegenden stark gegensätzlich, welche durch die alte (Phantom-)Grenze entlang der Karpaten bis 1918 geprägt waren und die Territorien Österreich-Ungarn von den rumänischen Fürstentümern trennte. Seit der Jahrhundertwende rüsten viele Haushalte des Banats und Transsilvaniens, also westlich der genannten Grenze, ihre Häuser wesentlich rascher mit einer fließenden Wasserversorgung aus als ihre Nachbarn östlich dieser Grenze. Dies führt zu einer sukzessiven Sichtbarwerdung des Phänomens in offiziellen Statistiken und Erhebungen der Haushaltssituationen. Neben allgemeinen statistischen Erhebungen wurden in je zwei Dörfern auf beiden Seiten der Grenze persönliche Fallstudien zu dieser aufkommenden Asymmetrie durchgeführt („Geographie der Wasserinfrastruktur“, Hirschhausen 2015). Dabei ergab sich, dass die Unterschiede nicht durch eine bloße Rekonstruktion einer historisch dauerhaft akzeptierten Superiorität Mitteleuropas gegenüber einem rückständigen Balkan-Europa erklärbar sind. Vielmehr ist die Differenz Ausdruck unterschiedlich aufgefasster Erwartungen bezüglich der vermuteten sozialen und wirtschaftlichen Zukunft und lokaler Möglichkeiten, diese anzugehen. Es handelt sich daher eher um eine vorwärtsschauende Perspektive, bei der die lokalen Akteure sich selbst bzw. ihre Dörfer in die Zukunft projizieren. Die Fallstudie vermittelt auch die Erklärungsstärke der mental maps bei der Raumgestaltung, welche die Imaginative (mittel- und balkan-)europäischer Perspektiven widerspiegeln und dabei Mitteleuropa eine günstige Entwicklung und dem Balkan-Europa ein Zurückbleiben anhängen. Der Ansatz ist umso anschlussfähiger, als dass der Unterschied von den lokalen Akteuren als ‚natürlich‘ empfunden wird und diese nicht aus dem ökonomischen Schema ausbrechen. Die dadurch geschaffenen Räume und (Phantom-)Grenzen werden durch tagtägliche Praktiken aktualisiert und sind gleichsam das Spiegelbild der langfristigen Vision. So gilt auch für die Raumgestaltung, dass die Spuren der Béatrice von Hirschhausen 186 Vergangenheit (auch) aus der Vision der Zukunft stammen (vgl. hierzu auch Leutloff-Grandits in diesem Band). Die dargestellten Beispiele zeigen auch, dass sich die drei Ebenen von Raumerfahrung, – imaginativ und -gestaltung überlappen und auch gegenseitig bedingen. Sie sind ineinander und miteinander verschränkt, sie wirken zusammen und beeinflussen sich gegenseitig, ohne ineinander vollständig aufzugehen: Insgesamt konstituieren sie die Art, in der soziale Strukturen, Praktiken und Diskurse sich verräumlichen und umgekehrt, wie der soziale Raum in seinen drei Dimensionen Strukturen, Akteure und Diskurse zueinander in Beziehung setzt. Über die Akteure kann man am einfachsten den Zugang zum Zusammenwirken der drei Dimensionen suchen: Soziale Wirklichkeit und sozial konstruierte Raum-Zeit entstehen in ihrer Artikulation zu- und miteinander. Abschließende Definition von Phantomgrenzen und Fazit Bei der abschließenden Definition des Konzepts der Phantomgrenzen (und der durch sie geschaffenen Phantomräume) wird auf das oben Beschriebene Bezug genommen, aber über das klassische Raum-Zeit-Schema hinweggegangen: Zwar interessieren die Weitertradierung oder Wiedererfindung von kulturellen Mustern in der Longue durée bei regionalen Gesellschaften, jedoch verstehen wir diese weder als akkumuliertes Sozialkapital (social capital, vgl. Putnam 1994; Becker et al. 2016) noch als cultural legacies (Peisakhin 2016) oder pfadabhängige Prozesse (path dependent, vgl. Pierson 2004). Das Konzept Phantomräume bzw. Phantomgrenzen grenzt sich von diesen klassischen Perspektiven durch drei Merkmale ab: – Das Konzept der Phantomräume hält die Akteure nicht in historisch etablierten, regionalen Strukturen ‚gefangen‘, vielmehr berücksichtigt es die Autonomie der Akteure. Dabei werden regionalspezifische Anordnungen durch das alltägliche Handeln produziert, aktualisiert oder abgeschafft. Historisch vererbte Praktiken oder Imaginative werden nicht mechanisch tradiert, sondern selektiv erinnert bzw. vergessen, aktualisiert oder disqualifiziert. – Die durch zahlreiche Handlungen von Akteuren hervorgerufenen Veränderungen regionaler Anordnungen lassen sich im Verlauf der Zeit aus sich ändernden Zuordnungen von Erfahrungen und Erwartungen ableiten. Dadurch wird die Historizität dieser räumlichen Gebilde geprägt. Der „Erfahrungsraum“ wird durch den „Erwartungshorizont“ (Koselleck 1979) von den Akteuren ständig neu ausgewertet. Dies führt dazu, dass die Transformation bisher erfahrener Kulturräume auch aus der Perspektive imaginierter Zukunft erfolgt: Die Akteure schaffen regionale Anordnungen nicht nur aus ihren „wirklichkeitsgesättigten“ Erfahrungen (ebd., S. 357) sondern auch aus ihren imaginationsgeprägten Erwartungen. – Imaginierte Zukunft entsteht dabei nicht nur endogen, innerhalb lokaler oder regionaler Erfahrungen. Geprägt wird sie auch durch imaginierte Geografien auf einer ganz anderen Ebene hegemonialen Wissens, welches außerhalb der Region produziert wird. Solche mental maps zeigen Zentren und Peripherien, modernere und rückständigere Regionen und behaupten dadurch eine Geografie der Zukunft, die von großen Narrativen sowie von Prophezeiungen aufgeladen sind. Auf der Akteursebene erhalten sie ihre Kraft aus ihrer wahrgenommenen ‚Natürlichkeit‘. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Phantomgrenzen (und Phantomräume) die performative Wirkung ehemaliger historischer Territorien bezeichnen. Frühere historische Raumordnungen können die Erfahrung sowie das Raumimaginativ von sozialen Gruppen prägen und 5. Phantomgrenzen als heuristisches Konzept für die Grenzforschung 187 daher bestimmte regionale Ordnungen neu schaffen (perform). Diese Fähigkeit ist instabil, aber historisch situiert. Phantomgrenzen und -räume können in bestimmten historischen sowie geografischen Kontexten erscheinen oder verschwinden. In diesem Sinne bietet das Konzept der Phantomgrenzen einen neuen oder alternativen Zugang zur Regionalforschung, welcher gerade in anderen als den hier erforschten Räumen Ostmitteleuropas neue Perspektiven erschließen kann. Zukünftige Forschung sollte auch andere Regionen mit ‚Zwischenräumen‘ und kolonialem Erbe adressieren, wie z.B. den Kaukasus, Nordafrika und den mittleren Osten (MENA-Region) sowie Subsahara-Afrika. Weiterführende Literatur Aldenhoff-Hübinger, Rita/Goussef, Catherine/Serrier, Thomas (Hrsg.) (2007): Europa Vertikal. 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In Verbindung mit der Darstellung leitender Paradigmen der EU-europäischen Grenz- und Migrationspolitiken behandeln die Autor*innen die Perspektive der Autonomie der Migration und ihre methodologisch-theoretischen Implikationen für eine ethnografische Grenzregimeanalyse. Schlagwörter EU-europäisches Grenzregime, Schengen, ethnografische Grenzregimeanalyse, Autonomie der Migration, border struggles Die Allgegenwärtigkeit von Grenzen „Far from disappearing, many borders are being reasserted and remade through ambitious and innovative state efforts to regulate the transnational movement of people“ (Andreas/Snyder 2000, S. 2). Diese Feststellung aus dem einflussreichen Werk The Wall around the West von Peter Andreas und Timothy Snyder (2000) war wohl nie so aktuell wie heute. Die Monate des Sommers 2015, als eine unerwartet hohe Anzahl an Fluchtmigrant*innen es schaffte, sich ihren Weg nach Westeuropa zu bahnen und hierbei buchstäblich die verschiedenen Grenzapparaturen1 (Walters 2002, S. 563) kraft ihrer Körper und des Begehrens nach einem besseren Leben zu überrennen, scheinen einer anderen Zeit anzugehören. Seitdem sind wir Zeug*innen einer unerwartet verstärkten Wiederkehr nationaler und regionaler Grenzapparaturen auf dem europäischen Kontinent in Gestalt von Zäunen, Gräben, Wachhunden und Wachtürmen (siehe dazu auch Leuenberger in diesem Band). Allerdings waren Zäune und Stacheldraht als Grenzinfrastrukturen nie gänzlich aus der europäischen Praxis verschwunden. Zwar wurden in den letzten zwei Jahrzehnten innerhalb Schengens Schlagbäume und andere materielle Grenzen weitgehend abgebaut, dafür wurden Zäune an der EU-Außengrenze bereits vor 2015 immer höher gezogen – sei es um die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla oder entlang der griechisch-türkischen und der bulgarisch-türkischen Landesgrenzen –, die EU-Europa vom ‚Rest‘ trennen sollten, wie Stuart Hall und Bram Gieben (1992, S. 6) die postkoloniale Teilung der Welt beschrieben. Neben diesen sichtbaren Grenzarchitekturen im Rahmen des EU-europäischen Rebordering wurde eine Vielzahl von technischen Apparaturen installiert, die mehr oder weniger ‚unsichtbar‘ sind. Gelder in Millionenhöhe flossen in die Forschung und Entwicklung von computerge- 1. 1 William Walters (2002, S. 563) verweist mit dem Begriff der Apparaturen auf die Fülle von polizeilichen und militärischen, aber auch kartografischen, diplomatischen, rechtlichen und geologischen Wissensformen und Praktiken, welche die Grenzen konstituieren. 190 steuerten, digitalen und intelligenten Grenzüberwachungstechnologien. Die einstige Grenzlinie um das nationale Territorium herum hat netzwerkartigen Grenzinfrastrukturen Platz gemacht, in denen Satelliten, Drohnen und Radarsysteme zum Einsatz kommen und mit umfassenden Datenbanken vernetzt werden (vgl. Pötzsch in diesem Band).2 Bezugnehmend auf die Kontrolle des Mittelmeeres, beschreiben Sergio Carrera und Leonhard den Hertog (2015, S. 16) vom Center for European Policy Studies diese Entwicklungen als „surveillance race“, die nicht nur einen neuen militärisch-grenztechnologisch-industriellen Komplex hervorgebracht haben, sondern zu einer immensen Verräumlichung und Digitalisierung von Grenze führten. Diese Aufblähung und Multiplikation der Grenze ließ Etienne Balibar (2002, S. 84) bereits zu Beginn des neuen Jahrhunderts von einer „ubiquity of borders“ sprechen. Die Allgegenwärtigkeit von Grenzen widerspricht der Hoffnung auf eine Welt ohne Grenzen, die in den 1990er Jahren vom Ende des Kalten Krieges, dem Fall der als Eiserner Vorhang im antikommunistischen Sinne bezeichneten Grenze zwischen West- und Osteuropa sowie von der Erweiterung und Harmonisierung der Europäischen Union genährt wurde (vgl. Ohmae 1990). Trotz oder gerade aufgrund der Schaffung von „Schengenland“ als „Ort der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts“ (vgl. Walters/Haahr 2004) und des allgemein fortschreitenden wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Globalisierungsprozesses scheint diese Hoffnung der Vergangenheit anzugehören (vgl. Newman 2006; Donnan/Wilson 2010, S. 2). Was den sozial- und kulturwissenschaftlichen Forschungsgegenstand der Grenze betrifft, betonte David Newman bereits 2006 in seinem Überblicksartikel über Konzepte und Ansätze im interdisziplinären Feld der Border Studies, dass Grenzforschung zu einer wachsenden Industrie geworden sei (vgl. Newman 2006, S. 144). Auch wenn das nicht auf den deutschsprachigen wissenschaftlichen Kontext zutrifft – bis heute existieren nur sehr wenige institutionelle Forschungskontexte mit dieser Bezeichnung –, können wir dennoch beobachten, dass eine gewisse ‚Explosion‘ von Studien und Forschungsprojekten über Grenzen stattgefunden hat, wie Hastings Donnan und Thomas M. Wilson es 2010 in ihrem Sammelband Borderlands: Ethnographic Approaches to Security, Power, and Identity ebenfalls feststellen. Nicht nur in den Border Studies, sondern auch im weiteren Feld der Migrations- und Mobilitätsstudien wird die neue und wachsende Bedeutung der Grenzthematik deutlich. So steht auch in dem im Jahr 2013 erschienen Artikel Regimes of Mobility across the Globe von Nina Glick Schiller und Noel B. Salazar die Frage von Grenzziehungsprozessen im Vordergrund. Auch sie beobachten eine zunehmende Wiederkehr nationaler Grenzen und ethnischer Grenzziehungsprozesse inmitten globaler Wirtschaftskrisen und sehen ein „single global mobility regime“ im Entstehen: „Oriented to closure and to the blocking of access, premised not only on ‚old‘ national or local grounds but on a principle of perceived universal dangerous personhoods […] In practice, this means that local, national, and regional boundaries are now being rebuilt and consolidated“ (Glick Schiller/Salazar 2013, S. 199). Doch wie werden in den Border Studies, die sich mit internationalen Migrationsbewegungen und Grenzziehungsprozessen auseinandersetzen, Grenzen konzeptualisiert? Welches Verständnis von Mobilität und Bewegung vis-à-vis der Grenze liegt diesen Konzepten zugrunde oder 2 Darunter Spaniens integriertes System zur Außenüberwachung (Sistema Integrado de Vigilancia Exterior, SIVE), das 2002 eingeführt wurde, das meergestützte Überwachungssystem (MARSUR) von 2005 und das Europäische Grenzüberwachungssystem (EUROSUR), das von der EU 2013 neben großen Datenbanken wie der Fingerabdruckdatenbank Eurodac, dem Schengener Informationssystem (SIS) sowie dem Visa-Informationssystem (VIS) eingeführt wurde. Grenze als Konfliktzone – Perspektiven der Grenzregimeforschung 191 ergibt sich daraus? Und wie kann daraus der Begriff des Grenzregimes abgeleitet werden, wie er im Rahmen der kritischen Migrations- und Grenzregimeforschung über die letzten 10 Jahre entwickelt wurde? Beginnend mit einer Diskussion verschiedener konzeptioneller Entwürfe von Grenze und ihrer Funktion werden wir nachfolgend die zugrunde liegenden Konstruktionsmomente und Paradigmen des europäischen Grenzregimes aufzeigen. Daran anschließend werden wir mit dem Konzept der Autonomie der Migration als Prisma oder Perspektive für eine Theoretisierung der Grenze plädieren, die Grenze strukturell als Konfliktzone versteht, und skizzieren den Ansatz der ethnografischen Grenzregimeanalyse und seine methodologisch-theoretischen Implikationen. Grenze als Barriere, Tor und/oder Transformationsregime? David Newman (2006, S. 145) betont, dass es nicht die eine Grenztheorie gäbe. Allerdings herrscht im interdisziplinären Feld der Border Studies mittlerweile ein weitgehender Konsens bezüglich der Transformationsprozesse, denen territoriale Staatsgrenzen in den letzten zwei Jahrzehnten unterlagen – bezüglich ihrer Form, Territorialität bzw. Verräumlichung, ihrer Rolle und Funktion sowie hinsichtlich ihrer Hervorbringung, Performanz und ihres Regierens (vgl. Donnan/Wilson 2010). In diesem Sinne besteht größtenteils Einigkeit darin, dass Staatsgrenzen nicht länger als statische Linien oder Abgrenzungen eines souveränen Staates und nationalstaatlicher Macht konzeptualisiert werden können, wie in dem Manifest Lines in the Sand: Towards an Agenda for Critical Border Studies (Parker/Vaughan-Williams 2009) nachdrücklich betont wird. Grenzen sind daher weniger denn je als ‚Rand des Politischen‘ zu verstehen, sondern sind „zu Objekten, genauer gesagt zu Dingen im Raum des Politischen“ geworden, wie es Étienne Balibar (1997/2006, S. 250, Herv. i. O.) schon früh formulierte. Diese Einsicht in den Wandel der Gestalt und Funktion der Grenze führte dementsprechend auch zu einer geografischen Neufokussierung der Forschung weg von der Staatsebene hin zu Regionen, Kommunen oder Gated Communitys sowie zur transnationalen oder globalen Ebene (vgl. Laine 2016). Die wahrgenommenen Transformationen ebneten auch den Weg für eine methodologische Neuausrichtung. „Statt die Grenze an sich“ (Newman 2006, S. 144) zu fokussieren, rückten zunehmend Prozesse der Grenzziehungen und Praktiken des borderings in den Mittelpunkt der Betrachtung. Nichtsdestotrotz konzeptualisieren die meisten Studien die Grenze selbst als eine „Exklusions- und Schutzbarriere“, wie etwa auch Hastings Donnan und Thomas M. Wilson (2010, S. 11) in ihren Forschungen zu täglichen Grenzüberschreitungspraktiken von „Grenzbewohner*innen“. Im Foucault’schen Sinne werden Grenzen in diesem Zusammenhang als Ordnungstechnologie gesehen, die uns von denen, das Hier vom Dort und das Innen vom Außen unterscheidet, wie Henk van Houtum und Ton van Naerssen in ihrem Artikel Bordering, Ordering and Othering (2002) beschreiben. Diese Vorstellung von Grenzen als Grenzen ziehende Technologien lädt zu einem weiten metaphorischen Gebrauch des Begriffs der Grenze im deterritorialen und eher sozialen Sinne ein, welcher Frederik Barths (1969/1998) Konzept der (sozialen und ethnischen) Grenzziehung (boundary) sehr nahekommt (vgl. auch Höfler/Klessmann in diesem Band). Dabei war auch die territoriale Staatsgrenze immer mehr als nur eine Linie auf dem Boden, manifestiert durch eine materielle Infrastruktur. Grenzen mussten schon immer auch performiert werden und benötigten in diesem Sinne weitere soziale und kulturelle Komponenten, 2. Sabine Hess und Matthias Schmidt-Sembdner 192 Investitionen und Arrangements. So belegt die Geschichtsforschung klar, wie schwierig es war, insbesondere die nationalen Grenzen zu errichten und Grenzpraktiken durchzusetzen (vgl. François et al. 2007). Grenzen benötigen nicht nur Gesetze, Bürokratien, Abläufe und Repräsentationen (Pässe, Stempel, Akten, Landkarten), sondern müssen auch ihren Platz auf unseren geistigen Landkarten, in kulturellen Bildern und unseren moralischen Urteilen haben, um „bedeutungsgebend und bedeutungstragend“ zu sein (Donnan/Wilson 2010, S. 4). In seinem wegweisenden Artikel Mapping Schengenland: Denaturalizing the Border skizziert William Walters (2002) drei historische Typologien von Grenze: die „geopolitische“, die „nationale“ und die „biopolitische Grenze“. Hier zeigt er auf, dass selbst die geopolitische Grenze – als Ausdruck des klassischen Verständnisses des 18. und 19. Jahrhunderts von Nationalstaaten als territorial definierte Einheiten und der entsprechenden territorialisierten Grenze als Linie, an der sich die Streitkräfte versammelten – als Assemblage betrachtet werden muss: „There is a whole apparatus connected with the geopolitical border – not just a police and military system, but cartographic, diplomatic, legal, geological, and geographical knowledges and practices“ (ebd., S. 563). Walters spricht von Grenzen als eine „Kunst des Regierens“, während der Kolonialzeit war die Grenzziehungspraxis dann vor allem eine Kunst des imperialen Regierens (ebd., S. 564). Da sich die wenigsten Grenzen als totalitäre ‚Exklusionsbarriere‘ begreifen lassen, müssen wir mit der Vorstellung eines antithetischen Verhältnisses zwischen Grenzen und Mobilität brechen. So war die Grenze auch immer ein Tor und in diesem Sinne eine Mobilitätsinstitution (vgl. Donnan/Wilson 2010). Grenzen unterscheiden sich in Bezug auf diese Flow-Management- Capacity und ihre Filterfunktion jedoch erheblich, nicht nur in Bezug darauf, Ströme zu verlangsamen bzw. zu beschleunigen, sondern auch, wie sie selektiv auf Mobilitäten zugreifen.3 Sie werden daher auch sehr unterschiedlich erfahren. Der US-amerikanische Kulturanthropologe Michael Kearney äußerte sich zu dieser Funktion der Grenzen in seiner Forschung über die seit Langem militarisierte US-amerikanisch-mexikanische Grenze bereits in den 1990er-Jahren wie folgt: „Rhetoric aside, […] the de facto immigration policy of the unitedstatesian government is not to make the US-Mexican border impermeable to the passage of ‚illegal‘ entrants, but rather to regulate their flow, while at the same time maintaining the official distinctions between [...] kinds of people, that is to constitute classes of peoples“ (Kearney 1991, S. 58). Kearney geht dabei noch einen Schritt weiter als nur von der filternden Funktion der Grenzkontrolle zu sprechen, „that separates out the unwanted from the wanted cross-border flows“ (Andreas 2000, S. 4). Vielmehr verweist Kearneys Formulierung, dass die Grenze ‚Klassen von Menschen‘ bildet, darauf, dass Grenze nicht auf ihre Funktion als repressives Instrument reduziert werden kann, sondern eher als ‚produktiver‘ Mechanismus im Sinne von Foucaults Begriff der Biomacht (vgl. Lemke 2007) zu verstehen ist. Dies bringt später William Walters (2002) mit seinem Begriff der „biopolitischen Grenze“ explizit zum Ausdruck. Auch Sandro Mezzadra und Brett Neilson (2013; in diesem Band) folgen in ihrer Publikation Border as 3 Auch Peter Andreas (2000, S. 4) weist in Bezug auf die europäische Außengrenze auf ihre Permeabilität hin und wendet sich gegen weitverbreitete gesellschaftliche Vorstellungen, die insbesondere ihre Schließungsfunktion adressieren, wie sie in der Metaphorik der Festung Europa zum Ausdruck kommen. In diesem Zusammenhang beschreibt Chris Rumford (2008, S. 3) Grenzen als „asymmetrische Membrane[n]“ und William Walters (2006, S. 197) verwendet die Metapher einer „firewall“, die basierend auf einem sehr differenzierten Raster ablehnt und selektiert. Grenze als Konfliktzone – Perspektiven der Grenzregimeforschung 193 Method dieser Perspektivierung und sprechen von der „differentiellen Inklusion“, womit sie den Blick auf die differenzierende und hierarchisierende Funktion von Grenze lenken, die die Subjekte im politischen Raum in verschiedene Formen der Unterordnung, Diskriminierung und Segmentierung bringt. Lydia Morris (2002) spricht in dieser Hinsicht von der „civic stratification“. Die Grenze kann in diesem Verständnis als Transformationsregime von Rechten und Status verstanden werden. Der rechtlich-politische (staatsbürgerliche) Status der Menschen wird zum Zeitpunkt seiner Grenzüberschreitung in Frage gestellt oder gar beseitigt, indem die grenzüberschreitende Mobilität einmal als ‚illegal‘ oder ‚irregulär‘ delegitimiert wird und dem dazugehörigen Subjekt seine bisherigen Rechte entzogen werden, während andere Mobilitäten mehr oder weniger unbefragt als Tourist*innen, Fachkräfte oder Expert*innen reisen und als volle Rechtsubjekte weiter handeln können. In diesem Sinne stellt die Grenze ein gigantisches Transformationsregime dar, das durch die kategoriale Erfassung und Bearbeitung der Mobilitäten neue Hierarchien von Menschen unter den migrationspolitischen Kategorien entstehen lässt. Diese biopolitische Funktion der Grenze, das zeigt William Walters (2002) weiter, verändert jedoch auch ihre Form und Gestalt. Wenn sich bereits die geopolitische Grenze nicht als Linie verstehen lässt, wie wir gezeigt haben, so muss man sich die biopolitische Grenze eher als ‚Maschine‘ vorstellen, wie es Walters beschreibt, oder als ein Regime bestehend aus einem Gefüge aus neuen und alten, einfachen und komplexen Technologien, Infrastrukturen, Gesetzen, Institutionen und Diskursen: „These include passports, visas, health certificates, invitation papers, transit passes, identity cards, watchtowers, disembarkation areas, holding zones, laws, regulations, customs, and excise officials, medical and immigration authorities“ (ebd., S. 572). Dabei macht Walters auf eine weitere Funktion der biopolitischen Grenze aufmerksam und hebt hervor, dass die Grenze zu einem ‚privilegierten Ort‘ wurde, an dem politische Behörden biopolitische Kenntnisse über Bevölkerungen erlangen können: „In this sense the border actually contributes to the production of population as a knowable, governable entity“ (ebd., S. 573). Eine derartig ausgerichtete biopolitische Grenze hat neue technopolitische Verräumlichungen hervorgebracht, wie sie mit Begriffen wie border zones, borderlands oder borderscapes umschrieben werden. Gleichzeitig beinhalten diese Konzepte Ideen mobiler, veränderlicher, selektiver und differenzierter Grenzsituationen. Es wird auch von „mobile borders“ (Kuster/Tsianos 2014, S. 3) oder „networked borders“ (Rumford 2006, S. 157) gesprochen. In diesem Zusammenhang argumentiert Balibar (2002, S. 78f.) für eine analytische Fassung der Grenzen als überdeterminiert, heterogen und polysemisch – „that is to say that borders never exist in the same way for individuals belonging to different social groups“ (ebd., S. 79). Diejenigen, die die entsprechenden wirtschaftlichen Mittel, Nationalität und Dokumente besitzen, haben die europaweite Reisefreiheit in den letzten Jahren genossen. Andere hingegen, wie die Menschen, die zu den Staaten aus dem Globalen Süden gehören, begegnen den Grenzen in Zügen oder an Bahnhöfen, auf Flughäfen, in Schulen und in Gesundheitseinrichtungen auf Gemeindeebene. Ein solches Verständnis von Grenzen führte zunehmend zu einer stark praxeologischen Ausrichtung der Border Studies, wobei nun Prozesse von doing und performing borders interessieren (Houtum/Naerssen 2002, S. 126; Salter 2011; siehe auch Wille in diesem Band). So wird die Grenze als ein Effekt einer Vielzahl von Akteur*innen und Praktiken verstanden, was Chris Rumford (2008) mit dem Konzept des borderwork explizit aufgreift (vgl. auch Salter 2011). Hiermit lenkt er die Aufmerksamkeit auf die alltäglichen Mikropraktiken der an Sabine Hess und Matthias Schmidt-Sembdner 194 der Grenzproduktion beteiligten Politiker*innen, Grenzbeamt*innen, Journalist*innen, Wissenschaftler*innen, Richter*innen, NGO-Mitarbeiter*innen, von Transportpersonal und den vielen anderen, die die Grenze immer wieder neu interpretieren und ausagieren müssen, um sie in Kraft zu setzen. In den vergangenen Jahren wurde dieses Konzept im Sinne neuerer materialitätstheoretischer Ansätze sowie im Kontext der Infrastrukturstudien erweitert, um die Aufmerksamkeit auch auf das wachsende Arsenal von Technologien wie Drohnen, Satelliten, Wärmebildkameras, Scannern und Datenbanken zu ziehen. Aus dieser Perspektive wird die Grenzziehung als performativer Akt verstanden. Aufbauend auf Judith Butlers (1991) Begriff der Performativität weist Marc Salter auf die Tatsache hin: „Sovereignty, like gender, has no essence, and must continually be articulated and rearticulated in terms of ‚stylized repetition of acts‘ of sovereignty“ (Salter 2011, S. 66). Schengen als Laboratorium: Paradigmen des europäischen Grenzregimes Die Betonung der skizzierten Transformation der Grenze von einer Demarkationslinie rund um ein Staatsgebiet hin zu einer allgegenwärtigen, technisch-sozialen, deterritorialisierten Apparatur oder einem Regime, welches geografisch ausgedehnte Grenzräume (borderscapes) bildet (vgl. Brambilla 2015),4 stellt – wie ausgeführt – den gemeinsamen Nenner der Forschungen in den internationalen Border Studies dar, welche den Zusammenhang von Grenze und der Regulation grenzüberschreitender Mobilitäten von Gütern oder Menschen adressieren. Das gilt vor allem für die EU, die – wie Sabine Hess und Bernd Kasparek (2017) im Artikel Deand Restabilising Schengen: The European Border Regime after the Summer of Migration darlegen – als ‚Labor‘ besagter Transformation betrachtet werden kann. Mit dem Schengener Abkommen von 1985 läutete das europäische Projekt mit dem neu geschaffenen Begriff der Außengrenze als zentralem Mechanismus und Raum für Migrationskontrolle die Bildung eines europäischen Grenzregimes ein. Obwohl dieses Projekt vorerst außerhalb des offiziellen EG/ EU-Rahmens stattfand, war dieser weltweit einzigartige Prozess der Regionalisierung und der supranationalen Harmonisierung eine treibende Kraft für einen beschleunigten und vertieften Prozess der Europäisierung, der im Vertrag von Amsterdam (1999) und später im Vertrag von Lissabon (2009) gipfelte. Dabei lässt sich die Herausbildung des europäischen Grenzregimes nicht als ein linearer politischer Akt verstehen, vielmehr ist er gekennzeichnet von zahlreichen Rückschlägen und widersprüchlichen (politisch-sozialen) Visionen und Interessen unterschiedlichster Akteursgruppen (vgl. Hess/Tsianos 2007; Karamanidou/Kasparek 2018). Die verschiedenen Orte, Akteure, Entwicklungspfade und Tempi seiner Hervorbringung führen jedoch auch dazu, dass das europäische Grenzregime als eine multiskalare Assemblage zu verstehen ist: bestehend aus Agenturen der EU wie FRONTEX (Europäische Grenz- und Küstenwache), Institutionen des europäischen Rechts (wie das Gemeinsame Europäische Asylsystem) und Standardisierungs- und Harmonisierungsprozessen innerhalb der EU, vor allem im Bereich des Grenzmanagements (‚Integriertes Grenzmanagement‘ genannt). Zu ihr gehört auch ein wachsender militärisch-industriell-wissenschaftlicher Komplex, der hauptsächlich von der EU gefördert wird, und sich neben traditionelleren politischen nationalen Apparaten der Migrationskontrolle, die sich seit den 1970er-Jahren entwickelten, einreiht. Ein weiteres Merkmal ist die flexible Beteiligung 3. 4 Chris Rumford (2006, S. 159) spricht von einem „Zustand der Post-Territorialität“. Grenze als Konfliktzone – Perspektiven der Grenzregimeforschung 195 von IGOs (Intergovernmental Organizations), darunter internationale und zwischenstaatliche Organisationen wie der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (UNHCR) oder die Internationale Organisation für Migration (IOM). Ferner ist dem europäischen Grenzregime von Anfang an ein grundlegendes Kontrolldilemma des EU-Schengenlands eingeschrieben, auf welches Gallya Lahav und Virginie Guiraudon (2000) in ihren frühen Ausführungen hinweisen. So ist mit der Errichtung des EU-Binnenmarktes die dilemmatische Frage zentral gestellt worden, wie sich ein neoliberales, wirtschaftliches Paradigma des (möglichst weltweiten) freien Güter-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehrs mit dem kontinuierlichen biopolitischen Wunsch vereinbaren lässt, den Personenverkehr und die (nationalen) Bevölkerungen zu kontrollieren. Während die EU mit dem Vertrag von Amsterdam sich zunehmend als politischer harmonisierter Raum konstituierte und die Mobilität ihrer Bürger*innen zunehmend binneneuropäisch absicherte, hat sie mit der Konstruktion der sogenannten ‚Drittstaatsangehörigen‘ eine neue Differenzierung geschaffen und dem weltweiten freien Personenverkehr eine Absage erteilt. Viele Autor*innen der Grenzforschung und der Europaforschung machen darauf aufmerksam, dass die Schaffung des EU-Binnenmarktes einem breiten Feld an Sicherheitsakteuren die Tür öffnete und zu einer verschärften Versicherheitlichung von Fragen der Mobilität führte (vgl. Huysmans 2000; Bigo/Guild 2005). William Walters und Jens Henrik Haahr (2004, S. 95) meinen gar, dass „Schengenland can be seen as having certain acts of securitisation as its conditions of possibility“. Darüber hinaus bestand die wesentliche praktische Antwort des Grenzregimes auf das Kontrolldilemma laut Lahavs und Guiraudons (2000) darin, die Grenzkontrollen fernab der Grenze und außerhalb der Staaten zu platzieren, was zu der bereits skizzierten Verräumlichung und geografischen Ausdehnung der Grenze führte. Dabei bestand die Vision der Europäischen Kommission in einer smarten, technisch-wissenschaftlichen, unsichtbaren und doch selektiven Grenze, die zwischen erwünschten Reisenden und unerwünschten Migrant*innen unterscheiden kann (Commission of the European Communities 2008). In diesem Kontext haben sich vier Paradigmen, die das europäische Grenzregime leiten und kennzeichnen, herausgebildet. Als erstes ist das Paradigma der remote control und der Externalisierung zu nennen. Neben der geografischen Ausdehnung führte dieses auch zu einer unvorhergesehenen Multiplikation und Diversifizierung der Akteur*innen: von staatlichen zu nichtstaatlichen, von internationalen als auch von auf lokaler Ebene auftretenden Akteur*innen (vgl. Lahav/Guiraudon 2000; Lavenex 2004; Zolberg 2006; Hess/Tsianos 2007; Bialasiewicz 2012). Das zweite Paradigma ist, wie bereits angedeutet, das einer ‚robusten‘ und doch aufgrund von Technologisierung, Digitalisierung und Biometrisierung smarten Außengrenze (vgl. Koslowski 2005; Broeders 2007; Dijstelbloem et al. 2011; Kuster/Tsianos 2014). Diese zwei Dimensionen sind im Rahmen der Border Studies grundlegend analysiert worden. Ein drittes Paradigma schuf ein internes Regime, das die Institution des Asyls durchdrungen hat. Zentral sind hier die Dublin-Verordnungen und die Eurodac-Bestimmungen5 zu nennen. Sie zielen auf die Immobilisierung der Migrationsbevölkerung ab, welche im Rahmen des europäischen Asylsystems Schutz sucht. Mit Hilfe der ersten paneuropäischen Fingerabdruckdatenbank Eurodac im Zusammenspiel mit der aktuellen Fassung Dublin-III-Verordnung wird der Zugang zu den nationalen Asylsystemen für Fluchtmigrierende stark beschränkt. Mit einer Vielzahl von Kriterien regelt das Dublin-System, welcher Mitgliedsstaat für die Durchführung 5 Der Begriff Eurodac ist ein Akronym, das sich aus „automated European dactylographic system“ ableitet. Sabine Hess und Matthias Schmidt-Sembdner 196 eines Asylverfahrens zuständig ist. Als zentrales Kriterium hat sich dabei das Land der ‚Erst- Einreise‘ herausgestellt. Eine Weiterwanderung in einen anderen europäischen Mitgliedstaat führt zur Einleitung eines Dublin-Verfahrens, das in den meisten Fällen mit dem staatlichen Versuch einer Abschiebung in den Ankunftsstaat einhergeht (vgl. Schuster 2011; Borri/Fontanari 2016; Kasparek 2016). Das vierte und letzte Paradigma, das vor allem in den Jahren vor 2015 hervortrat, ist eine ansteigende Humanitarisierung6 der Grenze, von Walters (2011) beschrieben als die „Geburt der humanitären Grenze“. Diese Entwicklung wurde angesichts der wachsenden Anzahl von tödlichen Schiffbrüchen und Tragödien im Mittelmeer in den Jahren 2013 und 2014 beschleunigt, als das Überqueren der Grenze offenkundig zu einer Sache von Leben und Tod wurde. Der humanitäre Diskurs geht jedoch zurück auf einen Brief des ehemaligen britischen Premierministers Tony Blair an seinen griechischen Amtskollegen Costas Simitis im März 2003. Griechenland hatte zu dieser Zeit die EU-Ratspräsidentschaft inne und Blair warb mit dem im Brief beigefügten Plan New Approaches to Asylum Processing and Protection7 für eine Diskussion auf EU-Ebene um ein „besseres globales Management von Asylprozessen“. Mit seinen Vorschlägen zur Vorverlagerung der Grenz- und Migrationskontrolle über das EU-Territorium hinaus wird es in erster Linie als Gründungsdokument für die Externalisierungspolitik der EU gelesen. Es ist jedoch mehr als das: Der Plan macht sich auch eine stark humanitäre Rhetorik zunutze und – wir würden sogar sagen − instrumentalisiert sie, um die weitere Externalisierung und Verschärfung der Grenzkontrollen als humanitäre Geste des Schutzes zu legitimieren. Auch im Rahmen unseres ersten Transit-Migration-Forschungsprojekts in den frühen 2000er- Jahren konnten wir Prozesse beobachten, die wir als NGOization und Gouvernementalisierung der Politik bezeichnet haben. Wir wiesen in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Expansion des Grenzregimes weit über die Außengrenzen der EU hinaus nicht nur durch Sicherheitsakteur*innen stattfand, sondern vor allem auch durch einen speziellen Verweis auf und die Artikulation von humanitären Positionen und Praktiken, wie sie insbesondere im Bereich der Anti-trafficking-Politik und im Kontext des asylpolitischen Feldes kenntlich wurden (vgl. Hess/Karakayali 2007). Nach dem Tod von mehr als 600 Migrant*innen bei einem Schiffsunglück 2013 vor Lampedusa wurde der humanitaristische Diskurs gänzlich dominant. Dieser Paradigmenwechsel – von einer Politik des Sterbenlassens und der Push-Backs hin zu einer Politik des Rettens – schien aufgrund weitreichender Veränderungen möglich zu sein, die zum Teil auch durch unaufhörliche Kämpfe der Migration, transnationale Solidaritätsnetzwerke und die professionalisierten kritischen Wissenspraktiken der NGOs sowie rechtliche Interventionen entstanden sind. Diese haben zu einer weiteren Verrechtlichung des Grenzregimes und zu einer gewissen Stärke menschenrechtlicher Ansätze geführt (vgl. Hess 2016a). 6 Wir halten uns an William Walters (2011) und Didier Fassins (2007) Konzeption der Humanitarismus, unter der beide mehr als nur „Ideen und Ideologien“ oder „einfach nur die Aktivität gewisser nichtstaatlicher Akteure“ verstehen. Sie begreifen Humanitarismus als eine spezielle Form des Regierens, als eine Rationalität der Macht und platzieren die Debatte „in Relation zur Regierungsanalytik“ (Walters 2011, S. 143). Wie Paolo Cuttitta (2016) es ausdrückt, führt dies zu einer speziellen operationalen Logik, die ihren Ausdruck in einem zunehmend organisierten und internationalisierten Versuch findet, das Leben der verwundbarsten Bevölkerungen der Welt zu retten, deren Wohlergehen zu steigern und deren Leiden zu lindern – und das nun auch im Bereich der Grenzkontrolle. 7 www.statewatch.org/news/2003/apr/blair-simitis-asile.pdf, 14.02.2020. Grenze als Konfliktzone – Perspektiven der Grenzregimeforschung 197 Umkämpfte Grenzen und die konstitutive Macht der Migration Die Migrationsbewegungen des Sommers 2015 haben das Grenzregime mit seinen hier dargelegten vier zentralen Paradigmen in seinen Grundfesten erschüttert und Kerninstrumente wie das Dublin-System seitdem paralysiert (vgl. Schmidt-Sembdner 2019). Die Ereignisse haben die Mächtigkeit und die agency der Migration nicht nur zurück auf die politische Agenda gesetzt, sondern auch die Border Studies epistemologisch herausgefordert. Selbst wenn die darin zum Ausdruck kommenden Ansätze praxeologisch argumentierten und die borderwork – und damit die praktische Involviertheit verschiedener Akteur*innen in der Hervorbringung von Grenzen (vgl. Pallister-Wilkins 2017, S. 6) – in den Mittelpunkt der Betrachtung stellten, wurde die Migration selbst dabei nur marginal in den Blick genommen. Die Migration wird, wenn, dann als Objekt und Adressat der Grenze verhandelt, nicht jedoch als Kraft und (ko)konstitutiver Faktor politischer Transformationen und der umkämpften Aushandlung und Ausdeutung von Grenzen. Damit wird die strukturelle Dominanz der Migrationskontrollapparate epistemologisch reproduziert und ein geteiltes Geschehen der Migration konstruiert: auf der einen Seite steht ein mehr oder weniger monolithischer Apparat, welcher die Migration aufhalten, ausschließen, unterdrücken und ausbeuten will. Auf der anderen Seite gelten Migrant*innen als ‚passive Opfer‘, Migration wird individualisiert (vgl. Papadopoulos et al. 2008, S. 3) und ihre Formen des sozialen Handelns, die politischen und sozialen Konflikte, die sie eröffnen (vgl. Bojadžijev 2006, S. 140), bleiben unberücksichtigt. Die Viktimisierung der Migrant*innen wird aber auch durch Advocacy-Gruppen verstärkt, die sich für Migrant*innen einsetzen und dazu tendieren, deren Ohnmacht hervorzuheben (vgl. Karakayali 2008). Im Gegensatz dazu greift das Werk Border as Method von Sandro Mezzadra und Brett Neilson (2013) zentral den Standpunkt des Ansatzes der Autonomie der Migration (s.u.) auf. Die Autoren definieren Grenzen als „social institutions, which are marked by tensions between practices of border reinforcement and border crossing“ (ebd., S. 3). Mit dem Begriff der „border struggles“ (ebd., S. 264ff) betonen sie die entscheidende Rolle der Kämpfe an und um Grenzen als wesentliches dynamisches Moment ihrer Konstitution bei der Bildung eines spezifischen Grenzregimes und dessen Inkraftsetzungen und Umsetzungen vor Ort. Auch für die ethnografische Grenzregimeanalyse, wie wir sie anschließend darstellen werden, bildet die Mächtigkeit der Migration ihren Ausgangspunkt. Die Handlungsmacht der Migration als heuristischen Schlüssel für die Analyse von Grenzregimen zu verstehen, ist eine Perspektive, die wir – gemeinsam mit vielen Kolleg*innen – im Rahmen des Forschungszusammenhangs Transit Migration (2007) vor mehr als zehn Jahren entwickelt haben. Ausgehend vom „langen Sommer der Migration“ (Kasparek/Speer 2015) wollen wir diese Konzeptualisierung wieder aufgreifen, die mit Bezug auf den Ansatz der Autonomie der Migration Grenzräume als Produkt widerstreitender Kräfte, als emergentes Ergebnis des permanenten Ringens um Entkommen/Flucht einerseits und Einhegung andererseits versteht. Diese Perspektivierung ermöglicht Widerstandspraktiken der Bewegung der Migration, wie sie im Sommer 2015 offensichtlich geworden sind, aber auch grenzüberschreitende Praktiken ganz allgemein in eine Theorie der Grenze einzubringen, die den militarisierten Ausbau des Grenzregimes analytisch in den Blick nimmt und gleichzeitig der Migration als sozialer und politischer Macht gerecht wird. In dieser Perspektive des ethnografischen Grenzregimeansatzes ist das Grenzregime als ein Raum der ständigen Spannung, des Konflikts und der Anfechtung zu betrachten. 4. Sabine Hess und Matthias Schmidt-Sembdner 198 Die Konzeptualisierung stellt einen methodologischen und theoretischen Versuch dar, nicht nur auf eine Art und Weise über die Beziehung zwischen Migrationsbewegungen und Kontrollregimen zu denken, die sich von der klassischen soziologischen Art und Weise der Objektstruktur unterscheidet. Sie führt auch zu einer anderen Vorstellung von Migration, als die bisherige vorherrschende Praxis in den Kultur- und Sozialwissenschaften es zuließ: sie nicht im Sinne einer ‚Ableitung‘ vom Paradigma eines niedergelassenen Lebens in einem modernen Nationalstaat oder als eine funktionalistische Variable von wirtschaftlichen Prozessen und Rationalitäten zu sehen. Stattdessen versucht der Ansatz, Migration sowohl historisch als auch strukturell als einen Akt der Flucht und als ‚unmerkliche‘ Form des Widerstandes im Sinne eines Sich-Entziehens zu konzeptualisieren, wie es von Dimitris Papadopoulos, Niamh Stephenson und Vassilis Tsianos (2008) beschrieben wird. Yann Moulier Boutang (2007) bezeichnete diesen Aspekt als „Autonomie der Migration“. Damit wird die Aufmerksamkeit auf die Migration als ko-konstituierenden Faktor der Grenze gerichtet, die mit den Kräften der Migrationsbewegungen, die die Grenze jeden Tag herausfordern und neuformieren, rechnen muss (vgl. Hess 2016b). Doch was ändert sich, wenn wir Migration im Sinne des Konzepts der Autonomie der Migration denken? Das Konzept wird häufig falsch interpretiert, als wäre damit die Autonomie der Migrant*innen gemeint. Das verfehlt jedoch gänzlich seinen theoretischen Einsatz und seine Genese, da es vielmehr als strukturelles Argument aus einer historisch-materialistischen Interpretation der Geschichte verstanden werden muss. Auch beabsichtigt das Konzept nicht, das Leiden und die Notlage zahlreicher Migrationsprojekte zu verschleiern. Stattdessen stellt es einen Versuch dar, Migration wieder in die Geschichte der Arbeit, des Kapitalismus und der modernen Regierungsformen theoretisch und forschungspolitisch zu platzieren und damit die bisher oftmals ausgeblendete Fähigkeit der lebendigen Arbeit mitzudenken, den unerträglichen Verhältnissen der (Re-)Produktion zu entkommen (vgl. Mezzadra/Neilson 2013). Moulier Boutang (2007, S. 172) schreibt hierzu: „Verknüpft man sie [die lebendige Arbeit] aber mit Foucaults ‚Wunsch der Massen, nicht auf diese Weise regiert zu werden‘, und schlägt den Bogen zum Konzept der Flucht oder des Exit[s], wird sie ergiebig. Denn Flucht ist die Weigerung der Massen, sich regieren zu lassen: eine Antwort auf asymmetrische Machtverhältnisse“. In seinem Ansatz bezieht sich Moulier Boutang in erster Linie auf die theoretische Tradition des Operaismus (vgl. Pozzoli 1972; Negri 1977). Dieser entstand in den 1960er-Jahren in Italien einerseits als eine politische Bewegung, andererseits aber auch als eine politische Theorie im Widerspruch zum marxistischen Mainstream. Zwei zentrale Erkenntnisse des Operaismo scheinen für den Perspektivwechsel der Migrations- und Grenzforschung, wie er mit der These von der Autonomie der Migration einhergeht, entscheidend zu sein: zum einen die Konzeptualisierung der Geschichte des Kapitalismus als Ergebnis von Arbeiter*innen kämpfen. Unter diesem Gesichtspunkt erscheinen zum Beispiel sowohl die Industrialisierung als auch die Entwicklung der Fabrik als politische Antwort auf die massenhafte Flucht der arbeitenden Bevölkerung aus ländlichen Regionen und den Widerstand der Arbeitenden. Zum anderen sein Verständnis von Widerstand, wobei stille, unsichtbare, ungeordnete und scheinbar unbedeutende Formen der Subversion und des Sich-Entziehens, wie die bewusst verlangsamte Arbeitsverrichtung, ebenso als widerständige Akte berücksichtigt werden. Sinngemäß sieht Moulier Boutang die Ursache kapitalistischer Entwicklungen nicht nur in der Dynamik der Profitraten, sondern auch in den Reaktionen auf die gelebte Mobilität der Arbeitskräfte und im ständigen Versuch, Grenze als Konfliktzone – Perspektiven der Grenzregimeforschung 199 lebendige Arbeit zu kontrollieren sowie deren Fähigkeit und Begehren, Widerstand zu leisten und den Verhältnissen zu entfliehen (vgl. Moulier Boutang 2007; Papadopoulos et al. 2008). Diese Perspektive der Autonomie der Migration endet nicht mit der Annahme, dass Migration als eine aktive Kraft und als eine Form des alltäglichen stillen Widerstandes verstanden werden kann. Vielmehr fragt dieser Ansatz danach, wie Migration in das Zentrum der Wissensproduktion eingreift (vgl. Hess 2016b). Die Autonomie der Migration ist weniger ein Fazit als eine Perspektive, die neue Wege des Befragens und des Beforschens eröffnet. Oder, um Moulier Boutang (2007, S. 169) zu zitieren, sie „ist kein Slogan, sondern vielmehr eine Methode, ein Ausgangspunkt, ein heuristisches Modell, und nicht die Antwort auf eine Frage“. Die Autonomie der Migration als Prisma: methodologischtheoretische Implikationen des Regimebegriffs Folgen wir dem Konzept der Autonomie der Migration als Methode oder als Prisma, stellt sich unweigerlich die Frage, was uns dieser Standpunkt für eine analytische Haltung ermöglicht. Erstens versteht der Ansatz Migration und Mobilität als soziale Bewegung, nicht im klassischen Sinne als geordnete, ideologisch angetriebene Bewegung, sondern eher als eine weltschaffende, kollektive Praxis und folglich als grundsätzlich politisches, soziales und transformatives Projekt. Der Vorschlag des Soziologen Asef Bayats (2010), sein Konzept der „nonmovements“ auf Migrationsbewegungen zu übertragen, setzt an diesem Verständnis von Migration an. Ausgehend von den gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen in den postkolonialen Autokratien der 1980er-Jahre im Nahen Osten, referiert das Konzept auf die für die soziale Bewegungsforschung unkonventionellen Formen und Konturen sozialer Bewegungen. Nonmovements sind demnach „collective actions of noncollective actors“ (ebd., S. 14), die sich nicht unter einer gemeinsamen Ideologie oder Organisationen vereinen und stets fragmentiert bleiben. Doch aufgrund der Summe der jeweils vorgenommenen individuellen Handlungen, wie die informelle Errichtung von Camps oder das Anzapfen staatlicher Stromleitungen, stellen sie oftmals eine sukzessive Normalisierung jener „geteilten Praktiken“ her (ebd., S. 20f.). Sie können damit gesellschaftliche Transformationsprozesse auslösen, ohne dass sie von den Akteur*innen intendiert gewesen sein müssen. Bernd Kasparek und Matthias Schmidt-Sembdner (2017, S. 181) formulieren den Zusammenhang zwischen Bayats Konzept und der Perspektive der Autonomie der Migration mit Hinblick auf ihr gesellschaftliches Wirken: „Dabei stellt Bayats Begriff der nonmovements und die Charakterisierung der Migration als soziale Bewegung in der Perspektive der Autonomie der Migration nur oberflächlich einen Widerspruch dar. Denn beiden semantischen moves geht es um das Insistieren auf einen sozialen und politischen Gehalt der analysierten gesellschaftlichen Phänomene. Bei Bayat bedeutet dies eine Abgrenzung von einem engen Bewegungsbegriff […], während die Autonomie der Migration darauf besteht, dass Migration nicht nur eine räumliche Bewegung, sondern eben auch eine soziale Bewegung darstellt, die zu gesellschaftlichen Transformationen beiträgt“. Zweitens, wenn wir mit dieser Perspektive auf die Grenze und auf das Migrationsregime schauen, ändert sich die Art und Weise, wie wir die Grenze konzeptualisieren und folglich auch unser Verständnis von Staat oder Souveränität. Der einst monolithische Grenzapparat zerbricht und zerfällt in viele einzelne Faktoren: Akteur*innen, Praktiken, Diskurse, Technologien, Körper, Emotionen, Prozesse und Kontroversen werden sichtbar, wobei die Migration als 5. Sabine Hess und Matthias Schmidt-Sembdner 200 treibende Kraft fassbar wird (vgl. Heimeshoff et al. 2014, S. 13f.). Eine solche Konzeptualisierung der Grenze verwirft vereinfachte binäre Modelle, die Struktur in einem einfachen Gegensatz zu Handlungsmacht verorten. Stattdessen wird die Grenze als Raum der Herausforderung, des Konflikts und der Verhandlung neu konzeptualisiert. Die ethnografische Grenzregimeanalyse versucht eine methodologische Operationalisierung dieser theoretischen Implikationen zu bieten (vgl. Transit Migration Forschungsgruppe 2007; Tsianos/Hess 2010). Sie baut auf den politikwissenschaftlichen Begriff des Regimes und dem Foucault’schen Verständnis (Foucault 1983; 2004; siehe auch Hess et al. 2018) auf, um borderwork als ein Gefüge aus einer Vielzahl von Akteur*innen, Institutionen und anderen menschlichen und nichtmenschlichen Faktoren und Praktiken zu betrachten, ohne die verschiedenen Interessen und Rationalitäten dieser Kräfte zu einer simplen linearen Logik oder einer versteckten Agenda zu vereinfachen (wie das des Kapitals oder europäischer Rassismus). Der Regimebegriff referiert auch auf die Komplexitäten und Widersprüche, ebenso wie auf Ad-hoc-Maßnahmen von Grenzpolitiken und ihrer Irrwege. Ebenso verweist er auf die Diskrepanzen zwischen Intention und Effekte migrationspolitischer Strategien und den umkämpften Handlungsparadigmen der verschiedenen beteiligten Akteur*innen. Dabei ist der Regimebegriff thematisch spezifisch angesetzt und prozesshaft orientiert. So schreibt auch Giuseppe Sciortino (2004, S. 32f.) über das Regime: „It is rather a mix of implicit conceptual frames, generations of turf wars among bureaucracies and waves after waves of ‚quick fixes‘ to emergencies […]: the life of a regime is the result of continuous repair work through practices“. Die ethnografische Grenzregimeanalyse basiert also eher auf einem empirischen und theoretischen Entwurf der Grenze als Gefüge, als Situation oder Site des kontinuierlichen Aufeinandertreffens und der Spannungen, an dem die Migration zu einem konstitutiven Bestandteil von Grenzziehungsprozessen wird. In der Folge ist mit dem Regimeansatz die kontinuierliche und strukturell konflikthafte Rekonfiguration der Grenze (als multiple verörtlichte und nichtörtliche, weitgespannte Assemblage) in erster Linie als eine Reaktion auf Migrationsbewegungen zu verstehen, die Grenzsituationen herausfordern, übertreten und umgestalten. Unter diesem Gesichtspunkt sind es die Migrationsbewegungen, die das soziopolitische und ökonomische Phänomen der Grenzräume erzeugen: Grenzräume sind das Produkt eines kollektivierten, überschüssigen Wunsches, Grenzen zu überwinden, von Netzwerken von Menschen in Bewegung und von kollektiven Wissenspraktiken der Grenzüberquerung (vgl. Fröhlich 2015). Mit einem heuristischem Methodenmix aus symptomatischer Diskursanalyse, ethnografischer teilnehmender Beobachtung, informellen Gesprächen und teilstrukturierten sowie fokussierten, qualitativen Interviews schafft die ethnografische Grenzregimeanalyse ein Verständnis für die sozialen und politischen Prozesse des Grenzregimes in einem post-positivistischen und neokonstruktivistischem Sinne (vgl. Tsianos/Hess 2010, S. 252f.). Mit dem transversalen und diagonalen Ansatz des „studying through“ (vgl. Wright/Reinhold 2011) durchdringt die Grenzregimeanalyse auch das Mehrebenensystem der EU und zeigt die gaps zwischen einer written policy (z.B. in Form von Dokumenten der EU-Kommission) und den alltäglichen Praktiken der untersuchten Akteur*innen in den Grenzräumen sowie ihre wechselseitigen Beeinflussungen. Radikalisierung, Ausweitung, Stagnation: das europäische Grenzregime nach dem Sommer der Migration Mit diesem empirischen Forschungsansatz, der die Grenze als Konflikt- und Aushandlungszonen ethnografisch erfasst, lässt der (noch unabgeschlossene) Restabilisierungsprozess des 6. Grenze als Konfliktzone – Perspektiven der Grenzregimeforschung 201 Grenzregimes in den vergangenen vier Jahren keinen radikalen Bruch mit den bisherigen Paradigmen erkennen. Gleichwohl ist er durch neue Konturen und Dynamiken gekennzeichnet: Er enthält Züge der Radikalisierung, Ausweitung und Verlagerung ebenso wie des Rückbaus mancher Elemente und der Stagnation. Mit dem EU-Türkei-Deal und der erneuerten Einbindung Libyens zur Unterbindung der Migration über die zentrale Mittelmeerroute nach Europa bleiben Strategien der Externalisierung dominant. Mit der Aufrüstung von Grenzen durch manifeste Architekturen werden die smarten und intelligenten Technologien der Überwachung und Migrationssteuerung wieder um sehr materielle Aspekte ergänzt und teils durch sie ersetzt. Eine solche Rematerialisierung der Grenze kann als hardening of the border beschrieben werden. Neben dem durch die Dublin-Verordnung institutionalisierten internen Regime tritt auch eine verstärkte Reterritorialisierung in Form einer Renationalisierung des Schengenraums: Die sukzessive Wiedereinführung nationaler Grenzkontrollen in weiten Teilen des Binnenraums, beginnend im Herbst 2015, verlagerte beziehungsweise erweiterte die Kontrolle und Unterbindung der sogenannten „Sekundärmigration“ von den Asylbehörden an die jeweiligen Staatsgrenzen (vgl. Schmidt-Sembdner 2018). Zeitgleich erweist sich das Dublin-System als nahezu reform-resistent und steht seit Jahren exemplarisch für die festgefahrenen Verhandlungen der EU-Länder in der Frage der Verteilung von Asylsuchenden in Europa (vgl. Kasparek 2018). Die „humanitäre Grenze“ im Sinne Walters (2011) ist zunehmend in die Defensive geraten und wurde durch manifeste anti-humanitaristische Diskurse und Politiken zumindest medial in den Schatten gestellt. Informelle, illiberale und auch illegale Praktiken, sei es im Zusammenhang mit Aufnahmeprozeduren in den Hot-Spot-Centern entlang der Außengrenze oder mit Blick auf die Push-Back-Politiken auf See wie auf Landwegen, haben den Prozess der Verrechtlichung des Grenzregimes wieder zurückgedrängt. So müssen wir heute eher von einer „nekropolitischen Grenze“ (Mbembe 2003) sprechen, welche die Politik des Sterben-Lassens im Mittelmeer genauso umfasst wie die systemische direkte, interpersonale Gewalt in den libyschen Lagern oder den EU-Grenzräumen auf dem Balkan. 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Grenze als Konfliktzone – Perspektiven der Grenzregimeforschung 205 Transnationalität und soziale Ungleichheit Jana Schäfer Abstract Grenzüberschreitende soziale Praxis, dauerhafter Waren- und Wissensverkehr und soziale Beziehungsgeflechte jenseits von Nationalstaaten bedingen sich gegenseitig. Die Migrationsforschung beschreibt diese grenzüberschreitenden Beziehungsnetze mit dem Begriff Transnationalität. Dieser Beitrag skizziert relevante theoretische und methodologische Perspektiven und ihre Leerstellen. Darüber hinaus stellt er die Fruchtbarkeit der sozialräumlichen Perspektive für die Grenzforschung heraus und diskutiert die Intersektionen von Transnationalität mit Klasse, Geschlecht und race/Ethnizität. Schlagwörter Transnationalität, Migration, Klasse, Geschlecht, race/Ethnizität Einleitung: von Migrant*innen zu Transmigrant*innen Die Grenzforschung rückt Grenzen und Grenzziehungen ins Zentrum empirischer und theoretischer Überlegungen. Sie arbeitet derzeit mit einem erweiterten Verständnis von Grenzen, das Theorien über politisch-geografische und soziokulturelle Grenzziehungen miteinander verknüpft (vgl. Haselsberger 2014; Bossong et al. 2017; Gerst et al. 2018). Grenzen werden dadurch als komplexe und dynamische Prozesse fokussiert, die materielle und immaterielle Dimensionen bündeln, um soziale Gruppen und Ordnungen voneinander getrennt zu konstruieren (vgl. ebd.). Es handelt sich bei Grenz(ziehung)en also um Prozesse der Aushandlung von sozialen Ordnungen, die auf räumliche, temporale und sachliche Dimensionen hinweisen. Dieser Beitrag fokussiert ergänzend dazu und in Auseinandersetzung damit aus soziologischer Perspektive grenzüberschreitende soziale Beziehungen. Migrant*innen und (Im-)Mobile organisieren ihr Leben in der Regel in einem Spannungsverhältnis zwischen politisch-territorialer Grenzpraxis (z.B. Citizenship und Passzugehörigkeit) und sozialen Beziehungen auf Distanz. Die Transnationalitätsforschung stellt mit dem Analysefokus auf grenzüberschreitende soziale Beziehungen beispielhaft die Analyseeinheit von nationalstaatlich orientierten Gesellschaftstheorien, nämlich die Kongruenz von Nation, Staat, Kultur und Gesellschaft (Containerstaat), infrage (vgl. Wimmer/Glick Schiller 2003). Beispielsweise kritisierte Andreas Wimmer in den 1990er-Jahren, dass sich Migrationsforscher*innen primär mit der Integration von Migrant*innen in Ankunftsstaaten beschäftigten. Transnationalitätsforschung ist eine Reaktion auf diese Kritik am methodologischen Nationalismus (vgl. Amelina/Faist 2012). Die Terminologie Transnationalität1 entstammt der interdisziplinären Migrationsforschung. Die Sozialanthropologinnen Linda Basch, Nina Glick Schiller und Cristina Szanton-Blanc (1994) führten die Begriffe transnationale Migration und Transmigrant*in ein, um Migration nicht mehr im Stile der Integrationsforschung als unilinearen, einmaligen und problemverursa- 1. 1 Gebräuchlich ist auch der Begriff Transnationalismus, der auch als Ismus im Sinne einer politischen Ideologie missverstanden werden kann (vgl. Faist et al. 2014). Transnationalität weist im Gegenzug darauf hin, dass es sich um ein (messbares) Merkmal einer Person, eines Netzwerks oder einer Praxis handelt. 206 chenden Prozess beschreiben zu müssen. Der Begriff Transnationalität bezeichnet demnach dauerhafte grenzüberschreitende Praxis von Migrant*innen zwischen zwei oder mehreren Ländern, um die sich netzwerkbasierte soziale Räume bilden. Diese transnationalen Netzwerke versorgen Migrant*innen mit lebenswichtigen Ressourcen (vgl. Basch et al. 1994; Haas 2010). Grenzüberschreitend meint hier demzufolge, dass Migrant*innen die territorial-politische Grenz- und Zugehörigkeitspraxis von Nationalstaaten überwinden bzw. simultan an multiplen Kontexten partizipieren. Die Fokusverschiebung auf Transnationalität ermöglicht es der Migrations- und Mobilitätsforschung, dem Gebot der Reflexivität gerecht zu werden, also die Bedingungen eines Phänomens relativ vollständig abzubilden (vgl. Resch 2014). Die Grenz- und Migrationsforschung muss demnach die Komplexität der Handlungsbedingungen und Machtgefälle zwischen Migrant*innen und Immobilen einfangen und das Zusammenwirken von individuellen Migrationsentscheidungen und (supra)nationalen Migrations- und Grenzregimen analysieren. Durch diese Fokusverschiebung verschwimmt darüber hinaus die Differenz zwischen Migrant*innen und Bürger*innen. Auch Nichtmigrant*innen sind in transnationale Netzwerke involviert: z.B. durch Internet und Telekommunikation (vgl. Büscher/Urry 2009) oder transnationale kapitalistische Wirtschaft (vgl. Sassen 2001). Folglich ist jede*r zu einem bestimmten Grad transnational. Die Transnationalitätsforschung liefert für die Grenz- und Migrationsforschung also eine wichtige Ergänzung, weil sie die Alltagspraxis diesseits, jenseits und mit der Grenze beleuchtet. Dieser Beitrag diskutiert zunächst die theoretischen und empirischen Potenziale von Transnationalitätstheorien (Abschnitt 2). Anschließend wird die intersektionelle Interferenz von Transnationalität mit Klasse, Geschlecht und race diskutiert. Damit soll gezeigt werden, dass (sozial)räumliche Distanz und Nähe in der Praxis in ungleiche Lebenschancen übersetzt wird (Abschnitt 3). Schließlich weist dieser Beitrag auf einige Leerstellen und Potenziale innerhalb der jüngsten disziplinären Debatten hin (Abschnitt 4). Transnationalität: Sozialräumlichkeit empirisch erforschen Transnationalitätstheorien betrachten die Sozialräumlichkeit von Alltags- und institutionellen Praktiken, die durch geografische Distanz und nationalstaatliche Institutionen gerahmt sind. Transnationalitätsforschung sieht sich demnach grenzüberschreitende soziale Beziehungen im Kontext von, aber nicht beschränkt auf Nationalstaaten an. Dieser Abschnitt stellt exemplarisch Theorien der Transnationalitätsforschung vor. Er diskutiert zum einen die unterschiedlichen Analyseeinheiten der Transnationalitätstheorien und fragt zum anderen, welche epistemologischen und methodologischen Überlegungen über die Kritik des methodologischen Nationalismus hinaus reflexivitätsfördernd sind (vgl. Amelina/Faist 2012). Die Analyseeinheit(en) der Transnationalitätstheorien Transnationalität bezeichnet die grenzüberschreitende soziale Praxis von Migrant*innen zwischen zwei oder mehreren Ländern. Als Konsequenz grenzüberschreitender Praxis entstehen transnationale soziale Beziehungen, die Migrant*innen beispielsweise Zugang zu Wissensnetzwerken gewähren und Krisensituationen auffangen (vgl. Haas 2010). Diese Praxis nimmt 2. 2.1 Transnationalität und soziale Ungleichheit 207 vielfältige Formen an: familiäre, freundschaftliche, religiöse, ökonomische, organisatorische oder politische Beziehungen. Innerhalb dieser bilden Migrant*innen ihre Identität, treffen Entscheidungen und übernehmen reziprok Verantwortung (vgl. Basch et al. 1994). Zu den relevanten empirischen Dimensionen gehören (sachliche) Sphären und Felder (ökonomisch, politisch etc.), Akteur*innen (kollektive, individuelle und Organisationen), die Komposition der Verbindungen (ihre Reichweite, Dauerhaftigkeit etc.), entstehende soziale Formationen und die Inhalte der Transaktionen (vgl. Boccagni 2012, S. 296). Während sich alle Transnationalitätstheorien mit grenzüberschreitender Praxis beschäftigen, gewichten sie die Analyseeinheiten unterschiedlich. Peggy Levitt und Nina Glick Schiller (2004) betrachten grenzüberschreitende Netzwerkstrukturen als transnationale soziale Felder. Sie vereinen damit Bourdieus Feldtheorie (1996) mit dem Konzept der Multilokalität bzw. Simultanität, das besagt, dass Migrant*innen dauerhaft institutionelle Strukturen in multiplen Orten nutzen (vgl. Levitt/Glick Schiller 2004). Sie untersuchen, wie Ressourcen verteilt werden und Machtasymmetrien die Lebenschancen der Akteur*innen bestimmen. Thomas Faists (2000) Theorie Transnationaler Sozialräume (TSR) wiederum beschäftigt sich mit den unterschiedlichen Formen transnationaler Beziehungen (ties). Mit unterschiedlichen Graden an Formalisierung und Dauerhaftigkeit gehen Formen von Reziprozität und Solidarität einher, die Zugang zu Gütern, Dienstleistungen, Wissen, Rechten etc. ermöglichen. Faist differenziert damit zwischen stabilen und flüchtigen Formen grenzüberschreitender Beziehungen und fokussiert stärker auf Typen, wie z.B. Familiennetzwerke, Diasporas, Organisationen oder soziale Bewegungen. Ludger Pries (2008) kritisiert in diesem Zusammenhang essenzialistische Raumkonzepte: TSR sind deterritorialisierte polizentrische (Macht-)Räume um soziale Beziehungen von individuellen und kollektiven Akteur*innen. Diese Perspektive betont zum einen die Simultanität der Lebenskontexte, zum anderen stellt sie auch die Machtdifferenzen zwischen Mobilen und Immobilen heraus. Mit dem Vorschlag eines methodologischen Kosmopolitanismus schließlich stellen Ulrich Beck und Nathan Sznaider (2006) zusammenfassend die Frage, welche Analyseeinheiten und Methoden soziales Handeln im Rahmen globaler ökologischer, ökonomischer und politscher Auseinandersetzungen rekonstruieren können. Sie argumentieren, dass Phänomene wie Klimawandel, Terrorismus oder globale Wirtschaft sowohl die territorialen als auch die Gemeinschaftsaspekte des Nationalstaats überwinden. So muss Handlung ebenfalls jenseits nationalstaatlicher Parameter erklärt werden. Diese Diskussion der Transnationalitätsforschung, die auch für die Grenzforschung relevant ist, stellt hier eine ganz zentrale Frage. TSR existieren jenseits von und im Spannungsverhältnis zu Grenzen: Wie also untersucht man dieses Verhältnis? Epistemologische und methodologische Konsequenzen einer transnationalen Perspektive Transnationalitätstheorien entdecken grenzüberschreitende soziale Beziehungen als historisch relativ neue Phänomene, die im Rahmen historisch-kontingenter, weltumspannender „entangled histories“ (vgl. Randeria 2002) auftreten. Die Debatte um Eurozentrismus in der Migrations- und Grenzforschung, die unter den Stichworten „multiple modernities“ (vgl. Eisenstadt 2000) und „provincializing Europe“ (vgl. Chakrabarty 2000) geführt wurde, stellt den zeitli- 2.2 Jana Schäfer 208 chen und räumlich-territorialen Kontext von Analyseeinheiten noch stärker infrage. Die Kritik lautet, dass Analyseeinheiten wie Nation, Geschlecht oder race von den westlichen Sozialwissenschaften als Herrschaftsinstrumente erfunden wurden und weiter als solche Verwendung finden. Sie betont aber statt der Analyseebene, wie Beck und Sznaider (2006) vorschlagen, eher die historische Verwobenheit und Gleichzeitigkeit von Sozialräumlichkeiten. Diese Kritik sagt uns, dass zur Analyse von transnationalen Netzwerken die Untersuchung der benötigten Infrastruktur gehört. Beispielsweise ist demnach die Ausbeutung eines transnationalen, rassifizierten und gegenderten Prekariats in Produktions- und Reproduktionsarbeit über geografisch verstreute Räume hinweg als Kontextbedingung für die Mobilitätsstrategien von (weißen) Individuen im Westen zu betrachten (vgl. Sassen 2001; s. Abschnitt 3.2). Im Ergebnis beschäftigt sich Transnationalitätsforschung also mit historisch gerahmten sozialen Netzwerken, ihrer Einbettung in institutionelle Strukturen und der machtsensiblen Verhandlungspraxis von Akteur*innen. Für die empirische Forschung bedeutet dies u.a. die ständige Reflexion der eigenen Positionalität im Forschungsprozess und bei der Theorieverwendung (vgl. Amelina/Faist 2012). Methoden und Methodologien müssen demnach Machtasymmetrien reflektieren und sehen dafür beispielsweise partizipative Forschung (vgl. Mato 2000), simultane Forschung in mehreren Kontexten (multi-sited ethnography; vgl. Marcus 1995) oder mobile methods (vgl. Büscher/Urry 2009) vor. Im Rahmen des mobility turns wurde darüber hinaus das Verhältnis von Stasis und Mobilität in territorialer und zeitlicher Dimension durch Begriffe wie flow neu gerahmt. Diese Autor*innen nehmen wiederum von der sozialen Praxis als solcher Abstand und fokussieren stärker strukturelle Aspekte (vgl. Glick Schiller/Salazar 2013; vgl. dazu auch Nail in diesem Band). Das Verschieben der Analyseeinheiten lässt sich als ein Ergebnis der Auseinandersetzung der Kultur- und Sozialwissenschaften mit Imperialismus, Nationalismus und Rassismus und deren Folgen verstehen (vgl. Randeria 2002; Mato 2000). Weder die Analyseeinheit oder Analyseebene (vgl. Brenner 1998) noch der zeitliche oder territoriale Rahmen sind letztlich für die Untersuchung von (im)mobilen Personen ‚natürlich‘ vorgegeben. Vielmehr sind sie im Rahmen empirischer Forschung zu entdecken. Grenz(ziehung)en sind wiederum als politisch-territoriale und soziale Dimension bei der Untersuchung transnationaler Mobilität zentral, da sie die grenzüberschreitende Praxis von Individuen und Kollektiven rahmen (vgl. Schindler in diesem Band). Bevor Abschnitt 4 auf neuere Entwicklungen hinweist, diskutiert Abschnitt 3 zunächst Transnationalität als Achse sozialer Ungleichheit, die mit anderen Achsen der Ungleichheit interferiert. Transnationalität als Ungleichheitsachse Transnationale Praxis kann den Verlauf einer Migrant*innenbiografie stark beeinflussen. Wenn man soziale Beziehungen über geografische Distanz und politische Grenzen hinweg als Merkmal versteht, dann kommt Transnationalität als eine Achse der Ungleichheit in den Blick. Ein stabiles transnationales Netzwerk ermöglicht Personen einen sicheren, vorübergehenden oder dauerhaften Ortswechsel oder den Austausch von Waren und Wissen (vgl. Faist et al. 2014). Sozialräumliche und temporale Distanz und Nähe können beispielsweise zur Exklusion von Rechten eingesetzt werden. Die Dichte an grenzüberschreitenden Beziehungen und darauf aufbauenden Handlungsmöglichkeiten kann damit ebenso als Achse der Ungleichheit analysiert werden. Zugang zu Ressourcen wird jedoch nicht allein über Transnationalität geregelt, 3. Transnationalität und soziale Ungleichheit 209 sondern in der Interferenz mit anderen Formen sozialer Privilegierung und Benachteiligung wie Klasse, Geschlecht und race/Ethnizität. Die Idee der Interferenz unterschiedlicher „systems of oppression“ (Collins 1990, S. 18) wurde innerhalb der Critical Race und Feminist Theory der USA formuliert. Strömungen dieser Kritik finden sich auch in Deutschland (vgl. z.B. Oguntoye et al. 1986). Schwarze, migrantische oder jüdische Frauen fanden und finden ihre Lebenslage in der Kritik weißer Feminist*innen, Marxist*innen oder schwarzer Bürgerrechtler*innen nicht berücksichtigt. Die Afroamerikanische Juristin Kimberle Crenshaw (1989) formulierte die Interferenz von verschiedenen sozialen Benachteiligungen in der Terminologie Intersektionalität2. Intersektionalität hebt dabei die Heterogenität innerhalb der im kategorialen Denken als geschlossen gedachten Gruppen hervor. Crenshaw zeigt diese Heterogenität in den untersuchten Fällen von Einstellungsdiskriminierung bei General Motors daran, wie schwarze Frauen dem geltenden Recht nach weder mit den schwarzen Männern noch mit den weißen Frauen eine gemeinsame (rechtsfähige) Gruppe bildeten (vgl. ebd.). Im Weiteren werden die Ergebnisse der Forschung um die Interferenzen von Transnationalität mit Klasse, Geschlecht und race angerissen. Diese drei ursprünglichen Kategorien der Intersektionalitätsforschung wurden mittlerweile um weitere Kategorien wie Alter, Sexualität, Gesundheit bzw. dis/ability und Raum ergänzt (vgl. Lutz/Amelina 2017). Nationalgesellschaftlich orientierte Theorien übersehen, dass Klasse, Gender und race immer auch quer zu Nationalstaaten existieren. Wir betrachten Achsen der Ungleichheit hier als Demarkationslinien, also als Grenzziehungen (vgl. Bossong et al. 2017), um die herum Privilegierungen und Benachteiligungen (dauerhaft) ausgehandelt werden. Politisch-territoriale Grenzen werden dabei vor allem in ihrer rechtlichen Dimension thematisiert. Die Diskussion ihrer Interferenzen mit Transnationalität beleuchtet die soziale Einbettung der räumlichen Aspekte von sozialer Ungleichheit. Transnationalität und Klasse Theorien der Transnationalen kapitalistischen Klasse (TCC) verschieben die Kategorie Klasse auf eine transnationale Analyseebene, um Funktionseliten einer globalen Gesellschaft zu konzipieren. Nach Leslie Sklair (2001) besteht die TCC aus Eliten in den Bereichen Wirtschaft, Politik, Medien und Technik, die zum Teil in Konkurrenz zu national organisierten Eliten stehen und mit einer gemeinsamen, proglobalkapitalistischen Weltanschauung ausgestattet sind. William I. Robinson (2004) postuliert darüber hinaus ein gemeinsames Klassenbewusstsein und die Deterritorialisierung von globalen kapitalistischen Wirtschaftsbeziehungen. Transnational meint hier ein freischwebendes, von nationalen Zwängen gelöstes soziales Netzwerk, wofür typischerweise der Weltwirtschaftsgipfel in Davos angeführt wird. Sowohl Sklair als auch Robinson sparen Sozialräumlichkeit und institutionelle Grenzen, ob nun lokal, national oder transnational, aus ihrer Theorie aus, was eine Leerstelle der TCC-Theorien darstellt (vgl. Carroll 2014). Diese Forschung könnte von der Einbettung in die Transnationalitäts- und Grenzforschung profitieren. 3.1 2 Zum Verständnis der Kritik und Weiterentwicklung des Begriffs vgl. Lutz/Herrera Vivar/Supik (2011) und Lutz/ Amelina (2017). Jana Schäfer 210 Die dazugehörige Kehrseite, das transnationale Prekariat, umfasst diejenigen, die über die Mechanismen des globalen Kapitalismus ausgebeutet werden. Migrant*innen sind exemplarisch dafür anzusehen, wie der Antagonismus zwischen Kapital und Arbeit weltweit zu einer Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen führt (vgl. Standing 2011). Das transnationale Prekariat sei seinerseits ob fehlender Organisation nicht wirkfähig, aber strukturell vorhanden (vgl. Munck 2013)3. Ein weiterer blinder Fleck der TCC-Theorien, nämlich postkoloniale Beziehungen, führt dazu, dass sie auf die Reprekarisierung von kapitalistischen Beziehungen im Westen fokussieren, die durch das Zurückfahren des territorialen Wohlfahrtstaats entstehen. Für (un)dokumentierte Migrant*innen im Westen und für die Mehrheit der Welt (Globaler Süden) sind prekäre Arbeitsverhältnisse keineswegs neu (vgl. ebd.; siehe auch Mezzadra/Neilson in diesem Band). Man kann Klasse über den Klassenantagonismus hinaus als soziales Netzwerk begreifen. Mit Transnationalität interferiert Klasse dergestalt, dass Transnationalität einerseits zu stärkeren und machtvollen sozialen Beziehungen jenseits nationaler Zugehörigkeit führt (TCC). Andererseits gehören Individuen einer zusätzlich freigesetzten, von den (bedingten) Sicherheiten nationaler Netzwerkkontexte ausgeschlossenen Gruppe an (z.B. transnationale Organisation von Sorgearbeit, Abschnitt 3.2). Transnationalität – Geschlecht – Sexualität Transnationalität kann Möglichkeitsräume für marginalisierte Individuen und Gruppen eröffnen. Transnationale Mobilität ist jedoch immer gegendert und sexualisiert. Die Diskurse und (nationalstaatlichen) Regulierungen von Migration setzen Geschlecht und Sexualität als zentrale Ankerpunkte, wenn sie beispielsweise Familiennachzug über Heteronormativität regulieren oder Zugang zu Arbeitsmärkten nach Geschlecht segregieren. Darüber hinaus wurde lange Zeit in der Migrationsforschung übersehen, dass etwa die Hälfte der Migrant*innen weltweit weiblich ist (vgl. Castles et al. 2014). Nicht zuletzt deshalb bietet die Interferenz von Transnationalität, Geschlecht und Sexualität, die hier nur beispielhaft angerissen wird, viele Anknüpfungspunkte für zukünftige Forschung (siehe dazu Bruns in diesem Band). Care oder Sorgearbeit ist einer der wichtigsten Arbeitsmärkte für Migrant*innen weltweit.4 Gemeint sind damit Kinderbetreuung, Hausarbeit und die Pflege von Alten und Kranken, die einem traditionellen Rollenbild entsprechend als unbezahlte Arbeit an Frauen verantwortet wird (vgl. Lutz/Amelina 2017). In der Nachkriegsperiode realisierte sich zunächst das Alleinverdiener-Hausfrauen-Modell für einen Teil der westlichen Länder, aber sowohl in Kapitalismus als auch Kommunismus wurde langfristig die Mitarbeit von Frauen auf dem Arbeitsmarkt benötigt. Wie bespielweise Anna Triandafyllidou und Sabrina Marchetti (2015) zeigen, führte die zunehmende Beteiligung von Frauen in der Erwerbsarbeit zur Nachfrage nach (schlecht bezahlter) Sorgearbeit, die von Migrant*innen übernommen wurde. Frauen im Globalen Norden können von diesen Verhältnissen profitieren (mehr frei verfügbares Einkommen unabhängig von Familieneinkommen), Gender-Pay-Gap und prekäre Arbeit verhindern jedoch häufig, dass 3.2 3 Gleichzeitig ist aber auch zu bedenken, dass Klasse in einem Kontext die Klassenzugehörigkeit in einem anderen beeinflussen kann (vgl. Kelly 2012). 4 Die ILO schätzt, dass 11,5 Millionen Migrant*innen weltweit in Haushalten beschäftigt sind, davon ca. 75 % Frauen (vgl. ILO 2015). Transnationalität und soziale Ungleichheit 211 sie die Sorgearbeit in Anspruch nehmen. Die Anwerbung von Migrant*innen entlastet Wohlfahrtsstaaten und belastet gleichzeitig die Familienbeziehungen der Migrant*innen. Rhacel Parreñas (2005) sowie Deborah Bryceson und Ulla Vuorela (2002) zeigen, dass Care- Migration dazu führt, dass Familie auch in Auseinandersetzung mit nationalstaatlichen und globalen Ordnungen stattfindet. Biologische und soziale Familienmitglieder sind aufgrund multipler moralischer und rechtlicher Normen dazu motiviert, Verantwortung für die Familie zu teilen. Transnationale Familien sind jedoch zusätzlich gefordert, da sie über räumliche Distanz Bindungen erzeugen müssen (vgl. Baldassar/Merla 2014). Sie haben multiple rechtliche und kulturelle Kontexte als Bezugsgrößen, die ihre Familienpraxis beeinflussen, etwa indem Familienzusammenführung oder das Übertragen von Rechten auf Angehörige verhindert wird (vgl. Barglowski et al. 2015) oder besondere Betonung auf die Verantwortung von Familien für beispielsweise die nationale Wirtschaft gelegt wird (vgl. Shinozaki 2015). Dies kann dazu führen, dass Mitglieder derselben Familie unterschiedliche Rechte und Zugänge zu Ressourcen haben, und damit u.a. gegenderte Machtungleichheiten verursachen (vgl. Parreñas 2005). Im Kontext von Care-Migration ist die Abwesenheit von transnationalen Müttern ein häufiges Phänomen. Ihre Abwesenheit kann akzeptiert sein (vgl. Olwig 2014) oder als Versagen interpretiert werden (vgl. Lutz/Palenga-Möllenbeck 2010). Die Abwesenheit von Vätern ist im klassischen Modell der Nuklearfamilie normalisiert, z.B. bei Berufen wie Seefahrer oder Außendienstmitarbeiter. Moderne Kommunikationstechnologien wie Videochats können Präsenz im Leben ihrer Familie vereinfachen (vgl. Madianou/Miller 2011), ersetzen jedoch – wie Helma Lutz und Eva Palenga-Möllenbeck (2010) anmerken – körperliche Nähe und spontane Zusammenkunft nicht. Lutz (2018) konstatiert darüber hinaus, dass Sorge- und Hausarbeit innerhalb der Familien nicht umverteilt wird, weil Väter für Sorgearbeit wenig Anerkennung bekommen. Mutterschaft als soziale Beziehung in transnationalen Familien ist demnach von besonderen Herausforderungen betroffen, die sowohl von der Ungleichheitsachse Geschlecht als auch von der Ungleichheitsachse Transnationalität (re)produziert werden. Eine weitere Komponente in transnationalen sozialen Beziehungen ist das Praktizieren und Regulieren von Sexualität. Staatliche Biopolitik fokussiert stark auf Sexualität (vgl. Kosnick 2010) und verknüpft diese mit beispielsweise race/Ethnizität (vgl. Yuval-Davis/Anthias 1989). Die Verteilung von (in)formellen Rechten, also citizenship, spielt eine Rolle dabei, wie soziale Akteur*innen ihr Leben gestalten können. Für die Grenz- und Migrationsforschung bedeutet dies, dass das transnationale Praktizieren von Sexualität (vgl. Barglowski et al. 2018) auch mit Bezug auf die Regulierung von Zugehörigkeit und Migration (vgl. Kosnick 2016) untersucht wird. Beispielsweise werden Rechte wie Familiennachzug von einigen Staaten für heteronormative Familien reserviert (vgl. ebd.). Transnationalität interagiert demnach mit Sexualität, wenn Staaten einander nach ihren formellen Regulationen von Sexualität beurteilen und z.B. Personen aufgrund von Homosexualität Asyl (nicht) gewähren. Weiterhin stellten Karolina Barglowski, Anna Amelina und Başak Bilecen fest, dass transnational lebende Individuen ihre Sexualität nach Kontexten unterschiedlich ausleben (vgl. Barglowski et al. 2018), was Fragen über die Gestaltung von Möglichkeitsräumen und Kämpfen in grenzüberschreitenden, intimen Settings aufwirft. Arnaldo Cruz-Malavé und Martin F. Manalansan (2002) und andere diskutieren diese Themen unter dem Begriff Queer Diaspora. Diese unterschiedlichen Beispiele veranschaulichen, inwiefern die Interferenz von Geschlechter- und nationalstaatlichen Ordnungen Konsequenzen für transnationale Akteur*innen hat. Grenz(ziehungs)- und Transnationalitätsforschung können einander bei der Beantwortung Jana Schäfer 212 dieser Fragen unterstützen, da Migrant*innen in multiplen Ordnungskontexten gleichzeitig agieren und deshalb komplexe Kämpfe um Zugehörigkeit und Ressourcen navigieren. Transnationalität und race/Ethnizität Wie unter Abschnitt 2 bereits angeklungen, interagiert Transnationalität mit der Ungleichheitsachse race/Ethnizität, die u.a. auf koloniale (Ausbeutungs-)Praxis und Wissensordnungen (vgl. Said 1987; Spivak 1988) verweist. Die Institutionalisierung der Ungleichheitsachse race, häufig als Kultur oder Ethnizität bezeichnet (vgl. Balibar 1991), aber keineswegs damit identisch, war eine wichtige Komponente zur Legitimation der Machtasymmetrie zwischen dem Westen und dem Rest der Welt (vgl. Hall 1992). Sie zeigt sich bis heute – neben individuellen, institutionellen und systemischen Formen von Rassismus – in der unreflektierten Handhabung (post)kolonialer Archive und Geschichtsschreibung (vgl. Stoler 2002) oder in der diskursiven Ausblendung postkolonialer Beziehungen aus gegenwärtiger Migration (vgl. Erel et al. 2016). Gurminder Bhambra beispielsweise kritisiert in der aktuellen Debatte um race, dass die Forschung das Erleben und Verhalten von Weißen (in den USA und Großbritannien) als universell zentriert (methodological whiteness; vgl. Bhambra 2016; 2017), während sie die Erfahrungen von rassifizierten und ethnisierten Bevölkerungsteilen ausblendet und die strukturelle Marginalisierung damit reproduziert. Im Gegenzug dazu werden weiße Migrant*innen nicht als Migrant*innen, sondern als mobile Kosmopolit*innen (vgl. Lundström 2017) oder unsichtbare Rückkehrer*innen (vgl. Smith 2003) betrachtet und politisch teilweise privilegiert. Die Interferenz der Ungleichheitsachsen race und Transnationalität führt dabei nicht dazu, dass sie ineinander aufgehen. Sie sind jedoch historisch stark verknüpft, weil epistemologisch Mobilität, Sesshaftigkeit und askriptive Merkmale wie Hautfarbe verschmelzen. Die Kritik an dieser theoretischen und empirischen Lücke verweist auf das allgemeine Problem der Soziologie, die das Soziale von einem Standpunkt aus denkt, der zwischen Traditionalem und Modernem in zeitlicher als auch räumlicher Art hierarchisierend unterscheidet (vgl. Bhambra 2016). Southern Methodologies weisen hier die Richtung, wenn sie darauf reagierend beispielsweise partizipative und dekoloniale Methoden und Epistemologien nutzen (vgl. Mato 2000; Meckesheimer 2013), die die übliche Machtimbalance zwischen Forscher*innen und den an der Forschung Partizipierenden aushebeln. Transnationalität kann also als Ungleichheitsachse innerhalb der Zuweisung von Lebenschancen betrachtet werden. Sie ist eine Achse, eine Grenzziehung in der Sprache der Grenzforschung, entlang derer sozialräumliche Nähe, (räumliche und temporale) Anwesenheit und Netzwerkzugehörigkeit relevant gemacht werden, um Individuen und Gruppen in der jeweiligen Ordnung zu positionieren. Sesshaftigkeit wird dabei als das statistisch als auch normativ Normale gesetzt und institutionell abgesichert, während Mobilität und Multilokalität erschwert werden. Leerstellen und Potenziale in der Transnationalitäts- und Migrationsforschung Die Transnationalitätsforschung hat den Anspruch, sich von den strukturellen und semantischen Bedingungen des Nationalstaats zu lösen und diese kritisch zu beleuchten. Diese Kritik führt zu fruchtbaren Konzepten wie die der transnationalen Felder oder Sozialräume, die 3.3 4. Transnationalität und soziale Ungleichheit 213 sichtbar machen, dass und wie (Im-)Mobile ihr Leben im Kontext transnationaler Aushandlungen gestalten. Mit Theorien mittlerer Reichweite beleuchtet die Transnationalitätsforschung damit einen Teil der Lebensrealität, der durch die traditionelle Migrationsforschung übersehen wurde (vgl. Portes et al. 2017). Die Ausdifferenzierung des Gegenstands, die Entwicklung neuer Methoden und die Reflexion des Verhältnisses vom Nationalstaatscontainer zur sozialen Praxis der Mobilität haben zur fruchtbaren Vermehrung der Fragen beigetragen, während die Erkenntnisse politisch weitgehend ungehört geblieben sind. Die Grenze und der Nationalstaat an sich bleiben in dieser Theorietradition in der Regel eher eine Blackbox, was eine große Leerstelle in der Transnationalitätsforschung darstellt. Doch obwohl Nationalstaaten im Rahmen von globalem Kapitalismus den Zugriff auf sozioökonomische Phänomene verlieren, ist beispielsweise die zunehmende securitization der Migration in Europa (vgl. Genova 2017) ein Beweis dafür, dass Staaten und suprastaatliche Organisationen weiterhin für die Untersuchung relevant sind (vgl. Dahinden 2017). Transnationalitätsforschung zeigt beispielsweise auch, dass soziale Ungleichheit nicht nur innerhalb von Containerstaaten verhandelt wird (vgl. Weiß 2005). Man kann also von einer reflexiven Vielschichtigkeit in der weltweiten sozialen Praxis sprechen, was sich z.B. anhand von Kämpfen um Klassenstrukturen, Rassismen und heteronormative Ordnungen jenseits nationaler Kontexte darstellen lässt. Die Debatte um Sozialräumlichkeit, die von der Einsicht getragen wurde, dass mobile Menschen nicht alle Brücken hinter sich abbrechen, zeigt deutlich, dass sich durch globalen Kapitalismus und Kommunikationstechnologien die Lebensumstände von Menschen vervielfältigt haben. Die gegenwärtige Transnationalitäts-, Migrations- und Grenzforschung verbindet, dass sie von dieser Komplexitätsdiagnose geleitet werden. Das Zusammenwirken von Institutionen und Praxis kann nur mit einer denationalisierten Epistemologie erforscht werden. Das gelingt dann, wenn Theorien in der Lage sind, scheinbar abweichende Praxis, darunter Mobilität und grenzüberschreitende Beziehungen, zu normalisieren und analytisch zu integrieren. Die neueste Theoriebildung und Forschung beschäftigt sich expliziter mit den Auswirkungen von institutionellen Regimen auf Transnationalität. Diese sollen zum Schluss diskutiert werden. Transnationalität und ihre Beziehung zur Migrations- und Grenzregimeforschung Die Begriffe Migrations- und Grenzregime bezeichnen das „umkämpfte Geflecht aus Akteuren, Praktiken, Diskursen, Materialitäten, Bewegungen und Kämpfen […,] in und zwischen denen um Kontrolle und Bewegungsfreiheit gerungen wird“ (Hess et al. 2015, S. 2; vgl. Pott et al. 2018). Die Migrations- und Grenzregimeforschung untersucht damit die institutionellen Routinen und Kämpfe, die die Durchlässigkeit von Grenzen bestimmen. Zu den Analyseeinheiten zählen darüber hinaus beispielsweise Wissenschaftler*innen (vgl. Nieswand/Drotbohm 2014) und Migrant*innen (vgl. Tsianos 2010). Während die Transnationalitätsforschung untersucht, wie Individuen und Netzwerke über geografische Distanz operieren, liefert die Migrations- und Grenzregimeforschung wichtige Hinweise darauf, wie die rahmende Praxis von staatlichen und semistaatlichen Akteur*innen organisiert ist. Die Migrations- und Grenzregimeforschung öffnet den Blick auf die fragmentierten Machtbeziehungen und -kämpfe, die Mobilität begleiten und formen (border struggles, vgl. Mezzadra/Neilson 2013). 4.1 Jana Schäfer 214 Doing Migration Eine weitere theoretisch und methodologisch hilfreiche Perspektive ist der Doing Migration- Ansatz (vgl. Amelina et al. 2016; Lutz/Amelina 2017; vgl. auch „doing borders“: Heinze et al. 2016; Wonders/Jones 2018). Anna Amelina nutzt die sozialkonstruktivistisch und wissenssoziologisch informierte Einsicht, dass Migration als Beschreibungs- und Bewertungskategorie neben anderen existiert (z.B. Reise, Mobilität, Sesshaftigkeit, Transit). Das Label Migration ist dabei in der Regel negativ besetzt. Sie geht davon aus, dass multiple Ebenen von institutionellem, kollektivem, individuellem und organisationalem Handeln (z.B. lokal bis global) zusammenspielen, um intersektionell verwickelte Mobilitätsordnungen zu erzeugen. Doing Migration verknüpft den Motility-Ansatz von Michael Flamm und Vincent Kaufmann (2006), den mobility turn in den Sozialwissenschaften (vgl. Urry 2007) und Neil Brenners Skalentheorie (1998). Die Analyse verbindet so vier Komponenten: institutionelle, teils territorial-materielle Routinen (z.B. Pässe, Grenzkontrollpraktiken, Zäune), routinisierte individuelle und kollektive Verhaltensweisen (z.B. Identifikation mit Nationen, Landessprachen, Reisen als kulturelle Aneignungspraxis, transnationale Familien), Machtbeziehungen und Klassifikationsordnungen (z.B. die Verteilung von Lebenschancen entlang der Geburtszugehörigkeit, multiskalares Zusammenwirken von politischen Organisationsformen, feldspezifische Machtspiele) und Wissensbestände (z.B. Diskurse über Zugehörigkeit, Containerstaaten, Homogenität und Territorialität, Klassifikationsordnungen). Die politisch-territoriale Grenze wird in diesem Kontext als Citizenship-Praxis thematisiert und gleichzeitig zu anderen Konfigurationen wie Geschlecht ins Verhältnis gesetzt. Methodologisch als auch theoretisch liefert Amelina hier Anknüpfungspunkte für die Grenz- und Mobilitätsforschung, da sie die komplexen Zusammenhänge von Wissen und Macht in der Klassifizierungspraxis und in den dazugehörigen Praktiken bestimmbar macht. Doing Transnationality ist damit eine Praxis des Erzeugens von grenzüberschreitender Sozialräumlichkeit im Spannungsverhältnis zu Migrations- und Grenzregimen. Transnationalität und Digitalisierung Nach Faist et al. (2014, S. 19) sind in vielen Fällen nicht Migrant*innen die Hauptakteur*innen transnationaler Praxis, sondern Organisationen (zu Migrant*innenorganisationen vgl. Portes/Fernandez-Kelly 2015). Das Internet unterstützt transnationale Organisationen und Bewegungen wie Diasporas, transnationale kriminelle oder Themennetzwerke beim Austausch von Informationen, Dienstleistungen und Waren. Es startete mit der Hoffnung unter Modernisierungstheoretiker*innen, dass es eine transnationale demokratische Gemeinschaft fördern würde. Stattdessen wurde das Internet beispielsweise zu einem Schmelztiegel für nationalistische und rassistische Bewegungen (vgl. Daniels 2013). Darüber hinaus sind die direkten Onlineaktivitäten zwischen Produzent*innen und Konsument*innen interessant (vgl. Hatzopoulos/Kambouri 2013, Stichwort Digitaler Kapitalismus), die auf absehbare Zeit neue Transaktionsströme und eine andere Grenz- und Zollpolitik schaffen werden. Die Tests von Smart Borders in der EU zeigen, dass auch digitale biometrische Dokumente und Datensätze die Verfahren an Grenzübergängen verändern. Diese Neuerungen an der Schnittstelle von Digitalisierung und Transnationalität rufen dazu auf, die Konsequenzen von Digitalisierung auf 4.2 4.3 Transnationalität und soziale Ungleichheit 215 Privatsphäre, Achsen der Ungleichheit, Grenzen und Bewegungsfreiheit zu untersuchen (vgl. Kloppenburg/Ploeg 2020). Fazit Ob im Rahmen sozialer, institutioneller oder physischer Grenz(ziehung)en: Transnationalität ist eine immer wichtigere Dimension bei der Untersuchung von migrantischem und immobilem Leben. Die Forschung zu Sozialräumlichkeit zeigt, dass der Nationalstaat als Analyseeinheit in seiner Vielschichtigkeit untersucht werden muss. Wie die Grenzregimeforschung veranschaulicht, sind Nationalstaaten bzw. supranationale Grenzregime wie die EU nicht monolithische Gebilde, sondern umkämpfte Geflechte. Transnationale Migration und Mobilität existieren in einem ständigen Spannungsverhältnis dazu. Transnationalität, also der Grad an potenzieller sozialräumlicher Mobilität und grenzüberschreitender Praxis, ist eine Form von Kampf um Möglichkeitsräume, die darüber hinaus mit anderen Achsen der Ungleichheit wie Geschlecht, Sexualität, Klasse und race/Ethnizität interferiert. Die Grenz- und Migrationsregimeforschung, der Doing Migration-Ansatz und Digitalisierung sind Beispiele für Forschungsperspektiven, die die Komplexität von Grenz(ziehungs)prozessen in den Blick nehmen (werden). Border Studies profitieren von der transnationalen Perspektive, da sie mit dem methodologischen Nationalismus bricht und stattdessen die tägliche Praxis in den Kämpfen um Zugang zu Rechten und Ressourcen betrachtet. (Im-)Mobile navigieren ständig territorial-politische Grenzen und soziale Grenzziehungen. Diese mögen im Falle von Migrant*innen besonders ins Gewicht fallen, jedoch sind Immobile ebenso von Grenz(ziehung)en betroffen. Dabei ist Transnationalität ebenso eine Achse der Ungleichheit bzw. Grenzziehung, die ungleiche Lebenschancen erzeugt. Im Rahmen der Kämpfe um den Begriff Integration in Deutschland formulierte u.a. Naika Foroutan (2016) die Frage, ob Migrationshintergrund als Grenzziehung zwischen Zugehörigkeit und Exklusion überholt sei und Zugehörigkeit vielmehr auch jenseits von Nationalstaaten formuliert werden müsse. Die Einsicht der Grenzforschung, dass Grenzen das Ergebnis von kontinuierlicher Grenzarbeit sind (vgl. Bossong et al. 2017; Gerst et al. 2018), könnte hier fruchtbar sein. Zum einen kann der gewählte Begriff postmigrantisch selbst als Teil der Grenzarbeit rund um die Grenzziehung Nicht-Deutsch/Deutsch betrachtet werden, zum anderen fokussiert er die tägliche (transnationale) Grenz- und Brückenarbeit von Bürger*innen. Die Transnationalitätsforschung verlässt darüber hinaus den nationalstaatlichen Rahmen und beleuchtet vielschichtig, wie Leben jenseits von Grenzen tagtäglich stattfindet – immer mit Bezug zu den Ressourcen, die durch Zugehörigkeit ermöglicht und verwehrt werden. Und da Staaten vermehrt sozialpolitisch kooperieren und Individuen beruflich und aus persönlichen Gründen mobil bleiben, stellt sich die soziale Frage (vgl. Faist 2019) bzw. die Frage nach globalen Formen von Citizenship (vgl. Levitt et al. 2017) längst auch auf anderen Ebenen als der nationalstaatlichen. Weiterführende Literatur Erel, Umut/Murji, Karim/Nahaboo, Zaki (2016): Understanding the Contemporary Race-Migration Nexus. In: Ethnic and Racial Studies 39, H. 8, S. 1339–1360. 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Dabei wird das interdisziplinäre Forschungsfeld diskursorientierter Grenzforschung anhand von drei häufigen Schwerpunkten diskursorientierter Forschungsarbeiten über Grenzen skizziert. Zu diesen zählen diskursorientierte Studien über (1) Grenzregionen und nationale Grenzdiskurse, (2) Grenzkonstruktionen in national(istisch)en Diskursen im Kontext von Flucht und Migration sowie (3) weitere Diskurse der Ab- und Ausgrenzung. Schlagwörter diskursorientierte Grenzforschung, nationale Grenzdiskurse, nationalistische Grenzdiskurse, Flucht und Migration Einleitung1 Je nach theoretischer, disziplinärer und phänomenbezogener Verortung liegen vielfältige diskursanalytisch-konstruktivistische Beschäftigungen mit dem Themenkomplex Grenze/n und Diskurs/e vor. (Sozio-)Linguistische, philologische, linguistisch-anthropologische und diskursanalytische Forschung zu diesem Thema umfasst eine Vielzahl an Gebieten, etwa die – manchmal durchaus arbiträre – Definition von Dialektgrenzen oder neuen Standardsprachen2, Sprachkontaktphänomene bis hin zu Grenzdiskursen (vgl. dazu Nekula in diesem Band). Der vorliegende Beitrag fokussiert auf die (oft interdisziplinären) Forschungsarbeiten im Bereich der diskursanalytischen Beschäftigung mit Grenzkonstruktionen bzw. Diskursen zu/über territorial-politische sowie soziale Grenzen. Der Handbuchartikel bietet sowohl einen Einblick in die vielfältigen theoretischen Zugänge zu Grenze/n und Diskurs/en als auch in empirische Forschungsergebnisse. Der Beitrag beruht vornehmlich auf deutschsprachigen und englischsprachigen Publikationen im späten 20. und 21. Jahrhundert, weswegen – wenngleich ungewollt – ein selektiver, eurozentrischer sowie anglozentrischer Fokus dominiert. Im nächsten Abschnitt 2 erfolgt eine kursorische Einführung in den sprachwissenschaftlichen Diskursbegriff. Des Weiteren wird das interdisziplinäre Forschungsfeld diskursorientierter Grenzforschung skizziert. In Abschnitt 3 werden die drei häufigsten Schwerpunkte diskursorientierter Forschungsarbeiten über Grenzen vorgestellt: Zunächst werden in Abschnitt 3.1 Studien über Grenzregionen und nationale Grenzdiskurse präsentiert, daraufhin folgt die Auseinandersetzung mit Grenzkonstruktionen in national(istisch)en Diskursen im Kontext von Flucht und Migration (3.2) und Abschnitt 3.3 fokussiert auf weitere Diskurse der Ab- und Ausgrenzung. Abschließend werden in Abschnitt 4 die wichtigsten Erkenntnisse rekapituliert. 1 1 Ich danke Ruth Wodak und den Herausgeber*innen Dominik Gerst, Maria Klessmann und Hannes Krämer für ihr Feedback und ihre wertvollen Hinweise. 2 Aus einer kritisch-postkolonialen Warte wird bei diesen Prozessen auch die Verantwortung von Wissenschaftler*innen kritisch beleuchtet, da linguistische Grenzziehungen oft weitreichende Folgen nach sich ziehen (vgl. Irvine/Gal 2000; Stojiljković 2017). 221 Diskurs/e und Grenze/n Die für diesen Beitrag berücksichtigten Publikationen verdeutlichen die Vielfalt an sprachwissenschaftlich orientierten Zugängen zu und Theoretisierungen von Diskurs. So unterstreichen auch Mi-Cha Flubacher (2019) sowie Jürgen Spitzmüller und Ingo Warnke (2011, S. 1–19) die Heterogenität und Vielzahl der Diskursbegriffe und die Schwierigkeit bzw. Unmöglichkeit, Diskurs terminologisch zu fixieren. Nicht zuletzt haben sich zahlreiche linguistische Strömungen und Schulen mit je unterschiedlichen Ontologien und Diskurskonzepten herausgebildet, welche hier nicht näher ausgeführt werden können (für eine Übersicht siehe z.B. Spitzmüller/Warnke 2011; Rheindorf 2018; Flubacher 2019). Deshalb wird diesem Beitrag tentativ ein breites Diskurskonzept zugrunde gelegt, welches an linguistischen Diskursverständnissen und -zugängen anschließt, die maßgeblich durch das umfangreiche Werk Michel Foucaults (1974) geprägt sind. Diese unterscheiden bzw. grenzen sich von engen, spezifischen Zugängen ab, wie z.B. Diskurs als konsensorientierte Debatte bzw. Meinungsaustausch (nach Jürgen Habermas) oder Diskurs als mündliche bzw. gesprochen-sprachliche Äußerungseinheiten (vgl. Spitzmüller/Warnke 2011, S. 5–10). Für sprachwissenschaftlich-diskursanalytische Zugänge, die sich an Foucault orientieren, geht Diskurs über einzelne sprachliche Äußerungen oder Texte hinaus. Diskurse sind vielmehr auf einer transtextuellen Ebene zu verorten, da sie „handlungsleitende[s] und sozial stratifizierende[s] kollektive[s] Wissen bestimmter Kulturen und Kollektive“ transportieren (Spitzmüller/Warnke 2011, S. 8). Diskurse geben somit vor, welches Wissen hervorgebracht werden kann bzw. was sagbar ist: „a discourse disposes of rules and structures that determine the production of utterances and texts in order to create an internal coherence“ (Flubacher 2019, S. 627). Damit geht auch die analytische Frage nach Wissens- und Machtproduktionen einher (vgl. Spitzmüller/Warnke 2011, S. 8; Wodak/Meyer 2016, S. 4, 8–13; Flubacher 2019, S. 626). Angesichts der erwähnten Schwierigkeit bzw. Unmöglichkeit der terminologischen Fixierung des Diskursbegriffes sei beispielhaft eine rezente Definition aus dem Paradigma der kritischen Diskursanalyse angeführt: Markus Rheindorf (2018, S. 18) definiert Diskurs „als Gesamtheit aller bedeutungsstiftenden Ereignisse (auch diskursive Ereignisse genannt) mit inhaltlichem Bezug zu einem bestimmten Thema“. Weiter gelten Diskurse „als in einem gesellschaftlichen, sozialen wie auch materiellen Kontext verortet, der wie ein Feld von einschränkenden und ermöglichenden Bedingungen (oder Kräften) auf den Diskurs wirkt […] zugleich wird aber auch davon ausgegangen, dass der Diskurs seinerseits die gesellschaftliche Realität, auf die er sich bezieht (das Thema), konstruiert, genauer gesagt: reproduziert und dabei auch unweigerlich transformiert“ (ebd., S. 20). Grenzdiskurse lassen sich somit als auf (dominant gewordenes) Wissen über Grenzen verweisend und dieses konstruierend beschreiben. Verschiedentlich finden sich in Abhandlungen, Überblickswerken und theoretischen Aufsätzen über Grenzen (in unterschiedlichen disziplinären Zusammenhängen) Hinweise auf die Bedeutsamkeit von Diskursen bzw. Sprache bei der Konstruktion von Grenzen (vgl. Newman/Paasi 1998; DeChaine 2012; Schiffauer et al. 2018, S. 13). Dies geht mitunter auf die Annahme zurück, dass Grenzen nicht nur physisch-materielle, sondern auch symbolische bzw. diskursive Entitäten darstellen (vgl. Sicurella 2018, S. 60–61). Dementsprechend – so der Standpunkt einiger Autor*innen – sollten diese Dimensionen in der Forschung über Grenzkonstruktionen 2 Sabine Lehner 222 stärker berücksichtigt werden. So sprechen sich z.B. David Newman und Anssi Paasi für eine eingehende Beschäftigung mit Narrativen und Diskursen aus: „The study of narratives and discourse is central to an understanding of all types of boundaries, particularly state boundaries. These narratives range from foreign policy discourses, geographical texts and literature (including maps), to the many dimensions of formal and informal socialization which affect the creation of sociospatial identities, especially the notions of ‚us‘ and the ‚Other‘, exclusive and inclusive spaces and territories“ (Newman/Paasi 1998, S. 201). Wie auch aus diesem Zitat hervorgeht, betreffen Grenzdiskurse eine Vielzahl an Feldern (und somit auch Textsorten), wie Bildung, Politik, Medien, Rechtswesen, Geschichtsschreibung, Kultur etc., die sich oft überschneiden (siehe auch Paasi 1999; Strüver 2002, S. 28). Das Naheverhältnis zwischen Diskurs/en und Grenze/n lässt sich insbesondere vor dem Hintergrund eines sozialkonstruktivistischen Verständnisses erörtern, wonach sich Sprache bzw. Diskurse und gesellschaftliche Realitäten wechselseitig konstituieren und beeinflussen. Demnach tragen Diskurse zur Konstruktion von Grenzen und deren Bedeutung sowie Wahrnehmung bei: „whatever else they may be, borders are products of human symbolic action, created by human agents through particular and often complex rhetorical practices“ (DeChaine 2012, S. 3). Mit diesen diskursiven grenzherstellenden Praktiken werden Kategorisierungen, Identitäten, Zugehörigkeiten sowie deren Ausschlüsse, Subjektpositionen und (Il-)Legalität etc. konstruiert und auch verändert. Grenzdiskurse betreffen somit nicht nur ‚klassische‘ territorial-politische Grenzen, sondern diverse Formen sozialer Grenzziehungen (vgl. Gerst et al. 2018). Diskursanalytische Identitätsforschung beschäftigt sich schon länger mit ähnlichen Fragestellungen, allerdings oft ohne explizites Labeling und ohne alleinigen Fokus auf Grenzen (vgl. Wodak et al. 1998). Ein Blick auf die diskursiven Prozesse verdeutlicht, dass die Konstruktion nationaler Identitäten eng mit der Konstruktion von Grenzen zusammenhängt (und umgekehrt; vgl. Busch/Kelly-Holmes 2004, S. 2; Watt/Llamas 2014). Dies zeigt sich z.B. in diversen Differenz- bzw. Gruppenkonstruktionen (wir gegenüber ihr bzw. die anderen) oder anderen diskursiven Ausgrenzungs- und Abgrenzungsprozessen (vgl. Wodak et al. 1998, S. 490–492). Mit dem sog. spatial turn, der auch in Bezug auf das Verhältnis von Sprache und Raum einen Paradigmenwechsel einleitete, gingen veränderte Grenzkonzeptualisierungen in Bezug auf sprachliche Grenzen einher: „Somit rückten auch Grenzen und Grenzziehungsprozesse in den Interessensfokus der kritischen soziolinguistischen und der ethnodialektalen Forschung, welche sprachliche Grenzen als diskursive und (sprach)ideologische Konstrukte betrachten, die in Diskurs und Praxis (re)produziert, aber auch umgeformt oder dekonstruiert werden“ (Schedel 2018, S. 38). Die diskursanalytische Beschäftigung mit (geopolitischen) Grenzen und deren Bedeutungen stellt 2004 – so Brigitta Busch und Helen Kelly-Holmes – ein damals noch relativ neues Phänomen dar (vgl. Busch/Kelly-Holmes 2004, S. 2). Auch 2012 formuliert Robert DeChaine die Etablierung von Rhetorical Border Studies noch als Desiderat: „A rhetorical border studies offers scholars, critics, and activists useful strategies for investigating the array of linguistic, visual, and aural resources through which understandings of citizenship, national identity, belonging, and otherness are publicly negotiated. It Grenze/n und Diskurs/e 223 provides a means of investigating how institutional, majoritarian, and vernacular discourses shape and are shaped by border(ing) rhetorics“ (DeChaine 2012, S. 5). Neuerdings erfährt diskursorientierte Grenzforschung einen erneuten Aufschwung, da diverse Phänomene in den Blick genommen werden, die im Zusammenhang mit der sogenannten Flüchtlingskrise und nationaler sowie europäischer Grenzpolitik stehen (siehe auch Sicurella 2018, S. 61). Dennoch scheinen Buschs und Kelly-Holmes’ Befund sowie DeChaines Desiderat weiterhin aktuell zu sein, da sich rezente diskursbezogene Forschung über Grenzen theoretisch zumeist auf einen interdisziplinären Wissensstand beruft. Dies deutet darauf hin, dass sich (noch) keine eigenständige diskursanalytische Grenzforschung etabliert hat, wenngleich linguistische bzw. diskursanalytische Forschungen und Institutionalisierungsbestrebungen z.B. in Form von einschlägigen Konferenzen3 und Publikationen4 in den letzten Jahren vorliegen. Die Komplexität und Vielfalt von Grenzphänomenen spiegeln sich auch in den Studiendesigns und Zugängen zu Diskurs und Grenze wider. Das Diskursobjekt Grenze ist dabei unterschiedlich stark im unmittelbaren Fokus der untersuchten diskursiven Prozesse. Manche Arbeiten fokussieren auf die Konstruktion von territorial-politischen Grenzen und Legitimationspraktiken neuer Grenzmaßnahmen, in anderen Studien stellen Grenzen hingegen (lediglich) den Kontext dar, in dem sich spezifische gesellschaftliche Prozesse abspielen. Dabei wird deutlich, dass Grenzdiskurse in breitere gesellschaftliche Zusammenhänge und Diskurse eingebettet sind (vgl. Paasi 1999, S. 670; Strüver 2002, S. 26; Sicurella 2018, S. 58, 72). Diskursorientierte bzw. Grenzforschung im Allgemeinen verdeutlicht, wie sehr (empirische) Forschung an aktuelle geopolitische und gesellschaftliche Entwicklungen und Ereignisse gekoppelt ist. Diese Abhängigkeit schlägt sich auch in den untersuchten Themen nieder: Während nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und im Zuge der Europäischen Integration in den 1990er- und 2000er-Jahren z.B. Identitätskonstruktionen in Anbetracht der Auflösung nationaler Grenzen in Grenzregionen von Interesse waren (vgl. Meinhof 2002), rücken in letzter Zeit die Überwindung von Grenzen sowie die Errichtung bzw. Verstärkung von (supra)nationalen Grenzen zunehmend in den Fokus wissenschaftlicher Auseinandersetzungen (vgl. Sicurella 2018, S. 61). Als Konstanten erweisen sich die bereits erwähnten Fragen der Identitätskonstruktion sowie Ein- und Ausschlussprozesse. Außerdem stellen (begehrte oder ungewollte) Mobilität und Migration Leitthemen dar, die diverse Grenzdiskurse sowohl auf Länderebene als auch auf supranationaler Ebene durchziehen. Ausgewählte Perspektivierungen Die für diesen Artikel gesichteten und ausgewählten diskursorientierten Forschungsbeiträge sind zwar – u.a. hinsichtlich ihrer Vielfalt an Diskurs- sowie Grenzkonzepten und behandelten Themen – heterogen, doch lassen sich drei übergreifende Schwerpunkte bzw. Perspektivierungen identifizieren: Grenzregionen und nationale Grenzdiskurse (3.1), Grenzkonstruktionen in 3 3 Vgl. „Linguistic construction of social borders“ (2013 in Frankfurt/Oder und Słubice), „Boundaries and Transitions in Language and Interaction: Perspectives from Linguistics and Geography“ (23.–28.4.2017, Monte Verità), „Language and Borders: Rethinking Mobility, Migration and Space“ (26.–27.3.2018, Bristol). 4 Vgl. DeChaine (2012), Meyer Pitton/Schedel (2018). Sabine Lehner 224 national(istisch)en Diskursen über Flucht und Migration (3.2) sowie weitere Diskurse der Abund Ausgrenzung (3.3).5 Grenzregionen und nationale Grenzdiskurse Geopolitische Umbrüche wie die formale Dekonstruktion oder Errichtung von nationalen Grenzen oder die Diversifizierung von Grenzmaßnahmen gingen und gehen mit teils einschneidenden Veränderungen für Bürger*innen sowie – im noch unmittelbareren Ausmaß – für Bewohner*innen von Grenzregionen einher (vgl. dazu Klatt in diesem Band). Soziolinguistische Forschungen fragen z.B. nach der Bedeutung ebendieser Grenzveränderungen für den Alltag und die Biografie von Grenzbewohner*innen (vgl. Meinhof 2002; Busch 2013, S. 202). Neben subjektiven Deutungen von Grenzen stehen auch kollektive (nationale, gruppenspezifische etc.) Selbst- und Fremddarstellungen, Grenz- sowie Identitätskonstruktionen in Diskursen im Forschungsfokus. Sprache spielt bei ebendiesen Prozessen eine zentrale Rolle, z.B. wenn eine Gleichsetzung von vermeintlichen Sprachgrenzen mit nationalen Grenzen behauptet oder angestrebt wird (vgl. Bugarski 2004). Grenzregionen Die (Be-)Deutung von Grenzen in Narrativen von Menschen in verschiedenen europäischen Grenzregionen wurde in einigen Projekten unter der Leitung von Ulrike H. Meinhof (2002, 2003) untersucht. Dabei wurden jeweils Mitglieder von drei Generationen umfassenden Familien in ehemaligen Grenzregionen (u.a. des Eisernen Vorhangs) interviewt. In diesen richtungsweisenden Studien wurden Fotos von Grenzorten und Grenzsymbolen in der Region als Trigger für die Erzählung eingesetzt (vgl. Meinhof/Galasiński 2000). Hierbei wurden Bewohner*innen auf beiden Seiten der Grenzen berücksichtigt (z.B. die italienisch-slowenische und innerdeutsche Grenze) und jeweilige Differenzzuschreibungen untersucht: „Border regions in general tend to structure people’s everyday life experiences in ways that make their identity constructions more interdependent with the continuous presence of the ‚Others‘ on the other side“ (Meinhof 2003, S. 783). Die Berücksichtigung mehrerer Generationen sollte der Erforschung des Einflusses von wechselnden geopolitischen Situationen und Grenzkonfigurationen auf Identitätskonstruktionen dienen. Die Narrative weisen sowohl biografische Bezüge als auch Verbindungen zu nationalen Diskursen auf (vgl. Meinhof et al. 2002, S. 10). Dabei treten wiederkehrende, ähnlich gestaltete „Schlüsselerzählungen“ auf, die besonders stark von diskursiven Einflüssen geprägt sind, z.B. von historischen grenzbezogenen Ereignissen. Die 3.1 3.1.1 5 Die ersten beiden Perspektivierungen diskursorientierter Studien (3.1 und 3.2) ähneln den von DeChaine (2012, S. 4–5) festgestellten (zwei) Forschungsschwerpunkten: So beschreibt DeChaine den ersten Forschungsbereich, der hier als Grenzregionen und nationale Grenzdiskurse (3.1) zusammengefasst wird, wie folgt: „The first gives attention to the construction of border identities and the experiences of bordered subjects. This area of research views the border and its spatialized ‚borderlands‘ as a dynamic site of hegemonic struggle over terms and conditions for the formation of national and ethnic identities“ (ebd., S. 4). Die zweite Perspektivierung auf Grenzkonstruktionen in national(istisch)en Diskursen über Flucht und Migration (3.2) weist ebenso Parallelen zum zweiten von DeChaine identifizierten Forschungsbereich auf: „multidisciplinary engagements with discourses of globalization and transnational culture, focusing attention on the social-spatial politics of movement, mobility, migration, and displacement“ (ebd., S. 4–5). Neben den beiden genannten Forschungsschwerpunkten widmen sich einige Studien weiteren Formen symbolischer, sozialer Grenzen, die auf diskursiver Ebene Ausgrenzungen herstellen. Diese lassen sich somit einem dritten Bereich – weitere Diskurse der Ab- und Ausgrenzung (3.3) – subsumieren. Grenze/n und Diskurs/e 225 Studienautor*innen betonen an manchen Stellen die Problemqualität von Grenzerfahrungen: „the geopolitical dimension of the borderline needs to be understood as an axis along which disturbing memories of past conflict and violence is mapped onto present-day socio-economic asymmetry and inequality“ (Meinhof 2003, S. 782). Faktoren für die festgestellten Unterschiede in den Grenzkonstruktionen sind die jeweils einzigartige Vergangenheit der Grenzregion, die spezifischen geografischen Gegebenheiten, hegemoniale Diskurse, die sprachenpolitische Situation, die Durchlässigkeit der Grenze oder grenzübergreifende Kontakte. Am Beispiel der Grenze zwischen Kärnten/Österreich und Slowenien, die in einer hochgelegenen Bergregion liegt und touristisch für diverse Freizeitaktivitäten genutzt wird, zeigen Brigitte Hipfl et al. (2002) die Mannigfaltigkeit von Grenzkonstruktionen und die Gleichzeitigkeit verschiedener, auch einander widersprechender Grenznarrative: „Paradoxically, the physical location of the border as experienced when visiting the border crossing seems to be free from the conventional semantic field of a border, which is a demarcation of separation. Rather, the border crossing is appropriated as an available attraction that provides some variety in people’s lives“ (ebd., S. 55). Lena Laube und Christof Roos (2010) widmen sich ebenfalls Grenznarrativen in Interviews mit verschiedenen Akteur*innen in Finnland und Österreich. Die Studienautor*innen stellen Abweichungen der individuellen Erinnerung von Grenzen gegenüber offiziellen bzw. tradierten Deutungen fest: „the memory of how open or closed the Eastern border actually was is not necessarily congruent with the image the Iron Curtain conveys“ (ebd., S. 39). In beiden Ländern zeichnet sich ein Wandel der Grenznarrative rund um den Eisernen Vorhang ab: ausgehend von einem narrative of exclusion über increasing interaction hin zu einer Deutung der Grenze als facilitator of mobility. In beiden Fällen ist auch eine Gleichzeitigkeit von unterschiedlichen und entgegengesetzten Grenznarrativen und zugewiesenen Funktionen zu beobachten. So sind sowohl free movement als auch security narratives präsent. Diese vermeintlichen Widersprüche lösen die Autor*innen mit dem Verweis auf den jeweils gemeinten Grenzabschnitt auf: Während die offiziellen, reglementierten Grenzübergänge als Serviceeinrichtungen gesehen werden, die (gewünschte und legale) Mobilität ermöglichen und erleichtern sollen, herrscht in Bezug auf die Landabschnitte (grünen Grenzen) ein Grenznarrativ vor, wonach eine Grenze Kontrolle sowie Ausschluss gegenüber ungewünschter, ‚illegaler‘ Migration ausüben und Sicherheit herstellen soll (vgl. ebd., S. 32). Am Beispiel des (nichtexistierenden) transnationalen Arbeitsmarktes zwischen den Niederlanden und Deutschland untersucht Anke Strüver (2002) den Einfluss supranationaler (EU) Bestimmungen im lokalen Kontext. Dabei stellen sich Diskrepanzen zwischen EU-Diskursen (politischer Eliten) und regionalen Praktiken, Diskursen sowie Stereotypen heraus, die die ausbleibenden Grenzkooperationen im Arbeitsmarkt erklären: „visual and textual representations of the border maintain the ‚cognitive threshold‘ between Germany and the Netherlands“ (ebd., S. 33). Auch Martin Heintel et al. (2002) zeigen die Relevanz auf, lokale Perspektiven mit Diskursen größerer Reichweite zu kombinieren: „Im Alltagsleben dieser Menschen sieht die Grenze längst anders aus, als ihre verbreitete öffentliche Darstellung nahelegt. Ein Blick auf konkrete Alltagserfahrungen und Lebenswelten der regionalen Bevölkerung erlaubt daher eine Korrektur bzw. Ergänzung politischer und medialer Diskurse über die Folgen der Grenzöffnung“ (ebd., S. 96). Sabine Lehner 226 Die Autor*innen zeigen somit, wie ein tendenziöser Mediendiskurs den aufgeschlossenen Grenzpraktiken der Grenzbewohner*innen gegenübersteht (siehe auch Paasi 1999, S. 671; Salter/Piché 2011, S. 947f.). Guadalupe Correa-Cabrera (2012) bezeichnet die verzerrte Medienberichterstattung über die Drogengewalt an der US-mexikanischen Grenze als „Medienspektakel“: „So-called ‚spillover violence‘ is an important concern for U.S. citizens. But so far, it has been negligible, as the vast majority of drug-related violence has stayed on the Mexican side of the border“ (ebd., S. 207). Ähnliche Inkonsistenzen stellen Mark Salter und Geneviève Piché für Securitization-Diskurse über die US-kanadische Grenze in den USA fest: „the statements contain language and arguments, both explicit and implicit, that do not correspond to the realities of the political and historical contexts in which they occur“ (Salter/Piché 2011, S. 947). Die hier dokumentierten Abweichungen deuten auf ein komplexes Verhältnis zwischen Diskurs, Grenzerleben und Praktiken hin. Wie divers sich Grenzphänomene außerdem gestalten können, verdeutlicht Vincent Guangsheng Huangs (2017) Studie über „transborder conversation“ während der Proteste des Umbrella Movements in Hongkong 2014. Der Autor untersucht, wie sich Studierende aus Festlandchina, die in Hongkong studieren, mit Menschen in Festlandchina über die Proteste – angesichts eines repressiven und zensurausübenden Regimes – in den sozialen Medien austauschen. Die ‚Grenze‘ formiert sich u.a. durch (das Wissen über) Zensurmaßnahmen, die es ermöglichen, dass unerwünschte Inhalte bzw. „counter hegemonic discourse“ Hongkong nicht verlassen und Festlandchina, in dem der hegemoniale massenmediale Diskurs dominiert, erreichen (vgl. ebd.). Changbai Wang (2012) beleuchtet am Beispiel der Schlechterstellung von (hochqualifizierten) Festlandchines*innen eine andere Form der Grenzziehung in Hongkong. Diese basiert auf einem anhaltenden Diskurs der Differenz: „mainland skilled immigrants in Hong Kong are deeply embedded in an overarching xin yimin (new immigrants) discourse according to which the Hong Kong-China border distinguishes all mainlander immigrants from Hong Kong regardless of the level of skills they possess“ (ebd., S. 568; Herv. i. O.). Von den Interviewten wird die Nachhaltigkeit und Wirkmächtigkeit der (kulturellen, sozialen und physischen) Grenzen zwischen Hongkong und Festlandchina immer wieder thematisiert. Sprache in Grenzdiskursen Sprache nimmt in vielerlei Hinsicht in nationalen Grenz- und Identitätsdiskursen einen zentralen Stellenwert ein. So werden Einzelsprachen als identitäts- sowie nationsstiftend angesehen: „The genesis of the notion of language and borders lies in the shared ‚imagining‘ […] of spacially bounded, linguistically homogeneous nations“ (Urciuoli 1995, S. 526–527). Die nationalistische Formel Ein Staat, eine Nation, eine Sprache setzt sich bis heute in nationalistischen Homogenitätsvorstellungen, sprachenpolitischen Maßnahmen und Diskursen fort (vgl. Auer 2013, S. 19; Busch 2013, S. 217). Ein jüngeres Beispiel für die Instrumentalisierung von Sprachen für nationalistische Zwecke steht im Zusammenhang mit dem Zerfall Ex-Jugoslawiens. Mit der Errichtung neuer Staaten und nationaler Grenzen ging auch die politisch motivierte Konstruktion von Sprachgrenzen einher (vgl. Busch/Kelly-Holmes 2004; Stojiljković 2017). Ranko Bugarski (2004) zeichnet nach, wie ursprünglich sehr ähnliche Varietäten des Serbokroatischen in nationalistischen Diskursen instrumentalisiert und diskursiv als unterschiedliche nationale Einzelsprachen hergestellt wurden: „as the Serbo-Croatian speaking republics of 3.1.2 Grenze/n und Diskurs/e 227 former Yugoslavia turned into sovereign states, so the variants of this language were elevated to the rank of the national standard languages of these states, bearing simple rather than compound names: Serbian, Croatian, Bosnian“ (ebd., S. 30–31). Anhand des Beispiels des sogenannten Röstigrabens zeigt Wolfgang Zierhofer (2005) auf, wie in einer mehrsprachigen Gesellschaft über mediale Diskurse Differenzen entlang von angenommenen Sprachgruppengrenzen konstruiert werden. Der Röstigraben wird in öffentlichen Diskursen als Demarkationslinie zwischen der deutschsprachigen und französischsprachigen Schweiz bzw. der Ost- und Westschweiz imaginiert, da sich hier durch komplexitätsreduzierende Visualisierungsverfahren von Wahlergebnissen öfters eine Trennlinie zwischen unterschiedlichen Abstimmungsverhalten abzeichnete: „the Röstigraben is a mass-media discourse that charges political interests with a territorial group identity through which it creates sub-state ‚imagined communities‘ […] Metaphors like the Röstigraben and similar territorial categories may turn complex issues into apparently simple, binary structures, but by the same token they invite the misrepresentation of political conflicts“ (Zierhofer 2005: 232). Wie fatal Sprachenkonflikte in Grenzregionen verlaufen können, verdeutlichen Agitationen dominikanischer Politiker und Linguist*innen/Philolog*innen der 1930er- und 1940er-Jahre gegen das haitianische Kreol und dessen Sprecher*innen (vgl. Valdez 2015). In der Untersuchung der damaligen metalinguistischen Diskurse zeichnet Juan Valdez (2015) nach, wie nationalistische (Einsprachigkeits-)Ideologien in der Dominikanischen Republik durch drakonische Maßnahmen in der dominikanisch-haitianischen Grenzregion forciert wurden. Neben der Aufwertung des Spanischen bei gleichzeitiger Diskreditierung des haitianischen Kreols gerieten Schulen in zweisprachigen Grenzregionen besonders in den Fokus sprachenpolitischer Maßnahmen, um nationalistische Vorstellungen durchzusetzen. Insgesamt reichten die Maßnahmen von der Hispanisierung der Schulen bei gleichzeitiger Sanktionierung Kreolsprechender bis hin zum Genozid tausender Menschen in der Grenzregion: „the survival of thousands of dark-skinned people along the border between Haiti and the Dominican Republic depended on whether they could pronounce the simple alveolar R in the Spanish word perejil ‚parsley‘ instead of the French uvular R [peRehil] that is typical in Haitian Kreyòl“ (ebd., S. 54). Sprachstandardisierungspraktiken und Einsprachigkeitsideologien gehen häufig mit der Unterdrückung von Mehrsprachigkeit und sprachlicher Diversität einher. Dabei geht es zumeist um die vermeintliche (Il-)Legitimität und Sichtbarkeit von Sprachen im öffentlichen Raum. Brigitta Busch (2013) zeigt in ihrer Analyse der Minderheitensituation slowenischsprachiger Kärtner*innen auf, wie die starre Verbindung zwischen Sprache und Territorium kreativ aufgehoben wird. So wurden 2002 Aufkleber mit dem für das Slowenische emblematische Diakritikon Hatschek (wie in „č“) verteilt und an diversen Inschriften und Aufschriften an öffentlichen, auch symbolträchtigen Räumen angebracht. Diese Aktion war ein ironischer Kommentar auf den jahrzehntelang andauernden Ortstafelstreit. Dieser nahm 1972 im sogenannten Ortstafelsturm ein gewaltsames Ausmaß an, indem Personen aus dem deutschnationalen Lager die kurz zuvor angebrachten zweisprachigen (deutsch-slowenischen) Ortstafeln abmontierten (vgl. Busch 2013). Auch rezentere Forschungsbeiträge untersuchen Grenzregionen und die Art und Weise, wie im öffentlichen Raum auf Grenzen und Mehrsprachigkeit verwiesen wird. In der Untersuchung der Linguistic Border Landscape gehen Dominik Gerst und Maria Klessmann (2015) der Materialisierung und Sichtbarkeit von Grenzmarkierungen im öffentlichen Raum in Frank- Sabine Lehner 228 furt/Oder und Słubice nach und verdeutlichen die Komplexität und Formenvielfalt von Konstruktionen der deutsch-polnischen Grenze. Der Einsatz, die ungleiche Platzierung und Sichtbarkeit der drei dominanten Sprachen Deutsch, Polnisch und Englisch in den durch eine Brücke verbundenen Grenzstädten weisen auf vorherrschende Sprachideologien und Sprachhierarchien, die eine sprachliche Asymmetrie zugunsten des Deutschen bewirken, hin. Die zwei Städte sind zwar nicht (mehr) durch eine Grenze voneinander getrennt, doch legt die Analyse der Linguistic Border Landscape ein anderes Bild nahe: „public signage is used to construct an actual border and a spatial urban area along the border by referring to a border as both linguistic subject and resource“ (ebd., S. 27). Untersuchungen der Linguistic Landscape (LL) in Grenzregionen unternehmen auch Stefania Tufi (2013) in Triest und Christiana Themistocleous (2018) in Nikosia. Ein Vergleich der drei Studien macht die Vielfalt möglicher Grenzsituationen und soziolinguistischer Bedingungen deutlich: Während Frankfurt/Słubice eine friedvolle Grenzregion darstellt und sich explizit als kooperierende „Euroregion“ versteht (vgl. Gerst/Klessmann 2015, S. 12), handelt es sich bei Triest und Nikosia um jeweils – in (jüngster) Vergangenheit – konflikt- und gewaltgeprägte Grenzorte (vgl. Tufi 2013; Themistocleous 2018). Dementsprechend spezifisch gestaltet sich auch die jeweilige Sichtbarkeit der Sprachen der jeweils anderen: So scheint Slowenisch, eine Minderheitensprache in Triest, quasi nicht in der Linguistic Landscape der Stadt Triest auf, obwohl sie überall zu hören ist: „the LL of Trieste city constructs discourses of exclusion and what has been defined as ‚visual silence‘ performs an invisible symbolic border“ (Tufi 2013, S. 405). Nikosia – als geteilte Stadt – ist noch heute deutlich durch Trennung bzw. Konflikt geprägt. Der Vergleich dreier verschiedener Ortsteile – des griechisch dominierten und türkisch dominierten Teils von Nikosia sowie der UN-Zwischenzone – zeigen drei unterschiedliche Linguistic Landscapes mit jeweils unterschiedlichen Präsenzen der beiden offiziellen Sprachen Türkisch und Griechisch und des Englischen (als Verkehrssprache und ehemalige Kolonialsprache). Englisch stellt sich als die visuell am häufigsten vertretene Sprache heraus, wohingegen jeweils die Sprache der anderen (Türkisch oder Griechisch) beinahe gänzlich abwesend ist. Insgesamt zeichnet die Autorin dennoch ein soziolinguistisch diverse(re)s Bild, das die Präsenz verschiedener (auch gegenläufiger) Ideologien und (Grenz-)Konzepte umfasst (vgl. Themistocleous 2018, S. 110– 111). Studien über die Sichtbarkeit von Sprachen in Grenzregionen verdeutlichen ferner, wie sehr Sprach- und Grenzpraktiken von aktuellen Diskursen als auch der Vergangenheit geprägt sind. Ana Maria Relaño Pastor (2014) weist Grenzen bzw. Grenzdiskurse als relevante (Analyse-)Kontexte aus, um (Sprach-)Erleben und Narrative zu verstehen: „the emotionally narrated incidents that these women recount, involving Spanish and/or English, must be understood against the backdrop of life-changing and sometimes violent, physical and metaphorical border crossings at the U.S.-Mexico border“ (ebd., S. 2). Zwar werden Grenzdiskurse und Narrative über Grenzerfahrungen der Befragten bei Relaño Pastor nur an wenigen Stellen genauer behandelt, doch wird die komplexe Verknüpfung von Grenzdiskursen mit anderen Diskursen deutlich: „the border militarization discourse is sustained by symbolic racism, which criminalizes undocumented Mexican migrants and reinforces the idea of the border as a ‚war‘ zone“ (ebd., S. 2). Grenze/n und Diskurs/e 229 Grenzkonstruktionen in national(istisch)en Diskursen über Flucht und Migration Nationale Grenzdiskurse stehen häufig im engen Zusammenhang mit Mobilitäts- und Migrationsphänomenen, die den Impetus für Abgrenzungsdiskurse und Grenzmaßnahmen darstellen (vgl. dazu Vollmer/Düvell in diesem Band). So geht der globale Erfolg rechtspopulistischer Parteien mit Renationalisierungstendenzen einher, was sich vermehrt in der Forderung nach geschlossenen Grenzen bzw. strengen Grenzkontrollen äußert. In diesen Grenzdiskursen geht es oftmals um unerwünschte Akteur*innen (Geflüchtete, Migrant*innen), die abgehalten werden sollen, Grenzen zu überqueren bzw. das Land zu betreten. Die konkrete Ausformung bzw. diskursive Konstruktion der physischen Materialität von Grenzen stehen selten im (Forschungs-)Fokus (vgl. Spieß 2016; Rheindorf/Wodak 2018). Es stehen vielmehr die diskursiven Prozesse, durch die Grenzmaßnahmen legitimiert werden, im Zentrum diskursorientierter Studien. Dabei wird erneut deutlich, wie Grenzdiskurse auf komplexe Weise andere gesellschaftliche Diskurse tangieren. An mehreren Stellen in Abschnitt 3.1 zeigte sich, dass (lokale) Grenzdiskurse häufig von Othering-Prozessen (vgl. Spivak 1985; Coupland 1999; Riegel 2016, S. 51–75) begleitet werden. In konfliktgeprägten Diskursen werden bestimmte Personengruppen oft als fremd und bedrohlich dargestellt, was nicht zuletzt der Legitimierung strengerer (lokaler) Grenzmaßnahmen zum vermeintlichen Schutz der gesamten Nation dient. Diese Prozesse der Securitization (der Grenzdiskurse), die häufig im Zusammenhang mit Migration und Flucht stehen (vgl. Demo 2005; Salter/Piché 2011; Rheindorf/Wodak 2018; Vezovnik 2018), demonstriert Leo Chávez am Beispiel des US-Mexiko-Grenzdiskurses: „the discourse of invasion, loss of U.S. sovereignty, and representation of Mexican immigrants as the ‚enemy‘ surely contributed to an atmosphere that helped justify increased militarization of the border as a way of ‚doing something‘ about these perceived threats to the nation’s security and the American way of life.“ (Chávez 2013, S. 136). Dabei zeigen sich bemerkenswerte Ähnlichkeiten bzw. Muster hinsichtlich der diskursiven Prozesse in verschiedenen geopolitischen Kontexten. Die Legitimierung von streng(er)en Grenzmaßnahmen oder der Errichtung von Grenzen scheint eng mit der negativen Repräsentation und Konstruktion von anderen als gefährlich verknüpft zu sein bzw. darauf zu fußen. Die jeweilige Nation und deren Bewohner*innen werden als bedroht und schützenswert konstruiert6, was letztlich – aufbauend auf einschlägigen räumlichen Metaphern (vgl. Charteris-Black 2006) – derlei Maßnahmen plausibel macht bzw. legitimiert. Die negative Konstruktion und Repräsentation der anderen gehen dabei oft so weit, dass diese kriminalisiert, illegalisiert, entmenschlicht und entindividualisiert werden. So werden Geflüchtete und Migrant*innen häufig als Massen, Naturkatastrophe, Flüssigkeiten/Welle/Flut/Strom, Parasiten/Tiere, Eindringlinge etc. dargestellt (siehe auch Wodak 2015, S. 74ff.; Weinblum 2017; Vezovnik 2018, S. 46). Im US-Grenzdiskurs werden Immigrant*innen wie folgt dargestellt: „‚freeways teeming with illegals‘, the ‚onslaught of aliens‘, and ‚large and unruly groups‘ that ‚charge‘, ‚surge‘, and ‚swell‘ over the border“ (Demo 2005, S. 299). Im österreichischen Mediendiskurs geschehen 3.2 6 Angesichts der Europäisierung der Grenzpolitik können sich auch Diskrepanzen dahingehend ergeben, wer durch Grenzmaßnahmen geschützt werden soll: So sollen z.B. österreichische nationale Grenzmaßnahmen dem Schutze der Bevölkerung dienen, während der EU-Diskurs über die EU-Außengrenzen ein anderes Grenzverständnis vorlegt: „the kind of borders the EU Commission promotes does not protect people but abstract things such as the Schengen area, rights, or the economy“ (Lehner/Rheindorf 2018, S. 52). Sabine Lehner 230 die negative Repräsentation und Legitimierung strenger Grenzmaßnahmen v.a. über die Konstruktion des „gefährlichen muslimischen Mannes“ (vgl. Scheibelhofer 2017). Neben diesen Repräsentationsformen werden soziale Gruppen als verschieden und gegensätzlich konstruiert. So zeigen Christian Lamour und Renáta Varga (2017) anhand des rechtspopulistischen Diskurses in Ungarn und am Beispiel von Reden Viktor Orbáns, wie die klassische rechtspopulistische Differenzierung bzw. Konstruktion eines bedrohten Wir gegenüber einem gefährlichen, bedrohenden Ihr bzw. anderen sich in der Forderung, die nationalen Grenzen zu schließen, niederschlägt. Viele der hier erwähnten Darstellungsformen von Geflüchteten und Migrant*innen etc. und der vermeintlichen Gefahr, die von ihnen ausgehe, schüren Angst und Gefühle der Unsicherheit (siehe Rhetorik der Angst bei Wodak 2015). Weinblum hält für den israelischen Grenzdiskurs ein ähnliches Repräsentationsmuster fest: „asylum seekers are constructed in three ways: as a threat to national security, as a disruption of social order, and as a threat to national identity“ (Weinblum 2017, S. 115). Grenzdiskurse werden ferner – wie seit 2015 besonders deutlich wird – eng mit Themen wie Terrorismus, Islam, Zuwanderung, Krise und Sicherheit verknüpft: „Mass migration and terrorism are at the basis of the discourse on border securitization […]. That discourse has led to the definition of a border regime that favors greater control over the human flows taking place at the fixed and internationally recognized boundaries of the state” (Lamour 2019, S. 535). Dabei erweisen sich Rechtspopulist*innen häufig als tonangebend in Grenzdiskursen (ebd., S. 543), was sich ferner in der Normalisierung rechtspopulistischer Positionen abzeichnet (vgl. Rheindorf/Wodak 2018). Für den slowenischen Diskurs über Geflüchtete schreibt Andreja Vezovnik der Securitization einen ähnlich zentralen Stellenwert in Hinblick auf die Legitimierung von Grenzmaßnahmen zu: „security discourse created an important mental landscape within which securitizing actors grounded the legitimation and implementation of specific security practices. […] The prevention of such risks results in precautionary practices such as closing and monitoring the border with police and the military; installing razor wire along the border; and controlling, checking, registering and, identifying migrants as they enter Slovenian territory, testing their ‚authenticity‘, and accordingly denying or allowing them entrance and keeping them in detention and asylum centers“ (Vezovnik 2018, S. 51–52). Wie oben erwähnt, bauen Grenzdiskurse im Zusammenhang mit Migration bzw. Flucht auf spezifischen räumlichen Vorstellungen (von Grenzen, der Nation etc.) bzw. Metaphern auf. Wie Jonathan Charteris-Black (2006) am Beispiel des britischen Wahlkampfes 2005 zeigt, wird Großbritannien als container dargestellt, den (und dessen Grenzen) es vor der Gefahr Immigration zu schützen gilt (vgl. auch Lamour/Varga 2017, S. 9f.; Rheindorf/Wodak 2018). Migrant*innen werden dabei diskursiv entmenschlicht bzw. objektiviert (siehe oben), sodass eine Identifikation bzw. Empathie erschwert wird (vgl. Charteris-Black 2006, S. 569). Dies wiederum legt die Basis für die Legitimierung strengerer Grenzmaßnahmen. Bastian Vollmer nennt diesen Prozess „moralization of bordering“: „Moralization of bordering takes place when considering the balancing act of excluding a selection of people but at the same time standing on a high moral ground for which the EU and its Member States stand for. This exclusionary practice has been morally legitimized over the years by an array of policy frames […], but also by a narrative of deservingness, that is, by following the principle of ‚some people do not deserve to be equally or treated in the way we (the ‚host‘ society) use to treat human beings‘. Thus, an Grenze/n und Diskurs/e 231 enhanced public profile and its moral justification have coupled even more effectively the area of bordering and ‚necessitated‘ security“ (Vollmer 2017a, S. 4; Herv. i.O.) Ein ebensolcher Moralisierungs- bzw. Legitimierungsprozess war auch im österreichischen Grenzdiskurs 2015 und 2016 zu beobachten. So hat es zwar anfangs durchaus andere, positive Repräsentationen von Geflüchteten und Unterstützungsleistungen der Zivilgesellschaft gegeben, doch führten einige Ereignisse wie die Anschläge in Paris oder die sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht 2015/2016 in Köln zu diskursiven Verschiebungen wie Änderungen in der Repräsentation, einer Fokussierung auf Sicherheit und letztlich auch zu einer Legitimierung strengerer Grenzmaßnahmen (vgl. Scheibelhofer 2017, S. 99, 100; Rheindorf/Wodak 2018)7. Letztere werden als adäquate Mittel zur Wiederherstellung von Ordnung, Souveränität, Sicherheit und Kontrolle über Geflüchtete angenommen: „its symbolic value and the material reality of a physical fence meant to protect national integrity in the form of demarcating the national body“ (Rheindorf/Wodak 2018, S. 24). Sowohl in Deutschland als auch in Österreich treten neben der Diskussion um die Errichtung physischer Grenzen bzw. die Einführung (strenger) Grenzkontrollen auch Debatten über Obergrenzen auf (vgl. Kreft/Uske 2016; Rheindorf/Wodak 2018). Markus Rheindorf und Ruth Wodak (2018) dokumentieren die sukzessive Normalisierung und Moralisierung von (numerischen und räumlichen) Grenzen anhand von Begriffsdebatten im österreichischen politischen Diskurs. Die charakteristischen Euphemismen, Neologismen und Vagheitsphänomene können dabei als Ausdruck der anfangs zögerlichen Affirmation der Grenzmaßnahmen (angesichts der vermuteten Ablehnung der Wähler*innen) durch die österreichische Regierung auf dem Weg des Legitimierungsprozesses gelesen werden (vgl. ebd., S. 28). Constanze Spieß hingegen deutet „[den] Streit um die korrekte Bezeichnung […] [als Verweis] auf die Brisanz der Thematik und auf das Aufeinandertreffen unterschiedlicher weltanschaulich verorteter Positionen“ (Spieß 2016, S. 77). Die bereits erwähnten sukzessiven diskursiven Verschiebungen und die Versicherheitlichung ermöglichen eine Moralisierung sowie Plausibilisierung von Grenzmaßnahmen: „Borders are ‚moral‘, then, also in the sense that politicians can thus make a claim to be acting responsibly, using cost-and-benefit analyses in an effort to protect social security and cohesion“ (Rheindorf/Wodak 2018, S. 34). Der bisher zitierte Forschungsstand legt eine enge Verknüpfung zwischen Repräsentation (z.B. von Personen, Kollektiven etc. und deren Handlungen), Legitimation (von Grenzen bzw. Grenzmaßnahmen) und Evaluation (‚moralischen‘, ‚richtigen‘ Handelns) nahe (vgl. dazu Banse in diesem Band). Neben dem Verweis auf die Sicherheit stützen sich Legitimierungen von Grenzen auch auf andere Argumente bzw. Topoi, wie auf den Zahlentopos, den Topos von Recht und Ordnung, Topos der nationalen Grenzen oder Topos der nationalen Verantwortung (vgl. Lehner/Rheindorf 2018; Rheindorf/Wodak 2020). Grenzdiskurse können durchaus ambivalent sein und zugleich gegenläufige (Grenz-)Konzeptualisierungen enthalten. Sharon Weinblum beobachtet im israelischen Diskurs über Geflüchtete eine ambivalente Rolle von Grenzen: So repräsentieren sie zum einen „the root cause of Israel’s vulnerability and the possibility that dangerous elements enter“ (Weinblum 2017: 121), zum anderen werden sie aber auch als Lösung ebendieser Probleme präsentiert. Lamour und Varga (2017) exemplifizieren, wie die Grenze als flexible diskursive Ressource von Rechtspopulist*innen für ihre politischen Zwecke genutzt wird, indem Ungar*innen von offenen Grenzen profitieren sollen, während Nicht-Europäer*innen ebendiese Mobilität verwehrt werden 7 Einen ähnlichen Verlauf stellen Vollmer/Karakayali (2018) auch für Deutschland fest. Sabine Lehner 232 soll (vgl. ebd., S. 9f.). Auch der EU-Diskurs zeigt zwei unterschiedliche Grenzkonzeptualisierungen: „Whereas external borders are claimed to provide safety, internal border controls seemingly put the common Schengen area at risk“ (Lehner/Rheindorf 2018, S. 52). Vollmer zeigt anhand zweier Korpora (Policy Corpus und Public Newspaper) unterschiedliche Deutungen von Grenzen: Während die britische Grenze im Policy Corpus ein Sicherheitskonzept darstellt, wird sie in den Nachrichten als Unsicherheitskonzept konstruiert (vgl. Vollmer 2017b). Angesichts dieser Diskrepanz und tendenziösen, auf Unsicherheit abzielenden Medienberichterstattung fragt der Autor kritisch nach der Rolle von Medien in der Wissensproduktion: „If the UK press is part of – or even driving – knowledge production about migration and thus shaping societal and public opinion […], the results point to worrying concerns of potentially growing phobias among members of British society towards new and emerging enemies – such as the EU“ (ebd., S. 307–308). Lamour unterstreicht ebenfalls die Bedeutung der Medien als wichtige Akteur*innen in der Diskursproduktion und der Reproduktion von Grenzdiskursen und rechtspopulistischen Ideologien (vgl. Lamour 2019, S. 536). Einen gegenläufigen Grenzdiskurs dokumentiert Federico Giulio Sicurella (2018) für Kroatien und Serbien. In diesen Diskursen werden Grenzkonstruktionen (wie Ungarns Grenzzaun oder Festung Europa) z.B. mit Rückbezug auf humanitäre Werte und Topoi der Geschichte abgelehnt (vgl. ebd.). Die abweichende Haltung bzw. Argumentation führt Sicurella tentativ einerseits auf die jüngere Geschichte der beiden Länder als Kriegsländer in den 1990er-Jahren, andererseits auf die geopolitische Lage und Funktion Kroatiens und Serbiens als Transitländer zurück: „refugees were generally not seen as posing a threat to social stability, which surely favored the spread of more tolerant and sympathetic attitudes towards them“ (ebd., S. 73). Als weitere Ausnahme von den bisher beschriebenen Diskursen ist die Medienberichterstattung der französischen auflagenstarken Gratiszeitung „20 Minutes“ in Lille und Nizza zu nennen. Lamour (2019) zeigt, wie dieses Blatt nicht dem rechtspopulistischen Diskurs der Securitization folgt und Geflüchtete/Migrant*innen nicht mit Terror und Grenzforderungen in Zusammenhang bringt. Die Zeitung verzichtet auch – im Gegensatz zu nationalen Mediendiskursen – auf die oben beschriebenen negativen Typisierungen und Repräsentationen von Migrant*innen/Geflüchteten (vgl. ebd., S. 539). Der Autor führt die festgestellten Unterschiede u.a. auf die berufliche Sozialisierung und dem daraus resultierenden Habitus der Journalist*innen sowie der Organisation des Medienhauses zurück (vgl. ebd., S. 543–546). Während sich die in diesem Abschnitt zitierten Studien über Grenzdiskurse ausschließlich dem Sprechen über Geflüchtete/Migrant*innen widmen, gibt es vergleichsweise wenige diskursorientierte Arbeiten, die sich der Perspektive der Geflüchteten/Migrant*innen zuwenden. Dies mag einerseits auf die (medialen bzw. medialisierten) Diskurse selbst zurückzuführen sein, in denen – wie oben dargelegt – häufig Entindividualisierungen und Kollektivierungen zu finden sind. Die Unterrepräsentation individueller Perspektiven von Geflüchteten hängt andererseits möglicherweise auch mit der allgemeinen Eigenschaft von (hegemonialen, dominanten) Diskursen und der Möglichkeit, die eigene Stimme hörbar zu machen bzw. an der Diskursproduktion teilzunehmen, zusammen: „Es ist evident, dass nicht alle sozialen Akteure dieselbe (Macht-)Position im Diskurs innehaben und damit auch unterschiedlich Zugang zu einem konkreten Diskurs und sei- Grenze/n und Diskurs/e 233 nen Produktionsmitteln haben, woraus sich unterschiedliche Möglichkeiten der Teilhabe ergeben“ (Rheindorf 2018, S. 25). Trotz der empirischen Leerstelle (diskursiver Repräsentanz) in medialen Diskursen finden sich vereinzelt (sprach)wissenschaftliche Auseinandersetzungen: Ein Perspektivenwechsel erfolgt häufig in ethnografischen Studien und narrativen Interviews (vgl. Fina 2003a, b; Relaño Pastor 2014)8. Anna de Fina erläutert, wie diskursiv verfügbare Positionen bzw. Wissensbestände in Narrativen integriert werden bzw. wie individuelle Berichte durch Diskurse geprägt sind (vgl. Fina 2003a, b; siehe 3.1). Die mediale Repräsentation von Grenzen beeinflusst die Erzählbarkeit von Grenzerfahrungen: „Crossing the border is a highly tellable experience intertextually constructed through repeated and shared tellings that circulate among the immigrants, and through institutional and public narratives produced by the media“ (ebd., S. 102). Katrina Powell (2012) geht ebenso davon aus, dass individuelle Narrative der Flucht und des Displacements stark von institutionellen, rechtlichen und anderen hegemonialen Diskursen geprägt sind bzw. durch diese sogar unhörbar gemacht werden: „In institutional discourses of displacements, the law supersedes any narrative of individuals who are being displaced. As such, the law rarely takes into account the gendered, classed, and racialized narratives of displacement by individuals“ (ebd., S. 309). Chiara Brambilla schlägt mit ihrem borderscaping approach vor, Grenzkonstruktionen umfassender analytisch zu fassen und diese den einschlägigen hegemonialen Darstellungen entgegenzusetzen: „The borderscaping approach fosters a critical rethinking of the links between processes of in/visibility, power, lived experience, and territoriality. In this way, it helps grasp the complex interactions between hegemonic and counter-hegemonic configurations of Mediterranean borderscapes“ (Scott et al. 2018, S. 177). Weitere Diskurse der Ab- und Ausgrenzung An mehreren Stellen dieses Beitrags wird deutlich, dass Grenzkonstruktionen und -diskurse in einem komplexen Zusammenhang zu anderen gesellschaftlichen Diskursen und diskursiven Prozessen stehen. So zeigt die unter 3.1 zitierte Studie von Wang (2012), wie Diskurse der Differenz weitere Ausschlusserfahrungen im Alltag von Festlandchines*innen in Hongkong produzieren. Grenzdiskurse und die Forderung nach vermehrten Grenzkontrollen im Kontext von Flucht basieren auf der Konstruktion von gefährlichen Fremden (siehe 3.2). Somit tragen diskursive Prozesse der Ab- und Ausgrenzung zur Konstruktion von Grenzen bei, wenngleich diese auf den ersten Blick nicht unmittelbar im Zusammenhang mit (physischen) Grenzen stehen. Die involvierten diskursiven Prozesse beruhen auf den bereits mehrfach erwähnten Identitätsund Alteritätskonstruktionen (Othering). Ahmad Sa'di (2004) beschreibt, wie der historische zionistische Diskurs, der auf einer Wir-Ihr-Dichotomie basiert, noch heute Differenzlinien (racialised boundaries) zwischen Juden/Jüdinnen und Araber*innen/Palästinenser*innen sowie Ungleichheiten auf Basis dieser Grenzziehung in Israel fortschreibt. Joshua Phelps et al. (2011) zeigen, wie im norwegischen öffentlichen Diskurs soziale Grenzziehungen zwischen der Mehrheitsgesellschaft und migrantischen Minderheiten hergestellt werden. Zwar stellen die 3.3 8 In meinem laufenden ÖAW-finanzierten Dissertationsprojekt „Grenz- und Raumrepräsentationen in österreichischen öffentlichen Diskursen über Asyl und in Narrativen von Geflüchteten“ gehe ich sowohl öffentlichen Grenzdiskursen als auch individuellen Darstellungen von Grenzerfahrungen in Interviews nach. Sabine Lehner 234 Autor*innen ebenfalls diskursive Prozesse des Ausschlusses fest, doch kommen sie zu einem komplexeren Ergebnis, da gleichzeitig auch inklusive Strategien zur Anwendung kommen: „Recently emerging symbolic boundaries place a focus on specific origins instead of a general ‚outsiderness‘. […] other symbolic boundaries also seem to be increasingly emerging which construct immigrant minorities as accepted members of the Norwegian multicultural society“ (ebd., S. 204). Ein weiteres Beispiel dafür, wie bestimmte Personengruppen ausgegrenzt werden, sind sprachbezogene Reglementierungen, die in vielen europäischen Ländern zum Einsatz kommen und Migrationsdiskurse prägen. Pierre Monforte et al. zeichnen nach, wie Migrant*innen in Großbritannien dichotomisierende und neoliberale Diskurse der deservingness der Staatsbürgerschaft und Othering-Prozesse reproduzieren: „migrants perform a narrative of distinction according to which access to social status (which is associated with citizenship) is attached to certain forms of linguistic knowledge, cultural capital, and a general ‚savoir faire‘. In doing so, they do not object to the more general processes of exclusion of those who can’t demonstrate the specific forms of social and cultural capital that are required in the course of the naturalization process“ (Monforte et al. 2019, S. 36). Catarina Kinnvall und Paul Nesbitt-Larking (2013) zeigen ebenfalls, wie britische und kanadische Muslim*innen dominante Zuschreibungen und Ausgrenzungs- sowie Security-Diskurse in Interviews aufgreifen, sich diesen gegenüber aber auch distanzieren. Karma Chávez (2010) erläutert anhand der Analyse zweier Positionspapiere von US-Organisationen, die die Rechte von LGBTQ und Migrant*innen propagieren, wie diese Personengruppen heteronormative und zugehörigkeitsbezogene Vorstellungen des Nationalstaats irritieren: „Migrants and queers emerge as the prototypical threats to those borders, in part because they are figured within the national social imaginary as strangers“ (ebd., S. 138). Das Verhältnis zwischen Grenze/n und Diskurs/en erschöpft sich somit nicht nur in der Dimension der diskursiven Konstruktion oder Legitimation von Grenzen, sondern betrifft auch andere diskursive Prozesse, die Ausgrenzungen diverser Akteur*innen bzw. sozialer Gruppen auf diskursiver Ebene produzieren und möglicherweise – wie in Abschnitt 3.2. dargelegt – Grenzpraktiken vorgeschaltet sind (siehe dazu auch Höfler/Klessmann in diesem Band). Zusammenfassung Wie aus den hier zitierten diskursorientierten Studien über Grenzen hervorgeht, handelt es sich um ein heterogenes Forschungsgebiet, das eine Vielzahl an Forschungsinteressen, Untersuchungsgegenständen und Zugängen umfasst. Das Themenrepertoire reicht dabei von der Sichtbarkeit und sprachlichen Konstruktion von Grenzen im öffentlichen Raum, dem Einfluss von Grenzkonstellationen auf Identitätsdiskurse bis zur Legitimation von Grenzen in Mediendiskursen. Dabei steht die diskursive Repräsentation der materiellen Beschaffenheit der Grenze kaum im Fokus der Untersuchungen. Es sind vielmehr die vielfältigen sprachlichen und epistemischen Verflechtungen, die untersucht werden und konstitutiv für Grenzdiskurse zu sein scheinen. Grenzen – sei es nun als unmittelbarer Wohnkontext oder als Erfahrung im Zuge der Flucht – scheinen einschneidende Effekte auf die Biografie von Menschen zu haben. Dominante Diskurse erweisen sich als beeinflussende Faktoren auf die Erfahrung, Bedeutung, Erinnerung und Erzählung von Grenzen. Allerdings können sich durchaus Diskrepanzen und gegenläufige 4 Grenze/n und Diskurs/e 235 Ideologien und Grenzkonzepte innerhalb von Diskursen abzeichnen. Dies wiederum wirft die Fragen auf, welches Wissen und welche Perspektiven in der Diskursproduktion berücksichtigt und welche ausgeblendet werden. Konstruktionen nationaler Identitäten stehen in einem engen Verhältnis zu Grenzdiskursen und basieren häufig auf Wir/Ihr-Unterscheidungen und Othering-Prozessen (siehe 3.1). Grenzdiskurse sind eng mit Themen der Sicherheit und vorgestellten Bedrohungen verknüpft. Ebendiese Mechanismen scheinen besonders in konfliktgeladenen bzw. als unsicher wahrgenommenen Grenzsituationen und/oder bei unerwünschter Immigration virulent zu werden. Die Ergebnisse rezenter diskursanalytischer Studien legen dabei ein etabliertes Muster nahe, das auf der negativen Attribuierung von Fremden (Geflüchteten, Migrant*innen) basiert und somit eine Legitimierung restriktiver Grenzmaßnahmen ermöglicht (siehe 3.2). Zwar berufen sich diskursorientierte Studien häufig auf einen ähnlichen interdisziplinär verorteten Wissensstand und vereinzelt gibt es einschlägige Sammelbände und Publikationen, doch scheint sich noch keine eigenständige diskursanalytische Grenzforschung etabliert zu haben. Angesichts der Komplexität und Vielgestaltigkeit des (empirischen) Forschungsgegenstands (vgl. Gerst et al. 2018) einerseits sowie der heterogenen Forschungszugänge andererseits scheint eine disziplinär abgeschlossene diskursorientierte/-analytische Grenzforschung nicht wahrscheinlich bzw. notwendig. Dieser Beitrag hat versucht, einen Überblick über das heterogene Feld und die bestehende Expertise (sprachwissenschaftlich-)diskursanalytischer Studien zu geben und vorhandenes Wissen zu bündeln. Die zitierten exemplarischen Studien verdeutlichen, dass die von anderen Disziplinen hervorgehobene vermehrte Berücksichtigung von Diskursen in der Konstruktion von Grenzen mit den Methoden diskursorientierter Forschung abgedeckt werden kann und sich zahlreiche Anschlussmöglichkeiten für die interdisziplinäre diskursbezogene Grenzforschung anbieten. Weiterführende Literatur Fina, Anna de (2003): Crossing Borders: Time, Space, and Disorientation in Narrative. 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Dieser Beitrag unternimmt eine Einordnung dieses Begriffs zwischen den Forschungssträngen der Kolonial- und Nationalstaatsgeschichte, der politischen Theorie des Ausnahmezustands und neueren Ansätzen der Politischen Ökologie, die Transformation und Territorialisierung im Zusammenhang mit großflächigen Landnahmen für Bergbau-, Infrastruktur-, Landwirtschafts- und Naturschutzprojekte thematisieren. Es erfolgt eine Positionierung zum Begriff der Grenze. Schlagwörter Frontier, Ausnahmezustand, Territorialisierung, Gewalt, Eigentumsrechte Einleitung: Die Renaissance der Frontier Die Frontier nimmt eine besondere Rolle in der Trias der Grenzforschung neben den Begriffen Border und Boundary ein (Wilson/Donnan 2012). Aufgrund ihrer Indifferenz, Flüchtigkeit und Vagheit steht sie im offensichtlichen Widerstreit zu den statischen Attributen, die mit einer territorialen Grenze verbunden werden. Obgleich der Begriff einen starken kolonialen Bezug aufweist, wird der Begriff Frontier wieder zunehmend salonfähig – sowohl in der wissenschaftlichen Forschung als auch in der Politik, in der Technikforschung wie in der Raumplanung (Luning 2018; Rasmussen/Lund 2018). Eine Ursache für dieses Revival scheint zu sein, dass die Welt derzeit eine neue Welle großer Infrastrukturprojekte erlebt. So sind Frontiers maßgeblich mit sozioökonomischen Prozessen groß angelegter Landaneignung verbunden. Zu nennen sind groß angelegte Landaufkäufe (Land Grabbing), die rasante Zunahme von Bergbauund Megadammprojekten oder die Schaffung von transkontinentalen Transportkorridoren (z.B. Lamu Port South Sudan Ethiopia Transport Korridor [LAPSSET] in Ostafrika; Chinas One Belt, One Road-Initiative). Über solche Großprojekte soll die Konsumnachfrage einer rasant wachsenden Weltbevölkerung befriedigt werden. Daher legitimieren Großinvestoren und Regierungen diese in der Regel mit dem Argument, dass es sich um wirtschaftliche Ressourcen handelt, die brach liegen, frei verfügbar sind und nur auf eine wirtschaftliche Inwertsetzung warten. Interessanterweise tendieren betroffene Regierungen und Investoren dazu, solche Großprojekte in ihren Statements und Broschüren als neue Frontiers zu propagieren. Die Wortführer der Africa Rising-Debatte identifizierten zum Beispiel Frontier Markets in der Landwirtschaft und im Finanzsektor Afrikas (vgl. Thurow 2010; S&P Global Inc. 2018). Jüngst erklärte die kenianische Regierung stolz über den geplanten LAPSSET-Korridor zur Erschließung ihrer nördlichen Landesteile: „The project will open up the pastoral regions particularly in the north of Kenya that will now be the next growth frontier for the entire economy as they will have made 1. 240 tremendous strides towards facilitating socio-economic development with the completion of these key infrastructure projects.“1 Dieses Zitat unterstreicht, dass Regierungen und Investoren den Begriff Frontier positiv sehen und ihn vor allem verwenden, um die monumentale historische Dimension ihrer Investitionsvorhaben hervorzuheben. Denn indem sie auf die Frontier Bezug nehmen, drängt sich – gewollt oder nicht – ein Vergleich ihrer Projekte mit der historischen nordamerikanischen Frontier auf, die damit – wie wir argumentieren – positiv verklärt wird. So lautet das Narrativ, dass die Unterwerfung des Wilden Westens in der Mitte des 19. Jahrhunderts Ausgangspunkt für den globalen Aufstieg der Wirtschaft der Vereinigten Staaten von Amerika war sowie zur Geburtsstunde der Entstehung der US-amerikanischen nationalen Identität avancierte (vgl. Turner 1893). Mit dem Verweis auf die Frontier unterstreichen Regierungen und Investoren daher, dass sie sich von einem Projekt nicht weniger als einen sozioökonomischen Quantensprung erhoffen. Vor dem Hintergrund dieser Renaissance, die die Frontier gegenwärtig erlebt, wollen wir in diesem Beitrag in einem ersten Schritt auf die Entstehungsgeschichte der Frontier und die damit verbundene problematische Verwendung des Begriffs in der wissenschaftlichen Forschung eingehen. In einem zweiten Schritt soll dann die Bedeutung der Frontier in der Grenzforschung erörtert werden. Schließlich soll – in bewusster Abgrenzung zu einem normativ aufgeladenen Verständnis der Frontier – dargelegt werden, wie sich der Terminus als wissenschaftlicher Analysebegriff verwenden lässt. In diesem Zusammenhang sollen die gegenwärtig dominierenden konzeptionellen Ansätze der Frontier-Forschung vorgestellt und miteinander in Diskussion gesetzt werden. Abschließend soll dargelegt werden, was die Forschungsdesiderate der Frontier-Forschung sind. Die historische Frontier Die Frontier ist durch die Vorstellung gekennzeichnet, dass sich ein geordneter, kulturell überlegener Raum kontinuierlich und progressiv in einen Raum hineinschiebt, der als leer, herrenlos und gestaltbar angesehen wird (siehe auch Schmieder in diesem Band). Zudem ist der Begriff der Frontier immanent mit unterschiedlichen Formen gewaltsamer Aneignungen oder räumlicher Ausdehnung sozioökonomischer Praktiken wie z.B. Ackerbau (vgl. Ehlers 2004) verbunden. Die Chinesische Mauer stellt zusammen mit dem Limes, der einst die Barbaren vom Römischen Reich fernhalten sollte, vielleicht das älteste Monument einer Frontier dar. Jedoch ist solch eine lineare Befestigungsanlage nur eine materielle Teilrepräsentation einer räumlich weit gefassteren Frontier, in der der Übergang zwischen einem organisierten Herrschaftsgebiet und dem Unbekannten, in das die Frontier überleitete, fließend und dynamisch war und eher einer räumlich undefinierten Zone entsprach (vgl. Pijl 2007). Der Frontier-Begriff ist zudem offensiv und progressiv ausgerichtet: Ihm ist die Idee einer fortschreitenden Bewegung vom Bekannten ins Unbekannte, ins Leere eingeschrieben, die als unumkehrbar betrachtet wird (vgl. Korf et al. 2013). Zudem dient die Frontier – gerade aufgrund ihrer Charakterisierung als Übergang in eine terra incognita – als Projektionsfläche für imaginäre Vorstellungen, die von einer besonderen Wildheit, exotischen Vorstellungen bis hin zu unschätzbarem Reichtum reichen (vgl. Tsing 2003, S. 5100). Daher sind es gerade koloniale Eroberungen wie etwa an den Rändern Britisch-Indiens oder in Subsahara-Afrika, in denen 2. 1 Siehe www.deputypresident.go.ke/index.php/lapset-projects (12.10.2018). Frontier – ein Gegenbegriff zur Grenze? 241 der Begriff Frontier vielfach Verwendung fand. Vorstellungen über eine Frontier wie auch die Materialisierungen (Befestigung, Besiedlung etc.), die an dieser wirksam werden, finden sich daher über Zeitalter und Kontinente hinweg bei sämtlichen kolonialen bzw. imperialen Formen der Landnahme: ob bei den Ottonen in den Marken des 10. Jahrhunderts (vgl. Althoff 2012), bei den Chinesen an den Inner Asian Frontiers (vgl. Lattimore 1940) oder bei den kolonialen Expansionen europäischer Mächte seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert (vgl. Osterhammel 2009; Reinhard 2016). Zuweilen wird der Begriff Frontier historische Epochen übergreifend für staatliche Grenzen verwendet (vgl. Anderson 1996). Damit wird jedoch die historische Entwicklung von antiken Reichen über koloniale Eroberungen zu Nationalstaaten analytisch verwischt. So wird in der gegenwärtigen Forschung die Frontier vielmehr als eine gesellschaftliche und kulturelle denn als eine staatliche Grenze verstanden, als eine „contact zone“ zwischen unterschiedlichen Gesellschaftsformen (Pratt 1992, S. 6f.). Eine rein analytische Verwendung des Frontier-Begriffs ist zudem problematisch, da eine normative Aufladung kaum zu vermeiden ist. Die wohl nüchternste Konzeptionalisierung des Frontier-Begriffs findet sich bei Kopytoff (1989), der am Beispiel der Entstehung von Herrschaftsgebilden im präkolonialen Ostafrika einen funktionalen Ansatz der Frontier entwickelte. So verortet Igor Kopytoff die Frontier in der Peripherie, die zwischen zwei oder mehreren Herrschaftszentren liegt. Das Argument lautet, dass an der Peripherie neue Reiche entstehen können, da die herrschaftliche Durchdringung hier am geringsten ist. Dieses Verständnis von Frontier bezieht sich allerdings speziell auf Prozesse der Herausbildung politischer Entitäten im vorkolonialen Afrika. Es steht zudem im Kontrast zum Gros der kolonialen Frontiers, in denen Kolonialreiche sukzessiv periphere Räume unter herrschaftliche Kontrolle brachten und sich einverleibten. Zudem sieht Kopytoff in der Frontier allein die räumliche Funktion politischer Herrschaftsverschiebung, thematisiert aber nicht die imaginierende Kraft der Frontier als einen Ort, in den übersteigerte Erwartungen und Vorstellungen hineininterpretiert werden. Ganz anders Frederick Jackson Turner, der Ende des 19. Jahrhunderts den Begriff in die Wissenschaft einführte und die Frontier zum nationalen Monument der US-amerikanischen Identitätsbildung erhöhte. 1893 veröffentlichte Turner sein berühmtes Essay „The Significance of the Frontier in American History“, in dem er den American Exceptionalism im Unterschied zu den europäischen Nationalwerdungsprozessen aus dem kontinuierlichen Kampf der amerikanischen Zivilisation gegen die Wildnis an der Frontier herleitete. Turner erklärt die Entstehung der einzigartigen amerikanischen nationalen Identität mit der territorialen Landnahme des Wilden Westens. Er zeichnet ein patriotisches Bild von der Frontier als dem Ort, an dem das Fundament der US-amerikanischen Einzigartigkeit gelegt wurde; denn der dauerhafte Kampf an der Frontier habe den US-Amerikanern Möglichkeiten der Identitätsbildung verschafft, die etwa die Zwänge und historischen Pfadabhängigkeiten europäischer Gesellschaften nicht zuließen. Nach Turner wurden so zentrale Merkmale der US-amerikanischen Identität an der Frontier geboren, die bis heute im US-amerikanischen Bewusstsein fortwirken: etwa der Glaube an eine selbstbestimmte Freiheit (die Farm), an wirtschaftliche Erfolge aus eigenem Antrieb (vom Tellerwäscher zum Millionär) oder an Maskulinität (a man’s world; Waffenkultur). Die historische und sozialwissenschaftliche Forschung problematisiert Turners Verklärung der Frontier (vgl. Limerick 1987; Geiger 2008). Die grundlegende Kritik lautet, dass Turner wohl eher Architekt einer nationalen Identitätskonstruktion als ein gewissenhaft arbeitender Wissenschaftler gewesen sei (vgl. Slotkin 1998). Denn bei genauerem Hinsehen entpuppen sich die einzigartigen amerikanischen Eigenschaften, die an der Frontier entstanden sein sollen, als Conrad Schetter und Marie Müller-Koné 242 vielschichtig, widersprüchlich und gar nicht so einmalig. Zudem kritisierten die Sozialwissenschaften die zivilisatorische Ignoranz von Turner, da dieser die Betroffenheit der indigenen Bevölkerung völlig ausblendete, indem er sie als Wilde der Zivilisation gegenüberstellte. Den moralischen Widerspruch zwischen der angeblichen Überlegenheit der Zivilisation der Kolonialisten und der gewaltsamen, wenn nicht gar barbarischen Ausrottung der indigenen Bevölkerung ignorierte Turner ebenfalls geflissentlich (vgl. Geiger 2008). Aufgrund dieser höchst problematischen nationalen Ummantelung des Frontier-Begriffs, wie ihn Turner entwarf, war der Begriff jahrzehntelang in der Wissenschaft diskreditiert (vgl. Limerick 1987). So warnte Luning (2018, S. 282) noch jüngst, dass die Wissenschaft den Terminus nur sehr vorsichtig und zurückhaltend verwenden sollte, da dessen Gebrauch mit der Legitimierung gewisser neokolonialer Praktiken und der Reproduktion bestimmter Bilder über eine ungezähmte „Wildnis“ einherginge, die durch das Fortschreiten der Frontier beseitigt werden soll. Denn der Begriff Frontier beinhalte eine einseitige, kolonisierende Perspektive. So sind es vor allem diejenigen, die den Begriff im Munde führen, die die Grundkonstellation anerkennen, dass es sich bei der Frontier um eine Grenzverschiebung in einen unbekannten, leeren Raum handele. Trotz solcher mahnenden Worte erlebte gerade in den Sozialwissenschaften die Forschung zur Frontier und damit auch die Verwendung des Begriffes in den letzten zwei Jahrzehnten eine Renaissance. Allerdings wird der Begriff der Frontier in der Regel mit einer kritischen Distanz verwendet (vgl. Geiger 2008; Korf/Raeymakers 2013). Ein gemeinsamer Nenner dieser Forschung ist, dass der Begriff Frontier verwendet wird, um zu zeigen, dass massive Veränderungen in der Ressourcennutzung bei gleichzeitig aggressiver externer Einflussnahme stattfinden. So entstand der Großteil der jüngeren Frontier-Forschung im Feld der sozioökologischen Transformationsforschung (vgl. Tsing 2003; 2005; Geiger 2008; Rasmussen/Lund 2018; Watts 2018), die sich mit Veränderungen großräumiger Landnutzungspraktiken beschäftigt. Der Begriff Frontier wird vor allem verwendet, um zu unterstreichen, dass eine Transformation des Ressourcenzugangs und der Ressourcennutzung (z.B. Land) mit der Einführung neuer Eigentumsrechte und neuer Zugangsregeln einhergeht. Darüber hinaus verknüpfen einige Autoren (vgl. u.a. Korf/Schetter 2012; Korf/Raeymaekers 2013) den Begriff Frontier mit postkolonialen Ansätzen und betonen die Zivilisierungsmission, die implizit mit der Entstehung von Frontiers einhergeht. Anders als in den Sozialwissenschaften verhält es sich im Übrigen mit der (metaphorischen) Verwendung des Frontier-Begriffs in anderen wissenschaftlichen Disziplinen wie den Naturwissenschaften, den Ingenieurwissenschaften oder der Medizin, wo Vorträge, Konferenzen oder Forschungsbeiträge gerne mit frontier betitelt werden: Frontier Science, Frontier Software, Frontier Medical Group usw. Hier wird der Begriff funktional verwendet, um auf die Frontier der Forschung hinzuweisen, also auf die Grauzone, die gesichertes Wissen von Nichtwissen scheidet, oder auf Innovationen, mit denen Neuland betreten wird (u.a. Frontier Technologies). In der Regel verweisen Naturwissenschaftler und Mediziner jedoch nicht auf die historische Problematik des Begriffs und die damit einhergehenden ethischen Bedenken. Frontier und Grenzforschung Die Frontier stellt eine Sonderform der Grenze dar. Auf der einen Seite kann argumentiert werden, dass es sich bei der Frontier um eine Subkategorie der Grenze handelt, da sie auch eine sozioräumliche Trennungsfunktion erfüllt. Auf der anderen Seite steht die Frontier in 3. Frontier – ein Gegenbegriff zur Grenze? 243 einigen ihrer zentralen Charakteristika im Widerspruch zur Definition der Grenze (vgl. Wilson/Donnan 1998). Im angelsächsischen oder romanischen Sprachgebrauch ist die begriffliche Ausdifferenziertheit des Grenzbegriffs weit höher als im Germanischen. So wird heutzutage im Deutschen der Begriff Frontier mit dem der Grenze oder etwas genauer mit Grenzraum oder Grenzgebiet übersetzt. Bei dieser Übersetzung geht allerdings die historische und begriffliche Konnotation, die dem Begriff der Frontier inhärent ist und auf die wir bereits hingewiesen haben, verloren. Die Etymologien der Begriffe Grenze und Frontier weisen ebenfalls auf unterschiedliche Bedeutungszusammenhänge hin: Das lateinische Wort frons, von dem sich die Frontier ableitet, bezeichnet etwas, was sich aus der Perspektive eines Subjektes räumlich genau vor diesem befindet. Der Begriff der Grenze ist dagegen ein Lehnwort aus dem Altpolnischen (granica) und bezieht sich auf die räumliche Trennung. Ähnlich gelagert sind der altdeutsche Begriff Mark (Gemarkung) und das fränkische Wort Bord, das sich auf die beiden Seiten eines Schiffes oder den Rand von Textilien bezieht. Im Unterschied zu frons wird bei den letztgenannten Begriffen eine Vogelperspektive eingenommen, aus der von oben ohne eigene körperliche Bezugnahme auf das Objekt und dessen Trennlinien geblickt wird (vgl. Wendl/Rösler 1999, S. 3). Die Forschung zur Frontier fügt sich gut in die gegenwärtige Grenzforschung ein, die sich anschickt, das statische Verständnis von Grenzen aufzubrechen. So untersucht die Grenzforschung grenzübergreifende Interaktionen auf unterschiedlichen Ebenen (Paasi 1996; Gerst et al. 2018) und thematisiert die Zeitlichkeit, Durchlässigkeit und Liminalität von Grenzen (Schiffauer et al. 2018). Jedoch unterscheidet sich die Frontier in ihren Eigenschaften von der Grenze wie von dem Begriff der borderlands, ja steht im Widerspruch zu ihr und negiert ihre zentralen Charakteristika. Denn im Unterschied zu borderlands befindet sich die Frontier in einer kontinuierlichen und progressiven Verschiebung von dem Bekannten ins Unbekannte. So stellt die Frontier eine epistemologische Grenzfigur der Grenzforschung dar, da auf der einen Seite die Frontier aufgrund ihrer abgrenzenden Funktion unter die Kategorie Grenze subsumiert werden kann. Auf der anderen Seite verneint die Frontier alles das, was eine Grenze definiert. Dabei ist die Frontier weder räumlich noch zeitlich fixierbar, ja, die Frontier ist dadurch gekennzeichnet, dass ihr eine ständige Bewegung und Verschiebung inhärent ist: Dort, wo gestern die Frontier war, darf sie morgen gar nicht mehr sein. Daher sprechen wir im Titel dieses Beitrages von der Frontier auch als einem Gegenbegriff. Im Gegensatz zur Grenze sind Frontiers unbestimmte Räume, die sich einer geodätischen Markierung geradezu entziehen (vgl. Palan 2000). Entscheidend für die Definition einer Frontier im Gegensatz zur Grenze ist ihr liquider Charakter, der eine Bestimmung, wo die Frontier beginnt und wo sie endet, nicht zulässt. Aus diesem Grund werden Frontiers recht vage als „zones of interpenetration“ (Thompson/Lamar 1981, S. 7) oder „friction“ (Tsing 2005) zwischen zwei oder mehreren unterschiedlichen gesellschaftlichen Ordnungen verstanden (vgl. Hughes 2006). Das Verständnis der Frontier als einer zone of interpenetration ist dem Begriff der Grenzregion (borderland) am nächsten, der den Übergang und die Verflechtungen zwischen zwei oder mehreren sozialen/politischen Ordnungen über eine Grenze hinweg benennt (Baud/Schendel 1997; Weier et al. 2018; vgl. auch Klatt in diesem Band). Allerdings übersieht eine Definition der Frontier als Zone gegenseitiger kultureller Durchdringung und Begegnung die Machtungleichgewichte, die mit der Expansion einer politischen oder sozialen Ordnung einhergehen, welche Frontier-Konstellationen charakterisiert (vgl. Schmink/Wood 1992; Little 2001). Diese Macht- Conrad Schetter und Marie Müller-Koné 244 ungleichgewichte unterscheidet die Frontier von Grenzregionen, in denen Machtverhältnisse unbestimmt sind. Die nach außen gerichtete, expansive Orientierung der Frontier ist ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal von der nach innen gerichteten Orientierung der Grenze. Der progressive Charakter der Frontier im Unterschied zur Grenze bringt Kristof auf den Punkt: „[A] frontier is outer-oriented. Its main attention is directed toward the outlying areas which are both a source of danger and a coveted prize […] The boundary, on the contrary, is inner-oriented. It is created and maintained by the will of the central government. It has no life of its own” (Kristof 1959, S. 126–128). Aspekte der Frontier-Forschung Die jüngste Renaissance des Begriffs Frontier in den Sozialwissenschaften erfolgte durch Studien über groß angelegte Landnutzungsänderung in Südamerika, Afrika und Südostasien. Während die Frontier-Forschung im Amazonasbecken bis in die 1990er-Jahren zurückreicht (vgl. Schmink/Wood 1992), erfährt sie heute im Rahmen postnationaler Grenzziehungen im gesamten globalen Süden eine Wiederbelebung (vgl. Larsen 2015). Zentrale Themen der Frontier-Forschung sind die Ausweitung von Cash Cropping und Bergbau durch Großunternehmen wie durch Kleinbauern bzw. Kleinschürfer in peripheren Regionen Asiens und Afrikas (vgl. Clarence-Smith/Ruf 1996; Tsing 2003; Rösler 2004; Barney 2009; Werthmann/Grätz 2012; Li 2014; Watts 2018). Zudem wird die Entstehung von Nationalparks (vgl. Hughes 2006; Büscher 2013) sowie die Durchsetzung staatlicher Kontrolle in Grenzregionen (vgl. Le Meur 2006; Korf et al. 2013; Schetter 2013) immer wieder unter der Frontier-Perspektive erforscht. Im Folgenden wollen wir drei zentrale Forschungsstränge der Debatte darstellen: erstens die dominierende Diskussion der Frontier im Lichte der Einführung von Eigentumsrechten, wie sie in der Politischen Ökologie verfolgt wird; zweitens die politikwissenschaftliche Debatte über die Frontier als einen Raum im Ausnahmezustand; drittens die in der Gewaltforschung thematisierte Bedeutung der Frontier als Ort der Gewalt und Konfliktaustragung. Abrunden wollen wir diesen Überblick mit einer Betrachtung der Typisierung von Frontiers. Frontier und Eigentumsrechte Im Mittelpunkt des Gros der gegenwärtigen Forschung zu Frontiers steht die faktische Einführung von gesetzlich geschützten Eigentumsrechten, die mit der Kommerzialisierung von Ressourcen wie Land, Wasser, Holz, Mineralien, Metallen etc. einhergehen (vgl. Rasmussen/Lund 2018). In der Regel entsteht daher eine Frontier in einer Region, in der private Eigentumsrechte und damit direkte rechtliche Verhältnisse zwischen dem einzelnen Bürger und dem Staat nicht vorhanden sind oder nur über kollektive Gemeinrechte geregelt sind. Materielle Ressourcen sind entweder im Besitz von Gemeinden oder des Staates (zumindest nominal) oder zwischen diesen umstritten bzw. gar nicht festgelegt. Verschiedene staatliche und nicht-staatliche Autoritäten beanspruchen für sich, über Eigentumsrechte zu verfügen (vgl. Hall 2013, S. 17). Anders als viele Frontiers, die im 19. Jahrhundert oder gar in präkolonialer Zeit entstanden sind (u.a. an den Rändern Britisch-Indiens, in Zentralafrika, in Nordamerika), liegen die Re- 4. 4.1 Frontier – ein Gegenbegriff zur Grenze? 245 gionen, deren Erschließung heute unter der Frontier-Perspektive betrachtet werden, innerhalb anerkannter nationalstaatlicher Territorien und unterliegen damit zumindest nominal den vom Nationalstaat erlassenen gesetzlichen Eigentumsrechten. Die Einführung von Landtiteln stellt das zentrale Instrument dar, das in einer Frontier wirksam wird. Allerdings fehlen dem Staat in der Regel die Kapazitäten für eine administrative Durchdringung sowie Mittel der physischen Kontrolle (v.a. Polizei), um in einer Frontier-Region die Eigentumsrechte durchzusetzen (vgl. Hall 2013, S. 52). Über das Verständnis der Frontier als das Moment der Durchsetzung privater Eigentumsrechte schließt die Frontier-Forschung an die Forschung zu Territorialisierung an (vgl. Little 2001; Elden 2013; Hall 2013). So hebt die Politische Ökologie hervor, dass an der Frontier eine Territorialisierung, also die Kontrolle über einen geodätisch exakt bestimmten Raum, durchgesetzt wird, um materielle Ressourcen auszubeuten (vgl. Little 2001; Watts 2018). Jedoch ist es weit weniger der physisch-räumliche Bezug per se, der die Frontier charakterisiert, als eher die Durchsetzung einer neuen politischen Ordnung und mit dieser verbundenen Autoritätsverhältnisse (vgl. Rasmussen/Lund 2018, S. 388). Aufgrund der starken Bedeutung, die die Privatisierung von Land durch Eigentumstitel in der Frontier einnimmt, entdeckte die marxistische Forschung die Frontier jüngst als zentrales Moment in der Aufrechterhaltung der kapitalistischen Ordnung (vgl. Moore 2011). An Beispielen im Amazonas zeige sich, dass überschüssiges, bisher ungenutztes Kapital und Arbeitskräfte durch gezieltes „geographical displacement“ (vgl. Schmink/Wood 1992, S. 11) in die Frontier in Wert gesetzt werden können. Anhand von Beispielen in Südostasien argumentiert dagegen Tanja Li (2014), dass die Frontier weite Teile der ländlichen Bevölkerung zu surplus population macht, die eigenen Landzugang verliert und gleichzeitig für die kapitalistische Inwertsetzung als nutzlos angesehen wird. Jason Moore (2011) argumentiert, dass der globale Kapitalismus ständig neue Frontiers der Akkumulation und Enteignung aufspüren und in Wert setzen muss, um sich selbst zu erhalten, was David Harvey den „spatial fix“ nennt (Harvey 2001, S. 24). Mattias B. Rasmussen und Christian Lund (2018) gehen daher von einer Dialektik von Frontier und Territorialisierung aus: Die Frontier stellt den Moment der Zerstörung einer bestehenden Ordnung dar, während mit dem Prozess der Territorialisierung die Etablierung einer neuen Ordnung forciert wird. Die Erschließung einer Frontier und die Setzung territorialer Grenzen befinden sich in einem zyklischen Wechselspiel (vgl. Elden 2013). Frontier – Räume im Ausnahmezustand Neben dem kapitalistischen Gewinnstreben spielt auch der Staat mit seinem Anspruch, sein Gewaltmonopol durchzusetzen, in Frontier-Konstellationen eine zentrale Rolle. Anders als nationalstaatliche Grenzen, die aufgrund ihrer symbolischen und sicherheitspolitischen Bedeutung einer starken Kontrolle des Staates unterliegen (vgl. Baud/Schendel 1998; siehe auch Herrmann/Vasilache in diesem Band), stellt die Frontier einen Raum dar, der sich in einem politischen Schwebezustand befindet. John Markoff (2006, S. 78) stellt etwa fest, dass Frontiers Orte sind, „where authority – neither secure nor non-existent – is open to challenge and where polarities of order and chaos assume many guises“. Paul Little (2001, S. 8) beschreibt die Frontier als „a highly unstructured field of power […] where the rules of interaction 4.2 Conrad Schetter und Marie Müller-Koné 246 are not clearly established“. So betont die Forschung, dass in Frontiers weder eine staatliche Ordnung – außer auf dem Papier – etabliert ist noch Anarchie vorherrscht. Die politische Ordnung in der Frontier kann daher als Ausdruck des staatlichen Unvermögens bzw. der Ohnmacht interpretiert werden, das Gewaltmonopol und seine administrative Durchdringung zur Geltung zu bringen. In diesem Fall würde der Staat seinem Selbstverständnis als Souverän nicht gerecht werden. Wenngleich dies sicherlich auf einige Fälle zutrifft, ist das Konzept des Ausnahmezustands hilfreich, um das staatliche Handeln zu erklären (vgl. Korf/Schetter 2012). Wie von Carl Schmitt (1932/2002) ausgeführt und von Giorgio Agamben (2004) prominent diskutiert, sollte der Zustand der Ausnahme nicht mit Kontrollverlust gleichgesetzt werden. Im Gegenteil, nach dem berühmten Diktum von Carl Schmitt, „souverän ist der, der über den Ausnahmezustand entscheidet“ (Schmitt 1922/2004, S. 1), ergibt sich die Souveränität daraus, dass der Souverän gleichzeitig innerhalb und außerhalb der rechtssetzenden Ordnung agiert – letztlich also selbst über ihr steht und über die Geltung der Ordnung entscheidet. Souverän sind in unserem Fall daher diejenigen, die bestimmen können, wann und wo eine Frontier als Raum im Ausnahmezustand deklariert wird und in welchem Umfang staatliche Regeln dort befolgt werden müssen. Damit wird die Frontier für den Staat zu einem Möglichkeitsraum, in dem er bewusst auf seine eigenen Prinzipien verzichten kann. Gerade in Nachfolgestaaten des British Empire finden sich bis heute noch einige Frontier-Beispiele perpetuierter Ausnahmezustände, in denen der Staat als Souverän bewusst den Spielraum ausfüllt, diese Regionen anders zu behandeln als den Rest seines Nationalterritoriums: So sind in der pakistanischen Federally Administrated Tribal Areas (FATA) die Frontier Crimes Regulations in Kraft, die der Bevölkerung der FATA zentrale Bürgerrechte vorenthalten und staatlicher Willkür aussetzen (vgl. Hall 2013; Schetter 2013). Ähnlich ist auch in den nordostindischen Bundestaaten der Seven Sisters bis heute noch der Armed Forces Special Powers Act (AFSPA) von 1958 in Kraft (vgl. Kikon 2009). In beiden Fällen handelt es sich um geopolitisch sensible Grenzregionen, in denen über rechtliche Sonderregelungen permanente Frontiers entstehen, in denen Bürgerrechte nur eingeschränkt gelten und der Staat Gewalt ohne (oder mit eingeschränkter) Rechenschaftspflicht anwenden darf. Auch für Räume, die für eine wirtschaftliche Erschließung vorgesehen sind, mag die Deklarierung eines Ausnahmezustands – etwa durch die Frontier-Metapher – Sinn ergeben, denn an der Frontier, in der nur die Rechte gelten, die einer Kapitalisierung materieller Ressourcen dienen, ist die Gewinnmarge weit höher als in hoch verrechtlichten Verhältnissen, die auch übergeordnete Ziele (z.B. Umweltschutz, Arbeitsschutz, Minderheitenschutz) verfolgen (vgl. Tsing 2003, S. 5100). Vor diesem Hintergrund ist es gerade der Ausnahmezustand, der eine spezifische Gruppe von Akteuren – in der Regel Männer – anzieht, die als Frontiermen bezeichnet werden können (vgl. Turner 1893). In Erwartung hoher Gewinne bei gleichzeitig hoher Risikobereitschaft sind es daher v.a. Spekulanten, Abenteurer und Pioniere, die in Frontiers eindringen. Konflikte, Anerkennung und Gewalt Die Frontier ist zweifelsohne ein Ort, der durch Konflikte und Gewalt geprägt ist. Die marxistische Forschungsliteratur neigt dazu, den Zugang zu und die Kontrolle von materiellen Ressourcen zur Erklärung von Konflikten heranzuführen (vgl. Schmink/Wood 1992; Rösler 2004). Das Konzept der contested frontier erklärt die konflikthafte Konstellation von Frontiers 4.3 Frontier – ein Gegenbegriff zur Grenze? 247 mit dem Machtungleichgewicht zwischen verschiedenen sozialen Gruppen, die um die Kontrolle umkämpfter Ressourcen (u.a. Land, Mineralien, Holz) konkurrieren. So ist es vor allem eine Frage des Zugangs und der Kontrolle von Ressourcen, die zu Gewaltkonflikten führt. Marianne Schmink und Charles H. Wood (1992) unterscheiden kompetitive Konflikte von solchen, die auf Widerstand basieren: Kompetitive Konflikte entstehen zwischen Mitgliedern des gleichen sozialen Segments, während gewaltsamer Widerstand dann aufkommt, wenn die Mitglieder einer sozioökonomischen unterdrückten Gruppe sich dagegen auflehnen, dass die dominierende Gruppe Zugang und Nutzung zu Ressourcen diktiert (vgl. Schmink/Wood 1992, S. 19). Solche Versuche, Gewalt an der Frontier zu erklären, sind hilfreich, indem sie unsere Aufmerksamkeit auf die strukturellen Machtungleichgewichte lenken, die den Frontier-Begegnungen verschiedener Gesellschaftsordnungen innewohnen. Jedoch erfährt die marxistische Fixierung auf materielle Ressourcen auch Kritik. Eine weitreichendere Argumentation erkennt in der Frontier-Konstellation einen viel tieferen Einschnitt in die sozioökonomischen Beziehungen als allein die Frage von Zugang und Kontrolle von Ressourcen, geht es doch auch um die Frage von Ignoranz und Anerkennung. Lund (vgl. 2011, S. 888) argumentiert etwa, dass Eigentum erst durch einen Prozess der gesellschaftlichen Anerkennung einen Wert gewinnt. So ist eine Frontier dadurch gekennzeichnet, dass nur selektiv eine politische Anerkennung der Bevölkerung erfolgt. Oftmals missachten staatliche oder andere externe Akteure die Rechte und die Kultur der autochthonen Bevölkerung, da sie davon ausgehen, dass Letztere kaum Kenntnisse über ihre Rechte haben und schon gar nicht über die Möglichkeit verfügen, diese einzufordern. Insbesondere die Behauptung, dass sich bestimmte Landflächen in staatlichem Eigentum befinden oder dass traditionell hergebrachte Zugangs- und Nutzungsrechte nicht gültig sind, ignoriert nichtstaatlich verfasste Regeln und Normen der autochthonen Bevölkerung. Wenn Land als kommunales Eigentum ausgewiesen ist, erfolgt zudem oftmals eine Kooptierung der Eliten, wodurch die Eigentumsrechte der anderen Gemeinschaftsmitglieder ignoriert werden. Daher erfolgt in einer Frontier oftmals die Einbeziehung gewisser Eliten und Gruppen auf Kosten anderer (vgl. Beckert 2016, S. 22). Insbesondere die dichotome Kluft zwischen angenommener Zivilisation einerseits und angenommener Barbarei andererseits, also zwischen geordnetem Gebiet (durch Eigentumsrecht, Rechtsstaatlichkeit usw.) und ‚Wildnis‘ bestimmen die Diskurse um die Frontier (vgl. Li 2014, S. 12). Cronon (1996, S. 16) kommt sogar zu dem Schluss, dass Frontiers nur existieren, wenn sie in Bezug zu einer angenommenen Zivilisation gesetzt werden. So ähneln auch heute noch die Konstellationen entlang einer Frontier einer „zivilisatorischen Mission“ (Korf et al. 2013, S. 31), in der die bestehende Kultur als minderwertig und überkommen gesehen wird. Daher kommt es nicht von ungefähr, dass Frontiers Sezessions- und Autonomiebewegungen hervorrufen. Oftmals setzt der Staat gezielt eine Frontier-Politik (v.a. Siedlungspolitik) ein, um die bestehende Kultur aufzuweichen, zu nivellieren oder gar zu zerstören (u.a. die chinesische Politik in Tibet und Xinjiang; vgl. Haklai/Loizides 2015). Typisierung der Frontier Danilo Geiger hat den Begriff der Frontier auf heutige Projekte sozioökonomischer Landnahmen übertragen. Um der ökonomischen wie der politischen Dimension gerecht zu werden, unterscheidet Geiger (2008) drei Arten von Frontiers: Die Frontier of control (Staat), die Fron- 4.4 Conrad Schetter und Marie Müller-Koné 248 tier of settlement (v.a. kleinbäuerliche Cash-Crop-Produktion) und die Frontier of extraction (v. a. Bergbau, Plantagen). In jeder dieser drei Frontiers werden unterschiedliche Akteure, Motive und Strategien wirksam. Obgleich Geiger diese drei Prototypen entwirft, ist ihm selbst die begrenzte Aussagekraft solch einer Kategorienbildung bewusst, da sich alle drei Kategorien in der Regel überlappen oder miteinander verschmelzen. Insbesondere die letzten beiden Kategorien benötigen, wie oben erwähnt, zur Durchsetzung von Eigentumsrechten staatliche Unterstützung. So ist der signifikante Unterschied zwischen diesen drei Frontiers-Typen, dass sie einen unterschiedlichen Grad der Territorialisierung, d.h. der administrativen Durchdringung des Raumes, widerspiegeln. Die Frontier of control zielt nicht auf die wirtschaftliche Entwicklung einer Region ab, sondern lediglich auf die Durchsetzung der staatlichen Autorität in einer Region mittels physischer Gewalt und Zwang. Ein gutes Beispiel hierfür ist der kenianische Northern Frontier District unter der britischen Kolonialherrschaft und in den Jahrzehnten nach der Unabhängigkeit (1963). Der postkoloniale kenianische Staat hatte ausdrücklich nicht vor, in die wirtschaftliche Entwicklung dieser Regionen zu investieren, sondern beließ es dabei, den politischen Widerstand, insbesondere die Sezessionsbestrebungen der somalischen Bevölkerungsgruppen, mit militärischer Gewalt zu brechen (vgl. Anderson 2014). So stufte der erste Entwicklungsplan, das Sessional Paper No. 10 von 1965, den Norden Kenias als „Low Potential Area“ ein, das ökonomisch vernachlässigt werden könnte (vgl. Kochore 2016, S. 499). Bis 2010 blieb Nordkenia durch den Indemnity Act von 1970 von der nationalen Gesetzgebung ausgenommen (vgl. Anderson 2014). Da es Nairobi nicht darum ging, die Gesellschaft administrativ zu durchdringen oder durch staatliche Wohlfahrtsleistungen zu versorgen, blieb die staatliche Kontrolle rudimentär und hauptsächlich auf den Einsatz physischer Gewalt beschränkt. Die Frontier of settlement ist dagegen in erster Linie eine landwirtschaftliche Grenze. Menschen aus der Kernregion eines Landes werden ermutigt, sich in weniger wirtschaftlich genutzten Gebieten niederzulassen und den Anbau von Cash-Crop-Landwirtschaft zu betreiben. Hierzu gehören sicherlich die großen Umsiedlungsprogramme Indonesiens (Transmigrasi) oder Chinas. Eigentumsrechte werden in dieser Phase meist informell geregelt, d.h. nicht nach gesetzlichen Normen. Ein gutes Beispiel für eine Frontier of settlement ist der südliche Waldgürtel der Elfenbeinküste, den Kleinbauern in Kakaoplantagen umwandelten, die zunächst vom Kolonialregime und danach von der Regierung nach der Unabhängigkeit gefördert wurden (vgl. Chauveau/Léonard 1996; Clarence-Smith/Ruf 1996). Ein anderes Beispiel ist der Nordosten Afghanistans, wo in mehreren Wellen im Laufe der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine staatlich gelenkte Inwertsetzung von Sumpfregionen und Flusslandschaften erfolgte (vgl. Grötzbach 1972). Die Frontier of extraction erfordert eine weitaus effektivere Umsetzung gesetzlicher Eigentumsrechte, da es sich oftmals um große Bergbauunternehmen oder landwirtschaftliche Plantagen handelt, die größere Investitionen erfordern. So benötigen Frontiers of extraction einen staatlichen Apparat, der die Landrechte der Investoren bestätigt und gegebenenfalls mit seinen Zwangsmitteln durchsetzt, denn die Durchsetzung von Eigentumsrechten und der Prozess der Territorialisierung sind auf die Existenz eines funktionierenden Verwaltungsapparats angewiesen. Die Territorialisierung in einer Frontier of extraction geht daher mit der Etablierung einer Bürokratie einher, da Landrechte kartiert, vermessen und in Katastern vermerkt werden müssen (vgl. Blomley 2003, S. 127; Li 2014, S. 12). Frontier – ein Gegenbegriff zur Grenze? 249 Wie weit der (National-)Staat versucht, an der Frontier seine politische und physische Autorität durchzusetzen, variiert über die Zeit. Forschungsausblick Anders als die ‚klassische‘ Grenze, die sich durch geodätische, territoriale Fixierung, politische Abkommen und militärische Sicherungsregime charakterisiert, zeichnet sich die Frontier durch Unwägbarkeiten, Flüchtigkeit und Hervorhebung des Unbekannten aus: So ist in der Regel nicht klar, wo eine Frontier beginnt und wo sie endet; ihr rechtlicher Status ist bewusst durch einen Ausnahmezustand geprägt, der konkurrierende Gewaltfigurationen erlaubt. Frontiers stellen daher in Zeit und Raum hoch dynamische und vage Grenzräume dar, die einen Kontrapunkt zum statischen und stabilen Charakter territorialer, staatlicher Grenzen darstellen. Interessant ist, dass es in der Debatte um Frontiers zwei Forschungsstränge gibt, die zueinander sprechen, aber die nur wenige Autoren miteinander verbinden (Geiger 2008; Korf/Raeymaekers 2013). Zum einen ist die politische Frontier-Debatte stark durch historische Beispiele der (prä-)kolonialen Eroberungen und Landnahme geprägt und thematisiert die „zivilisatorische“ Bedeutung der Frontier. In dieser Debatte stehen Herrschafts- und Staatsbildungsprozesse im Vordergrund, wie sie Kopytoff (1989) am Beispiel von Ostafrika aufzeigt (vgl. auch Le Meur 2006 für Westafrika). Zum anderen ist die sozioökologische Transformationsforschung zu nennen, die eng mit Entwicklungs- und Globalisierungsdiskursen verbunden ist (Rasmussen/Lund 2018). Sie entdeckte den Frontier-Begriff wieder, um soziale Ungleichheiten und die Problematik von Eigentumsrechten zu erklären. Interessanterweise fehlt bis heute weitgehend ein Forschungsstrang, der sich aus der Grenzforschung heraus in diese Frontier-Forschung einbringt. So bietet sich gerade die Frontier an, um aktuelle Konzepte der Grenzforschung (u.a. Liminalität, Permeabilität) weiterzuentwickeln. Diesbezüglich vermochte dieser Artikel, nur einige Grundzüge des dialektischen Verhältnisses zwischen Grenze und Frontier anzureißen. Eine weitere Perspektive, die in der Frontier-Forschung bisher weitgehend fehlt, ist, inwiefern die Frontier neue gesellschaftliche Formationen hervorbringt (siehe dazu auch Schroer in diesem Band). Dies lässt sich etwa gut an dem Zusammenspiel von Frontier und Gewalt erörtern. Interessant ist etwa, dass es gerade in Frontier-Konstellationen oft zu neuen Gewaltstrukturen kommt, die durch das Zusammenfließen verschiedener Ordnungen der Gewalt entstehen. Ein Beispiel hierfür ist etwa die FATA in Pakistan, in der tribale (u.a. maskulines Kriegerideal) mit religiösen Vorstellungen (Dschihad, Mudschahedin etc.) verschmelzen und unter dem Einsatz moderner Technologien (moderne Waffen, Selbstmordattentat etc.) eine neue Ordnung der Gewalt hervorbringen (Schetter 2013). Ähnliche Umbrüche der Gewaltordnung lassen sich auch an Frontiers in der Sahelregion, am Horn von Afrika oder in Mexiko beobachten. Obgleich es offensichtlich ist, dass Frontiers Orte sind, an denen es zur Kumulation von Gewalt kommt, sind die Ursachen und Prozesse, wie sich hier Gewalt manifestiert, bislang nicht genügend untersucht. Die Debatte darüber, inwiefern die Frontier-Perspektive eine Turner’sche koloniale Brille vorgibt oder auch Forschungsansätze erlaubt, welche die individuelle Handlungsmacht von Akteuren berücksichtigen und über binäre Antagonismen hinausgehen (vgl. Naum 2010), wird weiter zu führen sein. Letztlich bleibt in der Frontier-Forschung das unwohle Gefühl, mit welcher Legitimation die Wissenschaft einen Ort, eine Situation oder eine Konstellation als Frontier bezeichnen kann, da mit der Verwendung dieses Begriffs die Wissenschaft selbst Teil 5. Conrad Schetter und Marie Müller-Koné 250 einer hoch normativen Zuschreibung von Macht und Ohnmacht und damit schnell Träger eines Diskurses wird – selbst wenn sie diesem kritisch gegenübersteht. So ist ein Auftrag der Forschung, vor allem die Herrschaftsstrukturen einer Frontier herauszustellen, um die positiven Konnotationen von Frontier, die – wie eingangs gezeigt – vor allem Politiker, Planungsbüros, Investoren, aber auch technische und naturwissenschaftliche Fächer nach vorne stellen, zu hinterfragen und um einen weit kritischeren Umgang mit diesem Begriff zu erreichen. Weiterführende Literatur Blomley, Nicholas (2003): Law, Property, and the Geography of Violence: The Frontier, the Survey, and the Grid. In: Annals of the Association of American Geographers 93, H. 1, S. 121–141. Geiger, Danilo (2008): Frontier Encounters: Indigenous Communities and Settlers in Asia and Latin America. Bern: International Work Group for Indigenous Affairs (IWIGA). 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Konsequenz hiervon ist die Delegation der Grenzsicherungsaufgaben an die gemeinsamen Außengrenzen der Europäischen Union (EU). Grenzen in der EU stellen sich somit im Spannungsfeld von Grenzabbau im Innern und massivem Grenzaufbau nach außen dar. Die europasoziologische Grenzforschung fokussiert dieses Spannungsfeld und fragt insbesondere nach den Folgen dieser Politik für die Entwicklung europäischer Gesellschaftsbildung. Schlagwörter Festung Europa, Binnenfreiheiten, europäische Gesellschaft, Grenzsoziologie Einleitung: Europäische Grenzzustände soziologisch betrachtet Die Schaffung eines gemeinsamen Raums der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts sowie die Verwirklichung des freien Binnenmarktes sind für das Europäische Integrationsprojekt konstitutiv. Im Kern allen Bemühens steht der Abbau der Binnengrenzen zwischen den EU-Mitgliedstaaten, um sichtbar die Umsetzung des freien Verkehrs von Kapital, Waren, Dienstleistungen und vor allem Personen zu ermöglichen (die sogenannten vier Binnenmarktfreiheiten). Eben dieses Bemühen der Europäischen Union, sich als einheitlicher Raum zu etablieren, stieß von Anbeginn auf Probleme, hieß dies doch im Umkehrschluss einen deutlichen Verzicht auf Kernaufgaben eines souveränen Staates, eben der Kontrolle des eigenen nationalen Territoriums, zu akzeptieren. Begleitet war dieser Grenzabbau im Innern der EU daher von Beginn an von einem entsprechenden Auf- und Ausbau der Grenzkontrollen an den Außengrenzen der EU (vgl. Eigmüller 2007; Vobruba 2007). Das Thema Grenzen im Kontext der europäischen Integration verortet sich daher von jeher im Spannungsfeld zwischen Grenzabbau einerseits und Grenzausbau andererseits (vgl. Eigmüller 2018). Der vorliegende Beitrag wird den Stand europasoziologischer Grenzforschung skizzieren und dabei insbesondere seine theoretische Verortung in Georg Simmels Grenzsoziologie darstellen (2), die empirischen Gegebenheiten des europäischen Integrationsprojekts in Hinblick auf Grenzziehung und Grenzöffnung beschreiben (3) und abschließend aktuelle Herausforderungen für eine europasoziologische Sichtweise auf Grenzen diskutieren (4). Grundlagen europasoziologischer Grenzforschung Ausgangspunkt eines europasoziologischen Interesses an Grenzen ist die Tatsache, dass das Europäische Integrationsprojekt zentral von einem gleichzeitigen Abbau der Binnengrenzen im Innern der EU und einem Ausbau der Außengrenzen getragen ist (vgl. Eigmüller 2007; Bach 2010; Eigmüller/Vobruba 2016). Die damit einhergehenden Transformationen von Grenzen, sowohl der Bedeutungsverlust einerseits als auch der immense Bedeutungszuwachs andererseits, sind dabei aber nicht lediglich von politischem oder gar technologischem Interesse, 1. 2. 257 sondern vor allem auch von soziologischem Interesse, denn sie zeigen nachhaltig Wirkung auf Gestalt und Wesen der Gesellschaften diesseits und jenseits der Grenze, sowohl in den unmittelbar betroffenen Grenzregionen als auch weit davon entfernt. Hierauf fokussiert die grenzsoziologische Forschung, die die Menschen, die an und mit Grenzen leben, in den Blick nimmt und Prozesse von Grenzaufbau und Grenzabbau im Kontext von Gesellschaftsbildung analysiert (vgl. Eigmüller/Vobruba 2016; siehe auch Schroer in diesem Band). Schon Georg Simmel wies darauf hin, dass nicht die „Grenze eine räumliche Tatsache mit soziologischer Wirkung [ist], sondern eine soziologische Tatsache, die sich räumlich formt“ (Simmel 1908/2016, S. 17). Nicht eine Linie macht demnach eine Grenze, sondern vielmehr die Menschen, die an ihr und mit ihr leben und dieser Linie erst die Bedeutung des Ein- beziehungsweise Ausschließens zukommen lassen. Und weiter heißt es: „Ist sie [die Grenze] freilich erst zu einem räumlich-sinnlichen Gebilde geworden […], so übt dies starke Rückwirkungen auf das Bewusstsein von dem Verhältnis der Parteien. Während diese Linie nur die Verschiedenheit des Verhältnisses zwischen den Elementen einer Sphäre untereinander und zwischen diesen und den Elementen einer andren markiert, wird sie doch zu einer lebendigen Energie, die jene auseinanderdrängt und sie nicht aus ihrer Einheit herausläßt und sich wie eine physische Gewalt, die nach beiden Seiten hin Repulsion ausstrahlt, zwischen beide schiebt“ (Simmel 1908/1992, S. 697). Simmel betont also die Wirkung der Grenze, die zunächst einmal unabhängig von ihrer physischen Verfasstheit Einfluss auf das Verhalten der Individuen einer Gesellschaft und damit auf die Gestalt der Gesellschaft selbst hat. Entscheidend ist, dass Simmel damit den Blick auf die Frage nach der Wirkung von Grenzen richtet – und nicht auf ihre Entstehung. In soziologischer Perspektive ist für Simmel die Grenze selbst also nicht bedeutsam, sondern die Grenze wird erst durch die Menschen und deren Beziehungen in Bezug auf die Grenze real (vgl. Eigmüller 2016, S. 70). Einem solchen Verständnis von Grenzen folgend beinhaltet eine empirische Erforschung von Grenzen somit vor allem die Erforschung sozialer Interaktion im Angesicht von Grenzen – und dies umfasst sowohl den Prozess der Grenzkonstitution (bordering) als auch Prozesse des Ausbaus (rebordering) beziehungsweise des Abbaus von Grenzen (debordering; zum Konzept variabler Grenzzustände vgl. insbesondere Houtum/Naerssen 2002; Newman 2011; Sohn 2014). Damit aber rückt die Grenzwerdung als ein fortwährender sozialer Prozess in den Fokus des Interesses, der sich empirisch beobachten lässt: „Political boundaries are processes and institutions that emerge and exist in boundary-producing practices and discourses, and they may be materialized and symbolized to greater or less extents“ (Paasi 2011, S. 36). Mit Anssi Paasi verstehen wir Grenzen somit als Prozesse, die sich in Praktiken und Diskursen der Grenzziehung materialisieren und Grenzen so erst sichtbar werden lassen (vgl. Lehner in diesem Band; Wille in diesem Band). Dabei gilt, dass Grenzen und ihre Bedeutung nicht auf Dauer gestellt sind, sondern beständigen Transformationen unterliegen. Empirisch eindrucksvoll kann genau dies am Beispiel der europäischen Grenzzustände untersucht werden. Grenzen in der EU: Inhalte europasoziologischer Grenzforschung Das europäische Experiment, so wie es nach dem Ende des 2. Weltkriegs als kühne Vision eines friedlichen und geeinten Kontinents jenseits von Nationalismus und Protektionismus ins Leben gerufen wurde, fußt auf der Idee des Bedeutungsverlustes von Staatsgrenzen. Als Kern 3. Monika Eigmüller 258 des europäischen Integrationsprojekts gilt die Verwirklichung der vier Binnenfreiheiten, also des freien Verkehrs von Kapital, Waren, Dienstleistungen und Menschen. Deren Realisierung setzt zugleich den Abbau von Binnengrenzkontrollen zwischen den EU-Mitgliedstaaten voraus. Diese Idee, bereits seit den frühen 1970er-Jahren auf verschiedenen Bühnen immer wieder breit diskutiert, konnte 1986 mit dem intergouvernementalen Vertrag von Schengen für die fünf Kernmitgliedstaaten der damaligen Europäischen Gemeinschaft (EG) – Frankreich, Deutschland, Italien und die Beneluxstaaten – umgesetzt werden. 1995 wurde mit dem Vertrag von Amsterdam diese Abwesenheit von Binnengrenzkontrollen auch in das Gemeinschaftsrecht der EG überführt (vgl. Monar 2000; Eigmüller 2007). Die Bedeutung des Vertrags von Schengen für das gesamte Integrationsprojekt kann in seiner Wirkung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, denn die an dem Abkommen beteiligten Staaten einigten sich nicht nur auf den Abbau von Binnengrenzkontrollen, also auf den unkontrollierten Austausch von Waren, Kapital und Dienstleistungen, sondern auch darauf, Personen die Grenzen zwischen den Nationalstaaten unkontrolliert passieren zu lassen. Zugleich legte dieses Abkommen auch den Grundstein für ein einheitliches europäisches Grenzregime sowie für einen sich nun entwickelnden gemeinsamen europäischen Rechtsraum (vgl. Eigmüller 2015). Damit geraten die zwei Achsen der EU-Grenzsicherungspolitik in den Blick: erstens die Bildung eines integrierten Raums „der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts“ im Innern, markiert durch die Abwesenheit von Binnengrenzen, und zweitens die zur Herstellung und vor allem Sicherstellung dieses gemeinsamen Raums notwendig gewordene koordinierte Sicherung der Grenzen nach außen – und damit verbunden ein massiver Ausbau der Außengrenzen (vgl. Jureit/Tietze 2015). Grenzausbau an den EU-Außengrenzen Bereits im Kontext des Kriegs auf dem Balkan Ende der 1990er-Jahre und spätestens im Zuge der ersten Osterweiterung der Union 2004 kam das Thema des rebordering verstärkt auf die Tagesordnung: nicht nur in der Politik, sondern auch in der sozialwissenschaftlichen Forschung (vgl. Scott/Houtum 2009). Im Unterschied etwa zu politik- oder rechtswissenschaftlichen Studien beschäftigen sich soziologische Analysen des Auf- und Ausbaus der EU-Au- ßengrenzen dabei insbesondere mit Fragen der Wirkung dieses Ausbaus zum einen auf die Anrainerstaaten (vgl. Bigo/Guild 2010), vor allem aber in Hinblick auf die Verfasstheit der EU und ihrer Gesellschaft (vgl. Zielonka 2001; 2003). Grenzsoziologisch bedeutsam waren dabei also weniger Fragen des Integrationsmodus (positive, marktkorrigierende versus negative, marktschaffende Integration; vgl. Scharpf 2008), sondern vielmehr der Prozess der Institutionalisierung der gemeinsamen Grenzsicherungspolitik und damit der Aufbau der Grenze als Institution, die Handlungschancen Einzelner definiert (vgl. Eigmüller 2007; Eigmüller/Vobruba 2016, S. 10). Von Interesse sind dabei sowohl jene staatlichen Akteur*innen, die den Aufbau der EU-Außengrenze vorantreiben bzw. den Diskurs um die Notwendigkeit einer gemeinsamen europäischen Grenzsicherungspolitik bestimmen, als aber auch jene Akteur*innen, die durch ihr auf die Grenze bezogenes Handeln die Grenze selbst in Frage stellen, angreifen und unterwandern. So widmen sich viele Untersuchungen sowohl den Techniken der Grenzsicherung und des Grenzausbaus (Lahav 2004; Bigo/Guild 2005; Walters 2006; Kaufmann 2008) und 3.1 Grenzen und Europa 259 insbesondere der Grenzschutzagentur Frontex (Hess/Kasparek 2010; Müller 2014) als auch der Unterwanderung der Außengrenze v.a. im Kontext von Flucht, Fluchthilfe und Schleusung (z.B. Pfau 2008; Walters 2010; Klepp 2011) sowie Schmuggel (z.B. Bruns 2010; Bruns et al. 2011; allgemein: Horn et al. 2002; Eigmüller 2008). Insbesondere die politische Soziologie hat sich in einer Reihe von Publikationen zudem mit dem Außenverhältnis des Projekts Europa beschäftigt, das vor allem an der EU-Außengrenze virulent wird. Dabei zielen die Untersuchungen auf die hinter der gemeinsamen Grenzsicherungspolitik liegende Eigenlogik des europäischen Projekts, auf die spezifische „Dynamik Europas“ (Vobruba 2007), die im Fadenkreuz von Integration und Erweiterung ihre Grenzsicherungsfunktionen spezifisch ansiedelt. Ausgehend vom Begriff der Grenze werden die Spannungen zwischen einer entstehenden europäischen Gesellschaft und den politischen Institutionen Europas beschrieben. Die interagierenden Prozesse von Vertiefung und Erweiterung Europas tragen ihre eigene Expansionsdynamik in sich und jede erfolgreich beendete Erweiterungsrunde setzt sowohl Integrations- als auch Exklusionsprozesse in Bezug auf die dann neuen Nachbarn an den neuen Außengrenzen in Gang. Es geht hierbei um die gezielte Einbindung von Anrainerstaaten in das Grenzsicherungsregime der EU, wobei den Anrainerstaaten im Tausch gegen Kooperation im Bereich der Grenzsicherung ein erleichterter Zugang ihrer eigenen Staatsbürger zur EU angeboten wird (vgl. Vobruba 2007; Eigmüller/Vobruba 2010). Ähnliches beschreibt auch Andreas Müller (2014): In seiner Studie am Beispiel der EU-Außengrenze zwischen Polen und der Ukraine zeichnet er detailliert nach, wie sich die EU-Außengrenze hier formiert und zugleich die Ukraine selbst im Rahmen der Europäischen Nachbarschaftspolitik in das europäische Grenzregime inkorporiert wird und mehr und mehr die Grenzsicherungsaufgaben der EU übernimmt. Entscheidende Voraussetzung (und letztlich auch ihre Konsequenz) für diese mutable Grenzsicherungspolitik ist dabei die Variabilität der Gestalt der EU-Außengrenze. Zwar manifestiert sich die EU-Außengrenze ebenso wie auch die Grenzen von Nationalstaaten entlang der Ränder der Europäischen Union, zugleich aber eben auch weit davon entfernt, punktuell im Innern der Union ebenso wie auch in den Anrainerstaaten (vgl. Cuttitta 2015). Man denke nur an die Rechte der Polizei zur verdachtsabhängigen Ausweiskontrolle in den EU-Mitgliedstaaten mit dem Ziel der Feststellung ungültiger Aufenthaltstitel an bestimmten belebten städtischen Plätzen, zu Kontrollen, die der Zoll auf Baustellen mit ebendiesem Ziel durchführt, ebenso wie die Kontrolle von Ausweisen und Visa bereits an Flughäfen im Herkunftsland von Reisenden. Über die Frage von Zugang bzw. Ausschluss zum europäischen Territorium wird somit schon weit vor oder auch erst hinter den Toren der EU entschieden (vgl. Giraudon 2003; Bigo/Guild 2010; Laube 2013). Wir können daher sagen, dass die EU-Außengrenze sowohl eine starre lineare Grenze als auch einen beweglichen Grenzsaum und eine punktuelle Grenze darstellt (vgl. Zielonka 2001; Eigmüller 2007; Cuttitta 2010). Dem teilweisen Bedeutungsverlust herkömmlicher linearer Grenzen steht somit ein Bedeutungszuwachs grenzspezifischer Kontrollfunktionen gegenüber, die aber nicht mehr an den Ort, sondern an das Subjekt geknüpft werden. Die Grenze selbst wird zur „Sortiermaschine“ (Mau 2008), die über Zugang bzw. Ausschluss und damit über Lebenschancen entscheidet. Insbesondere Jan Zielonka (2003) sowie Didier Bigo und Elsbeth Guild (2010) machen vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen immer wieder auch auf die Folgen einer solchen Externalisierung europäischer Grenzsicherungspolitik für die Verfasstheit der EU (insbesondere auf ihre demokratische Verfassung) selbst aufmerksam (vgl. auch Roos 2013). Und hier schließt Monika Eigmüller 260 auch das spezifische grenzsoziologische Interesse dieser Befunde an: In grenzsoziologischer Hinsicht interessant sind diese Entwicklungen nicht nur vor der Frage nach der Wirkung dieser gemeinsamen europäischen Außengrenze nach außen. In Anlehnung an Simmel muss eine soziologische Analyse der europäischen Grenzfigurationen insbesondere auch die Wirkung von Grenzabbau wie auch Grenzaufbau nach innen einschließen: „So ist eine Gesellschaft dadurch, daß ihr Existenzraum von scharf bewußten Grenzen eingefaßt ist, als eine auch innerlich zusammengehörige charakterisiert, und umgekehrt: die wechselwirkende Einheit, die funktionelle Beziehung jedes Elementes zu jedem gewinnt ihren räumlichen Ausdruck in der einrahmenden Grenze. Es gibt vielleicht nichts, was die Kraft insbesondere des staatlichen Zusammenhaltens so stark erweist, als daß diese soziologische Zentripetalität, diese schließlich doch nur seelische Kohärenz von Persönlichkeiten zu einem wie sinnlich empfundenen Bilde einer fest umschließenden Grenzlinie aufwächst“ (Simmel 1908/1992, S. 694). Dies aber ist eine empirisch noch offene Frage: Führt die Existenz einer gemeinsamen Außengrenze, die eindeutige Feststellung von wir und die anderen, etwa durch entsprechende Unterscheidungen zwischen EU-Bürger*innen und Nicht-EU-Bürger*innen an den Außengrenzposten zur Entstehung und Entwicklung einer gemeinsamen europäischen Identität (vgl. Neumann 1999; Houtum/Naerssen 2002; siehe auch Schwell in diesem Band)? Übernimmt die EU-Au- ßengrenze damit die Funktion, die vormals die nationalstaatlichen Grenzen übernommen haben? Ist sie es nun, die eindeutig Zugehörigkeiten definiert? Die den Zugang zu bestimmten Normen und Rechten garantiert, die nur im Innern, aber nicht außen gelten? Markiert sie einen bestimmten Rechtsraum, einen Raum bestimmter politischer, rechtlicher und sozialer Ordnung? Und welche sozialen Stratifikationen gehen mit diesen neuen Grenzziehungen einher? Welche neuen sozialen Ungleichheiten werden durch sie markiert? Europäische Prozesse des Grenzabbaus Während die Außengrenzen der EU politisch also deutlich aufgewertet und damit in Folge als Grenzen umso wahrnehmbarer wurden, wurden die Binnengrenzen (zumindest eine gewisse Zeit lang) politisch nahezu bedeutungslos. Soziologisch betrachtet schloss sich hier zunächst die Frage an, inwieweit insbesondere Menschen, die an diesen Grenzen leben, diesen in ihren alltäglichen Grenzpraktiken entsprechend den politischen Vorstellungen tatsächlich zu Bedeutungslosigkeit bzw. Bedeutungszuwachs verhalfen und wie sich dieser Bedeutungswandel von Grenzen konkret gestaltet (vgl. v.a. Deger/Hettlage 2007; Eder 2007; Roose 2010). Dabei zeigen diverse grenzsoziologische Studien sehr eindrücklich, dass die Frage der Bedeutung politischer Grenzen immer eine ist, die in einem Wechselspiel zwischen einerseits politischer und rechtlicher Setzung und andererseits gesellschaftlicher Akzeptanz und Umsetzung bzw. Subversion und Angriff ausgehandelt wird (vgl. Horn et al. 2002; Eigmüller 2008). Von besonderem Interesse für die europasoziologische Forschung sind dabei grenzsoziologische Studien, die entlang der Grenzbildungsprozesse des Auf- bzw. Abbaus von Grenzen Identitätskonstruktionen diesseits und jenseits von Grenzen untersuchen. Zu nennen sind hier etwa Studien, die in den Euroregionen entlang der EU-Binnengrenzen nach Identitätskonstruktionen, Wandel von Zugehörigkeiten und der Herausbildung neuer (kultureller und sozialer) 3.2 Grenzen und Europa 261 Grenzen fragen (vgl. Immerfall 2000; Delhey 2004; Roose 2010; Opiłowska 2011; Gasparini 2014). Jüngere Studien nehmen zudem Bezug auf die aktuellen Entwicklungen im europäischen Grenzregime und fragen nach den gesellschaftlichen Folgen – insbesondere in Hinblick auf eine europäische Gesellschaftsbildung – angesichts eines zunehmenden Wiederaufbaus von Binnengrenzen (vgl. Scuzzarello/Kinnvall 2013; Börzel/Risse 2018). Ausblick: Herausforderungen grenzsoziologischer EU-Forschung Europasoziologische Grenzforschung fokussiert im Kontext von Grenzbildung somit auf zweierlei: Zum einen auf die Prozesse der Abschottung an den EU-Außengrenzen sowie auf die Folgen dieser Abschottungspolitik in Hinblick auf die Konstitution europäischer Gesellschaft. Fragen, die sich hieran anschließen, umfassen damit sowohl die Entstehung und Entwicklung eines europäischen Selbstverständnisses als auch die Folgen dieser Abschottungspolitik für die hiervon betroffenen Gesellschaften außerhalb der EU. Zum anderen nimmt eine Soziologie der EU-Grenzen die Folgen des Grenzabbaus im Innern der Union in den Blick und fragt nach diesen Prozessen des debordering insbesondere in den hiervon betroffenen Regionen entlang der Binnengrenzen der Union. Wie nachhaltig sind diese Prozesse des Grenzabbaus? Wo entstehen zugleich neue Grenzen oder manifestieren sich alte Grenzen auf neue Weise? Welchen Einfluss hat der politische Grenzabbau auf die Entwicklung von Grenzidentitäten? Wie der kursorische Blick auf die europäischen Grenzzustände gezeigt hat, sind es insbesondere zwei Fragen, die auch in der europasoziologischen Grenzforschung seit Beginn der 2000er- Jahre vermehrt verhandelt werden: die Frage der Wirkung von Grenzen nach innen, auf das Selbstverständnis und die Identität von Menschen im Innern eines von Grenzen umschlossenen Raums sowie die Frage der Wirkung von Grenzen nach außen, nach ihrer Wirkmacht, individuelle Lebenschancen zu gestalten. Grundlegend an diesen grenzsoziologischen Europastudien war dabei von Beginn an, dass nicht nur dem Raum hinter bzw. vor der Grenze Beachtung geschenkt wurde, sondern immer mehr die Grenze selbst zum Gegenstand des Interesses wurde (vgl. Eigmüller/Vobruba 2016; siehe auch Gerst/Krämer in diesem Band). Damit hat das vielfältige Forschungsfeld der Grenzsoziologie auch in der soziologischen Europaforschung seinen festen Platz eingenommen. Beide Forschungsfelder, sowohl die soziologische Grenzforschung als auch die soziologische Europaforschung, haben dabei vom Blick auf den jeweils anderen Forschungsgegenstand profitiert: Die soziologische Europaforschung konnte mit dem Rückgriff auf grenzsoziologische Theorien die Bedingungen, unter denen Gesellschaftsbildung in der EU vonstatten geht und von denen sie maßgeblich determiniert ist, genauer erfassen und exakter interpretieren (vgl. Gerst/Krämer 2017; Schiffauer et al. 2018). Die soziologische Grenzforschung hingegen konnte mit dem Fokus auf die Europäische Integration ein reichhaltiges empirisches Feld für sich nutzbar machen, in dem Prozesse des Grenzabbaus mit denen des Grenzaufbaus einhergingen, und vor dem Hintergrund vielfältiger historischer Entwicklungen Fragen zur Veränderung von Grenzkonstellationen und Gesellschaftsbildung untersuchen (vgl. Eigmüller 2007; Laube 2013; Hilpert 2020). Die vielen vorliegenden Studien belegen dabei eindrücklich, dass in Folge der europäischen Integration nicht nur ein Grenzabbau im Innern der EU stattgefunden hat, sondern es an den Binnengrenzen vor allem zu einer Veränderung von Grenzgegebenheiten gekommen ist. Im Gegensatz zum Nationalstaat werden Grenzen innerhalb der EU nun nicht mehr in erster Linie 4. Monika Eigmüller 262 durch Staaten und deren Politik gebildet. Vielmehr finden Prozesse des bordering in der EU nun weit jenseits davon statt. Während staatliche Grenzen abgebaut werden, gewinnen die Prozesse des alltäglichen bordering dabei zunehmend an Bedeutung (vgl. Rumford 2007). Was aber bedeutet es für die europäische Gesellschaft, dass die Binnengrenzen – mal mehr, mal weniger sichtbar – zumindest als kulturelle Grenzen, als Sprachgrenzen und auch als politische Grenzen – weiter existieren und sogar noch an Bedeutung gewinnen? Gerade die Entwicklungen im Rahmen der seit 2015 virulenten sogenannten ‚Flüchtlingskrise‘ haben dabei einmal mehr die gemeinsame EU-Grenzsicherungspolitik in Frage gestellt und die Brüchigkeit sowohl des Abkommens von Schengen (1986) als auch der Abkommen mit Drittstaaten zu deren Integration ins Schengen-System verdeutlicht. Und die Leichtigkeit, mit der die Binnengrenzen jederzeit wieder aktiviert werden können und freies Reisen und grenzüberschreitendes Leben im europäischen Raum jäh an den wiedererrichteten Binnengrenzen stoppt, zeigte sich im Frühjahr 2020 im Zuge der sogenannten ‚Corona-Epidemie‘ mit ungeahnter Deutlichkeit. Ob dies langsam, aber sicher das Ende des europäischen P