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Johannes F. Burow, Lou-Janna Daniels, Anna-Lena Kaiser, Clemens Klinkhamer, Josefine Kulbatzki, Yannick Schütte, Anna Henkel (Ed.)

Mensch und Welt im Zeichen der Digitalisierung, page 1 - 16

Perspektiven der Philosophischen Anthropologie Plessners

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8487-5121-1, ISBN online: 978-3-8452-9322-6, https://doi.org/10.5771/9783845293226-1

Series: Dimensionen der Sorge, vol. 3

Bibliographic information
Mensch und Welt im Zeichen der Digitalisierung Burow | Daniels | Kaiser | Klinkhamer | Kulbatzki | Schütte | Henkel [Hrsg.] Dimensionen der Sorge l 3 Perspektiven der Philosophischen Anthropologie Plessners Nomos BUT_Burow_5121-1.indd 1 21.01.19 13:53 Dimensionen der Sorge herausgegeben von Anna Henkel, Universität Passau Isolde Karle, Ruhr-Universität Bochum Gesa Lindemann, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg Micha Werner, Ernst Moritz Arndt Universität Greifswald Band 3 BUT_Burow_5121-1.indd 2 21.01.19 13:53 Perspektiven der Philosophischen Anthropologie Plessners Mensch und Welt im Zeichen der Digitalisierung Johannes F. Burow | Lou-Janna Daniels | Anna-Lena Kaiser Clemens Klinkhamer | Josefine Kulbatzki | Yannick Schütte Anna Henkel [Hrsg.] keine akad. Titel!!! BUT_Burow_5121-1.indd 3 21.01.19 13:53 Dieser Band wird maßgeblich durch Studierende herausgegeben. Begründet in einem Seminar, hat sich eine kooperative Forschungsarbeit entwickelt, deren Ergebnisse, nach einer Fachtagung im Januar 2018, mit diesem Buch präsentiert werden. Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. ISBN 978-3-8487-5121-1 (Print) ISBN 978-3-8452-9322-6 (ePDF) 1. Auflage 2019 © Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2019. Gedruckt in Deutschland. Alle Rechte, auch die des Nachdrucks von Auszügen, der fotomechanischen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten. Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier. BUT_Burow_5121-1.indd 4 21.01.19 13:53 Inhalt Einleitung – Mensch und Welt im Zeichen der Digitalisierung 9 Burow, Daniels, Kaiser, Klinkhamer, Kulbatzki, Schütte, Henkel GesellschaftI Digitalisierung der Gesellschaft. Perspektiven der reflexiven Philosophischen Anthropologie auf gesellschaftlichen Wandel durch Digitalisierung. 19 Anna Henkel Die Verschränkung von Leib und Nexistenz 47 Gesa Lindemann AutonomieII Überformung des Selbst? Exzentrische Positionalität im Zeichen der Digitalisierung 75 Katharina Block Auswirkungen der digitalen Selbstvermessung. Ein Eingriff in die Autonomie des Menschen 97 Josefine Kulbatzki Digitale Entscheidungsassistenten als Lösung moderner Entscheidungszwänge? Anthropologische Reflexion der Moderne 115 Jessica Sennholz 5 TechnikIII Die natürliche Künstlichkeit der Mensch-Roboter-Interaktion als leiblich erfahrbare Irritation des anthropologischen Quadrats 129 Andreas Bischof Die technisch vermittelte Umweltbeziehung des leiblichen Selbstes in virtuellen Welten 145 Richard Paluch Richtungslose Relationen. Über die Beziehung von Mensch und technischem Objekt 165 Yannick Schütte StufenIV Polyzentrizität und Poly(ex)zentrizität: neue Stufen der Positionalität? Zu Telerobotern, Craniopagus-Zwillingen und globalen Gehirnen 187 Jos de Mul The Next Step. Können digitale Entitäten als eine neue Stufe im Sinne der Philosophischen Anthropologie Helmuth Plessners verstanden werden? 209 Johannes Frederik Burow MenschV Philosophische Anthropologie im digitalen Zeitalter: Tier-/Mensch-, Maschine-/Mensch-, Mensch-/Mensch-Vergleich 231 Joachim Fischer Exzentrische Positionalität im Video 261 Sylvie Boisseau und Frank Westermeyer Inhalt 6 Glossar der Tagung 271 Autor*innen und Herausgeber*innen 275 Inhalt 7 Einleitung – Mensch und Welt im Zeichen der Digitalisierung Johannes F. Burow, Lou-Janna Daniels, Anna-Lena Kaiser, Clemens Klinkhamer, Josefine Kulbatzki, Yannick Schütte und Anna Henkel Digitalisierung ist ein ebenso prominentes wie vielfältiges Phänomen – man könnte nachgerade von einem empty signifier sprechen. Veränderungen von Kommunikationswegen über das Internet, Algorithmisierung der Arbeitswelt, digitale Überwachung, virtual reality, Selbstvermessung, Pflegeroboter, diet tracking, artificial intelligence – die Liste der mit Digitalisierung verbundenen Phänomene ist ebenso heterogen wie unabschließbar. Viel ist angesichts dieser unübersehbaren Veränderungen über Digitalisierung bereits geforscht worden – und wiederum entsteht eine heterogene Vielfalt unterschiedlicher Phänomenzugriffe. Der Sammelband schlägt einen spezifischen Schnitt durch diese Vielfalt vor. Weder soll dabei die angedeutete Vielfalt empirisch (etwa durch Fokussierung auf eine Digitalisierung der Ernährung), noch durch eine Vorab-Definition des Digitalen eingeengt werden (etwa durch Fokussierung auf Algorithmen). Vielmehr gilt es, Digitalisierung aus einer spezifischen Theorieperspektive zu betrachten: der Perspektive der Philosophischen Anthropologie Helmuth Plessners. Es geht mithin um die Frage, inwieweit sich das Verhältnis von Mensch und Welt im Zeichen von Digitalisierung verändert. Helmuth Plessners philosophische Anthropologie zeichnet sich dadurch aus, dass sie kognitive und materiale Aspekte dezidiert aufeinander bezieht. Das Verhältnis von Mensch und Welt ist aus dieser Perspektive über das Konzept der exzentrischen Positionalität als spezifische Form der Grenzziehung spezifiziert. Indem das exzentrisch positionale Selbst als lebendes Ding konzipiert ist, das nicht nur seine eigenen Grenzen und seine Umwelt zentral repräsentiert, sondern auf diese Repräsentation reflektieren kann, entstehen eine Innenwelt, eine Außenwelt und eine Mitwelt, die dem exzentrisch positionalen Selbst in ihrer Künstlichkeit natürlich sind. Bereits seit dem 17. Jahrhundert erfolgt sukzessive eine Standardisierung, die in vielfacher Hinsicht als Voraussetzung für Digitalisierung gesehen werden kann. Die Abbildung des Raums in Meter und Kilometer, die Abbildung des Körpers in Gramm und Kilogramm oder die Abbildung der Zeit in Minuten und Stunden, wie sie etwa Gesa Lindemann als digitale Raum-Zeit fasst (Lindemann 2014), nehmen hier ihren Anfang. Zu- 9 gleich impliziert diese Vermessung eine stärkere Fokussierung auf individualisierende Vergesellschaftung. Digitalisierung überführt diese Standardisierung in eine Algorithmisierung. Die Welt wird nicht nur vermessen, sie wird auf der Grundlage dieser Vermessung digital reproduziert. Jedoch stellt sich die Frage, inwieweit eine solche Algorithmisierung die Welt tatsächlich verändert. So ist zu beobachten, dass Algorithmisierung auf die Welt prägend wirkt, indem sie zur Anpassung der Welt an ihre Algorithmisierung drängt. Es erfolgt eine Standardisierung; doch ist diese einerseits nicht deterministisch, andererseits ist sie mit Plessner, aber auch Gehlen, in der Natur des Menschlichen verankert. Kann man derart mit Plessner die Digitalisierung zunächst als Weiterführung eines spezifischen, standardisierten Weltzugangs beobachten, so ergibt sich weiter aus seinem spezifischen Forschungsansatz die Frage, wie und inwieweit Digitalisierung zu einer Veränderung des Weltverhältnisses exzentrischer Positionalität führt. Unter dem Stichwort der Virtualisierung lassen sich diesbezüglich unterschiedliche Fragerichtungen unterscheiden: Mit Digitalisierung erfolgt eine Verdoppelung des Selbst als Körper und als digitales Selbst. Dies kann der Fall sein als beweglicher Avatar, aber auch als Verdopplung des Selbst als digitale Repräsentation. Daran anschließend lässt sich fragen, wie im Zuge von Digitalisierung eine Aufteilung von Sinneswahrnehmungen erfolgen kann. Für den Fall des digitalen Doubles spricht Jos de Mul von polyexcentricity (De Mul 2014). Und schließlich könnte man vermuten, dass mit dem virtuellen Raum ein digital positionales Selbst entsteht. Alle diese Fragen laufen darauf hinaus, ob Digitalisierung eine über exzentrische Positionalität hinausgehende Form von Positionalität aktiv hervorbringt. Ist eine Verdopplung von Sinneswahrnehmung nicht eher ein Aufteilen von Sinneswahrnehmung, so dass es letztlich bei exzentrischer Positionalität bleibt? Zumal Synästhesie als Potential ganz unabhängig von Digitalisierung ist? Ist ein virtueller Raum nicht lediglich die Fortsetzung der seit dem 17. Jahrhundert bestehenden Tendenz, immer geringer werdender Distanzen, immer geringer werdender Kosten und einer immer größeren Unmittelbarkeit? Ob hier etwas Neues entsteht oder lediglich exzentrische Positionalität eine ihrer Potentialitäten ausschöpft, ist zu diskutieren. Unabhängig davon, ob hier eine neue Form der Positionalität entsteht oder nicht, ist zu konstatieren, dass die aufgezeigten Formen der Virtualisierung jedenfalls einen Unterschied machen. Plessner zeigt auf, dass dem exzentrisch positionalen Selbst die Welt als Innenwelt, Außenwelt und Mitwelt gegeben ist. Entsprechend stellt sich die Frage, inwieweit sich diese Weltverhältnisse einzeln und in Rückwirkung aufeinander im Zeichen von Digitalisierung verändern. So kann man feststellen, dass sich durch Burow, Daniels, Kaiser, Klinkhamer, Kulbatzki, Schütte, Henkel 10 eine Algorithmisierung die standardisierten Normalitätserwartungen ver- ändern. Dem Körper steht sein digitales Abbild gegenüber, das – derart vermessen – vergleichbar wird mit einem real nicht notwendig auffindbaren idealtypisierten Vergleichswert. Es entsteht hier eine Mitwelt, die idealtypisierte Parameter miteinschließt; zugleich verändert dies die Innenwelt und damit die Selbstrepräsentation in einer Mitwelt. Mit der analytischen Perspektive der an Plessner anschließenden Philosophischen Anthropologie kann es derart gelingen, die Vielfalt dessen, was mit Digitalisierung verbunden wird, auf die Frage hin zu systematisieren, wie sich der Mensch, verstanden als gerade nicht nur kognitive und nicht nur materiale, sondern beides verbindende exzentrische Positionalität, eine Welt neu schafft, die ihn selbst potenziell überformt. Dies erfolgt im vorliegenden Sammelband mit Fokus auf die fünf Aspekte Gesellschaft, Autonomie, Technik, Stufen und Mensch. Im ersten Teil des Bandes wird unter dem Stichwort „Gesellschaft“ nach den gesellschaftlichen Voraussetzungen und Konsequenzen von Digitalisierung gefragt. Indem mit dem Konzept der exzentrischen Positionalität Gesellschaft nicht notwendig als menschliche Sozialität angesetzt ist und zudem eine leiblich-materielle Dimension stets einbezogen ist, können ver- änderte Relationen des Sozialen, veränderte Machtverhältnisse und veränderte Entwicklungsdynamiken untersucht werden. Die Überlegungen in diesem Teil haben zugleich einen in die Thematik einführenden Charakter. In ihrem Beitrag „Digitalisierung der Gesellschaft. Perspektiven der reflexiven Philosophischen Anthropologie auf gesellschaftlichen Wandel durch Digitalisierung“ stellt Anna Henkel die Grundzüge von Plessners „Die Stufen des Organischen und der Mensch“ dar. Sie vertritt die These, dass diese 1928 vorgelegte Theorieanlage geeignet ist, aktuelle gesellschaftliche Problemlagen und insbesondere das Phänomen der Digitalisierung zu untersuchen. Nach einem Überblick über mit Plessners Theorie angeleiteter empirischer Forschung geht sie im Sinne eines konzeptionellen Ausblicks auf Gesellschaft im Zeichen von Digitalisierung ein. Charakteristika einer „digitalen Gesellschaft“, Veränderungen im Komplex von Macht, Wissen und Mensch sowie eine mögliche „digitale Positionalität“ sind Kernlinien der Überlegungen. Eine kritische Gegenwartsdiagnose unternimmt Gesa Lindemann in „Die Verschränkung von Leib und Nexistenz“. Indem über immer mehr Tätigkeiten in der analogen Welt digitale Daten gesammelt werden, entsteht parallel zur Existenz eine Netzexistenz – die Nexistenz. Diese Nexistenz ist mit dem Menschen jedoch verbunden, indem der verkörperte Leib des Menschen im digitalisierten Raum wie in der digitalisierten Zeit stets exakt verortbar ist. Die Verschränkung des in der Raum- Zeit verortbaren Leibes mit der Nexistenz führt in eine Ära der „Totalöf- Einleitung – Mensch und Welt im Zeichen der Digitalisierung 11 fentlichkeit in der Matrix der digitalen Raumzeit“, die von einer plural-panoptischen Überwachung geprägt ist. Die Epoche individueller Freiheit, die als Versprechen mit der Moderne verknüpft war, geht damit zu Ende. Die Texte im zweiten Teil des Bandes schließen an diese gesellschaftstheoretische Frage nach der Freiheit an, indem sie „Autonomie“ im Zeichen von Digitalisierung untersuchen. Katharina Block geht in Ihrem Beitrag „Überformung des Selbst? Exzentrische Positionalität im Zeichen der Digitalisierung“ der Frage einer Überformung exzentrischer Positionalität im Zeichen der Digitalisierung nach. Mit dem Digitalen entstehe zwar eine messbare Repräsentation, Telepräsenz impliziere jedoch gerade keine neue Form der Doppelaspektivität. Die Begründung dieser These erfolgt dabei im Rahmen der Stufenlogik Plessners. Entgegen einer Festlegung von Selbst-Welt-Verhältnissen macht sie mit Plessner stark, den Menschen als Bedeutungsform offen zu halten. Der Cyborg wäre dann gerade keine neue Form des Doppelaspekts, könnte sich aber durchaus als eine neue Bedeutungsform des Menschen zeigen. In ihrem Beitrag „Auswirkungen der digitalen Selbstvermessung. Ein Eingriff in die Autonomie des Menschen“ schließt Josefine Kulbatzki hier an und fragt nach Auswirkungen der digitalen Selbstvermessung: Technik greift in den Vorgang des Bewusstwerdens des Selbst ein, indem sich das Selbst nun zumindest auch über sein digital optimiertes Abbild reflektiert. Dies führt zu einem Verlust des Selbstgefühls und zu einem Verlust eigenen Willens: Indem der Mensch die Überprüfung von Handlungen auf Algorithmen basierenden Prozessen überlässt, beruht Autonomie immer weniger auf Selbstreflexivität und wird vielmehr zunehmend von außen über eine Reflexion des digitalen Selbst bedingt. Jessica Sennholz nimmt das Verhältnis von Autonomie und Entscheidung kulturtheoretisch in den Blick. In Ihrem Beitrag „Digitale Entscheidungsassistenten als Lösung moderner Entscheidungszwänge? Anthropologische Reflexion der Moderne“ untersucht sie die Etablierung und Konservierung personaler Identitäten im Netz. Kultur sei entstanden als Instrument zur Reduktion von Kontingenz, mit der Entwicklung virtueller Identitäten werde sie jedoch zunehmend auch Auslöser von Kontingenz. Gerade in den Fällen, in denen Technik sich als Antwort geriert, besteht zumindest auch die Gefahr einer Beeinflussung des Menschen durch die Gesellschaft. Digitalisierung ist nicht nur ein technisches Phänomen, verändert aber zugleich Welt nicht zuletzt, indem es als auch-technisches Phänomen Technik verändert. Die Überlegungen im dritten Teil „Technik“ gehen eben diesen Veränderungen nach. In seinem Beitrag „Die natürliche Künstlichkeit der Mensch-Roboter-Interaktion als leiblich erfahrbare Irritation des anthropologischen Quadrats“ untersucht Andreas Bischof die Robotik als re- Burow, Daniels, Kaiser, Klinkhamer, Kulbatzki, Schütte, Henkel 12 entry der Leiblichkeit in die Digitalisierung. Während Roboter in Alltagsdiskursen als unmittelbares Gegenüber behandelt werden, zeigt der Blick in die Labore der Ingenieurinnen und Ingenieure, dass Roboter für Alltagswelten technisch nicht unmittelbar bevorstehen. Diese Diskrepanz macht deutlich, dass das Lösungspotenzial von Robotern weit überschätzt wird. Bischof nimmt dies als Ausgangspunkt, um den reduktionistischen Zugang zu Interaktion in der Sozialrobotik zu überwinden. Vermittels ihrer affektiven Leiblichkeit können Roboter als Diskursobjekt zur Beobachtung des utopischen Standorts dienen, gerade wegen ihrer künstlichen Natürlichkeit. Richard Paluch geht in seinem Beitrag „Die technisch vermittelte Umweltbeziehung des leiblichen Selbstes in virtuellen Welten“ auf die Wechselbezüge von Technik und Umwelt ein. Hierbei öffnet er eine weitere Perspektive auf das Verhältnis von Mensch und Welt im Zeichen der Digitalisierung. Mit Plessners Konzept der „vermittelten Unmittelbarkeit“ schlägt er vor, nach dem Realitätserleben in virtuellen Welten zu fragen. Die Wirkung audio-visueller Simulationen für die wissenschaftliche Technikentwicklung wird in diesem vor allem empirisch-ethnografisch argumentierenden Beitrag deutlich. Abschließend stellt Yannick Schütte in seinem Beitrag „Richtungslose Relationen. Über die Beziehung von Mensch und technischem Objekt“ den technik- und materialitätsbezogenen Ansatz Plessners in Bezug zu anderen aktuell diskutierten, vor allem poststrukturalistischen Ansätzen. Ausgehend von der antidualistischen Philosophie, die Plessner in den Stufen des Organischen entwirft, werden Bezüge zu verschiedenen Theorien deutlich, etwa jenen von Jean-Luc Nancy, Gilbert Simondon, Gilles Deleuze und Karen Barad. Digitalisierung und Künstliche Intelligenz sind insgesamt als etwas zu sehen, das viel über die menschliche Konstitution aussagt, nämlich die Vernetzung des Subjekts als Metapher für die Wesensart des Menschen. Zu den thematischen Feldern Gesellschaft, Autonomie und Technik können, wie deutlich wurde, ausgehend von Plessners reflexiver philosophischer Anthropologie wesentliche Einsichten mit Blick auf Digitalisierung erlangt werden. Es handelt sich dabei um traditionelle Themenfelder, zu denen mit Plessner eine spezifische Perspektive beigetragen werden kann. Eine Fragestellung, die sich hingegen im Sinne eines Alleinstellungsmerkmals aus Plessners Theorie ergibt, betrifft die Frage, ob und inwieweit Digitalisierung eine neue „Stufe“ hervorbringt, die exzentrische Positionalität überformt. Dem gehen die Beiträge im vierten Teil des Bandes nach. Jos des Mul diskutiert in seinem Beitrag „Polyzentrizität und Poly(ex)zentrizität: neue Stufen der Positionalität? Zu Telerobotern, Craniopagus-Zwillingen und globalen Gehirnen“ die These einer „exzentrischen Positionalität 2.0“ und aktualisiert damit seine vielfach rezipierte These der po- Einleitung – Mensch und Welt im Zeichen der Digitalisierung 13 ly(ex)centricity. So ist im Falle von Telerobotern nicht von einer „polycentric positionality“ auszugehen, da hier letztlich nur eine exzentrische Positionalisierung vorliegt, es ist also nach besseren Beispielen zu suchen. Eine natürliche „polycentricity“ findet sich hingegen bei sozialen Insekten. Auch im Falle von Hiroshi Ishiguros geminoiden Roboter besteht lediglich eine Illusion der Poly-Exzentrik anstatt einer tatsächlich polyzentrischen Exzentrizität. Eine reale Poly-Exzentrizität lässt sich jedoch vielleicht im Falle von jenen seltenen Craniopagus-Zwillingen beobachten, die mit ihrem Gehirn verbunden sind. Insgesamt gilt es, die Vielfalt von Phänomenen zu differenzieren und zwischen unterschiedlichen Typen der Positionalität zu unterscheiden. An diese an beispielhaften Phänomenen orientierten Untersuchung möglicher polyexcentricity schließt der eher systematische Beitrag von Johannes Frederik Burow an. Die im Titel „The Next Step. Können digitale Entitäten als eine neue Stufe im Sinne der Philosophischen Anthropologie Helmuth Plessners verstanden werden?“ gestellte Frage diskutiert er mit Bezug auf digitale Entitäten (durch Robotik verkörperte KI), indem er prüft, inwieweit diese die Kriterien der Innenwelt, Außenwelt und Mitwelt sowie der drei anthropologischen Grundgesetze erfüllen. Diese analytische Diskussion macht deutlich, dass zwar einzelne Aspekte teilweise erfüllt werden, insgesamt digitale Entitäten jedoch nicht einmal die Stufe der exzentrischen Positionalität erreichen, deren Erfüllung nach Plessner das Hervorbringen einer neuen Stufe voraussetzt. Die beiden Aufsätze verhalten sich komplementär zueinander und unterstreichen gerade zusammen genommen, dass nicht künstliche Intelligenz allein bereits eine Überformung exzentrischer Positionalität darstellt. Der abschließende fünfte Teil des Bandes kommt aus zwei verschiedenen Perspektiven auf den „Mensch“ zurück. In seinem Beitrag „Philosophische Anthropologie im digitalen Zeitalter: Tier-/Mensch-, Maschine-/ Mensch-, Mensch-/Mensch-Vergleich“ geht Joachim Fischer davon aus, dass sich der Maschine-/Mensch-Vergleich als Untersuchungsdimension zur Kennzeichnung der Sonderstellung des Menschen aufdrängt, wenn im digitalen Zeitalter die „Maschinen“ wie nie zuvor die menschliche Lebenswelt umzingeln und den „Menschen“ durchdringen. Der Beitrag bezieht diesen diagonalen Maschine-/Mensch-Vergleich neben dem vertikalen Tier-/Mensch-Vergleich und dem lateralen Mensch-/Mensch-Vergleich in das methodische Verfahren der Philosophischen Anthropologie mit ein, um in dieser Triangulierung die komplexe Eigenart des „Menschen“ beschreibbar zu machen. Ebendies, ein Beschreibbarmachen des Menschen, steht auch im Mittelpunkt des abschließenden Beitrags von Sylvie Boisseau und Frank Westermeyer. Die beiden Künstler gehen in ihrem Beitrag „Exzentrische Positionalität im Video. Was kann die Beschäftigung mit Pless- Burow, Daniels, Kaiser, Klinkhamer, Kulbatzki, Schütte, Henkel 14 ner für die Kunst bringen?“ der Frage nach, wie sich das von ihnen entwickelte filmische Verfahren einer nicht-subjektivierenden Erzählweise mit Plessners exzentrischer Positionalität beschreiben lässt, wie sich die Exzentrizität des Menschen von seinem Zentrum bildnerisch ausdrückt und wie sich aus Plessners anthropologischen Grundgesetzen video-gestalterische Elemente herleiten lassen. Gerade in diesem Blick aus der Kunst wird deutlich wie das Fantasielebewesen Mensch an der Vielfalt seiner Möglichkeiten auch erstarren kann. Literaturverzeichnis Lindemann, Gesa. 2014. Weltzugänge. Die mehrdimensionale Ordnung des Sozialen. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft. De Mul, Jos. 2014. Philosophical Anthropology 2.0. Reading Plessner in the Age of Converging Technologies. In Plessner's Philosophical Anthropology. Perspectives and Prospects, Hrsg. Jos de Mul, 457-475. Amsterdam: Amsterdam University Press. Einleitung – Mensch und Welt im Zeichen der Digitalisierung 15

Chapter Preview

Schlagworte

Stufen, Hybrid, Organik, Helmuth Plessner, Mensch, Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, Gesellschaft, Technik, Soziologie, Anthropologie, Philosophie

References

Zusammenfassung

Digitalisierung wird im vorliegenden Band aus der Theorieperspektive der Philosophischen Anthropologie Plessners betrachtet. Damit geht es im Kern darum, ob und inwieweit sich das Verhältnis von Mensch und Welt im Zeichen von Digitalisierung verändert. Die Verwendung unterschiedlicher Theoriefiguren, Thesen und Themenstellungen aus Plessners Werk erlaubt, die Vielfalt dessen, was mit Digitalisierung verbunden wird, zu systematisieren. Indem mit Plessner der Mensch verstanden wird als exzentrisch positionales Selbst, das Kognitives und Materiales verbindet, steht im Mittelpunkt, wie sich der Mensch eine Welt schafft, die ihn selbst potentiell überformt. Gesellschaft, Autonomie, Technik, Stufen (im plessnerschen Sinne) und schließlich der Mensch selbst sind die fünf Aspekte, die in den verschiedenen Beiträgen entfaltet werden: Was sind Charakteristika einer digitalen Gesellschaft? Geht die Epoche individueller Freiheit zu Ende? Was bedeutet Digitalisierung für die Autonomie des Menschen? In welches Verhältnis treten Mensch und Technik? Bringt Digitalisierung eine neue Stufe superior des Menschen hervor? Und wo bleibt der Mensch in der Digitalisierung?

Mit Beiträgen von

Gesa Lindemann, Jos de Mul, Joachim Fischer, Anna Henkel, Katharina Block, Andreas Bischof.

Schlagworte

Stufen, Hybrid, Organik, Helmuth Plessner, Mensch, Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, Gesellschaft, Technik, Soziologie, Anthropologie, Philosophie