Claudia Brunner, Epistemische Gewalt. Konturierung eines Begriffs für die Friedens- und Konfliktforschung in:

Cordula Dittmer (Ed.)

Dekoloniale und Postkoloniale Perspektiven in der Friedens- und Konfliktforschung, page 25 - 59

Verortungen in einem ambivalenten Diskursraum

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8487-4917-1, ISBN online: 978-3-8452-9130-7, https://doi.org/10.5771/9783845291307-26

Series: Sonderband der "Zeitschrift für Friedens- und Konfliktforschung"

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Claudia Brunner Epistemische Gewalt Konturierung eines Begriffs für die Friedens- und Konfliktforschung Dieser Beitrag greift den in post- und dekolonialen Debatten gängigen Begriff der epistemischen Gewalt auf, um ihn für die Friedens- und Konfliktforschung nutzbar zu machen. Ausgehend vom Befund einer zunehmenden Verengung des Gewaltbegriffs wird dargelegt, inwiefern dessen Weitung entlang der Dimension des Wissens lohnend ist. Nach der einleitenden Vorstellung der Konzepte »Kolonialität des Wissens« und »Kolonialität der Macht« wird diesen die potenzielle Komplizenschaft der Friedens- und Konfliktforschung mit eben jener Kolonialität gegenübergestellt. Einer Diskussion von Annäherungen an epistemische Gewalt im Fach selbst folgt ein Überblick über post- und dekoloniale Konzeptionalisierungen des Begriffs. Abschließend wird die implizite Annahme der Gewaltfreiheit von Wissenschaft problematisiert und für eine friedenswissenschaftliche Beschäftigung mit epistemischer Gewalt argumentiert. Schlagworte: epistemische Gewalt, Kolonialität, Wissen, Macht, Gewaltfreiheit Gewalt weiter denken Auseinandersetzungen über die angemessene Enge oder Weite des Gewaltbegriffs begleiten die Friedens- und Konfliktforschung (in Folge: FuKF) seit ihren Anfängen (vgl. Bonacker/Imbusch 2010: 81-106; Narr 1988; Schwerdtfeger 2001: 79-87; Weller 2003). In den Konjunkturen dieser Debatte spiegeln sich heterogene politische und wissenschaftliche Positionen wie auch divergierende epistemologische Grundlagen wider (vgl. Jeong 1999). Letztlich ist es aber ein enger, auf direkte und physische Formen von Gewalt fokussierender Begriff, der das von politikwissenschaftlichen Paradigmen dominierte Fach prägt (vgl. Brunner 2016 a; 2016 b). Argumentationen für eine stärkere Berücksichtigung weiter Gewaltbegriffe, etwa im Anschluss an Johan Galtung (1975; 1990) zu struktureller und kultureller Gewalt, die indirekte Gewaltformen psychologischer, symbolischer, sprachlicher, diskursiver, visueller oder auch epistemischer Art ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken, konnten sich bislang nicht dauerhaft durchsetzen. Deren 1. Zeitschrift für Friedens- und Konfliktforschung, Sonderband 2, S. 25 – 59 25 Rezeption verbleibt zumeist an den Rändern des Fachs, etwa in feministischen Debatten (vgl. Batscheider 1993; Davy et al. 2005; Engels/Gayer 2011). Außerhalb davon artikuliert sich die Ablehnung eines weiten Gewaltbegriffs oft als Befürchtung, dass dieser nicht ausreichend operationalisierbar sei (vgl. Koloma Beck/Schlichte 2014), oder dass mit einem allzu weiten Gewaltverständnis der für Teile der FuKF konstitutive Horizont gewaltfreien Handelns verunmöglicht werde (vgl. Brock 2002). Ein weiterer Einwand gegen weite Gewaltverständnisse rührt von der Verfasstheit der FuKF selbst her, deren Institutionen und Akteur_innen mitunter in einem materiellen und/oder kognitiven Näheverhältnis zu Sicherheitspolitik und Militär stehen (vgl. kritisch Nagel 2009; Exo 2009) und damit weitgehend den Paradigmen der Internationalen Beziehungen folgen, deren Gewaltbegriff explizit oder implizit eng ist und auf direkte physische Gewalt fokussiert. Darüber hinaus fallen im deutschen Begriff Gewalt die beiden Dimensionen von Ordnungsbegründung (power) und Ordnungszerstörung (violence) ineinander, die in anderen Sprachen vermeintlich klar voneinander getrennt erscheinen (vgl. Imbusch 2002: 26). Ein weites Begriffsumfeld von Zwang, Kraft, Konflikt, Macht und Herrschaft verkompliziert die Debatte. In diesem Spannungsfeld expliziter und impliziter Gewaltdefinitionen tummeln sich zahlreiche Vorstellungen davon, was als Gewalt zu verstehen und wie diese zu erklären sei. Anstatt dies als Hindernis für eine möglichst präzise Definition von Gewalt zu konstatieren, halte ich die begrifflich-sprachliche Ambivalenz für einen produktiven Ausgangspunkt, sowohl für eine erneute Hinwendung zu bereits bekannten weiten Gewaltbegriffen als auch für Überlegungen zu jeglicher Form von Gewalt. Gewalt als relational (vgl. Staudigl 2013) und prozesshaft zu fassen, erscheint zwar nicht einfacher, aber den Fragen und Gegenständen der FuKF doch angemessener, zumal die zahlreichen mit dem Begriff Gewalt bezeichneten Einzelphänomene ohnehin nicht trennscharf voneinander abzugrenzen sind und von analytischen Begriffen nur notdürftig durchdrungen werden können. Epistemische Gewalt, also die Gewaltförmigkeit von Wissen(schaft) selbst, die in der post- und dekolonialen1 Theorietradition eine wichtige Rolle spielt, hat in der FuKF noch keinen festen Ort der Auseinandersetzung gefunden. Zugleich ist epistemische Gewalt tief in die Grundlagen des Fachs eingelagert, in seine Theorien, Methoden, Epistemologien und Praktiken. Epistemische Gewalt muss in der FuKF also in zweierlei Hinsicht thematisiert werden: einerseits als zu untersuchendes Phänomen in seiner Verwobenheit mit anderen Formen von Gewalt, die 1 Zu Abgrenzungsdebatten zwischen post- und dekolonialen Autor_innen siehe Castro Varela/ Dhawan (2015: 318-326). Epistemische Gewalt 26 den Gegenstandsbereich des Fachs abstecken (Wie wirkt epistemische Gewalt?), und andererseits als erst zu entwickelnder theoretischer Begriff, mit dem dieses Phänomen angemessen benannt und beschrieben werden kann (Was ist epistemische Gewalt?). Vorerst definiere ich epistemische Gewalt als jene Dimension gewaltförmiger gesellschaftlicher Verhältnisse, die im Wissen selbst, in seiner Genese, Ausformung, Organisation und Wirkmächtigkeit angelegt ist (Brunner 2013: 228-229). Der schillernde Begriff epistemische Gewalt inkludiert also epistemologische, theoretische und konzeptionelle Aspekte ebenso wie politische, wissenssoziologische, institutionelle und ökonomische. Er gibt Auskunft nicht nur über die Inhalte unseres Wissens, sondern auch über deren Genese und Dynamik im Zusammenspiel mit Strukturen, Akteur_innen und Diskursen. Er lenkt die Aufmerksamkeit auf die Selbstverständlichkeiten, die unser Wissen als unsichtbare Normen oder als vernachlässigte Rahmenbedingungen hervorbringen und begleiten. Zugleich fungiert das Phänomen epistemische Gewalt als Netz, als Kitt, als Scharnier, als Schnittstelle zwischen unterschiedlichen Formen und Dimensionen von Gewalt in ihrer Vielschichtigkeit, Uneindeutigkeit, Relationalität und Prozesshaftigkeit. Diese analytisch voneinander zu isolieren, wie es Wissenschaft notwendigerweise tut, macht in Hinblick auf die nähere Betrachtung von epistemischer Gewalt jedoch nur dann Sinn, wenn die einzelnen Bestandteile auch wieder in ein Verhältnis zueinander gesetzt und darüber hinaus mit der impliziten Annahme der Gewaltfreiheit von Wissen(schaft) konfrontiert werden. Dies stellt einen ersten Schritt in Richtung der viel grundlegenderen Forderung nach einer Dekolonisierung (vgl. Gutiérrez Rodríguez et al. 2010; Decoloniality Europe 2013; Ling 2014) von Wissen(schaft) dar. Den Begriff epistemische Gewalt für die FuKF in diesem Sinne plausibel und anschlussfähig zu machen ist das Ziel der hier dargelegten Argumentation. Er soll erstens dazu dienen, die von ihr analysierten Gewaltereignisse und -prozesse von einem neuen Blickwinkel aus zu betrachten. Zweitens kann die Beschäftigung mit epistemischer Gewalt dazu beitragen, die für die FuKF bedeutsame Frage nach dem Verhältnis von Gewalt und Gewaltlosigkeit in einen größeren Kontext zu stellen. Dies impliziert auch eine kritische Selbstbetrachtung des Fachs und seiner gegenwärtigen Herausforderungen im »System organisierter Friedlosigkeit« (Senghaas 1968: 460). Drittens soll dieser Auseinandersetzung eine Beschäftigung mit konkreten Phänomenen epistemischer Gewalt folgen, um diese als explizite Gegenstände der FuKF benennen und in Verwobenheit mit anderen Gewaltformen analysieren zu können. Kapitel 1.1 führt in zwei wichtige Begriffe aus der lateinamerikanischen Modernidad/Colonialidad-Debatte dekolonialer Ansätze ein (vgl. Quintero/Garbe Claudia Brunner ZeFKo-Sonderband 2 27 2013): die »Kolonialität der Macht« und die »Kolonialität des Wissens« (vgl. Germaná 2013; Quijano 2010). In der deutschsprachigen FuKF wird diese Tradition, ebenso wie die zu postkolonialer Theoriebildung (vgl. Engels 2014), erst seit kurzem rezipiert (vgl. Brunner 2016 a; Exo 2017). Um diese Leerstelle in Bezug auf die Auseinandersetzung mit epistemischer Gewalt zu skizzieren, werden in Kapitel 2 vereinzelt zu findende Definitionsversuche epistemischer Gewalt aus der FuKF vorgestellt und deren Stärken und Schwächen ausgelotet. Das Verhältnis von Wissen und Macht und die Frage nach den konkreten Formen von Gewalt, die dieses Verhältnis ebenso hervorbringen wie auch absichern oder erschüttern, bilden einen zentralen Ausgangspunkt für post- und dekoloniale Perspektiven. Deren konzeptionelle Annäherungen an epistemische Gewalt werden in Kapitel 3 erläutert. Kapitel 4 führt die Debatte zurück zur Frage der Gewaltfreiheit, die für die FuKF eine besondere Herausforderung darstellt.2 »Kolonialität der Macht« und »Kolonialität des Wissens« Das Konzept der »Kolonialität der Macht« des peruanischen Soziologen Aníbal Quijano (2000) bildet einen Knotenpunkt der von Lateinamerika ausgehenden Debatte um die Moderne und ist auch Ausgangspunkt für ein um die Dimension des Wissens erweitertes Gewaltverständnis. Die Moderne wird dabei als Projekt der Kolonisierung, Unterwerfung, Ausbeutung und Vernichtung analysiert – und nicht als jene emanzipatorische Leistung und Zivilisierung der Welt bestätigt, als die sie in eurozentrischen Debatten verstanden wird. Gewalt ist der Moderne also inhärent, und dies in zahlreichen Formen. Aus post- und dekolonialer Perspektive kann Gewalt – in welcher Form auch immer – nicht abgetrennt von der colonial condition analysiert werden, in der sie sich entfaltet (hat), in die sie eingebettet ist, und die auch unsere Wege zu ihrem Verständnis prägen. Dies will ich im Folgenden mit Pablo Quintero und Sebastian Garbe (2013) näher erläutern und in Hinblick auf mein Erkenntnisinteresse an epistemischer Gewalt erweitern: Aus einer dekolonialen Perspektive werden die Ursprünge der Moderne in der gewaltsamen Eroberung Amerikas und der darauf basierenden europäischen Hegemonie über den Atlantik ab dem 16. Jahrhundert verortet. Moderne und Kolonialität sind also co-konstitutiv, weshalb Gewalt kein Störfall der Moderne, son- 1.1 2 Dieser Text entstand im Rahmen des vom Wissenschaftsfonds der Republik Österreich (FWF) geförderten Forschungsprojekts »Theorizing Epistemic Violence« (Projektnummer V. 368-G15, vgl. epistemicviolence.info; 2.2.2018). Für Diskussionen vorangegangener Versionen danke ich Helmut Krieger, Mechthild Exo und Laura Appeltshauser. Danke auch für die Kommentare der Herausgeber_innen und Gutachter_innen. Epistemische Gewalt 28 dern bereits ihrer Genese zutiefst eingeschrieben ist. Diese Verschränkung wird als grundlegende Bedingung für die Entwicklung des kapitalistischen Weltsystems betrachtet, das sich mit seinen Ausbeutungs- und Akkumulationsmechanismen global durchgesetzt hat und bis heute anhält. Die auf vielfache Weise gewaltförmigen Ursprünge der weltweit durchgesetzten Moderne verschwinden jedoch in dominanten eurozentrischen Narrativen, indem die Moderne immer wieder als Errungenschaft von (französischer) Aufklärung, (britischer) industrieller Revolution oder (deutscher) Reformation erzählt wird. Es scheint, als stünden diese Entwicklungen in keinerlei Relation zu jenen Kolonialpolitiken, die sowohl die konzeptionelle und geopolitische Hervorbringung als auch den ökonomischen und kulturellen Aufstieg Europas zum nachzuahmenden Erfolgsmodell für die ganze Welt überhaupt erst ermöglicht haben (vgl. Boatcă/Costa 2010). Damit kommt auch die Dimension des Wissens ins Spiel. Der zuerst kolonialen und später imperialen Asymmetrie in Wirtschaft und Politik liegt nämlich nicht nur die Ausbeutung und physische Vernichtung von Menschen, sondern auch die systematische Subalternisierung und Auslöschung von Wissens- und Seinsformen der kolonisierten Bevölkerungen zugrunde. Dieser »Epistemizid« (Santos 2014) wiederum wurde mit einer spezifischen Form sozialer Klassifizierung und Hierarchisierung durchgesetzt. Dies hat sich zuerst in der Logik des Katholizismus und später in jener der sich allmählich herausbildenden Wissenschaften artikuliert und mittels massiver Gewaltpraktiken etabliert (vgl. Grosfoguel 2013). Das aus dekolonialer Perspektive bis heute wirkmächtigste Instrument dieses Prozesses ist die Hervorbringung der Idee von »Rasse«, die mit ihrer gewaltsamen Implementierung in unzähligen kolonialen Praktiken der Macht, des Wissens und des Seins zur Grundlage einer globalen Arbeitsteilung und des kapitalistischen Weltsystems geworden ist.3 Schließlich hat das erfolgreiche koloniale Machtmuster auch seine eurozentrische Wissensform und die damit einhergehende rassistische und vergeschlechtlichte Produktionsweise von spezifischen Subjektivitäten im Verlauf von 500 Jahren über die ganze Welt ausgebreitet und damit weit mehr als nur ökonomische Auswirkungen hervorgerufen (vgl. Federici 2012). Ein Verständnis von Globalisierung, das auf der Annahme einer modernen (europäischen) Errungenschaft von allmählich weltweit gleichmäßig verteilter Partizipation und Repräsentation als Folge von Aufklärung und Fortschritt beruht, ist also nichts anderes als eine Verallgemeinerung und Transformierung eines ganz spezifischen und zutiefst gewaltförmigen Modus von Welt und Sein. Auf den Punkt gebracht: Wissen- 3 Zur »Kolonialität des Seins«, die diese beiden Konzepte im dekolonialen Theoriegebäude komplettiert, siehe Maldonado-Torres (2000). Claudia Brunner ZeFKo-Sonderband 2 29 schaftlich normalisierter Rassismus/Sexismus und die damit einhergehende Durchsetzung von globaler Arbeitsteilung und Ressourcenallokation sichern jene Ausbeutungsverhältnisse, Unterdrückungsformen und Subjektivierungsweisen, die mit den geopolitischen Entscheidungen und Unternehmungen weißer europäischer Eliten vor 500 Jahren ihren Anfang genommen haben (vgl. Lugones 2007; Quijano 2010; Federici 2012; Grosfoguel 2013). Die in einer solchen Form der Globalisierung anzutreffenden manifesten und materiellen Dimensionen von Gewalt werden also von der »Kolonialität des Wissens« mit hervorgebracht (vgl. Germaná 2013; Grosfoguel 2013; Lander 1993). Damit rückt die Frage nach epistemischer Gewalt in den Blick, also nach jener Gewaltförmigkeit, die dem Wissen selbst innewohnt. Ebenso wie in postkolonialen Theorien, die die Kolonisierung Asiens, Afrikas und der arabischen Welt im 19. und 20. Jahrhundert zum Ausgangspunkt nehmen, spielt der Zusammenhang von Wissen, Macht, Herrschaft und Gewalt auch für dekoloniale Theoriebildung lateinamerikanischen Ursprungs eine zentrale Rolle.4 Diese datiert die Anfänge des Problems jedoch auf die 400 Jahre zuvor erfolgte europäische Expansion in die Amerikas zurück und beschreibt sie als Möglichkeitsbedingung für die spätere Expansion nach Asien und Afrika und die Globalisierung des kapitalistischen Weltsystems. Der mit diesem Prozess einhergehenden Etablierung wissenschaftlicher Disziplinen, Institutionen und Praktiken und dem so generierten Wissen wird dabei besonderes Augenmerk gewidmet (vgl. The Gulbenkian Commission 1996; Gutiérrez Rodríguez et al. 2010). Die modern-säkularisierten Wissenschaften haben die christlich-religiös imprägnierten Wissenssysteme der Anfänge des Kolonialismus abgelöst und auf der Basis der cartesianischen Trennung von Körper und Geist ein rationalisiertes Weltverstehen durchgesetzt, das heute als seiner gewaltvollen Ursprünge bereinigt und neutral erscheint (vgl. Grosfoguel 2013; Maldonado-Torres 2000). Diese Universalisierung der partikularen eurozentrischen Perspektive tendiert aus epistemologischen und politischen Gründen dazu, (post)koloniale Hierarchien zu reproduzieren und gewaltdurchdrungene Normalitäten von Macht und Wissen zu bestätigen. Im Gegensatz zur historisch abgeschlossenen Zeit des Kolonialismus beschreibt der Zustand der Kolonialität einen anhaltenden Zustand, der weit über die als beendet betrachteten politischen Dekolonisierungsprozesse hinausgeht und nachhaltig in unseren Wissenssystemen und 4 Für einen systematischen Überblick, insbesondere zum Diskussionszusammenhang der Colonialidad/Modernidad-Gruppe, siehe Garbe (2013 a). Epistemische Gewalt 30 deren Praktiken wirksam ist.5 Dies trifft konsequenterweise auch auf die FuKF zu, die nicht außerhalb der hier skizzierten Kolonialität der Macht existiert und infolgedessen auch die Kolonialität des Wissens nicht einfach abstreifen kann. Das post in postkolonial benennt in dieser Lesart also keine zeitlich abgeschlossene und damit gänzlich überwundene Phase der Menschheitsgeschichte, sondern vielmehr die weitverzweigten Kontinuitäten zwischen jetzt und einst, zwischen hier und dort. Darüber hinaus handelt es sich bei der daraus folgenden Kolonialität des Wissens auch nicht nur um ein Problem für die Kolonisierten, die Peripherien, die Marginalisierten, die ihrerseits Objekte der FuKF sind. Sie betrifft auch die Forschungssubjekte selbst, die Zentren der Wissensproduktion, die Sprechpositionen von Autorität und Expertise und die Institutionalisierungen und Wirkungsweisen, in denen diese anhaltende Kolonialität ihren Ausdruck findet. Das de in dekolonial wiederum beschreibt den Horizont der potenziellen Überwindung dieser Kolonialität des Wissens, die notwendigerweise mit der Infragestellung der ebenfalls anhaltenden Kolonialität der Macht einhergeht – und umgekehrt. Das eine kann nicht ohne das andere erfolgen. Bei der Dekolonisierung der Macht handelt sich also um einen Prozess, der einige Zeit in Anspruch nehmen, Widerständen begegnen und Rückschläge erleiden wird, und in dem das ambitionierte Vorhaben einer Dekolonisierung des Wissens eine wichtige Rolle spielt. An der »Unterseite der Moderne« (Maldonado-Torres 2008), also in den Peripherien, in den sozialen Bewegungen, im Widerstand gegen Ausbeutungsverhältnisse vor allem im Globalen Süden, hat dieser Prozess schon lange begonnen. Er hat nicht weniger vor Augen als die Utopie eines gerechten Lebens für alle, dessen Verhei- ßung vom kapitalistischen Weltsystem nicht erfüllt wird (vgl. Grosfoguel 2008). Komplizenschaft der Friedens- und Konfliktforschung Aus Perspektive einer »Hegemonie(selbst)kritik« (Dietze 2008) muss also auch im Globalen Norden nach der colonial condition gefragt werden, welche auch die FuKF historisch geprägt hat und bis heute in ihr wirksam wird. Ein weiter Gewaltbegriff, der die Kolonialität des Wissens berücksichtigt, kann den Prozess der Dekolonisierung der Macht begleiten, die ein explizites Anliegen post- und dekolonialer Ansätze darstellt. Doch in ihrer gegenwärtigen Verfasstheit und ihrem Fokus auf direkte und physische Gewalt scheint die sich zunehmend professionalisierende Disziplin der FuKF bisweilen eher Komplizin der Kolonialität als Weg- 1.2 5 Wie Robert Young mit Verweis auf zahlreiche Beispiele von den nordamerikanischen First Nations bis zur Westsahara treffend bemerkt, ist auch der politische Prozess der Dekolonisierung noch nicht vollständig abgeschlossen (Young 2006: 3-4). Claudia Brunner ZeFKo-Sonderband 2 31 bereiterin der Dekolonisierung zu sein. Mit zunehmender Institutionalisierung hat sich ihr Verständnis von Gewalt, das im Wechselverhältnis mit breiten sozialen Bewegungen in den 1970er und 1980er Jahren auch eine weite Phase durchlaufen hat (vgl. Galtung 1975; Krippendorff 1968; Senghaas 1968), wieder verengt. In dieser Verengung ähnelt sie der ihr verwandten und noch stärker von Realismus und Positivismus geprägten Disziplin der Internationalen Beziehungen (vgl. kritisch Appeltshauser 2013). In diesem Umfeld wird Gewalt vorrangig im außenpolitischen Anderswo (in sogenannten gescheiterten oder Schurkenstaaten), im entwicklungspolitisch fokussierten Globalen Süden (der zu entwickeln und zu demokratisieren sei) oder im innenpolitischen Sicherheits- und Kulturrisiko Migration (das vermeintlich kulturell bedingte Formen von Gewalt in das ebenfalls qua Kultur als gewaltfrei vorgestellte Abendland zu importieren droht) verortet und von jenen strukturellen, symbolischen und epistemischen Dimensionen von Gewalt abgetrennt, die ihrerseits eine relationale Verwobenheit mit dem Hier und Wir sichtbar machen würden. Je enger und isolierter der Gewaltbegriff, so mein Argument, umso anfälliger ist er auch für Komplizenschaft mit epistemischer Gewalt, die als stille Norm im Hintergrund wirkt und damit auch andere Gewaltformen normalisiert. Denn wenn Gewalt lediglich als Störung verstanden wird, die – auch mit Hilfe wissenschaftlicher Expertise – wieder in Ordnung zu bringen sei, wird die Gewaltförmigkeit eben jener (Wissens)Ordnung selbst unsichtbar. Doch auch ein simpler Umkehrschluss dieser These ist nicht zulässig, denn ein weiter Gewaltbegriff allein garantiert noch nicht die Überwindung der Kolonialität des Wissens, wie etwa Meera Sabaratnam (2013) an der auch kritischen Debatte zum Konzept des liberalen Friedens zeigt. Ich denke, dass eine post- und dekoloniale Relektüre weiter Gewaltbegriffe, die systematisch versteht und auch erklärt, was epistemische Gewalt ist (Theorie) und wie sie in Erscheinung tritt (Empirie), die Unsichtbarkeit und Normalität epistemischer Gewaltförmigkeit einer Bearbeitung zugänglich machen kann. Diese dekonstruktive Bewegung stellt die notwendige Voraussetzung dar, um in Zukunft auch rekonstruktive Zugänge durchdenken und schließlich auch anwenden zu können. Ich werde also in einem ersten Schritt nicht vorauseilend auf den erwartbaren Einspruch zur (un)möglichen Operationalisierbarkeit epistemischer Gewalt reagieren, mit der weite Gewaltbegriffe immer wieder zurückgewiesen werden. Auch einen Imperativ der Dringlichkeit und Problemlösungsnotwendigkeit weise ich an diesem Punkt zurück, weil ich ihn selbst als eine Facette epistemischer Gewaltförmigkeit betrachte, die alternative Denkweisen von vornherein zu blockieren trachtet. Letztere Anrufung halte ich auch insofern für unangebracht, als die Epistemische Gewalt 32 Beschäftigung mit epistemischer Gewalt keineswegs mit der Relativierung direkter und physischer Gewalt einhergehen muss (vgl. Schroer 2000). Mir liegt vielmehr an einer Relationierung unterschiedlicher Formen von Gewalt. Dies erfordert ein Ausloten der Frage, was epistemische Gewalt überhaupt ist, als was wir sie verstehen und wie wir sie greifen oder begreifen können. Epistemische Gewalt: (k)ein Thema für die Friedens- und Konfliktforschung Parallel mit den eingangs erwähnten Konjunkturen in der Gewaltdebatte beschäftigt sich die FuKF notwendigerweise auch immer wieder mit dem Verhältnis zwischen Theorie und Praxis, Wissenschaft und Politik, Forschung über und Forschung für den Frieden, Distanz und Nähe gegenüber sowohl den Geldgeber_innen als auch den Forschungsobjekten des Fachs, kurzum: dem Verhältnis zwischen Affirmation von und Kritik an Herrschaftsverhältnissen (vgl. Alfs 1995; Jaberg 2009). Letzteres ist insbesondere dann der Fall, wenn es um die direkte Militarisierung vor allem der eigenen Gesellschaft geht, etwa im Kontext von Rüstungsfragen oder Kriegseinsätzen. Diese und ähnliche Anlässe der innen- und außenpolitischen Agenda finden auch zivilgesellschaftlichen und medialen Widerhall.6 Kritik an Herrschaftswissen im Zusammenhang mit staatlicher Gewalt wird darüber hinaus auch in sozialen Bewegungen und Initiativen selbst generiert, was wiederum den Anstoß für die Erneuerung wissenschaftlicher Standortbestimmungen geben kann.7 Weniger sichtbare, indirekte Formen von Gewalt, die sich schlechter für jeweils aktuelle Problematisierungen eignen, erregen hingegen weniger politische und gesellschaftliche Aufmerksamkeit. Auch in der Wissenschaft sind sie schwieriger zu thematisieren, weil sie als nachrangig gegenüber direkter physischer Gewalt erachtet werden. Wenig überraschend ist epistemische Gewalt daher bislang weder für theoretische noch für empirische Arbeiten ein gängiger Begriff oder gar ein eigenständiges Thema. Der zumeist enge Gewaltbegriff der FuKF findet vorrangig in sozialwissenschaftlich-empirischen Arbeiten Anwendung, was wiederum mit einer nur gering ausgeprägten Theorietradition des Fachs einhergeht. Darüber hinaus sorgt auch die zweifache Annahme von Gewalt- 2. 6 Zur Kritik an der Militarisierung des Politischen siehe die wissenschaftlichen Publikationen der Informationsstelle Militarisierung e. V. (IMI), Tübingen. 7 Insbesondere Frauenbewegung und Feminismus haben eine reiche Tradition wissen(schaft)skritischer Zugänge hervorgebracht, vgl. Harding (1991); Mohanty (1991); Ernst (1999); Singer (2005); Riley et al. (2008); Enloe (1989); Mendel (2015). Zum Problemkomplex epistemischer Gewalt gehört auch die dabei erfolgende Einverleibung und Entnennung von Bewegungswissen in wissenschaftliche(r) Expertise, was ich hier jedoch nicht weiter ausführen kann. Claudia Brunner ZeFKo-Sonderband 2 33 losigkeit dafür, dass epistemische Gewalt (noch) kein Thema der FuKF ist. Damit meine ich zum einen, dass das hegemoniale eurozentrisch-aufklärende Wissenschaftsverständnis, inklusive seiner kritischen Ausprägungen, davon ausgeht, dass Wissen(schaft), ähnlich wie Politik (vgl. Arendt 1970), im Allgemeinen das Gegenteil beziehungsweise sogar ein Gegenmittel zu Gewalt darstellt. Doch gerade weil Gewalt zumeist als direkte und physische Gewalt verstanden oder erst gar nicht weiter definiert wird, kann sie vom eigenen wissenschaftlichen Tun als vollständig abgetrennt betrachtet werden. Gewalt wird dementsprechend zumeist als anderswo, anderswer und anderswas gefasst – oder, wenn doch irgendwie hier und bei uns, dann, wie im Falle der Thematisierung des Nationalsozialismus, als vergangen und überwunden, so das dominante Narrativ.8 Das durchaus thematisierte Gewaltmonopol des Staates gilt den meisten Friedens- und Konfliktforschenden als friedensförderliches Element der Zivilisierung anderer Gewaltformen (vgl. Weller 2003: 485), und die dem Staat und seinen Politiken dienenden Wissenschaften als deren Werkzeug. Zum anderen wohnt der FuKF auch ein themenspezifisches Selbstverständnis inne – in der Friedensforschung explizit, in der Konfliktforschung implizit –, das bisweilen von einer positiven Utopie der Gewaltfreiheit und von Pazifismus geprägt ist (vgl. Brücher 2008; Jaberg 2011; Narr 1983). Dies bringt starke Normen und Werte mit sich, denen die wissenschaftliche Praxis nicht immer entsprechen kann (vgl. Jaberg 2009). Schließlich werden post- und dekoloniale Perspektiven, die den Begriff der epistemischen Gewalt zwar auch noch nicht systematisiert haben, ihn aber mit großer Selbstverständlichkeit verwenden, in der FuKF erst allmählich rezipiert. Aus den genannten Gründen ruft es vor allem unter Friedensforscher_innen entsprechende Zweifel und Widerstände hervor, wenn Wissenschaft selbst als potenziell gewaltförmig thematisiert wird. So lassen sich in der FuKF auch nur wenige Stimmen finden, die einen expliziten Zusammenhang zwischen Wissenschaft und Gewalt herstellen, und noch weniger, die dies über den Begriff epistemische Gewalt tun. Im Folgenden stelle ich dahingehende Überlegungen von drei bekannten Größen des Fachs vor (Galtung 1990; Saner 1982; Reychler 2010) und lote deren Stärken und 8 Diese Beobachtung leite ich aus mehrjähriger Teilnahme an Tagungen der FuKF im deutschsprachigen sowie der IB im englischsprachigen Raum ab. Auch aus meiner Mitarbeit in der Jury des Christiane Rajewsky-Preises der AFK ergibt sich ein ähnliches Bild: Theorie ist rar und zumeist im eurozentrischen IB-nahen Kanon verortet, Empirie bezieht sich überwiegend auf entfernte Kriegs- und Krisengebiete, deren Gewaltszenarien zwar beständig in einen Gegensatz zu, kaum jedoch in ein Verhältnis der Verwobenheit mit Europa beziehungsweise der historisch als befriedet und genuin demokratisch skizzierten sogenannten westlichen Welt gestellt werden. Epistemische Gewalt 34 Schwächen im Hinblick auf eine weiterführende Theoretisierung epistemischer Gewalt aus. Epistemische als kulturelle Gewalt Johan Galtungs Konzept der strukturellen Gewalt (1975) hat entscheidend zur Weitung des Gewaltbegriffs in der FuKF und darüber hinaus beigetragen. Mit dem Fokus auf soziale Ungerechtigkeit, die aus der Differenz zwischen dem Möglichen und dem Realen sowie aus der konstatierten Latenz von Gewalt resultiert, ist die Berücksichtigung von Wissen(schaft) als potenziell relevantes Element von Gewaltverhältnissen bereits in diesem Werk angelegt. Doch der Begründer der Friedensforschung konzipiert strukturelle Gewalt vorrangig in ihrem Verhältnis zu von ihm so genannter personaler Gewalt. Die Dimension des Wissens verortet er lediglich in einer disziplinären Fragmentierung der Wissenschaften, die mit einer genuin interdisziplinären und engagierten Friedensforschung überwunden werden könne (vgl. Galtung 1975: 37-59; Lawler 1995: 47-65). Fünfzehn Jahre später kommt der cultural turn auch in der Friedensforschung an und wird von Galtung in den weitaus schwächer rezipierten Text über kulturelle Gewalt übersetzt. In seinem Aufsatz »Cultural Violence« (Galtung 1990) äußert er sich konkreter zur Dimension des Wissens, indem er das zentrale Problem der Legitimation von Gewalt thematisiert: »Cultural violence makes direct and structural violence look, even feel, right – or at least not wrong. […] One way cultural violence works is by changing the color of an act from red/wrong to green/right or at least to yellow/acceptable« (Galtung 1990: 291). Unter kultureller Gewalt versteht Galtung eine »unveränderliche Permanenz«9 (Galtung 1990: 294), die ausgeht von »jenen Aspekten von Kultur, der symbolischen Sphäre unserer Existenz, die zur Rechtfertigung von direkter oder struktureller Gewalt verwendet werden können« (Galtung 1990: 291). Damit sind »Religion und Ideologie, Sprache und Kunst, empirische und formale Wissenschaften (Logik, Mathematik)« (Galtung 1990: 291) gemeint – also ein nicht näher spezifiziertes, heterogenes Bündel an Wissensformen, das am Ende des Aufsatzes noch um »Kosmologie« und eine hier nicht näher erklärte sozialpsychologische Dimension einer »Tiefenkultur« (Galtung 1990: 301) erweitert wird.10 Als Beispiel 2.1 9 Zur leichteren Lesbarkeit wurden Zitate und Begriffe, die in den deutschen Fließtext integriert werden, von der Autorin ins Deutsche übersetzt. 10 Weiterführend zu Tiefenkultur und Kosmologie siehe Lawler (1995) und Graf (2009). Claudia Brunner ZeFKo-Sonderband 2 35 für die kulturell gewaltförmige Dimension von Wissen(schaft) führt Galtung den Zusammenhang von Sklaverei und Rassismus an. Die jahrhundertelange massive direkte Gewalt der Versklavung von Menschen aus Afrika habe massive kulturelle Gewalt hervorgebracht, die sich bis heute in unzähligen rassistischen Ideen manifestiere, so Galtung. Nach einiger Zeit würden direkte Gewalt und Sklaverei vergessen, und in heutigen Lehrbüchern fänden sich lediglich abgeschwächte Begriffe wie Diskriminierung und Vorurteil wieder. Das komme einer sprachlichen Bereinigung gleich, die selbst wiederum kulturelle Gewalt darstelle (Galtung 1990: 295). Darüber hinaus ist von Sozial- und Geisteswissenschaften als Orten kultureller Gewalt nicht die Rede; vielmehr scheinen diese, insbesondere die Friedensforschung, deren Überwindung zu versprechen. Mit dem Beispiel von Sklaverei und Rassismus umreißt Galtung nur eine Seite der dynamischen Bewegung zwischen unterschiedlichen Gewaltformen. Die wesentlichen Rahmenbedingungen für die Hervorbringung und Durchsetzung jenes Wissens, das Versklavung, Ausbeutung und Massenmord an Afrikaner_innen erst ermöglichte, bleibt in diesem Beispiel unbenannt: die koloniale Expansion Europas, die nicht nur eine militärische und ökonomische, sondern auch eine kognitive und kulturelle Unterwerfung bedeutet (vgl. Boatcă 2013). Wissen nimmt nicht nur in den Nachwirkungen, sondern auch in der Hervorbringung von Sklaverei und Rassismus eine wesentliche Funktion ein, die Galtung hinsichtlich ihrer globalen Dimension der Kolonialität (die cartesianische Trennung von Objekt und Subjekt sowie die Erfindung und Naturalisierung des Konzepts der »Rasse«) jedoch nicht berücksichtigt. Obwohl Kolonialismus als System struktureller Gewalt und das Beispiel des Rassismus angeführt werden, scheint Wissen nur eine Folge, nicht jedoch eine konstitutive Voraussetzung der Problematik kultureller und anderer Formen von Gewalt zu sein. Den Begriff epistemische Gewalt verwendet Galtung an keiner Stelle, und sein Text lässt auch keinerlei Rezeption der damals zeitgenössischen postkolonialen oder postmodernen Debatte erkennen. Mit erstaunlicher Leichtigkeit übergeht der Autor auch bereits existierende kulturwissenschaftliche Auseinandersetzungen rund um den Kulturbegriff, der bei ihm sehr diffus bleibt. Dies führt ihn bei der Frage nach der Veränderbarkeit kultureller Gewalt zu Formulierungen, die nicht nur aus post- und dekolonialer Sicht problematisch sind. Auch wenn Galtung eingangs betont, dass man von der Aussage »Aspekt A von Kultur C ist ein Beispiel kultureller Gewalt« nicht zu stereotypisierten Schlüssen wie »Kultur C ist gewalttätig« gelangen dürfe (Galtung 1990: 291), lautet sein Fazit: »Changing the cultural genetic code looks at least as difficult as changing the biological genetic code« (Galtung 1990: 301). Dieses Verständnis von Kultur und Wissen führt bei der Epistemische Gewalt 36 Theoretisierung epistemischer Gewalt nicht weiter. Vielmehr leistet der Begriff des genetischen Codes – kulturell oder biologisch verstanden – einer spezifisch eurozentrischen Kulturalisierung von Gewalt Vorschub, die aus post- und dekolonialer Perspektive selbst eine Form epistemischer Gewalt und eine Manifestation der Kolonialität des Wissens darstellt. Das grundlegende Argument jedoch, dass eine Art unsichtbare Gewalt existiere, die im Kulturellen und damit auch im Bereich des Wissens angelegt sei, ist für eine weitere Theoretisierung epistemischer Gewalt in der FuKF unverzichtbar. Epistemische als symbolische Gewalt Im Gegensatz zu Galtung spricht dessen Zeitgenosse Hans Saner zumindest an einer kurzen Stelle des Kapitels »Personale, strukturelle und symbolische Gewalt« aus dem Werk »Hoffnung und Gewalt. Zur Ferne des Friedens« (1982) auch explizit von epistemischer Gewalt. Diese lokalisiert er anhand seiner Frage nach der »Gewalt der durchgesetzten Bedeutung« (Hervorh. im Orig.; Saner 1982: 87) zwischen ästhetischer und ideologischer Gewalt, welche er gemeinsam mit religiösen Aspekten dem Konzept symbolischer Gewalt nach Pierre Bourdieu (vgl. Bourdieu/Passeron 1973) unterordnet. Symbolische Gewalt ist für ihn zentral, weil Symbolsysteme strukturelle (und schließlich auch personale) Gewalt absichern und sogar »durch eigene Gewaltformen […] zu Gewalt konditionieren« (Saner 1982: 84) würden. Um epistemische symbolische Gewalt zu erklären, vergleicht auch der Schweizer Philosoph die Wissenschaften mit der Kunst: »So wie die Kunst eine inner- und eine ausser-ästhetische [sic!] offene Flanke zur Gewalt hat, aber eigentlich durch die Offenheit ihrer Produktivität und durch die Vieldeutigkeit ihrer Werke gewaltlos sein könnte, so ist Wissenschaft nach innen und aussen [sic!] zur Gewalt offen, obwohl sie, im kritischen Bewusstsein der Voraussetzungen, der operablen Begriffe, der Methoden und der überprüfbaren Resultate, gewaltfrei sein könnte« (Saner 1982: 89). Auch wenn er sich mit den gewaltförmigen und -fördernden Dimensionen wissenschaftlicher Wissensproduktion auseinandersetzt, hält Saner als Friedensforscher an der Möglichkeit genuin gewaltfreier Forschung fest, ohne dies jedoch näher zu begründen. Damit berührt er einen wunden Punkt der Friedensforschung, für die Gewaltfreiheit ein zumindest implizites Prinzip darstellt. Die grundsätzliche Ablehnung jeglicher Form von Gewalt, die darin mitschwingt, geht mit einem Diskursverständnis nach Jürgen Habermas (1981) einher, das Sprechen, Verhandeln 2.2 Claudia Brunner ZeFKo-Sonderband 2 37 und Wissenschaft-Betreiben als genuin gewaltfrei versteht, analog zu einem Verständnis des Politischen nach Hannah Arendt (1970). Nichtsdestotrotz hält Saner Wissenschaft in zweierlei Hinsicht als anfällig für Gewalt, wenn er weiter ausführt: »Nach innen öffnet sich diese Flanke, sobald sich Wissenschaft für die einzig legitime Erkenntnisweise hält, die alle übrigen Arten des Weltverstehens prinzipiell vernichtet. Das kann nur geschehen durch eine Reihe von Verkehrungen in ihrem Selbstverständnis, in dem sie sich nun für voraussetzungslos hält, die reduktiven Begriffe mit den Sachen an sich identifiziert, die induktive Logik für die Logik des Denkens schlechthin hält, eine Methode zur allein berechtigten erklärt und ihre Resultate durch Letztbegründungen absolut sichern will. Nun wird sie als Rationalismus zum Imperialismus des Denkens und durch die ihr eigene Aggressivität zur Zerstörerin der Vernunft der Welt« (Saner 1982: 89). Aus post- und dekolonialer Perspektive ist das Verhältnis zwischen Wissen(schaft) und Macht beziehungsweise Gewalt kein grundsätzlich positives, das nur punktuell auf Irrwege gerät und nur unter widrigen Umständen problematisch wird. Bei epistemischer Gewalt handelt es sich nicht um Abweichungen von einer ansonsten gewaltfreien Realität – vielmehr konstituieren diese von Saner so benannten »Verkehrungen« die Realität der anhaltenden »Kolonialität des Wissens« (Lander 1993) selbst, die schließlich auch die »Kolonialität der Macht« (Quijano 2010) befestigt. Wenn Saner die Ignoranz oder gar Auslöschung von nicht primär wissenschaftlichen Erkenntnisweisen und Wissensformen durch das System Wissenschaft selbst anspricht, stimmt er mit einem Argument dekolonialer Perspektiven im Ansatz überein und bietet damit einen potenziellen Anknüpfungspunkt zwischen diesen beiden Traditionen. Er scheint jedoch strikt zwischen wissenschaftlichem und nicht-wissenschaftlichem Wissen zu unterscheiden: »Nach aussen [sic!] ist sie [die Wissenschaft, Anm. CB] offen für Gewalt, sofern sie sich mit ideologischen Interessen durchsetzen lässt und diesen, in vermeintlich wissenschaftliche Weise, dient. […] Vermutlich dient der grösste [sic!] Teil der Wissenschaft auch ausserwissenschaftlichen [sic!], ideologischen, Interessen, ohne dies selber zu durchschauen« (Saner 1982: 89-90). Hier wird Außerwissenschaftliches nicht in erster Linie als Ressource für alternatives und auch friedensförderndes Wissen, sondern als Hort des Ideologischen verstanden – ganz so, als wäre demgegenüber Wissenschaft genuin ideologiefrei Epistemische Gewalt 38 und interessenlos, weil der Kunst verwandt und der Aufklärung verpflichtet. Epistemische Gewalt wird damit als bedauerliche Abweichung von grundsätzlich ideologie- und gewaltfreier Wissenschaft konzipiert, die lediglich nicht immer selbstaufgeklärt genug ist, um ihre eigenen Defizite zu erkennen und gegebenenfalls zu beheben. Wie dies geschehen soll, wird hier nicht weiter ausgeführt. Epistemische als psychologische Gewalt Dieser Aufgabe stellt sich der belgische Politologe und ehemalige Vorsitzende der International Peace Research Association, Luc Reychler. Beinahe 30 Jahre nach Saner und 20 Jahre nach Galtung lokalisiert er in seinem Vortrag »Intellectual Solidarity, Peace and Psychological Walls« (Reychler 2010) das von ihm vorrangig als psychologisch verstandene Problem auf einer ganz anderen Ebene, nämlich beim handlungsmächtigen, aufgeklärten (akademischen) Individuum. Dieses wird dementsprechend auch für dessen Überwindung zuständig erklärt: »Mental walls can be created intentionally and remain operational because of neglect or insufficient efforts to dismantle them. In that case, we are dealing with epistemic violence. In this paper, ›epistemic violence‹ is defined as the active or passive inhibition of knowledge and know-how that could be used for furthering international cooperation and sustainable peace-building« (Reychler 2010: 5). Man könnte meinen, auch Reychler sei nahe an dekolonialen Positionen, wenn er die Ausgrenzung von im Hinblick auf Friedensförderung qualitativ besserem Wissen kritisiert. Bedenkenswert ist dieser Gedanken jedoch, wenn es darum geht, dieses andere Wissen in bestehende Praktiken des Peacebuilding zu integrieren. Gerade letzteres wird und kann nicht friktionsfrei funktionieren, denn radikal anderes, herrschaftskritisches Wissen ist zumeist nicht mit herkömmlichen Verfahrensweisen, Begriffen und Zugängen kompatibel. Mechthild Exo zeigt in ihrer Studie zu alternativen Wissensformen und Kritik an internationalen Peacebuilding-Maßnahmen in Afghanistan, wie dieses Wissen gängige Praktiken herausfordert und gerade deshalb wahlweise als irrelevant oder als bedrohlich verstanden und dementsprechend marginalisiert wird (vgl. Exo 2017). Auch die Vorstellung von nicht näher erläuterten mentalen Mauern bei Reychler ist problematisch, wenn man epistemische Gewalt in einem post- und dekolonialen Verständnis als weitverzweigtes und asymmetrisch organisiertes System, als heterogene Praxis, als komplexes Verhältnis und als dynamischen Prozess versteht. In seinen weiteren Ausführungen unterscheidet der Autor vier Voraussetzungen, die episte- 2.3 Claudia Brunner ZeFKo-Sonderband 2 39 mische Gewalt hervorbrächten, und die sich grob mit dem Begriff Reduktionismus zusammenfassen ließen: »Four types of conditions which make epistemic violence possible can be distinguished: (a) the existence of a rough and unleveled playing field, (b) a reductionist research process, (c) significant gaps in the research, and (d) the curtailment of the impact of critical thinking and data on the opinion- and decision making« (Reychler 2010: 5). Die Möglichkeitsbedingungen für alternatives, kritisches, transformatives Wissen sind in der Tat asymmetrisch über verschiedene Felder der Auseinandersetzung verteilt. Auch von einem systemimmanenten Reduktionismus im Prozess der Forschung selbst kann man ausgehen – doch die Frage ist, wie man diesen versteht. Reychler bezieht sich in seinem Argument des Reduktionismus auf Vandana Shiva, die kritisiert, dass ein überwiegender Teil der Forschung direkt oder indirekt dazu diene, manifeste Gewalt auszuüben (vgl. Shiva 1990: 232), weil immense Ressourcen in militärnahe Technikentwicklung und Rüstungsforschung fließen würden. Im Gegensatz zu der von ihm zitierten Autorin, die die Problematik ausdrücklich in die Systemkonkurrenz des Kalten Krieges und in eine Opposition von Kommunismus versus Kapitalismus einordnet, lokalisiert Reychler das Problem epistemischer Gewalt zwei Jahrzehnte später in keiner Weise in einem geopolitisch verstandenen Raum-Zeit-Verhältnis von Zentrum und Peripherie, von struktureller Dominanz und Marginalisierung, von ökonomischen Ursachen und ihren Wirkungen. Vielmehr spricht er wiederholt sehr allgemein von psychologischen Barrieren: »The dismantling of the psychological walls is necessary to build sustainable peace in the world. […] [W]e are especially interested in changes of the political-psychological climate or the software of peace building. Sustainable peace building requires the development of an integrative politicalpsychological climate, characterized by the perception of a mutually benefiting future, a we-ness feeling, dealing with past, and the dismantling of psychological or mental walls« (Reychler 2010: 4). Man könnte diese Forderung nach einem zwischenmenschlich-akademischen Klimawandel mit Wohlwollen auch positiv lesen. Doch aus post- und dekolonialer Perspektive sind psychologisierende Antworten auf geopolitische Herausforderungen wenig überzeugend, wenn das eine in keinerlei Relation zu dem anderen gesetzt und vor allem nicht in der kolonialen Dimension angesprochen wird. Wenn die Analyse global asymmetrisch organisierter Herrschaftsverhältnisse von Epistemische Gewalt 40 einem international tätigen Sozialwissenschaftler und Friedensforscher übersprungen und dabei ein beinahe bedrohlich inklusives Wir-Gefühl heraufbeschworen wird, schreiben sich eurozentrische Universalisierungstendenzen ungebrochen fort. Vielleicht ließe sich eine Verbindungslinie zu einem post- und dekolonialen Verständnis von epistemischer Gewalt herstellen, wenn Reychler weiter ausführt, dass dem nicht genug Aufmerksamkeit gewidmet wird, was wir nicht wissen, was nicht gesagt oder nicht sichtbar wird (vgl. Reychler 2010: 14). Daraus leitet er wiederum eine wissenschaftliche Verantwortung für jene ab, die in diesem System privilegiert sind – eine Forderung, die auch post- und dekoloniale Wissenschaftler_innen wiederholt formuliert haben (vgl. Spivak 1990; Bahri 1995; Gutiérrez Rodríguez 2010). Reychler selbst spricht von Solidarität, was auf den ersten Blick überzeugend wirkt. Der Forschungsgemeinschaft, so Reychler, komme die Schlüsselverantwortung zu, sensible Fragen anzusprechen und intellektuelle Solidarität zu stärken (vgl. Reychler 2010: 17). Doch was heißt das in der Praxis des wissenschaftlichen Tuns und Lassens von miteinander in Konkurrenz stehenden Wissensökonomien (vgl. Dörhöfer 2010; Lohmann/Rilling 2002), deren Ressourcen und Einflussmöglichkeiten nicht aus Zufall äußerst ungleichmäßig über den Globus verteilt sind (vgl. Sahrai/Sahrai 2006; Weingart 2006) und in denen Wissen zunehmend zur Ware wird? Intellektuelle Solidarität als Mittel zur Reduktion wissen(schaft)simmanenter Phänomene epistemischer Gewalt erachte ich durchaus als probates Mittel. Sie ist ein wichtiges Element post- und dekolonialer Perspektiven, die mit der daraus abgeleiteten Forderung des aktiven »Verlernens von Privilegien« (Spivak, in Castro Varela/Dhawan 2015: 163) über eurozentrischen Humanitarismus hinausgehen. Solidarität in diesem Sinne kann jedoch nur unter Anerkennung der Voraussetzung gedeihen, dass inhaltlich, strategisch oder auch erkenntnistheoretisch unterschiedliche Standpunkte zwischen grundsätzlich als gleichberechtigt anerkannten Parteien bearbeitet werden. Dies muss aber von der analytischen Feststellung begleitet werden, dass Gleichheit zwar das Ziel, in den meisten Fällen jedoch nicht den realen Ausgangspunkt der wissenschaftlichen Debatte im Nord/Süd- bzw. West/Ost-Verhältnis darstellt, weil diese Debatte ebenso asymmetrisch ist wie die politischen Ungleichheitsverhältnisse es sind, innerhalb derer sie mit zudem ungleichen Ressourcen geführt wird. Wird diese umfassende Asymmetrie ignoriert, kann aus gutgemeinter Solidarität nur allzu leicht schlecht gemachte Wohltätigkeit werden. Diese Tendenz, die in Reychlers individualistisch-psychologisierender Lesart deutlich wird, kann mit einem post- und dekolonial inspirierten Konzept epistemischer Gewalt durchbrochen werden, denn epistemische Gewalt verweist auf die Claudia Brunner ZeFKo-Sonderband 2 41 Verwobenheit innerhalb von und zwischen Gewalt- und Ungleichheitsverhältnissen sowie auf die geopolitische Asymmetrie der colonial condition, in der auch solidarische Praxis notwendigerweise verortet bleibt. Post- und dekoloniale Konzeptionen epistemischer Gewalt Epistemische Gewalt kann sowohl Definitions- als auch Legitimationsmacht beinhalten. Sie produziert hegemoniale Diskurse, die zur Rechtfertigung ganz bestimmter Formen und Zwecke von Gewalt dienen und gleichzeitig andere delegitimieren. Diese von Galtung, Saner oder Reychler durchaus geteilte Feststellung der Normalisierung von Gewalt durch Wissen(schaft) wird aus post- und dekolonialer Perspektive explizit in den Kontext europäischer kolonialer Expansion und der daraus resultierenden Kolonialität der Macht gestellt, die mit der Kolonialität des Wissens einhergeht. Epistemische Gewalt gedeiht aber nicht nur dort, wo es ausdrücklich um zumeist direkte und physische Gewalt und um deren Rechtfertigung geht. An diesen Stellen ist sie jedoch leichter benennbar und vor allem als gewaltförmig begreifbar zu machen. Daher bietet sich die FuKF durchaus als geeigneter Ort an, um Begriffsarbeit ebenso wie konkrete Analysen von Phänomenen epistemischer Gewalt voranzutreiben. Epistemische Gewalt ist auch keineswegs gleichmäßig über Strukturen, Institutionen, Akteur_innen und Diskurse verteilt. Sie hat eine spezifische Herkunft (Europa), eine spezifische Geschichte (Kolonialismus), spezifische Funktionsweisen (Rassismus/Sexismus und globale Arbeitsteilung) und bringt ganz spezifische Subjekte hervor. Sie konstituiert nicht nur die kolonisierten Anderen, die mit Julia Reuter als VerAnderte bezeichnet werden können. Dieser »VerAnderung« (Reuter 2002: 186) steht eine Hervorbringung von normalisierten und universalisierten Selbsten gegenüber, die ebenso von der Kolonialität und »Geopolitik des Wissens« (Mignolo 2002) geprägt sind und die ich Verselbstverständlichte nennen will. Auf diese Weise »situiertes Wissen« (Haraway 1988) macht sich den »god trick« (Haraway 1988: 581) der vermeintlich neutralen und objektiven Beobachtungsposition zunutze. Diese gibt vor, von einem fiktiven »Nullpunkt« (Castro- Gómez 2005: 3) aus zu sprechen, der aus post- und dekolonialer ebenso wie aus feministischer Perspektive gar nicht existieren kann. Nach Ramón Grosfoguel handelt es sich dabei nicht nur um eine Hierarchisierung von Standpunkten und Standorten, sondern um einen Prozess der Heterarchie, also ein Ineinanderwirken gleichzeitiger Hierarchisierungen (vgl. Grosfoguel 2008: 10), das über unterschiedliche Differenzierungskategorien Gestalt annimmt. Wie sich epistemische Gewalt auf der Basis dieser Denkbewegung besser fassen lässt, machen die fol- 3. Epistemische Gewalt 42 genden konzeptionellen Annäherungen an epistemische Gewalt deutlich, die im Gegensatz zu den oben genannten Friedensforschern vor allem epistemisch im Globalen Süden zu verorten und von feministischer Erkenntnistheorie und Wissen(schaft)skritik inspiriert sind. Repräsentation und geteilte Geschichte/n Die früheste und am weitesten verbreitete Beschreibung epistemischer Gewalt stammt von einer der Begründer_innen postkolonialer Theorie. In ihrem berühmten Aufsatz »Can the Subaltern Speak?« (Spivak 1988) hat die in den USA tätige indische Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Gayatri Spivak am Beispiel der sogenannten Witwenverbrennung (satee) im kolonialen Indien dargelegt, wie sich unzählige Gewaltpraktiken der britischen Kolonialherrschaft normalisiert haben, während letztere sich mit dem aufgeregt diskutierten Verbot von satee den Anstrich von Zivilisiertheit, Gewaltfreiheit und damit politische Legitimität verschafft hat. Patriarchale koloniale und lokale Eliten verständigten sich auf dem Rücken recht- und stimmloser verwitweter ländlicher Frauen darüber, was als (il)legitime Gewalt zu gelten habe. Die Frauen selbst fanden weder in der zeitgenössischen politischen Debatte noch in späteren wissenschaftlichen oder literarischen Resonanzen westlicher Intellektueller Gehör. Wie Spivak an mündlichen Überlieferungen über den Selbstmord der jungen Bhuvaneswari Bhaduri zeigt, also an subalternem, von Wissenschaft und Politik nicht anerkanntem Wissen, artikulierten subalternisierte Frauen ihre Positionen durchaus. In einem Setting epistemischer Gewalt wurden ihre Stimmen jedoch nicht gehört. Sie werden es in dominanter Wissensproduktion bis heute nicht oder nur unter ganz bestimmten Bedingungen, wie vergleichbare Debatten über sogenannte kulturbedingte Geschlechtergewalt zeigen (vgl. Brunner 2015; Sauer/ Strasser 2008). Die komplexen Prozesse des Zum-Schweigen-Bringens in der Produktion, Distribution und Konsumption von Wissen und des Überschreibens durch Dominanz benennt Spivak mit dem starken Begriff epistemic violence und – der konzeptionellen Unterscheidbarkeit im Englischen zum Trotz – eben nicht mit epistemic power. Diese epistemische Gewalt kann sich wiederum in zahlreiche andere Formen von Gewalt übersetzen und ist von ihnen nicht zu trennen. Deshalb hat Spivak auch die anschaulichen Beispiele von Witwenverbrennung und weiblichem Selbstmord im Spannungsfeld zwischen kolonialen und lokalen patriarchalen Diskurs- und Gewaltregimes gewählt, ohne dabei jedoch das heterarchische Zusammenspiel der Kategorien »Rasse«, Sexualität, Klasse und geopolitische Positionierung außer Acht zu lassen. 3.1 Claudia Brunner ZeFKo-Sonderband 2 43 In Anlehnung an Michel Foucault hebt Spivak mit dem Begriff epistemische Gewalt die Unterscheidung von Macht (power) und Gewalt (violence) auf (Dhawan 2007: 251), die auch in der FuKF bis heute Gültigkeit beansprucht. Ganz im Gegensatz zu Foucault, von dem sie den Begriff entlehnt, macht sie das asymmetrische globale und (post)koloniale Setting miteinander verwobener Gewaltpraktiken im Zusammenspiel von Wissen, Macht und Herrschaft explizit zum Thema: »The clearest available example of such epistemic violence is the remotely orchestrated, far-flung, and heterogeneous project to constitute the colonial subject as Other. This project is also the asymmetrical obliteration of the trace of that Other in its precarious Subject-ivity. It is well known that Foucault locates epistemic violence, a complete overhaul of the episteme, in the redefinition of sanity at the end of the European eighteenth century. But what if that particular redefinition was only a part of the narrative of history in Europe as well as in the colonies? What if the two projects of epistemic overhaul worked as dislocated and unacknowledged parts of a vast twohanded engine?« (Spivak 1988: 280-281). Diese Perspektive der »verwobenen Geschichte/n« (Randeria 1999) Europas mit seinen Kolonien ist wegweisend für unzählige postkoloniale Arbeiten mit und nach Spivak. Sie verdeutlicht, welche Leerstellen und Komplizenschaften auch kritische westliche Wissenschaft mitunter durchziehen. Ein solches Verständnis von Gewalt widerspricht der beständigen Isolation von bestimmten Gewaltphänomenen von ihrem historischen und geopolitischen Kontext ebenso wie deren privilegierter Dislozierung in den globalen Süden oder bisweilen in von dort nach hier migrierte sogenannte Parallelgesellschaften, die sich beständig in unsere Wissensbestände einschreiben und von ihnen immer wieder hervorgebracht werden. Darüber hinaus richtet sich diese Lesart epistemischer Gewalt insbesondere gegen die Unterstellung einer sich linear entwickelnden Gewaltabstinenz der Moderne (vgl. Pinker 2011; Reemtsma 2008) und deren Eignung als glaubwürdige und vor allem gewaltfreie Überbringerin von Demokratie, Menschenrechten und Emanzipation, die auch im Feld der IB und in der FuKF weitgehend als gegeben gilt. Obwohl dieses Narrativ aus kritischen Wissenschaftstraditionen immer wieder auch herausgefordert wird, hält es sich hartnäckig als dominante Erzählung von Moderne, Zivilisation und Überlegenheit, die letztlich auch zur Aufrechterhaltung bestimmter Gewaltverhältnisse und damit verbundener Privilegien und Selbstverständlichkeiten beiträgt. Epistemische Gewalt 44 Militärisch befestigte Wissensmonopole und ökonomische Ausbeutung Etwa zur gleichen Zeit wie Spivak, aber ungleich seltener rezipiert, formuliert die indische Naturwissenschaftlerin Vandana Shiva ihr Verständnis von epistemischer Gewalt. In ihrem Aufsatz »Reductionist Science as Epistemological Violence« (Shiva 1990) macht die heute vor allem als Umweltaktivistin bekannte Autorin deutlich, dass es sich bei reduktionistischer Wissenschaft und daraus resultierender epistemischer Gewalt keineswegs um ein kognitives oder mental-psychologisches Problem handelt, so wie Reychler dies mit Bezug auf ihren Aufsatz vorschlägt. Auch geht es ihr nicht primär um die Ebene von Wissen und Repräsentation wie bei Spivak. Vielmehr stellt Shiva die spezifische Form ökonomischer Organisation, die auf Ausbeutung, Profitmaximierung und Kapitalakkumulation beruht, ins Zentrum ihrer materialistischen Kritik (Shiva 1990: 238). Vor allem in Hinblick auf Naturwissenschaften und Technik stellt sie fest, dass 80% aller Forschung mehr oder weniger direkt der Kriegsindustrie und groß angelegter Gewaltausübung dienen würden (Shiva 1990: 232).11 Das daraus entstehende Wissensmonopol der Wissenschaften wirke sich auf vier Ebenen gewaltförmig aus: gegen Wissenssubjekte, gegen Wissensobjekte, gegen jene, an die sich das Wissen richte, sowie schließlich gegen das Wissen selbst (Shiva 1990: 233) – und das sei epistemische Gewalt. Damit ist gemeint, dass erstens die Träger_innen von derart monopolisiertem und dominiertem Gewalt-Wissen ebenso in dessen Gewaltförmigkeit verstrickt wie die Gegenstände selbst durch diesen Blick geprägt seien, dass zweitens die Empfänger_innen Schaden durch ein solches Wissen nähmen, und dass drittens dem Wissen selbst Gewalt angetan würde, in dem es eben eine bestimmte Form, einen bestimmten Inhalt annehme, wodurch Alternativen von dieser umfassenden (und nicht nur) epistemischen Gewaltförmigkeit nahezu verunmöglicht würden. Jegliche alternativen und marginalisierten Wissensformen hätten demgegenüber einen schweren Stand, so Shiva, weil sie zumeist ganz anderen Zielen dienten und vor allem sozialen Nutzen anstrebten (Shiva 1990: 232). Aus der Stärkung dieses Wissens folgt für Shiva dabei ganz klar auch ein politischer Kampf, der materielle ebenso wie intellektuelle Dimensionen durchdringt (Shiva 1990: 255). Das ist ganz im Sinne späterer dekolonialer Perspektiven, die für eine radikale Abkehr von dominanten Wissensbeständen eines elitären Expert_innentums und im Anschluss an Spivak und andere postkoloniale Autor_innen für ein Denken plädieren, das von marginalisiertem und subalternem Wissen ausgeht.12 3.2 11 Für den deutschen gegenwärtigen Kontext siehe dazu Nagel (2009) und Exo (2009). 12 Vgl. Denzin/Lincoln (2008); Smith (2005); Vázquez (2012). Explizit für die FuKF siehe Exo (2015; 2017). Claudia Brunner ZeFKo-Sonderband 2 45 Shiva geht nicht weiter darauf ein, ob auch solches rand- und widerständiges Wissen epistemisch gewaltförmig sein kann und wie diese Herausforderung zu bewältigen sei. Doch ihre Betonung der materiellen Seite epistemischer Gewalt stellt ein wichtiges Gegenstück zu Spivaks Betonung der Repräsentation dar – und harrt noch einer breiteren Rezeption und Weiterführung auf dem Weg zu einer vertieften Theoretisierung epistemischer Gewalt. Epistemische Rahmungen zur Sicherung von Dominanz In der Kolonialität von Macht und Wissen entstandene eurozentrische Begriffe, Konzepte und Theorien bieten epistemische Rahmungen, die Dominanz sichern und auf ebenso subtile wie nachhaltige Weise Legitimität unterschiedlicher Formen von Gewalt herstellen. Dies ist der Fokus des Kulturwissenschaftlers Galván Álvarez, dessen Definition epistemischer Gewalt in seiner Filmanalyse »Epistemic Violence and Retaliation. The Issue of Knowledge in Mother India« lautet: »Epistemic violence, that is, violence exerted against or through knowledge, is probably one of the key elements in any form of domination. It is not only through the construction of exploitative economic links or the control of the politico-military apparatuses that domination is accomplished, but also and, I would argue, most importantly through the construction of epistemic frameworks that legitimise and enshrine those practices of domination« (Galván-Álvarez 2010: 12). Legitimität von Gewalt ist ein Kernelement der gesamten Gewaltdebatte. Zugleich ist bemerkenswert, dass dieser Aspekt selten explizit diskutiert wird. Vielmehr ist zu beobachten, dass gerade die heikle Frage danach, welche und wessen Gewalt als (nicht) legitim erachtet wird, gewissermaßen als Subtext mitläuft, als Selbstverständlichkeit, die bereits in den Begriffen, Konzepten und Theorien selbst zu wohnen scheint (vgl. Brunner 2016 b). Wer vermutete in einer Theorie des liberalen oder demokratischen Friedens Optionen direkter physischer Gewalt? Wer käme umgekehrt auf den Gedanken, dass bestimmte, als Terrorismus bezeichnete Gewaltereignisse möglicherweise völkerrechtlich legitimierbar sind? Und wer unterstellt der guten Absicht von Schutzverantwortung und humanitärer Intervention die bewusste Akzeptanz sogenannter Kollateralschäden, die als in Butlers Sinne »unbetrauerbare Tode« (Butler 2010 c) verbucht werden? Kritische Friedens- und Konfliktforscher_innen und andere tun dies durchaus (vgl. Exo 2017; Jackson 2015; Jutila et al. 2008; Sabaratnam 2013), doch solche Stimmen bilden erwartungsgemäß nicht den Kern der Disziplin. Denn je normal(isiert)er 3.3 Epistemische Gewalt 46 die epistemischen Rahmungen im Laufe der Zeit werden, umso schwieriger ist es, die ihnen eigene Gewaltförmigkeit anzusprechen, wie etwa Judith Butler (2010 a) in ihrer Aufsatzsammlung »Raster des Krieges« detailliert ausführt. Sie spricht aber auch die potenzielle Veränderbarkeit dieser Rahmungen an, die ihrerseits beständigen Deutungskämpfen und Auseinandersetzungen unterliegen – allerdings mit durchaus asymmetrischen Kräfteverhältnissen zwischen Dominanz und Subversion. Epistemische Kämpfe auf dem Territorium der Moderne Rolando Vázquez’ Begriff des »epistemischen Territoriums der Moderne« (Vázquez 2011: 29) ist nützlich dabei, dieses Ringen ungleicher Kräfte zu verstehen. Ohne dies explizit so zu benennen, setzt er Pierre Bourdieus Formulierung, die Soziologie sei eine »Kampfsportdisziplin zur sozialen Verteidigung« (Pierre Bourdieur, in Carles 2009), in ein Verhältnis mit der von Bourdieu selbst nicht explizit thematisierten Kolonialität von Macht und Wissen. Der Begriff der Moderne verweist auf die zahlreichen Möglichkeiten, die den hegemonialen Kräften in 500-jähriger Tradition zur Verbreitung und Verfestigung eurozentrischen Wissens offenstehen. Zugleich ist mit dem Territorium, im Gegensatz zum fluideren Terrain, auch die Vorstellung manifester (geo)politischer Grenzziehungen verbunden, was wiederum auf die Verwobenheit zwischen materieller und kognitiver bzw. epistemischer Dimension verweist. In »Translation as Erasure. Thoughts on Modernity’s Epistemic Violence« zeigt Vázquez (2011) am Beispiel von Übersetzungen, Auslassungen und Aneignungen, wie die kognitive Grenzsicherung der Moderne funktioniert und dabei eine »epistemische Monokultur« (Santos et al. 2008: xxxiii) entsteht, die nicht nur ein sprachliches Problem ist. Unter »translation as erasure« (Vázquez 2011: 27) versteht der Autor einen Mechanismus, durch den sich die Moderne ausdehne und das ihr eigene Territorium abgrenze. Diese Übersetzung mache alles unsichtbar, was jenseits der Parameter der Lesbarkeit dieses Territoriums läge (Vázquez 2011: 27). Den politischen Gehalt dieser Unsichtbarmachung zu erkennen, heiße anzuerkennen, dass die Frage sozialer Ungleichheit nicht einfach als Folge einer unvollendeten Moderne adressiert werden könne. Damit geht auch die Anerkennung der Tatsache einher, dass Wissen ein integraler Bestandteil des modernen/kolonialen Systems von Unterdrückung und Armut sei (Vázquez 2011: 27). Wenn es um die Bestimmung von Phänomenen epistemischer Gewalt geht, lässt sich diese Definition ex negativo durchaus in Anlehnung an Galtungs Begriff der strukturellen Gewalt denken, die aus der Differenz zwischen dem Möglichen 3.4 Claudia Brunner ZeFKo-Sonderband 2 47 und dem Tatsächlichen resultiert. Was bleibt unsagbar oder ungesagt? Was bleibt ungehört oder unverstanden? Was findet warum keinen Raum innerhalb dessen, was als sagbar, wahr und relevant gilt? Und welche sozialen Konsequenzen zieht dies nach sich? Das Auslöschen und Vernichten von Wissen und dessen Überschreibung und Ersetzung durch das, was aus hegemonialer Position intelligibel und nützlich erscheint, ist nicht nur ein epistemisches, sondern auch ein politisches Privileg mit weitreichenden Folgen. Die in der Moderne erfolgenden Übersetzungspraktiken – womit nicht nur die sprachliche Dimension gemeint ist – haben Vázquez zufolge eine ganz spezifische, eurozentrische »Ökonomie der Wahrheit« (Vázquez 2011: 39) in Kraft gesetzt. Diese umfasst ein rein textuelles Verständnis von Sprache, ein exklusiv chronologisches Modell von Zeit, ein Primat des Gegenwärtigen als Ort der Wirklichkeit, einen dichotomen Begriff von Geschlecht (Vázquez 2011: 38) und vieles andere mehr. Jener Augenblick, in dem sich das Territorium der Moderne als alleinige Referenz für soziale Praktiken etabliert, markiert nach Vázquez zugleich den Moment der weitreichenden Vernichtung aller anderen Formen von Leben und von diversen menschlichen Erfahrungen (Vázquez 2011: 39). Nicht nur was bereits ist, kann von epistemischer Gewalt geprägt sein, sondern vor allem auch das, was ihretwegen nicht ist oder ganz anders sein muss. Epistemische Gewalt ist also nicht nur eine Frage der Legitimation und Delegitimation von Wissen. Sie ist auch nicht nur dann im Spiel, wenn es um andere Formen von Gewalt geht. Epistemische Gewalt reicht viel tiefer in das Wissen selbst hinein, in die Denk- und Handlungsmöglichkeiten bei seiner Hervorbringung, Artikulation und Rezeption. Dieses Verständnis liegt auch den Definitionsbemühungen des Kultur- und Sozialanthropologen Sebastian Garbe zugrunde: »Epistemische Gewalt habe ich somit als eine zwanghafte Delegitimierung, Sanktionierung und Verdrängung (Negativierung) bestimmter Erkenntnismöglichkeiten und die tendenzielle und versuchte Durchsetzung (Positivierung) anderer Erkenntnismöglichkeiten definiert« (Garbe 2013 b: 13-14). Positiv formuliert stellt der Begriff epistemische Gewalt aber auch eine Möglichkeit dar, Phänomene epistemischer Gewalt als Techniken der Kolonialität der Macht zu benennen und so »direkt in die gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse von sozialen Kategorisierungen und damit zusammenhängenden Positionierungen« (Busche/Stuve 2012: 7) einzugreifen. Damit werden die Grenzpolitiken des epistemischen Territoriums sichtbar und potenziell auch veränderbar gemacht (Busche/Stuve 2012: 8). In diesem Zusammenhang betonen Rolando Vázquez und Rosalba Icaza, dass die notwendigen epistemischen Auseinandersetzungen Epistemische Gewalt 48 nicht von der Wissenschaft selbst oder von dieser allein geführt werden könnten, sondern dass sie in Verbindung mit sozialen Kämpfen stehen müssten. Auch wenn den Wissenschaften eine Schlüsselposition in der Kolonialität von Macht, Wissen und Sein zukommt, sei es für das Projekt der Dekolonisierung geboten, jene sozialen Kämpfe als epistemisch relevante Auseinandersetzungen verstehen zu lernen, die Verschiebungen auf dem Territorium der Moderne bewirken können (vgl. Icaza/Vázquez 2013). Diese Haltung ist weitgehend Konsens unter post- und dekolonialen Autor_innen. Besonders eindrücklich wird dies in Boaventura de Sousa Santos’ Einleitung seines Buches »Epistemologies of the South. Justice against Epistemicide« (2014). Darin stellt der Autor das »Manifesto for Good Living/Buen Vivir« (ein Dokument entstanden aus den sozialen Bewegungen des Weltsozialforums) einem von ihm so genannten »Minifesto for Intellectual Activists« gegenüber, in dem er die bescheidene Aufgabe von Wissenschaftler_innen im solidarischen Verhältnis mit politischen Aktivist_innen skizziert (vgl. Santos 2014: 2-17). Denn letztlich, so Santos, benötige die Auseinandersetzung auf dem Territorium der Moderne vor allem politische Allianzen, die zum Projekt der Dekolonisierung beitrügen. Ähnlich ist auch Richard Jacksons jüngstes Plädoyer für eine konflikthafte Zuspitzung der Friedensforschung zu verstehen (vgl. Jackson 2015). Jenseits der post- und dekolonialen Debatte regt auch er dazu an, erneut von sozialen Bewegungen, von zivilem Ungehorsam und von der Theorie und Praxis des politischen Widerstands zu lernen. In diesem Zusammenhang legt Jackson dar, dass es mitunter sinnvoller sein kann, gegensätzliche gesellschaftliche Interessen offen auszutragen als diese beschwichtigend in Mediationen zu überführen, weil es darum gehe, wieder radikalere Kritik an Gewaltstrukturen zu üben, und nicht nur Gewaltereignisse zu analysieren. Dafür, so Jackson, bedürfe es einer erneuten Begegnung zwischen Friedensforschung und sozialen Bewegungen. Gewalttabu und Gewaltfreiheit neu denken Die Relevanz sozialer und politischer Kämpfe für die Hervorbringung von widerständigen Wissenspraktiken führt mich schließlich zur bislang hier noch nicht erwähnten antikolonialen Theoriebildung im Kontext der zahlreichen Kämpfe gegen koloniale Gewaltverhältnisse (vgl. Du Bois 1903; Césaire 1955; Fanon 1961). Nicht zuletzt ist es dieser Zusammenhang einer sehr konkreten und von den Autor_innen auch praktisch gelebten Auseinandersetzung mit kolonialer Gewalt, aus dem post- und schließlich auch dekoloniale Ansätze hervorgegangen sind. Dass direkte und physische Gewalt gerade in der antikolonialen Debatte nicht per se 4. Claudia Brunner ZeFKo-Sonderband 2 49 verurteilt, sondern in einen größeren Kontext kolonialer Ausbeutung mit all ihren manifesten und latenten, direkten und indirekten Formen von Gewalt gestellt wird, ist insbesondere für die FuKF auch ein Tabu. Denn wie steht es um die (epistemische) Gewaltfreiheit, wenn (epistemische) Gewalt aufgrund der Kolonialität von Macht und Wissen allgegenwärtig und wenn ihr aufgrund ihrer Relationalität und Prozesshaftigkeit nicht zu entkommen ist? Ist der Preis für die Anerkennung der (nicht nur) epistemischen Gewaltförmigkeit der anhaltenden colonial condition das Aufgeben der normativen Gewaltfreiheit der Friedensforschung und damit womöglich der Friedensforschung selbst? Das nie ganz aufzulösende Spannungsverhältnis zwischen Gewalt und Gewaltfreiheit anzuerkennen (vgl. Butler 2010 b; Hutchings 2014; Narr 1983) stellt meines Erachtens keine Bedrohung für die FuKF als solche dar, sondern birgt Potenzial für deren erneute Auseinandersetzung mit Gewalt. Gewaltfreiheit soll als denk- und handlungsleitendende Utopie durchaus beibehalten werden. Von der allzu beruhigenden Annahme, dass Wissenschaft im Allgemeinen und FuKF im Besonderen von Gewalt frei seien, müssen wir uns angesichts der Kolonialität des Wissens jedoch verabschieden. Wenn dabei konsequent von einem prozesshaften und relationalen Verständnis des »Hyperphänomens« Gewalt (Waldenfels, in Staudigl 2015: 2) ausgegangen und daher notwendigerweise mit weiten Gewaltbegriffen operiert wird, bleibt die Frage von Gewalt und Gewaltfreiheit nicht auf das friedenswissenschaftliche Skandalon direkter und physischer Gewalt beschränkt. Der Fokus auf epistemische Gewalt kann dabei helfen, jene Formen direkter und physischer Gewalt, die die FuKF beschäftigen, wieder in die mit ihr in Verbindung stehenden weiteren Gewaltverhältnisse einzubetten, deren Konzeptionalisierungen in der FuKF in letzter Zeit an Relevanz verloren haben. Ein in der Kolonialität von Wissen und Macht verortetes Konzept epistemischer Gewalt kann bei dieser post- und dekolonial konturierten Neukonzeption des Verhältnisses von Gewalt und Gewaltfreiheit nützlich sein, weil es auf die Dimension des Wissens fokussiert, ohne sich darauf zu beschränken. Zugleich besteht die große Herausforderung darin, zu lernen, wie man die dann Gestalt annehmende Totalität epistemischer und anderer Gewaltverhältnisse benennt, ohne in den Essentialismus und Universalismus von Metanarrativen zurückzufallen (vgl. Castro-Gómez 2002: 282). Dies ist kein leichtes Unterfangen, wenn man davon ausgeht, dass epistemische Gewalt potenziell immer und überall ist, gerade weil ihre Orte – das Wissen und vor allem die Wissenschaften – von Kolonialität durchdrungen sind und sich zugleich selbst als genuin gewaltfrei und sogar als potenziell gewaltmindernd wirksam verstehen. Epistemische Gewalt 50 Wissenschaft und auch FuKF kann vielleicht niemals frei von epistemischer Gewalt werden, weil sie weiterhin auf dem »epistemischen Territorium der Moderne« (Vázquez 2011: 27) stattfindet. Aber es ist bereits ein Anfang, die unterstellte Gewaltfreiheit der Moderne und ihrer Wissenstraditionen nicht weiterhin zu behaupten, sondern sich ganz konkret auf die Spuren epistemischer Gewalt zu machen und diese in ihrem relationalen Verhältnis zu anderen Formen von Gewalt zu analysieren. Wir können mit der Dekolonisierung von Wissen(schaft) beginnen, indem wir den ihm/ihr eigenen Anteil an der Kolonialität von Wissen und Macht anerkennen und einer kritischen Betrachtung unterziehen. Die Arbeit am Begriff und an Phänomenen epistemischer Gewalt und die systematische Berücksichtigung der Kolonialität von Macht und Wissen bietet eine Möglichkeit, den Status quo einer nach dem politischen Bedeutungsverlust der Friedensbewegung weitgehend professionalisierten, damit aber auch gewissermaßen in der colonial condition befriedeten, FuKF erneut auszuloten. In Bezug auf ihr kritisches und normatives Potenzial, das auch den Ausgangspunkt anti-, post- und dekolonialer Perspektiven bildet und einst wie jetzt die Anschlussstelle zu sozialen Bewegungen darstellt, kann die FuKF gestärkt aus dieser Auseinandersetzung hervorgehen. Literatur Alfs, Michael 1995: Wissenschaft für den Frieden? Das schwierige Theorie- Praxis-Verhältnis der Friedens- und Konfliktforschung, Münster. Appeltshauser, Laura 2013: Epistemic Violence – A Useful Concept for Understanding Violence in Global Politics? (King’s College, Master Dissertation), London. Arendt, Hannah 1970: Macht und Gewalt, München. 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E-Mail: claudia.brunner@aau.at Claudia Brunner ZeFKo-Sonderband 2 59

Abstract

Taking up the term epistemic violence from post- and decolonial debates, this article intends to develop it towards a prospective concept of Peace and Conflict Studies. Assuming that our understanding of violence becomes increasingly narrow, I argue that it is worthwhile to explore and relate wider concepts of violence that take the dimension of knowledge into account. In the first section, I present the decolonial concepts of „coloniality of knowing” and „coloniality of power” and contrast them with a certain complicity of Peace and Conflict Studies to this very coloniality. The second part shows how established Western/Eurocentrist scholars of Peace Studies have so far (not) thought about epistemic violence at all. These approaches are contrasted with more substantial concepts that stem from post- and decolonial debates in a third section, including reflections on modernity, knowledge, and violence. I conclude by pointing out the implicit assumption of non-violence that constitutes both a normative and a challenging issue for Peace and Conflict Studies. Focusing on the entanglements between violence and non-violence, I finally argue for further investigations into epistemic violence, both as an interesting phenomenon and as a concept for Peace and Conflict Studies.

References

Abstract

The perspectives of decolonisation and postcolonialism still remain on the margins of peace and conflict studies in Germany. This special issue offers a first overview of how key concepts of peace and conflict studies, such as violence, vulnerability, flight, statehood, space, counterinsurgency policy or the identity of young Colombian adults, could benefit from the aforementioned perspectives. The contributions it contains come from political science, critical geography, refugee studies, disaster and vulnerability research, social psychology and sociology.

With contributions by

Claudia Brunner, María Cárdenas, Sven Chojnacki, Cordula Dittmer, Christiane Fröhlich, Alke Jenss, Daniel Lorenz, Fabian Namberger, Ruth Streicher, Gerdis Wischnath

Zusammenfassung

In der deutschsprachigen Friedens- und Konfliktforschung werden dekoloniale und postkoloniale Perspektiven bisher noch selten verwendet und kaum intensiv diskutiert. Der vorliegende ZeFKo-Sonderband bietet einen Einblick in verschiedene Ansätze, die Gewalt, Vulnerabilität, Flucht, Staatlichkeit, Raum, Counterinsurgency-Politik oder Identitätskonstruktionen kolumbianischer Jugendlicher durch dekoloniale und postkoloniale Perspektiven für die Friedens- und Konfliktforschung fruchtbar machen. Der Band vereint Beiträge aus der Politikwissenschaft, Kritischen Sozialgeographie, Fluchtforschung, Katastrophen- und Vulnerabilitätsforschung, Sozialpsychologie sowie der Soziologie.

Mit Beiträgen von

Claudia Brunner, María Cárdenas, Sven Chojnacki, Cordula Dittmer, Christiane Fröhlich, Alke Jenss, Daniel Lorenz, Fabian Namberger, Ruth Streicher, Gerdis Wischnath