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4. Neue Flüchtlingsgespräche. Ein Ausflug in andere Ansichten in:

Eva-Maria Siegel

Nutzen durch Vielfalt, page 63 - 88

Wissen, Strategien, Beispiele, Checklisten

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8487-4771-9, ISBN online: 978-3-8452-9028-7, https://doi.org/10.5771/9783845290287-63

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Teil II: Story Neue Flüchtlingsgespräche. Ein Ausflug in andere Ansichten „Die Erzählung [...] beschränkt sich nicht darauf, über eine Bewegung zu sprechen. Sie vollzieht die Bewegung. Man versteht eine Bewegung, indem man den Tanz mitmacht.“ Michel de Certeau, Kunst des Handelns Bevor wir zur Fallarbeit gelangen, bietet es sich an, die Perspektive zu wechseln: hin zu einer anderen Sichtweise der Dinge. Wie fragil ist das Zusammenspiel von Integration und Integrität, Personalentwicklung und Personalauswahl, Wechsel und Wandlungsdruck in Ihrem Unternehmen? Wenn der Bruch der Gesellschaft nun auch durch Ihren Betrieb geht, wird die Frage Sie beschäftigen: Wie werden aus Leistungsempfängern Leistungsträger? Was bietet unser hochentwickeltes Land an beruflichen Karrieren, wenn jemand nicht im vollen Umfang das bundesdeutsche Bildungssystem durchlaufen hat? Um einer Antwort auf diese Fragen näherzukommen, beginnt dieser Teil der Darstellung mit Experteninterviews zu arbeiten und lässt als Erstes Geflüchtete selbst ihre Geschichten und Ansichten erzählen. Dieses narrative Vorgehen verfügt über den Vorteil, Motive und Beweggründe auf nachhaltige Weise sichtbar zu machen. Insofern darf es einmal erlaubt sein, wissenschaftliche Grenzziehungen zu verlassen, denn: Wenn das Leben zur bloßen Zahl wird, verschwindet seine Geschichte – und damit der Einzelne selbst. Deshalb wechselt als Zwischenakt der Duktus der Darstellung hin zum Dialog. Welche Art von Erfahrungen verbirgt sich hinter den Protagonisten einer vielfältigen Gesellschaft? Nehmen Sie sich die Zeit, das Thema einmal aus der Innenperspektive zu betrachten. Freilich ist der folgende Dialog nicht ganz frei geblieben vom Einfluss einer berühmten Vorlage. Zitierte Passagen und Regieanweisungen, die aus Bertolt Brechts Flüchtlingsgesprächen übernommen wurden, sind kursiv markiert. Wie im adaptierten literarischen Text sind die agierenden Personen frei erfunden. Ihre Erzählungen verdichten jedoch Auskünfte aus Interviews, die ich in den letzten zehn Jahren mit Migrant*innen geführt habe, die schon einige Jahre in Deutschland leben und arbeiten. Lehnen Sie sich also zurück: Lassen Sie sich auf das Experiment ein, in eine andere Gedankenwelt einzutauchen. Wenn Sie Erzählungen nicht mögen, gehen Sie einfach zum nächsten Kapitel über. Es skizziert an exemplarischen Beispielen, wie der Nutzen durch Vielfalt in anderen Ländern praktiziert und umgesetzt wird. Gleiches Thema – andere Wahl der Mittel. 4. Über Pässe, Tauschverhältnisse und die deutsche Ordnungsliebe Die Kriegsfurie hatte die Erde halb abgegrast, aber noch immer war sie jung und für Waffenverkäufer nicht unattraktiv und sie überlegte sich, auf welche Weise sie noch einen Sprung nach Europa hinüber machen könnte, als im Hinterzimmer eines Cafés in einer mittleren deutschen Großstadt zufällig zwei Männer saßen. Sie kamen über Geschichte, Politik und ihre Erinnerungen ins Gespräch. Sie blickten sich nicht um, denn sie fielen ohnehin auf: Beide hatten eine dunkle Hautfarbe. Der eine war groß und schlank, hatte kräftige Hände und einen schwarzen Hut. Der andere war klein und zierlich und wirkte zurückhaltend, verstaut in einem dicken Pullover. Der Große hielt sein Bierglas hoch und durchschaute es.98 Der Große: Dieses Bier ist nicht wirklich ein Bier, was dadurch ausgeglichen wird, dass dieser Winter nicht wirklich ein Winter ist. Hier im Hof des Cafés gibt es eine Palme, vor einer weißen Wand. Erstaunlich, dass sie tatsächlich jetzt in der Mitte Europas gedeiht und nicht nur bei mir zu Hause. Wenn du nach draußen gehst, ist die Sonne hell und satt, manchmal, am Mittag. Sonst ist der Himmel mal blass, mal fahl. Das wechselt. Nicht oft war er am Ende dieses langen Jahres auch mal blau, hoch und weit wie in Afrika. Aber noch immer, hört man, muss der Pass ein Pass sein, damit sie einen in das Land hereinlassen. Der Kleine: Das solltest du doch selbst am besten wissen – oder vielleicht hast du es auch nur gehört von anderen? Wie heißt es doch: Der Pass ist der edelste Teil am Menschen. Bekanntlich kommt er ja auch nicht auf so einfache Weise zustande wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustande kommen, auf die leichtsinnigste Art und Weise und ohne jeden vernünftigen Grund. Aber ein Pass, niemals. Dafür wird er dann auch anerkannt, wenn er gut gemacht ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird, wie es schon in vergangenen Zeiten hieß. Stimmt es denn, dass die Syrer Pässe gefälscht haben, nur um ins Land zu gelangen? Mit nichts als Terror und Attentat im Kopf, aber der Last der Unerwünschtheit auf ihren Schultern? Der Große: Woher soll ich das wissen? Am Anfang waren sie willkommen. Zu den Syrern gehöre ich auch nicht. Ich bin schon sehr lange hier. Nur wenn die 4.1 98 Bertolt Brecht: Flüchtlingsgespräche, in: ders: Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe. Bd. 1-32, Bd. 18 (Prosa 3), Berlin/Weimar/Frankfurt a.M. 1995, Suhrkamp/Aufbau, S. 197-327. Die kursiv gedruckten Passagen sind Originalzitate. 66 4. Neue Flüchtlingsgespräche. Ein Ausflug in andere Ansichten Polizei mich als Einzigen kontrolliert, dann fühle ich mich noch wie früher, wie der mechanische Halter meines Passes; den ich noch immer so sorgfältig in die Jackentasche stecke wie die Hiesigen ihre Aktienpakete in den Safe. Für sich genommen und ohne meine Visage hat er keinen Wert. Das teilt er mit dem Papiergeld, das für sich genommen auch keinen Wert hat – sondern nur einen Wert darstellt. Der Kleine: Und doch scheint es so, als ob selbst bei der einen Million Flüchtlinge, die letztens an den Grenzen dieses Landes angelangten, der Mensch in gewisser Hinsicht für den Pass noch immer notwendig ist. Wie es vor vielen Jahren schon einmal erkannt wurde – doch damals saß man in Finnland, sprach deutsch und war selbst staatenlos. Ich könnt’s aber auf meine Weise besser auch nicht sagen: Der Pass ist die Hauptsach, Hut ab vor ihm, aber ohne dazugehörigen Menschen wär er nicht möglich oder zumindest nicht ganz voll. Denk sie dir doch mal weg, all die Geflohenen oder die jetzt gerade oder morgen noch Fliehenden, was wäre denn dann mit der Arbeit in den Büros und Ämtern? Was wird aus einer historisch bedeutenden Rolle wie der des bayrischen Grenzwächters? Was soll denn aus all den Sozialarbeitern oder Integrationsbeauftragten werden, den Zelte-Verkäufern und Containeraufbauern am globalen Markt – oder den alternativen Low-Cost-Room-Produzenten? Wohin mit dem Leerstand der Turnhallen bei sinkenden Schülerzahlen? Und was wird aus dem Gewissen der vielen selbstlosen Kleiderspender? Es gibt Berufe, oder lass es auch Ambitionen sein, die leben in einem modernen Staat nun einmal von der Hilfsbedürftigkeit der anderen. Der Chirurg braucht den Kranken, damit er operieren kann. Der Apotheker benötigt nichts dringlicher als den Patienten, damit er ihn beraten, der Manager die Mitarbeiter, damit er sie führen, die Börse den Käufer, damit sie an ihm verdienen, der Helfer den Helfenden, damit er helfen und sich gut fühlen kann. Und der Bierbrauer braucht den Trinker, damit er Durst löschen kann. Prost. So sind sie eben, die Tauschverhältnisse. Der Große: Wenn selbst der Mittelstand schon ein Einwanderungsgesetz fordert, damit die Legalität der Arbeitenden wiederhergestellt wird, muss es arg sein. Der Kleine: Ja, man braucht eben die Pässe und Aufenthaltserlaubnisse, hauptsächlich wegen der Ordnung. Der Staat kümmert sich. Das ist gut. Man wundert sich nur, dass sie grad jetzt so auf das Zählen und Registrieren der Flüchtenden aus sind. Als ob ihnen einer verlorengehen könnte dabei. Besonders dem 4.1 Über Pässe, Tauschverhältnisse und die deutsche Ordnungsliebe 67 Verfassungsschutz. Ist ja auch schon passiert. War tödlich. Sonst waren sie doch aber auch nicht so. Deshalb wollen sie nun ganz genau wissen, dass man der und kein anderer ist, als ob es nicht völlig gleich wäre, wer nachts in der Kälte draußen friert, weil die Turnhalle drinnen voll ist. Als ich seinerzeit hier allein ankam, stand wenigstens ein Onkel am Bahnhof, mit festen Schuhen in der Hand. Ich kam in Sandalen und trug T-Shirt. Es war Februar und fühlte sich an wie minus zwanzig Grad. Da beugte der Große sich vor und sagte: Das habe ich ganz vergessen, mein Name ist Jacques. Freunde haben früher mal den Spitznamen hinzugefügt: der Fatalist. Der Kleine überlegte einen Augenblick, blieb aber aufrecht sitzen, hob leicht das Kinn und sagte: Ich bin Philippe. Ich war mal Ökonom. Heute erzähle ich nur noch Geschichten im Café. Lad‘ mich auf ein Glas Bier ein. Über Familiengeheimnisse, Weltprinzipien, Gastfreundschaft und positive Energie Philipp, der Ökonom: Danke dir. Nun stell ich dir doch die Frage aller Fragen: Wo kommst du her? Und woher kommt deine Familie? Jacques, der Fatalist: Also, wenn du Geschichten magst, dann erzähle ich dir mal eine richtige. Ich will dir aber zuerst ein Rätsel aufgeben, das eigentlich keines ist. Sieh mich doch an: Das Land, aus dem ich herkomme, ist sehr weit weg von hier. Es ist nur zu Wasser oder durch die Luft zu erreichen. Die Menschen sind dunkel und manchmal haben sie helle Köpfe. Oder sie sind hell und in ihrem Kopf ist es dunkel. Gleich welcher Art, unter allen gibt es: welche mit blauen Augen, braunen Augen, grünen Augen und manchmal sogar schwarzen Augen. Das weiß hier keiner. Ab und an sind sie blind. Oder taub. Manche haben verrenkte Körper. Dann schauen sie dich von unten schräg herauf an, mit ihren bunten Augen. Nur sehr kalte Herzen schmelzen dann nicht. Die Landschaft ist grün und braun und rot. Der Himmel ist blau, meistens. Sehr viel öfter als hier. Wenn es nicht gerade regnet. Wenn es regnet, regnet es lange. Wenn es nicht regnet, ist es sehr trocken. Das ist oft der Fall. Dann ist die Erde staubig. Wenn bei uns ein Politiker gewählt werden will und sie wählen in einer der 4.2 68 4. Neue Flüchtlingsgespräche. Ein Ausflug in andere Ansichten Städte möglicherweise nicht seine Partei, lässt er die Straße nicht mehr reparieren. Oder er schickt Leute, die sie zerstören. Dann ist die Erde noch staubiger und die Menschen nehmen selbst eine rote oder braune Farbe an. Sie müssen die Augen zukneifen, wenn sie ihre Straße entlanggehen. Sie können ihre eigene Farbe nicht mehr erkennen und nicht die Farbe ihrer Augen. Alle sehen dann vollkommen gleich aus. In manchen Augen funkelt es dann. Auch wenn sie geschlossen sind. Das ist die Wut. Davon kommen die vielen Dornen in den Augen. Man sieht sie immer öfter in meinem Land, besonders, wenn die Augen geschlossen sind. – Also, woher komme ich? Philippe, der Ökonom: Das kommt mir recht bekannt vor. Auch meine Herkunft gibt ein Rätsel auf, wenn man nur auf das Äußere, auf die Schale achtet. Es gibt da allerdings einige Besonderheiten. Lass es mich so sagen: In der Stadt, aus der ich komme, tanzen die Männer. Wenn sie tanzen, schwingen sie manchmal eine Machete. Wenn sie lange tanzen, geraten sie in Trance. Wenn sie in Trance sind, schlagen sie sich mit der Machtete, gegenseitig. Es gibt aber keine Wunde. Die Körper bleiben unverletzt. Es fließt kein Blut. Wenn eine Frau dabei ist, entsteht die Trance nicht. Frauen bringen Krankheit und Böses, heißt es. Ja sicher, nur manchmal. Die Heiler sagen es aber so. Wenn ihre Prophezeiung dann mal eingetroffen ist, gehen die Leute zum Heiler, bringen ihm Geld und lassen sich heilen. Er nimmt dazu einen Gegenstand, der zu der Frau gehört, zum Beispiel ihre Haare. Er macht eine Puppe mit diesen Haaren und bespricht sie. Du hängst die Puppe an dein Haus. Dann wirst du gesund – wenn du Glück hast. Aber wenn du ein Mann bist, gehst du dann weg. Tanzen. Bei mir hat das seinerzeit nicht geholfen. So ist aber die Tradition bei uns. Ich wurde erst hier geheilt. Warum bist du hier? Jacques, der Fatalist: Ja, meine Geschichte … Ich hatte meine Arbeit dort und ich wollte etwas anderes tun. Es gab andere Möglichkeiten für die Zukunft als dort und ich wollte die Welt entdecken und ganz neu anfangen. Das war meine große Motivation, seinerzeit. Denn die Situation da, wo ich herkomme, was man hier Arbeitsmarkt nennt, war wirklich schwer. Ich hatte ein Studium begonnen und es war nichts zu finden. Du musst dort gute Kontakte haben, der Onkel muss vielleicht in der Regierung sein oder Direktor in einer Bank oder einer Firma, dann klappt das auch. Bei mir war das nicht der Fall. Der Kleine nickte, zeigte sich dann doch aber irritiert durch die ernste Wendung, die das Gespräch nun nahm. Er trank aus dem frischen Glas, das vor ihm 4.2 Über Familiengeheimnisse, Weltprinzipien, Gastfreundschaft & positive Energie 69 stand, und betrachtete sein Gegenüber. Erst dann begann er wieder zu sprechen. Philippe, der Ökonom: Okay, in einem Land, wo diese Form der Verteilung von Chancen herrscht, würd’ ich auch nicht gerne bleiben. Ich habe zu Hause mein Abitur gemacht und dann bin ich nach Frankreich gegangen, um dort zu studieren, mit einem Stipendium. Zuerst waren es die Fächer Mathematik und Physik. Das hat aber nicht so geklappt. Vielleicht war es auch etwas zu trocken für mich. Deshalb habe ich gewechselt, zuerst zu Mathematik und Statistik, danach zur Wirtschaft. Dann war mein Stipendium zu Ende. Ich bin zurück und habe dort an einer Hochschule für Verwaltung zu Ende studiert. In Betriebswirtschaft habe ich mich auf Controlling spezialisiert. Jacques, der Fatalist: Controlling in Afrika, das ist eine wirklich interessante Herausforderung, wie man hier gerne sagt. Wie kam es zu deiner Entscheidung für Deutschland? Philippe, der Ökonom: Eine Frau, natürlich. Nach dem Ende des Studiums habe ich bei der Weltbank gearbeitet, tatsächlich in der Afrikaabteilung. Dort habe ich dann einen Kollegen getroffen, einen Amerikaner aus Denver, der hatte hier in Deutschland studiert. Danach ging er nach Denver zurück und wurde von dort aus in die Weltbank geschickt. Dort haben wir zusammengearbeitet. Wir waren sehr jung damals. Wir hatten Geld und haben zusammen eine Wohnung gemietet. Und durch ihn kam Besuch aus Amerika und Deutschland. Da war auch ein Mädchen dabei. Ich war ja nicht so interessiert an Frauen, ich bin ganz anders erzogen worden. Ich war schüchtern und verschwand immer nach den Treffen sofort in meinem Arbeitszimmer. Und später hat sie mir gesagt, sie hat das dann jedenfalls so erzählt, sie hätte immer versucht, mit mir Kontakt aufzunehmen, aber das sei so schwierig gewesen … Dann sind wir dort zusammengekommen und haben geheiratet und kamen hierher. Das war allerdings erst einige Jahre später. Für mich, aber auch für sie war das nicht leicht. Ich habe dort meine Arbeit aufgegeben und alles andere auch. Jacques, der Fatalist Das klingt, als würdest du diesen Schritt heute bedauern. Philippe, der Ökonom: Wenn ich so an zu Hause denke… Ja, das gibt es aber alles nicht mehr, woran ich da gerne denke. Da war es früher so still. Da gab es diese Ruhe in den Dörfern, wo die Leute ganz einfach gelebt haben – mit nicht 70 4. Neue Flüchtlingsgespräche. Ein Ausflug in andere Ansichten so vielen Dingen wie heute und vor allem hier in Europa. Da war Ruhe und Frieden. Das war dann das kleine Paradies, das die Leute so hatten. Und jetzt, wenn man da hinschaut, das gibt es alles nicht mehr. Da sind überall Rebellen und Mienen und Militär – und Müll. Dieser Frieden ist weg, im ganzen Süden. Das ist so schade. Vielleicht war er aber auch nie da, sondern existiert nur in meiner Erinnerung. Ich war ja noch ein Kind. Ich erinnere mich natürlich auch an die Wärme und die Sonne, an all diese Wettergeschichten. Vor allem aber an die Ruhe. Und die Gastfreundschaft fällt mir immer ein, wenn ich zurückdenke, die Leute guckten nicht so darauf, ob du eingeladen bist oder nicht. Die Tür stand immer offen. Das fehlt mir ein wenig, besonders hier. Dort ist das immer noch so, manchmal. Jacques, der Fatalist: Du hast aber hier gelernt zu vergleichen, die verschiedenen Kulturen. Das hat was Philosophisches bei dir. Dein Glas ist leer. Philippe, der Ökonom: Dafür herrscht hier aber Ordnung. Auch wenn das wie ein Klischee klingt. Das bringt mich auf ein anderes Thema, auf den Ausgleich der Unterschiede. Weil du vom Philosophieren sprichst – ich denke mir das so: Im Kosmos, in der Welt gibt es sechs Prinzipien: Ordnung, Willen, Weisheit, Gerechtigkeit, Geduld und Liebe. Und die Leute aus der ganzen Welt haben die Deutschen kennengelernt über die Ordnung – und den Willen und dann erst die Gerechtigkeit. Gerechtigkeit, wenn man das deutsche Volk sozusagen uniform nimmt, das heißt ohne die ganzen Ausländer. Deutschland hat diese drei Prinzipen sehr stark gemacht in der Welt. Und was ich wirklich traurig finde, ist, dass diese Funktion der Ordnung verloren geht, inzwischen. Hier ist es auch nicht mehr so wie früher. Es stimmt, der Zweite Weltkrieg hat keine guten Erinnerungen an die Deutschen hinterlassen, in Europa und anderswo. Aber es war in der Vergangenheit auch nicht alles negativ, so intellektuell gesehen zum Beispiel. Die drei Prinzipien sind durch diese Erfahrungen mit geschaffen worden und durch sehr viel harte Arbeit. Und wenn man das heute so sieht … Heutzutage sind die Deutschen wie alle anderen in der Welt. Die Bahn kommt zu spät, die Leute sind unfreundlich, rempeln dich an auf der Straße mit ihrem Smartphone in der Hand, überall meckern die Kunden – da finde ich es dann schade, dass diese alten Prinzipien so ganz weg sind, denn das hat den Deutschen sehr viel geholfen in ihrer Entwicklung. Jacques, der Fatalist: Na ja, jetzt sind wir beim Palavern – ich finde, es fehlt die Gerechtigkeit, es fehlt die Geduld und es fehlt an Liebe. Aus der Liebe kommt die Energie. 4.2 Über Familiengeheimnisse, Weltprinzipien, Gastfreundschaft & positive Energie 71 Philippe, der Ökonom: Das siehst du nun aber zu negativ. Aber in einem Punkt hast du Recht: Die Ordnung selber hat ja keine Energie. Ihr Existieren hängt von der Energie ab, die man da hineinbringt. Das muss eine positive Energie sein, dann ergibt sich daraus auch eine positive Ordnung. Wenn man in den Willen eine positive Energie legt, dann ergibt das einen positiven Willen – und wenn man in die Gerechtigkeit positive Energie hineinbringt, dann ergibt das eine positive Gerechtigkeit. Das ist wie mit dem Gesetz: Das Gesetz ist, was es ist. Es kommt immer auch darauf an, wie es benutzt wird. Ich kann es dafür nutzen, gute Dinge zu tun und ich kann es dafür benutzen, schlechte Dinge zu tun. Aber das Gesetz als solches ist ordentlich gemacht und gerecht! Es ist eine Frage der Anwendung. So sehe ich das. Kurze Zeit darauf verabschiedeten sie sich voneinander und entfernten sich, jeder an seine Statt. Über Essen, Katzen, Bootsfahrten und Strafen Jacques und Philipp waren überrascht, als sie sich zwei Tage später noch einmal begegneten, diesmal vor dem Café. Beide waren unverändert, nur trug Jacques jetzt keinen Hut, sondern Schal und Mütze. Jacques, der Fatalist: Es ist wirklich verdammt kalt geworden. Lass uns drinnen einen Tee trinken. Heute bist du dran mit Bezahlen. Meine Taschen sind leer. Philippe, der Ökonom: Ja, für einen Tee wird es wohl noch reichen. Wie hält man das nur aus, in diesem Winter? Da hilft es nur, sich in die Nähe eines Ofens zu setzen und zu plaudern. Wir beiden, unbedeutende Bürger mit Migrationsgeschichte, haben in der Diaspora ja schließlich Zeit genug, einander unser Leben zu erzählen. Wundert es dich nicht auch manchmal, wie hier mit der Zeit umgegangen wird? Jacques, der Fatalist: Für mich war vieles verwunderlich, als ich hierherkam. Ich kam ja aus einer vollkommen anderen Welt. Und dann kam Europa, kam Deutschland, mit der so ganz anderer Mentalität, wie das so heißt – zwei vollkommen verschiedene Kulturen, wirklich. Die Gesellschaft ist hier ganz anders organisiert. Also, eigentlich kann ich nur über diese Stadt reden, weißt du. Die 4.3 72 4. Neue Flüchtlingsgespräche. Ein Ausflug in andere Ansichten Leute sind freundlich zu mir, seit fast zwanzig Jahren. Ich habe wirklich keine Probleme gehabt mit der Integration. Papierprobleme ja, aber das ist ja normal, dieser Kampf mit den Behörden. Aber sagen wir mal, Rassismus, in diese Richtung ging es nicht. Da ist mein Eindruck sehr positiv. Ich bin auch der Meinung, wenn man neu ist in einem Land, gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder man integriert sich, dann muss man die Sprache erlernen und die Mentalität und die Leute begreifen. Oder man spricht diese Sprache nicht, dann versteht man auch die Mentalität nicht. Ich habe viele Sprachkurse am Anfang gemacht und fühle mich integriert. Was mich bis heute noch verwundert, ist das Verhältnis zum Essen. Es ist so vieles da – und es wird so wenig geschätzt. Die Küchen sind hier einsame Orte. Vielleicht ist es wegen des Überflusses. Aber die Leute können sich einfach nicht vorstellen, was der Hunger so anrichtet. Mir fällt da eine Geschichte ein, die hat mir mal ein Cousin erzählt, vor einigen Jahren, beim Essen. Wenn du ihn sehen könntest, du würdest ihn für einen Stadtstreicher halten, mit seinem unregelmäßigen Gesicht und dem Dreitagebart. Aber nein, beim näheren Hinsehen würdest du feststellen, dafür ist der Bauch zu groß und seine Schuhe sind zu teuer. Er ist nämlich reich, er ist integriert in Frankreich, isst aber immer noch überaus gern. Das kommt daher… An einem Abend, ganz plötzlich, bei Yams, Lamm und Fisch hat er uns diese Geschichte erzählt. Vorher war das Gespräch auf Tiere gekommen. Bei uns werden viele ohne Weiteres gegessen, auch wenn sie hier nicht gerade als wohlschmeckend gelten: Eidechsen, Schlangen, Frösche, die großen afrikanischen Ochsenfrösche, Gürteltiere … Das stößt meist nach allen Seiten hin auf heftige Ablehnung. Dann ging es um Haustiere. Wir erinnerten uns dabei an unsere gemeinsamen Vorfahren. Der Großvater zum Beispiel war bekannt dafür, nach der Arbeit auf dem Feld gern literweise Palmwein zu trinken. Gelegentlich ging er auch auf Jagd, in den Busch. Also, die Geschichte ging so … Jedenfalls war einmal überhaupt nichts zu Essen mehr im Haus. Absolut nichts, außer Maniok und ein bisschen Gemüse. Auch das Jagen hatte nichts erbracht. Man stelle sich also eine Rundhütte vor oder vielleicht auch schon steinerne Wände mit einem Wellblechdach, aufgepflanzt in die rote afrikanische Erde, in einem 2000-Seelen-Dorf, umgeben von einigen Resten des Urwaldes, der in den Regenwald übergeht. Und die afrikanische Mama im bunten Kleid aus Baumwolle sucht verzweifelt nach etwas Essbarem. In zwei Stunden kommt der Mann von der anstrengenden Feldarbeit nach Hause und der will unbedingt Fleisch essen. Und dann stellt sie ihm tatsächlich auch einen Teller auf den Tisch mit Fleisch, nicht viel, aber immerhin. Der Enkelsohn, zehn oder elf Jahre alt, spielte danach bei den Nachbarn. Und dann kommt er zurück und sucht seine kleine Katze. Und als er die Großmutter 4.3 Über Essen, Katzen, Bootsfahrten und Strafen 73 danach fragt, sagt sie zu ihm: „Die hast du gerade gegessen, mein Kind.“ Stell dir das vor: Die hast du gerade gegessen! Mein Cousin liebte seine Katze. Was geschehen war, ist klar, für uns: Die Frauen suchten nach Essbarem, da läuft ihnen die Katze über den Weg, die einem der Kinder im Haus gehört. Der Kleine war nicht zu sehen, also nimmt die Frau die Katze und dreht ihr den Hals um, wie bei einem Huhn. Sie hat dem Tier das kleine, noch ganz dünne Fell abgezogen, den mageren Körper zerteilt und ihn in den großen Kochtopf zum Gemüse geworfen. Und alle aßen sie davon, auch mein Cousin, als er noch ein kleiner Junge war. Er war total geschockt, als er davon erfuhr. Er war elf Jahre alt und suchte nach dem Essen seine Katze und fand sie – im Topf. Das kannst du wirklich keinem Deutschen erzählen, eine solche Geschichte. Philippe, der Ökonom: Der Katze dürfte das Mitleid gewiss sein. Deine Geschichte hat Potenzial, bei all der Tierliebe hier. Mit so einer Dramatik kann ich leider nicht mithalten, das kenne ich persönlich nicht. Aber einer meiner Freunde ist Musiker. Der legte eine nicht unbeträchtliche Strecke seiner Flucht schon damals mit einem Boot zurück, lange bevor es die vielen Fernsehbilder gab. Er hat den Golf von Biafra durchquert, als dort Krieg war, das ist lange her. Viele junge Leute wissen das nicht mehr. Aber die Älteren erinnern sich vielleicht noch an Bilder von abgemagerten Kindern, damals aus dieser Region. Wenn man von dort wegwollte, durfte man auf keinen Fall die Küste entlangfahren. Man musste die internationalen Gewässer erreichen, sonst wurde man von der Marine aufgegriffen. In so einem Boot, keine zwanzig Meter lang, saß mein Freund. Da waren mehr als dreißig, vierzig Menschen drin, kein Dach, schon leck, und das dann bei tropischem Regen – mit Eimern wurde das Wasser herausgeschöpft. Und du sitzt da … Die Wellen kommen angeflogen, immer höher. Das war ein Händlerboot, illegale Schlepper, natürlich. Die Insassen mussten vorher bezahlen. Dann wurden sie abgeholt, spätabends. Jeder durfte nur einen Rucksack bei sich haben. Sie fuhren bei völliger Dunkelheit los, ohne Licht und ohne Motor, bewegt nur durch die Ruder. Sie hatten einen jungen Keyboarder dabei, Neffe eines berühmten Saxophonisten, der war noch minderjährig, wollte aber unbedingt mit. Er war so seekrank, dass er fast starb. Er lag in den Armen meines Freundes, die ganze Zeit. Mittendrin drohten die Schleuser alle über Bord zu werfen, wenn die Insassen nicht noch einmal mehr bezahlten. Da war kein Mensch weit und breit auf dem Meer. Keiner hätte das bemerkt. Jedenfalls kamen sie dann doch an ihrem Ziel an, nach langer stürmischer Fahrt. Ohne einen Cent natürlich. Mein Freund ist dann über Nigeria, Togo und Ghana weiter in den Senegal gereist und noch weiter nach Norden. Hat zwischendrin immer wieder bei Bands gespielt. Er unterrichtete dann noch eine 74 4. Neue Flüchtlingsgespräche. Ein Ausflug in andere Ansichten ganze Weile die Kinder des mauretanischen Königs am Klavier, soviel ich weiß. Als der dann gestürzt wurde, stand er plötzlich wieder ohne alles da. Nur mit der Brieftasche in der Hand und dem, was er anhatte. Er schaffte es aber trotzdem über Marokko nach Frankreich und bis nach Amsterdam. Von dort aus ging er nach Deutschland. Zuerst in die Eifel. Ja, in die Eifel. Jetzt lebt er hier in der Stadt und beißt sich auf die Lippen, wenn von den Bootsflüchtlingen die Rede ist. Jacques, der Fatalist: Auch eine irre Geschichte. Philippe, der Ökonom: Ich selbst war ja schon als Kind in Frankreich. Meine Eltern haben mich zu einer französischen Familie in Pflege gegeben. Ich war sehr viel krank und meine Mutter war erst sechzehn Jahre alt, als sie mich geboren hat. Das waren solche Gründe damals. Meine Mutter war sehr jung, als sie geheiratet hat und mein Vater hatte keinerlei Erfahrung in diesen Dingen. Sie sind zusammengekommen durch den Krieg zwischen den Nationalisten in Westafrika und der Kolonialmacht. Sie sind zusammen weggegangen. Und dann bin ich geboren worden. Und dann haben sie mich sehr früh an diese französische Familie gegeben, da war ich fünf oder so. Die sind nach ein oder zwei Jahren zurück nach Frankreich gegangen, als der Vertrag zwischen Senegal und Gambia geschlossen wurde. Ich sollte aber weiter in die Schule gehen und da haben sie mich zu den Jesuiten gegeben. Weihnachten zum Beispiel fliege ich oft nach Frankreich zu ihnen, zu meinen Pflegeeltern, noch heute. Mein erster Kontakt mit Europa war also ungefähr mit sieben Jahren. Es war Weihachten und ich kam mit dem Zug an und es war nachmittags 16.00 Uhr. Mein erster Schock war: Keine Sonne! Es ist so dunkel hier … Ich war sehr leicht angezogen und es überall lag Schnee. Die französische Familie hatte sich natürlich vorbereitet, sie warteten mit Kleidung und so. Ich hatte das bis dahin immer nur im Fernsehen gesehen, es hatte mich aber trotzdem wirklich schockiert: 16.00 Uhr und keine Sonne! Jacques, der Fatalist: Ja, das Wetter macht einen Unterschied. Ich finde aber, auch das Essen. Das Schmecken ist keine einfache Kulturpraxis – man merkt erst in der Fremde, wie kompliziert das ist, was da alles so mundet oder eben nicht. Bei uns geht es ja viel darum, ob überhaupt was da ist. Immer kommen die Frauen herbei, wenn Gäste kommen, und fragen, was sie haben wollen. Immer brutzelt, schmurgelt und duftet auf einem Feuerchen irgendwo etwas, wenn es geht. Egal, wann der Besucher kommt, ganz gleich zu welcher Tages- oder 4.3 Über Essen, Katzen, Bootsfahrten und Strafen 75 Nachtzeit, er bekommt immer etwas aufgetischt. In den hiesigen Häusern werden, vor allem wenn der Tag nicht so war, wie er hätte sein sollen, die Stimmen dann so streng. Es wird so viel gemeckert, über das Essen und alles andere auch: Das da nicht, aber das, was gerade nicht da ist, das ist gut. Für uns nur das Beste. Zorn funkelt. Hier verstehen die Frauen sich nicht als Versorgerinnen. Wangenmuskeln spannen sich an. Der Mund wird ganz schmal, wenn du mal nach dem Essen fragst. Philippe, der Ökonom: Ja, Düfte durchziehen hier nur selten das Haus. Sie haben so vieles andere zu tun. Schärfe schmeckst du hier ohnehin nicht oft auf der Zunge, eher Milde und Wein. Jacques, der Fatalist: Vielleicht kommen durch diese Unterschiede die vielen, fast rituell geführten Telefonate bei uns: Brummelnde, aus der Weite des Netzes kommende ferne Stimmen am Handy, die Mutter, der Vater, die Großeltern, wenn sie noch da sind, die Brüder, die Schwestern, die Jüngste hat jetzt einen Freund, welches Business er wohl hat? Wenn sie ans Telefon geht, nennt sie mich Daddy. Der Vater lebt nicht mehr. Sie ist jetzt zwischen zwanzig und vierundzwanzig Jahren alt. Genau weiß ich es nicht. Ich war schon groß, als sie geboren wurde. Ich habe sie als Baby auf den Händen getragen. Mein Vater hatte fünf Frauen. Mit zweien war er verheiratet. Eine war meine Mutter. Die andere war ihre Mutter. Meine Geschwister kamen nach mir, alle nacheinander. Der Vater meines besten Freundes hatte sechsunddreißig Kinder. Nur zwei davon sind gestorben. Er selbst weiß gar nicht, wie viele vor oder nach ihm gekommen sind. Er kann sich auch nicht erinnern, wie viele Frauen im Haus waren. Er kennt nur die Zahl der Kinder, die sein Vater gezeugt hat. Wir haben eine zeitlang zusammen in einer Wohnung hier gewohnt, die hatte nur ein schmales Bett. Wenn er nachts von der Arbeit nach Hause kam, schlief er nicht Kopf an Kopf. Nur Kopf an Fuß, sozusagen. Das war er so gewohnt und das fand er auch bequem. Als er noch ein Kind war, schliefen alle Kinder des Hauses in einem einzigen Zimmer. Es hatte zwei Betten. Philippe, Der Ökonom: Ja, da war wenig Platz in den Häusern. Aber nur physisch betrachtet. Es gab ja die Höfe und die Sonne draußen. Die Kinder erzieht bei uns ja das ganze Dorf. Was in meinem Falle auch unerwartete Ohrfeigen einschloss, die du dir an jeder Straßenecke einfangen kannst. Wenn du rauchst, zum Beispiel. Jacques, der Fatalist: Das bringt mich jetzt zu den Strafen. Aus der Erziehung der Kinder hier sind sie ja schon weitgehend verbannt. Als ich klein war, brach- 76 4. Neue Flüchtlingsgespräche. Ein Ausflug in andere Ansichten te meine Großmutter es fertig, roten Pfeffer zu nehmen und ihn mir in die Augen zu streuen, wenn sie der Ansicht war, ich sei ungehorsam gewesen. Dazu zählte sie bereits schon, wenn ich Fußball gespielt hatte. Oh je, wie das gebrannt hat! Die größeren Mädchen, wenn sie spät nach Hause kamen und die Eltern vermuteten, sie waren nicht allein unterwegs, bekamen Pfeffer noch ganz woanders hin. Kennst du diese Art von Bestrafung auch? Philippe, der Ökonom: Nein, in unserer Familie gab es so etwas nicht. Ich bin ja, wie gesagt, in Frankreich aufgewachsen. Jacques, der Fatalist: Ich habe mehrere Narben. Die stammen aber vom Fahrradfahren in den Ferien. Auf den Pfaden Afrikas, ohne Licht durch den Busch, das ist nicht ungefährlich. Einmal kam mir einer entgegen. Wir stießen zusammen in der stockdunklen Nacht. Deutlich erinnere ich mich an die Risse in der roten Erde im Sommer, die vielen Verletzungen an den Füßen. Die Eltern durften es nicht merken, das Hinken, wenn ich vom Spielen zurückkam. Wenn sie es doch bemerkten, gab es wieder Schläge. Alle schlugen sie mich: die Mutter, die Tanten, die Onkel, die Großmutter. Mein Großvater schlug mich einmal mit einem Holzstück auf den Kopf. Das Blut sprang in der Mitte heraus. Und hier, sieh’ mal her, diese Narbe am Auge, da habe ich wirklich Glück gehabt. Das war meine älteste Tante. Sie schlug mich und traf das Auge. Ich war noch klein, mein ganzer Körper war voller Blut. Und einmal, sieh mal her, im Wald, später, als ich groß war, beim Fällen der Bäume, da gab es einen Unfall mit der Machete. Sie traf den Unterschenkel. Ich konnte für eine Zehntel Sekunde meinen Knochen sehen, sehr weiß, in der Mitte des Beins. Das braune Fleisch hing rechts und links herab. Kein Krankenhaus, kein Arzt in der Nähe. Aber meine Familie war da, sie zerrissen Kleider und suchten Blätter und verbanden so die Wunde. Sie heilte. Philippe, der Ökonom: Ja, so war das, damals, sehr weit weg von hier, daheim. Jacques, der Fatalist: Ist Vergangenheit jetzt. Aber sie vergeht nicht so ganz. Für nicht ganz so schlimme Taten ließ meine Mutter mich eine bestimmte Haltung einnehmen: Rechter Zeigefinger auf den Boden, linker Fuß nach oben, wie war das noch mal, ja, so, ich zeig’s dir, genau so. Stundenlang. Wenn der Fuß auf den Boden sank oder auch nur ein Arm einknickte, bekam ich Schläge. Mein Vater ließ mich stehen mit fünf Kilo Gewicht auf jeder Handfläche und mit ausgebreiteten Armen – wie am Kreuz. Meine Brüder waren jünger als ich. Der eine maulte beim Essen. Die Portion war ihm zu klein. Unsere Nachbarn störte das allabendliche Kindergeschrei. Da nahm meine Mutter eines Abends 4.3 Über Essen, Katzen, Bootsfahrten und Strafen 77 alle Portionen zusammen und gab sie meinem Bruder. Sie sagte: Das isst du jetzt auf, damit du satt wirst. Er saß davor und schaffte die Hälfte. Da zwangen sie ihn weiter zu essen und er brach alles wieder heraus. Nie wieder hat er sich beklagt. – Lass uns austrinken. Ich will gehen. Mir ist jetzt kalt. Und beide gingen auseinander, jeder an seine Statt. Über Erfindungen, Kindererziehung, Reichtum, Fisch und Fleisch Jacques, der Fatalist, ging nun fast täglich ins Café. Sein neuer Dienstherr erwartete von ihm, dass er lupenreines Deutsch sprach. Deutsch sozusagen wie ein Deutscher, ohne jeden Akzent. Abends betreute er die Kunden, die sich über Hotelbuchungen beschwerten, weltweit, in französischer, englischer oder spanischer Sprache, besonders häufig aber eben auf Deutsch. Die anderen drei Sprachen beherrschte er fehlerfrei. So las er in den Zeitungen, die an dunkel gefärbten Holzstäben über den Köpfen der Gäste kostenlos aushingen. Er lauschte den Gesprächen rechts und links, den Stimmen, die laut und leise, energisch schallend oder verhalten summend, sich mischten. An der Tonlage erkannte er alsbald die Geschichte und konnte die Stimmung des Redenden daran ausmachen. Diese Erkenntnisse erfolgreich für sich zu verwerten, ging er ins Café. In dieser lauschenden Lage fand ihn Philippe, der Ökonom. Er kam vorbei, um Zigaretten zu kaufen – und sah seinen Gesprächspartner, umringt von Bergen von Papier, vertieft in ein buntes Heft, mit gerunzelten Brauen über zusammengekniffenen Lidern, die Augen zu Sehschlitzen verengt und die Ohren gespitzt in Tumult und Lärm. Und so saßen sie wieder beisammen Jacques, der Fatalist: Was ich gerade verstehe, ist Folgendes: Die Kultur hat überhaupt nichts mit dem Wirtschaften zu tun. Eine Zeitlang hat es so ausgesehen, als ob die Welt bewohnbar werden könnte. Ein Aufatmen ist durch die Menschen gegangen. Der Webstuhl, die Dampfmaschine, das Auto, das Flugzeug, die Chirurgie, die Elektrizität, das Radio und das Fernsehen kamen, all diese Erfindungen, und schließlich das Internet. Der Mensch konnte fauler, feiger, wehleidiger, genussüchtiger sein, kurz, fast so glücklich wie wir in unseren vergangenen Zeiten. Aber wenn du hier so etwas sagen willst, stößt du auf das undeutliche und oft schlechte Bild von allem, was außerhalb europäischer oder amerikanischer Interessen liegt. Es ist wie eine unsichtbare Mauer. Die meisten Flüchtlinge, die hier nach Deutschland gekommen sind, wollen etwas tun – für ihre Familie, für ihr Land, für sich selbst. Das geht jetzt schon seit Jahren so. 4.4 78 4. Neue Flüchtlingsgespräche. Ein Ausflug in andere Ansichten Die meisten denken jedenfalls in diese Richtung. Wenn wir dort unten im Süden zu arm sind, um zu überleben, dann sind die europäischen Länder zum Teil mit schuld daran. Ich verstehe: Sie unterstützen die Diktatoren dort. Die Präsidenten, die da unten in Afrika an der Macht sind zum Beispiel, das sind zu einem großen Prozentsatz Schauspieler. Sie tragen alle Masken. Sie spielen allen etwas vor, auf den Bühnen der Welt, zum Beispiel das Stück, dass sie zu Frankreich gehören, damit die Franzosen Geld in ihr Land investieren. Und dann der Krieg und jetzt der Terror. Den bringen doch nicht die Flüchtlinge hierher. Von dort her kommen die doch, die meisten jedenfalls. Deshalb fliehen sie doch gerade hierher – um eine gute Arbeit zu finden und dann ihre Heimat besser zu organisieren. Warum gibt es für Heimat eigentlich keinen Plural? Die meisten wollen ein besseres System der Organisation des Lebens und der Arbeit in ihren eigenen Ländern. Dann müssen sie auch nicht mehr nach Europa fliehen. Philippe, der Ökonom: Heimat gibt’s nur einmal. Das ist der Ort, wo keiner je war, aber alle sein wollen. Was liest du denn da überhaupt? Lass mich mal sehen: „Die Verbände sehen in der Flüchtlingsproblematik eine ganzheitliche und langfristige Herausforderung... Gefordert wird in erster Linie eine aktive Informationskampagne für Unternehmen … Wir dürfen aber nicht zur Aushöhlung der Fachkräfte in den betreffenden Staaten beitragen, sondern sollten die Bemühungen der Länder unterstützen, ihre Wirtschaftskraft zu steigern...“ Was ist das? Jacques, der Fatalist: Zehn-Punkte-Plan, gerichtet gegen die Permanenz der Flucht. Bei der Erwähnung der Steigerung der Wirtschaftkraft fällt mir immer das leer gefischte Meer vor der afrikanischen Westküste ein. Flüchtlinge unter achtzehn Jahren dürfen übrigens sofort bleiben. Erwachsene müssen zurück. Oder kommen in Lager. Bis die Rechte geklärt sind. Das kann dauern. Da freut sich die Rechte. Hast du gestern Abend auch den Bericht gesehen? Philippe, der Ökonom: Internierungen in europäischen Küstenländern oder in der Wüste Nordafrikas oder in Libyen gibt es doch nicht erst seit gestern. In der Dürre dort. Im Sand, der sich immer weiter ausbreitet durch die Erwärmung des Erdklimas. Sand ist so geduldig. Um da wieder herauszukommen, wird noch mehr Geld an die Schlepper gezahlt. Viel Hoffnung auf ein besseres Leben, buchstäblich in den Sand gesetzt, wenn sie alle wieder zurückmüssen. Jacques, der Fatalist: Ja, solche Bilder sieht man jetzt jeden Tag. Leichenteile in den Netzen der griechischen Fischer. Das Mittelmeer ist ein Massengrab. Hat 4.4 Über Erfindungen, Kindererziehung, Reichtum, Fisch und Fleisch 79 man da eigentlich noch Freude als Tourist? Ich kann’s nicht mehr hören. Mir erzählte das schon vor Jahren eine Freundin. Sie hörte bei einer Tagung im Reichstag, organisiert von den NGOs, den Bericht vom Kapitän der Cap Anamur. Ihm drohten seinerzeit sieben Jahre Haft durch ein italienisches Gericht. Jahrelang hatten er und seine Leute Flüchtlinge aus dem Meer gefischt, Syrer, Eritreer, Jemeniten, Westafrikaner, Äthiopier. Viele hatten Kinder dabei. Auf seinem Schiff war deutscher Boden. Trotzdem gab es eine Gerichtsverhandlung. Die italienische Küstenwache holte schließlich die Leute von Bord, an Land. Wohin genau, weiß keiner. Berichtete der Kapitän schon vor Jahren, im Deutschen Bundestag. Und meine Freundin erzählte es mir. Ich werd es nicht mehr los. Es gibt Leute, die das wissen wollen, was los ist in der Welt. Das, was die Medien nicht berichten. Manche wollen das wissen. Ich gehöre nicht dazu. Philippe, der Ökonom: Mich kannst du auch danach fragen. Viele junge Männer aus meiner Stadt daheim versuchen das. Manche sterben dabei. Jacques, der Fatalist: Hast du eine Zigarette für mich? Eigentlich rauche ich lieber Zigarren. Am liebsten kubanische, aber die sind so teuer hier. Und auch nicht leicht zu bekommen. Oder Pfeife. Ich hab’ zu Hause eine, die ist siebzig Jahre alt. Sieht aus wie bei unseren Altvorderen auf einem kolonialen Foto. So wie man sie von den Chiefs der Dörfer machte, mit allen Ehrenzeichen und dunkler Haut, wie gegerbt, und wachen Augen. Hat nichts genützt. Die alten Traditionen, alle verloren gegangen. Philippe, der Ökonom: Wo du recht hast, hast du recht. Nehmen wir den Respekt vor den Alten. Was die einst sagten, war Gesetz. Ich habe selbst zwei Kinder. Nimm meinen Ältesten, der ist sechzehn. Er hört überhaupt nicht auf das, was ich sage. Jacques, der Fatalist: Kein Sechzehnjähriger hört auf seine Eltern, wenn du mich fragst. Philippe, der Ökonom: Ja, aber in meiner Kindheit war das ganz anders. Wenn mein Vater etwas sagte, dann war das so zu akzeptieren. Da gab es keine lange Debatte wie heute. Man muss nicht immer alles diskutieren. Heutzutage ist es doch so: Alles wird von jedem jederzeit diskutiert. Das muss nicht immer sein. Es gibt ja auch gewisse Erfahrungen, zum Beispiel, was gut ist für ein Kind und was nicht. Mein jüngerer Sohn ist zwölf und da ist das überhaupt nicht so. Jacques, der Fatalist: Da steht dir das Gleiche noch bevor. 80 4. Neue Flüchtlingsgespräche. Ein Ausflug in andere Ansichten Philippe, der Ökonom: Nein, das glaube ich nicht. Es liegt daran, mein Ältester hat die falschen Freunde. Sie quatschen, sie rauchen und trinken Alkohol. Die finden das cool, die Jungs aus seiner Clique. Ich versuche ja mich da herauszuhalten. Er muss seine eigenen Erfahrungen machen. Aber ich will natürlich nicht einfach dabei zusehen, wenn sich abzeichnet, dass das böse ausgeht. Der Große hat auch überhaupt keine Lust auf die Schule. Das ist das ganze Problem. Jacques, der Fatalist: Als der Ältere hat er es vielleicht auch etwas schwerer gehabt. Philippe, der Ökonom: Ach was! Das Problem sind die falschen Freunde. Er macht, was sie sagen. Wenn sie zu ihm sagen: Spring, dann springt er. Auch aus dem Fenster. Der Kleine ist da ganz anders. Er beschäftigt sich gerne mit der deutschen Sprache, so wie du das jetzt auch gerade machst. Der Große wird erst zu spät merken, wie wichtig das für sein späteres Leben ist. Jacques, der Fatalist: Vielleicht ist es für ihn aber von Bedeutung, dass es da noch einen anderen Zusammenhalt gibt als Eltern und Schule. Viele Ausländer hier, egal ob Flüchtling oder nicht und gleich wie alt, haben ein enormes Solidaritätsempfinden. Viele versuchen auf diese Weise, ihre Identität nicht ganz zu verlieren. Deshalb kommen sie auch so oft wie möglich zusammen. Auch wir machen das ja so. Wenn schönes Wetter ist, dann organisieren wir ein Treffen und laden alle ein, die in der Nähe sind. Da wird dann gegrillt, zum Beispiel am Fluss. Es wird viel palavert, viel gelacht und die Kinder lernen sich untereinander kennen. Das ist wichtig, vor allem, wenn sie sehr um ihre Anerkennung kämpfen müssen. Philippe, der Ökonom: Das ist bei meinen Kindern gar nicht der Fall, scheint mir. Sie machen Musik. Beide sind in einer Band. Sie haben viele Auftritte. Der Kleine singt recht gut. Er hat sogar bei einem Wettbewerb im Fernsehen mitgemacht, erfolgreich. Danach kamen die ganzen Mädchen und wollten Autogramme von ihm haben. Das hat ihn dann aber doch eher genervt. Meine Söhne holen sich schon den Respekt, den sie brauchen. Der Große will aber auf jeden Fall noch etwas anderes tun. Nur was? Jacques, der Fatalist: Sie kennen den Weg oft nicht. Und die Musik, na ja … Vorsicht. Das ist doch auch ein Klischee. Du hast mir doch von deinem guten Freund erzählt, der den Kindern des Königs von Mauretanien auf seiner Flucht Klavierspielen beigebracht hat. Arbeitet er nicht als Elektriker? Kaum ein euro- 4.4 Über Erfindungen, Kindererziehung, Reichtum, Fisch und Fleisch 81 päischer Musiker kann von dem leben, was er da tut. Das hat mit der Herkunft überhaupt nichts zu tun. Es ist der Preis für künstlerische Freiheit. Ich verstehe aber, was du meinst: Es ist der Wunsch eines jeden Vaters, dass der Sohn mehr darstellt als er selbst. Deine Kinder sind nicht in Westafrika geboren. Sie sind nicht auf der Flucht, sondern hier fest verwurzelt. Mir scheint es ist wichtig, dass er weiß: Es gibt dort die afrikanischen Traditionen und hier die europäische Kultur. Von beiden soll er sich das Positive nehmen. Alles andere kann er später selbst entscheiden. Zum Beispiel, wo er leben will. Philippe, der Ökonom: Manchmal sind die Aussichten hier auch nicht verlockend. Viele haben Angst: Die Deutschen sollen teilen lernen. Dazu sind ja keineswegs alle bereit. Wenn sie selbst arm und ohne Arbeit sind, führen sie das ganze Elend auf die Ausländer zurück. Oder sie fürchten, dass sie bald nicht mehr so viel verdienen wie bisher. Oder keine Wohnung bekommen. Sie fühlen sich verdrängt. Jacques, der Fatalist: Es ist ja auch die Frage, welche Art von Arbeitsplätzen es noch gibt, wenn es aufwärtsgegangen ist mit der Beschäftigung. Bleibt es bei 450-€-Jobs und der vielen Zeitarbeit? Das ist für mich die neue Sklaverei. Viele arbeiten viele Stunden für wenig Geld und es reicht nicht hinten und nicht vorne zum Leben. Das scheint mir keine Lösung zu sein. In einem früheren Job habe ich oft vierzehn oder sechzehn Stunden am Tag gearbeitet. Das waren eigentlich zwei Arbeitsplätze. Der Chef, der feine Herr, wollte aber nicht mehr bezahlen. Es gab nur unbezahlte Überstunden. Das ist auch eine Frage der Gesetze, ob die eingehalten werden in gewissen Jobs. Wenn viele Ausländer dort arbeiten, zahlt die Metall- und Elektroindustrie auch gerne mal nach dem Textiltarif. Das ist dann billiger. Philippe, der Ökonom: Da gebe ich dir recht! Vielleicht ist es so, dass man aber gar nicht so viel von oben her tun sollte, für die ganze Integration. Ich finde, die Ausländer sollten viel mehr daran mitwirken können. Meiner Meinung nach haben lange Zeit Sendungen in den Medien gefehlt, in denen sie wirklich vorkommen. Ich meine: nicht als Opfer. Oder als kriminelle Täter. Und nun die ganzen Flüchtlinge. Es fehlt, was wir schon erreicht haben. Es gibt ja auch positive Vorbilder, nicht nur Problemfälle. Der eine oder andere hat hier schon etwas geschafft. Ich weiß, man sagt: Nur schlechte Nachrichten verkaufen sich gut. Wahrscheinlich ist das auch so. Trotzdem finde ich, es fehlen Kanäle und Sendungen zu diesem speziellen Thema. Ich meine damit nicht: Comedy. Da machen wir uns nun ja schon über uns selbst lustig. Echte Probleme sind zu zeigen, aber auch: Wie werden sie gelöst? Wo kann man hin mit seinen Fragen? 82 4. Neue Flüchtlingsgespräche. Ein Ausflug in andere Ansichten Oft ist es bei uns gar nicht so anders als in den deutschen Familien. Aber das wird nicht gezeigt. Es wird viel zu viel separiert. Das kommt natürlich auch aus dem wirklichen Leben, aus der Öffentlichkeit – zum Beispiel bei den Stellen in der Kommunalverwaltung. Da wird immer noch abgeschottet, was das Zeug hält. Es ist aber wichtig, dass man in Behörden und Ämtern auch gut ausgebildete Ausländer sieht. In England und Frankreich ist das bereits anders. Aber die haben ja vorher auch kräftig kolonialisiert. Jacques, der Fatalist: Die Deutschen waren auch mal eine Kolonialmacht. Das haben sie nur inzwischen vergessen dürfen. Weil danach so viel passiert ist. Mich überrascht es immer wieder, wie wenig man hierzulande darüber weiß oder auch wissen will. Egal, ob es sich um die Vernichtung der Herero und Nama in Namibia, um den Maji-Maji-Aufstand in Tansania, um den Boxer-Aufstand in China, um die Kämpfe in Kamerun im Ersten Weltkrieg, um Togo als Musterkolonie und um die deutschen Schutzgebiete in der Südsee handelt oder ob es einfach um die Handelswege allseits beliebter Kolonialgüter wie Kaffee geht – wer darüber etwas wissen will, muss schon sehr nach präzisen Informationen suchen. Das wird dann den speziellen Freundschaftsgesellschaften überlassen. Und die bleiben gerne unter sich. Die Franzosen und Engländer haben den Deutschen ihre Kolonien ja schließlich auch wieder abgenommen. Ich sehe das so: Wenn du hier als Ausländer bestehen willst, besonders als Fremder mit einer anderen Hautfarbe, musst du doppelt so gut sein wie die Eingeborenen. Und das reicht immer noch nicht. Du kommst trotzdem nicht in eine gute Position. Und das zieht dann nach sich, dass es kaum Vorbilder gibt oder eben viel zu wenige. Man kann so vieles tun hier in diesem Land. Keiner muss kriminell werden. Aber oft ist es doch so: Erst wenn man sieht, dass andere das können, kommt der eigene Gedanke: Das kann ich doch auch. Philippe, der Ökonom: Weißt du, du redest schon wie ein Deutscher. Du bist nicht Fisch, nicht Fleisch. Jacques, der Fatalist: Ich kann ja auch nicht von mir sagen, dass ich ausschließlich Afrikaner bin, nur allein wegen der Hautfarbe. Das ist ja nur die eine Hälfte von mir. Die andere Hälfte ist deutsch. Das hat mit Veränderung zu tun, mit Entwicklung und Transformation. Ja, es gibt Situationen, da verhalte ich mich tatsächlich schon wie ein Deutscher, ohne es in diesem Moment zu wissen. Hinterher fällt mir ein, das macht man so ja gar nicht ‚bei uns‘. Oder andere weisen mich dann darauf hin. 4.4 Über Erfindungen, Kindererziehung, Reichtum, Fisch und Fleisch 83 Philippe, der Ökonom: Ich glaube an das afrikanische Deutschsein erst, wenn von den ehemaligen Kolonialmächten Reparationen gezahlt worden sind. Über diese Möglichkeit ist viel nachgedacht worden. Da wurde hin und her gerechnet, da waren Millionen, Milliarden, Billionen von Pfund oder Dollar im Spiel … Aber jetzt, in dieser Situation, da kann man keine Reparationen nach Afrika geben. Nur wenige würden davon profitieren. Aber wenn man irgendwann einmal in Europa beschließen würde, wir geben etwas zurück von dem, was wir uns einst mit Gewalt genommen haben, dann könnte man viel tun für die Infrastruktur, für Schulen, Bildung und Krankenhäuser. Vielleicht würde das dann die Flüchtlingszahlen eindämmen. Ich halte das sogar für den einzigen Weg. – Aber einfach so Geld geben ohne Voraussetzung, das geht nicht. Jacques, der Fatalist: Ja, das müsste in Kanäle fließen, die absichern, dass es wirklich der Bevölkerung nutzt. Aber das ist die Zukunftsmusik in der Flüchtlingspolitik. Die deutsch-afrikanische Identität, die existiert aber schon. Ob man das nun will oder nicht, die ist schon da. Philippe, der Ökonom: Ich denke, wir profitieren von dieser Doppelung, so wie wir von beiden Eltern, von Vater und Mutter, profitieren. Das ist doch auch Reichtum, für Deutschland. Die Deutschen schätzen diesen Reichtum vielleicht nur nicht genug. Es gibt ja auch nicht nur diese eine gemischte Identität. Die unsrige fällt nur am meisten ins Auge und den wenigsten deshalb auf. Mit Sicherheit gibt es längst auch eine türkisch-deutsche Identität und bestimmt eine russisch-deutsche oder eine polnisch-deutsche. Das ist doch reiche Vielfalt. Jacques, der Fatalist: Es ist echt traurig zu sehen, wie oft dieses Thema in der Öffentlichkeit auf die Problem-Nazis, auf Pegida oder seit Neuestem auf diesen sich Partei nennenden Populistenhaufen Alternative für Deutschland oder eben die Terrorgefahr beschränkt wird. Immer in den negativen Schlagzeilen. Ich gehe mal davon aus, es wird noch eine ganze Weile dauern, bis man in Deutschland soweit ist, auf die Erfahrungen von Einwanderern zurückzugreifen. Das sind immerhin schon zwei Generationen. Philippe, der Ökonom: Da hast du recht. Es braucht noch Geduld. Geduld ist eines der spirituellen Weltprinzipien, wie du bereits zu erkennen Gelegenheit hattest. Aber ich bin mir ganz sicher: Das kommt. Denn was wäre denn die Alternative? Nur wenn die Bürger Deutschlands über die Auswahlregeln der Demokratie in dieser Sache mitbestimmen können, kann es ein verändertes politisches Bewusstsein geben. Die Leute könnten sich überlegen: Wie werden wir diesem Reichtum an Kulturen als Vielfalt in unserem Land am besten gerecht? 84 4. Neue Flüchtlingsgespräche. Ein Ausflug in andere Ansichten Überall wird geredet über Integration. In Frankreich geht das schon seit Jahrzehnten so. Und auch da ist die Angst groß geworden, wegen der Muslime, in Frankreich besonders, und wegen der Anschläge. Das hat aber mit dem größten Teil der Flüchtlinge gar nichts zu tun. Das ist kein religiöser Krieg, es hat auch nicht direkt was zu tun mit der Hautfarbe. Alle europäischen Völker suchen nach der Antwort: Akzeptieren wir die friedlichen anderen unter uns oder nicht? Jacques, der Fatalist: Das ist mir zu hoch. Ich persönlich hätt’ da eher auch Angst vor einem Ergebnis. Sicher bin ich mir nicht, was dabei herauskommt. Und ob ich mir das Resultat dann wünschen soll. Aber vielleicht gehört das zur modernen Entwicklung dazu, diese Frage. Schließlich ist eine ganze Kaste geschaffen worden in Europa, die das Denken besorgen soll für all uns andere. Ihre Vertreter müssen ihren Kopf ausvermieten wie wir unsere Hände. Es ist wie bei den Amerikanern, wo die Entwicklung weiter voran ist, wo Gedanken als Waren längst erkannt worden sind. Natürlich haben sie selbst den Eindruck, dass sie für die Allgemeinheit denken. Deshalb wird es eine solche Mitbestimmung im Hinblick auf die Regeln der Demokratie wohl nicht geben. Und im Übrigen, im Falle eines negativen Ausgangs, was wäre dann: Gehen wir alle, die hier immer noch als Fremde zählen, dann einfach wieder weg? Und was wird dann aus dem Rest? Und er erhob sich mit seiner leeren Tasse, grüßte die Palme vor der weißen Wand und machte eine ungenaue Bewegung in die Richtung seines Gegen- übers, die nicht leicht jemand als einen Versuch zum Anstoßen entlarven konnte. So gingen sie auseinander, jeder an seine Statt, und kamen nicht wieder zusammen. 4.4 Über Erfindungen, Kindererziehung, Reichtum, Fisch und Fleisch 85 „Gekommen, um zu bleiben“99, lautete ein Statement in der Debatte um öffentliche rassistische Äußerungen Anfang des Jahres 2018, selbst Adaption eines Songs. Wenn Sie das Gespräch bis zum Ende verfolgt haben, werden Sie sich nun fragen: Was bedeutet das für mich? Und was soll ich damit in meiner Firma? Soll ich Philippe oder Jacques anstellen? Das Prosastück enthält sowohl Fiktives wie Erlebtes. Es trickst ein bisschen und enthält doch lebendige Wahrheit. Als Zwischenakt zeigt es Sichtweisen, die selten in der Öffentlichkeit zu Wort kommen. Aus ihnen kann, wer will, auch Versäumnisse ableiten. Doch an dieser Stelle geht es vor allem darum, Erkenntnisse daraus zu gewinnen, die weiter reichen als subjektiv-persönliche Ansichten der Weltordnung. Das Einüben anderer Sichtweisen ist jedenfalls kein Nachteil, wenn man erfolgreich auf dem europäischen oder dem globalen Markt agieren will. Welche Schlussfolgerungen können also aus dem Dialog für das Gelingen von Integrationsprozessen gezogen werden? • Jenseits der großen Flüchtlingsdebatte haben auch ‚kleinere‘ Migrationsgruppen einen Anspruch auf Gestaltungsmöglichkeiten. Viele haben sich inzwischen in eigenen Initiativen organisiert, die Anlaufstellen für Integration durch gesellschaftliches Engagement sind. Warum sollten sie sich nicht einmal auf einer Betriebsversammlung vorstellen? • Gelebte Erfahrung von Diversität hat bezüglich der Ausbildung von Führungsfähigkeiten die „sehr starke Evidenz einer positiven Beeinflussung“. Weshalb nicht das Management schulen, indem man es anstatt einer Segelboot-Turn einem ‚Ethno-Chaos‘ aussetzt, das dazu verhilft, Lerneffekte durch Begegnung mit dem Unerwarteten zu erwerben? • Mehr als die Hälfte aller mittelständischen Unternehmen beklagt inzwischen Umsatzeinbußen aufgrund des Fachkräftemangels. Neben der Rechtssicherheit, die über Bleiben oder Gehen entscheidet, bieten den besten Schutz vor prekärer Beschäftigung Qualifikationen, die über das Helferniveau hinausreichen. Warum nicht einmal eine eigene Initiative starten, die Weiterbildungsmöglichkeiten in Kooperation mit den Kammern sowie im direkten Kontakt mit den Unternehmen anbietet? • Berufsbegleitende Sprachkurse können nicht staatliche Aufgabe allein sein. Warum nicht einmal den Kontakt zu benachbarten Sprachschulen suchen und Veranstaltungen in betriebseigenen Räumen nach Arbeitsende anbieten? 99 Martin Niewendick: Liebe AfD, wir sind gekommen, um zu bleiben, in: DIE WELT, 3.1.2018, https://www.welt.de/debatte (letzter Zugriff am 4.4.2018.). 86 4. Neue Flüchtlingsgespräche. Ein Ausflug in andere Ansichten • Integration braucht einen langen Atem. Warum nicht einmal Diversität in der Organisation verankern, indem geeignete Personen aus unterrepräsentierten Gruppen aktiv für qualifiziertere Aufgaben angesprochen werden, deren Erfüllung in einer Zielvereinbarung verankert wird? • Deutschland gilt als der ‚Ausstatter der Weltwirtschaft‘. Seine Unternehmen bieten Maschinen, Anlagen, chemische Erzeugnisse, Datenverarbeitungsgeräte, elektronische und optische Erzeugnisse an, die eine globale Ökonomie braucht. Warum nicht einmal ein bis zwei Prozent des Export- überschusses der Firma in ein Projekt investieren, das einem afrikanischen Dorf eine stabile Stromversorgung sichert oder den Jugendlichen beibringt, wie man Solarzellen in ein Sonnenglas einbaut? • Gleichbehandlung setzt dort an, wo zuvor mit einer anderen Sichtweise Unterschiede gemacht wurden. Nicht immer geht es um das Recht auf Vielfalt allein. Warum nicht einmal die Organisationsstruktur des Betriebes nach Regelungen durchforsten, die Hindernisse für die Förderung von Vielfalt darstellen? • Über offenen Rassismus wird heute mehr diskutiert als früher. Was vielfach aber von Betroffenen vermisst wird, ist die Bereitschaft, Strukturen zu ändern, die zu Ausgrenzung führen. Hier kann man von anderen Ländern und internationalen Unternehmen einiges lernen. Einige Hintergründe und Beispiele für erfolgreich umgesetzte Strategien bietet das nächste Kapitel. 4.4 Über Erfindungen, Kindererziehung, Reichtum, Fisch und Fleisch 87

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Zusammenfassung

Welchen Vorteil gewinnen Unternehmen, wenn sie die ‚Buntheit‘ des eigenen Personals als Erfolgsfaktor verstehen? Wenn sie, vor dem Hintergrund der Debatte um Diversifizierung, den Umgang ihrer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sowie der Führungskräfte besonders mit ethnischer Vielfalt aktiv gestalten? Der Band bietet Antworten auf diese Fragen. Verantwortliche aus Human-Resources-Abteilungen, in den Geschäftsleitungen, aber auch in öffentlichen Institutionen finden hier Impulse, Anregungen, Praxisbeispiele, Checklisten und Übungen, wie der Prozess interkultureller Zusammenarbeit gestaltet werden kann. Auch kleinere und mittelständische Unternehmen entdecken die Potenziale von Vielfalt in Zeiten des Fachkräftemangels. Um den Herausforderungen zu begegnen, die damit verbunden sind, sind die Potenziale von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen mit Zuwanderungsgeschichte effektiv einzusetzen: hinsichtlich der Belegschaften, aber auch mit Blick auf den Markt und die Kunden.

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