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Michael Litschka, Nicht-kommerziell, aber ökonomisch: ein Capability Approach gemeinwohlorientierter Medien in:

Jan Krone, Andreas Gebesmair (ed.)

Zur Ökonomie gemeinwohlorientierter Medien, page 57 - 66

Massenkommunikation in Deutschland, Österreich und der Schweiz

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8487-4811-2, ISBN online: 978-3-8452-8960-1, https://doi.org/10.5771/9783845289601-57

Series: Medienstrukturen, vol. 14

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Nicht-kommerziell, aber ökonomisch: ein Capability Approach gemeinwohlorientierter Medien Michael Litschka Einleitung Der Beitrag entwickelt die Idee einer theoretischen Grundlegung der Ge‐ meinwohlorientierung analoger und digitaler Massenmedien und nutzt da‐ für einige Bestandteile der politischen Ökonomie Amartya Sens. Zunächst geht er auf das aktuelle Thema der Desinformationsökonomie ein, die ein ökonomisches und ethisches Grundproblem der neueren Medienlandschaft darstellt (Kap. 2). Es zeigt sich, dass eine Problembehebung über die indi‐ viduelle Mikroebene hinausführen und neben dem Finanzierungsaspekt auch eine generelle Begründung des Gemeinwohls beachten muss. Dazu kann das Konzept der „Medien-Capabilities“ dienen, mit dem auch ein eventueller öffentlicher Auftrag nicht öffentlich-rechtlicher Medien argu‐ mentiert werden kann (Kap. 3). Der Beitrag eines Mediensystems zum „Gemeinwohl“ zeigt sich dann nicht zuletzt an der Zunahme „komparati‐ ver Gerechtigkeit“ in einer Gesellschaft, eine Idee, die Elemente der öko‐ nomischen Social Choice Theorie und Ethik zusammenführt (Kap. 4). In der Zusammenfassung (Kap. 5) wird die so verstandene Gemeinwohlori‐ entierung der Massenmedien noch einmal verdeutlicht. Desinformationsökonomie: Problembehebung auf der Mikroebene? Gemeinwohlorientierung hat viele Konnotationen: z.B. sollen politische, kulturelle, soziale und ökonomische Funktionen durch gemeinwohlorien‐ tierte Medien unterstützt werden. Dies erfordert ein entsprechend ausge‐ staltetes und ausgestattetes Mediensystem, also eines, das sowohl qualita‐ tiv (z.B. durch die Verfügbarkeit hochwertigen Journalismus), als auch quantitativ (z.B. durch nachhaltige Finanzierungsmodelle) solche Leistun‐ gen erbringen kann. Auf dieser Abstraktionsebene macht es keinen Unter‐ schied, ob wir den öffentlichen, privaten, kommerziellen oder nicht-kom‐ merziellen Rundfunk betrachten. Wie Ruß-Mohl (2017) aber treffend die 57 ökonomischen Anreizsysteme beschreibt, die zur Zeit die Medienland‐ schaft beherrschen, wird das Erfüllen der genannten Funktionen erheblich erschwert. Hier ist v.a. die „Klick-Ökonomie“ und daraus resultierende Desinfor‐ mationsökonomie zu nennen, wie am Beispiel Fake-News veranschaulicht werden kann; das Zusammenspiel der negativen Anreize falscher oder er‐ fundener (meist negativer) Meldungen und dem Rezeptionsverhalten der in einer Filterblase befindlichen UserInnen sowie der Werbewirtschaft ist offensichtlich. Ebenso hat der Wegfall früher vorhandener Erlösquellen (v.a. Werbeeinnahmen) durch Social Media und Plattformunternehmen große Teile der journalistischen Infrastruktur zerstört. Ruß-Mohl verlangt als Folge nach der Mobilisierung von Gemeinsinn von, und eine Allianz zwischen, Journalismus und Wissenschaft, um hier Abhilfe zu schaffen, anschubfinanziert durch Stiftungen. Während dies bestimmt ein wichtiger Startpunkt für die „Finanzierung“ der Gemeinwohlfunktion der Medien ist, bleibt die Frage nach einer gene‐ rellen Begründung für die Gemeinwohlorientierung eines (auch nichtkommerziellen) medialen Systems offen. Nur eine solche möglichst uni‐ verselle Begründungsleistung kann Medienökonomie und -politik bei der Analyse und Ausgestaltung des Mediensystems helfen und diesbezügliche Regulierungsmaßnahmen legitimieren. Hierfür möchte ich den Capability Approach Amartya Sens heranziehen. Medien-Capabilities: Möglichkeiten der Meso- und Makroebene Sen (1987, 1992, 1999, 2003, 2010) kritisiert die Mainstream Ökonomie für die zu geringe Menge an Informationen, die diese in ihre Modelle ein‐ fließen lässt und glaubt nicht an die Möglichkeit einer vollständigen Präfe‐ renzordnung und eines konsistenten Wahlverhaltens aufgrund eines Ratio‐ nal Choice. Dies würde gegen Nutzenorientierte Ansätze in der Medien‐ ökonomie (wie etwa den „Uses and Gratifications Approach“) sprechen, da MediennutzerInnen ihre wahren Präferenzen nicht entweder durch ihre Zahlungsbereitschaft oder irgendeine andere Methode konsistenten Wahl‐ verhaltens zeigen können. Denn erstens können sie Bedürfnisse haben, die nicht im Wahlverhalten zum Ausdruck kommen, z.B., weil das entspre‐ chende Medienangebot nicht existiert, teuer oder verschlüsselt ist, oder gar das notwendige Konsumkapital (Kiefer 2005, S. 178) fehlt; und zweitens gibt es Motive im Konsumentenverhalten, die nicht die persönliche Wohl‐ Michael Litschka 58 fahrt betreffen, wie die Sorge um das Wohlbefinden anderer (vgl. Sen 1977, S. 92 f.). Die Wahl der RezipientInnen unterliegt also möglicherwei‐ se unvollständiger Information und/oder enthält wichtige, über Nutzen hi‐ nausgehende Informationen. Auf Medienangebote umgelegt widerspricht dieser Gedanke einigen grundlegenden Annahmen des „Uses and Gratifications Approach“ (vgl. etwa Katz et al. 1974 sowie Katz/Foulkes 1962), der davon ausgeht, Per‐ sonen wählten diese Angebote nach dem daraus zu ziehenden (erwarteten) Nutzen. Der Fokus auf die Fähigkeit der RezipientInnen, rational Medien‐ angebote zu wählen und die Befriedigung ihrer Bedürfnisse (in einer voll‐ ständigen Präferenzordnung) mit vorhergesehenen und berechenbaren Er‐ gebnissen des Konsums in direkten Zusammenhang zu bringen, entspricht dem neoklassischen Modell der Medienkonsumentin. Dass RezipientInnen aber immer aktive und über den Kommunikationsprozess entscheidende Personen seien, die auf Nachfrage Ziele, Präferenzen und Nutzen offenle‐ gen und ihren Medienkonsum inkl. möglicher Motive ganzheitlich verste‐ hen können, wird von Sens Ansatz stark bezweifelt. Dabei geht die Kritik am Uses and Gratifications-Ansatz (und ähnlichen konsumentenorientier‐ ten Theorien) über den „funktionalen“ Aspekt (vgl. etwa Sander/Voll‐ brecht 1987) hinaus, dass MedienkonsumentInnen keine freie und selbst‐ verantwortliche Rolle haben, sondern „funktionellen Nutzen“ aus dem Medienkonsum ziehen. Das wäre Nutzen außerhalb der eigenen Definiti‐ onsmacht, bspw. physisches Wohlbefinden, Anpassung an die Umwelt und andere eher soziale Ziele. Der Capability Approach würde nicht nur die damit verbundenen Definitionsprobleme kritisieren, sondern auch den feh‐ lenden Fokus auf Verfahrensaspekte (s.u.). Auch das traditionelle Konzept der Medienkompetenz (vgl. Moser 2010, S. 241ff. für eine medienpädago‐ gische Kritik) würde kritisch betrachtet, weil nicht genug Information ein‐ fließt und individualistische Analysen nicht ausreichen. Da im Capability Approach mehr Wert auf Freiheiten und Fähigkeiten, diese Freiheiten in Ergebnisse umzuwandeln, gelegt wird (Sen nennt diese Ergebnisse „functionings“, und zeigt, dass wir sehr unterschiedlich „befä‐ higt“ sind, solche zu erreichen; vgl. Sen 2003, S. 96), sollten sich Medien‐ politik, aber auch das Bildungssystem und andere Institutionen, nicht allei‐ ne auf Ressourcen und Fähigkeiten verlassen, sondern Personen für diese Aufgaben befähigen, z.B. mittels Medien-Capabilities. Diese Art von Ca‐ pabilities (vgl. hierzu Litschka 2015) weist über die Individualebene von Medienkompetenz (um „functionings“, wie etwa eine gut informierte Per‐ son zu sein, zu erreichen und somit „well-being“ zu sichern) hinaus und Capability Approach gemeinwohlorientierter Medien 59 nimmt eine „agency“ Perspektive ein, also eine Verfahrenssichtweise. In diesem Sinn geht es niemals nur um die Ergebnisorientierung von Hand‐ lungen und Entscheidungen, sondern auch um das Verfahren der Entschei‐ dungsfindung (Sen nennt dies „comprehensive outcome“). Dies lässt sich am Beispiel „Commitment“ zeigen. Wir können eine Handlung aus Com‐ mitment (gegenüber einer Gruppe von Personen, gegenüber bestimmten Regeln) wählen, was nicht unbedingt unsere eigene Nutzenfunktion beein‐ flusst. Dies ginge dann über Sympathie hinaus, weil ja der Nutzen Dritter unser Handeln mitbestimmt (vgl. Sen 1987, S. 95ff.). Medienökonomie sollte sich diesen Argumenten folgend also mehr auf „Capabilities“ fokussieren, also Wahlfreiheiten, die Individuen haben und die Befähigung, diese auch zu nutzen. Freiheit hilft uns dabei zweifach (vgl. Sen 1999, S. 198 f.): Sie ermöglicht es uns direkt, Ziele zu erreichen (Chancen-Aspekt der Freiheit); sie ist aber auch intrinsisch wertvoll (Pro‐ zess-Aspekt). Auch wenn wir eine Alternative nicht wählen, ist es wichtig, diese Alternative zu haben (etwa beim Beispiel Hungern und Fasten: das erste ist erzwungen, das zweite freiwillig, das Ergebnis ist gleich). Unsere Fähigkeit, Ressourcen in Ziele umzuwandeln, ist – bedingt durch Alter, Geschlecht, genetischen Dispositionen, Behinderungen etc. – sehr unter‐ schiedlich (vgl. Sen 2003, S. 96). Die Wahrscheinlichkeit, dass eine glei‐ che Verteilung von Grundgütern, wie bei Rawls (1971), auch gleiche Um‐ setzungschancen für Individuen mit sich bringt, ist gering. Freiheit ist eben mit Mitteln und Zielen verknüpft und weder Gleichheit der Ziele, noch Gleichheit der Mittel wird gleiche Freiheiten garantieren (vgl. Sen 1992, S. 85ff.). Genau dies ist dann im Zusammenhang mit oben beschrie‐ benen Problemen der Mediennutzung auch die Aufgabe der Medienpoli‐ tik: sich nicht alleine auf Ressourcen und Fähigkeiten zu verlassen (Chan‐ cen-Aspekt), sondern Personen für diese Aufgaben zu befähigen, z.B. mit‐ tels Medien-Capabilities. Interpretiert man Medien-Capability zunächst auf der individuellen Ebene als Medienkompetenz im Sinne der Fähigkeit, Medienangebote zu wählen und zu konsumieren, die unsere Bedürfnisse befriedigen, würde dies unser well-being erhöhen. Diese Fähigkeit würde dann direkt in unse‐ re Nutzenfunktion eingehen, was den Chancen-Aspekt der Medien-Capa‐ bilities umfasst. Die Ziele („functionings“, s.o.), die wir mit dieser Kom‐ petenz erreichen können, könnten etwa der Status einer gut informierten und ausgebildeten Person sein, ein höherer sozialer Status oder einfach ein höheres Gehalt im jeweiligen Job. Michael Litschka 60 Da wir aber laut Capability Approach nicht nur Nutzenorientiert sind (s.o.), interessieren uns auch agency-Aspekte innerhalb der Medien-Capa‐ bilities, oder Verfahrens-Aspekte beim Erreichen unserer Ziele. Es geht uns auch um die Wahlmöglichkeiten und die Anzahl der Funktionen (oder Funktionskombinationen), die wir erreichen können (aber nicht erreichen müssen). Zum Beispiel könnten wir daran interessiert sein, an demokrati‐ schen Wahlprozessen und politischen Diskursen teilzunehmen (als infor‐ mierte WählerInnen). Medien-Capabilities werden dann zu Realisierungs‐ chancen in der Medienwirtschaft, denn grundlegende Rechte und Freihei‐ ten der Mediennutzung müssen in Funktionen umgewandelt werden kön‐ nen. Während sich nun die Disziplin Medienpädagogik mit einigen dieser Fragen, dazu gehört v.a. die Kompetenz von Personen, rational und ver‐ nünftig Medien konsumieren zu können, auf der individuellen Ebene be‐ schäftigt, sollte klargeworden sein, dass die Befähigung der Medienrezipi‐ entInnen eine Aufgabe des Gemeinwohls ist; somit sind die Mesoebene der Unternehmen (als Beispiel könnten hier unternehmensethische Struk‐ turen und Kodizes genannt werden, aber auch der explizite Fokus weg von Gewinnorientierung hin zu Stärkung von Capabilities) und die Makroebe‐ ne der Rahmenordnung (als Beispiel können verstärkte Koregulierungs- Maßnahmen oder neuartige Presseförderungsmodelle gesehen werden) ebenfalls angesprochen. Für die Mesoebene haben Litschka/Karmasin (2012) gezeigt, wie Medienorganisationen ihre “licence to operate” mittels Stakeholder-Diskursen und Ethik-Management legitimieren müssen. Eine Institutionalisierung von solchen Maßnahmen kann durchaus als Erhöhung der Medien-Capabilities der verschiedenen Stakeholder interpretiert wer‐ den. Mittels solcher Überlegungen, die an dieser Stelle natürlich nur erste Denkmöglichkeiten andeuten, kann auch ein tragfähiges Konzept dessen entwickelt werden, was Gemeinwohlorientierung sein kann, nämlich der Beitrag der drei Ebenen eines Mediensystems (Mikro-, Meso-, Makro-) zur Förderung von Medien-Capabilities. Eine solche Definition mag zwar zunächst abstrakt sein, ermöglicht aber auch den Einbezug nicht-öffent‐ lich-rechtlicher und kommerzieller Medien in die so verstandene Verant‐ wortung für Gemeinwohl, und zwar ohne direkten Rekurs auf Medienge‐ setzgebung, sondern nur mittels ökonomischer Argumente. Eine andere Anwendungsmöglichkeit des Konzepts betrifft den Beitrag der Massenme‐ dien zur „komparativen“ Gerechtigkeit. Capability Approach gemeinwohlorientierter Medien 61 Social Choice und komparative Gerechtigkeit im Mediensystem Nachdem ich zunächst versucht habe, Gemeinwohlorientierung eines Me‐ diensystems mittels dessen Beitrags zu „Medienbefähigungen“ auf drei Ebenen zu modellieren, möchte ich nun einen zweiten Argumentations‐ strang bemühen, der den Beitrag eines massenmedialen Systems zur Er‐ möglichung von Gerechtigkeit (in einem spezifischen Sinn), zumindest zu dessen Diskurs, als „Gemeinwohlorientierung“ versteht. Es gibt viele Gerechtigkeitskonzepte und hier ist nicht der Ort, diese einer Analyse zu unterziehen oder zu vergleichen. Jedoch hat Sen aus dem Capability Approach heraus auch ein spezifisches Verständnis von Ge‐ rechtigkeit entwickelt, das besondere Bedeutung für Massenmedien und deren Beitrag zum Gemeinwohl hat. Sen (2010) beschreibt dabei eine Di‐ chotomie der Theoriegeschichte, in der eine Tradition des Gerechtigkeits‐ diskurses auf Autoren wie Hobbes, Locke, Rousseau und Kant bis zu mo‐ dernen Philosophen wie Rawls, Nozick und Gauthier zurückgreift und sich auf gerechte Institutionen fokussiert, die gerechte Regeln für die Ge‐ sellschaft hervorbringen. Sen nennt diese Tradition „transzendentalen In‐ stitutionalismus“ (Sen 2010, S. 33ff.), weil eine ideale Situation beschrie‐ ben wird, ohne dass eine empirische Überprüfung tatsächlicher Fakten nö‐ tig wäre. Es genügt hier, ideale und gerechte Regeln zu verfolgen, die aus virtuellen Sozialkontrakten entstehen; nach Entstehen des Sozialvertrags müssen keine Regeln mehr verglichen und auch keine tatsächlichen Zu‐ stände von verschiedenen Personen oder deren Möglichkeiten betrachtet werden. Eine zweite Tradition (die „komparative Gerechtigkeit“) vergleicht An‐ sätze nach ihrem Beitrag zu sozialen Implementationen, also Effekten von Institutionen und dem tatsächlichen Verhalten von Menschen. Diese Tradi‐ tion begann mit Smith, Condorcet, Bentham, Mill, später auch Marx, und wird heute v.a. von Social Choice Theoretikern gelebt. Man sucht nicht nach einer perfekten Gesellschaft, sondern vergleicht aktuelle Gesellschaf‐ ten nach deren sozialen Errungenschaften. Ungerechte Situationen sollen verbessert werden, statt komplett gerechte Situationen erreichen zu wollen (vgl. Sen 2010, S. 37). Dieser zweite Ansatz lässt sich auch besser mit der wichtigen Bedeu‐ tung des „Verfahrens“ im Capability Approach vereinen. Wenn wir über Gerechtigkeit sprechen wollen, müssen zwei Dinge in Kraft treten: erstens die Ermöglichung des Diskurses im Sinne von „Publizität“, wie sie etwa auch Habermas (1995) als öffentliches Räsonieren und die Verteidigung Michael Litschka 62 der Argumente vor einer unbegrenzten Öffentlichkeit versteht; zweitens die Ermöglichung interpersoneller Nutzenvergleiche als Erweiterung der schmalen Informationsbasis des Utilitarismus (und auch des später in der Neoklassik prominent verwendeten Konzepts der Pareto-Effizienz). Erst diese Voraussetzungen können eine vergleichende Beurteilung von Ge‐ rechtigkeitszuständen ermöglichen und wenn Gerechtigkeit in all ihren Ausprägungen Teil eines allgemeinen „Gemeinwohls“ ist, müssen solche normativen Evaluierungen in einer gemeinwohlorientierten Medienökono‐ mie und Medienpolitik möglich sein. Hier kommt die gemeinwohlorientierte Rolle von Massenmedien laut Sen besonders zum Tragen: normative Evaluierungen mit erweiterter (im Vergleich zum Utilitarismus) Informationsbasis können durch ein entspre‐ chend qualitativ und quantitativ (s.a. oben) ausgestattetes Mediensystem überhaupt erst ermöglicht werden; Sen (2010, S. 201) spricht davon, „die Grenzen der Gerechtigkeit“ zu erweitern. Eine vernunftgemäße Analyse von Gerechtigkeit ist nur durch die Verteidigung der Argumente vor allen anderen zu haben, während bei reiner (auch ökonomischer) Rationalität die Verteidigung der Argumente vor uns selbst genügt. Zusammenfassung: Massenmedien und Gemeinwohl im Capability Approach Was bedeutet dieser Ansatz nun für eine am Gemeinwohl orientierte Me‐ dienökonomie und Medienpolitik? Die Wichtigkeit des „Verfahrens“ und der „Vergleichsmöglichkeiten“ im Capability Approach bedingt laut Sen eine erweiterte Informationsbasis mittels (auch) interpersoneller Nutzen‐ vergleiche. Dies begründet gleichzeitig die Rolle von „Publizität“ im Sin‐ ne des freien Austauschs und der Begründung unserer Argumente vor einer unbegrenzten Öffentlichkeit (Ulrich 2008) und ein folgendermaßen gemeinwohlorientiertes massenmediales und medienpolitisches System (vgl. Sen 2010, S. 361 f.): • Pressefreiheit und freie, vielfältige Medien erhöhen direkt unser wellbeing, da sie uns helfen, unsere Lebenswelt (Habermas) zu verstehen. • Massenmedien geben uns die nötigen Informationen, um die Argumen‐ te der Anderen zu überprüfen. • Sie unterstützen die Benachteiligten durch ihre öffentliche Situations‐ kritik. Capability Approach gemeinwohlorientierter Medien 63 • Sie helfen bei der Wertebildung durch offene Diskurse; diese Werte werden, bedingt durch multiple Präferenzordnungen, auch immer di‐ vers bleiben. • Sie unterstützen somit auch unsere „agency“ als Verfahrensaspekt der Wohlfahrt und ermöglichen „Gerechtigkeit durch Diskussion“, die ein‐ zig valide Gerechtigkeit bei Sen. Beide Argumentationsstränge, die dieser Beitrag verwendet hat, beruhen auf Grundgedanken des Capability Approach: Erstens ist es die Aufgabe eines Mediensystems (mittels Regulierung, Gesetzgebung, Anreizsystemen…) und der Medienunternehmen (mittels Übernahme von Verantwortung für Medien-Capabilities) für eine Erhö‐ hung der Medien Capabilities zu sorgen. Dies ergibt sich aus dem Ver‐ ständnis für die Mängel Nutzenorientierter und utilitaristischer Ansätze der Medienökonomie sowie den Möglichkeiten, die erhöhte Wahlfreihei‐ ten bringen können. Zweitens kann man den Beitrag der Gemeinwohlori‐ entierung eines Mediensystems auch an der Erhöhung komparativer Ge‐ rechtigkeit und der Ermöglichung des Diskurses über diese ersehen. Dies ergibt sich aus dem Verständnis für die Notwendigkeit interpersoneller Nutzenvergleiche und der notwendig höheren Informationsbasis für Publi‐ zität. Das Thema Gerechtigkeit und Publizität mag auf den ersten Blick ab‐ strakter und von der ersten Argumentationslinie der Medien-Capabilities verschieden wirken, beruht jedoch auf den gleichen Grundüberlegungen des Vergleichs, der tatsächlichen Wahlmöglichkeiten und der Befähigun‐ gen. Massenmedien haben hier dann v.a. die Aufgabe, jene Informationen bereitzustellen, die für komparative Gerechtigkeit und Publizität notwen‐ dig sind. Diese Gedanken, die sich polit-ökonomischer und Social Choice Argu‐ mente bedienen, könnten für alle in der Rede stehenden Medien und Me‐ dienunternehmen das „Gemeinwohl“ definieren helfen und dazu beitra‐ gen, ein gemeinsames Verständnis des Begriffs zu erlangen, aber auch, künftige Subventionsstrategien für nicht-öffentlichen Rundfunk, Online- Medien, Presse etc. zu erarbeiten. Ein Capabilities-gestütztes Mediensys‐ tem, das hier natürlich nur ansatzweise skizziert wurde, würde jedenfalls den von Ruß-Mohl richtigerweise angesprochenen Problemen der Desin‐ formationsökonomie entgegenwirken. Michael Litschka 64 Quellenverzeichnis Habermas, J. (1995): Theorie des kommunikativen Handelns. Frankfurt am Main. Katz, E./Foulkes, D. (1962): „On the use of the mass media as escape – Clarification of a concept”, in: Public Opinion Quarterly, 26. Jg., H. 3, S. 377-388. Katz, E./Blumler, J. G./Gurevitch, M. (1974): “Utilization of Mass Communication by the Individual” in: Blumler, Jay G./Katz, Elihu (Hg.): The Uses of Mass Communi‐ cation. Current Perspectives on Gratifications Research. London, S. 19-32. Kiefer, M. L. (2005): Medienökonomik. München/Wien. Litschka, M. (2015): „Medien-Capabilities als polit-ökonomisches Konzept in der Me‐ dienethik: Theoretische Grundlagen und mögliche Anwendungen“, in: Communica‐ tio Socialis 2/2015, S. 190-201. Litschka, M./Karmasin, M. (2012),"Ethical implications of the mediatization of organi‐ zations", in: Journal of Information, Communication and Ethics in Society, Vol. 10 Iss. 4, S. 222 – 239. Moser, H. (2010): Einführung in die Medienpädagogik. Aufwachsen im Medienzeital‐ ter. Wiesbaden. Rawls, J. (1971): A Theory of Justice. Cambridge. Ruß-Mohl, S. (2017): „Journalismus und Gemeinwohl in der Desinformationsökono‐ mie. Plädoyer für eine Alliance for Enlightenment zwischen Wissenschaft und Jour‐ nalismus“, in: Communicatio Socialis 1/2017, S. 50-63. Sander, U./Vollbrecht, R. (1987): Kinder und Jugendliche im Medienzeitalter. Opladen. Sen, A. (1987): On Ethics and Economics. New York/Oxford. Sen, A. (1992): Inequality Reexamined. Oxford. Sen, A. (1999): „The Possibility of Social Choice“, in: American Economic Review, 89. Jg., H.3, S. 349-378. Sen, A. (2003): Ökonomie für den Menschen. Wege zu Gerechtigkeit und Solidarität in der Marktwirtschaft. München. Sen, A. (2010): Die Idee der Gerechtigkeit. München. Ulrich, P. (2008): Integrative Economic Ethics. Foundations of a Civilized Market Economy. Cambridge. Capability Approach gemeinwohlorientierter Medien 65

Chapter Preview

Schlagworte

Public Value, Medienmanagement, Pressefreiheit, Medienwirtschaft, Medienökonomie, Gemeinwohl, Journalismus, Kommunikation, Öffentlichkeit

References

Abstract

As a hybrid space of communication, the Internet has created new forms of public spheres, which challenge classical forms of public-oriented mass communication. At the centre of this volume is the question of how recent changes in media politics and media economics have affected the media’s attribute of working for the common good.

The contributions in this book approach the topic from the perspectives of both media politics and media economics. They not only discuss issues relating to the evaluation of aspects of public welfare in different media genres but also the consequences of digitisation for public service broadcasting. The volume picks up on the discussions about the notion of ‘public value’, expands it with previously neglected subjects and offers a sound overview of how the mass media in Germany, Austria and Switzerland is oriented towards the common good.

With contributions by

Leonhard Dobusch, Konrad Mitschka, Janis Brinkmann, Wolfgang Mühl-Benninghaus, Michael Litschka, Harald Rau, Corinna Gerad-Wenzel, Hardy Gundlach/Nicole Gonser, Tobias Eberwein/Matthias Karmasin u.a., Tassilo Pellegrini, Wolfgang Reising, Simon Berghofer/Ramona Vonbun u.a., Lutz Frühbrodt, Andreas Gebesmair, Andreas Köhler, Gerret von Nordheim/Stefanie Fuchsloch, Stefanie Hangartner, Teresa Haberbusch

Zusammenfassung

Das Internet als hybrider Kommunikationsraum hat neue Formen von Öffentlichkeit entstehen lassen, die für die klassische, gemeinwohlorientierte Massenkommunikation eine große Herausforderung darstellen. Im Zentrum des Bandes steht die Frage, wie sich die aktuellen medienpolitischen und medienökonomischen Veränderungen auf die Gemeinwohlorientierung der Medien auswirken.

Die Beiträge nähern sich dem Thema sowohl aus medienpolitischer als auch aus medienökonomischer Perspektive. Dabei kommen Fragen der Bewertung von Gemeinwohlaspekten in unterschiedlichen Mediengattungen ebenso zur Sprache wie die Konsequenzen der Digitalisierung für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Der Band greift die Diskussionen um den so genannten Public Value auf, erweitert diese um bislang vernachlässigte Themen und bietet einen guten Überblick die Gemeinwohlorientierung der Massenmedien in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Mit Beiträgen von

Leonhard Dobusch, Konrad Mitschka, Janis Brinkmann, Wolfgang Mühl-Benninghaus, Michael Litschka, Harald Rau, Corinna Gerad-Wenzel, Hardy Gundlach/Nicole Gonser, Tobias Eberwein/Matthias Karmasin u.a., Tassilo Pellegrini, Wolfgang Reising, Simon Berghofer/Ramona Vonbun u.a., Lutz Frühbrodt, Andreas Gebesmair, Andreas Köhler, Gerret von Nordheim/Stefanie Fuchsloch, Stefanie Hangartner, Teresa Haberbusch

Schlagworte

Public Value, Medienmanagement, Pressefreiheit, Medienwirtschaft, Medienökonomie, Gemeinwohl, Journalismus, Kommunikation, Öffentlichkeit