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Priska Daphi und Nicole Deitelhoff, Protest im Wandel? Jenseits von Transnationalisierung und Entpolitisierung in:

Daphi Priska, Deitelhoff Nicole, Rucht Dieter, Teune Simon (Ed.)

Protest in Bewegung?, page 306 - 322

Zum Wandel von Bedingungen, Formen und Effekten politischen Protests

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8487-4593-7, ISBN online: 978-3-8452-8841-3, https://doi.org/10.5771/9783845288413-305

Series: Sonderband Leviathan, vol. 33

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Priska Daphi und Nicole Deitelhoff Protest im Wandel? Jenseits von Transnationalisierung und Entpolitisierung Die Artikulation politischer Belange findet zunehmend in Form von Protesten statt. Zahlreiche Studien zeigen, dass parallel zur sinkenden Nutzung institutioneller Formen der politischen Beteiligung – in Wahlen, Parteien und anderen tradierten politischen Organisationen wie Gewerkschaften, die Beteiligung an Protesten und sozialen Bewegungen zunimmt.1 Während sich soziale Bewegungen immer im Kontext vorheriger politischer Mobilisierungen formieren, lassen sich in den letzten Jahren deutliche Veränderungen in Protesten in Deutschland und Europa aufzeigen. Verantwortlich dafür sind auch grundlegende sozioökonomische und geopolitische Veränderungen seit Ende der 1980er Jahre. Globalisierung und Digitalisierung beeinflussen nicht nur Inhalte und Formen der Proteste, sondern auch deren Akteurskonstellationen, Organisationsformen und Effekte. Da soziale Bewegungen als zentrale Akteure in der Vermittlung und Mobilisierung politischer Interessen fungieren, lohnt es sich, solche Veränderungen genauer zu untersuchen, um die Grundlagen politischer Partizipation heute zu verstehen. Die in diesem Sonderband versammelten Beiträge haben die Wandlungsprozesse von Protesten über verschiedene Politikfelder und Bewegungen hinweg analysiert und zeigen dabei unterschiedliche Trends auf, die Veränderungen bezüglich der Themen, Akteure, Effekte und Protestformen umfassen. Im Folgenden diskutieren wir im Lichte dieser Beiträge zentrale Veränderungen sozialer Bewegungen in Deutschland und Europa in den letzten Jahren. Dabei fallen insbesondere zwei Trends ins Auge, die wir kritisch beleuchten wollen: Die Transnationalisierung von Protestgeschehen und sozialen Bewegungen sowie die These einer Entpolitisierung von Protest. Beide mutmaßlichen Trends, so zeigen wir auf, müssen differenziert betrachtet werden. Die Transnationalisierung ist weder unumstritten noch verläuft sie einheitlich. Während sich zwar deutlich eine Transnationalisierung von Protestthemen und der aktivistischen Netzwerke abzeichnet, gilt gleiches nicht für die Handlungsebene oder die Adressaten von Protest. Zudem lässt sich gleichzeitig eine deutliche (Re-)Lokalisierung von Protest aufzeigen. Auch die These der Entpolitisierung, die im Zusammenhang von wissenschaftlichen wie politischen Debatten immer wieder beschrieben (und beklagt) wird, sollte mit Vorsicht genossen werden. Wie die Beiträge deutlich machen, sind es nach wie vor die klassischen kollektiven Forderungen nach Gerechtigkeit und politischer Repräsentation, die den Protest bestimmen. Seine Formen mögen zwar bisweilen mehr nach Happening und Event klingen, seine Inhalte sind es aber nicht. 1 Z.B. Geißel, Kersting 2014. Leviathan, 45. Jg., Sonderband 33/2017, S. 306 – 322 Transnationalisierung und Lokalisierung Im Kontext der Globalisierung wird seit einigen Jahren eine Transnationalisierung des Protests beobachtet. So nimmt die Bewegungsforschung die wachsende Anzahl transnationaler Bewegungen in den Blick2 – also Bewegungen mit Akteuren in mehreren Staaten und Adressaten jenseits der eigenen Machthaber.3 Die Transnationalisierung sozialer Bewegungen umfasst verschiedene Dimensionen: neben der wachsenden Vernetzung von AktivistInnen an verschiedenen Standorten beinhaltet sie auch den zunehmenden Fokus auf transnationale Themen (zum Beispiel die EU) und auf internationale Adressaten, wie internationale Organisationen oder multinationale Konzerne. Oftmals wird der Prozess der Transnationalisierung exemplarisch an der globalisierungskritischen Bewegung festgemacht, die in einem besonderen Maße transnational mobilisierte: ihre Akteure waren nicht nur transnational eng vernetzt,4 sondern ihre Proteste thematisierten transnationale Themen und richteten sich zentral an internationale Adressaten, vor allem internationale Organisationen wie die Weltbank, den Internationalen Währungsfond (IWF) und die Welthandelsorganisation (WTO). Von Transnationalisierung wird jedoch auch gesprochen, wenn Proteste nicht alle drei Dimensionen abdecken. So können Proteste zu transnationalen Themen wie EU-Politik oder Handelsabkommen von rein nationalen Akteuren oder nur im Hinblick auf nationale Adressaten durchgeführt werden. Es wird jedoch auch deutlich, dass es sich bei der Transnationalisierung sozialer Bewegungen um einen vielschichtigen und nicht linearen Prozess handelt. Das macht zum Beispiel die bleibende Rolle nationaler und lokaler Protestdynamiken und Bedingungen deutlich, es lässt sich ein »rooted cosmopolitanism« beobachten.5 So mischen sich meist transnationale Dimensionen des Protests mit nationalen und lokalen Dynamiken, wie auch viele der Beiträge dieses Sonderbandes zeigen. Zugleich lässt sich in jüngster Zeit ein Prozess der Re-Lokalisierung von Protesten beobachten, besonders im Kontext der Proteste gegen die Austeritätspolitik in Europa. Dies wird vor allem im Vergleich mit den vorherigen Protesten der globalisierungskritischen Bewegung deutlich: Während es große Überschneidungen hinsichtlich Themen und Netzwerken zwischen den Anti-Austeritätsprotesten und der globalisierungskritischen Bewegung gibt, lässt sich eine Verlagerung zu mehr nationalen und lokalen Adressaten feststellen.6 Dies hat unter anderem mit der Enttäuschung vieler AktivistInnen zu tun, was die Vernetzung und Wirksamkeit transnationaler Proteste sowie die Adressierung internationaler Akteure, wie zum 1. 2 Smith 2002; Bennett 2004; della Porta, Tarrow 2005; Tarrow 2001; Bandy, Smith 2005; Teune 2010. 3 Vgl. Tarrow 2001, S. 11. 4 Daphi 2017 b. 5 Tarrow 2005; s. auch Cumbers et al. 2008; della Porta et al. 2005; Baumgarten 2014; Daphi 2017 b. 6 Flesher Fominaya 2015, 2017; Gerbaudo 2016; Maeckelbergh 2012; Zamponi, Daphi 2014. Protest im Wandel? Jenseits von Transnationalisierung und Entpolitisierung 307 Leviathan, 45. Jg., Sonderband 33/2017 Beispiel internationaler Organisationen, betrifft.7 Auch im Kontext der Klimabewegung wird nach dem gescheiterten Klimagipfel von Kopenhagen im Jahr 2009 ein Strategiewechsel beobachtet hin zu einem stärkeren Fokus auf die nationale und lokale Ebene.8 Ein Prozess der Re-Lokalisierung lässt sich zudem hinsichtlich der wachsenden rechten Proteste beobachten. Wachsende Transnationalität Einige Beiträge dieses Sonderbandes verweisen auf die wachsende Bedeutung transnationaler Vernetzung, Themen und Adressaten von Protesten. Regina Becker und Swen Hutter zeigen, dass es ab der Mitte der 2000er Jahre eine Intensivierung der europäischen Vernetzung von Protesten in Deutschland gab. Auch wenn das Ausmaß von Protesten, die auf Europa Bezug nehmen, zwischen den Jahren 1995 und 2014 auf relativ niedrigem Niveau stabil blieb, konstatieren die AutorInnen einen Anstieg transnationaler Vernetzung und Adressaten auf EU- Ebene seit Mitte der 2000er Jahre. Das bedeutet: wenn europäische Inhalte in Protest thematisiert werden, geht dies zunehmend mit einer transnationalen Vernetzung einher und oft auch mit pan-europäischen Adressaten. Die wachsende Bedeutung transnationaler Netzwerke dokumentieren auch Melanie Kryst und Sabrina Zajak in ihrer Analyse der Clean Clothes Campaign (CCC), einer Gruppe, die Teil der europäischen Anti-Sweatshop-Bewegung ist und 18 nationale Bündnisse in Europa umfasst. Die Autorinnen beschreiben, wie CCC mit transnational koordinierten Kampagnen auf die international eng verzahnte Produktionskette der Textilindustrie und die dabei involvierten wirtschaftlichen wie staatlichen Akteure auf internationaler und nationaler Ebene einzuwirken versucht. Sie zeigen zudem wie im Rahmen der »globalen Governancearchitektur« neue internationale Adressaten in die Strategien der CCC aufgenommen werden, wie internationale Organisationen (zum Beispiel die WTO) und Verbände (zum Beispiel Sportverbände). Auch Christian Scholl und Annette Freyberg-Inan weisen in ihrem Beitrag zur europäischen Universitätsbewegung auf die wachsende transnationale Vernetzung von AktivistInnen in Europa hin. Während die Bologna-Reformen seit 1999 zunächst eher wenig transnational vernetzte Proteste auslösten – aufgrund der unterschiedlichen Umsetzung der Reformen in den jeweiligen Ländern – nahm ab 2010 die europäische Vernetzung deutlich zu. Wie die AutorInnen argumentieren, schaffte der Bologna- Prozess einen gemeinsamen Referenzrahmen für die Proteste nur mit Verzögerung. Zusätzlich wurde die transnationale Vernetzung durch den Anschluss an die breiter aufgestellten Proteste gegen die Sparpolitik in Europa ab 2011 verstärkt. Jenseits von Europa weist der Beitrag von Felix Anderl auf die Bedeutung internationaler Governance-Strukturen als Kontext und Adressat sozialer Bewegungen hin. Am Beispiel der Proteste gegen die Förderung extraktiver Industrien durch 1.1 7 Zamponi, Daphi 2014. 8 Vgl. Kösskler 2013; Thörn et al. 2017. 308 Priska Daphi und Nicole Deitelhoff die Weltbank im Fall des Tschad-Kamerun-Projektes zeigt er, wie internationale Organisationen neue Gelegenheitsstrukturen für transnationale Protestkampagnen bilden – speziell seit ihrer verstärkten Öffnung gegenüber zivilgesellschaftlichen Akteuren in den frühen 2000er Jahren. Gleichzeitig wird deutlich, wie diese Proteste internationale Organisationen beeinflussen. Anderl zeigt am Fall des Tschad-Kamerun-Projektes, dass über Umwege eine partielle und langsame Diffusion von Bewegungszielen in die Weltbank stattfand, auch wenn Überzeugungsprozesse ausblieben. Dies wird beschrieben als ein Prozess des rhetorischen Entrapments: Auf die durch die Weltbank (oberflächlich) angepasste Rhetorik können zukünftige Initiativen zurückgreifen und die Weltbank unter Druck setzen ihr Wort einzuhalten. Ähnlich heben Holger Janusch und Volker Mittendorf in ihrem Beitrag die Bedeutung transnationaler Vernetzung und internationaler Adressaten im Falle der pan-europäischen Proteste gegen die ACTA- und TTIP-Abkommen und ihrer Rolle in dem erfolgreichen Ausgang vor allem der ACTA-Kampagnen hervor. Vor dem Hintergrund des komplexen Ratifizierungsprozesses im europäischen Mehrebenensystem folgten die Protestkampagnen einem transnationalen Ansatz, vernetzten sich über verschiedene Länder und wählten neben nationalen EntscheidungsträgerInnen die EU-Kommission als zentralen Adressaten ihrer Kampagne. (Re-)Lokalisierung Obgleich diese Eindrücke aus den Beiträgen für eine Transnationalisierung von Protest und Bewegungshandeln sprechen, ist der Befund jedoch nicht eindeutig. Parallel zur Transnationalisierung von Protest und Bewegungshandeln zeigen viele der Beiträge deutlich, dass sich die transnationalen Dimensionen des Protests mit nationalen und lokalen vermischen. Im Beitrag zu den niederländischen Universitätsprotesten lässt sich das klar ablesen. Trotz der wachsenden Vernetzung der Akteure und der Einbettung ihrer Forderungen in eine transnationale Kritik der neoliberalen Vermarktlichung der Universität agieren die Protestteilnehmenden hauptsächlich lokal. Zum einen sind die Adressaten des Protests primär lokal (zum Beispiel das Universitätsdirektorium), zum anderen werden die konkreten Forderungen nach Transparenz und Beteiligung an die spezifischen Gegebenheiten der jeweiligen Universitäten angepasst, wie Scholl und Freyberg-Inan herausarbeiten. Die wachsende transnationale Zusammenarbeit, so die AutorInnen, stützt sich hauptsächlich auf gegenseitige symbolische Unterstützung und Informationsaustausch. Ihre Schlussfolgerung zur Transnationalisierung lautet mithin zurückhaltend, dass »die Herausbildung europäischer Gegenöffentlichkeit immer noch zaghaft … und ihre Konsolidierung schwierig« sei. Ähnlich zurückhaltend bleibt die Einschätzung von Becker und Hutter. Sie weisen auf das vergleichsweise niedrige Ausmaß von Protesten hin, die auf Europa Bezug nehmen. Die AutorInnen schätzen es auf insgesamt circa fünf Prozent des Gesamtvolumens von Protesten in Deutschland. Zudem machen sie deutlich, dass in Protesten zu EU-Themen neben europäischen meist auch nationale Adressaten 1.2 Protest im Wandel? Jenseits von Transnationalisierung und Entpolitisierung 309 Leviathan, 45. Jg., Sonderband 33/2017 angesprochen werden, so dass von einer einheitlichen Europäisierung beziehungsweise Transnationalisierung nicht gesprochen werden kann. Kryst und Zajak zeigen ganz ähnlich in ihrer Studie zur Clean Clothes Campaign, dass wirtschaftliche Globalisierung nicht wie angenommen dazu geführt hat, die Relevanz staatlicher Institutionen zunehmend zu schwächen, sodass diese als Adressaten für Proteste nicht mehr infrage kämen. Stattdessen sind nationale Regierungen zuletzt neben wirtschaftlichen Akteuren wieder vermehrt Adressaten von Kampagnen gegen die kritikwürdigen Bedingungen in der Textilbranche geworden. Besonders seit den späten 1990er Jahren wurden in der Clean Clothes Campaign vermehrt nationale Regierungen für die Regulierung dieser Branche angesprochen: Über die Kritik an öffentlichen Beschaffungspolitiken werden nationale und lokale Regierungen als KonsumentInnen ins Visier genommen. Zudem weisen die Autorinnen auf zahlreiche Konflikte zwischen transnationalen NGOs und lokalen Gewerkschaften hin, die deutlich machen, dass eine Transnationalisierung von Bewegungshandeln keineswegs unumstritten verläuft. In einigen Fällen beklagen vor allem lokale Gewerkschaften, dass internationale Instrumente wie Multistakeholderinitiativen durch die Konzerne auch zur Umgehung lokaler gewerkschaftlicher Mitbestimmung genutzt werden können. Konflikte zwischen lokalen und transnationalen AktivistInnen zeigt auch der Beitrag von Felix Anderl zu den Protesten gegen das Tschad-Kamerun-Projekt der Weltbank auf, hier zwischen lokalen Anti-Mining-AktivistInnen und transnationalen Advocacy-Gruppen aus dem globalen Norden. Während erstere aus Protest gegen die mangelnden Verbesserungen des Vorhabens der Weltbank durch den Review-Prozess aus den Vermittlungen ausstiegen, führten letztere, vor allem gro- ße NGOs wie Oxfam, den Dialog mit der Weltbank fort. Damit fehlten fortan die Verbindung zur lokalen Bewegung und eine einheitliche zivilgesellschaftliche Repräsentanz. Migration als transnationales und lokales Konfliktfeld Das Ineinandergreifen transnationaler und lokaler Protestdynamiken lässt sich deutlich am Beispiel von Konflikten um Migration ablesen, die im Protestgeschehen bereits seit den 1990er Jahren eine stark wachsende Rolle einnehmen.9 Europäisierte Proteste in Deutschland nehmen bereits vor der sogenannten »Flüchtlingskrise« im Jahr 2015 verstärkt Bezug auf das Thema Asyl und Flüchtlingspolitik, wie Regina Becker und Swen Hutter nachweisen. Auch der Beitrag von Dieter Rink macht am Beispiel der Montagsdemonstrationen deutlich, wie das Thema Migration und Asyl zunehmend ins Zentrum von Auseinandersetzungen gerückt ist. Als klassisch transnationales Phänomen finden einerseits um das Thema Migration transnationale Mobilisierungen im Sinne transnationaler Themen, Vernetzung und Adressaten statt (zum Beispiel der Marsch für die Freiheit nach Brüssel 1.3 9 Monforte 2014; Rosenberger, Winkler 2012; Hutter, Teune 2012; Morales, Giugni 2011; Schwenken 2006, Daphi 2016. 310 Priska Daphi und Nicole Deitelhoff im Jahr 201410 oder no-border camps11). Gleichzeitig spielen nationale und lokale Dynamiken gerade in diesem Konfliktfeld eine große Rolle. Seit den 1990er Jahren wächst in vielen europäischen Ländern die Zahl der lokalen und nationalen Proteste, die den Verlust nationaler Selbstbestimmung und christlicher Werte durch Einwanderung beklagen. Im Kontext der ansteigenden Zahl von Asylsuchenden in den letzten Jahren und der erfahren gerade rechte Proteste einen enormen Anstieg in Deutschland wie auch in anderen europäischen Ländern.12 Aber auch die Gegenbewegungen, die eine weltoffene und tolerante Gesellschaft verteidigen wollen, weisen sowohl Elemente transnationaler Mobilisierung als auch Lokalbezug auf. So heben Sieglinde Rosenberger, Helen Schwenken, Maren Kirchhoff und Nina Maria Merhaut in ihrem Beitrag zu Protesten gegen Abschiebung von Asylsuchenden in Österreich und Deutschland den starken lokalen Bezug der Proteste hervor. Abschiebeproteste können laut den Autorinnen nicht als Teil einer transnationalen Bewegung verstanden werden. Die Autorinnen zeigen, dass trotz insgesamt ähnlich restriktiver Asylpolitiken der beiden Länder die Merkmale der Proteste gegen Abschiebungen vor allem hinsichtlich der Protestteilnehmenden und Forderungen deutlich divergieren. Sie führen dies zurück auf Unterschiede in Protestkultur und Politisierungsgrad des Themas Migration in den beiden Ländern. So sind die Proteste gegen Abschiebungen von Asylsuchenden in Deutschland im Gegensatz zu Österreich eher städtische Phänomene, die stärker auf bereits bestehende Netzwerke politischer Gruppen und zivilgesellschaftlicher Initiativen zurückgreifen, konfrontativere Aktionsformen wählen und die Asylpolitik grundlegender infrage stellen. Neben dieser Prägung von Abschiebeprotesten durch nationale Protestkultur weisen die Autorinnen auch auf den starken lokalen und Einzelfallbezug der Proteste hin. Entpolitisierung? Die Beiträge des Sonderbands leisten auch zu einer weiteren aktuellen Debatte einen Beitrag: zum wissenschaftlichen wie politischen Diskurs zur Entpolitisierung des Protests. Verschiedene wissenschaftliche Studien stellen im jüngeren Protestgeschehen einen Trend zu stärker spezialisierten und personalisierten Protesten fest im Kontext von digitalem »clicktivism«, 13 Spaßprotest, 14 Professionalisierung und NGOisierung.15 Im Zusammenhang damit wird im wissenschaftlichen wie politischen Diskurs in den letzten Jahren vermehrt von einer Entpolitisierung des Protests gesprochen, einer Entleerung des Protests von politischen Inhalten. So 2. 10 S. freedomnotfrontex.noblogs.org. 11 Für das Jahr 2016 s. z.B. noborder2016.espivblogs.net/de. 12 Vgl. z.B. Caiani et al. 2012; Daphi et al. 2015. 13 Z.B. Bennett, Segerberg 2013. 14 Z.B. Betz 2015. 15 S. einleitender Beitrag. Protest im Wandel? Jenseits von Transnationalisierung und Entpolitisierung 311 Leviathan, 45. Jg., Sonderband 33/2017 wird beispielsweise im Kontext der Debatten um »slacktivism«, NIMBY-Proteste (Not In My Backyard) und Postdemokratie eine Zunahme von fragmentierten, personalisierten und/oder konsumorientierten Protesten konstatiert.16 Proteste, die sich für das Gemeinwohl einsetzen, rücken laut dieser These in den Hintergrund, vor allem Proteste, die das System grundsätzlicher in Frage stellen. Für bestimmte Elemente dieser These lassen sich in jüngeren Protesten in Deutschland durchaus Anzeichen finden, wie auch einige der Beiträge in Hinblick auf Diversifizierung und Spezialisierung von Protest sowie breite und lose Bündnisse deutlich machen. Insgesamt ist das Bild jedoch deutlich gemischter, wie wir anhand der Beiträge im Folgenden argumentieren. Zum einen lässt sich an der Form des Protests allein nicht notwendigerweise eine Aussage über seinen Grad der Politisierung ablesen. Zum anderen lassen sich in der zunehmenden Bedeutung sozioökonomischer Konflikte sowie der wachsenden Polarisierung von Protesten, die einige Beiträge unterstreichen, auch deutliche Anzeichen für eine Re- Politisierung finden. Diversifizierung, Spezialisierung und breite Bündnisse Wie verschiedene Studien beschreiben, findet in den letzten Jahrzehnten eine sogenannte »Normalisierung« von Protest statt.17 Dies bedeutet nicht nur, dass Proteste im Laufe der Jahre zunehmend als normale Form politischer Interessenartikulation angesehen werden, sondern auch, dass die Zusammensetzung von Protestteilnehmenden verstärkt jener der Bevölkerung insgesamt entspricht. Protestteilnehmende werden damit diverser, auch wenn eine gute Bildung weiterhin eine wichtige Voraussetzung für die Teilnahme an Protesten zu bleiben scheint.18 So weisen verschiedene Beiträge dieses Sonderbandes auf die breite und heterogene Trägerschaft von Protest hin.19 Die Diversifizierung des Protests bedeutet allerdings auch, dass Protest nicht allein Mittel linker Kräfte ist. Rechte Proteste haben in den letzten Jahren im Kontext von Globalisierung und Europäisierung einen deutlichen Zuwachs erfahren20 – eine Entwicklung, der auch die Bewegungsforschung zunehmend Rechnung trägt.21 In diesem Kontext beschreiben verschiedene Studien eine Aneignung linker Symbolik und Protestformen durch rechte Bewegungen – auch im Kontext der Globalisierungskritik.22 Dieter Rink zeigt in seinem Beitrag zu diesem Sonderband auf, wie das Protestformat der Montagsdemonstration zwischen den späten 2.1 16 Z.B. Michelsen, Walter 2013; Blühdorn 2013; Greven 2008; Gibson 2008. 17 Van Aelst, Walgrave 2001; Roth, Rucht 2008. 18 Van Aelst, Walgrave 2001; Dalton 2014. 19 Vgl. etwa die Beiträge von Bleckmann, Lahusen oder Baringhorst et al. in diesem Sonderband. 20 Kriesi et al. 2012; Virchow 2016. 21 Z.B. Caiani et al. 2012; Fielitz, Laloire 2016. 22 Z.B. Kellershohn et al. 2010. 312 Priska Daphi und Nicole Deitelhoff 1990er Jahren und Mitte der 2000er Jahre sowie jüngst im Kontext von PEGIDA von rechten Gruppen für fremdenfeindliche Demonstrationen genutzt wurde. Ähnlich weisen auch Lisa Bleckmann und Christian Lahusen in ihrer vergleichenden Untersuchung von Protestteilnahme in Ost- und Westdeutschland zwischen 1990 und 2013 auf, wie sich nicht nur das soziale, sondern auch das politische Spektrum des politischen Protests seit den 1990er Jahren in Deutschland erweitert hat. So zeigen die AutorInnen, dass entgegen der gängigen Erwartung Bildung und Einkommen insgesamt wenig Einfluss auf die Protestteilnahme haben. Auch der Stellenwert einer linken politischen Einstellung nimmt zwischen den 1990er Jahren und 2013 in Ost- wie in Westdeutschland deutlich ab. Während 1990 Personen mit linken politischen Orientierungen in Ost- und Westdeutschland im Vergleich zu anderen Personengruppen häufiger an Demonstrationen teilnahmen, verliert sich dieser Effekt über die folgenden Jahre. Die AutorInnenn zeigen zudem, dass sich die Trägerschaft politischen Protests in Ost- und Westdeutschland kaum noch unterscheidet, da klassische Determinanten, vor allem politisches Interesse und Erwerbsfähigkeit, die Protestteilnahme sowohl in Westals auch in Ostdeutschland am deutlichsten prägen. Dies deute darauf hin, wie die AutorInnen schlussfolgern, dass Demonstrationen zu einem normalen und allseits bewährten Mittel der politischen Beteiligung in Ost- und Westdeutschland geworden sind. Mehrere Beiträge heben auch die starke Spezialisierung und fehlende grundlegende Kritik bestimmter Proteste hervor. So merken Regina Becker und Swen Hutter in ihrer Studie zu europäisierten Protesten in Deutschland an, dass konstitutive Fragen zur Europäischen Union vergleichsweise selten vorkommen – ein Befund, der angesichts der Krisensymptomatik des europäischen Integrationsprojekts überrascht. Europäisierte Proteste reagieren damit weniger auf den allgemeinen Autoritätstransfer, sondern eher auf bestimmte Policy-Entscheidungen. Auch die Studie zu Abschiebeprotesten zeigt, dass die Proteste sich an Einzelfall- und Implementierungsfragen orientieren. Proteste gegen Abschiebungen in Deutschland und Österreich richteten sich eher gegen die Implementierung einer politischen Maßnahme in bestimmten Einzelfällen als auf eine Änderung der allgemeinen Asyl- und Migrationsgesetze oder eine generelle Infragestellung von Exklusionsprozessen, wie es andere aktuelle Proteste rund um die Asylpolitik zum Teil sehr wohl tun. Auch wird in einigen Beiträgen auf die wachsende Bedeutung eher breiter und loserer Bündnisse hingewiesen. Sigrid Baringhorst, Mundo Yang, Kathrin Voss und Lisa Villioth zeigen in ihrer Studie zu Hybridkampagnen von Onlineplattformen wie Campact und Change.org die Rolle und Effektivität breiter Kampagnen. Wie die AutorInnen betonen, kommen hierbei neben online- auch offline-Elemente der Mobilisierung zum Tragen, eine Kombination, die eine breite Basis anspricht und dadurch Mobilisierung befördert. Protest im Wandel? Jenseits von Transnationalisierung und Entpolitisierung 313 Leviathan, 45. Jg., Sonderband 33/2017 (Re-)Politisierung Dennoch sollte man diese Befunde nicht unisono als Beleg für eine Entpolitisierung von Protest betrachten, denn zum aktuellen Bild von Protest gehört auch, dass Proteste nach wie vor kollektive Forderungen im Sinne des Gemeinwohls erheben und systemkritische Fragen stellen. Mehrere der Beiträge heben die bleibende, teils sogar wachsende Relevanz gemeinwohlorientierter, kollektiver Proteste sowie systemkritischer sozioökonomischer Kritik hervor. Darüber hinaus wird auch eine zunehmende Polarisierung von Protest problematisiert, die der These apolitischer Proteste entgegensteht. Besonders deutlich zeigt das der Beitrag zu Hybridkampagnen von Baringhorst, Yang, Voss und Villioth auf. Ihre Untersuchung von drei mittels Onlineplattformen organisierter Kampagnen macht deutlich, dass solche Hybridkampagnen entgegen gängiger Erwartungen durchaus kollektive Organisationsformen und Frames beinhalten. Besonders im Fall der Anti-Fracking Kampagnen von Campact und Change.org wird klar, dass nicht allein der eigene »Backyard« zu schützen versucht wird, sondern auch Kollektivgüter wie das Grundwasser und das Klima. Aber auch im Falle einer stärker individualisierten Kampagne von Change.org (zu Plastikverpackungen) zeigen die AutorInnen, dass kollektive Argumente und organisatorische Unterstützung vorhanden sind. Prozesse der Vereinzelung und Entpolitisierung, die dem »slacktivism« im Rahmen der Debatte um Postdemokratie oftmals unterstellt werden, treffen also keineswegs immer zu. Auch wenn die neuen technischen Möglichkeiten durchaus die Personalisierung von politischen Kampagnen fördern, geht dies nicht zwangsweise mit Entpolitisierung einher. Auch die in einigen Beiträgen diskutierte wachsende Thematisierung sozioökonomischer Konflikte lässt nicht auf eine Entpolitisierung schließen. In den letzten Jahren scheinen Verteilungskonflikte im Kontext neoliberaler Globalisierungsprozesse wieder stärker in den Fokus zu rücken.23 Während sich die sogenannten neuen sozialen Bewegungen der 1960er und 1970er Jahre stärker auf postmaterielle Werte wie Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung konzentrierten, 24 erhalten spätestens seit den 1990er Jahren Fragen der gerechten Verteilung von Ressourcen mehr Aufmerksamkeit.25 Natürlich waren Proteste gegen soziale Ungleichheit nie ganz verschwunden – auch nicht im Kontext der neuen sozialen Bewegungen und schon gar nicht in den Arbeiterbewegungen. Postmaterielle Werte spielen ebenfalls weiterhin eine zentrale Rolle in der Motivation von Protesten, wie unter Anderem der Beitrag von Bleckmann und Lahusen in diesem Sonderband zeigt. Allerdings lässt sich seit einigen Jahren auch ein wachsender Bezug zu Themen der sozialen Gerechtigkeit finden.26 Diese Rückkehr zu materiellen Konflikten wird besonders im Kontext von Protesten der 2010er Jahre beobachtet – 2.2 23 Z.B. Kriesi et al. 2012. 24 Eder 1986; Johnston et al. 1994. 25 Hetland, Goodwin 2013; della Porta 2015; Peterson et al. 2015. 26 Kriesi et al. 2012. 314 Priska Daphi und Nicole Deitelhoff mit den Protesten gegen Austeritätspolitik in Europa und den USA.27 Hatte schon die globalisierungskritische Bewegung soziale Ungleichheit thematisiert, so befassen sich die Anti-Austeritätsproteste in einem deutlich stärkeren Umfang mit konkreten materiellen Problemlagen.28 Wie einige der Beiträge zeigen, trifft dies auch für die Proteste in Deutschland zu, auch wenn es im Gegensatz zu vielen der südeuropäischen Länder von der Finanzkrise deutlich weniger stark betroffen war. Diese Entwicklung hat nicht nur Konsequenzen für die Themen, die in Protesten angesprochen werden, sondern auch für die Akteurskonstellationen, die diese Proteste tragen. Mehrere Beiträge verweisen daher auf die wachsende Kooperation zwischen Gewerkschaften und sozialen Bewegungen.29 Oliver Nachtwey notiert die wachsende Bedeutung sozioökonomischer Themen in Protesten vor allem im Kontext der Ausbreitung des Finanzmarktkapitalismus seit den 1970er Jahren – auch in Deutschland. Er beschreibt, wie in der Nachkriegszeit und seinem wohlfahrtsstaatlichen Kapitalismus sozioökonomische Protestthemen zunächst an Bedeutung verloren und die neuen sozialen Bewegungen sich stärker auf Fragen der Identität und individueller Anerkennung konzentrierten. Mit der globalen Ökonomisierung und der Verschlechterung sozialer Absicherung änderte sich dies allerdings. Seit den 1990er Jahren greifen Proteste verstärkt Fragen der sozialen Ungerechtigkeit auf. Nachtwey verdeutlicht dies in Bezug auf transnationale Proteste im Kontext der globalisierungskritischen Bewegungen, aber auch anhand von Protesten in Deutschland gegen die »Agenda 2010«-Reformen und zunehmender betrieblicher Auseinandersetzungen im Dienstleistungssektor. Arbeitskonflikte würden hierbei verstärkt mithilfe von Bewegungsrepertoires ausgetragen. Speziell die Occupy-Bewegung verdeutliche die Entwicklung hin zu sozioökonomischen Protesten aufgrund ihrer Forderungen (Verteilungsfrage) und Teilnehmenden (prekär und gut gebildet). Diese Bewegung verknüpfe sozioökonomische Fragen mit dem Thema demokratischer Mitbestimmungsmöglichkeiten und belebe damit die Auseinandersetzung um die Grundlagen von citizenship. Nachtwey folgert, dass in den jüngsten Protesten gegen die Austeritätspolitik ein systemischer Konflikt adressiert wird, nämlich Grundfragen zum Verhältnis von Demokratie und Kapitalismus. Als Reaktion auf die Krise der Repräsentation würden hier die Prinzipien der Repräsentation und politischer Delegation mithilfe von »Laboratorien der Demokratie« auf den öffentlichen Plätzen grundlegend in Frage gestellt. Hier lässt sich somit weniger eine technisch-apolitische Spezialisierung, sondern eher eine Infragestellung des neoliberalen Systems und seiner Auswirkung auf demokratische Beteiligung finden – mithin also die Systemfrage schlechthin. Generell lässt sich zeigen, dass das Thema Wirtschaftspolitik in europäisierten Protesten in Deutschland deutlich an Gewicht gewinnt, besonders das Thema ökonomische Liberalisierung und Wohlfahrt. Vor allem in den Jahren 2004 27 Della Porta 2015. 28 Zamponi, Daphi 2014. 29 Vgl. etwa die Beiträge von Kryst, Zajak oder von Nachtwey in diesem Sonderband. Protest im Wandel? Jenseits von Transnationalisierung und Entpolitisierung 315 Leviathan, 45. Jg., Sonderband 33/2017 und 2005, so betonen Becker und Hutter in ihrem Beitrag, zeigt sich ein deutlicher Anstieg von ökonomischen Themen in Protesten in Deutschland – dies hängt neben 1. Mai-Demonstrationen auch mit den »Agenda 2010«-Reformen zusammen. Zudem stellen die AutorInnen fest, dass während die Bedeutung ökonomischer Themen zwischen 2005 und 2007 abnahm, sie seit 2008 stark zunimmt. Debatten um die Prekarisierung von Arbeits- und Lebensverhältnissen aufgrund neoliberaler Reformen bilden auch den diskursiven Rahmen der jüngeren Universitätsproteste in Europa, wie Scholl und Freyberg-Inan herausarbeiten. Die Universitätsproteste lehnen sich vor allem an die ab 2010 wachsende Kritik der Anti- Austeritätsbewegungen an der neoliberalen Krisenpolitik in der EU an und kritisieren das Eindringen neoliberaler Marktlogik in alle gesellschaftlichen Zusammenhänge, in diesem Kontext insbesondere das System höherer Bildung. Auch die Universitätsproteste verweisen somit auf eine grundlegende Gesellschafts- und Systemkritik. Von entpolitisierten Protesten sind sie weit entfernt. Janusch und Mittendorf argumentieren in ihrem Beitrag zu transnationalen und nationalen Protesten gegen die ACTA- und TTIP-Abkommen mit der USA, dass diese Proteste nicht nur Policy-Entscheidungen thematisieren und skandalisieren, sondern unter bestimmten Bedingungen auch Veränderungen auf der Politics-Ebene, also der Verfahrensweise selber, bewirken können. Janusch und Mittendorf machen hieran eine zumindest partielle Rückkehr des »Politischen« fest, also der öffentlichen Verhandlung von Machtverhältnissen und Disparitäten in der gesellschaftlichen Ressourcenverteilung. Auch dies widerspräche der postdemokratischen These der politischen Entleerung. Schließlich lässt sich verbunden mit der zunehmenden Bedeutung von Verteilungskonflikten, das heißt einer sozialen Polarisierung, auch eine politische Polarisierung feststellen. Gemeint ist damit eine wachsende Distanz zwischen politischen Akteuren (individuell wie kollektiv) hinsichtlich von Werten, Einstellungen und Handlungen.30 In Bezug auf soziale Bewegungen betrifft dies zum einen die wachsende Distanz zwischen Protestteilnehmenden und der etablierten Politik. So verweisen zum Beispiel Studien zur Occupy-Bewegung in Deutschland, 31 zu Montagsmahnwachen 201432 und zu PEGIDA-Demonstrationen 201533 auf das große Misstrauen der Beteiligten gegenüber politischen Institutionen, die starke Unzufriedenheit mit der existierenden Demokratie und die geringe Einbindung in etablierte politische Organisationen. Gerade die Verantwortungsdiffusion, die im Kontext von Mehrebenensystemen wie der EU zunimmt, scheint diese Distanz zu bestärken.34 Während die Distanz zu etablierter Politik im Allgemeinen als Zeichen einer postdemokratischen Entpolitisierung der Bevölkerung gelesen werden 30 Helms 2017. 31 Brinkmann et al. 2013. 32 Daphi et al. 2014. 33 Daphi et al. 2015. 34 Z.B. Scharpf 2009. 316 Priska Daphi und Nicole Deitelhoff kann, weist jedoch das hohe Misstrauen unter Demonstrierenden auch auf das hohe Mobilisierungspotential dieses Misstrauens hin.35 Zum anderen zeigt sich die Polarisierung innerhalb der Protestlandschaft selbst. So dokumentiert beispielsweise Dieter Rink, wie sich um das Thema Migration und Asyl die Auseinandersetzung zwischen rechten Mobilisierungen und linken Gegendemonstrationen in den letzten Jahren verschärft hat. Er zeigt, wie dabei das Protestformat der Montagsdemonstrationen zu einem Kristallisationspunkt dieser Auseinandersetzung wird, da es seit Ende der 1990er Jahre sowohl von linken als auch rechten Gruppen in Anspruch genommen wird. Diese Polarisierung wird auch in anderen Beiträgen des Sonderbandes in Bezug auf Deutschland unterstrichen und mit wachsender sozialer Ungleichheit in Verbindung gebracht. So argumentiert zum Beispiel Nachtwey in seinem Beitrag, dass die Abstiegsangst auf rechter wie linker Seite zu vermehrter Mobilisierung führt. Ausblick Dieser abschließende Beitrag hat verschiedene Veränderungsprozesse von sozialen Bewegungen und Protest in den letzten Jahrzehnten nachgezeichnet. Natürlich besteht hinsichtlich vieler Elemente des Protests auch große Kontinuität, da sich soziale Bewegungen und Proteste immer im Kontext vorheriger politischer Mobilisierungen entwickeln. Damit bieten frühere Proteste eine wichtige Infrastruktur für nachfolgende Mobilisierungen.36 Verschiedene Beiträge dieses Sonderbandes weisen auf solche Kontinuitätslinien hin. So belegt Rink in seinem Beitrag die Kontinuität einer bestimmten Protestform, den Montagsdemonstrationen, die zwischen 1989 und 2016 sowohl von Arbeits- und Friedensprotesten und später auch von rechten Mobilisierungen genutzt wurden. Darüber hinaus wurden Montagsdemonstrationen in den letzten Jahren auch gegen Infrastrukturprojekte eingesetzt – etwa um die Frankfurter Flughafenerweiterung. Auch verweisen einige Beiträge auf Kontinuitäten zwischen der globalisierungskritischen Bewegung und den jüngeren Protesten gegen die Austeritätspolitik.37 Diese Kontinuitäten umfassen neben Protestrepertoires vor allem Ziele und Organisationsformen. So betont Nachtwey in seinem Beitrag enge Verknüpfungen zwischen der globalisierungskritischen Bewegung und den Occupy-Protesten hinsichtlich ihrer Kritik des Finanzmarktkapitalismus. Auch Scholl und Freyberg-Inan zeigen in ihrem Beitrag die Bedeutung der globalisierungskritischen Bewegung (aber auch der universitären Proteste der 1960er Jahre) vor allem hinsichtlich der Forderung nach mehr Mitbestimmung und der Nutzung horizontaler Entscheidungsfindungsprozesse für die Universitätsproteste der 2010er Jahre in den Niederlanden. 3. 35 S. auch Beitrag von Bleckmann, Lahusen in diesem Sonderband. 36 Vgl. auch die Literatur zu »eventful protests«, z.B. della Porta 2008; Daphi 2017 a. 37 Vgl. auch Flesher Fominaya 2015; Zamponi, Daphi 2014. Protest im Wandel? Jenseits von Transnationalisierung und Entpolitisierung 317 Leviathan, 45. Jg., Sonderband 33/2017 Die Kontinuitätslinien sorgen auch dafür, dass die beobachtbaren Veränderungen im Protestgeschehen selten ganz grundlegender Natur sind. Sie beschreiben eher Verschiebungen als abrupte Neuausrichtungen. Das gilt auch für den in diesem abschließenden Beitrag diskutierten Trend der Transnationalisierung sowie hinsichtlich der These der Entpolitisierung: Zwar lässt sich sicher konzedieren, dass auch Protest und Bewegungshandeln mittlerweile in der postnationalen Konstellation angekommen sind, aber die Konturen dieser Konstellation sind in diesem Bereich eher unscharf. Zum einen findet Transnationalisierung von Protest in unterschiedlichen Dimensionen statt, wie mehrere Beiträge dieses Sonderbandes zeigen. Häufig werden diese Dimensionen jedoch in der bestehenden Literatur in eins gesetzt. Ob sich aber die Themen von Protest, seine Adressaten oder das Bewegungshandeln selbst transnationalisieren, ist keineswegs eine triviale Unterscheidung und muss in der Analyse von Transnationalisierungsprozessen berücksichtigt werden. Denn neben der Frage, was transnationalen Protest eigentlich ausmacht, werfen diese verschiedenen Ebenen Fragen zu den Mobilisierungschancen einerseits und zur Durchsetzungsfähigkeit von transnationalen Protesten andererseits auf. Auf welcher Ebene ist Transnationalisierung besonders effektiv für die Durchsetzung von Forderungen? Und in welchem Verhältnis steht transnationaler Protest zu nationalstaatlich geprägter Demokratie? Zum anderen haben die Beiträge auch deutlich gemacht, dass sich neben der Transnationalisierung auch ein gegenläufiger Trend der (Re-)Lokalisierung beobachten lässt. Statt eines linearen Prozesses von lokaler zu transnationaler Mobilisierung, müssen transnationale, nationale und lokale Dimensionen des Protests zusammen gedacht werden. Für zukünftige Forschung wird es damit wichtig zu verstehen: Wie beeinflussen sich transnationale, nationale und lokale Dimensionen des Protests? Wie hängen Entwicklungen der Transnationalisierung und Lokalisierung zusammen? Wechseln sich beide Entwicklungen ab oder laufen sie parallel und sind eher getrieben von den jeweiligen Protestthemen? Ist Re-Lokalisierung allein eine Reaktion auf frustrierte Erwartungen über die Möglichkeiten transnationalen Protests auf Seiten sozialer Bewegungen oder spielen hier noch andere Faktoren eine Rolle? Dies sind Fragen, denen sich die Bewegungsforschung noch stärker annehmen muss, um die Bedeutung der jeweiligen Veränderung fundiert beurteilen zu können. Hinsichtlich der Entpolitisierungsthese haben wir keinen eindeutigen Trend feststellen können. Die Beiträge in diesem Sonderband arbeiten zwar bestimmte Entwicklungen heraus, die als Entpolitisierungsprozesse gelesen werden können, etwa die Hinwendung zu losen, heterogenen Protestbündnissen oder die Abkehr von Systemkritik zugunsten kleinteiliger Proteste. Wie wir argumentiert haben, lassen sich diese Befunde jedoch nicht zwangsläufig als Beleg für eine Entpolitisierung von Protest betrachten. Denn wie die Beiträge deutlich machen, gehört zum aktuellen Bild von Protest auch, dass Proteste nach wie vor kollektive Forderungen im Sinne des Gemeinwohls erheben und systemkritische Fragen stellen. So weisen mehrere Beiträge darauf hin, dass Systemkritik nicht insgesamt abgenommen hat, sondern gerade im Zuge der Austeritätsproteste zuletzt wieder zugenommen hat. 318 Priska Daphi und Nicole Deitelhoff Auch die Polarisierung, die sich im Verhältnis zwischen Staat und BürgerInnen sowie innerhalb des Protestgeschehens beobachten lässt, passt nicht zur These einer Entpolitisierung. Schließlich zeigen sich auch im viel gescholtenen »slacktivism« klassische Merkmale kollektiven Handelns und kollektiver Forderungen. An der Form des Protests lässt sich mithin nicht die politische Qualität von Protest bestimmen. Wie substanziell ist also die These von der Entpolitisierung? Für welche Bereiche von Protest lässt sie sich wirklich beobachten? Wie hängen Form und Inhalt von Protest zusammen und passt unser Verständnis von politischem Handeln noch in das digitale Zeitalter? Wie ist in Zeiten zunehmender sozialer und kultureller Polarisierung die Formulierung und Durchsetzung kollektiver Interessen qua Protest möglich? Dies sind offene Fragen, die die Bewegungsforschung in den nächsten Jahren beschäftigen dürften. Dieser Band kann hoffentlich ein Stück weit dazu beigetragen, die Grundlagen für eine solche Beschäftigung zu legen. Literatur Bandy, Joe; Smith, Jackie 2005. Coalitions across Borders. Transnational Protest and the Neoliberal Order. Oxford: Rowman & Littlefield. 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Transnationalisierung ist ein vielschichtiger und nicht linearer Prozess, zudem treffen transnationale, nationale und lokale Dimensionen des Protests aufeinander. Für die Thesen der Entpolitisierung lassen sich zudem gerade im Kontext der zunehmenden Bedeutung sozioökonomischer Konflikte und der wachsenden Polarisierung wenig Belege finden. Stichworte: Protest, soziale Bewegungen, Transnationalisierung, Entpolitisierung, Postdemokratie Transforming protest? Beyond transnationalisation and depoliticisation Abstract: The authors discuss the special issue’s contributions in light of current debates around transnationalisation and depoliticisation of protest. They show that both alleged trends require a differentiated approach. Transnationalisation is a multilayered and nonlinear process; furthermore transnational, national and local dimensions of protests intermingle. There is little evidence to support the thesis of depoliticisation, especially in current times of growing socio-economic conflict and polarization. Keywords: protest, social movements, transnationalisation, depoliticisation, postdemocracy Autorinnenangaben Dr. Priska Daphi, Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK), Baseler Straße 27-31, 60329 Frankfurt am Main, daphi@hsfk.de Prof. Dr. Nicole Deitelhoff, Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HS- FK), Baseler Straße 27-31, 60329 Frankfurt am Main, deitelhoff@hsfk.de 322 Priska Daphi und Nicole Deitelhoff

Abstract

The authors discuss the special issue’s contributions in light of current debates around transnationalisation and depoliticisation of protest. They show that both alleged trends require a differentiated approach. Transnationalisation is a multilayered and non-linear process; furthermore transnational, national and local dimensions of protests intermingle. There is little evidence to support the thesis of depoliticisation, especially in current times of growing socio-economic conflict and polarization.

Zusammenfassung

Die Autorinnen diskutieren die Beiträge des Sonderbandes im Lichte der aktuellen Debatten zu Transnationalisierung und Entpolitisierung von Protesten. Sie zeigen, dass beide mutmaßlichen Trends differenziert betrachtet werden müssen. Transnationalisierung ist ein vielschichtiger und nicht linearer Prozess, zudem treffen transnationale, nationale und lokale Dimensionen des Protests aufeinander. Für die Thesen der Entpolitisierung lassen sich zudem gerade im Kontext der zunehmenden Bedeutung sozioökonomischer Konflikte und der wachsenden Polarisierung wenig Belege finden.

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Zamponi, Lorenzo; Daphi, Priska 2014. „Breaks and Continuities in and Between Cycles of Protest. Memories and Legacies of the Global Justice Movement in the Context of Anti-austerity Mobilisations”, in Spreading Protests: Social Movements in Times of Crisis, hrgs. v. della Porta, Donnatella; Mattoni, Alice, S. 193-226. Essex: ECPR-Press.

Abstract

Protests are drivers of change but, at the same time, are also objects of change. The conditions under which protest emerges, the forms in which it is articulated and its potential impact may change in subtle ways or abruptly, with a big bang. The contributions in this edited volume focus on developments in post-unification Germany. How do protests impact on international politics and global economies? How do activists combine both online and offline protests in their campaigns? Does the profile of protesters change over time? Has protest become compartmentalised or are we witnessing the realignment of broader lines of conflict? The answers to these questions are unexpected and at times contradictory.

With contribution by

Felix Anderl, Regina Becker, Lisa Bleckmann, Sigrid Baringhorst, Priska Daphi, Nicole Deitelhoff; Annette Freyberg-Inan, Swen Hutter, Holger Janusch, Maren Kirchhoff, Melanie Kryst, Christian Lahusen, Nina Maria Merhaut, Volker Mittendorf, Oliver Nachtwey, Dieter Rink, Sieglinde Rosenberger, Dieter Rucht, Christian Scholl, Helen Schwenken, Simon Teune, Kathrin Voss, Lisa Villioth, Mundo Yang and Sabrina Zajak.

Zusammenfassung

Proteste verändern die Welt, aber unterliegen auch selbst einem ständigen Wandel. Unter welchen Bedingungen sich Protest regt, in welcher Form er artikuliert wird und wie er wirken kann, verändert sich manchmal schlagartig, manchmal schleichend. Die Beiträge im Leviathan Sonderband „Protest in Bewegung?“ nehmen insbesondere die Entwicklungen in der Bundesrepublik seit dem Ende der bipolaren Weltordnung in den Blick: Wie beeinflusst Protest internationale Politik und globale Wirtschaftsbeziehungen? Wie verbinden Kampagnen on- und offline-Protest? Gehen heute andere Menschen auf die Straße als zur Zeit der Wiedervereinigung? Wird Protest kleinteiliger oder zeichnen sich neue übergreifende Konfliktlinien ab? Die Antworten auf diese und andere Fragen fördern unerwartete und widersprüchliche Befunde zutage.

Mit Beiträgen von

Felix Anderl, Regina Becker, Lisa Bleckmann, Sigrid Baringhorst, Priska Daphi, Nicole Deitelhoff; Annette Freyberg-Inan, Swen Hutter, Holger Janusch, Maren Kirchhoff, Melanie Kryst, Christian Lahusen, Nina Maria Merhaut, Volker Mittendorf, Oliver Nachtwey, Dieter Rink, Sieglinde Rosenberger, Dieter Rucht, Christian Scholl, Helen Schwenken, Simon Teune, Kathrin Voss, Lisa Villioth, Mundo Yang und Sabrina Zajak.