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Vitali Heidt, Sibylle Meyer, Markus Nachbaur, Benjamin Rabe, Globalisierung – Tickt Japan anders? Technologieverbreitung am Beispiel der Pflege in Japan in:

Kongress der Sozialwirtschaft e.V. (Ed.)

Der Zukunftskongress der Sozialwirtschaft, page 183 - 210

Die vernetzte Gesellschaft sozial gestalten

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8487-4307-0, ISBN online: 978-3-8452-8510-8, https://doi.org/10.5771/9783845285108-183

Series: Edition Sozialwirtschaft, vol. 43

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WORKSHOP 6: # GLOBALISIERUNG TICKT JAPAN ANDERS? Technologieverbreitung am Beispiel der Pflege in Japan Globalisierung – Tickt Japan anders? Technologieverbreitung am Beispiel der Pflege in Japan Vitali Heidt / Sibylle Meyer / Markus Nachbaur / Benjamin Rabe Einführung Mit Blick auf seinen Charakter als Hochtechnologienation, wird Japan immer wieder als Beispiel genannt, wenn es um technische Lösungsansätze und Innovationen zur Bewältigung der Folgen einer alternden Gesellschaft geht. Auch im deutschsprachigen Raum werden in jüngster Zeit verstärkt die Chancen und Grenzen technischer Innovationen in der Pflege unter fachlichen, betriebswirtschaftlichen aber auch ethischen Gesichtspunkten diskutiert. Die generelle Diskussion um eine Sozialwirtschaft 4.0 brennt den Verantwortlichen in der Sozialwirtschaft unter den Nägeln. Doch steht diese in ihrer Vielfältigkeit bei verfügbaren Produkten und potenziellen Einsatzbereichen in der fallbezogenen, sozialen Arbeit, sowie im Bereich innerorganisatorischer Betriebs- und Ablaufprozesse immer noch am Anfang. Die Technikverbreitung ist stark vom Verkaufsinteresse der Anbieter und wenig von den Bedarfen der Nutzer sowie der sozialen Organisationen getrieben. Zudem fehlt es an Finanzierungsmöglichkeiten für entsprechende Innovationsprojekte. Doch muss sich die Freie Wohlfahrtspflege an allen Facetten dieser unausweichlichen Zukunftsdebatte aktiv beteiligen. Dies gilt nicht nur in Folge sich ändernder Erwartungs- und Anspruchshaltungen der Klienten. Vor diesem Hintergrund setzte sich Workshop 6 mit zwei Impulsreferaten zum Thema Technikeinsatz in der Pflege in Japan sowie in vergleichender Perspektive zum aktuellen Sachstand in den Bereichen Robotik und sozio-assistive Unterstützungssysteme in Deutschland und Europa auseinander. Abgerundet wurde der Workshop durch einen Praxisimpuls aus der operativen Sozialwirtschaft sowie dem Austausch mit dem Fachpublikum. Um einen Überblick über den gesamten Workshop zu geben, werden die Einzelbeiträge im Folgenden im Sinne eines gemeinsamen Sammelbeitrags wiedergegeben 185 Heidt / Rabe Japans Altenpflege: Einblicke und Ausblicke in den Pflegealltag und die Technologienutzung Einleitung Die letzten beiden Jahrzehnte waren für die Inselnation Japan ereignisreich und stellten diese vor große gesellschaftspolitische Herausforderungen und Veränderungen. Die Wirtschaftsmacht erlitt einen bis heute anhaltenden wirtschaftlichen Dämpfer durch Finanzspekulationen und durchlebte darauffolgend politische Krisen, aber auch die demographische und soziale Entwicklung stellten diffizile Aufgaben für die japanische Regierung dar. Die Gesellschaft erfuhr eine rapide und umfassende Alterung und bereits 27,5 Prozent der japanischen Bevölkerung haben 2017 das Alter von 65 Jahren erreicht. Dies erforderte – und erfordert weiterhin – umfassende und angemessene gesellschaftspolitische Lösungen, um älteren Menschen und ihren Familien eine sichere Lebensgrundlage bieten zu können. Gleichwohl war es auch die finanzpolitische Absicht, eine solide Finanzierung dieser Maßnahmen zu gestalten und Sozialausgabensteigerungen zu begrenzen. Im Jahr 2000 wurde daher die Pflegeversicherung (kaigo hoken) als fünfte Säule der sozialen Sicherung in Japan eingeführt, die einen Rechtsanspruch auf Pflege- und Unterstützungsleistungen gewährte, aber auch zur Verschiebung von Verantwortungssphären zwischen Familie, Staat und Gesellschaft beitrug. Überwältigt von dem großen Bedarf nach Unterstützungs- und Pflegeleistungen setzt die Pflegeversicherung in Japan, nach mehreren Reformen, verstärkt auf eine präventive und partizipative Orientierung. Dieser Beitrag skizziert die demographische Entwicklung Japans in der Nachkriegszeit, beleuchtet aber ebenso die Entwicklung und Gestaltung der Pflegeversicherung sowie deren Umsetzung in japanischen Altenpflegeeinrichtungen. Dabei werden wesentliche Unterschiede zur deutschen Pflegeversicherung aufgezeigt und Problemfelder benannt, die auch in der strukturellen, personellen und finanziellen Überforderung liegen. Die angestrebten Lösungsansätze liegen zum Einen in der High-Tech-Strategie der japanischen Regierung (z.B. New Robot Strategy), die die Techniknutzung in der Pflege ausweiten soll, und zum Anderen in partizipativen Ansätzen der Sozialraumaktivierung (Integrated Community Care System). I. 1 Vitali Heidt / Sibylle Meyer / Markus Nachbaur / Benjamin Rabe 186 Die demographische Entwicklung im Japan der Nachkriegszeit Die Nachkriegszeit war in Japan eine Phase von umfassendem und tiefgreifendem sozialen Wandel, der stark mit einer Änderung der bürgerlichen Gesetze (shimin-hō), der beachtlichen wirtschaftlichen Entwicklung des Landes, aber auch dem damit einhergehenden Wandel der gesellschaftliche Werte und Normen verbunden war. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg war in Japan die soziale, wirtschaftliche und organisationale Struktur durch das patriarchalische ie-System geprägt (wörtlich: Familie, Haus). Dieses bestand aus einer funktionalen und hierarchischen Segmentierung von Haupt- (honke) und Nebenfamilienzweigen (bunke), die sich im Sozialgefüge und in der Arbeitsteilung niederschlugen. Daher war das Verbot dieses ie-Systems durch Gesetzesänderungen in der Nachkriegszeit von wesentlicher Bedeutung für die Entwicklung der heute dominierenden Formen gesellschaftlicher Organisation. Vor allem die Änderung 1947 löste die alte Familienstruktur ab und schaffte de iure eine neue, die sich gesellschaftlich erst noch etablieren sollte. Dies warf zugleich langfristige Fragen auf, bspw. wie und auf welche Weise für Bedürftige jeglicher Art gesorgt werden sollte. Durch die damalige Bevölkerungsstruktur war die Frage jedoch noch nicht allzu drängend, gewann aber ab den 1970er Jahren stark an Bedeutung – insbesondere durch die beiden Ölkrisen (1970 und 1973), die Japans Wirtschaft stark zusetzten und das bis dahin immense Wachstum drosselten. Außerdem kamen zum ersten Mal Zweifel gegenüber dem Primat des Wirtschaftswachstums für alle politischen Entscheidungen auf. Von besonderer gesellschaftlicher Bedeutung kann man fünf Zeitperioden herausstellen, die die demographische Entwicklung Japans seit der Nachkriegszeit geprägt haben: a) starker Bevölkerungsrückgang während des Zweiten Weltkriegs, b) erste Baby-Boom-Generation in der unmittelbaren Nachkriegszeit, c) Rückgang zum Normalwert, d) starker Geburtenrückgang aufgrund der Stigmatisierung einer Kombination im chin. Tierkreiskalender (hinoe-uma, wörtlich: Feuerpferd), e) zweite Baby-Boom-Generation als Nachkommen der ersten Baby- Boom-Generation eine Generation (30 Jahre) später. 2 Globalisierung – Tickt Japan anders? 187 Abb. 1: Demographische Verteilung der Bevölkerung Japans nach Alter und Geschlecht 1.500.000 1.000.000 500.000 500.000 1.000.000 1.500.000 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 ≥100 Bevölkerung A lt e r Männer Frauen Quelle: Eigene Darstellung, Daten MIAC 2015a. Vitali Heidt / Sibylle Meyer / Markus Nachbaur / Benjamin Rabe 188 Abb. 2: Entwicklung des Altenquotients in Japan 0,0 5,0 10,0 15,0 20,0 25,0 30,0 35,0 40,0 45,0 50,0 1 9 3 5 1 9 4 0 1 9 4 5 1 9 5 0 1 9 5 5 1 9 6 0 1 9 6 5 1 9 7 0 1 9 7 5 1 9 8 0 1 9 8 5 1 9 9 0 1 9 9 5 2 0 0 0 2 0 0 5 2 0 0 9 2 0 1 0 2 0 1 1 2 0 1 6 2 0 1 7 Quelle: Eigene Darstellung, Daten MIAC 2015b, 2017. Auffällig sind einerseits die mittlerweile ausprägte Transformation der Bevölkerungspyramide in ihrer Struktur und andererseits der Überschuss an älteren Frauen, der ab dem Alter von 80 Jahren deutlich sichtbar ist. Diese altersabhängige Verschiebung des Geschlechterverhältnisses erzeugt wiederum eine Vielzahl von Fragen zur bedarfsgerechten Betreuung und Dienstleistungsangeboten. Der Anteil von Menschen über 65 Jahre beträgt in Japan 27,5% (24,5% Männer, 30,3%Frauen), während der Anteil der über 75-Jährigen bereits bei 13,6% der Gesamtgesellschaft liegt. Kinder (bis 14 Jahre) machen dagegen nur 12,4% der Bevölkerung aus (MIAC 2017). Dies hängt vor allem mit der niedrigen Fertilitätsrate von 1,46 Kindern pro Frau im gebärfähigen Alter zusammen (MIAC 2016: 7). Der Altenquotient (Abb. 2), also das Verhältnis der Bevölkerung im Rentenalter zu der im Erwerbstätigenalter, betrug 45,7 – somit kommen 2017 auf einhundert Erwerbstätige 45,7 Senioren (MIAC 2017). Globalisierung – Tickt Japan anders? 189 Pflegeversicherung Die immer problematischer werdende demographische Schieflage, bedingt durch die kontinuierlich sinkende Geburtenrate bei gleichzeitiger gesellschaftlicher Alterung, führte zur Schaffung eines (politischen) Problembewusstseins, aus welchem eine Reihe von sozialpolitischen Maßnahmen zur Absicherung des altersbedingten Unterstützungs- und Pflegebedarfs resultierten. Im Jahr 1997 beschlossen, trat im April 2000 das Pflegeversicherungsgesetz (kaigohoken-hō) in Kraft. Historische Entwicklung Die Pflegeversicherung bündelt bis dato verschiedene Initiativen und Regulierungen, um eine Versorgung von älteren Menschen sicherzustellen. Von zentraler Bedeutung sind hier der Act on Social Welfare for the Elderly von 1963, der ein breites Bündel an Maßnahmen für die alternde Bevölkerung vorsah, u.a. den Ausbau von Pflegeinfrastruktur. Dessen Revision in 1973 sah, als Folge des Wirtschaftswachstums, sogar die freie medizinische Versorgung für Senioren über 70 Jahren vor, wich also von den in Japan üblichen 30% Selbstbeteiligung ab (Campbell 1984: 55). Dies wurde im Health and Medical Service Act von 1983 angepasst, welcher die Kostenübernahme für medizinische und pflegerische Leistungen erneut regelte und Selbstbeteiligungen jetzt auch für Geringverdiener, auf die bis dahin verzichtet wurde, einführte. Ebenso hob er das Alter für die Kostenübernahme medizinischer Behandlungen auf 75 Jahre an, die dann schrittweise wieder auf die üblichen 30% angeglichen wurden. Ungeachtet der Verfügbarkeit des Unterstützungs- und Pflegeangebots, war jedoch die Inanspruchnahme solcher Leistungen häufig verbunden mit sozialem Druck und Stigmatisierung, die von der Nachkriegszeit bis in die späten 1980er anhielt (Yong, Saito 2012). Maßgeblich beteiligt an dem negativen Bild waren vor allem japanische Politiker, die die Gesellschaftsund Sozialpolitik in Japan beschrieben als: “'Japanese-type welfare society' in which – [...] founded on the self-help efforts of individuals and the solidarity of families and neighborhood communities that the Japanese possess – an efficient government guarantees appropriate public welfare ac-cording to priorities” (Campbell 1992: 220). Während Campbell hier die starke Fokussierung auf das Subsidiaritätsprinzip verdeutlicht, sind die Konsequenzen hieraus jedoch beträchtlich 3 3.1 Vitali Heidt / Sibylle Meyer / Markus Nachbaur / Benjamin Rabe 190 gewesen, da die Pflegeverantwortung primär auf die Familie übertragen worden ist – trotz des Wissens um die problematische demographische Entwicklung: “By promoting the slogan of a "Japanese-type welfare society" [...] during the 1980s, the government reduced social expenditures and instead called upon the population to recall the traditional virtue of caring for their aged in the family without public support” (Lützeler 2002: 283). Ein Wandel zeichnete sich erst mit dem steigenden Bedarf nach Unterstützungs- und Pflegeleistungen in den 1980ern und 1990ern Jahren ab und der merklichen Abkehr von der bisherigen sozialpolitischen Orientierung. Im Jahr 1989 wurde der sogenannte Gold Plan (kôreisha hoken fukushi suishin jûka-nen senryaku) etabliert, der umfassend und landesweit die Errichtung von Pflegeeinrichtungen vorantreiben sollte (z.B. Verdopplung der Bettenkapazität in Heimen) und Kommunen verpflichtete, bei der infrastrukturell unterversorgten Pflege mitzuwirken (Campbell, Ikegami 2000: 28; Ihara 2000: 10). Weitreichende Auswirkungen von Finanzspekulationen auf dem japanischen Immobilienmarkt, die sogenannte bubble economy und deren Zusammenbruch, machten jedoch eine realitätsnähere Anpassung der Ziele des Gold Plans 1994 unumgänglich. Globalisierung – Tickt Japan anders? 191 Abb. 3: Durchschnittliche Aufenthaltsdauer in Krankenhäusern 0 5 10 15 20 25 30 35 40 1 9 9 4 1 9 9 5 1 9 9 6 1 9 9 7 1 9 9 8 1 9 9 9 2 0 0 0 2 0 0 1 2 0 0 2 2 0 0 3 2 0 0 4 2 0 0 5 2 0 0 6 2 0 0 7 2 0 0 8 2 0 0 9 2 0 1 0 2 0 1 1 2 0 1 2 2 0 1 3 2 0 1 4 Ta ge Deutschland Japan Quelle: Eigene Darstellung, Daten OECD 2017. Neben dem demographischen Druck gab es noch einen weiteren Grund, der die Einführung der Pflegeversicherung als Korrektiv notwendig werden lies: der Missbrauch von medizinischen Einrichtungen, z.B. Krankenhäuser, für geriatrische Pflege. Die sozialpolitische Entscheidung, Kosten für medizinische Behandlungen von Senioren zu übernehmen – in Kombination mit der Unterversorgung von Pflegeeinrichtungen – führte dazu, dass viele Senioren medizinische Einrichtungen für geriatrische Pflege missbrauchten. Dies war für betreffende Senioren günstiger als die Nutzung der verfügbaren Pflegeoptionen. Für Versicherer war dieses Verhalten enorm problematisch, da der Gesundheitsetat unerwarteter Weise stark über Gebühr belastet wurde und insbesondere Kommunen, welche die Versicherungskassen verwalteten, waren finanziell betroffen. Selbiges galt für die medizinischen Einrichtungen, da sie nicht auf die dauerhafte Unterbringung von pflegebedürftigen Senioren eingestellt waren. Vitali Heidt / Sibylle Meyer / Markus Nachbaur / Benjamin Rabe 192 Aufbau der Pflegeversicherung Dies waren die Ausgangspunkte, welche eine gesonderte Sozialversicherung mit eigenem Budget erforderlich machten. Als Vorlage für die Pflegeversicherung in Japan diente dabei das seit 1995 implementierte deutsche Modell der Pflegeversicherung. Obwohl die deutsche und japanische Pflegeversicherung viele Gemeinsamkeiten haben (z.B. das Umlageverfahren als Basis), kann man drei wesentliche Unterschiede feststellen: a) In Japan gibt es keine Möglichkeit, Pflegegeld zu erhalten, während dies in Deutschland bei häuslicher Pflege als Option zur Verfügung steht. Diese Entscheidung wurde getroffen, um den Rückgriff auf informelle Pflege zu vermeiden und somit vor allem Frauen von der Pflegeverpflichtung zu entlasten (Campbell, Ikegami 2000: 30–31). b) Als wesentlicher Stützpfeiler der Pflegeversicherung galt bereits zu Beginn die ambulante, nicht-häusliche Tagespflege (day care, deî sâbisu). Der ambulante Gedanke wurde durch Reformen noch weiter gestärkt. c) Die Inanspruchnahme von Pflegedienstleistungen ist erst ab dem 65. Lebensjahr möglich. Ausnahmefälle bilden hier altersbedingte Erkrankungen oder Behinderungen, z.B. Demenz, die dann das Alter für die Inanspruchnahme auf 40 senken. Die Versicherungspflicht gilt für alle japanischen Bürger ab dem Alter von 40 Jahren. Die Finanzierung der Pflegeversicherung erfolgt zur Hälfte aus Beiträgen (unterteilt in Beiträge von 40-64-Jährigen (28%) und von über 65-Jährigen (22%), mit progressiver Verschiebung zu Letzteren) und Steuern (25% Nationalregierung, 12,5% Präfekturen und 12,5% Kommunen). Hierbei erfahren jene Präfekturen einen finanziellen Nachteil, die eine erhöhte Alterung aufweisen, also ein Missverhältnis zwischen Einkünften und Ausgaben haben und somit auf Budgettransfers angewiesen sind, die gegenwärtig 5% des Gesamtbudgets der Pflegeversicherung ausmachen (MHLW 2002, 2016b). Die Gesamtausgaben der Pflegeversicherung beliefen sich 2011 auf etwa 66,4 Mrd. Euro (IPSS 2014: 36); der monatliche Durchschnittsbeitrag (einkommensabhängig) etwa 47,40 Euro (MHLW 2016b: 16) – eine Verdoppelung seit Einführung. Der wesentliche Unterschied zu der deutschen Pflegeversicherung liegt im Selbstbeteiligungsanteil von 10% an allen genutzten Unterstützungsund Pflegedienstleistungen, welcher für finanzärmere Senioren von der 3.2 Globalisierung – Tickt Japan anders? 193 Kommune übernommen werden kann bzw. für finanzstärkere seit 2015 auf 20% erhöht wird. Eine Einstufung des Bedarfs und Anspruchs auf Pflegeleistungen erfolgt über eine computerbasierte Evaluation, ärztliche Gutachten, Hausbesuche bei den potenziellen Leistungsempfängern, und schlussendlich, über ein Gremium an Fachleuten, das dann die Zuordnung der Pflegestufe vornimmt. Es sind sieben Abstufungen vorhanden, zwei davon sind als sogenannte Support Level (yôshien) für Präventionsleistungen und fünf als Care Level (yôkaigo) definiert. Dabei gehen der höchste Support Level und der niedrigste Care Level ineinander über – auch um einen reibungslosen Übergang zwischen Prävention und Pflege zu gewährleisten. Anders als bei anderen Sozialversicherungssystemen sind in der japanischen Pflegeversicherung Leistungen umfasst, die sonst von der Krankenversicherung abgedeckt wären, z.B. eine Hauskrankenpflegerin, häusliche oder ambulante physikalische Therapie oder auch eine Rufbereitschaft für den Hausarzt (Campbell 2014: 16–17). Dadurch soll eine ineinander verzahnte Versorgung mit und Abrechnung von Dienstleistungen ermöglicht werden. Der administrative Aufwand hält sich für Senioren in Grenzen, denn von Senioren (oder ihren Vertretern) gewählte care manager übernehmen die Kommunikation mit Behörden und Einrichtungen, empfehlen Pflegedienstleistungen und erstellen, den Wünschen und der Pflegestufe entsprechend, ein Wochenprogramm. Innovative Strategien, um dem demographischen Wandel zu begegnen Dessen ungeachtet stellt die demographische Entwicklung eine enorme Belastung für den Staatsetat dar. Vor diesem Hintergrund versuchen sowohl die zuständigen Ministerien als auch die japanische Nationalregierung Konzepte zu kreieren, die auf eine Situation anhaltender, rapider gesellschaftlicher Alterung und eine generelle Abnahme der Bevölkerung reagieren. Sozialräumlicher Ansatz Eine dieser Maßnahmen ist eine grundlegende Reform des Pflegeversicherungsgesetzes, welche die Einbeziehung auf zivilgesellschaftlicher Elemente erhofft. Dies wird durch die bereits 2006 angestoßene, 2011 initiier- 4 4.1 Vitali Heidt / Sibylle Meyer / Markus Nachbaur / Benjamin Rabe 194 te Reform hin zum Integrated Community Care System (chiiki hokatsu kea shisutemu) verdeutlicht, die im Ansatz verschiedene Sozialsphären der Senioren zu verknüpfen sucht. Als Zielsetzung steht dabei die weitere Verknüpfung von medizinischer, geriatrischer, sozialer und sozialräumlicher Versorgung der Senioren an, die auch erweiterte Maßnahmen für Demenzpatienten enthält. Im Wesentlichen sollen dabei organisationale und institutionelle Hürden zwischen Krankenhäusern, Hausärzten, Pflegeheimen, Tagespflegediensten, Sozialleistungsträgern, aber auch den Senioren und ihrem sozialen Umfeld, z.B. den in Japan weit verbreiteten Nachbarschaftsorganisationen und Ehrenamtlichen abgebaut und die Kooperation auf mehrschichtige Weise ermöglich werden (siehe auch Abb. 4). Den Senioren soll dabei das Altern im gewohnten sozialen Umfeld ermöglicht werden, bei gleichzeitig verstärkter Einbindung in nachbarschaftliche und gemeinschaftliche Aktivitäten. Einerseits ist der ideelle Grundgedanke des Alterns im gewohnten Umfeld und der Aktivierung aus individuellen und sozialen Gründen begrü- ßenswert, andererseits spielt auch die fiskalische Perspektive hinein, da die stationäre Pflege von Senioren ein großer Kostentreiber ist. Daher wird auf lokale, regional teils unterschiedliche Konzepte zur Sozialraumaktivierung und -einbeziehung gesetzt, um den Senioren sowohl ein aktives Altern zu ermöglichen, gleichzeitig aber auch deren Inklusion zu stärken und die Herausbildung von altersbedingten Erkrankungen präventiv zu reduzieren. Gleichzeitig findet aber auch die die graduelle Verschiebung von Verantwortung zurück zur Familie statt, sodass Subsidiarität erneut verstärkt in den Fokus rückt. Darüber hinaus ist hier der politische normative Impetus deutlich, der ein zivilgesellschaftliches Engagement fordert. Verschiedene Konzepte, u.a. einer sozialen Nachbarschaftswache (Hayashi 2015) wurden und werden lokal erprobt, um sinnvolle Verknüpfungsmöglichkeiten zu identifizieren. Gefördert durch Leistungen der Pflegeversicherung werden u.a. sogenannte Community Care Projects, welche die Inklusion von lokalen Gemeinschaften durch die Bereitstellung von Infrastruktur fördern sollen, z.B. durch die (Co-) Finanzierung von Begegnungsstätten in denen verschiedene Veranstaltungen für Senioren und Anwohner durchgeführt werden (Kochen für Witwer, Bastelnachmittage, etc). Globalisierung – Tickt Japan anders? 195 Abb. 4: Schematische Darstellung des Intergrated Community Care Systems Quelle: MHLW 2016. Die Entwicklung und Implementierung von Initiativen in der Community Care sind noch nicht gänzlich abgeschlossen, sollen jedoch ab 2019 für alle Kommunen verpflichtend sein. Bis dahin bleibt die lokal unterschiedliche Herangehensweise an die Problemstellungen des demographischen Wandels und den sozialen als auch sozialpolitischen Auswirkungen äu- ßerst divers und spannend. Technologischer Ansatz Neben der beschriebenen Unterstützung für gemeinschaftsintegrierte Pflege hat die Nationalregierung um Premierminister Shinzo Abe und seine Liberal-Demokratische Partei im Jahr 2015 eine „Robotik-Revolution“ ausgerufen, über deren Realisierung negative Effekte der rapide voranschreitenden gesellschaftlichen Alterung abgemildert werden sollen. Durch den Rückgang der Bevölkerung und von Personen im erwerbsfähigen Alter (79 Mio. (RRRC 2015)) steigt die Menge der Stellen, die nicht mehr besetzt werden können, in den letzten Jahren enorm an (Fensom 2015). Der größer werdende Fachkräftemangel ist auch im Pflegesektor eklatant, in dem von einem Mangel von circa 380.000 Kräften bis zum 4.2 Vitali Heidt / Sibylle Meyer / Markus Nachbaur / Benjamin Rabe 196 Jahr 2025 ausgegangen wird (MHLW 2015). An diesem Punkt setzt die in der New Robot Strategy (NRS) propagierte Einführung von neuen Robotern in allen Bereichen der Gesellschaft an, welche 2015 gestartet wurde. Der Fünfjahresplan setzt dabei hauptsächlich auf eine Freisetzung von Arbeitskräften durch massiv gesteigerte Produktivität in den Sektoren „industrieller (Massen-) Fertigung“, „Service“, „Gesundheit und Pflege“, „Infrastruktur-, Bau- und (Natur-) Katastrophenhilfe“ und „Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft mit der verbundenen Lebensmittelendverarbeitung“. Die Strategie setzt vor dem Hintergrund ungenutzter Potenziale des „Silbermarktes“ – enorme Kapitalreserven japanischer Senioren durch langfristiges Sparen (Storz, Pascha 2011) – nicht nur auf die gesteigerte Verfügbarkeit von Industrierobotern insbesondere für kleine und mittelgroße Unternehmen (KMU) zur Steigerung der Produktivität, sondern auch auf das Entstehen einer Vielzahl von robotischen Technologien, die Familien und Ältere im Haushalt und täglichen Leben unterstützen sollen. Dabei ist auch die Entlastung der Staatskasse ein Primärziel, welches durch die Technik ein längeres, selbstständiges und gesundes Leben in der gewohnten Umgebung realisieren soll. Attraktive Technologien für Ältere benötigen jedoch deren stärkere Einbindung in den Entwicklungsprozess, u.a. um ihre Fähigkeiten zum Verständnis komplexer Bedienvorgänge genau zu erfassen. Die NRS setzt an diesem Punkt an, indem sie die Wichtigkeit des Vorstellens neuer Technologien noch vor dem Start der Massenfertigung hervorhebt und einen konkreten Plan dafür liefert, wie die allgemeine Technologiekompetenz in der Gesellschaft gesteigert werden soll. Erwähnenswert ist dabei der Ausbau von Robotik-Sonderzonen in verschiedenen Städten und Regionen des Landes, um neue Roboter (die noch keine Zulassung haben) unter alltäglichen Bedingungen (auch in Pflegeeinrichtungen) zu testen (Weng et al 2015). Vor allem im Bereich der Pflege soll jedoch, auch nach einer erfolgreichen „Robotik-Revolution“, der Mensch weiterhin den Großteil der Arbeit verrichten und nur durch Technologien unterstützt werden. Dabei soll besonders das Problem der schweren körperlichen und mentalen Belastung der Pflegenden gelindert und das Berufsfeld attraktiver gestaltet werden (RRRC 2015: 89; Robertson 2010: 8). Neben dem Fachkräftemangel sind vor allem Studien des japanischen Ministry of Economy, Trade and Industry (METI), die eine enorme Marktgröße für Roboter im Gesundheits-, Pflege- und Servicebereich vorhersagen, ein zentraler Faktor, mit dem sich die politische Unterstützung für die Robotikindustrie erklären lässt. Auf Grundlage der Erfahrungen, dass ja- Globalisierung – Tickt Japan anders? 197 panische Unternehmen für Jahrzehnte die unangefochtene Marktführerschaft im Bereich der Industrierobotik weltweit inne hatten, (METI 2013a) und dass in Japan auch die meisten Roboter pro Arbeiter im Einsatz sind (Gudorf 2007), geht das Ministerium von einer ähnlichen hohen Erfolgswahrscheinlichkeit für die Einführung von Robotik in anderen Bereichen aus. Die Einschätzung ist, dass durch die erfolgreichen Hersteller von Industrierobotern eine Infrastruktur etabliert ist, die zum Einen die außergewöhnlich preiswerte Herstellung von notwendigen Komponenten für komplexe Robotersysteme ermöglicht (z.B. Sensoren) und zum Anderen die Preise für Industrieroboter auf ein selbst für kleinere Unternehmen erschwingliches Niveau hat sinken lassen. Die NRS legt unter dem Bewusstsein dieser infrastrukturellen Vorteile ein Wachstumsziel für den Markt für Pflegerobotik bis ins Jahr 2020 auf ein Volumen von 50 Mrd. Yen (ca. 420 Mio. Euro) fest (RRRC 2015: 89). Außerdem soll die Anzahl der Pflegenden, die gerne Roboter für ihre Arbeit einsetzen würden, von momentan 59,8% auf 80% und die von Pflegeempfängern, die es begrüßen würden, wenn mehr Technologie bei ihrer Pflege eingesetzt würde, von 65,1% auf ebenfalls 80% gesteigert werden (RRRC 2015: 65). Das zentrale Werkzeug um diese hochgesteckten Ziele zu erreichen, ist die „Robot Revolution Initiative“ (RRI). Diese ist im Wesentlichen ein großes Forum, das die verschiedenen Akteure der japanischen Robotikindustrie an einem Tisch versammelt. Darüber hinaus nehmen an den verschiedenen Arbeitsgruppen der RRI auch ausländische Unternehmen teil, die auf dem japanischen Markt aktiv sind, z.B. Siemens, Beckhoff oder TÜV Rheinland (Kubo 2016). Neben dem koordinierten Wissensaustausch zwischen diesen Akteuren soll die RRI Probleme identifizieren, die dem verstärkten Einsatz neuer Technologien in der Gesellschaft im Wege stehen. Spezifisch angesprochen wurden dabei bereits die rechtlichen Rahmenbedingungen und Zulassungsverfahren für neue Roboter, die in Japan sehr langwierig und kostspielig für die Entwickler sind. Vor allem die Robotik-Sonderzonen sollen helfen, eventuell notwendige gesetzliche Anpassungen, für die es noch keine umfassende Regulation gibt, zu erarbeiten. Insbesondere in der engen Zusammenarbeit von Menschen und Robotern gibt es noch viele rechtliche Grauzonen bezogen auf Fragen der Verantwortung im Schadensfall und des Datenschutzes. Des Weiteren soll über die Einbindung ausländischer Akteure die Schaffung und Grundlage für international harmonisierte Regeln, wie die ISO13482 (Industrienorm für die Interaktion mit Pflegerobotern), geschaf- Vitali Heidt / Sibylle Meyer / Markus Nachbaur / Benjamin Rabe 198 fen werden (METI 2014a). Auf Basis einer solchen Vereinheitlichung von Regularien soll auch der Export und die Erprobung von japanischen Robotern im Ausland gefördert werden. Neben der verstärkten Interaktion mit Robotern in verschiedenen Alltagssituationen ist auch die Koordination der einzelnen Projekte mit Robotikbezug, welche von den verschiedenen Ministerien durchgeführt werden, ein zentraler Punkt der NRS. Insbesondere das METI und das Ministry of Health, Labour and Welfare (MHLW) sind bereits seit Jahrzehnten aktive Förderer der Robotik in Japan. Das METI hat bis zum Jahr 2009 verschiedene Förderprogramme für Life Support Robots (Roboter, die das Alltagsleben unterstützen sollen) durchgeführt. Seit 2009 wird allerdings der medizinische Nutzen der neuen Technologien in den Vordergrund gestellt (z.B. Robotic Devices for Nursing Care). Der größte Teil der wissenschaftlichen Förderung von Robotik durch das METI wird vom Think Tank NEDO (New Energy and Industrial Technology Development Organization) abgewickelt (NEDO 2011; NEDO 2014; METI 2014a). Das relevanteste Projekt der letzten Jahrzehnte für die gezielte Förderung von Pflegerobotik stammt jedoch aus einer Kooperation der beiden oben genannten Ministerien MHLW und METI. 2012 definierten beide vier priorisierte Bereiche, für die fünf Arten von Produkten entwickelt werden sollten, die 2014 allerdings um einen Bereich und drei neue Produktgruppen erweitert wurden (METI 2014b). Trage- und Mobilitätshilfen, Toiletten, sensorgestützte Überwachungssysteme für Menschen mit Demenz und Badehilfen sind diese fünf Prioritätsbereiche. Insgesamt wurden 51 Firmen, von denen zwei Drittel KMU waren, ausgewählt und unter ihnen Fördergelder verteilt sowie Gelder für den Aufbau einer Testinfrastruktur von bis zu 1.500 Robotern in verschiedenen Pflegeeinrichtungen bereitgestellt (METI 2014c). Das ganze Programm war darauf ausgerichtet, hochinnovative Unternehmen, die ein vergleichbar hohes Risiko bei der Entwicklung von Pflegerobotern eingehen, finanziell und infrastrukturell zu unterstützen. Weitere Hauptziele waren das Erfassen des eigentlichen Bedarfs an solchen Robotern und Technologien und die Suche nach Ursachen, warum die prognostizierte Marktgröße bisher noch nicht erreicht wurde (METI 2013b). Als Ergänzung zu diesem interministeriellen Projekt starteten das METI und NEDO eine Initiative für Robotic Devices in Nursing Care, welche die Schaffung einer Public- Private Partnership (PPP) für die Entwicklung solcher Produkte, Bereitstellung von Fördermitteln und Umfragen, aber auch die Informationswei- Globalisierung – Tickt Japan anders? 199 tergabe an Unternehmen (NEDO 2016) und das Einrichten eines webbasierten "Pflegerobotik Portals" als Ergebnis hatte (AMED 2013). Auch das MHLW führt eigene Projekte zur Pflegerobotik durch. Das MHLW (2014) verfolgt eine ähnliche Strategie wie das METI und die Ähnlichkeit der Projekte zur Roboterförderung ist ein Antrieb dafür gewesen, über die NRS die Programme der verschiedenen Ministerien neu zu koordinieren und die Förderung für Roboter direkt dem Cabinet Office des Premierministers und der neugegründeten interministeriellen Agency for Medical Research and Development (AMED) zu unterstellen. AMED ist dabei dafür zuständig, vielversprechende Entwicklungsprojekte im Bereich der Medizin- und Pflegerobotik bis zur Marktreife zu bringen und hat das METI-Projekt Robotic Devices for Nursing Care übernommen (AMED 2015a, b). In diesem Zusammenhang ist die Entwicklung des Budgets für die Förderung von Pflegerobotik durch das METI (und nun die AMED) relevant. Von 2013 bis 2015 betrugen die jährlichen Mittel jeweils 2,55 Mrd. Yen (ca. 21 Mio. Euro) mit einem Ergänzungsbudget für das Jahr 2013 in Höhe von 2,05 Mrd. (17,5 Mio.) (METI 2013c, 2014d; METI 2015). Für das Fiskaljahr 2016 wurde das Budget jedoch auf zwei Mrd. Yen reduziert und, darüber hinaus wurde ein Fokus auf zwei der fünf Prioritätsbereiche gesetzt (Mobilitäts- und Badehilfen) (METI 2016). Die Praxis des Fokussierens der Fördergelder auf zwei der Kernbereiche wurde im Jahr 2014 mit einem Fokus auf Sensorsysteme und Outdoor-Mobilitätshilfen (z.B. GPS gestützte und motorisierte Rollatoren) begonnen und bis heute fortgeführt (AMED 2016). Ausblick Die gesellschaftliche Entwicklung hat in Japan einen Wandel der sozialen Sicherungssysteme nach sich gezogen, um mit den wachsenden Herausforderungen Schritt halten zu können. Gleichwohl haben sich damit neue Problemfelder aufgetan, die die Verantwortung, Unterstützung und Finanzierung in einer alternden Gesellschaft betreffen. Sozialräumliche und technologische Ansätze fungieren hierbei als politische Ansätze, um sowohl die wirtschaftliche Entwicklung voran zu treiben, als auch dem demographischen Wandel begegnen zu können. Trotz der vielschichtigen Unterstützung für die japanische Robotikindustrie werden bisher kaum Roboter in japanischen Pflegeeinrichtungen eingesetzt. Der Einsatz von 5 Vitali Heidt / Sibylle Meyer / Markus Nachbaur / Benjamin Rabe 200 Technologie beschränkt sich momentan auf niederschwellige Angebote, z.B. Sensorsysteme oder Zugangskontrollen. Dennoch ist in den nächsten Jahren mit dem Aufkommen einer Vielzahl von neuen Produkten im Pflegebereich zu rechnen, insbesondere da die NRS erst vor zwei Jahren beschlossen wurde und sich noch in einer Frühphase der Implementierung befindet. Da die NRS jedoch als Fünfjahresplan konzipiert ist und 2020 auch die Olympischen Spiele in Tokyo stattfinden, in dessen Rahmen ein World Robot Summit durchgeführt wird, ist damit zu rechnen, dass in den nächsten drei Jahren verschiedene Neuentwicklungen auf den Markt kommen. Die Frage, die dabei jedoch mittelfristig zu beantworten bleibt, ist, ob diese Technologien es auch schaffen, sich über den Status der Showcases hinaus in der japanischen Gesellschaft festzusetzen und einen Beitrag zur Linderung sozialer und finanzieller Herausforderungen leisten können. Autonome Roboter für Pflege und Gesundheit – Segen oder Fluch? Die europäische Forschungsperspektive Sibylle Meyer An den Einsatz der Servicerobotik für die Pflege und Betreuung älterer Menschen knüpfen sich auch in Europa hohe Erwartungen: Dabei geht es nicht nur um attraktive ökonomische Wachstumsraten und neue Arbeitsplätze, sondern um Antworten auf die Herausforderungen des demografischen Wandels. Können Serviceroboter dazu beitragen, die Lücke zu schließen zwischen einer kontinuierlich alternden Bevölkerung, einer rückläufigen Erwerbsbevölkerung und dem Mangel an Pflegekräften? Die Expertenkommission für Forschung und Innovation diagnostiziert für Deutschland ein Entwicklungsdefizit in der Servicerobotik gegenüber Japan oder Korea (EFI Gutachten 2016) – ein Defizit, das bei der Industrierobotik nicht besteht. Die Forschungsförderung greift diese Herausforderung auf und vergibt auf europäischer und nationaler Ebene hohe Forschungsmittel für die Entwicklung autonomer Roboter für die Pflege, die Häuslichkeit und ebenfalls für die Rehabilitation neurologischer oder neurodegenerativer Erkrankungen. Zwar sind derzeit erst wenige marktreife II. Globalisierung – Tickt Japan anders? 201 Systeme im Einsatz, aber auch in Europa verlassen die Roboter die Labore und kommen in den Anwendungsfeldern an. Aktuell lassen sich in der europäischen Forschung 4 Felder unterscheiden: • Servicerobotik für Pflegekräfte: Funktionale Unterstützung von logistisch-organisatorischen Aspekten der Pflegearbeit, den automatisierten Transport schwerer Gegenstände oder der Unterstützung beim schweren Heben. • Sozio-assistive Systeme für ältere Menschen/Patienten: Schwerpunkte im Bereich der Unterstützung von Mobilität, Selbstpflege, Sicherheit, Interaktion und Kommunikation. • Sozial-emotionale Roboter sind technische Systeme, die in der Lage sind, mit Menschen so zu intragieren, dass diese die Interaktion als emotional wahrnehmen. Adressiert werden Patienten in der Langzeitoder Tagespflege sowie ältere alleinlebende Menschen. • Robotik in der Rehabilitation: Bei der Neurorehabilitation und Schlaganfall-Reha geht es beispielsweise um individuell angepasste Gangrehabilitationssysteme, autonome Roboter Companions für das Lauf- und Orientierungstraining oder Ganzkörper-Exoskelette zur Reha bei Querschnittslähmungen. Charakteristisch für die europäische Forschung ist es, dass zunehmend interdisziplinäre Kooperationen zwischen Technik-, Pflege- und Sozialwissenschaften gefördert werden. Man hat erkannt, dass es nicht nur um rein technologisch orientierte Fragestellungen geht, sondern ebenfalls um soziale und ethische Aspekte, um die Akzeptanz der Robotik bei Betroffenen und Mitarbeitern, um Wirkungsforschung und die Untersuchung der Technikfolgen. Die Anwender und Nutzer der Technologien, also die Sozialwirtschaft, die älteren Menschen und deren Angehörige sind dabei entscheidende Akteure. Bremsend auf die Markteinführung in Europa wirken nicht nur technische Fragen, sondern gesellschaftliche, ökonomische und politische Aspekte: Die spezifische Marktregulierung im Gesundheits- und Pflegebereich, der von Kranken- und Pflegekassen geforderte Wirkungsnachweis vor einer Kostenübernahme oder die rechtlichen Zulassungsvoraussetzungen. Schließlich ist die Diskussion um einen angemessenen Umgang mit Persönlichkeitsrechten und Datenschutz in Europa deutlich kritischer als in Asien und das Problembewusstsein hinsichtlich der ethisch-sozialen Aspekte der Roboterisierung größer: Wo liegen die Grenzen der Anwend- Vitali Heidt / Sibylle Meyer / Markus Nachbaur / Benjamin Rabe 202 barkeit von Robotern, was ist vulnerablen Gruppen zumutbar und welche Technologien können Pflegekräfte bei ihrer anspruchsvollen Aufgabe tatsächlich unterstützen? Nötig ist eine breite Diskussion darüber, wie wir in der Zukunft im Alter leben und wie wir Pflege gestalten wollen. Mit Sicherheit werden Roboter dazu gehören. Doch wie wir sie einsetzen wollen, gilt es aus der Anwender- und Nutzerperspektive zu formulieren und der Technikentwicklung und der Politik mit auf den Weg zu geben. Praxisreflektion: Technikverbreitung in der Pflege / Sozialen Arbeit Markus Nachbaur Die beiden Impulse haben gezeigt, dass der vermeintlich Ferne Osten in Sachen Technologievorsprung beim Technikeinsatz in der Pflege doch weniger weit entfernt ist, als man denken würde. Und wie sieht es in der Praxis heute aus mit Blick auf dem Technikeinsatz im Alltag der Sozialen Arbeit? In Deutschland stehen wir aus Praxisperspektive vergleichsweise noch am Anfang. Um an die Grundthese des heutigen Workshops anzuschließen und den Bogen zur Praxis zu spannen, eine einfache Feststellung: Was Kunden nicht wollen, ist nicht innovativ. Wir wissen, dass bei älteren Menschen die Bedeutung von kundenspezifischen Lebens- und Pflegesituationen in ihrer örtlichen Gemeinde die erste Wahl ist. Und in unserer technischen und digitalen Ära entwickelt sich ein neuer Faktor: technisch unterstütztes Wohnen, Assistenztechnologien insbesondere in den Bereichen Sicherheit, Komfort und Kommunikation. Das wird in naher Zukunft eine immer wichtigere Rolle spielen. Die spannende und auch für die Sozialbranche wesentliche Frage ist, welches Potenzial haben diese Schlüsseltechnologien für die verschiedenen Ebenen der Sozialen Arbeit? Hinsichtlich neuer Wohn- und Betreuungsformen ist der sozialräumliche und inklusive Entwicklungsbezug der Weg nach vorne in der Angebots- und Dienstleistungsentwicklung. Unserer Auffassung nach liegt die Zukunft hier auch im Lichte des Fachkräftemangels in unserem Sektor in III. Globalisierung – Tickt Japan anders? 203 einem Bürger-Profi-Technik-Mix im Quartier (SONG-Position). Und der Technikaspekt umfasst hier unter anderem sowohl die Robotik als auch sozial-assistive Systeme. Hier ist die Schnittstelle zu den Themenfeldern Sozialwirtschaft 4.0 oder Soziales 4.0. Mit Blick auf diese Themenbereiche sind für soziale Organisationen insbesondere vier Perspektiven in den Blick zu nehmen: 1. Kundenperspektive 2. Produkte und Dienstleistungen 3. Mitarbeiterperspektive 4. Interne Prozessgestaltung Die damit verbundene Technik wird unser (Arbeits-)Leben verändern. Aus Perspektive der Kunden bzw. Klienten der Sozialen Arbeit können in Zukunft Dienstleistungen bedarfsweise flexibel nachgefragt und in Anspruch genommen werden. Hierzu ist ein flexibles Angebotssystem mit einer entsprechenden Infrastruktur von Nöten. Neue Kommunikationswege werden den Austausch zwischen Leistungsanbietern und Klienten zunehmend mitbestimmen (Videoberatung, Telemedizin). Ein alltagsnaher, smarter und nutzerfreundlicher Technikeinsatz wird Kunden und Klienten ein Gefühl von Sicherheit und Teilhabe vermitteln (Sensoren im Haushalt, Videoübertragung von z.B. Veranstaltungen etc.). Hierbei ist jedoch davon auszugehen, dass das, was die Kunden nicht wollen, auch nicht innovativ ist. Mit Blick auf Produkte & Dienstleistungen werden in Zukunft Dienstleistungs- und Betreuungsplattformen für soziale Angebote und Dienstleistungen zunehmend bedeutsamer werden. Hier stellt sich die Frage, wie wir Soziale Anbieter uns hier aufstellen und positionieren werden: Stellen wir unsere Dienstleistungen auf Plattformen Dritter zur Verfügung oder halten wir die Plattformen selbst vor? Auch mit Blick auf die Mitarbeitenden und Profis der Sozialen Arbeit entfacht der voranschreitende technologische Wandel mannigfaltige Wirkung. Die Social Medias werden zu einer Veränderung der Kommunikation innerhalb der Organisationen sorgen, zum Beispiel durch die Nutzung von niedrigschwelliger Videokonferenz- und Projektmanagementsoftware in bereichs- oder auch länderübergreifenden Projekten. Zudem werden E- Learning und webbasiertes Lernen eine immer bedeutendere Rolle in der Fort- und Weiterbildung der Fachkräfte spielen. Und dabei gilt es, alle Mitarbeitenden auf diesem Weg mitzunehmen und zu unterstützen. Vitali Heidt / Sibylle Meyer / Markus Nachbaur / Benjamin Rabe 204 Mit Blick auf die Gestaltung interner Prozesse wird insbesondere die Bereitstellung der notwendigen technischen Infrastruktur (Rechenzentrum, Leistungskapazitäten etc.) für all diese Angebote und Dienstleistungen sowie deren Management (Mobile Device Management, Sicherheit) zu einer zentralen Frage der Unternehmensführung und Prozesssteuerung. All dies dient als Basis einer geräteübergreifenden Nutzung arbeitsrelevanter Inhalte und der Verknüpfung von Inhalten (Einkaufsplattformen, Digitale Personalakte, elektronische Workflows, Intranet-Lösungen). Hierbei ist unter anderem zu beachten, dass ein permanenter Zugriff auf alle relevanten Daten zwar die Flexibilität, dadurch aber auch das Sicherheitsrisiko erhöht. Die sich hier abzeichnenden Anpassungen und Weiterentwicklungen in der Unternehmens- und Arbeitsorganisation müssen dabei als wesentliche Grundlage die Akzeptanz in der Mitarbeiterschaft erreichen. Auf Ebene der Produkte und Dienstleistungen werden in Deutschland sozial-assistive Systeme, wie das technikunterstützte Wohnen für ältere und schon leicht unterstützungsbedürftige Menschen bereits intensiv in der Branche diskutiert. Jedoch haben wir bei uns das volle Potenzial dieser Technologie noch nicht ausgeschöpft. Obwohl diese Technologien schon seit zehn oder fünfzehn Jahren da sind (Sicherheit. Komfort und Kommunikation) und diese auch auf internationaler Ebene seit längerem intensiv diskutiert werden. Was sind die Gründe dafür, dass in Deutschland das Potenzial dieser technischen Möglichkeiten noch nicht ausgeschöpft ist? Was waren die wesentlichen Schwierigkeiten in den letzten 10-15 Jahren? • Je höher der Grad der technischen Unterstützung durch Technologien, desto höher waren die technischen Benutzeranforderungen (Herausforderung für Zielgruppe ältere Menschen: Kann man von älteren, technisch weniger versierten Menschen (mglw. mit eintretenden dementiellen Erkrankungen) erwarten, dass diese die Funktionsweise ihrer neuen intelligenten Hausheizung vollständig verstehen? Nein: Die neue intelligente Heizung muss so gut sein, dass die Steuerung durch Sensortechnik alles selbst regelt. • Höhere Kosten durch Sozial-Assistive Technologien waren und sind schwer zu finanzieren (Keine Abbildung im Leistungsrecht). • Aber vor allem: Technisch-getriebene Produktentwicklung durch IT- Anbieter und geringer Einbezug von Kunden oder sozialen Organisationen in der Entwicklung; zudem entwickelt sich die Technik in im- Globalisierung – Tickt Japan anders? 205 mer schnelleren Zyklen; was heute auf dem Markt ist, ist bisweilen morgen schon wieder nicht state-of-the-art. Nichtsdestotrotz: Unsere Erfahrung zeigt, dass es eine zunehmende Nachfrage nach unauffälligen, intelligenten und zuverlässigen Produkten gibt, die funktionieren. Die Kernfrage lautet: Was heißt das alles für uns als Sozialwirtschaft? Wie nehmen wir die sich ändernden Kundenanforderungen auch in Hinblick auf unterstützende Technologien im Alltag und in der Betreuung auf? Die Antwort lautet: Wir als soziale Anbieter müssen aktive Partner, Übersetzer, Intermediäre in der Entwicklung und ggf. selbst Entwickler und Anbieter von smarten, alltagstauglichen und technischen Lösungen auf allen Ebenen, vom Einsatz der Robotik bis hin zu technikunterstütztem Wohnen. Ganz wesentlich ist hierbei, die Kunden und Klienten in den Entwicklungsprozess einzubinden. Meinungsbilder aus der Plenumsdiskussion In beiden Diskussionsrunden im Plenum herrschte eine hohe Verwunderung darüber vor, dass Japan entgegen der hinlänglichen Vermutung im Technikeinsatz in der Pflege nicht so weit entwickelt ist, wie man aufgrund des Charakters als Hochtechnologienation vermuten würde. Leuchtturmprojekte werden durch geschicktes Marketing öffentlichkeitswirksam über die Landesgrenzen hinaus bekannt gemacht. Mit Blick auf die Forschung und Entwicklung in den Bereichen Robotik und sozial-assistive Systeme geschieht jedoch auch in Deutschland und Europa viel, nicht zuletzt in Folge verstärkter öffentlicher Forschungsförderung. Nicht nur in Deutschland wird die Innovationsfähigkeit im Sozialbereich durch ein hohes Maß an Regulierung gehemmt – dies ist auch in Japan der Fall. Andererseits wird dort das Thema Datenschutz im Vergleich zu Deutschland weniger intensiv diskutiert, was wiederum zu einer schnelleren Entwicklung und Umsetzung innovativer Ideen führt. In der gesellschaftspolitischen Diskussion über Altersbilder und die Zukunft von Wohnen und Betreuung in der Pflege müssen Themen wie Robotik und sozio-assisitive Unterstützungssysteme als ein wesentlicher Baustein verstärkt Berücksichtigung finden. Mit Blick auf diese Entwicklungen ist eine weitere, grundsätzliche Frage zu beantworten: Ist der Gesetzgeber allein in der Lage, die Wirkungen / Folgen neuer Techniken zu Vitali Heidt / Sibylle Meyer / Markus Nachbaur / Benjamin Rabe 206 antizipieren? Erfahrungsgemäß liefen rechtliche Regelungen Innovationen hinterher. Die Experten waren sich zudem darin einig, dass auch in naher Zukunft nicht mit einer reinen Pflege durch Roboter zu rechnen sein wird. Ein Teilnehmer berichtete aus einem Forschungsprojekt, in welchem noch technische Grundfertigkeiten der Roboter und deren Wahrnehmung und Akzeptanz von Klienten beleuchtet würden. Der Einsatz von Robotik in der Pflege sei überwiegend im niedrigschwellig-unterstützenden Pflege- und Betreuungsbereich abzusehen. Dennoch müsste auch bereits heute eine Diskussion über Roboterethik einsetzen: Wie müssen Algorithmen programmiert sein, um die Grenzen des Maschineneinsatzes in der Pflege als Richtlinie zum integralen Bestandteil künstlicher Intelligenz zu machen? Aber es entstehen auch praktische Fragen mit Blick auf Klienten und deren Nutzung sozialer Angebote und Dienstleistungen. Wird es in Zukunft ein individuelles Anspruchsrecht geben, roboterspezifische Pflege abzulehnen und persönliche Pflege einzufordern? Die lebhafte Diskussion um unter anderem diese Aspekte verdeutlichte, dass die meisten sozialen Organisationen, Kostenträger und allgemein auch Politik und Gesellschaft insgesamt bei der Diskussion über das Thema Technikeinsatz und –bedeutung in der Sozialen Arbeit noch am Anfang stehen. Auf Organisationsebene erscheint die grundsätzliche Herangehensweise zum Beispiel anhand der vier weiter oben skizzierten Praxisebenen wichtig und notwendig, denn die grundlegende Ausgangsthese des Workshops wurde in beiden Durchgängen von Referenten und Zuhörenden geteilt: Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und der hohen gesellschaftlichen Wirksamkeit technischer Umwälzungen über die Zeit entwickelt sich eine veränderte Anspruchs- und Erwartungshaltung von Klienten auch mit Blick auf soziale Dienstleistungen, auf welche Träger und Verbände mit entsprechenden Angeboten und Antworten reagieren müssen. Literatur: (Heidt/Rabe) Japan Agency for Medical Research and Development (AMED). 2013: Robot Care Devices Portal. http://robotcare.jp. Japan Agency for Medical Research and Development (AMED). 2015a: Kikô no shôkai, [Introduction of the Organization]. http://www.amed.go.jp/aboutus. 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References

Abstract

In April 2017 and focusing on the idea of organising our network-based society in a socially responsible manner in the future, the tenth Kongress der Sozialwirtschaft (Congress on Social Economics) convened in Magdeburg to discuss dominant trends in society, such as demography, digitalisation, and austerity and sustainability and their impact on how social enterprises are run.

The presentations, workshops and debates held at the congress focused on the question of what kind of future we want, during which suggestions were made as to the ways in which our future could be actively organised and how they could be implemented in a business context. The main challenge social enterprises face is being able to look beyond their conventional parameters and rethink their approaches. In more concrete terms, this means designing a concept for the future and using it strategically rather than simply projecting and developing the current status quo.

Among other subjects, the congress dealt with digitalisation in the field of social work, highlighted future influences on the organisation of social environments, considered social enterprises’ ability to innovate, and enquired about the transparency of their impact and the future of their non-profit status. It provided young social entrepreneurs with a forum to engage in debate with representatives of traditional social economics, and allowed innovative approaches and projects to be introduced. All the papers presented at the congress are documented in this volume.

Zusammenfassung

Unter dem Titel „Der Zukunftskongress der Sozialwirtschaft – Die vernetzte Gesellschaft sozial gestalten“ setzte sich der 10. Kongress der Sozialwirtschaft im April 2017 in Magdeburg mit gesellschaftlichen Megatrends wie Demographie, Digitalisierung, Ökonomisierung oder Nachhaltigkeit und ihren Auswirkungen auf die sozialunternehmerische Praxis auseinander.

Welche Zukunft wollen wir? Diese Frage stand im Mittelpunkt der Vorträge, Workshops und Debatten. Es ging um Ideen und Optionen zur aktiven Zukunftsgestaltung und deren unternehmerische Umsetzung. Die zentrale Herausforderung auch für sozialwirtschaftliche Unternehmen ist es, Grenzen zu überwinden und neu zu denken. Konkret: Nicht einfach den heutigen Status-Quo hochzurechnen und weiterzuentwickeln, sondern ein Bild der Zukunft zu entwerfen und dieses strategisch zu nutzen.

Unter anderem thematisierte der Kongress die Digitalisierung in der sozialen Arbeit, beleuchtete die künftigen Einflüsse auf die Gestaltung von Sozialräumen, betrachtete die Innovationskraft von Sozialunternehmen, fragte nach deren Wirkungstransparenz und nach der Zukunft der Gemeinnützigkeit. Er lud junge Sozialunternehmer/innen zum Dialog mit der traditionellen Sozialwirtschaft ein und gab innovativen Denkansätzen und Projekten Raum zur Präsentation. Alle Kongressbeiträge dokumentiert dieser Band.