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Alexander Filipovic, 1 Der Zusammenhang von Integration und Medien in ethischer Perspektive – eine Einführung in:

Nina Köberer, Marlis Prinzig, Michael Schröder (Ed.)

Migration, Integration, Inklusion, page 19 - 36

Medienethische Herausforderungen und Potenziale für die digitale Mediengesellschaft

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8487-4304-9, ISBN online: 978-3-8452-8508-5, https://doi.org/10.5771/9783845285085-19

Series: Kommunikations- und Medienethik, vol. 8

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Teil I: Soziale Funktionen von Medien: Alter Leistungsanspruch – neuer Sinn? Der Zusammenhang von Integration und Medien in ethischer Perspektive – eine Einführung Alexander Filipović Abstract: Integration und Medien bilden einen engen Zusammenhang. Der Integrationsbegriff ist allerdings recht vielseitig. Der Beitrag möchte eine Einführung in die wissenschaftliche Verwendung des Begriffes leisten und die Einfallstore für eine ethische Herangehensweise in grundlegender Absicht identifizieren. Teil eins befasst sich mit den Integrationsbegriffen in den verschiedenen Wissenschaften, um eine grundsätzliche Begriffserklärung zu erzielen. Der zweite Abschnitt befasst sich mit der Integration durch Massenmedien. Die spezifisch ethische Perspektive folgt in Abschnitt drei und mündet in eine Darstellung aktueller desintegrierender Phänomene im Kontext der Digitalisierung. Der Begriff der Integration bezeichnet in medialer Hinsicht eine Erwartung an die Medien. Paradigmatisch hat dies das Bundesverfassungsgericht in seinem zweiten Rundfunkurteil formuliert: „Die Rundfunkanstalten stehen in öffentlicher Verantwortung und erfüllen, indem sie Aufgaben öffentlicher Verwaltung wahrnehmen, zugleich integrierende Funktionen für das Staatsganze.“ (Bundesverfassungsgericht 1971) Schon hier fällt die formale Struktur auf: Ein Akteur als das Integrationssubjekt (Wer integriert?) hat eine integrierende Funktion auf Grund spezifischer Leistungen (Wie geschieht Integration?) für ein Integrationsobjekt (Was wird integriert?). Andere Akteure und Integrationsobjekte sind leicht vorstellbar: So hat der Bundespräsident (Integrationssubjekt) laut Bundesverfassungsgericht die Aufgabe, „durch sein öffentliches Auftreten die Einheit des Gemeinwesens sichtbar zu machen und diese Einheit mittels der Autorität des Amtes zu fördern“ (BVerfG, Urt. V. 10.06.2014 – 2 BvE4/13). Die Funktion erfüllt er „durch sein öffentliches Auftreten“ (Leistung) für die „Einheit des Gemeinwesens“ (Integrationsobjekt). Inwiefern die hier angesprochene „Einheit“ mit einer erfolgreichen Integrati- 1 21 on gleich zu setzen ist, wird auch Gegenstand der folgenden Darstellung sein.1 Integrationsbegriffe in den Wissenschaften Integration als Frage sozialer Einheit Es geht ganz basal beim Begriff Integration zunächst um die Herstellung oder das Fortbestehen einer Art von Einheit. Im zitierten Urteil des Bundesverfassungsgerichtes ist die Rede von der „Einheit des Gemeinwesens“; auch die Wissenschaft bezieht sich gemeinhin auf den Einheitsgedanken: „Integration bedeutet, dass eine Einheit als solche fortbesteht und nicht zerfällt.” (Schimank 2008, S. 554) In den vielen Definitionen und Auffassungen von Integration kommen eine Reihe von typischen Konnotationen vor. Schimank zählt auf: „Einheit, Widerspruchsfreiheit, Gleichgewicht, Stabilität, Ordnung, fügsame Einordnung, Konfliktfreiheit, Konsens, Gerechtigkeit“ (Schimank 2008, S. 554). Eine erste, allgemeine Herangehensweise an den Begriff der Integration (A) geht von einer Einheit aus. Sie betrachtet zum Beispiel eine Zeitungsredaktion als eine Einheit und fragt, inwiefern und warum sie eine Einheit ist. Was liegt dieser Einheit zu Grunde, was müsste wegfallen, damit sie nicht mehr als Einheit erscheint? Eine andere, spezielle Herangehensweise (B) zielt dagegen auf eine Integration von Jemandem in etwas, problematisiert also die Möglichkeit oder auch Unmöglichkeit einer Einbindung in eine Einheit oder eine Ergänzung der Einheit. Auch hier geht man zwar eigentlich von einer Einheit aus, aber diese Einheit wird als solche nicht problematisiert. Im Hintergrund steht latent eine oben/unten-Perspektive, die die Einheit als Ziel versteht. Das Problem liegt hier in der Integration eines hinzukommenden Teiles in ein Ganzes. Die Integration eines neuen Kollegen in eine bestehende Redaktion ist eine hier illustrierende Frage. Schließlich findet sich noch eine kombinierte Herangehensweise (C), die Elemente aus den beiden anderen Verwendungsweisen verbindet: Hier setzt man bei den Teilen selbst an und problematisiert sozusagen in horizontaler Perspektive, wie alle Teile zu einem Ganzen, zu einer (neuen) 1 1.1 1 Ich danke Theresa Wasserer für substanzielle Zuarbeit zu diesem Überblick. Alexander Filipović 22 Einheit zusammengefügt und somit integriert werden können. Man betrachtet also die Reporter, die Redakteure, den Geschäftsführer, den Verleger, Interessengruppen im Verlag, evtl. auch Partner der Zeitung und des Verlags und fragt, wie aus allen diesen Teilen eine integrierte Verbindung entstehen kann. Typ Hierarchie? Ausgangspunkt Typische Frage A (allgemein) ./. Bestehende(s) Einheit/Ganzes Warum ist eine Einheit eine Einheit? Warum ist sie „integriert“? B (speziell) Vertikal Hinzukommendes/ Teil Wie kann ein Teil in eine (bestehende) Einheit integriert werden? C (kombiniert) Horizontal Mehrere Teile, zukünftiges Ganzes Wie können Teile zu einer (noch nicht bestehenden) Einheit integriert werden? Sicher hängen die Verwendungsweisen zusammen und lassen sich nicht immer klar voneinander abgrenzen, und sie symbolisieren eher Fragerichtungen, mit denen methodisch unterschiedlich umgegangen wird. Aber wenn wir nach „Integration durch Medien“ fragen, können die Verwendungsweisen einen Unterschied machen. • Mit der allgemeinen Verwendungsweise (A) fragen wir: Sind die Medien ein Faktor dafür, dass eine Einheit als Einheit (also z.B. eine Gesellschaft) fortbesteht und nicht zerfällt? • Mit Verwendungsweise (B) fragen wir: Können durch Medien Personen (etwa Migranten) in eine Einheit eingebunden werden, die vorher nicht oder nur ungenügend Teil dieser Einheit waren? • Und mit der kombinierten Verwendungsweise (C) fragen wir: Wie können die Medien die unterschiedlichen Akteure und die verschiedenen anderen Einheiten unserer Welt bspw. in Europa, oder in Deutschland oder in Bayern zu einem Ganzen verbinden? Bereits hier kann man eine allgemeine Begriffsbestimmung vornehmen: Das Thema der Integration beschreibt das Problem einer sozialen Einheit hinsichtlich ihrer Bedingungen, ihres Fortbestehens, ihrer Herstellung und ihrer Veränderung. Verschiedene Wissenschaften widmen sich diesem Thema in unterschiedlicher Weise (vgl. dazu sehr instruktiv Vlašic 2004, S. 16–49). 1 Der Zusammenhang von Integration und Medien in ethischer Perspektive 23 Soziologie und (Sozial-) Psychologie Der Soziologie geht es um die Frage nach dem Einzelnen und der Gesellschaft. Zwangsläufig entstehen dabei Fragen nach dem gesellschaftlichen Ganzen und nach dem, wodurch dieses Ganze als Einheit beschrieben werden kann. Im Hintergrund steht dabei in der Tradition die Annahme einer letzten Einheit gesellschaftlicher Ordnung. Man ging von einer vorgegebenen Struktur in Form einer Ordnung aus, einem Idealbild, nach dem sich das formale Zusammenleben richten müsse. Das Zusammenleben erklärte sich von dieser Ordnung aus. Diese Einheitsidee war seit der Antike prägend. Spätestens aber mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert, der Arbeitsteilung, anderen Prozessen der Differenzierung von sozialem Status, der Verarmung weiter Teile der Bevölkerung, der Landflucht, der Auflösung traditioneller Gesellschaftsstrukturen reifte die Erkenntnis, dass die soziale Ordnung brüchig werden oder sogar verloren gehen kann. Oder, dass man sie verändern muss, um ein Zusammenleben überhaupt noch gewährleisten zu können. Man begann nachzudenken über das, was die Gesellschaft eigentlich zusammenhält, was eigentlich der Garant für ein geordnetes Zusammenleben ist. Integration stellte sich hier zum ersten Mal als Problem dar. In der soziologischen Theorie gibt es grob gesagt zwei Ansichten darüber, was die Gesellschaft allgemein zusammenhält: Emile Durkheim und Talcot Parsons gehen davon aus, dass es einen gesellschaftlichen Kern gibt, der sich in gesellschaftsweit geteilten Normen und Werten ausdrückt und Garant für das gesellschaftliche Zusammenwirken ist. Niklas Luhmann dagegen geht davon aus, dass es diesen Kern nicht gibt, sondern dass eine Einheit der Gesellschaft schlicht passiert, etwa durch eine funktionale Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Teilsysteme, die sich aber wechselseitig einschränken und deren Neben- und Miteinander einen jeweils momentanen Stand gesellschaftlicher Integration darstellen. Unter dem Stichwort der Sozialintegration betrachtet die Soziologie das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft. Erneut Uwe Schimank in soziologischer Perspektive: „Weder dürfen ungebändigte Persönlichkeiten die gesellschaftliche Ordnung gefährden, noch darf eine zu restriktive Ordnung auf gesellschaftlich ebenso dysfunktionale Weise die individuelle Kreativität der Personen unterdrücken.“ (Schimank 2008, S. 555) In der Psychologie sind es vor allem Erkenntnisse der Sozialpsychologie, die mit dem Integrationsbegriff in Verbindung gebracht werden können. Die Sozialpsychologie betrachtet Wechselwirkungen zwischen der 1.2 Alexander Filipović 24 Ausbildung einer individuellen Identität und einer Einordnung in eine gesellschaftliche Sphäre. Ein zentrales Konzept hierfür ist die Sozialisation, aber auch Bildung, soziales Lernen und Erziehung sind wichtige Konzepte. Die zentrale Frage lautet, wie es erklärbar ist, dass Individuen sich in komplexe gesellschaftliche Settings nicht nur passiv einfinden, sondern auch die Kompetenzen erwerben, diese Settings selber dann auch zu ver- ändern. Die sozialpsychologische Dimension zeigt: Integration ist keine Assimilation, sondern ein komplexer angelegtes Konzept der Einbindung. Rechtslehre und Politikwissenschaft Die Rechtslehre wendet den Gedanken einer sozialen Einheit auf das Recht an und versucht Antworten auf die Frage zu finden, welche Rolle das Recht und die Rechtsordnung für den Zusammenhalt der Gesellschaft spielen (vgl. Vlašic 2004, S. 28–33). Für die Antwort ist die generelle Rechts-Perspektive entscheidend: Eine erste positivistische Perspektive vertritt die Ansicht, dass eine Rechtsordnung deswegen gilt, weil sie gilt. Die Frage nach Recht und Unrecht kann in dieser Perspektive nur innerhalb einer Rechtsordnung beantwortet werden. Hier ist das gesetzte Recht der einheitsstiftende Faktor einer Gesellschaft. In einer zweiten Perspektive wird die Rechtsordnung getragen von einem dahinterliegenden Wertekonsens, der nicht nur die Richtigkeit des Rechtes garantiert, sondern eigentlicher Garant für die Einheit der Gesellschaft ist. Und in einer dritten Perspektive sind es nicht mehr vorgegebene Werte, die die Rechtsordnung tragen, sondern die Legitimität einer Rechtsordnung hängt an den Verfahren, durch die sie zu Stande kommt. Diese Verfahren sind zudem integrierender Faktor des Sozialen, denn sie sind von der Zustimmung der Gesellschaftsmitglieder abhängig. Es ergibt sich kein materialer Wertekanon, sondern ein prozedurales Verständnis eines Grundkonsenses, dass richtige Verfahrensregeln die Grundlage für den Zusammenhalt der Gesellschaft bilden. In der Politikwissenschaft wird dieser Gedanke entfaltet und auf demokratische Verfahren bezogen (vgl. Vlašic 2004, S. 33–49). Dabei rechnet die Politikwissenschaft mit der gesellschaftlichen Pluralität und fragt: Wie können bei einer pluralen Verfassung der Gesellschaft im Hinblick auf Vorstellungen des guten Lebens überhaupt politische Entscheidungen getroffen werden? Gibt es hinter den pluralen Wertvorstellungen der Gesellschaftsmitglieder einen Grundkonsens? Oder, so eine andere Ansicht, 1.3 1 Der Zusammenhang von Integration und Medien in ethischer Perspektive 25 muss es demokratische Institutionen geben, die ein Zusammenwirken garantieren? Auch sozioökonomische Faktoren kommen in Betracht: In dieser Perspektive benötigt eine pluralistische Demokratie ein Mindestniveau wirtschaftlicher Entwicklung um stabil zu bleiben. Einheitsstiftendes, den sozialen Zusammenhalt ermöglichendes, zentrales Element ist in politikwissenschaftlicher Perspektive eine politische Öffentlichkeit. Erst durch diese allgemein zugängliche Kommunikationssphäre ist gewährleistet, dass eine Vermittlung stattfinden kann zwischen den Herrschenden und den Beherrschten. In dieser medial hergestellten politischen Öffentlichkeit prallen divergierende Interessen aufeinander und es bildet sich durch Diskurs und Kompromiss ein Konsens. Für das Fortbestehen einer demokratischen Gesellschaft als Einheit ist eine politische Öffentlichkeit konstitutiv. Demokratische Gesellschaften sind integriert durch eine politische Öffentlichkeit. Integration – eine Arbeitsdefinition Definitionen und Begriffsbestimmungen von Integration gibt es nicht zuletzt wegen der Vielzahl der beteiligten Wissenschaften viele. Für das weitere Vorgehen erscheint es zweckmäßig, eine normativ informierte Definition heranzuziehen, die eine Fülle von Differenzierungen einbringt. Sie lautet: „Integration ist der erwünschte soziale Prozess, der die Teile einer Gesellschaft (Individuen, Institutionen, Gruppen) unter Mitwirkung ihres Bewusstseins mehr oder weniger stark zum Ganzen dieser Gesellschaft verbindet, wobei sowohl Ähnlichkeit und Einigkeit der Teile als auch Verschiedenheit und Auseinandersetzung zwischen ihnen in einem zu optimierenden Verhältnis von Bedeutung sind.“ (Pöttker 2005, 40 f.) Im Stichwort „erwünscht“ wird deutlich, dass Integration normativ verstanden wird: Sie soll sein. Die Definition geht von den Teilen aus und setzt eine Einheit nicht schon voraus. Im Stichwort „Bewusstsein“ wird klar gemacht, dass jedes Teil der Gesellschaft weiß, dass die anderen Teile einen wichtigen Beitrag für das Ganze leisten können. Und diese Definition legt Integration nicht auf Homogenität fest, sondern sieht in der Pluralität und Heterogenität der Teile ebenfalls Schlüssel für Integration. 1.4 Alexander Filipović 26 Integration durch Massenmedien Grundsätzlich knüpft der kommunikationswissenschaftliche Diskurs2 vor allem an soziologische Erkenntnisse über die Integration an.3 In diesem Diskurs finden sich an Durkheim, Parsons oder Habermas anknüpfende Theorien, die einen Grundbestand an Normen oder entsprechenden Prozeduren für eine Integration als wichtig erachten und die eine normative Perspektive auf Integration durch Massenmedien vertreten. Ebenso finden sich in systemtheoretischer oder sozialwissenschaftlich-positivistischer Anknüpfung Entwürfe, die eine gesollte Integration theoretisch und/oder empirisch nicht für beantwortbar halten (vgl. Jarren 2000, 22 f.). In diesem Beitrag bleibt die letztgenannte kritische Perspektive auf Integration ausgeblendet. Wir folgen damit Jarren, der festhält: „Da die gesellschaftliche Kommunikation in der modernen Gesellschaft sich weitgehend über Medien vollzieht, kommt den Massenmedien eine zentrale Funktion für (Integrations-) Diskurse (als Vermittler) und auch als soziostruktureller Infrastrukturfaktor zu […].“ (Jarren 2000, S. 23) Entwicklung In Deutschland hat Franz Ronneberger schon recht früh die Integrationsfunktion der Massenmedien thematisiert. So formuliert Ronneberger 1964: „Angesichts des hohen und sich ständig steigernden Differenzierungsgrades moderner Gesellschaften, der zu Unübersichtlichkeit, Entstehung von Subkulturen, sozialer Regression, politischen Absentismen, insgesamt zu Desintegrationstendenzen führt, gewinnen die Massenkommunikationsmittel eine zunehmende Bedeutung als Integrationsfaktoren.“ (Ronneberger 1964, S. 180 f.) Nicht viel später adelt das Bundesverfassungsgericht die Integrationsfunktion der Massenmedien in seinem 2. Rundfunkurteil von 1971: „Die Rundfunkanstalten stehen in öffentlicher Verantwortung und erfüllen, indem sie Aufgaben öffentlicher Verwaltung wahrnehmen, zugleich integrierende Funktionen für das Staatsganze.“ (Bundesverfassungsgericht 1971) 2 2.1 2 Vgl. etwa die sehr reichhaltigen Bände von Imhof et al. 2002 sowie (mit dem Fokus auf Migration) Geißler und Pöttker 2005. 3 In der Mediensoziologie sind diese Diskurse zum Teil eng verknüpft. Siehe etwa einführend mit dem ausdrücklichen Verweis auf die Integrationsleistungen der Medien Jäckel 2016. 1 Der Zusammenhang von Integration und Medien in ethischer Perspektive 27 Gerhard Maletzke baut auf diesem Rundfunkurteil auf und verfasst 1980 einen die Debatte prägenden Artikel (Maletzke 1980). Dabei benennt er beispielsweise die desintegrativen Effekte einer Ausweitung von Medienangeboten: „Je mehr Programme nämlich zugleich zur Verfügung stehen, um so größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß der Rezipient immer Sendungen findet, die seine Anschauungen, seine Weltsicht bestätigen und bestärken; um so seltener sieht er sich veranlaßt, auch andere, für ihn dissonante Ansichten zu beachten. Das bedeutet auf Dauer eine immer stärkere Einengung seines eigenen Blickfeldes: der Rezipient verlernt es immer mehr, auch andere Sichtweisen und Standpunkte zur Kenntnis zu nehmen, zu verstehen und zu respektieren; seine Bereitschaft zu Toleranz gegenüber Andersdenkenden nimmt ab. Das kann schließlich auf eine Desintegration der Gesellschaft hinführen, bei der nur noch Gruppen von Menschen mit gleicher Weltanschauung sich zusammengehörig fühlen.“ (Maletzke 1980/2002, S. 74) Das öffentlich-rechtliche Rundfunkmonopol dieser Zeit legitimiert sich durch die integrierende Funktion des Rundfunks. Ihre historischen Wurzeln hat diese Konzeption in der Neuordnung der Medienlandschaft nach dem II. Weltkrieg: „Die Presse und Rundfunkpolitik der Alliierten verfolgte dezidiert den Bildungsauftrag zur demokratischen Umerziehung (Re-education) der deutschen Bevölkerung.“ (Vlašic 2004, S. 51) Integrationsauftrag ist historisch hier gleichsam ein Erziehungsauftrag. Ende der 1970er und Anfang der 1980er kommt es in Deutschland zu einer regen Diskussion über den Integrationsauftrag der Medien. Dabei ging es besonders um eine adäquate Präsenz politischer Parteien in den Medien und um eine ausgewogene Berichterstattung. Die Einführung des privaten Rundfunks in den 1980er Jahren und die technische Weiterentwicklung der Medien haben schließlich vor allem Anlass zu der Diskussion gegeben, ob eine Fragmentierung des Angebotes zu einem Zerfall einer gemeinsamen Öffentlichkeit führe. Im Grunde hält diese Diskussion bis heute an, wobei die Ausweitung medialer Angebote und die rasante technische Entwicklung die Befürchtungen verschärfen, dass die Medien damit ihre Integrationsfunktion verlieren. Die Medienwirkungsforschung wurde und wird oft im Horizont der Integrationsfrage betrieben. In der Kultivierungshypothese geht man davon aus, dass das Fernsehen entscheidendes Sozialisationsmoment wird und daher in Sachen Integration der Gesellschaft eine immense Rolle spielt. Die Theorie der Schweigespirale postuliert Homogenisierungseffekte durch Mediennutzung, da sich Menschen aus Furcht vor der sozialen Isolation medial wahrgenommenen Mehrheitsmeinungen anschließen und so Alexander Filipović 28 eine Spirale in Gang kommt, die zu einer Einebnung von Unterschieden führt – und damit integrierende Leistungen erfolgen (vgl. Schulz 1999, S. 90). Ähnlich die Agenda-Setting-These oder das Theorem der Videomalaise, nach dem durch Fernsehkonsum eine gesellschaftsweite Entfremdung vom politischen Betrieb entsteht. Alle diese Ansätze identifizieren eine Homogenisierung der Gesellschaft durch Mediennutzung, die als wertneutral vorgebrachte „Integration“ interpretiert werden kann. Auf der anderen Seite gibt es eine Reihe von Konzepten, die von einer desintegrativen Wirkung der Medien ausgehen. Eine frühe These in diesem Sinne ist, dass informierte Menschen dazu tendieren, mehr Informationen durch die Medien aufnehmen als un-informierte Menschen, wodurch sich eine Wissenskluft ergibt, die mit der Zeit immer größer wird. Noch einschlägiger ist die Fragmentierungsthese, nach der mit einer Aufgliederung des Medienangebots auch das Publikum aufgegliedert wird, es also seine Einheit verliert. Heute sind integrierende Medienangebote in diesem Sinne in der Tat selten. Systematisierung der Integration durch Medien Die kurze Darstellung zum Integrationstheorem in der kommunikationswissenschaftlichen Forschung wird exemplarisch konkretisiert anhand zweier Systematisierungen der Integration durch die Medien (vgl. dazu ausführlich Vlašic 2004, S. 67–149). Wilfried Schulz systematisiert modellhaft die unterschiedlichen Sichtweisen auf das Problemfeld Integration durch Medien anhand von zwei Dimensionen (vgl. Vlašic 2004, S. 95). In der ersten Dimension stehen sich integrierende (zentripetale) und desintegrierende (zentrifugale) Effekte der Massenmedien gegenüber. In der zweiten Dimension wird ein Kontinuum zwischen den Polen pragmatisch-optimistische und kritische-pessimistische Sichtweise auf diese Wirkungen der Massenmedien aufgespannt. In dem dadurch entstehenden „zweidimensionale[n] Merkmalsraum“ (Schulz 1999, S. 91) werden vier Annahmen über die Rolle der Massenmedien für den sozialen Wandel deutlich: 2.2 1 Der Zusammenhang von Integration und Medien in ethischer Perspektive 29 pragmatischoptimistische Sichtweise zentrifugale, desintegrative Effekte (1) Vielfalt, Differenzierung, Individualisierung (2) Sozial Integration, Homogenisierung, Konsens zentripetale, integrierende Effekte(3) Fragmentierung, Ungleichheit, Polarisierung (4) Mainstreaming, Konformität, „Vermassung“ kritischpessimistische Sichtweise Tabelle 2: Sichtweisen auf Medien und Integration; Quelle: Schulz 1999: 95 Dieses Modell hat seinen Wert, weil in den vier Feldern Theorien, Forschungen und Konzepte für das Problemfeld Medien und Integration eingetragen werden können. Damit kann das recht große und heterogene Feld sortiert werden. Für die Beurteilung nach der optimistischen oder pessimistischen Sichtweise spielen dann normative Standpunkte, oder ethisch formuliert: begründete Kriterien, eine Rolle. Andreas Vlašic rekonstruiert in seinem Entwurf fünf Dimensionen von Integration. Er zählt sie als traditionelle Modelle der Integration auf, die aber eine unterschiedliche Reichweite haben. Diese Dimensionen sind: 1. „Bereitstellung gemeinsamer Themen/Wissensbasis 2. Ermöglichung von Repräsentation 3. Konstituieren von (politischer) Öffentlichkeit 4. Vermittlung gemeinsamer Normen und Werte 5. Konstruktion von Realität (Lebenswelt, Selbst- und Fremdbeobachtung)“ (Vlašic 2004, S. 65) Zunächst „leistet die [massenmediale, AF] Bereitstellung gemeinsamer Themen und gemeinsamen Wissens eine sehr konkrete Funktion für den Einzelnen, indem sie Gesprächsstoff bietet für die Alltagskommunikation“ (1). Leistungen der Massenmedien liegen in einer „übereinstimmende[n] Definition von Situationen“, die funktional sind für die „soziale Orientie- Alexander Filipović 30 rung der Akteure […] und Interaktionen“ (Vlašic 2004, 157 f.). Sehen Individuen nun ihre eigene Lebenswirklichkeit und ihre Interessen in den Medien berücksichtigt und richtig dargestellt, so wird dies „als Repräsentation [des einzelnen in der größeren Einheit, af] bezeichnet“ (2). Dies schafft Akzeptanz für das politische System. Die dritte Dimension ist recht ähnlich gelagert, nur betrachtet sie das Phänomen der Repräsentation auf der Makroperspektive. Gesellschaftlichpolitisch gedacht bildet diese Repräsentation die politische Öffentlichkeit, in der Bedürfnisse, Interessen, Themen und Meinungen im gesellschaftlichen Diskurs berücksichtigt werden (3). Die integrierende Funktion der Massenmedien besteht in dieser Dimension „in der Bereitstellung von Akzeptanz und Legitimation für ein politisches System“ (Vlašic 2004, S. 171). Vlašic führt für die nächste Dimension das Argument an, dass das Wertesystem einer Gesellschaft die „Strukturierung dieser Öffentlichkeit in hohem Maße“ beeinflusst und sieht die Integrationsfunktion der Medien also auch in der Vermittlung gemeinsamer Normen und Werte (4). Über allem schließlich steht die Frage nach der Konstruktion von Realität in einer Gesellschaft.“ (5) (Vlašic 2004, 67 f.) Zur Ethik der Integration Wenn wir den Anspruch haben, Zustände von Integration oder Desintegration zu beurteilen, müssen wir Gründe dafür angeben. Es hängt nicht zuletzt von unseren normativen Grundüberzeugungen ab, wie wir eine Situation im Hinblick auf die Kategorien gut und schlecht einschätzen. Die Medienethik wird vor allem diese Grundüberzeugungen explizieren; sie will verdeutlichen, warum man zu einer bestimmten Einschätzung kommt. An dieser Stelle soll kein eigener Entwurf einer „Ethik der Integration“ vorlegt werden. Ich will aber immerhin andeuten, wie eine spezifisch ethische Diskussion zum Thema Integration und Medien aussehen kann. Dafür bietet es sich an, von den ethischen Zentralkategorien Freiheit und Pluralität auszugehen. Hier hat man dann in Bezug auf Integration das Problem, Pluralität nicht nur als zu akzeptierende (auch desintegrative) Folge von liberaler Freiheit zu interpretieren, sondern selbst als Wert auszuzeichnen, der integrative Folgen zeitigt. Ich folge Jan-Werner Müllers aktuellem Ebook „Was ist Populismus“ (2016, Kapitel „Zum Auftakt“) in seiner These, dass der Kern des politischen Populismus unserer Zeit die Zurück- 3 1 Der Zusammenhang von Integration und Medien in ethischer Perspektive 31 weisung des Pluralismus ist. Dass Parteien wie AfD und Co damit Erfolg haben, zeigt einiges über den aktuellen Status des Pluralismus als Wert und Haltung. Auf einer weiteren Ebene liegen Gerechtigkeitserwägungen, die Menschen in ihrem gleichen Eigenwert und ihrer Unterschiedlichkeit wahrnehmen. Überlegungen zu sozialer Gerechtigkeit, zu gerechter Beteiligung und Teilhabe, Inklusion etc. können gerechtigkeitstheoretisch begründet werden. Integration wäre in dieser Perspektive eine Forderung der Gerechtigkeit.4 Als Heuristiken dafür dienen die Begriffe der Solidarität und Subsidiarität, die sich auch deswegen eignen, weil ihnen empirische und normative Annahmen und Denkweisen zu Grunde liegen. Zuletzt spielt aber wohl auch das Thema „Gemeinwohl“ eine Rolle. Die Norm des Gemeinwohls fordert von Handlungsakteuren: Das Gemeinsame soll in besonderer Weise Berücksichtigung finden. Damit betont der Begriff des Gemeinwohls, dass neben individuellen (privaten) Interessen auch überindividuelle (gemeinsame, öffentliche) Interessen Maßstäbe des Handelns sein können und sollen. Gemeinwohl ist insofern ein Maßstab für Zustände der Integration beziehungsweise Desintegration, weil so gezeigt werden könnte, dass eine möglichst stark integrierte Gesellschaft im allgemeinen Interesse liegt und jeder und jedem zu Gute kommt. Was genau im allgemeinen Interesse ist, muss Ergebnis eines andauernden Aushandelns sein. Medien spielen hier eine wichtige Rolle, indem sie eine Dienstfunktion für das Gemeinwohl haben – analog zu einer Dienstfunktion für die Einheit der Gesellschaft (vgl. Filipović 2017). Kann man folglich, so lautet also die medienethische Kernfrage, begründet Integrationsleistungen der Medien für die Gesellschaft fordern? Und kann man dann diese Forderung im öffentlichen Diskurs gegenüber Medienunternehmen, Sendern und Redaktionen äußern und zum Beispiel die Medienpolitik in dieser Hinsicht beraten wollen? Dazu ein etwas längeres Zitat von Otfried Jarren: „Integration durch Medien wird in der aktuellen medienpolitischen Debatte vielfach als obsolet oder als undurchführbar angesehen. Dabei wird auf die Unmöglichkeit, zu gesicherten empirischen Befunden und damit zu gültigen Aussagen über die Integrationsleistung von Massenmedien zu gelangen, verwiesen. Die verführt dazu, den normativen Anspruch an den Rundfunk zur 4 Vgl. meine ethischen Überlegungen zur beschriebenen Dimension der „Bereitstellung gemeinsamer Themen/Wissensbasis“ anhand des Begriffs der Beteiligungsgerechtigkeit in Filipović 2007. Alexander Filipović 32 Mitwirkung an der gesellschaftlichen Integration für obsolet zu erklären […]. Das Problem der Bewertung empirischer Befunde kann jedoch nicht gegen die Notwendigkeit von normativen Anforderungen ausgespielt werden. Anforderungen zur Integrationskommunikation sind normativ an Medienorganisationen zu stellen, um Medien auf die Abbildung gesellschaftlicher Diskurse zu orientieren. Und Normen sind zudem notwendig, wenn Medienleistungen zum Gegenstand medienkritischer Debatten werden sollen. Dazu bedarf es jedoch weniger inhaltlicher, gegenständlich-konkreter als vielmehr prozeduraler Vorgaben für eine publizistische Praxis, die sich der gesellschaftlichen Diskurse anzunehmen hat.“ (Jarren 2000, S. 22) Dieses Zitat problematisiert zum Einen die für die Medienethik wichtige Debatte zum Verhältnis von Empirie und normativen Forderungen. Es ist, so Jarren, ein Fehlschluss, dass nicht gefordert werden soll, was man nicht messen kann. Wir wollen aus Gründen an der Forderung festhalten, dass Medien Leistungen für die gesellschaftliche Integration erbringen. Das Zitat zeigt zum Anderen aber auch, dass die konkrete normative Forderung recht dünn ist: Abbildung gesellschaftlicher Diskurse scheint die normative Forderung zu sein. Sie soll auch nicht durch die Verpflichtung auf konkrete Werte gelingen, sondern durch „Prozeduren“. Wie auch beim Gemeinwohlbegriff kann man die Betonung auf „Prozeduren“ als Angst vor der eigenen Courage deuten. Auf der anderen Seite: In pluralen Gesellschaften kann man kaum mehr eine für alle gute und akzeptable normative Orientierung fordern, so dass man auf Prozeduren ausweichen muss. Hier wäre wieder einzuwenden: Medienethik versteht sich nicht als Disziplin, die das letzte Wort hat, sondern sie versteht sich selber als Akteur, der im Streit um normative Orientierungen einen Standpunkt unter anderen vertritt und dann aber letztlich konsensual orientiert ist. Lassen sich spezifisch ethische Formulierungen festhalten, die uns als Leitfragen bei der ethischen Beschäftigung mit Medienintegration helfen können? Ich knüpfe dafür nochmals an die erste begriffliche Orientierung zu Integration an. Wir hatten formuliert: Mit der allgemeinen Verwendungsweise (A) des Begriffes fragen wir: Sind die Medien ein Faktor dafür, dass eine Einheit als Einheit (also z.B. eine Gesellschaft) fortbesteht? Mit der speziellen Verwendungsweise (B) fragen wir: Können Medien bis dahin allenfalls ungenügend eingebundene Personen in eine Einheit einbinden? Und mit der kombinierten Verwendungsweise (C) fragen wir: Wie können die Medien Akteure und Einheiten zu einem Ganzen verbinden? 1 Der Zusammenhang von Integration und Medien in ethischer Perspektive 33 Übersetzt in das medienethische Sprachspiel lauten diese Formulierungen: • Sollen die Medien Leistungen dafür erbringen, dass eine Gesellschaft als Einheit fortbesteht und nicht zerfällt? • Sollen Medien Leistungen dafür erbringen, dass Personen in die Gesellschaft eingebunden werden, die vorher nicht oder nur ungenügend Teil dieser Gesellschaft waren? • Sollen die Medien Leistungen dafür erbringen, dass die unterschiedlichen Akteure und die verschiedenen anderen Einheiten der Gesellschaft zu einem Ganzen verbunden sind? Auf jede dieser Fragen muss, egal ob man sagt „ja“ oder „nein“, immer ein „weil“ folgen, also z.B. ein „Ja, weil…“, sowie weitere Angaben – etwa: Welche Leistungen sind das, und wie können sie sichergestellt werden etc.? Nun – Medienethikerinnen und Medienethiker sind Spezialistinnen und Spezialisten für diese Art von Fragen und in diesem Band werden einige Antworten erfolgen. Ausblick: Tendenz Desintegration? Wir haben gerade gesellschaftsweit den Eindruck: Alles fliegt auseinander. Probleme nehmen zu, sie werden komplexer und unlösbar. Sicher: Debatten über Integration und Desintegration der Gesellschaft gehören zur Moderne dazu. Aber Globalisierung und Digitalisierung sind Megatrends. Sie führen für sich und in Kombination zu weitreichenden Auflösungen homogener Gemeinschaften, Bereiche, Vorstellungen und Situationen. Die Nationalismen rund um den Globus sind Treiber und Folgen einer solchen Desintegration. Die Digitalisierung wirkt insofern desintegrierend, als durch sie jeder als Einzelner angesprochen wird, Nachrichten, Werbung oder Unterhaltungsprogramme sind passgenau auf Individuen zugeschnitten. Digitalität kann daher kritisch als Vereinzelungsmatrix interpretiert werden, in der Solidaritätspotentiale und damit auch integrative Leistungen verschwinden. Die digitale Medienwelt hält Menschen durch Anreizsysteme dazu an, sich ausrechenbar zu machen, doch sie stehen mit ihren hochindividuellen Bedürfnis-Profilen letztlich alleine da. Das gute Leben gibt es nur noch als individualisierte, ökonomisch interessante Einzelversion. Die Verständigung auf der Horizontalen, also die auf Einheit, Zusammenwir- 4 Alexander Filipović 34 ken und Konsens ausgerichtete Debatte um gemeinsame Vorstellungen des guten Lebens und von Gerechtigkeit, bereitet modernen Gesellschaften immer mehr Schwierigkeiten. Dass die Social Media einmal desintegrativ wirken könnten, hatte wohl keiner gedacht. Segregation in Filterblasen und Echokammern, oft ideologisch bedingt, aber algorithmisch angetrieben, lehrt uns eines Besseren. Die Befürchtung lautet: Wir können nicht mehr in einem qualitativen Sinne miteinander öffentlich kommunizieren. Wir leben in einer „Gesellschaft ohne Diskurs“: „Der Medienethik geht es in ihren Reflexionen auf den Journalismus im Kontext des Medienwandels letztlich um die große Frage nach der Qualität des gesellschaftlichen Diskurses schlechthin. Und so ist die Frage dieses Bandes, ob wir uns in digitalen Zeiten in einer Gesellschaft ohne Diskurs befinden, kritisch gemeint. Wir benötigen einen Diskurs, einen niveauvollen, also fair und mit Sachargumenten geführten Streit um gemeinsame Belange, Werte und Normen des Zusammenlebens.“ (Stapf et al. 2017, S. 11) Die Forschungen zu desintegrativen oder integrativen Wirkungen der Online-Medien oder der digitalen Revolution sind noch am Anfang. Und es werden auch integrierende Effekte beobachtet, beispielsweise durch den sozialen Charakter von Weiterleitungen und Empfehlungen (siehe den Überblick zur Forschung bei Mahrt 2014). Eine medienethische Perspektive hat auch die Aufgaben, diese positiven Effekte zu verzeichnen, zu betonen und sich dafür zu engagieren, dass neue Formen integrativer Leistungen in der Online-Welt möglich werden. Literaturverzeichnis Bundesverfassungsgericht (1971): 2. Rundfunkurteil („Mehrwertsteuer-Urteil“). BVerfGE 31, 314. Online verfügbar unter http://www.servat.unibe.ch/dfr/bv 031314 .html, zuletzt aktualisiert am 27.07.1971. Filipović, Alexander (2007): Öffentliche Kommunikation in der Wissensgesellschaft. Sozialethische Analysen. Bielefeld: W. Bertelsmann (Forum Bildungsethik, 2). Filipović, Alexander (2017): Gemeinwohl als medienethischer Begriff. Über öffentliche Kommunikation und gesellschaftliche Mitverantwortung. In: Communicatio Socialis 50 (1), S. 9–19. DOI: 10.5771/0010-3497-2017-1-9. Geißler, Rainer / Pöttker, Horst (Hg.) (2005): Massenmedien und die Integration ethnischer Minderheiten in Deutschland. Band 1: Problemaufriss - Forschungsstand - Bibliographie. 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References

Abstract

High-quality journalism reflects all actors in a society and opens up a forum for them. This type of journalism sees social functions as well as social integration and inclusion as some of its core tasks. In a democratic society, the media, that is, public broadcasters as well as private and commercial media, have a mandate to contribute to social cohesion. Everyone is encouraged to mediate between different social groups. Dealing with such tasks has always been a major and ethically significant challenge for the media. It has grown under the conditions created by the digital transformation of the media landscape and in the current climate of mass migration. In this book, academics and journalists reflect on the possibilities and limits of framing and supporting social integration.

With contributions by

Mariella Bastian, Janis Brinkmann, Marcus da Gloria Martins, Bernhard Debatin, Tobias Eberwein, Korbinian Eisenberger, Susanne Fengler, Alexander Filipovic, Regina Greck, Michael Haller, Rieke Havertz, Jessica Heesen, Volker Herres, Steffen Jenter, Katja Kaufmann, Larissa Krainer, Carmen Krämer, Kerstin Liesem, Sandra Müller, Colin Porlezza, Marlis Prinzing, Michael Schröder, Leonie Seng, Fabian Sickenberger, Judyta Smykowski, Ingrid Stapf, Anna Carina Zappe

Zusammenfassung

Journalismus mit hoher Qualität bildet möglichst alle Akteure einer Gesellschaft ab und öffnet ihnen ein Forum. Ein solcher Journalismus sieht in sozialen Funktionen und damit auch in der gesellschaftlichen Integration und Inklusion eine seiner Kernaufgaben. In einer demokratischen Gesellschaft haben Medien den Auftrag, zum sozialen Zusammenhalt beizutragen – und zwar öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten ebenso wie privat-kommerzielle Medien. Alle sind aufgefordert, zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen zu vermitteln. Die Bewältigung solcher Aufgaben war immer schon eine große und ethisch sehr bedeutsame Herausforderung für die Medien. Unter den Bedingungen des digitalen Wandels der Medienlandschaft und in der aktuellen Situation der Zuwanderung ist sie noch gewachsen. Wissenschaftler und journalistische Praktiker reflektieren die Möglichkeiten und Grenzen, gesellschaftliche Integration zu rahmen und zu unterstützen.

Mit Beiträgen von

Mariella Bastian, Janis Brinkmann, Marcus da Gloria Martins, Bernhard Debatin, Tobias Eberwein, Korbinian Eisenberger, Susanne Fengler, Alexander Filipovic, Regina Greck, Michael Haller, Rieke Havertz, Jessica Heesen, Volker Herres, Steffen Jenter, Katja Kaufmann, Larissa Krainer, Carmen Krämer, Kerstin Liesem, Sandra Müller, Colin Porlezza, Marlis Prinzing, Michael Schröder, Leonie Seng, Fabian Sickenberger, Judyta Smykowski, Ingrid Stapf, Anna Carina Zappe