Klaus-Dieter Altmeppen, Alexander Filipovic, Renate Hackel-de Latour (Ed.)

Soziale Kommunikation im Wandel

50 Jahre Medienethik und Kommunikation in Kirche und Gesellschaft

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8487-4035-2, ISBN online: 978-3-8452-8335-7, https://doi.org/10.5771/9783845283357

Series: Communicatio Socialis - Sonderbände

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Soziale Kommunikation im Wandel 50 Jahre Medienethik und Kommunikation in Kirche und Gesellschaft Communicatio Socialis communicatio.nomos.de Altmeppen | FilipoviĆ | Hackel-de Latour [Hrsg.] Sonderband Communicatio Socialis Zeitschrift für Medienethik und Kommunikation in Kirche und Gesellschaft Herausgeber: Prof. Dr. Klaus-Dieter Altmeppen, Studiengang Journalistik, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt, Ostenstraße 25, D-85072 Eichstätt, E-Mail: klaus-dieter.altmeppen@ku.de; Prof. Dr. Alexander Filipović, Lehrstuhl für Medienethik, Hochschule für Philosophie München, Kaulbachstraße 31a, D-80539 München, E-Mail: alexander.filipovic@hfph.de; Dr. Renate Hackel-de Latour, Studiengang Journalistik, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt, Osten straße 25, D-85072 Eichstätt, E-Mail: renate.hackel@ku.de Redaktion: Dr. Renate Hackel-de Latour (verantw.), Dr. Petra Hemmelmann, Dr. Christian Klenk. Redaktionsanschrift: Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt, Studiengang Journalistik, Redaktion Communicatio Socialis, Ostenstraße 25, D-85072 Eichstätt; Telefon: 0 84 21 / 93-21554, Fax: 0 84 21 / 93-21786, E-Mail: redaktion@communicatio-socialis.de, Internet: www.communicatio-socialis.de Klaus-Dieter Altmeppen | Alexander Filipović Renate Hackel-de Latour [Hrsg.] Soziale Kommunikation im Wandel 50 Jahre Medienethik und Kommunikation in Kirche und Gesellschaft Sonderband anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Zeitschrift Communicatio Socialis Nomos 1. Auflage 2017 © Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2017. Gedruckt in Deutschland. Alle Rechte, auch die des Nachdrucks von Auszügen, der photomechanischen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten. Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier. Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. ISBN 978-3-8487-4035-2 (Print) ISBN 978-3-8452-8335-7 (ePDF) 5 Inhaltsverzeichnis Vorwort Alexander Filipović / Klaus-Dieter Altmeppen 50 Jahre Communicatio Socialis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 Einführung Michael Schmolke Zwanzigtausend Seiten Communicatio Socialis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 Medienethik Ulrich Saxer Publizistische Ethik und gesellschaftliche Realität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19 Jürgen Wilke Journalistische Berufsethik in der Journalistenausbildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43 Religion, Kirche und Medien Thomas A. Bauer Der interreligiöse Dialog . Schwächen und Chancen in der Verständigung zwischen den Religionen . . . . . . . . . . 61 Helmuth Rolfes Gibt es eine kirchenamtliche Lehre der sozialen Kommunikation? Ein Rückblick 40 Jahre nach „Inter Mirifica“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76 Medienethik Claudia Nothelle Vorsicht Falle! ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 5 20.02.2017 10:05:06 6 Scripted Reality, retouchierte Fotos, Pseudonyme – Täuschung als medienethische Herausforderung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105 Serie: Grundbegriffe der Kommunikations- und Medienethik Alexander Filipović Moral und Ethik (Teil 1) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116 Alexander Filipović Angewandte Ethik (Teil 2) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122 Bernhard Debatin Verantwortung (Teil 3) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129 Klaus-Dieter Altmeppen Macht (Teil 4) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135 Rüdiger Funiok Werte (Teil 5) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145 Christian Thies Tugend (Teil 6) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150 Abspann Michael Schmolke Herausgeber und Redaktion von Communicatio Socialis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155 Inhaltsverzeichnis ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 6 20.02.2017 10:05:06 7 Einen Jubiläumsband zum 50 . Jahrgang einer wissen-schaftlichen Zeitschrift herauszugeben ist eine besonde-re Ehre . Wir stehen dabei „auf den Schultern von Riesen“ und nur der allerkleinste Teil dieser Ehre fällt auf uns, die aktuellen Herausgeber und Redaktionsmitglieder, zurück . Wir freuen uns, dass es die Communicatio Socialis noch gibt und wir werden unseren Teil dazu beitragen, dass es sie weiter geben wird . Wir blicken mit diesem Band auf die Leistungen der vergangenen Jahre zurück . Das sind zuallererst die Beiträge der 49 Jahrgänge . Was im Laufe der Zeit zusammengetragen, gedacht, erforscht und beurteilt wurde zu den Themen kirchlicher Medienarbeit und den moralischen Fragen der Mediengesellschaft, ist in seinem Wert nicht zu bemessen . Wir wissen von den vielen Aufnahmen unserer Artikel in die weitere Forschung, wissen davon, dass ethische Argumente in öffentlichen Diskursen eine Rolle gespielt haben und wir hörten davon, dass die Darstellung, Analyse und kritische Begleitung der kirchlichen Medienarbeit Entscheider und Akteure oft genug zum Nachdenken und Handeln angeregt hat . Neben den Inhalten ist das Engagement der vielen Personen und Institutionen zu ehren, das im Dienst der Inhalte gestanden hat . Von den Gründungsherausgebern, den Geldgebern durch die Zeit und den Herausgebern und Redaktionsmitgliedern bis heute – sie alle haben zum Teil im Ehrenamt einen wichtigen Dienst an Gesellschaft und Kirche geleistet . Die Feier eines Jubiläumsjahrgangs ist verbunden mit der Frage, wie es weitergeht . Fragen der Kontinuität, der Veränderung und nach den mittel- bis langfristigen Zielen der Zeitschrift stellen sich ständig, zu Jubiläen meistens intensiver als zuvor . Es mag ein Zufall sein, dass wir den 50 . Jahrgang der 50 Jahre Communicatio Socialis Von Alexander Filipović und Klaus-Dieter Altmeppen Prof. Dr. Alexander Filipović lehrt Medienethik an der Hochschule für Philosophie in München und ist Mitherausgeber von Communicatio Socialis . Prof. Dr. Klaus- Dieter Altmeppen lehrt Journalistik an der Katholischen Universität Eichstätt- Ingolstadt und ist Mitherausgeber von Communicatio Socialis. VORWORT ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 7 20.02.2017 10:05:06 8 Zeitschrift mit einem neuen Verlag, anderen finanziellen Unterstützern und einem leicht veränderten Herausgebergremium beginnen . Für uns, Redaktion und Herausgeber, passt es . Die Veränderungen bedeuten gewiss eine Zäsur, vor allem eine strukturelle . Inwiefern die Programmatik die gleiche bleibt – darauf werden wir im Editorial von Heft 1/2017 eingehen . Für diesen Jubiläumsband, der den Herausgebern und Redaktionsmitgliedern der letzten 49 Jahre gewidmet ist, haben wir Michael Schmolke gebeten, uns fünf Beiträge aus einem halben Jahrhundert Communicatio Socialis herauszusuchen, die für die Kontinuitäten und Veränderungen unserer Zeitschrift stehen können . Schmolke hat 45 Jahre lang die Zeitschrift mitgestaltet und kennt wie kein anderer unser Periodikum . Zusammen mit seinem wunderbaren Einleitungstext drucken wir diese fünf Texte aus fünf Jahrzehnten hier ab . In dieser Zeit haben sich formale redaktionelle Vorgaben und Usancen etwa beim Beleg der Quellen geändert . Wir haben diese jeweils in der Ursprungsform beibehalten ebenso wie die jeweils gültige Rechtschreibung . Nicht wieder abgedruckt werden die ursprünglichen Abstracts zu den Aufsätzen . Stattdessen gibt es von Michael Schmolke verfasste, kurze einordnende Vorspänne . Bei allen Texten hat die Redaktion entsprechend des aktuellen Corporate Designs der Zeitschrift durchgängig Zitatkästen eingefügt . Einen weiteren Text von Michael Schmolke drucken wir in diesem Band ab: Mit seinem Beitrag Abschied und Dank (4/2012) hat er schon einmal auf die Geschichte von Communicatio Socialis zurückgeblickt und einen wichtigen Orientierungspunkt für alle weiteren Entwicklungsschritte markiert . Er darf daher in diesem Jubiläumsband nicht fehlen . Nicht nur um den Gebrauchswert dieses Bandes zu steigern, haben wir schließlich die ersten sechs Teile der Reihe „Grundbegriffe der Kommunikations- und Medienethik“ aus Communicatio Socialis in diesen Band aufgenommen . Sie mögen für die Arbeit im Feld der Medienethik eine hilfreiche Orientierung bieten . Dem Nomos Verlag sei gedankt für die Bereitschaft, dieses Jubiläumsheft zu ermöglichen; Herr Dr . Martin Reichinger hat an einer ersten Konzeption dieses Bandes mitgearbeitet . Wir Herausgeber danken schließlich den Redaktionsmitgliedern, namentlich stellvertretend für alle weiteren der verantwortlichen Redakteurin Dr . Renate Hackel-de Latour, für ihr Engagement, ihre Zeit und ihre Sorgfalt . Vorwort ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 8 20.02.2017 10:05:06 9 Prof. em. Dr. Michael Schmolke war von 1973 bis 2002 ordentlicher Universitätsprofessor für Publizistik- und Kommunikationstheorie an der Universität Salzburg und von 1968 bis 2012 Mitherausgeber der Zeitschrift Communicatio Socialis . W as für ein Buch! 20 000 Seiten haben sich da in 49 Jahren angesammelt . Natürlich nicht wörtlich zu nehmen ein Buch, sondern 49 Bände, wenn es da noch einen gibt, der eine papierene Fachzeitschrift für sich binden lässt . „Zwanzig Bogen liest man nicht“ schrieb (aus ganz anderen Gründen) Robert Prutz im Jahre 1843 . 20 000 Seiten erst recht nicht, möchte man im Internet-Zeitalter meinen . Nicht so die Herausgeber von Communicatio Socialis . Da die Zeitschrift sich anschickt, das fünfzigste Jahr (2017) zu füllen, suchten sie sich einen Zeugen des halben Jahrhunderts und stellten ihm das Ansinnen, noch einmal in die vielen Seiten hineinzuschauen, für deren Zustandekommen er zum größeren Teil 45 Jahre lang mitverantwortlich war, irgendwie jedenfalls, als Mitherausgeber 1968 bis 2012 . Es wurde daraus zwar kein Lesen, aber doch mehr als ein Hineinschauen . Vorausgesetzt, man ist mit der Materie vertraut (Kommunikation, Kirche und Welt, Religion, Gesellschaft, Medienethik), liest man sich leicht fest . Wie anders, wenn sich die Erfinder der Idee das ungefähr so vorgestellt hatten: Er, der Zeit- und überhaupt Zeuge, möge sich gebeten fühlen, „fünf Beiträge aus fünf Jahrzehnten herauszusuchen: Beiträge, die richtungweisend waren, die aktuelle Debatten widerspiegelten etc .“ . Das Wiedersehen mit den 20 000 Seiten produzierte zwei Einsichten: 1 . Mit einer Einteilung nach fünf Jahrzehnten wird es sein Bewenden nicht haben, – und 2 .: Das Richtunggebende war am Anfang sehr wichtig, weil es Grundlagen schuf; wichtiger wurde auf die Dauer das „etc .“, weil das also Einzuordnende eine indikatorische Kraft entfaltete, indem es das zeitdeutende Engagement der Autoren und Autorinnen aufdeckte, die nicht selten in die Zukunft hineinleuchteten . Zwanzigtausend Seiten Communicatio Socialis Von Michael Schmolke EINFÜHRUNG ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 9 20.02.2017 10:05:06 10 Mehr als Dekaden – so trat es mir entgegen – prägten Personen die zeitliche Gliederung . Wenn es nicht so feierlich klänge, würde ich von Epochen oder Ären sprechen . Aus dem Zusammenklang des Grundtenors eines jeden Zeitabschnitts mit der je individuellen Sinnprägung durch Autoren erwuchs – deutlich erkennbar – der cantus firmus der Zeitschrift, der inmitten der Vielstimmigkeit der Einzelbeiträge durch die Jahrzehnte tönte . Der aus der Musik entlehnte Vergleich ist nicht ganz treffend; denn neben den cantus firmus jeder Zeit traten irgendwann, ohne dass sie herbeigewünscht waren, ergänzende Leitmotive, die, wenn sie erst einmal aufgeklungen waren, wie der, um in der Musik zu bleiben, basso continuo nicht mehr aufhörten und fortgesponnen wurden . Drei thematische Kontinuitäten dieser Art sind über fünf Jahrzehnte hin deutlich zu erkennen . Davon später . Zunächst zur zeitlichen Einteilung . Mir stellten sich beim zügigen, aber nichts auslassenden Durchgang fünf Abschnitte dar, von denen drei, der Kürze und Einprägsamkeit halber, nach den inhaltlich prägenden Personen benannt seien: 1 . Die Eilers-Zeit 1968 bis 1987 (rund 20 Jahre), 2 . die Kollegial-Zeit 1988 bis 1990, die man der Eilers-Zeit zuschlagen kann, 3 . die Rolfes-Zeit 1991 bis 2002 (11 Jahre), 4 . die Hömberg-Zeit 2003 bis 2010 (8 Jahre) und 5 . die Zeit der Umgestaltung; seit 2010/2013 .1 Zeiten und Arbeitsstile Zu 1. Franz-Josef Eilers war eindeutig der Vater des Gedankens . Seine Zielsetzung hat er unmissverständlich in Heft 1 zu Papier gebracht: Publizistik als Aufgabe2. Die Umsetzung geschah klar, einmütig und, solange FJE in Europa war, ohne Missverständnisse . Eilers war/ist Theologe und Publizistikwissenschaftler (Promotion in Münster 1967) . Als Theologe (und Ordensmann: SVD) war er dezent konservativ, aber durchaus kritisch, wenn es um kirchliche Äußerungen zur Publizistik ging . Seine Kri- 1 Die zugehörige Chronologie nachlesen bei Michael Schmolke: Abschied und Dank. In: Communicatio Socialis, 45. Jg. 2012, S. 341-346, wieder abgedruckt in diesem Heft S. 151-159. 2 1. Jg. 1968, S. 1-6. – Belege aus Communicatio Socialis fortan vereinfacht: (Jg./Jahr, Seiten bzw. Heft). Michael Schmolke ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 10 20.02.2017 10:05:06 11 Zwanzigtausend Seiten Communicatio Socialis tik war konstruktiv . Er wünschte sich innig, dass Inter mirifica und Communio et progressio (CeP) und alles, was danach kam, gelingen möchte . Soweit es um CeP ging, lief es vorerst gut . Zahlreiche Aufsätze zum 10 . Jahrestag der Pastoralinstruktion (ab 4 . Jg . 1971, Heft 4) mündeten in die Nr . 1 der Schriftenreihe Beihefte zu Communicatio Socialis: Kirche und Publizistik (Paderborn 1971) . Zum 20 . Jahrestag erschien ein Schwerpunktheft (24 . Jg . 1991, Heft 3/4) . Spätere Instruktionen, so z . B . die Leitlinien für die Ausbildung der Priester in den Medien der sozialen Kommunikation (1986), die Pastoralinstruktion Aetatis novae (1992) und die drei Ethik-Dokumente (in der Werbung, in der sozialen Kommunikation, im Internet; 1997, 2000, 2002) wurden kritisch beleuchtet . Es schien in ihnen ein roll back sichtbar zu werden .3 Die theologische Position des Gründers nahm niemals Einfluss im einschränkenden Sinn . In keinem ihrer Entwicklungsabschnitte war die Zeitschrift so offen, wobei die damals vorhandenen Positionsdifferenzen unter Theologen außer Betracht bleiben können, denn es ging nicht um ein theologisches Fachblatt . Vielfalt und Offenheit zeigten sich in drei Feldern: in der Berichterstattung, in den Themen der Einzel-Aufsätze und in der Gewinnung/Auswahl von Autoren . Das nach dem 25 . Jahrgang im Jahr 1993 in den Untertitel aufgenommene Beiwort „international“ hatte, selbst wenn es „universal“ oder „global“ gelautet hätte, sein volles Recht schon ab 1968 . Das gilt für Themen, Autoren und geographische Zuordnung der Inhalte . Hätte man in den Jahren 1968 bis 2002 auf einem Globus mit buntköpfigen Nadeln die Länder und Städte bezeichnet, die in Communicatio Socialis vorkamen, der Globus wäre benadelt gewesen wie ein Igel . FJE war ein Nachrichtenbeschaffer und Quellenerschließer ersten Ranges und, wie sich später zeigte, als solcher unersetzlich . Karl Höller hat das in seiner Eilers-Hommage An den Kreuzungen des Lebens (35 . Jg . 2002, S . 480-486) nahezu vollständig erfasst . Dem folgend seien die Andock-Stationen – seit den fünfziger Jahren – schlicht aufgezählt: SVD-Pressestelle in St . Augustin („Unsere Ordensgemeinschaft verfügt über Tausende von Missionaren in allen Weltteilen . Wir zapfen 3 Zusammenfassend Helmuth Rolfes: Gibt es eine kirchenamtliche Lehre der sozialen Kommunikation? (37. Jg. 2004, S. 219-244), wieder abgedruckt in diesem Heft. Vorher schon Susanne Kampmann: Abschied von einem horizontal-dialogischen Menschenbild (24. Jg. 1991, S. 284-302). Die theologische Position des Gründers nahm niemals Einfluss im einschränkenden Sinn. ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 11 20.02.2017 10:05:06 12 sie an . . .“), Publizistikstudium in Münster, Communication Secretary in der SVD-Leitung in Rom, ökumenisches Komitee „on Society, Development and Peace“ (SODEPAX) in Genf, Catholic Media Council (Cameco) in Aachen, Intercultural Communication Unit in St . Augustin, Päpstlicher Medienrat im Vatikan und schließlich SVD-Hochschule in Tagaytay City/Philippinen nebst Sekretariat der Asiatischen Bischofskonferenz in Manila . Die Quellen sprudelten . Berichte aus aller Welt und vom ersten Heft an eine Chronik-Rubrik, die nach Kontinenten und Ländern gegliedert wurde . Das ging manchmal nicht ohne Knirschen im Getriebe . Quellenprüfung und inhaltlicher Quellenwert blieben gelegentlich auf der Strecke . Wem nützte folgende Zwei-Zeilen-Meldung aus Lesotho: „Ein Informationsbulletin des katholischen Sekretariates von Lesotho erscheint seit 1971“? Auch als Autoren-Scout war FJE erfolgreich; manche Entdeckungen verschwanden wieder, andere blieben, die Zeitschrift bewährte sich als Premierenbühne . Schon für das zweite Heft des ersten Jahrgangs schrieb Ulrich Saxer den Aufmacher: Messianismus und Wissenschaft bei Marshall McLuhan (1 . Jg . 1968, S . 81-92), damals ein heißes Eisen . Saxer war es auch, der wenig später eine Themenschiene eröffnete, die seither als eine der oben erwähnten thematischen Kontinuitäten die Zeitschrift durchzieht und 2013 schließlich zu einer neuen Schwerpunktsetzung und einer Änderung im Untertitel führte: Medienethik . Sein Aufsatz Publizistische Ethik und gesellschaftliche Realität (3 . Jg . 1970, S . 24-39) schnitt ein Thema an, das damals in der Publizistikwissenschaft noch fremdelte . Themenschienen Offenheit führte hier zu einer nachhaltigen inhaltlichen Prägung . Ein solcher Fall ereignete sich gleich noch einmal im ersten Jahrzehnt: Der Publizistik-Student Manfred P . Becker publizierte ab Heft 3/1970 in fünf Folgen eine (vermutlich unter der Betreuung des damaligen Henk-Prakke-Assistenten Schmolke entstandene) Seminararbeit mit dem Titel Die Bistumspresse in der Bundesrepublik Deutschland4. Sie begann mit zwei westfälisch kargen Sätzen: „Kirchliche Kommunikation wird seit einiger Zeit diskutiert . Eine wichtige Rolle in dieser 4 In fünf Folgen (3. Jg. 1970, S. 299-310 und S. 391-398; 4. Jg. 1971, S. 86-92, S. 182-195 und S. 281-291). Michael Schmolke ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 12 20.02.2017 10:05:06 13 Zwanzigtausend Seiten Communicatio Socialis Diskussion spielen die Bistumsblätter“ . Die „einige Zeit“ sollte länger dauern, mindestens bis zu Christian Klenks Beitrag Letzte Chance für die Bistumspresse (43 . Jg . 2010, S . 3-26) und schließlich zu seinem Buch Zustand und Zukunft katholischer Medien (Berlin 2013) . Beckers Forschungsbericht füllt 52 Seiten; davon sind 34 Seiten grafische Darstellungen und Tabellen, weshalb wir ihn in unserem Jubiläumsheft nicht gut abdrucken können, obwohl er seinerzeit „die aktuelle Situation widerspiegelte“ und zweifellos von allen unseren Publikationen die am stärksten „richtunggebende“ war . Seit dem Herbst 1970 entwickelte sich nämlich unsere Zeitschrift, soweit es um Diskussion und Begleitforschung ging, quasi zur Patin der Bistumspresse . Die Becker- Untersuchung hat die nächstfolgenden Analysen – direkt, später indirekt – angeregt, jedenfalls jene, die ich einmal die „gemeinnützigen“ genannt habe .5 So z . B . die Stellungnahmen Nr . 7 und 11 des für die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) erstellten Gutachtens Katholische Publizistik 72/73, die Feldbefragung 1975 des Instituts für Kommunikationsforschung Wuppertal (im Auftrag der DBK und der Arbeitsgemeinschaft Katholische Presse [AKP]) sowie die 1994/95 im Auftrag der Mediendienst leistung GmbH (MDG) vom Institut für Demoskopie Allensbach durchgeführte empirische Untersuchung Chancen für die Bistumspresse und die im Zusammenhang damit zu lesende Studie Form und Inhalt der Bistumspresse von Hans Mathias Kepplinger und Simone Christine Ehmig (1993/94) . Beide Untersuchungen haben in den Communicatio Socialis-Schwerpunktheften 2 und 3/1996 opulente Interpretationen und Kommentierungen gefunden . Auch fortan verging kein Jahrgang ohne besorgt-sorgfältige Aufmerksamkeit für die Kirchenpresse . Als dritte Themenschiene erwies sich je länger je mehr die analytische und kommentierende Begleitung der kirchlichen Dokumente zum Themenfeld Kommunikation seit dem Konzils dekret IM und der Pastoralinstruktion CeP und der folgenden Instruktionen, wie wir sie oben im ersten Teil der Charakterisierung der Eilers-Zeit (Abschnitt Zeiten und Arbeitsstile) be schrieben haben . 5 Vgl. Michael Schmolke: Die deutsche Bistumspresse von Analyse zu Analyse (29. Jg. 1996, S. 271-289). Seit dem Herbst 1970 entwickelte sich unsere Zeitschrift, soweit es um Diskussion und Begleitforschung ging, quasi zur Patin der Bistumspresse. ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 13 20.02.2017 10:05:06 14 Man kann also festhalten: Resultat der Gesamt-Durchsicht ist u . a . die Beobachtung von drei Themenschienen, die, ohne dass es eine programmatische Festlegung dafür gegeben hätte, die Entwicklung der Zeitschrift unübersehbar durch die Zeit begleiten: 1 . Medienethik, 2 . Kirchliche Presse und 3 . kirchliche Dokumente zur Kommunikation der Gesellschaft, also zur communicatio socialis. Dass deren gesamtes Feld, ungeachtet der Schienenlegung, breite Aufmerksamkeit fand, hatte seinen wesentlichen Grund im Arbeitsprinzip Vielfalt, das die Eilers-Zeit besonders stark kennzeichnete . Neue Aufmerksamkeiten Die erwähnte Übergangszeit (2 . 1988 bis 1990) war dadurch gekennzeichnet, dass FJE 1988 von seinem Orden auf die Philippinen entsandt wurde, Höller und Schmolke also einerseits mit einem Fern-Kollegen zusammenarbeiten und andererseits etwa zeitgleich (ab 1989) die Kooperation mit einem neuen Herausgeberschaftsmitglied aufbauen mussten, das von der Zentralstelle Medien der DBK entsandt wurde . Seit dieser Zeit nämlich trat die DBK-Ausgründung MDG als wesentliches Mitglied in die Reihe der Förderer ein . Die Suche nach einem ständigen und verantwortlichen Redakteur, die nach dem Tod von Josef Hosse (1982) eingesetzt hatte, fand erst 1991 ein Ende, als der Kasseler Theologieprofessor Helmuth Rolfes dieses Amt übernahm . Zu 3. Helmuth Rolfes prägte durch seine kreative Art der Redaktionsleitung den Zeitabschnitt von 1991 bis 2002 . Er hatte offensichtlich eine enge Denk-Gemeinschaft mit Eilers . Der 1989 eingerichtete Redaktionsbeirat6 trug damals nach Kräften zur Erweiterung des (europäischen) Mitarbeiterkreises bei . Offenheit und Vielfalt blieben erhalten . Dem Internationalitätsanspruch konnte weiterhin genügt werden . Neu in der Rolfes-Zeit war ein Trend zur „Verwissenschaftlichung“ . Auch vorher hatte es stets einen beachtlichen Anteil wissenschaftlicher Beiträge gegeben . Jetzt wuchs dieser Anteil . Die Akzentsetzung lag stärker auf der Theologie, – stärker, aber nicht aufdringlich oder gar ausschließlich . Unter Rolfes’ Ägide wurde z . B . Bernhard Pörksen entdeckt, der seine regelmäßige Mitarbeit 1997 mit einer Serie von wissenschaftlich anspruchsvollen Gesprächen mit prominenten Vertretern des damals in der Kommunikationswissenschaft aktuell diskutierten Kon- 6 Vgl. dazu Schmolke, wie Anm. 1. Michael Schmolke ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 14 20.02.2017 10:05:06 15 Zwanzigtausend Seiten Communicatio Socialis struktivismus begann . Der Wiener Kommunikationswissenschaftler Thomas Bauer verband Theologie und Kommunikationswissenschaft; sein Aufsatz Der interreligiöse Dialog (34 . Jg . 2001, S . 183-195) wird als Zeugnis jener Phase und aktuell als Beitrag zum Reformationsgedenkjahr in dieser Jubiläumsausgabe wieder abgedruckt . Rolfes selbst hat seine wissenschaftlichen Interessen weit in die Felder der sich damals ausweitenden Kommunikationswissenschaft hinein erstreckt und insbesondere die in den vatikanischen Kommunikationsinstruktionen deutlich werdenden Tendenzen vigilanti cura verfolgt . Die daraus resultierende Publikation Gibt es eine kirchenamtliche Lehre der sozialen Kommunikation? (37 . Jg . 2004, S . 219-244)7 erschien erst in der Hömberg- Zeit (zu 4; 2003 bis 2010) . Als sich 2002 die Notwendigkeit einer neu zu strukturierenden Förderungsbasis abzeichnete, schieden Eilers und Höller aus der Herausgeberschaft aus . Mit ihnen verließ auch Rolfes die Redaktion, ohne jedoch seine Rolle als Mitarbeiter aufzugeben . Neu strukturiert, das bedeutete u . a . eine enge Zusammenarbeit mit der Katholischen Universität Eichstätt- Ingolstadt . Seitdem entsendet die KU, die die Publikationsrechte von der Societas Verbi Divini im wörtlichen Sinne verliehen bekam, einen Mitherausgeber, und zwar als ersten den Kommunikationswissenschaftler Walter Hömberg (Lehrstuhl für Journalistik I) . Die in sich stimmige Anbindung der Zeitschrift an die einzige katholische Universität in Deutschland trug die gewünschten Früchte . Hömberg entwickelte die von Rolfes begonnene Verwissenschaftlichung entschieden weiter, setzte aber den Akzent stärker auf die Kommunikationswissenschaft . Viele Texte erwuchsen jetzt aus kooperativer und studentischer Forschung der Eichstätter Universität . Die Autorensuche und -pflege erstreckte sich auf das Gesamtfeld der Kommunikationswissenschaft und benachbarter Disziplinen (einschließlich der Theologie), soweit deren Vertreter über den kommunikationswissenschaftlichen Rain grasten . Ein gutes Beispiel für die Versuche, ein neues Zentrum zu entwickeln, ist die gemeinsam mit dem Eichstätter Germanisten Thomas Pittrof geplante und durchgeführte Tagung Katholische Publizistik im 7 Hier wieder abgedruckt S. 72-100. Die Neustrukturierung im Jahr 2002 ging einher mit einer engen Zusammenarbeit mit der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 15 20.02.2017 10:05:06 16 20. Jahrhundert, die vom 25 . bis 27 . Februar 2010 in Eichstätt stattfand . Germanisten, Historiker, Theologen, Kommunikationswissenschaftler, Romanisten, Politologen, Philosophen und Journalistikwissenschaftler bearbeiteten das große Thema . Ein Teil der Beiträge erschien vorab in Communicatio Socialis, ehe ein gewichtiger Sammelband 2014 das Resultat der Tagung zusammentrug .8 Die Beobachtung der Praxis, die in der Eilers-Zeit ein breites Spektrum kommunikativer Berufe – bis zum Missionar hin – erfasst hatte, wurde in der Hömberg-Zeit durch die starke Einbeziehung des Journalismus zu einem neuen Schwerpunkt geführt . Ausgedünnt wurde dagegen jener Stoff, den man in der Tageszeitung „Vermischtes“ nennt, also z . B . die nur gelegentlich analytische Berichterstattung über religiöse/christliche/ katholische Kommunikationsphänomene in (wörtlich) aller Welt, Tagungen, Kongresse, Verbandsereignisse, Preisverleihungen, Personalien etc . . Das war teilweise durch den Personenwechsel bedingt . Eilers’ Nachrichtenquellen sprudelten nicht mehr . 2008 wurde die Chronik durch Notabene ersetzt, die, betreut von Ferdinand Oertel, Nachrichtenstoff – in längerer Form – wiedergab und sanft kommentierte . Teilweise entsprang diese thematische und formale Konzentration der Absicht Hömbergs, dem eine Annäherung an das Modell der üblichen wissenschaftlichen Zeitschriften vorschwebte . Zu dieser Veränderungsbewegung gehörte auch die bemühte Sorgfalt bei der typographischen Gestaltung . Die spezifische Eichstätter Journalistik befasst sich mit der real existierenden communicatio socialis. Autoren aus dem weiteren Umfeld folgten diesem Trend . Im Heft 4/2007 schrieben z . B . Klaus Meier (Hochschule Darmstadt) über „Cross Media“: Konsequenzen für den Journalismus und Rupert Neudeck (Cap Anamur) über Katastrophenjournalismus – Journalismuskatastrophen . Unverkennbar ist allerdings auch, dass sowohl Autorenkreis als auch Zielgruppe vom Allgemeinen zum Speziellen entwickelt wurden, – die einen wie die anderen Richtung Scientific Community, also weg vom Universalismus zum Disziplingebundenen . Weitestgehend frei gehalten hat sich die Zeitschrift vom Ultra-Ausdifferenzierten . Das Strukturkirch- 8 Walter Hömberg/Thomas Pittrof (Hg.): Katholische Publizistik im 20. Jahrhundert. Freiburg im Breisgau 2014. Michael Schmolke ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 16 20.02.2017 10:05:06 17 liche und die Nachfolge des „Geht hinaus in alle Welt . . .“ wich einem neuen Phänomen, das es bisher in dieser Form noch nicht gegeben hatte: dem der „Medienpäpste“ . Sie wurden schnell Gegenstand der berichtenden, analytischen und kritischen Aufmerksamkeit .9 Die Medienschiene Kirchenpresse blieb voll präsent, während die Kommunikations- und Medienethik nicht im Vordergrund stand . Wann immer sie aber auftrat, wurde erkennbar, dass sich ihr Feld zunehmend in die neue Zone der digitalelektronischen Medien hineinstreckte, so z . B . in Alexander Filipović’ Beitrag Neue Medienkompetenz. Herausforderungen für die Medien- und Kommunikationsethik (40 . Jg . 2007, S . 233-245) . „Medien- und Kommunikationsethik – was ist das eigentlich?“ fragt er da (S . 234), als ob das in solcher Zeit neu erfunden werden müsste . Manches musste neu erfunden werden . Sechs Jahre später wurde Filipović Mitherausgeber . Explizite Umgestaltung seit 2013 Als zu erkennen war, dass Walter Hömberg mit Ende 2010 sein Herausgeberamt aufgeben werde, konnte Klaus-Dieter Altmeppen (Journalistik-Professor der Universität Eichstätt) als sein Nachfolger gewonnen werden . In den Gesprächen zur Vorbereitung dieser Veränderung entwickelte er programmatische Ideen für die Erneuerung des Profils der Zeitschrift: Schwerpunkt fortan Medienethik, – das war eine seiner Bedingungen . Mit der Umsetzung (Konzept, Autoren, Themenhefte, Marketing) begann er in seinem ersten Herausgeber-Jahr (2011) . Als später Andreas Büsch, Medienpädagoge an der katholischen Fachhochschule Mainz, und Alexander Filipović, in die Herausgeberschaft eintraten, wurde die Umgestaltung komplettiert . Äußerlich erkennbar ist sie durch ein neues Layout und durch die Änderung des Untertitels mit dem Doppelheft 3-4/2013 . Von jetzt ab war Communicatio Socialis die Zeitschrift für Medienethik und Kommunikation in Kirche und Gesellschaft . Äußerlich war die Umgestaltung nicht zu übersehen: das Cover mehrfarbig und beherrscht von einer Symbol-Illustration, deren Deutung in der Regel kein Um-die-Ecke-Denken er- 9 Vgl. dazu das Schwerpunktheft Der Papst und die Medien (38. Jg. 2005, Heft 3); ferner Christian Klenk (seit 2008 Redakteur von Communicatio Socialis): Ein deutscher Papst wird Medienstar. Berlin 2008; Petra E. Dorsch-Jungsberger: Papstkirche und Volkskirche im Konflikt. Berlin 2014. Zwanzigtausend Seiten Communicatio Socialis ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 17 20.02.2017 10:05:06 18 fordert . Inhaltlich lässt der Einführungsbeitrag (S . 280-287) an Klarheit nicht zu wünschen übrig . Medienethik als Aufgabe und Verpflichtung. Die Formulierung ist im ersten Teil ein modifiziertes Zitat aus Heft 1/1968; damals hieß es Publizistik als Aufgabe. Die hinzugefügte Verpflichtung deutet auf die von Filipović ein Heft früher publizierte Inspiration hin: Die Enge der weiten Medienwelt. Bedrohen Algorithmen die Freiheit der öffentlichen Kommunikation? (46 . Jg . 2013, S . 192-208) . Er sieht in der (scheinbaren?) Individual-Personalisierung, der Internetkommunikation, die derzeit durch weitestgehende Algorithmisierung eingeschränkt wird, Anlass zur Frage, ob ein „Verschwinden der Öffentlichkeit“ droht . Angesichts der Total-Öffnung per Internet postuliert er eine neue Kommunikations- und Medienethik, weist aber gleichzeitig auf die Bedeutung von Freiheit und öffentlicher10 Kommunikation für demokratische Gesellschaften hin (S . 199) . Die neue Ethik ist also eine neue, ins Unendliche weisende Aufgabe, insofern ihr Gegenstand, der Komplex Internet, eine unendliche Sache ist . Der mit einem halben oder viertel Bein noch im alt-neuen Geflecht Communicatio Socialis stehende11 Ex-Herausgeber halte sich bei der Kommentierung zurück . Er hat sich bei der Auswahl des jüngsten Stücks für den Wiederabdruck eines Beitrags aus dem Premierenheft der Umgestaltung entschieden: Vorsicht Falle! von Claudia Nothelle (46 . Jg . 2013, S . 432-442) . Unter der Dachzeile Täuschung und Fälschung schreibt die – bis Ende 2016 – multimediale Programmdirektorin beim Rundfunk Berlin Brandenburg über den „journalistischen Dreikampf im digitalen Zeitalter“ (S . 432), also auch über all das, was uns Rezipienten in den konventionellen Medien als verdächtig begegnet wegen ungewisser und/oder nicht überprüfbarer Quellenlage . Und wie Journalisten sich damit herumschlagen müssen . Eine laokoonische Aufgabe und natürlich eine „medienethische Herausforderung“ . Die Praxisnähe dieses Beitrags ist eine gute Verbindung zwischen alter und neuer Welt der communicatio socialis. 10 Hervorhebung Michael Schmolke. 11 Das haben mich die 20 000 Seiten gelehrt. Die neue Ethik ist eine neue, ins Unendliche weisende Aufgabe, insofern ihr Gegenstand, der Komplex Internet, eine unendliche Sache ist. Michael Schmolke ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 18 20.02.2017 10:05:07 19 Prof. Dr. Ulrich Saxer war ab 1973 Assistenzprofessor für Publizistik mit Berücksichtigung der Kunstsoziologie an der Universität Zürich sowie ab 1977 Extraordinarius, 1983 Ordinarius für Publizistikwissenschaft. Von 1996 bis zu seiner Emeritierung 2001 war er Ordinarius für Kommunikationssoziologie an der Università della Svizzera Italiana in Lugano. Vorbemerkung Als der Schweizer Kommunikationswissenschaftler Ulrich Saxer (1931–2012) diesen Aufsatz schrieb (1969), war er 38 Jahre alt, Mitarbeiter der „Neuen Zürcher Zeitung“ und Lehrbeauftragter am Publizistischen Seminar der Universität Zürich, noch nicht habilitiert . Die Publizistikwissenschaft brachte sich der promovierte Philologe selber bei . Habilitation 1970, offenbar nach dem hier wieder abgedruckten Aufsatz, der in Heft 1/1970 (S . 24-44) als Saxers dritter in unserer Zeitschrift erschien und der zweite Auftritt des Themas Ethik in der Zeitschrift war (Premiere 1969: Giso Deussen) . Für Saxer war Kommunikationsethik ein Postulat, aber auch eine schwere Aufgabenstellung, ein nicht lösbares Problem . Der 21 . September 1943 brachte dem Columbia Broad-casting System einen seiner spektakulärsten Er-folge, dem Unterhaltungsstar Kate Smith einen überwältigenden persönlichen Triumph, dank beiden den Hütern der amerikanischen Währung die Zeichnung von Kriegsanleihen im Werte von 39 Millionen Dollar und der Massenkommunikations forschung eine ihrer bedeutendsten Untersuchungen1 . Deren Verfasser indes, Robert K . Merton, schließt seinen Forschungsbericht zu diesem Tag, der doch so augenscheinlich die Macht der Massenmedien, das Vernünftige zu erwirken, bewiesen hat, mit dem Kapitel: „Mass Persuasion: A Technical Problem and a Moral Dilemma“2 und zweifelt darin sogar auch am ethischen Gehalt der von ihm selbst mit Meisterschaft praktizierten Sozialwissenschaft3 . Unter deren geheimer Assistenz hatte die beliebte Unterhaltungssängerin in einem sorgfältigst geplanten 18stündigen Radiomarathon eine solche Anzahl von Hörern aus ihrem Massenpublikum zum Erwerb dieser Obligationen veranlassen können, daß schließlich diese gewaltige Summe Publizistische Ethik und gesellschaftliche Realität Von Ulrich Saxer MEDIENETHIK ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 19 20.02.2017 10:05:07 20 zustandekam: für die Käufer eine ansprechend verzinste Investition, für die nationale Währung eine gewisse Sicherung gegen künftige inflatorische Aushöhlung . Freilich verdankte sich Kate Smiths Überredungserfolg gerade nicht der Erläuterung dieser wirtschaftlichen Zusammenhänge und Vorteile, sondern vielmehr ihrer systematischen Verschleierung durch virtuos gestaffelte Appelle an eine ganz andere patriotische Opferbereitschaft, an geheime Ängste und Identifikationsbedürfnisse aller Art, und dies war es hauptsächlich, was Mertons Argwohn erregte, hier habe weniger das Gute die Unvernunft als die publizistische Technik die publizistische Ethik besiegt . Solcher Zweifel am Ethos der Publizierenden ist ebenso alt wie unstillbar und hat sich denn auch vor und nach dem 21 . September 1943 vielerorts in immer neuen Forderungen nach publizistischen Verhaltenskodizes und Kontrollinstitutionen, aber auch in gesetzlichen Regelungsversuchen und natürlich in unablässiger Kritik niedergeschlagen . Alt ist allerdings auch jene Ratlosigkeit, die selbst Mertons Anmerkungen kennzeichnet und die trotz vieler gegenteiliger Beteuerungen zu dem Schluß zwingt, im Problem der publizistischen Ethik spiegelten sich gesamtgesellschaftliche Widersprüche, denen nicht einfach durch moralische Forderungen an den Berufsstand der Publizisten beizukommen sei . Im Folgenden soll denn auch keine weitere „Ethik des Informierens“ 4 oder gar des Publizierens schlechthin entworfen und postuliert werden, sondern es sollen bloß dimensionsanalytisch einige gesellschaftliche Bedingungskonstellationen aufgezeigt werden, unter denen den Publizisten die Verwirklichung ethischer Werte angesonnen wird . Mit dieser Beschränkung auf das Vorfeld der eigentlichen ethischen Diskussion, d . h . mit dem Verzicht auf die Abwägung des je zu vertretenden Guten, bezeugen also auch diese Ausführungen jene Verlegenheit der sich zur Werturteilsabstinenz verpflichtenden Sozialwissenschaft, auf die Merton anspielt5 . Trotzdem dürfte eine solche bloße Vorarbeit im Problembereich der publizistischen Ethik aus zwei Gründen nicht ganz nutzlos sein: 1 . als empirische Korrektur der einseitig idealistisch-ideologischen Diskussion zur publizistischen Ethik und 2 . als Würdigung der publizistischen Rollenproblematik in ei- Es werden hier die Publizistik und die Bemühungen um deren ethische Standards in einen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang gebracht. Ulrich Saxer ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 20 20.02.2017 10:05:07 21 Publizistische Ethik und gesellschaftliche Realität nem weiteren gesellschaftlichen Kontext, wie sie zur Widerlegung sachfremder Kritik auch von publizistischer Seite immer wieder gefordert wird . Es werden hier also sowohl die Publizistik als auch die Bemühungen um deren ethische Standards wie schon von Merton in einen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang gebracht . Nur mit diesem weiten Ansatz läßt sich nämlich einesteils Massenkommunikation als ein soziales Totalphänomen6, das sich in den verschiedenen Lebensbereichen ausprägt, adäquat erfassen und andernteils die Frage nach der publizistischen Ethik einigermaßen ideologiefrei, vor allem ohne die Projektion anderswo lokalisierter ethischer Problematik auf die Berufsgruppe der Publizisten, beantworten . Den zwei erwähnten Hauptzielen dieser Untersuchung gemäß sollen im übrigen zuerst die wichtigsten soziokulturellen Dimensionen des Postulats einer publizistischen Ethik, gewissermaßen sein gesellschaftlicher Hintergrund, erläutert und hierauf, zweitens, die objektiven Möglichkeiten und Schwierigkeiten, ethische Werte in der publizistischen Arbeit zu verwirklichen, umrissen werden . Als methodologisches Hauptinstrument wird dabei der sogenannte Idealtypus eingesetzt . Darunter ist im Unterschied zum Real- oder Durchschnittstyp eine theoretische Hilfskonstruktion zu verstehen, die zwar von der Fülle der realen Daten und Beziehungen ausgeht, diese aber zwecks größerer Deutlichkeit nicht nur auf das Wesentliche reduziert, sondern das an ihnen theoretisch Bedeutsame auch überprofiliert . Idealtypen sind also mit anderen Worten vorläufige Theoretisierungsversuche und Orientierungshilfen bzw . Veranschaulichungsmittel zugleich7 . Publizistische Ethik als Postulat Zwei Eigentümlichkeiten der Diskussion um die publizistische Ethik legen es vor allem nahe, diesen Problemkomplex im Lichte gesamtgesellschaftlicher Gegebenheiten zu erörtern . Eine besondere publizistische Ethik wird ja, erstens, durchaus nicht von jedermann und universell gefordert, sondern vornehmlich in demokratischen Industriegesellschaften . Es ist (1 .) überhaupt einmal die Legitimität dieses Postulats zu untersuchen . Zweitens fällt auf, daß von den verschiedenen gesellschaftlichen Kräften mit sehr unterschiedlicher Intensität ethische Vorschriften bezüglich der Publizisten entworfen und oktroyiert werden . Es müssen folglich (2 .) die Eigenart und die Ziele wenigstens von zwei verschiedenen postulierenden Gruppen analysiert werden . ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 21 20.02.2017 10:05:07 22 Ulrich Saxer Die Legitimität des Postulats Die Forderung nach einer zusätzlichen oder besonderen publizistischen Ethik ist offenbar dann gerechtfertigt, wenn die bestehende gesellschaftliche Regelung der Massenkommunikation keine befriedigende Erfüllung der für die Gesellschaft unentbehrlichen Leistungen der Massenmedien sichert . Ohne jegliche gesellschaftliche Regelung vollzieht sich nämlich Massenkommunikation auf keinen Fall, sind doch die Massenmedien als soziokulturelle Institutionen ausgestaltet und erfüllen mithin die ihnen übertragenen Funktionen der Umweltüberwachung, der Meinungskorrelation, der Kulturtransmission und der psychischen Gratifikation immer gemäß einer gewissen gesellschaftlichen Normierung . Die entscheidende erste Frage ist also, unter welchen Umständen diese Funktionserfüllung trotzdem als unbefriedigend qualifiziert werden kann . Das Beispiel von Kate Smiths Sendung kann hier weiterhelfen . Ihre Radioappelle mobilisierten ein Massenpublikum zu einem Verhalten, das sowohl seinen Interessen als auch dem wirtschaftlichen Gemeinwohl dienlich war, und aktualisierten erst noch die nationale Wertwelt in ihren Zuhörern . Zur Erreichung dieses nationalen Solidarisierungserfolgs und damit zur Verwirklichung bestimmter anerkannter, wichtiger ethischer Postulate verletzten indes die Publizisten andere kulturelle Normen, namentlich die Verpflichtung zu einer für den Bestand der geltenden politischen Ordnung wichtigen Informationswahrheit, deren kulturspezifisches Erfordernis als „Objektivität“ bezeichnet wird . Die liberale Institutionalisierung des amerikanischen Hörfunks gestattete hier somit eine zwar wirkungsmächtige, aber nur teilweise normkonforme publizistische Aktion . Die von Merton angedeutete Forderung nach einer besseren publizistischen Ethik drückt folglich im Grunde genommen den Wunsch aus, Widersprüche zwischen der gesellschaftlichen Wertwelt und dem tatsächlichen gesellschaftlichen Funktionieren bzw . solche innerhalb des Systems kultureller Normen sollten ausgeglichen werden . Die Frage, unter welchen Umständen die Leistungen der Massenmedien als nicht befriedigend gelten könnten, erweist sich damit – durchaus nicht erstaunlicherweise – als zu wenig differenziert . Die Funktionsfülle der Massenmedien und die Heterogenität ihrer Publica lassen ja kaum eine generelle Antwort zu . Einer Mehrheit von Zuhörern Kate Smiths, die von der Darstellungsqualität wie vom gesellschaftlichen Nutzen der Sendung überzeugt war, stand beispielsweise eine Minderheit, ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 22 20.02.2017 10:05:07 23 Publizistische Ethik und gesellschaftliche Realität darunter Merton, gegenüber, die den Wert dieser publizistischen Produktion bezweifelte . Die Sängerin und ihre publizistischen Ratgeber wiederum entschieden sich einfach in einem gesellschaftlich bzw . institutionell gegebenen Normenkonflikt unter ziemlich allgemeinem Beifall für eine bestimmte Lösung, die indes jener Minderheit unannehmbar und Ausdruck mangelnder publizistischer Ethik schien . Das Problem, wie legitim das Postulat einer besonderen publizistischen Ethik sei, führt mithin unweigerlich zur Frage nach der Instanz, welche überhaupt über die Qualität der Medien zu befinden und eventuell besondere ethische Richtlinien zu erlassen habe . Damit rückt erneut die Gesamtgesellschaft ins Blickfeld, welche offenbar die Massenmedien unzulänglich institutionalisiert . Der Vergleich zwischen totalitären und fundamentaldemokratischen Systemen ergibt hier, daß in den ersteren zwar leicht eine solche Instanz zu bezeichnen wäre, das ganze Problem aber von geringer Relevanz für das System ist, während in den letzteren kaum eine solche Instanz ausgemacht werden kann, der Frage der publizistischen Ethik indes eine ganz erhebliche Bedeutung für das System zukommt . Die Zwangsverstaatlichung der Gesellschaft im ersten Fall bedeutet ja stets auch eine minutiöse Regelung der publizistischen Aktivität, und zwar in zwingendster Form: durch staatliche Setzungen . Der Spielraum ethischen Ermessens für die Publizisten, die überdies normalerweise dank ihrer bewiesenen Loyalität zur herrschenden Machtelite ihre Funktionen ausüben, ist dadurch dermaßen beschnitten, daß sich seine Diskussion hier erübrigt . Dementsprechend eindeutig ist es an der Machtelite, die ja z . B . auch schon die kulturellen Normen soweit möglich nach ihren politischen Bedürfnissen hierarchisiert hat, über die Qualität des Veröffentlichten zu befinden8 . Die zwangsverstaatlichte Gesellschaft ist also im idealtypischen Fall durch ein relativ widerspruchsfreies Wertsystem, dessen Homogenität freilich erzwungen wird, eine eindeutig designierte Instanz, welche die Massenmedien qualifiziert und eine lückenlose, absolut verbindliche gesellschaftliche Regelung der Massenkommunikation charakterisiert . Die demokratische Gesellschaft hingegen, wie Kate Smiths Sendung beweist, erfüllt kein einziges dieser drei Merkmale . In ihr gilt ja einmal für die Aktivität der Massenmedien das Prinzip der Pressefreiheit . Verwirklicht wird dieses idealtypisch auf zwei Arten: In fundamental-demokratischen Systemen kommt der Frage der publizistischen Ethik eine ganz erhebliche Bedeutung zu. ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 23 20.02.2017 10:05:07 24 Ulrich Saxer Entweder konkurrieren die Massenkommunikationsmittel im Rahmen der allgemeinen staatlichen Gesetzgebung als Wirtschaftsunternehmen auf dem Kommunikationsmarkt oder sie produzieren als Monopolbetriebe unter halb staatlicher, halb gesellschaftlicher Kontrolle gemäß demokratischen Proportionalitätsprinzipien . Entscheidend ist, daß in beiden Fällen den publizistischen Institutionen eine gewisse Autonomie gegen- über der Staatsmacht und ihrer Gesetzgebung eingeräumt wird, ja daß sogar gesetzliche Privilegien ihnen eine besonders ungehinderte Tätigkeit garantieren . Der Zweck, den die demokratische Gesellschaft mit dieser Befreiung der Massenmedien von staatlichem Zwang und damit von der Verpflichtung auf eine bestimmte publizistische Linie verfolgt, ist natürlich die unbehinderte Zirkulation der Informationen . Publizistik im totalitären Staat ist in erster Linie prägend, ein Instrument, das von der Machtelite auf die Gesellschaft angesetzt wird; in der Demokratie hingegen ist sie spiegelnd, Ausdruck und Selbstdarstellung der demokratischen Gesellschaft . Schon der Verzicht selber, die Massenmedien durchgehend staatlich zu normieren, zeugt von diesem kollektiven Selbstverständnis, die Gesellschaft gehe nicht im Staat auf und daher müßten auch ihre ganz unterschiedlichen Regulierungsmechanismen die publizistischen Prozesse mitregeln . Weitere allgemeine und spezielle kulturelle Normen, darunter ästhetische und eben auch ethische, bestimmen mithin stets die Publizistik der demokratischen Gesellschaft . Ihren Publizisten gewährt sie damit ganz beträchtliche Wahlmöglichkeiten zwischen verschiedenen Zwecken und Mitteln . Umgekehrt setzt aber dieser freiheitliche Institutionalisierungsmodus der Massenmedien ganz selbstverständlich voraus, daß sich die Publizisten nicht nur durch die staatliche Gesetzgebung gebunden fühlen . Diese spart sie ja gerade aus, privilegiert sie sogar vielfach, weil ihre Tätigkeit im öffentlichen Interesse liege . Beides geschieht natürlich in der Annahme, die Publizisten hielten sich zum ersten an die gesellschaftlich gängige Moral, und sie rechtfertigten, zweitens, ihre Privilegierung durch eine entsprechende berufliche Spezialethik . Ethische Verpflichtungen der Publizisten sind also mit der demokratischen Institutionalisierung der Massenkommunikationsmittel zum vornherein mitgesetzt, die Forderung, sie möchten diesen nachkommen, mithin legitim9 . Das Postulat einer publizistischen Ethik, die Dauerdiskussion darum in den modernen demokratischen Gesellschaften, ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 24 20.02.2017 10:05:07 25 verraten sogar an sich ein verbreitetes Verständnis für die systemgemäßen Erfordernisse der publizistischen Tätigkeit . Eine befriedigende Verwirklichung dieser Forderungen hängt allerdings, wie angedeutet, an der Möglichkeit, verbindliche Beurteilungsinstanzen für die Qualität der Publizistik auszumachen, und an der Einheitlichkeit des jeweiligen gesellschaftlichen Normensystems, und beide Bedingungen sind eben kaum je erfüllt . Postulierende Gruppen Die verschiedenen Gruppen, die eine bessere publizistische Ethik verlangen, tun dies ja regelmäßig weder bei denselben Anlässen noch im gleichen Sinne, sehr oft indes mit den gleichen Argumenten und Begriffen . Idealtypisch sind hier in erster Linie politische bzw . wirtschaftliche Kräfte, z . B . Parteien und Verbände, und kulturrepräsentierende und -vermittelnde Kreise, z . B . kirchliche und pädagogische, von Bedeutung . Politische, wirtschaftliche und kulturelle Werte, Bedürfnisse und Interessen decken sich also keineswegs, polarisieren sich vielmehr gerade bei dieser Diskussion häufig, und zugleich offenbart sich hier eine starke Spannung zwischen gesellschaftlicher Wertwelt und tatsächlichem gesellschaftlichem Funktionieren überhaupt . Dieser Zustand mehr oder minder gravierender gesellschaftlicher Anomie10 zeigt sich dabei vor allem eben auch im Gegensatz zwischen jenen Instanzen, die politische und wirtschaftliche Projekte verwirklichen, und jenen, die vornehmlich kulturelle Normen artikulieren, tradieren und überwachen . Die publizistischen Institutionen, als soziokulturelle, sind natürlich diesen Widersprüchen in besonderem Maß ausgesetzt . Seien sie marktabhängig oder halbstaatlich, stets haben ihre Leistungen dem tatsächlichen gesellschaftlichen Funktionieren zu dienen und doch den kulturellen Normen zu genügen, da ja bloß unter dieser Voraussetzung auf ihre lückenlos zwingende gesetzliche Regelung verzichtet wird . Kate Smith z . B . befriedigte mit ihren Radioappellen höchst erfolgreich verbreitete sozialpsychische Bedürfnisse und förderte auch das wirtschaftliche Gemeinwohl, indes mit einer anfechtbaren publizistischen Technik . Diese verstieß nämlich gegen die politisch wie gesamtkulturell ebenfalls gegebene Verpflichtung der Publizisten, den Rezipienten durch objektive Urteilsgrundlagen sachangemessene individuelle Entscheidungen zu ermöglichen . Publizistische Ethik und gesellschaftliche Realität Publizistische Institutionen haben mit ihren Leistungen dem tatsächlichen gesellschaftlichen Funktionieren zu dienen und doch den kulturellen Normen zu genügen. ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 25 20.02.2017 10:05:07 26 Ulrich Saxer Die für die Sendung Verantwortlichen konnten dabei allerdings die kollektive Notsituation, den Kriegszustand, geltend machen, der zur Währungssicherung auch problematische Mittel rechtfertige, um so mehr als ihre Aktion auch der nationalen Wertintegration gedient habe . Gesinnungsethisch sei ihr Verhalten zwar kritisierbar, verantwortungsethisch aber weitgehend vertretbar . Dem kann entgegengehalten werden, bei diesem manipulativen Einsatz des Massenkommunikationsmittels seien nicht nur die Würde der rezipierenden Individuen und die kulturelle Wahrheitsnorm verletzt worden; sondern auch die Basis des demokratischen Konsenses, ein gewisses Vertrauen, werde auf diese Weise letztlich unterhöhlt; nicht nur prinzipiell, sondern auch seiner tatsächlichen Folgen wegen sei dieses publizistische Wirken verwerflich . Zu den Widersprüchen zwischen den gesamthaft zu respektierenden Normen kommen mithin auch die Unterschiede zwischen den jeweiligen Situationen, in denen publiziert wird, und dies in einem gesellschaftlichen Ganzen, das durch unterschiedliche und häufig schwache Internalisierung vieler kultureller Normen charakterisiert ist . Die Postulate der verschiedenen Gruppen an die Publizisten müßten also für diese die widerstrebenden Normen entweder prinzipiell und verbindlich hierarchisieren oder zumindest verpflichtende situationsethische Lösungen darstellen . Dabei müßten insbesondere gesinnungs- und verantwortungsethische Positionen versöhnt werden können, deren von Max Weber beschriebener Gegensatz offenbar auch noch in den westlichen Gesellschaften von heute Ausdruck elementarer Norm- und Rollenkonflikte ist11 . Die Vorschläge der postulierenden Gruppen fallen indes in Wirklichkeit regelmäßig dermaßen positionsgebunden aus, daß an ihnen das Fehlen einer allgemein anerkennbaren Qualifikationsinstanz für publizistische Leistungen nur zu offenkundig wird . Idealtypisch reagieren dabei z . B . die erwähnten politischen und wirtschaftlichen Kreise gewöhnlich okkasionell, d . h . immer dann, wenn Publizistik ihnen ihrer Meinung nach zu Unrecht die Durchsetzung ihrer Projekte erschwert . Die Forderung nach einer besseren publizistischen Ethik wird dabei von ihnen hauptsächlich im Namen eines störungsfreien gesellschaftlichen Funktionierens und der demokratischen Wertwelt erhoben . Da aber diese erst in der Gesetzgebung ihre wirklich verpflichtende Konkretisierung erhält und die Publizistik davon ja gerade weitgehend ausgespart bleibt, wird damit im Grunde nur ein Vorrang des Politischen oder Wirtschaftlichen ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 26 20.02.2017 10:05:07 27 vor dem Kulturellen behauptet, mangels zwingenderer Mittel aber zugleich auf kulturelle Normen rekurriert und aus der widersprüchlichen Fülle derselben Bestimmtes für das wirklich Verbindliche erklärt . Der Bereich der nichtgesetzlichen kulturellen Normierung, aus dem also die Postulate einer publizistischen Ethik abgeleitet werden müssen, erweist sich somit in solchen Gesellschaften als recht beliebig beanspruchbar . Dies ist vor allem ein Resultat des für sie charakteristischen kulturellen Pluralismus, der ein widersprüchliches und gerade von den Massenmedien allenthalben vermitteltes Überangebot an kulturellen Normen zeitigt, viele davon bloß partiell oder überhaupt kaum mehr internalisiert . Dieser kulturelle Pluralismus selber ist wieder Ausdruck einer Gesellschaft, die durch die Beschränkung der staatlichen Zwangsgewalt kulturelle Vielfalt gewähren lassen will12; daß die Massenmedien diese spiegeln, ist daher durchaus systemgerecht . Zugleich vollzieht sich aber damit das tatsächliche gesellschaftliche Funktionieren einesteils zwar gemäß recht verschiedenartigen kulturellen Standards, andernteils aber auch unter einer Art von kulturellem, insbesondere auch moralischem, Oberbau, der das individuelle und gruppenhafte Verhalten nur sehr bedingt und gesamthaft, jedenfalls schwach steuert . Dafür steht mit ihm den in diesen komplexen Gesellschaften tätigen Symbol- und Kommunikationsspezialisten ein Arsenal von kulturellen, darunter auch ethischen, Legitimationen zur Verfügung, unter denen diese in der hauptsächlich durch Massenmedien hergestellten Öffentlichkeit bestimmte partikuläre Ansprüche und Interessen vertreten . Das Korrelat des kulturellen Pluralismus bildet hier mit andern Worten eine massive Ideologisierung kultureller Normen, mit dem Resultat zusätzlicher Orientierungsschwierig keiten für Gutgläubige bzw . der Abwertung artikulierter kultureller Verbindlichkeiten überhaupt . Die Postulate der als Kulturrepräsentanten bezeichneten Kreise sind unter diesen Umständen materiell natürlich auch verschieden, ihre Argumentationsweise dafür gesamthaft umso ähnlicher . Im Unterschied zu den politischen und wirtschaftlichen Kräften fordern sie z . B . weniger okkasionell denn prinzipiell, andauernd, und zwar regelmäßig im Namen „wahrer“ oder „echter“ Kultur . Wenn die Selektion und Präsentation des publizierten Materials den Standards dieser jeweiligen Kulturideale Publizistische Ethik und gesellschaftliche Realität Der kulturelle Pluralismus ist Ausdruck einer Gesellschaft, die durch die Beschränkung der staatlichen Zwangsgewalt kulturelle Vielfalt gewähren lassen will. ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 27 20.02.2017 10:05:07 28 Ulrich Saxer entspricht oder diese gar ausdrücklich vertritt, dann erfüllen unter dieser Optik die Publizisten die ethische Norm . Damit spiegeln allerdings die Forderungen der kulturrepräsentierenden und -vermittelnden Kreise im allgemeinen auch bloß wieder deren eigene gesellschaftliche Position . Gewiß versehen sie in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung Aufgaben der Artikulierung, Tradierung und bis zu einem gewissen Grad auch Sanktionierung kultureller Normen und Muster, die Publizisten aber ja nicht minder . Die Kritik an der publizistischen Ethik, die etwa von Kirchen und Schulen ausgeht, ist also maßgeblich auch ein Kontrollversuch durch konkurrierende Institutionen, während die politischen und wirtschaftlichen Mächte damit in erster Linie ihren Willen als Benutzer der Massenmedien kundtun . Die typische Leistung von Kirchen und Schulen ist dabei die Systematisierung kultureller Muster und Normen, diejenige von Publizistik im gesamten hingegen, ihrem Institutionalisierungssinn nach, bloß die Repräsentation der kulturellen Vielfalt . Die prinzipielle Forderungsweise der ersteren wird daraus noch einmal verständlich, freilich auch deren beschränkte Sachgerechtigkeit und Gültigkeit . Den aus solchen pädagogischen und moralischen Systematiken abgeleiteten publizistischen Verhaltensregeln eignet ja auch wieder bloß eine ähnlich partikuläre Verbindlichkeit wie den ad-hoc-Forderungen der politischen und wirtschaftlichen Kräfte, und situationsethische Entscheidungshilfe im Widerspruch der Normen vermögen sie ihrer meist abstrakt-prinzipiellen Fassung wegen den Publizisten auch kaum zu geben . Der kulturelle Pluralismus solcher Gesellschaften zeitigt eben lediglich die Konkurrenz solcher kulturrepräsentierender und -vermittelnder Institutionen und keine ihn überwindende Instanz . Die dauernden Anstrengungen der andern kulturrepräsentierenden und -vermittelnden Gruppen, die Publizisten auf ihre bestimmten sittlichen Normen und Kulturstandards und nur diese zu verpflichten, sind darum gesamthaft auch nicht erfolgreicher als die okkasionellen Versuche der politischen und wirtschaftlichen Kräfte . Wie jene vermögen sie nur gemäß dem tatsächlichen gesellschaftlichen Einflußgefälle die publizistische Tätigkeit ethisch zu normieren . In den modernen demokratischen Gesellschaften bemühen sich also verschiedene Gruppen, aber eben bloß als selbsternannte Instanzen, die publizistische Ethik zu verbessern . Ihre Postulate sind gewöhnlich Ausdruck ihrer eigenen Position Die Kritik an der publizistischen Ethik, die von Kirchen und Schulen ausgeht, ist maßgeblich auch ein Kontrollversuch durch konkurrierende Institutionen. ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 28 20.02.2017 10:05:07 29 und folglich in erster Linie der Versuch von Gruppen, den größtmöglichen Teil der Gesamtpublizistik mit ethischen Mitteln zu kontrollieren . Was sie damit über den Bereich der ohnehin von ihnen abhängigen Publizistik erreichen, ist freilich meist bloß eine gewisse allgemeine Zustimmung zu ethischen Allgemeinformeln, die aber von den Publizisten in den täglichen Arbeitssituationen dann doch nach individuellem Gutdünken und gemäß dem tatsächlichen Einflußgefälle ausgelegt werden . Der Positionsgebundenheit der von verschiedenen Gruppen geforderten publizistischen Ethiken entspricht indes diese bloß partielle Verbindlichkeit; erst über die staatliche Gesetzgebung werden sie für alle Publizisten verpflichtend . An Versuchen der postulierenden Gruppen, ihre Art von publizistischer Ethik zum Gesetz für alle zu machen, mangelt es denn auch nicht, selbstverständlich immer um des Gemeinwohls willen . Dies bedeutet indes, daß eine Majorität des Volkes bzw . der Parlamentarier für eine solche Beschränkung des Prinzips der Pressefreiheit gewonnen werden muß . Die Instanz, die in solchen Gesellschaften über die Qualität der Publizistik gültig befinden und eine entsprechende Ethik tatsächlich sanktionieren kann, ist mit andern Worten eine immer wieder wechselnde gesamtgesellschaftliche Mehrheit und darum nicht fest designierbar . Sie bestimmt, auch wieder bloß von Fall zu Fall, was „Gemeinwohl“ materiell heißen soll . Eine Mehrheit findet sich aber bezeichnenderweise in diesen Gesellschaften gewöhnlich nicht zu mehr als zur zwingenden Durchsetzung allgemeiner kultureller Selbstverständlichkeiten in der Publizistik bereit, weil sie die Verschiedenartigkeit der publizistischen Produktion als Funktionserfordernis und adäquaten Spiegel solcher Gesellschaften erachtet . Die Publizisten bleiben damit als unentbehrliche Spezialisten von einer schlechthin zwingenden Mehrheitskontrolle weitgehend verschont13, aus der Einsicht heraus, daß sie nur so die publizistische Selbstdarstellung der demokratischen pluralistischen Gesellschaft leisten können . Den verschiedenen gesellschaftlichen Einflüssen werden sie folglich preisgegeben, und doch wird ein besonderes ethisches Verhalten von ihnen erwartet, das indes von keiner klaren Instanz vorartikuliert, überwacht, sanktioniert wird . Zwar treten verschiedene postulierende Gruppen mit diesem Anspruch auf, aber ihre Forderungen sind letztlich Ausdruck „falschen“ Bewußtseins oder der Versuch, solches zu verbreiten . Die demokratischen modernen Gesellschaften rechnen also mit einer besonderen Berufsethik Publizistische Ethik und gesellschaftliche Realität ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 29 20.02.2017 10:05:07 30 Ulrich Saxer der Publizisten als Gesamtgruppe und behindern durch ihre soziokulturelle Realität zugleich die Kodifizierung und Praktizierung einer solchen . Publizistische Ethik als Realität Trotzdem liegen in solchen Gesellschaften berufsethische Codices für die in Presse und Film, an Radio und Fernsehen Tätigen in großer Zahl vor14, Ethiken, die sich gesamthaft erst noch stark gleichen . Das legitime Postulat einer besonderen publizistischen Ethik bringt also zumindest entsprechende Wegleitungen hervor, deren Inhalt und Verbindlichkeit nach dem Vorherigen freilich problematisch sein dürfte . Es sind daher (1 .) diese publizistischen Codices im Lichte der beschriebenen gesamtgesellschaftlichen Wirklichkeit zu würdigen . Dabei steht zum vornherein fest, daß solche Richtlinien zwar möglicherweise den Publizisten bei ihren Entscheidungen in Normkonflikten helfen können, diese aber nicht etwa aus der Welt schaffen . Es sollen deshalb (2 .) noch solche grundsätzlichen publizistischen Rollenkonflikte zur Sprache kommen . Publizistische Codices Unter diesen zusätzlichen Regelungsversuchen von Publizistik sind idealtypisch diejenigen, die auf publizistische Institutionen zielen, von denjenigen zu unterscheiden, welche die Publizisten selber betreffen . Natürlich stellen diese definitionsgemäß einen sehr wichtigen Teil des Personals, durch das die publizistischen Institutionen überhaupt ihre Funktionen erfüllen; weil aber eben Personal und Institutionen hier wie überall keineswegs identisch sind, bestehen auch prinzipielle Unterschiede zwischen den beiden Arten von publizistischen Codices . Immerhin nicht solch radikale, daß sie die bedeutenden Gemeinsamkeiten dieser Codices verdunkelten . Deren wichtigste ist, daß im Grunde alle jenen Qualifikationsmaßstab bzw . jene Qualifikationsinstanz implizieren, deren Fehlen im Vorherigen begründet wurde . Regelmäßig wird nämlich in ihnen die besondere Verantwortung der Publizisten und Massenmedien gegenüber der Öffentlichkeit bzw . der Gesellschaft hervorgehoben und die Qualität solch verantwortungsvoller Publizistik am Gemeinwohl und an der kulturellen Wertwelt gemessen . Da aber das erstere nur von Fall zu Fall bestimmt werden kann und die letztere widersprüchlich ist, enthalten diese prinzipiellen Partien der publizistischen Codices gewöhnlich auch nicht viel mehr als jene kulturellen Selbstverständlichkeiten, die schon ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 30 20.02.2017 10:05:07 31 das Gesetz vorschreibt, und, gewiß, eine Fülle von ethischen Allgemeinformeln15, die indes fast jeder Auslegung zugänglich, erst in situationsethischen Konkretisationen hilfreich werden und nur bei entschiedener Sanktionsgewalt und -bereitschaft die publizistische Berufsausübung tatsächlich steuern . Gerade ihrer Allgemeinheit wegen sind freilich diese ethischen Formeln vielfach die gleichen wie diejenigen, welche die postulierenden Gruppen vertreten und entstammen auch meist dem gleichen, früher erwähnten Arsenal . Ein Einverständnis zwischen diesen Gruppen und den Publizisten, die ja im Normalfall diese Codices als Verbandsarbeit selber verfassen und genehmigen, besteht aber gerade nicht – darum postulieren schließlich jene . Die Übereinstimmung ist also bloß eine verbale, und das dürfte häufig auch der Sinn dieser allgemeinen Fundierungs- und Umschreibungsversuche einer publizistischen Ethik in diesen Codices sein . Was als materiale Bestimmung der eigenen berufsethischen Basis beliebig dürftig anmutet, dient also wohl in Wahrheit vor allem der Beschwichtigung der postulierenden Gruppen . Unter den Kodifikationen, welche sich auf publizistische Institutionen beziehen, sind natürlich wieder diejenigen für rein privat kontrollierte Massenmedien von denjenigen für halbstaatlich institutionalisierte verschieden, freilich auch wieder nicht dermaßen, daß nicht auch bestimmte Ähnlichkeiten sofort auffielen . Da ja in den allgemeinen Klauseln eine positive ethische Fundierung der publizistischen Tätigkeit nicht recht glückt, wird hier nämlich regelmäßig versucht, sozusagen negativ: durch die Bezeichnung bestimmter publizistischer Schonbezirke, zu einer publizistischen Ethik zu kommen . Diese Schonbezirke sind im wesentlichen immer die gleichen: einerseits die Jugendlichen, andererseits Religion, Ehe und Familie, gewisse kulturelle Institutionen also16 . Die vorher erst vermutete Konzession an postulierende Gruppen wird hier offenkundig, decken sich doch diese Schutzsphären recht genau mit den Bereichen, die z . B . Schulen und Kirchen am intensivsten zu kontrollieren suchen . Die von publizistischer Seite verfaßten und veröffentlichten Ethik-Entwürfe erweisen sich damit erwartungsgemäß viel stärker als Zeugnisse von Strategie denn von Philosophie, als Resultate des gesellschaftlichen Einflußgefälles denn des ethisch bemühten Sichtens von Normwidersprüchen . Im Grunde rät diese negative Publizistische Ethik und gesellschaftliche Realität Die von publizistischer Seite verfaßten Ethik-Entwürfe erweisen sich erwartungsgemäß viel stärker als Zeugnisse von Strategie denn von Philosophie. ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 31 20.02.2017 10:05:07 32 publizistische Ethik den Publizisten einfach zur Vorsicht in Bereichen, wo die konkurrierenden Institutionen wahrscheinlich sanktionsmächtig genug sind, die publizistische Unterbietung ihrer kulturellen Standards empfindlich zu ahnden . Die kodifizierte Ethik der publizistischen Institutionen verpflichtet also diese dazu, gewisse Publica und Märkte nur mit Produkten eines bestimmten kulturellen Standards zu beliefern, der im kulturellen Pluralismus dieser Gesellschaft keineswegs allgemein verbindlich ist . Diese ergiebigen Märkte gerade mit einem andern Angebot als die konkurrierenden Institutionen zu erobern, ist indes ein Erfolgserfordernis von Publizistik, die publizistische Erfassung möglichst vieler Bevölkerungsschichten in solchen komplexen Großgesellschaften eine Notwendigkeit, die publizistische Repräsentation verschiedener kultureller Standards legitim . So erstaunt es denn nicht, daß in den konkreteren Weisungen solcher Codices die publizistische Realität immer wieder diese fremdbestimmte und darum negative publizistische Moral durchlöchert, ganz zu schweigen von der tatsächlichen Produktion . In den peniblen Katalogen tolerierter Küsse, Morde und Entblößungen17 zumal zeigen sich mit ebenso lächerlicher wie betrüblicher Drastik der Widerspruch zwischen angenommener ethischer Instanz und gängiger Praxis und zugleich ein Schematismus, der weder der Komplexheit und der Verschiedenartigkeit der publizistischen Arbeitssituationen noch der Vielfalt der publizistischen Gestaltungsmöglich keiten Rechnung trägt . Daß man von diesen primitiven Normierungsversuchen, die zur publizistischen Doppelmoral geradezu einladen, allmählich abkommt und vermehrt durch situationsethische Kasuistik anhand von konkreten, realen Fällen ethische Klärung und Steuerung anstrebt18, bedeutet da immerhin einen beträchtlichen Fortschritt . Dennoch dürfte eine Publizistik, die einer bestimmten elitären oder traditionalistischen Kultur ideologie Lippendienste leistet und sie gleichzeitig mit ihrer Präsentationstechnik doch ständig verrät, Zynismus bei Publizisten und Rezipienten zeitigen . Freilich können auch diese kodifizierten Kulturverpflichtungen erst im Lichte ihrer tatsächlichen Sanktionierbarkeit richtig gewürdigt werden . Den Codices, die halbstaatliche Institutionen betreffen, eignet da im allgemeinen eine stärkere Verpflichtungsgewalt, resultieren sie doch aus gesetzgeberischen Akten bzw . spiegeln den Willen der wichtigsten gesamtgesellschaftlichen Gruppen, die im nationalen Massenmedium zur Repräsentation drängen und sind nicht etwa bloß Selbstrege- Ulrich Saxer ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 32 20.02.2017 10:05:07 33 lungsversuche der publizistischen Institutionen wie im Fall der privat kontrollierten Massenkommunikationsmittel . Während die Codices der letzteren z . B . die Massenbildpresse oder die Filmindustrie gerade vor einer intensiveren staatlichen Normierung bewahren sollen, sind also diejenigen der halbstaatlichen Rundfunk- und Fernsehgesellschaften letztlich Konkretisierungen der bestehenden Rahmengesetzgebung, die durch die wichtigsten gesellschaftlichen Gruppen sanktioniert werden . Eine Instanz, die das ethische Verhalten der Publizisten in diesen halbstaatlichen Institutionen vorschreiben kann, ist damit zweifellos gegeben, das Problem der publizistischen Ethik indes wird dadurch lediglich auf eine andere Ebene verschoben . Sind nämlich diese Codices eigentliche und detaillierte Gesetzeswerke, dann wird das Problem der publizistischen Ethik einfach durch teilweise Preisgabe des Prinzips der Pressefreiheit gelöst19 . Ohne eine solche Gesetzgebung vermögen dagegen die proportional den wichtigsten gesellschaftlichen Gruppen besetzten Überwachungsgremien auch nicht viel mehr als in der publizistischen Produktion Proportionalität gemäß den von ihnen repräsentierten Interessen zu erwirken . Daraus resultieren entweder als publizistische Kardinaltugend die Vorsicht vor diesem „Kartell der stärksten Gruppen“20 und damit eine Ethik des geringsten Widerstandes oder, bei proportionaler Besetzung der publizistischen Schlüsselpositionen solcher Institutionen, ein Nebeneinander von Anhängern verschiedener publizistischer Ethiken und damit eine entsprechend widersprüchliche Produktion, die den geringen Wert solcher Kodifikationen beweist . Die grundsätzlich geringere Sanktionierbarkeit publizistischer Selbstkontrollen schließlich, zielen sie nun auf private Massenmedien oder auf die publizistischen Berufe, hängt natürlich damit zusammen, daß es sich bei ihnen regelmäßig bloß um interne Absprachen handelt . Ihre Verbindlichkeit endet dort und dann, wo und wenn Massenkommunikationsmittel bzw . Publizisten damit rechnen, ihren wirtschaftlichen, politischen oder kulturellen Zielen ohne oder gegen sie besser dienen zu können . Zumal bei den Selbstkontrollen ganzer Mediengruppen geht es ja viel weniger um ethische Selbstbindung als um Präventivmaßnahmen zur Sicherung eines dadurch zwar beschränkt freien, dafür um so ungestörteren und erfolgreicheren Geschäftsgangs . Die Ethik dieser Vereinbarungen ist somit vornehmlich eine, die das gerade Günstige im Auge hat, und ihre Satzungen werden baldmöglichst revidiert, wenn sich das gesellschaftliche Einflußgefälle verlagert hat . Publizistische Ethik und gesellschaftliche Realität ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 33 20.02.2017 10:05:07 34 Auch die Ehrencodices der Publizisten21 sind, wenn auch in geringerem Maß, von solcher Doppeldeutigkeit gezeichnet . Bei diesen Regeln, wie z . B . Informationen korrekt zu sammeln und zu verwerten seien, handelt es sich ja ebensosehr um öffentliche Beschwichtigungsgesten wie um moralische Binnenzensur, um Standesgeltung und Standespolitik wie um berufliche Leistungskontrolle22 . Im übrigen hängt natürlich alles davon ab, wie weit die publizistischen Institutionen als die Arbeitgeber der Publizisten diese Normen sanktionieren . Je schärfer die Konkurrenz unter diesen ist, desto größer wird offenbar die Wahrscheinlichkeit, daß sie um erfahrungsgemäß zu gewinnender Vorteile willen von ihren publizistischen Mitarbeitern Leistungen verlangen, die nur unter Verletzung dieser ethischen Minimalanforderungen zustandekommen können . Die häufige Forderung, es dürften Publizisten nicht von ihren Arbeitgebern gezwungen werden, gegen ihre eigene Überzeugung zu publizieren, spiegelt diese Sanktionsproblematik deutlich genug und entspricht gewiß elementaren Normen solcher Gesellschaften . Damit beanspruchen allerdings die Publizisten letztlich doch wieder das Recht, über die Normkonflikte, in die sie bei ihrer Berufstätigkeit geraten, allein zu befinden, und auf diese Weise bleibt das Problem einer zusätzlichen Regelung von Publizistik in Form einer entsprechenden Ethik weiterhin ungelöst . Publizistische Rollenkonflikte Gesamthaft scheinen also die publizistischen Codices eher Alibifunktionen gegenüber der Öffentlichkeit zu erfüllen als die publizistische Tätigkeit wirklich gemäß bestimmten ethischen Prinzipien zu steuern . Zugleich kann auch nicht übersehen werden, daß sich die gegenseitige Kritik der Massenmedien in dieser Hinsicht gewöhnlich in sehr bescheidenem Rahmen hält . Darin äußert sich wohl die Soldidarität einer sonst durchaus nicht geeinten Berufsgattung inkommensurablen gesellschaftlichen Forderungen gegenüber, spiegelt sich ihre Weigerung, die ethischen Widersprüche, welche die Gesellschaft selber hervorbringt, stellvertretend auf sich zu nehmen; im allgemeinen publizistischen Verhalten zeigen sich die ethischen Paradoxien einer von Massenmedien herzustellenden Öffentlichkeit überhaupt . Unter den unzähligen ethischen Konflikten, die den Trägern der publizistischen Rollen in solchen Gesellschaften zu lösen angesonnen wird, sollen daher immerhin noch einige grundsätzliche umrissen werden . An ihnen soll zumindest klar Ulrich Saxer ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 34 20.02.2017 10:05:08 35 werden, was es heißt: Redaktionsdienst zu leisten, zu publizieren, Entscheidungen zu fällen unter widersprüchlichen, ungeklärten ethischen Auflagen . Als erstes und meistdiskutiertes Dilemma soll dasjenige der Publizisten erörtert werden, die für private, also liberal institutionalisierte Massenkommunikationsmittel tätig sind . Dieser Institutionalisierungsmodus ist dadurch gekennzeichnet, daß, wie erwähnt, einesteils die staatliche Gesetzgebung gewisse Minimalforderungen stellt und andernteils das Massenmedium den wirtschaftlichen Regulierungsmechanismen überantwortet ist . Dem Publizisten wird damit angesonnen, der Gesamtgesellschaft eine für deren Bestand unerläßliche öffentliche Dienstleistung zu erbringen und zugleich die für den Bestand seines Massenmediums unentbehrliche bestverkäufliche Ware zu produzieren . Die Publikumsmaximierung ist folglich ein zwingendes Gebot, da nur dann der betreffenden illustrierten Zeitschrift oder kommerziellen Fernsehstation die Insertionsgelder, auf die sie für ihre Existenz angewiesen sind, in genügendem Maß zuströmen . Genau genommen müssen also diese Publizisten einesteils sogar bloß Massenpublica für Warenverkäufer werben und andernteils ihre Rezipienten mit Informationen versehen, die diesen die Wahrnehmung ihrer demokratischen Partizipationsrechte gestatten . Dazu kommen, als drittes, häufig noch die kulturellen Auflagen der Selbstkontrolle . Der publizistische Rollenkonflikt gründet nun natürlich darin, daß nach allgemeiner Geschäftserfahrung staatsbürgerlich relevante Information und höhere kulturelle Standards die Publikumsmaximierung im Freizeitraum, in den die Massenmedien ja hineinproduzieren, gewöhnlich erschweren . Da aber die wirtschaftliche Selbsterhaltung des Massenkommunikationsmittels Voraussetzung ist, daß es überhaupt seinen Beitrag an das Funktionieren der Demokratie und eventuell die kulturelle Wertwelt leisten kann, ist allein schon durch den Institutionalisierungsmodus bis zu einem gewissen Grad der Primat des Wirtschaftlichen gesetzt . Zugleich steht damit solchen Institutionen der Massenkommunikation eine bequeme Ideologie zur Verfügung, mit der sie ihren Geschäftswillen sowohl vor der Öffentlichkeit wie gegen ethisch anspruchsvollere Mitarbeiter rechtfertigen können . Diese hingegen sind offenbar ständig dem Widerspruch zwischen gesinnungsethischen und verantwortungsethischen Verpflichtungen und überdies auch Publizistische Ethik und gesellschaftliche Realität Publizistische Codices scheinen eher Alibifunktionen zu erfüllen als die publizistische Tätigkeit wirklich zu steuern. ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 35 20.02.2017 10:05:08 36 noch demjenigen zwischen verschiedenen Verantwortlichkeitsbereichen ausgesetzt . Dem liberalen Institutionalisierungsmodus liegt ursprünglich ein radikal individualistisches Ethos zugrunde, das den Rezipienten zutraut, sie erwählten aus der Fülle des Veröffentlichten das ihnen Zuträgliche, und den Publizisten, ihr individuelles Gutdünken bringe diese Vielfalt zustande . Liberale Institutionalisierung verpflichtet damit den Publizisten zuallererst zu einem gesinnungsethischen Handeln . Das Zeitalter des Liberalismus ist (oder war) nicht zufälligerweise dasjenige der Gesinnungspresse . Deren Rückläufigkeit beweist indes, daß der größte Teil des Publikums gerade dasjenige nicht mehr will, was viele Postulate der kulturrepräsentierenden und -vermittelnden Gruppen von den Publizisten privater wie halbstaatlicher Massenkommunikationsmittel verlangen, eben die unbedingte Verfechtung bestimmter Normen des Guten, Wahren, Sittlichen . Die Publizisten privater Massenmedien können also aus Verantwortlichkeit für das wirtschaftliche Überleben ihrer publizistischen Institution die in Familie, Schule oder Kirche gelernten ethischen Prinzipien nicht kompromißlos praktizieren, und die Mitarbeiter halbstaatlicher Massenkommunikationsmittel nicht, weil diesen Monopolbetrieben die Repräsentation unterschiedlich widersprüchlicher Kulturnormen obliegt, und auch aus Verantwortung für das nur von Fall zu Fall bestimmbare Gemeinwohl . Darum werden gerade von ihnen z . B . Aufwertungspläne der Regierung noch entschieden dementiert, wenn Indiskretionen von Aufwertungsgegnern sie längst vom Gegenteil überzeugt haben . Im Problem der publizistischen Ethik offenbart sich damit wieder dasjenige des öffentlichen, stellvertretenden Handelns überhaupt23 . Geplante Veränderungen der Währungsparität z . B . werden ja auch von den Regierungen regelmäßig unter systematischer Irreführung der Öffentlichkeit verwirklicht, um des wirtschaftlichen Gemeinwohls willen . In situationsethischer Entscheidung wird auch von ihnen immer wieder praktiziert, was Merton Kate Smith vorwarf: die Manipulation der Allgemeinheit im Interesse der Allgemeinheit . Während kulturrepräsentierende und -vermittelnde Gruppen ein Stellvertretungsrecht bei ihren prinzipiellen Postulaten beanspruchen, das ihnen nicht zusteht, verraten also die legitimen Stellvertreter der Allgemeinheit von Fall zu Fall die Prinzipien, unter die sie – zumindest öffentlich – ihr Handeln stellen24 . Prinzipielles fordern die ersteren, ohne daß sie dafür die praktische Verant- Ulrich Saxer ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 36 20.02.2017 10:05:08 37 wortung tragen müssen; Verantwortung wird, im günstigen Fall, von den letzteren bewiesen, und mit einem späteren Wahlerfolg sanktioniert vielleicht die Gesamtgesellschaft als die einzige designierbare Instanz ihr Verhalten . Von den Publizisten hingegen wird in solchen Gesellschaften offenbar beides erwartet: Gesinnungs- und Verantwortungsethik zugleich, und die letztere soll wiederum so beschaffen sein, daß sie das Plebiszit des Publikums gewinnt, aber auch das Gemeinwohl verbürgt . Zwar wird im 20 . Jahrhundert vor allem der Ruf nach einer publizistischen Verantwortungsethik laut25, diese allein genügt indes nicht, um z . B . den Pragmatismus der Regierenden zu kontrollieren26 . Neben dem jüngeren halbstaatlichen Institutionalisierungsmodus, einem demokratischen Regelungstyp, der bis zu einem gewissen Grad publizistische Verantwortungsethik erzwingt, besteht denn auch nach dem Willen dieser Gesellschaften die liberale, die private Institutionalisierungsweise von Massenkommunikationsmitteln weiter . Manipulation der Allgemeinheit im Interesse der Allgemeinheit scheint freilich in solchen demokratischen Großgesellschaften, wo über eine durch Massenmedien hergestellte Öffentlichkeit das allgemeine Gute verwirklicht werden muß, das weitaus tauglichste Mittel zu sein, dieses Ziel zu erreichen . Das jeweilige Gemeinwohl, wenn es von den kompetenten und verantwortlichen Stellen ermittelt worden ist, ist ja meist derma- ßen kompliziert, das Resultat von Spezialistenkalkulationen im Bereich der sekundären Systeme27, daß es das Durchschnittsverständnis und die allgemeine praktische Lebenserfahrung bei weitem übersteigt . Darum gehört bekanntlich zur demokratischen Regierungstechnik vor allem auch die Kunst des „Wie sag ich‘s meinen Kindern“, und zwar im wörtlichsten Sinn: Zustimmung zum Notwendigen im entfremdeten sekundären Sozialhorizont wird nämlich regelmäßig durch den Appell an moralische Vorstellungen gewonnen, die primärgruppenhaften Verpflichtungen entstammen und entsprechen, also im Grunde durch die psychologische Ausbeutung des primären Sozialhorizonts28 . Es bringt eben die demokratische Großgesellschaft keine umfassend-verbindliche Ethik hervor, die ihren Pluralismus und ihre Dichotomien unter anspruchsvolleren Kulturnormen wieder vereinigte, sondern nur eine Öffentlichkeitstechnik, die von Fall zu Fall irgendein gesellschaftliches Funktionieren ermöglicht, und ihrer bedienen sich wie die Regierenden, die Geschäftsleute und die politisierenden Kirchen auch die Publizisten . Publizistische Ethik und gesellschaftliche Realität ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 37 20.02.2017 10:05:08 38 Der Großerfolg von Kate Smith und ihrer publizistischen Ratgeber bei der Sicherung der amerikanischen Währung verdeutlicht damit noch einmal unmißverständlich das ganze Problem: Es gibt in solchen Gesellschaften eine wirksame publizistische Technik des Vermittelns, aber keine verbindliche publizistische Ethik des Übersetzens . Zu übersetzen sind ja von allen stellvertretend und öffentlich Handelnden gesellschaftliche Tatbestände und Traktanden in öffentliche Aussagen, auf Grund derer die Gesellschaftsmitglieder ihre Entscheidungen fällen können und sollen . Sach- und publikumsgerecht müßte somit Publizistik als das wichtigste Medium dieser Übersetzung sein, authentischer Ersatz für die fehlende Direkterfahrung einer weiteren Umwelt, die einen bestimmt und über die man befinden muß, obwohl man sie nicht durchschaut . Weil aber die Rezeptionsvorgänge gruppenhaft und subjektiv verschieden verlaufen, läßt sich auch Sachgerechtigkeit, „Objektivität“, nicht allgemein gültig bestimmen . Entsprechenden Normierungen eignet darum regelmäßig die Willkür der gerade gegebenen Machtverhältnisse, wie extrem im totalitären Institutionalisierungsfall, oder das geringe materiale Bestimmungsvermögen bloßer allgemeiner Sicherungstechniken, wie in den erwähnten publizistischen Ehrencodices . Der publizistische Schein in solchen Gesellschaften, damit er doch das Vertrauen der Rezipienten erhält, muß deshalb zumindest authentisch wirken, und in dieser Richtung verbessern sich denn auch konsequenterweise die technischen Apparate und professionellen Leistungen weitaus am stärksten29 . Auch schon an Kate Smith war es vor allem ihre „Echtheit“, welche die Zuhörer überzeugte und sie zu Opfern gemäß einer Moral trieb, auf welcher der Unterhaltungsstar lediglich virtuos spielte, zu Opfern, die indes gesamthaft auch wieder im wohlverstandenen Interesse dieser Rezipienten lagen und überdies Forderungen abstrakterer und von diesen gleichfalls anerkannter Normen erfüllten . So stark ist das Authentizitätserlebnis, das die Publizisten, nicht zuletzt um auch Gutes zu erreichen, ihren Rezipienten verschaffen, daß der Glaube an die Naturwahrheit des publizistischen Fotos und an die Televisionskamera als Lügendetektor nicht ausstirbt . Immer wieder wird aber auch solch gutgemeinte Publizistik als Schein, als bloße Veranstaltung entlarvt, und dann verstärkt sich das latente Mißtrauen gegen die unberechenbar fremde Umwelt, die doch die eigene Gesellschaft ist, oder wird in individuellen und kollektiven Globalverdächti- Ulrich Saxer So stark ist das Authentizitätserlebnis, daß der Glaube an die Naturwahrheit des publizistischen Fotos nicht ausstirbt. ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 38 20.02.2017 10:05:08 39 gungen von Publizistik als ständiger Manipulation manifest30 . Bei der Frage nach der publizistischen Ethik offenbart sich damit noch einmal eine verantwortungsethische Verpflichtung der öffentlich und stellvertretend Handelnden und Redenden schlechthin, nämlich diejenige zum gemeinwohlgerechten Abwägen der funktionalen und dysfunktionalen Wirkungen ihres Tuns . Mit wachsender Enttäuschung der Rezipienten verlieren ja z . B . nicht nur die Massenkommunikationsmittel die von Merton beschriebenen Mobilisierungskräfte zum gemeinsamen Guten, sondern zerbröckelt auch unter kurzfristigen Erfolgen das politische Fundament der Demokratie: ein gewisses Vertrauen in die öffentlich Tätigen31 . Umgekehrt könnte aber voraussichtlich auch wache Publikumskritik die Publizisten allmählich auf höhere ethische Standards als die jetzt gemeinhin von ihnen eingehaltenen verpflichten . Das Publikum indes, begeistert, daß es überhaupt vor der Kamera posieren darf oder in die Gazetten kommt, spielt selbst immer wieder mit32, wenn es um die Herstellung jenes schönen oder erregenden Scheins von Authentizität geht, den Publizistik offenbar zu geben hat und den man ihr zugleich vorwirft . Kritik und Komplizenschaft vermengen sich so auf Seiten des Publikums aufs unentwirrbarste, und darum hält es sogar die Verwendung gestellter Fotos als angeblich authentischer publizistischer Situationszeugnisse nur in krassen Fällen für unstatthaft33 . Ein Gutteil der Vorwürfe, die das Publikum gegen die Publizisten erhebt, fällt damit auf dieses selbst zurück . Der gern und oft geführte Schuldbeweis der Publizisten gegen das Publikum ist damit freilich so wenig geleistet wie derjenige der postulierenden Gruppen gegen die Publizisten . Als weitere, letzte Frage im Zusammenhang mit dem Problem der publizistischen Ethik drängt sich ja hier sofort auf: Kann das Publikum überhaupt wollen34, wenn es von der Publizistik anders konditioniert wird? Warum aber, stellt sich gleich die Gegenfrage ein, warum, wenn dem so ist, sind solche Gesellschaften so beschaffen, daß das Publikum sich auf diese Weise von der Publizistik konditionieren läßt? Auf diese Wechselfragen sind offenbar, ihrer Allgemeinheit wegen, keine sinnvollen Antworten mehr möglich . Immerhin weisen sie in einem letzten Horizont noch einmal auf einen Aspekt der Dialektik von Publizistik und demokratischen Gesellschaften hin, die das Problem der publizistischen Ethik nicht zur Lösung kommen läßt: Weil das Publikum nicht will, müssen die Publizisten nicht; weil die Publizisten nicht müssen, kann das Publikum nicht wollen . Publizistische Ethik und gesellschaftliche Realität ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 39 20.02.2017 10:05:08 40 Anmerkungen 1 Robert K. Merton: Mass Persuasion, New York-London 1946. 2 Merton: a.a.0., S. 175-189. 3 Merton: a.a.O., S. 187/188. 4 Vgl. z. B. Klaus Lefringhausen: Ethik des Informierens, in: „Die Mitarbeit. Zeitschrift zur Gesellschafts- und Kulturpolitik“, 15. Jg. (Mai/Juni 1966), S. 235 f. 5 Vgl. z. B. Renate Mayntz: Soziologie in der Eremitage?, in: Logik der Sozialwissenschaften, hrsgg. v. Ernst Topitsch, Köln-Berlin 1965, S. 526. Bezeichnend ist auch etwa, daß seit den 30er Jahren die Beiträge zu Themen der publizistischen Ethik im „Journalism Quarterly“ immer seltener werden. 6 Vgl. Soziologie, hrsgg. v. René König, Frankfurt a. M. – Hamburg 1967, S. 102, 298 und 322; zur Notwendigkeit eines umfassenden Betrachtungsansatzes siehe auch R. S. Downie: Government Action and Morality, London 1964, S. 15; Theodore Peterson, Jay W. Jensen und William L. Rivers: The Mass Media and Modern Society, New York/Chicago/ San Francisco/Toronto/London 1965, S. 245. 7 Vgl. Judith Janoska-Bendl: Methodologische Aspekte des Idealtypus, Berlin 1965. 8 Vgl. zu den totalitären Gegebenheiten die klassische Darstellung von Alex Inkeles: Public Opinion in Soviet Russia, Cambridge, Mass. 1950. 9 Vgl. z. B. E. J. B. Rose: Problems of Professional Standards, in: Press Councils and Press Codes, hrsgg. v. The International Press Institute, Zürich 41966, S. 3.; Jay W. Jensen: Freiheit der Presse: Ein Begriff auf der Suche nach einer Philosophie, in: „Publizistik“, 12. Jg. (1967), H. 2/3, S. 103. 10 Vgl. A Dictionary of the Social Sciences, hrsgg. v. Julius Gould und William L. Kolb, New York 1964, S. 29/30; Merton: a.a.0., S. 10/11. 11 Max Weber: Politik als Beruf, in: Gesammelte politische Schriften, hrsgg. v. Johannes Winckelmann, Tübingen 21958, S. 536 f. Freilich sollen die beiden Ethiken hier doch nicht dermaßen absolut einander entgegengesetzt werden, wie dies Max Weber tut (Vgl. Raymond Aron: Max Weber und die Machtpolitik, in: Max Weber und die Soziologie heute, Verhandlungen des 15. deutschen Soziologentages, Tübingen 1965, 117-119). Aufschlußreiche Beispiele gesinnungs- bzw. verantwortungsethischer Haltung in der heutigen Gesellschaft zitiert und diskutiert Gerhard Schmidtchen: Die befragte Nation, Frankfurt a. M. – Hamburg 1965, allenthalben. 12 Zum Begriff „Pluralismus“ vgl. auch Staat und Politik, hrsgg. v. Ernst Fraenkel und Karl Dietrich Bracher, Frankfurt a. M. – Hamburg 21964, S. 254. 13 Vgl. Helmut Schelsky: Gedanken zur Rolle der Publizistik in der modernen Gesellschaft, in: Schelsky: Auf der Suche nach Realität, Düsseldorf- Köln 1965, S. 310 f. Ulrich Saxer ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 40 20.02.2017 10:05:08 41 14 Solche Codices enthalten und diskutieren u. a. Stefan Barnberger: Christentum und Film, Aschaffenburg 1968; Die pädagogische Chance der technischen Medien, hrsgg. v. Heinrich Berresheim und Herbert Hoersch, Düsseldorf 1964; Karl-Werner Bühler: Die Kirchen und die Massenmedien, Hamburg 1968; Press Councils and Press Codes, hrsgg. v. The International Press Institute, a.a.O.; Selbstkontrolle von Presse, Funk und Film, hrsgg. v. Martin Löffler, München-Berlin 1960; William L. Rivers: The Mass Media, New York 1964; Presse-Reform und Fernseh- Streit, hrsgg. v. Otto B. Roegele und Peter Glotz, Gütersloh 1965; Wilbur Schramm: Responsibility in Mass Communication, New York 1957; Mass Media and Cornmunication, hrsgg. v. Charles S. Steinberg, New York 1966. 15 Vgl. z. B. Karl-Werner Bühler: a.a.0., S. 81/82; Press Councils and Press Codes, a.a.0., allenthalben; John C. Merrill: Who Can – or Should – Evaluate the Press?, in: „Gazette“, Vol. XII (1966), No. 2/3, S. 169. 16 Vgl. Anm. 14; ferner insbesondere Gustav Ermecke: Pressefreiheit und Presseverantwortung, Paderborn 1965, allenthalben; Wilbur Schramm: a.a.O., S. 292 ff.; Eberhard Stammler: Die erzieherische Seite der Selbstkontrolle, in: Selbstkontrolle von Presse, Funk und Film, hrsgg. v. Martin Löffler, a.a.O., S. 26-29; Fernand Terrou und Lucien Solal: Le droit de l‘information, Paris 1951, S. 413 f. 17 Vgl. u. a. Theo Fürstenau: Form und Moral, in: „Publizistik“, 5. Jg. (1960), H. 6, S. 399-408; Mass Media and Communication, hrsgg. v. Charles S. Steinberg, a.a.0., S. 493-517. 18 Vgl. z. B. Wilbur Schramm: a.a.O., S. 103/104; Eberhard Stammler: Illustrierten Selbstkontrolle vor einer Wende, in: „ZV+ZV“, 65. Jg. (1968), H. 25, S. 1070 f. 19 Vgl. z. B. Press Councils and Press Codes, a.a.O., S. 71. 20 Claus-Peter Gerber und Manfred Stosberg: Die Massenmedien und die Organisation politischer Interessen, Bielefeld 1969, S. 41. 21 Press Councils and Press Codes, a.a.0., allenthalben. 22 Vgl. u. a. Press Councils and Press Codes, a.a.O., S. 60; Form und Funktion der Presse-Selbstkontrolle, hrsgg. v. Martin Löffler und Jean Louis Hébarre, München 1968, S. 7 f.; G. Mueller: Zensur und Selbstkontrolle der Massenmedien in den Vereinigten Staaten von Amerika, in: Selbstkontrolle von Presse, Funk und Film, hrsgg. v. Martin Löffler, a.a.0., S. 30-38; Gerhard Schmidtchen: a.a.0., S. 151; Edgar Stern-Rubarth: Ethik und Geschäft der Presse, in: „Publizistik“, 9. Jg. (1964), H. 3. S. 209-212. 23 Den ganzen Fragenkomplex diskutiert sehr instruktiv R. S. Downie: a.a.O. 24 Vgl. z. B. Maurice Duverger: Introduccion à la politique, Paris 1964, S. 249/250. Publizistische Ethik und gesellschaftliche Realität ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 41 20.02.2017 10:05:08 42 25 Vgl. u. a. The Commission on Freedom of the Press: A Free and Responsible Press, Chicago 1947; Wilbur Schramm: a.a.0. 26 Vgl. Ludwig Freund: Politik und Ethik, Gütersloh 21961, S. 299. 27 Hans Freyer: Theorie des gegenwärtigen Zeitalters, Stuttgart 1955, S. 81 f. 28 Vgl. z. B. Merton: a.a.O., allenthalben. 29 Von der Presse über den Hörfunk bis zum Fernsehen wird ja den Rezipienten ein ständig zunehmendes Gefühl des „Dabei-Seins“ geboten. 30 Vgl. z. B. die stark gesinnungsethisch motivierten international zu beobachtenden Jugendrevolten. 31 Vgl. u. a. Rudolf Wildenmann und Werner Kaltefleiter: Funktionen der Massenmedien, Frankfurt a. M. – Bonn 1965, S. 62. 32 Vgl. u. a. Kurt Lang und Gladys Engel Lang: The Unique Perspective of Television and its Effects: A Pilot Study, in: Mass Communications, hrsgg. v. Wilbur Schramm, Urbana, III. 21960, S. 557. 33 Walter Wilcox: The Staged News Photograph and Professional Ethics, in: „Journalism Quarterly“, vol. 38 (autumn 1961), No. 4, S. 497 f. 34 Theodor W. Adorno: Kann das Publikum wollen? in: Vierzehn Mutmassungen über das Fernsehen, hrsgg. v. Anne Rose Katz, München 1963, S. 55-60. Ulrich Saxer ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 42 20.02.2017 10:05:08 43 Journalistische Berufsethik in der Journalistenausbildung Von Jürgen Wilke Prof. em. Dr. Jürgen Wilke war von 1984 bis 1988 Professor für Journalistik in Eichstätt. Danach bis zu seiner Emeritierung 2012 war er als Professor für Publizistik am Institut für Publizistik in Mainz tätig. Vorbemerkung Jürgen Wilke (geb . 1943), der in Mainz und Münster studiert hat, war der erste Inhaber des Eichstätter Lehrstuhls Journalistik I . Als er das Thema Ethik aufgriff, tat er dies, dem Eichstätter Auftrag gemäß, mit der Frage der journalistischen Berufsethik . Auch er sah die Kommunikationsethik noch nicht angekommen im Fach, als verdrängt; aber die Anzeichen hätten sich gemehrt, „daß man die journalistische Berufsethik nicht auf sich beruhen lassen sollte“ . Zuerst erschienen in Heft 2/1987, S . 113-124 . Wenn man die journalistische Berufsethik zu den Defi-ziten der Journalistenausbildung zählt1, so wird man damit heute großenteils Zustimmung finden . Die Gründe, warum dieses Thema vernachlässigt worden ist, sind vielfältig . Sie liegen zum einen in historisch-gesellschaftlichen Voraussetzungen, sind zum anderen aber – was die Universitäten angeht – vor allem wissenschaftsgeschichtlicher und wissenschaftstheoretischer Art . So lange normative Ansätze in der deutschen Zeitungs- und Publizistikwissenschaft Geltung besaßen, sparte man die ethische Dimension des Journalismus nicht aus . Nirgendwo ist dies deutlicher gewesen als bei Emil Dovifat, für den das Prinzip der Gesinnung in der Publizistik von zentraler Bedeutung war, der vom Journalisten zugleich aber auch Verantwortungsbewußtsein verlangte .2 Als solche normativen Ansätze durch die sozialwissenschaftliche Empirie verdrängt wurden, kam nicht nur das Interesse an ethischen Fragen abhanden, sondern es schwand auch die Überzeugung, sich dieses Themas überhaupt wissenschaftlich annehmen zu können . Denn bei kaum einem anderen Thema scheint es schwieriger, zu intersubjektiver Übereinstimmung zu gelangen, als wo es um Ethik geht . Dabei ist diese Unsicherheit der Wissenschaft ein Reflex auf den gewachsenen Wertepluralismus der Gesellschaft . Und damit ist das Problem MEDIENETHIK ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 43 20.02.2017 10:05:08 44 Jürgen Wilke der Verbindlichkeit aufgeworfen, mit der bestimmte Verhaltensweisen im Journalismus noch begründet und eingefordert werden können . Schließlich begegnet man gar einem Skeptizismus, ob das moralische Bewußtsein von Journalisten überhaupt „auszubilden“ bzw . die Befolgung bestimmter Normen durch sie erreichbar ist . Zumindest wird in Zweifel gezogen, daß das personalindividualistische Postulat, wie es der Ethik nach alter Tradition eigen ist, weiterhilft . Wichtiger als dieses, so wird heute mitunter argumentiert, seien bestimmte strukturelle Vorkehrungen im Mediensystem .3 Indessen haben sich in den letzten Jahren auch hierzulande die Anzeichen gemehrt, daß man die Vernachlässigung der journalistischen Berufsethik nicht auf sich beruhen lassen sollte . Zu allerletzt ließe sich dieses Defizit ja aus dem Eindruck rechtfertigen, der Journalismus sei „wertfrei“ geworden . Im Gegenteil: Der wissenschaftlichen Abstinenz scheint auf der Seite der Journalisten durchaus ein aus schwer faßbaren Quellen gespeistes normatives Bewußtsein gegenüberzustehen . Im übrigen steht die Vernachlässigung des Themas bei uns in einem auffälligen Kontrast zu der Bedeutung, die die journalistische Berufsethik oder Medienethik in der amerikanischen Journalistenausbildung besitzt . Belegt wird dies durch dortige Erhebungen4, aber auch durch eine rege Publikationstätigkeit auf diesem Feld .5 Nun mag beides noch nichts über die Effizienz der berufsethischen Unterweisung amerikanischer Journalistik- Studenten besagen . Aber man erkennt darin doch zumindest einen gewissen Reflexionsvorsprung . Daß die Zurückhaltung gegenüber dem Thema journalistische Berufsethik auch bei uns aufgegeben oder zumindest als leichtfertig empfunden wird, dürfte vornehmlich darauf zurückzuführen sein, daß man zunehmend wieder von einer großen Wirkung, ja einer Macht der Massenmedien ausgeht . Denn der Ruf nach der Ethik wird immer dann laut, wenn es um die Bewältigung von Folgeproblemen geht . Insofern steht die Aktualisierung der journalistischen Berufsethik heute in unverkennbarer Parallele zu den Bemühungen um eine (neue) Wissenschaftsethik .6 Zwar scheinen die Konsequenzen eines ethisch nicht verantworteten wissenschaftlichen Fortschritts weit über das hinauszugehen, was der Journalismus „anrichten“ kann . Aber dieser ist längst auch zu einer das gesellschaftliche System bewegenden Kraft geworden, die in ihrer Eigendynamik durchaus dysfunktionale Folgen hervorbringt . ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 44 20.02.2017 10:05:08 45 Journalistische Berufsethik in der Journalistenausbildung Behauptet man, wie dies hier eingangs geschah, die journalistische Berufsethik gehöre zu den Defiziten der Journalistenausbildung, so ist damit also nichts gerade Neues gesagt . Denn auch in der Bundesrepublik hat es in den letzten Jahren wieder verschiedene Ansätze zur Entwicklung oder Fundierung einer journalistischen Berufsethik gegeben . Der Moraltheologe Alfons Auer machte sich zwar durchaus zum Fürsprecher einer „immanenten Ethik“ der Medien: „Im Prozeß der sozialen Kommunikation“, so formulierte er, „handelt sittlich richtig, wer die in diesem Bereich geltenden Gesetzlichkeiten und die hier gegebenen Sinnziele respektiert .“7 Aber bei aller Offenheit, solche inneren „Gesetzlichkeiten“ oder „Sinnziele“ zu erkennen, gelangt er kaum über gut gemeinte, aber wenig konkrete und daher unverbindlich anmutende Postulate hinaus („ehrlicher Makler“, „vollständige Information“, „kritische Solidarität“, „Partnerschaft“) . Im Kern bleibt es beim individualethischen Appell, dem eine personale Anthropologie zugrunde liegt . Um eine dem „Szientismus“ entgegengesetzte, „geisteswissenschaftliche“ Begründung der journalistischen Berufsethik hat sich Hermann Boventer bemüht .8 Er steigt, wie er sagt, in „das Bergwerk der Philosophie“ ein, um herauszubrechen, „was an wertvollem Gestein in das Theoriegebäude des Journalismus paßt .“9 Ihm geht es darum, die normative Prägung des Journalismus durchsichtig zu machen und „eine reflektierende und nach der Vernünftigkeit ihrer Geltungsgründe fragende Moral“10 zu entwickeln . Dabei läßt sich seiner Ansicht nach vor allem das Wahrheitspostulat nicht umgehen . Zwar zitiert Boventer nicht nur eine Vielzahl moralischer Autoritäten, sondern hat auch manche Erkenntnisse der jüngeren Kommunikationswissenschaft rezipiert und verarbeitet . Dennoch bleibt im Endergebnis trotz vieler Worte schwer faßbar, welchen praktisch-substantiellen Gehalt die theoretische Grundlegung besitzt . Sich von solchen Ansätzen und von der gesinnungsethischen Tradition des eigenen Faches absetzend, haben Manfred Rühl und auch Ulrich Saxer versucht, die journalistische Berufsethik kommunikationswissenschaftlich zu begründen .11 Journalismus besteht nach Rühl nicht aus Personen, sondern ist ein komplexes soziales Handlungssystem . Insofern sind ihm gegenüber das appellative Pathos einer Individualethik und die Berufung auf einen Satz vorab formulierter Sollensvorschriften unangemessen . Eine Ethik, die der Systemrationalität gerecht Boventer geht es darum „eine reflektierende und nach der Vernünftigkeit ihrer Geltungsgründe fragende Moral“ zu entwickeln. ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 45 20.02.2017 10:05:08 46 Jürgen Wilke werden will, muß vielmehr die institutionalisierten Entscheidungsstrukturen des Journalismus in Rechnung stellen, d . h . die Erwartungen, Rollen, Funktionen und Regeln, die den Prozeß der Herstellung von Öffentlichkeit für Themen steuern . Unter Hinweis darauf, daß zwischen Journalismus und Publikum kein eingleisiges Verhältnis besteht, wird aus der Theorie des symbolischen Interaktionismus schließlich die „Achtung“ als zentrale berufsethische Kategorie abgeleitet .12 Schon Boventer hat – wie ich meine, nicht ohne Grund – hier von einer „merkwürdigen Kehrtwendung“13 in der Argumentation gesprochen . Abgesehen davon, daß das Prinzip der „Achtung“ etwas willkürlich isoliert erscheint, ist bemerkenswert, daß auch Rühl letztlich nicht ganz von der Person absehen kann . Einerseits behauptet er zwar, „der Journalist, der als Person nicht Bestandteil des Journalismus ist, übernimmt als Person nicht die Verantwortung für das, was sich im Journalismus tut .“14 Andererseits aber setzt er hinzu: „Was in den Journalismus an Persönlichem eingebracht wird, was von der Person folglich auch verletzt werden kann, dafür ist die Person selbst verantwortlich . Die Person ist etwa verantwortlich für Fahrlässigkeit, für subjektive Gefühlsäußerungen, für Eigensinn, für Eigenwilligkeit, etc . Damit verstößt sie gegen die Wert- und Normtreue des Journalismus und sie hat dafür persönlich gerade zu stehen . Persönliches Fehlhandeln wird von journalistischen Berufs- und Arbeitsrollen nicht gedeckt .“15 Irgendwie scheinen hier Grenzen der systemtheoretischen Analyse zu liegen: Zum einen entleert sie den Journalismus von normativen Elementen und „entpersönlicht“ ihn, was zumindest psychologisch fragwürdig ist . Zum anderen wird die Erhaltung und das Funktionieren des Systems selbst zu einer Norm erhoben, die von der „Person“ verletzt werden kann . Trotz solcher erkennbaren Ansätze zu einer Fundierung der journalistischen Berufsethik scheint von diesem Thema bisher aber wenig in die Journalistenausbildung einzumünden . Eigene akademische Lehrveranstaltungen dazu gibt es kaum, was allerdings nicht bedeuten muß, daß hier und da berufsethische Fragen des Journalismus nicht doch aufgegriffen und mit behandelt werden . Doch wird man dem Thema in bloß beiläufiger Form vermutlich kaum gerecht werden können . Sucht man darüber hinaus zu gelangen, so bieten sich für eine Beschäftigung mit journalistischer Berufsethik m .E . drei Ebenen an, eine theoretische, eine empirische und eine pragmatische . Was auf diesen drei Ebenen behandelt werden kann, das soll im folgenden ohne Anspruch auf Vollständigkeit angedeutet werden . ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 46 20.02.2017 10:05:08 47 Journalistische Berufsethik in der Journalistenausbildung Auf der ersten, theoretischen Ebene kann man wiederum verschiedene Teilaspekte des Themas angehen . Zunächst läßt sich z . B . umreißen, welches die Bedingungen des ethischen Handelns im Journalismus sind . Diese Bedingungen sind vor allem struktureller, juristisch-politischer und ökonomischer Art . Strukturell bedeutsam ist, daß es sich bei der Massenkommunikation bisher im wesentlichen um indirekte und einseitige Kommunikation handelt . Mag es im Ansatz auch eine wechselseitige Rollenübernahme geben, wie sie der symbolische Interaktionismus unterstellt: Die lnteraktionspartner bleiben doch getrennt und weitgehend anonym . Dies hat durchaus Konsequenzen für die ethische Dimension des Verhaltens . Arnold Gehlen hat nämlich darauf hingewiesen, daß bestimmte menschliche Reaktionen auf „Nahsicht“ eingestellt sind und daß eine „ethische Verunsicherung als Folge der Durchbrechung der Nahsicht-Bedingung“16 eintritt . Einfacher gesagt, man ist weniger bereit, ethische Verpflichtungen gegenüber nicht anwesenden Partnern einzuhalten .17 Die Massenkommunikation erfordert, so Gehlen, eine „Fern-Ethik“, weil im Vergleich zur personalen Kommunikation die Handlungsfolgen nicht unmittelbar zu beobachten sind und auch die Hemmungsschwellen anders liegen . Dabei gilt dies nicht nur hinsichtlich der Adressaten der journalistischen Berichterstattung, sondern auch bezüglich der Akteure, die ihre Objekte sind . Außer strukturellen gibt es juristisch-politische Bedingungen der journalistischen Berufsethik . Ein Bedarf an professioneller Ethik ergibt sich aus den rechtlich vergleichsweise geringen Einschränkungen, denen die Medien unterliegen .18 Ethische Selbstverpflichtung ist als freiwilliger Akt das Korrelat zur Freiheit, was übrigens nochmals Journalismus und Wissenschaft verbindet, deren Freiheiten in Art . 5 des Grundgesetzes in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander stehen . Je größer die Autonomie, desto notwendiger erscheint im Prinzip eine ethische Selbstbindung . Allerdings darf man angesichts dieser Gemeinsamkeit nicht die Unterschiede übersehen, die in der Legitimation und in den internen Regelmechanismen zwischen wissenschaftlicher und journalistischer Freiheit bestehen . Zwar sind journalistische Handlungsmöglichkeiten insofern eingeengt als die Pressefreiheit auch ihre Grenzen hat und im Rundfunk z . B . die Vorgaben des gesetzlichen Programmauftrags hinzutreten . Aber solche formellen Bestimmungen sind Massenkommunikation erfordert eine „Fern-Ethik“, weil die Handlungsfolgen nicht unmittelbar zu beobachten sind. ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 47 20.02.2017 10:05:08 48 Jürgen Wilke das eine, ihre tatsächliche Einhaltung etwas anderes . Deshalb wird man sich auch nicht mit dem Hinweis auf gesetzliche Regelungen (z . B . Sorgfaltspflicht) begnügen können . Sie geben nur einen äußersten Rahmen für die berufsethische Selbstverpflichtung ab, die gerade eine übermäßige Verrechtlichung verhindern soll . Während das Recht ein bestimmtes Verhalten erzwingt bzw . verbietet und dazu Sanktionsformen vorsieht, verlangt die Ethik, freiwillig etwas zu tun oder zu unterlassen, auch ohne daß entsprechende Sanktionsmöglichkeiten bestehen . Zum dritten sind es ökonomische Bedingungen, denen die journalistische Berufsethik unterworfen ist . Es liegt in der Logik eines Systems, das auf der Meinungs-, Presse und Informationsfreiheit sowie auf der Gewerbefreiheit gegründet ist, daß verschiedene Anbieter miteinander konkurrieren und daß die Nachfrage das Angebot (mit) bestimmt . Dabei sind die Unterschiede, die hier (noch) zwischen Presse und Rundfunk bestehen, nicht prinzipieller, sondern struktureller Art . Auch ist im Pressewesen für sich genommen die Konkurrenz graduell unterschiedlich . Gleichwohl steht journalistisches Handeln hierzulande faktisch mehr oder weniger in einem Wettbewerb, sei es um Auflagenzahlen, sei es um Einschaltquoten . Durch diesen Wettbewerb erfährt die journalistische Berufsethik leicht eine Relativierung . Bestimmte, moralisch möglicherweise problematische Handlungsweisen der Massenmedien mögen gerechtfertigt werden, weil, was man nicht selbst tut, von der Konkurrenz getan wird, oder weil das Publikum offenkundig bestimmte Dinge wünscht und dafür bezahlt . Im Streben nach publizistischem und ökonomischem Erfolg können also Gefahren für die Berufsethik des Journalismus liegen . Für die dabei auftretenden Abwägungen wird man schwerlich allgemeingültige Regeln formulieren können . Aber man muß in der Journalistenausbildung das Spannungsverhältnis von Berufsethik und Marktorientierung bewußt machen .19 Auf der hier skizzierten theoretischen Ebene kann es sich aber nicht nur darum handeln, das Bedingungsgefüge der journalistischen Berufsethik einsichtig zu machen . Vielmehr können hier überdies Ansätze der Ethik daraufhin überprüft werden, ob und inwieweit sie auf das journalistische Handeln angewandt werden können . Auch dies läßt sich hier wiederum nur beispielhaft andeuten . Zwei unterschiedliche Typen ethi- Man muß in der Journalistenausbildung das Spannungsverhältnis von Berufsethik und Marktorientierung bewußt machen. ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 48 20.02.2017 10:05:08 49 scher Systeme sind die Pflichtethik einerseits und die utilitaristische Ethik andererseits . Die Pflichtethik, die auch deontologische Ethik genannt wird, hat Immanuel Kant vertreten, und er hat ihr im kategorischen Imperativ eine knappe, klassische Form verliehen . Ihr zufolge handelt der Mensch sittlich, wenn er sich nach normativ vorgegebenen Verpflichtungen und allgemeinen Maximen richtet, die in sich gut sind .20 Die utilitaristische Ethik, die auch teleologische Ethik heißt und die von Jeremy Bentham und John Stuart Mill begründet wurde, wertet ein Handeln dann als sittlich, wenn es nützlich ist für das allgemeine Wohlergehen, d . h . „das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl“ fördert .21 Moralität wird hier also von den Folgen bestimmt, zumindest von einem Übergewicht der guten gegen- über den schlechten Folgen . Beide Konzeptionen werfen mehrere Schwierigkeiten auf: Im ersten Fall ist zu fragen, wie man zu den vorgegebenen Verpflichtungen und Normen gelangt und wie diese in ihrer Allgemeinheit mit dem praktischen Leben des Individuums und der Gesellschaft zu vermitteln sind . Im zweiten Fall stellt sich das Problem der empirischen Kenntnis der Folgen von Handlungen und ihrer Bedeutung für das Wohl der Allgemeinheit bzw . die Frage, wonach man das Wohlergehen bemißt oder was „das größtmögliche Glück“ denn sei . Die alte Unterscheidung zwischen Pflichtethik und utilitaristischer Ethik begegnet uns wieder in Max Webers bekannter Entgegensetzung von Gesinnungsethik und Verantwortungsethik bzw . von wertrationalem und zweckrationalem Handeln .22 Gesinnungsethiker ist nach den Worten von Robert Spaemann derjenige, „der bestimmte Handlungen kontextunabhängig als moralisch oder unmoralisch qualifiziert, also ohne Rücksicht auf die Folgen bestimmter Handlungen oder Unterlassungen das tut, was er für das sittlich Gebotene hält“23, Verantwortungsethiker hingegen derjenige, „der bei seinem Handeln die Gesamtheit der Folgen seines Handelns bedenkt und der die Bewertung dieser Folgen zum Maßstab seiner Handlungen macht .“24 Neuerdings wird für letzteres auch von einer „konsequentialistischen Ethik“ gesprochen . Lassen sich diese Grundtypen ethischer Orientierung nun auf den Journalismus beziehen und welche scheint dabei angemessener, hilfreicher? Die Beantwortung dieser Frage setzt eigentlich eine Funktionsbestimmung des Journalismus im Rahmen unseres politischen Systems voraus . Diese muß ich mir hier ersparen . Aber ob Pflichtethik und Gesinnungsethik mit den sozialen Funktionen des Journalismus vereinbar sind, ist Journalistische Berufsethik in der Journalistenausbildung ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 49 20.02.2017 10:05:08 50 Jürgen Wilke zumindest fraglich, wenn man bedenkt, daß Max Weber diesen Typ strenggenommen an der Figur des Heiligen festgemacht hat . So mag es naheliegender erscheinen, den Journalismus heute auf eine konsequentialistische Ethik zu verpflichten, d . h . nicht die Absichten der Journalisten, sondern die Verantwortung für die Folgen ihres Handelns zur Richtschnur zu machen . Aber auch dies wirft wiederum eine ganze Reihe von Problemen auf . Inwieweit lassen sich die Folgen des journalistischen Handelns – wohlgemerkt im System der indirekten, einseitigen Massenkommunikation – überhaupt ermitteln oder gar antizipieren? Für welche Folgen muß der Journalist Verantwortung übernehmen, nur für die beabsichtigten und vorhergesehenen (aber in Kauf genommenen) oder auch für die unvorhergesehenen, insbesondere die Nebenfolgen?25 Und wie läßt sich mit solcher Verantwortung ernst machen? Angesichts dieser Fragen könnte vielleicht ein Defätismus aufkommen, und in der Tat ist es ein noch häufig geäußertes Argument, über die Folgen des Journalismus wisse man gar nichts Gesichertes . Dagegen könnte jedoch die Wirkungsforschung durchaus Abhilfe leisten, obwohl in ihr noch vieles ungesichert und umstritten ist . Eine andere Gefahr liegt darin, daß die konsequentialistische Ethik die Verantwortung überzieht, als sei der Mensch oder der Journalist für alles, ja für die Welt als ganze verantwortlich . Gegen solche Universalverantwortung hat Spaemann für eine „gestufte Verantwortung“ plädiert, denn: „Die überdehnte Verantwortungsethik führt in Wirklichkeit in die Unverantwortlichkeit reiner Gesinnungsethik .“26 Überdies, und das hat schon Max Weber selbst eingeräumt, sind Gesinnungsethik und Verantwortungsethik keine strengen Gegensätze, „sondern Ergänzungen, die zusammen erst den echten Menschen ausmachen“ .27 Gegen die Ethik in ihrer herkömmlichen Form wird immer wieder eingewandt, sie gehe bloß von Vorstellungen aus, wie der Mensch sein soll, ohne zu fragen, was er ist oder was er tut . Diesem Vorwurf läßt sich begegnen, indem man nach der faktischen Verwirklichung des Sollens bzw . der Ethik fragt .28 Damit gelangen wir zur zweiten, empirischen Ebene in der Behandlung der journalistischen Berufsethik . Hier interessiert, welchen Normen und Werten Journalisten bei ihrer Arbeit tatsächlich folgen, welche beruflichen Verhaltensweisen und Mittel sie für gerechtfertigt oder ungerechtfertigt halten, inwieweit sie bereit „Die überdehnte Verantwortungsethik führt in Wirklichkeit in die Unverantwortlichkeit reiner Gesinnungsethik.“ ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 50 20.02.2017 10:05:09 51 sind, Verantwortung zu übernehmen oder diese ablehnen . Dabei soll das Maß an Kongruenz zwischen bestimmten ethischen Normen und der Realität im Journalismus ermittelt werden . Zwar werden Normen im Prinzip nicht dadurch hinfällig, daß sie nicht befolgt werden . Aber Abweichungen zwischen Normen und Wirklichkeit dürfen nicht beliebig groß werden, will man nicht in eine völlige Unverbindlichkeit geraten . Und solche Brüche aufzudecken, kann den Überlegungen zur journalistischen Berufsethik zumindest den notwendigen Realitätsgehalt verschaffen . Bei der Durchsicht der Journalismusforschung stößt man durchaus auf eine Reihe von empirischen Studien zu Fragen der journalistischen Berufsethik . Auch lassen sich hier die Untersuchungen zum Selbstbild und zum Rollenverständnis von Journalisten hinzuziehen . Allerdings bedeutet dies nicht, daß man bereits eine hinreichende Datenbasis hätte . Auch empirisch ist die journalistische Berufsethik nur bruchstückhaft erkundet, so daß sich der Forschung noch weitere Aufgaben stellen . Zudem ist die Mehrzahl der Studien amerikanischer Herkunft . So nützlich diese sind, so steht doch dahin, ob und inwieweit ihre Ergebnisse auf die Journalisten in der Bundesrepublik übertragbar sind . Denn bei diesem Thema können zwischen verschiedenen Ländern bemerkenswerte Unterschiede bestehen . Renate Köcher hat in ihrer Untersuchung z . B . ermittelt, daß englische Journalisten in weit größerem Maße als deutsche bereit sind, bestimmte Grenzen bei der Informationsbeschaffung zu übertreten .29 Die Ergebnisse der vorliegenden empirischen Studien zur journalistischen Berufsethik hier im ganzen zu resümieren, ist nicht möglich .30 Doch soll auf einige Befunde zu verschiedenen Normbereichen journalistischen Handelns beispielhaft hingewiesen werden . Wie sich zeigt, gibt es Berufsnormen, bei denen die Journalisten in ihrem Urteil fast ausnahmslos übereinstimmen, während andere unterschiedlich und kontrovers bewertet werden . Vereinzelt hat man zum Vergleich auch untersucht, wie die Bevölkerung gewisse journalistische Handlungsweisen einschätzt . Was die Informationsbeschaffung angeht, haben Whitlow und van Tubergen in einer mehr explorativen Studie drei Typen von Journalisten ermittelt .31 Während es dem einen Typ nicht darauf ankommt, um jeden Preis zu einem Bericht zu gelangen, sieht der andere darin die wesentliche Aufgabe seines Berufes und ist dementsprechend auch bereit, alle erdenklichen Mittel Journalistische Berufsethik in der Journalistenausbildung ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 51 20.02.2017 10:05:09 52 einzusetzen (z . B . Angabe einer falschen Identität, Drohung mit öffentlicher Bloßstellung, Verwendung gefälschter Dokumente, Benutzung eines Abhörgeräts) . Ein dritter Typ steht in seinen Wertungen zwischen den beiden anderen . Nach der bereits erwähnten Studie von Renate Köcher weisen englische Journalisten eine große Ähnlichkeit zum zweiten Typ auf . Über 70 Prozent von ihnen zeigten sich bereit, alle in der Befragung vorgegebenen unlauteren Mittel der Informationsbeschaffung einzusetzen . Hingegen billigten von den deutschen Journalisten 25 Prozent für Informationen Geldbeträge zu bieten („Scheckheft-Journalismus“), 22 Prozent eine falsche Identität vorzugeben und 8 Prozent Informanten unter Druck zu setzen . Offenbar neigen in der Bundesrepublik jüngere Journalisten mehr zu fragwürdigen Mitteln der Informationsbeschaffung als ihre älteren Kollegen .32 Nahezu einstimmig gilt den Berufsangehörigen die Wahrhaftigkeit als eine wichtige Eigenschaft, um ein guter Journalist zu sein .33 Andererseits bestehen aber Zweifel, ob man diesem Anspruch genügen kann . Insbesondere die Forderung nach Objektivität wird für schwer erfüllbar gehalten . Auch die Sorgfaltspflicht wird als solche weitgehend anerkannt . Doch sind Journalisten großenteils bereit, angesichts von großem Aktualitätsdruck und hohem Nachrichtenwert der berichteten Ereignisse die Sorgfaltspflicht hintanzustellen .34 Das Verlangen nach vollständiger Berichterstattung findet ebenfalls weitgehend Zustimmung, aber auch hier wird eingeräumt, daß Unterdrückung von Nachrichten vorkommt . Mehrheitlich lehnen die Journalisten vor allem das Weglassen von Nachrichten aus Rücksicht auf Inserenten ab .35 Einen hohen Wert hat für Journalisten der Informantenschutz . Hier ist man sich besonders einig .36 Dem Informantenschutz wird von einem erheblichen Teil der Journalisten selbst dann Vorrang eingeräumt, wenn eine Unterrichtung der Polizei Sach oder Personenschäden verhindern könnte . Im Konfliktfall den Informanten zu decken, dafür sprachen sich 54 Prozent der deutschen Journalisten aus, 25 Prozent erklären sich bereit, gegebenenfalls der Polizei einen Hinweis zukommen zu lassen .37 Ein wesentliches Spannungsbild für die journalistische Berufsethik besteht zwischen Öffentlichkeitsprinzip und Persönlichkeitsschutz . Befragungsergebnisse liegen hier primär für die Kriminalitäts- und Gerichtsberichterstattung vor .38 Bei jugendlichen und noch nicht verurteilten Angeklagten wird der Persönlichkeitsschutz eher berücksichtigt als bei rechtskräf- Jürgen Wilke ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 52 20.02.2017 10:05:09 53 tig Bestraften . Doch ist damit nur ein Teilbereich des Persönlichkeitsschutzes angesprochen . Im Verhältnis dazu wird der Informationsanspruch der Öffentlichkeit dann für wichtiger gehalten, wenn hohe Nachrichtenwerte ins Spiel kommen . Die Benutzung geheimer Regierungsunterlagen hielten übrigens 57 Prozent der deutschen Journalisten für akzeptabel .39 Sich als Journalist bestechen zu lassen, gilt herkömmlich als schwerer Verstoß gegen die journalistische Berufsethik . Allerdings scheint zumindest bei amerikanischen Journalisten die Bereitschaft, Vergünstigungen anzunehmen, gewachsen zu sein . Hier haben sich offenbar Umgangsformen eingebürgert, die nicht mehr rundweg abgelehnt werden (können) . Für besonders verlockend oder gefährlich hielten die Befragten einer amerikanischen Studie das Angebot einer Auslandsreise . Interessant ist, daß Journalisten sich selbst mehr als ihren Kollegen zutrauen, trotz Vergünstigungen objektiv zu bleiben .40 Zu den ehrwürdigen journalistischen Berufsnormen gehört die Trennung von Nachricht und Meinung . Wie schon die Untersuchung von Schönbach gezeigt hat, wird diese Norm aber nur zum Teil konsequent befolgt .41 Allgemeingültigkeit besitzt sie jedenfalls nicht . Nicht nur von der gewählten Darstellungsform, sondern vor allem vom Typ der Zeitung und vom journalistischen Selbstverständnis hängt es ab, ob auf die Trennung von Nachricht und Meinung geachtet wird bzw . inwieweit beide synchronisiert werden . Die Frage der journalistischen Verantwortungsbereitschaft haben schließlich Kepplinger und Vohl in einer Befragung von ZDF-Journalisten untersucht . Dabei zeigte sich ein auffälliger Bruch: „Während durchschnittlich 86 Prozent der befragten Redakteure des ZDF moralische Verdienste für die positiven Folgen journalistischer Berichte beanspruchten, sind nur durchschnittlich 25 Prozent von ihnen bereit, eine moralische Verantwortung für die negativen Folgen ihrer journalistischen Berichte zu übernehmen .“42 Die Autoren sprechen hier von einem asymmetrischen Verhältnis: „Dem Anspruch auf moralische Verdienste entspricht keine Bereitschaft zur Übernahme moralischer Verantwortung .“43 Allerdings fragt sich, inwieweit es sich bei dieser Asymmetrie bezüglich positiver und negativer Folgen um ein spezifisch journalistisches oder ein allgemein menschliches Phänomen handelt . Die Geltung journalistischer Berufsnormen durch Befragungen empirisch zu ermitteln, ist nicht ganz unproblematisch . Denn ihre verbale Anerkennung und ihre tatsächliche Journalistische Berufsethik in der Journalistenausbildung ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 53 20.02.2017 10:05:09 54 Befolgung können zweierlei sein . So ist das grundsätzliche Bekenntnis zur Verantwortung auch nicht identisch mit der Bereitschaft, im konkreten Fall für eintretende Folgen die Verantwortung wirklich zu übernehmen . Im übrigen muß, ja darf die empirische Analyse nicht dabei stehen bleiben, die berufsethische Orientierung der Journalisten bloß zu registrieren . Die ermittelten Befunde sind vielmehr kritisch an den Normen selbst zu messen . Insofern geht es auf der empirischen Ebene keineswegs um eine Schwächung, sondern durchaus um eine Stärkung der journalistischen Berufsethik . Indessen wird sich die Journalistenausbildung mit der empirischen Analyse berufsethischer Fragen des Journalismus noch nicht begnügen . Sie wird vielmehr auf eine dritte, pragmatische Ebene übergreifen, zumindest dort, wo die Ausbildung journalistisch-praktische Anteile besitzt . Zwar können journalistische Berufsnormen, wie sie hier z . T . erwähnt wurden und wie sie zahlreicher noch in den Berufskodices oder in Programmrichtlinien enthalten sind, auch einer theoretischen Analyse unterzogen werden . So lassen sich beispielsweise das Objektivitätspostulat oder die Forderung, Nachricht und Meinung zu trennen, aus erkenntnistheoretischer oder wahrnehmungspsychologischer Sicht analysieren .44 Aber ihr Problemgehalt dürfte nur am praktischen Beispiel voll erfahrbar werden . Was Sorgfaltspflicht ist, läßt sich schwerlich (nur) theoretisch vermitteln . Man muß es in der Recherche, bei der Beschaffung von Information lernen, wozu schon die wissenschaftliche Informationssicherung taugt .45 Doch kann Sorgfalt erst recht auch in der journalistischen Recherche eingeübt werden . Nicht alle Normen lassen sich freilich wie diese in der Simulation erproben . Auf dieser dritten Ebene geht es gleichsam um die „handwerklichen“ Aspekte der journalistischen Berufsethik bzw . um die ethischen Aspekte des journalistischen „Handwerks“ . Die handwerklichen Mittel des Journalismus sind Sprache und Bild . Welche ethischen Dimensionen, so ist zu fragen, haben z . B . Sprachgebrauch und Wortwahl, aber auch Bildwahl und Bildausschnitt, Kameraperspektive, Beleuchtung und Schnitt? Dabei wird man von der pragmatischen wieder auf die empirische Ebene zurückgeführt werden, so weit solche ethischen Fragen die Klärung der Wirkungsweisen der journalistischen Darstellungsmittel verlangen . Auch eine Norm wie die Trennung von Nachricht und Meinung, die als regulative Idee auch dann nicht aufgegeben werden sollte, wenn sie faktisch nur begrenzt Jürgen Wilke ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 54 20.02.2017 10:05:09 55 befolgt wird und erfüllbar ist, kann durch eine Schärfung des Sprachbewußtseins gestärkt werden . Denn nicht immer wird sie bewußt verletzt, sondern, wie mir Erfahrungen in der Ausbildung zeigen, nur deshalb, weil man den Unterschied zwischen einer Faktenwiedergabe und einer Meinungsäußerung bzw . zwischen Referat und Argument gar nicht erkennt . Drei Ebenen habe ich hier genannt, auf denen man sich in der Journalistenausbildung mit der journalistischen Berufsethik beschäftigen kann . Alle drei gehören im Grunde zusammen und müssen einander ergänzen . Dabei dürften die theoretische und die empirische Analyse ihren Platz innerhalb wissenschaftlicher Lehrveranstaltungen haben, die pragmatische Behandlung eher in die berufspraktischen Übungen gehören . Auch wenn man hier gar nicht von Ethik spricht, geht es implizit doch oft um moralische Fragen . Abschließend seien noch einige Einschränkungen gemacht . Natürlich kann es nicht darum gehen, eine homogene Ethik für das gesamte Mediensystem zu etablieren . Aber wenn die Gesellschaft Verhaltensregeln von mehr als nur relativer Gültigkeit braucht, so gilt dies doch auch für den Journalismus . Beide sind überdies nicht unabhängig voneinander . Können die Massenmedien moralisch besser sein als die Gesellschaft, kann man von jenen mehr Moral verlangen als von dieser, so hat man gefragt . Angesichts der Rückbindung an die Nachfrage, von der ich gesprochen habe, mag man hier seine Zweifel haben . Aber der Hinweis auf die „Gesellschaft“ kann auch nicht alles entschuldigen oder rechtfertigen . Immerhin zeigen die empirischen Daten z . B . erhebliche Unterschiede in den Auffassungen von Journalisten und Bevölkerung . Und die Gesellschaft selbst stellt eine Resultante auch der Medienwirkung dar . Gleichwohl folgt aus diesem Zusammenhang, daß die journalistische Berufsethik künftig nicht zuletzt davon abhängt, welche Ethik sich die Gesellschaft bewahrt und von Generation zu Generation weitergibt . Endlich sei noch einem Mißverständnis vorgebeugt: Ziel der Einbeziehung journalistischer Berufsethik in die Journalistenausbildung kann und soll nicht sein, den künftigen Journalisten einen starren Normenkatalog mit auf den Weg zu geben . Es kann allenfalls darauf ankommen, ihr Bewußtsein von den ethischmoralischen Dimensionen journalistischen Handelns zu wecken und Kriterien zu vermitteln, die für die immer wieder zu treffenden Entscheidungen bedeutsam sein können . Journalistische Berufsethik in der Journalistenausbildung Die Ausbildung künftiger Journalisten muß das Bewußtsein von den ethisch-moralischen Dimensionen journalistischen Handelns wecken. ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 55 20.02.2017 10:05:09 56 Anmerkungen 1 Vortrag, gehalten auf der 32. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft vom 8.-10. Mai 1987 in Eichstätt zum Thema »Zwischenbilanz der Journalistenausbildung«. Abdruck auch in dem die Tagung unter gleichem Titel dokumentierenden Sammelband, Verlag Ölschläger, München 2 Vgl. Emil Dovifat: Die Gesinnungen in der Publizistik. In: Erich Feldmann (Hrsg.): Film und Fernsehen im Spiegel der Wissenschaft. Gütersloh 1963. S. 25-41. – Dazu vgl. auch Elisabeth Noelle-Neumann: Gesinnung und Verantwortung. In: Kurt Koszyk, Volker Schulze (Hrsg.): Die Zeitung als Persönlichkeit. Festschrift für Karl Bringmann. Düsseldorf 1982. S. 23-28. 3 Vgl. z.B. Elisabeth Noelle-Neumann in einem Diskussionsbeitrag in: Eugen Biser u.a.: Die Medien – das letzte Tabu der offenen Gesellschaft. Die Wirkung der Medien auf Politik und Kultur. Mainz 1986. S. 146. 4 Vgl. Hermann Boventer: Ethik und Journalismus: Eine Untersuchung des Hastings Center zur Medienethik im Ausbildungsprogramm an amerikanischen Colleges und Universitäten. In: Communicatio Socialis 15 (1982) S. 329-333. 5 Vgl. N.A. Crawford: The Ethics of Journalism. New York 1924. – W.F. Gibbons: Newspaper Ethics: A Discussion of Good Practice for Journalists. Ann Arbor 1926. – A.F. Henning: Ethics and Practices in Journalism. New York 1932. – Lee Thayer (Hrsg.): Communication: Ethical and Moral Issues. London, New York, Paris 1973. – Ders.: Ethics, Morality and the Media. Reflections on American Culture. New York 1980. – John C. Merrill: The Imperative of Freedom. A Philosophy of Journalistic Autonomy. New York 1974. – John C. Merrill, Ralph D. Barney: Ethics and the Press. Readings in Mass Media Morality. New York 1975. – John L. Hulteng: The Messenger‘s Motives ... Ethical Problems of the News Media. Englewood Cliffs 1976. – Clifford G. Christians: Beyond Quandries: A Plea for Normative Ethics. In: Mass Communication Review 6 (1979) S. 28-31. – Bruce M. Swain: Reporters‘ Etics. Ames 1978. – William L. Rivers, Wilbur Schramm, Clifford G. Christians: Responsibility in Mass Communication. 3rd Edition. New York u.a. 1980. – John M. Phelan: Disentchantment. Meaning and Morality in the Media. New York 1980. – Clifford G. Christians, Kirn B. Rotzoll, Mark Fackler: Media Ethics. Cases and Moral Reasoning. New York, London 1983. – H. Eugene Goodwin: Groping for Ethics in Journalism. Ames 1983. – Tom Goldstein: The News at any Cost. How Journalists compromise their Ethics to shape the News. New York 1985. – Deni Elliott (Hrsg.): Responsible Journalism. Beverly Hills u.a. 1986. Als Überblicke vgl.: Clifford G. Christians: Fifty Years of Scholarship in Media Ethics. In: Journal of Communication 27 (1977) H. 4 S. 19-29. – Hermann Boventer: Journalistenmoral als »Media Ethics«. Kodifizierte Pressemoral und Medientechnik in den Vereinigten Staaten von Amerika. In: Publizistik 28 (1983) S. 19-39. Jürgen Wilke ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 56 20.02.2017 10:05:09 57 6 Vgl. besonders Hans Jonas: Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation. Frankfurt/M. 1979. – Felix Hammer: Selbstzensur für Forscher? Schwerpunkte einer Wissenschaftsethik. Zürich 1983. – Elisabeth Ströker (Hrsg.): Ethik der Wissenschaften? Philosophische Fragen. München, Paderborn 1984. – Hans Michael Baumgartner, Hansjürgen Staudinger (Hrsg.): Entmoralisierung der Wissenschaften? München, Paderborn 1985. 7 Alfons Auer: Verantwortete Vermittlung. Bausteine einer medialen Ethik. In: Ethik und Kommunikation. Hohenheimer Medientags 1980. Hrsg. von der Deutschen Bischofskonferenz und der Katholischen Akademie. Stuttgart 1980. S. 64-86. Zitat hier S. 65. – Vgl. ferner ders.: Verantwortete Vermittlung. Bausteine einer Informationsethik des Rundfunks. In: Stimmen der Zeit 104 (1979) S. 15-24. – Ders.: Ist Unterhaltung vertane Zeit? Überlegungen zur Unterhaltung in den Massenmedien aus der Sicht einer theologischen Ethik. In: Stimmen der Zeit 105 (1980) S. 735-749. 8 Vgl. Hermann Boventer: Ethik des Journalismus. Ansätze und Fragestellungen. In: Stimmen der Zeit 108 (1983) S. 387-401. – Ders.: Ethik des Journalismus. Zur Philosophie der Medienkultur. Konstanz 1984. – Ders.: Das Prinzip Verantwortung in der Massenkommunikation. Problem einer kommunikationswissenschaftlich fundierten Ethik des Journalismus. In: Hans Maier (Hrsg.): Ethik der Kommunikation. Freiburg (Schweiz) 1985. S. 53-72. – Zur Kritik daran vgl. u.a. die Rezension von Wolfgang Wunden in: Communicatio Socialis 18 (1985) S. 195f. 9 Ethik des Journalismus (1984) S.18. 10 Ethik des Journalismus (1983) S. 397. 11 Vgl. Manfred Rühl: Ethik und Humankommunikation. Überlegungen zu ihrer kommunikationswissenschaftlichen Begründung. In: Georg Wodraschke (Hrsg.): Jugendschutz und Massenmedien. München 1983. S. 71-86. – Ders.: Ethik – ein Gegenstand der Kommunikationsforschung? In: Ethik und Kommunikation. Hohenheimer Medientage 1980. Hrsg. von der Deutschen Bischofskonferenz und der Katholischen Akademie. Stuttgart 1980. S. 29-49. – Ulrich Saxer: Publizistische Ethik und gesellschaftliche Realität. In: Communicatio Socialis 3 (1970) H. 1 S. 24- 39. – Ders.: Journalismus- und Medienethik: Möglichkeiten und Grenzen ethischer Selbstverpflichtung. In: Media Perspektiven H. 1/1984 S. 21- 32. – Ders.: journalistische Ethik eine Chimäre? In: Hans Maier (Hrsg.): Ethik der Kommunikation. Freiburg (Schweiz) 1985. S. 43-52. – Ders.: Konstituenten einer Medien- und Journalismus-Ethik. In: Zeitschrift für evangelische Ethik 30 (1986) S. 21-45. – Manfred Rühl, Ulrich Saxer: 25 Jahre Deutscher Presserat. Ein Anlaß für Überlegungen zu einer kommunikationswissenschaftlich fundierten Ethik des Journalismus und der Massenkommunikation. In: Publizistik 26 (1981) S. 471-507. 12 Vgl. Manfred Rühl, Ulrich Saxer a.a.O. S. 487. Journalistische Berufsethik in der Journalistenausbildung ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 57 20.02.2017 10:05:09 58 13 Hermann Boventer: Ethik des Journalismus (1983) S. 395. 14 Manfred Rühl: Ethik – ein Gegenstand der Kommunikationsforschung? a.a.O. S. 44. 15 Ebd. S. 45. 16 Arnold Gehlen: Moral und Hypermoral. Eine pluralistische Ethik. Frankfurt/M., Bonn 1969. s. 56. 17 In diesem Zusammenhang hat Gehlen übrigens vermutet, das „Fernsehen, das uns die Leiden der unglücklichen Bevölkerung von Sonstwoland unmittelbar ins Haus setzt, (schaffe) eine noch schwer übersehbare, sicher folgenreiche Veränderung unserer Verpflichtungsgefühle, vielleicht in Hinsicht der Abstumpfung nun auch gegen leibhaft gegenwärtige Leiden.“ (ebd.) 18 Vgl. Ulrich Saxer: Journalismus- und Medienethik a.a.0. 19 Vgl. dazu z.B. Manfred Rühl: Markt und Journalismus. In: Manfred Rühl, Jürgen Walchshöfer (Hrsg.): Politik und Kommunikation (= Festgabe für Franz Ronneberger zum 65. Geburtstag). Nürnberg 1978. S. 237-271. 20 Vgl. Immanuel Kant: Metaphysik der Sitten. Hrsg. von Karl Vorländer. Hamburg 1966. S. 217 ff. 21 Vgl. Otfried Höffe: Einführung in die utilitaristische Ethik. München 1979. – Ders.: Sittlich-politische Diskurse. Frankfurt/M. 1981. 22 Vgl. Max Weber: Politik als Beruf. In: M.W.: Gesammelte politische Schriften. 2. erw. Aufl. hrsg. von Johannes Winckelmann. Tübingen 1958. S. 493-548. 23 Robert Spaemann: Wer hat wofür Verantwortung? Der Streit um deontologische und teleologische Ethik. In: Herder Korrespondenz 36 (1982) S. 345-350, 403-308. Zitat hier S. 345. 24 Ebd. Vgl. dazu auch Günther Patzig: Noch einmal: „Gesinnungsethik“ und „Verantwortungsethik“. In: Bernd Rebe, Klaus Lompe, Rudolf von Thadden (Hrsg.): Idee und Pragmatik in der politischen Entscheidung. Alfred Kubel zum 75. Geburtstag. Bonn 1984. S. 37-42. 25 Vgl. dazu Robert Spaemann: Nebenwirkungen als moralisches Problem. In: R.S.: Zur Kritik der politischen Utopie. Stuttgart 1977. 26 Robert Spaemann a.a.0. S. 408. 27 Max Weber: Politik als Beruf a.a.O. S. 547. 28 Vgl. zu dieser Grundsatzfrage Bernhard Schleißheimer: Sein und Sollen. Zur Frage der theoretischen Begründbarkeit praktischer Normen. München 1978. 29 Vgl. Renate Köcher: Spürhund und Missionar. Eine vergleichende Untersuchung über Berufsethik und Aufgabenverständnis britischer und deutscher Journalisten. Diss. München 1985. 30 Eine erste, vorläufige Übersicht bietet Ilona Bernardy: Empirische Studien zur journalistischen Berufsethik. Magisterarbeit. Mainz 1984. Jürgen Wilke ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 58 20.02.2017 10:05:09 59 31 Vgl. S. Scott Whitlow, G. Norman van Tubergen: Patterns of Ethical Decisions among Investigative Reporters. In: Mass Communication Review 6 (1978/79) S. 2-9. 32 Vgl. Renate Köcher a.a.O. S. 141 ff. 33 Dem stimmten 96 Prozent der britischen und 94 Prozent der deutschen Journalisten zu. Vgl. Renate Köcher a.a.O. S. 131 ff. 34 Vgl. Renate Köcher a.a.0. S. 140 ff. – Reinhart Stalmann: Über die Professionalisierungstendenzen bei den Pressejournalisten in der BRD. Diss. Zürich 1974. – J. Herbert Altschull: The Amoral Morality of Editors. Uniformity and the Nose for the Camel. In: Anne van der Meiden (Hrsg.): Ethics and Mass Communication. Utrecht 1980. S. 89-107. – Donald S. Weinthal, Garrett J. O‘Keefe jr.: Professionalism among Braodcast Newsmen in an Urban Area. In: Journal of Broadcasting (1974) S. 193- 209. 35 Vgl. Reinhart Stalmann a.a.O. S. 94. 36 Vgl. Renate Köcher a.a.O. S. 145 ff. – Vince Blasi: The Newsman’s Privilege: An Empirical Study. In: Michigan Law Review 70 (1971/72) S. 229- 284. – Jack M. McLeod, Searle E. Hawley: Professionalization among Newsmen. In: Journalism Quarterly 41 (1964) S. 529-539. – Donald S. Weinthal, Garrett J. O’Keefe a.a.O. – S. Scott Whitlow, G. Norman van Tubergen a.a.0. – David Gordon: Chicago Journalist’s and Ethical Principles. In: Mass Communication Review 6 (1979) S. 17-20. 37 Renate Köcher a.a.O. S. 147. 38 Vgl. Hans Mathias Kepplinger, Inge Vohl: Mit beschränkter Haftung. Zum Verantwortungsbewußtsein von Fernsehredakteuren. In: Hans Mathias Kepplinger (Hrsg.): Angepaßte Außenseiter. Was Journalisten denken und wie sie arbeiten. Freiburg, München 1979. S. 223-259. Hier insbesondere S. 237 ff. – Renate Köcher a.a.0. S. 150 ff. – Helmut Kerscher: Gerichtsberichtserstattung und Persönlichkeitsschutz. Eine empirischrechtspolitische Studie über Entstehung und Wirkung identifizierender Gewaltdarstellung. Diss. Hamburg 1982. 39 Vgl. Renate Köcher a.a.O. S. 160. 40 Vgl. Keith P. Snaders, Won H. Chang: Codes – The Ethical Free-for-All: A Survey of Journalist’s Opinions about Freebies. Columbia 1977. – Vgl. ferner Jack M. McLeod, Searle E. Hawley a.a.O. – Donald S. Weinthal, GarrettJ. O’Keefe a.a.O. 41 Vgl. Klaus Schönbach: Trennung von Nachricht und Meinung. Empirische Untersuchungen eines journalistischen Qualitätskriteriums. Freiburg, München 1977. 42 Hans Mathias Kepplinger, lnge Vohl a.a.O. S. 243. 43 Ebd. S. 244. Journalistische Berufsethik in der Journalistenausbildung ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 59 20.02.2017 10:05:09 60 Jürgen Wilke 44 Vgl. u.a. Jürgen Westerstahl: Objectivity is measurable. In: EBU Review 121 B (1970) S. 13-17. – Gaye Tuchman: Objectivity as a Strategie Ritual: Newsmen’s Notions on Objectivity. In: American Journal of Sociology 77 (1972) S. 660-670. – Ulrich Saxer: Die Objektivität publizistischer Information. In: Wolfgang R. Langenbucher (Hrsg.): Zur Theorie der politischen Kommunikation. München 1974. S. 206-235. – Lutz Huth: Ereignis, Objektivität und Präsentation in Fernsehnachrichten. In: Politische Medienkunde Bd. 3/1977 S. 103-123. – Günter Bentele, Robert Ruoff (Hrsg.): Wie objektiv sind die Medien? Frankfurt 1982. 45 Vgl. dazu Ulrich Saxer: Recherche als journalistischer Auftrag und Prüfstein. In: Fernsehen und Bildung 10 (1976) S. 224-250. ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 60 20.02.2017 10:05:09 61 Der interreligiöse Dialog Schwächen und Chancen in der Verständigung zwischen den Religionen . Von Thomas A. Bauer Vorbemerkung In Eichstätt abgeschlossen hat Thomas A . Bauer (geb . 1945) sein Erststudium, die Theologie . Dessen Erträge haben ihn in seiner wissenschaftlichen Arbeit stets begleitet, über die Stationen Salzburg (kommunikationswissenschaftliche Promotion 1973, Habilitation 1980) und Graz an die Universität Wien (O . Professor 1993), Kommunikation war und ist für ihn etwas schlechthin Wesentliches . „Religionen im kulturellen Umbruch“ sind auf Gedeih und Verderb auf Kommunikation angewiesen: die „Friedensrolle der Religionen“ . Nicht hingegen geht es in dieser Publikation (zuerst in Heft 2/2001, S . 183-195) „um den Verständigungsprozeß zwischen Kirchen und Konfessionen … mit dem Ziel der Herstellung größerer, vielleicht sogar theologisch oder liturgisch institutionalisierter Nähe“ . In der Bestimmung des Verhältnisses zwischen Religion, Kirche und Medien schiebt sich, wenn man die gegebe-nen Realitäten betrachtet, zunehmend die problematische Rolle der Kirchen in den Vordergrund . Als Organisationen, die einen Dauerauftrag in einer sich laufend ändernden Umwelt bearbeiten, neigen sie (immer noch) dazu, Religion autoritär auszulegen . Dieser Anspruch wird ihnen immer weniger abgenommen . Medien unterstützen diese diffuse Protesthaltung, objektivieren sie und machen sie zum Gegenstand der Reflexion . So werden sie unter der Hand selbst zu Dispositiven von Religion oder Religiosität . Der interreligiöse Dialog wird den Kirchen abgenommen, allerdings verändert er sich in diesem Vorgang zum spirituellen und transkulturellen Diskurs . Ob das im Sinne des Erfinders ist? Es geht im Folgenden nicht um eine Analyse der Ökumene, also um den Verständigungsprozess zwischen Kirchen und Konfessionen in zentralen Positionen mit dem Ziel der Herstellung größerer, vielleicht sogar theologisch oder liturgisch institutionalisierter Nähe . Es geht auch nicht um das Problem der Verständigung zwischen den Religionen durch Prof. em. Dr. Thomas A. Bauer leitete von 1979-1992 das Institut für Kommunikationswissenschaft, Graz. In der Folge bis zur Emeritierung 2013 Ordinarius für Kommunikationswissenschaft mit dem Schwerpunkt Journalismus / Medienkultur im audiovisuellen Medienbereich am Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien. RELIGION, KIRCHE UND MEDIEN ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 61 20.02.2017 10:05:09 62 den mehr oder minder gelingenden Versuch ihrer Institutionen, sich in den Unterschieden bei generell gemeinsamen Themen mit Respekt dieser Unterschiedlichkeit gegenüber zu begegnen . In meiner folgenden Analyse will ich die Problematik ansprechen, ob und in welchem Maße wir, unsere Gesellschaft, die sich selbst über die Medien reflektiert und die sich durch sie über die Grundlagen ihrer sozialen Existenz (Freiheit, Solidarität, Integration als Stichworte) verständlich macht, in eben dieser medialen Reflexion den religiösen Dimensionen dieser Auseinandersetzung Raum geben, geben wollen, geben sollen oder geben können . Und was dann dabei herauskommen kann oder herauskommen soll . Weiters ginge es mir darum, die Schwierigkeit, aber auch den möglichen Wert des interreligiösen Dialogs in all diesen mediatisierten Diskursen sichtbar zu machen, um schließlich – zunächst einmal – die theoretischen Bedingungen für das Gelingen des interreligiösen Dialogs ansprechen zu können . Religion und Kirche Die Vorstellung, dass die Welt heil sein kann und dass dieser Zustand dann annähernd erreicht ist, wenn niemand aus den Chancen ausgeschlossen wird, die aus natürlichen, kulturellen und symbolischen Ressourcen dieser Welt zu gewinnen sind, nennt sich Integration . Diese Vorstellung ist ein politisches und soziales, soweit sie einen metaphysischen Ort einschließt, auch ein religiöses Postulat . Religionen sind Interpretationszusammenhänge und eine kulturelle Matrix für Sinnbezug und Sinninterpretation von allem, was das individuelle und das soziale Leben ausmacht oder es schwierig macht . Ihre Perspektive ist dabei allerdings metaphysisch, ihr Horizont ist transzendental, ihr Urteil ist sinnwertend . In diese Wertung wird mitunter eingeschlossen, dass diese letztgültige Integration nicht jedem gegeben ist, dass sie an Bedingungen geknüpft ist und dass sie nicht genommen, sondern nur angenommen werden kann . Die Theologien des Christentums und des Judentums, die uns in der westlichen Welt zugegebenermaßen vertrauter sind als die des Islam, haben diesen Umstand des Vorbehalts unterschiedlich ausgedeutet und ihn mit Begriffen wie „Gnade“, „Auserwählung“ sanktioniert . In diesem Sinne sind Kirchen und Glaubensgemeinschaften Gemeinschaften zur Sozialisierung und Organisation von Glaube und Gesinnung . Sie sind die organisatorischen gatekee- Thomas A. Bauer ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 62 20.02.2017 10:05:09 63 per des Zutritts zu speziellen kulturellen Milieus und zu den entsprechenden Milieudiskursen . Deshalb repräsentieren die kirchlichen Kommunikationskontexte nicht den umfassenden, sondern bestenfalls Ausschnitte des möglichen religiösen Diskurses . Die religiösen Kommunikationskontexte sind allerdings in viel stärkerem Maße im Wandel als es sich die kirchlichen Kommunikationskontexte selbst zutrauen . Die Kirchen haben zum größten Teil die kommunikative Wertschöpfung noch nicht begriffen . Sie hängen immer noch in den Mustern feudaler Verteilung von Kommunikationschancen . Zwar waren insbesondere die christlichen Kirchen schon lange und viel früher als andere Institutionen auf eine multikulturelle Öffentlichkeit ausgerichtet, aufgrund des Verkündigungs- und Missionsverständnisses aber blieb diese Ausrichtung immer asymmetrisch . So haben sie auch heute die Schwierigkeit mit den Herausforderungen der Mediengesellschaft (speed, Wechselhaftigkeit, Konkurrenz) fertig zu werden . In einer Medien- und Kommunikationsgesellschaft drängt sich eine Institution, ob sie kirchlich oder politisch ist, an den Rand der Wahrnehmung, wenn sie die Definition von sich selbst nicht teilen mag . In einer Kommunikationsgesellschaft ein Faktor der Gestaltung des Lebens zu sein, heißt anzunehmen und zu lernen, dass Identität – auch das Selbstverständnis der Kirche – nicht nur aus der eigenen Autarkie und Definitionsmacht (Paul Zulehner) gebildet wird, sondern dass Identität auch aus der Wahrnehmung von außen mitkonstruiert und mitkommuniziert wird . So wie das Verständnis von dem, was eine religiös relevante interpretative Sinnmatrix sein kann, zunehmend medial konstruiert wird, so wird auch die kirchliche Identität zunehmend medial kontextualisiert . In diesem Sinne muss man einmal darüber nachdenken, ob und wie die Medien ein Potential für Religion und wegen ihrer intertextuellen Arbeitsweise ein Dispositiv für den interreligiösen Diskurs sein können – so wie wir gewohnt sind, diese Leistungen der Medien selbstverständlicherweise für den Bereich „der Kultur“ anzunehmen . Krieg und Frieden In einem solchen Nachdenkprozess müsste man ausgehen von der Überlegung, ob die Welt friedlicher dastünde, wenn es die Religionen nicht gäbe oder wenn es nur eine Religion gäbe . Der interreligiöse Dialog Wie können die Medien ein Potential für Religion und wegen ihrer intertextuellen Arbeitsweise ein Dispositiv für den interreligiösen Diskurs sein? ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 63 20.02.2017 10:05:09 64 Oder: ob die Welt friedlicher dastünde, wenn es die Medien, mit denen das Bewusstsein von Kommunikationsfreiheit gewachsen ist, nicht gäbe . Zu Letzterem gibt uns die Erfahrung die Antwort: Der einzelne vielleicht, aber die Gesellschaft kommt ohne Medien nicht aus . Die Gesellschaft war nie etwas anderes als ein durch kommunikative Vermittlung gebildetes Konstrukt . In diesem Sinne sind Medien für die Konstruktion einer friedlichen Welt unentbehrlich . Zur Friedensrolle der Religionen gibt uns die Geschichte die Antwort: Der einzelne vielleicht, aber die Welt kommt ohne religiöse Deutung nicht aus, die Geschichte der Menschheit selbst ist nichts anderes als eine Summe kurioser Deutungen der Welt und der nie unterbrochene Versuch, das letztlich bestimmende Prinzip der Wahrheit zu objektivieren . Eine Deutung ist zu wenig, sie fängt die Welt nicht ein . Weil aber alle religiösen Deutungen das Eine wollen, halten sie sich gerne für einzig, für einzigartig, für einzig möglich oder gar für einzig berechtigt . Der Streit um die Wahrheit ist vermutlich das Programm dieser Welt, in dessen Reichweite es liegt sich selbst zu zerstören . Wahrheit und Friede sind absolutistische Konstruktionen des Glücks mit autistischer Neigung, sie sind nur theologische Geschwister, unter den Bedingungen der sozialen Realität waren sie immer Konkurrenten . Wahrheit ist nicht friedfertig, sondern streitsüchtig . Der Frieden hat kein ruhiges, sondern ein sozial bewegtes Gesicht . Gäbe es „die“ Wahrheit, wäre sie ein Zustand des Todes und der Abrechnung mit dem Leben . Dort, wo sie mit diesem Gestus der Unwiderlegbarkeit auftritt, dort bedroht sie das Leben, das sich anders gibt, und rechnet unbarmherzig mit ihm ab . Die Wahrheit in diesem Sinne war immer schon das Philosophicum der Macht und das Argument der Gewalt . Viele Systeme und Regime haben sich bis in die jüngste Zeitgeschichte dieser Korrelation wegen entweder mit Religionen verbündet oder sich selbst zu solchen erklärt . Die Welt war nie friedlich, weil und solange es Religionen gab und gibt, die ihre Existenz und deren kulturelle Ansprüche und Eigenheiten in aller Regel dadurch behaupten, dass sie sie behaupten, sich also auf ein nicht mehr höher überbietbares und durch nichts mehr austauschbares Haupt oder – gar – Oberhaupt berufen, um dessen Einzigartigkeit und Fehllosigkeit sich aber viele denominierte und nicht-denominierte Interpretationen raufen und streiten . Religionen sind aufgrund dieses An- Thomas A. Bauer Weil alle religiösen Deutungen das Eine wollen, halten sie sich gerne für einzig, für einzigartig, für einzig möglich oder gar für einzig berechtigt. ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 64 20.02.2017 10:05:09 65 spruchs der Unterscheidung von Wahrheit und Irrtum unweigerlich in dem Dilemma von Krieg und Frieden, und – weil auf Unwiderrufbarkeit und Allgemeingültigkeit ausgerichtet – der hypothetisch konstruierte Ort der sogar theologisch gestützten Berechtigung der Verweigerung von anders orientiertem Leben oder der Vernichtung von diesem . Gott und die Welt Insofern Gott das Objekt ihrer Sprach- und Machtspiele ist, sind Religionen eine durchgreifende und alle Ebenen durchbrechende Perspektive, alles Denken und Tun wertende Sicht der Dinge, eine alle Äußerungen des Lebens in den Rahmen einbindende Standpunktnahme . Sie berufen sich auf ein letztes Prinzip, das genau deswegen immer den Anspruch hat, das erste zu sein . Sie binden sich an eine radikale, eben nicht in dieser Welt der zufälligen und vergänglichen Wahrnehmung wurzelnde Wahrheit . Sie interpretieren nicht die Ausnahme, sondern die Regel . Sie definieren nicht nur, was ist, sie geben auch vor, wie das, was ist, zu sein hat . Selbst wenn diese durch nichts mehr beeinflussbare Berufung auf eine letzte Instanz jenseits dessen, was die Sprache hergibt, möglich wäre, und auch wenn es diese Behauptung – also Gott – gibt, was Religionen ja nicht in Zweifel ziehen, dann ist die Art, wie Menschen ihn denken und was sie von dieser Behauptung ableiten, nicht notwendigerweise richtig, schon gar nicht einzig richtig, sondern eine der möglichen Beschreibungen von Sinn . Die Vielzahl und die Vielgestaltigkeit der Religionen ist der Beweis dafür, dass Gott zu denken und daraus für das Leben zu folgern nicht eine Frage von richtig oder falsch sein muss, sondern auch ein menschliches und gesellschaftliches Projekt einander geschenkter Interpretationsarbeit . Diese wird aber im Falle sogenannter Offenbarungsreligionen unterlaufen und mit dem Axiom überhöht: Gott selbst hätte sich mitgeteilt, sei das im Menschen inkorporierte letzt- und erst-gültige Wort . Somit wird der Mensch für fähig erklärt, nicht nur Gott zu denken, sondern des Gedanken Gottes fähig – vielleicht sogar mächtig – zu sein und sein Handeln nicht mehr nur approximativ und interpretativ am Prinzip ausverhandelter Wahrheit ausrichten zu müssen, sondern mit der Gewissheit der Erleuchtung das Handeln Gottes im eigenen Handeln selbst zu repräsentieren und mit dem eigenen Handeln das Wahre tun zu können . So macht man die Wahrheit zur menschlichen Denk- und Tatsache . Epistemologischer Hochmut in diesem Zuschnitt ist kaum in der Der interreligiöse Dialog ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 65 20.02.2017 10:05:10 66 Lage und nicht daran interessiert, Ambitionen zu dialogisch geteilter Weltdeutung zu entwickeln . Inhomogenität und innere Vielfalt zu tolerieren ist eine moralische Entscheidung, sie zu honorieren braucht ein ethisches Konzept . Es braucht auch nicht viel Fantasie, um sich in diesem Zusammenhang an die Neigungen des Menschen zu erinnern und sich vorzustellen, dass eine solche des göttlichen Gedankens fähige Macht nicht willkürlich verstreut und nicht für jedermann greifbar ist, sondern mindestens die Fähigkeit und Zuständigkeit der richtigen Interpretation von dem voraussetzt, was man dann gerne – einem hierarchischen Stufenmodell folgend – die letzten und nur von weit oben sichtbaren Wahrheiten nennt . Dass solche Kompetenzen nicht individuell und beliebig vergeben werden, sondern organisiert und an klerikale Konditionen gebunden werden wie z . B . an den Grad der Erleuchtung, die Weihestufe oder das Amt, ist eine bekannte Folge . Es würde hier zu weit führen, diese Andeutung zum kommunikativen Charakter des Glaubens von Wahrheit und diesen Gedanken des Kommunikationsbruchs durch die Hierarchisierung und Organisation von Kommunikation über Wahrheit fortzuführen . Diese Problematik aber im Zusammenhang mit der Frage der Toleranz- und lntegrationsfähigkeit von Religionen anzusprechen schien mir wichtig, weil damit sichtbar werden sollte, dass es einen Unterschied gibt zwischen Glauben und Behaupten und dass dort Religionen der Nährboden für die unfriedliche Auseinandersetzung über das Recht auf Leben und persönliche Lebensgestaltung sind, wo eine solche Verwechslung vorliegt . Wenn eine Religion das ist, was Gott glauben macht oder glauben hilft, dann müsste man ja auch sagen können, eine Religion sei das, was an Gott zweifeln lässt oder zweifeln hilft . Wo dieser Zweifel durch systemisierte und verkirchlichte Religionen oder durch systematisierte Theologien nur theoretisch und nur im Sinne eines unausgereiften Versuchs einer nächtlichen Sünde verziehen wird, wo er nicht in die kommunikative Darstellung und Versprachlichung, also nicht in den religiösen Diskurs aufgenommen wird, dort bekommt die Behauptung – wovon, wozu und worüber auch immer – tendenziell dogmatischen, totalitären und faschistoiden Charakter . Soviel zu „Gott und die Welt“ unter multireligiöser Perspektive . Vernunft und Glaube Man braucht den Zweifel nicht zum Prinzip zu machen, wenn man annehmen muss, dass damit der Glaube verunmöglicht Thomas A. Bauer ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 66 20.02.2017 10:05:10 67 werden könnte, man soll aber auch nicht den Glauben zu einem Prinzip machen, das ohne den Zweifel auskommen könnte . Somit bin ich auf einer weiteren Ebene der Thematisierung der Schwierigkeiten des religiösen bzw . interreligiösen Dialogs: bei dem Entscheidungsspielraum des Menschen zwischen Vernunft und Glaube . Die Auseinandersetzung auf dieser Ebene und in dieser prinzipiellen Frage ist im Zusammenhang dessen, was ich hier zu thematisieren habe, nicht sophistizierter Hochmut und nicht philosophischer Luxus, sondern die unverzichtbare Rückbindung der Einschätzung von Friedfertigkeit oder Gefährlichkeit von empirischen Religionen an das, was Religion ist . Sie ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als die Bindung des Menschen an das, was er für letztlich gültig zu halten entscheidet . Und in dieser Entscheidung ist er – obwohl und weil Angebote zur freien Entscheidung vorliegen, nicht determiniert . Entscheidet er sich aber, hat das Konsequenzen . Spiritualität und Rationalität sind für die Konstitution von Religion notwendige und einander ermöglichende, wie auch einander begrenzende und kontrollierende Größen in der Existenzwerdung des Lebens . Der Mensch glaubt, weil er Sicherheit sucht . Glaubenssysteme und deren religiöse Vorstellungen oder auch, um im Trend zu sein, esoterische Weltbilder, sind – unabhängig davon, ob sie wahr sind oder ob sie wahr sein können – gar nicht rational erklärbar und begründbar, sie sind für die wissenschaftliche Deskription ein irrationales und psychisches Phänomen der menschlichen Evolution . Wären sie rational erklärbar und begründbar, wäre deren Abschaffung oder deren Ersatz durch Wissenschaft leicht zu bewerkstelligen . Die Geschichte hat bewiesen, dass Religionen und Glaubenssysteme stärker sind als politische Systeme . Sie sind eine Konstruktion mit einer Suggestion, die alle Selektionen der menschlichen Evolution überdauern . Sie bestehen in aller ihrer rationalen Naivität – und vermutlich wegen dieser – neben hochkomplizierten Wissenssystemen und werden, je komplexer und multipler eine von der Aufklärungsrationalität geprägte Welt wird, immer mehr zum Fluchtpunkt der Erholung . Auch eine Erlebnis- und Freizeitgesellschaft kann ihr nicht viel anhaben . Die religiöse Neugier mischt sich eben in diese Formen der Lebensgestaltung so ein, dass Erlebnis und Freizeit Der interreligiöse Dialog Die Geschichte hat bewiesen, dass Religionen und Glaubenssysteme stärker sind als politische Systeme. ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 67 20.02.2017 10:05:10 68 den Charakter von religiösen Übungen bekommen . Da religi- öse Systeme den Menschen offenbar hinsichtlich seiner Frage nach dem Warum und Wofür des Lebens zufriedener machen, besitzen sie einen praktischen Nutzen, den Wirtschafts- oder Wissenschaftssysteme, die durch ihre eigene Rationalität immer wieder überholt werden, nicht geben können . Religionen sichern das seelische Gleichgewicht zwischen den Extremen emotionaler Herausforderung, sie stabilisieren Normen zwischen Beliebigkeit und Bedrohung, zwischen Chaos und Zwang . Von Religionen erhofft die rationalistisch aufgeklärte Gesellschaft die Humanisierung der Welt, weil sie das Vertrauen auf Gerechtigkeit und den Glauben an das Gute am Menschen begründen . So gibt es, um es mit Wittgenstein zu halten, eine Verantwortung des Glaubens vor der Vernunft, was der vernunftgläubigen Gesellschaft wiederum die Kontrolle über Religionen gibt . Aber von Wittgenstein ist noch mehr zu lernen . Für ihn sind Glaubenssätze, also religiöse Sätze wie grammatische Sätze . Grammatische Sätze sind solche, die Regeln der sprachlichen Weltaneignung und der Weltvorstellung vorgeben . In diesem Sinne regeln religiöse Sätze alle Handlungen des Menschen . Wer sagt, dass er an Gott glaubt, würde oder müßte damit alle seine Handlungen prägen und moralisch vorausbestimmen . In diesem Sinne geben Glaubenssätze für den Fideisten Wittgenstein aber keine epistemische Gewissheit, sie sind vielmehr das sprachliche Spiel mit dem Zweifel . Dies wird einem dann umso näher gelegt, wenn, wie Wittgenstein auch sagt, eine Grammatik – also die grammatischen Sätze der Religion – erst dann befragt wird, wenn der Sprecher Probleme hat . Deshalb ist Religion für ihn Vertrauens-, nicht Wissenssache . Man versteht Glaubenssätze nur aufgrund ihrer Einbettung in die religiöse Praxis . Wenn eine Religion von sich behauptet, ihre Glaubenssätze seien wahr oder sie behandelten die Wahrheit, sie würde aber diese Aussagen nicht einbetten in die Lebenspraxis, dann läuft eine solche Aussage ins Leere, sie bleibt oder verkommt zur feierlichen Floskel . Entscheidend also ist der kommunikative und lebensweltliche Gebrauchswert von religiösen Aussagen und Diskursen . Man versteht die religiösen Diskurse nur, wenn man einsteigt in deren Sprachspiele . Durch die Beteiligung an den Sprachspielen wird man ein Teil dessen, was sie repräsentieren . Die Sprachspiele der Glaubenden sind aber wieder andere als die derer, die Thomas A. Bauer Von Religionen erhofft die rationalistisch aufgeklärte Gesellschaft die Humanisierung der Welt. ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 68 20.02.2017 10:05:10 69 das System repräsentieren . Durch die systemische Organisation der Glaubenswelten in Theologie, Amt und Mitgliedschaftsgraden wird religiöses Sprechen zu kirchlichem Sprechen . Das verringert zwar die Kontingenz von Sinn und reduziert die Komplexität der Einbettung dessen, was man glaubt, in das Leben, aber es organisiert auch das Verhältnis von Macht und Ohnmacht in Form von Autorität und Gehorsam, das von Distanz und Nähe in Form von priesterlicher Immunität und laientypischem Unverstandes, von geweihter Unberührbarkeit, sogar Unfehlbarkeit, und die Entscheidung über richtig und falsch für den Verbraucher als „erlaubt“ und „nicht erlaubt“ . Religionen im kulturellen Umbruch Der gesellschaftliche Wandel des nun zu Ende gegangenen Jahrhunderts birgt in sich Sprünge, die eben so sehr als Brücken in die Zukunft gesehen werden können wie sie auch Wiederentdeckungen zum einen und radikale Brüche zum anderen mit der Vergangenheit sind . Entwicklungen gehen eben, manchmal zur Enttäuschung der Statistiker und Prognostiker, nicht linear vor sich, sondern in freier Assoziation von Bedingungen, Erkenntnissen und Träumen . Soviel aber lässt sich aus den Phänomenen der Gegenwart, soweit sie das Verhältnis von Gesellschaft, Medien und religiöser Orientierung betreffen, extrapolieren: 1. Dekonfessionalisierung und Marktprinzip So wenig die Religionen entscheidend zur friedlichen Integration in dieser Welt beigetragen haben, so sehr wird eine zunehmend durch Kommunikation und Demokratisierung gestaltete Welt nicht nur die Kirchen, sondern auch die Religionen verändern und damit auch sie friedfertiger machen . Die Religionen werden zunehmend mediale und diskursive Formate annehmen, was schon wegen des größeren Beliebigkeitsspielraums weniger Aggressivität mobilisiert, dafür mehr Pluralität kreiert . Soweit Religionen auf Darstellungen angewiesen sind, wird ihre architektonische, klerikale und liturgische Darstellung durch Kirchen immer weniger das Religiöse repräsentieren, sondern ferne Erinnerung und Nostalgie . Die Zukunft der religiösen Darstellung der Kirchen wird – zumindest vorübergehend – mystischer, spiritueller und beliebiger sein . Die gesellschaftliche Vergegenwärtigung von Religion wird immer weniger von denominierten Kirchen, sondern von frei assoziierten Konfessionen ohne große organisatorische Ambition stammen . Reli- Der interreligiöse Dialog ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 69 20.02.2017 10:05:10 70 gionen werden – zumindest in der so genannten westlichen Welt – zunehmend Projektcharakter annehmen . Heterarchien statt Hierarchien, Teams statt Amtsorganisation . Der Veränderungsdruck auf die Kirchen und Glaubensgemeinschaften kommt nicht nur von innen, sondern auch von außen . Auch die nichtreligiösen Sektoren des gesellschaftlichen und öffentlichen Lebens werden zunehmend unsicherer in der Bestimmung ihres Verhältnisses zu den traditionellen religiösen Institutionen . Der ihnen zugedachte Aufmerksamkeitswert rechnet sich in einer medienvermittelten Welt nicht mehr so klar . Die wachsende Enttäuschung über den Widerspruch von Anspruch und Verwirklichung und der zunehmend mögliche Blick nach außen und von außen bringt die kirchliche Monopolstellung der Sinninterpretation, soweit sie nicht von ihr selbst gewollt, aber gekonnt demoliert wurde, in eine Legitimationskrise, die geschickt von Medien und Markt aufgefangen werden . Der Markt hat schon längst auf die diffusen, aber unbefriedigten Sinnbedürfnisse reagiert . So mischt sich die Konsumgesellschaft in die Fragen des Lebens wie sich die Fragen des Lebens zur Zeit eben auch als Fragen der Wirtschafts- und Marktchancen stellen . Aufmerksamkeit ist in diesem System die Kategorie, die über Gewinn und Verlust entscheidet . Ob Gott als der letztlich entscheidende Bezugspunkt für die Themen und Ziele des interreligiösen Dialogs unter den Bedingungen dieser multikulturellen Gesellschaft auch als mediale – und nicht kirchliche – Größe und als Orientierung persönlichen und gesellschaftlichen Handelns im Gespräch bleibt und ob Gott im medialen Kontext auch wirklich neu gedacht und neu „verbeispielt“ werden kann, hängt nicht zuletzt von der Qualität der kommunikativen und medialen (auch journalistischen) Verarbeitung religiös ambitionierter Reflexion ab . Wenn Gott die letztlich entscheidende Erfahrung ist, aus der und durch die Gerechtigkeit, Friede und Freiheit des Lebens beschrieben und erhandelt werden kann, dann kommt es wohl auf die Qualität der Beschreibung und der Kommunikation über Gerechtigkeit, Friede und Freiheit an, ob in einem solchen Thematisierungszusammenhang religiöse Normen und Orientierungen eine qualifizierende Rolle spielen . Die Rolle der Medien im interreligiösen Diskurs ist die Mediation in dieser Thematik; ihre Rolle ist es auch, die Vernachlässigungen dieser Thematik und die Lücken des Friedens, die durch Religionen entstehen, aufzufangen und aufzuarbeiten durch Wissen, Information und kritische Analyse . Thomas A. Bauer ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 70 20.02.2017 10:05:10 71 Damit Chancengerechtigkeit, gerechte Verteilung der Ressourcen, friedliche Gestaltung des Zusammenlebens in einer pluriformen Gesellschaft und Kommunikationsfreiheit in einer global vermittelten Welt nicht nur wirtschaftliche, sondern auch moralische Projekte werden, braucht es auch die durch Mediendiskurse zu leistende Mediation zwischen den verschiedenen religiösen Verständnissen von Gesellschaft, Politik, Kultur und Wirtschaft, um einerseits die verschiedenen religiös besetzten Dimensionen gesellschaftlichen Handelns transkulturell einander verständlicher zu machen, und um diese andererseits durch die rationale und mediatisierte Konfrontation auch auf Positionen zu verantworten, die auch das praktische Interesse an der Friedensarbeit mobilisieren . 2. Medien als Orte religiös kommunizierter Lebensdeutung? In einem medienvermittelten religiösen Diskurs verstellen möglicherweise die Medien den freien Blick auf Religion . In einem kirchlich vermittelten religiösen Diskurs verstellen möglicherweise die Kirchen den freien Blick auf Religion . In einer auf Diskurs, Konversation, Medien und medialer Vernetzung – wenn auch mitunter in ziemlich fragwürdiger Qualität der Kommunikation – setzenden Gesellschaft, in der Offenheit, Vielgestaltigkeit und Veränderbarkeit gefragte Positionen sind, hat Religion aber nicht mehr die Stimme einer Kirche, die sich mit theologischer, liturgischer und auf das Überleben der eigenen Organisation gerichteten Sprache und kultureller Textierung maskiert . Mit der Auswanderung der Menschen aus den Kirchen wandert auch die Religion aus den Kirchen aus . Die Menschen suchen neue Dispositive der Religion . Die religiöse Orientierung emanzipiert sich von der religiösen Organisation und sucht sich virtuelle, diskursive, mediale, vor allem frei assoziierte Referenzrahmen für den religiösen Diskurs . Religion wird damit zwar entkirchlicht und deinstitutionalisiert, aber keinesfalls entgesellschaftet . Fließende und frei assoziierte Sozialformen der religiösen Orientierung sind ihres höheren Beliebigkeitsgrades und des möglichen Synkretismus wegen noch lange nicht chaotisch, sie bringen nur bestehende, nach Interessen organisierte Ordnungen an den Rand ihrer Weisheit, bringen aber nicht die Welt durcheinander . Mag sein, dass die Kirchen in Bezug auf die Kommunizierbarkeit von Religion mit dem Latein am Ende sind . Das heißt noch lange nicht, dass der Mensch oder die Gesellschaft mit ihrem Versuch der Versprachlichung oder Textie- Der interreligiöse Dialog ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 71 20.02.2017 10:05:10 72 rung des Religiösen zu Ende ist . Kommunikation, die ja ein biotisches, also wachsendes und sich selbst entwickelndes System ist, ist auch in dieser Entwicklung ein über die Zyklen des Lebens kathartischer und heilender Faktor . Sie provoziert Ordnungen mit Chaos wie sie das Chaos immer wieder in ein Flussbett von Ordnungen bringt . In diesem Sinne sind Entwicklungen wie diese, weil sie auf die radikale Frage der Qualität des Seins und auf die radikale Infragestellung der Institutionen mit dem Quasimonopol der Seinsinterpretation hinauslaufen, eine kathartische Irritation . Die Freigabe von Religion durch die Kirchen ist die Überantwortung der Sinnfrage an die Gesellschaft . Das ist ein kommunizierter und kommunizierbarer Akt der Emanzipation der Gesellschaft wie er ebenso als ein Akt gesteigerter Integration der Kirchen in die Alltagskultur der Gesellschaft angenommen werden kann . In diesen Vorgang können sowohl Medien wie neu und interaktiv definierte Kirchen, weil sie in der Aufrechterhaltung des religiösen wie des interreligiösen Diskurses komplementäre Aufgaben wahrnehmen, bewusster eingreifen und so auch jeweils ihre gesellschaftliche Legitimität darstellen . Zum Potential des religiösen bzw . interreligiösen Diskurses ist auch noch anzumerken: Der religiöse Diskurs, also alle medialen und nichtmedialen Gesprächszusammenhänge mit religiösem Bezug, kann nicht die totale Darstellung des religiös Möglichen und dessen, was sich dem einzelnen durch Glaube und Zweifel erschließt, sicherstellen, er kann immer nur exemplarisch das bemustern, wovon er handelt, und er kann immer fragmentarisch das erfassen, was er zu erschließen beabsichtigt . Der interreligiöse Dialog kann – und darf – daher nicht die Egalisierung solcher exemplarischer Muster der Interpretation, ob sie nun theologisch, liturgisch oder rituell ausgeformt sind, im Sinn haben, sondern ganz im Gegenteil: Er sollte der Vielfarbigkeit und Vielgestaltigkeit des Religiösen dienen . Die Fragmentizität der Kommunizierbarkeit und Darstellbarkeit zwingt zu Vielseitigkeit und Häresie (Wahl) . Diese als Bereicherung zu sehen und nicht als Bedrohung sollte und könnte letztendlich auch der ökumenische Wert des interreligiösen Dialogs sein . 3. Kommunikation neu denken Religionen entstehen und ereignen sich nicht außerhalb von sozialer Kommunikation . Man könnte dieses Apriori auch umdrehen und postulieren: Kommunikation ist das Gestaltungsprinzip von Religion . Was auch heißt: Die Qualität der Kom- Thomas A. Bauer ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 72 20.02.2017 10:05:10 73 munikation bestimmt die Qualität der Religion . Restriktive Kommunikation und hermetische Diskurse schaffen restriktive und aggressive Religionen . Dehermetisierte Diskurse und offene Kommunikation schaffen häretische, verständige und am Wandel des Lebens orientierte Religionen . Dazwischen ist zu fragen, was ist die Qualität der Kommunikation . Oder: Wie kann man über die Qualität der Kommunikation in Bezug auf Religion sprechen? Möchte man feststellen, ob und wie Kommunikation eine Rolle im Entstehen von religiösen Lebensformen spielt, dann muß man auch versuchen über Kommunikation zu reden . Bisherige – traditionelle – Konzepte sind geleitet von dem kaum reflektierten Interesse, Kommunikation für eine möglichst störungsfreie Gesellschaft zu funktionalisieren . Dementsprechend wurden ziemlich mechanistische Modelle entwickelt, die es auch ermöglichen sollten, mit Hilfe von Kommunikation gesellschaftliche Vorgänge „in den Griff“ zu bekommen und sie für die Herstellung bzw . Sicherstellung gesellschaftlicher Ordnung zu instrumentalisieren . Der religiöse Diskurs bzw . der interreligiöse Dialog ist dann von kommunikativer Qualität, wenn er die Unterschiede (die mögliche Vielheit und Widersprüchlichkeit) der Daseinsauffassung und der Lebensdeutung ermöglicht und damit erreicht, dass man in religiösen Institutionen und Codierungsapparaten darüber nachdenkt, WIE man über das, was man für wahr (= relevant für die Lebensführung) beobachtet und erachtet, sich mit (ein)ander(en) ins Einvernehmen (seine Beobachtungen anderen Beobachtungen aussetzend) setzen kann . Und nicht darüber, WAS wahr ist oder nicht . Man braucht allerdings ein neues Paradigma von Kommunikation . Es heißt: Verständigung durch Herstellung von Differenz . Die konsensuellen Leitmodelle haben lange genug in den verschiedensten Kommunikationskontexten zu Zwang, Persuasion oder Manipulation geführt . Konsens als Absicht verleitet zu Macht oder zu Maskierung . Dissens als Absicht verleitet zu Neugier und Offenheit . Wenn aber Kommunikation die einzige Ressource für Überraschungen ist, dann sollten wir für den interreligiösen Dialog lernen, Überraschungen als Gewinn und nicht als Bedrohung zu sehen . Das geht nur in einem Klima, in dem das Scheitern von Kommunikation wieder durch Kommunikation aufgefangen Der interreligiöse Dialog Man braucht ein neues Paradigma von Kommunikation. Es heißt: Verständigung durch Herstellung von Differenz. ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 73 20.02.2017 10:05:10 74 wird . Weil Kommunikation als ein biotisches System nur im Wachsen zu sich selbst kommt und jedes Wachstum seine eigene Teleologie hat, sind Fehler der Kommunikation so selbstverständlich und möglich wie das Gelingen nicht immer selbstverständlich, aber immer möglich ist . In einem natürlichen und ökologischen System machen Abfall, Mist, Fehler und Irrtümer Sinn . Erst durch deren Institutionalisierung, Organisierung und Technisierung werden bestimmte Vorgänge mit der Ordnung von Perfektion und Richtigkeit verbunden und andere Vorgänge mit dem Stigma der Untauglichkeit und Fehlerhaftigkeit . Nicht die Dinge haben die Ordnungen an sich, wir sind es, die ihnen diese Ordnungen geben . Weil wir den Prozessen, in denen wir stehen und von denen wir immer ein Teil sind, schon ein Ergebnis vorgeben, beschränken wir uns selbst . Zum Glück ist die Natur durch Kultur nicht umzubringen . Das ist auch die Chance für den interreligiösen Dialog . Literaturhinweise Bauer, Thomas A.: Streitpunkt Dogma. Materialien zur Systemtheorie und Systemkritik kommunikativen Handelns in der Kirche. Wien – Graz 1982 Bauer, Thomas A.: „Neue Religiosität“ aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht. In: Projekt Megatrend Religion, geleitet von Christian Friesl. Wien 1999/2000 Beck, Ulrich: Risikogesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart. Frankfurt 1992 Berger, Peter L.: Der Zwang zur Häresie. Religion in der pluralistischen Gesellschaft. Frankfurt/M. 1980 Blumer, Jay G.: Wandel des Mediensystems und sozialer Wandel. Auf dem Weg zu einem Forschungsprogramm. In: Publizistik 1/1997, S. 16-36 Bochinger, Christoph: „New Age“ und moderne Religion. Religionswissenschaftliche Analysen. Gütersloh 1994 Bolz, Norbert: Die Sinngesellschaft. Düsseldorf 1997 Flusser, Vilém: Kommunikologie. Hrsg. von Stefan Bollmann und Edith Flusser. Frankfurt/M. 1998 Foucoult, Michel: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt 1997 Hartmann, Frank: Medienphilosophie. Wien 2000 Höhn, Hans Joachim: Zerstreuungen. Religion zwischen Sinnsuche und Erlebnismarkt. Düsseldorf 1998 Lübbe, Hermann: Religion nach der Aufklärung. Graz – Wien – Köln 1986 Schilson, Arno: Medienreligion. Zur religiösen Signatur der Gegenwart. Tübin- Thomas A. Bauer ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 74 20.02.2017 10:05:10 75 gen 1997 Schulze, Gerhard: Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart. Frankfurt 1992 Wittgenstein, Ludwig: Über Gewißheit. Werkausgabe Bd. 8. Frankfurt 1997 Zulehner, Paul/Denz, Hermann/Friesl, Christian u.a.: Vom Untertan zum Freiheitskünstler. Eine Kulturdiagnose anhand der Studien: Religion im Leben der Österreicher 1970-1990 und der Europäischen Wertestudie – Österreichteil 1990. Wien 1992 Der interreligiöse Dialog ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 75 20.02.2017 10:05:10 76 Gibt es eine kirchenamtliche Lehre der sozialen Kommunikation? Ein Rückblick 40 Jahre nach „Inter Mirifica“ . Von Helmuth Rolfes Prof. em. Dr. Dr. Helmuth Rolfes war von 1984 bis 2009 Professor für systematische Theologie an der Universität Kassel. Vorbemerkung Helmuth Rolfes (geb . 1944) ist systematischer Theologe, von 1984 bis 2009 war er Professor an der Universität Kassel . Sein hier wieder aufgenommener Beitrag von 2004 ist ein konziser und aussagekräftiger Überblick über kirchenamtliche Dokumente zur Kommunikation seit „Inter Mirifica“ (1963) . Er fasst die Communicatio Socialis-Schiene „Kirchenamtliche Dokumente“ in knapper Form zusammen und kommt zu dem Schluss, dass im „Diskurs der Gesellschaft zu medienethischen Fragen“ der Kirche in Zukunft vermehrt die Aufgabe zukommt, „die ethischen Implikationen der kirchlichen Lehre der sozialen Kommunikation zu Gehör zu bringen“ . Zuerst erschienen in Heft 3/2004, S . 219-244 . Auf fast allen Ebenen kirchlichen Lebens – und zwar weltweit – gibt es inzwischen vielfältige Institutionali- sierungen kirchlicher Medienarbeit, angefangen beim Päpstlichen Rat für die Sozialen Kommunikationsmittel, über Einrichtungen der Bischofskonferenzen und einzelner Bistümer bis hin zu Ausschüssen für Medien- und Öffentlichkeitsarbeit auf der Ebene der Pfarreien . Alle diese Einrichtungen sollen das kirchliche Medienengagement fördern und anleiten, es koordinieren und strukturieren, aber auch dem kirchlichen Sendungsauftrag entsprechend regulieren . Gibt es für diese in unseren modernen Medien- und Informationsgesellschaften hochkomplexe Aufgabe kirchenamtliche Orientierungshilfen, Anweisungen oder auch Lehraussagen, denen in Zukunft vielleicht eine ähnliche Bedeutung für die Entwicklung einer kirchlichen Lehre der sozialen Kommunikation zukommen könnte, wie den päpstlichen Sozialenzykliken des 19 . und 20 . Jahrhunderts für die christliche Gesellschaftslehre? RELIGION, KIRCHE UND MEDIEN ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 76 20.02.2017 10:05:10 77 Die Frage lässt sich nicht abstrakt beantworten, sondern nur im Durchgang durch die kirchlichen Verlautbarungen selbst . Ein solcher Durchgang soll im Folgenden versucht werden, wobei als Ausgangspunkt der Analyse das Konzilsdekret „Inter Mirifica“ (IM) des Zweiten Vatikanischen Konzils gewählt wird . Danach werden die nachfolgenden kirchenamtlichen Dokumente, insofern sie den Bereich der sozialen Kommunikation ausdrücklich thematisch behandeln, untersucht . Vorher soll aber kurz begründet werden, warum gerade das Zweite Vatikanische Konzil als Ausgangspunkt für die Beantwortung der Frage, ob es eine eigene Lehre der Kirche zur sozialen Kommunikation gibt, gewählt wird . 1 . Das Zweite Vatikanische Konzil als Ausgangspunkt Natürlich könnte man zur Beantwortung der Themenfrage auch sehr viel weiter in die Geschichte der Kirche zurückgehen . Schließlich sind der christliche Glaube und die Kirche von ihrem Ursprung her mit dem Medienthema verbunden . Das Christentum ist eine Buchreligion, denn die entscheidende Norm des Glaubens und des kirchlichen Handelns ist in der Heiligen Schrift grundgelegt, also in einer Sammlung von Texten . Dass die Kirche in ihrem Einflussbereich deshalb seit jeher mit besonderer Aufmerksamkeit die Erstellung, Verteilung und Lektüre von Texten verfolgte, zumal wenn in ihnen Fragen der Religion oder Ethik behandelt wurden, muss niemanden verwundern und tatsächlich gibt es auch eine lange und wechselvolle Geschichte der Kirche im Umgang mit den Büchern . In der frühen Zeit der Kirche befassten sich bereits Konzilien mit der Ordnung und Anerkennung der für kanonisch eingestuften Schriften und verboten so genannte häretische Schriften . In Apg 19,19 kann man sogar schon von einer Bücherverbrennung lesen: ,,Und nicht wenige, die Zauberei getrieben hatten, brachten ihre Zauberbücher herbei und verbrannten sie vor aller Augen .“ Diese Schriftstelle musste immer wieder dazu herhalten, Zensur- und Unterdrückungsmaßnahmen der kirchlichen Obrigkeit zu rechtfertigen . So findet sich in verschiedenen Ausgaben des römischen Index ein ausdrücklicher Hinweis auf diese Schriftstelle1, und noch 1904 schrieb Joseph Hilgers in 1 Heinrich Reusch, Der Index der verbotenen Bücher, Bonn 1883-1885, Bd. 1, 8. Gibt es eine kirchenamtliche Lehre der sozialen Kommunikation? ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 77 20.02.2017 10:05:10 78 seiner großen Arbeit über den Index über den Eifer des Völkerapostels Paulus, ,,mit dem er nach dem Zeugnis der Apostelgeschichte zu Ephesus die abergläubischen Bücher unter seinen Augen verbrennen ließ“ .2 Die Bischöfe der alten Kirche hätten „eingedenk dieses apostolischen Beispiels alle Anstrengungen unternommen, um ihrerseits mit allen Mitteln heidnische und häretische Bücher von den Gläubigen fernzuhalten“ .3 Ganz offensichtlich wird von Hilgers an dieser Stelle eine Praxis in die apostolische Zeit zurückprojiziert, die erst möglich wurde, als sich das Christentum als Staatsreligion durchsetzte . Seit dieser Zeit wurden Besitz und Lektüre häretischer Schriften tatsächlich auf dem Wege über kaiserliche Edikte unter Strafe gestellt . In der frühen Kirche wurden kirchenamtliche Verfügungen zur Abwehr von Irrlehren dagegen „nur durch Belehrung und Ermahnung“ 4 zur Geltung gebracht . Als das Christentum unter Konstantin zur Staatsreligion avancierte, erhielt der kirchliche Umgang mit häretischem Schrifttum eine neue Qualität . In dem Maße, in dem die Macht der Kirche wuchs, verfestigte sich auch ihre Monopolstellung in der mit staatlich ausgeführten Strafandrohungen verknüpften Kon trolle von Büchern . Bis zur Erfindung des Buchdrucks konnte die Kirche diese Monopolstellung und damit verbunden auch ihre Kontrollmöglichkeiten in der Produktion von Schriften, die in den Schreibstuben der Klöster erfolgte, sowie in der Verteilung und Lektüre weitgehend unangefochten aufrechterhalten und durchsetzen . 2 Joseph Hilgers, Der Index der verbotenen Bücher, Freiburg 1904, 3. 3 Ebd. 3. Nun wird mit einer solchen Interpretation freilich der Sinn von Apg 19,19 auf den Kopf gestellt. Vgl. Rudolf Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK Bd. V/2, 73 f. Die Neubekehrten in Ephesus folgen nicht einer Anordnung des Paulus, sondern bringen als Konsequenz ihrer Bekehrung freiwillig ihre Zauberbücher. Sie verbrennen diese Zauberbücher „vor allen“, d.h. also vor der Gemeinde, um auf diese Weise zum Ausdruck zu bringen, das christliches Leben ohne Zauber und Magie auskommt (Vgl. EKK Peschner 73f.). Das hat mit einer amtlich angeordneten und durchgeführten Bücherverbrennung nichts zu tun. Es ist übrigens auch Hilgers aufgefallen, dass der Text nicht sagt, Paulus habe die Verbrennung angeordnet. Um aber seine Auffassung vom Recht und der Pflicht der kirchlichen Obrigkeit zur Bücherzensur biblisch weiterhin zu legitimieren, interpretiert er Apg 19,19 in seinem Sinne: ,,Denn auch wenn es nicht auf sein [Paulus] Geheiß geschah, billigte er zweifelsohne die Verbrennung und hieß sie gut, ja sah darin eine besondere Wirkung der Gnade Gottes.“ Ebd. 4 Reusch, a.a.O., 9. Helmuth Rolfes ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 78 20.02.2017 10:05:10 79 Gibt es eine kirchenamtliche Lehre der sozialen Kommunikation? Mit der Erfindung des Buchdrucks entstand eine völlig neue Lage . Das kirchliche Monopol war mit dieser Erfindung nämlich auf der Ebene der Produktion von Büchern gebrochen und auch die Distribution und Konsumption konnten aufgrund des Zerfalls der konfessionellen Einheit der Gesellschaft durch die Reformation nicht mehr in der bisherigen Weise letztlich kontrolliert und geregelt werden .5 Die kirchliche Obrigkeit reagierte auf die veränderte Lage umgehend mit entsprechenden Maßnahmen .6 Kirchenrechtliche Regelungen, Zensurmaßnahmen, die Indizierung missliebiger Bücher und auch inquisitorische Verfolgung prägten in der Folgezeit weitgehend die Methoden, mit denen die Kirche versuchte, unter den neuen Bedingungen in ihrem Sinn Produktion, Distribution und Konsumption von Büchern und Schriften zu regulieren . Wenigstens im Herrschaftsbereich der eigenen Konfession sollte das alte Monopol weiterhin aufrechterhalten werden . An der Geschichte des Index bis zu seiner späten Aufhebung im Umfeld des Zweiten Vatikanischen Konzils lässt sich diese Praxis der Kirche nachbuchstabieren .7 Es war eine Praxis, die im Zuge der neuzeitlichen Freiheitsbewegungen freilich immer anachronistischer und auch erfolgloser wurde und mit der die Kirche sich im Medien- und Kommunikationsbereich in eine durch Misstrauen und Abwehr gekennzeichnete, nach rückwärtsgewandte und unfruchtbare Ungleichzeitigkeit mit der modernen Welt hineinmanövrierte . Es war das Zweite Vatikanische Konzil, das in einer grundlegenden Neubestimmung des Verhältnisses von Kirche und Welt mit diesem Erbe brach und damit eine neue Ära im Verständnis von sozialer Kommunikation und im Umgang mit den Medien einleitete . Dass schon vor dem Zweiten Vaticanum und hier besonders unter dem Pontifikat Pius XII . entscheidende Weichenstellungen in der kirchlichen Medienarbeit und in der Einschätzung von Öffentlichkeit für eine 5 Vgl. Bernd Moeller, Flugschriften der Reformationszeit, in: TRE Band XI, Berlin, New York, 1983, 240-246. 6 Ein Beispiel ist die Konstitution Inter Multiplices von Innozenz VIII. vom 17. November 1487. Diese Konstitution ist abgedruckt in: Arthur Utz/ Brigitta von Galen (Hrsg.), Die katholische Sozialdoktrin in ihrer geschichtlichen Entfaltung. Bd. 2. Aachen 1976, 1524-1529. 7 Vgl. Georg May, Die Aufhebung der kirchlichen Bücherverbote, in: Ecclesia et ius, FS A. Scheuermann, München 1968, 547-571. Das Zweite Vatikanische Konzil leitete eine neue Ära im Verständnis von sozialer Kommunikation und im Umgang mit den Medien ein. ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 79 20.02.2017 10:05:10 80 freiheitliche und demokratische Gesellschaft vorgenommen wurden, die auch in die Überlegungen des Konzils Eingang gefunden haben, soll ausdrücklich erwähnt werden .8 2 . Ein konziliares Dekret über die sozialen Kommunikationsmittel 2.1 Der Arbeitsauftrag Am 4 . Dezember 1963 wurde das Dekret über die sozialen Kommunikationsmittel „Inter Mirifica“ vom II . Vatikanischen Konzil beschlossen und unmittelbar darauf vom Papst in Kraft gesetzt .9 Im Rückblick ist es schon einigermaßen verwunderlich, dass das Konzil erstmals in der Geschichte der Kirche ein eigenes Dekret über die sozialen Kommunikationsmittel, denn so werden die Medien in der Sprache des Konzils genannt, verabschiedete . Die überwältigende Anzahl der Bischöfe, der Ordensoberen und der Kirchlichen Hochschulen hatten im Vorfeld des Konzils das Thema der sozialen Kommunikationsmittel sicher nicht auf ihrer Wunschliste . Das zeigt schon das Ergebnis der Umfrage der vom Papst für das angekündigte Konzil eingerichteten Vorbereitungskommission (commissio antepraeparatoria): Auf der Grundlage der insgesamt 2150 Antwortschreiben formulierte die Kommission 9348 verschiedene Themenanträge für eine eventuelle Behandlung auf dem Konzil . Lediglich 18 dieser Anträge betrafen die Kommunikationsmittel . Während hinter 15 Anträgen etwa gut 80 Bischöfe (davon fünf deutsche Bischöfe) standen, kamen die drei anderen Anträge aus dem Kreis der Ordensoberen .10 8 Papst Pius XII. hat sich während seines langen Pontifikates in Reden, Radiobotschaften, Grußadressen etc. immer wieder zu Fragen der sozialen Kommunikation und Medien geäußert. Von besonderer Bedeutung ist die Enzyklika Miranda Prorsus über Film, Funk und Fernsehen vom 8.9.1957. 9 Eine umfassende Aufarbeitung der Entstehungsgeschichte und Bedeutung von Inter Mirifica findet sich bei Enrico Baragli, L‘Inter Mirifica – Introduzione, Storia, Discussione, Commento, Documentazione. Rom 1969. Weiterhin vgl. Karlheinz Schmidthüs, Einleitung und Kommentar zum Dekret über die sozialen Kommunikationsmittel, in: Das Zweite Vatikanische Konzil I, LThK, Freiburg 1966, 112-135. Otto B. Roegele, Das Konzilsdekret „Über die Werkzeuge der sozialen Kommunikation“, in: Publizistik 9 (1964), 305-347. 10 Enrico Baragli, a.a.O., 94f. Helmuth Rolfes ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 80 20.02.2017 10:05:10 81 Gibt es eine kirchenamtliche Lehre der sozialen Kommunikation? Trotz dieser im Grunde schmalen Antragslage sah dann das motu proprio „Superno Dei nutu“ vom 5 . Juni 1960, durch das Kommissionen zur Erarbeitung von Textvorlagen für das kommende Konzil errichtet wurden, auch ein Sekretariat vor, das den Auftrag erhielt, im Laufe der nun folgenden zweiten Vorbereitungsphase des Konzils (Juni 1960 bis Herbst 1962) ein Schema über die Kommunikationsmittel zu erarbeiten . Der zu erarbeitende Text solle – so lautete der Arbeitsauftrag11 – eine Zusammenfassung der kirchlichen Lehre über die sozialen Kommunikationsmittel bieten; er solle die Gewissensbildung im richtigen Gebrauch der Medien fördern, den Zusammenhang des Medienbereichs mit den Anforderungen von Glaube und Sitte herausstellen, und er solle den Einsatz der Medien für die Verkündigung behandeln . In diesem Arbeitsauftrag spricht sich die Überzeugung aus, dass es so etwas wie eine eigene kirchliche Lehre zur sozialen Kommunikation gebe und diese in den Grundzügen auch in dem geplanten Konzilstext vorgestellt werden soll . Betrachtet man nun die Genese und den endgültigen Text des Dekretes, so finden wir eine erste, allerdings noch sehr vorläufige Antwort auf die Frage nach einer kirchenamtlichen Lehre zur sozialen Kommunikation . 2.2 Das Ergebnis Im August 1962 erhielten die Konzilsväter dann einen 114 Abschnitte umfassenden Textentwurf der in der ersten Sitzungsperiode am 23 .11 .1962 vom Konzil beraten und nach kurzer Debatte12 mit folgenden Auflagen zur weiteren Bearbeitung an die Kommission zurückverwiesen wurde: Der neue Text solle in einer stark gekürzten Form nur noch die wesentlichen lehrhaften Grundsätze und die allgemeineren pastoralen Leitlinien aufführen . Praktische Fragestellungen sollten dagegen nicht mehr im 11 Vgl. Karlheinz Schmidthüs, a.a.O., 112. 12 Vgl. dazu Xavier Rynne, Die zweite Reformation. Die erste Sitzungsperiode des Zweiten Vatikanischen Konzils. Entstehung und Verlauf. Köln, Berlin 1964, 201-215 (Die Debatte über die „Kommunikationsmittel“). Otto B. Roegele (a.a.O., 310) hat nachgerechnet, dass die Väter sich für die Debatte insgesamt lediglich 360 Minuten Zeit genommen hatten. Offensichtlich betrachteten viele das Thema im Vergleich zu den anderen Themen des Konzils als theologisch nicht so wichtig. Im Arbeitsauftrag spricht sich die Überzeugung aus, dass es so etwas wie eine eigene kirchliche Lehre zur sozialen Kommunikation gebe . ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 81 20.02.2017 10:05:11 82 Dekret selbst, sondern von einer vom Dekret eigens vorzusehenden Pastoralinstruktion durch eine nachkonziliare Kommission bearbeitet werden . Auf der Grundlage dieser Vorgaben entstand daraufhin ein nunmehr auf neun Druckseiten gekürzter Text, der nach kurzer Beratung und ohne gravierende Änderungen am 25 .11 .1963 vom Konzil endgültig beschlossen wurde .13 Der verabschiedete Text enthält neben einem Vorwort und einer Schlussbemerkung nur noch zwei Kapitel . Das Vorwort beginnt mit der Kennzeichnung der Medien als „soziale Kommunikationsmittel“ (1) und weist auf die Chancen ihres rechten Gebrauchs, aber auch auf die Gefährdungen durch Missbrauch hin (2) . Im ersten Kapitel geht es um lehrhafte Aussagen und um sittliche Weisungen . Eröffnet wird das Kapitel mit der Feststellung des ursprünglichen Rechtes der Kirche, die sozialen Kommunikationsmittel zu benutzen und zu besitzen (3), und mit der Feststellung, dass ihr rechter Gebrauch vor allem die Kenntnis und Respektierung der Grundsätze der sittlichen Wertordnung sowie die Einsicht in die Eigengesetzlichkeit der Medien erfordert (4) . Für den Gebrauch der sozialen Kommunikationsmittel sind „klare Gewissensgrundsätze“ (5) notwendig . Diese werden als erstes für den Bereich „Information“ angesprochen . Es gibt in der menschlichen Gesellschaft ein „Recht auf Information“, dass sich aber an den Erfordernissen der Wahrheit und an der Achtung vor der Würde des Menschen zu orientieren hat (5) . Sodann wird zweitens der Vorrang der sittlichen Ordnung vor der Freiheit der Kunst herausgestellt (6) und drittens eine jede Darstellung des Bösen durch die Medien den ethischen Forderungen untergeordnet (7) . Es folgt eine Bemerkung zur Bedeutung „öffentlicher Meinungen“ und zu der Verpflichtung, zur Bildung und Verbreitung richtiger öffentlicher Meinungen beizutragen (8) . Die nächsten Abschnitte befassen sich mit der Verantwortung der Rezipienten im richtigen Gebrauch der Medien (9), mit der Erziehung, besonders der Jugendlichen, zu „Zucht und Maß“ beim Gebrauch der sozialen Kommunikationsmittel (10) und mit der besonderen Verantwortung all derer, die an ihrer Produktion und Verbreitung beteiligt sind . Erwähnt wird die Verantwortung für das Gemeinwohl, für die Einhaltung der moralischen Richtlinien und für den besonderen Schutz der Jugendlichen (11) . Abgeschlossen wird das erste Kapitel mit dem 13 Vgl. Karlheinz Schmidthüs, a.a.O., 112f. Helmuth Rolfes ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 82 20.02.2017 10:05:11 83 Gibt es eine kirchenamtliche Lehre der sozialen Kommunikation? Verweis auf die besonderen Verpflichtungen der öffentlichen Gewalt, die Freiheit, und hier besonders die Pressefreiheit, zu schützen, wertvolle Aktivitäten im Medienbereich zu fördern sowie den Missbrauch der sozialen Kommunikationsmittel zu unterbinden und besondere Schutzmaßnahmen für Jugendliche zu treffen (12) . Das zweite Kapitel beginnt mit dem Hinweis auf die Verpflichtung, die sozialen Kommunikationsmittel für das Apostolat und die Verkündigung einzusetzen (13) . Es folgen der Aufruf zur Förderung der guten Presse und eine Aufgabenzuweisung der katholischen Presse . Sie habe die Aufgabe, die „öffentlichen Meinungen zu bilden, zu festigen und zu fördern, die mit dem Naturrecht und den katholischen Lehren und Grundsätzen übereinstimmen“ und Informationen über das kirchliche Leben zu übermitteln und zu kommentieren (14) . Sodann spricht der Text über die Notwendigkeit der Schaffung und Vermehrung von qualifizierten Ausbildungsstätten für alle im Bereich der sozialen Kommunikationsmittel Tätigen (15) sowie von der Bedeutung der verschiedenen von christlichem Geist geprägten Bildungsangebote für den rechten Umgang und das Verständnis sozialer Kommunikationsmittel (16) . Er fordert die ausreichende finanzielle Ausstattung entsprechender Medieneinrichtungen und erinnert an die Verpflichtung der Gläubigen, die katholische Medienarbeit auch finanziell zu unterstützen (17) . Die letzten Abschnitte des zweiten Kapitels befassen sich mit institutionellen Fragen: Es soll in der gesamten Kirche ein besonderer Tag der sozialen Kommunikationsmittel festgesetzt werden (18), für den Papst soll beim Apostolischen Stuhl eine eigene Stelle für die sozialen Kommunikationsmittel zur Verfügung stehen (19); den einzelnen Bischöfen wird aufgetragen, in ihren Diözesen die Werke und Unternehmungen im Bereich der sozialen Kommunikation zu fördern und zu koordinieren (20); für die Landesebene ordnet das Konzil eigene nationale Medienstellen unter Leitung eines Bischofs oder der Bischofskonferenz an (21), die ihrerseits in enger Abstimmung mit den unter ausschließlicher Leitung des Apostolischen Stuhles stehenden jeweiligen internationalen Verbänden zusammenarbeiten sollen (22) . Im Schlusswort wird „im ausdrücklichen Auftrag des Konzils“ ein Pastoralschreiben angekündigt, das von der dem Apostolischen Stuhl unterstehenden Einrichtung unter Den Bischöfen wird aufgetragen, in ihren Diözesen die Werke und Unternehmungen im Bereich der sozialen Kommunikation zu fördern. ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 83 20.02.2017 10:05:11 84 Helmuth Rolfes Hinzuziehung von Sachverständigen aus verschiedenen Ländern erarbeitet werden soll (23) . Der Text schließt mit einem Appell, die in dem Dekret genannten Grundsätze und Weisungen anzunehmen und umzusetzen (24) . An dieser Stelle müssen zwei öffentlichkeitswirksame Initiativen14 erwähnt werden, die auf erhebliche Mängel des Textes aufmerksam machten und die darauf abzielten, noch im letzten Moment eine erneute Beratung und Verbesserung des Textes zu erwirken . Am 16 .11 .1963 veröffentlichte eine Gruppe amerikanischer Journalisten eine Stellungnahme, der sich auch einige bekannte Konzilstheologen anschlossen . Am Tag darauf formulierten 90 Konzilsväter, unter ihnen theologisch hoch angesehene Bischöfe und Kardinäle, einen Antrag an die Konzilskommission, das Schema erneut zu überprüfen . Es genüge in der jetzigen Fassung nicht den Anforderungen, die an einen Konzilstext zu stellen seien . Diese Petition der Bischöfe wurde mit Verweis auf die Geschäftsordnung vom zuständigen Vorsitzenden der Kommission, Kardinal Cento, abgewiesen . Was waren nun die hauptsächlichen Kritikpunkte? Die journalistischen Fachleute monierten den lebensfremden, abstrakten Stil des Textes, der mit der tatsächlichen journalistischen Arbeit nichts zu tun hätte . Sie bemängelten die moralistische Überformung legitimer kultureller und künstlerischer Ausdrucksformen, die dadurch in ihrem eigenständigen Wert verkannt würden . Sie kritisierten die halbierte Sichtweise des im Text angesprochenen Rechts auf Information, insofern nur die Übermittler, nicht aber die Verwalter bzw . die Quellen der Information in den Blick genommen würden . Die Vorstellung, die katholische Presse könne die Anforderungen des Naturrechts journalistisch quasi unfehlbar umsetzen, wurde ebenso kritisiert wie die kirchlichen Autoritätsansprüche gegenüber Publizisten und publizistischen Arbeitgebern . Schließlich fand auch die im Text beschriebene Aufgabenzuweisung der öffentlichen Gewalt gegenüber den Medien bei den journalistischen Kritikern keine Zustimmung, da dadurch die notwendige Freiheit für die Presse nicht mehr ausreichend gesichert sei . Das Dokument werde später einmal – nach der Prognose der Kritiker – als Beispiel für eine verfehlte Wahrnehmung der Lebenswelt in einer die Menschen 14 Vgl. ebd., 113f. Zwei Initiativen machten auf Mängel des Textes aufmerksam und zielten darauf ab, eine erneute Beratung und Verbesserung des Textes zu erwirken. ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 84 20.02.2017 10:05:11 85 Gibt es eine kirchenamtliche Lehre der sozialen Kommunikation? elementar berührenden Frage dastehen . Eigentlich, so die unausgesprochene Konsequenz dieser fundamentalen Kritik der Fachleute, müsste das Schema völlig neu überarbeitet werden, solle es den berechtigten Erwartungen der modernen Zeit genügen .15 Die im Antrag an die Konzilskommission vorgetragene Kritik der 90 Bischöfe hatte einen etwas anderen Tenor, war aber nicht minder radikal und endete in der Feststellung, es sei besser kein Dekret als dieses zu verabschieden . Für die Fachleute, aber auch für die berechtigten Erwartungen der Christen, sei das Dekret ungenügend und würde, sollte es in der jetzigen Form verabschiedet werden, das Ansehen des Konzils schädigen . Die fünf zentralen Punkte aus dem Antragstext seien hier wörtlich zitiert . Sie lauten: „1 . Das Schema geht von unleugbaren Rechten der Kirche aus; es schweigt aber von der Grundlage jeder Kommunikation, nämlich dem Streben nach Wahrheit und dem Drang, sie auszusagen . 2 . Deshalb wird das Wesen der Kommunikation nicht gebührend berücksichtigt . Die Kommunikationsmittel werden im technischen Sinne als Mittel der bloßen Anrede beschrieben, weniger als Mittel wahrer Kommunikation, d . h . eines eigentlich menschlichen Gesprächs . 3 . Vergeblich sucht man im Schema die Darlegung des Gedankens der Bildung einer wahren christlichen Humanität, durch die der Mensch angeleitet wird, nicht bloß das Sensationelle wahrzunehmen, sondern sein Verlangen auszubilden, die Wahrheit zu hören und auf richtige Weise zu sehen . Eine solche Bildung vermeidet die Distanz des rein abstrakten Wissens und Urteilens und führt den Menschen zur wahren Kommunikation, durch die er teilhaftig gemacht wird am Schicksal anderer . 4 . Am meisten ist zu bedauern, dass den Laien der ihnen zukommende Platz nicht zuerkannt wird, so dass sie auch dort, wo sie zuständiger sind als die Kleriker, das Gefühl haben müssen, unter klerikaler Vormundschaft gehalten zu werden . 5 . Viele Fragen, die im Schema berührt werden, können nicht in allgemeingültiger Weise entschieden werden . Sie gehören weniger auf ein Ökumenisches Konzil als auf nationale oder regionale Bischofskonferenzen .“16 Diese durchaus berechtigte Kritik, die in der Konsequenz tatsächlich eine Neuerarbeitung des Textes notwendig gemacht hätte, hat keinen Eingang mehr in den Text des Dekretes gefun- 15 Der Text dieser Kritik ist dokumentiert von Enrico Baragli, a.a.O., Tav. XXIII. 16 Übersetzung nach Otto B. Roegele, a.a.O., 313. Der lateinische Text findet sich bei Enrico Baragli, a.a.O., Tav. XXIV. ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 85 20.02.2017 10:05:11 86 Helmuth Rolfes den . Sie hat aber offen sichtlich deutlich das Abstimmungsverhalten der Konzilsväter beeinflusst . Kein anderer Text wurde nämlich mit so vielen ablehnenden Stimmen verabschiedet, wie das Dekret „Inter Mirifica“ . In der Abstimmung am 25 .11 .1963 über das ganze Schema stimmten von 2112 Anwesenden lediglich 1598 mit Ja, 503 mit Nein, 11 Stimmen waren ungültig . Ein so schwaches Endergebnis hat es bei keinem anderen Konzilsdokument gegeben . Und selbst bei der letzten, formalen und feierlichen Endabstimmung vom 4 .12 .1963 unter Leitung des Papstes stimmten 1960 Stimm berechtigte mit Ja, aber immerhin 164 noch mit Nein und 27 enthielten sich .17 2.3 Die Bedeutung von „Inter Mirifica“ für die Entwicklung einer kirchlichen Lehre zur sozialen Kommunikation IM gehört nicht zu den herausragenden Texten, die vom Konzil erarbeitet und verabschiedet wurden . Entsprechend war auch das Echo unter Fachleuten .18 Im Rückblick auf das II . Vatikanische Konzil hat man IM nicht zu Unrecht als ein im Grunde noch präkonziliäres19 Dokument charakterisiert . Allerdings ist damit der historische Rang des Dekretes nicht ausreichend gewürdigt . Trotz der unbestreitbaren Mängel im Text bleibt die Tatsache, dass sich erstmals ein Konzil in einem eigenen Dokument mit den sozialen Kommunikationsmitteln befasst hat, von einer für die künftige kirchliche Wertschätzung der Thematik nicht hoch genug zu veranschlagenden Bedeutung . Eine theologische Fundierung der inhaltlichen Arbeit der verschiedenen nachkonziliaren Einrichtungen kirchlicher Medienarbeit konnte IM selbst freilich nicht leisten . Der wohl entscheidende Grund dafür liegt in der Tatsache, dass erst nach der sehr frühen und wohl auch überhasteten Verabschiedung des Dekretes die wichtigen ekklesiologischen Aussagen des Konzils und hier vor allem auch die Neubestimmung des Verhältnisses von Kirche und Welt in teils mühevollen Debatten auf dem Kon- 17 Vgl. Karlheinz Schmidthüs, a.a.O., 114f. 18 Nach Otto B. Roegele, a.a.O., 318 steht der Text weder auf der Höhe fachwissenschaftlicher noch theologischer Debatten. Er macht einen „antiquierten und inkompetenten Eindruck“ und besteht aus einer „unbefriedigenden Mischung pathetisch formulierter Allgemeinheiten mit gewiß gutgemeinten, aber erschreckend realitätsfernen Ermahnungen“. Vgl. Rückblick auf die Zweite Session, in: HerKorr 18 (1964), 304. 19 So z. B. Karlheinz Schmidthüs, a.a.O., 115. ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 86 20.02.2017 10:05:11 87 zil erarbeitet wurden und deshalb auch noch nicht das Dekret über die sozialen Kommunikationsmittel – was von der Sache eigentlich unverzichtbar gewesen wäre – bestimmen konnten . Hier liegt der tiefere Grund für den monierten präkonziliaren Charakter des Dekretes . Eine historisch gerechte Beurteilung wird aber berücksichtigen, dass man von IM im Nachhinein nicht etwas erwarten darf, was der Text von seiner gesamten Genese her noch nicht leisten konnte . Genau dieses Defizit hat die Pastoralinstruktion „Communio et Progressio“ (CeP), die schon in IM angekündigt worden war und mit deren Ausarbeitung die neu errichtete päpstliche Kommission für die Instrumente der sozialen Kommunikation unter Hinzuziehung eines internationalen Beraterstabes kurz nach Abschluss des Konzils vom Papst betraut wurde, behoben . Die Kommission erhielt den Auftrag, ein Pastoralschreiben zu entwerfen, „um alle Grundsätze und Weisungen dieses Konzils über die sozialen Kommunikationsmittel zum Erfolg zu führen“ (IM 23) .20 Es hat dann jedoch noch Jahre gedauert, bis nach einem langwierigen Erarbeitungsprozess am 3 . Juni 1971 die „Pastoralinstruktion Communio et progressio über die Instrumente der sozialen Kommunikation, veröffentlicht im Auftrage des II . Vatikanischen Ökumenischen Konzils“, wie der offizielle Titel lautet, endlich erschien .21 Wer sich über die Zielsetzungen, die das Konzil mit IM verfolgte, verständigen will, muss dafür CeP mit heranziehen . Das Pastoralschreiben ist als eine vom Konzil selbst gewollte Ergänzung und Weiterführung von IM zu deuten . Beide Texte gehören zusammen, und es ist nicht nur legitim, sondern not- 20 Das motu proprio „In fructibus multis“, das die Errichtung der ständigen päpstlichen Kommission für die sozialen Kommunikationsmittel anordnete, verweist ausdrücklich auf diesen Auftrag des Konzils. Vgl. den Text des motu proprio, in: HerKorr 18 (1964), 501. 21 Vgl. den Bericht von Karlheinz Hoffmann zur Entstehungsgeschichte, der ausführlich zitiert ist bei Hans Wagner, Pastoralinstruktion „Communio et progressio“ über die Instrumente der sozialen Kommunikation. Einführung und Kommentar. Trier 1971, 8-13. Anton Kochs, Zur Geschichte der Pastoralinstruktion „Communio et Progressio“, in: ComSoc 4 (1971), 293-299. Gibt es eine kirchenamtliche Lehre der sozialen Kommunikation? Eine päpstliche Kommission mit inter-nationalem Beraterstab wurde kurz nach dem Konzil mit der Ausarbeitung von „Communio et Progressio“ betraut. ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 87 20.02.2017 10:05:11 88 Helmuth Rolfes wendig, IM im Horizont von CeP zu interpretieren, wenn der Interpretation des Konzilstextes der Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils und nicht einzig nur der Buchstabe des Dekretes zugrunde liegen soll . 3 . Die Entfaltung der kirchlichen Lehre zur sozialen Kommunikation: Grundlinien Die Verfasser von CeP haben den Auftrag aus IM weitreichend ausgelegt: Wollte IM die kirchliche „Lehre und Weisung“ (1) (doctrina et disciplina) zu den Instrumenten der sozialen Kommunikation vorlegen, die dann in dem am Ende des Dekretes angekündigten Pastoralschreiben weiter umgesetzt werden sollten, so verwirklicht CeP diesen Auftrag tatsächlich dadurch, dass es seinerseits noch einmal wieder – wie schon das Konzilsdekret selbst – in einer mehr allgemeinen Form „Lehrgrundsätze und pastorale Weisungen“ (3) (principia doctrinae atque consilia pastoralia) formulieren will, freilich, wie die lateinische Wortwahl zeigt, jetzt mit einem deutlich pastoralen Akzent . Konsequent haben die Verfasser von CeP diesen Auftrag unter Einbeziehung der Konzilsaussagen zum Selbstverständnis der Kirche und ihrem Verhältnis zur modernen Welt sowie im Versuch, die Eigengesetzlichkeiten der sozialen Kommunikationsmittel zu respektieren, umgesetzt . Gleichzeitig haben sie versucht, das Pastoralschreiben mit der dem Konzil voraufgegangenen Lehrtradition zur sozialen Kommunikation sowie mit nachkonziliaren lehramtlichen bzw . päpstlichen Äußerungen zu verknüpfen . Herausgekommen ist ein umfangreicher Text mit insgesamt 187 Abschnitten, der zwar alle Themen aus IM aufnimmt und erweitert, sich aber in der sprachlichen und inhaltlichen Aufarbeitung dieser Themen ganz wesentlich von IM unterscheidet . Eine kirchlich weit verbreitete Abwehrhaltung und ein schon fast konstitutionelles Misstrauen gegenüber den Medien, dass die kirchliche Tradition lange Zeit bestimmt hatte und häufig in sachfremden und moralisierenden Forderungen gegenüber den Medien zum Ausdruck kam, ließ sich mit CeP endgültig nicht mehr aufrechterhalten . Auch eine latent klerikale, ekklesiologische Blickverengung auf das Medienthema, die von manchen an IM noch beklagt wurde, darf mit Fug und Recht in CeP als überwunden gelten .22 Das machen 22 Vgl. Michael Schmolke, Zehn ideengeschichtliche Beobachtungen zur Pasto- ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 88 20.02.2017 10:05:11 89 bereits die ersten Sätze der Pastoralinstruktion deutlich: CeP beginnt nicht mehr wie noch IM mit der Feststellung des Rechtes der Kirche und der Einschärfung sittlicher Grundsätze im Umgang mit den sozialen Kommunikationsmittel, sondern stellt gleich im Eröffnungssatz fest, dass Gemeinschaft und Fortschritt der menschlichen Gesellschaft die obersten Ziele der sozialen Kommunikation sind, denen die Instrumente zu dienen haben . In diesem Horizont werden alle Einzelthemen entfaltet . Vor allem in zwei Punkten hat CeP für die Entwicklung einer kirchenamtlichen Lehre zur sozialen Kommunikation maßgebliche Bedeutung gewonnen: Erstmals entfaltet CeP eine theologische Begründung sozialer Kommunikation . Das ist deshalb bedeutsam, weil damit der Begriff der sozialen Kommunikationsmittel bzw . der Instrumente der sozialen Kommunikation, den IM zwar in den lehramtlichen Sprachgebrauch eingeführt, aber nur lapidar erklärt hatte, durch CeP einen für den weiteren lehramtlichen Sprachgebrauch theologisch verankerten Inhalt bekam und sich damit im lehramtlichen und allgemein kirchlichen Sprachgebrauch als eigener Fachbegriff etablieren konnte .23 Auf dieser theologischen Grundlage, und das ist der zweite wichtige Punkt, reflektiert CeP neben vielen die konkrete Praxis betreffenden Fragen die unverzichtbare Bedeutung sozialer Kommunikation für die Bewahrung und Entwicklung einer freiheitlichen Gesellschaft und äußert sich auch zu den Konsequenzen dieser Position für die innerkirchliche Kommunikation .24 ralinstruktion „Communio et Progressio“, in: ComSoc 4 (1971), 299-309. 23 Vgl. Franz Josef Eilers, Zum Begriff „Soziale Kommunikation“, in: ComSoc 20 (1987), 1-9. 24 Zu Recht kritisiert Michael Schmolke, (Zehn ideengeschichtliche Beobachtungen zur Pastoralinstruktion „Communio et Progressio“, a.a.O., 307) in diesem Punkt den berühmten Kommentar zu CeP von Hans Wagner (a.a.O.). Nach Schmolke unternimmt Wagner hier den grotesken Versuch, ,,die kirchliche Lehrtradition zu den bürgerlichen Freiheiten und zum modernen Öffentlichkeitsbegriff umzuwerten“, indem er eine Kontinuität der kirchlichen Lehrtradition behauptet, die von den kirchlichen Verurteilungen der bürgerlichen Freiheiten, die im 18. und 19. Jahrhundert erkämpft wurden, ungebrochen bis CeP reichen soll. Gibt es eine kirchenamtliche Lehre der sozialen Kommunikation? ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 89 20.02.2017 10:05:11 90 Helmuth Rolfes 3.1. Grundzüge einer Theologie sozialer Kommunikation Was ursprünglich aus christlicher Sicht unter Kommunikation zu verstehen ist, wird in CeP trinitätstheologisch verankert: „Nach christlicher Glaubensauffassung ist die Verbundenheit und die Gemeinschaft der Menschen – das oberste Ziel jeder Kommunikation – ursprünglich verwurzelt und gleichsam vorgebildet im höchsten Geheimnis der ewigen Gemeinschaft in Gott zwischen dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist, die ein einziges göttliches Leben haben“ (8) . In einer schöpfungstheologischen und heilsgeschichtlichen Perspektive führt CeP diesen Gedanken mit Blick auf die Kommunikation unter den Menschen theologisch weiter aus . Es gehört zur Schöpfungsordnung, dass die Menschen, weil sie als Ebenbild Gottes geschaffen wurden, nach dem Urbild innergöttlicher Kommunikation ebenfalls auf Kommunikation und darin beschlossen von ihrem Wesen her auf Gemeinschaft angelegt sind . Realisiert wird diese menschliche Gemeinschaft auch durch soziale Kommunikation . „Ihrer ganzen Natur nach zielt die soziale Kommunikation darauf ab, dass die Menschen durch die Vielfalt ihrer Beziehungen einen tieferen Sinn für Gemeinschaft entwickeln“ (8) . Auch wenn CeP um die Gefahren der Störung und sogar Zerstörung menschlicher Gemeinschaft durch den Missbrauch der Instrumente der sozialen Kommunikation auf Grund der Sündhaftigkeit des Menschen weiß und auch darauf aufmerksam macht (vgl . 9), so überwiegt doch mit Verweis auf die Erlösung durch Christus eine optimistische, vertrauensvolle Grundhaltung gegenüber den Instrumenten der sozialen Kommunikation und damit gegenüber den Menschen, die mit ihnen als Rezipienten oder Kommunikatoren umgehen . Ihnen wird Christus als „Meister der Kommunikation“ (11), wie der lateinische Begriff „perfectus communicator“ im amtlichen deutschen Text von CeP übersetzt wird, vorgestellt . Bei dieser Kennzeichnung handelt es sich freilich nicht einfach um eine erbaulich-fromme Ausschmückung des christlichen Kommunikationsverständnisses, sondern um den Versuch, das als Urbild für jede menschliche Kommunikation auf der Ebene einer immanenten Trinitätstheologie formulierte Kommunikationsmodell nun auch in der Perspektive der heilsökonomischen Trinitätstheologie christologisch so darzustellen und bibeltheologisch zu verankern, dass darin die Kommunikation Gottes mit den Menschen sowie Die Instrumente der sozialen Kommunikation haben die Aufgabe, das öffentliche Gespräch der Gesellschaft zu ermöglichen. ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 90 20.02.2017 10:05:11 91 gleichzeitig jede zwischenmenschliche Kommunikation in dem charakterisiert wird, was ihr im Tiefsten wesentlich und zu eigen ist, nämlich „Mitteilung seiner selbst in Liebe“ (11) . Die Instrumente der sozialen Kommunikation werden auf diesem Hintergrund zu gottgewollten Mitteln zur Erreichung der Einheit unter den Menschen; ja, sie gehören, wie CeP in diesem Zusammenhang schon fast euphorisch formuliert „zu den wirksamsten Kräften und Möglichkeiten, die der Mensch einsetzen kann zur Stärkung der Liebe, die Ausdruck und Quelle der Gemeinschaft ist“ (12) . Erreicht wird dieses Ziel aber nur, wenn der Einsatz der Instrumente der sozialen Kommunikation im Dienst der Wahrheitssuche und Wahrheitsfindung sowie der Förderung des menschlichen Fortschritts geschieht (vgl . CeP 13), und zwar unter Wahrung der menschlichen Freiheit des Menschen, selbst über den Gebrauch der Kommunikationsmittel entscheiden zu können . 3.2 Kommunikationsfreiheit in Gesellschaft und Kirche Die Instrumente der sozialen Kommunikation haben nach CeP die Aufgabe, das öffentliche Gespräch der Gesellschaft zu ermöglichen und zu befördern . Dazu aber bedarf es vor allem der Sicherung der „Öffentlichen Meinung“ und des „Rechtes auf Information“ . Während IM bei diesen Themen lediglich auf „klare Gewissensgrundsätze“ verwies, dabei aber völlig unzulänglich die Funktion der Kommunikationsmittel für die Gesellschaft wahrnahm, was entsprechend auch zur Verkennung der Bedeutung der Kommunikationsmittel für das Funktionieren einer freiheitliche Gesellschaft führte, entfaltet CeP, teilweise im Rückgriff auf bereits von Pius XII . eingenommene Positionen25, ausführlich die gesellschaftliche Notwendigkeit von öffentlicher Meinung als „wesentliche(m) Ausdruck der gesellschaftlichen Natur des Menschen“ (25) . Öffentliche Meinung, betont CeP, setzt Meinungsfreiheit des einzelnen voraus . „Die Freiheit der Meinungsäußerung des einzelnen ist ein Wesensbestandteil bei der Bildung von öffentlicher Meinung“ (25) . Die Konsequenzen aus dieser Position sind eindeutig: Verantwortung der Kommunikatoren, aber auch der Rezipienten im Bemühen um den Bestand der öffentlichen Meinung, Ablehnung jeglicher Propaganda zu Lasten des 25 Vgl. Giselbert Deussen, Die Pastoralinstruktion auf dem Hintergrund der päpstlichen Lehrtradition, in: ComSoc 4 (1971), 310-322. Gibt es eine kirchenamtliche Lehre der sozialen Kommunikation? ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 91 20.02.2017 10:05:11 92 Gemeinwohls und der Beschneidung des Rechtes des Menschen auf Entscheidungsfreiheit . Gleiches gilt für das Recht der Menschen auf Information . Während IM sich nur sehr allgemein zu diesem Thema äußert und im gleichen Atemzug mit der Feststellung des Rechts auf Information auf die damit verbundenen ethischen Grundsätze, nämlich Verpflichtung zur Wahrheit und – in den Grenzen, die die menschliche Rücksichtnahme erfordert – auch Vollständigkeit aufmerksam macht (vgl . IM 5), wählt CeP einen anderen Weg: In ausdrücklicher Rückbindung an die kirchliche Tradition und an das Konzil legt CeP den eindeutigen Schwerpunkt auf die Explikation des Rechtes auf Information als Recht sowohl des einzelnen Bürgers als auch als Forderung vom Gemeinwohl her . Ganz deutlich versucht CeP hier mit dem Medienthema grundlegend Anschluss an die Errungenschaften der modernen pluralistischen Gesellschaften und ihren Werthaltungen zu bekommen . Das ist in CeP wirklich neu gegenüber IM . Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Formulierung, nach der gerade die sogenannten pluralistischen Gesellschaften sehr wohl um den Wert der Kommunikationsfreiheit ihrer Bürger wissen, und diese mit besonderen Gesetzen schützen . Wörtlich heißt es dann noch: „Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte hat die Kommunikationsfreiheit als Grundforderung herausgestellt . Diese schließt notwendig die Freiheit der Instrumente der sozialen Kommunikation ein“ (46) . Dass ein solches Bekenntnis zur Kommunikationsfreiheit auch für die innerkirchliche Kommunikation nicht folgenlos bleiben kann, wird von CeP explizit angesprochen . IM hatte sich hier weitgehend ausgeschwiegen . CeP geht einen anderen Weg . Auch die Kirche bedarf nach CeP sowohl in ihren Beziehungen nach außen als auch für das innerkirchliche Leben der sozialen Kommunikation . Mit einem Zitat aus einer Rede von Pius XII wird festgestellt: „Dem Leben der Kirche würde etwas fehlen, wenn es in ihr an öffentlicher Meinung mangelte . Die Schuld daran fiele auf Hirten und Gläubige“ (115) . Auch Katholiken besitzen in der Kirche „wirklich die Freiheit der Meinungsäußerung“ (116) . CeP hält für den Binnenraum der Kirche an dem theologisch begründeten Prinzip der Kommunikationsfreiheit grundsätzlich fest und fordert die Bischöfe auf, dafür zu sorgen, „dass sich innerhalb der Kirche auf der Basis der Meinungs- und Redefreiheit der Austausch legitimer Ansichten lebendig entfaltet“ (116) . Aus- Helmuth Rolfes ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 92 20.02.2017 10:05:11 93 Gibt es eine kirchenamtliche Lehre der sozialen Kommunikation? drücklich ermutigt CeP zur Freiheit des Gespräches innerhalb der Kirche . Die Einheit werde dadurch nicht bedroht, sondern im Gegenteil sogar befördert . Voraussetzung dabei ist, dass „bei aller Meinungsverschiedenheit die Liebe bestimmend bleibt, und jeder von dem Wollen beherrscht ist, das Gemeinsame zu wahren und die Zusammenarbeit zu sichern“ (116) . Wie allgemein gesellschaftlich, so gilt auch innerkirchlich, dass sich öffentliche Meinung nur dort entfalten kann, wo auch das Recht auf Information beachtet wird . Deshalb fordert CeP von der Kirche, auf die Praxis der Geheimhaltung, die gerade in der Kirche eine lange Tradition hat, weitestgehend zu verzichten . „Wenn kirchliche Stellen Nachrichten zurückhalten oder nicht in der Lage sind zu informieren, öffnen sie schädlichen Gerüchten Tür und Tor, anstatt die Wahrheit ans Licht zu fördern“ (121) . Geheimhaltung ist einzig dort zulässig, wo bei Veröffentlichung Ruf und Ansehen eines Menschen oder Rechte von einzelnen bzw . Gruppen verletzt würden . In dieser Deutlichkeit hatte bisher noch kein kirchliches Dokument zur Kommunikationsfreiheit innerhalb der Kirche Stellung bezogen und hat es seitdem auch nicht wieder getan . Das Presseecho auf die Veröffentlichung war in einer ersten Phase zurückhaltend bis kritisch .26 Es hat noch eine Weile gedauert, bis CeP geradezu zum Grundlagendokument katholischer Medienarbeit avancierte . 4 . Die Entfaltung der kirchlichen Lehre zur sozialen Kommunikation: Konkretisierungen 4.1 Soziale Kommunikation im neuen Kirchenrecht Im alten CIC gab es keine Normen zur sozialen Kommunikation sondern lediglich einige Canones (1384-1405) zur vorbeugenden Bücherzensur und zum unterdrückenden Bücherverbot . Um möglichst alle schädlichen und bösen Einflüsse, die von Druckerzeugnissen ausgehen könnten, von den Katholiken fernzuhalten, versuchte man ein von einem Gesetzeszaun gesichertes, katholisches Ghetto zu errichten .27 Die rechtlichen Normen spiegeln dabei durchgängig eine Abwehrhaltung . Ein typischer Ausdruck dieser Mentalität war der sog . Index der verbotenen 26 Vgl. Franz Josef Eilers, „Communio et Progressio“ im Spiegel der Presse, in: ComSoc 5 (1972), 108-117. 27 Vgl. Heinz Mussinghoff, Neues Kirchenrecht und Kommunikation, in: ComSoc 18 (1985), 143-157. ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 93 20.02.2017 10:05:11 94 Bücher, der erst 1966 abgeschafft worden ist und bis dahin Jahrhunderte lang das geistige Klima in der Kirche im Umgang mit Büchern bestimmt hatte . Wenn die in IM und CeP grundgelegten Weisungen im Umgang mit den Instrumenten der sozialen Kommunikation rechtlich normiert werden sollten, konnte man sich nicht einfach auf gesetzestechnische Anpassungen der Canones 1384-1405 beschränken . Es bedurfte vielmehr einer umfassenden Neuordnung . Diese Neuordnung wurde im neuen CIC (1983) vorgenommen . Neben einer Reihe von Einzelnormen in verschiedenen Teilen des CIC (1983) gibt es im Buch III „Verkündigungsdienst der Kirche“ einen eigenen Abschnitt über soziale Kommunikationsmittel, insbesondere Bücher (de instrumentis communicationis socialis et in specie de libris), der die Canones 822-832 umfasst . Neu gegenüber dem alten CIC ist die ausdrückliche Feststellung des Rechts auf freie Meinungsäußerung aller Christgläubigen in der Kirche in Can 212 § 3 im neuen CIC .28 Es heißt dort: „Entsprechend ihrem Wissen, ihrer Zuständigkeit und ihrer hervorragenden Stellung haben sie das Recht und bisweilen sogar die Pflicht, ihre Meinung in dem, was das Wohl der Kirche angeht, den geistlichen Hirten mitzuteilen und sie unter Wahrung der Unversehrtheit des Glaubens und der Sitten und der Ehrfurcht gegenüber den Hirten und unter Beachtung des allgemeinen Nutzens und der Würde der Personen den übrigen Gläubigen kundzutun .“ Eine unbegrenzte Meinungsfreiheit, das zeigt der Gesetzestext deutlich, gibt es in der Kirche nicht . Alle Meinungs- äußerungen müssen die Unversehrtheit von Glaube und Sitte wahren, sie müssen von einer achtungsvollen Haltung gegen- über den Hirten getragen sein, und sie müssen das kirchliche allgemeine Wohl sowie die Würde der Person beachten . Das Recht auf freie Meinungsäußerung ist grundlegend durch die für alle Christgläubigen verbindliche Pflicht zu Glaubensgehorsam und zu Gesetzesgehorsam begrenzt .29 Trotz dieser Begrenzungen bleibt aber festzuhalten, dass der CIC (1983) das einseitig hierarchisch-eindimensionale Kommunikationsmodell von oben nach unten mit der Proklamation der Anerkennung der 28 Vgl. Heinrich Reinhardt, MKCIC Can. 212. 29 Vgl. Heinz Mussinghoff, a.a.O., 146. Helmuth Rolfes Eine unbegrenzte Meinungsfreiheit gibt es in der Kirche nicht. Alle Meinungs- äußerungen müssen die Unversehrtheit von Glaube und Sitte wahren. ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 94 20.02.2017 10:05:11 95 Gibt es eine kirchenamtliche Lehre der sozialen Kommunikation? freien Meinungsäußerung innerhalb der Kirche aufgekündigt hat . Dass sich der konkrete Gebrauch der sozialen Kommunikationsmittel im Übrigen an den allgemein geltenden Pflichten und Rechten der Christgläubigen zu orientieren hat, ergibt sich aus der Sache selbst . Eine unmittelbare Anknüpfung an IM 3 findet sich im neuen CIC ebenfalls in der Feststellung des Rechtes der Kirche, alle Arten von Kommunikationsmittel anzuwenden und also auch zu besitzen (Can 822, § 1) . Dieses Recht gründet im Missions- und Verkündigungsauftrag der Kirche . Es verpflichtet alle in der Kirche, zu einem von menschlichem und christlichem Geist belebten Umgang und Einsatz der Medien in der Pastoral (§ 2, 3) . Das Recht und die Pflicht der Hirten, auf die Unversehrtheit der Glaubens- und die Sittenlehre auch auf dem Gebiet der sozialen Kommunikationsmittel zu achten, wird ausdrücklich in Can 823 hervorgehoben . 4.2 Ausbildung der Priester in sozialer Kommunikation Ein wichtiger, allerdings in der Praxis der Priesterausbildung bedauerlicherweise noch längst nicht ausreichend wirksam gewordener Impuls zur Rezeption von IM und CeP ist von der Kongregation für das katholische Bildungswesen ausgegangen . Im März 1986 hat sie „Leitlinien für die Ausbildung der künftigen Priester in den Medien der sozialen Kommunikation“30 herausgegeben . Das besondere Ziel dieser Leitlinien besteht in einer „zugleich menschlich-kulturellen und christlich-moralischen Ausbildung der künftigen Priester im rechten, zunächst persönlichen und dann pastoralen Gebrauch sämtlicher Medien der sozialen Kommunikation“ .31 In mehrfacher Hinsicht sind die Leitlinien bemerkenswert . Ganz auf der Linie von CeP räumen sie den Massenmedien eine hohe Bedeutung für die Kommunikation der Menschen untereinander ein und formulieren auf diesem Hintergrund dann differenziert die unterschiedlichen Erfordernisse für eine zeitgemäße Priesterausbildung . Misstrauen oder eine Abwehrhaltung gegenüber der Massenkommunikation ist nirgends in den Leitlinien spürbar . Wohl aber wird auf die Komplexität des Bereichs der sozialen Kommunikation verwiesen, die sachgerecht nur in einer 30 Rom 1986. 31 Leitlinien, Anhang II, Vorbemerkung, a.a.O. ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 95 20.02.2017 10:05:11 96 Helmuth Rolfes interdisziplinären Forschungsperspektive verstanden werden kann . Gerade die Anerkenntnis dieses Zusammenhangs in den Leitlinien verhindert eine sachfremde Moralisierung oder vorschnelle Instrumentalisierung im Umgang mit den Massenmedien . Einer solchen Mentalität setzen die Leitlinien die Forderung nach medienpädagogischer Kompetenz der Priester entgegen . Die Priester sollen auf der Grundlage solider Fachkenntnisse die besonderen Chancen für Apostolat und Verkündigung nutzen, die die modernen Medien bieten können . Dass in diesem Zusammenhang von den künftigen Priestern auch ein disziplinierter persönlicher Gebrauch der Medien erwartet wird und im Seminar dazu auch erzogen werden muss, kann nicht als Bewahrpädagogik gedeutet werden . Vielmehr wird darin aus geistlichen Gründen von den künftigen Priestern eine bestimmte Askese im Medienkonsum gefordert, die für alle Mediennutzer, und nicht nur für künftige Priester, heute vielleicht sogar aktueller ist als vor gut 25 Jahren, als die Leitlinien formuliert wurden . So gesehen gehören die Leitlinien sicher zu jenen nachkonziliaren Texten, in denen für einen zentralen Lebensbereich der Kirche die Lehraussagen zur Sozialen Kommunikation gewissenhaft umgesetzt wurden . Die Umsetzung dieser Leitlinien in die Praxis dürfte auch gegenwärtig noch als Herausforderungen an die Priesterausbildung begriffen werden . 4.3 Neue Herausforderungen Wohl aufgeschreckt durch eine explosionsartige Zunahme von gewalthaltigen und pornographischen Darstellungen in den Medien veröffentlichte der Päpstliche Rat für die sozialen Kommunikationsmittel am 7 . Mai 1989 ein Dokument mit dem Titel „Pornographie und Gewalt in den Kommunikationsmedien . Eine pastorale Antwort“ .32 Deutlich spürbar wird gerade in dem Teil des Dokuments, der sich mit den unterstellten Wirkungen von Pornographie und Gewalt in den Medien befasst, das Erschrecken über eine Medienwirklichkeit, die in deutlichem Widerspruch zu der grundlegend wohlwollenden Wahrnehmung der Medien in CeP steht . 32 Hrsg. vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Bonn 1989 (Arbeitshilfen 71). ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 96 20.02.2017 10:05:12 97 Gibt es eine kirchenamtliche Lehre der sozialen Kommunikation? Die Ursache für das Anwachsen von Pornographie und Gewalt in den Medien sieht der Rat in einer allgemein wachsenden „moralischen Freizügigkeit“ der Menschen, „die im Suchen nach persönlicher Befriedigung um jeden Preis ihre Wurzel hat . Verbunden damit ist eine Art von verzweifelter Leere, die Sinnenrausch als einziges Glück, das Menschen erreichen können, betrachtet“ (19) . Der Rat diagnostiziert eine auf Sexualität fokussierte konsumistische Lebensform als den entscheidenden Nährboden für das Anwachsen von Pornographie und Gewalt in den Medien, die von einem ungezügelten Profitdenken im Bereich der Kommunikationsindustrie gesteuert und ausgebeutet wird, in manchen Ländern sogar im Bündnis mit dem organisierten Verbrechen (vgl . 20) . Welche Antwort gibt der Rat, um das diagnostizierte Problem zu lösen? Grundsätzlich steht fest, dass das Recht auf freien Ausdruck und freien Austausch von Informationen nicht angetastet werden darf . Ebenso aber müssen das Recht auf Privatsphäre, auf Wahrung des öffentlichen Anstands und der Schutz der Grundwerte geachtet werden . Auf diesem Hintergrund werden die unterschiedlichen Verantwortungsträger angesprochen: So wird den berufsmäßigen Kommunikatoren beispielsweise dringend empfohlen, „gemeinsam ethische Normen für die Kommunikationsmedien zu formulieren und anzuwenden“ (23) . Eltern werden auf ihre Erziehungsaufgaben hingewiesen . Mit Berufung auf CeP werden sie daran erinnert, dass man bei der Bildung des Menschen „mehr durch begründete Erklärung als durch Verbot erreicht“ (24, CeP 64) . Die Jugendlichen werden zu eigenverantwortlichem moralischen Handeln aufgefordert, das breite Publikum soll sich wirksam öffentlich äußern, und die staatlichen Autoritäten werden auf ihre Aufgaben des Jugendschutzes und ihre Verpflichtung, für das Gemeinwohl zu sorgen, hingewiesen . In einer „Zeit des Permissivismus“ (29) sieht die Kirche für sich selbst die Aufgabe, klare ethische Grundsätze zu formulieren, die Zusammenarbeit auf breiter Ebene zu suchen und sich für eine kirchliche Medienerziehung einzusetzen . Die pastorale Antwort besteht also in einer Erinnerung an grundlegende sittliche Verpflichtungen und in der Betonung medienpädagogischer Aufgaben . Damit steht auch dieser Text des Päpstlichen Rates grundsätzlich auf der Linie, die vom Kon- Die Kirche sieht für sich die Aufgabe, klare ethische Grundsätze zu formulieren und sich für eine kirchliche Medienerziehung einzusetzen. ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 97 20.02.2017 10:05:12 98 Helmuth Rolfes zil gegenüber den Medien eingeschlagen wurde, auch wenn gegenüber CeP eine Ernüchterung in der Beurteilung der Medien unverkennbar ist . Diese Ernüchterung führt aber nicht in eine von Misstrauen diktierte Abwehrhaltung zurück . Auch werden die Medien nicht in die Rolle des Sündenbocks für einen beklagten Verfall moralischer Werte gedrängt . Der Weg der Kirche, den IM und besonders CeP eingeschlagen haben, bleibt gültig . „Eine bloß Zensur ausübende Haltung der Kirche den Medien gegenüber ist endlich weder ausreichend noch angebracht . Die Kirche sollte sich statt dessen um ein ständiges Gespräch mit verantwortlichen Kommunikatoren bemühen, um sie bei ihrer Arbeit zu ermutigen und ihnen Hilfe anzubieten, wo dies notwendig ist oder erbeten wird“ (30) . Unter dieser grundlegenden Zielsetzung stehen auch die übrigen in den letzten 15 Jahren veröffentlichten lehramtlichen Texte zur sozialen Kommunikation .33 1992, also gut zwanzig Jahre nach CeP hat der Päpstliche Rat für die Sozialen Kommunikationsmittel eine neue Pastoralinstruktion unter dem Titel „Aetatis Novae“ (AN) veröffentlicht .34 Die technische Entwicklung der Medien seit CeP kam einem revolutionären Umbruch gleich und verlief weiter in einem rasanten Tempo . Mit dem Zusammenbruch des politischen Systems des osteuropäischen und sowjetischen Kommunismus hatte sich die Welt zudem auch politisch radikal verändert . Die Medien hatten dabei eine machtvolle Rolle gespielt . AN will auf dem Hintergrund dieser Entwicklungen IM und besonders auch CeP weiterdenken und gleichzeitig gegenüber den neuen Herausforderungen eine Ermutigung aussprechen . Dabei zitiert AN die theologische Sicht der Sozialen Kommunikation aus CeP und hebt entsprechend die Dienstfunktion der Medien für das gesellschaftliche Leben hervor . Deutlich akzentuiert wird in 33 Mit Blick auf die innerkirchliche Kommunikationsfreiheit sind in dieser Zeit lehramtliche Versuche, diese Freiheit restriktiv auszulegen, allerdings unübersehbar. Dazu: Helmuth Rolfes, Lehramt, Theologie und Öffentlichkeit. Überlegungen zum Öffentlichkeitsverständnis der „Instruktion über die kirchliche Berufung des Theologen“, in: ComSoc 23 (1990), 207-216. Ders., Soziale Kommunikation und Wahrheitsverwaltung. Überlegungen zu Aetatis Novae Nr. 10 über die Medien im Dienste der kirchlichen Gemeinschaft, in: ComSoc 25 (1992), 269-275. 34 Hrsg. vom Sekretariat der deutschen Bischofskonferenz, Bonn 1992 (Arbeitshilfen 98). Vgl. das Themenheft 3/4: 20 Jahre „communio et progressio“ von ComSoc 24 (1991). ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 98 20.02.2017 10:05:12 99 diesem Zusammenhang dann aber von AN vor allem die besondere Bedeutung der Medien für die Kommunikation der Kirche mit der Welt und für die Neu-Evangelisierung . Erkennbar zurückhaltender als in CeP wird die innerkirchliche Kommunikationsfreiheit in einem eigenen Abschnitt (10) angesprochen . Im Vordergrund stehen jetzt kirchenrechtliche und disziplinäre Gesichtspunkte .35 AN zeichnet sich dadurch aus, dass neben der Anerkenntnis der positiven Wirkungen auch die unabsehbar negativen Folgen in der Entwicklung der Medienlandschaft angesprochen werden . Die Pastoralinstruktion fordert auf diesem Hintergrund dazu auf, die ethischen und moralischen Kriterien zu verdeutlichen, die in den menschlichen und christlichen Werten angelegt sind und die auch in den einzelnen Feldern der sozialen Kommunikation Gültigkeit haben . Bereits IM und CeP hatten bis in Institutionalisierungen hineinreichende Forderungen zur Medienpastoral in einem umfassenden Sinne aufgestellt . AN nimmt diese Forderungen auf und empfiehlt den Diözesen und den Bischofskonferenzen dringend, „dass in alle ihre Pastoralpläne der Problembereich der sozialen Kommunikation eingebracht wird“ (21) . Die Dringlichkeit dieser Forderung wird durch den Hinweis auf eine Kritik des Papstes an einer oftmals noch unter den Verantwortlichen der Kirche vorherrschenden Auffassung unterstrichen, wonach die Massenmedien in der Verkündigung eine eher untergeordnete Rolle spielen . „Diese Situation erfordert eine Richtigstellung“ (20) . AN lässt es aber nicht bei allgemeinen Forderungen und Appellen bewenden . In einem eigenen, mehrseitigen Anhang stellt AN sehr differenziert „Elemente eines Pastoralplanes für soziale Kommunikation“ vor, die als Leitlinien für die Erarbeitung von Medienpastoralplänen der Ortskirchen dienen sollen . Eine gewissenhafte Umsetzung dieser Leitlinien in pastorales Planen und Handeln dürften viele Bistümer – auch in Deutschland – eher wohl noch als Aufgabe vor sich haben . Sie würde auf jeden Fall zu einer Steigerung der Kompetenz im Gebrauch und Umgang der Medien unter den in der Kirche Verantwortlichen beitragen . 35 Vgl. Helmuth Rolfes, Soziale Kommunikation und Wahrheitsverwaltung, a.a.O. Gibt es eine kirchenamtliche Lehre der sozialen Kommunikation? Eine gewissenhafte Umsetzung der Leitlinien in pastorales Planen und Handeln dürften viele Bistümer eher wohl noch als Aufgabe vor sich haben. ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 99 20.02.2017 10:05:12 100 4.4 Ethik und Soziale Kommunikation Immer vordringlicher wurde angesichts der Medienentwicklung der jüngsten Vergangenheit die Formulierung ethischer Grundsätze für die soziale Kommunikation . Das lässt sich unter anderem an der Zunahme der Publikationen zu Fragen der Medienethik in der nichtkirchlichen Publizistik ablesen . Auch das kirchliche Lehramt hat auf diese Entwicklung reagiert . So erschienen in relativ kurzen zeitlichen Abständen gleich drei Verlautbarungen des Päpstlichen Rates, die in ihrem Titel das Stichwort „Ethik“ tragen .36 Die Medien erfordern keine „neue Ethik“, wohl aber die Anwendung grundlegender ethischer Prinzipien auf die neue Situation, wie es im Dokument „Ethik in der sozialen Kommunikation“ heißt (28) . Die Frage, wie ethische Prinzipien und Normen im Medienbereich Anwendung finden können, ist freilich nicht einfach zu beantworten . Der Anwendungsbereich betrifft ja nicht nur die Inhalte der Kommunikation und die Kommunikationsprozesse, sondern auch den Bereich der Struktur und des Systems der Medien, der oft mit weitreichenden, brisanten politischen und ökonomischen Fragen verknüpft ist . Einfache Lösungen sind hier nicht zu haben . Um zu ethisch relevanten Erkenntnissen zu kommen, bedarf es deshalb eines breiten Diskurses mit grundsätzlich allen, die am Mediengeschehen beteiligt sind . Für diesen Diskurs will die Kirche mit ihren Ethikdokumenten Überlegungen vorlegen, die das Nachdenken und den Dialog fördern sollen (vgl . 20) . Zunächst geht es in den Dokumenten zur Medienethik darum, einige ethische Grundprinzipien in Erinnerung zu rufen, die als Fundament aller medienethischen Überlegungen angesehen werden . In diesem Sinne lautet ein erstes Grundprinzip: „Der Mensch und die Gemeinschaft der Menschen sind Ziel und Maßstab für den Umgang mit den Medien“ (21) . Ergänzt wird dieses Prinzip durch ein zweites Grundprinzip: „Das Wohl der Menschen lässt sich nicht unabhängig vom Gemeinwohl der Gemeinschaft verwirklichen, der sie angehören“ (22) . Diese beiden Grundprinzipien werden in den Ethik-Verlautbarungen des Päpstlichen Rates ausdrücklich in einer globalen Perspektive 36 Hrsg. vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Ethik in der Werbung, Bonn 1917 (Arbeitshilfen 135); Ethik in der Sozialen Kommunikation, Bonn 2000 (Arbeitshilfen 153); Ethik im Internet, Bonn 2002 (Arbeitshilfen 163). Helmuth Rolfes ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 100 20.02.2017 10:05:12 101 ausgelegt . Konsequenterweise zählt deshalb auch die Einforderung einer weltweiten Kommunikationsgerechtigkeit zu den zentralen Anliegen der kirchlichen Medienethik . „Es gibt einen dringenden Bedarf an Gerechtigkeit auf internationaler Ebene“ (22) . Den kirchlichen Ethikdokumenten zu Fragen der sozialen Kommunikation kommt das besondere Verdienst zu, im gesellschaftlichen Diskurs über Medienethik eine Sichtweise zu akzentuieren, die sich an der Forderung einer weltweiten Solidarität orientiert und aus dieser Orientierung dann konkrete Handlungsperspektiven entwirft . Ausdrücklich thematisiert und konkretisiert wird die Frage der Kommunikationsgerechtigkeit im Dokument „Ethik im Internet“ .37 Wie kein anderes Medium eröffnet das Internet einen globalen Informationsaustausch und prinzipiell für jeden weltweite Kommunikationsmöglichkeiten . Der Zugang zum Internet ist allerdings zwischen den reichen Industrieländern und den armen Entwicklungsländern sowie auch innerhalb einzelner Gruppen in einzelnen Ländern höchst ungerecht verteilt . Es besteht eine „digitale Kluft“ (10) . Diese digitale Kluft, nach der auf der einen Seite die Nutznießer der neuen Medien stehen und auf der anderen Seite all jene, die keinen oder nur einen ungenügenden Zugang haben, muss überwunden werden, damit die Globalisierungsprozesse der gesamten Menschheit zu Gute kommen und nicht einzig einigen wohlhabende Eliten (vgl . 10) . Die Faszination über die neuen Kommunikationsmöglichkeiten, die das Internet bietet und die auch für den Verkündigungsauftrag der Kirche genutzt werden müssen38, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich viele ohnehin schon vorhandene ethische Probleme in der sozialen Kommunikation durch das Internet in verschärfter Weise stellen: die Gefahr eines (westlichen) Kulturimperialismus zu Lasten eines gerade im Zuge der Globalisierung unverzichtbaren interkulturellen Dialogs; die Gefährdung der Meinungsfreiheit und des freien Ideenaustausches durch totalitäre Regime oder einflussreiche Einzelgruppen; die aufgrund der spezifischen Natur des Inter- 37 Veröffentlicht als Begleitdokument zu „Ethik im Internet“, a.a.O. 38 Vgl. das zusammen mit dem Dokument „Ethik im Internet“ veröffentlichte Begleitdokument „Kirche und Internet“, in dem diese neuen Möglichkeiten aufgelistet und empfohlen werden. Gibt es eine kirchenamtliche Lehre der sozialen Kommunikation? Die kirchlichen Ethikdokumente akzentuieren eine Sichtweise, die sich an der Forderung einer weltweiten Solidarität orientiert. ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 101 20.02.2017 10:05:12 102 nets veränderte Herausforderung bezüglich Recherche, Vollständigkeit und Genauigkeit für die journalistische Arbeit im Internet . Hier besteht nach Auffassung des Päpstlichen Rates aktueller Handlungsbedarf . Auch wenn über die ethische Missbilligung bestimmter Internetseiten (z . B . Kinderpornographie, Aufruf zum Hass usw .) und sog . Internetstraftaten (z . B . Verbreitung von Computerviren oder Einbruch in Datenbanken und Diebstahl von Daten) kein Zweifel besteht, so zeigen doch diese Sachverhalte, dass für das Internet die überkommenen rechtlichen Steuerungsmechanismen, z . B . zum Schutz der Privatsphäre, von Sicherheit und Vertraulichkeit von Daten, von Urheberrechten oder geistigen Eigentums, völlig unzureichend funktionieren . Gleiches gilt für die Durchsetzung einer auch nur minimalen ethischen Norm . Nach Auffassung des Päpstlichen Rates wird deshalb für die Zukunft eine von ethischen Grundüberzeugungen getragene supranationale und grenzüberschreitende Zusammenarbeit unverzichtbar sein, um einen „internationalen Konsens“ zu erarbeiten, der es ermöglicht, die angesprochenen Probleme besser in den Griff zu bekommen (vgl . 17) . Die entscheidenden Anknüpfungspunkte für die ethischen Überlegungen in den angesprochenen Dokumenten lassen sich bereits in CeP nachlesen . Alle ethischen Grundsätze stützen sich nach CeP nämlich auf „den Vollbegriff von der Würde des Menschen“ (14) .39 In diesem Punkt ging CeP übrigens über IM hinaus . IM war weitgehend bei der Darstellung und Einschärfung von Gewissengrundsätzen im Umgang mit den Medien stehen geblieben; CeP bemüht sich dagegen um eine Rückbindung solcher Grundsätze in schöpfungstheologische und heilsgeschichtliche Überlegungen unter ausdrücklicher Anerkenntnis der Eigengesetzlichkeit der sozialen Kommunikation . Genau diesen Weg gehen auch die Ethik-Verlautbarungen des Päpstlichen Rates, wenn sie versuchen – oft auf der Negativfolie von Missständen – positive ethische Grundsätze zu formulieren . Die besonderen Beiträge, die die Kirche in die medienethischen Diskussionen einbringt, bestehen „in einer Auffassung von der 39 Vgl. Helmuth Rolfes, Christlicher Glaube und Medienethik. Der Beitrag von Theologie und Kirche zum medienethischen Gespräch der Gesellschaft, in: Matthias Karmasin (Hrsg.), Medien und Ethik, Stuttgart 2002, 238-259. Die Ethik-Verlautbarungen des Päpstlichen Rates versuchen positive ethische Grundsätze zu formulieren. Helmuth Rolfes ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 102 20.02.2017 10:05:12 103 menschlichen Person und ihrer unvergleichlichen Würde, ihren unverletzbaren Rechten und in einer Auffassung von der menschlichen Gemeinschaft, deren Glieder durch die Tugend der Solidarität beim Streben nach dem gemeinsamen Wohl aller untereinander verbunden sind“ (Ethik in der sozialen Kommunikation 30) . Das ist der grundlegende Bezugspunkt für die Erörterung einzelner Probleme in den Ethik-Verlautbarungen des Päpstlichen Rates . Er markiert außerdem die maßgebliche Lehrkontinuität mit CeP . 5 . Vierzig Jahre nach „Inter Mirifica“: Gibt es eine kirchenamtliche Lehre der sozialen Kommunikation? Das Verhältnis der Kirche zu den Medien hat sich mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil grundlegend verändert . Die Kirche hat, mit IM beginnend, dann vor allem in CeP die Grundlinien einer kirchenamtlichen Lehre zur sozialen Kommunikation vorgelegt, die in den folgenden lehramtlichen Dokumenten wirksam geworden ist . Erstmals wurde der Versuch unternommen, eine ausdrücklich theologische Theorie der sozialen Kommunikation zu formulieren . Seit dieser Zeit hat sich der Begriff der sozialen Kommunikation in der amtskirchlichen und theologischen Sprache als eigener Fachbegriff etabliert . Ganz auf der Linie und im Geiste des Konzils hat diese theologische Klärung dazu geführt, die unverzichtbare Bedeutung sozialer Kommunikation für den Erhalt und die Weiterentwicklung einer freiheitlichen Gesellschaft auch theologisch zu begreifen und zu entfalten . Damit wurden zentrale Orientierungslinien für eine nachkonziliare Lehre der sozialen Kommunikation aufgezeigt, die sich durch alle nachfolgenden lehramtlichen Dokumente zur sozialen Kommunikation mit unterschiedlicher Akzentuierung hindurch ziehen . Unter dieser Rücksicht ist die Frage, ob es eine kirchenamtliche Lehre der sozialen Kommunikation gibt, eindeutig zu bejahen . Nun hat sich die Medienlandschaft seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil geradezu revolutionär verändert, und sie wird sich auch weiterhin verändern . Neue Entwicklungen und Herausforderungen erfordern deshalb auch von der Kirche neue Antworten, die sich nicht einfach aus einmal eingenommenen Positionen ableiten lassen . So gesehen müssen alle kirchlichen Texte zur sozialen Kommunikation sowohl in theologischer Gibt es eine kirchenamtliche Lehre der sozialen Kommunikation? ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 103 20.02.2017 10:05:12 104 als auch medienspezifischer Hinsicht gemäß der vom Konzil geforderten Option für eine freiheitliche und gerechte Gesellschaft weitergeschrieben werden . Dass dies auch tatsächlich geschieht, zeigen die nachkonziliaren Dokumente . Alle Dokumente der jüngeren Vergangenheit zeigen darüber hinaus, dass die durch CeP begründete positive und konstruktive Sichtweise auf die Medien auch dort nicht verworfen wird, wo ganz konkret schwere Missstände und Fehlentwicklungen angeprangert werden . Für die gegenwärtigen Debatten lassen sich zwei Schwerpunkte ausmachen . Gegenüber der lehrmäßigen Betonung der allgemeinen Bedeutung der sozialen Kommunikationsmittel für eine freiheitliche Gesellschaft rückt aus kirchenamtlicher Sicht seit geraumer Zeit die Forderung immer mehr in den Vordergrund, die modernen Medien für die Evangelisierung sowie bei den unterschiedlichen Verkündigungsaufgaben der Kirche einzusetzen und entsprechende pastorale Planungsstrategien zu entwerfen . Fundament solcher Bemühungen muss freilich das bleiben, was lehrmäßig seit dem Konzil Gültigkeit hat . Dass die kirchliche Realität sich solchen Forderungen gegenüber oft noch als resistent erweist, zeigen die bisher kaum umgesetzten Leitlinien zur Ausbildung der Priester in sozialer Kommunikation und der Pastoralplan aus AN . Auch bei der Nutzung des Internets dürfte die Entwicklung trotz bereits vielfältig vorhandener Aktivitäten noch in den Anfängen stecken . Ein zweiter Schwerpunkt liegt in der kirchlichen Forderung nach einer entfalteten Medienethik . Diese Forderung lässt sich schon in IM erkennen, hat aber erst durch CeP eine theologische Richtung bekommen und steht zurzeit auf der Agenda kirchenamtlicher Verlautbarungen zur sozialen Kommunikation . Sie ist als Reaktion auf eine Entwicklung der Medien- und Kommunikationslandschaft zu verstehen, in der die Kommunikationsfreiheit auf vielfältige Weise gefährdet und oft auch missachtet wird . Im Diskurs der Gesellschaft zu medienethischen Fragen kommt der Kirche zukünftig vermutlich vermehrt die Aufgabe zu, die ethischen Implikationen der kirchlichen Lehre der sozialen Kommunikation zu Gehör zu bringen . In der Abarbeitung an konkreten Problemen der Mediengesellschaft wäre dann die Lehre der sozialen Kommunikation selbst weiter zu entwickeln . Aus kirchenamtlicher Sicht rückt die Forderung in den Vordergrund, die modernen Medien für die Evangelisierung einzusetzen. Helmuth Rolfes ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 104 20.02.2017 10:05:12 105 Vorsicht Falle! Scripted Reality, retouchierte Fotos, Pseudonyme – Täuschung als medienethische Herausforderung . Von Claudia Nothelle Vorbemerkung Claudia Nothelle (geb . 1964) war von 2009 bis Ende 2016 „multimediale Programmdirektorin“ . „Multimediales und vernetztes Denken gehören im rbb dank Claudia Nothelle nun schon seit 2009 zum redaktionellen Alltag“, sagt ihre Intendantin Patricia Schlesinger über die Arbeit der Stipendiatin (und heute Aufsichtsratsvorsitzenden) des Instituts zur Förderung publizistischen Nachwuchses . Ihr 2013 zuerst erschienener Beitrag (Heft 3-4, S . 432-442) mit dem journalistischen Titel „Vorsicht Falle!“ zeigt, was die medienethische Herausforderung in der Realität heutiger Hörfunk- und Fernsehpraxis bedeutet und auch, wie es dem Publikum mit den Resultaten dieser Arbeit ergehen kann . Wir lesen den Brückenschlag zwischen dem medienethischen Programm der neuen Communicatio Socialis und der real existierenden communicatio socialis . Schneller, schriller, schräger: Der journalistische Drei-kampf im digitalen Zeitalter . In diesem Zusammenhang die Frage nach den Maßstäben und Umständen von Medienethik zu stellen, erscheint schwierig, wenn nicht gar anachronistisch – und gerade deshalb umso notwendiger . Gleichzeitig wissen Reporter, Redakteurinnen, Chefs vom Dienst um ihre große Verantwortung gegenüber dem Publikum . Daraus kann durchaus ein übersteigertes Selbstbewusstsein erwachsen . „Unterwegs, um die Demokratie zu retten“ – aus einem solchen Selbstverständnis heraus agieren manche Journalistenkolleginnen und -kollegen . Über die eigene Haltung zum Beruf, zu einem Thema, zur Wahrheit und zur Wirklichkeit nachzudenken, dafür fehlt in der Alltagshektik oft die Zeit . Gerade deshalb ist es wesentlich, sich nicht nur vom Anlass abhängig, sondern ganz grundsätzlich mit medienethischen Fragen zu beschäftigen und das eigene Handeln zu reflektieren . MEDIENETHIK Dr. Claudia Nothelle ist freie Journalistin. Bis 2016 war sie Programmdirektorin des Rundfunk Berlin- Brandenburg. ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 105 20.02.2017 10:05:12 106 Erfordern neue Zeiten auch neue Maßstäbe? Brauchen wir angesichts der neuen digitalen Möglichkeiten der Produktion und des Konsums von Medieninhalten eine ganz neue Medienethik? Grundsätzlich nein, denn die Prinzipien, nach denen journalistische Produkte entstehen, sind die gleichen geblieben: Es geht um Wahrhaftigkeit, es geht um Aufrichtigkeit, es geht um Fairness und um größtmögliche Objektivität . Dennoch müssen wir wahrnehmen, dass sich im Medienalltag Umstände und Akteure verändern . Der Leser, Zuschauer, die Hörerin und die Userin sind nicht mehr unbedingt auf Journalisten angewiesen . Eine Flut an Informationen ist frei zugänglich; die Kunst besteht vor allem darin, das Richtige zu finden . In Social-Media-Kommunikationswelten steht die Katastrophennachricht vom Wirbelsturm auf den Philippinen gleichrangig neben Fotos vom Frühstückskaffee . Was ist wichtig, was weniger? Wem kann ich vertrauen? Wie kann ich Informationen überprüfen? All das sind wichtige Fragen im digitalen Zeitalter und Aufgabe für Journalisten in der digitalen Welt . Wir recherchieren, checken gegen, stellen zusammen und bieten diese Informationen in Texten, Tönen und Bildern dem Publikum an: Nachrichten, Magazine, Reportagen, Dokumentationen – gedruckt, gesendet oder selbstverständlich auch online . Die digitale Welt ist damit gleichzeitig und gleichermaßen Ausspielweg und Quelle wie die gedruckte . So weit so einfach . Aber: Die Inhalte, die sich in der digitalen Welt abspielen, haben Grundkonstanten und Implikationen, die einer spezifischen Reflexion bedürfen, unterscheiden sie sich doch wesentlich von den Erfahrungen in der analogen, der alten Welt . Täuschung und Fälschung sind dabei Konstanten, die wir aus der klassischen Welt kennen, die aber in den digitalen Medien eine völlig neue Qualität bekommen . Die Fälschung – der Fake – ist dabei das vergleichsweise simplere Phänomen . In der digitalen Welt eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten, falsche, erfundene Geschichten zu verbreiten . Allerdings haben sich auch die online verfügbaren Ressourcen, eine Fälschung aufzudecken, multipliziert . Die Täuschung ist in der neuen Medienwelt dagegen ein sehr vielschichtiges Phänomen . Es beginnt mit der Täuschung, dass ein Mehr an Informationen auch ein Mehr an Informiertheit bringt, und geht weiter über die Möglichkeiten, Bilder zu verändern, zu verfälschen . Eine weitere Täuschung: Mit Hilfe von Scripted Reality werden dem Publikum krude Geschichten als Realität verkauft . Schließlich sind auch Netz-Identitäten kaum zu überprüfen: Wer twittert da wirklich? Das sorgt für Verwirrung und zweifelhafte Quellen . Claudia Nothelle ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 106 20.02.2017 10:05:12 107 Täuschung über die eigenen Möglichkeiten Eine Herausforderung an medienethische Abwägungen ist die Beschleunigung, die im Internetzeitalter extreme Formen angenommen hat . Galt früher das Radio als schnelles Medium, arbeiten inzwischen alle Medien prinzipiell in Echtzeit . Auf ihren Webseiten und in sozialen Netzwerken konkurrieren auch Wochenzeitungen jede Minute neu um die Aufmerksamkeit ihres Publikums . Täuschen sich Medienhäuser, täuschen sich vielleicht Journalisten selbst über ihre Möglichkeiten, unter diesen Bedingungen mehr als nur zu funktionieren? Get it first, but first, get it right – die unschlagbar simple Nachrichtenphilosophie der Nachrichtenagentur United Press ist durch die Beschleunigung zu einer noch größeren Herausforderung geworden . Denn der Zeitdruck bei der Recherche und bereits vorher, beim Generieren und Planen von Themen und Geschichten, lässt weite Teile des Journalismus im 20 . Jahrhundert wie eine Häkelveranstaltung aussehen . Der Zeitdruck ist Teil des Konkurrenzdrucks, und der ist selbstverständlich nicht nur inhaltlicher, sondern auch finanzieller Natur . Konkurrenz belebt auch das journalistische Geschäft – aber wenn sich der Fokus verschiebt und Journalismus nicht mehr der zentrale Inhalt, sondern nur noch ein Kostenfaktor ist, dann ist das mehr als problematisch . Auf die Spitze getrieben wird dies von Internetplattformen wie der „Huffington Post“, die zwar nach Zeitung klingen, aber keine eigenen Geschichten publizieren . Sie verwerten Nachrichten und Geschichten weiter – und das als Kostenloskultur . Gegen das Prinzip Reader’s Digest ist gar nichts einzuwenden, es hat sich bewährt – nur irgendwo muss irgendwer weiter Journalismus bezahlen, damit all die Verwerter- Geschäftsmodelle noch etwas zu verwerten haben . Gerade angesichts der Informationsflut wird die Rolle eines Journalisten, der Informationen filtert, zusammenfasst, gegencheckt und bewertet, immer wichtiger . Im Netz werden nach wie vor in großem Maße Inhalte konsumiert, verlinkt, getwittert, gesampelt . Mit einem journalistischen Gütesiegel à la „Tagesschau“ bekommen solche Informationen für die User ein anderes Gewicht und heben sich ab von den Meine-Katze-fällt-vom-Bett-Youtube- Videos . Zudem stammen viele der geteilten Clips aus Nachrichten, Talkshows und Filmen . Menschen lesen Artikel im Netz, schauen Videos, hören Audioclips – also Inhalte, die von Journalistinnen und Journalisten geschrieben und produziert wurden . Irgendwo muss irgendwer weiter Journalismus bezahlen, damit all die Verwerter-Geschäftsmodelle noch etwas zu verwerten haben. Vorsicht Falle! ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 107 20.02.2017 10:05:12 108 Täuschung durch Etikettenschwindel Nichts interessiert so, wie das Leben der Menschen nebenan . Früher konnten Menschen entweder auf ein Kissen gestützt aus dem Fenster schauen, längere Gespräche mit den Nachbarn oder dem Hauswart führen, das Vermischte im Regionalteil lesen oder Dokumentationen zu lebensnahen Themen schauen . Heute gibt es Dokutainment und Scripted Reality – und die Menschen von nebenan finden im Fernsehen und im Netz statt . Doch obwohl es in der Regel Laiendarsteller, also echte Menschen sind, zeigen sie nicht echtes Leben, sondern gescriptetes, oft grenzwertiges Verhalten: Fremdschämen als Programm, zugespitzte Problemlagen, die nach fiktionalen Mustern dramatisiert sind . Klare Bösewichte, klare Opfer, die Welt in schwarz-weiß . Es wird viel beschimpft und gebrüllt . Die Kamera wackelt, dokumentarische Stilmittel kommen zum Einsatz, der Kommentar unterstreicht den Genre-Abklatsch . Und die kurze Einblendung, dass es sich nicht um reale Personen handelt, hilft nicht . Denn ein Teil des Publikums glaubt, was so schlecht ist, das muss doch Realität sein . Das gilt auch für die pseudo-dokumentarische Begleitung von zusammengecasteten Laiendarstellern in Wohngemeinschaften . Die Verlängerung der Charaktere in die sozialen Medien, die Facebook-Posts der einzelnen Protagonisten machen die Figuren noch realistischer . Ein Genre, das ein Zerrbild der Realität bietet – und inzwischen seit Jahren sehr erfolgreich ist, ein echter Exportschlager . Täuschung durch Überinformation Das Internet ist eine Erfindung, deren langfristige Auswirkung wir erst zu spüren beginnen . Überinformiert und ungebildet ist ein gern verwendeter Ausdruck für das Dilemma der Informationsflut . Die Studenten von heute können sich kaum mehr vorstellen, wie es sich ohne Internet studierte, ohne Suchmaschinen und E-Mail, in Ostdeutschland lange auch ohne selbstverständlichen Zugang zu Telefonen, stattdessen mit Schlagwort- und Autoren-Katalogen, mit weitergereichten Skripten, teilweise handgeschrieben . Heute sind Vorlesungen von wissenschaftlichen Autoritäten zu allen Fächern nur einen Mausklick entfernt . Literaturlisten, Kommentare, alles ist an fast jedem Ort über WLAN oder LTE aus der Luft zu saugen . Aber wo alles immer da ist, ist die Auswahl, das Filtern und Einordnen unendlich mühsam . Das gilt nicht nur für wissenschaftliche Informationen, das gilt für jedes Thema . Und daher wundert es auch nicht, dass viele Menschen in der digitalen Welt nach Informationsmaklern Claudia Nothelle ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 108 20.02.2017 10:05:12 109 suchen, denen sie vertrauen können . Eine Google-Suche nach dem Thema Koalitionsverhandlungen bringt in einer Fünftelsekunde rund fünf Millionen Treffer . Die meistgenutzten Seiten zum Thema sind die der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, der „Tagesschau“ und der „Süddeutschen Zeitung“, gefolgt von weiteren bekannten Medienmarken . Medien haben immer noch die wichtige Funktion, Informationen zu sichten, zu gewichten und zu sortieren . Doch die Grundfrage „Was kommt in die Öffentlichkeit?“ und damit die Gatekeeper-Funktion der Medien übernimmt im Netz inzwischen der Algorithmus von Suchmaschinen . Die sind erstmal keiner Ethik verpflichtet, sondern im Zweifelsfall Werbekunden, die einen Platz auf der Ergebnisseite kaufen . Alles Weitere können die Kunden per Filtereinstellung regeln . Etwa, ob auf Sucheingaben wirklich alle oder nur die jugendfreien Ergebnisse angezeigt werden . Wer sich das Video einer Enthauptung im Netz anschauen möchte, kann dies jederzeit tun . Klassische Medien berichten auch über Staaten, in denen solche Strafen üblich sind, aber kein Redakteur würde dies unbearbeitet publizieren . Das gilt auch für das Material, das aus Kriegsregionen kommt . Wenn Zuschauerinnen und Zuschauer Kriegsberichterstattung oft als schwer erträglich empfinden, haben sie keinen Begriff davon, was an Material im Schnittraum bearbeitet wurde . Für die Verfechter des Prinzips Alles öffentlich! entstellt diese Auswahl bereits die Realität und täuscht das Publikum . Im Syrienkrieg laden alle Beteiligten Bilder und Videos der Grausamkeiten der Gegenseite im Netz hoch . Ist das ein Blick auf den Konflikt, der unverfälschter und informativer ist, als derjenige der klassischen Nachrichtenredaktion, die sagt, dieses Bild senden wir nicht, dieses Foto drucken wir nicht? Was können Menschen mit einzelnen, im Netz veröffentlichten Ereignissen anfangen? Der Schockeffekt der Bilder ist groß, aber je zahlreicher diese Bilder im Netz präsent sind, desto wahrscheinlicher ist auch eine Gewöhnung . Wer macht sich die Mühe, die Herkunft eines Kriegsausschnittes im Netz zu verifizieren, den aktuellen Stand und die jüngsten Entwicklungen des Konflikts zu recherchieren, die Bemühungen bei den Verhandlungen und die internationalen Interessenlagen zu hinterfragen? Informationen zu sammeln und aufzubereiten ist ein Beruf . Viele, die lesen, schreiben und den Rec-Knopf an der Kamera bedienen können, meinen, das sei doch eine einfache Sache . Informationen sind Informationen zu sammeln und aufzubereiten ist ein Beruf. Viele, die schreiben und eine Kamera bedienen können, meinen, das sei doch eine einfache Sache. Vorsicht Falle! ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 109 20.02.2017 10:05:12 110 schließlich in der Welt, quasi ein natürlicher Rohstoff . Journalisten müssen sie nur abschöpfen, ein wenig putzen und dann verkaufen . Das ist, als würde man zum Ölgeschäft sagen, da braucht es nur ein Bohrloch und dann sprudelt es . Aber mit Rohöl kann man eben keine Autos betanken . Dabei kann der Wert von verlässlichen Informationen für unsere Gesellschaft gar nicht hoch genug geschätzt werden . Demokratie lebt von politisch interessierten Menschen, vom Wettstreit der Meinungen . Nun entstehen Meinungen und politische Präferenzen nicht ausschließlich auf der Basis professionell berichteter Fakten – aber sie sind doch ein entscheidender Beitrag dazu, dass unsere Gesellschaft funktioniert . Das Internet ist eine wertvolle Ergänzung, die eine neue Qualität in den politischen Diskurs bringt . Auch Minderheiten ohne Lobby können sich hier zusammenfinden und ihre Stimme artikulieren . Der Mainstream kann sich über die Bedeutung eines Themas täuschen . In Netzwerken können auch andere Meinungen eine kritische Masse erreichen und in die breite Debatte rückgekoppelt werden . Darüber hinaus liefert die digitale Welt neue Rohstoffe für die Medien, die wir erst langsam entdecken . Ein Beispiel dafür ist der Datenjournalismus . Die unüberschaubare Anzahl von Daten und Statistiken, die von öffentlichen Institutionen bereitgestellt werden, nutzen nichts, solange sie niemand durchforstet und interpretiert . Eine Datenflut kann Transparenz vortäuschen, denn die meisten Menschen wissen mit reinem Datenmaterial nichts anzufangen . Informationsfreiheit ist ein hohes Gut in Demokratien, der Staat ist seinen Bürgerinnen und Bürgern gegenüber zur Auskunft verpflichtet . Doch viele dieser Daten brauchen Vergleich, Bewertung und Kontext . Darauf spezialisieren sich Datenjournalisten – und noch gibt es zu wenige von ihnen . Ist professioneller Journalismus also eine Garantie dafür, dass wichtige Informationen, wichtige Geschehnisse und Entwicklungen nicht übersehen werden? Mit und ohne digitale Medien hält die Geschichte immer wieder überraschende Katastrophen und – seltener – freudige Überraschungen bereit . Die Menschen überraschen sich selten so positiv wie beim Fall der Berliner Mauer . Häufiger sind es Konflikte, die weder Journalisten noch Geheimdienste vorhersehen . Doch auch bei alltäglicheren Themen gibt es Lücken . Die „Initiative Nachrichtenaufklärung“ an der Technischen Universität Dortmund re- Das Internet bringt eine neue Qualität in den politischen Diskurs. Auch Minderheiten ohne Lobby können hier ihre Stimme artikulieren. Claudia Nothelle ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 110 20.02.2017 10:05:12 111 cherchiert jedes Jahr 20 Themen, die die Medien nicht auf dem Radar haben, obwohl sie relevant sind . Die Webseite hat den vielsagenden Titel „derblindefleck .de“ . Die digitale Welt kann uns also auf die Sprünge helfen, wenn wichtige Themen in den toten Winkel der klassischen Medien geraten . Täuschung durch Technik Früher hatten Menschen eine Privatadresse, eine berufliche Anschrift, vielleicht noch ein Postfach und dazu entsprechende Telefonnummern . Heute hat fast jeder neben den realen Anschriften mehrere Email-Adressen . Dazu – unter eigenem Namen oder Pseudonym – Präsenzen in einem oder mehreren sozialen Netzwerken . Der Buchtitel „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ passt zu dieser Realität . Doch nicht in jedem Fall liegt hier gleich eine Täuschung vor . Sicher, das gibt es auch: In Sozialen Netzwerken mit falschen Namen und E-Mail-Adressen auftreten, zum Spaß mit dem glamourösen Foto fremder Menschen unterwegs . Doch unterschiedliche Fotos, Profile und Namen können im jeweiligen Umfeld völlig authentisch sein . So wie sich die meisten Menschen im Beruf und unter Kollegen nicht genauso geben und präsentieren wie im Privatleben, so sind eben die Profile in beruflichen und eher privaten sozialen Netzwerken unterschiedlich: Morgens bei „LinkedIn“ mit Krawatte und lückenlosem Lebenslauf, abends auf „Facebook“ oder bei „Instagram“ in Partylaune, im schrägen Outfit und mit Fantasienamen, am Wochenende bei Online-Rollenspielen als heldenhafter Drachentöter aktiv und auf „Twitter“ am Sonntagabend unter einem weiteren Pseudonym leidenschaftlich den Tatort kommentieren . Und dabei jeweils ganz authentisch – verschiedene Facetten einer Persönlichkeit, die sich in der digitalen Welt quasi natürlich aufspalten . Aber genau so würden eben die meisten Menschen auch jeweils unterschiedlich gekleidet nachmittags zum Sport und abends ins gediegene Restaurant gehen . Also eigentlich nichts Neues, nur eben digital . Fälschen und Fälschungen entlarven Die Hitler-Tagebücher, Tom Kummers Hollywood-Interviews – vielleicht wären diese Fälschungen im Internet-Zeitalter schneller aufgeflogen . Erlebnisse, Gespräche, Bilder: Das alles lässt sich digital ebenso erfinden und fälschen wie mit Tinte oder Druckerschwärze auf Papier . Es kann sich digital aber nicht nur sekundenschnell verbreiten, sondern ist häufig auch genauso schnell zu entlarven . Spezialisten und Menschen, die Vorsicht Falle! ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 111 20.02.2017 10:05:13 112 jemanden kennen, der oder die wiederum jemanden kennen, die etwas bestätigen können – oder eben das Gegenteil – sind inzwischen rund um den Globus erreichbar und oft auch ansprechbar mit den Mitteln der digitalen Kommunikation . Echte Informationen, selbst sensible Daten, lassen sich schnell und in großem Umfang verbreiten, leaken . Darin liegt eine große Chance, Informationen zu streuen, Fälschungen schneller zu entlarven und gegen falsche Behauptungen vorzugehen . Ob die diversen plag-Seiten in der Mehrheit falsche Doktoren entlarven oder doch meist nur Nachlässigkeiten aus der vordigitalen Welt, sei dahingestellt . Sie sind aber ein Beispiel dafür, wie die Netz-Community in der Lage ist, zusammen zu arbeiten, wenn sie sich in ein Thema verbissen hat . Gefälschter Absender Werbung und Sponsoring unterliegen in den klassischen Medien klaren Vorschriften . Sie sollen kenntlich sein und Konsumenten nicht redaktionellen Inhalt vorgaukeln . Dass die Trennung zwischen redaktionellem Teil und werblichen Beiträgen nicht immer klar ausfällt, ist nicht neu . Dennoch bietet das Netz weitergehende Möglichkeiten oder macht es Werbung und PR jedenfalls einfacher, in Rollen zu schlüpfen – auch in die von Journalisten . Wenn ein Verbund von Menschen unter dem Titel „Selbsthilfegruppe x“ auf seiner Webseite ein Medikament anpreist, kann es sich dabei auch um geschickte Pharma-PR handeln . Das gilt ebenso für die Bewertung von Hotels oder Büchern im Netz . Welche Bewertungen sind gefälscht, stammen also vom Hotelpersonal unter anderen Namen? Welche Lobeshymnen auf ein Buch, eine CD oder einen Film haben die Freunde und Verwandte der Autoren und Musiker geschrieben? Dies sind natürlich nur Verlängerungen und Multiplikationen der Möglichkeiten, unter falschem Namen aufzutreten, Glaubwürdigkeit vorzuspiegeln . Gesponserte Veröffentlichungen, Product Placement, gekaufte positive Bewertungen, gezielte Ansprache von einzelnen Gruppen – das sind alles keine Erfindungen rein für die digitale Welt . Portale, die mit Nutzer- Bewertungen arbeiten und deren Geschäftsmodell sich darauf gründet, ehrliche Bewertungen zu sammeln, reagieren inzwischen . Sie filtern Kommentare und Bewertungen heraus, die ihnen verdächtig sind . Die Anonymität im Internet befördert die Verbreitung von Schleichwerbung und gefälschten Produktbewertungen. Claudia Nothelle ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 112 20.02.2017 10:05:13 113 Und dann gibt es im Netz natürlich auch echt falsche Bewertungen: Die skurrile Möglichkeit, Produkte zu beschreiben, die noch nicht auf dem Markt sind – aber von Fans bereits fröhlich und engagiert kritisiert werden . Produkt-Kommentare können im Übrigen auch eine ganz neue inhaltliche Dimension bekommen: So finden sich auf den britischen „Amazon“-Seiten mehr als 600 satirische Kommentare zum pinkfarbenen Kugelschreiber „For Her“ der Firma BIC . Falsche Bilder Ein ganz eigenes Thema sind Bilder im Netz . Bilder, die digital manipuliert, geglättet, geschönt, gefälscht werden können . Sind weniger Falten oder eine verbesserte Figur schon falsch? Oder erst ein Promi-Baby, das noch gar nicht das Licht der Welt erblickt hat? Ist das Bild eine Fälschung, wenn dem Model nach der Retusche der Bauchnabel fehlt? Ein Foto, ein Video ist für uns erstmal ein Abbild der realen Welt . Selbst wenn wir uns über die digitalen Möglichkeiten der Bildbearbeitung im Klaren sind und sie zur Verbesserung unserer Urlaubsfotos gern auch anwenden, können wir nicht jedes Bild mit Hintergedanken betrachten . Aber vielleicht sollten wir das . Denn inzwischen sind – je nach Genre – viele bis alle Bilder manipuliert oder bearbeitet . Und Bilder prägen unser Bild von der Welt . Es geht dabei nicht nur um spektakuläre Fälschungen – die angeblichen irakischen Drohnen, die die Entscheidung für einen Krieg gegen den Irak beeinflussten, falsche Bilder des erschossenen Osama Bin Laden, Ufos … Große Fälschungen sind eher selten . Die digitale Bearbeitung unseres Menschenbildes in fast jeder Abbildung der Publikumspresse, in der Werbung und im Netz ist häufiger und auf Dauer vielleicht gefährlicher: Wie sehen echte Menschen aus? Welches Bild wird vermittelt? Sind alle immer fröhlich? Und sind wirklich so viele gesund, gut gebaut, blond und blauäugig? Wie das aussieht, vorher und nachher, kann jederzeit bei „Youtube“ nachgeschlagen werden . Doch auch mit dem Wissen im Hinterkopf, dass all die schönen Menschen in den Medien in der Regel digital nachgebessert sind, beeinflussen stereotype Menschenbilder die Wahrnehmung der Realität . Wie bei einem Reiseprospekt, von dem jeder weiß, dass nur die schönen Seiten des Urlaubs dort abgebildet werden und man vor Ort dann doch enttäuscht ist von hässlichen Gebäuden und ungepflegten Stränden . Viele Bilder in den Medien sind mit den Möglichkeiten der Fotobearbeitung nachgebessert. Dies beeinflusst auch unsere Wahrnehmung der Realität. Vorsicht Falle! ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 113 20.02.2017 10:05:13 114 Täuschung und Fälschung sind in den digitalen Medien eine Herausforderung wie in den klassischen Medien . Doch die Herausforderung richtet sich in stärkerer Form an jeden einzelnen von uns . Früher waren vor allem Journalistinnen und Journalisten mit der Frage beschäftigt, wie glaubwürdig eine Quelle ist . Wie weit eine Primärquelle Vertrauen verdient, das war für Privatleute meist nur eine Frage, wenn Freunde und Bekannte von Erlebnissen berichteten . Im Alltag konnte man sich sonst ganz gut auf die Medien verlassen, das Spektrum der Glaubwürdigkeit von den Printprodukten im Großdruck bis zur „Tagesschau“ war klar abgesteckt . Beim Surfen im Netz, bei „Twitter“-Nachrichten und „Youtube“-Videos müssen sich jetzt Nutzer wie Journalisten fragen, was davon zu halten ist . Wer ist der Absender? Gibt es unabhängige Bestätigung? Was spricht gegen die Echtheit eines Bildes, für eine Inszenierung? Wurde digital nachgeholfen? Positive Kommentare erzeugt? Für jeden gilt auch die Frage: Was mache ich im Netz öffentlich, welche Bilder, welche Informationen verbreite ich? Denn was einmal digital in der Welt ist, verbreitet sich und ist nur schwer zu korrigieren oder zurückzunehmen . Das gilt für das eigene Bild, für Kommentare oder auch Bilder und Berichte von privaten oder öffentlichen Ereignissen . Mehr Medienaufklärung – am besten schon im Kindergarten – ist dringend notwendig . Und für die Medienprofis, die Journalisten? Schneller, schriller, schräger: Das ist verlockend und sorgt für zahlreiche Klicks . Als medienethischer Standard taugt es aber sicher nicht . Journalistisches Handwerk braucht stattdessen ganz altmodische Tugenden: Gründlichkeit, Nachhaken, Mut, Kreativität, einen zweiten Gedanken – gerade auch in der digitalen Welt . Nur so haben wir in Zukunft nicht nur immer mehr und mehr Informationen, sondern werden auch zu einer besser informierten Gesellschaft . Literaturtipps Appelt, Eva (Hg.) (2010): Neue Wahrheiten – Wer traut wem in der vernetzten Welt. Mainzer Tage der Fernsehkritik 2010. Mainz. DGPuK-Fachgruppe Kommunikations- und Medienethik/Netzwerk Medienethik (Hg.) (2013): Neuvermessung der Medienethik. Bilanz, Themen und Herausforderungen seit 2000. Abstracts zu den Vorträgen. München. Egal ob Bilder oder Kommentare: Was einmal digital in der Welt ist, verbreitet sich und ist nur schwer zu korrigieren oder zurückzunehmen. Claudia Nothelle ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 114 20.02.2017 10:05:13 115 Döring, Nicola (2010): Sozialkontakte online: Identitäten, Beziehungen, Gemeinschaften. In: Schweiger, Wolfgang/Beck, Klaus (Hg): Handbuch Online-Kommunikation. Wiesbaden, S. 159-183. DGPuK (Hg.) (2012): Jahrestagung der DGPuK Fachgruppen „Kommunikations- und Medienethik“ und „Computervermittelte Kommunikation“ sowie des „Netzwerks Medienethik“: Echtheit, Wahrheit, Ehrlichkeit. Die ethische Frage nach der „Authentizität“ in der computervermittelten Kommunikation. Abstracts der Tagungsbeiträge. München. Käßmann, Margot (2008): Das Gewissen schärfen. Werte als bestes Immunsystem in der neuen Medienwelt. In: Funkkorrespondenz, 56. Jg., Nr. 18, S. 21-27. Krotz, Friedrich (2009): Die Veränderung von Privatheit und Öffentlichkeit in der heutigen Gesellschaft. In: Merz – medien + erziehung, 53. Jg. Nr. 8, S. 12-21. Lankau, Rolf (2011): Das Ich ist eine Datenspur. Identität als Realität im digitalen Kokon. In: Felsmann, Klaus-Dieter: Mein Avatar und ich. Die Interaktion von Realität und Virtualität in der Mediengesellschaft. München, S. 57-69. Moorstedt, Tobias (2010): Inszenierte Fälschungen im Netz. „Millionen Textseiten ohne Sinn“. Interview mit Daniel van der Velden. In: Süddeutsche Zeitung digital vom 11.4.2010. Neuberger, Christoph/Quandt, Thorsten (2010): Internet-Journalismus: Vom traditionellen Gatekeeping zum partizipativen Journalismus? In: Schweiger, Wolfgang/Beck, Klaus (Hg): Handbuch Online-Kommunikation. Wiesbaden, S. 59-79. Niesyto, Horst (2002): Medien und Wirklichkeitserfahrung – symbolische Formen und soziale Welt. In: Mikos, Lothar/Neumann, Norbert (Hg.): Wechselbeziehungen Medien, Wirklichkeit, Erfahrung. Berlin, S. 29-53. Pörksen, Bernhard (2013): Journalismus in der „Beschleunigungsfalle“. Interview. In: Deutschlandradio Kultur am 25.4.2013. Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hg.) (2011): Virtualität und Inszenierung. Unterwegs in der digitalen Mediengesellschaft. Ein medienethisches Impulspapier. Bonn. www.datenjournalist.de www.derblindefleck.de Vorsicht Falle! ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 115 20.02.2017 10:05:13 116 316 Mit was auch immer sich eine Kommunikations- und Medienethik beschäftigt – sie versteht sich selbst als Ethik. Was Ethik allerdings ist, das ist nicht so leicht zu bestimmen. Bestimmungsversuche führen direkt in eine methodische und philosophische Diskussion, die sehr voraussetzungsreich und schwierig ist. Dennoch: Ethik ist der erste Grundbegriff der Kommunikations- und Medienethik und ist mit gutem Recht der erste in dieser neuen Serie in Communicatio Socialis. Sich mit (öffentlicher) Kommunikation und Medien ethisch zu beschäftigen ist ein anderer Zugang zu diesem The-menfeld, als wenn man sich ihm empirisch-sozialwissenschaftlich nähert (ohne dass beide Perspektiven einander ausschließen). An den Begriffen Moral und Ethik lässt sich zeigen, was die grundlegend eigene Perspektive der Kommunikations- und Medienethik ist und was sie als Disziplin kennzeichnet. Konkrete moralische Probleme der Medien sind hier nicht das Thema. Es soll klar werden, dass Ethik eben nicht allein eine Sache der persönlichen Einschätzungen von Individuen ist und etwa nur die Normen des Rechts eine allgemeine Verbindlichkeit haben: In Ihrem Urteil über gute (bzw. schlechte) und richtige (bzw. falsche) Handlungen und Strukturen macht die Medienethik als Ethik immer Vernunftgründe geltend, von denen sie erwarten kann, dass diese allgemein nachvollziehbar sind. Kommunikations- und Medienethik erschöpft sich keinesfalls in diesen Begründungsdiskursen, aber diese stellen die Fragestellung und Methode dar, die sie zu einer eigenständigen Disziplin macht. Moral Mit was hat man es zu tun, wenn man den Begriff der Ethik verwendet? Kurz gesagt: mit Moral. Der Begriff der Ethik scheint gegenüber Moral heute bevorzugt zu werden; das Wort Moral Moral und Ethik Grundbegriffe der Kommunikations- und Medienethik (Teil 1). Von Alexander Filipović Prof. Dr. Alexander Filipović lehrt Medienethik an der Hochschule für Philosophie in München und ist Mitherausgeber von Communicatio Socialis. Communicatio Socialis, 48. Jg. 2015, H. 3 SERIE ComSoc_15_3.indd 316 12.10.15 14:11 ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 116 20.02.2017 10:05:13 117 317 Grundbegriffe: Moral und Ethik löst Unbehagen aus. Dafür gibt es eigentlich keinen Grund, denn Moral ist als lateinischer Ausdruck die Übersetzung des griechischen Wortes Ethos. Ethos meint Sitte, Brauch und Gewohnheit, also ein Set an überlieferten und durch ihren Gebrauch etablierten Regeln, die das menschliche Zusammenleben betreffen (vgl. Fenner 2008, S. 3). Bei der Moral bzw. dem Ethos geht es also um Handlungsregeln, und zwar um spezifische Regeln, die ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen Regeln oder Normen haben. Der Ausdruck „moralisch“ bezeichnet damit eine spezifische Eigenschaft von Handlungs- und Verhaltensregeln. Das Gegenteil von Moral und moralisch ist also nicht „Unmoral“ oder „unmoralisch“, sondern „nicht zur Moral gehörend“ oder „außermoralisch“ (Ricken 2003, S. 17). Diese Differenzierung zwischen dem, was zum Bereich von Moral gehört und was nicht, ist schwierig festzulegen. Ein Versuch, diese Differenz zu bestimmen, besteht darin davon auszugehen, dass es bei moralischen Regeln und moralischen Urteilen immer um das humane Ganze geht, um Fragen nach den „letzten Orientierungsgesichtspunkten für Entscheidungen“ (Ricken 2003, S. 20). Bei Moral geht es um Normen, die „der Einsicht entspringen, dass sie die bestmögliche Form des menschlichen Zusammenlebens garantieren“ (Fenner 2008, S. 6). Wo es bei rein sachlich begründeten oder pragmatischen Regeln und Urteilen um eine kluge Entscheidung geht, die nicht unbedingt oder in erster Linie die Qualität menschlicher Interaktion und Identität betrifft, geht es in unserem heutigen Verständnis nicht um Moral. Ob wir auf der linken oder rechten Straßenseite fahren, mag eine wichtige Regel sein, die unser Leben beeinflusst, aber sie zählt nicht zu den moralischen Regeln. Allerdings ist die Unterscheidung moralisch/außermoralisch nicht kategorisch zu fassen. Der Bereich zwischen diesen beiden Polen ist eher fließend. Recht Vom Recht nehmen wir an, dass es eine moralische Qualität hat, aber auch Dinge regelt, die für eine Interpretation offen sind, ob sie moralische Fragen betreffen oder nicht (vgl. Funiok 2007, S. 86-89). Das Recht, wenn ihm eine moralische Qualität zugesprochen wird, stellt so etwas wie ein moralisches Minimum dar. Viele Handlungsweisen und -bereiche, die moralische Relevanz und Qualität haben, können und sollen nicht rechtlich M E D I E N E T H I K ComSoc_15_3.indd 317 12.10.15 14:11 ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 117 20.02.2017 10:05:13 118 318 geregelt werden. Das Recht regelt ganz anders als die Moral: Das Recht kommt von außen und verpflichtet den Menschen äußerlich auf ein bestimmtes Handeln. Die Moral verpflichtet den Menschen aus einer mehr oder weniger reflektierten inneren Einsicht der Menschen heraus. Hinzu kommt für eine Differenzierung von Recht und Moral die unterschiedliche Sanktionsweise: Recht sanktioniert unrechtmäßiges Verhalten deutlich, etwa durch Bußgelder und Freiheitsentzug. Verstöße gegen moralische Regeln werden anders sanktioniert, etwa durch Ausschluss aus einer sozialen Gruppe oder den Entzug von Anerkennung, meist kombiniert mit Entrüstung und Empörung. Diese weichen Sanktionen veranlassen manche, Moral gegen- über dem Recht gering zu schätzen. Wenn wir aber wissen, wie sehr uns der Vorwurf trifft, moralisch falsch agiert zu haben (besonders wenn er geäußert wird von Menschen, die uns wichtig sind), können wir erfassen, dass die Sanktionsmöglichkeiten im Fall des Verstoßes gegen moralische Regeln gar nicht so klein sind und damit die Moral weiterhin bedeutsam ist für das menschliche Miteinander. Ethik Es wurde betont, dass es das Wort unmoralisch als Bezeichnung für das Gegenteil von Moral/moralisch nicht gibt. Was aber bezeichnet dann der alltagsprachlich eingeführte Begriff „unmoralisch“? Er bezeichnet eine Handlung, die gegen geltende moralische Regeln verstößt. Das ist eine Bewertung. Hier vollzieht sich also ein Wechsel von der Beobachtung von Moral auf die Ebene der Beurteilung von Moral. Vorweg sei aber nochmals betont, dass man sich der Moral/ dem Ethos auch empirisch nähern kann. Eine solche empirische Ethik richtet sich in ihrer deskriptiven (beschreibenden) Variante auf das tatsächlich vorhandene Ethos mit dem Ziel einer Darstellung, und in ihrer explanatorischen (erklärenden) Variante auf die Herkunft und die Funktionen der tatsächlichen Moral mit dem Ziel einer Erklärung, wozu sie auf eine größere (Handlungs-, Gesellschafts-, …-) Theorie angewiesen ist (Höffe 2007, S. 19). Diese Art und Weise der Beschäftigung mit dem Bereich der Moral herrscht in den Sozialwissenschaften, also auch in den Kommunikationswissenschaften vor. Moral wird hier als spezifische Normativität verstanden und beschrieben oder erklärt (vgl. Karmasin et al. 2013). Das eigentliche Geschäft der Ethik ist aber mit einem anderen Erkenntnisinteresse beschrieben: Die philosophische oder Alexander Filipovic‘ ComSoc_15_3.indd 318 12.10.15 14:11 ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 118 20.02.2017 10:05:13 119 319 wenigstens die philosophisch informierte Ethik gibt sich eine normative Aufgabe. Sie kann zunächst als eine bewertende, evaluierende Ethik beschrieben werden, die eine gegebene Moral (im Sinne eines Sets an momentan geltenden moralischen Regeln) beurteilt anhand einer (aus Gründen) zu Recht geltenden Moral (Höffe 2007, S. 20). Es kann nämlich auch eine Moral geben, die aus ethischer Perspektive zu Unrecht gilt, weil für deren Geltung keine akzeptierbaren Gründe angegeben werden können. Im Einzelnen ist so ein Moralitätstest schwierig und nicht unbedingt sofort und klar zu entscheiden, so dass es oft genug um einen Streit um die Moralität der Moral geht. Dennoch ist das Urteil über moralische Fragen Kerngeschäft der Ethik: Ethik reflektiert eine Praxis (die des guten und richtigen Handelns), aber sie geht über eine soziologische Beobachtung hinaus, weil sie „unter der erkenntnisleitenden Maxime des Urteils über das Sollen“ (Mieth 1999, S. 35) denkt. Mit diesem „Sollen“ ist schließlich der zweite Teil der normativen Aufgabe angesprochen, die man präskriptive (vorschreibende) Ethik nennt: Menschen handeln nicht immer gemäß zu Recht geltender moralischer Normen, so dass eine Bewertung dieser Handlung im Modus einer Sollensaussage vorgebracht wird (Höffe 2007, S. 20). Die methodisch geleitete Reflexion der Ethik auf die Moral ist vielgestaltiger, als hier beschrieben werden kann. Eine wichtige Unterscheidung ist etwa die Unterteilung in eher kontingente, bedingte moralische Regeln, die eine Strebensethik oder eine Ethik des guten Lebens behandelt, und in kategorische, unbedingt geltende moralische Regeln, die eine Sollensethik thematisiert. Ebenso bedeutsam ist die Differenz (die kein Gegensatz ist) von Individual- und Sozialethik, nach der einerseits Handlungen von Individuen beurteilt werden, andererseits aber auch soziale Strukturen einer ethischen Reflexion unterzogen werden, da diese das Handeln einzelner prägen. Zudem gibt es einige Fallen im Bereich der Ethik, die sorgfältig zu umgehen sind, weil sie gegen die „sachgerechte Argumentationslogik“ (Höffe 2007, S. 35) der Ethik verstoßen. Beispielsweise kann man logisch zwingend nicht direkt von Seinsaussagen („So ist es!“) auf Sollensaussagen („So soll es sein!“) schließen. Auch wenn man eine normativ eher zurückhaltende Ethik vertritt (vgl. zu diesem Ethiktyp Düwell et al. 2002, S. 191ff.), unterscheiden sich doch wahr/falsch-Urteile von gut/schlecht-Urteilen, was aber noch nichts über ihre Ver- Grundbegriffe: Moral und Ethik Die philosophisch informierte Ethik kann zunächst als eine bewertende, evaluierende Ethik beschrieben werden. ComSoc_15_3.indd 319 12.10.15 14:11 ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 119 20.02.2017 10:05:13 120 320 bindung aussagt. Ebenso bedenklich ist die Falle des Moralismus, nach dem eine Ethik in bloßen Sollensaussagen verbleibt und meint, alleine durch Begründung und Moralitätstests Handlungsregeln rechtfertigen zu können. Eine Ethik hat vielmehr den Bezug auf die Erfahrung und die Wirklichkeit nötig (vgl. Höffe 2007, S. 38f.). Moral und Ethik der Kommunikation und der Medien Mit Moral und Ethik haben wir es mit Grundbegriffen zu tun, deren Thematisierung sich wenig eignet für konkrete medienethische Probleme. Die Medienmoral, die eine Medienethik zu bewerten hat, gilt es zu finden und zu beschreiben und darüber hinaus zu erklären und theoretisch zu fassen, bevor eine Bewertung erfolgen kann. Das Ethos „der“ Journalisten ist sehr heterogen, die Werte, die moralische Grundüberzeugungen von Programmverantwortlichen repräsentieren, müssten erst einmal erhoben werden. Fälle dagegen, wie journalistische Verstö- ße oder gerügte PR-Aktionen, können medienethisch leichter beurteilt werden, weil die Moralprobleme begrenzt beschrieben werden können. Die medienethische Arbeit geht so oder so aber erst los, wenn klar ist, was das spezifische Erkenntnisinteresse der Medienethik ist. Dies wird in den Grundbegriffen Moral und Ethik deutlich. Ethik bezeichnet das kennzeichnende Element im Sinne eines Erkenntnisinteresses, einer Methode oder einer Fragerichtung der Kommunikations- und Medienethik: Sie gibt sich nicht mit einer Beschreibung von moralischen Regeln im Bereich Medien und öffentliche Kommunikation zufrieden, sondern wagt die Beurteilung, gibt Gründe an und fällt Sollensurteile. Dies tut sie methodisch geleitet, weist ihre Begriffe aus und hat damit ein wissenschaftliches Selbstverständnis. Als Ethik unterscheidet sich die Kommunikations- und Medienethik von anderen Disziplinen, die es mit (öffentlicher) Kommunikation und Medien zu tun haben. Kommunikations- und medienethische Publikationen, besonders Einführungen und größere Entwürfe, thematisieren Moral und Ethik als ihre Grundbegriffe (vgl. z.B. Brosda/ Schicha 2000; Funiok 2007 S. 34-51; Christians 2011). Dabei ist eine Einheitlichkeit in (wichtigen) Detailfragen nicht festzustellen, aber die Diskussion dieser Differenzen ist Teil der wissenschaftlichen Arbeit. Alexander Filipovic‘ Medienethik gibt sich nicht mit einer Beschreibung von moralischen Regeln im Bereich Medien und öffentliche Kommunikation zufrieden. ComSoc_15_3.indd 320 12.10.15 14:11 ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 120 20.02.2017 10:05:13 121 321 In Bezug auf Moral und Ethik als Grundbegriffe ist abschließend festzuhalten, dass die Kommunikations- und Medienethik weder über- noch unterschätzt werden sollte. Eine Überschätzung läge vor, wenn ihr alleine das Wohl der öffentlichen Kommunikation und der Medien angetragen würde: Als Ethik kann und will die Medienethik nicht als Polizei öffentlicher Kommunikation Journalisten, Verleger, Nutzer und andere Akteure aus dem Verkehr ziehen. Ihre Autorität in Sachen einer zu Recht geltenden Moral der öffentlichen Kommunikation und der Medien gewinnt sie durch ihre Argumente, die als ethische Argumente nur gelten können, wenn sie von den Akteuren selbst eingesehen werden. Zugleich sollte man sie – gerade deswegen – auch nicht unterschätzen: Ein medienethisches Argument über das Gute und Gerechte der Medienwelt hat die Chance, im öffentlichen Diskurs und von den Akteuren im Medienbereich gehört zu werden und eine Wirkung zu entfalten. Literatur Brosda, Carsten/Schicha, Christian (2000): Medienethik im Spannungsfeld zwischen Ideal- und Praxisnormen. Eine Einführung. In: Schicha, Christian/Brosda, Carsten (Hg.): Medienethik zwischen Theorie und Praxis. Normen für die Kommunikationsgesellschaft. Münster, S. 7-32. Christians, Clifford G. (2011): Primordial Issues in Communication Ethics. In: Fortner, Robert S./Fackler, Mark (Hg.): The handbook of global communication and media ethics, Bd. 1. Chichester/Malden S. 1-19. Düwell, Marcus/Hübenthal, Christoph/Werner, Micha H. (Hg.) (2002): Handbuch Ethik. Stuttgart/Weimar. Fenner, Dagmar (2008): Ethik. Tübingen. Funiok, Rüdiger (2007): Medienethik. Verantwortung in der Mediengesellschaft. Stuttgart. Höffe, Otfried (2007): Lebenskunst und Moral. Oder macht Tugend glücklich? München. Karmasin, Matthias/Rath, Matthias/Thomaß, Barbara (Hg.) (2013): Normativität in der Kommunikationswissenschaft. Wiesbaden. Mieth, Dietmar (41999): Moral und Erfahrung I. Grundlagen einer theologischethischen Hermeneutik. Freiburg, Schweiz. Ricken, Friedo (42003): Allgemeine Ethik. Stuttgart. Grundbegriffe: Moral und Ethik ComSoc_15_3.indd 321 12.10.15 14:11 ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 121 20.02.2017 10:05:13 122 Angewandte Ethik Grundbegriffe der Kommunikations- und Medienethik (Teil 2) . Von Alexander Filipović Abstract Kommunikations- und Medienethik ist eine Angewandte Ethik . Wie im ersten Teil unserer Serie (Grundbegriff „Moral und Ethik“) bezeichnet der Begriff Angewandte Ethik einen besonderen wissenschaftlichen Kontext . Diesen Kontext zu kennen, ist hilfreich für das Verständnis der Disziplin: Man kann die Kommunikations- und Medienethik besser verstehen und betreiben, wenn man weiß, was Angewandte Ethik ist . Als Angewandte Ethik ist die Kommunikations- und Medienethik eine wissenschaftliche Disziplin, die auf praktische Orientierung und Beurteilung von konkreten Handlungen und Strukturen im Bereich von (öffentlicher) Kommunikation und Medien auf der Basis von Normen unterschiedlicher Art ausgerichtet ist . Teil zwei der Serie macht diesen Zusammenhang deutlich . Ungefähr ab den späten 1960er Jahren wird gesell-schaftlich ein „Ruf nach Ethik“ immer lauter .1 Die ge-sellschaftliche und technische Entwicklung wird als gefährlich oder krisenhaft erfahren: Ökologische Krise, Technikentwicklung, Innovationen in den Biowissenschaften und fortschreitende Ökonomisierung verlangen nach moralischer Reflexion und Orientierung . Dies ist freilich verbunden mit dem Anspruch an die Ethik, hilfreiche Antworten auf konkrete Herausforderungen und Handlungsunsicherheiten zu geben . Hans Jonas „Das Prinzip der Verantwortung“ (1979) und Peter Singers’ „Praktische Ethik“ (1979/1994) waren die Startschüsse für eine 1 Vgl. zur Angewandten Ethik als Kontext der Kommunikations- und Medien ethik ausführlicher und mit weiteren Belegen Filipović (2016) und in systematischer Absicht in Bezug auf Medienethik als Angewandter Ethik Köberer (2015). Prof. Dr. Alexander Filipović lehrt Medienethik an der Hochschule für Philosophie in München und ist Mitherausgeber von Communicatio Socialis . SERIE ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 122 20.02.2017 10:05:13 123 moderne akademische Angewandte Ethik, die gesellschaftlich relevante Fragen behandelt und in die öffentliche Diskussion hineinwirkt . Seither haben sich die Bereichs- und Angewandten Ethiken stark ausdifferenziert . Die Angewandte Ethik löste sich damit in gewisser Weise von ihrer akademischen Heimstätte und trat in das Feld der Politik und der gesellschaftlichen Verständigung ein . Die Verbindung von Wissenschaftlichkeit und professioneller akademischer Arbeit einerseits und von Politik und öffentlicher Argumentation andererseits charakterisiert seither das Feld der Angewandten Ethik . Eine Bestimmung von Angewandter Ethik hat zwei Fragen zu beantworten: Was unterscheidet sie erstens von anderen, etwa „allgemeinen“ Ethiken, und zweites, welche Angewandten Ethiken gibt es und wie unterscheiden sich die Bereiche, in denen diese Ethiken angewandt werden . Anders formuliert: Was ist „Anwendung“ im Feld der Ethik und was können Gegenstände oder „Bereiche“ solcher Anwendung sein? Gemeinhin wird auf die erste Frage geantwortet, dass eine Angewandte Ethik eine Teildisziplin der normativen Ethik ist, „welche die in der Allgemeinen Ethik entwickelten allgemeinen Prinzipien auf konkrete praktische Probleme ‚anwendet‘“ (Fenner 2009, S . 100) . Die Antwort auf die zweite Frage nimmt Bezug auf die gesellschaftliche Ausdifferenzierung und moderne Handlungsbereiche, und identifiziert gleiche oder ähnliche praktische Probleme und Herausforderungen . Beide Antworten in einer Kurzdefinition zusammengenommen: Die Angewandte Ethik ist eine „philosophische Disziplin“, die eine „systematische Anwendung normativ-ethischer Prinzipien auf Handlungsräume, Berufsfelder und Sachgebiete“ (Thurnherr 2000, S . 14) unternimmt . Beide Fragen oder Dimensionen arbeite ich nacheinander ab und komme danach zu einer Zusammenfassung in Bezug auf Kommunikations- und Medienethik als Angewandte Ethik . Angewandte Ethik im Verhältnis zur allgemeinen Ethik Man kann unterscheiden zwischen einem Top-down-Modell und einem Bottom-up-Modell Angewandter Ethik (vgl . dazu Fenner 2009, S . 100-104) . Im Top-down-Modell, das eher in der akademischen Welt beheimatet ist, werden die in der allgemeinen Ethik festgelegten Prinzipien auf konkrete Probleme angewandt . Die für gut und richtig befundene Handlung wird aus einem allgemeingültigen Prinzip für eine konkrete Situation abgeleitet . Diesem Verständnis liegt ein deduktives (ableitendes) Grundbegriffe: Angewandte Ethik ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 123 20.02.2017 10:05:13 124 Verständnis von Moral zu Grunde, nach dem eine moralische Handlungsregel immer zuerst allgemein begründet und erst dann im Hinblick auf die Besonderheiten der Situation angepasst wird . Das Modell sieht also für ein moralisches Urteil systematisch zunächst ab von konkreten Umständen . Gewonnen wird durch diese Praxisferne ein gut begründetes Moralprinzip, dessen Geltung im Prinzip nicht abhängig ist von konkreten Situationen und Veränderungen . Im Bottom-up-Modell werden Handlungsregeln und moralische Urteile nicht deduziert, sondern von unten nach oben induziert . Startpunkt sind konkrete, oft einzelhafte Situationen, in denen moralrelevante Problemlösungen und Aspekte identifiziert, gesammelt und systematisiert werden . Davon ausgehend werden dann Leitlinien des Handelns gewonnen, die auch für ähnliche andere Situationen hilfreich sein können . Dies erinnert an ein pragmatisches Problemlösen, wie es etwa in der Politik gebräuchlich ist . Das Modell nimmt also für ein moralisches Urteil zunächst die konkreten Situationen in den Blick . Gewonnen wird durch diesen Verzicht auf eine universale Begründung eines Moralprinzips eine praxisrelevante Perspektive . Diese hält sich nicht mit abstrakten Überlegungen auf, sondern denkt problem- und lösungsorientiert und verspricht direkte, umsetzbare Handlungsempfehlungen . Die induktiv vorgehende Angewandte Ethik ist eher in den anwendungsspezifischen Handlungsfeldern selbst, also beispielsweise in der Medizin oder in der Technik, zuhause . Nicht selten erscheint diese Art der Angewandten Ethik als „Gegenmodell“ (Vieth 2006, S . 14) zu den klassischen philosophischen Ethiken . In diesem Typ Angewandter Ethik scheint das Wort der „Anwendung“ dann auch nicht mehr passend, weil ein fest begründetes Prinzip zur Anwendung ja nicht angenommen wird . Daher wurde dafür der Begriff „anwendungsorientierte Ethik“ vorgeschlagen . Wie auch immer man die Terminologie festlegt: Das Verhältnis von Theorie, Grundfragen und Grundprinzipien der Moral (Metaethik, allgemeine Ethik) und praktischer Orientierung in spezifischen Bereichen bleibt schwierig . Das Problem schwächt sich etwas ab, wenn Anwendung nicht technisch verstanden wird, sondern im Sinne des hermeneutischen Begriffs der Applikation, was eine „Aktualisierung philosophischer Einsichten in veränderten Lebenskontexten“ (Düwell 2002, S . 243) bedeutet . Auf diese Weise ist ein Mittelweg zwischen ethischer Theoriebildung und situationsbezogener Normfindung angedeutet . Alexander Filipović ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 124 20.02.2017 10:05:13 125 Angewandte Ethik als Bereichsspezifische Ethik Die Veränderungen in der Gesellschaft und die technischen und sozialen Innovationen führen zu einer Veränderung und zahlenmäßigen Zunahme der Bereichsspezifischen Ethiken selbst . Dies wird zum Teil kritisiert, verbunden mit einer Warnung vor einer Inflation der Bereichsethik . Andererseits gibt es Argumente für neue Bereichsethiken (vgl . Maring 2014) . Das Verhältnis der Angewandten Ethiken bzw . Bereichsethiken untereinander ist zunächst eines der Kooperation . Viele Bereiche sind Querschnittsfelder, auf denen eine Zusammenarbeit der Bereichsethiken notwendig ist, beispielsweise die Umweltethik . Die Kooperation der unterschiedlichen Bereichsethiken ist notwendig, muss aber auch einige Hürden überwinden: Im Zuge ihrer unterschiedlichen Ausdifferenzierung haben die Bereichsethiken eine voneinander abweichende Gestalt angenommen, etwa hinsichtlich ihrer Verwissenschaftlichung und ihrer Methodik . Die Medizinethik trägt beispielsweise noch den Charakter eines ärztlichen Standesethos, ist also geprägt von der Innensicht der medizinischen Profession und nicht etwa von einer speziellen philosophischen Reflexion . Eine professionsethische Prägung der Bereichsethiken findet man auch in anderen Feldern, etwa bei den Technikern und Ingenieuren, recht stark bei den Journalisten, weniger ausgeprägt bei Informatikern . Die Bio-, Umwelt- und die Wirtschaftsethik hingegen sind vor allem akademisch geprägt . Nicht nur von ihren Themen her sind die Bereichsethiken im Vergleich recht heterogen . Es bleibt für jede Bereichsethik schwierig bzw . eine Herausforderung, ihren Gegenstand und ihre Probleme zu bestimmen (Bayertz 1994, S . 20f .) . Oft ist nicht trennscharf geklärt, was genau den Gegenstandsbereich einer Bereichsethik ausmacht . Vielmehr ist es für eine Bereichsethik kennzeichnend, dass und wie sie um eine Beschreibung ihres Gegenstandes ringt . Sie findet ihre Probleme auch nicht einfach vor, sondern sie konstruiert sie in dem Sinne, dass sie wissenschaftsfähige Probleme aufgrund von gerade geltenden Paradigmen, Methoden und einer spezifischen wissenschaftlichen Sprache als solche erkennt . Es ist die wissenschaftliche Disziplin also selbst, die bestimmt, was ihr Gegenstand ist, was als Problem in diesem Gegenstandsbereich gelten soll und wie das Problem wissenschaftlich gelöst oder bearbeitet wird . Dies ist geradezu ein Spe- Es bleibt für jede Bereichsethik schwierig und eine Herausforderung, ihren Gegenstand und ihre Probleme zu bestimmen. Grundbegriffe: Angewandte Ethik ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 125 20.02.2017 10:05:14 126 zifikum der Angewandten Ethik als Wissenschaft .2 Selbstredend bleibt sie angewiesen auf den Austausch mit der Praxis in ihrem Bereich: Die Problembeschreibungen einer solchen Praxis sind entscheidendes Material einer Bereichsspezifischen Ethik als wissenschaftliche Disziplin, die zumeist den Anstoß geben, sich mit einer bereichsspezifischen Problematik zu befassen . Kommunikations- und Medienethik als Angewandte Ethik Die Kommunikations- und Medienethik ist verstrickt in diese Theorie/Praxis-Diskurse, in die „Findung“ ihrer Probleme, in die Diskussionen um Grundfragen der Ethik usw . Auch die Kommunikations- und Medienethik als wissenschaftliche Disziplin ist um eine Schärfung ihres Profils bemüht und organisiert entsprechende wissenschaftliche Selbstverständigungsdiskurse über Grundfragen (vgl . Debatin/Funiok 2003, Prinzing et al . 2015) . Ein weiteres kommt hinzu: In den Bereichs- und Angewandten Ethiken können jeweils mehrere Disziplinen beteiligt sein . So ist die Kommunikations- und Medienethik als akademisches Fach auch nach innen hin interdisziplinär verfasst, insofern sich am informations- und medienethischen Diskurs praktische Philosophen, Medienphilosophen, (kulturtheoretisch orientierte) Medienwissenschaftler, (sozialwissenschaftlich orientierte) Kommunikations- und Medienwissenschaftler, Informatiker, Ingenieure, Theologen, Literaturwissenschaftler und andere beteiligen . Diese Vielfalt als Ressource zu verstehen, fällt der Disziplin nicht immer leicht . Die existierenden Entwürfe der Informations- und Medien ethik versuchen auf unterschiedliche Weise, die methodische und theoretische Problemstellung der Angewandten Ethik anzugehen . Sie versuchen es beispielsweise mit einem Fokus auf den Verantwortungsbegriff (Funiok 2007), im Rückgriff auf einen gerechtigkeitstheoretischen Begriff der Beteiligung (Filipović 2007), durch eine Differenzierung von Ideal- und Praxisnormen (Brosda/Schicha 2000) oder durch die Lokalisierung der Medienethik zwischen der Philosophie und den Kommunikations- und Medienwissenschaften (Rath 2013) . 2 Für ein medienethisches Beispiel für diese Bemühungen um die Klärung des Gegenstandes und der eigenen Fragerichtung vgl. Heesen (2015). Es ist die wissenschaftliche Disziplin selbst, die bestimmt, was ihr Gegenstand ist, was als Problem in diesem Gegenstandsbereich gelten soll. Alexander Filipović ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 126 20.02.2017 10:05:14 127 Wie alle Bereichsspezifischen Ethiken steht die Kommunikations- und Medienethik mit einem Bein in der akademischen Welt und mit dem anderen in politischen, gesellschaftlichen, öffentlichen Diskursen um Probleme unserer Gegenwart . Einen festen Stand hat sie noch nicht . Es gilt für sie wissenschaftlich Profil zu gewinnen, sich auch im Hinblick auf Stellen und Institute auszuprägen, aber auch sich als Teil eines breiteren, gesellschaftlichen kommunikations- und medienkritischen Diskurses zu begreifen . Literatur Bayertz, Kurt (1994): Praktische Philosophie als angewandte Ethik. In: Bayertz, Kurt (Hg.): Praktische Philosophie. Grundorientierungen angewandter Ethik. Reinbek bei Hamburg, S. 7-47. Brosda, Carsten/Schicha, Christian (2000): Medienethik im Spannungsfeld zwischen Ideal- und Praxisnormen - Eine Einführung. In: Schicha, Christian/Brosda, Carsten (Hg.): Medienethik zwischen Theorie und Praxis. Normen für die Kommunikationsgesellschaft. Münster, S. 7-32. Debatin, Bernhard/Funiok, Rüdiger (Hg.) (2003): Kommunikations- und Medienethik. Konstanz. Düwell, Marcus (2002): III. Angewandte oder Bereichsspezifische Ethik: Einleitung. In: Düwell, Marcus/Hübenthal, Christoph/Werner, Micha H. (Hg.): Handbuch Ethik. Stuttgart/Weimar, S. 243-247. Fenner, Dagmar (2009): Angewandte Ethik zwischen Theorie und Praxis. Systematische Reflexionen zum Theorie-Praxis-Verhältnis der jungen Disziplin. In: Zeitschrift für philosophische Forschung, 63. Jg., H. 1, S. 99-121. http://sowiport.gesis.org/search/id/iz-solis-90531029 (zuletzt aufgerufen am 2.12.2015). Filipović, Alexander (2007): Öffentliche Kommunikation in der Wissensgesellschaft. Sozialethische Analysen. Bielefeld (Forum Bildungsethik, 2). Filipović, Alexander (2016): Angewandte Ethik. In: Heesen, Jessica (Hg.): Handbuch Informations- und Medienethik. Stuttgart. Funiok, Rüdiger (2007): Medienethik. Verantwortung in der Mediengesellschaft. Stuttgart. Heesen, Jessica (2015): Ein Fels in der Brandung? Positionen der Medienethik zwischen verflüssigtem Medienbegriff und schwankender Wertebasis. In: Prinzing, Marlis et al. (Hg.): Neuvermessung der Medienethik. Bilanz, Themen und Herausforderungen seit 2000. Weinheim, S. 86-98. Jonas, Hans (1979): Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation. Frankfurt a. M.. Köberer, Nina (2015): Medienethik als angewandte Ethik - eine wissenschaftssystematische Verortung. In: Prinzing, Marlis et al. (Hg.): Neuvermessung Grundbegriffe: Angewandte Ethik ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 127 20.02.2017 10:05:14 128 der Medienethik. Bilanz, Themen und Herausforderungen seit 2000. Weinheim, S. 99-113. Maring, Matthias (Hg.) (2014): Bereichsethiken im interdisziplinären Dialog. Karlsruhe. Prinzing, Marlis et al. (Hg.) (2015): Neuvermessung der Medienethik. Bilanz, Themen und Herausforderungen seit 2000. Weinheim. Rath, Matthias (2013): Medienethik – zur Normativität in der Kommunikationswissenschaft. In: Karmasin, Matthias/Rath, Matthias/Thomaß, Barbara (Hg.): Normativität in der Kommunikationswissenschaft. Wiesbaden, S. 289-302. Singer, Peter (1979/1994): Praktische Ethik. 2., rev. und erw. Aufl. Stuttgart. Thurnherr, Urs (2000): Angewandte Ethik zur Einführung. Hamburg. Vieth, Andreas (2006): Einführung in die angewandte Ethik. Darmstadt. Alexander Filipović ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 128 20.02.2017 10:05:14 129 Der Begriff der Verantwortung spielt in der allgemeinen wie auch der angewandten Ethik eine zentrale Rolle . Er bezieht sich auf eine der moralischen Grundfragen des menschlichen Lebens, nämlich die Frage, ob die Folgen unseres Handelns als ethisch akzeptabel gelten können . Aus verantwortungsethischer Perspektive geht es also um das Problem, dass man, wie Max Weber (1917/1988, S . 522) formulierte, „für die (voraussehbaren) Folgen seines Handelns aufzukommen hat“ . Als Theorie befasst sich die Verantwortungsethik hauptsächlich mit zwei zusammenhängenden Phänomenen, nämlich zum einen mit Handlungen und Handlungsfolgen und zum anderen mit den Implikationen des Verantwortungsbegriffes .1 Handlungen und Handlungsfolgen Handeln kann allgemein als zweckgerichtete und intentionale Verhaltensform betrachtet werden, bei der bestimmte Handlungsalternativen offen stehen, die eine Auswahl und eine Entscheidung notwendig machen, wobei die einfachste Alternative in der Ausführung oder Unterlassung einer bestimmten Handlung besteht .2 Mit Anzahl und Qualität der real zur Auswahl stehenden Handlungsoptionen wächst der Grad der Handlungsfreiheit . Aber mit der Freiheit des Handeln-Könnens wächst auch der Zwang zur Entscheidung – hierin liegt der tie- 1 Die folgenden Ausführungen stellen nur eine knappe Übersicht dar. Sie sind an meine früheren Veröffentlichungen zum Verantwortungsbegriff angelehnt, insbesondere Debatin (1997) und (1998). 2 In meiner Diskussion des Handlungsbegriffes folge ich v. a. Kohler (1988), Lenk (1978), Hubig (1985) und Reckwitz (2004). Verantwortung Grundbegriffe der Kommunikations- und Medienethik (Teil 3) . Von Bernhard Debatin Prof. Dr. Bernhard Debatin lehrt an der School of Journalism der Ohio University in Athens/USA und ist Direktor des Honors Tutorial Program in Journalism, mit den Lehr- und Forschungsgebieten Medien- und Internetethik, Online- Journalismus, Umweltund Wissenschaftsjournalismus, Medien- und Öffentlichkeitstheorie sowie qualitative Forschungsmethoden. SERIE ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 129 20.02.2017 10:05:14 130 fere Sinn des Sartre‘schen Diktums, dass wir zur Freiheit verurteilt sind . Handlungsfreiheit erst ermöglicht Selbstbestimmung anstelle von Fremdbestimmung, jedoch fällt mit der selbstbestimmten Entscheidung dem Handlungssubjekt als Verursacher auch die Verantwortung für sein Handeln und dessen Folgen zu . Handlungsfolgen können unterschieden werden in intendierte Folgen, also die als Handlungsziel gewünschten Resultate, und unbeabsichtigte Nebenfolgen, wobei letztere wiederum in vorhergesehene und unvorhergesehene Folgen unterteilt werden können . In der Regel sind Handelnde für die angestrebten Folgen und auch die Nebenfolgen verantwortlich . Die unvorhergesehenen Folgen können kategorisch vorhersehbar oder unvorhersehbar sein . Zum Beispiel sind bekannte Nebenwirkungen von Medikamenten vorhersehbare Nebenfolgen, die aufgrund des erwarteten Nutzens in Kauf genommen werden, auch wenn sie negativ sind . Die systematische Erprobung von neuen Medikamenten, bevor sie marktreif sind, soll dabei verhindern, dass unvorhergesehene Nebenwirkungen auftreten . Allerdings gibt es immer wieder Situationen, in denen plötzlich unvorhersehbare Nebenwirkungen auftreten, etwa weil bestimmte Interaktionen oder Eigenschaften des Medikaments unbekannt und in Tests nicht erkennbar waren . Interessanterweise erstreckt sich Verantwortung oft auch in den Bereich des Nichtvorhersehbaren hinein, da gerade bei Innovationen mit der Möglichkeit unvorhersehbarer Nebenfolgen gerechnet werden muss . Dieser Umstand brachte Hans Jonas im „Prinzip Verantwortung“ (1979, S . 54-75) zur Formulierung seiner präventiven „Heuristik der Furcht“, derzufolge die „schlechte Prognose“ stets Priorität über kurzfristige Erfolgserwartungen haben soll . Eine Handlung ist kein objektives Ereignis oder eine bloß beobachtbare Tatsache, vielmehr ist sie ein Interpretationskonstrukt, also eine Zuschreibung von Sinnhaftigkeit und Intention, durch die erst die Handlung sich vom bloßen Verhalten unterscheidet . Diese Zuschreibung wird vom Handelnden selbst oder auch von anderen vorgenommen und durch sie wird die Entität „Handlung“ in ihrer Bedeutung und ihren Grenzen definiert (vgl . Lenk 1978, Reckwitz 2004) . In ähnlicher Weise ist auch Verantwortung keine dem Handeln innewohnende Qualität, vielmehr wird sie dem als selbstbestimmt und zurechnungsfähig geltenden Handlungssubjekt zuallererst zugeschrieben . Bernhard Debatin ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 130 20.02.2017 10:05:14 131 Handlung und Verantwortung Mit der Verantwortung für unsere Handlungen übernehmen wir Erklärungs- und Rechtfertigungsverpflichtungen, denn Handlungssinn beruht auf artikulierbaren Gründen, die der Geltungslogik von argumentationsförmigen Rechtfertigungen folgen . Das Verantworten einer Handlung ist also immer schon ein dialogisches Geschehen, da die kontrafaktisch vorausgesetzte Legitimität einer Handlung – mit Habermas (1981): der Geltungsanspruch auf ihre Richtigkeit – gegebenenfalls im Rechtfertigungsdiskurs eingelöst werden muss . Erst hier zeigt sich, welchen Bestand die subjektiv zurechtgelegten Gründe und Rechtfertigungen haben, denn die zunächst privaten Gründe werden nun einem intersubjektiven Realitäts- und Geltungstest unterworfen . Dabei ist die Frage nach der Legitimität einer Handlung nicht äußerlich, sondern Teil der Sinnhaftigkeit der Handlung, denn „das Subjekt braucht, um überhaupt handeln zu können, notwendigerweise den Glauben an die Richtigkeit des eigenen Tuns“ (Kohler 1988, S . 171) . Das Verantworten einer Handlung bedeutet demgemäß, dass wir für unser Handeln und dessen Folgen einstehen und auf Fragen nach dem Sinn unseres Handelns Antworten geben können . Verantwortung ist deshalb nicht nur im etymologische Sinn ein Wechselspiel von Frage und Antwort, sondern auch in alltagsweltlichen Zusammenhängen immer schon ein dialogisches Geschehen, bei dem wir gegebenenfalls über unser Handeln Auskunft geben, nämlich in Form von moralischen Begründungen und Rechtfertigungen dafür, dass wir so und nicht anders gehandelt haben und warum wir dieser und nicht jener Handlung den Vorzug gegeben haben . Begriff und Verteilung der Verantwortung Aus analytischer Perspektive kann der Begriff der Verantwortung nun in acht Elemente zerlegt werden: (1) Das Handlungssubjekt verantwortet sich (2) basierend auf bestimmten Werten und Normen (3) für eine Handlung, (4) die dabei angestrebten Zwecke und (5) eingesetzten Mittel, sowie (6) die Handlungsfolgen . Das Subjekt verantwortet sich darüber hinaus (7) vor einer Rechtfertigungsinstanz (z . B . Gewissen oder Öffentlichkeit) und (8) gegenüber den von Handlung oder Handlungsfolgen Betroffenen . Während diese analytische Unterscheidung hilfreich ist, muss allerdings berücksichtigt werden, dass die meisten Hand- Grundbegriffe: Verantwortung ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 131 20.02.2017 10:05:14 132 lungen nicht als Einzelhandlungen auftreten, sondern als Teil von größeren Handlungsketten, die das Resultat arbeitsteiliger Prozesse sind, so dass verschiedene Individuen an einem Handlungszusammenhang beteiligt sind . Bei der individuellen Einzelhandlung können eingesetzte Mittel und intendierte Zwecke identifiziert, und im Blick auf damit verbundene Werte und Normen sowie Handlungsfolgen moralisch reflektiert, und so als vom Subjekt zu verantwortender Zusammenhang bestimmt werden . Im Unterschied hierzu treffen aber bei komplexen Handlungen in Organisationen, etwa einer Zeitungsredaktion, Handlungs-, Entscheidungs- und Verantwortungssubjekte aufeinander (hier z . B . der einzelne Journalist als Handlungssubjekt, die Redaktionskonferenz als Entscheidungssubjekt, und die presserechtlich Verantwortlichen als Verantwortungssubjekt) . Außerdem ist häufig auch die Wahl von Mitteln und Zwecken nicht Sache des Individuums, sondern institutionell bzw . organisationell vorgegeben (z . B . durch redaktionelle Zeit- und Arbeitsvorgaben, Organisationsroutinen und -ressourcen) . Und schließlich verschmelzen einzelne Handlungen oft zu unüberschaubaren und überindividuellen Handlungsketten, was die Zuschreibung von Verantwortung noch erschwert (z . B . die journalistische Handlungsdelegation und -organisation bei der Produktion von Nachrichten) . Die hier zu beobachtende Aufteilung von Verantwortlichkeiten kann zu einer systematischen Verdünnung der Verantwortung führen, einer Situation also, in der niemand verantwortlich ist, weil alle „irgendwie“ beteiligt waren . Um einer Verdünnung der Verantwortung vorzubeugen, kann Verantwortung der individuellen Handlungsträger mit Hilfe des Modells der distributiven Mitverantwortung (Lenk 1993, S . 125-128) genauer bestimmt werden . Durch eine solche klare Verantwortungszuweisung kann vermieden werden, dass die Verantwortung nach Belieben zwischen den Individuen und zwischen Individuen und Organisation hin- und hergeschoben wird . Dies setzt allerdings voraus, dass Organisationen Verantwortungsbereiche und -zurechnungen von vorne herein eindeutig festlegen und in ihre normativen Texte und Selbstbeschreibungen (Satzungen, Ethikkodizes, etc .) aufnehmen, also entgegenkommende Strukturen schaffen, die verantwortliches individuelles und organisationelles Handeln allererst ermöglichen . Bernhard Debatin Die Aufteilung von Verantwortlichkeiten kann zu einer systematischen Verdünnung der Verantwortung führen, einer Situation also, in der niemand verantwortlich ist. ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 132 20.02.2017 10:05:14 133 Die Übernahme von Verantwortung Verantwortung kann nicht nur zugeschrieben und zugewiesen werden, sie muss auch vom Individuum aktiv angenommen und übernommen werden . Nicht nur in der Politik kommt es immer wieder vor, dass Individuen nicht bereit sind für die Konsequenzen ihrer Handlungen einzustehen . Die Einübung von Verantwortungsübernahme ist deshalb ein zentrales Ziel der moralischen Erziehung, wobei es vor allem darum geht, dass Individuen ein Verantwortungsgefühl gegenüber anderen entwickeln (vgl . Zimmerli 1993) . Aus diesem Grund stellt auch Hans Jonas (1979, S . 177ff .) dem Prinzip Verantwortung das subjektive Gefühl der Verantwortlichkeit zur Seite, das auf Mitgefühl, Zuneigung und Solidarität beruht und damit eine emotionale Motivation für moralisches Handeln erzeugt . Tatsächlich bleibt Verantwortung, die nicht durch Einfühlung und Mitgefühl sensibilisiert ist, moralisch leer und orientierungslos . Wie Schopenhauer in seiner „Preisschrift über die Grundlage der Moral“ gezeigt hat, ist nämlich das Mitleid die „moralische Grundtriebfeder“, durch die „der Andere der letzte Zweck meines Willens wird“ und die dadurch moralisches Handeln allererst ermöglicht (Schopenhauer 1881, v . a . § 16) . Die Übernahme von Verantwortung ist damit nicht bloß eine Frage der Einsicht in das abstrakte Faktum, dass Handlungen Konsequenzen haben, sondern das Annehmen und Nachempfinden der konkreten Folgen meines Handelns und Unterlassens auf Andere . In einer Zeit, in der Medieninhalte zunehmend durch Sensationalisierung und Ausbeutung von Gefühlen wie Schadenfreude, Sozialneid und Missgunst geprägt sind, stellt die Hinwendung auf einen im Mitgefühl fundierten Verantwortungsbegriff eine besonders hilfreiche ethische Orientierung bereit . Literatur Debatin, Bernhard (1979): Medienethik als Steuerungsinstrument? Zum Verhältnis von individueller und korporativer Verantwortung in der Massenkommunikation. In: Weßler, Hartmut et al. (Hg.): Perspektiven der Medienkritik. Die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit öffentlicher Kommunikation in der Mediengesellschaft. Opladen, S. 287-303. Debatin, Bernhard (1998): Verantwortung im Medienhandeln: Medienethische und handlungstheoretische Überlegungen zum Verhältnis von Freiheit und Verantwortung in der Massenkommunikation. In: Wunden, Wolfgang (Hg.): Freiheit und Medien. Beiträge zur Medienethik. Band 4. Frankfurt am Main, S. 113–130. Grundbegriffe: Verantwortung ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 133 20.02.2017 10:05:14 134 Habermas, Jürgen (1981): Theorie des kommunikativen Handelns. 2 Bände. Frankfurt am Main. Hubig, Christoph (1985): Handlung – Identität– Verstehen. Von der Handlungstheorie zur Geisteswissenschaft. Weinheim/Basel. 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Sartre, Jean-Paul (1981): Ist der Existentialismus ein Humanismus? In: ders.: Drei Essays. Frankfurt am Main/Berlin/Wien, S. 7-51. Schopenhauer, Arthur (1981): Preisschrift über die Grundlage der Moral. In: ders.: Die Zwei Grundprobleme der Ethik. Leipzig (Erstveröffentlichung 1840), S. 103-275. Weber, Max (1988): Politik als Beruf. In: Winckelmann, Johannes (Hg.): Gesammelte Politische Schriften. Tübingen (Erstveröffentlichung 1917), S. 505-560. Zimmerli, Walter Ch. (1993): Wandelt sich die Verantwortung mit dem technischen Wandel? In: Lenk, Hans / Ropohl, Günter (Hg.): Technik und Ethik. Stuttgart, S. 92-111. Bernhard Debatin ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 134 20.02.2017 10:05:14 135 Macht Grundbegriffe der Kommunikations- und Medienethik (Teil 4) . Von Klaus-Dieter Altmeppen SERIE Macht ist ein aktiver Vorgang und entsteht in sozia-len Prozessen, in denen einzelne Personen, Gruppen oder Institutionen aktiv dominante Herrschaftsformen gegenüber anderen anstreben . Als relationales Konstrukt ist Macht eine Ausdrucksform von Interaktionen in sozialen Beziehungen . Machtfigurationen sind hochkomplexe, ineinander verschachtelte Handlungsformen . Macht kann in, durch und von Medien und Journalismus ausgeübt werden . Macht ist nicht gegenständlich, sie ist eine „weithin unsichtbare Eigenschaft sozialer Beziehungen“ (Imbusch 2007, S . 396) . Macht ist kein Zustand unveränderlichen Besitzes, sie kann nur auf eine bestimmbare Beziehung bezogen werden . Deshalb sind Medien nicht generell Meinungsmachthaber . Nur bestimmte Medien können zu einem bestimmten Zeitpunkt und im Hinblick auf spezifische andere Beteiligte als Machtfaktor gelten . Es existieren viele Machtdefinitionen . Neben der bekanntesten von Max Weber (2005 [1909], S . 38) kann Macht vor allem verstanden werden als „Bedingungs- und Bedeutungsrahmen, der die Umsetzung der [ . . .] Verhaltensbereitschaften in konkretes Handeln, d .h . den konkreten sozialen Austausch im Sinne eines Austausches oder einer gegenseitigen Übertragung von Kontrolle über Ressourcen und Ereignisse verständlich bzw . verstehbar macht“ (Küpper/Felsch 2000, S . 21) . Wer Ressourcen oder Ereignisse kontrolliert, hat Macht . Ressourcen sind dabei nicht nur Faktoren, die durch Macht beherrscht werden sollen, sondern sind selbst gleichfalls Macht- Prof. Dr. Klaus- Dieter Altmeppen lehrt Journalistik an der Katholischen Universität Eichstätt- Ingolstadt und ist Mitherausgeber von Communicatio Socialis. ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 135 20.02.2017 10:05:14 136 Mit Machtausübung sollen immer Handlungsoptionen vergrößert und Unsicherheitszonen verringert werden Klaus-Dieter Altmeppen quellen und Machtmittel, da die Verfügbarkeit und der Einsatz der Ressourcen über die Stärke der Machtausübung entscheiden . Allokative Ressourcen beziehen sich auf das Vermögen zur Umgestaltung von Herrschaft über Objekte, Güter oder andere materielle Phänomene, autoritative Ressourcen auf das Vermögen zur Umgestaltung von Herrschaft über Personen oder Akteure (Giddens 1997, S . 86) . Während der Besitz einer Druckerei oder Lizenzrechte typische allokative Ressourcen sind, stellen Reputation, aber auch Verantwortung oder Ethik, autoritative Ressourcen dar . Da Machtbeziehungen auf Handlungsakten gründen, bei denen die Handelnden (gleichgerichtete oder unterschiedliche) Interessen vertreten, entstehen generell Macht- und Verteilungskonflikte dann, wenn ein Akteur Machtausübung regelmäßig anwendet als „Versuch, die anderen Akteure innerhalb der Machtbeziehung zu veranlassen, ihre Verhaltensbereitschaften in das von ihm gewünschte konkrete Verhalten zu überführen“ (Küpper/Felsch 2000, S . 21) Die Machtausübung ist gekoppelt an das Vermögen des Akteurs, seine Ansprüche und Interessen durchzusetzen, was umso besser gelingt, je mehr Möglichkeiten der Akteur hat . „Ein wesentliches Element von Machtbeziehungen sind daher die Optionen, über die die beteiligten Akteure verfügen und die es ihnen ermöglichen, ihr Verhalten ungewiss zu halten“ (Theis-Berglmair 1997, S . 27) . Die Wahl zwischen Optionen erhöht den Handlungsspielraum und das Machtvermögen eines Akteurs und vergrößert zugleich die Unsicherheit bei den weiteren Beteiligten der Machtbeziehungen, wenn diese Optionen relevant sind für die Beteiligten (vgl . Crozier/ Friedberg 1979, S . 43) . Nur wenn das zu behandelnde Problem oder das Interesse der Beteiligten gleichgerichtet ist, kommt es zu Machtspielen mit Zugewinn oder Verlust von Macht . Mit Machtausübung sollen immer Handlungsoptionen vergrößert und Unsicherheitszonen verringert werden (vgl . Röttger 2000, S . 158) . Von entscheidendem Interesse dafür, dass Ethik oder Verantwortung in den Praktiken der Macht in Medien oder Journalismus eine Rolle spielen, sind zwei Aspekte . 1 . der Wille der Beteiligten, Ethik oder Verantwortung überhaupt als Elemente des Handelns anzuerkennen und 2 . die Einsicht, dass Ethik und Verantwortung eine (autoritative) Ressource sind und den Gang von Ereignissen beeinflussen können . ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 136 20.02.2017 10:05:14 137 Journalismus und Macht Power to: Macht für wen? Macht spielt eine Rolle in den Beziehungen zwischen Redakteuren und Redaktionsmanagement (Entscheidungshierarchie), in den Beziehungen zwischen Journalisten und ihren Interview partnern, Rundfunkräte agieren innerhalb machtvoller Beziehungen mit dem Medienmanagement, und Organisationen wie die Landesmedienanstalten oder die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich stecken in machtdurchsetzten Verhandlungen mit den Medienorganisationen . Eine zentrale Frage zielt also ab auf das power to, wer hat Macht . Eine grundsätzliche Differenzierung ist die zwischen journalistischen und Medienorganisationen . Aus organisationaler Perspektive lassen sich Journalismus und Medien als eigenständige Organisationen ansehen, die funktional autonom, aber organisational abhängig sind (vgl . zum Folgenden Altmeppen 2006, S . 201 ff .) . Aus dieser Konstellation ergeben sich wechselseitig Erwartungen, Anpassungen und Abhängigkeiten zwischen der Informationsproduktion (der journalistischen Organisationen) und der Mitteilungsleistung (der Medienorganisationen), die in Ko- Orientierung verlaufen und über Machtmechanismen geregelt werden . Das Tauschgeschäft, Informationsprodukte gegen Ressourcen, begründet eine Reihe von strukturellen und sozialen Machtbeziehungen zwischen journalistischen und Medienorganisationen . Die Frage nach den „Machthabern“ im medialen Raum ist folglich dreifach zu beantworten (vgl . Abb . 1), mit den Journalisten, den journalistischen Organisationen und den Medienorganisationen, die in komplexen wechselseitigen Machtbeziehungen und in komplexen Machtbeziehungen mit ihrer Umwelt stehen . Angesichts dieser Unterscheidung wird ersichtlich, dass Meinungsmacht mit dem Journalismus zusammenhängt und Marktmacht mit den Medienorganisationen . Meinungsmacht richtet sich auf die durch die Berichterstattung gegebene Möglichkeit, die öffentliche Meinung zu beeinflussen . „Die entscheidende Macht der Massenmedien“, so Gerhards (1991, S . 58), „beruht auf der Tatsache, daß sie öffentliche Meinung generieren, die Einfluß auf die Meinungsbildung und die Ausbildung von Wahlpräferenzen nimmt .“ Grundbegriffe: Macht Meinungsmacht richtet sich auf die durch die Berichterstattung gegebene Möglichkeit, die öffentliche Meinung zu beeinflussen. ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 137 20.02.2017 10:05:14 138 Klaus-Dieter Altmeppen Macht Politik Wirtschaft PR Werbung EINFLUSSNAHME Journalisten Journalistische Organisationen Medienorganisationen für Abb. 1: „Machthaber“ im medialen Raum Die Marktmacht dagegen ist kein publizistisches, sondern ein ökonomisches Phänomen . Bei der Marktmacht stehen die Aspekte von Medienkonzentration und Monopolbildung im Vordergrund, beide Machtbegriffe bilden einen engen Zusammenhang immer dann, wenn es um die publizistische Vielfalt geht (vgl . Heinrich 1999, S . 231f .) . Medienunternehmen agieren im Orientierungshorizont der Wirtschaft, ihre Handlungskriterien sind wirtschaftlicher Provenienz . Als Besitzer, Eigentümer oder Gesellschafter verfügen die Machthaber der Medienorganisationen über Kapital, Rechte, Produkte und Sachvermögen, das im Hinblick auf Marktmacht eingesetzt wird, um die Kosten- oder die Preisführerschaft zu erreichen, um Fusionen, Kooperationen und Beteiligungen der Medienorganisationen untereinander und mit anderen Branchen zu schmieden . Diese Unterscheidung begründet Unterscheidungen der Ethik und Verantwortlichkeit . Medienunternehmen sind verantwortlich für die Sicherung der Ressourcen des Journalismus, die dieser für seine Arbeit benötigt . Darüber hinaus sind Medienunternehmen Bestandteil von unternehmensethischen Ansprüchen und von Corporate Social Responsibility (vgl . Bracker 2016) . Journalist_innen sind verantwortlich für den ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 138 20.02.2017 10:05:14 139 professionellen, verantwortlichen Prozess der Produktion von Berichterstattung . Power over: Macht über wen oder was? Die zweite grundlegende Differenzierung des Machtbegriffs drückt sich im power over aus . Dabei geht es um die Frage, auf welche Weise Akteure Macht zur Verhinderung und zur Ermöglichung eines Handelns nutzen, das ihren Interessen und Zielen entspricht . Im Mittelpunkt stehen Ressourcen und Ereignisse, die mittels der Macht kontrolliert werden sollen, um interessengeleitete Ziele durchzusetzen, zu sichern oder auszubauen . Die Frage des power over ist zudem danach zu unterscheiden, ob Journalisten, journalistische Organisationen oder Medienorganisationen Macht über Ressourcen oder Ereignisse haben (vgl . Abb . 2) . Die Macht des einzelnen Journalisten dürfte, au- ßerhalb von Autorität oder Position, eher gering sein . Journalistische Organisationen dagegen streben nach Exklusivität der Berichterstattung im Vergleich zu anderen Redaktionen . Sie achten ferner auf die Reaktionen des Publikums, registrieren Veränderungen des Rezipientenverhaltens und suchen darauf adäquat zu reagieren . Grundbegriffe: Macht Macht Journalisten Ressourcen/Ereignisse Machtquellen Machtmittel Machtausübung Journalistische Organisationen Märkte Wettbewerb Rezipienten Personen: Journalisten Organisationen: Redaktionen Institutionen: Statute, Ethik, Tarife Medienorganisationen über Abb. 2: Macht über Ressourcen und Ereignisse im medialen Raum ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 139 20.02.2017 10:05:14 140 Klaus-Dieter Altmeppen Ferner sind institutionelle Arrangements bedeutsam für Machtfragen, zu denen auch die Durchsetzung ethischer Standards gehört, wie sie beispielsweise der Presserat mit dem Ethikkodex oder Good Company Rankings bei Unternehmen darstellen . Aktuell werden die Dauerthemen der Autonomie und der Ethik zunehmend verdrängt von den Folgen der Kommerzialisierung . Macht wodurch? Machtquellen, Machtmittel, Machtausübung Von entscheidender Bedeutung bei der Bewertung von Macht sind die Quellen und Mittel der Macht, die darüber entscheiden, welche Formen der Machtausübung angewendet werden, um potenzielle in aktuelle Macht zu verwandeln . Machtquellen wie die (journalistische) Organisation, physische und psychische Stärke (der Journalisten) sowie Eigentum und Besitz (der Medieninhaber) werden zu Machtfaktoren, wenn sie durch Machtmittel als konkrete Medien zur Machtausübung eingesetzt werden . Aus der Vielfalt möglicher Quellen, Mittel und Formen der Machtausübung ergeben sich komplexe Geflechte asymmetrischer und wechselseitiger Beziehungen, die als Machtfiguration bezeichnet werden (vgl . Imbusch 2007, S . 397) . Eine Systematisierung von Journalismus und Macht Die Vieldeutigkeit von Macht scheint eher noch zuzunehmen, bringt man das Konstrukt in Verbindung mit dem Journalismus . Zu den generell mit Macht verbundenen Ausprägungen kommen beim Journalismus noch alle Machtformen hinzu, die sich im Zusammenhang mit öffentlicher Meinung und öffentlichen Funktionen ergeben . Selbst wenn die Medienorganisationen als eigenständiger Machtfaktor ausgeblendet werden, verbleiben mit den Journalisten und journalistischen Organisationen, mit den Unterscheidungen von power to und power over, von Machtquellen, -mitteln und Formen der Machtaus- übung immer noch enorm viele Variablen für eine Matrix, wie sie in Tabelle 1 vorliegt . Die Tabelleninhalte verbinden Indikatoren ausgewählter Machtdimensionen (Machtquellen, Machtmittel, Formen der Machtausübung) mit dem Geltungsgrad, der Wirkungsintensität und der Reichweite von Macht . Zudem gibt die rechte Spalte Auskunft darüber, welche Art von Ressourcen mit dem jeweiligen Indikator angesprochen wird . ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 140 20.02.2017 10:05:14 141 Die Vielfalt der Machtausübung im und durch den Journalismus beruht vor allem darauf, dass die Dynamik von Machtprozessen aus miteinander verwobenen Machtfigurationen entsteht, an denen Personen ebenso beteiligt sind wie Gruppen und Organisationen . Grundsätzlich unterschieden werden können zwei Ebenen der Machtausübung: diejenige im Journalismus, mit Personen wie einzelnen Journalisten, Medieneigentümern und Medienmanagern, mit Gruppen von Journalisten oder Mediengesellschaftern und mit Organisationen wie Ressorts, Tarifpartnern und Nachrichtenzulieferern; und die Machtaus- übung durch Journalismus, mit wiederum einzelnen Journalisten und Organisationen wie den Redaktionen auf der einen und den Berichterstattungssubjekten und -objekten wie Parteien, Verbänden, Sportvereinen und der PR sowie Politikern, Wirtschaftsvertretern und PR-Fachkräften und schließlich dem Publikum auf der anderen Seite . Auch wenn ethische Kriterien oder solche von Verantwortung nur an wenigen Stellen in der Matrix explizit werden, spielen sie doch in viel mehr Zusammenhängen eine Rolle . Kontrolle beispielsweise ist mit Verantwortung verbunden, Glaubwürdigkeit und Reputation sind mit ethischen Ansprüchen gekoppelt . Die gesellschaftliche Stellung und die Wahrnehmung gesellschaftlicher Funktionen werden von der Gesellschaft an den Journalismus delegiert . Macht und Ethik/Verantwortung stehen in einem dauerhaften Beziehungszusammenhang, der häufig konfliktär ist . Dieses Faktum wird nur leider sehr selten thematisiert . Grundbegriffe: Macht ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 141 20.02.2017 10:05:14 142 Tab. 1: Journalismus und Dimensionen der Macht (Quelle: Altmeppen 2007) Indikatoren der Machtdimensionen Geltungsgrad Wirkungsintensität Reichweite Ressourcenart Formen der Machtausübung Einfluss, Überzeugung, Motivation Persönlichkeit (Publizisten, Meinungsführer, Hierarchie) face-to-face, situativ soziale Beziehungen und Netzwerke organisationale Beziehungen intraorganisational (Redaktionshierarchie und -management) interorganisational (Fusionsverhandlungen, Tarifverhandlungen) autoritativ Autorität Persönlichkeitsmerkmale Amt und Position (Führungsposition, Glaubwürdigkeit der Berichterstattung) symbolisch (Reputation des Journalisten) face-to-face, situativ wechselnd soziale Beziehungen und Netzwerke autoritativ Kontrolle Soziale Beziehungen intraorganisational (Redaktionshierarchie) formelle Regeln (vertragliche Beziehungen – Anstellungsvertrag, Nachrichtenfaktoren, Gegenlesen) informelle Regeln (Redaktionsnormen) gesellschaftliche Legitimation (Kritik und Kontrolle) sozial und regelgebunden abhängig vom Sanktionspotential soziale und kontraktliche Beziehungen autoritativ, allokativ Klaus-Dieter Altmeppen ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 142 20.02.2017 10:05:15 143 Grundbegriffe: Macht Indikatoren der Machtdimensionen Geltungsgrad Wirkungsintensität Reichweite Ressourcenart Machtquellen Psychische Stärke soziale Beziehungen (Verhandlungen über Gehalt, Durchsetzungskraft des Journalisten z . B . bei der Recherche) face-to-face, situativ hoch soziale Beziehungen und Netzwerke (Umfeld Recherche, intra-/interorganisational) autoritativ Eigentum/Besitz Medieneigentümer, Anteilseigner, Gesellschafter materiell symbolisch Organisationale Beziehungen intraorganisational (Eigentum) interorganisational (Reputation, Autorität) autoritativ, allokativ Organisation Organisationsmitglieder (Redaktion) Hierarchie (Management, Eigentümer) Organisation als Ressource Strukturelle Macht intraorganisational hoch (Hierarchie) interorganisational hoch Organisationale Beziehungen intraorganisational (Struktur) interorganisational (Reputation, Autorität) autoritativ, allokativ Machtmittel Ökonomisches Kapital Property rights (Lizenzen) Sachgüter (Druckereien, Medienhäuser) Finanzmittel (Kapital, Aktien) höchste Ausdehnung gesellschaftsweit allokativ, autoritativ Soziales Kapital Unternehmensverantwortung Wahrnehmung gesellschaftlicher Funktionen Ethische Normen Institutionalisierte Beziehungen und dauerhafte Netzwerke (Verbände wie BDZV, djv; Aufsichtsgremien) Wissen, Verfügung über Informationen Gender indirekt (Nutzung von „Vitamin B“) symbolisch soziale Beziehungen und Netzwerke organisationale Beziehungen Medienbranche autoritativ Kulturelles Kapital Journalismus als Produzent kultureller Güter gesellschaftliche Stellung des Journalismus (4 . Gewalt) Berufliches Ansehen der Journalisten („Begabungsberuf“) Deutungshoheit (Agenda Setting, Meinungsführer) Gender symbolisch soziale Beziehungen gesellschaftsweit autoritativ ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 143 20.02.2017 10:05:15 144 Literatur Altmeppen, Klaus-Dieter (2006): Journalismus und Medien als Organisationen. Leistungen, Strukturen und Management. Wiesbaden. Altmeppen, Klaus-Dieter (2007): Journalismus und Macht. Ein Systematisierungs- und Analyseentwurf. In: Altmeppen, Klaus-Dieter/Hanitzsch, Thomas/Schlüter, Carsten (Hg.): Journalismustheorie. Next Generation. Soziologische Grundlegung und theoretische Innovation. Wiesbaden, S. 421-447. Bracker, Isabel (2016): Corporate Social Responsibility (CSR) und Corporate Citizenship (CC): Selbstbild und Fremdwahrnehmung in der öffentlichen Kommunikation. Voraussetzungen, Strukturen und Formen nachhaltigkeitsorientierter Verantwortungskommunikation am Beispiel der Medienwirtschaft. Dissertation. Eichstätt. Crozier, Michel/Friedberg, Erhard (1977): Macht und Organisation. Die Zwänge kollektiven Handelns. Königstein im Taunus. Gerhards, Jürgen (1991): Die Macht der Massenmedien und die Demokratie: Empirische Befunde. Discussion Paper FS III 91-108. Wissenschaftszentrum Berlin. Giddens, Anthony (31997): Die Konstitution der Gesellschaft. Grundzüge einer Theorie der Strukturierung. Frankfurt am Main. Heinrich, Jürgen (1999): Medienökonomie. Bd. 2: Hörfunk und Fernsehen. Opladen/Wiesbaden. Imbusch, Peter (2007): Macht: Dimensionen und Perspektiven eines Phänomens. In: Altmeppen, Klaus-Dieter/Hanitzsch, Thomas/Schlüter, Carsten (Hg.): Journalismustheorie: Next Generation. Soziologische Grundlegung und theoretische Innovation. Wiesbaden, S. 395-419. Küpper, Willi/Felsch, Anke (2000): Organisation, Macht und Ökonomie. Mikropolitik und die Konstitution organisationaler Handlungssysteme. Wiesbaden. Röttger, Ulrike (2000): Public Relations – Organisation und Profession. 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Gerechtigkeit) oder Begründungen für Moralität (Tugend-, Pflicht-, Verantwortungs- oder utilitaristische Ethik) . Innerhalb der Soziologie und Moralpsychologie ist er jedoch ein zentraler Begriff und spielt auch im Selbstverständnis empirischer Wissenschaften eine zunehmende Rolle (vgl . Karmasin/Rath/Thomaß 2013) . „Allgemein wird das als Wert angesehen, was nach individueller und kollektiver Einschätzung als erstrebenswert, gut bereichernd, beglückend und fördernd gilt“ (Beirer 1995, S . 80) . Werte sind also Ziele für individuelle oder soziale Entwicklungen, sie sind (immaterielle) Güter, um die man sich individuell oder gesellschaftlich bemüht . Werte sind in einer Kultur (oder Subkultur) anerkannt, sie sind teilweise (als tiefliegende Grundannahmen und Werthaltungen wie Akzeptanz, gegenseitiges Vertrauen) nur latent vorhanden, teilweise als Orientierungsrahmen gewusst und in Handlungsregeln erkennbar . Sie beruhen auf Konsens und sind in ständiger Veränderung (Wertewandel) . Werte werden in der Sozialisation oder Enkulturation erlernt . Sie beziehen sich oft auf aktuelle Bedürfnisse, die als unzureichend befriedigt erlebt werden, oder auf Herausforderungen, deren Lösungen mit der Realisierung eines entsprechenden Wertobjekts gelingen sollen . Um ein Beispiel für eine Werte-Liste zu geben, sei die des Pädagogen Hartmut von Hentig (1999, S . 162) aufgeführt (die Psychologen Abraham Maslow oder Milton Rokeach haben andere aufgestellt): Prof. em. Dr. Rüdiger Funiok SJ war bis 2008 Professor für Kommunikationswissenschaft und Erwachsenenpädagogik an der Hochschule für Philosophie München. ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 145 20.02.2017 10:05:15 146 „1. Das Leben; 2. Freiheit / Selbstentfaltung / Selbstbestimmung / Autonomie; 3. Frieden / Freundlichkeit / Gewaltlosigkeit; 4. Seelenruhe – zum Beispiel aufgrund der erfüllten Pflicht oder aus Übereinstimmung mit dem eigenen Gewissen / also auch Schuldlosigkeit; 5. Gerechtigkeit; 6. Solidarität / Brüderlichkeit / Gemeinsamkeit (= Nichteinsamkeit) (Gemeinwohl ist die alles zusammenfassende Idee); 7. Wahrheit; 8. Bildung / Wissen / Einsicht / Weisheit; 9. Lieben können / geliebt werden; 10. Körperliches Wohl/ Gesundheit/ Freiheit von Schmerz/ Kraft; 11. Ehre/ Achtung der Menschen/ Ruhm; 12. Schönheit.“ Im Unterschied zu den vor- oder amoralischen (weil nicht auf Moral bezogenen) Werten sind sittliche Werte – und nur um diese geht es hier – Gesinnungen, Überzeugungen, Einstellungen und Handlungen (Tugenden), die unser Verhalten prägen und sich dazu eignen, es moralisch zu rechtfertigen . In der heutigen Alltags-, nicht in der philosophischen Fachsprache, ersetzt das Sprechen von Werten – ähnlich wie die Verwendung des Wortes „Verantwortung“ – die überkommene Rede vom moralisch Guten und Rechten (vgl . Joas 1997, S . 262-274) . Wertbindungen und Wertediskurse Werte entstehen im Individuum durch subjektive Erfahrungen mit Evidenzcharakter . Sie können sich z . B . bei einem sozialen Engagement, bei Wanderungen in der Natur oder bei Vergemeinschaftungserlebnissen (z . B . internationalen Begegnungen) bilden . Bei diesen Erfahrungen der Selbsttranszendenz kommt es zu einer festen Wertbindung (vgl . Joas 2004) . Als Heranwachsende übernehmen wir die Werte unserer Bezugspersonen (Eltern, Verwandte, Lehrer); spätestens in der Pubertät prüfen wir sie kritisch, verwerfen sie vielleicht, um sie später teilweise wieder zu bejahen, aber dieses Mal aus eigener Werterfahrung und -einsicht . Bei Werten mit sozialer Geltung sind es die mehr oder weniger expliziten Wertediskurse, welche die Zustimmung zu und die Veränderung von Werten bewirken . Plausibel und sozial verbindlich sind Werte nur innerhalb einer bestimmten Gemeinschaft oder Lebenswelt . Eine besondere Form von Wertediskursen stellt ihre schulische oder universitäre Behandlung dar . Wird man im Studium mit der Ethik jener Profession vertraut gemacht, auf die man sich vorbereitet, so kann es sich um Werte und Normen handeln, die dem Einzelnen so noch nicht bekannt waren . Bei den meisten individuell gültigen Werten bezieht sich der Wer- Rüdiger Funiok ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 146 20.02.2017 10:05:15 147 tediskurs jedoch auf bereits anderswo erworbene Werte; es gilt lediglich, sie zu reflektieren, mit den Wertorientierungen anderer zu vergleichen, sie möglicherweise zu revidieren oder sich mit einer besseren Begründung zu ihnen zu bekennen . Keinesfalls lassen sich Werte – was Politikerreden häufig nahelegen – „vermitteln“ im Sinne einer „Übertragung“ externer, offizieller Werte in die als leer gedachten Köpfe und Herzen . Das Verhältnis von Werten zu Normen Meist spricht man von Werten und Normen . Normen sind konkrete Verhaltensregeln, sie haben einen mehr oder weniger deutlichen Bezug zu Werten . Das Verhältnis lässt sich folgendermaßen bestimmen: Werte begründen das moralische Handeln – Normen begrenzen und sanktionieren es . Werte haben, verglichen mit Normen, etwas Attraktives, sie gehen – bei aller Verbindlichkeit – mit der Erfahrung von Freiheit, des Bei-sich-Seins, der Eröffnung von Horizonten zusammen . Normen haben demgegenüber etwas Restriktives, Einschränkendes, konkret Festmachendes (vgl . Funiok 2011, S . 47) . Immerhin verwirklichen und konkretisieren Normen entsprechende Werte . Eine andere, wichtige Konkretisierung stellen das Recht und die Institutionen dar, welche den Bestand wichtiger Werte und moralischer Normen sichern: die verfassungsmäßige Garantie der Meinungs- und Versammlungsfreiheit, die Medien freiheit und andere Eckpfeiler der demokratischen Medienordnung . Gemeinsam ist Normen und Werten, dass sie durch Konsensbildung entstehen und sich im Wertediskurs oder in der gelebten Praxis verändern . Neben der direkten Kommunikation über Werte gibt es auch eine repräsentative . Das Fernsehen ist nach Schneider (2006, S . 114ff .) der bevorzugte Ort dieser stellvertretenden Wertekommunikation: Nicht nur in den Talkshows, die zumeist Wertfragen behandeln, sondern auch in den Figuren der Unterhaltungsformen werden Werte präsentiert: in den positiven und negativen Helden, in ihren Gegenspielern oder in Nebenrollen . Die Wertekommunikation im Fernsehen ist dabei nicht so elaboriert wie die schulische Wertebildung . Analog zur Alltagskommunikation, die auch aus Klatsch und Tratsch besteht, geht es in der Alltagspublizistik (Rühl 2001) um eine unterhaltungsorientierte Behandlung Im Fernsehen werden bevorzugt Werte präsentiert: in den positiven wie negativen Helden und ihren Gegenspielern. Grundbegriffe: Werte ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 147 20.02.2017 10:05:15 148 Rüdiger Funiok von Werten . Es lohnt sich, diese Wertangebote zu analysieren (vgl . Funiok 1997) . Wertkonflikte und Unschärfen Zwischen Werten gibt es häufig Konflikte: innerhalb einer Person und ihrer Biografie, zwischen den Individuen und ihren Lebenswelten . Kinder lernen schon sehr früh, sich in der Vielzahl situationsbezogener oder kulturell bedingter Normen und Werte zurechtzufinden . Wertkonflikte sind auch typisch für das professionelle Medienhandeln und seine ethische Reflexion . In der journalistischen Praxis ist das Informationsrecht der Allgemeinheit mit dem Recht auf Schutz der Privat- und Intimsphäre derer, über die berichtet wird, abzuwägen; ebenso die Pflicht zu umfassender Recherche mit dem Veröffentlichungsdruck . Es gibt die Spannung zwischen demokratischer Orientierung und ökonomischen Zwängen . Und das Publikum ist hin- und hergerissen zwischen dem Einsatz seiner kritischen Urteilskraft und seinem Wunsch nach entspannender Unterhaltung . Das Ausbalancieren dieser Konflikte, das Entwickeln von Kriterien für einen mittleren Ausweg aus diesen Aporien ist für Krainer geradezu „die zentrale methodische Herausforderung der Medienethik“ (2001, S . 158) . Krainer weist noch auf ein weiteres Moment hin: Manche unverzichtbare medienethische Norm – z . B . die größtmögliche „Objektivität“ oder Accuracy – habe „nur“ die Qualität einer nicht operationalisierbaren Norm . Sie sei lediglich ein Richtziel, eine „regulative Idee“ im kantischen Sinn . Die bleibende Aufgabe einer solchen Richtgrö- ße bestehe darin, die Differenz von Ideal und Realität offen zu halten, interne Evaluationen anzuregen und Kritik von außen als berechtigt zu akzeptieren, ohne sich völlig in Frage gestellt zu fühlen . Der Wertbegriff ist also oft vieldeutig . Hubig (1997) zeigt das bei den Wertkonflikten in der Technikbewertung auf: Werte sind einmal Eigenschaften von Objekten, aber auch Kriterien und dann wieder Imperative; er nennt acht Grundwertkomplexe des technischen Handelns, welche zueinander in Instrumental- und in Konkurrenzbeziehungen stehen, sowie wichtige Vermächtnis- und Optionswerte . Ähnliche Differenzierungen sind wohl auch bei journalistischer Qualität oder Medienqualität angebracht . Die Bezugnahme auf Werte, Qualitäts- und Gütekriterien enthält nicht nur eine moralische Selbstverpflichtung, sondern vor allem eine inhaltliche Bestimmungsaufgabe: Die Medienqualität bleibt ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 148 20.02.2017 10:05:15 149 ein multidimensionaler Begriff, eine Schnittmenge aus ökonomischen, publizistischen und ästhetischen Qualitätsmerkmalen mit einer ethischen Dimension (vgl . Karmasin 1999, S . 193-201) . Literatur Beirer, Georg (1995): Wert, Tugend und Identität: zur Gestaltung und Vermittlung sittlicher Kompetenz. Ein Beitrag zur Revitalisierung einer Tugendethik. In: Eid, Volker/Elsässer, Antonellus/Hunold, Gerfried W. (Hg.): Moralische Kompetenz. Chancen der Moralpädagogik in einer pluralen Lebenswelt. Mainz, S. 76-116. Funiok, Rüdiger (1997): Über Medien auf Werte zu sprechen kommen. Teil 2: Praktische Vorschläge für den Unterricht. In: Medien Praktisch, 21. Jg., H. 1, S. 53-56. Funiok, Rüdiger (22011): Medienethik. Verantwortung in der Mediengesellschaft. Stuttgart. Hentig, Hartmut von (1999): Ach, die Werte! Ein öffentliches Bewußtsein von zwiespältigen Aufgaben. Über eine Erziehung für das 21. Jahrhundert. München. Hubig, Christoph (1997): Technologische Kultur. Leipzig. Joas, Hans (1997): Die Entstehung der Werte. Frankfurt am Main. Joas, Hans (2004): Braucht der Mensch Religion? Über Erfahrungen der Selbsttranszendenz. Freiburg im Breisgau. Karmasin, Matthias (1999): Stakeholder-Orientierung als Kontext zur Ethik von Medienunternehmen. In: Funiok, Rüdiger/Schmälzle, Udo F./Werth, Christoph H. (Hg.): Medienethik – die Frage der Verantwortung. Bonn, S. 183-211. Karmasin, Matthias/Rath, Matthias/Thomaß, Barbara (Hg.) (2013): Normativität in der Kommunikationswissenschaft. Wiesbaden. Krainer, Larissa (2001): Medien und Ethik. Zur Organisation medienethischer Entscheidungsprozesse. München. Rühl, Manfred (2001): Alltagspublizistik. Eine kommunikationswissenschaftliche Wiederbeschreibung. In: Publizistik, 46. Jg., H. 3, S. 249-276. Schneider, Norbert (2006): Werte, Tabus und Medien. In: Ganguin, Sonja/Sander, Uwe (Hg.): Sensation, Skurrilität und Tabus in den Medien. Wiesbaden, S. 109-122. Grundbegriffe: Werte ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 149 20.02.2017 10:05:15 150 Tugend Grundbegriffe der Kommunikations- und Medienethik (Teil 6) . Von Christian Thies SERIE Die Tugendethik ist der älteste Ansatz der Moralphilo-sophie . Andere wichtige Konzepte wie Deontologie, Utilitarismus und Kontraktualismus entwickelten sich trotz einiger Vorläufer erst im neuzeitlichen Europa . Hingegen steht die Tugendethik bereits in der „Nikomachischen Ethik“ des Aristoteles (ca . 384-322 v . Chr .) auf einem nie wieder erreichten Höhepunkt . Nachdem dieser Ansatz schon fast verdrängt war, wurde er in den letzten Jahrzehnten auf unterschiedliche Weise rehabilitiert, u . a . durch Anscombe, Foot, MacIntyre, Nussbaum, Sandel und Spaemann (vgl . Rippe/Schaber 1998; Birnbacher 2003, S . 295ff .; Halbig 2013; Pauer-Studer 2015) . Zudem ist die Tugendethik der Ansatz, der weltweit am stärksten verbreitet war und ist . Denn die meisten Moralkonzepte, die es bereits vor der Moderne in anderen Kulturkreisen gab, sind als Tugendethiken anzusehen . Das beste Beispiel ist der Konfuzianismus . Aber auch in anderen alten Hochkulturen gab es Tugendlehren, wenngleich meist nur in Form eines traditionellen Standes- oder Berufsethos . Aus solchen Berufsethiken sind auch einige Subdisziplinen der angewandten Ethik hervorgegangen, etwa die Medizinethik aus dem bis zu Hippokrates zurückreichenden ärztlichen Standesethos . Die Medienethik hat einen Vorläufer im Ethos des Journalistenberufes, in dem bestimmte Tugenden propagiert wurden: Wahrheitsliebe, Gründlichkeit (bei der Recherche), Gewandtheit (im Umgang mit Menschen) usw . Das kann man beispielsweise am „Deutschen Pressekodex“ oder den „Sieben Selbstverpflichtungen“ der Deutschen Public Relations Gesellschaft noch sehr gut erkennen . Was heißt jedoch überhaupt „Tugend“? Welche Vorzüge und Prof. Dr. Christian Thies ist Professor für Philosophie an der Universität Passau. ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 150 20.02.2017 10:05:15 151 Grundbegriffe: Tugend Nachteile hat eine Ethik, die sich auf den Tugendbegriff stützt? Und welche Rolle sollten tugendethische Elemente in der Kommunikations- und Medienethik spielen? Zum Begriff der Tugend „Tugend“ klingt für heutige Ohren altmodisch, ja reaktionär . Gern polemisiert man gegen vermeintliche „Tugendwächter“ und beklagt sich über „Sekundärtugenden“, die jedem Zweck dienlich sein können . Der Gegenbegriff „Laster“ wird fast nur noch ironisch verwendet . Tatsächlich ist das deutsche Wort „Tugend“ eine problematische Übersetzung für den entsprechenden Ausdruck im alten Griechisch, nämlich arete . Wörtlich übertragen käme „Bestform“ der Ursprungsbedeutung am nächsten; tugendhafte Handlungen zeigen ein Wesen in seiner optimalen Verfassung . Wir können aber auch einfach sagen, Tugenden sind wichtige und dauerhafte Eigenschaften eines Menschen, die den Kern seines Charakters bilden und sich in seinen Handlungen ausdrücken . Es gibt verschiedene Gruppen von Tugenden . Schon Aristoteles kennt neben den ethischen auch die dianoetischen, also die kognitiven Tugenden, zu denen Klugheit und Weisheit gehören . Ergänzen müsste man noch instrumentelle Tugenden, also etwa ein Organisationstalent, darüber hinaus musisch-ästhetische und körperliche Fertigkeiten . Bei unserem Thema, den ethischen Tugenden, wäre zu unterscheiden zwischen den prä-moralischen Tugenden und den moralischen Tugenden im engeren Sinne . Besonnenheit und Tapferkeit, also zwei der vier platonischen Kardinaltugenden, sind prä-moralisch, weil man sie sowohl für edle als auch für verwerfliche Zwecke einsetzen kann . Dennoch haben solche Tugenden einen eigenen (intrinsischen) Wert; ein unparteiischer Beobachter lobt auch die Tapferkeit derjenigen, die sich für eine ungerechte Sache engagieren . Die moralische Tugend par excellence, schon bei Aristoteles, ist hingegen die Gerechtigkeit . Andere moralische Tugenden sind beispielsweise Redlichkeit, Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft . Konfuzius nennt neben Menschenliebe (ren) und Gerechtigkeit (yi) auch Höflichkeit (li) und Pietät (xiao) . Es gibt zahllose Tugendkataloge; man hat sogar schon 555 Tugenden und Laster aufgelistet (Seel 2011, S . 281-285) . Aufgabe der philosophischen Tugendethik ist es, ein kohärentes und abgestuftes System aller ethischen Tugenden zu entwickeln – und ihrer Gegenstücke, der Laster . Tugenden sind wichtige und dauerhafte Merkmale eines Menschen, die den Kern seines Charakters bilden und sich in seinen Handlungen ausdrücken. ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 151 20.02.2017 10:05:15 152 Christian Thies Vorzüge und Nachteile einer Tugendethik Was ist das Besondere der Tugendethik? Im Unterschied zu den anderen moralphilosophischen Positionen stehen nicht Normen und Prinzipien im Vordergrund, sondern menschliche Charaktereigenschaften . Auf die Grundfrage der Ethik, „Was soll ich tun?“, antworten nämlich die Tugendethiker: „Handle so wie ein (möglichst) vollkommener Mensch und orientiere Dich an seinen (moralischen) Tugenden!“ Das hat den großen Vorzug, die Abstraktionen der modernen Moralphilosophie nicht mitzumachen; diese Konkretheit ist aber zugleich der Nachteil der Tugendethik . Erstens liefern die klassischen Tugendethiken, wie schon angedeutet, überschaubare Kataloge derjenigen moralischen Haltungen, die ein vorbildlicher Mensch besitzen sollte (vgl . Bollnow 1975) . Platon kannte vier Kardinaltugenden: Besonnenheit, Tapferkeit, Weisheit und Gerechtigkeit . Aristoteles erweiterte diese Liste, hat aber vor allem der vorsokratischen Maxime „Alles in Maßen“ eine großartige Wendung gegeben: Jede ethische Tugend ist die rechte Mitte (mesotes) zwischen zwei Lastern, liegt also gleichsam auf einer Skala zwischen zwei negativen Polen . Beispielsweise ist die Freigiebigkeit die rechte Mitte zwischen Verschwendung und Geiz . Dadurch besteht aber die Gefahr, dass man aus mangelnder Begabung, Unerfahrenheit oder falscher Situationseinschätzung diese rechte Mitte verfehlt; tugendhaftes Handeln gleicht oft einem Balanceakt . Fast jede Tugend kann zum Laster werden, einige sogar zur Sucht, etwa der prinzipiell lobenswerte Fleiß zur Arbeitsbesessenheit . Andere Tugenden, beispielsweise der Humor, sind in vielen Situationen deplatziert . Zweitens kennt die Tugendethik im Unterschied zur Kantischen Ethik und zum Utilitarismus kein Motivationsproblem, also keine Kluft zwischen moralischer Einsicht und praktischer Umsetzung . Der tugendhafte Mensch handelt gleichsam automatisch richtig, trotzdem freiwillig und bewusst, denn die Tugenden sind zu seiner zweiten Natur geworden . Wer wirklich tapfer ist, muss zum tapferen Handeln nicht erst extrinsisch motiviert oder gar genötigt werden . Es existiert kein Gegensatz von Pflicht und Neigung, von Intellekt und Emotion . Das moralische Handeln wird sogar von positiven Gefühlen, ja von Lust begleitet . Zusätzlich erforderlich ist allerdings die kognitive Tugend der praktischen Klugheit (phronesis), also Jede ethische Tugend ist die rechte Mitte zwischen zwei Lastern, sie liegt also gleichsam auf einer Skala zwischen zwei negativen Polen. ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 152 20.02.2017 10:05:15 153 Grundbegriffe: Tugend einer in einem langen Sozialisationsprozess erworbenen Urteilskraft . Damit wird insgesamt ziemlich viel verlangt . Deshalb bezeichnet man die Tugendethik auch als Perfektionismus . Denn sie fordert nichts anderes als die Vervollkommnung jedes Menschen, zumindest die Orientierung an großen moralischen Vorbildern . Das ist ehrenwert, tendiert aber, da sich die Ethik nicht mehr, wie bei Aristoteles und Konfuzius, nur an Eliten richtet, zu einer Überforderung . Dagegen setzen Kontraktualismus, Regel-Utilitarismus und Deontologie auf legitime Normen, die uns das moralisch richtige Handeln erheblich erleichtern . Oder in Kantischen Begriffen: Legalität (Normkonformität) reicht zunächst aus, obwohl gewiss Moralität, also Handeln aus innerer Überzeugung, besser ist . Drittens leidet die Tugendethik unter einem Begründungsdefizit . Die klassischen Ansätze, auch religiöser Spielart, haben ihre metaphysischen Verankerungen verloren . An deren Stelle müssen heute normative Prinzipien wie Menschenwürde, Freiheit (Autonomie), Demokratie und Gemeinwohl treten . Insofern ist die Tugendethik nur eine Ergänzung der anderen Konzepte, nicht deren Grundlage . Das war auch die Auffassung Kants, der die Tugendethik keineswegs zerstören, sondern auf einem besseren Fundament neu errichten und systematisieren wollte . Das beachtenswerte Ergebnis seiner Bemühungen ist die „Tugendlehre“ im zweiten Teil der „Metaphysik der Sitten“ (1797) . Tugenden in der Kommunikationsund Medienethik In einem solchen Rahmen ist „Tugend“ auch für die angewandten Ethiken ein unverzichtbarer Begriff . Gerade hier ist Praxisnähe von Vorteil . Für die Kommunikations- und Medienethik erscheinen zwei Tugenden besonders bedeutsam, auf die hier abschließend hingewiesen sei . Es sind dies keine anderen als zwei der platonischen Kardinaltugenden . Die wichtigste Tugend gegenüber sich selbst ist weiterhin Besonnenheit . Sie ist nicht nur für jede verantwortungsvolle journalistische Praxis bedeutsam, sondern auch der Kern einer Mediennutzungsmoral (vgl . Funiok 2011, S . 155-174; Thies 2011) . Askese, also der vollständige Verzicht, ist selten geboten, aber sehr wohl die Mäßigung der Bedürfnisse, die sich heute so leicht in digitalen Welten befriedigen lassen . Für den gesamten Bereich der computervermittelten Kommunikation ist Selbst- Für die Kommunikations- und Medienethik erscheinen zwei Tugenden besonders bedeutsam: Besonnenheit und Tapferkeit. ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 153 20.02.2017 10:05:15 154 disziplin erforderlich, vor allem der kontrollierte Umgang mit privaten Daten . Nicht zu viel und nicht zu wenig zu kommunizieren, das rechte Maß zu finden – diese Tugend ist heute unerlässlicher denn je . Die andere Tugend ist Tapferkeit . Gelobt werden überall auf der Welt diejenigen, die sich mutig den Feinden des eigenen Kollektivs entgegenstellen; in gewaltloser Form ist dies auch in kommunikativen Zusammenhängen und in medialer Form immer wieder angebracht . Mindestens genauso wichtig ist in modernen Gesellschaften aber die Tapferkeit vor dem Freund – also Zivilcourage . Denn in vielen Fällen sind die Anderen (also politische Gegner, feindliche Systeme und fremde Kulturen) zu loben und eher die eigene Gruppe zu kritisieren . Zwar ist Nonkonformismus nicht an sich eine moralische Tugend, aber gewiss mutiger als Konformismus . Wenn wir an die immer neuen Medienkampagnen und digitalen Erregungswellen der letzten Jahre denken, so ist kaum etwas mehr vonnöten als das Wagnis, sich den jeweiligen Standards der politischen Korrektheit zu entziehen und mit möglichst guten Begründungen die eigenen abweichenden Auffassungen der Öffentlichkeit zu präsentieren . Literatur Birnbacher, Dieter (2003): Analytische Einführung in die Ethik. Berlin/New York. Bollnow, Otto Friedrich (1975): Wesen und Wandel der Tugenden (zuerst 1958). Frankfurt am Main u.a. Funiok, Rüdiger (2011): Medienethik. Verantwortung in der Mediengesellschaft. Stuttgart. Halbig, Christoph (2013): Der Begriff der Tugend und die Grenzen der Tugendethik. Berlin. Pauer-Studer, Herlinde (2015): Tugendethik. In: Nida-Rümelin, Julian/Spiegel, Irina/Tiedemann, Markus (Hg.): Handbuch Philosophie und Ethik, Bd. II: Disziplinen und Themen. Paderborn, S. 79-84. Rippe, Klaus Peter/Schaber, Peter (Hg.) (1998): Tugendethik. Stuttgart. Seel, Martin (2011): 111 Tugenden, 111 Laster. Eine philosophische Revue. Frankfurt am Main. Thies, Christian (2011): Medienethik. In: Stoecker, Ralf/Neuhäuser, Christian/ Raters, Marie-Luise (Hg.): Handbuch Angewandte Ethik. Stuttgart/Weimar, S. 206-209. Christian Thies ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 154 20.02.2017 10:05:15 155 Herausgeber und Redaktion von Communicatio Socialis Ein Herausgeber blickt auf 45 Jahrgänge zurück .* Von Michael Schmolke Mit der Vollendung des 45 . Jahrgangs unserer Zeitschrift scheide ich aus dem Herausgeberteam von Communi-catio Socialis aus . Ich war bei den Gründungsvorarbeiten 1967 und beim ersten Heft (Januar-März 1968) dabei – und bin es seither immer geblieben, nachdem der Erfinder der Idee, P . Dr . Franz Josef Eilers SVD, Karl Höller (damals Redakteur bei „Kirche und Leben“, Bistumsblatt Münster) und mich (damals Wissenschaftlicher Assistent am Institut für Publizistik der Universität Münster) zur Gründung und weiteren Zusammenarbeit eingeladen hatte . Heute stehe ich vor 1,32 Metern Communicatio Socialis in einem meiner original Billy-Regale und betrachte mit Respekt all die Ausgaben, die da zusammen gekommen sind . Ihr Entstehen war insofern Verdienst der Herausgeber, als sie für Kontinuität und Unermüdlichkeit gesorgt – und gelegentlich, gar nicht so selten, eigene Beiträge geliefert haben . Niemals entstanden wären die 45 Jahrgänge ohne die zahlreichen Helfer, die, meistens ehrenamtlich, für die Beschaffung und Einrichtung der Manuskripte bis zur Druckfreigabe und schließlich, je länger je mehr, zur Erstellung der fertigen Druckvorlagen gesorgt haben und sorgen . Allein im redaktionellen Bereich waren es 17, davon acht Redakteurinnen und Redakteure im engeren Sinne . Ihnen allen möchte ich bei meinem Abschied danken, denn ohne sie wäre den drei Gründungsherausgebern, nachdem sie die Zeitschrift in den ersten drei Jahren auch als Redakteure allein besorgt hatten, bald die Luft ausgegangen . Prof. em. Dr. Michael Schmolke war von 1973 bis 2002 ordentlicher Universitätsprofessor für Publizistik- und Kommunikationstheorie an der Universität Salzburg und von 1968 bis 2012 Mitherausgeber der Zeitschrift Communicatio Socialis . ABSPANN * Dieser Beitrag erschien in Heft 4/2012 unter dem Titel „Abschied und Dank“. Wir drucken ihn hier noch einmal ab, ergänzt um einen Absatz über die jüngsten personellen Veränderungen bei Communicatio Socialis. ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 155 20.02.2017 10:05:15 156 Communicatio Socialis wurde, soweit es um Inhalte und formale Gestaltungsvorgaben geht, von drei Instanzen geprägt: dem Herausgeber-Team, der Redaktion und (von 1989 bis 2002) einem Redaktionsbeirat . (Für die Herstellung im technischen Sinne, den Vertrieb und die Werbung waren wechselnde Verlage zuständig . 1968 bis 1970 der Verlag Lechte in Emsdetten, 1971 bis 1993 Schöningh in Paderborn, 1994 bis 2005 der Matthias- Grünewald-Verlag Mainz und schließlich seit 2006 der Matthias-Grünewald-Verlag im Schwaben-Verlag Ostfildern .) Die Funktionen der drei inhaltsprägenden Instanzen waren mehr oder weniger deutlich differenziert, in der Aufgabenerfüllung jedoch zeitweise deckungsgleich, später teilweise überlappend . Das Herausgeber-Team umfasste seit Bestehen jeweils drei oder vier Personen . In seiner ersten Gestalt (Eilers/Höller/ Schmolke, 1968–1988; 1971 bis zu dessen Tod 1983 erweitert um den niederländischen Verleger Kees Verhaak aus Nijmegen) bestand in ihm eine Art Hierarchie, die zwar niemals formalisiert wurde, jedoch durch die funktionale Autorität des Vaters der Idee, FJE, gegeben war . Ebenso formlos, bedingt durch die Notwendigkeiten (Eilers in Rom, Eilers in Genf etc .), entwickelte sich später die Rolle des geschäftsführenden Herausgebers . Karl Höller übernahm sie . Nach der Societas Verbi Divini (Steyler Missionare) konnte 1972 das Internationale Missionswerk Missio als Sponsor gewonnen werden . Mission und interkulturelle Kommunikation waren die ideelle Verbindung . Ab 1989 kann man vom Herausgeberteam in seiner zweiten Gestalt sprechen . Von dieser Zeit an konnte Communicatio Socialis für die finanzielle Absicherung die vermittelnde Unterstützung der Medien Dienstleistungs GmbH in Anspruch nehmen, die – als Auswirkung der Würzburger Synode – 1975 von der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) gegründet worden war . Seither ergänzt eine Vertrauens person der Zentralstelle Medien der DBK das Herausgeberteam: von 1989 bis 1993 Peter Düsterfeld, 1993 bis 2002 Reinhold Jacobi, 2003 und 2004 Matthias Kopp und 2005 bis 2012 Ute Stenert – die beiden letzten schon für die neue DBK-Struktur „Bereich Kirche und Gesellschaft“ . Strukturveränderung in der Herausgeberschaft Inzwischen hatte jedoch – mit der neuen Förderung – die größte Strukturänderung in der Herausgeberschaft stattgefunden . Franz Josef Eilers wurde 1988 auf Dauer von seinem Orden als Professor an das Divine Word Seminary in Tagaytay auf den Philippinen entsandt und übernahm zugleich in Manila die Michael Schmolke ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 156 20.02.2017 10:05:15 157 Leitung des Office of Social Communication der Asiatischen Bischofskonferenz . Karl Höller wurde Verleger in Aachen . Internationale Tätigkeit und wachsende berufliche Beanspruchung ließen 2002 beiden ein Aussscheiden aus dem Herausgebergremium ratsam erscheinen . Die nun folgende Ergänzung zum Triumvirat hing, was die Personen angeht, mit einer Veränderung der Grundstrukturen der Zeitschrift zusammen: Die Societas Verbi Divini, Eigentümerin der Titelrechte der Gründung ihres Mitglieds Eilers, verlieh 2003 diese Rechte an die Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt, und deren Präsident benannte den Eichstätter Professor Dr . Walter Hömberg, Inhaber des Lehrstuhls Journalistik I, zum Herausgeber seines Vertrauens . Matthias Kopp vom Bereich Kirche und Gesellschaft, der seit 1998 in der Communicatio Socialis-Redaktion mitgearbeitet hatte, wurde mit Heft 2/2003 Mitherausgeber . Schmolke blieb als Traditionsträger, und in dieser Zusammensetzung (Hömberg/Kopp/Schmolke) arbeitete das Herausgeberteam weiter, geschäftsführend geleitet von Hömberg . An die Stelle von Kopp trat Anfang 2005 Ute Stenert . Walter Hömberg legte mit Ende Communicatio Socialis wandelt sich: erste Ausgabe 1968 (links), neue Optik ab 1989 (rechts). Herausgeber und Redaktion von Communicatio Socialis ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 157 20.02.2017 10:05:16 158 2010 seine Herausgeber-Funktion nieder . Seinen Platz nimmt seither der Eichstätter Journalistik-Professor Klaus-Dieter Altmeppen ein, auch als geschäftsführender Herausgeber . Alexander Filipović ist 2012 Mitherausgeber geworden, gewissermaßen im Vorgriff auf meinen Rücktritt . Als Mitarbeiter des Instituts für Christliche Sozialwissenschaften an der Universität Münster hält er, wie der gebürtige Münsteraner Altmeppen, die Erinnerungen an den Gründungsort der Zeitschrift aufrecht . Die Rolle der Herausgeber Obwohl mein Abschiedsgruß weder eine Sammelbiografie der dramatis personae noch der Anfang einer Geschichte dieser Zeitschrift sein soll, habe ich bei den Herausgebern auch ein wenig den Hintergrund ihrer Rekrutierung und ihrer Berufe eingebracht . Das wird im Folgenden bei den Redaktionsmitarbeitern nicht so sein; die Darstellung soll, allein wegen der beachtlichen Zahl der Personen, auf die wichtigsten Daten beschränkt bleiben, also ins Chronistische übergehen . Der Grund liegt im einsichtigen Unterschied: Ohne Redakteure hätte die Zeitschrift nicht so werden und sein können, wie sie realiter geworden ist . Ohne Herausgeber aber hätte sie überhaupt nicht sein können . Über den Herausgeber als publizistische Rolle ist noch nicht allzu viel geforscht worden, und hier und jetzt verweigere ich mich der Versuchung, gründlich zu klären, was das nun eigentlich ist: der Herausgeber eines Periodikums . Zwar gibt es im alten „Handbuch der Zeitungswissenschaft“ (in der 6 . Lieferung, 1942) ein eigenes Stichwort „Herausgeber“, im „dtv-Wörterbuch“ zur Publizistik jedoch nicht, auch keine Register-Erwähnungen, im „Fischer Lexikon Publizistik Massenkommunikation“ (Auflagen 1989 bzw . 1984) auch nicht . Das „Fischer Lexikon“ von 1971 sagt im Artikel „Journalist“, dass der „Chefredakteur für die Haltung der Zeitung oder Zeitschrift verantwortlich“ sei, „sofern der Herausgeber diese festgelegt hat“ . Das erklärt für unseren Zweck schon viel . Jörg Requate, in seinem „Journalismus als Beruf“ (1995), hilft weiter, indem er an die Entwicklungen im 19 . Jahrhundert und, an Dieter Baumert anknüpfend, die Unterscheidung zwischen „Herausgeber- und Verlegerzeitungen“ vorschlägt . So gesehen war Communicatio Socialis stets ein Herausgeber-, aber oft auch ein Redakteursblatt, besonders in jenen Zeiten, als die Herausgeber in Personalunion Redaktionsmitglieder waren: 1968-1988 Eilers/ Höller/Schmolke und 2008-2010 Hömberg . Michael Schmolke ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 158 20.02.2017 10:05:16 159 Damit kehren wir aus dem Exkurs in den Abschnitt „Herausgeber-Team“ zurück . Je mehr sich aufgrund der umfangreicher werdenden Aufgabenstellung eine funktionale Selbstständigkeit des Redakteurs (bzw . der Redaktion) herausschälte, desto deutlicher wird auf die Existenz von Richtlinien und auf Richtlinienkompetenz der Herausgeber hingewiesen, so z . B . im Verlagsvertrag mit Grünewald vom 27 .2 ./11 .3 .2003 und in der Herausgebervereinbarung mit der Universität Eichstätt vom 6 .2 ./25 .2 .2003 . Nicht alle Richtlinien sind verschriftlicht . Die (bisher!) für den Inhalt geltende Kernrichtlinie (Orientierung an „Communio et Progressio“) findet sich im Anhang der Herausgebervereinbarung . Einiges zu den formalen Abläufen steht in der Protokollnotiz zu Paragraph 6 des Verlagsvertrags, in welcher die Zusammenarbeit zwischen Herausgebern und Redaktion geregelt ist . Aus Ziffer 4 kann man, ohne groß interpretieren zu müssen, herauslesen, dass das Herausgeber- Team im Hinblick auf den Umgang mit Inhalten ein Kollegialorgan ist, das z . B . bei der Begutachtung „umfangreicher bzw . erkennbar kontroverser Texte“ mit Mehrheit entscheiden darf und notfalls muss . Die Titelseiten von Communicatio Socialis ab 1997 (links) sowie seit 2004 (rechts). Herausgeber und Redaktion von Communicatio Socialis ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 159 20.02.2017 10:05:17 160 Die Mitarbeiter im redaktionellen Bereich (kurz Redaktion) lassen sich gliedern in „Personal-Unionisten“, Redakteure im engeren Sinne, redaktionelle Zuarbeiter in einem locker geregelten Verhältnis zur Redaktion und schließlich Redaktionsteams . Die Personalunionen sind im Herausgeber-Abschnitt bereits genannt worden . Als erster Redakteur stieß Anfang 1971, also zum 4 . Jahrgang, Josef Hosse zur Zeitschrift . 1914 in Dortmund geboren arbeitete er beim Verlag Schöningh und zuletzt beim „Ruhrwort“ . Am 30 . November 1982 starb er, nachdem er Heft 4/1982 am 12 . Oktober noch fertig umbrochen hatte . Die redaktionelle Verantwortung fiel danach wieder (bis 1988) an die drei Erstherausgeber zurück, ungeachtet der Tatsache, dass sich seit 1968 nach und nach redaktionelle Helfer eingestellt hatten, die aus Liebe zur Sache mitarbeiteten: 1968–1987 Elmar Bordfeld, die ersten Jahre als römischer Korrespondent (heute noch freier Journalist und KNA-Mitarbeiter), 1969–1982 Michael Bornefeld-Ettmann (gestorben 1989, zuletzt Dezernent für Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Münster), 1976–1987 Giso Deussen (heute als Professor der Fachhochschule Bonn-Rhein- Sieg im Ruhestand), 1985–1987 Manfred Becker-Huberti (seit 2007 Honorarprofessor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar) . Für 1983 bis 1986 kamen Jutta Bergmoser (heute Lektorin im Verlag Bergmoser und Höller, Aachen) und für 1986/87 Bernhard Meuser (heute St . Ulrich-Verlag, Augsburg) hinzu . Nach dem unfreiwilligen Sabbatjahr 1988, in dem nur das Registerheft für 1978-1987 erschien, übernahm die Salzburger Assistentin Gertraud Lankes die Redaktion, wurde aber schon 1990 von den Einspringern Rolf Pitsch und Hermann-Josef Große Kracht abgelöst, die der Redaktion auch erhalten blieben, als 1991 Helmuth Rolfes, Professor für systematische Theologie an der Universität Kassel, die Leitung der Redaktion übernahm . Er, der inzwischen emeritiert ist, war ein wesentlicher Mitgestalter der Zeitschrift und blieb bis 2002, während Pitsch (heute beim Bonifatius-Verlag, Paderborn) und Große Kracht (heute Akademischer Rat an der TU Darmstadt) sich 1996 bzw . 1999 anderen Aufgaben zuwandten . In der Rolfes-Zeit ergänzten Susanne Kampmann/Haferkamp (1997–2001; heute Wissenschaftliche Mitarbeiterin für Öffentlichkeitsarbeit an der Theologischen Fakultät der Universität Münster), Matthias Kopp (1998–2002; heute Pressesprecher der Deutschen Bischofskonferenz) sowie Ludger Verst (2002) die Redaktion . Michael Schmolke ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 160 20.02.2017 10:05:17 161 Ein Sonderfall ist Ferdinand Oertel1, der ebenfalls 1991 fester Mitarbeiter der Rolfes-Redaktion wurde und der Zeitschrift bis zum Ende des Jahres 2012 erhalten blieb, zeitweilig als einspringender Allein-Redakteur (2003–2005) . Er leitete die Redaktion, seit 2006 unterstützt von Renate Hackel-de Latour (Universität Eichstätt), bis 2007 und blieb der Redaktion auch für besondere Aufgaben verbunden, als Herausgeber Walter Hömberg für die Zeit von 2008 bis 2010 die Position des Chefredakteurs übernahm . Ebenfalls 2008 kam Christian Klenk (Universität Eichstätt) hinzu, und seit 2011 verstärkt die Eichstätter Absolventin Annika Franzetti das Team . Von 1989 bis 2002 gab es außerdem einen Redaktionsbeirat . Er bestand aus den Professoren Louis Bosshart (Universität Freiburg/Schweiz), Giso Deussen (Fachhochule Bonn-Rhein- Sieg), Joan Hemels (Universiteit van Amsterdam), Walter Höm- 1 Oertels Rolle in der katholischen Publizistik im Nachkriegsdeutschland lässt sich nicht in einer Klammer-Notiz unterbringen. Man lese seine Erinnerungen: Der Kirchenzeitungsmann. Berlin 22012. Layout und Cover von Communicatio Socialis haben mit dem Doppelheft 3-4/2013 ein neues Aussehen erhalten (links). Die letzte Ausgabe 4/2016, die im Grünewald Verlag erschienen ist (rechts). Herausgeber und Redaktion von Communicatio Socialis ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 161 20.02.2017 10:05:17 162 berg (Katholische Universität Eichstätt), Michael Krzeminski (Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg) und Rolf Zerfaß (Universität Würzburg) . Man traf sich ein oder zwei Mal pro Jahr und verstärkte teils die herausgeberische, teils die redaktionelle Arbeit . So ist dann auch aus diesem Kreis der Herausgeber der Jahre 2003 bis 2010, Walter Hömberg, hervorgegangen . Wenn ich die Herausgeber ausnehme, waren es, wenn ich niemanden übersehen habe, 17 Personen, die im Lauf der 45 Jahre in verschieden enger Bindung verschieden lange und verschieden intensiv die redaktionellen Arbeiten für Communicatio Socialis geleistet oder zu ihnen beigetragen haben, gemeinsam mit den Herausgebern, die immer wieder als Redakteure fungierten . Ohne diese 17 hätten die Herausgeber, von den ersten drei Jahrgängen abgesehen, die Zeitschrift nicht machen können . Mit allen 17 habe ich in den verschiedenen Abschnitten der 45 Jahre zusammengearbeitet . Ich danke ihnen und sage Adieu, was mein Duden (Ausgabe 1930) mit Gott befohlen übersetzt . Michael Schmolke ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 162 20.02.2017 10:05:17 163 Postskriptum der Redaktion: Personelle Veränderungen seit 2013 Mit Heft 4/2012 verabschiedete sich Ute Stenert aus dem Herausgeberteam . Ihr Nachfolger war von 2013 bis 2016 Andreas Büsch, Professor für Medienpädagogik und Kommunikationswissenschaft an der Katholische Hochschule Mainz und Leiter der Clearingstelle Medienkompetenz der Deutschen Bischofskonferenz . Er schied zum Jahreswechsel 2016/17 mit dem Wechsel von Communicatio Socialis vom Grünewald Verlag an den Nomos Verlag aus dem Kreis der Herausgeber aus . Auch in der Redaktion gab es personelle Veränderungen: Seit Heft 3-4/2013 ist die Eichstätter Journalistikabsolventin Petra Hemmelmann mit im Team . Susanne Wegner vom Eichstätter Journalistikstudiengang kümmert sich seit Heft 1/2016 vor allem um das Layout . Neuzugang ab Heft 1/2017 ist Susanna Wolf, Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Christliche Publizisitik an der Universität Erlangen-Nürnberg . Zugleich scheidet Christian Klenk mit Erscheinen von Heft 1/2017 als regelmäßiger Mitarbeiter aus der Redaktion aus . Mit der medienethischen Neuausrichtung2 ab dem Doppelheft 3-4/2013 bot die Zeitschrift mit dem neuen Untertitel „Zeitschrift für Medienethik und Kommunikation in Kirche und Gesellschaft“ ihre Inhalte auch online an . Die aktuellen Ausgaben werden vor dem Erscheinen der Printausgabe ver- öffentlicht . Für das E-Journal war von Heft 3-4/2013 bis Heft 3/2015 Christoph Sachs, Pressereferent der Hochschule für Philosophie, zuständig . Danach bis Heft 4/2016 Hannah Widera, Absolventin der Hochschule für Philosophie . Nach zehn Jahren im Grünewald Verlag Ostfildern erscheint Communicatio Socialis ab dem 50 . Jahrgang im Nomos Verlag, Baden-Baden . 2 Vgl. dazu: Klaus-Dieter Altmeppen/ Andreas Büsch/ Alexander Filipovic: Medienethik als Aufgabe und Verpflichtung. Zur Neuausrichtung von Communicatio Socialis. In: Communicatio Socialis, 46. Jg., H. 3-4/2013, S. 280-287. Herausgeber und Redaktion von Communicatio Socialis ComSoc_Jubiläumsschrift_Innenteil_153x227_neues GLR_PH_neueSeitenzahl.indd 163 20.02.2017 10:05:17

Abstract

This anniversary edition, commemorating 50 years of the periodical “Communicatio Socialis”, includes a retrospective introduction and presents five articles derived from half a century of “Communicatio Socialis” which represent both its continuity as well as its changes. The topics address both general and specific questions concerning the media, such as journalistic professional ethics and scripted reality, as well as challenges related to the church and society, such as problems and opportunities regarding rapprochement between religions. Furthermore, this volume offers compact contributions on the basic concepts of media ethics, which provide helpful orientation for work in the field of media ethics.

With contributions by:

Klaus-Dieter Altmeppen, Thomas A. Bauer, Bernhard Debatin, Alexander Filipovic, Rüdiger Funiok, Claudia Nothelle, Helmuth Rolfes, Ulrich Saxer, Michael Schmolke, Christian Thies, Jürgen Wilke.

Zusammenfassung

Der Jubiläumsband zum 50. Jahrgang der Zeitschrift „Communicatio Socialis“ präsentiert mit einer bilanzierenden Einleitung fünf Beiträge aus einem halben Jahrhundert „Communicatio Socialis“, die für die Kontinuitäten und Veränderungen der Zeitschrift stehen. Themen sind allgemeine und konkrete ethische Fragen des Medienbereichs, wie etwa Journalistische Berufsethik und Scripted Reality, sowie Herausforderungen im Bereich Kirche und Gesellschaft, wie etwa Probleme und Chancen in der Verständigung zwischen den Religionen. Weiterhin bietet der Band kompakte Beiträge zu sechs Grundbegriffen der Medienethik, die für die Arbeit im Feld der Medienethik eine hilfreiche Orientierung darstellen.

Mit Beiträgen von

Klaus-Dieter Altmeppen, Thomas A. Bauer, Bernhard Debatin, Alexander Filipovic, Rüdiger Funiok, Claudia Nothelle, Helmuth Rolfes, Ulrich Saxer, Michael Schmolke, Christian Thies, Jürgen Wilke.

References

Abstract

This anniversary edition, commemorating 50 years of the periodical “Communicatio Socialis”, includes a retrospective introduction and presents five articles derived from half a century of “Communicatio Socialis” which represent both its continuity as well as its changes. The topics address both general and specific questions concerning the media, such as journalistic professional ethics and scripted reality, as well as challenges related to the church and society, such as problems and opportunities regarding rapprochement between religions. Furthermore, this volume offers compact contributions on the basic concepts of media ethics, which provide helpful orientation for work in the field of media ethics.

With contributions by:

Klaus-Dieter Altmeppen, Thomas A. Bauer, Bernhard Debatin, Alexander Filipovic, Rüdiger Funiok, Claudia Nothelle, Helmuth Rolfes, Ulrich Saxer, Michael Schmolke, Christian Thies, Jürgen Wilke.

Zusammenfassung

Der Jubiläumsband zum 50. Jahrgang der Zeitschrift „Communicatio Socialis“ präsentiert mit einer bilanzierenden Einleitung fünf Beiträge aus einem halben Jahrhundert „Communicatio Socialis“, die für die Kontinuitäten und Veränderungen der Zeitschrift stehen. Themen sind allgemeine und konkrete ethische Fragen des Medienbereichs, wie etwa Journalistische Berufsethik und Scripted Reality, sowie Herausforderungen im Bereich Kirche und Gesellschaft, wie etwa Probleme und Chancen in der Verständigung zwischen den Religionen. Weiterhin bietet der Band kompakte Beiträge zu sechs Grundbegriffen der Medienethik, die für die Arbeit im Feld der Medienethik eine hilfreiche Orientierung darstellen.

Mit Beiträgen von

Klaus-Dieter Altmeppen, Thomas A. Bauer, Bernhard Debatin, Alexander Filipovic, Rüdiger Funiok, Claudia Nothelle, Helmuth Rolfes, Ulrich Saxer, Michael Schmolke, Christian Thies, Jürgen Wilke.