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Jörn Knobloch

Normativität und Know-how Politischer Ordnung

1. Edition 2016, ISBN print: 978-3-95832-090-1, ISBN online: 978-3-8452-8098-1, https://doi.org/10.5771/9783845280981

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VELBRÜCK WISSENSCHAFT www.velbrueck-wissenschaft.de ISBN 978-3-95832-090-1 V EL BR Ü CK W IS SE N SC H A FT Kn ob lo ch • N or m at iv itä t u nd K no w -h ow P ol iti sc he r O rd nu ngOrdnungstheoretisch existiert das Politische simultan als Status, Modus und Prozess, woraus sich keine Privilegierung formaler Regeln ableiten lässt. Erst durch die weitere Verknüpfung des politischen Ordnungskonzepts mit der sozialtheoretischen Praxeologie lässt sich das Informale als implizites praktisches Wissen zum Untersuchungsgegenstand erheben. Ausgehend von einer kritischen Reflexion der politikwissenschaftlichen Analyse informaler Strukturen werden in diesem Buch die wissenschaftlichen Fixierungsstrategien nicht-fixierter Strukturen und deren Grenzen aufgedeckt. Alternativ dazu wird ein politischer Strukturbegriff der Ordnung entwickelt. Die illustrative Analyse des praktischen Wissens auf der gesellschaftlichen Ebene enthüllt zwei unterschiedliche Modi Politischer Ordnung, die sich in differenzierten Symbolen und dem damit kollektiv verfügbaren praktischen Wissen reproduzieren. Im Informalen sind fundamentale Ordnungsprinzipien einer Gesellschaft enthalten, die grundlegende Aussagen über deren Kultur erlauben, mithilfe derer sich auch transkulturelle Aspekte der Ordnung durch eine praxeologische Theorie des Politischen beschreiben lassen. Jörn Knobloch, Dr. rer. pol., ist Privatdozent und akademischer Mitarbeiter an der Universität Potsdam. Zu seinen Forschungsgebieten zählen u. a. die Transkulturelle Politische Theorie und die Bedingungen einer globalen politischen Ordnung. Jörn Knobloch Normativität und Know-how Politischer Ordnung Jörn Knobloch Normativität und Know-how Politischer Ordnung Jörn Knobloch Normativität und Know-how Politischer Ordnung VELBRÜCK WISSENSCHAFT Erste Auflage 2016 © Velbrück Wissenschaft, Weilerswist 2016 www.velbrueck-wissenschaft.de Printed in Germany ISBN 978-3-95832-090-1 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. Inhaltsverzeichnis Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 Teil I Das schwierige Fixieren des Nichtfixierten . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 1. Politik jenseits formaler Strukturen – vier Beispiele . . . . . . . . 13 1.1 Informale Institutionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14 1.2 Informale Verfassungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19 1.3 Ungeschriebene Verfassungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24 1.4 Zivilreligion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26 2. Probleme der Reliabilität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30 2.1 Strategien der Fixierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30 2.2 Der Schleier der Rationalität. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35 2.3 Das Dilemma mit dem Vermittlungsdilemma . . . . . . . . . 38 3. Neuorientierung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42 3.1 Die Rationalität der Formalisierung . . . . . . . . . . . . . . . . 43 3.2 Der politische Strukturbegriff . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45 3.3 Die politische Aufklärung des Nichtfixierten. . . . . . . . . . 49 Teil II Rationale Strukturen des Politischen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53 1. Das Politische . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53 1.1 Politische Differenz und die Differenzierung der Rationalität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56 1.2 Normativität und Rationalität des Politischen . . . . . . . . 65 1.3 Das einheitliche und das eigensinnige Politische . . . . . . . 70 1.4 Ordnung als Eigensinn des Politischen . . . . . . . . . . . . . . 74 1.5 Die Ordnung der Ordnungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78 1.6 Politische Ordnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 INhALT 6 2. Strukturen des Politischen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87 2.1 Ordnung und Struktur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88 2.2 Differenzierung von Strukturen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91 2.3 Ordnung der Struktur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93 2.4 Präzisierung I: Politische Strukturen als Normen und Konventionen . . . 97 2.5 Präzisierung II: Politische Strukturen als Institutionen und politische Gesellschaften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104 3. Die Normativität politischer Strukturen. . . . . . . . . . . . . . . . . 108 3.1 Welche Normativität des Politischen? . . . . . . . . . . . . . . . 108 3.2 Konstruktivistische Normativität . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113 3.3 Die Normativität des Politischen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115 3.4 Die Rationalität politischer Strukturen . . . . . . . . . . . . . . 121 Teil III Die praktische Expression des Politischen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125 1. Die soziale Wirklichkeit Politischer Ordnung. . . . . . . . . . . . . 125 1.1 Ordnung in der Sozialtheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127 1.2 Drei Facetten sozialer Strukturen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129 1.3 Die operative Logik sozialer Strukturen . . . . . . . . . . . . . 132 1.4 Die soziale Produktion Politischer Ordnung . . . . . . . . . . 138 1.5 Welche Sozialtheorie bekommt dem Politischen? . . . . . . 141 2. Praxeologie und praktisches Wissen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144 2.1 Praxeologie als Theorie sozialer Praktiken . . . . . . . . . . . 144 2.2 Soziale Praktiken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 152 2.3 Wissensdimension. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155 2.4 Praktisches Wissen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159 2.5 Die praktische Ordnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 164 INhALT 7 3. Das ›Know-how‹ des Politischen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166 3.1 Strukturelle und definitorische Anpassungen. . . . . . . . . . 166 3.2 Praxeologie und die modale Form der Ordnung . . . . . . 171 3.3 Praktisches Wissen, ›Know-how‹ und politische Strukturen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173 3.4 Wichtiges oder richtiges ›Know-how‹? . . . . . . . . . . . . . . 176 3.5 Normativität und implizite Regeln . . . . . . . . . . . . . . . . . 180 3.6 Praktiken und die Integration von Gesellschaften . . . . . . 185 Teil IV Das ›Know-how‹ Politischer Ordnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189 1. Die Mètis als ›Know-how‹ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189 1.1 Eine neue Perspektive auf nicht-fixierte Strukturen . . . . . 191 1.2 Assemblage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194 1.3 Praktisches Wissen und Mètis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199 1.4 Ein systematisches Konzept von Mètis . . . . . . . . . . . . . . 203 1.5 Die Mètis als Modus Politischer Ordnung . . . . . . . . . . . 209 1.6 Eine Ordnung der Mètis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215 2. Die Organisation des ›Know-how‹ Politischer Ordnung . . . . 218 2.1 Die politische Assemblage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 219 2.2 Die Symbolisierung politischer Repräsentation . . . . . . . . 222 2.3 Verfassung als Symbol politischer Repräsentation. . . . . . 225 2.4 Differenzierte Stellung von Verfassungen in politischen Koexistenzen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229 2.5 Symbolik impliziter Regeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233 2.6 Symbole der Mètis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 249 3. ›Know-how‹ und die modale Form der Ordnung . . . . . . . . . 264 3.1 Dreidimensionales Spannungsfeld der Ordnungsmodi . . 265 3.2 Zwei Modi Politischer Ordnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267 3.3 Normativität und ›Know-how‹ Politischer Ordnung . . . . 271 INhALT 8 Teil V Elemente einer praxeologischen Theorie des Politischen . . . . . . . 279 1. Die Perspektive der praxeologischen Theorie des Politischen . 280 2. Nicht-fixierte Strukturen als Teil des Politischen . . . . . . . . . . 285 3. Transkultureller Vergleich und Genese Politischer Ordnung . 290 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 293 9 Einleitung In der vorliegenden Untersuchung wird das klassische Thema der Informalität sozialer Strukturen aus der Perspektive der Politischen Theorie wieder aufgenommen. hierdurch wird das Phänomen spezifisch betrachtet. Dies spiegelt sich im Titel der Arbeit wider. Das Anliegen der Politischen Theorie ist die normative Aufklärung des Politischen. Aus diesem Blickwinkel wird ein Zusammenhang zwischen der Normativität einer Ordnung und den informalen Strukturen, die im gesellschaftlichen Rahmen als ›Know-how‹ bezeichnet werden, konstruiert. Die These der Untersuchung kann wie folgt formuliert werden: Das Informale fungiert innerhalb eines ordnungstheoretischen Fokus der Politischen Theorie konzeptuell als Ausdruck des Modus einer Ordnung, der die gleichen normativen Ansprüche wie etwa der Zustand einer Ordnung besitzt. Dementsprechend handelt es sich bei informalen Strukturen und damit auch dem ordnungsrelevanten praktischen Wissen des ›Know-how‹ um ein für die jeweilige Gesellschaft normatives Orientierungswissen. Dieses Wissen ist kontingent, was sich in unterschiedlichen Modi Politischer Ordnung empirisch nachweisen lässt. Der Ausgangspunkt dieser These liegt in der kritischen Reflexion politikwissenschaftlicher Erforschung informaler Strukturen, die größtenteils einen exklusiv empirisch-analytischen Zugang sucht. Sie schließt normative Fragestellungen weitestgehend aus und fokussiert das Phänomen zumeist auf die strukturelle Ebene der Institutionen. Dies ist nicht falsch, grenzt aber die Offenheit in der Beschäftigung mit dem Informalen a priori ein. Dadurch wird das Phänomen nicht erschöpfend untersucht. Die wesentliche Motivation der vorliegenden Arbeit besteht darin, gegebene Untersuchungen in dieser hinsicht zu ergänzen. Mit dem normativ geschulten Blick der Politischen Theorie soll das Phänomen der Informalität in seiner Relevanz für die Politische Ordnung ›entdeckt‹ werden. hierzu existieren noch keine Arbeiten, wenngleich es Ansätze gibt, die den Kontext eines radikalisierten Verständnisses des Informalen und einer ordnungstheoretischen Interpretation des Politischen in seiner fundamentalen Bedeutung bewusst machen (vgl. Kauffmann 2012). Die Untersuchung knüpft mehrere Forschungsfäden auf und führt sie für die Analyse des Informalen zusammen. Zunächst ist da die nicht abgeschlossene Suche der Politischen Theorie nach einem sinnvollen Verständnis ihres Gegenstandes, was zu einer wiederholten »Befragung des Politischen als Politisches« (Bedorf 2010, 13) führt. Mich von einer Reihe aktueller Versuche absetzend, die diese Befragung durch eine neue essenzielle Definition des Gegenstandes beantworten, möchte ich die klassische herangehensweise der Politischen Theorie als NORMATIVITäT UND KNOW-hOW POLITISchER ORDNUNG 10 Ordnungswissenschaft unterstützen (Anter 2007). Ein weiterer Faden ist das Projekt einer realistischen Politischen Theorie (Geuss 2008), die sich um die Aufklärung der sozialen Wirklichkeit bemüht, ohne das Ansinnen einer normativen Theorie aufzugeben. Dies erfordert zum einen, von universalen Annahmen zur Genese von Normen Abstand zu nehmen, und zum anderen, sich gegenüber der empirischen Vielfalt vorhandener Normen zu öffnen. Jenes verbindet sich mit einem nach wie vor aktuellen Forschungsfeld – dem der Verbindung von Politischer Theorie und Sozialtheorie (vgl. Brodocz 2007; Marchart 2013). Die immer noch kontrovers geführte Auseinandersetzung um das Verhältnis beider Theorien kann für das Projekt einer realistischen Politischen Theorie produktiv genutzt werden, denn die Suche nach Realismus sollte ihrerseits in einer empirischen Theorie der Normativität münden.1 Die konzeptuelle und methodische Basis dieser Beobachtung der sozialen Wirklichkeit liegt jedoch in der Sozialtheorie, wobei die Politische Theorie sich dieser Basis selbstbewusst bedienen muss. Selbstbewusst heißt, dass die Politische Theorie nicht schlicht ihre »gesellschaftstheoretischen hausaufgaben« (Willke 2003, 122) erledigt, um sich anschließend noch ein wenig um Moral zu kümmern. Selbstbewusst nimmt sie ihre Grundlagen ernst und versteht sich als eine realistische und normative Politische Theorie, die nicht vergessen hat, dass die Sozialtheorie erst aus der Krise des Politischen entstanden ist (Wagner 2008, 241 f.). In den Sozialtheorien konkurrieren derzeit viele Ansätze, denen die politische Aufklärung des Informalen zunächst offen gegenübersteht, um Geltung. Indes haben sich im Rahmen des »cultural turn« (Bachmann- Medick 2009) eine Vielzahl gerade für die Erfassung der impliziten Logik des Informalen besonders sensible Ansätze herauskristallisiert (vgl. Reckwitz 2006). Innerhalb dieser Ansätze bieten sich für unser Vorhaben die Praxistheorien an (Schmidt 2012), weil sie das praktische Bewusstsein in seiner Eigenart ernst nehmen (hörning 2001). Um sich gegen eine allzu unreflektierte Übernahme des neuen Vokabulars der Kultur- und Praxistheorien zu immunisieren, ist die Politische Theorie aufgefordert, ihre Reflexionsfähigkeit im Zuge der Aneignung neuer Ansätze zu bewahren. Diese produktive Kritik an den »neuen Synthesen« (Göhler et al. 2009, 398 f.) bildet den letzten hier aufzunehmenden Faden. Es sollte deutlich geworden sein, dass die Aufklärung der Informalität durch 1 Das Verhältnis von Politischer Theorie und Sozialtheorie war auch das Thema der Tagung der Theoriesektion der DVPW im herbst 2013. Dort brachte Frank Nullmeier die Idee einer empirischen Theorie der Normativität ins Spiel. Konzeptuell in die gleiche Richtung geht der Ansatz von Kleger, Politische Theorie als Verbindung von praktischer Philosophie und dem Instrumentarium der modernen Sozialwissenschaften zu verstehen (vgl. Kleger/Knobloch 2014). EINLEITUNG 11 die Politische Theorie nicht nur eine Forschungslücke füllt, sondern auch eine Reihe aktueller und umstrittener Debatten berührt. Die Untersuchung wird in vier Schritten durchgeführt. Zu Beginn setzt sie sich kritisch mit der politikwissenschaftlichen Reflexion des Informalen, die sich primär auf die empirische Beschreibung informaler Regeln konzentriert, auseinander. Nach der Systematisierung und Analyse diverser Fixierungsstrategien wird ein eigener Ansatz entwickelt, der die einseitige Privilegierung formaler Strukturen und die dafür normativ verantwortliche Differenzierung von formalen/informalen Regeln zum Ausgangspunkt nimmt. Davon ausgehend fordert der Ansatz dazu auf, die in der politikwissenschaftlichen Forschung zumeist ausgeblendete Einheit der Differenz in den Blick zu nehmen. Im zweiten Schritt wird diese Einheit der Differenz durch einen politischen Strukturbegriff gebildet. hierzu wird ein ordnungstheoretisches Verständnis des Politischen innerhalb der aktuellen Debatte zum Begriff des Politischen verortet und das Konzept der Politischen Ordnung entfaltet. Innerhalb dieser Vorstellung von Ordnung existiert das Politische simultan als Status, Modus und Prozess, woraus sich keine Privilegierung formaler Regeln ableiten lässt. Das politische Ordnungskonzept wird im nächsten Abschnitt mit der sozialtheoretischen Praxeologie verknüpft. Das Ergebnis dieser Verknüpfung ist ein neuer Zugang zum Informalen, der das implizite praktische Wissen zum eigentlichen Gegenstand erhebt. Um die Bedeutsamkeit des praktischen Wissens auch auf der Makroebene zu begründen, werden mit dem Begriff der Assemblage und der Mètis im vierten Teil zwei weitere Kategorien eingeführt, die erklären, wie ›Know-how‹ auch als kollektiv geteiltes praktisches Wissen wirksam wird. Diese Begründung wird mit illustrativen Analysen empirisch unterfüttert. Zwei unterschiedliche Formen der Mètis können wir nachweisen und anschlie- ßend zeigen, welche beiden Ordnungsmodi mit diesem Wissen vollzogen werden. Im letzten Teil fassen wir die Erkenntnisse im Kontext der Systematisierung einer praxeologischen Theorie des Politischen zusammen. 13 TEIL I Das schwierige Fixieren des Nichtfixierten Dieses einleitende Kapitel dient der differenzierten Beschreibung des Phänomens der Informalität, wie es in der Politikwissenschaft wahrgenommen wird. Die Bestandsaufnahme legt offen, dass die Perzeption des Phänomens selektiv verfährt und Informalität auf das nicht-formalisierte handeln im Kontext formalisierter Regeln eingrenzt. Durch die kritische Reflexion dieser Perspektive soll das Problem nicht-fixierter Regelsysteme neu interpretiert werden. hierzu werden wir zuerst erkunden, inwieweit nicht-fixierte Strukturen in der Forschung eine Rolle spielen. Nachdem so ein erster Überblick geschaffen worden ist, soll eine Systematisierung hinweise auf Schwachstellen und Desiderate geben. Diese Desiderate können helfen, fundamentale Probleme bei der Erforschung informaler Strukturen zu formulieren. Am Ende, im dritten Teil, wird eine Lösung der Probleme in Form eines alternativen Forschungsansatzes vorgestellt, dessen Basis die Re-Justierung der Informalität als Phänomen ist. 1. Politik jenseits formaler Strukturen – vier Beispiele In der Politikwissenschaft wird sich im respektablen Ausmaß mit dem Phänomen des Informalen auseinandergesetzt. Das Phänomen wird dabei auf die empirische Relevanz von informalen Strukturen heruntergebrochen, wobei die Qualität des Informalen primär bedeutet, dass diese Strukturen nicht schriftlich fixiert sind. Zur Vereinfachung wollen wir deshalb das ›Informale‹ phänomenologisch als die umfassende Erscheinung von schriftlich nicht-fixierten, unbewussten, nicht-formalisierten, unausgesprochenen sozialen Regeln begreifen, die auf allen Ebenen der Organisation menschlichen Zusammenlebens auftreten können. Davon differenzieren wir die informalen Strukturen, wie sie als Gegenstand der sozialwissenschaftlichen Erforschung der sozialen Wirklichkeit durch diese, allerdings nicht erschöpfend, problematisiert werden. Da die Qualität des Informalen innerhalb dieser Forschungen nicht kohärent genutzt wird, wollen wir zur weiteren Präzisierung auch von nichtfixierten Strukturen sprechen, wobei dies unterschiedliche schriftlich nicht-fixierte Regeln sind. Demzufolge beginnen wir mit der Einführung der politikwissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Informalen auf der Ebene der informalen Strukturen. Insbesondere vier Beispiele informaler DAS SchWIERIGE FIxIEREN DES NIchTFIxIERTEN 14 Strukturen sind für die Beschäftigung prägend: Erstens die informalen Institutionen, zweitens die informalen Verfassungen, drittens die ungeschriebenen Verfassungen und viertens die Zivilreligion. Am prominentesten ist die Untersuchung von informalen Institutionen. Dies sicherlich auch, weil sich der Neo-Institutionalismus in der Politikwissenschaft zu einer dominierenden Strukturperspektive entwickelt hat. Je nachdem, wie differenziert die Institutionentheorie in den Ansätzen genutzt wird, kann die Konzeptualisierung von informalen Institutionen so weit gehen, dass fast alle existenten nicht-fixierten Regelsysteme integriert werden (vgl. Lauth 2012, 51 ff.). Auch die Zivilreligion wäre dann schlicht eine informale Institution. Im Unterschied dazu operieren wir mit der analytischen Differenzierung der drei Beispiele, um im Anschluss das Vermittlungsdilemma als eine wichtige Problemannäherung des Informalen zu entwickeln. 1.1 Informale Institutionen Die wohl umfangreichste thematische Beschäftigung mit nicht-fixierten Regelungen ist im Rahmen der Erforschung informaler Institutionen gegeben. Diese Forschung entspringt einer thematischen und einer eher konzeptuellen Quelle. Die thematische Quelle gründet in der kritischen Reflexion der Ergebnisse der dritten Demokratisierungswelle. Im Kontext der Transitionsforschung hat sich eine akademische Debatte über die Reichweite der Konsolidierungsannahme entwickelt (Liebert/Lauth 1999, 13). Insbesondere O’Donnell kritisiert die dabei vorherrschende Fokussierung auf etablierte formale Regeln der Politik, die das weite Feld bestehender informaler Regelungen in den Transformationssystemen au- ßer Acht lässt. Daraus können sich übereilte Konsolidierungsannahmen demokratischer Verfahren ergeben (O’Donnell 1996, 39). hingegen entdeckt die Forschung, dass hinter der Fassade formalisierter Strukturen viele demokratisch nicht-legitimierte Prozeduren, Praktiken und Institutionen existieren, die sich in den Transformationsländern reproduzieren. Im Ausgang dieser kritischen Evaluation wurden die Abweichungen von idealen Demokratisierungspfaden zum Gegenstand der Forschung gemacht und zu Konzepten der Bestimmung formal nicht einwandfreier demokratischer Systeme verarbeitet (vgl. Knobloch 2002; Knobloch 2006). Daraus resultierende Ansätze hybrider Regime oder defekter Demokratien akzeptieren zwar die besondere Funktionalität nicht-formalisierter Regelungen der Politik, ziehen aber jeweils unterschiedliche konzeptuelle Schlüsse (vgl. Liebert/Lauth 1999, 13). Grob lässt sich dies im hinblick auf den Status informaler Strukturen danach unterscheiden, ob diesen ein positiver, funktionaler oder ein negativer, dysfunktionaler Effekt zugeschrieben wird. Insofern die politikwissenschaftliche POLITIK JENSEITS FORMALER STRUKTUREN – VIER BEISPIELE 15 Transformationsforschung eng mit der Demokratietheorie verzahnt ist, lässt sich allgemein ein hang zur negativen Beurteilung informaler Institutionen nachzeichnen, weil hierin Ursachen für die nicht-erfolgreiche Institutionalisierung und Konsolidierung demokratischer Systeme gesehen werden. Neben dieser thematischen fördert eine konzeptuelle Quelle die Auseinandersetzung mit informalen Institutionen, denn in der empirischen Politikwissenschaft avancierte die institutionalistische Perspektive zum dominierenden Paradigma. Angesichts der Attraktivität institutionalistischer Ansätze, die im Rahmen der Verschiebung von dominierenden Ansätzen in der Politikwissenschaft als ›neuer Institutionalismus‹ zusammengefasst wurden (March/Olson 1984), bilden Institutionen das bestimmende strukturelle Muster.1 Damit wird der von allen institutionalistischen Ansätzen geteilten Skepsis gegenüber atomistischen Konzeptionen Rechnung getragen. Die sozialwissenschaftliche Analyse fokussiert stattdessen die institutionelle Dimension (DiMaggio/Powell 1991). Institutionen als Set von Regeln, deren Wirkung, herkunft und Reichweite im Rahmen der unterschiedlichen Ansätze differieren, stellen das Forschungsobjekt und damit den entscheidenden strukturellen Baustein politischer Organisation dar. Erst mit dieser Wiederentdeckung institutionalisierter Strukturen, die in großem Umfang politische Interaktionen reglementieren und ermöglichen, spielen auch diejenigen Regeln wieder eine Rolle, die nicht formal institutionalisiert sind, wobei es, wie genannt, eine positive und eine negative Interpretation gibt. Unabhängig davon, zu welcher Evaluation man gelangt, ist das qualitative Moment, dass informale Institutionen nicht fixiert sind, entscheidend (Lauth 2000, 24). Demzufolge sind informale Institutionen nicht durch Dritte sanktionierbar (Stacey/Rittberger 2003, 861). Unabhängig von dem durch die verschiedenen Institutionentheorien gestifteten konzeptuellen Rahmen der informalen Institutionen lässt sich damit ein wesentliches, von allen geteiltes Merkmal nicht-fixierter Strukturen herausstellen: ihre gegenüber fixierten Regeln eingeschränkte Wirkungsreichweite in komplexen Gesellschaften. Zusammenfassend lässt sich der Problemkontext informaler Institutionen in einer ersten Annäherung anhand von zwei Dimensionen, einer strukturellen und einer evaluativen, schematisieren. Die strukturelle Dimension problematisiert, inwieweit es sich bei informalen Institutionen überhaupt um kollektive Regeln handelt, die sich gegenüber einfachen 1 Der neue Institutionalismus lässt sich in drei wesentliche Varianten differenzieren: die historische Variante, die rational-choice-Variante und die soziologische Variante (hall/Taylor 1996; vgl. DiMaggio/Powell 1991, 2). Daneben ist noch der für Deutschland wichtige akteurszentrierte Institutionalismus zu nennen (Mayntz/ Scharpf 1995). DAS SchWIERIGE FIxIEREN DES NIchTFIxIERTEN 16 Interaktionen abgrenzen. Einfache Interaktionen können auch informal sein oder lassen sich als Strategien zusammenfassen (vgl. Kirch 2008, 16 ff.). Für die Verdichtung zu Institutionen können je nach Institutionentheorie verschiedene Erklärungen gefunden werden, die wiederum unterschiedliche Definitionen von informalen Institutionen anbieten. Die evaluative Dimension behandelt das Problem informaler Institutionen hinsichtlich ihrer Wirkungsweise innerhalb sozialer Ordnungsbildung. hierfür gibt es zwei Referenzpunkte der Bewertung: einen aus der Institutionentheorie abgeleiteten immanenten und einen aus der normativen Rahmentheorie abgeleiteten externen Referenzpunkt. Da die drei dominanten Institutionentheorien sozial sind und sich als nicht-politisch verstehen, spielen in der immanenten Bewertung unpolitische Maßstäbe wie Effektivität eine Rolle. Im Gegensatz dazu werden externe Maßstäbe wie Legitimität aus normativen Rahmentheorien (z. B. der Demokratie) abgeleitet. Beide Referenzpunkte sind relevant und werden in der Forschung relativ gleichberechtigt behandelt, wobei die gegebene Forschung primär in der Komparatistik verortet ist (vgl. helmke/Levitsky 2012). Somit lässt sich ein Problemkontext schematisieren, in den die Erforschung informaler Institutionen heuristisch eingebettet ist. Der Problemkontext informaler Institutionen Strukturelle Dimension Institution Evaluative funktional dysfunktional Dimension Interaktion Im Rahmen dieser Problematisierung werden Beispiele informaler Institutionen analysiert. Die wichtigsten sind Klientelismus, Korruption, Putschandrohungen, der zivile Ungehorsam, das Gewohnheitsrecht. Dazu gehören allgemeinere wie persönliche Netzwerke, clans, Mafia, die ›civil society‹, sogar die traditionelle Kultur (Lauth 2000; helmke/Levitsky 2012, 88). Aufgrund dieser Vielfalt informaler Institutionen ist für die allgemeine Verortung eine Systematik unabdingbar. Einen Vorschlag bieten helmke und Levitsky an, wobei sie die beiden Dimensionen institutionentheoretisch verbinden. Ihr Ausgangspunkt sind formale Institutionen, die effektiv oder ineffektiv sind (helmke/Levitsky 2012, 91). Daneben wird die Stellung der informalen zu den formalen Institutionen POLITIK JENSEITS FORMALER STRUKTUREN – VIER BEISPIELE 17 hinsichtlich ihrer Regelungsresultate unterschieden, wobei sie konvergent oder divergent sein können. Aus diesen zwei Dimensionen lassen sich vier Typen informaler Institutionen unterscheiden: 1. komplementäre informale Institutionen, deren Regelungen konvergent zu effektiven formalen Institutionen stehen; 2. substitutive informale Institutionen, die den Regelungsmangel ineffektiver formaler Institutionen ausgleichen können; 3. zuvorkommende informale Institutionen, die effektiven formalen Institutionen mit ihren eigenen Regelungen gegenüberstehen; 4. konkurrierende informale Institutionen, deren Regelungen im Umfeld nicht-effektiver formaler Institutionen den Status abnehmen (helmke/Levitsky 2012, 91).2 Die Stringenz dieser Systematik wird durch die enge Kopplung an formale Institutionen erkauft. Das ist für alle Fälle, in denen formale Institutionen existieren, durchaus legitim, wenngleich die Frage nach der Messung von Effektivität institutioneller Regelungen in ihrer Begründung anfällig ist. Gewiss versagt diese Systematik in all den Fällen, in denen formale Institutionen nicht den Status haben, als fundamentale Struktur konzeptuell den Raum für informale Institutionen zu konstruieren. Wo jedoch formale Institutionen nicht existieren bzw. nie den Status wie etwa in Europa inne hatten, unterminiert diese Typologie die Bedeutung informaler Institutionen. Theoretisch müsste sodann die Matrix von helmke und Levitsky um eine informale ergänzt werden. Statt um die Effektivität formaler Institutionen würde es dann um diejenige informaler Institutionen gehen, die, wenn sie uneffektiv sind, ihrerseits den konzeptuellen Raum für formale Institutionen vorgeben. Zwar wäre dies eine Strategie zur typologischen Ausdifferenzierung des komplexen Feldes informaler Strukturen. Ohne die modellhafte Stringenz verliert der Wert dieser Typen zur Reduktion von Komplexität allerdings an Wert. Komplexität scheint das wesentliche Merkmal informaler Strukturen zu sein. Dies schränkt die Möglichkeit einer umfassenden Typologie ein. Dementsprechend ist es eventuell sinnvoller, wie Lauth nur von einer Karte zur Systematisierung auszugehen. Er unternimmt hierzu aber keine Kopplung an formalisierte Strukturen, sondern unterscheidet zunächst nach dem Grad der Abstraktion. Neben informalen Institutionen mit einem hohen Grad an Abstraktion wie Vertrauen oder Solidarität existieren ebenso informale Regelungen mit einem sehr geringen Abstraktionsgrad, wozu Lauth et al. Regeln am Arbeitsplatz zählen (Lauth 2012, 51). Dazwischen schiebt sich eine mittlere Ebene der Abstraktion 2 ähnlich auch die dreifache Konzeptualisierung von Azari und Smith: Sie differenzieren relational zu formalen komplettierende, parallele und koordinierende informale Institutionen (Azari/Smith 2012, 41). DAS SchWIERIGE FIxIEREN DES NIchTFIxIERTEN 18 wie Konventionen und informale Verfassungen. Eine zweite kategoriale Differenzierung sieht Lauth in der Aggregation, denn in informalen Institutionen können wenige bzw. viele Regelungen miteinander verbunden werden, wobei er anmerkt, dass sich die Differenzierungen teilweise überlappen: »Aggregated institutions can be perceived as abstract institutions in the sense that they are not specific either, and cover a broad spectrum of actions – although narrower than basic norms« (Lauth 2012, 51 f.). Demzufolge plädiert er dafür, nur mit der Differenzierung von abstrakt/spezifisch zu operieren, weil die Differenz von aggregiert/ nicht-aggregiert durch erstere signifikant mit dargestellt werden kann. Somit werden informale Institutionen strukturell nicht mehr als bloße Anhängsel formaler Institutionen behandelt und bekommen einen eigenständigen Status zugesprochen. Die Implementation der evaluativen Dimension vollzieht die Systematik wiederum nicht durch das normativ determinierende Effizienzkriterium, sondern durch die Kategorie der Orientierung. Informale Institutionen orientieren sich hinsichtlich ihrer Regeladressaten entweder an einem civic pool universalism oder einem anti-civic pool particularism (Lauth 2012, 53). Mittels dieser Unterscheidung lässt sich eine zweidimensionale Matrix aufspannen, in der sich die verschiedenen Formen der informalen Institutionen verorten lassen (vgl. Lauth 2012, 55). Dadurch gelingt es Lauth, eine Fülle differierender Institutionen zu systematisieren: universale und am Allgemeinen orientierte, abstrakte Institutionen wie Toleranz und Solidarität, weniger abstrakte allgemeinorientierte Konventionen, informale Teile von Verfassungen, wie auch partikulare abstrakte Institutionen der Missgunst, des Egoismus und der Intoleranz, auf der mittleren Abstraktionsebene angesiedelte Institutionen des Klientelismus und der Korruption. In dieser geordneten Weise erschließt sich die Aufgabe informaler Institutionen, konstituierende normative Leitideen umzusetzen, die unabhängig von bestehenden formalen Institutionen existieren. Mithilfe dieser ersten Systematisierung lässt sich das Problem der informalen Institutionen gut überblicken. Durch den anfänglichen Verweis auf die beiden Quellen dieses Forschungsbereiches wird die Strategie klar, mit der dem Phänomen begegnet wird, was sich auch auf die Theoriebildung auswirkt. Neben der ›Institutionalisierung‹ der Informalität ist es das dialektische Verhältnis mit den formalen Institutionen, die als Parameter die Theorie informaler Phänomene in der Politikwissenschaft darstellen. Zwar wird mit dem Institutionenbegriff Informalität auch selektiv wahrgenommen, jedoch sorgen das weite Institutionenverständnis im neuen Institutionalismus und ein umfassender Fokus auf das Phänomen dafür, dass innerhalb der Analyse informaler Institutionen alle möglichen Fälle Beachtung finden, darunter auch die hier noch eine Rolle spielenden Beispiele nicht-fixierter Verfassungen, Konventionen und auch kultureller Traditionen. Auf der anderen Seite hilft die dialektische POLITIK JENSEITS FORMALER STRUKTUREN – VIER BEISPIELE 19 Beziehung, normativ kritische Momente der Wirkungsweise informaler Arrangements zu beschreiben (vgl. Lauth 2000; Reh 2012, 74). Demgegenüber lassen sich aber auch Gefahren für die Theoriebildung aufzeigen: Wenn der Institutionenbegriff gesetzt wird, kann es sein, dass Aspekte informaler sozialer Beziehungen nicht adäquat beschrieben bzw. gedeutet werden. Möglicherweise liegt im Institutionenbegriff sogar eine ›formale bias‹ begründet, weshalb die Institutionentheorie notwendigerweise selbst reflektiert werden muss. Eine weitere Gefahr besteht in der Ausblendung wichtiger Funktionen informaler Institutionen außerhalb formalisierter sozialer Bereiche. »To look at formal structures only from the perspective of their written and legally approved form would hide important aspects of their real functioning« (Brie/Stölting 2012, 210). Wie beiden Gefahren ausgewichen werden kann, werden wir am Ende dieses Teils diskutieren. Zum Schluss dieser programmatischen Einführung in die politikwissenschaftliche Beschäftigung mit informalen Institutionen soll auf die Aktualität dieses Phänomens hingewiesen werden. Anfänglich spielte es als Problem vor allem in der Transformationsforschung eine Rolle (vgl. Merkel/croissant 2000). Damit schien es eher regional bzw. kulturell relevant zu sein und darin eine systemische Qualität aufzuweisen, worunter Gesellschaften nachhaltig litten (Böröcz 2000). Mittlerweile ist allerdings in der Forschung registriert worden, dass auch westliche liberal-demokratische Gesellschaften aufgrund der Veränderung politischer Praxis zunehmend durch informale Institutionen gesteuert werden (Schuppert 2011; christiansen/Neuhold 2012). Auch hier lassen sich zwei Perspektiven auf das Problem unterscheiden: eine funktionale und eine kritische Perspektive. Die funktionale versucht die Steuerungsleistung informaler Institutionen einzuschätzen und gegenüber formalen Institutionen abzugrenzen (Stacey/Rittberger 2003). Demgegenüber problematisiert die kritische Perspektive das Problem der Informalität im hinblick auf die Aushöhlung demokratischer Verfahren (Greven 2005). Beide Perspektiven stehen sich somit bei der Behandlung derselben Phänomene hinsichtlich ihres Fokus und der Einschätzung gegenüber.3 1.2 Informale Verfassungen Dank des weitgefassten Institutionenverständnisses kann in der Erforschung informaler Institutionen ein breites Spektrum informaler Phänomene erfasst und systematisiert werden. Dennoch ist es sinnvoll, die Problematisierung von informalen Verfassungen gesondert aufzunehmen, 3 Wir haben dies insbesondere bei der Behandlung sogenannter Politiknetzwerke konkretisiert (Knobloch 2011). DAS SchWIERIGE FIxIEREN DES NIchTFIxIERTEN 20 weil hierbei das Verhältnis von formalisierten und informalen Regeln noch deutlicher herausgearbeitet werden kann. Im Gegensatz zum eher weiten und damit weniger spezifischen Regelkorpus des neuen Institutionalismus umkreist die Diskussion einen eigentümlichen Typus von Regeln, die sanktioniert, fixiert und kodifiziert sind. Eine wichtige Referenz in dieser doch zweigeteilten Problemperspektive ist die Arbeit von Bohne zum informalen Rechtsstaat, wobei jedoch zu sagen ist, dass es Bohne nicht um eine informale Alternative zum Rechtsstaat geht, sondern er nach Alternativen zum rechtsförmigen Verwaltungshandeln sucht (Bohne 1981, 19). Weniger die möglichen informalen Regeln sind es, die Bohne im Fokus seiner Analyse hat, als vielmehr die rechtlich nicht-fixierten handlungen, auf welche die Verwaltung bei der Umsetzung formalisierter Regelungen zurückgreift. Seiner Arbeit unterstellt er folgende Problematisierung des Gegensatzes informal/formal: – Beides bezieht sich auf die handlungsmodalitäten (nicht auf Inhalte); – formale Verhaltensweisen werden von festgelegten Ordnungsstrukturen der Organisation erfasst; – informale Verhaltensweisen werden von dieser Ordnungsstruktur nicht erfasst. Ihre strukturelle Erfassung ist absent; – informale Verhaltensweisen ergänzen oder modifizieren formale Ordnungsstrukturen (Bohne 1981, 45 f.). Auch hier fällt sofort die enge Verknüpfung der informalen Verhaltensweisen mit den formalisierten auf, ohne die sie vermutlich, zumindest im Rahmen dieser Untersuchung, keine Relevanz besitzen würden. Von diesem Verständnis aus wird zum einen erklärt, dass informales handeln im Rahmen der formalisierten Organisationen, also des sogenannten informalen Rechtsstaates, nicht den normativen Begriff des Rechtsstaates tangiert (Bohne 1981, 242). Mit anderen Worten wird die Existenz informalen handelns zwar bestätigt bzw. ist es für die Umsetzung und Praktikabilität formalisierter Strukturen unabdingbar, gleichzeitig berührt sie aber nicht die Frage der Legitimität. Der normative Anspruch des Rechtsstaates kommt ohne Informalität aus, wie auch Informalität in Form informalen handelns keine normativen Bezüge haben kann. Des Weiteren wird erklärt, dass informales handeln allein eine empirisch-analytische Bedeutung hat, im Gegensatz zum formalen handeln, das im Kontext eines formalisierten Rechtsstaates neben der empirischanalytischen auch eine normative Dimension besitzt (Bohne 1981, 243). Informale Verhaltensweisen sind aber nicht bloße Negation. Sie ersetzen oder ergänzen formalisierte Verhaltensweisen, weshalb Bohne ihnen auch ein positives Element zuerkennt. Doch die Abgrenzung zur Normativität bleibt bestehen: »anders als das Wort ›formal‹ hat der Begriff ›informal‹ ausschließlich empirisch-analytische Bedeutung und enthält keine normativen Aussagen« (Bohne 1981, 243). Letztlich geht es hierbei POLITIK JENSEITS FORMALER STRUKTUREN – VIER BEISPIELE 21 um die Art des informalen handelns im Schatten von Gesetzen. Die Perspektive des informalen Verfassungsstaates ist der sozialwissenschaftlichen Steuerungstheorie verpflichtet. Ihr kommt es darauf an, klarzumachen, dass bei der Implementation von Gesetzen und der Produktion von Regelungen den involvierten Akteuren eine Reihe verschiedener, auch nicht-rechtlich formalisierter handlungsstrategien zur Verfügung steht (Schuppert 2011, 36). Dies gilt auch für die mit dem Vollzug rechtlicher Regelungen beauftragte Verwaltung, deren handlungen nicht mehr mit der »Formtypik des formalen Rechtsstaates« (Schuppert 2011, 36) auskommen. Einen anderen Bezug nimmt die Diskussion um informale Verfassungen ein. Ihr wesentlicher Beitrag stammt von Schulze-Fielitz. Er nimmt sich aus einer rechtswissenschaftlichen Perspektive der »scheinbaren Un- Begreiflichkeit« (Schulze-Fielitz 1984, 11) dieses Phänomens an. Es sind die »rechtlich nicht geregelten Organisations- und Verfahrensmodalitäten im Verfassungsstaat«, wobei es für die auf rechtliche Formalisierung – und damit Fixierung – fokussierten Rechtswissenschaften besonders schwierig ist, sich mit den »nicht-rechtlichen Regeln der Verfassung« zu befassen (Schulze-Fielitz 1984, 12 ff.). Schulze-Fielitz erarbeitet dazu einen Begriff von informalen Verfassungsregeln, den er folgendermaßen definiert (Schulze-Fielitz 1984, 15 f.): 1. Informale Verfassungsregeln sind schriftlich nicht-fixierte Regeln, die auf die fixierten rechtlichen Regeln zwar Bezug nehmen, aber zumeist selbst keine Rechtsregeln sind. Wenn es sich doch um Rechtsregeln handelt, dann sind es ungeschriebene Rechtsregeln; 2. Es sind tatsächlich informale Regelungen, wobei ihre Wirkung als Regelungen anzeigt, dass sie regelmäßig erwartet werden und den Status von Institutionen annehmen können. Somit können sie auch von Dritten erwartet werden, unabhängig davon, ob sich die Erwartungen faktisch erfüllen; 3. Es sind Verfassungsregeln, »die in unmittelbarem Zusammenhang mit verfassungsrechtlichen Normen stehen, diese stützen, ergänzen, praktikabel machen« und die Verfassung mit Leben erfüllen (Schulze-Fielitz 1984, 17). Dieser Zusammenhang wird mit der Annahme begründet, dass formale Regeln hinsichtlich ihrer Funktionsfähigkeit notwendige Regeln sind, die allerdings auf informale Regeln angewiesen sind. Informale Regeln als Strukturen sind auch im Rahmen der informalen Verfassung von der Existenz formalisierter, schriftlich fixierter Regeln abhängig. Informale Regeln profitieren vom normativen Status der sie einbettenden formalen Regelsysteme. Auch wenn sie nicht in der Lage sind, einen starken normativen Bezug unmittelbar herzustellen, so sind sie doch in ein normatives Netz eingewoben. Weil sie selbst keine DAS SchWIERIGE FIxIEREN DES NIchTFIxIERTEN 22 kontingenten normativen Maßstäbe präsentieren und auch nicht autonom wirken, werden sie durch das sie umgebende normative Netz mit ausreichender Wirkungskraft ausgestattet. Informale Regeln folgen einer objektiven ethischen »Kern-Ethik öffentlichen Verhaltens« (Schulze-Fielitz 1984, 18), haben jedoch keine allzu hohen moralischen Standards. Informale Regeln evozieren die durch die politische Öffentlichkeit formulierten »Durchschnittsmaßstäbe« und fungieren als Elemente der politischen Kultur eines Verfassungsstaates (Schulze-Fielitz 1984, 18). Aufgrund dieses allgemeinen Anspruchs ist es für Schulze-Fielitz unabdingbar, informale Verfassungsregeln von anderen Regelungen abzugrenzen: zum einen sind sie Teil der Verfassungskonventionalregeln, gehen aber über diese hinaus, da sie nicht allein auf bestimmte Organe zurechenbar sind und auch nicht so lange existieren (Schulze-Fielitz 1984, 19). Zum anderen sind sie zwar Teil der politischen Kultur bzw. der Verfassungskultur, brechen jedoch teilweise mit deren positiven Ausrichtungen, etwa wenn informale Verfassungsregeln pathologische Formen annehmen und verfassungsrechtlich bedenklich werden (Schulze-Fielitz 1984, 20). Insofern wird man informale Verfassungsregeln als »Gesamtheit jener ungeschriebenen Regeln« verstehen, die »für das Verhalten der führenden Amtsträger in den obersten Staatsorganen, aber auch der politischen Parteien und vergleichsweise öffentlichkeitsbedeutsamen gesellschaftlichen Gruppen« relevant sind, und deren »Befolgung nach den jeweils herrschenden Anschauungen als auf Dauer unentbehrliche Voraussetzung eines geordneten Verfassungslebens betrachtet« (Schulze-Fielitz 1984, 20) wird. In einer neueren Auseinandersetzung wird diese Perspektive erneut stark gemacht und von anderen Ansätzen abgegrenzt. Primär ist diese Abgrenzung auf die zuvor behandelte, eher politikwissenschaftliche Perspektive des informalen Verwaltungshandelns gerichtet, die ihrerseits die Verfassung als Rahmen der polity-Dimension wiederentdeckt (Görlitz 1998, 19). Dementsprechend sehen die Autoren ihre Aufgabe darin, auf die bereitgestellten rechtswissenschaftlichen Grundlagen für die Wiederentdeckung hinzuweisen, wobei der Rechtswissenschaft ein begründungslogischer Vorrang zukommt.4 Unabhängig davon wird das Problem der Informalität spezifisch auf die existenten schriftlich kodifizierten Regeln bezogen. Die formale Verfassung ist ein »compositum mixtum aus geschriebenen und jeweils interpretationsmäßig umgesetzten Normengefügen und [die] informale Verfassung eine daran anpassbare Komposition aus innovativen und interpretierbaren ergänzenden 4 Dies wird in der folgenden Aussage besonders deutlich: »Plastischer ausgedrückt, wird die Verfassung als Umriss eines wirklichkeitsnahen Ausmalbildes gesehen, das Juristen grundlegend skizzieren und Politologen bunt bepinseln, wobei die einen eher malen, was ist und die anderen mehr, was sein soll« (Görlitz 1998, 19). POLITIK JENSEITS FORMALER STRUKTUREN – VIER BEISPIELE 23 Regelwerken« (Görlitz 1998, 21). In dieser Flexibilität sind sie für die Funktion rechtlich fixierter Regelsysteme unabdingbar, werden aber innerhalb des rechtswissenschaftlichen Diskurses nicht mit der gleichen Aufmerksamkeit behandelt wie z. B. in den Sozialwissenschaften, wofür Schulze-Fielitz vier Gründe ausmacht (Schulze-Fielitz 1998, 29 f.): 1. Sperrt sich die mit der traditionellen juristischen Methode operierende Rechtswissenschaft gegen eine scheinbar diese Methode unterminierende Kategorie, die rechtliche mit nicht-rechtlichen Regeln gleichsetzt; 2. Existieren bereits Kategorien, die Teile der informalen Verfassung abbilden. Dazu gehören nach Schulze-Fielitz der Parlamentsbrauch, die sanktionslosen rechtlichen Verträge mit nur politischer Bindungskraft etc; 3. Die differenzierte Regelungsdichte beim Verwaltungs- und Verfassungsrecht, wobei im abstrakten Verfassungsrecht Interpretationsräume und informale handlungen notwendig bzw. erwünscht sind. Beim stärker determinierenden Verwaltungsrecht sind hingegen Abweichungen und informale Räume viel kritischer einzuschätzen, weshalb genauer nach ihnen gesucht wird; 4. Bedingt die unterschiedliche Reichweite gerichtlicher Kontrollfähigkeit, die nur selten verfassungsrechtliche Streitpunkte mit meist unsicherem Ausgang verhandelt, dass die Akteure keine offenkundigen Verletzungen in Kauf nehmen. Mit anderen Worten wird das Problem der Informalität hier insbesondere durch kollektiv hergestellte Intransparenz getarnt. Anhand dieser Punkte wird deutlich, warum die Behandlung informaler Verfassungen in der Rechtswissenschaft nicht den gleichen Stellenwert einnimmt wie die sozialwissenschaftliche Reflexion des informalen Verwaltungshandelns oder, wir können dies erweitern, die der informalen Institutionen allgemein. Lassen sich darüber hinaus Divergenzen in der Behandlung der Informalität feststellen? Im Rahmen der Diskussion über informale Verfassungen bekommen informale Regelungen eine ambivalenten Status zugewiesen. Einerseits werden sie erkenntnistheoretisch besonders diskriminiert, weil sie in eine absolute Abhängigkeit von formalisierten Regeln gebracht werden. Andererseits werden sie in ihrer Funktionalität gleichberechtigt behandelt und dementsprechend nicht durch eine negative Dialektik gebeugt. Informale Regelungen können die fixierten Regeln des Rechtsstaates ergänzen und konkretisieren. Die Konkretisierung erfolgt u. a. durch das alltägliche handeln der politisch-administrativen Akteure, die ihrerseits ausgehend vom fixierten Recht immer auf eigene Interpretationen und Auslegungen zugreifen, um das Staatsorganisationsrecht zu ergänzen (Schulze-Fielitz 1998, 33). Dies wird notwendig, weil die Auslegung des DAS SchWIERIGE FIxIEREN DES NIchTFIxIERTEN 24 Verfassungsrechts selbst noch nicht zu verbindlichen Regeln führt, wodurch ein Raum für eigenständige handlungen, die Teil eines Kontinuums von eher formellen und informellen handlungs- und Verhaltensweisen sind, entsteht (Schulze-Fielitz 1998, 33). Als solche können sie auch negative Auswirkungen haben, wenn z. B. parteiübergreifend ämterpatronage betrieben wird etc. (vgl. Schulze-Fielitz 1998, 41 f.). Letztlich können das ambivalente Wirken von informalen Verfassungen und das Verhältnis zu formalen Verfassungen nicht vollends aufgelöst werden. Es ist vielmehr ein dauerhafter Prozess des gegenseitigen Einwirkens (Schulze-Fielitz 1998, 48). Welche vorläufigen Schlüsse lassen sich aus dieser Problematisierung des Informalen ziehen? Zunächst stellt das Konzept der informalen Verfassung heraus, dass selbst eine spezifische Sonderform von Regeln, nämlich kodifizierte, schriftlich fixierte und sanktionierte rechtliche Normen, in eine Praxis eingebettet ist, bei der zwar menschliches handeln diese Regeln versteht und ihnen folgt, die dennoch notwendigerweise immer auf Interpretationen angewiesen ist. Informalität macht darauf aufmerksam, dass Regeln immer als Teil eines Regelungskontextes existieren, in dem neben der Regel selbst, als Selektion von Möglichkeiten, die Interpretation der Regel, deren Konkretisierung und Ergänzung einbegriffen sind. Gleichzeitig zeigt die Wirkung fixierter Regeln, dass diese tatsächlich informale Arrangements begrenzen können. hierfür sind sie aber auf eine eindeutige Fixierung angewiesen, damit sie als Grenze möglicher handlungen, Aktionen oder Interaktionen zugänglich sind. Zudem können sie durch eine informale, also nicht-fixierte Praxis nachhaltig abgewertet werden (Schulze-Fielitz 1998, 36). 1.3 Ungeschriebene Verfassungen Ein ähnliches, doch differierendes Beispiel der Problematisierung informaler Politik sind die ungeschriebenen Verfassungen. Im Unterschied zur informalen Verfassung handelt es sich hier nicht um die Wirkung schriftlich fixierter rechtlicher Regeln im Kontext einer Regelungspraxis, die zur Ergänzung, Konkretisierung oder Aufweichung mit informalen Praktiken operiert, sondern um die rechtlichen Regelungen selbst. Eine relevante, aber schwierige Quelle dieser Vorstellung entstammt der amerikanischen rechtswissenschaftlichen Diskussion. Bereits 1975 stellt Grey die Frage, ob in den USA eine ungeschriebene Verfassung existiert (unwritten constitution) (Grey 1975). Dabei setzt sich Grey von reinen interpretativen Ansätzen ab, welche die normativen Quellen der amerikanischen Rechtsprechung ausschließlich in den schriftlich fixierten Texten verorten, und verweist auf die zusätzlichen normativen Quellen amerikanischer Rechtsprechung, die sich nicht in den fixierten Gesetzestexten POLITIK JENSEITS FORMALER STRUKTUREN – VIER BEISPIELE 25 finden lassen.5 hierbei fungieren die Richter nicht mehr allein als Textinterpreten, sondern sprechen Recht auf der Basis nicht-fixierter, jedoch akzeptierter Regeln. Diese treten in dreifacher hinsicht in den Bereich der Rechtsprechung ein (Grey 1975, 714 f.): Erstens über die ›praktische Klugheit‹ (wisdom), die sich auch in der institutionellen Kompetenz und der Neigung der Richter ausdrückt. Zweitens erscheint die Frage nach der Rechtsprechung (jurisprudential question) als allgemeines Problem der Definition und Durchsetzung von Grundrechten ohne externe textualisierte Anleitung. Drittens werden nicht-fixierte Regeln im Sinne höherer Regeln zur Rechtsprechung herangezogen, weil sie wie eine rechtmäßige Autorität wirken, die selbst nie vollends kodifizierbar ist. Grey merkt an, dass es historisch immer ein Verständnis dafür gegeben hat, dass die ungeschriebenen höheren Rechtsprinzipien einen konstitutionellen Status besitzen (Grey 1975, 717). Die Arbeit von Grey hat eine Debatte über die ungeschriebene Verfassung ausgelöst, in der Erweiterungen und konträre Positionen formuliert wurden.6 Allgemein verschob sich der Fokus in der Debatte auf eine historische Dimension und die Ansicht, dass die Gründergeneration der Verfassung diese als Konglomerat von schriftlichen Dokumenten und ungeschriebenen Prinzipien verstanden habe (McAffee 1992, 107). Mit diesem Problem beschäftigt sich ebenso die ›neuere‹ Debatte: »From the very beginning, American judges have been prepared to enforce consitutional rights that cannot fairly be said to derive from any enumerated textual guarantee« (Rubenfeld 2001, 289). Gleichzeitig werden neue ungeschriebene Regeln identifiziert und kritisiert bzw. wieder relativiert (vgl. Vermeule 2001). Doch unabhängig davon, ob die Art und Weise dieses sehr spezifischen Fachdiskurses nachvollzogen werden kann, eröffnet die Problematisierung ungeschriebener Verfassungen für das Verständnis der Informalität eine neue Perspektive. Schließlich muss angemerkt werden, dass in den neuesten Arbeiten zu diesem Aspekt das Konzept der ungeschriebenen Verfassung erweitert und noch stärker systematisiert wird. So führt Amar in seiner Studie alle relevanten Aspekte einer ungeschriebenen Verfassung auf und diskutiert sie: die implizite Dimension, die Frage der lebendigen Verfassung, die symbolische Dimension der Verfassung etc. (Amar 2012). Dennoch führt das nicht zu einer Theorie oder einem Konzept ungeschriebener gesellschaftlicher Regelsysteme, sondern verbleibt streng im Kontext formalisierter rechtlicher Regeln. 5 »Where the broader view of judicial review diverges from the pure interpretive model is in its acceptance of the courts’ additional role as the expounder of basic national ideals of individual liberty and fair treatment, even when the content of these ideals is not expressed as a matter of positive law in the written constitution« (Grey 1975, 706). 6 Die Literaturhinweise für diese exklusiv juristische Diskussion sind bei McAffee aufgezählt (McAffee 1992). DAS SchWIERIGE FIxIEREN DES NIchTFIxIERTEN 26 Bei der Problematisierung von Informalität im Kontext des Institutionalismus liegt der Fokus, wir haben darauf verwiesen, auf der Analyse und Evaluation der Funktionalität informaler Institutionen. Die Normativität beschränkt sich hierbei auf die Einschätzung, welchen Effekt diese Institutionen auf die Funktionalität des gesamten Institutionensets haben. ähnliches unternimmt die Erforschung informaler Verfassungen. Auch hier wird das für die Wirkungsweise formaler Regeln notwendige Umfeld konzeptualisiert, insbesondere im hinblick auf die Outputleistung informaler Regelungen. Mit anderen Worten konzentrieren sich beide Problematisierungen auf den Beitrag informaler Regelungen zu einem konkreten Regelungsresultat. Informalität wird erst nach der Regelungsleistung von formalen und informalen Regeln konkretisiert, wobei die Simultanität informaler und formaler Regelungen zu den genannten ambivalenten Einschätzungen führt. Mit der Analyse der ungeschriebenen Verfassungen wird erstmals die normative Dimension von Informalität stark gemacht (Vermeule 2001, 473) und den anderen Regelungen vorangestellt. Informalität und informale Regeln gehen somit den formalen Regeln voraus. Sie statten diese mit normativen Bezügen aus und ermöglichen so die Wirkung der formalen Regeln. Zwar wird der Zusammenhang von formalen und informalen Regeln nicht grundsätzlich aufgelöst, wohl aber in ein anderes Verhältnis gesetzt. Die Vorrangigkeit und die normative Bedeutung informaler ungeschriebener Regeln werten ihren Status und ihre Eigenständigkeit auf. 1.4 Zivilreligion Nachdem wir bereits eine Reihe von Problematisierungen des Informalen in der Politikwissenschaft (und der Rechtswissenschaft) angesprochen haben, kommen wir zum Beispiel der Zivilreligion. Sie bricht mit den anderen Ansätzen in zweifacher Weise. Zum einen löst sich das Phänomen der Informalität vollständig von vorausgehenden formalen Strukturen; zum anderen tritt die Eigenschaft der Normativität in den Vordergrund. Das Ganze vollzieht sich vor einer weiteren Abstraktion des Informalen im Begriff der Zivilreligion. Zumeist drehen sich die Reflexionen des Phänomens der Zivilreligion um die Differenz von Religion und Politik im Kontext einer »religionspolitischen Aufklärung« (Lübbe 2011, 197). Demgegenüber konzentrieren wir uns auf die Systematisierung der Zivilreligion als informale Struktur. Zivilreligion enthält die informalen Metastrukturen eines politischen Gemeinwesens. Es sind zeitlich robuste höchste Werte, die das Selbstverständnis des politischen Gemeinwesens präsentieren und ordnen (Kleger/Müller 2011, V).7 Diese Werte wurden erstmals von Rousseau beschrieben und zum Gegenstand 7 Zur Problematik der Zivilreligion vgl. Bellah 2011; Luhmann 2011; Nix 2012. POLITIK JENSEITS FORMALER STRUKTUREN – VIER BEISPIELE 27 systematischer Reflexion gemacht, wobei Luhmann insistiert, dass Rousseau die Krise der Religion im Kontext der Notwendigkeit sozialer Integration registriert, aber nicht die Differenzierung selbst zum Problem erhebt – wie es Luhmann für seine Systemtheorie in Anspruch nimmt –, sondern den Ausweg in der Bildung einer neuen Religion sieht (Luhmann 2011, 181). Unabhängig davon, wie plausibel die Konstruktion dieser nicht-religiösen, aber auch nicht genuin politischen Religion erscheint,8 als neutraler Begriff schafft sie eine Kategorie zur Bestimmung politisch relevanter, jedoch religiös abstrakter Strukturen, die einen besonderen informalen Status besitzen. Kleger und Müller verweisen auf die Existenz einer gelebten Zivilreligion, »von der nicht alles bewusst und reflektiert ist«, die politisch hervorgebracht wird, ihrerseits wieder das Politische beeinflusst, letztlich aber etwas Unverfügbares darstellt (Kleger/Müller 2011, Ix). Informalität wird hiermit noch durch seinen impliziten Status erweitert und problematisiert. Zur Systematisierung der Zivilreligion im Kontext der informalen, nicht-fixierten Strukturen ist es hilfreich, sie als eine im Bewusstsein der Akteure wirksame Struktur zu verstehen, die sich hinsichtlich (1.) ihrer Funktion, (2.) ihrer Struktur und (3.) ihrer Dynamik konzeptualisieren lässt (Kleger 2014): (1.) Die Funktion der Zivilreligion liegt in der Orientierung politischer herrschaft. hierzu entfaltet sie ein über das Politische hinausgehendes Orientierungssystem, das politische und religiöse Wissensbestände so miteinander verknüpft, dass fundamentale Prämissen politischer herrschaft in einen weiten normativen Rahmen eingebettet werden. hierzu greift die Zivilreligion selektiv auf vorhandene Religionen zu, ohne die Differenzierung von Politik und Religion aufzuheben. (2.) Es lässt sich keine statische oder eindeutig hierarchisierte Struktur der Zivilreligion feststellen. Stattdessen entziehen sich die Inhalte zivilreligiöser Orientierung einer starren Fixierung, denn als Teil eines eher unbewussten »hintergrundkomplexes« sind die Inhalte schwer wissentlich zu ordnen, denn er ist exklusiv sozial und daher nicht einfach individuell transformierbar (Kleger 2014). Zivilreligion ist aber nicht unsichtbar, sondern einsichtig, entzieht sich aber jeder instrumentellen Aneignung. »Zivilreligionen sind […] ein ausformulierter Wissensbereich, der jedoch unverfügbar ist, weil nicht alles aus diesem hintergrundkomplex zu jeder Zeit bewusst ist und reflektiert wird« (Kleger 2014). 8 »Die Zivilreligion versucht somit weder den Bereich des Politischen und des Religiösen als getrennt zu behandeln, so als gäbe es hier keinerlei Überschneidungen, noch das Religiöse und das Politische als Monismus zu betrachten oder gar das Politische als Emanation des Theologischen« (Nix 2012, 228). DAS SchWIERIGE FIxIEREN DES NIchTFIxIERTEN 28 (3.) Die Dynamik der Zivilreligion ist von religiösen und politischen Ver- änderungen abhängig. Als ein nicht-statischer hintergrundkomplex ist sie Ergebnis sozialer Konstruktionen, die sich raumzeitlich verändern. »Die verschiedenen Varianten der Zivilreligion stehen für ein bestimmtes Verhältnis mit den wirksamen hintergrundreligionen, der religiös geprägten Kultur und den unterschiedlichen Gruppen der Gesellschaft. Solange es Geschichte und Politik gibt, wird sich auch die Zivilreligion verändern« (Kleger 2014). Mithilfe der drei Punkte lässt sich verdeutlichen, dass die informalen Strukturen der Zivilreligion eine nur schwierig zu beobachtende Struktur sind. Sie ist implizit, wird unbewusst wahrgenommen und ist damit letztlich nur indirekt – in ihrer Wirkung – zu erkennen. Zudem ist sie abstrakt, d. h. als ein Regelungsmechanismus ist sie auf eine verdichtete Symbolik angewiesen, die demzufolge auch immer interpretationsbedürftig ist (vgl. Bellah 2011, 32). Wo informale Institutionen wie z. B. Korruption auf eindeutigen Avancen der Beteiligten beruhen, die dann den Regelmechanismus in Gang setzen oder wie informale Verfassungen zumindest fixierte Regeln als Ausgangs- bzw. Fixpunkt informaler Praktiken nutzen, ist die Regelung der Zivilreligion in der Gesellschaft nur diffus wahrzunehmen. Zugleich vergrößert sich die latente Möglichkeit, dass zivilreligiöse Regelungen nicht verstanden, abgelehnt oder ignoriert werden. Mit anderen Worten unterminieren sowohl Abstraktheit als auch der diffuse charakter der Zivilreligion eine genaue empirische Analyse ihrer Existenz und Wirkungsmacht. Dies veranlasst Luhmann zu fragen, ob die Zivilreligion überhaupt formulierbar ist, worauf er keine eindeutige Antwort geben kann (Luhmann 2011, 188 f.). Scheinbar wird sie immer nur dann empirisch fassbar, »wenn in der Öffentlichkeit der religiöse hintergrundrahmen in einem gesellschaftlichen Zusammenhang kommuniziert wird« (Nix 2012, 257). Dann könnte es für die Beobachtung aber schon zu spät sein. Abschließend werden wir kurz auf die beiden anfangs genannten Eigenarten der Zivilreligion im Kontext der anderen informalen Strukturen eingehen. Zuerst zum besonderen Status der Normativität: Anders als informale Institutionen oder informale Verfassungen beanspruchen die Strukturen der Zivilreligion einen normativen Status. Sie sind keine Regelangebote, keine potenziell einsetzbaren Instrumente zur Durchsetzung eigener Absichten, sondern Orientierungsweisen, die, wenn sie von Menschen aufgestellt und verfolgt werden, den Anspruch haben, dass sich alle daran orientieren. Zivilreligion wird zu einer politischnormativen Bürgerreligion qualifiziert: »In der normativen politischen Theorie geht es mithin um die Qualifikation von Bürgerreligion als ziviler Bürgerreligion, zu der immer ein Moment vernünftiger Religion, bei der das Gewissen eine Rolle spielt, sowie ein situationsspezifisches POLITIK JENSEITS FORMALER STRUKTUREN – VIER BEISPIELE 29 Moment politischer Urteilskraft zählen« (Kleger/Müller 2011, Ix). Dadurch wird den Regeln der Zivilreligion allerdings ein expliziter Status zugesprochen. Erst dann können sie als Regeln zum Gegenstand normativer Reflexionen und politischer Auseinandersetzungen werden. Interessanterweise startet die Reflexion der Zivilreligion mit ihrer expliziten Variante, denn es sind explizite Glaubensartikel, die Rousseau formuliert und die damit bekenntnispflichtig werden (Lübbe 2011, 196). Zwar ist die Formulierbarkeit zivilreligiöser Inhalte nach wie vor wichtig, damit sich Menschen zu ihnen bekennen können. Doch setzt sich im Rahmen aktueller Auseinandersetzungen mit der Zivilreligion die Einsicht durch, dass die Orientierungsstruktur der Zivilreligion, wenn sie in einem zahlenmäßig großen und sozial komplexen politischen Gemeinwesen wirken soll, außerordentlich verdichtet und auf wenige Aspekte reduziert werden muss. Lübbe nennt dies den »Schwundstufencharakter« zivilreligiöser Inhalte, die auf der Suche nach einem größtmöglichen Konsens immer weiter popularisiert werden müssen (Lübbe 2011, 198). Es bleibt also zu vermuten, dass zwischen dem ausformulierten bekenntnisfähigen Inhalt der Zivilreligion und den dazugehörigen weitergehenden impliziten Orientierungssystemen eine Lücke besteht.9 Trotzdem besitzt die Zivilreligion als informale Metastruktur eine wichtige normative Funktion zur Integration einer Gesellschaft, indem sie den »Universalkonsens« (Lübbe 2011, 198) ausdrückt. Die zweite Eigenart der zivilreligiösen Informalität ist ihre Unabhängigkeit gegenüber formalen Strukturen und ihr daraus resultierender eigenständiger Status. Zunächst ist erneut anzumerken, dass die Zivilreligion im Kontext informaler Strukturen eine engere Bedeutung hat. Sie ist weder als »religiöses Recht« noch als »transkonfessioneller Brückenschlag« zu verstehen, sondern präsentiert als informale Struktur exklusiv die »höchsten Werte« bzw. lässt sich als »Bürgerreligion« verstehen (Kleger 2011, VIII). Die zivilreligiöse Informalität ist demzufolge eine nicht-fixierte Orientierungsstruktur, die aus impliziten, unverfügbaren Glaubensgrundsätzen und einem formulierbaren allgemeinen Universalkonsens besteht. Dabei handelt es sich nicht um eine sanktionierbare Struktur. Die Zivilreligion ist keine Institution, der man sich zugehörig oder nicht zugehörig fühlen kann, weshalb ihre Orientierungen auch keine vor Instanzen zu verantwortende Disziplin ausüben (Lübbe 2011, 203). Weil sie nicht verfasst ist, kann sie entsprechend schwer eingegrenzt werden, jedoch mindert dies nicht, so der hinweis von Lübbe, die Kraft ihrer Wirkung. Allerdings bedingt die Unschärfe der Zivilreligion, 9 »In dieser Tendenz folgt das zivilreligiöse Bekenntnis der allgemeinen Regel, dass der Differenziertheitsgrad dessen, was in einem kulturellen und politischen System als Universalkonsens funktionsfähig bleiben soll, mit zunehmender Differenzierung dieses Systems abnehmen muss« (Lübbe 2011, 198). DAS SchWIERIGE FIxIEREN DES NIchTFIxIERTEN 30 dass ihre Wirkung ebenfalls nur schwierig nachzuvollziehen ist. »Orientierungswirksamkeit und legitimatorische Kraft der im politischen System präsenten religiösen Gehalte kann nicht größer sein als die Lebendigkeit wirklich vorhandener Religionen oder Konfessionen, und ihnen gegenüber ist dann die sogenannte Zivilreligion eben nichts als der im politischen System unterstellte und dann auch bis auf die Verfassungsebene hinauf tatsächlich herausgestellte religiöse Universalkonsens« (Lübbe 2011, 204). Die herausforderung einer unabhängigen Ebene informaler Orientierungsstrukturen besteht in der Notwendigkeit, über die grundlegende Form sozialer Ordnungsbildung, jenseits der formal/informal-Differenz, Klarheit zu gewinnen. 2. Probleme der Reliabilität Ausgangspunkt der hier entwickelten Kritik an der Behandlung des Informalen ist ein gewisses Unbehagen in Bezug auf die politikwissenschaftliche Reflexion. Damit dieses Unbehagen in eine kritische Neubewertung überführt werden kann, muss zunächst der Status des Informalen systematisch hinterfragt werden. Dies kommt einer erkenntnistheoretischen Dekonstruktion der politikwissenschaftlichen Beobachtung des Informalen gleich, wobei wir die einzelnen informalen Strukturen mit dem umfassenden Phänomen kontextualisieren müssen. Die Dekonstruktion ist der Schlüssel auf dem Weg zu einem Neuverständnis und wird hier in drei Schritten vollzogen: Zuerst werden die Strategien der Fixierung des Nichtfixierten zusammengefasst. Anschließend wird die Ursache für die Schwierigkeiten bei der Wahrnehmung des Informalen in der Politikwissenschaft diskutiert, die in einem spezifischen Schleier der Rationalität zu suchen ist. Zum Schluss wird das Problem der Beobachtung von informalen Strukturen diskutiert, das durch ein Vermittlungsdilemma geprägt ist. Wir konzentrieren die Kritik somit zuerst auf die Begründung der Perspektive und anschließend auf die Perspektive selbst. 2.1 Strategien der Fixierung In einem ersten Durchgang wollen wir die vorgestellten Ansätze ordnen und systematisieren. hierzu stellen wir die Frage, welche differenzierten Strategien zur Fixierung des Nichtfixierten sich unterscheiden lassen. Um dies beurteilen zu können, vergleichen wir (1.) die Begriffskonstruktion, (2.) den Gegenstandsbereich, (3.) das Verhältnis zu den formalen Strukturen und (4.) die Behandlung der Normativität in den einzelnen Problematisierungen. PROBLEME DER RELIABILITäT 31 (1.) Begriffskonstruktion: Bei der Analyse informaler Institutionen wird das Phänomen der Informalität auf die Ebene von Regelungen eingegrenzt. helmke und Levitsky definieren dazu das Problem der Informalität oder der informalen Strukturen als »socially shared rules«, die schriftlich nicht fixiert sind und außerhalb offiziell sanktionierender Kanäle kreiert, kommuniziert und umgesetzt werden (helmke/Levitsky 2012, 88 f.). Das Nichtfixierte wird damit zunächst sozial fixiert, indem es auf Regeln bzw. regelnde Strukturen eingegrenzt wird. Durch diese Eingrenzung kann das Problem der Informalität auf bestimmte beobachtbare und konzeptualisierbare Strukturen zugerechnet werden, was primär der Entwicklung einer praktikablen Forschungsagenda dienlich ist. Nicht-fixierte Strukturen sind als Regelstrukturen interessant und die Fixierung erfolgt über die Taxierung des Informalen auf die vorhandenen Begriffe von Regelstrukturen. Gewiss muss dafür erst geklärt werden, welches Verhalten bzw. welche sozialen Interaktionen geregelt sind, doch so erreicht man eine relevante Selektion des Gegenstandes, öffnet sich für bestimmte Fragestellungen und ist anschließend in der Lage, informale Institutionen von anderen Konzepten wie Ideen, Kulturen, Netzwerken oder Gleichgewichten zu differenzieren (Azari/Smith 2012, 40). Diese Strategie der begrifflichen Fixierung des Nichtfixierten ist ihrerseits abhängig davon, auf welchen Regelkontext das Informale zugerechnet wird. Der Rückgriff auf Institutionen ermöglicht die Fixierung auf einen spezifischen Regelbegriff. Ist dieser wie im Neuen Institutionalismus sehr spezifisch, kann auch das Nichtfixierte in einen spezifischen Begriff überführt werden. Das gewinnt im hinblick auf die informale Verfassung nochmals an Schärfe, da hier nur bestimmte, sogar formalisierte Regeln angesprochen werden. Gleichzeitig wird durch diesen Ansatz der fixierende Strukturbegriff selbst erweitert, weil nicht mehr nur die einzelnen Regeln als Kategorien eine Rolle spielen, sondern der zugrunde gelegte Strukturbegriff der Regel in ein komplexeres Regelsystem überführt wird. Informale Verfassungen als Sonderform informaler Institutionen explizieren neben der Regel auch den regelermöglichenden Kontext einer Regel. Den gleichen Weg geht auch der Begriff der ungeschriebenen Verfassung. Er systematisiert das der Wirkung der Regel vorausgehende soziale Umfeld in Bezug auf die Legitimitätsproduktion. Einen völlig anderen Weg der Fixierung beschreitet der Begriff der Zivilreligion. hier wird das Phänomen mit einem Begriff konnotiert, der von sich heraus so breit angelegt ist, dass viele Phänomene integriert werden. Darunter befinden sich fixierte, nicht-fixierte, geistige und materiell praktizierte Orientierungen, die jedoch alle die wichtige Differenzierung von heilig und profan thematisieren (Durkheim 2007, 76). Solch eine Fixierung evoziert keinen so scharfen Begriff, da sie keine eindeutige Kategorisierung anbietet. Stattdessen produziert der Begriff der Zivilreligion einen DAS SchWIERIGE FIxIEREN DES NIchTFIxIERTEN 32 immensen Bedeutungsraum für die Verortung des Informalen, der verschiedene Deskriptionen und Interpretationen gleichberechtigt zulässt. (2.) Gegenstandsbereich: Unmittelbar mit der Begriffskonstruktion ist auch die Absteckung des Bereichs verbunden, in dem das Informale relational zur Politik beobachtet wird. Dabei korrespondiert der spezifische Begriff informaler Institutionen mit einem unspezifischen Gegenstandsbereich. Schaut man sich die verschiedenen von Lauth in seiner heuristik zusammengetragenen Beispiele für informale Institutionen an, fällt auf, dass sie auf verschiedenen Ebenen sozialer Organisation (Gruppen, Gemeinschaften, Gesellschaften) sowie in unterschiedlichen funktionalen Sphären existieren. Der scharfe Begriff der informalen Institutionen umschreibt ein Phänomen informaler Strukturen, die scheinbar in allen sozialen Bereichen relevant sind. Zudem sind sie sowohl partikularistisch als auch universalistisch orientiert. Der Institutionenbegriff fixiert zwar die nicht-fixierten Regeln, manifestiert sie als funktional unspezifisches Regelsystem jedoch in der gesamten Gesellschaft. Das Informale bekommt so einen allgemeinen Status in der Organisation sozialer Koexistenz, was dies einerseits als normalen Mechanismus der Alltagswelt aufwertet (Brie/Stölting 2012, 20), andererseits für eine politikwissenschaftliche Fokussierung abwertet. Wenn informale Institutionen geradezu überall existent sind, können sie zu einer Residualkategorie werden, die immer dann zum Einsatz kommt, wenn andere Ansätze versagen (Azari/Smith 2012, 39). Die Ansätze der informalen und ungeschriebenen Verfassungen selektieren den Gegenstandsbereich erheblich, indem sie informale Regeln exklusiv an die Wirkung fixierter Regelungen binden. Damit reduzieren sie die mannigfaltige Erscheinung der Informalität auf den Komplex der strukturermöglichenden Struktur. Der Regelbegriff bleibt weiterhin bestimmend, wird aber jetzt auf das Problem des notwendigen Regelumfeldes formaler Strukturen präzisiert, wobei deutlich wird, dass hier immer auch nicht-fixierte informale Regelungen von Bedeutung sind. Einen Schritt weiter geht die Idee der ungeschriebenen Verfassung, denn diese befasst sich nicht mehr mit der regelungsermöglichenden Struktur in Form informaler Verfassungen bzw. informalen Verfassungshandelns. Die ungeschriebene Verfassung erweitert den Gegenstandsbereich auf nicht-fixierte Regeln, die den fixierten Regeln vorausgehen. Es gibt Strukturen in Form von Regeln, die einen Rahmen aufspannen, in dem die fixierten Regeln eingebettet sind. Erst aus diesen umgebenden Strukturen erhalten die fixierten und formalisierten Regeln ihre Geltungskraft, ihre Legitimation. Mit dem Begriff der Zivilreligion wird der Gegenstandsbereich ebenfalls eingeschränkt. Es sind aber keine rechtlich kodifizierten Regeln, die den Fixpunkt für die Selektion bestimmter informaler Phänomene bilden, sondern die Differenzierung von höchsten Werten als Universalkonsens. Deren sogenannter PROBLEME DER RELIABILITäT 33 Schwundstufencharakter (Lübbe) grenzt den Bereich der nicht-fixierten Metastruktur erheblich ein. Auch weil es sich um abstrakte Regeln der Orientierung handelt, die das Phänomen der Informalität weit über die Ebene einfach zu beobachtender Tatsachen hinausheben, sind sie als Gegenstand genau zwischen Politik und Religion einzuordnen. (3.) Dependenz: Außer bei der Zivilreligion sind die informalen Strukturen immer von den formalisierten Strukturen abhängig. Informalität tritt im Kontext informaler Institutionen, informaler oder auch ungeschriebener Verfassungen nur in einem kategorialen Wechselspiel mit formalisierten Strukturen auf. Dies kann als eine zweite Strategie der Fixierung des Nichtfixierten aufgefasst werden. Neben die begriffliche Fixierung auf Regeln erfolgt eine weitere Fixierung durch die Doppelung des Phänomens mit formalen Strukturen. Informalität tritt damit immer im Gefolge von Formalisierungen auf. Tatsächlich gibt es dafür auch sozialtheoretische Gründe, weil, so der hinweis von Stölting und Brie, formale und informale Strukturen koevolutionär entwickelt werden (Brie/ Stölting 2012, 30). Informalität trägt zu einer Erweiterung sozialtheoretischer Konzepte bei, indem Regeln nur als Regelsysteme relevant werden, wenn sie eine formale und eine informale Seite besitzen (vgl. Brie/ Stölting 2012, 22). Dies mag konzeptuell gut begründet sein, führt jedoch in der Analyse informaler Strukturen häufig zu einer Diskriminierung nicht-fixierter Strukturen. Die konstruierte Abhängigkeit von Formalisierungen spricht informalen Strukturen ihre Eigenständigkeit ab und deutet sie funktionell zu reinen hilfsstrukturen des Formalen um (vgl. Azari/Smith 2012, 41 f.). Informale Institutionen und Verfassungen sind dann nur noch sozial notwendige Erfüllungsgehilfen. Diese Diskriminierung führt aber zu einem erkenntnistheoretischen Problem: In der Forschung werden informale Strukturen exklusiv durch die Spiegel formaler Strukturen wahrgenommen. Das hat im Kontext der informalen Verfassung durchaus seine Berechtigung. Es bleibt jedoch die unbeantwortete Frage nach einem möglichen, vom Formalen unabhängigen Status des Informalen bestehen. Die strenge Kausalität zwischen formalen und informalen Institutionen oder formalen und informalen Verfassungen wird erst durch das Konzept der ungeschriebenen Verfassung leicht revidiert, denn hier ist es nicht nur der Status des Erfüllungsgehilfen, den nicht-fixierte Strukturen bedienen. Stattdessen geht die Informalität nicht-fixierter Strukturen den fixierten Regeln teilweise voraus. »Without an unwritten constitution of some sort, we would not even be able to properly identify the official written constitution« (Amar 2012, x). Zwar geht auch dieses Konzept von einem Regelsystem mit einer formalen und einer informalen Komponente aus, doch wird das Formale zugunsten des Informalen dezentriert. Eine Eigenständigkeit des Informalen lässt sich nicht ablesen. Erst in der Zivilreligion bekommt das DAS SchWIERIGE FIxIEREN DES NIchTFIxIERTEN 34 Informale einen unabhängigen Status und muss sich dem Problem stellen, dass die Fixierung ohne adressierbare Formalisierungen schwierig ist. Kann etwas Nichtfixiertes überhaupt fest gemacht werden oder ist es ratsam, Lübbe zu folgen, der auf die Unschärfe des Gegenstandes verweist und anschließend mit dem ebenso unscharfen Phänomen der politischen Kultur verbindet? Die Eigenständigkeit des Informalen wird mit seiner Vagheit aufgewogen. (4.) Normativität: Die Frage der Normativität, ob auch informale Strukturen normativen charakter haben können, wird ebenso wie die Abhängigkeit von Formalisierungen unterschiedlich behandelt. Informale Institutionen und informale Verfassungen besitzen gegenüber ihren formalen Strukturen keinen normativen Status. Allenfalls lässt sich klären, ob die informalen Strukturen die normativen formalen Strukturen stützen oder konterkarieren. Eine sich daran anschließende Frage ist diejenige nach der Möglichkeit, auch informale Politik normativ zu legitimieren (vgl. Reh 2012). Dabei wird versucht, die Resultate politischer Interaktionen in nicht-fixierten Strukturen nachträglich zu formalisieren, wobei sozusagen nebenbei den informalen Strukturen doch ein bestimmtes Maß an Normativität zugestanden wird. Dies beschränkt sich jedoch auf den hinweis, dass in komplexen Gesellschaften nicht-formalisierte Strukturen zur Entscheidungsfindung notwendig sind, weil sie helfen, Transaktionskosten zu senken und in komplexen Situationen Vereinbarungen zu treffen (Reh 2012, 70). Das einzig gültige normative Kriterium ist das Effizienzargument, das zudem seltsam unpolitisch daherkommt. Im Rahmen der ungeschriebenen Verfassung wird, wie bereits deutlich gemacht wurde, den informalen Strukturen ein weitaus größerer normativer charakter zugestanden. Dies in zweifacher Weise: Zunächst bildet die ungeschriebene Verfassung einen normativen Rahmen, in dem die formale eingefasst ist und aus der sie ihre normative Kraft bezieht. Des Weiteren besitzen die durch die ungeschriebene Verfassung gestifteten Regeln einen normativen Anspruch, der jedoch nur im Kontext mit der geschriebenen Verfassung zu verstehen ist. Die Zivilreligion steigert schließlich die Bedeutung des Normativen und veranschaulicht die Wirkung nicht-fixierter Metastrukturen politischer Organisation von Gesellschaften, die Geltung beanspruchen. Nachdem die einzelnen Aspekte der möglichen Fixierung des Nichtfixierten zusammengefasst wurden, lassen sich die Strategien abwägen. Zunächst lassen sich folgende Differenzierungsmöglichkeiten für die Fassung des Informalen identifizieren: – reduzierende Kategorie vs. weitgefasster Sammelbegriff; – eindeutige vs. diffuse Erscheinungsform; PROBLEME DER RELIABILITäT 35 – Eigenständigkeit vs. Abhängigkeit von formalen Strukturen und – normativer vs. nicht-normativer Status. In diesem breiten Feld möglicher Explikationen ist das Informale für die politikwissenschaftliche Analyse relevant. Die Entscheidung für eine Strategie kann dann nur damit begründet werden, worauf die Forschung jeweils besonderen Wert legt: Ist es die Beobachtbarkeit des Phänomens oder die Evaluation seiner Wirkungen auf existente formale Institutionen? Sollen Varianzen politischer Interaktionen, die sich mit anderen Ansätzen nicht erklären lassen, problematisiert werden oder sucht man nach einer allgemeinen Ebene grundsätzlicher Legitimation politischer Ordnung? Jede Strategie stellt verschiedene Ansprüche an das Informale, wodurch es jeweils differenziert wahrgenommen wird. Problematisch ist es allemal, denn außer in der Zivilreligion wird es in seiner Bedeutung relativiert. Ihm wird kein Status als gleichberechtigte, auch für die Politik legitime Struktur zugesprochen. Diese Diskriminierung ist mit Kosten verbunden, die paradoxerweise erst beziffert werden können, wenn eine nicht-diskriminierende Beobachtung weitere Erkenntnisse zutage fördert. Daran schließt sich auch die Ausblendung normativer Fragen im Kontext informaler Strukturen an. Letztlich ist zu monieren, dass der diese beiden Punkte nicht-relativierende Ansatz der Zivilreligion das Phänomen der Informalität nicht-fixierter Strukturen so abstrahiert, dass die Verbindung mit spezifischen Problemen alltäglicher Politik und kurzfristigen politischen handelns nur schwierig herzustellen ist. Dies drängt die Frage nach dem Status des Informalen in den Bereich erkenntnistheoretischer Erörterungen, wobei wir uns folgend mit zwei besonders wichtigen auseinandersetzen werden: der Beschreibbarkeit und der Beobachtbarkeit. 2.2 Der Schleier der Rationalität Warum, um mit einer Polemik von Brie und Stölting zu beginnen, ist das Informale das »ungewollte Stiefkind« (Brie/Stölting 2012, 19) in der Sozialwissenschaft? Wieso konzentriert sich der Mainstream sozialwissenschaftlicher Forschung auf die zehn Prozent formalisierter sozialer Prozesse und ignoriert den Rest? Dies kommt der einseitigen Beobachtung der nur überseeischen Teile eines Eisberges gleich (Brie/Stölting 2012, 19). Es sieht so aus, als ob die wissenschaftliche Beobachtung dieses Phänomens mit seiner »scheinbaren Un-Begreiflichkeit« (Schulze-Fielitz 1984, 11) zu kämpfen hat. Vor diesem hintergrund sind die in Kauf genommenen Probleme der beschriebenen Fixierungsstrategien wie die Abhängigkeit von formalen Strukturen, die nicht unscharfe Eingrenzung oder die hohe Abstraktion zu verstehen. Doch welche ist die Ursache DAS SchWIERIGE FIxIEREN DES NIchTFIxIERTEN 36 dieser Schwierigkeiten im Umgang mit den informalen, nicht-fixierten Strukturen? Die Frage lässt sich mit der Dominanz eines bestimmten Rationalitätsverständnisses beantworten, das mit seinem Rationalitätskonzept einen Schleier über die informalen Strukturen ausbreitet, der für die Unbegreiflichkeit verantwortlich ist. »Seit jeher, bei Max Weber, Norbert Elias, Niklas Luhmann, Jürgen habermas war die sozialwissenschaftliche Theorie der europäischen Moderne eine Theorie der Formalisierung der Lebensverhältnisse im Allgemeinen und des Politischen im Besonderen« (holzinger 2010, 120). Die Formalisierung ist demzufolge ein Signum der modernen Gesellschaften, d. h. sie stellt nicht nur einen Effekt in der Entwicklung sozialer Koexistenzen dar, sondern muss als eine normative Leitidee begriffen werden, mit der Menschen versuchen, die sie umgebende soziale Umwelt sinnvoll zu ordnen. Doch auf welchen Prämissen beruht die Art der Formalisierung? Die wesentliche Idee hinter dem hang zur Formalisierung ist eine spezifische Vorstellung von Rationalität, nämlich Zweckrationalität. Diese geht eine Verbindung mit der herrschaft ein, um eine rationale Ordnung der Gesellschaft bzw. der sozialen Beziehungen umzusetzen (vgl. Luhmann 1999, 32 f.). Zweckrationalität wird zum Leitbegriff der Modernisierung und begründet die Idee, mittels Formalisierungen die Welt berechenbar und handhabbar machen zu können (Weber 1991, 250; Wagner 1995, 57).10 Begründet wird das mit einem »Standardmodell« der Rationalität, das nicht nur differierende Typen von Rationalität postuliert, sondern auch davon ausgeht, dass diese Typen »autonom definiert und klar voneinander abgrenzbar sind« (Welsch 1996, 442). Diese Separierungslogik lebt von der Fiktion, dass sich selbständig definierende Rationalitäten scharf voneinander trennen lassen. Genau dieser Gedanke reproduziert sich in der Formalisierung sozialer Strukturen. Die Idee der Separierung führt zur Fixierung von Strukturen, wodurch sie nicht nur bezeichnet und kategorisiert, sondern auch von anderen Regeln bzw. Strukturen abgegrenzt werden. Um eine Formalisierung im Sinne einer Stabilisierung von Erwartungen zu ermöglichen (Luhmann 1999, 38), werden Strukturen von anderen Strukturen separiert, damit sich fortan auf sie konzentriert werden kann. hier geht der Wunsch nach Sicherheit und Erwartbarkeit über in den Glauben an die tatsächliche Wirkungsweise der Separierung. Einmal fixierte Strukturen ließen sich somit dauerhaft von nicht-fixierten Strukturen abgrenzen. Diese beginnen nach der Trennung ein Eigenleben zu führen. Doch mit der rational begründeten Fixierung und Formalisierung wird auch ein Bereich relevanter Strukturen ausgeschlossen und verschleiert. Diese sich dem Fixierungspostulat entwindenden Strukturen, die nicht schlichtweg formalisierbar sind, 10 Wir werden im Kontext der politischen Rationalität (Teil II) ausführlicher auf den Rationalitätsbegriff eingehen. PROBLEME DER RELIABILITäT 37 bekommen den Stempel der Irrationalität aufgedrückt. Ihre Bedeutung für die soziale Ordnung wird relativiert. Damit die rationale Formalisierung in der Lage ist, die Bedeutung bestimmter sozialer Strukturen zu unterminieren, muss sie sich mit einem weiteren Element verbinden. Brie und Stölting verweisen auf den essenziellen Status der »culture of literacy« für die Genese formaler Institutionen (Brie/Stölting 2012, 21). Erst der Erfolg der Schrift und die sich daraus entwickelnden Praktiken der schriftlichen Fixierung von allen sozialen Phänomenen erlaubten es, dass sich Kodifizierungen von Regeln als Medium sozialer Organisation durchsetzten. Die schriftliche Kodifizierung ermöglichte die Genese des römischen Rechts und der allgemeinen Gesetze sowie die grundlegende Funktionalisierung von Administrationen, die zur schriftlichen Dokumentation und damit Formalisierung unabdingbar waren sowie in Form moderner Bürokratie weiter bestehen (Brie/Stölting 2012, 21). Mit dem Erfolg formalisierter Fixierungen von Strukturen in Texten beginnt auch der Bedeutungsverlust der schriftlich nicht-fixierten Regeln, zumindest für die sozialwissenschaftliche Reflexion. Sie sperren sich gegen eine Formalisierung und eine fixierbare Abgrenzung, womit sie auch nicht mit Rationalität aufgeladen werden können. Erst die systematische Forschung der sozialen Anthropologie rehabilitiert die nicht-fixierten Regeln, weil sie deren Funktionalität in Kulturen ohne die europäische Schrifttradition entdeckt hat und mit diesem Wissen die Vorstellungen von Strukturen wieder von der Idee der Formalisierung löst. »Thus, via this detour of social anthropology, the concept of institution has lost its connection to the formal and the feature of rational construction out of a unifying will, from which it originally emerged« (Brie/Stölting 2012, 22). Der Schwerpunkt in der Erforschung sozialer Strukturen liegt auf dem Formalisierten, weil ihm allein das Merkmal der Rationalität zugesprochen wird. Diese Konstruktion ist Teil der sozialen Transformation, die unter dem Begriff der Modernisierung subsumiert wird. Diese Konstruktion ist aber, wie mit dem hinweis auf die spezifische Schriftkultur in Europa gezeigt werden konnte, kontingent.11 Infolgedessen lässt sich die hinter der Konstruktion stehende Idee der Rationalität kritisch prüfen, wodurch auch die Legitimität des von ihr ausgebreiteten Schleiers der Irrationalität beanstandet werden kann. Die durch die Kritik gewonnene Distanz zur Rationalität der Formalisierung ermöglicht eine unvoreingenommene Analyse informaler Strukturen, indem der Schleier der Rationalität gelüftet und das Gros des Eisberges sichtbar gemacht wird, um bei der Metapher zu bleiben. Un-begreiflich waren informale Phänomene bisher nur, weil sie als irrational missverstanden wurden. 11 So, wie die Moderne selbst ein hoch kontingentes Ereignis ist (vgl. holzinger 2007; Knöbl 2007; Wagner 2008). DAS SchWIERIGE FIxIEREN DES NIchTFIxIERTEN 38 2.3 Das Dilemma mit dem Vermittlungsdilemma Die problematische Beschreibbarkeit informaler Strukturen durch ein falsch verstandenes Rationalitätspostulat geht mit der schwierigen Beobachtbarkeit des Informalen einher. Die schwierige Beobachtung berührt zwei Ebenen: die Ebene der Öffentlichkeit und die Ebene der Formulierbarkeit. Gehen wir zunächst davon aus, dass sich z. B. informale Institutionen durch die Spiegel ihrer formalen Ko-Institutionen noch sehr gut beobachten lassen. Es sind eine Reihe informaler Praktiken identifizierbar, auf die Akteure im Fall bestimmter formaler Regeln zurückgreifen, um die Regelungen praktikabel zu machen. So kann das Phänomen der Korruption, das in vielen Ländern eine bedeutende Institution darstellt, immer anhand diverser formalisierter Fixpunkte beobachtet werden (Bestechung von Beamten, Politikern etc., Bestechung, um eigene Interessen durchzusetzen, andere Interessen abzuwehren etc.). Soll aber die Wirkung informaler Regeln in einem größeren Kontext und losgelöst von formalen Strukturen beobachtet werden, stoßen wir auf das Problem der Öffentlichkeit. Nicht-fixierte Regeln, die für die gesamte Gesellschaft politisch relevant sein sollen, müssen öffentlich sein. Da aber informale Institutionen nicht-öffentlichen charakter besitzen, muss zwangsläufig die Wirkung informaler Regeln in größeren Zusammenhängen verneint werden. Formale Regeln sind normativ auf öffentliche Legitimation angewiesen, doch wenn viele Menschen einer Gesellschaft einer nicht-fixierten Regel folgen sollen, braucht auch diese ihre öffentliche Sphäre. Die öffentliche Wahrnehmung ist kein normatives, sondern ein funktionales Erfordernis für die kollektive Geltungskraft einer Regel. Ohne schriftliche Fixierung ist der Verbreitungsgrad von Regelungen jedoch stark eingeschränkt. Nicht, dass dies unmöglich ist; gerade die Zivilreligion zeigt, dass auch nicht-fixierte Regeln von vielen gewusst und geachtet werden. Gleichzeitig verdeutlicht die Zivilreligion, dass dies nur um den Preis hoher Abstraktion möglich ist. Ungeschriebene Regeln mit einem hohen Verbreitungsgrad müssen, wenn sie nicht im Schlepptau einer formalen Institution existieren, hinreichend einfach sein, um überall verstanden zu werden. Wie können aber nicht-öffentliche, abstrakte Regeln für einen größeren Zusammenhang wirksam werden? Ohne Öffentlichkeit sind sie nicht oder nur stark eingeschränkt beobachtbar, wodurch ihr Wirkungskreis eher partikular sein wird. Damit sie dennoch gesellschaftlich relevant werden, müssen sie kommunizierbar sein. Das kann durch Erfahrungen erfolgen. Menschen machen Erfahrungen und richten ihr künftiges handeln darauf aus, was von anderen beobachtet und adaptiert werden kann. Diese ausschließlich auf adaptivem Lernen beruhende ›Regelkommunikation‹ ist für eine gesellschaftliche Verbreitung jedoch ungeeignet. PROBLEME DER RELIABILITäT 39 Die Erfahrungen vieler Menschen sind viel zu differenziert, um ein eindeutiges Verstehen der Regelkommunikation zu stützen, was zudem eine Fülle an Irritationen, Neu- und Umdeutungen zulässt. Deshalb ist es unwahrscheinlich, dass eine allein aus Kommunikation von Erfahrung weitergereichte Regel kollektiv oder sogar gesellschaftlich wirksam werden kann. Demzufolge ist es notwendig, dass eine Regel auch direkt als Regel formuliert und kommuniziert werden kann. Doch ist dies ohne Formalisierung möglich? Wir haben bereits auf Luhmann verwiesen, der im Kontext der Zivilreligion deren Formulierbarkeit hinterfragt. Daraus lässt sich ein Vermittlungsdilemma gesellschaftlich relevanter Regeln konstruieren. Geht man davon aus, dass diese nicht-öffentlich sind, können sie nur von einer Minderheit oder einem exklusiven Kreis beobachtet und angewandt werden. Um aber für die gesamte Gesellschaft Regelungscharakter zu haben, sind sie auf Öffentlichkeit angewiesen. Damit ungeschriebene Regeln jenseits einer exklusiven Bedeutung als praktisches Wissen einen gesamtgesellschaftlichen charakter haben können, müssen sie beobachtbar sein. Sie benötigen eine öffentliche Manifestation, um als Regeln von nicht-involvierten Akteuren beobachtet werden zu können. Erst ihre Beobachtung bildet den Anreiz für andere, an diesen best-practice-Lösungen zu partizipieren. Die Öffentlichkeit von Regeln ist die erste Bedingung dafür, dass auch ungeschriebene Regeln über ihren unmittelbaren Wirkungskontext hinaus handlungsanleitend werden. Der öffentliche charakter von Regeln ermöglicht deren habitualisierung und somit die chance, dass sich dieses Ordnungswissen zu Institutionen verdichtet. Auf der anderen Seite besteht die Möglichkeit, dass die ungeschriebenen Regeln durch Kommunikation gesellschaftliche Relevanz erlangen können. Dafür müssen sie aber explizierbar sein und sprachlich formuliert werden können. Dies wird im Rahmen eines normativen Regelsystems sogar zur Voraussetzung. Weil das in den Regeln sich ausdrückende Ordnungswissen reflexiv zum Gegenstand der Regelbildung werden muss, ist es wichtig, dass das Regelwissen diskursiv verarbeitet wird. Die einfachen Konventionen müssen beobachtet, begründet und hinterfragt werden. In expliziten Bemühungen von Konventionalisierungen versuchen Akteure, ihre Ideen, als Teil diskursiver Praktiken, zur Ordnung der Gesellschaft zu machen. Während einfache ungeschriebene Regeln nicht auf die Ausbildung diskursiver Praktiken angewiesen sind, können erst diskursive Regeln soweit verallgemeinert werden, dass sie kollektiv begründbar sind. Doch dies erscheint für gesamtgesellschaftlich wirksame informale Regeln, wie die Zivilreligion, die in diversen funktionalen Kontexten operationalisiert werden, aufgrund ihres Abstraktionsgrades immer schwieriger. DAS SchWIERIGE FIxIEREN DES NIchTFIxIERTEN 40 Erkenntnistheoretisch produziert das Vermittlungsdilemma damit ein weiteres Dilemma. Dieses besteht aus der Simultanität von (1.) Nicht- Wahrnehmung und (2.) Nicht-Mitteilung (vgl. Knobloch 2011, 19): (1.) Nicht-öffentliche Regeln lassen sich schwer beobachten. Sollte es doch gelingen, die Wirkung dieser Regeln in ihren exklusiven Gruppen zu identifizieren, kann nicht davon ausgegangen werden, dass sie in anderen sozialen Kontexten gültig sind. Ohne Öffentlichkeit müsste die Beobachtung eine Kollektion verschiedenster partikularer Regeln anfertigen und am Ende nur mutmaßen, dass sich diese auf die gesamte Gesellschaft beziehen lassen. (2.) Im Gegensatz dazu könnte man öffentliche ungeschriebene Regeln beobachten. Da diese aber nicht oder nur schwierig zu formulieren sind, kann die Suche ins Leere laufen. In dem Maße, in dem sich Regeln einer Formulierung entziehen (zumal das nicht auch eine Art der Formalisierung bedeutet), lassen sie sich nur noch indirekt sozusagen in den von ihnen determinierten handlungen beobachten. Eine eindeutige Zurechnung ist so unwahrscheinlich. Aus diesen beiden Problemen der Beobachtung lässt sich eine heuristik erstellen, die hilft, das Dilemma mit dem Vermittlungsdilemma zu verdeutlichen. Ausgangspunkt sind die für die Beobachtung von Regeln bzw. Strukturen wichtigen Dimensionen der Wahrnehmung und der Mitteilung. Die Wahrnehmung von Strukturen lässt sich in öffentlich und nicht-öffentlich wahrnehmbare Strukturen unterscheiden. Zudem können die Strukturen mitgeteilt werden. Da es aber um nicht-fixierte Regeln geht, verkürzen wir dies auf die Möglichkeit, dass Regeln ein formulierbares Element oder, im Falle ihrer Unausgesprochenheit, kein Gegenstand diskursiver Praktiken sind. Sollten sie trotzdem als Regeln mit kollektivem Anspruch auftreten, müssen sie irgendwie in nichtdiskursiven Praktiken weitergegeben werden. Daraus lässt sich folgende heuristik konstruieren, in die wir die erläuterten Beispiele informaler Strukturen einfügen. Heuristik der Formen informaler Strukturen Diskursive Praktiken Nicht-diskursive Praktiken Öffentlich Ungeschriebene und z. T. auch informale Verfassungen Zivilreligion (im Sinne unverfügbarer höchster Werte) Nicht- Öffentlich Informale Institutionen und z. T. auch informale Verfassungen common Sense Wahrnehmung Mitteilung PROBLEME DER RELIABILITäT 41 Anhand der heuristik wird klar, dass die Beobachtungsprobleme dort beginnen, wo entweder keine formulierbare Mitteilungsfähigkeit oder eine nicht-öffentliche Wahrnehmung die Strukturen auszeichnet. Zudem zeigt die heuristik, dass theoretisch auch Strukturen existieren können, die weder öffentlich wahrnehmbar noch formulierbar sind. Diese spielen in der politikwissenschaftlichen Auseinandersetzung jedoch keine Rolle. Dennoch gibt es auch hier einen Bereich informaler Strukturen, der, wenn wir an die Problematisierung des common Sense bei clifford Geertz denken, für die regelhafte Organisation von Gesellschaften eine herausragende Rolle spielt, weil erst dieser die Welt eindeutig macht (Geertz 1983, 261 ff.). »Unter common Sense ist also nicht ein Sozialballast von Vulgärideen zu verstehen, […] sondern der Urteils- und Verhaltenshabitus eines von der Ratio her geformten Menschen […]« (Voegelin 2005, 353). Wir sehen, dass die Systematisierung des Vermittlungsdilemmas einen bisher wenig beachteten Bereich beleuchtet. Dieser stellt zwar eine wesentliche Komponente des Phänomens der Informalität dar, doch scheiterte dessen Analyse bisher erkenntnistheoretisch am Vermittlungsdilemma. Das Dilemma lässt sich außerhalb der Spiegel formaler Strukturen nicht zufriedenstellend auflösen. Entweder sucht man nach öffentlicher Manifestation oder nach der Formulierbarkeit nicht-fixierter Regeln. Beides wird jedoch durch die Struktur informaler Regeln unterlaufen. Die öffentliche Manifestation und die Formulierbarkeit von Regeln sind abhängig von ihrem Status. Eine soziale Regelung muss als Zustand existent sein, d. h. sie muss entweder materiell erfahrbar sein im Sinne beobachtungsfähiger Regelmäßigkeiten oder sie muss als Regel explizit bestimmte Erwartungen selektieren. Doch besitzen informale Regeln, wenn sie unabhängig von formalen Strukturen gedacht werden, keinen Status. Um dies irgendwie beobachten zu können, also Informalität in ihrer Eigenständigkeit anzuerkennen, sehen wir uns einem in erster Linie wenig hilfreichen kategorialen Apparat gegenüber. Fast alle Fixierungen der nicht-fixierten Strukturen operieren aus der Perspektive formaler Strukturen, die Statuscharakter haben. Damit werden in einem praktischen Automatismus den nicht-fixierten Strukturen die negativierten Eigenschaften formaler Strukturen zugeschrieben. Nichtöffentlichkeit, Unformulierbarkeit sowie fehlende Normativität sind die negativ gewendeten charakteristika formaler Strukturen, die den informalen unterstellt werden. Damit wird den informalen Strukturen der Status abgesprochen und sogleich der Status als einzige mögliche Form der Existenz sozialer Strukturen deklariert. Für eine nicht-diskriminierende Analyse und Bewertung informaler Strukturen sind andere Kategorien nötig, die eine offene Beobachtung des Phänomens jenseits der ›Status-Bias‹ erlauben. DAS SchWIERIGE FIxIEREN DES NIchTFIxIERTEN 42 3. Neuorientierung Fassen wir die wesentlichen Punkte unserer Kritik zusammen: Ausgehend von einem falsch verstandenen Rationalitätsverständnis wird das Phänomen der informalen nicht-fixierten Strukturen diskriminiert und einseitig vom Formalen dominiert. Infolgedessen wird die Beobachtung des Phänomens durch unbrauchbare Kategorien behindert. Damit setzt unsere Kritik an der Forschung fundamental an. Diese Kritik wird geteilt. So fasst Schuppert seinen Durchgang informaler Phänomene im Kontext der Analyse moderner Staatlichkeit folgendermaßen zusammen: – Ausgehend von der Beobachtung, dass menschliche Akteure in einem weiten Feld informaler und formaler Regelsysteme eingebunden sind, die direkt und indirekt auf sie einwirken, lernen sie von Beginn an, mit beiden Regelsystemen in ihrer Differenz umzugehen; – Daran schließt sich die Feststellung an, dass zwischen formalen und informalen Regelkomplexen kein wesensmäßiger bzw. kategorialer Gegensatz existiert, mithin zwischen beiden nur graduelle Unterschiede bestehen, zumal sie als Regelkomplexe miteinander verbunden sind; – Dementsprechend darf die politische Analyse keine Seite diskriminieren; – Daraus ergibt sich die zentrale Frage nach dem Verhältnis von informalen und formalen Regelkomplexen (Schuppert 2011, 182, eigene hervorhebung). Diese Zusammenfassung geht im Wesentlichen mit unserer konform. Wenn keine Diskriminierung informaler Regeln erfolgen soll, dann sind sie Teil eines umfassenden Regelkomplexes, den es systematisch nach den jeweils dominierenden Strukturen hin zu untersuchen gilt. Schuppert will die Aufklärung informaler Regeln in einer gleichberechtigten Regelheuristik vor dem hintergrund des Verhältnisses der beiden Regelarten empirisch organisieren. Demzufolge geht er von einem Spannungsverhältnis aus, in dem beide Regelungen eingebunden sind und je nach Situation und Problematik von den Akteuren genutzt werden. Dieser Idee können wir uns im Prinzip anschließen, wollen aber einen etwas anderen Weg gehen. Da wir die Ursache der Diskriminierung informaler Regeln im Schleier der Rationalität identifiziert haben, setzen wir zunächst an diesem Punkt an. Erst der Nachweis der Kontingenz der Rationalisierung erlaubt es uns, das Problem der Informalität neu zu verstehen. Anschließend wollen auch wir dies in ein Spannungsfeld möglicher sozialer Regeln einbetten, doch werden wir dieses Spannungsfeld anders konstituieren, nämlich als Problematik eines rein politischen Strukturbegriffs. Dieser Teil orientiert sich somit an der zuvor entwickelten Kritik, die erst die Begründung und dann die Perspektive selbst behandelt NEUORIENTIERUNG 43 hat. Die Neuorientierung formuliert demzufolge den Gegenstand neu und nennt dann die Prämissen seiner Beobachtung. 3.1 Die Rationalität der Formalisierung Mit einem bestimmten Rationalitätsverständnis wird die soziale Welt formalisiert. Die normative Leitidee der Formalisierung beruht auf der Klassifikation als Verfahren und Methode, deren Wesen Wagner kritisch beleuchtet (Wagner 1995, 57 f.): Zunächst wird mittels der Klassifizierung die Welt zur besseren Lenkbarkeit neu interpretiert, wozu neue Konzepte konstruiert werden. Diese stellen spezifische Aspekte der Welt dar, die von anderen Aspekten durch Grenzziehung abgetrennt werden, während die Aspekte der gleichen Klasse einander gleichgesetzt werden. Wagner sieht hinter der Formalisierung ein »reduktives Vorgehen«, das »die Wirklichkeit auf einige oder wenige entscheidende Eigenschaften reduziert«, wobei diese Reduktion von Komplexität den Effekt einer erhöhten Operabilität mit sich bringt (Wagner 1995, 59). Die Formalisierung arbeitet mit »starken Einschließungs- und Ausgrenzungsregeln« (Wagner 1995, 59), die die Fülle möglicher Reaktionsmöglichkeiten des handelns beschränken und stabile Erwartungshaltungen konstruieren, die kollektives handeln in komplexen Settings erlauben bzw. reproduzierbar machen. Gleichzeitig werden so aber auch andere Möglichkeiten diskriminiert: etwa Reaktionen bzw. handlungen, die sich nicht klassifizieren lassen. Dieses Vorgehen ist ein kontingentes Mittel zur Ordnung von Gesellschaften. Formalisierung ist Teil eines normativ gewollten Prozesses der Organisation kollektiven Zusammenlebens, in dem die Besonderheiten zugunsten einer »erhöhten Rigidität von handlungsabläufen« (Wagner 1995, 61) diskriminiert werden. Dieser Akt der Differenzierung, der Unterscheidung von bestimmten Phänomenen, ist der Geburtshelfer informaler Strukturen. Insoweit wurde die Zufälligkeit der Konstruktion formaler und informaler Strukturen im Rahmen der Moderne bereits bewiesen. Indes ist es sinnvoll, weiter auf die Operation der Differenzierung in ihrer erkenntnistheoretischen Dimension einzugehen. Zunächst fällt auf, dass die Differenzierung nach formalen und informalen Strukturen normativ nur zu einer Seite hin legitimiert ist. Es ist die Funktion der Formalisierung, durch Klassifikationen bestimmte Erwartungen zu stabilisieren (vgl. Luhmann 1999, 59). Bestimmte handlungen oder Verhaltensweisen werden positiv bestimmt, damit sich das Verhalten und die handlungen von Akteuren in der Zukunft daran orientieren können. Die Menschen der Zukunft sollen situativ dieselben Verhaltensweisen ausführen, was wiederum von anderen Menschen erwartet werden kann. Soweit wird der Klassifikation, die ausschließlich eine Seite der Differenzierung betrifft, ein DAS SchWIERIGE FIxIEREN DES NIchTFIxIERTEN 44 Wert zugesprochen. Für die andere Seite gilt dies nicht. Die Formalisierung gibt keine Auskunft über die nicht-klassifizierten und damit ausgeschlossenen Verhaltensweisen. Formalisierung initiiert eine Differenzierung, ohne der anderen Seite des Differenzierten allzu große Beachtung zu schenken. In dieser hinsicht fungiert die nicht-formale Seite der Differenz als Residualkategorie. Damit sich diese einseitige Fokussierung durchsetzen kann, operiert die Formalisierung mit einem starken normativen Argument – der Rationalität. Dieses Argument ist so stark, dass, wie wir gezeigt haben, durch dieses die zweite Seite der Differenz, die von der Formalisierung ausgeschlossene, unter einem Schleier der Un- Beschreibbarkeit verschwindet. Neben der problematischen Kontingenz, der man in einer historischen Situation und vor dem hintergrund eines bestimmten zivilisatorischen Entwicklungspfades zustimmen könnte, ist es der rationalistische Kern, der Widerspruch provoziert. Die Formalisierung (und damit Differenzierung aller sozialen Regelungen) operiert, wie angemerkt, mit dem Standardmodell der Rationalität. Doch ebendieses Modell ist in der Rationalitätsforschung selbst widerlegt worden. So hat etwa Welsch eine wesentliche Prämisse des Standardmodells der Rationalität kritisiert. Statt von der Annahme klar zu definierender Rationalitätstypen auszugehen, zeigt er, dass Rationalität an sich »ein komplexes Gefüge von Verbindungen, Verschiebungen und Gegenwendigkeiten« ist, das nicht auf einen Nenner reduziert werden kann (Welsch 1996, 443). Insbesondere zwei Merkmale zeichnen folgend die realistische Rationalität aus: ihre Unordentlichkeit und ihr Verflechtungscharakter. Die Unordentlichkeit moderner Rationalität ist eine Folge ihrer Pluralisierung, bei der viele Rationalitäten entstehen, die jeweils eine Version des Ganzen vertreten. Die Pluralisierung der Rationalitäten folgt ihrerseits der Ausdifferenzierung von Rationalitätstypen, wobei, so Welsch, bereits die Vorstellung getrennter Rationalitäten illusorisch war (Welsch 1996, 605). In ihrer Tiefe sind die einzelnen Typen weiterhin miteinander verbunden und verflochten, sodass bereits diese »vermeintliche rationale Wohlordnung« nicht existiert hat (Welsch 1996, 606). Darüber hinaus bilden sich eine Reihe unterschiedlicher Paradigmen innerhalb der einzelnen Rationalitätstypen, wodurch eine unübersichtliche Konkurrenz zwischen ihren jeweils vertretenen Vorstellungen über den Rationalitätstyp herrscht. Insofern ist Rationalität nicht in der Lage, die Formalisierung methodisch derart zu begründen, dass immer eine klare Differenz unterschiedlicher Strukturen möglich ist. Die einfache Aufteilung von formalen und informalen Regeln durch eine sich scheinbar selbst begründende Zweckrationalität, nach der es zweckmäßig ist, diese oder andere Dinge ein- bzw. auszuschließen, überzeugt vor dem hintergrund einer unordentlichen »Realverfassung« (Welsch 1996, 572) nicht mehr. NEUORIENTIERUNG 45 Weder die Formalisierung noch die dafür genutzte Klassifikation kann mit dem hinweis auf rationale Gründe ausreichend begründet werden. Aus rationaler Unordentlichkeit ergeben sich keine Gründe für die Ordnung von Strukturen, ihre Einteilung und die gegenseitige Abgrenzung. Die gesamte Differenzierung von formalen und informalen Regeln als Klassifikation von sozialen Regelungen ist in einen unübersichtlichen, durch Verflechtungen und Verweisungen geprägten Begründungskontext eingebettet. Demzufolge ist die Konstruktion selbst eine Fiktion, weil sie selektiv mit nur einem Paradigma und im Rahmen nur eines Rationalitätstypus (zweckrational) operiert. hinter der Verengung des Rationalitätsverständnisses steht die Absicht, die Stabilisierung von Erwartungen zum wesentlichen Kriterium vernünftiger Politik zu erheben. Das trägt zwar zur handlungsentlastung bei, muss für die Analyse aber hinterfragt werden. In dieser hinsicht muss das Problem der Rationalität erweitert werden. Es ist nicht die Rationalität die Ursache für die Formalisierung, sondern es ist eine bestimmte, mit anderen eng verbundene Rationalität. Diese stattet die Klassifikation aber nicht nur in einer Richtung mit Sinn aus. Es wird nicht nur begründet, warum Regeln eingeschlossen werden und somit formal sind, sondern auch, warum andere Regeln ausgeschlossen werden. hierfür muss ein weiterer Rationalitätskomplex in den Blick genommen werden, der einerseits die Differenzierung nach formal und informal ohne die Diskriminierung einer der beiden erklärt, andererseits in der Lage ist, die Einheit der Differenz, also das Problem von Strukturen allgemein, zu konzeptualisieren. Die Zweckrationalität formaler Strukturen ist mit der eigenständigen Rationalität informaler Strukturen in einem Rationalitätskontext menschlicher Ordnungsbildung verknüpft. Die Auseinandersetzung mit informalen Strukturen kann insofern nicht bei der Formalisierung stehen bleiben. Sie muss nach dem Sinn der Klassifizierung von Strukturen generell fragen, denn es steht nicht die Differenzierung von formalen/informalen Strukturen im Fokus, sondern das Feld, in dem diese Differenzierung erfolgt. Demnach muss klar sein, in welchem institutionellen Umfeld sich formale und informale Institutionen unterscheiden lassen oder welcher Regelkontext die Trennung von ungeschriebenen und geschriebenen Verfassungen erlaubt. Mit anderen Worten interessiert die Einheit der Differenz, die informale/formale Strukturen mit Plausibilität versorgt. hierfür reicht ein einzelnes Rationalitätsparadigma nicht aus, wenn es eine Seite der Differenzierung diskriminiert. 3.2 Der politische Strukturbegriff Statt vom gleichberechtigten Status formaler/informaler Strukturen auszugehen, wie Schuppert vorschlägt, um beide als Teil eines miteinander DAS SchWIERIGE FIxIEREN DES NIchTFIxIERTEN 46 verwobenen Regelkomplexes zu behandeln, stellen wir die Frage nach der Begründungsfähigkeit der vorgenommenen Differenzierung. Nicht das Verhältnis formaler und informaler Strukturen interessiert uns, sondern die Basis, die dieses Verhältnis erlaubt. Der Ausgriff auf die Verfassung der Rationalität hat gezeigt, dass die Konstruktion von sinnvollen Strukturen durch den hinweis auf einen spezifischen Rationalitätstypus im Kontext nur einer Seite der Unterscheidung nicht plausibel erscheint. Die Differenzierung ist nicht selbsterklärend. Vielmehr konstituiert sich die Einheit der Differenz in einem Umfeld, das Klassifizierungen ermöglicht. Zumeist wird angenommen, dass die Differenz in diesem Umfeld selektiv operiert, wogegen wir im Anschluss einen konstruktiven Ansatz stark machen wollen. Die selektive Annahme geht davon aus, dass Regeln existieren, die dann der einen oder anderen Seite der Differenz zugeordnet werden können. Damit wird eine gewisse Natürlichkeit sozialer Regeln postuliert, wobei diese Regeln sich in Gesellschaften zu Strukturen verdichten und anschließend differenziert werden können. hierfür externalisiert man das Begründungsproblem der sozialen Regeln und übergibt es anderen, nicht-politischen Theorien. häufig wird hierfür die Sozialtheorie genutzt, an deren Erkenntnissen die politische Auseinandersetzung anknüpft. Tatsächlich dominiert diese Annahme in der politischen Analyse informaler Strukturen. Die institutionalistischen Ansätze übernehmen in der Regel einen unpolitischen Institutionenbegriff, der entweder historisch, soziologisch oder ökonomisch geprägt ist und in die politische Sphäre transferiert wird.12 Der Verfassungsbegriff ist juristisch konnotiert und auch der informale Rechtsstaat übernimmt ein juristisch fokussiertes, wenn auch sozialwissenschaftlich erweitertes Strukturverständnis in Form alternativer handlungsformen im Gesetzesvollzug zum Ausgangspunkt. Schließlich wird auch das Konzept der Zivilreligion auf der Basis theologischer Strukturannahmen entwickelt. Diesen auf der selektiven Annahme beruhenden Ansätzen ist gleich, dass sie die Strukturen und Regeln als vorpolitisch konstituiert anerkennen. Exemplarisch dafür ist das Institutionenverständnis von Göhler (Göhler 2004, 210 f.). Für ihn sind Institutionen zunächst soziale Gebilde, die Regeln sanktionieren. Die Regeln sind jedoch noch keine Institution. »Um Institutionen handelt es sich erst, wenn grundsätzlich drei Bedingungen erfüllt sind: dass es Regeln gibt, dass sie angewendet werden und dass die Beteiligten dies auch wissen« (Göhler 2004, 211). Dann führt er die Differenz von formellen und informellen Regeln ein. Formelle Regeln sind normiert und gehören 12 Göhler hingegen spricht von einem politikwissenschaftlichen Institutionalismus, der insbesondere durch die Abgrenzung von marxistischen Ansätzen entstand (Göhler 2004, 219). Die Eigenleistung ist ein historischer Neo-Institutionalismus, den wir jedoch ebenfalls als unpolitischen Institutionalismus deuten. NEUORIENTIERUNG 47 vor allem zu den politischen Institutionen. Informelle Regeln sind zwar ebenso wirksam, jedoch ist ihre Normierung nicht so eindeutig, obwohl Göhler auch von »ungeschriebenen Gesetzen« spricht, die ebenfalls normiert sind. Kurzum, der Unterschied wird nicht so deutlich, doch lassen sich die vorgefundenen Regeln jeweils selektiv einer Seite zuordnen. Im Rahmen vieler Forschungsfragen ist diese einfache Festlegung auf der Basis selektiver Annahmen sinnvoll, weil komplexere Regelungssysteme wie Institutionen in ihrer spezifischen Wirkungsweise beschrieben und analysiert werden können. Mit anderen Worten sind diese unterschiedlichen Ansätze zur Beschreibung von sozial relevanten Strukturen nicht falsch. Sie stellen dennoch ein Problem für die Bewertung der informalen Strukturen aus politikwissenschaftlicher Sicht dar. Indem diese unpolitischen Strukturbegriffe den Rahmen bilden, in dem Akteure ihre für die Genese informaler Strukturen notwendige Klassifikation vornehmen können, wird die Einheit der Differenz entweder zugunsten der formalen Seite verschleiert oder sie wird unpolitisch. Im ersten Fall wird die Differenzierung der Strukturen mit dem hinweis auf die vorhandenen Strukturen selbst nicht weiter problematisiert, während im zweiten Fall die Einheit der Differenz unpolitisch interpretiert wird. Beispielsweise sieht Luhmann die Einheit der Differenz in einem fundamentalen Gesetz sozialer Gruppenbildung, wonach das Zusammenleben von der Bildung relativ stabiler, wechselseitiger Verhaltenserwartungen abhängt (Luhmann 1999, 34). Für ihn besteht die Einheit in einem funktionalen Postulat: Sollten die wechselseitigen Verhaltenserwartungen nicht gelingen, werden die sozialen Beziehungen nach einem bestimmten Maß an Enttäuschungen beendet. Soziale Systeme können derart nicht überleben. Die Formalisierung von Erwartungen ist sozial bedingt und erst sie ermöglicht die Verknüpfung von Mitgliedschaft und bestimmten Erwartungen (Luhmann 1999, 38). hieraus entstehen die für die Klassifikation in Frage kommenden festen Strukturen. Die Entscheidung, welche Strukturen künftig eingeschlossen werden, ist zwar politisch, aber die Strukturbildung vor der Klassifikation nicht. In diesem Sinne verwendet auch Göhler den Institutionenbegriff. Zuerst definiert er die weiten sozialen Institutionen, um anschließend politische Institutionen als funktional spezifische Varianten der ersteren zu umreißen (Göhler 2004, 212 f.). Er schreibt den primär sozialen charakter der Institutionen fest, um politische Institutionen analog zu den sozialen zu beschreiben. Sie sind ihrem funktionalen Kontext nach enger fokussiert und in Bezug auf die eingeschlossenen Akteure »diffiziler« (Göhler 2004, 214). Das logische Problem der selektiven Annahme ist die nicht ausreichend konzeptualisierte Einheit der Differenz. Insofern die vorgefundene Differenzierung zumeist nicht als Einheit betrachtet bzw. die Konstitution dieser Einheit ausgeblendet wird, kommt es zur unreflektierten Reproduktion der Differenz von formal/informal mithilfe rationaler DAS SchWIERIGE FIxIEREN DES NIchTFIxIERTEN 48 Argumente. Dieser Gefahr sieht sich auch Luhmann gegenüber, wobei er sich besonders an der Rationalitätsannahme stößt (Luhmann 1999, 33). Da seiner Meinung nach der Mensch nur in sehr begrenztem Umfang zu rationalem Verhalten fähig ist, scheint die der formalen Organisation unterstellte Rationalität hinfällig zu sein. Zudem kann die Existenz der anderen informalen Seite von Strukturen nicht als irrational gelten. Demzufolge sucht er die Einheit der Differenz im »gemeinsamen Nenner« formaler und informaler Organisation, was ihn zur schon angesprochenen notwendigen Verhaltenserwartung führt. Dieser gemeinsame Nenner ist jedoch unpolitisch und funktional auf die Genese oder Routine sozialer Systeme ausgerichtet. Uns geht es aber um die Aufklärung der Differenz im Rahmen der Politikwissenschaft und ihrer Integrationsdisziplin, der Politischen Theorie. Für die Umsetzung dieser Aufgabe findet sich ein wichtiger Anhaltspunkt bei holzinger (holzinger 2007, 306 f.): Die Entscheidung, wann und von welchem Beobachtungsstandpunkt aus ein soziales Phänomen untersucht wird, ist von Bedeutung. »Analysiert man es zu einem Zeitpunkt, an dem alle strukturellen Zwänge im sozialen Lebenszusammenhang bereits akzeptiert sind und die Wirklichkeit eine kohärente und eine allgemein verbindliche Inszenierung erfahren hat (Black Box), oder beginnt man mit der Analyse dort, wo die institutionelle Struktur des zu erklärenden Phänomens noch gar keine systematische Wirkung erzielen kann […]« (holzinger 2007, 308). Es macht einen Unterschied, ob man die Differenzierung verschiedener Regeln als Wirklichkeit annimmt oder weitergehend analysiert, wie diese zur Wirklichkeit werden konnten. holzinger knüpft hierfür an die Verschiedenheit von Wirklichkeitsordnung und Wirklichkeitskonstruktion an (holzinger 2007, 308). Insofern wir den Fokus auf die Wirklichkeitskonstruktion ausrichten, stellen wir den »Objektstatus« (holzinger 2007, 308) von sozialen Phänomenen infrage, was sich auch auf die konstituierende Differenz von formalen und informalen Strukturen auswirkt. Damit kommen wir zum Kern des hier vertretenen konstruktiven Ansatzes. Dabei wird das Problem der Einheit der Differenz soweit radikalisiert, dass die Einheit der Unterscheidung von formalen und informalen Strukturen auf den Strukturbegriff selbst ausgedehnt wird. Bei der politischen Entscheidung zur Klassifikation wird demzufolge nicht einfach auf fluide soziale Regeln zurückgegriffen, sondern die Regelungen müssen selbst so konstruiert werden, dass die Differenz Sinn ergibt. Die Konstruktion von Regeln kann auch als bewusste Regulierung der Regelung verstanden werden. Menschen stellen Regeln für die Regelung ihrer Angelegenheiten auf, z. B., ob oder unter welchen Bedingungen Regeln in der Öffentlichkeit wahrnehmbar oder nicht wahrnehmbar sind. Ebenfalls kann geregelt werden, inwieweit Regeln wie mitgeteilt werden. Diese Regeln der Regeln sind ein Akt der sozialen Konstruktion der Wirklichkeit (Berger/Luckmann 1969), folgen aber einer politischen Logik. NEUORIENTIERUNG 49 Damit treffen wir wieder auf das Rationalitätsproblem, jedoch erweitert auf den Bereich des Politischen. Die Regeln der Regelung bilden einen strukturellen Kontext, dessen Formen durch eine verflochtene und pluralistische politische Rationalität mit Sinn und normativen Bezügen aufgeladen werden. Entsprechend ist es möglich, dass in diesem Feld rationaler Unordnung die Zweckrationalität zur Konstruktion bestimmter Regelungen partikular instrumentalisiert werden kann. Fassen wir unsere Argumentation zusammen: Im Rahmen des konstruktiven Ansatzes verorten wir die Einheit der Differenz formaler/informaler Regeln auf der Ebene der Genese von Regeln allgemein, wobei die Klassifizierung und ihre Instrumentalisierung zweckrationaler Argumente nur im Kontext einer politischen Rationalität verstanden werden können. Wenn es eine politische Entscheidung ist, mittels Formalisierung die Welt verstehbar zu machen, dann muss auch im Politischen erkennbar sein, vor welchem hintergrund diese Entscheidung sinnvoll erscheint. Die politische Rationalität setzt aber nicht erst bei der Klassifizierung bestimmter Strukturen an, sondern bei der Strukturierung selbst. Erst durch die politische Rationalität bekommt die Strukturierung sozialer Wirklichkeit einen Sinn und eine spezifische Rechtfertigung, auch gegenüber anderen. Dieser Zusammenhang mündet in einem rein politischen Strukturbegriff, der zur Ausgangsbasis einer Konzeptualisierung informaler Strukturen avanciert. 3.3 Die politische Aufklärung des Nichtfixierten Die bei der Fixierung nicht-fixierter Strukturen festgestellten Schwierigkeiten sind von uns zum einen als Schleier der Rationalität und zum anderen als Beobachtungsprobleme von in Vermittlungsdilemma gefangenen informalen Strukturen identifiziert worden. Ein entscheidendes Problem ist die m. E. nicht sinnvolle Fokussierung auf die Differenzierung der Strukturen im Rahmen eines selektiven Ansatzes, der die Einheit der Differenz ausblendet. Doch ohne die Einheit der Differenz kann die Analyse des Verhältnisses von formalen und informalen Strukturen allenfalls tautologisch argumentieren. Mit anderen Worten wird die Differenz von formalen und informalen Strukturen durch die Differenz dieser Strukturen begründet. Dies funktioniert insoweit, wie mit der verkürzten Zweckrationalitätsannahme eine Seite der Differenz ausgeblendet wird. So liegt der Sinn der Differenzierung allein in der Genese formaler Strukturen. Die koevolutionären informalen Strukturen sind kollateraler Natur. Unsere Kritik an dieser Vorgehensweise zielte auf eine sinnvollere Verortung der Einheit der Differenz. hierzu wurde mit hinweis auf die Legitimation der Klassifikation die politische Rationalität als Feld spezifischen Sinns eingeführt. Menschen weisen ihren DAS SchWIERIGE FIxIEREN DES NIchTFIxIERTEN 50 Aktivitäten Bedeutungen zu, die ihrerseits spezifische Rationalität ausdrücken. Von diesem Punkt aus nehmen Menschen eine Strukturierung ihres Lebens und Zusammenlebens vor. Diese Strukturierung bildet die Einheit der Differenz verschiedener Strukturen, wobei die Strukturierung ein konstruktiver Vorgang ist, in dem die Rationalität als ordnungsstiftender Kontext reflexiv mit den empirischen Resultaten der Strukturierung verbunden ist. Dies ist der prozessuale Rahmen, in dem Menschen die Regeln für die Regeln des Zusammenlebens festlegen und sie mit Regelungsergebnissen abgleichen. Somit entspringt auch die Klassifikation formaler bzw. informaler Strukturen diesem Prozess. Für eine Neuorientierung der politischen Analyse nicht-fixierter Strukturen impliziert dies eine Re-Orientierung im hinblick auf den Strukturbegriff. Dieser kann nun nicht mehr einfach den Sozialtheorien entliehen werden. Vielmehr steht die anspruchsvolle Aufgabe bevor, einen politischen Strukturbegriff zu suchen, der den Ausgangspunkt und den Rahmen für alle weiteren Differenzierungen bildet. Dafür ist es notwendig, am fundierenden Begriff des Politischen anzusetzen und zu prüfen, welcher Strukturbegriff damit formuliert werden kann. Weil scheinbar das Formale zum Standardmodus des Politischen gehört, wie es in vielen Ansätzen vorausgesetzt wird, dadurch aber 90 Prozent der existenten Strukturen der Gesellschaft ausgeblendet werden, muss entweder die Gesellschaft zum großen Teil unpolitisch organisiert sein oder wir haben es mit einem spezifischen Politikbegriff zu tun, der für soziale Regelungen nur selektiv in Frage kommt. Es ist gerade dieser induzierte Zusammenhang von Formalisierung und Politik, der informale Strukturen ins Abseits drängt. Eine politische Aufklärung der Informalität muss dementsprechend beim Begriff des ›Politischen‹ ansetzen und einen politischen (!) Strukturbegriff ableiten. In dessen Kontext erfolgt die offene Analyse informaler, nicht-fixierter Strukturen. Die politische Aufklärung der Informalität soll den Schleier lüften – nicht nur analytisch, sondern genuin normativ. Die Reflexion des Politischen erfolgt im Kontext einer Politischen Theorie, die ihrerseits in Anspruch nimmt, das Problem der Normativität aktiv zu bearbeiten. Soll die politische Aufklärung weiterhin in unvoreingenommener, nicht-diskriminierender Absicht vollzogen werden, muss sie in der Lage sein, informalen Regeln eine eigene normative Wirkung zuzuerkennen. Das stellt die Arbeit vor weitere herausforderungen. Normen, als Kern von Normativität, müssen, um Geltung zu erlangen, begründet, legitimiert und notfalls auch sanktioniert werden. hierfür ist es notwendig, dass diese Normen formulierbar oder zumindest erkennbar sind. Allgemeiner formuliert benötigen die Normen einen Status, um sozial Geltung zu erlangen. Das entfaltete Vermittlungsdilemma zeigt aber, dass viele informale Regeln nicht formuliert oder gar erkannt werden können. Kann deshalb darauf geschlossen werden, dass NEUORIENTIERUNG 51 sie nur nicht-normative Regeln sein können? Andererseits beanspruchen auch Konventionen eine normative Geltung, was jedoch hinsichtlich ihrer normativen Begründung andere Argumentationen verlangt. Zur Systematisierung der Normativität des Informalen haben wir ihre möglichen Formen in der eingeführten heuristik präzisiert. Heuristik möglicher Normen informaler Strukturen Diskursive Praktiken Nicht-diskursive Praktiken Öffentlich Öffentliche und diskursiv begründbare Normen Öffentliche und nicht-diskursiv begründbare Normen Nicht- Öffentlich Partikulare und diskursiv begründbare Normen artikulare und nichtdiskursiv begründbare Normen Die heuristik verdeutlicht, dass auch hier ein konzeptuelles Problem auf uns zukommt, denn außer den öffentlichen und diskursiv begründbaren Normen scheinen die anderen für eine gesellschaftliche Relevanz nicht prädestiniert zu sein. Unterstellen wir aber, dass solche Regeln dennoch normativen charakter in einer Gesellschaft annehmen können, dann müssen wir auf Anleihen an einen öffentlichen Diskurs oder einen für alle gleichsam gültigen wie expliziten Vertrag verzichten. Die Struktur informaler Normen scheint nicht nur ein nicht-ideales Theorieverständnis (vgl. Geuss 2008) zu provozieren, sondern lenkt den Blick auf die in der Einheit der Differenz angelegte historische Normativitätsgenese (vgl. Niedenzu 2012). Mit dem Rekurs auf das Politische und die anschließende Konstruktion eines politischen Strukturbegriffs lässt sich das Problem der Diskriminierung bestimmter Strukturen lösen. Indes bleibt die Beobachtung schwierig. Da der Status informaler Regeln nicht vorausgesetzt werden kann, hat die politische Aufklärung auch die Relativierung von Öffentlichkeit und Formulierbarkeit systematisch in Relation zum Politischen zu reflektieren. Dies stellt jedoch eine gewaltige herausforderung dar, weil die Ursachen für das Nicht-Wissen und die Nicht-Mitteilung bestimmter Strukturen durch das Politische erklärt werden müssen. Neben dieser konzeptuellen Anforderung muss weiterhin nach einem Weg gesucht werden, die so sich auszeichnenden Regeln beobachtbar zu machen. Dies berührt einerseits die Dimension ihrer Wahrnehmung als auch die ihrer Mitteilung. Nicht-fixierte Regeln sind demnach nur in bestimmten Bahnen erkennbar und produzieren eine spezifische Regelkommunikation, die außerhalb öffentlicher Formulierungen funktioniert. Wahrnehmung Mitteilung DAS SchWIERIGE FIxIEREN DES NIchTFIxIERTEN 52 Eingedenk der herausforderungen, die es bei der politischen Aufklärung des Informalen zu beachten gilt, muss die Untersuchung drei Anforderungen erfüllen: 1. die Formulierung eines politischen Strukturkonzepts als Einheit der Differenz aller empirisch differenzierbaren Regeln; 2. die theoretische Konzeptualisierung von Regeln, die das Beobachtungs- und Wirkungsproblem des Vermittlungsdilemmas auflöst, indem sie verständlich macht, wie soziale Regeln ohne gesamtgesellschaftliche Öffentlichkeit und ohne kollektiv verbindliche Kommunizierbarkeit trotzdem befolgt werden; 3. die empirische Annäherung an das Phänomen der Informalität, um es in seiner Fülle und normativen Wirksamkeit adäquat zu verstehen. 53 TEIL II Rationale Strukturen des Politischen Nachdem im ersten Teil aus der Kritik an bestehenden Forschungszugängen zu nicht-fixierten Strukturen ein eigener Plan zur Untersuchung entwickelt wurde, unternimmt dieser Teil die Entfaltung der dafür notwendigen konzeptuellen Grundlagen. Im Wesentlichen wird hierzu die diskutierte Annahme der Rationalität formaler Regeln in der Politik hinterfragt. Dabei geht es nicht nur um eine Kritik an dem Zusammenhang von Politik und Rationalität, sondern auch und vielmehr um eine alternative theoretische Basis, die ausgehend von einem anderen Begriff des Politischen deutlich macht, dass fixierte und formalisierte Regeln hierbei nicht rational sind. Mit einer differenzierten Idee des Politischen lässt sich eine eigenständige Rationalität politischer Strukturen begründen, die, so die noch zu belegende These, das Formalisieren und Fixieren von Regeln als Sonderfall deutet. Demzufolge werden in diesem Teil zunächst das Politische und seine Rationalität als eigentliche Gegenstände der Politikwissenschaft dezidiert umschrieben. Nur die genaue Darstellung des Politischen erlaubt eine anschließende Definition politischer Strukturen jenseits des Schleiers bloßer Sachrationalität. Der Teil endet mit der Klärung des Status der Normativität des Politischen und seiner Strukturen. 1. Das Politische Die Politikwissenschaft hat sich mit anderen Disziplinen von der Philosophie abgesetzt. Dementsprechend hat sie bezüglich ihrer Grundsatzfragen eine eigene Theorie entwickelt, die aus dem philosophischen Theoriekontext heraustritt. Zumindest sollte sie das. Zwei Tendenzen stehen der nachhaltigen Trennung entgegen: Erstens ist die Politologie nach wie vor auf die Impulse der Philosophie angewiesen, wie auch die Politik weiterhin Gegenstand der Philosophie ist (vgl. Bubner 2002, 7). Zweitens nimmt die politikwissenschaftliche Grundlagenreflexion, die, obschon sie von der Politischen Theorie betrieben wird, längst nicht mehr in allen Subdisziplinen Anerkennung findet, mehrheitlich Anschlüsse an nichtpolitikwissenschaftliche Ansätze (Greven 2000, 12; Buchstein/Jörke 2007). Dies kann positiv gedeutet werden, denn der Einfluss, man kann auch von Dominanz sprechen, externer Theorieangebote hat zu »neuen Synthesen« in der Politischen Theorie geführt, die zu einer Perspektivenerweiterung beitragen (Göhler et al. 2009, 398 f.). Genauso kann aber eher negativ von einer Dominanz genuin unpolitischer Theorien RATIONALE STRUKTUREN DES POLITISchEN 54 in der politikwissenschaftlichen Theoriebildung gesprochen werden. So oder so muss konstatiert werden, dass keine wirkliche Abtrennung einer politikwissenschaftlichen Theorie des Politischen zu verzeichnen ist. Sie ist weiterhin in einen philosophischen, sozialphilosophischen, soziologischen und ökonomischen Theoriekanon eingebunden. Zudem hat die politikwissenschaftliche Grundlagentheorie mit einem weiteren bereits angedeuteten Problem zu kämpfen: In der Disziplin selbst existiert keine einheitlich akzeptierte Grundlagentheorie. Folglich kann die Politologie nicht durch einen theoretisch bestimmbaren Kern definiert werden. Der Ausdifferenzierung des Fachs steht eine nicht-integrative, grundsätzliche Theoriearbeit entgegen. Dies mag paradox klingen. Auf der einen Seite entstand und besteht mit der Politikwissenschaft eine eigenständige Sozialwissenschaft, die sich ausschließlich mit politischen Phänomenen beschäftigt. Auf der anderen Seite vermag sie es nicht, auf eine einheitliche Grundlagentheorie zurückzugreifen. Trotzdem hat sich die Politologie zu einer von anderen Geistes- und Sozialwissenschaften unterscheidbaren Wissenschaft entwickelt. Der Grund für diese faktische Differenzierung liegt ausschließlich im Gegenstand des Politischen und seiner eigenständigen Bedeutung. Das konstituierende politikwissenschaftliche Paradigma ist demnach kein Konsens im hinblick auf eine Theorie des Politischen, sondern die Performanz des Politischen. Es handelt sich um einen geteilten Beobachterstandpunkt, eine empirische Position, die es allen Beteiligten erlaubt, davon auszugehen, dass sie den gleichen Wirklichkeitsausschnitt beobachten. Dies ermöglicht der Disziplin, einen Konsens hinsichtlich der beobachteten Komplexität politischer Phänomene zu entwickeln; ein Konsens, der am sinnvollsten mit der aus der angelsächsischen Diskussion übernommenen analytischen Triangulation des Politischen in ›politics‹, ›polity‹ und ›policy‹ beschrieben wird.1 Zwar ermöglicht der alleinige Rekurs auf die empirische Option der Selbstbeschreibung der Politikwissenschaft eine wissenschaftliche Praxis, die der Bandbreite politischer Phänomene gerecht wird. Sie zeigt aber auch deren Grenzen auf. Durch diese nominalistische Position ist grundsätzlich nur die Analyse von Phänomenen möglich, die sich selbst als politisch verstehen. hier muss die Beobachtung auf Eigenbeschreibungen der Phänomene zurückgreifen, ohne eine kritische Distanz zum Gegenstand aufzubauen. Dies schließt weitere Abstraktionen und Theoretisierungen aus. Wenn die Selbstreferenz der politischen Phänomene nicht thematisiert wird, und das schließt ein kritisches Ausleuchten ein, dann macht sich die Analyse gegenüber der Kontingenz des Politischen blind. Daher machen sich die Autoren, die sich für die exklusiv empirische Option des Selbstverständnisses der Politologie einsetzen, der 1 Für einen Überblick über die Komplexität des Politischen aus sozialwissenschaftlicher Perspektive vgl. Nassehi/Schroer 2003. DAS POLITISchE 55 Kontingenzverleugnung schuldig (vgl. Greven 2010), zumal Verständnis und Selbstverständnis des Politischen in stetigem Wandel begriffen sind (Palonen 2006; Steinmetz 2007). Ein weiteres Problem der nominalistischen Position sind die Folgen für die in der Politikwissenschaft immens wichtige Methode des Vergleichs, die zwischen ausschließlich mit Selbstreferenzen ausgestatteten Untersuchungseinheiten wenig sinnvoll ist. Zum einen ist die Gefahr eines ›äpfel-Birnen-Vergleichs‹ im hinblick auf die Möglichkeit, dass ein politisches mit einem unpolitischen Phänomen verglichen wird, allgegenwärtig. Zum anderen müssten, um das auszuschließen, nur unproblematische Vergleiche gezogen werden, etwa von Parteien oder Wahlsystemen. Indem aber die gewählten Gesichtspunkte des Vergleichs hier so eng beieinander liegen, entstehen keine überraschenden oder erhellenden Erkenntnisse. Erst wenn es gelingt, die Vergleichsgesichtspunkte soweit zu abstrahieren, dass scheinbar Ungleiches miteinander verglichen werden kann, liegt eine »spezifisch wissenschaftliche Theorieleistung vor« (Luhmann 1990, 409). Mit anderen Worten sind tiefer gehende, auch theoretisierbare Erkenntnisse ohne theoretisch gestützte Vergleiche ausgeschlossen. »Theoriearbeit im Sinne einer Verwissenschaftlichung von Aussagen bemüht sich mithin auf einem Kontinuum des Vergleichsinteresses um zunehmend unwahrscheinliche Vergleiche, also um die Feststellung von Gleichheiten an etwas, was zunächst als ungleich erscheint« (Luhmann 1990, 409). Dies spricht für die Notwendigkeit einer Reflexionstheorie der Politikwissenschaft. Reflexionstheorien haben allgemein die Aufgabe, die Identität der Disziplin als ein Problem anzusehen und mit anderen Problemlösungen zu vergleichen (Luhmann 1990, 483). Demnach muss die politikwissenschaftliche Reflexionstheorie zweierlei tun: erstens die Kontingenz des Politischen problematisieren und zweitens das Politische höchstmöglich abstrahieren, um ein Vergleichskontinuum bereitzustellen. Eine solche Reflexionstheorie der Politikwissenschaft kann nur von der Politischen Theorie erarbeitet werden. Jene erörtert die Bedingungen für die »Selbstbegründung« der Politologie (Kauffmann 2010, 51). Als umfassende politologische Reflexionsdisziplin ist sie in der Lage, theoretische Grundlagen auch im hinblick auf die Systematisierung der Theorien anderer Subdisziplinen zu erarbeiten, externe Theorieangebote kritisch zu reflektieren sowie sich angemessen mit nicht-wissenschaftlichen Konzepten und Theorien der Politik auseinanderzusetzen (vgl. Buchstein/Jörke 2007, 31).2 In einem allgemeinen Sinn handelt es sich bei der Politischen Theorie um eine Analyse und eine »genetische 2 Buchstein und Jörke sprechen von drei Reflexionsfunktionen der Politischen Theorie, wozu auch noch die subjektive, auf die Verbesserung der politischen Urteilskraft hin ausgelegte Funktion gehört (Buchstein/Jörke 2007, 31). RATIONALE STRUKTUREN DES POLITISchEN 56 Rekonstruktion für die begrifflich-logische Explikation und die symbolische Fassung der Existenzweisen menschlicher Gemeinschaften, ihrer Ordnungsformen und Koordinationsprozesse« (Kauffmann 2010, 43). Diese Symbolisierungen von Ordnung und kollektiver Selbstorganisation kumulieren im Politischen. Weil sich das Politische selbst stets unsicher ist (Steinmetz 2007, 10), muss die Politische Theorie die epistemische Konsequenz problematisieren, wonach die Analyse des Politischen von der Art und Weise, das Politische zu denken, abhängig ist (Flügel- Martinsen 2008, 20). Die Folge ist, dass trotz einer (noch) fehlenden eigenständigen Theorie des Politischen die Aufgabe einer ausschließlich ›politikwissenschaftlichen Politischen Theorie‹ weiterhin Ziel bleibt. Daran müssen sich die Politikwissenschaft im Allgemeinen und die Teildisziplin der Politischen Theorie im Besonderen abarbeiten. Gewiss bedarf dies einer ständigen Reflexion, wozu neben der Anerkennung des besonderen Status der Politischen Theorie auch die Problematsierung ihres Eklektizismus und die Auslotung des Konkurrenzverhältnisses mit anderen Subdisziplinen gehört. Trotzdem ist dies nach wie vor der Einstieg in der Ortsbestimmung der Politikwissenschaft. In dieser hinsicht hat sich die Argumentation erst einmal im Kreis gedreht, um zu verdeutlichen, dass der programmatische Beginn der Ausarbeitung des Konzepts in der Auseinandersetzung mit dem Begriff des Politischen liegt. Im Folgenden soll in einem Dreischritt ein für die Analyse nicht-fixierter Regeln sinnvolles Verständnis des Politischen erarbeitet werden. Dazu wird zuerst herausgearbeitet, dass es unterschiedliche Definitionen des Begriffs gibt, die mit diversen Vorstellungen von der politischen Rationalität verbunden sind. Anschließend kann in einem zweiten Schritt der Kontext bestimmter Denkungsarten der Politik und ihrer spezifischen Rationalität rekonstruiert werden. Daraus ableitend wird im dritten Schritt ein Verständnis des Politischen begründet, dessen Rationalität der Kontingenz von Strukturen gegenüber offen ist. 1.1 Politische Differenz und die Differenzierung der Rationalität Das Politische ist historisch variabel und im aktuellen Selbstverständigungsdiskurs der Politikwissenschaft umstritten. Es ist somit sinnvoll, die Kontingenz des Politischen und der mit ihm verbundenen Rationalitätsprämissen im Kontext aktueller theoretischer Auseinandersetzungen herauszuarbeiten. Vor dem hintergrund dieser Debatten um die Absetzung des Politischen von der Politik kann nicht nur die Differenzierung zweier unterschiedlicher Ideen des Politischen, sondern auch die herausbildung einer damit verknüpften, spezifischen Rationalitätsprämisse systematisch rekonstruiert werden. Offenbar würden sich auch andere Differenzierungen anbieten: Politisch vs. Unpolitisch, Politisch vs. Staatlich DAS POLITISchE 57 etc. Die Wahl der Differenz von Politik und Politisch wird jedoch nicht nur durch ihre Aktualität begründet, sondern auch durch die damit mögliche Erarbeitung eines essenziellen Begriffs des Politischen. Die wechselseitige Absetzung der Begriffe des Politischen und der Politik ist Teil eines aktuellen wissenschaftlichen Diskurses (vgl. Steinmetz 2007; Bedorf/Röttgers 2010; Marchart 2010). Dahinter steht die Weiterführung einer in Frankreich entfachten Diskussion, die versucht, den Begriff des Politischen wieder stärker an die philosophische Diskussion anzuknüpfen, wobei sich konzeptuell unterschiedliche Möglichkeiten anbieten, die wiederum zu verschiedenen Akzentuierungen eines neu bestimmten Begriffs des Politischen führen (Bedorf 2010, 15). Marchart ordnet diese Versuche einer postfundamentalistischen Bewegung in der Politischen Philosophie zu, deren geteilter Kern die Verneinung der Existenz von »revisionsresistenten« Prinzipien, Gesetzen oder Realitäten ist, womit deterministische Theorien im Kontext der sozialen und politischen Wirklichkeit grundsätzlich ausgeschlossen sind (Marchart 2010, 15 f.). Im Gegensatz zu deterministischen bemühen sich postfundamentalistische Ansätze um ein stetiges hinterfragen metaphysischer Figuren der Letztbegründung und Fundierung, wozu »Figuren wie Totalität, Universalität, Substanz, Essenz, Subjekt oder Struktur, aber auch Markt, Gene, Geschlecht, hautfarbe, kulturelle Identität, Staat, Nation« gehören (Marchart 2010, 16). Wenn jedoch die konstituierenden Symbole gesellschaftlichen Selbstverständnisses nicht Teil eines externen Plans, sondern kontingentes Element der fortlaufenden Aktualisierung der gesellschaftlichen Grundlagen sind, dann werden sie reflexiv und somit transformierbar. Was aber eine Gesellschaft zum Gegenstand ihrer selbständigen Ordnungsreflexion macht, ist politisch. Der Postfundamentalismus betont die politische Dimension des Sozialen, die zum einen auf die Gründung der Gesellschaft referiert, und andererseits verdeutlicht, dass soziale Ordnung immer mit dem Problem der eigenen »Ungründbarkeit« operieren muss (Marchart 2010, 16). Mit anderen Worten zeigt das Politische, inwieweit soziale Ordnung politisch ist und wie sie in dieser Form immer wieder aufs Neue politisch begründet werden muss, freilich ohne diese Begründung jemals vollends erbringen zu können. Es gibt keine Letztgültigkeit sozialer Ordnung, da die Legitimation stets aufs Neue Gegenstand politischer Auseinandersetzungen wird. Letztlich zielt die Bewegung auf das »Reflexivwerden des Denkens« selbst ab, dessen politische Verfasstheit so wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit tritt (Bedorf 2010, 14). Damit der fundamentale Wert des Politischen hervorgehoben werden kann, grenzen die Vertreter des Postfundamentalismus das Politische vom Begriff der Politik ab. Wie bereits angemerkt, folgen sie keiner einheitlichen Linie, wenngleich sie ein Argument eint: Sie sehen im Politischen den fundamentaleren Begriff gegenüber dem der Politik. Somit RATIONALE STRUKTUREN DES POLITISchEN 58 glauben sie, dass im Politischen all das integriert ist, wofür Politik stehen sollte (Steinmetz 2007, 13). Demzufolge fungieren diese Arbeiten als Kritiken an der »Vergessenheit« der Politik (Klass 2010, 303). Diese hat sich ihres normativen Erbes und ihrer traditionellen fundamentalen Bezüge zu wesentlichen Seinsfragen entledigt. Diese Politik ohne Gedächtnis steht in Opposition zum ontologischen Begriff des Politischen. Jener rekurriert im Diskurs auf unterschiedliche Begründungsquellen, die hier im Sinne einer programmatischen Synthese grob zusammengefasst werden. Dazu zählen m. E. zwei traditionelle und drei neue Ansätze. Die traditionellen Ansätze gehen einerseits auf hannah Arendt und ihrer in »Vita activa« entwickelten Politischen Theorie und andererseits auf carl Schmitts Ausarbeitung zum Begriff des Politischen zurück (vgl. Bedorf 2010, 16 ff.).3 An Arendt anknüpfend lässt sich ein normativer Begriff des Politischen entwickeln, der u. a. eine eigene positive politische Rationalität begründet (vgl. Saavedra 2002). Das Konzept von Schmitt hat demgegenüber zeitgenössische Autoren motiviert, einen diskurstheoretisch fundierten, den hegemonialen charakter des Politischen betonenden Zugang zu wählen (vgl. Bedorf 2010, 20 f.).4 Zu den drei neuen Ansätzen zählen die Arbeiten von Rancière, Lefort und Nancy. Sie konzeptualisieren auf unterschiedliche Art und Weise einen ontologischen Begriff des Politischen. Bedorf charakterisiert diese Ansätze im Sinne ihrer Verortung des Politischen als Unterbrechung (Rancière), Stiftung (Lefort) und Sozialität (Nancy) (Bedorf 2011; vgl. hirsch 2010). Auf eine detaillierte Nachzeichnung dieser einzelnen Konzepte soll hier verzichtet werden. Wichtiger ist es, zu vermerken, dass die unterschiedlichen Ansätze zur Fundierung des Politischen dem Politischen das Primat gegenüber der Politik zusprechen. Darüber hinaus gehen manche Ansätze sogar so weit, dem Politischen das Primat gegenüber dem Sozialen zuzugestehen.5 Im Kontext dieser dynamischen Diskussion hat sich eine berechtigte Kritik an diesem umgehenden »Gespenst« (Klass 2010, 303) entwickelt. In analytischer Schärfe jenseits provozierender Polemiken hat Bedorf die Schwachstellen der Diskussion um die politische Differenz zusammengefasst. Diese betreffen (Bedorf 2010, 33 ff.): 1. die »Reichweite« der politischen Differenz: Dabei geht es um den ambivalenten charakter der Grenzziehung durch die politische Differenz, wobei einerseits scharf zwischen Politik und Politischem unterschieden 3 hannah Arendt erarbeitet eine spezifische politische handlungstheorie, die das Politische als öffentliches gemeinsames handeln positiv deutet (Arendt 2002). Im Gegensatz dazu operiert Schmitt mit einem auf der Freund-Feind-Differenz beruhenden Verständnis des Politischen (Schmitt 2002). 4 hierbei geht es um die Arbeiten von Mouffe und Laclau. 5 hierzu insbesondere die Kritik von hirsch (hirsch 2010). DAS POLITISchE 59 wird, andererseits das Politische in seiner fundamentalen Form kaum noch eingrenzbar erscheint. 2. die »Praxis« der durch die politische Differenz verursachten Unterscheidung: Zum einen werden mit dem fundamentalen Konzept des Politischen überkommene und größtenteils als selbstverständlich erscheinende »Begründungs- und Anwendungsdiskurse« hinterfragt. Zum anderen gewinnt der abstrakt konstituierte »Fundierungsdiskurs« des Politischen kaum an Konkretion.6 3. den normativen charakter der Unterscheidung: Ein gemeinsamer Nenner aller Ansätze scheint ihre Ablehnung der kantischen liberalen politischen Philosophie zu sein (Bedorf 2010, 35). Darüber hinaus unterscheiden sich die Richtungen der Rehabilitierung erheblich, ohne dass eine ausreichende Selbstreflexion des normativen Status der Ansätze erfolgt. Bedorf identifiziert dies als ein »normatives Defizit« (Bedorf 2010, 35). 4. die historische Dimension der politischen Differenz: Beide Intentionen des Diskurses, die zur Rehabilitierung des Politischen und die zur Warnung vor dem Verlust des Politischen, entstehen nicht zufällig, sondern ereignen sich in einer bestimmten historischen Konstellation, die stärker in den Blick genommen werden muss. Alle hier im Anschluss an Bedorf genannten Schwachstellen, die von ihm positiv als noch zu beantwortende Fragen gedeutet werden, verweisen sowohl auf die noch ungenügende interne Konstitution der politischen Differenz als auch auf das ebenso undeutliche Ausmaß der Differenzierung. hinter der politischen Differenz mit all ihren Missverständnissen und konkurrierenden Ansätzen steht, wir haben darauf hingewiesen, eine Kritik am neuzeitlichen Politikbegriff und ein Versuch, dessen Schwächen durch einen starken Begriff des Politischen zu begegnen. Doch was zeichnet den Politikbegriff aus, dass er zu einem Angriffspunkt der Kritik wird? Der Gegenpol zum ontologischen Begriff des Politischen ist eine rein funktionalistisch bestimmte Vorstellung von Politik. Politik hat in der sich modern verstehenden Gesellschaft nur noch bestimmte Aufgaben und ist nicht mehr für eine allumfassende Integration des gesamten sozialen Systems zuständig. In dieser Vorstellung von Politik kumulieren alle wichtigen Theorien des gesellschaftlichen Wandels, die mit dem Symbol der Moderne verbunden sind (vgl. Wagner 1995). Primär sind es Ideen einer funktionalen Differenzierung der Gesellschaft, bei denen bestimmte Bereiche sozialer Interaktionen sich nur noch mit spezifischen Sachproblemen auseinandersetzen sollen (vgl. Schimank 2007). Dafür 6 Vielmehr kann sich Bedorf des Eindrucks nicht erwehren, dass diese fundamentale Idee des Politischen als ein spezifischer Sonderfall in der Wirklichkeit kaum anzutreffen ist (Bedorf 2010, 34). RATIONALE STRUKTUREN DES POLITISchEN 60 bilden sie bestimmte Sachlogiken aus und entwickeln Spezialsemantiken, die von anderen nicht involvierten Akteuren kaum verstehbar und in anderen Bereichen der Gesellschaft irrelevant sind. Erst die Beobachtung dieser Parallelität sozialer Logiken, die teilweise inkommensurabel sind und daher ausschließlich von bestimmten Akteuren verstanden und bearbeitet werden, gaben Luhmann Anlass zu seiner radikalen These von den autopoietischen Funktionssystemen moderner Gesellschaften (Luhmann 1984). Für die Politik bedeutet dies, dass sie (d. h. die in politischen Institutionen agierenden Akteure) mit eigenständigen Fachsprachen und spezifischen Problematisierungen arbeitet, durch die sie ihre Umwelt nur noch selektiv wahrnimmt (Luhmann 2000). Folglich verliert die Politik das, was ihr durch den ontologischen Ansatz zugesprochen wird, nämlich eine für die gesamte Gesellschaft notwendige und alle anderen Lebensbereiche überstrahlende Gestaltungskraft. Selbstverständlich beansprucht die Systemtheorie in der Politikwissenschaft keine hegemonie. Als Theorie wird sie meist explizit abgeleht. Andererseits ist ein weitgehend unreflektierter Gebrauch des Systembegriffs insbesondere in der empirischen Politikwissenschaft nachweisbar (Greven 2010, 74). Zwar wird die Systemtheorie, insbesondere ihre autopoietische Variante, dezidiert abgelehnt, doch lenkt Greven mit seiner Kritik den Blick auf die allgemein akzeptierten Prämissen des funktionalistischen Systemdenkens, wonach komplexe Prozesse in differenzierten Gesellschaften in systemische Einheiten unterteilt werden können. Somit lassen sich Anforderungen an das politische handeln und Formen des politischen handelns jenseits bestimmter Variationen verallgemeinern. Politik hat, gleich, in welchem Kontext sie sich ereignet, nur bestimmte klar umreißbare Funktionen zu erfüllen. hierdurch wird ein historisch, aber auch kulturell kontingenter Typ kollektiver Interaktionen in ein normatives, zeitloses und universalistisches Modell transformiert, das im Fach alle Vorstellungen zur Politik beherrscht (Greven 2010, 77). In dieser hinsicht dominiert in der Politikwissenschaft eine modelltranszendierende Denkweise der Politik, die mit Systemkategorien operiert, ohne systemtheoretisch zu sein (vgl. Beyme 2007, 85 f.). Es wird mit Annahmen und Erkenntnissen systemtheoretischer Politikanalysen gearbeitet, weshalb von einer systemtheoretischen Vorstellung her die nicht-ontologische Idee der Politik sinnvoll aufgeklärt werden kann. In den politikwissenschaftlichen Systemtheorien begegnet einem ein universell angelegter Politikbegriff (czerwick 2001, 293). Dieser vollzieht eine spezifische analytische Selektion bestimmter Interaktionen, handlungen, Entscheidungen, Kommunikationen etc., in denen eine »autorative, das heißt verbindliche und bindende Verteilung gesellschaftlicher Güter und Werte« umgesetzt wird (czerwick 2001, 294). Oder noch abstrakter: Die Politik hat für die Bereitstellung von Kapazitäten für kollektiv bindende Entscheidungen zu sorgen (Luhmann 2000, DAS POLITISchE 61 84 f.). Weil aber nur die Politik als Resultat der Aktivitäten des politischen Systems in der Lage ist, diese Kapazitäten qualitativ umzusetzen, nimmt sie sowohl im hinblick auf die Einwirkung auf andere soziale Systeme als auch bezüglich der Anerkennung der Aktivitäten in der Gesellschaft eine Sonderstellung ein. Der erste Punkt berührt die in der Politologie sattsam diskutierte Frage der politischen Steuerung, der zweite Punkt umkreist die wichtige Frage der Legitimation (czerwick 2001, 294). Nun entspricht es aber nicht der Logik der Politik, sich in beiden Fragen durchsetzen, d. h. sie hat nicht die Aufgabe, ihre Definitionen und Deutungen hegemonial zu manifestieren. Im funktionalistischen Denken der Systemtheorie leitet sich die Aufgabe der Politik allein aus ihrer sozialen Funktion ab, und diese ist in keiner Weise normativ zu verstehen (vgl. Beyme 2007, 89). Folglich sind die Definition von und die Funktion der Politik in der politikwissenschaftlichen Systemtheorie weitgehend identisch (czerwick 2001, 296). Keine Institutionen, politischen Inhalte oder Normen stiften der Politik eine eigenständige Logik. Diese erhält sie ausschließlich aus ihren Aktivitäten bzw. Operationen, die zur »Vorbereitung und Durchsetzung kollektiv verbindlicher Entscheidungen« sowie deren »Rechtfertigung« notwendig sind (czerwick 2001, 296). Die Politik muss diese Funktion für die gesamte Gesellschaft erfüllen und erst wenn ihr dies gelingt, kann sie sich als Teilsystem der Gesellschaft erfolgreich reproduzieren, wofür sie aber auch auf die Interdependenz mit anderen Teilen (Systemen) der Gesellschaft angewiesen ist, weil sie mit ihnen Leistungen und Ressourcen austauscht (czerwick 2001, 297). In diesem Komplex der Interdependenz sieht die ältere Systemtheorie sogar nicht-funktionale Aspekte eines Politikverständnisses, da es dabei auch um eine wertmäßig verstandene Zurechnung von Gefolgschaft und Unterstützung geht (czerwick 2001, 297). Doch hat diese nicht-funktionale Dimension mit dem autopoietischen Paradigmenwechsel in der Systemtheorie und in der empirischen Politikwissenschaft an Bedeutung verloren.7 Zusammengefasst kann gesagt werden, dass der Politikbegriff im systemtheoretischen Denken stark formalisiert und abstrahiert ist. Politik hat Funktionen im Zusammenspiel mit anderen Teilen der Gesellschaft zu erfüllen, wobei diese der Politik als ein Teilsystem der Gesellschaft durch ebendiese extern vorgegeben werden. Was die Politik dann noch machen kann, ist im systemtheoretischen Sinn für die eigene Stabilität und die mögliche fortgesetzte Existenz des politischen Systems zu sorgen. Politik ist erst dann erfolgreich, wenn es ihr gelingt, ihre Funktion für die Gesellschaft auch in Phasen des Wandels weiterhin zu erfüllen (czerwick 2001, 301 f.). Der Politikbegriff der Systemtheorie besitzt 7 Siehe dazu stellvertretend den Vorwurf von Buchstein und Jörke hinsichtlich der Veränderung der Demokratietheorie (Buchstein/Jörke 2003). RATIONALE STRUKTUREN DES POLITISchEN 62 starke ähnlichkeiten mit dem Weberschen Verständnis von Politik und integriert Elemente der Ordnung und Fragen des Konflikts. Es werden Fragen der Stabilität, der Integration bzw. des Gleichgewichts und Probleme der Macht und Entscheidung in diesem Politikverständnis relevant (czerwick 2001, 295). Die Vorteile des systemtheoretischen Politikbegriffs, so czerwick, liegen zum einen in seiner Reichweite und zum anderen in seiner Integrationskraft. Die große Reichweite zeigt sich in der Fähigkeit, vielfältige gesellschaftliche Entwicklungen und Ereignisse innerhalb eines theoretischen Ansatzes beschreiben und erklären zu können und darüber hinaus, diese Phänomene in einem übergeordneten Kontext zu verorten (czerwick 2001, 303). Integrationskraft entwickelt dieses Politikverständnis, weil es diverse Forschungsbereiche anspricht und zusammenführt – czerwick nennt z. B. die politische Sozialisationsforschung – und Anschlussmöglichkeiten für andere Ansätze bereithält. Kritik am systemtheoretischen Politikverständnis speist sich primär aus dem Zweifel an den zugrundeliegenden Distinktionsannahmen. Ist Politik wirklich exklusiv im politischen System vorhanden oder wäre es nicht angemessener, diese eiserne Zurechnungslogik aufzuweichen (czerwick 2001, 305)? Nachdem die beiden Antipoden der politischen Differenz in gebotener Kürze vorgestellt wurden, stellt sich die Frage, ob sich damit auch eine tiefer gehende normative Unterscheidung konstituiert. Diese fundamentalere Ebene der unterschiedlichen Denkweisen des Phänomens des Politischen soll hier im Kontext divergierender Rationalitätsvorstellungen diskutiert werden. Eine allgemeine Bedeutung von Rationalität liegt im Begriff des Wohlbegründeten: »Etwas […] ist rational, wenn es begründet, d. h. durch Gründe gerechtfertigt ist« (Gosepath 1992, 49).8 Ist etwas gerechtfertigt, erscheint es als vernünftig. In traditionellen Rationalitätsideen der Antike und des Mittelalters war noch ein immenser Verweisungszusammenhang (Vermögen der Seele etc.) gültig (Gethmann 1995, 468). Von diesen Verweisungen hat sich der neuzeitliche Rationalitätsbegriff emanzipiert, vor allem, weil er mit den Vorstellungen gebrochen hat, wonach der Mensch qua Natur rational ist.9 Eine solche der Natur unterstellte Rationalität erschien immer zweifelhafter, wodurch die Natur nicht mehr als normatives Fundament der traditionellen Rationalität überzeugte (Luhmann 1997, 171). Durch den Bruch mit der althergebrachten Idee einer von Natur aus rationalen Welt geht aber der normative und damit einheitliche Rationalitätsbegriff verloren. Fortan spaltet sich das Rationalitätsproblem in immer neue Teilbereiche auf, für die allenfalls partikulare Rationalitätskriterien gefunden werden. Die Pluralisierung der Rationalitäten ist aber nicht nur ein 8 Vgl. Brentel 1999, 23 ff. 9 Welsch nennt dies die traditionelle Ursprungsvernunft (Welsch 1996, 431). DAS POLITISchE 63 beobachtbarer Trend, der gleichsam nur beschrieben werden kann, sondern sie transformiert selbst zu einem Maßstab zur Evaluation existierender Rationalitätsvorstellungen (Welsch 1996, 431). Damit wird die Einheit von Gesellschaft und Rationalität uneinlösbar und geriert zur »Utopie« (Luhmann 1997, 186). Ebenso verkomplizieren sich Versuche für eine allgemeine Definition von Rationalität. Eine mögliche Lösung liegt in der Normativierung der Pluralisierung. Rationalität steht so nur noch für die Fähigkeit, Verfahren der diskursiven Einlösung von Geltungsansprüchen zu schaffen, wobei diesen auch gefolgt wird bzw. diese auch verfügbar sind (Gethmann 1995, 468). In dieser konstruktivistischen Auffassung ist Rationalität exklusiv pluralistisch als subjektive, verfahrensabhängige und damit kontingente Vernunft denkbar. Eine mögliche Integration der vielfältigen, in ihren Bereichen als legitim erachteten partikularen Rationalitäten lässt sich dann ausschließlich als kognitives Vermögen denken, eine Kompetenz »mit der Pluralität rationaler Formen richtig und förderlich umzugehen, inmitten ihrer sich gekonnt und adäquat zu bewegen« (Welsch 1996, 433). Obwohl es keinen einheitlichen Rationalitätsbegriff mehr geben kann, setzt dennoch das andauernde wissenschaftliche Bemühen um Rationalität die traditionelle Suche nach dem universellen Prinzip gemeinsamer Lebensführung auf andere Art und Weise fort. »Wo der moderne Ton der Rationalitätsforschung vorherrscht, wird doch die alte Melodie der Vernunfterhellung gespielt« (Bubner 1996, 17). Oder: »Wer heute Fragen der Vernunft diskutiert, spricht im allgemeinen nicht von Vernunft, sondern von Rationalität« (Welsch 1996, 429). In der Politikwissenschaft spielt die Rationalität ab den 1950er-Jahren eine zunehmend wichtige Rolle. Durch die Entstehung der empirischen Sozialwissenschaften von der Politik findet der Rationalitätsbegriff in neuerer Verwendung Zugang zur Politikwissenschaft. Quellen der neuen Rationalitätskonzepte sind nicht nur bei Weber, sondern auch im von Schumpeter aus der Ökonomie entnommenen Rationalitätspostulat zu finden (hoffmann/ Rolke/Gosepath 1992, 53). Somit werden in der Politik zur Rechtfertigung von Zielen, handlungen, Institutionen etc. diese hauptsächlich im Sinne einer Zweckrationalität problematisiert und das nicht zufällig. Zweckrationalität insistiert auf einen neuzeitlichen Vernunftbegriff, dessen prozedurale Fassung zum Leitbegriff der Modernisierung avancierte, weil die Vorstellung, mithilfe der Formalisierung die Welt berechenbar und handhabbar zu machen (Weber 1991, 250; Wagner 1995, 57), eine beispiellose Karriere in der westlichen Welt erlebte.10 Dies jedoch nur in einer bestimmten Form. In dem Maße, in dem ein einheitlicher Rationalitätsbegriff für die Gesellschaft unhaltbar wird und immer neue 10 Wir stützen uns hier auf die Ausführungen zum Rationalitätsbegriff im »historischen Wörterbuch der Philosophie« (hoffmann/Rolke/Gosepath 1992). RATIONALE STRUKTUREN DES POLITISchEN 64 Spaltungen von Rationalität, etwa in Zweck- und Wertrationalität (Weber) oder monologische und dialogische Rationalität (habermas), vorgenommen werden, dominiert im Kontext der Politikwissenschaft und ihres Politikbegriffs ein verfahrensorientiertes Rationalitätsverständnis in Verbindung mit einer ex post angelegten Ergebnisbewertung. Politik wird nur anhand ihrer Ergebnisse bewertet, die wiederum nur im Kontext der Zweckmäßigkeit von Verfahren beurteilt werden können (vgl. Schimank 2005, 52 ff.). Vernünftige Politik löst Probleme, und die Vernunft dieser Lösungen entspricht der Rationalität der Lösungsfindungsprozesse. Damit wird unterstellt, dass die Rationalität »teleologisch« in die modernen Politikverfahren eingebaut ist (Greven 2000a, 159). Die politische Rationalität erschöpft sich in der prozessualen Zweckrationalität. Ambivalenzen und Widersprüche der politischen Rationalität spielen somit keine Rolle, ebenso wenig wie die Möglichkeit, dass verfahrensrationale Politik nicht vorbehaltlos normativ akzeptabel sei (Greven 2000a, 159).11 Die Entledigung der Wertrationalität macht Inhalte irrelevant. Die Karriere des modernen Politikbegriffs als Folge der Institutionalisierung der modernen Politikwissenschaft geht mit einem Wandel vorhandener normativer Kriterien einher. Weil sich die professionalisierte Politikwissenschaft ausschließlich als Sozialwissenschaft versteht – wobei das Streben nach Szientismus eine mehrheitliche Tendenz ist –, verliert die Politische Theorie an Einfluss. Damit wird aber auch ein von der Politischen Philosophie beeinflusstes traditionelles Vernunft- bzw. Rationalitätsverständnis marginal.12 Doch wie sieht die alternative Rationalitätsvorstellung, die damit verloren geht, genau aus? Eine erste wichtige Eigenschaft ist ihr Anspruch, dass das Politische eine eigene Rationalität aufweist – die politische Rationalität. Eine elaborierte Form politischer Rationalität lässt sich bei hannah Arendt finden. Sie hat sich scharf gegen die »Verabsolutierung des Prozessbegriffs« in der Neuzeit gewendet (Arendt 2002, 383). Für Arendt drückt sich damit die Ablösung des handelns durch das herstellen aus. Mit der Konzentration auf das herstellen transformiert die Politik zur Kunst, zu einer Technik bestmöglicher Verfahren. Solch ein »sozialtechnokratisch erstarrter und ritualisierter Rationalismus« (Fabio 2005, 167) führt in letzter Konsequenz jedoch zu einer unpolitischen Ordnung (Arendt 2002, 281). Die politische Rationalität ist damit keine handlungsrationalität mehr, da es nicht um das »Entscheiden als ein Alternativen bedenkendes handeln« geht, bei dem »unter Rationalitätsgesichtspunkten nicht irgendeine, sondern die beste oder zumindest eine gute Alternative auszuwählen« wäre (Schimank 11 Nach Greven wird hier der Begriff des Konsenses einfach in den der Rationalität überführt. 12 Vgl. zu diesen Ausführungen Knobloch 2014. DAS POLITISchE 65 2005, 53). »Wo Politik eine Kunst, technê, oder, wie man mit dem heutigen politikwissenschaftlichen Vokabular sagen könnte, eine Form der good governance ist, da wird das gemeinsame handeln unpolitisch, bzw. ist genau genommen gar kein handeln mehr« (Bedorf 2010, 18). Um die politische Rationalität als spezifische handlungsrationalität zu bewahren, ist es wichtig, die Offenheit des politischen handelns als Kriterium der Rationalität zu betonen. Damit treffen wir den Rationalitätsbegriff des Politischen, wie ihn Arendt im Ausgang der antiken Philosophie entwickelt hat. »Der politische Bereich im Sinne der Griechen gleicht einer solchen immerwährenden Bühne, auf der es gewissermaßen nur ein Auftreten, aber kein Abtreten gibt, und dieser Bereich entsteht direkt aus einem Miteinander, dem ›mitteilenden Teilnehmen an Worten und Taten‹« (Arendt 2002, 249). Arendt macht somit deutlich, dass in ihrem Verständnis von politischer Rationalität nicht die Zweckrationalität gemeint ist. Vielmehr geht es um das Reden und das handeln in der Öffentlichkeit, ohne Gewalt und instrumentelle Vernunft (Saavedra 2002, 150). Die kurze Diskussion der Rationalitätsvorstellungen hat gezeigt, dass die Distinktionen der politischen Differenz nicht ausschließlich semantischer Natur sind. Die Abgrenzung der Politik vom Politischen ist nicht das Ergebnis akademischer Begriffsspielchen. Vielmehr handelt es sich um ein epistemologisches Problem, das nicht nur erhebliche Folgen für die Konstruktion des wissenschaftlichen Objekts hat, sondern selbst Teil einer grundlegend unterschiedlichen Art des Beobachtens ist, die es aufzuklären gilt. 1.2 Normativität und Rationalität des Politischen Nachdem die politische Differenz und die damit verknüpften Ansichten über eine politische Rationalität vorgestellt wurden, können der Diskurs und seine Ideen nach eigenen Maßstäben systematisiert werden. hinter der politischen Differenz stehen m. E. drei unterschiedliche, aber aufeinander bezogene Bedeutungsebenen. Dies sind: (1.) die Unterscheidung eines essenziellen Begriffs des Politischen und eines funktionalistischen Begriffs der Politik; (2.) die Annahme, dass dem Politischen eine eigene Normativität zukommt vs. die Ansicht, dass das Politische normativ eingerahmt werden muss; (3.) die Existenz einer spezifischen in der Politik relevanten Rationalität und die Akzeptanz ausschließlich nicht-politischer Rationalitäten in der Politik. RATIONALE STRUKTUREN DES POLITISchEN 66 Die Beziehung der drei Ebenen ist interdependent. Ihre gegenseitige Bezugnahme soll hinsichtlich der Ursachen erklärt, kontextualisiert und historisiert werden. (1.) In der ersten Ebene geht es um unterschiedliche Definitionen eines Politikbegriffs und eines essenzielleren Begriffs des Politischen, wobei die verschiedenen Bewertungen Teil und Ergebnis einer von Konkurrenz geprägten Dynamik sind. An deren Anfang steht die historische Ausdifferenzierung von Politik, wie sie im antiken Griechenland von Platon und Aristoteles als Gegenstand wissenschaftlicher Reflexion konzeptualisiert wurde. In historisch vergleichender Perspektive zeigt Leonhard, wie sich aus diesem Begriff im Kontext von Raum und Zeit ein ambivalentes semantisches Feld entfaltet hat (Leonhard 2007). Ausgehend vom antiken Politikverständnis, das existenzielle Probleme sozialer Ordnung mit moralischen Wertbestimmungen verband und einen spezifischen Tugendkatalog unterstellte, macht er deutlich, wie sich dieses Wortverständnis in anderen Sprachen ausbreitete, sich durch römische Verknüpfungen wandelte und im Mittelalter durch die Relation von antiken und christlichen Bestimmungen der Moral angereichert wurde (Leonhard 2007, 76). Erst durch neuzeitliche Erfahrungen wird der tradierte Politikansatz seiner transzendenten Moralbegründung sukzessive entkleidet. Für diesen Wandel stehen die Autoren Machiavelli, Bacon und hobbes, die als feste Referenzgrößen die Politische Theorie und ihre Ideengeschichte strukturieren (vgl. Leonhard 2007, 75).13 Sie reflektieren eine wichtige Veränderung im politischen Denken, nämlich den Bruch der kirchlich-konfessionellen Einheit und die damit einhergehenden Kriege. »Der Politikbegriff des 17. Jahrhunderts gründete auf diesem Erfahrungsumbruch und den Versuchen, ihm mit Kompromissen zu begegnen« (Leonhard 2007, 77). Fortan musste das Denken des Politischen nicht nur das Auseinandertreten von Politik und Moral, sondern auch die Problematik von Sicherheit und Stabilität verarbeiten (Leonhard 2007, 77). Als deutliche semantische Trennung von Begriffsverständnissen wird die politische Differenz in diskursiven Praktiken über die politische Praxis einer Gesellschaft relevant, verdichtet und symbolisiert. Erlangen diese Praktiken eine gewisse Persistenz und Routine, lässt sich analytisch von Diskursen sprechen. In dieser hinsicht tritt durch die politische Differenz ein neuer Diskurs des Politischen auf. Zum besseren Verständnis dieses Diskurses wird hier auf die von Flügel-Martinsen identifizierten Diskursarten des Politischen Bezug genommen. Vier Weisen, das 13 »Die moralisch-pädagogische Ausrichtung der überkommenen Fürstenspiegelliteratur wurde bei Niccolò Machiavelli von einer Theorie der Möglichkeiten ersetzt, um die Existenz des Staatswesens zu erhalten« (Leonhard 2007, 76). DAS POLITISchE 67 Politische zu denken, die in je einem spezifischen Diskurs14 zum Ausdruck kommen, unterscheidet er (Flügel-Martinsen 2008, 23 ff.). Dazu gehören: – das Begründen: Dieser zentrale Diskurs bemüht sich, das Politische so zu analysieren, dass am Ende angemessene Vorschläge für die Aktualisierung bestimmter Möglichkeiten erarbeitet werden. – das Befestigen: hierbei handelt es sich nach Flügel-Martinsen um einen spezifischen Diskurs des Begründens, jedoch mit einem anderen Verständnis des Politischen. Das Politische wird als Konflikt verstanden, der durch Ordnung und Sicherheit befriedet werden kann. Zur Befestigung von Ordnung und Sicherheit ist wiederum ein wohlbegründetes Institutionensystem unabdingbar (Flügel-Martinsen 2008, 27). – das Begrenzen: Auch eigentlich dem Begründungsdiskurs zugehörig, wird beim Begrenzen das Politische im Sinne einer notwendigen Einschränkung gedacht. Das freie Individuum muss sich außerhalb des Politischen entwickeln können, wozu es Privatheit und individuelle Rechte benötigt, die das Politische in bestimmten Punkten auf Distanz hält (Flügel-Martinsen 2008, 28). – Ein letzter großer Diskurs ist der des Befragens. Anders als bei den vorangegangenen Diskursen geht es hier nicht um die Begründung des Politischen im Kontext bestehender oder erwünschter Zustände. Stattdessen werden »die, die sich im theoretischen und praktischen Umlauf befinden, sich institutionell anders sedimentiert haben oder, mehr oder minder einflussreich, im geistigen hintergrundreservoir sind, einer radikalen Befragung« unterzogen (Flügel-Martinsen 2008, 29). Im Gegensatz zu einer Position, die versucht, die Begriffe des Politischen gegenüber anderen stark zu machen, zu begründen oder zu kontextualisieren, hintertreibt das Befragen systematisch die Gültigkeit existenter Phänomene. Bis zum 17. Jahrhundert dominierte ein noch von der Antike und insbesondere von Aristoteles beeinflusster Diskurs, der das Politische als eine »im Kern exzellenzethischen Kriterien folgende[] gemeinschaftliche[] Praxis« verstand und sich darum bemühte, hinsichtlich bestimmter normativer Prinzipien die Politik begründet zu verbessern (Flügel-Martinsen 2008, 167). Die Erfahrungen der Unsicherheit ließen Reflexionen 14 Flügel-Martinsen hält sich hier an einen analytischen Diskursbegriff, den er scharf von normativen Varianten (habermas, Apel) abgrenzt. Insgesamt kann seine Diskurssystematik als ein spezifisches Moment der historischen Entwicklung kommunikativer Reflexionen des Politischen verstanden werden. Die Geschichte des Denkens des Politischen wird somit zu einer Geschichte der Diskurse des Politischen, wobei diese nicht einfach auf- und wieder abtauchen, sondern einmal initialisiert sich immer wieder an der Problematik des Politischen abarbeiten. RATIONALE STRUKTUREN DES POLITISchEN 68 des Politischen nüchterner und vor allem skeptischer werden, woraus sich ein neuer Diskurs entwickelte, der die Notwendigkeit von Ordnung, Stabilität und Sicherheit begründete (Flügel-Martinsen 2008, 167). Diese Probleme werden als notwendige politische Ziele formuliert, für deren Umsetzung die Reflexionen eigenständige Ideen entwickeln (Flügel-Martinsen 2008, 168). Die Notwendigkeit zur Schaffung stabiler sozialer Koexistenzen hat die Wirkung anderer normativer Ziele und Absichten in der Politik relativiert. Somit verlor der aristotelische Begriff der Politik, als Teil der praktischen Philosophie, an Bedeutung und wurde vom neuen empirisch-rationalistischen Politikbegriff abgelöst (Leonhard 2007, 75). Dieser Wandel kommt auch in den diskursiven Praktiken zum Ausdruck, indem als Reaktion auf soziale Verwerfungen die performative Beschränkung eines tradierten Denkmusters kritisch hinterfragt und die Möglichkeit neuer Denkfiguren ausgelotet wird. Es zeigt sich, dass erst mit dem neuen Diskurs der Begrenzung ein rationaler, weniger essenzialistischer Politikbegriff entwickelt wird. Damit stehen sich fortan zwei konkurrierende Konzepte des Politischen gegenüber. Beide Begriffe öffnen durch ihren Geltungsanspruch ein dynamisches Spannungsfeld, dessen Dynamik den Kontext der politischen Differenz strukturiert, wobei die Differenzierung zwar an historisch weiter zurückliegende Denkansätze anknüpft (Steinmetz 2007, 14), jedoch eine künstliche terminologische Basis konstruiert (Bedorf 2010, 16). Letztlich haben sich die semantischen Inhalte eines ontologischen und eines funktionalistischen Politikbegriffs immer wieder gewandelt (vgl. Leonhard 2007). Demzufolge kann auch keine Eindeutigkeit der Differenzierung des Politischen von Politik suggeriert werden (Bedorf 2011, 47). (2.) Die Differenz erschöpft sich nicht ausschließlich in der Dichotomie von Politikbegriffen, sondern muss auf einen erweiterten Kontext ausgedehnt werden. Wie Flügel-Martinsen am Ende seiner Studie zusammenfasst, begnügen sich die vier Diskurse des Politischen nicht mit einem bloßen analytischen Zugriff auf das Politische, sondern stellen immer eine Beziehung zum Normativen her. Zwei unterschiedliche Formen dieser Beziehung sind identifizierbar. Die erste schreibt dem Politischen keinen eigenen normativen Wert zu, versucht aber, es als eine Gefahr von Normativität einzuhegen (Flügel-Martinsen 2008, 262). Demgegen- über rechnet die andere Position gerade dem Politischen einen eigenen normativen Wert zu und erlaubt, »das Politische als Politisches zu denken« (Flügel-Martinsen 2008, 261). Der entscheidende Punkt, der hier gemacht wird, ist, dass die Normativität des Politischen selbstreflexiv in das Politische eingelassen ist. Politische Praxis kann nur durch ihren eigenen Vollzug normative Rahmungen entwickeln, die ihren Wert dadurch erhalten, dass sie das Politische weiter ermöglichen. Dieser immanenten Logik des Politischen und seiner damit ausschließlich intern bestimmbaren Normativität begegnen die meisten Reflexionen des DAS POLITISchE 69 Politischen mit erheblicher Skepsis. Deshalb ist es nach Ansicht von Flügel-Martinsen wenig wahrscheinlich, dass in Diskursen des Begründens, Begrenzens und Befestigens dem Politischen eine eigene Normativität zugestanden wird (Flügel-Martinsen 2008, 262). Stattdessen eruieren diese Diskurse angemessene Schranken des Politischen. (3.) Je nachdem, ob das Politische eine eigenständige Normativität erhält, ist es in der Lage, eigene Rationalitätsstandards zu formulieren, die für politische handlungen, Interaktionen, Entscheidungen, aber auch Institutionen zum evaluativen Kriterium werden. Wie am Beispiel der politischen Rationalität von Arendt gezeigt wurde, ist es von Interesse, inwieweit sich dieses Kriterium der Evaluation explizit nur aus dem Politischen ableiten lässt oder ob hierzu auf andere Bereiche Bezug genommen wird. Im Extremfall wird die Existenz einer eigenständigen Rationalität des Politischen abgelehnt und es werden unpolitische Rationalitätsstandards (Verfahrensrationalität etc.) zur Bewertung politischer Interaktionen, handlungen usw. genutzt. Beispielsweise wird zur Evaluation von Politikprozessen nur die Effizienz der Prozesse im hinblick auf die Organisation ihrer Verfahren beurteilt, ohne die unterstellte Ziel- Zweck-Relation zu hinterfragen. Dies ist Ausdruck einer »expertokratischen Politiksicht«, welche die zu lösenden Probleme einfach hinnimmt (Greven 2010, 83). Solche Vorstellungen instrumentalisieren die Rationalität und verengen sie. »Die Tendenz zur Verengung auf instrumentelle Rationalität – die nicht mehr Sinn-, sondern nur noch Effizienzfragen stellt und damit die Zielreflexion, die ehedem als eigentliche Aufgabe der Vernunft galt, preisgibt – ist fatal« (Welsch 1996, 431). Doch steckt dahinter nicht nur ein hinweis auf eine abwesende politische Rationalität. In dem Maße, in dem auf eine Verfahrensrationalität oder Sachrationalität rekurriert wird, reproduzieren die Autoren das Pluralisierungsmodell der Rationalitätstypen. hierbei wird die Annahme exponiert, wonach in der Gesellschaft unterschiedliche Rationalitätstypen existieren, die eigenständige Prinzipien aufstellen und damit scheinbar selbständige Rationalitätsbereiche schaffen (Welsch 1996, 441). Doch dabei bleibt es nicht. Statt eines möglichen konfliktfreien Nebeneinanders unterschiedlicher Rationalitätsbereiche bilden sich in den Bereichen konkurrierende Paradigmen, die für sich in Anspruch nehmen, die richtige Realisation des entsprechenden Rationalitätstypus zu sein (Welsch 1996, 441). Mit dieser »Simultankonkurrenz« treten Konflikte damit nicht zwischen den differenzierten Rationalitätsbereichen auf, sondern reproduzieren sich innerhalb dieser differenzierten Arenen (Welsch 1996, 441). Somit steht der Position einer singulären politischen Rationalität eine Position gegenüber, die von pluralen Rationalitäten ausgeht und die Geltungskonkurrenz unterschiedlicher Rationalitätstypen sowie die ihnen folgenden verschiedenen Vorstellungen über die Art und Weise der besten Umsetzung dieser Rationalitäten mitdenkt. RATIONALE STRUKTUREN DES POLITISchEN 70 Die drei Ebenen verdeutlichen die Struktur der miteinander verbundenen Annahmen und zeigen, in welchen Konstellationen das Politische differenzierte Vorstellungen zur Rationalität und Normativität zum Ausdruck bringt. Im Rahmen der ersten Ebene fungiert die politische Differenz als Gegeneinander verschiedener Ordnungsbegriffe. Ordnungsbegriffe behandeln die grundlegende Strukturierung der Politik, die als Leitkategorien die empirische Analyse gliedern und oft normative Komponenten integrieren (Göhler et al. 2009, 375). Die zweite Ebene baut die politische Differenz begrifflich gegenüber normativen Leitideen auf. Normative Leitideen transportieren grundlegende Ziele, Werte und Prinzipien politischer Ordnungen, die dazu dienen, kritisch über die Legitimation solcher Ordnungen zu reflektieren (Göhler et al. 2009, 375). Der normative Grundsatz, das Motiv der genutzten Unterscheidung differierender Ansätze des Denkens des Politischen, formiert sich fundamentaler auf der dritten Ebene, in der die Unterschiede hinsichtlich der normativen Zurechnung politischer Phänomene im stark abstrahierten Vernunftdenken verortet werden. Wieder anknüpfend an der epistemischen Konsequenz stellt sich heraus, dass die verschiedenen Konzeptionen des ›Politischen‹ Relationen von Ordnungsbegriff, normativen Leitideen und einer fundierenden Rationalitätsinterpretation sind. Soweit ist die Systematik einsichtig, doch liegt das konzeptuelle hauptproblem in der Kontingenz dieser Verknüpfungen. Ihre historischen und kontextuellen Relationen statten sie mit genügend Eigenlegitimität aus, sodass eine Kritik der verschiedenen politischen Begriffe vor dem hintergrund der politischen Differenz keine eindeutige Positionierung für einen eigenen Ansatz zulässt. Man kann die politische Differenz nur als politische Differenz und damit als Einheit konkurrierender Begriffe reflektieren. Die Problematisierung dieser beiden Eigenschaften, das Eigensinnige und die Einheit des Politischen, bilden die Basis des von uns begründeten Ansatzes des Politischen. 1.3 Das einheitliche und das eigensinnige Politische Es wäre möglich, sich durch die Instrumentalisierung eines pluralistischen Arguments mit der Existenz unterschiedlicher Denkansätze des Politischen abzufinden. Dann wäre es legitim, sich für einen Begriff zu entscheiden, diese Entscheidung zu begründen und sie zu nutzen. Andererseits würde dies dazu führen, die Erforschung nicht-fixierter Regeln weiterhin an der Formal-/Informal-Differenz abnutzen zu lassen. Da es aber das erklärte Ziel der Untersuchung ist, diese Differenz durch einen Perspektivenwandel aufzulösen, muss das Politische so aufgeklärt werden, dass sinnvolle epistemologische Schlüsse gezogen werden können. Zwei Denkfiguren können dabei helfen: Erstens die auch von Luhmann DAS POLITISchE 71 im Rahmen seiner differenzierungslogischen Schlüsse angewandte methodische Einsicht, dass Differenzierungen immer durch ihre Einheit geprägt sind. Zweitens der wichtige hinweis von Voegelin zur Selbstauslegung politischer Symbole durch die Mitglieder einer politischen Gesellschaft. Mit der ersten Figur kann die Einheitlichkeit des Politischen als spezifische Position zur Differenzierung der Begriffe des Politischen und der Politik begründet werden. Die zweite Figur liefert ein stichhaltiges Argument, um den Eigensinn des Politischen herauszustellen. Einheitlichkeit: Bei der Behandlung der politischen Differenz bietet sich ein differenztheoretisches Vorgehen an (vgl. Bedorf 2011, 46). Mit Differenzierungen wird die Komplexität so reduziert, dass sie sich beobachten lässt (Luhmann 1984, 26 f.). Das Phänomen des Politischen, mit all seiner durch die historischen Erfahrungen angereicherten Komplexität, kann im wissenschaftlichen Diskurs auf die Differenz von Politisch und Politik zusammengekürzt werden. Der instrumentelle Gebrauch einer Differenzierung erlaubt es, für die Vielfalt politischer handlungen, Entscheidungen, Ordnungen, Systeme mit nur zwei abstrahierten Eigenschaften bzw. ordnenden Begriffen zu arbeiten, um das geteilte Merkmal herauszustellen. Dabei muss die Spannung beider Begriffe, die opponierenden Seiten der politischen Differenz, aber nicht fälschlicherweise dahingehend aufgelöst werden, dass versucht wird, die Legitimation der anderen Seite, des anderen Begriffs in Frage zu stellen. Dies führt nur zur hierarchisierung. Das richtige Politische wird gegenüber der bloßen Politik immens aufgewertet. Das Politische als realitätsferner normativ überfrachteter Philosophiebegriff wird gegenüber dem realistischen Politikkonzept als empirisch brauchbarer erachtet etc. Doch dahinter steht eine unzulässige neue Differenzierung, wie Bedorf in Bezug auf die politische Differenz kritisch anmerkt (Bedorf 2011, 51). Luhmann macht darauf aufmerksam, dass der Sinn einer Unterscheidung nicht so sehr in der Markierung des Verschiedenen liegt, sondern in der Öffnung von Anschlussmöglichkeiten (Luhmann 1984, 100). Kommunikationstheoretisch gesprochen heißt das für die politische Differenz, dass unabhängig davon, ob ein Beobachter sich für das essenziell Politische oder die funktionale Politik entscheidet, er in jedem Fall über politische Phänomene redet, sie beobachtet und analysiert. Wenn in Analysen mehrheitlich ein reduziert funktionales Verständnis der Politik tonangebend ist, dann ist die Möglichkeit eines essenziell und normativ Politischen nach wie vor vorhanden. Entsprechend sinnlos ist es, eine Seite der Differenz, also eine Konzeption von Politik, gegenüber der anderen aufzugeben bzw. zu selektieren. Es geht folglich nicht darum, sich für eine Seite der Unterscheidung zu entscheiden und deren Legitimation zu begründen, sondern anzuerkennen, dass es für den Fortlauf sozialer Interaktionen (bei Luhmann Kommunikationen) um die Einheit RATIONALE STRUKTUREN DES POLITISchEN 72 beider Seiten geht, die dafür steht, dass immer an einer Seite angeschlossen werden kann. Dies impliziert die Akzeptanz, dass Politik eine funktionale Dimension hat, auf die in vielen Interaktionen, handlungen etc. exklusiv rekurriert wird. Daneben verweist Politik auf eine normative, essenzielle Dimension, die in vielen politischen Phänomenen das Denken und handeln der Akteure bestimmt. Beide Bedeutungen konstituieren das Politische und die Politik, kommen in unterschiedlicher Intensität zur Geltung und schließen sich nicht gegenseitig aus. Sie werden durch die Akteure situativ und kompetent eingesetzt, d. h. Politik bzw. das Politische ist kontextvariabel (Bedorf 2011, 55). Damit gewinnt das Politische als Teil der sozialen Praxis seine eigentliche Bedeutung. Bedorf veranschaulicht dies, indem er das Politische als das »Außer-ordentliche« der Politik begreift und sich damit einerseits einer hierarchisierung der Differenzierungen entsagt und andererseits den Beobachter zwingt, sich mit der politischen Praxis auseinanderzusetzen. Nur in der Analyse der konkreten Umstände kann der Beobachter feststellen, ob sich das Politische als Überschuss über die alltägliche Politik erhebt (Bedorf 2011, 54). In der komplexen Gesellschaft hat das Politische mehrere Formen, die durch einen mehrdimensionalen Begriff symbolisiert werden müssen (Kleger 2014). Anerkennung von Komplexität heißt Aufrechterhaltung der politischen Differenz als Differenz, was als Plädoyer für die Einheitlichkeit des Politischen verstanden werden kann. Dies teilt auch Klaus von Beyme in seinem Resümee zur Entwicklung der Theorie der Politik (Beyme 2007, 329). Er verweist zudem auf ein sich daraus ergebendes Paradox. Auf der einen Seite hat die Entwicklung der Diskurse über das Politische zu einer starken Fragmentierung beigetragen, was an sich einen Wert darstellt. Beyme spricht konventionell von der »Errungenschaft der Moderne«. Andererseits muss eine sich selbst definierende Wissenschaft immer nach der Einheit suchen, die letztlich zur Eigenabgrenzung, wir haben darauf verwiesen, notwendig ist. Einheit in der Vielfalt kann nur durch die Suche nach Balance zwischen beiden geleistet werden (Beyme 2007, 329). Doch während Beymes Beitrag zu dieser Balance aus einer nüchternen Analyse und einer aus der Kritik der unterschiedlichen Ansätze der Theoriebildung abstrahierten Standortbestimmung des Faches besteht, wird hier weiter um die Referenz eines eigensinnigen charakters des Politischen gerungen. Eigensinnigkeit: Die Proklamation der Einheitlichkeit mahnt bei der Analyse und Theoretisierung des Politischen operativ, die verschiedenen Formen als Einheit zu denken. Das ist eine Frage der Kategorisierung. Darüber hinaus muss insistiert werden, dass die Einheit durch das Eigensinnige der Politik bzw. des Politischen gestiftet wird, was sich nicht mehr bloß als ein Problem der Beobachtung behandeln lässt. Zur Fundierung des eigensinnigen charakters der Politik ist eine Aussage von DAS POLITISchE 73 Voegelin hilfreich. Er konstatiert, dass Menschen nicht auf die Wissenschaft warten, um sich mit Politik zu beschäftigen (Voegelin 2004, 43). Die Politik und das Politische werden nicht zuerst von der Wissenschaft konstruiert, sondern es sind Konstruktionen der Alltagswelt, Selbstinterpretationsleistungen der Gesellschaften. Als solche sind sie keine Ergebnisse zufälliger Interaktionen. christian Meier hat dies in seiner Studie zur Entstehung des Politischen bei den Griechen eindrucksvoll herausgearbeitet (Meier 1980). Auf der Grundlage einer spezifischen kontingenten Vorgeschichte wurde im antiken Griechenland erstmals »die Problematik des Gemeinwesens ins Politische, in das Verhältnis zwischen den Bürgern (polîtai) transportiert« (Meier 1980, 40). Die Lösung kollektiver Probleme geriert so zum Gegenstand kollektiven handelns, das kollektive Anstrengungen erfordert und Teil einer kollektiven Geschichte wird. Gesellschaften benötigen die Integrationskraft der Politik und des Politischen, um sich als kollektives Ganzes verstehen zu können. Erst auf der Basis dieser Ereignisse, so Meier, entstand die wegweisende theoretische Konzeption von Aristoteles von Politik als einer höchsten Wissenschaft (Meier 1980, 41). Bevor sich die Politikwissenschaft mit ihrem Objekt beschäftigen kann, wird jenes durch Mitglieder einer sozialen Koexistenz konstruiert. So entstehen zwei Typen von Kategoriesystemen, die jeweils Alltags- und wissenschaftliche Theorien begründen. Alltagstheorien bestehen aus Sprachsymbolen, sozialen Konstruktionen, mit denen Gesellschaften ihre Existenz und dem Modus ihrer Existenz Ausdruck verleihen. »Die Selbsterhellung der Gesellschaft durch Symbole ist ein integraler Bestandteil der sozialen Realität, man kann sogar sagen ihr wesentlicher Bestandteil, denn durch die Symbolisierung erfahren die Menschen die Gesellschaft, deren Glieder sie sind, als mehr denn eine bloße Zufälligkeit oder Annehmlichkeit; sie erfahren sie als Teil ihres menschlichen Wesens« (Voegelin 2004, 43). Solche Symbole und die von ihnen konstituierten Alltagstheorien des Politischen gehen den wissenschaftlichen Theorien, die sich erst in der Auseinandersetzung mit diesen bilden, voraus. Auch wissenschaftliche Theorien setzen sich aus Sprachsymbolen zusammen, doch diese entstammen einem anderen Diskurs und folgen anderen Regeln. Dennoch sind beide Theorien und ihre Sprachsymbole nicht unabhängig voneinander. Die wissenschaftliche Reflexion klärt die alltäglich gebrauchten Symbole kritisch auf, verwirft alltägliche Symbole, entwickelt eigene Symboliken und verdichtet diese zu theoretischen Begriffen, mit denen die alltäglichen Symbole wiederum anders beschrieben werden (Voegelin 2004, 44). Letztlich entstehen zwei differenzierte Symbolsysteme, die in verschiedenen Theorien verarbeitet werden, häufig gleiche Semantiken bedienen und in besonderen Fällen sogar kohärent werden. Es sind zwei Symbolreihen, deren »Phoneme sich häufig überdecken« (Voegelin 2004, 45). RATIONALE STRUKTUREN DES POLITISchEN 74 Ungeachtet der Schwierigkeiten, die sich daraus ergeben – wie sie sich in der kritischen Evaluation bestimmter policy-Forschungen zeigen, die sich hinsichtlich ihrer Perspektive und Reflexion kaum von Expertisen der Praktiker unterscheiden –, kann festgehalten werden, dass dem Politischen ein eigener Sinn anhängig ist. Das Politische wartet nicht auf die Bedeutungszuschreibung der Wissenschaft, sondern es schreibt sich selbst Bedeutung zu. Es entsteht durch Bildung, Routinierung, Reflexion und Wandel politischer Praktiken in sozialen Koexistenzen. Die elementare Bedeutung dieses »spezifischen Modus gesellschaftlicher Selbstwahrnehmung und -beschreibung« (Steinmetz 2007, 22) wird durch eine kontingente wissenschaftliche Reflexion schnell zum Gegenstand gemacht, woraus sich ein vorläufiger »disziplinärer« Begriff des Politischen bildet (Palonen 2006, 33 f.). Demzufolge ist der Eigensinn des Politischen nicht nominalistisch misszuverstehen. Vielmehr geht es darum, zu akzeptieren, dass seit einer geraumen Zeit der Eigensinn des Politischen nicht nur in den Selbstverständigungen der Akteure zum Ausdruck kommt, sondern auch Gegenstand der wissenschaftlichen Reflexion ist. Obwohl unterschiedliche Symbole gebildet und zu unterschiedlichen Konstruktionen von Theorien des Politischen verarbeitet werden, ist die reflexive Verbindung beider Symbolreihen konstituierend. Die Feststellung der Eigensinnigkeit des Politischen ist somit eine analytische, durch die Theoretisierung der Kontingenz und Entwicklung des Politischen begründete Aussage (Meier 1980; Palonen 2006; Leonhard 2007). 1.4 Ordnung als Eigensinn des Politischen Was macht diesen Eigensinn aus? Dieser muss so angelegt sein, dass er nicht nur die Einheit der politischen Differenz, sondern auch die Wandlungsfähigkeit des Politischen von einem disziplinären hin zu einem Aktivitätsbegriff abdeckt. hier sucht die wiederholte »Befragung des Politischen als Politisches« (Bedorf 2010, 13) eine sinnvolle, aber auch schwierige Antwort. Glücklicherweise ist diese Frage aber nicht neu. U. a. hat sich bereits Göhler mit ihr in elaborierter Form beschäftigt und eine theoretische Systematik für Begründungszusammenhänge in einer normativ-ontologischen Politikwissenschaft entwickelt. Auch er stand vor dem Problem, die unterschiedlichen Grundkategorien der Politischen Theorie und der politischen Ethik mit denen des aktuell Politischen inhaltlich zu verknüpfen (Göhler 1978, 157).15 Die entscheidende Lösung, 15 Göhler verarbeitet hier den normativ-ontologischen Ansatz einer Politikwissenschaft von Suter, den er mit seinem Modell des Begründungszusammenhangs kombiniert. Da Göhler für die Politische Theorie in Deutschland große Bedeutung hat, referieren wir durch ihn nur indirekt auf Suter. DAS POLITISchE 75 zu der auch Göhler fand, liegt im Begriff der Ordnung. Der Ordnungsbegriff ist in der Lage, die unterschiedlichen Ebenen des Politischen (bei uns die politische Differenz) auf einen Nenner zu bringen. Aufgrund seiner normativen Dimensionen kann er die unterschiedlichen Ebenen in eine begründete Systematik zusammenführen (Göhler 1978, 157). Ordnung ist zudem die Antwort auf die erste, für alle weiteren Anschlussprobleme konstituierende Frage nach der Grundlage politischer Gemeinschaft: »It is ›first‹ because solving it is the condition of solving, indeed posing, any others« (Williams 2005, 3).16 Erst Ordnung ermöglicht den Modus Vivendi einer politischen Gesellschaft (vgl. horton 2010). Der für die Bestimmung des Eigensinns des Politischen substanzielle Begriff ist demzufolge derjenige der Ordnung. Jene ist der »Telos des Politischen« (Anter 2007, 1). Ordnung, um dies zu unterstreichen, ist die fundamentale Struktur sozialer Koexistenzen, weil sie die fundamentale Struktur ihrer Träger – der Menschen – ist. In der antiken Vorstellung wurde diese Annahme noch zweifelsfrei geteilt. Ordnung wurde eine ontologische Qualität zugesprochen (Bubner 1996, 168). Sie präsentierte hier noch die Einheit der Welt, die zudem eine Einheit des Seins war (Luhmann 1997, 896). Das Politische war sich seines Eigensinns radikal bewusst. Erst durch den neuzeitlichen Status der Subjektivität wird das Ordnungsproblem verschoben und zu einer technischen Konstruktion der Vertragstheorie transformiert (Bubner 1996, 169). Der Eigensinn des Politischen wird dadurch hinterfragt und als Funktion eines »selbstbewussten Ichs« (Bubner 1996, 169) uminterpretiert. Doch das Ordnungsproblem muss tiefer verortet werden und kann nicht mittels einer erst durch Ordnung substanziell denkbaren Vereinbarungssymbolik wie dem Vertrag legitimiert werden. Verträge sind erst in einer Ordnung möglich und können diese nicht ex post begründen. Die Übereinkunft und die Vertragspartner lassen sich ausschließlich in einem geordneten Zustand konstituieren. Somit geht Ordnung der Praxis, in der sich Subjektivität manifestiert, generell voran. Ordnung ist eine Aufgabe, »die das Leben stellt« (Bubner 1996, 171), auch wenn es keine Subjektivitätskonzeptionen gibt. Menschen müssen die herausforderung der Ordnung bereits erledigt haben, wenn sie mit der Praxis beginnen, weil sie diese erst durch ein auch-anders-sein-können durchführbar macht (Bubner 1996, 171). Dieser Bedingung muss sich auch die Subjektivität beugen. »Wo die Subjektivität sich nicht an bestehende Ordnungen anlehnt, gerät sie ins Beliebige« (Waldenfels 1987, 129). 16 Williams setzt sich hier auch von durch Rawls präsentierte moralische Zugriffe auf das Politische ab. »Williams denies this; in his view, the first virtue of politics is order, not justice, and justice purchased at the expense of order is likely to prove self-defeating« (Galston 2010, 388). RATIONALE STRUKTUREN DES POLITISchEN 76 Nimmt man diese Kausalität ernst, erhält die Ordnung wieder ihre angestammte ontologische Bedeutung zurück, d. h. Ordnung ist Teil des Seins. Erst Ordnung stellt einen stabilen Rahmen bereit, auf den sich Menschen in ihrem individuellen und kollektiven handeln verlassen können. »Ordnung ist […] ein Zustand des Seienden, sie macht die Welt aus, und ohne sie wäre nichts« (Bubner 1996, 169). Der ontologische charakter des Eigensinns des Politischen weist auf seine für die Organisation des Zusammenlebens wichtige Funktion hin. Ordnung ist ein probates Mittel für den Menschen, um seine Konfrontation mit der Kontingenz zu verarbeiten (vgl Wagner 1995, 65). Kontingenz bezieht sich in einer analytischen Bestimmung auf eine doppelte Negation, wodurch Dinge nicht notwendig, aber auch nicht unmöglich sind (holzinger 2007, 26). Im Kontext der Strukturierung menschlicher Koexistenzen resultiert daraus die Bedingung, dass alle menschlichen Gemeinschaften sich mit der Relativität ihrer Existenzform auseinandersetzen und sich insbesondere um die wahrheitsgemäße Begründung ihrer Wirklichkeit bemühen müssen. Jede Gesellschaftsgründung ist per se kontingent und damit außerstande, die eigene Letztbegründung zu entwickeln. Demzufolge muss sich die Gesellschaft beständig auf die Suche nach einem möglichen »ultimativen Grund« ihres Daseins begeben (Marchart 2010a, 146). Wird dieser nicht gefunden oder ist seine Begründung unbefriedigend, müssen sich der Mensch und seine soziale Koexistenz mit Begründungsdefiziten auseinandersetzen, die ihre Existenz mit einem hohen Maß an Offenheit belasten (vgl. holzinger 2007, 12). Die Offenheit grundlegender Regelungen, ihrer Begründung und Geltung verunsichern, schaffen Konfusionen und produzieren Konflikte. Damit umreißt der Begriff der Kontingenz, der als Problem des menschlichen und damit des sozialen Lebens in der Moderne für ebendiese immer größer wird (holzinger 2007), dass, was Voegelin als die erfahrene Unsicherheit der menschlichen Existenz bezeichnet hat (Voegelin 1988, 29). Der Mensch erlebt seine Existenz als höchst unsicher, kann er doch die fundamentalen Fragen seines Seins nicht vollends aufklären. Voegelin nennt dies die schwierige Sinnspiegelung der eigenen Existenz, die für den Einzelnen als Träger der Gesellschaft immer mehr Fragen aufwirft, als sie beantworten kann. Jeder muss sich mit der Erfahrung seiner unbestimmten Existenz auseinandersetzen. Sinn, der die Existenz befriedigend begründet, kann nicht von außerhalb kommen (Voegelin 1988, 107 f.), sondern muss vom Menschen in seine Existenz und deren Interpretation gelegt werden. Die schwierige Sinnspiegelung, die ohne externe Referenzen auskommen muss, nötigt den Menschen, selbst seinem Leben eine Rahmung zu geben. hierbei ist er jedoch nicht allein. Alle anderen müssen das auch, weshalb der Mensch sich durch seine sozialen Bezüge mit schon vorhandenen Interpretationen auseinandersetzen kann. Diese Auseinandersetzung ist gleich derjenigen mit dem auf Zufälligkeit DAS POLITISchE 77 beruhenden, nicht zwangsläufigen Status der eigenen Existenz. Dies wird am radikalsten in der religiösen Symbolik von Gott deutlich. Gott, die eigentlich Sicherheit stiftende transzendente Symbolik, erinnert immer daran, dass er die Welt, so wie sie ist, auch wieder ändern kann: »Gott ist das Kontingente schlechthin« (holzinger 2007, 27). Entsprechend nachvollziehbar ist die Feststellung, dass sich in der Moderne mit ihrer stetigen Relativierung überkommener und Ordnungssymboliken und der konsequenten Infragestellung tradierter Weltdeutungen die Kontingenzerfahrung weiter radikalisiert. Insofern das Individuum zur einzigen Ordnungsquelle wird, muss es allein das Erbe der die Kontingenz transzendierenden religiösen Symbole antreten. Damit muss sich die Erwartungssicherheit allein auf menschliche Praxis gründen, was neben einer größeren Verunsicherung in der entzauberten Moderne auch erhöhte Gestaltungsspielräume menschlicher Aktivität evoziert. Fassen wir zusammen: Das angemessene und erfolgreiche Instrument zur Minimierung der Unsicherheit der eigenen Sinnreflexion und damit der Kontingenzbewältigung der eigenen Existenz ist Ordnung. Ordnung schafft einen Rahmen, ein Bezugssystem, das der eigenen Existenz Sinn gibt, indem die nicht-notwendige Form der sozialen Existenz zu einer ganz und gar notwendigen Form umgedeutet wird: statt Zufall Plan, statt der unsicheren Erfahrung einer nicht zufriedenstellend aufklärbaren Existenz ein Sicherheit stiftendes Symbolsystem, das mittels Analogien das Unbekannte durch Bekanntes oder vermutlich Gewusstes ausleuchtet und stabile Deutungsmuster anbietet (Voegelin 1988, 34). Die durch die Kontingenz gestiftete doppelte Negation wird somit teilweise entschärft: Erfolgreiche Ordnung negiert die Nichtexistenz der Notwendigkeit, denn die Existenz der Ordnung erzählt eine Erfolgsgeschichte, die im Kontext ihrer Entwicklung gewollt und nicht bloß zufällig ist. Die Ordnung verweist auf die realisierte Möglichkeit bestimmter sozialer Koexistenzen, die für sich selbst betrachtet eine historische Notwendigkeit darstellt. Erfolgreiche Ordnung fungiert als Mittel zur Kontingenzverdrängung. Es zeigt sich, dass der Eigensinn des Politischen auf dessen Ursprung im griechischen Denken rekurriert, in dem sich die Produktion von Konzeptionen und Lösungsvorschlägen zur rechten Ordnung institutionalisiert haben (Meier 1980, 224). Während Ordnung und die Vorstellung möglicher Ordnungen des sozialen Zusammenlebens anthropologische Größen sind, entwickelt sich das Politische als eine kontingente Form solch einer Ordnung, wie sie nur in der griechischen Polis möglich wurde. Von dort aus wurden die nicht-theoretischen und theoretischen Symboliken des Politischen in viele Gesellschaften kommuniziert und adaptiert. Es ist ebenfalls der Startpunkt, von dem aus politische Denker Ideen über angemessene, erwünschte, aber auch praktikable Politische Ordnungen entwerfen, dessen Reflexion die Genese der Politischen Theorie RATIONALE STRUKTUREN DES POLITISchEN 78 ermöglicht, in der es um die »symbolische Erfassung der Existenzweisen menschlicher Gemeinschaften, ihrer Ordnungsformen und Koordinationsprozesse« (Kauffmann 2010, 44) geht. Die Existenzweisen kumulieren in der jeweiligen Selbstbeschreibung der Gemeinschaften, in sozialen Konstruktionen, die das kollektive Selbstverständnis ausdrücken. Als solche präsentieren sie bestimmte Formen sozialer Gemeinschaften, die ihrer Kontingenz durch eine eigens begründete Konstitution begegnen. Durch die Begründung erhält die Existenzweise der Gemeinschaft einen Sinn, indem die Art ihrer Organisation für sich einsichtig wird und die von ihr betroffenen Menschen an dieser Einsicht teilhaben lässt. Insbesondere wird die Notwendigkeit der erfolgten Entwicklung der eigenen sozialen Existenz konstruiert, wodurch das Problem der Kontingenz vermindert werden kann. Doch erst, wenn die Zahl der in die Existenzweise involvierten Menschen groß genug ist und diese über längere Zeiträume stabil ist, besteht die Möglichkeit, dass sich innerhalb dieser sozialen Koexistenzen kollektive handlungsmuster ausbilden und künftig erwartbar werden. Somit ist die Begründung der Existenzweise und die Negation ihrer Zufälligkeit erst die Voraussetzung für soziale Koordination, weil nur so dafür ein Rahmen geschaffen wird. Entsprechend geht die Begründung der sozialen Existenz allen anderen sozialen Prozessen voraus. Philosophische und sozialtheoretische Argumente belegen den fundamentalen Status der Ordnung für die Genese und Reproduktion sozialer Koexistenzen. Doch welche Konsequenzen hat dies für die Politische Theorie? Um dies nachzuzeichnen, muss Ordnung als kategoriale Grö- ße ernst genommen und hinsichtlich ihrer begrifflichen Dimension entfaltet werden. 1.5 Die Ordnung der Ordnungen Der Begriff der Ordnung hat von seiner antiken Verwurzelung im Logos her sowohl im politischen Denken als auch in den dies reflektierenden Wissenschaften eine beachtliche Karriere gemacht. Dabei ist er in zweifacher Weise relevant: als Ordnungsbegriff und als normative Leitidee (vgl. Göhler et al. 2009, 375). Letzteres lässt sich anhand der sogenannten Ordo-Denkrichtung identifizieren. Im Ordo-Denken wird Ordnung zur Leitidee, die ein bestimmtes Staats- und Gesellschaftsverständnis favorisiert und begründet (vgl. habermann 2002). Begründet wird dieses Denken bei Augustinus und Thomas von Aquin. Beide sehen in der Ordnung (Ordo) einen »das ganze Sein und alle Werte umspannenden Begriff«, bei dem die einzelnen Seinsbereiche in ihrer Vielheit bestehen bleiben, wodurch die Ordnung bei ihnen zu einer »wesenshaften Seinsordnung« wird, die sich in Gott gründet und dem Menschen Freiheit zugesteht (Gässler 1994, 95). Doch auch carl Schmitt wird eine normativ DAS POLITISchE 79 intendierte Verwendung des Ordnungsbegriffs zugesprochen (Günther 2011). Im Gegensatz dazu fungiert Ordnung als Ordnungsbegriff bei Weber, hayek und Voegelin. Da Ordnung im Kontext des Eigensinns des Politischen eine abstrakte Bedeutung hat, die zudem verschiedene Formen des Politischen als unterschiedliche Möglichkeiten des Ordnungsdenkens integrieren soll, werden folgend die Ausprägungen des Ordnungsbegriffs bei diesen drei Autoren kurz untersucht. Max Weber expliziert Ordnung im Kontext seiner soziologischen Grundbegriffe, wobei Ordnung einen Bezugsrahmen für soziales handeln bzw. soziale Beziehungen bietet (Weber 1995, 304). Durch Ordnung lassen sich virulent erscheinende soziale Interaktionen selektieren und mit Sinn verknüpfen.17 Die Verknüpfung ermöglicht Qualifizierungen über die Entstehung und den Modus von Vergesellschaftungen, vor allem im hinblick auf den Erfolg dieser Orientierungen, die sich nach Weber in der Geltung von Ordnung ausdrücken lassen. hier stellt er eine Verbindung zu der Frage nach den möglichen Gründen für die Geltung von Ordnungen her und expliziert den Begriff der »legitimen Ordnung« (Weber 1995, 304). Für seinen Ansatz ist es dann entscheidend, eine angeschlossene Typologisierung der verschiedenen Arten von Geltungsmöglichkeiten der Ordnungen (traditional, affektuell, wertrational, legal) zu qualifizieren (Weber 1995, 305). Die Ordnung ist bei Weber ein Ordnungsbegriff zur Systematisierung sozialer handlungen und Interaktionen, womit diese in die Logik seines soziologischen Ansatzes eingelassen ist. Ordnung bietet eine analytische Kategorie zur Unterscheidung der Geltungskraft sozialer handlungen an, die im Rahmen des Ansatzes von Weber zwei Formen annehmen kann: Konventionen und Recht. Konventionen sind Geltungsmuster, bei denen der handelnde damit konfrontiert wird, dass ein bestimmter Menschenkreis Abweichungen beanstandet (Weber 1995, 305). In Form des Rechts kann Ordnung direkt sanktioniert werden und notfalls durch Zwang Geltung erlangen. Ordnung strukturiert damit Arten möglicher erfolgreicher Reproduktionen von Interaktionen entsprechend differenzierbarer Regelmäßigkeiten. Die Ordnung ist Teil einer handlungssoziologie und nimmt keinen begründungstheoretischen Anspruch ein. Ordnung folgt den sozialen handlungen. Sie ist bei Weber eine soziologische Kategorie, die zur Systematisierung von stabil existierenden und beobachtbaren handlungsgründen genutzt wird. An dieser Vorstellung knüpft auch der bereits auf die Institution beschränkte Ordnungsbegriff von Berger und Luckmann an: Erst durch eine stabile soziale Situation lassen sich handlungen habitualisieren, die sich typisieren lassen (Berger/Luckmann 1969, 17 Indem Weber sie mit bestimmten »Vorstellungen« der Beteiligten, also den Trägern der Interaktionen, relationiert. Diese Vorstellungen geben den Interaktionen eine Ordnung, in der sich der Sinn der Interaktionen wiederfindet (Weber 1995, 304). RATIONALE STRUKTUREN DES POLITISchEN 80 61). Zwar werden soziale Wirklichkeiten so konstruiert, dass in ihr die »Fundamente« einer »expansiven institutionellen Ordnung schon vorhanden sind«, dennoch tritt Ordnung erst im Kontext von Institutionen auf (Berger/Luckmann 1969, 61). Demzufolge ist der Ordnungsbegriff Webers trotz seiner Konstitution als Ordnungsbegriff schon sehr spezifisch, zu spezifisch, um auf die Eigensinnigkeit des Politischen schließen zu können. Weniger spezifisch erscheint der Ordnungsbegriff bei Friedrich August von hayek, der ihn heranzieht, um spontane von gemachter Ordnung zu unterscheiden. Ordnung wird bei ihm zu Beginn allgemein gefasst: Sie beschreibt einen »Sachverhalt […], indem eine Vielzahl von Elementen verschiedener Arten in solcher Beziehung zueinander stehen«, die eine Identifikation bzw. eine wahrscheinliche Identifikation des Ganzen allein aus der Kenntnis eines Teils erlaubt (hayek 1980, 57). Nachdem er die Notwendigkeit des Ordnungsbegriffs verteidigt hat, überträgt hayek ihn in dieser Allgemeinheit auf die Gesellschaft, die geradezu natürlicherweise Ordnung besitzt.18 Durch den Vergesellschaftungsprozess selbst stimmen Menschen ihre handlungen, Reaktionen und Verhaltensweisen aufeinander ab, wodurch sie konstitutiv Ordnung in der Gesellschaft herstellen. »Das Aufeinanderabstimmen der Absichten und Erwartungen, die die handlungen der verschiedenen Individuen bestimmen, ist die Form, in der sich Ordnung im gesellschaftlichen Leben manifestiert […]« (hayek 1980, 58). Doch im Gegensatz zu Weber, der die Motive sozialer Interaktionen und deren Recht auf Geltung kategorisiert, also nach der Etablierung einer sozialen Ordnung ansetzt, geht es hayek um die Differenzierung des Prozesses der Vergesellschaftung. Dazu unterscheidet er spontane und gemachte Ordnung, wobei erstere eine gewachsene Ordnung im Sinne einer sich selbst organisierenden sozialen Koexistenz ist, während die gemachte Ordnung von außen gesetzt wird. Spontane Ordnung spiegelt im Sinne des griechischen Wortes »kosmos« die natürliche Variante einer sich selbst organisierenden menschlichen Gesellschaft wider (hayek 1980, 59). Diese verfolgt nicht einen bestimmten Zweck, besitzt aber für ihre Mitglieder viele Nützlichkeiten. Sie muss nicht unbedingt komplex sein, kann aber, im Unterschied zur gemachten Ordnung, jede Form der Komplexität annehmen und ist so auch in der Natur nachweisbar (hayek 1980, 61 f.). Überdies entwickeln sich erfolgreiche spontane Ordnungen als Regelsysteme allein durch die evolutionäre Selektion von Regeln. Letztlich begründet der Ordnungsbegriff bei hayek nicht nur unterschiedliche Modi sozialer Koexistenzen im hinblick auf ihre Entstehung, sondern gibt gleichsam durch die Betonung 18 hierfür bedient er sich eines anthropologischen Arguments, wonach erst ein gewisser Grad an Ordnung die unproblematische Verfolgung der Alltagstätigkeiten der Menschen erlaubt. DAS POLITISchE 81 des natürlichen charakters spontaner Ordnungen die evaluative Dimension zur Bewertung von Ordnungen vor. Ordnung hat demzufolge eine kategoriale und eine normative Dimension. Berger und Luckmann weisen darauf hin, dass im Unterschied zu ihrem Begriff der institutionalen Ordnung die ›Politische Ordnung‹ fundamentalere Bedeutungsbezüge hat. »Die politische Ordnung […] wird legitimiert durch ihre Beziehung zu einer kosmischen Ordnung von Macht und Gerechtigkeit, und die politischen Rollen werden als Repräsentationen dieser kosmischen Prinzipien legitimiert« (Berger/Luckmann 1969, 111). Ordnung wird damit jenseits ihrer möglichen institutionalen Ausformung zu einem basalen Prinzip menschlicher Orientierung. Sie nehmen hier dezidiert auf die Arbeit von Eric Voegelin Bezug, der Politische Theorie explizit als eine Wissenschaft von der menschlichen Ordnung versteht (Voegelin 1988; Voegelin 2004; Voegelin 2005). Ordnung ist für ihn zuallererst eine Leistung des Bewusstseins, das darüber die Erfahrung mit seiner Existenz ausdrückt.19 Diese Leistung fundiert dementsprechend auch die soziale Koexistenz, in die sie eingebettet ist. Beides zusammen bildet eine Einheit: die Ordnungserfahrung des Menschen und die seiner sozialen Existenz. Jede Gesellschaft reflektiert in ihrer Ordnung den Typus des Menschen, aus dem sie sich zusammensetzt (Voegelin 2004, 76). Mit anderen Worten suchen sich die Ordnungsvorstellungen der Menschen über die Form ihrer sozialen Koexistenz zu repräsentieren, wobei das entscheidende Moment dieser Repräsentationsbeziehung die Absicht ist, dass alle von der Wahrheit ihrer Ordnungsvorstellung ausgehen (Voegelin 2004, 76 f.). Auch die Gesellschaft nimmt für sich in Anspruch, dass ihre Ordnung die einzig wahre, also richtige Ordnung ist. Alle anderen Ordnungen präsentieren Abweichungen bzw. Unwahrheiten. Ordnung wird somit zu einer allgemeinen Kategorie des Denkens und handelns, die an unterschiedlichen Ebenen ansetzt: Voegelin unterscheidet grob zwischen einer existenziellen und einer transzendenten Ebene. Die existenzielle Ordnungsebene umfasst den Sinn, den sich eine Gesellschaft für ihre Existenz gibt und dessen Repräsentation der institutionellen Ordnung entspricht (Voegelin 2004, 62 f.). Mit der transzendenten Ebene wird auf den nicht-physischen Bereich hingewiesen, den eine konkrete Gesellschaft umgibt. Alle sozialen Existenzen sind weltlich gebunden, machen sich aber ihre Gedanken über die Konstitution des Außerweltlichen und systematisieren die Verbindungen zwischen sich und dieser Außenwelt. In jeder Gesellschaft gibt es konkrete Vorstellungen über das Jenseitige, mit teils erheblichen Auswirkungen auf die Organisation der Alltagswelt. Folglich dürfen sich 19 Voegelin erarbeitet hierzu eine Art Prozessmodell menschlicher Partizipation an der Realität, die die Grundlage seiner bewusstseinsphilosophischen Begründung ausmacht (Voegelin 1988, 107 f.) RATIONALE STRUKTUREN DES POLITISchEN 82 beide Ordnungsebenen nicht zu sehr widersprechen und die politische herrschaft ist bemüht, die institutionelle Ordnung im Gleichklang mit der transzendenten Ordnung zu organisieren. Der Ordnungsbegriff bei Voegelin stiftet eine grundlegende Kategorie des menschlichen Bewusstseins, die nicht nur alle Bereiche möglicher Existenzerfahrungen aufnimmt, sondern sich auch durch die Organisation der sozialen Repräsentation direkt institutionalisiert. Die drei hier nur kurz referierten Autoren zeigen, in welch unterschiedlicher Weise Ordnung als strukturelle Kategorie im Kontext sozialer Organisation verwendet werden kann. Bei Weber ist es ein deskriptiv-typologischer Begriff zur Systematisierung von Motiven sozialer Interaktionen und ihres Anspruchs auf Geltung. hayek nutzt einen deskriptiv-normativen Begriff, um die Genese von fremd- und selbstorganisierten sozialen Koexistenzen zu differenzieren und zu bewerten. Voegelin arbeitet mit einem analytisch-ontologischen Begriff, der den Modus von Existenzerfahrungen katalogisiert und deren Notwendigkeit herausarbeitet. Sicher ist Webers Begriff am spezifischsten, während hayek einen allgemeinen Begriff von Ordnung zwar zugrundelegt, anschließend aber den Fokus auf bestimmte Organisationsprinzipien eingrenzt. Auch Voegelin hat einen allgemeinen Begriff der Ordnung, klammert diesen jedoch stark an seine Bewusstseinsphilosophie, sodass er ohne diese keinen Wert mehr hat. Ordnung ist vorrangig als Modus des Bewusstseins relevant, zwar in verschiedenen Abstraktionsebenen, aber doch primär als mentale Kategorie. In ihren Reinformen sind alle drei Begriffe für die hier gestellten Aufgaben nicht ohne weiteres brauchbar, und dies nicht nur im hinblick auf ihre Spezifik, sondern auch hinsichtlich ihrer statischen Konstitution. Selbstverständlich steckt im Ordnungsbegriff von Voegelin, der als genuin politischer Begriff geprägt ist, das meiste Potenzial, doch muss er aus seiner bewusstseinsphilosophischen Beschränkung herausgelöst und mit anderen Ansätzen verknüpft werden. Bevor dies im hinblick auf die Bedeutung der Ordnung für den Eigensinn des Politischen im nächsten Abschnitt vollzogen wird, wollen wir zunächst einen eigenen allgemeinen Ordnungsbegriff entwickeln. Dieser soll konzeptuell in der Lage sein, den Eigensinn des Politischen zu definieren und die diskutierten spezifischeren Ordnungsbegriffe zu integrieren. hierzu greifen wir auf die in der wegweisenden Arbeit von Waldenfels entwickelten Definitionen zurück. »Ordnung [ist demnach] im allgemeinen Sinne […] ein geregelter (d. h. nicht-beliebiger) Zusammenhang von diesem und jenem« (Waldenfels 1987, 17). Generell, so Waldenfels, lassen sich zwei unterschiedliche Ordnungen differenzieren: ein dauerhafter Ordnungsbestand und ein ablösbares Ordnungsgefüge. Ordnung kann als Status verstanden werden und als ein Prozess, der von einem Ordner ausgeht. Eine Ordnung ist dann Resultat eines von einem Ordner unternommenen Vorgangs des Ordnens. Zudem benötigt die Ordnung DAS POLITISchE 83 ein Zurechnungsprogramm, das verdeutlicht, was zur Ordnung gehört und was außerhalb der Ordnung steht. Wenn eine Ordnung existiert, benötigt sie ein »Kriterium« zur Bestimmung von Abweichungen, Mängeln, Verstößen bzw. allgemein von Ordnungswidrigkeiten (Waldenfels 1987, 17). Allen, die mit der jeweiligen Ordnung konfrontiert sind, muss klar sein, was ordentlich ist und was nicht. Diese Kriterien oder Zurechnungsprogramme können verschiedene Formen haben. Waldenfels unterscheidet drei (Waldenfels 1987, 18): – Vorzugsregeln, die einen Zustand oder Ablauf gegenüber einem anderen qualifizieren; – Gebots- oder Verbotsregeln, die ein Verhalten gegenüber einem anderen als richtig ausweisen; – Erklärungsregeln, die Ereignisse wahrscheinlicher als andere werden lassen; und – Spielregeln, die bestimmte Prozeduren voneinander abheben. Damit diese Zurechnungen relevant sein können, braucht es »mehrere verschiedene Bezugsglieder«, die eine »Zuordnung von etwas zu etwas« ermöglichen (Waldenfels 1987, 18). Zu Recht verweist Waldenfels auf das sinnlose Unterfangen, zwischen vollständig gleichen Bezugsgliedern Ordnung herzustellen. Geordnete gleiche Bezugsglieder unterscheiden sich nicht von ungeordneten gleichen Bezugsgliedern.20 Ausgehend von diesen allgemeinen Klassifizierungen lassen sich drei verschiedene Differenzierungen der Ordnung aufzählen (Waldenfels 1987, 18): 1. Die Entstehung unterschiedlicher Ordnungstypen, wozu räumliche, zeitliche und kausale Ordnungen gehören. 2. Die Differenzierung von bestimmten Ordnungsbereichen, wie die Ordnung der Natur, des Lebens, der Menschen, der Gesellschaft etc. 3. Die Ausbildung verschiedener Ordnungsstile, wozu geschlossene, offene, hierarchische, globale, regionale Ordnungen gehören. 1.6 Politische Ordnung Die Aufgabe im Folgenden wird die Entwicklung eines Begriffs des Politischen sein, der das Besondere des politischen Ordnungsdenkens aufnimmt und es entsprechend der verschiedenen Ebenen entfaltet. Das Ziel ist ein ontologisch-analytischer Begriff des Politischen, der erstens die Ordnung als das entscheidende Kriterium bestimmt und zweitens die konzeptuelle Grundlage für die Analyse unterschiedlicher Ordnungsansätze stiftet. Somit wird hier durchaus an die Aussagen von Voegelin 20 Waldenfels nennt auch das Beispiel einer unmöglichen Ordnung von vier gleichen Zahlen (7777). RATIONALE STRUKTUREN DES POLITISchEN 84 angeknüpft. Jedoch sollen die wesentlichen Annahmen und Konzepte allgemeiner formuliert und entlang der Systematik Waldenfels spezifiziert werden. Demzufolge ist Politische Ordnung ein: – raumzeitlicher Ordnungstyp, da die Politische Ordnung von Menschen geschaffen ist und nur durch Menschen als Träger dieser Ordnung zur Existenz gelangt. Menschliches Leben ist zeitlich und räumlich bestimmt und beschränkt, folglich ist die Politische Ordnung auch räumlich wie auch zeitlich bestimmt; – wobei der Ordnungsbereich Politischer Ordnung der Mensch in der sozialen Koexistenz ist, d. h. es geht um das Verhältnis des Menschen zu anderen und zu sich selbst im Kontext seines Verhältnis zu anderen;21 – Politische Ordnung evoziert einen kontingenten Ordnungsstil, weil die Stile von jeweiligen situativen Wirkungen von Ordnungserfahrungen des Menschen, die im Rekurs auf den raumzeitlichen charakter Politischer Ordnung nicht universell sind, abhängen. Die Konsequenzen einer so verstandenen Politischen Ordnung sind vielfältig. Erstens wird deutlich, dass Politische Ordnung historisch-kulturell variabel ist und keine dauerhafte Ordnung zementiert. Zweitens ist Politische Ordnung als Resultat menschlicher Tätigkeit immer Gegenstand und Resultat eines Prozesses. Gleichzeitig ermöglicht nur die Politische Ordnung soziale Praxis. hierin verbirgt sich die Komplexität des Politischen: Politische Ordnung ist gleichermaßen relevant als Status, Modus und Prozess. Das Politische ist ein konkreter Zustand sozialer Organisation, wenn die Träger einer Ordnung ihre Existenz und Legitimation akzeptieren; es dient als Orientierung sozialer Praxis, wodurch sich Teile der Praxis explizit als politisch identifizieren lassen. Zudem ist die Ordnung Ziel sozialer Praxis, die sich um die Schaffung von Ordnung bemüht. Politische Ordnung wird entsprechend simultan als Ordnung, ordentlich und Ordnung-machen bedeutsam. Alle drei Formen laufen empirisch im Ordner der Politischen Ordnung – dem Menschen – zusammen. Natürlich werden sie nicht unaufhörlich gleich akzentuiert, im Gegenteil, in der Reflexion des Politischen wird deutlich, dass die einzelnen Formen immer unterschiedlich wahrgenommen, problematisiert und theoretisiert werden (vgl. Palonen 2006). Die dritte Konsequenz bezieht sich auf den kontingenten Ordnungsstil des Politischen, der bedingt, dass die Gültigkeit der dafür verantwortlichen Zurechnungsprogramme und ihrer Regeln immer abhängig ist von der räumlichen und zeitlichen Situation ihrer Träger. Dabei sind die Träger keine bloßen Adepten der Situation, sondern immer auch Gestalter, die eine bestimmte 21 Nur der Bereich der menschlichen Existenz, der ohne Verweise auf andere auskommt, ist nicht sozial, sondern psychologisch bestimmt. hier differenziert sich die psychische von der Politischen Ordnung. DAS POLITISchE 85 Beziehung zu ihrer Wirklichkeit aufbauen. Es ist ein produktiver Akt, bei dem die Menschen ihre Erfahrungen verarbeiten und auf Unsicherheiten reagieren. Sie versichern sich ihres Selbst im Kontext der Anderen und der Grenzen ihrer Erfahrungen. Das kontingente Ergebnis dieser Selbstversicherung bildet die Kriterien, nach denen sich die Regeln der Zurechnungsprogramme richten.22 Fassen wir zusammen: Der Eigensinn des Politischen ist die Ordnung menschlichen Lebens in sozialen Koexistenzen. Ordnung ist, wie damit auch das Politische, eine Lebensaufgabe. Es handelt sich dabei nicht um ein natürliches Phänomen, sondern ist elementarer Bestandteil des artifiziellen Prozesses der Gründung sozialer Koexistenzen, die konstruiert werden und keine dauerhafte Strukturen ausbilden. Insofern der Mensch aber natürlicherweise ein soziales Wesen ist, benötigt er die Ordnung, wodurch diese auch für das menschliche Leben in einem gewissen Sinne natürlich ist. Die Annahme von der Natürlichkeit sozialer Organisation wird auch von Nancy im Anschluss an heideggers Fundamentalontologie herausgearbeitet. Es ist das »Mit-Sein« als notwendige Form des Daseins, denn der Mensch ist niemals »eines, einzig und isoliert«, vielmehr »immer nur das eine, jedes eine, ein Mit-ein-ander« (Nancy 2004, 54). Auch Sinn kann demnach nie nur für sich isoliert existieren, ist mithin auf eine Beziehung zwischen dem einen und den anderen angewiesen. Für Nancy ist dieser Aspekt einer fundamentalen Sozialität des Menschen eine »ontologische Minimalprämisse, die absolut unhintergehbar ist« (Nancy 2004, 54). Ohne unsere Überlegungen in einem existenzialphilosophischen Kontext zu verorten, überzeugt diese Annahme, insbesondere, wenn die Bedeutung von Ordnung begründet werden soll. Ordnung ist eine temporäre, vom Menschen geschaffene notwendige Ermöglichungsstruktur seines Lebens wie der Existenz einer sozialen Gemeinschaft. Die Ermöglichungsstruktur ist Teil des Menschen, d. h. sie ist Teil seines Bewusstseins, seiner Gedanken und seiner Interpretationen; sie drückt sich im handeln aus, seinen weltaneignenden Aktivitäten und in der Art und Weise der sozialen Koexistenzen. Somit ist zwar das Bewusstsein des Menschen der zentrale Ort der Ordnung, weil hier die Ordnung kognitiv verstanden und verarbeitet wird, aber sie ist kein rein geistiges Phänomen des Bewusstseins. Sie muss auch immer im Sozialen konkret repräsentiert werden, ansonsten ist sie nutzlos. Somit ist die Politische Ordnung in doppelter Weise wirksam: Sie ist eine kognitive Ordnung, die spezifisches Ordnungswissen bereitstellt. Sie ist zudem eine soziale Ordnung, die eine bestimme politische Gesellschaft organisiert 22 Diesen Gedanken formuliert Voegelin so (Voegelin 2004, 15): »Unter Rationalität ist daher die Anerkennung der Seinsverfassung zu verstehen; unter Irrationalität jeder Versuch, Teile der Seinsverfassung von der Betrachtung auszuschließen oder ihre Existenz zu bestreiten.« RATIONALE STRUKTUREN DES POLITISchEN 86 und nach außen abgrenzt. Der ontologische charakter des Politischen bezieht sich hier auf beide Weisen. Neben dem Bewusstsein greift sie auf seine Interaktionen mit der Welt aus, die auch immer kollektive Erfahrungen sind. Das Politische klärt den Modus dieser Interaktionen, verarbeitet die Erfahrungen und macht sie für spätere Interaktionen verfügbar. Es kann auch einen temporär stabilen und durchaus erfolgreichen Rahmen dieser Interaktionen bereitstellen. Wie diese Beziehung konzeptuell ausgestaltet werden kann, zeigt der folgende Abschnitt. Davor soll nochmals im Kontext der im vorigen Abschnitt beschriebenen Bedeutungsebenen des Politischen der hier umrissene Ordnungsbegriff des Politischen (die Politische Ordnung) systematisiert werden: 1. Die Ordnung als Eigensinnigkeit des Politischen existiert simultan als Status, Modus und Prozess. Differenzierungen des Politischen, ob essenzielle Ansätze des Politischen oder funktionale Politikkonzeptionen, verweisen zumeist nur auf eine der drei Formen und blenden die anderen aus. Indes muss die gleichberechtigte Bedeutung aller Formen beachtet werden, um den fundamentalen charakter der Politischen Ordnung als soziale Ordnungsrelation nicht zu unterminieren. 2. Die Eigensinnigkeit des Politischen ist exklusiv, d. h. der damit verbundene Ordnungsbegriff ist in seiner Abstraktheit, Relationierung und Wirkungskraft einzigartig. Allein die Politische Ordnung verbindet die personale Ordnungsbildung mit der sozialen und verknüpft hierbei existenzielle mit transzendenten Bezügen (Voegelin 2004). Weder psychische noch religiöse Ordnungsansätze leisten dies. Ebenso scheitert die in der Moderne lancierte Vorstellung einer rein sozialen, d. h. unpolitischen Ordnung, die ohne politische Bezüge auskommt.23 Nur das Politische ermöglicht eine komplexe und hinreichend problematisierbare Ordnung zwischen Menschen und ihrer Gesellschaft. Aus der Exklusivität der Politischen Ordnung resultiert ihre eigenständige Normativität. Ideen, die das Politische normativ einzurahmen versuchen, verleugnen hingegen die Kontingenz des Politischen (Greven 2010). 3. Die Eigensinnigkeit begründet nicht nur die Eigennormativität des Politischen, sondern ebenso seine Eigenrationalität, die nicht durch andere nicht-politische Rationalitäten ersetzt werden kann. Z. B. bezieht sich die Verfahrensrationalität nur auf den Prozess des Ordnungmachens und vergisst dabei, dass dafür schon Ordnung existieren muss. 23 Dies auch, wenn das Soziale der Versuch einer sozialen Lösung des politischen Problems sein sollte (Wagner 2008, 238). Voegelin spricht von der Soziologie als »positivistische[r] Flucht vor der Ordnungswissenschaft« (Voegelin 2004, 37). Nancy identifiziert solche Ansätze als Rückzug des Politischen, wodurch philosophische Voraussetzungen des Politischen verloren gehen und Probleme des Zusammenseins von der Ontologie abgekoppelt werden (Nancy 2004, 68). STRUKTUREN DES POLITISchEN 87 Die Wohlbegründetheit des Politischen bezieht sich auf die Regelungen der Zurechnungsprogramme, die über die Ordnungswidrigkeiten entscheiden. Für Menschen erlangen Regelungen nur Sinn und Geltung, wenn sie als ihre Ordnung akzeptiert werden. Dazu muss die spezifische Ordnung die persönlichen raumzeitlichen Erfahrungen widerspiegeln. Ebenso müssen die Regelungen die diversen Ebenen der Ordnung, ihre inhaltliche Symbolisierung und ihre spezifische Verknüpfung präsentieren. Sie dürfen keine Widersprüche aufbauen. Die politische Rationalität verkörpert die bestimmten Ordnungsvorstellungen des Menschen, die immer eine Beziehung zwischen dem Einzelnen, seiner sozialen Koexistenz und der Reflexion von Transzendenz ist. Mit diesen Bemerkungen kann die Definition und Problematisierung des Politischen abgeschlossen werden, wobei die Konsequenz des hier begründeten einheitlichen Ordnungsbegriffs des Politischen in der Proklamation seines Eigensinns liegt. Aus dem Eigensinn lassen sich anschlie- ßend Eigennormativität und Eigenrationalität ableiten. Damit ist die erste Ebene des politischen Strukturbegriffs, wie wir ihn für die herstellung der Einheit der Differenz unterschiedlich fixierter Strukturen benötigen, insoweit erarbeitet, als nun der basale Kern aller politischen Strukturen bekannt ist. Das eigensinnige Politische im Sinne einer Politischen Ordnung leitet alle politischen Strukturierungen an, ohne eine einheitliche Struktur zu unterstellen. Wie der folgende Abschnitt verdeutlicht, ist das Gegenteil der Fall. 2. Strukturen des Politischen Wie drückt sich der Eigensinn des Politischen aus? Welche Formen von Politischer Ordnung lassen sich differenzieren? Soll Politische Theorie nicht ausschließlich wirklichkeitsfernes akademisches Glasperlenspiel sein, muss sie sich zur Klärung dieser Fragen in die Niederungen der empirischen Ordnung begeben. Der hierfür passende Begriff, der die Relevanz von Ordnung in der sozialen Praxis deutlich macht, ist derjenige der Struktur. Struktur ist in erster Linie ein sozialtheoretischer Begriff, mit dem sich hier aus der Perspektive der Politischen Theorie auseinandergesetzt werden muss. Neben der konkreten Beziehung zwischen Ordnung und Struktur interessieren auch die Ebenen und Konnotationen des Strukturbegriffs und seine konzeptuelle Einbindung in die vorliegende Untersuchung. RATIONALE STRUKTUREN DES POLITISchEN 88 2.1 Ordnung und Struktur In der Figur der Ordnung steckt bereits ein struktureller Fokus, denn wie anders ließe sich der Eigensinn beschreiben als im hinblick auf die erfolgreiche Regelung sozialer Koexistenzen. Diese Regelungen müssen ersichtlich sein und zwar in den Aktivitäten der Menschen. Erst wenn die Ordnung Gegenstand der menschlichen handlungen wird, kann sie für eine Koexistenz inhärent werden (Voegelin 2012, 68). Damit begründet sich ein notwendiges Beobachtungsverhältnis des Politischen und seiner Ordnung: Wenn die Politische Ordnung kein bloß virtuelles Konzept sein soll, muss sie Einfluss auf die konkrete Form der sozialen Koexistenz ausüben. Mit anderen Worten drücken die beobachtbaren Formen sozialer Gemeinschaft das Politische aus. In der Art und Weise sozialer Relationen materialisiert sich die Politische Ordnung, stiftet Grenzen, Regeln und das genuine Selbstverständnis für die in ihr vereinten Menschen. Diese Außenseite von Ordnung kumuliert in einer konkreten politischen Struktur. Struktur ist der relevante Begriff zur Bezeichnung und Beschreibung dieser beobachtbaren Formen. Das Regelmäßige und durch Reproduktion Identifizierbare in menschlichen Kontexten des Zusammenlebens bildet eine Struktur, eine soziale Struktur, die in einem bestimmten Zusammenhang mit der Politischen Ordnung steht. Demzufolge müssen wir uns fortan mit sozial relevanten Strukturen beschäftigen und diese in einen Kontext mit der Politischen Ordnung bringen. Doch erscheinen Ordnung und Struktur als ähnliche Begriffe, die zudem häufig synonym gebraucht werden. Für die hier entwickelte Systematik ist es aber wichtig, beide konzeptuell bzw. analytisch auseinanderzuhalten und mit ihnen differenziert zu operieren. Folgend soll dies begründet werden, indem in einem ersten Schritt auf die Bedeutung des sozialtheoretischen Strukturbegriffs eingegangen wird und in einem zweiten Schritt die Unterschiede von Ordnung und Struktur vorgestellt werden. Was sind Strukturen? Tatsächlich ist die theoretische Konzeptualisierung von Strukturen nicht genuiner Bestandteil der Politikwissenschaft, die sich hinsichtlich ihrer meisten komplexen Strukturbegriffe wie System, Institution, Organisation oder handlungen auf nicht-politikwissenschaftliche Grundlagen stützt.24 Dies gilt erst recht für weniger komplexe Strukturbegriffe. Anders in der Sozialtheorie: »Structure is one of the most important and most elusive terms in the vocabulary of current social sciences« (Sewell 1992, 1). Dies führt innerhalb der pluralistischen Sozialwissenschaften dazu, dass es keinen einheitlichen Strukturbegriff gibt (Reckwitz 1997, 14). Im Gegenteil: Je nach Schule oder Sozialtheorie 24 Eine Ausnahme stellt das Regime dar. Tatsächlich scheint das Regimekonzept einer der wenigen reinen politischen Strukturbegriffe zu sein (vgl. Fishman 1990). STRUKTUREN DES POLITISchEN 89 wird der Strukturbegriff unterschiedlich konnotiert, definiert und mit anderen Begriffen relationiert. Dies führt zu verschiedenen Ansätzen, wie Strukturen zu verstehen sind. Sie lassen sich zwischen rein analytischen Begriffen und ontologisierten Strukturbegriffen verorten (vgl. Reckwitz 1997, 14 f.; Lizardo 2010, 651 f.). Der Strukturalismus hat sogar seine gesamte theoretische Basis für das Soziale um den Strukturbegriff herum aufgebaut (vgl. Luhmann 1984, 377 ff.). Für unsere Überlegungen ist es wichtig, zu verstehen, dass Struktur ein allgemeiner Begriff ist. Er umfasst sowohl Regeln und Regelmäßigkeiten als auch Ressourcen und kulturelle Schemata (Giddens 1995; Sewell 1992; Reckwitz 1997). Je nach Art der sozialtheoretischen Einbettung werden diese Elemente der Struktur begründet, herausgehoben und voneinander abgetrennt. Dennoch lässt sich eine allgemeine Definition von Strukturen formulieren. Nach Giddens ermöglichen Strukturen »die Einbindung von Raum und Zeit in soziale Systeme«, wodurch Praktiken über ihre eigenen raumzeitlichen Beschränkungen reproduzierbar werden (Giddens 1995, 68 f.). Auch Reckwitz sieht in der eigentümlichen Zeitresistenz und der kollektiven Verankerung die wesentlichen Eigenschaften sozialer Strukturen (Reckwitz 1997, 12). Noch etwas allgemeiner: »Der Strukturbegriff präzisiert, mit anderen Worten, die Relationierung der Elemente über Zeitdistanzen hinweg« (Luhmann 1984, 383). Diese allgemeine Definition von Luhmann zeigt, dass der Strukturbegriff in einem gewissen Sinne die Ordnungsproblematik abbildet. hier wie dort geht es um die raumzeitliche Verstetigung von Regelungen; hier wie dort präsentieren Ordnung und soziale Struktur strukturelle Formen. Doch es gibt zwei wesentliche Unterschiede zwischen den beiden Begriffen: 1. Einen fundierungslogischen Unterschied: Die Relationierung von Elementen ist die herausragende Qualität des Strukturbegriffs, wobei es nicht um die Elemente geht, sondern um die konkrete Relation, die immer andere Möglichkeiten ausschließt (Luhmann 1984, 384). Jedoch klärt der Strukturbegriff noch nicht darüber auf, was der Sinn und Zweck der Relationierung ist. Struktur ist nicht »der produzierende Faktor, nicht die Ur-sache, sondern ist selbst nichts anderes als das Eingeschränktsein der Qualität und Verknüpfbarkeit der Elemente« (Luhmann 1984, 384 f.). Die Strukturierung benötigt in dieser hinsicht externen Sinn, der sich nicht aus der Relationierung der Elemente heraus ablesen lässt. Dieses Problem will Giddens mit seinem dualen Strukturbegriff ausräumen, indem er die Akteure in den Prozess der Strukturierung einbezieht (Giddens 1995, 77 f.). Es sind die »Strukturierungsmodalitäten«, die zwischen dem Bewusstsein des Akteurs und den Strukturen vermitteln, wobei die Akteure mittels ihres Wissens und den darin enthaltenen »Interpretationsschemata« selbst in der Lage sind, zu steuern (Giddens 1995, 82 f.). Doch genau diese RATIONALE STRUKTUREN DES POLITISchEN 90 Quelle der Strukturen im Denken und handeln der Menschen ist die Politische Ordnung. Die konkreten Vorstellungen über die richtige Ausgestaltung der persönlichen, existenziellen und transzendenten Ordnungsebenen, wie auch die genaue Beziehung zwischen ihnen stiftet das intentionale Wissen, das in Strukturierungen zur Anwendung kommt. Der Relationierung von Elementen wird damit eine fundamentalere Relationierung vorgeschaltet, die sich jedoch selbst erklärt. Die Zurechnungsprogramme der Politischen Ordnung negieren ihre Kontingenz, weil sie Konfigurationen einer Ordnung ausdrücken, die für sich beansprucht, wahr zu sein (vgl. Voegelin 2004, 67 ff.). Selbstverständlich bringt das strenge wissenschaftliche Sezieren dieser Ordnung letztlich auch deren Kontingenz ans Tageslicht. Für den konkreten Träger der Ordnung bleibt sie indes notwendigerweise größtenteils im Dunkeln. Gegenüber der Struktur, die dem Akteur immer kontingent erscheinen kann, erhält die Politische Ordnung einen ontologischen Status. 2. Einen phänomenalen Unterschied: Im Gegensatz zur Politischen Ordnung, die als Produkt und Regelung eine Sache des Denkens und der Selbstreflexion ist, und daher aus Wissensregeln besteht, materialisieren sich Strukturen in der sozialen Praxis. Damit ist nicht gemeint, dass die Politische Ordnung eine rein mentale Angelegenheit ist, denn sie muss sich auch ausdrücken, wird durch nicht-mentale Einflüsse verändert und ist in einen sozialen Kontext eingebettet. Doch als Ordnungsvorstellungen sind Politische Ordnungen immer nur indirekt in den Aktivitäten der Menschen sichtbar. Strukturen lassen sich direkt beobachten. Giddens scheint dem zu widersprechen: Für ihn evozieren Strukturen lediglich »virtuelle Ordnungen«, die als »raumzeitliches Phänomen« nur existieren, weil sie sich in Praktiken und Verhaltensweisen von Subjekten realisieren (Giddens 1995, 69). Offenbar ist Struktur als Relation letztlich nur durch den diese Relation verstehenden und reproduzierenden Menschen existent, d. h. sie besitzt außer den Menschen, die diesen Relationen herstellen, keine materielle äu- ßerung. Dennoch müssen sie in die Praxis gebracht werden, wobei sie hier auch mit Ressourcen konfrontiert werden (Sewell 1992, 9 f.). Da sie zudem auf Verkörperung durch die Menschen angewiesen sind, erweitert Sewell das Strukturverständnis und zeigt, dass Strukturen eine virtuelle (kulturelle Schemata) und eine materielle Komponente (Ressourcen) besitzen (Sewell 1992, 13).25 Es ist aber genau dieser Aspekt der materiellen Präsentation von Strukturen, die sie überhaupt erst 25 Tatsächlich integriert der Strukturbegriff von Giddens und Sewell eine kognitive Dimension der Strukturen, die von uns zur Ordnung gezählt werden. Im Zuge der Auseinandersetzung mit dem Praktischen Bewusstsein werden wir dieses Verhältnis vertiefend systematisieren. STRUKTUREN DES POLITISchEN 91 sichtbar machen, der uns veranlasst, von einer unterschiedlichen Bewertung der phänomenalen Ebene von Ordnung und Struktur auszugehen.26 Dementsprechend sind es Strukturen, die direkt beobachtet und damit auch identifiziert werden können. Strukturen einer sozialen Koexistenz gründen somit auf einem spezifischen etablierten Beobachtungverhältnis innerhalb des sozialen Gefüges. halten wir fest: Politische Ordnung ist gegenüber den sozialen Strukturen die basale Größe. Sie ist ein Komplex von mehreren miteinander verbundenen Ordnungsebenen, die den Rahmen der menschlichen Existenz in einer sozialen Koexistenz aufspannen. Aus dem Anspruch der Wahrheit dieser Rahmung heraus werden Kriterien in Form von regelhaften Zurechnungsprogrammen geschaffen, die Ordnung eingrenzen und von unordentlichen bzw. chaotischen Zuständen scheiden. Die Zurechnungsprogramme ermöglichen die soziale Interaktion der Menschen, selektieren, sanktionieren Verhaltensweisen bzw. schreiben ihnen einen exklusiven Status zu. Erst wenn diese situativ zum Gegenstand kollektiver Interaktionen werden und zur raum-zeitlichen Einschränkung und Ermöglichung von handlungen führen, ist von sozialen Strukturen zu sprechen, die eine bestimmte Ordnung präsentieren. Soziale Strukturen sind materielle Repräsentanten der Politischen Ordnung und beziehen sich damit mehr oder weniger struktural auf diese. Die Politische Ordnung fungiert mittels ihrer Eigennormativität bzw. -rationalität als Quelle der Rationalität sozialer Strukturen. Es ist also der ontologische Status der Ordnung, der den wesentlichen Unterschied zwischen beiden auszeichnet. Soziale Strukturen fungieren als Realisierung der Politischen Ordnung, ohne diese genau abzubilden (Voegelin 2012, 71). Politische Ordnung kann so auch als Metastruktur der sozialen Struktur gedacht werden, obgleich sich viele soziale Strukturen funktional als unpolitisch verstehen. Ohne konkrete Vorstellung von Politischer Ordnung sind soziale Strukturen willkürlich, weil sie erst durch diese als politisch qualifiziert werden können. Bevor wir die Konsequenzen dieser Beziehung im Kapitel zur Normativität genauer untersuchen, soll die Differenzierung von Strukturen des Politischen eingehender thematisiert werden. 2.2 Differenzierung von Strukturen In einer ersten Annäherung lassen sich soziale Strukturen rein empirisch als Beobachtung von Regelmäßigkeiten in den sozialen Interaktionen verstehen: Eine Situation evoziert ein bestimmtes Ereignis, weshalb von einem regelhaften Zusammenhang von Ereignis und Situation 26 Später, bei der Erläuterung zur Praxeologie, wird sogar deutlich, dass Öffentlichkeit ein wesentliches Prinzip sozialer Praxis ist (vgl. Schmidt/Volbers 2011). RATIONALE STRUKTUREN DES POLITISchEN 92 ausgegangen werden kann (Voegelin 2012, 64). Strukturen eröffnen mit dieser Relation eine neue Ordnungsebene gegenüber den Ereignissen, wobei die Selektionsleistung dieser Relation und der Ausschluss anderer Möglichkeiten eine Eigenschaft aller Strukturen ist (Luhmann 1984, 292). Wird dieser Zusammenhang streng gesetzt, handelt es sich um ein Gesetz, das in sozialen Kontexten, aber nicht ohne weiteres formulierbar ist. Ein strenges Gesetz ist ein Naturgesetz, dessen kausale Bedingtheit bekannt ist, während bei Unbekanntheit der kausalen Bedingungen allenfalls von Regeln als »empirische[n] Gesetze[n]« gesprochen werden kann (Weber 1991, 132). Darüber hinaus hat der Strukturbegriff eine weitere Bedeutung. Durch ihn werden Regeln identifiziert, mit denen Zustände nach bestimmten »Werturteilen« gemessen werden können (Weber 1991, 132). Letzteres verlässt als Norm bereits die Ebene der einfachen Beobachtung empirischer Regelmäßigkeiten, d. h. Zusammenhänge werden nicht nur beobachtet, sondern bewusst hergestellt. Zwar spricht Weber nur von Regeln, aber er bezieht diese auf das geregelte Zusammenleben (Weber 1991, 132), wofür sich in den jüngeren Jahren die Bezeichnung der Struktur durchgesetzt hat (vgl. Lizardo 2010).27 Interessanterweise nimmt Weber mit der Unterscheidung von empirischer Regelmäßigkeit und Normen eine immer noch gültige Strukturdifferenzierung in den Sozialtheorien vorweg. In seiner umfangreichen Analyse der Strukturbegriffe in sozialtheoretischen Ansätzen kann Reckwitz zwei bestimmende Zugänge voneinander unterscheiden (Reckwitz 1997, 32 f.): – Regelmäßigkeiten sind exklusiv von einem Beobachter gedeutete Zusammenhänge, die als wiederkehrende Konstanten gedeutet werden und selbst kein Wissen bei den Akteuren über das »Immerwiedergleiche« voraussetzen. – Regeln sind von den Akteuren angewendete Selektionsmechanismen des handelns, um die Welt als eine geordnete zu gestalten, wobei die stabilen Reproduktionen von sozialen Interaktionen nicht von einem Beobachter konstruiert werden, sondern ein spezifisches, den Akteuren selbst verfügbares Regelwissen darstellen. Regeln besitzen gegenüber den Regelmäßigkeiten Sinn, denn es gibt keine »sinnlosen« Regeln: »Über Regeln ist die soziale Welt schon sinnhaft und symbolisch vorstrukturiert und durch Regeln wird sie zuallererst erzeugt« (Reckwitz 1997, 34). hier wird der Zusammenhang zwischen Ordnung und sozialen Strukturen nochmals deutlich. Soziale Strukturen im Sinne von Regeln verwandeln die Welt in eine sinnhafte. 27 Ein Meilenstein in der Genese des sozialen Strukturbegriffs sind die Arbeiten von Lévi-Strauss, die Lizardo in einen Kontext mit der einflussreichen Theorie von Giddens stellt (Lizardo 2010, 653) und den Luhmann als »Kronzeugen« des Strukturalismus bezeichnet (Luhmann 1984, 377). STRUKTUREN DES POLITISchEN 93 Sie projektieren Sinn und erzeugen damit erst so etwas wie soziale Wirklichkeit (vgl. Berger/Luckmann1969). Der von den Regeln präsentierte Sinn ist aber nicht willkürlich. Sinn, der in den Regeln zum Ausdruck kommt, ist ebenfalls strukturiert und zwar durch das spezifische Ordnungswissen der Akteure. Dies ist die Ebene der Politischen Ordnung, die Sinn ermöglicht.28 Offenbar besitzen auch Regelmäßigkeiten Sinn, wie Reckwitz erläutert, doch dieser wird ihnen erst durch den Beobachter von außen zugewiesen (Reckwitz 1997, 34). Regelmäßigkeiten werden von Beobachtern konstruiert, Regeln sind hingegen Rekonstruktionen aus der Teilnehmerperspektive, weshalb die Analyse von ersteren mit einer einfachen hermeneutik operieren kann, indes sie bei den Regeln auf eine doppelte hermeneutik zurückgreifen muss (Reckwitz 1997, 35). Überdies führt Reckwitz noch eine weitere Differenzierung von Strukturen ein: Strukturen können entweder aus einer situationistischen handlungsperspektive oder aus einer holistischen Systemperspektive heraus gebildet werden (Reckwitz 1997, 36). Strukturen sind somit entweder handlungsbedingungen oder handlungsfolgen, d. h. in einer Systemperspektive bilden sie die Voraussetzungen für das handeln, während sie in der handlungsperspektive das Ergebnis von handlungen sind (Reckwitz 1997, 38). Entlang dieser Differenzierung lassen sich dann sämtliche Strukturbegriffe in der Sozialtheorie, ob sie nun von Regeln oder Regelmäßigkeiten ausgehen, verorten. Letztlich ist die Entscheidung für einen konkreten Strukturbegriff abhängig von der Sozialtheorie, die den eigenen Untersuchungen zugrunde gelegt wird. Da das Ziel unserer Untersuchung ein politischer Strukturbegriff ist, der den ontologischen Eigensinn des Politischen widerspiegelt, spielt die Sinnebene von Strukturen eine wichtige Rolle. Der Sinn von politischen Regeln ist die Organisation der Wirklichkeit entsprechend der Politischen Ordnung in raumzeitlicher Persistenz. Deshalb konzentrieren wird uns zuerst auf die Regeln.29 2.3 Ordnung der Struktur Nachdem Regeln als entscheidende soziale Struktur identifiziert wurden, geht es nun darum, den Zusammenhang von Politischer Ordnung und sozialen Strukturen systematisch zu entwickeln. hier gilt es, soziale Strukturen in Abhängigkeit von Politischer Ordnung aufzufassen, die 28 hier wäre es auch möglich, von einer sinnhaften Erzeugung von Sinn zu sprechen. Erst die Politische Ordnung gibt dem Sinn von Regeln einen Sinn usw. 29 In neueren Konzeptionen wird die strenge Dichotomie von Regeln und Regelmä- ßigkeiten unterlaufen, wie im nächsten Kapitel eingehender erläutert wird. RATIONALE STRUKTUREN DES POLITISchEN 94 eine Ordnung des Sinns von Regeln darstellt. Die Zurechnungsprogramme des Politischen formulieren die Ordnungsleistung des Politischen. Soziale Regeln präsentieren diese Zurechnungsprogramme der Ordnung nach außen, aber sie erhalten ihren Sinn exklusiv aus der Ordnung. Um diese Beziehung genauer zu formulieren, ist es notwendig, die Zurechnungsprogramme eingehend zu diskutieren. Waldenfels hat die für eine Ordnung konstituierenden Zurechnungsprogramme als unterschiedliche Regeln verstanden, die das Verhalten der Menschen festlegen. Damit sind sie hinreichend komplex und sozial, entsprechen somit eher dem referierten Regelverständnis sozialer Strukturen. Zurechnungsprogramme sind dann gleichbedeutend mit sozialen Regeln. In dem hier entwickelten Ansatz zur Politischen Ordnung wurde jedoch zwischen dem Ordnungsdenken und der darin etablierten Ordnung sowie den konkreten sozialen Strukturen des Politischen differenziert. Dies war notwendig, um zu zeigen, dass zwar die Ordnung im Wissen mit der Ordnung der Praxis verbunden ist, aber die praktizierte Ordnung nicht die gedachte Ordnung vollkommen darstellen muss. In sozialen Kontexten bilden sich eigene Logiken und Interaktionsgeschichten heraus, welche die Praxis und ihre Ordnung beeinflussen. Was sich als Ergebnis oder vorläufiges Resultat dieser Praxis ergibt, kann dann unter Umständen vom Ordnungsdenken des Einzelnen abweichen. Trotzdem ist es wichtig, die in der Praxis sich herausbildenden politischen (sozialen) Strukturen und das Ordnungsdenken als gemeinsame Facetten eines Ordnungsrahmens aufzufassen. Tut man dies nicht, fällt die Analyse wieder in unfruchtbare Dualismen von Struktur-handlung oder Geist-Praxis zurück. Ordnung sollte demnach nicht als bloß bewusstseinsphilosophisches Problem reflektiert werden, wie auch die rein empirisch-positive Erfassung sozialer Strukturen unbefriedigend bleibt. Die Politische Ordnung ist die symbolisierte Manifestation einer bestimmten sich als ›wahr‹ ernst nehmenden Ansicht über die interdependente Art einer personalen, sozialen und transzendenten Existenz. Als solches ist sie Teil des Wissens der Menschen. Durch die Wirkung von Zurechnungsprogrammen, die ordentliche von unordentlichen bzw. chaotischen Zuständen zu unterscheiden vermag, bildet sich so ein spezifischer Sinn, der dann über die menschlichen Aktivitäten auch Teil der sozialen Praxis wird. Auf dieser Ebene sind Zurechnungsprogramme noch keine komplexen Vorzugs-, Gebots-, Verbots-, Erklärungs- oder Spielregeln. Diese müssen erst in der Praxis im Zuge kollektiver Interaktionen gebildet, getestet und reproduziert werden. Doch auf der Ebene des Ordnungsdenkens handelt es sich um basale Differenzierungen, Unterscheidungen, die spezifische Zustände von anderen abtrennen. Die eigene Existenz wird von anderen unterschieden, wahr und unwahr werden differenziert, Gegenwart von Zukunft und Vergangenheit etc. Wesentlich ist hierbei, dass diese Differenzierungen einerseits STRUKTUREN DES POLITISchEN 95 verschiedene Erfahrungsebenen (personale, existenzielle, transzendente) unterscheiden und andererseits das Erfahrungswissen insoweit verdichtet wird, dass es von anderen Erfahrungen unterscheidbar ist. Mithilfe dieser beiden Differenzierungen ist Ordnungsdenken erst möglich. Die Unterscheidung ermöglicht die Identifizierung der eigenen Person im Geflecht verschiedener Erfahrungshorizonte und die Zurechnung bestimmter Erfahrungen auf diese, wodurch der Mensch als Schnittstelle der Erfahrungshorizonte diese mit Inhalt füllt. Somit entsteht aus dieser Verknüpfung spezifischer Sinn, der durch seine stetige Aktualisierung wiederholt gedacht und weitgehend symbolisiert wird. Wenn also der Sinn die gedachte Ordnung präsentiert, dann sind die grundlegenden Differenzierungen von eigenen/fremden, aktuellen/künftigen, wahren/unwahren Erfahrungshorizonten und Erfahrungen die grundlegenden Zurechnungsprogramme der Politischen Ordnung. Es sind kognitive Instrumente zur Wirklichkeitskonstruktion, die in soziale Regeln einflie- ßen und so in der Praxis die Politische Ordnung empirisch beobachtbar machen. Die kognitiven Zurechnungsprogramme sind die Quelle sinnhafter Aktivitäten und sozialer Strukturen. Sie formen die Praxis, aber besitzen keinen determinierenden Status. In zwischenmenschlichen Interaktionen, in denen Strukturen (re-)produziert werden, treffen immer unterschiedliche Ordnungsvorstellungen aufeinander und schaffen in Interaktionsgeschichten eigene kontingente Resultate. Über diese Spannung zwischen Ordnung und Struktur, die immer auch eine Frage nach der Rationalität von Strukturen ist, wird der dritte Abschnitt genauer aufklären. hier ist im Augenblick nur das grobe Schema der Verknüpfung von Ordnung und sozialer Struktur im Sinne einer kognitiven und praktischen Dimension der Zurechnungsprogramme wichtig. Neben diesem Zusammenhang von Ordnungswissen und sozialer Praxis müssen die verschiedenen Ebenen der Politischen Ordnung in die Überlegungen einbezogen werden. Ordnung als Eigensinn des Politischen existiert, wie festgestellt wurde, simultan in drei unterschiedlichen Ebenen: als Status, Modus und Prozess. Mit anderen Worten besteht Politische Ordnung als ein Zustand, eine Art und Weise menschlicher Aktivität und als ein Prozess. Folglich können ein Ordnungszustand, eine geordnete soziale Praxis und ein Ordnungsmachen (-herstellen) differenziert werden. Ein Ordnungszustand lässt sich im Vorhandensein einer politischen Ordnungssymbolik erkennen, auf die ein Mensch zurückgreift, um seine Position zu sich, zur Welt und zur Transzendenz zu fixieren. Die Symbole drücken ein bestimmtes Verhältnis aus, doch sie sind auch Teil dieses Verhältnisses. Damit ermöglichen sie einerseits, dass diese für das Selbstverständnis des Menschen konstituierende Verknüpfung für sich selbst durchsichtig wird, andererseits verhindert ihre von einer Perspektive abhängige Symbolik eine neutrale und vollkommene Sicht auf die eigene Existenz sowie die sie umgebende Wirklichkeit RATIONALE STRUKTUREN DES POLITISchEN 96 (Voegelin 1988, 107 f.). Wenn die Ordnung als Modus wirksam wird, heißt dies, dass der Träger der Ordnung politisch denkt und handelt. Ordnung ist hier wirksam und bietet erfolgreiche Orientierungen. Zum einen legt sie die Form des Denkens und handelns fest. Ihre Zurechnungsregeln verdeutlichen, welche Gedanken und welche handlungen ordentlich, hier politisch, sind, und welche Gedanken/handlungen abweichen. Sie verweist auf das, was im Politischen als normal gilt. Neben der Form bietet sie auch inhaltliche Orientierung, wodurch überhaupt erst geklärt wird, welche Ziele und Absichten dem politischen Denken bzw. handeln inhärent ist. Schließlich kann das Politische auch in einem Prozess des Ordnens, des Ordnung-machens, aktuell werden. hier sind zwei Möglichkeiten zu unterscheiden: Erstens die Errichtung und zweitens die Wiederherstellung von Ordnung (Waldenfels 1987, 82). Weil Politische Ordnung in drei gleichwertigen Formen existiert und diese Formen im menschlichen Ordner zusammenfließen, ist Ordnung im Prozess des sozialen Strukturierens auch von dreifacher Bedeutung: Offenbar ist Ordnung zuerst ein Teil des Denkens, das sich als solches nur indirekt über Sprache oder Praxis äußern kann. Jedoch nimmt die Politische Ordnung für sich in Anspruch, tatsächlich die Verantwortung des Lebens zu übernehmen, und somit zu einem empirisch nachvollziehbaren sozialen Phänomen zu werden. Der Mensch ist sozial und auch immer versucht, seine Ordnungsvorstellungen zu verwirklichen. Somit wird die Politikwissenschaft als Sozialwissenschaft und nicht als Geisteswissenschaft gefordert. Entsprechend wichtig ist es, die unterschiedlichen Ebenen der Politischen Ordnung im Übergang vom Wissen zur sozialen Praxis zu verorten. Politische Ordnung als ein Status ist ein in Symbolen verdichteter Sinn. Als Zustand ist die Politische Ordnung nur Teil des kollektiv geteilten Sinns, der die Organisation der Wirklichkeit vornimmt. Politische Ordnung ist als Modalität sozialer Praxis erkenntlich, wenn die Menschen ihre Aktivitäten entlang der Ordnungskriterien festlegen und ausrichten. Entstehen kollektive Interaktionen zur Wiederverregelung bzw. Neuregelung sozialer Praxis, wird das Politische in einem Prozess zum Problem. Zur Verdeutlichung dieses Zusammenhangs dient das folgende Schema:30 30 ähnlich baut Giddens sein Schema zur Differenzierung von Regeln auf (Giddens 1995, 81). STRUKTUREN DES POLITISchEN 97 Der Übergang von Politischer Ordnung zur Struktur und die Relevanz der Ordnungsformen Politische Ordnung Ordnung als ... Wissen Sinn Status Aktivitäten Modus Praxis Produktion/Reproduktion Prozess Politische Strukturen Das sich hier ergebende Bild von der Ordnung der Struktur schematisiert die unterschiedlichen Wirkungsweisen des Politischen im Kontext der Genese politischer Strukturen. Politische Ordnung ist demnach das grundlegende, aber umfassende Konzept zur Analyse politischer Strukturen. Politische Strukturen sind Teil der Politischen Ordnung, deren sozialisierte Außenseite sie präsentieren und zwar als Ergebnis sozialer Bemühungen der Menschen, ihre Ordnungsvorstellungen in der Praxis umzusetzen. Gleichzeitig wird deutlich, dass sich Politische Ordnung und politische Strukturen nicht einfach aufeinander beziehen lassen. Die Komplexität schließt einfache Kausalbeziehungen aus. Demzufolge können auch nicht-einfache Zurechnungsprogramme definiert werden, die eine kausale Linie zwischen Ordnung und Struktur projizieren. Die Zurechnungsprogramme bilden die Einheit von Wissen und Praxis vor dem hintergrund der drei möglichen Ordnungsformen (Status, Modus, Prozess). Sie integrieren eine kognitive und eine praktische Dimension, die nur in ihrer Einheit wirksam sind und Politische Ordnung strukturell ermöglichen. 2.4 Präzisierung I: Politische Strukturen als Normen und Konventionen Eine Schwierigkeit ergibt sich aus der Unübersichtlichkeit der vorhandenen Regelbegriffe und der Frage, welche für die Politische Ordnung relevant sind. Um sie zu präzisieren, ist es notwendig, in der Unübersichtlichkeit von Regeln eine Systematisierung vorzunehmen. Als Ausgangspunkt dienen die von Waldenfels ermittelten unterschiedlichen Regelformen: Vorzugsregeln, Gebots- oder Verbotsregeln, Erklärungsregeln RATIONALE STRUKTUREN DES POLITISchEN 98 und Spielregeln. Diese könnten auch politische Regeln sein, denn alle vier Formen können in ein Regelwissen integriert werden. Dieses stellt die grundlegenden sinnhaften Differenzierungen und Schematisierungen der Wirklichkeit bereit und verbindet sie mit der Erfahrung aus kollektiven Interaktionsgeschichten zu Kriterien, die das handeln der Menschen im Sinne von Verboten, Geboten, Vorzügen, Erklärungen oder Spielregeln lenken. Nun sind diese Regeln für sich genommen sehr spezifisch und würden eine Analyse politischer Strukturen überfordern. Demzufolge ist eine Synthese angebracht. Außer Frage steht, dass den Gebots- und Vorzugsregeln ein herausragender Status zukommt. In der Literatur werden diese Regeln immer gesondert diskutiert und stetig als eigenständiger Typus behandelt (vgl. Waldenfels 1984; Stemmer 2008; Iorio 2010). Anders ist es bei den Vorzugs-, Erklärungs- und Spielregeln. hierbei ist eine im Anschluss an Iorio vorzunehmende Zusammenfassung möglich und sinnvoll. Folgende drei Schritte werden dafür vollzogen: 1. Vorzugs- und Erklärungsregeln sind Klassifizierungen. Ersteres klassifiziert Zustände oder Abläufe gegenüber anderen als positiv. Unabhängig vom Inhalt bzw. der Begründung dieser Klassifizierung hebt sich damit ein Zustand oder ein Ablauf als besser, nützlicher oder wünschenswerter von anderen ab. Erklärungsregeln klassifizieren Ereignisse hinsichtlich ihrer Wahrscheinlichkeit. Somit bauen sie Erwartungen auf. Beides sind im Unterschied zu Spiel- und Verbotsregeln keine unmittelbaren Verhaltensregeln (vgl. Iorio 2011, 21). Sie strukturieren das Wissen, das dann in konkreten Aktionen aktiviert wird. Diese Vorkehrungen sollten allgemein verstanden werden. Es handelt sich um Standards. Mit anderen Worten werden in Vorkehrungsregelungen Differenzierungen vereinbart, die grundsätzliche Unterscheidungen und damit Definitionen von Zuständen erlauben, ohne anzugeben, dass diese Zustände sein müssen. Es sind Orientierungen, die wesentlich für das kollektive handeln von Menschen sind, weil sie soziale Fixpunkte dieser handlungen anbieten.31 Sie legen fest, »welche Merkmale ein potentielles x zu erfüllen hat, um nach Maßgabe des Regelautors als potentielles x zu gelten« (Iorio 2011, 21). Und da sich dies sowohl auf Zustände als auch auf Ereignisse beziehen lässt, ist es sinnvoll, im Kontext der Regeln von Waldenfels die Erklärungs- und Vorzugsregeln als Vorkehrungsregeln zu systematisieren. 2. Neben dem besonderen Fall tatsächlich auf Spiele fokussierter Spielregeln (Kramer 2010), werden diese Regeln zumeist allgemein auf die Konstitution von Verfahren angewandt. Dass dabei die Analogie zum Spiel gewählt wird, ist nachvollziehbar. Dennoch zielen Spielregeln im 31 Das vielfach zitierte Beispiel ist jenes von der Größe und der Struktur eines Fußballfeldes, das überhaupt ein gemeinsames Spiel ermöglicht. STRUKTUREN DES POLITISchEN 99 Sinne der Konstitution Politischer Ordnung auf die allgemeine Regelung von Prozeduren ab (siehe Waldenfels). Dementsprechend sinnvoll ist es hier, statt von Spielregeln allgemeiner von Verfahrensregeln zu sprechen (Iorio 2011, 105). 3. Die Regelung von Verfahren kann aber nicht ausschließlich aus dem Verfahren heraus bestimmt werden. Verfahrensregeln nehmen stattdessen Bezug auf vorläufige Interaktionen, in denen wiederum Vorkehrungen bzw. Vorbereitungen für spätere Verfahren getroffen werden. Die Verfahrensregeln lassen sich somit aus den Vorkehrungsregeln ableiten (Iorio 2010, 49). Jedoch verschwimmen bei der näheren Betrachtung beider Regeln deren Differenzen: Wo ist der Unterschied, fragt Iorio, zwischen dem Satz ›es soll so sein, dass man etwas Bestimmtes machen muss‹ und dem Satz ›es soll so sein, dass um etwas Bestimmtes zu bekommen, man es so machen muss‹ (2011, 115). Folglich präsentieren Vorkehrungs- und Verfahrensregeln zwei Seiten einer Medaille, als »zwei unterschiedliche Arten von Regelsätzen […], die immer ein und dieselbe Regel« bezeichnen (Iorio 2011, 115). Konsequenterweise verzichtet Iorio fortan auf die Differenzierung von Vorkehrungs- und Verfahrensregeln, die damit als eine eigenständige Regel gegenüber anderen, vor allem der Gebotsregel, reüssiert. Mit diesem Dreischritt haben wir das Spektrum politischer Regeln eingeschränkt und können uns nun auf die zentralen Differenzen zwischen den übrigen Regeln konzentrieren. Eine besondere Rolle kommt in allen Arbeiten den Gebots- bzw. Verbotsregeln zu. Diese stellen auf eine sanktionierte Regelung ab, weshalb sie als Normen bezeichnet werden (Stemmer 2008, 156). Politische Regeln als Normen zu verstehen und somit einen spezifischeren Regelbegriff zu nutzen, ist der erste Präzisierungsschritt.32 Doch was sind Normen? Mit Blick auf die vorhandene Literatur identifiziert Stemmer Unklarheiten bezüglich des Normenbegriffs (Stemmer 2008, 156). Andererseits hat schon Weber ein Konzept von Normen entwickelt, indem er zwischen empirischen Regeln und Normen unterscheidet (Weber 1991, 132). Während empirische Regeln kausale Zurechnungen auf der Basis von Beobachtungen erlauben, bieten Normen Messkriterien zur werturteilsmäßigen Evaluation von Vorgängen an, mit denen Sein- Sollen-Differenzierungen möglich sind. Damit dies überhaupt funktionieren kann, muss diese Norm Geltung beanspruchen, doch dieser Anspruch ist imperativ und leitet sich, so Weber, ausschließlich aus dem Inhalt der Norm ab. Normen verdoppeln die Empirie, stellen dem beobachteten einen gewünschten Zustand entgegen, wobei die positive Konnotation des Sollen-Zustandes seine Legitimation mittels wertrationaler 32 Es geht uns hier noch nicht um die genaue Ausleuchtung des Problems der Normativität, sondern nur um die konzeptuelle Fassung politischer Regeln als Normen. RATIONALE STRUKTUREN DES POLITISchEN 100 Erwägungen erhält (vgl. Waldenfels 1987, 89). Die Geltungskraft einer Norm ist nur im Inhalt der Norm begründet, während die Einschätzung, ob der Norm entsprochen wurde, das Ergebnis eines Werturteils ist, das wiederum mit einer anderen Rationalität operiert. Die Beschränkung der Geltungskraft auf die Norm allein weist neben der Kausalitätsannahme auf die von Weber unterstellte Potenz jedes Menschen, die gleichen kognitiven Leistungen zu vollziehen. Weber stellt sich damit in die Tradition eines neo-kantianischen Regelbegriffs (Reckwitz 1997, 113). Angesichts unserer Ausführungen zur Politischen Ordnung entsteht der Eindruck, dass sich die Norm bei Weber zu sehr auf den Status bezieht. Als Messkriterium ist sie statisch und nur Gegenstand einer Reflexion, mit der evaluative Differenzierungen vorgenommen werden. Da wir aber von einem einheitlichen Begriff des Politischen ausgehen und dieser sich in der Ordnungsproblematik in dreifacher Weise (Status, Modus und Prozess) entfaltet, ist der Ansatz zur Norm von Weber nicht ausreichend. Entsprechend verwundert es nicht, dass es weitere Entwicklungen gegeben hat, die den Normenbegriff neu ausdeuten und weiter definieren (vgl. Reckwitz 1997, 121 ff.). Für die vorliegende Untersuchung ist hierbei insbesondere von Interesse, ob es in der Theorie gelungen ist, die Norm so zu konzeptualisieren, dass sie sowohl die Simultaneität von Ordnung als Status, Modus und Prozess abbilden kann, als auch der Verbundenheit von kognitiver und praktischer Dimension in den Zurechnungsprogrammen Rechnung trägt. Augenscheinlich sind dafür präskriptive Normenvorstellungen, wie die von Weber, nicht anwendbar. Vor allem kann nicht akzeptiert werden, dass der ›Sinn‹ der Norm von außen kommt und als externe Erwartung Verhalten sanktioniert bzw. Erwartungserwartungen setzt (Reckwitz 1997, 122). Nicht umsonst wurde eingehend der eigensinnige und eigenrationale charakter des Politischen begründet, denn damit lässt sich erklären, dass Sinn und Geltungsanspruch einer politischen Regel als Norm einzig aus der Interdependenzbeziehung von Politischer Ordnung und Aktivitäten entspringt. Die Kriterien, mit denen ein Zustand im Rahmen einer Sein-Soll- Bewertung klassifiziert wird und der Geltungsanspruch dieser Klassifikation müssen hinreichend aus der Politischen Ordnung abgeleitet werden können. Mehr noch, Normen ziehen bewusst Grenzen, die an bestimmte Bedingungen geknüpft sind (Waldenfels 1987, 88). Normen sind immer in Kontexte eingebunden, die sie erst ermöglichen, weshalb präskriptive Konzepte von Norm, die den Sinn der Norm geradezu externalisieren, unzureichend sind (vgl. Reckwitz 1997, 122). Der Kontext politischer Normen bezieht sich auf ihren Inhalt und ihre Gültigkeit. Inhaltlich ist die Norm in die Politische Ordnung eingebettet. Die Politische Ordnung konstituiert einen Ordnungsrahmen, der die Richtigkeit einer Norm (Waldenfels 1987, 99), d. h. die Unterscheidungen von ordentlichen und unordentlichen Zuständen, erlaubt. Sind diese STRUKTUREN DES POLITISchEN 101 Unterscheidungen möglich, weil sie als richtig antizipiert werden (im Sinne der Messkriterien Webers), besitzen sie einen Status. Die Rationalität der Unterscheidung ist im Sinne unseres Begriffs des Politischen eine politische und keine Wertrationalität. Mittels dieser Rationalität wirken Normen als Evaluationsregeln zur Abtrennung von Sein und Sollen. Doch erschöpft sich die Bedeutung der Normen eben nicht in der blo- ßen Fixierung eines Zustandes. Stemmer kritisiert zu Recht dieses dualistische Verständnis mit seiner artifiziellen Trennung und der Verortung der Normen im Mentalen (Stemmer 2008, 156). Stattdessen muss zwischen den Sein-Sollen-Zuständen vermittelt werden und zwar in Form eines Müssens. Das Müssen transformiert die statische Relation von Sein- Sollen in ein dynamisches Verhältnis von Müssen und Wollen. »Normen sind zunächst keine Gebots- oder Verbotstafeln, die man betrachtet, sondern Regeln, die man beachtet oder nicht beachtet« (Waldenfels 1987, 76). Dabei ist das Müssen einer Norm künstlich durch Sanktionierung geschaffen (Stemmer 2008, 157). Die Norm fungiert so nicht weiter als bloß mentales Messkriterium, sondern als ein Auslöser für praktische Aktionen. Nach Kenntnis der Sein-Sollen-Differenz wird der Akteur gezwungen, die Ergebnisse der Evaluation in Taten zu überführen. Er muss sich an bestimmte Normen halten, d. h. er praktiziert die Evaluation in handlungen. hiermit sprechen wir die Gültigkeit der Norm an. Dafür braucht es aber immer eine Person bzw. eine Gruppe von Personen, die eine Norm schafft bzw. schaffen und in der Lage ist bzw. sind, dieses Verhalten zu sanktionieren (Stemmer 2008, 159). Norm ist als empirisches Phänomen kognitiv und praktisch relevant. Zudem projiziert sie die Ordnungsproblematik in die kollektiven Interaktionen, die sich an den Modus orientieren und so auch klassifizieren lassen. Schließlich kann die Norm zusätzlich zu ihrer Existenz als Status (Sein-Sollen) und Modus (Müssen-Wollen) auch zum »Projekt« (Voegelin 2012, 80) werden. Normierungen sind dann unmittelbare Ziele kollektiven handelns, die, wenn sie erfolgreich sind, zu einem Status werden. Im Unterschied zu Normen als politischen Verbots- und Gebotsregeln sind Vorkehrungs-/Verfahrensregeln Konventionen, auf die wir als zweite mögliche politische Regelform präziser eingehen. Die Norm ist durch die Existenz einer Sanktionsinstanz begründet. Demzufolge sind ein Mensch oder ist eine Gruppe notwendig, der beschließt bzw. die beschließt, bestimmte Verhaltensweisen im Sinne von Geboten oder Verboten positiv oder negativ zu sanktionieren (Stemmer 2008, 199). Begründet wird dies mit Richtigkeit, was einen bestimmten Grad an Reflexivität voraussetzt, denn die Richtigkeit einer Norm muss diskursiv begründet werden. Anders ist es bei Konventionen. Sie beruhen auf Übereinkünften von Menschen, die damit ihr Verhalten in Koordinationsprozessen regeln (Stemmer 2008, 200). Die Regelung beruht hier nicht auf einer künstlich hergestellten Sein-Sollen-Differenz, sondern auf der Konditionierung RATIONALE STRUKTUREN DES POLITISchEN 102 von Verhalten in Interaktionsgeschichten. Anders als Normen, die einer bestimmten sozialen Interaktion vorgegeben sein können, weil sie als Normierungen in den Akteuren bzw. zwischen ihnen der unmittelbaren handlung vorausgehen, sind Konventionen abhängig von sozialen Interaktionen. Erst in konkreten aufeinander bezogenen sozialen Interaktionen können Konditionierungen, als Reaktionen auf bestimmtes handeln, angewendet werden, wobei sie selbst Resultate kollektiven handelns sind. Nur in sozialen Interaktionen lassen sich Verhaltensweisen so miteinander abstimmen, dass sich die Koordinationsleistung als Konvention etabliert (Stemmer 2008, 201).33 Dabei ist die etablierte Konvention nur eine von vielen möglichen. Auch die Konvention besteht als ein Zustand, als eine Sein-Sollen-Relation, die durch Müssen-Wollen-Verknüpfungen vermittelt wird. Konventionen bieten damit Evaluationen für Situationen an, die zu Aktionen, ausgelöst durch Müssen und Wollen, führen. Demzufolge sind sie ebenso wie Normen Modus und Ziel einer Praxis. Doch im Unterschied zur Künstlichkeit der Sanktionierung ist bei der Konvention das Müssen durch die Konditionierung also durch die Koordination des Verhaltens bedingt. »Man muss so-und-so handeln, vorausgesetzt, die anderen verhalten sich in bestimmter Weise« (Stemmer 2008, 201). Ein weiterer Unterschied liegt in den antizipierten Vorteilen, welche die Betroffenen von der Existenz einer Konvention erhalten, denn die Situation mit der Regel ist besser als ohne sie (Stemmer 2008, 202). hier wird deutlich, was das Motiv einer Vorzugsregel ist. In teilweise langen Interaktionsgeschichten haben sich bestimmte Zustände oder Prozeduren bewährt, die sich dann zu Konventionen verdichtet haben, eben weil sie in der Lage waren, soziale Probleme wie Koordinationsprobleme erfolgreich zu lösen. hätten sich diese Konventionen nicht gebildet, dann vermutlich andere, die aber letztlich den gleichen Status wie die aktualisierten innehätten (Iorio 2011, 131). Es ist jedoch immer besser, sich entsprechend der Konvention zu verhalten, weil daraus ein unmittelbarer Vorzug resultiert. Konventionen sind als Regeln besonders wichtig (Stemmer 2008, 199), auch wenn sie häufig gegenüber den Normen abgewertet werden (Waldenfels 1987, 78 f.). Letztlich sind beides politische Strukturen, die simultan als Status, Modus und Prozess fungieren. Beide verregeln soziale Interaktionen; sind abhängig von ihren spezifischen Interaktionsgeschichten. Der hauptunterschied liegt in der Sanktionierung von Normen, die somit im Gegensatz zu Konventionen einen künstlich hergestellten und öffentlich begründeten Regelmechanismus besitzen. Doch unabhängig davon müssen beide Regelungen nicht unbedingt befolgt 33 Eine Theoretisierung von Konventionen als Lösung von Koordinationsproblemen unternimmt auch Lewis, wobei er eine formale Begründung im Stile der Entscheidungstheorie kollektiven handelns entwickelt (Lewis 2002). STRUKTUREN DES POLITISchEN 103 werden, können Mitglieder einer sozialen Koexistenz diese Regeln brechen. Zudem ist die saubere Trennung beider Regeln nur konzeptuell möglich, weil empirisch gezeigt werden kann, dass Konventionen immer auch Normierungen nach sich ziehen, wobei die Norm eine duplizierte Regelung des gleichen Sachverhaltes darstellt. Die Bedeutung dieser Simultanität beleuchten am besten die spezifischen Spielregeln. Spielregeln heben, so haben wir es im Anschluss an Waldenfels definiert, Prozeduren sozialer Interaktionen voneinander ab. Die Analogie zum Spielen hilft bei der Differenzierung komplexerer Regelungen. In Spielen werden unterschiedliche Regeln fixiert. Zuerst geht es um die Definition des Spiels an sich. Dazu werden Standards gesetzt, die ein Müssen der notwendigen Bedingung schaffen, aber nicht normativ sind (Stemmer 2008, 218). Mit anderen Worten werden Differenzierungen vereinbart, die grundsätzliche Unterscheidungen und damit Definitionen von Zuständen erlauben, ohne anzugeben, dass diese Zustände notwendigerweise sein müssen. Es sind Orientierungen, die wesentlich für das kollektive handeln der Menschen sind, weil sie soziale Fixpunkte der handlungen anbieten. Darüber hinaus existieren in einem Spiel aber auch Normen, insbesondere Verbote, die bestimmte Spielzüge und Aktionen bestrafen. Es ist aber klar, dass diese Normen das Ergebnis von Konventionen sind, die sich bei der Entwicklung des Spiels etabliert haben. Die Fülle von möglichen Spielen macht seinerseits auf die Kontingenz der Normierung aufmerksam. Zudem entwickeln sich Normierungen anhand der Standardisierungen, wobei die Normen den Standards entsprechen, diese aber nicht sanktioniert werden, womit sich hier eine Regelung zwischen Normen und Standards ausbildet, die weder der einen noch der anderen Seite zuzurechnen sind (Stemmer 2008, 226). Man wird gezwungen, sich an Standards zu orientieren. Im Falle einer Abweichung wird nicht sanktioniert, man muss aber damit rechnen, nicht mehr mitspielen zu dürfen. Es sind Spielregeln, die für die Festlegung der kollektiven Interaktion konstituierend sind, aber nicht sanktioniert werden. Sie verdeutlichen den dynamischen und fließenden charakter von Regelungen, die immer simultan als Status, Modus und Prozess (Projekte) existieren. In den Interaktionsgeschichten greifen somit Konventionalisierungen, Standardisierungen und Normierungen interdependent ineinander. Sie nehmen aufeinander Bezug und stiften füreinander Vorlagen zur weiteren Verregelung. Die konzeptuelle Trennung von Normen und Konventionen ist dabei nur hilfreich, um auf die Qualität der Sanktionierung hinzuweisen. Sie ist das wichtigste Distinktionsmerkmal politischer Regeln, die Grundlage für eine kollektiv wirksame Sanktionsinstanz. Gleichzeitig wurde gezeigt, dass in politischen Regelungen auch Konventionen als Vorzugsregeln eine wichtige Rolle spielen, wobei die Struktur von Spielregeln klar macht, wie Konventionen, Normen und Standards aufeinander aufbauen und miteinander verbunden sind. RATIONALE STRUKTUREN DES POLITISchEN 104 2.5 Präzisierung II: Politische Strukturen als Institutionen und politische Gesellschaften Es ist nicht nur die sich in Interaktionsgeschichten manifestierende Interdependenz politischer Regeln, die einfache Strukturierungen des Politischen ausschließt. Ebenfalls verkompliziert die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher politischer Regeln das Bild. Politische Ordnung ist nur als ein vielfach geregelter Zusammenhang verstehbar, der nicht einfach aus einer einfachen Regelstruktur zusammengesetzt wird (Waldenfels 1987, 82). Weder eine ›Super-Regel‹ als Universalnorm oder -konvention noch eine bloße Aneinanderreihung von Regeln ist realiter in der Lage, einen größeren Sozialverband zu integrieren. Statt einfacher Strukturen erwächst erst aus vielfachen Regelzusammenhängen eine Gesamtordnung sozialer Koexistenzen. Um diese sinnvoll in ein Konzept Politischer Ordnung einzufügen, muss über den politischen Regeln eine weitere ›strukturelle‹ Ebene eingefügt werden. Die Präzisierung betrifft somit die kontingente Verknüpfung von Regeln (Konventionen, Normen), was sich entlang zweier Dimensionen entfalten lässt: Die erste umfasst die Frage, wer bzw. wie viele Personen bestimmte Regelungen vornehmen und diese in ihrer Praxis reproduzieren. Da sie dazu einen bestimmten Raum benötigen, in dem sie kollektiv im Sinne der Regeln aktiv werden, stellt diese erste Dimension die Raumdimension dar. Die zweite Frage zielt auf die Dauer der Existenz der Regelungen, womit die zeitliche Dimension entfaltet wird. Mit der raumzeitlichen Verknüpfung von Regeln bildet sich die Folie für die Konstitution der sozialen Koexistenzen. Diese konstituiert sich als eine Regelgemeinschaft in Raum und Zeit. Für die begriffliche Konzeptualisierung der Folie hat sich der Begriff der Institutionen durchgesetzt. Er ist im Rahmen der strukturellen Entsprechung von Politischer Ordnung in dreifacher Weise relevant: 1. Stellt die Institution den Verbund verschiedener Regeln dar, der in großen Gruppen niemals nur aus einer Regel oder einer Struktur besteht, sondern ein heterogener Komplex vielfältiger Regeln und somit ein Regelsystem ist. 2. Expliziert die Institution eine sozial wirksame Regelbefolgung. Erst wenn mehrere Menschen konkret kollektive Regelungen akzeptieren und ihr gemeinsames Leben danach ausrichten hat die Regelung Relevanz. Nur Regeln allein können dies nicht begrifflich sicherstellen. 3. Eine bestehende Regelung lässt sich anhand des von ihr Geregelten messen, wobei dies Zurechnungen, Identifikationen und Integrationsleistungen ermöglicht. Institutionen präsentieren begrifflich nicht nur die Regelungen, sondern auch die sich daraus entwickelnden sozialen Integrationssubjekte. STRUKTUREN DES POLITISchEN 105 Die Punkte stellen keine unerheblichen Anforderungen an den Institutionenbegriff. Doch ist dieser tatsächlich angemessen? »Eine institutio ist eine Einrichtung, und zwar eine soziale oder politische Einrichtung mit dem Zweck, das Zusammenleben der Menschen zu organisieren und zu steuern.« (Stemmer 2008, 239) Diese etymologische Definition des Institutionenbegriffs umreißt die einfache wie auch komplizierte Aufgabe solcher Regelsysteme. Der Begriff der Institution selbst wird denn auch mehrdeutig genutzt. Institutionen bezeichnen erstens »das Einsetzen oder Regeln«, zweitens das Einsetzungsmittel bzw. die Regel selbst und drittens das »Geregelte als Produkt der das Einsetzungsmittel verwendenden Einsetzungshandlung« (Jansen 2005, 47). Diese Trinität versetzt den Begriff der Institution in die Lage, die Politische Ordnung in der Simultanität von Status, Modus und Prozess adäquat im Rahmen der dreigliedrigen strukturellen Anforderung von (1.) Regelsystem, (2.) Regelfolgen und (3.) Geregelten darzustellen. Zu (1.): Dies bedeutet vor allem, das Regelsystem der Institution nicht als bloße Summe von Mikroregeln misszuverstehen. Institutionen sind mehr als ein Agglomerat von Strukturen (Normen, Konventionen). Es sind Anordnungen unterschiedlicher Elemente, die zusammen ein »agens« begründen, das soziale Effekte impliziert (Seyfert 2011, 20). Als solches lässt es sich nicht reduzieren, weder auf einzelne Regeln noch auf einzelne von der Institution betroffene Menschen.34 Dennoch ist es auf die Menschen und die Regeln angewiesen, besitzt ohne diese keine Substanz. Die Institution ist damit nach Puntel eine ontologische Entität zweiter Ordnung, die zwar ontologische Entitäten erster Ordnung wie den Menschen zur Voraussetzung hat, aber nichtsdestoweniger ontologisch ist (Puntel 2005, 33). Demzufolge kommt der Wirkung der Institutionen als Struktur des Sozialen eine außerordentliche Funktion zu. Zu (2.): Diese Funktion besteht in der Verknüpfung von Regeln und Regelbetroffenen im Sinne des kollektiven Regelfolgens.35 Erst Institutionen verankern Regeln derart sozial, dass stabile kollektive Regelbefolgungen möglich werden. Dies macht zum einen notwendig, dass die Regeln als solche erkannt und auch anerkannt sind, und zum anderen, dass die Regelfolger um die positiven oder negativen Sanktionen wissen 34 Simons hat dies anhand der Mitglieder einer Institution erläutert. »Es ist daher nicht möglich, Institutionen auf ihre Mitgliedschaft zu reduzieren, weil die Mitgliedschaft der Institution nur deswegen eine Gruppe ist, weil es die Institution gibt« (Simons 2005, 220). Folglich existiert eine bestimmte Ungewissheit der Institutionen von der Mitgliedschaft. 35 Das Problem des Regelfolgens wird in der Philosophie im Anschluss an Wittgenstein hinsichtlich ihrer scheinbar paradoxen Annahme kritisch diskutiert (vgl. Kripke 1987). RATIONALE STRUKTUREN DES POLITISchEN 106 (vgl. Strub 2005, 581).36 Nicht-determinierend soll dabei die Beziehung von Anerkennung der Regeln und ihrer Befolgung verstanden werden. Ein Mensch kann eine Regel anerkennen, sich dennoch im Bewusstsein der Sanktionen für oder gegen ihre Befolgung entscheiden. Wie nun auch im Einzelnen die Menschen zur Befolgung der Regeln motiviert werden, erst die Institutionen generieren die Relation von Regeln und deren Befolgung, weil sie Sanktionen stabilisieren. Als solche sind sie Strukturen im Sinne der Organisation von Regelbefolgungsgemeinschaften. Der Mensch unterwirft sich der Organisation und wird so zu einem »Regelsouverän« (Schönrich 2002, 118). Zu (3.): Institutionen sind Sätze von Regeln und Konventionen (Wagner 1995, 46), die nicht ein zufälliges Produkt sozialer Ordnungsaktivitäten sind, sondern ein wesentliches Element derselben. Das mittlerweile zum Allgemeinplatz gewordene Diktum von Wittgenstein, wonach einer allein keiner Regel folgen kann, weil er nicht unterscheiden kann, ob er der Regel folgt oder ihr nur zu folgen glaubt, macht auf den sozialen charakter der Regelbefolgung aufmerksam (Schönrich 2004, 92).37 Mit anderen Worten konstituieren erst Institutionen und nur Institutionen soziale Koexistenzen in der Art, dass sie als Gesellschaften beschrieben werden können. »Institutions are supraorganizational patterns of human activity by which individuals and organizations produce and reproduce their material subsistence and organize time and space. They are also symbolic systems, ways of ordering reality, and thereby rendering experience of time and space meaningful« (Friedland/Alford 1991, 243). Institutionen vereinen die Elemente der Regeln, des Geregelten und der von der Regelung Betroffenen in der Art, dass raum-zeitlich stabile Regelgemeinschaften entstehen. Dabei identifizieren Institutionen bestimmte »Leitprobleme« und erarbeiten bzw. erproben Lösungen, die materiell manifestiert werden und somit eigene Räume »des Denkens, der Diskurse, Symbole und Praktiken« organisieren (Seyfert 2011, 23). In diesen Räumen entwickeln sich soziale Koexistenzen zu Gesellschaften. Demzufolge ist jenseits der Institutionen schließlich noch eine weitere strukturelle Ebene zu präzisieren, nämlich der Zusammenhang der Institutionen selbst. Dies ist die Ebene der Gesellschaften (Wagner 1995, 63). Aus Sicht der Soziologie ist diese Klassifizierung angemessen, konstituiert sie doch das Objekt ihrer wissenschaftlichen Reflexion. Mit der Perspektive einer Politischen Theorie, die Ordnung zum Dreh- und Angelpunkt ihrer Theoriebildung macht, sind hierzu weitere Bemerkungen 36 Strub zählt eine Reihe möglicher Qualitäten der Regelbefolgung auf, die von Entschuldigungen, Bitten um Ausnahmen usw. reichen (Strub 2005, 584 ff.) 37 »Darum ist ›der Regel folgen‹ eine Praxis. Und der Regel zu folgen glauben ist nicht der Regel folgen. Und darum kann man nicht der Regel ›privatim‹ folgen, weil sonst der Regel zu folgen glauben dasselbe wäre, wie der Regel folgen« (Wittgenstein 1984, 345). STRUKTUREN DES POLITISchEN 107 notwendig. In der Nutzung des Gesellschaftsbegriffs spielen in der Soziologie politische Begründungen neben z. B. funktionalen Begriffen keine Rolle. Mehr noch geht es im Begriff der Gesellschaft um die Konstitution einer sozialen Sphäre zwischen Individuum und Politik, die explizit nicht-politisch ist und die Integrationsprobleme moderner sozialer Koexistenzen unpolitisch lösen soll (Wagner 2008, 238). Inwieweit dies erfolgreich war, soll hier nicht weiter problematisiert werden. Wichtig ist es, zu akzeptieren, dass die Politische Theorie der Gegenwart die erfolgten Theoretisierungen dieser unpolitischen Soziologie im weiten Sinn nicht negieren kann. Ein Grund dafür liegt in der in großen und komplexen Gesellschaften aufgebrochenen Unmittelbarkeit Politischer Ordnungsbildung. Konnte die antike Politische Theorie dies im Kontext der Polis noch einfordern, erscheint dies in durch eine große Zahl von Mitgliedern auf der einen sowie der erkämpften Autonomie des Einzelnen auf der anderen Seite geprägten sozialen Koexistenzen der Gegenwart aussichtslos, ja geradezu unrealistisch. Dennoch muss die Politische Theorie auf ihrer ontologischen Prämisse, d. h. ihrer Eigensinnigkeit bestehen. Demzufolge sollte der Korpus vorhandener Theorie des Sozialen im Kontext einer politischen Ordnungswissenschaft thematisiert werden. Somit wird aus der Gesellschaft die politische Gesellschaft. Diese besitzt eine innere Struktur im Sinne einer sozialen Stratifikation, wodurch bestimmte Menschen zu Repräsentanten der gesamten Gesellschaft erhoben werden. Dazu bedarf es funktionierender Institutionen, welche die kollektive Regelbefolgung sicherstellen (vgl. Voegelin 2004, 52). Schließlich sind Repräsentanten in ihren handlungsorientierungen dazu gezwungen, den durch die Politische Ordnung festgeschnürten Zusammenhang von sozialen Koexistenzen und ihren Existenzbedingungen zu beachten. Sie müssen das Ganze im Blick haben, wenn sie aktiv werden, unabhängig davon, ob einzelne Aktionen auf Zustimmung oder Ablehnung treffen. Politische Gesellschaften sind der maximale sozial strukturierbare Ordnungsrahmen des Politischen. Sie wachsen in Raum und Zeit und müssen für sich selbst bewusst sein: Dies ist der Augenblick ihrer »Artikulation«, wobei sich eine Vielzahl von Menschen zu einer »handlungsfähigen Gesellschaft« zusammenschließt (Voegelin 2004, 52). Damit entstehen Standards, die kollektives handeln erst ermöglichen. Die politische Gesellschaft spannt einen Ordnungsrahmen auf, der nicht stetig in der Praxis relevant sein muss. hier sind die Institutionen wichtiger. Wohl aber ist er im Denken der involvierten Menschen immer aktuell und zwar als Zurechnungsrahmen, in dem sich der Einzelne einer Regelgemeinschaft zugehörig macht. RATIONALE STRUKTUREN DES POLITISchEN 108 3. Die Normativität politischer Strukturen Im ersten Abschnitt wurde der Eigensinn des Politischen als wesentliches Merkmal herausgearbeitet und begründet. Der zweite Abschnitt hat sich intensiv mit den möglichen Präsentationen des Eigensinns beschäftigt. Damit ist deutlich geworden, wie das Politische als Politische Ordnung in die Welt kommt und wie es zwischen Menschen in Form von Regeln und Regelsystemen an materiellem Bestand gewinnt. Doch wurden die Präsentationen nur konzeptuell voneinander abgegrenzt und hinsichtlich ihrer Fundierungslogik aufeinander bezogen. Das Ergebnis ist eine Systematik, die zeigt, welche sozialen Formen die Politische Ordnung haben kann. Im letzten Abschnitt geht es nun darum, die notwendigen Zusammenhänge zwischen Ordnung und Strukturen zu beleuchten. Mit anderen Worten werden nach der Begründung des Eigensinns des Politischen und der Differenzierung der möglichen sozialen Formen des Eigensinns nun die Zusammenhänge der Formen im hinblick auf die Eigennormativität und Eigenrationalität des Politischen konzeptualisiert. Folgendermaßen soll dabei vorgegangen werden: In einem ersten Schritt führen wir erneut dezidiert in die Problematik der Normativität des Politischen ein. Anschließend werden unterschiedliche Normativitätsvorstellungen im Kontext der Politischen Ordnung diskutiert. Der dritte Schritt wird die Resultate der Diskussion zu einer eigenständigen politischen Normativitätskonzeption verarbeiten, wobei dies dann die Grundlage für die im vierten Schritt vorzunehmende Definition der Politischen Rationalität sein wird. 3.1 Welche Normativität des Politischen? Die wissenschaftliche Reflexion des Politischen ist seit ihrem Beginn darum bemüht, nicht nur Formen Politischer Ordnung zu beschreiben, sondern auch, die gute Ordnung von anderen abzusetzen. hier spielt die Konzeptualisierung der Politikwissenschaft in der griechischen Antike eine Rolle. Platon und Aristoteles befassten sich mit guten Lösungen für Krise der attischen Polis, wobei spätere wissenschaftliche Krisenreaktionen auf diese beiden Referenzen rekurrierten (Göhler et al. 2009, 384). Erst mit der szientistischen Wende wurde die genuine Konstitution einer normativen Politikwissenschaft hinterfragt und abgelöst. Im Zuge dieser Ablösung wurde die Legitimität normativer Wissenschaften generell in Frage gestellt. Doch wie kann eine Wissenschaft zur Selbstreflexion einer sozialen Ordnung beitragen, wenn sie nicht durch bewusst gestaltete Geltungsansprüche ihre Reflexionen gegenüber anderen abhebt? Tatsächlich vermitteln Politische Theorie und Politikwissenschaft zwischen DIE NORMATIVITäT POLITISchER STRUKTUREN 109 dem Eigensinn des Politischen und den sozialen Strukturen, die das Politische materialisieren. Insofern ist die Behauptung der Normativität eine Grundvoraussetzung für den Orientierungsanspruch der Politischen Theorie (Nida-Rümelin 2010, 27). Auf diesen Aspekt haben wir im Zusammenhang mit der Politischen Differenz verwiesen, weshalb nicht erneut die Eigennormativität des Politischen generell begründet werden muss. Doch selbst wenn die normative Dimension des Politischen nicht negiert wird, sind die Zugänge zu ihrer Bestimmung unterschiedlich. Derzeit wird das Problem der Normativität, wenn es von der Politischen Theorie ernst genommen wird, durch zwei Zugänge angenommen. Die erste Lösung konstruiert ideale Standards in Konkurrenz zur Wirklichkeit. Die zweite bemüht sich um realistische Evaluationen in Konfrontation mit der Wirklichkeit. Bevor wir beide Lösungen kritisch evaluieren, sollen sie inhaltlich voneinander abgegrenzt werden: – Konkurrenzansatz: Im Ausgang einer autonomen kognitiven Konstruktion werden ideale Standards entwickelt, die ohne Bezug zur Wirklichkeit auskommen. Methodisch wird dies zumeist unter Rückgriff auf einen »analytisch modifizierten Kantianismus« (Nida-Rümelin 2010a, 60) umgesetzt. Dabei abstrahiert dieser Ansatz von der Existenz einer eigenständigen Disziplin der Ethik, die ihre eigene Problemdefinitionen und ihre eigenen Argumente entwickelt, mit denen sich Anleitungen des menschlichen Verhaltens bestimmen lassen (Geuss 2008, 6 f.). Er geht nach Geuss ebenso davon aus, dass diese ethischen Probleme unabhängig von der umgebenden sozialen Wirklichkeit erforscht werden können, d. h. keiner stetigen Reflexion der sozialen Umwelt und der anderen diese erforschenden Wissenschaften bedarf. Schließlich nimmt der Ansatz für sich in Anspruch, allgemeine Prinzipien zu formulieren, die in ihrer Abstraktion dem Menschen hoch generalisierte Eigenschaften zuschreiben können (Geuss 2008, 7). hiermit wird die Normativität, also die Aussage, dass etwas gemacht werden muss, in Konkurrenz zur Wirklichkeit gelöst. Zwischen beiden wird dann mittels eines »Wunschdenken[s]« (Geuss 2010, 425) vermittelt, das die Wirklichkeit ignoriert oder verzerrt darstellt. – Konfrontationsansatz: hier wird die Normativität durch eine stetige Auseinandersetzung mit der sozialen Wirklichkeit problematisiert. In dieser lassen sich Formen kollektiven handelns und die daraus entspringenden mannigfaltigen Ansätze sozialer Organisation und Strukturbildung mit ihren jeweils spezifischen Legitimationskontexten studieren (Geuss 2008, 22). Normativität ist hier etwas, was in den vorhandenen bzw. historischen sozialen Wirklichkeiten entdeckt werden muss, um es verallgemeinern zu können. Der Fixpunkt ist dabei keine autonome kognitive Konstruktion, sondern die Analyse im Sinne eines analytisch modifizierten hegelianismus bzw. eines analytisch modifizierten Aristotelismus (Nida-Rümelin 2010a, 60). Dabei RATIONALE STRUKTUREN DES POLITISchEN 110 werden keine bloßen Beschreibungen normativer Maßstäbe, wie sie sich in der Wirklichkeit konkreter institutioneller sozialer Ordnungen finden lassen, geboten. In kritischer Analyse werden entdeckte normative Maßstäbe immer wieder an die Wirklichkeit zurückgebunden. Normativität bildet sich in der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, wobei die Kluft zwischen Normativität und Wirklichkeit akzeptiert wird. Im hinblick auf die Differenz von Norm und Wirklichkeit entsteht ein Realismus, der Wunschdenken nicht mit Wirklichkeit verwechselt (Geuss 2010, 428). Beide Zugänge sind Gegensätze einer idealen und einer nicht-idealen Theorie im Gefolge einer moralistischen und einer realistischen philosophischen Position, die in jüngster Zeit verstärkt diskutiert wurden (horton 2010; Galston 2010; Owen 2010, Freyerhagen/Schaub 2010). Es lassen sich wissenschaftstheoretische Begründungen finden, die eine realistische Position in der Politischen Theorie begründen (vgl. Kleger/ Knobloch 2014). Da hier das Politische von seinem Eigensinn her entfaltet wurde, soll die Begründung der Normativität im Sinne des Konkurrenzansatzes ausschließlich in der Perspektive der Ordnungswissenschaft erfolgen. Eine sich generierende Ordnung zieht ihre Grenzen simultan mit, wobei durch Normen und normative Regeln die Grenzen nicht einfach mit erzeugt, sondern bewusst gezogen werden (Waldenfels 1987, 87). Doch indem diese Grenzen gezogen werden, müssen sie mit ihrer eigenen Kontingenz umgehen. Die Menschen als Grenzzieher müssen dies begründen, wobei sie eben nicht aus der Ordnung hinaus können. Eine Begründung ist immer raumzeitlich gebunden, »jede Gebots- und Verbotsstimme, auch die der diversen Götter und ihrer Vertreter, spricht von irgendwoher« (Waldenfels 1987, 88). Somit ist es unmöglich, wie Waldenfels pointiert, aus der Ordnung und ihren Grenzen hinauszutreten, um einen Blick von außen zu riskieren. Im Umgang mit diesem Dilemma sind zwei Strategien wirksam, wobei die eine einfach die vorhandene Ordnung über sich hinaus totalisiert und zur einzig wahren Welt aufsteigen lässt, während die zweite Strategie die Universalisierung der eigenen Ordnungsnormen postuliert. Die Totalisierung wurde von Voegelin im Kontext seiner Analyse kosmologischer Ordnungsformen eingehend untersucht (Voegelin 2002). Auch Eisenstadt analysiert kosmologische Visionen in seinem Ansatz der multiplen Moderne (Eisenstadt 2006, 124 ff.). Beide historisieren jedoch diese Art totalisierender Ordnungsbegründung zurecht, weshalb sich hier von dieser Form nicht erneut dezidiert abgesetzt werden muss.38 38 Dabei würde das Problem der Normativität der Politischen Ordnung auf die Entdeckung der wahren kosmischen Ordnungsprinzipien konzentriert (Waldenfels 1987, 90 f.). DIE NORMATIVITäT POLITISchER STRUKTUREN 111 Demgegenüber mündet die Universalisierungsstrategie in ebenjene moralische Idealauffassung von Normativität, wie sie von Geuss kritisiert wird. Statt der wahren Welt der Kosmologie tritt nun die Frage nach den wahren Normen in den Mittelpunkt. »Während das kosmische Denken alles, was ist, ein- und unterordnet und es so über sich selbst hinausführt, beschränkt das normative Denken sich auf den Gestus des Unterwerfens: alles sei der Vernunft untertan« (Waldenfels 1987, 100). Zuerst wird der Wirklichkeit eine konstruierte Idealform gegenübergestellt und ein Konkurrenzverhältnis situiert. Anschließend wird hierarchisiert: Die Idealwelt ist gegenüber der Wirklichkeit die ordentliche Variante. Die Konsequenz dieser Normativität ist aber die Auflösung des Zusammenhangs von Ordnung und sozialen Strukturen. Wenn die Sache der Ordnung wieder nur in den unerreichbaren Vernunftnexus verschoben wird, unterminiert dies die konkreten Aktivitäten der Menschen, ihre Welt ordentlich zu gestalten. Egal, was die Menschen machen, egal welche erfolgreichen sozialen Strukturen sie schaffen oder mit welchen Regelsystemen sie scheitern, niemals werden diese faktischen materialen Normen den universalen formalen das Wasser reichen können. hier wird eine arrogante Grundhaltung offenbar, die sich einen »universalen Gesichtspunkt« (Waldenfels 1987, 102) anmaßt. Bewusst werden damit Anwendungs- und Rechtfertigungsfragen getrennt (Freyenhagen/Schaub 2010, 466), wobei die wissenschaftliche Reflexion sich auf die Klärung der Rechtfertigung beschränkt ohne die Genese der sozialen Organisation zu würdigen. Damit wird aber die konkrete Ordnungsleistung der Menschen ignoriert, die letztlich den entscheidenden Rahmen für die Art und Weise von Politik bildet (vgl. Geuss 2008, 11).39 Dies impliziert auf keinen Fall, dass wissenschaftliche Reflexion praktisch anwendbar sein muss. Stattdessen geht es um die Kenntnisnahme auch rudimentärer bzw. wenig begründeter Regelungen, die ihre eigene Geschichte und ihren eigenen Problemhorizont haben. Menschen schaffen auch damit Problemlösungen, die als Beitrag zur Ordnung nicht auf einen universalen Status abzielen, sondern auf einen durch soziale Koexistenz notwendig gewordenen vorläufigen Modus kollektiver Interaktionen. Die Kritik am Konkurrenzansatz und seiner Universalisierungsstrategie dreht sich folglich nicht um die Behauptung einer Kohärenz von kognitiven und sozialen Strukturen, sondern um einen notwendigen Zusammenhang von Ordnung als Status, Modus und Prozess. Die Normativität des Konkurrenzansatzes negiert gerade die Simultanität der unterschiedlichen Ordnungsdimensionen. Ordnung ist dann wieder nur Status ohne materielle Präsentationen. Zwischen Ideal und Wirklichkeit 39 »It is to say that general principles, however valid, do not specify right answers to practical problems, and, if taken literally as guides to practice, are apt to do more harm and good« (Galston 2010, 396). RATIONALE STRUKTUREN DES POLITISchEN 112 tritt ein »Vakuum« (Waldenfels 1987, 100). Die sozialen Ordnungsprozesse, die der Beobachtung von Ordnung überhaupt einen Fixpunkt bieten, schrumpfen zu bloßen empirischen Einheiten, die säuberlich von normativen Inhalten befreit werden. Da aber der Eigensinn des Politischen in der Gesamtheit von Ordnung und Ordnungsbildungsprozessen besteht, die einen eigenen Referenzrahmen für die Geltung aufspannt (Eigennormativität), muss die politische Normativität in der Auseinandersetzung mit diesem Referenzrahmen gesucht werden. Die Normativität im Sinne des Konkurrenzansatzes ignoriert die Eigennormativität des Politischen und operiert mit abstrakten ethischen und daher unpolitischen Normen.40 Die Unterscheidung zwischen Konkurrenz- und Konfrontationsansatz und die Kritik am ersten Ansatz lässt für die Bestimmung der Normativität des Politischen den methodischen Schluss zu, dass nur eine Auseinandersetzung mit den materiellen Ordnungsarrangements der Menschen eine Aussage über den charakter der Politischen Ordnung zulässt. Dieses Verständnis von Normativität setzt sich damit fundamental vom Wunschdenken des Konkurrenzansatzes ab und proklamiert einen realistischen Fokus. Im Ausgang von Geuss’ Kritik ist diese Position als realistische nicht-ideale Theorie verstanden worden (Geuss 2008; Galston 2010; horton 2010). Diese Position erhebt die Auseinandersetzung mit bestehenden politischen Regelsystemen zum Paradigma, wobei dies in folgende Annahmen eingebettet ist: 1. Die realistische Position verortet die Politische Theorie nicht in der Moral- oder Rechtsphilosophie, sondern macht sie zu einem eigenen Unternehmen, das vom »internalistischen Verständnis politischer Normativität« ausgeht (Schmalz-Bruns 2011, 614). 2. Das politische Ordnungsdenken ist pluralistisch und heterogen, weshalb die Ordnung als Prozess immer durch »Konflikte« (Galston 2010, 396) geprägt ist. Diese Konflikte manifestieren sich in konkurrierenden politischen Ideen, Wertstreits und Wirklichkeitsdeutungen. Weder Konvergenz zwischen normativem Maßstab und sozialer Wirklichkeit noch homogenität im politischen Ordnungsdenken kann erwartet werden. 3. Der Stoff zur Erkundung der Normativität ist in den vorhandenen sozialen Strukturen zu suchen (Geuss 2008, 59). Erst die bestehenden Regelsysteme bilden die Arenen für abstrakte Konzepte und Versuche, diese in konkrete Arrangements zu überführen (Galston 2010, 393). 40 So ähnlich kann auch ein Gedanke von Waldenfels interpretiert werden. Da Ordnung auch durch Wichtigkeit konstitutiert wird, diese aber als Kriterium auf einer anderen Ebene als die der Richtigkeit liegt, kann sie nicht einfach ersetzt werden (Waldenfels 1987, 104). DIE NORMATIVITäT POLITISchER STRUKTUREN 113 Eine realistische Position gibt also nicht die Simultanität von Ordnung auf, sondern nimmt sie im Gegenteil verstärkt in den Fokus. Soziale Strukturen sind keineswegs nur Desiderate einer idealen Ordnung, sondern Produkte eines eigensinnigen Ordnungsdenkens und -handelns vor dem hintergrund politischer Konflikte. Dieser Prozess kann in seiner Komplexität durchaus als ein »modus vivendi« (horton 2010) verstanden werden, der seine Normativität selbst herstellt. Der Realismus in Bezug auf Normativität ist damit nicht naiv oder metaphysisch, sondern prozessorientiert (Kleger/Knobloch 2014). 3.2 Konstruktivistische Normativität Die prozessuale Fixierung der Normativität des Politischen hat Folgen für das Konzept selbst. Weil Normativität erst im Prozess der Ordnungsbildung entsteht und von diesem abhängig ist, muss mit naiven Vorstellungen von Normativität gebrochen werden. Diese bezogen sich noch auf eine von der Wirklichkeit unabhängige Realität (Wallace 2011, 38 f.). In den sozialen Strukturen kommen somit keine Normen zum Ausdruck, die der Praxis eigentlich vorausgehen. Der Ordnungsbildungsprozess entdeckt keinen unabhängigen normativen Bestand, d. h. es geht nicht um die Präsentation von normativen Tatsachen, die gegenüber dem Urteil des Einzelnen Geltung beanspruchen, egal, wie der Einzelne letztlich urteilen möchte (Wallace 2011, 39). Die Normativität des Politischen wird erst im Prozess der Ordnungsbildung relevant und artikulierbar. Damit entspricht sie einem »normativen Konstruktivismus«, der unabhängige und vorreflexive normative Tatsachen oder Wahrheiten ausschließt (Wallace 2011, 41). Normen sind hierbei das Resultat der in der Praxis miteinander verwobenen Akteure. Doch auch hier ist Vorsicht geboten. Nur weil Normativität konstruiert ist, befreit sie das nicht von universalistischen Ansprüchen. Insbesondere zwei Auffassungen einer konstruktivistischen Normativität bringen den Universalismus wieder ins Spiel. Zum einen ist es ein Ansatz, der zwar keine vorreflexiven Normen annimmt, wohl aber davon ausgeht, dass der Prozess, in dem sich Normativität ausbildet, nach gleichen Prinzipien organisiert werden kann. Dadurch werden in den Prozessen immer die gleichen Ergebnisse erzielt, können sich also wieder universale Normen ausbilden. Dieser Ansatz wird prominent durch die Diskursethik von habermas vertreten. Der zweite Ansatz geht nicht von einem Diskurs aus, sondern von einem Prozess der Entscheidung. hierbei wird der Prozess der Normengenese als hypothetische Wahlsituation gedeutet, bei der Menschen im Sinne etwa des Kontraktualismus sich für die besten Prinzipien entscheiden (vgl. Wallace 2011, 43). Weil die Entscheidung selbst auf Grundlage natürlicher ›menschlicher‹ Prämissen vollzogen RATIONALE STRUKTUREN DES POLITISchEN 114 wird, erlaubt auch dies die reproduzierbare Konstruktion von Normativität. Beide Varianten konstruktivistischer Normativität sind jedoch problematisch. Die Annahme von nicht-kontingenten Organisationsregeln für die Prozesse der Ordnungsbildung führt eine nicht zu negierende aber unbegründete Voraussetzung mit. Wer legt die universalen Organisationsregeln fest? Diese können im Gegensatz zum naiven Bild von Normativität nicht einfach als vorgängig bzw. unabhängig akzeptiert werden. Auch das Argument, dass es sich hierbei um Resultate vorangegangener Prozesse handelt, überzeugt hinsichtlich der damit verschleierten Kontingenz nicht. Wenn die Angemessenheit dieser Organisationsregeln aber nicht hinreichend begründet werden kann, dann sind die durch sie organisierten Prozesse der Normenfindung ebenfalls kontingent und ihre beliebige Wiederholbarkeit keineswegs gesichert.41 Wenn aber ein Ursprungsprozess der Konstitution dieser Organisationsregeln benannt werden kann, historisiert dieser Ansatz, wodurch der Prozess der Ordnungsbildung und seine Organisation raumzeitlich verortet werden können. Dann ist es jedoch eine kontingente und keine universale Konstruktion mehr. Ebenso problematisch erscheint der zweite Ansatz. hier wird der Prozess der Ordnungsbildung und damit der Schaffung von Normativität auf den Aspekt der Entscheidung eingegrenzt. Deren Voraussetzungen werden aber dem Menschen und seiner Natur unterstellt. Grundlage des Prozesses vom Vertragsschluss ist nur die »naturale Interessenlage« der Menschen, doch wird der Mensch nicht durchgehend theoretisiert, sondern es wird nur das jeweils dominierende Menschenbild als »wahre Natur des Menschen« heuristisch konzeptualisiert (Niedenzu 2012, 198). Der kontingente charakter dieser Annahmen tritt hinter den Schleier des biologischen Reduktionismus, der wie die Konkurrenz und der Egoismus »quasi-naturale Ausgangsbedingungen« einer sozialen Ordnung im Kontraktualismus darstellen (Niedenzu 2012, 200). Führt das begründungslogisch bei den Klassikern des Kontraktualismus (hobbes, hume) zu einer Art Gesellschaftstheorie, konstruieren moderne kontraktualistische Ansätze lediglich normative Teilbereiche (Rawls – Gerechtigkeit) (Wallace 2011, 42). Beide operieren jedoch mit unreflektierten Vorbedingungen des Prozesses, womit die Universalität der Ergebnisse angenommen, nicht aber bewiesen werden kann. In beiden Ansätzen bleiben Leerstellen, die verdeutlichen, dass der Universalismus der Ergebnisse nicht in der Organisation des Prozesses verankert werden kann. Diese Formen der konstruktivistischen Normativität prägen damit ebenso einen normativen Universalismus, der sich mit der begründeten realistischen Position nicht vereinbaren lässt. 41 »Wenn aber in den Operator für moralische Normen bereits Normen eingelagert sind, kommen mit hoher Wahrscheinlichkeit auch nur solche Normen heraus, die vorher eingelagert wurden« (Beer/Trienekens 2011, 306). DIE NORMATIVITäT POLITISchER STRUKTUREN 115 Gegenüber diesem universalistischen Konstruktivismus ist es wichtig, die für die Spezifizierung der Normativität des Politischen nötige realistische Position im Kontext ihres Konstruktivismus eindeutig abzugrenzen. Aus der geführten Diskussion lassen sich zwei Merkmale ableiten: Erstens ist die Normativität des Politischen das Ergebnis einer Konstruktion, wobei der Prozess der Konstruktion offen und kontingent ist. Annahmen einer dem Prozess zugrundeliegenden universalen Organisationslogik laufen ins Leere. Zweitens ist der Prozess sozial. Nicht das atomistische Individuum entdeckt und praktiziert für sich diese Prinzipien. Die Normativität des Politischen ist fest in die soziale Praxis eingebunden und somit reflexiv. Ein drittes Merkmal der konstruktivistischen Normativität des Politischen resultiert aus ihrem charakter als soziale Ordnung: Sie ist immer zeit- und raumabhängig, womit auch gesagt ist, dass normative Prinzipien in bestimmten Kontexten falsch sein können (Wallace 2011, 49). Genau darauf hat die realistische Position durch die hypostasierung des Konfliktes hingewiesen. Dies aufzudecken und zu problematisieren ist das Ziel des Konfrontationsansatzes. halten wir zum Schluss fest: Politische Ordnung als Ordnung ist ein raumzeitlicher Ordnungstyp, dessen Ordnungsbereich die sozialen Beziehungen sind und der einen kontingenten Ordnungsstil bildet. Wenn Normativität nur in der Ordnung selbst präsent wird, muss sich diese Eigenschaft auch auf diese selbst beziehen. Folglich ist die Normativität des Politischen kein unabhängiger prioritärer Teil der Realität, sondern eine raumzeitliche, soziale und kontingente Konstruktion. 3.3 Die Normativität des Politischen »Insofern alle Normativität das Ergebnis konkreter Tätigkeiten von Individuen und Gruppen von Individuen zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten ist, lässt sich nichts philosophisch Mysteriöses an der Formierung ›normativer Ordnung‹ […] ausmachen« (Wallace 2011, 49). Dementsprechend unbelastet können wir nun an die systematische Konzeptualisierung der Normativität des Politischen gehen und nach Abschluss der Vorüberlegungen wird die Spur der Normativität, der zu folgen ist, auch leichter identifizierbar. Der Anfang liegt in sozialen Strukturen als Stoff konkreter Ordnungsexpression. In diesen muss die normative Ordnung entdeckt werden, um sie anschließend mit der Ordnungsartikulation zu konfrontieren. Die normative Ordnung selbst ist eine sozial konstruierte und damit kontingente, aber auch umstrittene Entität, deren primärer charakter der einer kognitiven Struktur ist (Niedenzu 2012, 28). Insoweit diese eine soziale Koexistenz bestimmt, muss sie zudem kollektiv geteilt sein. Das bedeutet weder, dass sie intersubjektiv ist, noch dass sich alle gleichermaßen zu ihr bekennen. Beides kann RATIONALE STRUKTUREN DES POLITISchEN 116 im Ergebnis der bisherigen Erläuterungen nicht begründet werden. Die herausforderung besteht in der plausiblen Verankerung der Normativität zwischen der Politischen Ordnung in ihrer simultanen Erscheinung als Status, Modus und Prozess und den materiellen sozialen Strukturen. Beginnen wir mit der bereits genutzten Basisdefinition von Normativität: Etwas ist allgemein normativ, wenn es einen Zusammenhang von Müssen und Wollen stiftet, d. h., normativ ist eine Relation zwischen einem Müssen der notwendigen Bedingung und dem Wollen (Stemmer 2008, 42).42 Für sich genommen sind Müssen und Wollen nicht normativ, wie Stemmer zu bedenken gibt. Erst durch das Zusammenkommen von Müssen und Wollen erlangt die Normativität eine Existenz, die aber nicht in Form eines unterscheidbaren Etwas hinzukommt, das neben oder über dem Wollen und Müssen zu verorten wäre. »Es kommen nur zwei Dinge zusammen, und dadurch entsteht eine komplexe Situation, die normativ ist und handlungsdruck erzeugt« (Stemmer 2008, 42). Dies wurde oben bereits als Modus des Normativen, wie es in der Politischen Ordnung zum Ausdruck kommt, bezeichnet. Damit die Relation einen Sinn haben kann, muss ein dies evozierendens Umfeld existieren, das die Verknüpfung erforderlich macht. Schließlich, so merkt Stemmer an, ist auch eine Welt denkbar, in der es sowohl Wollen als auch Müssen gibt, aber die beiden Elemente nicht verbunden werden (Stemmer 2008, 101 f.). Zur Fundierung der Relation von Müssen und Wollen werden bestimmte Arten von Lebensformen benötigt, deren handeln nicht vollkommen durch Wollen oder Müssen determiniert ist, die so oder anders handeln können, wobei sie sich für den durch die Verbindung von Müssen und Wollen gestifteten Aktionshorizont entscheiden und in der Praxis umsetzen (Stemmer 2008, 102). Normativität bleibt exklusiv aus Wollen und Müssen zusammengesetzt, doch setzt deren sinnhafte Relationierung Lebewesen voraus, die für Normativität empfänglich sind, weil sie selbst ihre Praxis durch Überlegungen bewusst organisieren. Lebewesen, die nicht überlegen können, organisieren ihre Praxis nicht bewusst, weshalb für sie das Problem der Normativität nicht besteht (Stemmer 42 Wir beziehen uns hier auf das ontologische Konzept von Normativität von Stemmer. Dieses identifiziert das normative Müssen als wesentliches Element der Normativität und formuliert eine »beeindruckend schlichte Kernidee« (Iorio 2010a, 153). Die Pointe ist die, dass außer einem Müssen und einem Wollen kein weiterer Bedarf an einem »unabhängigen Sollen« besteht, was Kritik am Verlust der Gründe provoziert (Forst 2010, 157 f.). Genau diese Annahme macht den Stemmerschen Ansatz für unsere realistische Bestimmung der Normativität interessant. Ein weiterer Punkt ist seine Annahme der subjektiven Ontologie, wonach Phänomene wie Bedeutung und Normativität in ihrer Existenz abhängig sind, »vom mentalen Zugriff der Menschen […] auf die Welt« (Stemmer 2010, 162; vgl. zur Kritik an Stemmer auch Esfeld 2010; Schmidt 2010). DIE NORMATIVITäT POLITISchER STRUKTUREN 117 2008, 102).43 Zudem muss eine »Lücke« bestehen, »in der Lebewesen überlegen was sie tun wollen, und der sie sich rationaler- oder irrationalerweise dafür entscheidend, eine bestimmte handlung zu realisieren« (Stemmer 2008, 102 f.). Dabei sind die Gründe und die Normativität von Müssen und Wollen immer ontologisch subjektiv, d. h. jeder muss für sich selbst entscheiden, ob er und wie er Normativität akzeptiert, interpretiert und verfolgt (Stemmer 2008, 101). Das Verständnis dieser Lücke korrespondiert mit der durch den Menschen bewusst wahrgenommenen Ordnungsproblematik. Der Mensch sieht in seiner Existenz eine herausforderung. Keine natürliche Ordnung determiniert sein Verhalten. Keine unmittelbar erfahrbare Ordnung schreibt ihm sein Wollen oder sein Müssen vor. Statt eines konkret determinierenden Rahmens ist er mit Unsicherheit konfrontiert, die er mithilfe symbolisierter Ordnung entschärft, wobei der Erfolg dieser Entschärfung sich immer erst beweisen muss. Das Problem der Ordnung ist die Lücke, die Normativität ermöglicht. Weil die Ordnung sozialer Koexistenzen künstlich geschaffen werden muss, wird sie zum Gegenstand eines Wollens, das an bestimmte Bedingungen des Müssens gebunden ist. Ordnung ist damit kein Grund für das Wollen, sondern Teil des Wollens. Es ist kein vernünftiger höherer Grund, der für die Ordnung spricht, durch den sich wieder ein univeralisierbarer Fixpunkt außerhalb der konstruktivistischen Normativität einschleichen würde. Ordnung ist nicht wollensunabhängig, sondern dem Wollen immanent. Ordnung wird gewollt und konstituiert erst so einen Grund (Stemmer 2012, 188 f.).44 Die Normativität des Politischen ist dementsprechend die Relation von: – Bedingungen, die einen geordneten von einem ungeordneten Zustand unterscheiden und die Gegenstand eines Müssens sind; – dem Bestreben der Menschen, in einer geordneten Existenz zu leben. Die Ordnung ist Teil des Wollens der Menschen. Diese Normativität ermöglicht dem Menschen seine Existenz und deren Praxis, doch sie determiniert sie nicht. Zum einen ist die Wirkung der Normativität immer davon abhängig, ob der Mensch in einer spezifischen Situation diese wirklich erkennt, denn erst, wenn eine Situation als normativ erkannt wird, entfaltet Normativität ihre motivationale Wirkung (Stemmer 2008, 54 f.). Zum anderen muss selbst, wenn die 43 Folglich können auch nicht-menschliche Lebewesen, die überlegen können, normative Probleme haben (Stemmer 2008, 103). 44 Dieser Ansatz nimmt den Ordnungsgedanken in seiner ontologischen Fundierung ernst, ohne in die Falle des Universalismus zu tappen. Eine solche Konzeption von Ordnung und ihrer Normativität überfordert die Praxis nicht wie der Universalismus, überlässt aber das Ordnende nicht der Ordnung, wodurch diese einem beliebigen Selbstlauf überantwortet wird (Bubner 1996, 168). RATIONALE STRUKTUREN DES POLITISchEN 118 Situation als normativ erkannt wird, dies nicht unbedingt das Wollen beeinflussen. Der Mensch ist in der Lage, gegen alle Einsicht zu rebellieren und einen anderen Weg einzuschlagen (Stemmer 2008, 55f.). Schließlich ist er ebenfalls fähig, sich in einer von ihm als normativ identifizierten Situation trotz eines dementsprechend entwickelten Wollens in seinen handlungen dagegen zu entscheiden. »Auf dem Weg von einem normativen Müssen zum tatsächlichen Vollzug der ›gemussten‹ handlung gibt es drei unleugbare hürden: Man muss die normative Situation als solche erfassen, man muss ein auf die ›gemusste‹ handlung gerichtetes Wollen ausbilden, und man darf sich nicht von einer dazwischenfahrenden Emotion oder einer Willensschwäche davon abhalten lassen, das zu tun, was man zu tun beabsichtigt« (Stemmer 2008, 56). Politische Normativität als Anleitung zur Ordnung ermöglicht das soziale Leben, schreibt es aber nicht fest. Nicht nur der Mensch in seinen individuellen handlungen kann davon abweichen. Auch im kollektiven handeln sind Abweichungen und nicht-intendierte Effekte wahrscheinlich, wie wir es als Ordnung der Struktur schematisiert haben. Die strukturelle Verortung der Normativität des Politischen lässt sich in das entwickelte Schema der Strukturbildung integrieren. Dabei erfolgt die Erfassung der normativen Situation kognitiv und überträgt sich dann in eine Konstitution von Müssen und Wollen. Ergibt sich daraus ein Wollen, so ist dies in den Aktivitäten ersichtlich. Diese Verbindung muss jedoch auf den sie ermöglichenden hintergrund projiziert werden. Die Normativität des Politischen ist nur innerhalb eines spezifischen Umfelds wirksam, das diesen Zusammenhang sinnhaft macht. Mit anderen Worten ist die spezifische Identifikation der normativen Situation kognitiv nur mit einer ›gewussten‹ Ordnung möglich. Als sinnhafte Aktivität ist Normativität Element eines Interpretationsprozesses der Menschen innerhalb ihres kollektiv geteilten Ordnungsrahmens. Das tatsächliche Wollen ist dann Teil der praktischen Aktivitäten. Ansätze, Normen in der Praxis zu etablieren, sind wiederum Projekte kollektiven handelns, die zu sozialen Strukturen emergieren können. Um die Normativität zu vervollständigen, ergibt dies schematisch folgende Erweiterungen: DIE NORMATIVITäT POLITISchER STRUKTUREN 119 Der Übergang von Politischer Ordnung zur Struktur und die Relevanz der Normativität Politische Ordnung Normativität Wissen Sinn Erfassung der normativen Situation Müssen Wollen Aktivitäten Tatsächliches Handeln Praxis Produktion/ Reproduktion Projekte Politische Strukturen Normen So wie unterschiedliche Ordnungsformen im Strukturierungsprozess an verschiedener Stelle relevant werden, wodurch die Politische Ordnung sowohl eine Sache des Wissens als auch der Praxis ist, konstituiert sich die Normativität ebenso als Leistung des Wissens und der Praxis. Diese Verortung unterstreicht erneut die Notwendigkeit des Ansatzes einer realistischen konstruktivistischen Normativität des Politischen. Drei Anmerkungen sind hierbei noch zu machen: Erstens nehmen alle politischen Aktivitäten Bezug auf Ordnung, die ihnen Sinn zuschreibt. Durch das für das Politische exklusive Problem der Ordnung, das immer mit Bedingungen des Müssens und dem Wollen der Ordnung verbunden ist, werden alle politischen Aktivitäten normativ. Zweitens sind nicht alle normativen Aktivitäten auf die Produktion bzw. Reproduktion von Ordnung gerichtet. Die Normativität in den politischen Aktivitäten muss so nicht zwangsläufig zu Projekten und zu sozialen Normen werden. Drittens sind jenseits der konkreten Verbindung von Müssen und Wollen alle sozialen Aktivitäten, die durch sie intendierten Projekte und Normen nicht mehr Teil der ursprünglichen Normativität (deshalb die gestrichelte Linie). Am Zusammenhang von Ordnung und sozialer Struktur ist deutlich geworden, dass sich die Politische Ordnung nicht in der sozialen Wirklichkeit abbilden lässt. Ordnungsintendierte Strukturbildung ist ein sozialer Prozess, von dem nicht ausgegangen werden kann, dass die darin involvierten Akteure ihre persönlichen Ordnungsvorstellungen durchsetzen können. Denn es handelt sich hier weder um die Etablierung eines »Mechanismus« noch um die Genese eines »Organismus« (Voegelin 2012, 71). Die Ordnung einer Gesellschaft ist keine »Blaupause, die RATIONALE STRUKTUREN DES POLITISchEN 120 man nur mit etwas gutem Willen in die Wirklichkeit übertragen muss« (Voegelin 2012, 71). Dementsprechend wird sich auch die Normativität einer Gesellschaft nicht linear oder kausal in den sozialen Aktivitäten und ihren Strukturen ausdrücken lassen. Ab dem Moment, in dem sich die Normativität in konkreten Aktivitäten mitteilt, entfernen sich die empirischen Ergebnisse von der zugrunde gelegten Normativität. Es bildet sich ein Spannungsfeld zwischen der von den Menschen als Wahrheit akzeptierten Ordnung, die Bezüge auf die Weltordnung und die allgemeine Ordnung des Seins nimmt, und existenten sozialen Strukturen als empirischen Entitäten (Voegelin 2012, 73). Daraus lassen sich zwei wesentliche Eigenschaften der Normativität des Politischen ableiten: 1. Die Normativität des Politischen hat immer explorischen charakter. Weil sie kein Plan ist und keine Kongruenz in den empirischen Strukturen hat, muss sie von den Menschen immer erforscht werden. Erfahrene wahre Ordnung als Quelle der Normativität ist somit Gegenstand von Entdeckungen »mit einem höchstmaß an Vorstellungskraft und Experimentieren«, was in der Strukturbildung zu »Versuchen und Fehlschlägen« führt (Voegelin 2012, 71). 2. Die Normativität des Politischen präsentiert eine Spannung zwischen der wahren Ordnung und der empirischen Wirklichkeit, an der sich die Menschen abarbeiten müssen. Es ist ein zweifacher Prozess: die Suche nach dem Wissen um die Ordnung und die »Kristallisation dieses Wissens in artikulierten Regeln«, woraus sich die Differenz von der »Ordnung als Projekt« und »der Ordnung als Realisation« ergibt (Voegelin 2012, 71). Für die Normativität der sozial materialisierten Strukturen ergeben sich aus den beiden Eigenschaften folgende Ansprüche (Voegelin 2012, 73 f.): – Die Regel enthält Aussagen über die wahre Ordnung und damit auch die Spannung zwischen dieser und der empirischen Wirklichkeit. – Die Regel fordert dazu auf, dass die zugrundeliegende Ordnung und die dadurch aktuellen Gründe in der Existenz und der Organisation der sozialen Koexistenz zum Ausdruck kommen. Dies zielt auf die Ebene der konkreten Aktivitäten und handlungen ab. – Eine Regel muss von anderen vernommen werden, d. h. sie muss Teil des Wissens aller an der Ordnung beteiligten Menschen sein. Dazu ist es erforderlich, dass die Regel öffentlich ist. Im Prinzip verweisen die Regeln damit nacheinander auf die Ebene der Aktivitäten, aus der sie eigentlich entspringen, der Ebene ihrer Gründe und das soziale Umfeld, in dem sie wirksam sind. DIE NORMATIVITäT POLITISchER STRUKTUREN 121 3.4 Die Rationalität politischer Strukturen Zum Schluss soll noch auf die Rationalität politischer Strukturen eingegangen werden. Nachdem der Eigensinn und die Eigennormativität des Politischen soweit aufgeklärt wurden, dass sich der Sinn und der Geltungsanspruch von politischen Strukturen klar benennen lassen, gibt die Rationalität Auskunft darüber, inwieweit sie angemessen sind. Ausgangspunkt ist wiederum die Erkenntnis, dass es weder eine ideale Politische Ordnung gibt, noch dass Vorstellungen über die Gültigkeit von Politischer Ordnung kongruente soziale Lösungen determinieren. Der Mensch braucht Ordnung, er bemüht sich, diese herzustellen, aber es gibt keinen natürlichen Masterplan für dieses Projekt. Stattdessen ist der Mensch dazu verpflichtet, durch Überlegungen, Reflexion und konkrete Aktionen zwischen Normativität und Wirklichkeit zu vermitteln. Die Erklärung und die Evaluation dieses Vermittlungsprozesses müssen in der Rationalität gesucht werden. Dabei lassen sich zwei Ebenen differenzieren: Auf der ersten Ebene sind es die Überlegungen, die Suche und das Erkennen der Situation und der Formulierung möglicher Optionen des eigenen Verhaltens bzw. Interaktion (Stemmer 2008, 57). Die zweite Ebene umfasst die »Koordination von Erkennen und tatsächlichem handeln«, wobei Stemmer die erste Ebene als deliberative und die zweite als exekutive Rationalität bezeichnet (Stemmer 2008, 57). »Rationalität führt uns dahin, erstens, zu erkennen, was wir wollen und im Blick auf unser Wollen tun müssen, und zweitens, auch entsprechend zu handeln« (Stemmer 2008, 66). Folgend knüpfen wir an dieser Systematik an und prüfen, inwieweit dies im Kontext der Ordnung mit Inhalt gefüllt werden kann. Ordnung als Gegenstand des Wollens und Müssens wird situativ erkannt und im hinblick auf die Aktivitäten konzeptualisiert. Dazu überlegt der Mensch und reflektiert seine handlungen im Kontext seiner Überlegungen. Nur das Überlegen sowie das Reflektieren generieren Rationalität. Wenn der Mensch überlegt und reflektiert, vollzieht er Rationalität in Bezug auf eine bestimmte normative Situation. Rationalität ist somit keine eigene Quelle der Normativität, sondern durch sie wird Normativität situativ entdeckt (Stemmer 2008, 65). Die Rationalität des Politischen muss das Problem der Ordnung in seiner gesamten Tragweite erkennen (Voegelin 2004, 15). Das Politische darf nicht auf einen bestimmten Bereich verkürzt werden, indem zum Beispiel der personale, soziale oder transzendente Ordnungsbereich selektiert wird. Wenn im Namen der Rationalität hier Grenzen gezogen werden, wenn lediglich die personale Ordnung als Gegenstand des Wollens angesehen wird, dann entsteht Irrationalität. Während die Rationalität des Politischen also die Bedeutung der verschiedenen Ordnungsbereiche in ihrer Einheit (Stichwort Einheitlichkeit RATIONALE STRUKTUREN DES POLITISchEN 122 des Politischen) akzeptiert, führt jeder Versuch, Teile der Ordnung von der Betrachtung auszuschließen oder ihre Existenz zu leugnen, letztlich zu Irrationalität (Voegelin 2004, 15).45 Rationalität soll dem Menschen dabei helfen, sein handeln auf sein Wollen abzustimmen. Im Kontext des Politischen impliziert dies, in den Überlegungen und der Koordination der menschlichen Aktivitäten nicht nur Ordnung zu machen, sondern die unterschiedlichen Bereiche der Ordnung gleichberechtigt zu behandeln. Dabei wird er aber immer auch mit der Schwierigkeit des Erkennens der Ordnung konfrontiert, die eben nicht einfach ›beobachtet‹ werden kann. Ordnung muss entdeckt werden und weil diese hinter einem Schleier der Unsicherheit verborgen ist, wird sie nicht einfach abzubilden sein. Im Wissen um die Ordnung kann es keine Gewissheit geben, nur Erfahrungen und vorläufig stabile Erwartungen. Zudem zeichnet sich die Normativität des Politischen durch die Spannung zwischen der empirischen handlungsweise und der Ordnung aus, was den Prozess des Überlegens und Koordinierens weiter verkompliziert. hinzu kommt die Komplexität des Ordnungsproblems in seiner Simultanität von Status, Modus und Prozess und die Einheit der verschiedenen Ordnungsbereiche. Eine einfache ›Identifikation‹ einer normativen Situation, d. h. der bewussten Verknüpfung von Müssen und Wollen, ist damit ausgeschlossen. Rationalität im Politischen muss deshalb die Vorläufigkeit der Überlegungen und Aktionen, die stetige Suche nach verborgenen Ordnungsmotiven und die Ambivalenz zwischen bestehenden sozialen Strukturen und der für den Menschen wahren Ordnung reflektieren. hierdurch wird das Kriterium der Offenheit für die Rationalität des Politischen, wie sie von Arendt in die Diskussion gebracht wurde, erneut begründet. Daran lässt sich auch die von Waldenfels entwickelte responsive Rationalität anknüpfen, die als offene Regelung nicht selbst dieser Ordnung entspringt (Waldenfels 1987, 47). Eine solche Rationalität entsteht im Antworten, wobei Momente des Wissens, Könnens, Wollens und Sollens angesprochen werden, die zwar kombiniert, aber im Augenblick der Antwort auch immer mehr als die bloße Summe ihrer Teile sind (Waldenfels 1994, 333). Die Logik politischen Denkens liegt nicht in der Genese fester Aussagen, sondern in der Suche nach Antworten, die die Differenzen zwischen dem Gefragten und den Antworten durch Manifestierung von scheinbaren Tatsachen nicht aufzulösen versucht. Es sind demnach zwei wesentliche Merkmale, die die politische Rationalität auszeichnen: ihr Ordnungsbezug und ihre Responsivität. Ordnung-machen ist an Bedingungen geknüpft, wobei es immer mehrere Ordnungsbereiche zu verstehen gilt. Die soziale Wirklichkeit der Ordnung ist niemals endgültig, sondern hat Projektcharakter, der in einer latenten Unstimmigkeit mit der antizipierten wahren Ordnung steht. Es 45 Voegelin spricht hierbei von der Seinsverfassung. DIE NORMATIVITäT POLITISchER STRUKTUREN 123 wird deutlich, dass die deliberative und exekutive Rationalität des Politischen zwischen diesen Leitlinien kaum auf eine einfache Formel gebracht werden kann, die hilft, politische Aktivitäten zu beurteilen. Politische Rationalität hat zwar die Ordnung im Blick, operiert selbst aber nur als Antwort auf das Ordnungsproblem. Dass sie dabei selbst geordnet ist, kann nicht unterstellt werden. Mit anderen Worten sind es keine von sich heraus geordneten Überlegungen, die Ordnung produzieren. Obwohl der hauptgegenstand der politischen Rationalität die Ordnung ist, leitet sich daraus kein klar definierter und eindeutig abgrenzbarer Rationalitätstyp ab. Damit widersprechen wir der naheliegenden Vermutung, wonach Aktivitäten zur Ordnung des Sozialen einer ebenso geordneten Rationalität entspringen. Wird Ordnung gewollt, sollten die dafür notwendigen Überlegungen und Aktivitäten ordentlich sein. Genau mit dieser Prämisse nimmt die Vorstellung der Rationalität der Formalisierung Gestalt an. Sicher ist, der Ausgangspunkt ist die Normativität der Ordnung und die herstellung geordneter gesellschaftlicher Verhältnisse, wie auch immer diese aussehen mögen. Doch kann daraus nicht geschlussfolgert werden, dass die dafür notwendigen Überlegungen und handlungen ebenso geordnet sind. Im Gegensatz zur oben entwickelten Ordnung der Struktur folgen die Gedanken und handlungen des Menschen nicht durchweg einer Ordnung. Im Gegenteil folgt die Rationalität, wie Welsch detailliert herausarbeitet, einer »rationalen Unordnung« (Welsch 1996, 443).46 Es gibt demnach keine Ordnung der Rationalität, die eine komplexe Struktur mit diversen Relationen, Verschiebungen und Gegenwendigkeiten hat, die sich nicht in einem einzigen Nenner zusammenfassen lässt (Welsch 1996, 443). Die Normativität der Ordnung wird durch ein unordentliches Medium (menschliches Denken) zum Gegenstand sozialer Ordnung. Die Unordnung der Rationalität wird durch ihre interrelationale und netzartige Struktur begründet, bei der verschiedene Rationalitätstypen durch Verflechtung mit anderen Typen konstituiert werden (Welsch 1996, 444). Zwei Gründe sind nach Welsch dafür verantwortlich und im Kontext des Politischen von Bedeutung: Erstens definiert das Politische seinen Bezugsbereich eigensinnig, d. h. es hält sich nicht an externe Begrenzungen und gerät in Konflikte mit anderen Paradigmen. Die Eigensinnigkeit pluralisiert nicht nur das politische Ordnungsdenken, sondern stiftet durch die Konkurrenz mit Paradigmen anderer normativer Bereiche eine insgesamt pluralistische Rationalität (Welsch 1996, 445). Zweitens ist das Politische in seiner Eigensinnigkeit nicht autistisch. Die Ordnung des Menschen und seiner Gesellschaft ist eingebettet 46 Welsch entwickelt dies auf die gesamte Rationalität bezogen. Die innovative Wirkung seiner Analyse beziehen wir nur auf Politische Rationalität, die wir als Eigenbereich der Rationalität betrachten. RATIONALE STRUKTUREN DES POLITISchEN 124 in ein immenses Erfahrungsfeld von sozialen Dynamiken, Katastrophen und Ereignissen wie auch von religiösen und psychologischen Innovationen des Denkens. Das Bewusstsein konzentriert diese Erfahrungen und nimmt in vielfältiger Weise darauf Bezug. Für die Rationalität des Politischen ist die Einheit der differenten Erfahrungen und Erfahrungsbereiche wichtig, nicht jedoch die irrationale Selektion auf einen bestimmten Bereich. Die Rationalität des Politischen ist also schon in ihrer Genese durch Verflechtungen mit anderen normativen Bereichen geprägt. Überschneidungen, Verflechtungen und Konkurrenzen innerhalb der politischen Rationalität wie auch zwischen ihr und anderen Rationalitätstypen nötigen den Menschen in seinen Überlegungen und der Koordination von Aktivitäten im hinblick auf die Normativität der Ordnung immer Übergänge zwischen heterogenen zu vollziehen (Welsch 1996, 750). Ebendiese Übergänge zwischen Verschiedenen unternimmt der Mensch in der Suche nach einer Antwort auf die herausforderungen der Ordnung.47 Die Unordnung der politischen Rationalität ist aber nicht mit Irrationalität zu verwechseln. Der Verlust klarer Trennungslinien zwischen den unterschiedlichen Bereichen ist Teil der modernen Rationalität, also dem aktuellen Denken der Menschen (Welsch 1996, 447). Das Wollen der Ordnung muss sich mit anderen normativen Bereichen auseinandersetzen, ist somit nur Teil des menschlichen Denkens, determiniert dieses aber nicht ausschließlich. In den Überlegungen und handlungen werden immer mehrere normative Bereiche behandelt, wobei die Behandlung mit anderen Behandlungsformen konkurriert. Dabei ist es wichtig, die Konkurrenz zwischen den normativen Eigensinnigkeiten und die dadurch gestiftete Unordnung im Blick zu behalten, wobei es unsinnig wird, nach einer alles umfassenden letzten Ordnung in der Rationalität Ausschau zu halten, da eine solche Ordnung wohl nicht mehr real ist (Welsch 1996, 626). Für die sozialen Strukturen, die Ergebnis dieser Rationalität sind, hat dies wichtige Folgen: Die politischen Strukturen sind Ergebnis der Suche nach Ordnung. Sie projizieren das Bedürfnis nach Ordnung in ihrer gesamten Tragweite in konkrete soziale Regelungen, die Ordnung herstellen. Diese Resultate sind nicht determiniert, sondern offen, wie der Prozess kollektiven handelns, der zu ihnen geführt hat. Der Prozess des ›Ordnung-machens‹ ist jedoch selbst unordentlich. Das Design politischer Strukturen folgt keiner einheitlichen Logik. Die Rationalität politischer Strukturen ist die unordentliche Projektion von Ordnung. 47 Welsch entwickelt deshalb den Ansatz einer transversalen Vernunft, die »Übergänge zwischen Übergangslosem, Übergänge zwischen heterogenem vollzieht – so aber, dass diese Übergänge die heterogenität nicht tilgen, sondern allererst in der rechten Weise zur Darstellung bringen« (Welsch 1996, 752). Diese Vernunft produziert aber keine neue Synthese. 125 TEIL III Die praktische Expression des Politischen Ausgehend von der bereits ins Feld geführten Feststellung, dass das Politische als Ordnungsunternehmen notwendigerweise zu sozialen Strukturen führt, die ihrerseits Projekte sind, mit denen Menschen ihr Zusammenleben organisieren, steht die realistische Politische Theorie nun vor der Aufgabe, ihren empirischen Fokus so zu justieren, dass die politischen Strukturen adäquat untersucht werden können. Offenbar drückt sich das Politische in der sozialen Praxis aus, doch wie kann es dort beobachtet, analysiert und theoretisiert werden? Nachdem im vorigen Teil das politische Strukturkonzept der Ordnung systematisiert und der Zusammenhang zwischen ihm und der Dimension sozialer Regeln begründet wurde, beschäftigt sich dieser Teil eingehend mit der Binnenlogik sozialer Strukturen. Zwar wurde die Vorrangigkeit politischen Ordnungsdenkens begründet, dennoch ist es im exklusiven Theorierahmen des Politischen unmöglich, die Dynamik politischer Regeln innerhalb sozialer Strukturierungen zu erfassen. Spätestens an dieser Stelle ist für das Verständnis der praktischen Expression die Politische Theorie auf sozialtheoretische Erkenntnisse angewiesen. Drei Schritte werden zur Aufklärung der sozialen Expression unternommen: Erstens wird systematisiert, welche Voraussetzungen die empirisch-soziale Konzeption des Politischen durch die oben entfaltete Theorie bekommt. Zweitens wird auf dieser Grundlage in die praxeologische Sozialtheorie eingeführt, die den Anforderungen entspricht. Drittens wird ein sozialtheoretisch informiertes praxeologisches Konzept politischer Strukturen entwickelt, das die empirische Analyse des nächsten Teils fundiert. 1. Die soziale Wirklichkeit Politischer Ordnung Wird Politische Ordnung tatsächlich relevant, so sollten sich ihre Spuren in den sozialen Strukturen finden lassen. Um diese Spurensuche konzeptuell einzurahmen, muss die Politische Theorie auf das Feld der Sozialtheorien schauen (vgl. Joas/Knöbl 2004), denn es existiert kein adäquates Angebot an rein politischen Strukturbegriffen bzw. an Erklärungen von sozialen Strukturen.1 Folglich wäre es ignorant, einen 1 Sozialtheorie firmiert hier allgemein als Bezeichnung der Theorien, die das Soziale im weitesten Sinne behandeln. Dies schließt soziologische und Gesellschaftstheorien DIE PRAKTISchE ExPRESSION DES POLITISchEN 126 sozialtheoretischen Status der Politischen Theorie zu behaupten und die Arbeiten der Soziologie zu vernachlässigen. Konkret braucht die Politische Theorie die Sozialtheorie, um ihre normativen Fragestellungen empirisch umzusetzen (vgl. Brodocz 2007, 172). Die Theoriebildung in der Sozialtheorie ist ihrerseits so weit vorangeschritten, dass sie in ihrer Systematik und ihrem Anspruch von der Politischen Theorie nicht ersetzt werden könnte. hier zeigt sich der Mangel vergleichbarer exklusiv politischer Kategorisierungs-, Begriffs- und Erklärungsangebote für das Soziale. Zwar kann die Politische Theorie den Ursprung bzw. den Ausgang der Bildung von sozialen Koexistenzen erklären, nämlich die menschliche Suche nach Ordnung, aber sie ist mit ihrem konzeptuellen Apparat nicht in der Lage, die pluralistischen Ergebnisse dieser Suche im Einzelnen analytisch nachzuzeichnen. Ihr fehlen dafür die Begriffe, weil sie sich aus der Beobachtung des Ganzen zurückgezogen hat. Die Dominanz eines häufig rein funktional gedachten Politikbegriffs grenzt und spezialisiert die politikwissenschaftliche Beobachtung erheblich ein, wobei diese Spezialisierung Vor- und Nachteile hat. Zwar ist die Beobachtung und Beschreibung spezifischer politischer Probleme und die anschließende Analyse und Kritik genuin politischer Logiken weit fortgeschritten, doch müssen in diesen Untersuchungen selbstverständlich immer Bezüge auf soziologische (und ökonomische) Kategorien genommen werden, um sinnvolle Klassifizierungen vornehmen zu können. Für die Deskription der sozialen Expression des Politischen ist dies unabdingbar. Doch wird somit auch die Trennung von Sozial- und Politischer Theorie akzeptiert, was in Anbetracht der Kontingenz dieser Trennung nicht unproblematisch ist. Die unpolitische und in diesem Sinne primär nicht-normative Sozialtheorie hat sich erst aus einer Krise des Politischen entwickelt (Wagner 2008, 241 f.). Angesichts der erfahrenen problematischen Kontingenz menschlichen handelns erfolgte die Genese der Sozialtheorie als Reaktion auf die Befreiung des Menschen und seiner Praxis, die wiederum politische Ziele des Liberalismus waren. »Theories of the social are proposed to make intelligible the possibilities and probabilities of actions and their consequences in the space of the political that was widely opened at the moment at which it was exclusively the free will of its members that should determine the polity« (Wagner 2008, 243). Wenn bewusst auf die Sozialtheorie zurückgegriffen wird, muss bekannt sein, dass die Idee des Sozialen als eine Kategorie, die zwischen dem Individuum und dem Politischen steht, primär ein Instrument zur Reduktion von Kontingenz ist, die der Beobachter produktiv zur Beschreibung und Analyse der sozialen Wirklichkeit nutzen kann. Produktiv meint in diesem Zusammenhang, dass Erkenntnisse der Sozialtheorie zur Klärung ein (vgl. Joas/Knöbl 2004, 9 ff.). Für eine konzeptuelle Auseinandersetzung mit dem Gesellschaftsbegriff in der Sozialtheorie vgl. Marchart 2013. DIE SOZIALE WIRKLIchKEIT POLITISchER ORDNUNG 127 der politischen Frage nach Ordnung herangezogen werden. Zur Umsetzung dieses Ansinnens wird zuerst auf die Problematik der Ordnung innerhalb der Sozialtheorien eingegangen. Im Anschluss verdeutlichen wir, welche sozialtheoretischen Konsequenzen sich aus der Ordnungskonzeption des Politischen ergeben, die in eine spezifische Theorieperspektive der sozialen Wirklichkeit mündet. 1.1 Ordnung in der Sozialtheorie Der Ordnungsbegriff ist nichts exklusiv politisches, auch wenn die Genese von sozialer Ordnung, so haben wir es im vorangehenden Teil begründet, politisch ist. Tatsächlich exponiert die Sozialtheorie das Ordnungsproblem in ihren Operationen weiter, jedoch versucht sie es unpolitisch, eben sozial, zu systematisieren.2 In ihrer Vielfalt ersetzt die Sozialtheorie daher nicht die Politische Philosophie, sondern »flankiert« sie, indem das Ordnungsproblem gesellschaftlich kontextualisiert wird (Ahrens et al. 2011, 11). Dabei dreht sich ihre Theoriebildung nicht ausschließlich um die Ordnung. Sie kann ebenso auf die Analyse und Erklärung von Krisen bzw. die Legitimation von Interventionen ausgerichtet sein (Ahrens et al. 2011, 13), wobei neben der Ordnung auch die Frage nach dem handeln und den Gründen für den sozialen Wandel für die Sozialtheorie bestimmend ist (Joas/Knöbl 2004, 37). Trotz dieser Breite in der Theoriebildung gilt die Ordnung durchaus als »Kernfrage der soziologischen Theorie«, wobei auch hier verschiedene Aspekte wie – die Beschränkungen des sozialen Lebens, – die Reziprozität im sozialen Leben, – die Vorhersagbarkeit des sozialen Lebens, – die Konsistenz und – die Dauer von sozialen Regelungen eine Rolle spielen (cohen 1972, 26 f.). cohen unterscheidet weiterhin vier verschiedene haupttypen von Theorien zur Erklärung der Ordnung, die den Zwang, die Interessen, die Werte oder die Trägheit in den Mittelpunkt stellen (cohen 1972, 29). In einem kurzen Vergleich der unterschiedlichen Theorien kommt cohen zu dem Schluss, dass erstens keine der Theorien den Ursprung der sozialen Ordnung klären kann sowie zweitens, dass sie alle einen Beitrag zum Bestehen sozialer Ordnung liefern, ohne die Dynamiken des sozialen Wandels für die Gesellschaften selbst abschätzen zu können (cohen 1972, 39). Während für die Lösung des zweiten Problems nach 2 Eine wichtige Referenz ist das Werk von Parsons, das einen Fixpunkt der Entstehung und Fortentwicklung der Sozialtheorie darstellt (vgl. Giddens 1976, 706; Mouzelis 1993, 676). DIE PRAKTISchE ExPRESSION DES POLITISchEN 128 cohen holistische Ansätze wie der Funktionalismus – die Arbeit cohens erscheint in der historischen hochzeit des Funktionalismus – in Frage kommen, resümiert er im Kontext des ersten Problems, dass soziologische Konzepte den Ursprung wohl nicht erklären können (cohen 1972, 39; vgl. Marchart 2013, 427). Auch in der gegenwärtigen Theoriebildung des Sozialen ist Ordnung das wesentliche Kriterium der Orientierung. Zumeist wird versucht, die von cohen identifizierten unterschiedlichen Erklärungsansätze in der Theorie simultan zu vereinen. Dabei spielt die Möglichkeit des Wandels von Ordnung eine herausragende Rolle, wie er in der Geschichte der Moderne immer wieder zum Problem der menschlichen Gemeinschaften wurde. Eine Intention moderner Sozialtheorien war und ist es, diesen Wandel zu reflektieren und vor allem zu kontrollieren (Wagner 1995, 254). Das Soziale muss kontrollierbar gehalten werden, wozu die Theorie des Sozialen ihren Beitrag leistet, indem sie die Struktur, die Genese der Struktur und die spezifische Logik des Sozialen insoweit plausibilisiert, als der Mensch sich sicher sein kann, sie regulieren zu können. Dieses Grundmotiv teilen die meisten der aktuellen Sozialtheorien und dahinter steckt nichts weiter als die fortgesetzte Suche nach Ordnung. Zwei unterschiedliche herangehensweisen lassen sich im neueren sozialwissenschaftlichen Diskurs unterscheiden: Eine Reihe neuerer Sozialtheorien bemühen sich primär um die Erklärung von Ordnung als operativem Projekt und grenzen sich damit von Theorien ab, die von der Stabilität und Kontinuität der Ordnung ausgehen. Beide Richtungen hat Nassehi als differierende Diskursstränge des Sozialen analysiert und hinsichtlich ihrer Motive interpretiert (Nassehi 2006, 359 ff.). Der Diskursstrang, der von der Stabilität und Kontinuität des Sozialen ausgeht, nimmt die Perspektive seines Gegenstandes ein, »um von seiner Plausibilität zu zehren – und stößt bei entsprechend diskontinuierlichen Ergebnissen auf Pathologien oder Dysfunktionen« (Nassehi 2006, 360). Ordnung existiert hier exklusiv als Zustand stabiler Orientierungen bzw. fester Verhaltensrahmungen. Im Unterschied dazu nimmt der zweite Diskursstrang die Gegebenheit des Gegenstandes nicht hin. Was von dem ersten Diskursstrang als selbstverständlich angenommen wird, erhebt der zweite zum Problem für die wissenschaftliche Auseinandersetzung. Wo ersterer Ordnung nur als Status und Modus wahrnimmt, interessieren sich die Theorien des zweiten für die »praktische, ereignisbasierte herstellung und den Vollzug von Ordnung« (Nassehi 2006, 369). Eine ähnliche Systematik unterschiedlicher Zugänge zur Ordnung in der Sozialtheorie entwickelt Schatzki, der drei divergente, grundlegende Verständnisse von Ordnung im Kontext sozialer Angelegenheiten differenziert. Diese führen zu drei unterschiedlichen Gruppen von Sozialtheorien: Eine Grundannahme der ersten Gruppe ist die Regelmäßigkeit, wobei sich Ordnung im Sozialen dann durch die Wiederholung des DIE SOZIALE WIRKLIchKEIT POLITISchER ORDNUNG 129 Gleichen ausdrückt (Schatzki 2002, 7). Die zweite Gruppe sieht Ordnung primär durch Stabilität gekennzeichnet. Soziale Koexistenzen sind dann geordnet, wenn sie dank ihrer Strukturen harmonisch funktionieren, Gleichgewichte produzieren und einem nur langsamen Wandel unterliegen (Schatzki 2002, 9). Dieses vor allem durch den Funktionalismus vertretene Ordnungskonzept sucht der Kontrolle des Wandels von Gesellschaften durch die Vorstellung beizukommen, dass in der Struktur sich voneinander abgrenzender sozialer Bereiche eine intentionale Logik liege. Die dritte Gruppe sieht Ordnung durch die Interdependenz von sozialen Dingen begründet, die wiederum aus Bindungen, Reziprozität und Koordination bestehen können (Schatzki 2002, 9). Schatzki sieht den großen Unterschied zu den beiden anderen Gruppen darin, dass Interdependenz keine Regelmäßigkeiten oder harmonische Funktion unterstellt. Zusammenfassend lassen sich aus der Deskription der vorhandenen Ordnungsvorstellungen in der Sozialtheorie folgende Schlüsse ziehen: Erstens nimmt die Sozialtheorie das Problem der Ordnung auf und versucht, es in rein sozialen Kategorien zu bearbeiten. Zweitens wird von einem Teil der Theorien die Existenz der Ordnung in der Gesellschaft in ihrer Genese nicht weiter hinterfragt, während ein anderer Strang sich explizit mit der voraussetzungsreichen Genese sozialer Ordnung beschäftigt. Mit anderen Worten wird Ordnung nicht von allen Theorien in gleicher Weise simultan als Status, Modus und Prozess problematisiert. Die dritte Schlussfolgerung bezieht sich auf die Definitionen von Ordnung. Regelmäßigkeit, Stabilität und Interdependenz sind jeweils mit spezifischen Annahmen verbunden, die sich in bestimmten Vorstellungen von Strukturen ausdrücken. Letztlich sind diese Definitionen gezwungenermaßen von der jeweiligen Definition des Sozialen selbst abhängig. Dies ist jedoch eine schwierige Beziehung, denn die zugrunde gelegte Vorstellung des Sozialen beeinflusst die Wahl der Ordnungsdefinition. Andererseits schränkt die implizite Annahme darüber, wie Ordnung zu verstehen ist, die gewählte Perspektive auf das Soziale ein. 1.2 Drei Facetten sozialer Strukturen Nehmen wir erneut den Bezug zu unseren Erkenntnissen aus dem vorigen Abschnitt auf. Politische Strukturen sind die sozialisierten Außenseiten der Politischen Ordnung und stellen das Ergebnis sozialer Bemühungen der Menschen dar, ihre Ordnungsvorstellungen in der Praxis zu gestalten. Deren Komplexität schließt einfache Verknüpfungen zwischen Ordnung und Struktur aus. Politische Ordnung selektiert zwar Möglichkeiten im Kontext der möglichen Ordnungsäußerungen und integriert somit eine kognitive und eine praktische Dimension, doch folgen die Prozesse zur Sozialisierung der Ordnung einer Eigenlogik, wie DIE PRAKTISchE ExPRESSION DES POLITISchEN 130 sie nur durch die Sozialtheorie genau problematisiert wird. Doch wie kann der Übergang von der Politischen Theorie und ihrer spezifischen Adaption des menschlichen Ordnungsproblems zu einer sozialtheoretischen Rahmung möglicher, diese Ordnung im Sozialen ausdrückender Strukturen systematisch rekonstruiert werden? Die ›sozialtheoretische‹ Ausformulierung des Politischen muss hierfür wiederum mit dem Ordnungsproblem beginnen, dieses aber in soziale Kategorien ›übersetzen‹. Wie das gelingen kann, wurde im Ansatz durch den beschriebenen Zusammenhang von Politischer Ordnung und politischen Regeln verdeutlicht. Doch bedarf es hier einer weiteren Sensibilisierung gegen- über voreiligen Kausalitätsannahmen. Innerhalb ordnungstheoretischer Reflexionen des Politischen sind solche Kausalitäten natürlich möglich. Die Beziehung zwischen Ordnung als Status, Modus und Prozess kann also analytisch rekonstruiert werden. Exemplarisch dafür sind die Analysen von Voegelin, der scharf Ereignisse, Ursachen und Folgen menschlicher Ordnungsversuche differenziert und miteinander in Beziehung gesetzt hat. Auf der Ebene spezifisch verdichteter theoretischer Symbole funktioniert das noch. Wendet man sich jedoch der eigendynamischen Ebene sozialer Strukturbildung zu, die mit der Politischen Theorie verbunden werden soll, dann sind einfache Kausalitäten zwischen Status, Modus und Prozess unrealistisch. Mit anderen Worten ist es wenig wahrscheinlich, dass im Zuge sozialer Prozesse exklusiv sinnhafte Ordnungsvorstellungen die Ordnungsmodi der Aktivitäten determinieren, wie es mentalistische Ansätze suggerieren (vgl. Schmidt 2012, 28 ff.). Eine solche Perzeption würde mechanistische Ideen in der Sozialwissenschaft neu befruchten, denn es wäre dann möglich, kausale Relationen zwischen konkreten Ordnungsvorstellungen und der Ausbildung bestimmter Regelungen zu identifizieren. Gegen die Möglichkeit solcher Annahmen in den Sozialwissenschaften hat schon Voegelin (Voegelin 2004, 31; Voegelin 2012, 110) argumentiert und auch in der neueren Diskussion ist dies umstritten (Reiss 2007).3 Unabhängig davon, ob Sozialtheorien diese Annahme stringent begründen können, liegt das Problem unserer Diskussion darin, dass aus der Perspektive der Politischen Theorie hierfür keine Beweise erbracht werden können. Somit muss zu Beginn zunächst die Art der Verbindung zwischen den Ordnungsformen vernachlässigt werden. Stattdessen stehen wir vor der herausforderung, alle drei Ordnungsformen in soziale Kategorien zu übertragen, d. h. mittels der Sozialtheorie darüber nachzudenken, wie die beschriebenen politischen Strukturen praktisch wirksam werden. Dabei dürfen keine voreiligen hierarchisierungen bzw. Determinationen vorgenommen und der Zusammenhang aller drei Ordnungsformen und der daraus folgenden sozialen Kategorien nicht verwischt werden. Ordnung ist als Status, Modus und 3 Für eine positive Position zur Wirksamkeit von Mechanismen vgl. Steel 2004. DIE SOZIALE WIRKLIchKEIT POLITISchER ORDNUNG 131 Prozess relevant und es kann davon ausgegangen werden, dass diese Formen im Sozialen ineinandergreifen. Für die Umsetzung dieser herausforderung greift die theoretische Klärung auf die Methode der Theorie-Triangulation zurück. Die Triangulation als Verfahren wird in der Sozialforschung insbesondere in methodologischer Sicht diskutiert (Kalthoff 2010; Flick 2011). Der Kern der Triangulation besteht aus der Forderung, den Forschungsgegenstand von mindestens zwei Punkten zu betrachten bzw. zu konstruieren, da mit der Einnahme unterschiedlicher Perspektiven auf einen Gegenstand dieser besser beobachtet werden kann (Flick 2011, 11 f.). Dieses Vorgehen lässt sich aber nicht nur auf die Kombination sozialwissenschaftlicher Methoden anwenden, sondern ist ebenso für die Theorieperspektive von Vorteil und wurde von Denzin als Form der Theorien-Triangulation entwickelt (Denzin 1970, 303).4 Für die hier zu beantwortende Frage nach der passenden Sozialtheorie zur Erforschung politischer Strukturen muss die Triangulation noch allgemeiner gefasst werden. Demnach geht es nicht primär um eine Kombination von Theorien oder Erklärungen, sondern um die Konstruktion des Gegenstandes im »Lichte unterschiedlicher theoretischer Ansätze« überhaupt (Kalthoff 2010, 355). Es kann im Sinne Wieners von einer theoretischen Triangulation gesprochen werden, die diverse heuristiken zur Bestimmung eines Gegenstandes zusammenführt (Wiener 2010, 338). Die theoretische Triangulation zur Erfassung der Expression des Politischen in den sozialen Strukturen integriert die drei Formen der Ordnung, die zugleich die notwendigen Perspektiven für die Sozialtheorie vorgeben. Demzufolge hat die soziale Expression des Politischen diese drei Bereiche einzubeziehen, um Erscheinungen von Ordnung beobachten zu können. Der Status von Ordnung ist ein kognitives Problem und erfordert die Beobachtung von Sinn und zwar nicht spekulativ, sondern als beobachtbare Kategorie in sozialen Koexistenzen. Ordnung als Modus zeigt sich in geordnetem Verhalten von Menschen, das in seiner räumlichen und zeitlichen Gleichförmigkeit beobachtet werden kann. Ist die Ordnung ein Resultat von Prozessen, dann kann dies durch die Beschreibung und Analyse von kollektiven Interaktionen und handlungen beobachtet werden. Die drei sozialen Erscheinungsformen von Ordnung im Sozialen machen somit eine dreifache sozialtheoretische Perspektive notwendig: 4 Jedoch fokussiert sich Denzin auf die Kombination verschiedener theoretischer Erklärungen. DIE PRAKTISchE ExPRESSION DES POLITISchEN 132 Formen Politischer Ordnung und Facetten sozialer Ordnung Sinn Status Politisch Modus Prozess Sozial Aktivitäten Soziale Aktivitäten Mittels der Triangulation wird der Zusammenhang von politischen Ordnungsformen und der sozialen Erscheinung von Politischer Ordnung systematisiert. Soziale Strukturen drücken Politische Ordnung in dreifacher Weise aus: im sozial relevanten Sinn, in den Aktivitäten des Einzelnen und in den sozialen, d. h. kollektiven Aktivitäten. Es sind gleichrangige Facetten sozial manifestierter Ordnung. Wie auch immer soziale Strukturen als Regelungen konzeptualisiert werden, wichtig ist, dass sie gleichermaßen eine sinnhafte Dimension, eine Dimension der Aktivitäten und eine Dimension der kollektiven Aktivitäten integrieren muss. Soziale Strukturen sind Arrangements, die verdeutlichen, was Ordnung konkret sein soll, welche sozialen Aktivitäten ordentlich sind. Sie selbst sind keine Resultate kollektiven Bemühens in einer sozialen Koexistenz, Ordnung zu machen. Damit wird klar, dass der Ordnungsansatz und seine dreifache Struktur schon von Beginn an den Rückgriff auf einfache Konzepte sozialer Strukturen ausschließt. 1.3 Die operative Logik sozialer Strukturen Wir kennen die relevanten Facetten sozialer Strukturen, die bei der Manifestierung Politischer Ordnung eine Rolle spielen, und wir wissen, dass auch das Soziale und seine Struktur letztlich das Problem menschlicher Ordnung lösen. Der zweite Punkt wurde zum einen mit dem hinweis auf die Vorgängigkeit des Politischen gegenüber dem Sozialen und zum anderen durch die fortgesetzte Bedeutung von Ordnung in der Sozialtheorie DIE SOZIALE WIRKLIchKEIT POLITISchER ORDNUNG 133 bewiesen. Entsprechend gilt es nun, darzulegen, wie innerhalb des Sozialen sich Strukturen ausbilden, die jenes Ordnungsziel materialisieren. Nicht alle sozialen Phänomene drücken Ordnung aus oder sind auf das Ziel einer geordneten Sozialität gerichtet. Das Soziale ist somit ein Kontext, in dem sich soziale Strukturen ausbilden. Grundlegend für die Strukturierung ist immer noch die in einem allgemeinen Sinne verstandene Ordnung als »ein geregelter (d. h. nicht-beliebiger) Zusammenhang von diesem und jenem« (Waldenfels 1987, 17). Davon ausgehend evozieren soziale Strukturen folglich Regeln, die einen Zusammenhang im Kontext von Sinn, Aktivitäten und kollektiven handlungen aktualisieren. Die Regelungen sind somit Teil dieser drei sozialen Bereiche, wobei sie verschiedene Menschen so zueinander in Beziehung setzen, dass sie temporär sozial interagieren und dadurch eine Gruppe bzw. eine soziale Einheit bilden. In allen Gruppen oder Einheiten präsentieren die dafür nötigen sozialen Strukturen allgemein die Politische Ordnung, unabhängig von der jeweils spezifischen inhaltlichen Ausrichtung dieser Ordnung und der durch das Politische miteinander verbundenen Ordnungsebenen. Ordnung wie Struktur schaffen Beziehungen von Dingen, die das Zusammenleben von Menschen betreffen. Insofern auf der Ebene der theoretischen Konzeptualisierung von Ordnung dieser Zusammenhang als Gleichzeitigkeit von Status, Modus und Prozess verstanden wird, und angesichts dessen, dass Politische Ordnung einen raumzeitlichen Ordnungstyp sowie einen kontingenten Ordnungsstil integriert, erklärt sich daraus der dynamische charakter der sozialen Strukturen des Politischen. Die Ordnung muss immer unmittelbar aktualisiert werden, um wirksam werden zu können. Der von den sozialen Strukturen manifestierte Zusammenhang ist dementsprechend eine stetige Operation und das nicht nur, weil Ordnung strukturell durch die Simultanität von Status, Modus und Prozess geprägt ist, sondern auch, weil die menschliche Ordnung selbst, wie oben im Anschluss an Voegelin dargelegt wurde, ein fortwährender Prozess des Suchens nach der Ordnung ist. Mit anderen Worten muss die Suche nach Ordnung im Kontext eines temporären Ordnungsgefüges als stetiger Prozess des Ordnens verstanden werden, weshalb es sich um eine Prozessontologie handelt (vgl. Schönrich 2004, 93). Übertragen auf die Organisation der sozialen Praxis heißt dies, dass die dafür notwendigen Strukturen immer erst hergestellt werden müssen. Der durch soziale Strukturen geleistete relevante Zusammenhang von Dingen des menschlichen Lebens ist immer das Ergebnis konkreter Aktivitäten, die operative Regelungen erstellen. Dort, wo im Gegensatz dazu von der Statik sozialer Einheiten ausgegangen wird, verlieren die Politische Ordnung und ihre Begründung an Bedeutung (Brodocz 2007, 172). Doch wie kann eine solche operative Logik in die konkrete Vorstellung sozialer Strukturen überführt werden? hier knüpfen wir an Schatzki an, der ebenfalls den allgemeinen Ordnungsbegriff von DIE PRAKTISchE ExPRESSION DES POLITISchEN 134 Waldenfels ernst nimmt und soziale Ordnung als Kontext von Dingen gleichbedeutend mit der Existenz eines Nexus versteht. Dieser Nexus kann als Arrangement bezeichnet werden, in dem diverse Dinge miteinander verknüpft und zueinander positioniert werden (Schatzki 2002, 18 f.). Durch diese Relationierung von Dingen werden deren Positionierungen möglich und es können sich Bedeutungen herausbilden, wobei Relation, Position und Bedeutung im Ganzen miteinander verbunden sind und sich nicht hierarchisch als Eigenschaften gegeneinander abwägen lassen (Schatzki 2002, 19). »Social orders are thus the arrangements of people, artifacts, organisms, and things through and amid which social life transpires, in which these entities relate, occupy positions, and possess meanings« (Schatzki 2002, 22). Die Konsequenzen dieser Annahmen für das Verständnis sozialer Strukturen sind gewichtig, denn es relativiert alle anderen Ordnungsvorstellungen, die mit Stabilität, Regelmäßigkeiten oder Interdependenzen verbunden sind. Versteht man soziale Strukturen als Arrangements, werden mit diesem weiten Konzept alle anderen restriktiveren Ordnungskonzepte absorbiert, da Stabilität, Regelmäßigkeiten und Interdependenzen nur noch mögliche Formen von Arrangements sein können, wie Schatzki feststellt. »A given arrangement can be regular or irregular, stable or unstable, and these in different regards and to different levels« (Schatzki 2002, 24). Wenn folglich von sozialer Ordnung gesprochen wird, dann heißt dies ›lediglich‹, dass durch Regeln ein kontingentes Arrangement fixiert wird, wobei die Regelungen sowohl Teile des Wissens (Sinn) als auch der sozialen Praxis, respektive der Aktivitäten und kollektiven Aktivitäten, sind. Soziale Strukturen fixieren ein bestimmtes Arrangement, einen Nexus, durch den die Dinge menschlichen Zusammenlebens relationiert, d. h. sinnhaft und praktisch organisiert werden. Als Ergebnis der Relationierung gewinnen alle involvierten Größen eine soziale Position, bekommen Bedeutung und Identität, wobei – die Position anzeigt, wie die Dinge in den Nexus passen, abhängig von den Ereignissen und den Aktivitäten, die das Arrangement umgeben, – die Bedeutung darauf rekurriert, was etwas im Nexus ist und – die Identität veranschaulicht, wer etwas ist (Schatzki 2002, 19). Diese Relationierungen sind selbst relational, denn sie hängen von den unterschiedlichen Möglichkeiten der Menschen hinsichtlich der Verfügung und Aktivierung von Ressourcen sowie von der jeweiligen Verbundenheit mit kulturellen Sichtweisen ab (May 2000, 159). Somit wird deutlich, dass diese für die Fixierung von Ordnung bestimmenden Qualitäten keine festen Größen sind. Die operative Logik Politischer Ordnung findet ihre Entsprechung in der immer nur zeitlich relevanten Etablierung von sozialen Verhältnissen. Es handelt sich um eine immer nur unmittelbare Fixierung der Lage, die bloß relational ist. Bezogen auf die DIE SOZIALE WIRKLIchKEIT POLITISchER ORDNUNG 135 drei identifizierten Facetten sozialer Strukturen kann zusammengefasst werden, dass soziale Strukturen aus Arrangements bestehen, die Träger von Sinn, Gegenstand von kollektiven Aktivitäten oder das Ergebnis von kollektiven Aktivitäten sind. Die durch Regeln zeitlich reproduzierbaren Arrangements organisieren ein für die in der Ordnung involvierten Menschen relevantes Beziehungssystem menschlichen Zusammenlebens. Ein solch organisierter und regulierter Zusammenhang drückt sich in allen drei Facetten sozialer Strukturen aus, wobei alle Facetten simultan durch die operative Logik der Konstitution sozialer Beziehungen integriert werden. hierin zeigt sich die Stärke des Strukturansatzes, wie er von Schatzki präferiert wird. Soziale Strukturen sind nur fließende Fixierungen von Ordnung. Als Ergebnisse eines operativen Arrangements produzieren sie eine Ordnung, die ausschließlich im stetigen Vollzug von Zusammenhängen existent wird. Eine so verstandene Politische Ordnung des Sozialen ist hinreichend flexibel und weit, um alle denkbaren Ordnungen abzubilden. Dies trifft zudem auf Situationen zu, in denen scheinbare Unordnung besteht, nur weil instabile, irreguläre oder auch informale Regelungen dominieren. Wenn aber Menschen einen Zusammenhang bilden – auch wenn sich dieser weit von dem entfernt, was andere als Ordnung akzeptieren –, so stellt dieser eine spezifische Ordnung dar, die genau analysiert und aufgeklärt werden muss statt sie mit selektiven Ordnungsperzeptionen von vornherein dem Reich der Unordnung zu überantworten. Mit anderen Worten sind spezifische Ordnungskonzepte wie Regelmäßigkeiten, Stabilität oder Interdependenzen nur mögliche Dimensionen menschlicher, also Politischer Ordnung.5 Eigenschaften dieser fixierten Ordnung sind selbst nicht fixierbar, da sich jedes Mal, wenn ein bestimmtes Set von sozialen Relationen arrangiert wird, dieses nur in diesem Augenblick aktiviert ist. Selbst wenn die Beteiligten davon ausgehen, dass ihre sozialen Beziehungen stabil sind und kaum verändert werden, handelt es sich im Moment des Vollzugs dieser Beziehungen um einen neuen Vorgang. Das weist nicht auf einen gänzlich ahistorischen charakter von Ordnung und sozialen Strukturen hin. Zwar muss sich jede Beziehung immer neu vollziehen, jedes Arrangement immer aktualisieren, dennoch greift es dabei auf vorangegangene Vollzüge bzw. Aktualisierungen zurück. Der Prozess des Ordnens hat somit immer schon begonnen, weshalb jedem Erfinden oder Neugestalten ein Wiederfinden bzw. Umgestalten innewohnt (Waldenfels 1987, 159). 5 Schatzki dazu: »The notion of arrangements also absorbs the more restricted notions of order as regularity/pattern, stability, and interdependence. These three notions actually mark dimensions of order, that is, possible characteristics of arrangements. A given arrangement can be regular or irregular, stable or unstable, and these in different regards and to different degrees« (Schatzki 2002, 24). DIE PRAKTISchE ExPRESSION DES POLITISchEN 136 Bevor im nächsten Abschnitt die Überlegungen zur sozialen Wirklichkeit Politischer Ordnung mit der Beschreibung ihrer sozialen Produktion abgeschlossen werden, sollen einige Punkte der operativen Logik des Sozialen eingehender benannt werden. Soziale Strukturen bestehen aus Arrangements, also prozessualen Verknüpfungen relevanter sozialer Größen (Menschen, Artefakte etc.), durch die alle involvierten Grö- ßen bestimmte Qualitäten gewinnen (Bedeutung, Identität etc.). Die prozessualen Verknüpfungen verbinden nicht ausschließlich nur Menschen, sondern alle für das menschliche Zusammenleben relevanten Dinge (Schatzki 2002, 41). Dass dies auch materielle Dinge einschließt, ist nicht ungewöhnlich, wenn klar herausgestellt wird, dass ausschließlich das Arrangement als Konglomerat menschlicher Aktivitäten soziale Strukturierungen ermöglicht und wenn Menschen dazu auf Artefakte zurückgreifen, dann sind auch materielle Objekte Teil des Arrangements. Das Arrangement selbst besteht aus vier sozialen Beziehungen (Schatzki 2002, 41 ff.): 1. Kausale Beziehungen: hierbei werden zwei Möglichkeiten relevant; entweder ermöglicht eine Aktion von einem Teil des Arrangements etwas oder eine Aktion oder Bedingung eines Bestandteils des Arrangements führt zu einer anderen Aktion (Schatzki 2002, 41).6 2. Räumliche Beziehungen: Damit werden physische Dinge in Beziehung gesetzt und räumlich angeordnet. Daneben werden auch nicht-physische Dinge räumlich platziert, wie etwa Aktivitäten, die einen Aktionsraum bekommen (Schatzki 2002, 43). Schatzki differenziert zudem »activity-place space« als eine Matrix von Räumen und Bahnen, in denen Aktivitäten performt werden (Schatzki 2002, 43). 3. Intentionale Beziehungen: hier werden zwei oder mehrere Dinge durch den Nexus so verbunden, dass sich Gedanken, Glaubensannahmen, Intentionen oder Emotionen zwischen ihnen ausbilden können (Schatzki 2002, 44). 4. Prä-Figurationen: In sozialen Beziehungen können künftige Aktionen durch Ermöglichungen oder Einschränkungen gelenkt werden, wobei es nicht um einfache handlungen oder Struktur-handlungs-Beziehungen geht (Schatzki 2002, 45). Die im Arrangement involvierten Menschen oder Artefakte ermöglichen oder beschränken die Optionen künftiger Aktionen der anderen Teile des Arrangements. 6 »The two types of causal relation, by the way, also underwrite the idea of causal chains of action, which are series of actions each member of which is a response to its predecessors or to a change in the world that its predecessor brought about« (Schatzki 2002, 42). DIE SOZIALE WIRKLIchKEIT POLITISchER ORDNUNG 137 Mittels dieser Spezifizierung von Formen der Arrangements kann auch die Kausalität der sozialen Strukturierung von Ordnung begründet werden. Für das Verständnis von Ordnung ist es besonders wichtig, nachzuvollziehen, dass sich in den Arrangements Dinge aufeinander beziehen oder gegenseitig aktivieren. Die Frage nach den Bedingungen der Konstitution sozialer Strukturen (als Ordnungsausdruck) in verschiedenen Facetten kann somit nur innerhalb der Ausbildung der Arrangements geklärt werden. Wie also Ordnung als Status zu einem Modus wird oder Ergebnis eines Prozesses ist, wie demzufolge soziale Strukturen durch das Zusammenspiel von Sinn, Aktionen und kollektiven Aktionen entstehen und stabil bleiben, erklärt sich durch den operativen Vollzug der Arrangements. Im Vollzug werden Beziehungen aktualisiert und Möglichkeiten der Positionierung, der Entstehung von Bedeutung und Identitäten erzeugt. Ein besonderes Merkmal des Vollzugs von Arrangements und ihrer sozialen Beziehungen ist Aktualität. Erst der aktuelle Vollzug von Arrangements schafft Regelungen. Deren Verständnis hängt von der aktuellen Position des Vollziehenden in diesem Arrangement ab. Ob und wie sich jemand an eine Regel hält, wird durch seine Positionierung im spezifischen, durch die Regel zu reproduzierenden Arrangement bestimmt. Ebenso ist es vom Vollzug der Beziehungen abhängig, wie eine Regel auf die Involvierten wirkt. Genauso, wie bei der Aktualisierung eines durch Regelungen bestimmten Arrangements immer auch die Möglichkeit seines Nicht-Vollzugs aktualisiert wird, sind im Vollzug alle drei Formen der Ordnung möglich. Demzufolge ist es weniger wichtig, ob eine Regel als Status, Modus oder Prozess existent wird oder ob sie zuerst als Status, Modus oder Prozess dagewesen ist. Wichtig ist nur, dass im Vollzug der Regel das dahinter stehende Arrangement Beziehungen aktualisiert, die dem Einzelnen zur Positionsbestimmung innerhalb des Nexus dienen. Dadurch wird es einem Menschen auch einsichtig sein, ob er im Augenblick seine handlungen entlang einer Regel ausrichtet oder ob er die Regel nur kennt, seine handlungen davon aber abweichen lässt bzw. mit anderen eine Regelung überhaupt aufstellt. Weil Ordnung immer in allen drei Formen besteht, ist sie auch sozialisiert immer Teil des Sinns, der Aktivitäten und der kollektiven Aktivitäten. Die Kausalität Politischer Ordnung in den sozialen Strukturen ist die gleichzeitige Präsenz und die geteilte Relevanz aller drei Ordnungsformen im Vollzug der Beziehungen. Dies deutet auf eine reflexive Kausalität hin: »Referential reflexivity refers to a process o re-cognition in which the knowledge generated enables the agent to understand the conditions under and through which such practices are both enabled and constrained« (May 2000, 157). Gegenseitige Einflüsse oder Determinationen können nur ex post durch die Analyse aufgeklärt werden. DIE PRAKTISchE ExPRESSION DES POLITISchEN 138 1.4 Die soziale Produktion Politischer Ordnung Arrangements als aktualisierte soziale Beziehungen bilden das ›soziale‹ Fundament von Strukturen sozialer Koexistenzen, in denen bestimmte Ordnungsvorstellungen der miteinander verbundenen Menschen zum Ausdruck kommen. Indem Menschen sich mit anderen Menschen und bestimmten sozial relevanten Dingen in Beziehung setzen, können sie sich und andere verorten. Die Verortung schafft zeitlich stabile Identitäten und Bedeutungen, wodurch Zurechnungen, Orientierungen und Interaktionen entstehen, die ohne großen Aufwand reproduzierbar sind. Gelten diese Verortungen für eine bestimmte Gruppe von Menschen bzw. einigen sich Menschen auf die gemeinsame Anwendung dieser Verortungen, dann bilden sich soziale Koexistenzen als Gemeinschaften oder Gesellschaften. Nachdem der konzeptuelle Zusammenhang von Ordnung und sozialen Strukturen soweit vorangebracht wurde, stellt sich die Frage, wie die soziale Produktion von Politischer Ordnung verstanden werden kann. Es muss diskutiert werden, wie sich das Verhältnis von Ordnung und sozialen Strukturen in konkreten sozialen Koexistenzen ausformt. Ausgangspunkt ist die Organisation des Zusammenlebens in Form regulierter Zusammenhänge, die als Arrangements Beziehungen zwischen Dingen von sozialer Relevanz festlegen. Diese Organisation ist nicht willkürlich. Sie folgt dem von Menschen verstandenen und explizierten Ordnungsproblem, das durch seine Normativität in der sozialen Wirklichkeit relevant wird. Allgemein kann das Machen von Ordnung in zweierlei Weise erfolgen: als Produktion und als Reproduktion, also entweder als herstellung eines neuen Ordnungsgefüges mit neuen Regeln und neuen Maßen oder durch die Fortführung eines bestehenden Ordnungsgefüges, wobei bestehenden Regeln und vorhandenen Maßstäben gefolgt wird (Waldenfels 1987, 144). Die Möglichkeit reiner Reproduktion ist nur als Extrem zu denken, denn normalerweise begegnet uns immer etwas Neues, »das im Rahmen unserer vorgegebenen Ordnung bleibt, den Ordnungsrahmen auf verschiedene Weise füllt und die Ordnungsmaßstäbe zunehmend erprobt« (Waldenfels 1987, 144). Produktion und Reproduktion sind letztlich gleiche Prozesse der Entstehung sozialer Strukturen, da so oder so ein Arrangement von bestimmten Relationen vollzogen werden muss. Die operative Logik sozialer Strukturen macht es notwendig, dass Menschen diese Beziehungen aktiv herstellen und gestalten müssen, unabhängig davon, ob sie dabei bekannte Relationen wiederholen oder neue arrangieren. hier zeigt sich die eigentliche Konsequenz des hinweises auf die operative Logik sozialer Strukturen: Sie sind vollkommen menschlich, d. h. ausschließlich ein immanentes Produkt menschlicher Aktivität. Erst Menschen erkennen ein DIE SOZIALE WIRKLIchKEIT POLITISchER ORDNUNG 139 Ordnungsproblem in vielfältiger Form und schicken sich an, dieses innerhalb ihres Daseins miteinander zu lösen. Keine externe Instanz entlastet die Menschen davon und schreibt ihnen etwas vor. Soziale Strukturen existieren nicht außerhalb der menschlichen Praxis, sondern sind Teil und Resultat derselben. Durch ihre drei Facetten vollziehen sie sich gleichsam als Prozess des Denkens und des handelns. Menschen müssen immer kognitiv und praktisch mit Dingen umgehen, wodurch beide Aspekte im Bemerken und Bewirken ineinandergreifen (Waldenfels 1987, 143). Analytisch lassen sich die beiden Aspekte trennen, können Vollzüge des Arrangierens von sozialen Beziehungen punktuell dem Bewusstsein oder dem handelns zugerechnet werden. hingegen fließen sie im Vollzug der Relation ineinander. Dies stellt den Beobachter vor Probleme, denn Regelungen in Form sozialer Strukturen lassen sich immer nur als zirkulärer Prozess beobachten. In der sozialen Produktion Politischer Ordnung verknüpfen Menschen kognitive und praktische Aktivitäten zur Organisation ihres Zusammenlebens. Soziale Strukturen präsentieren eine Dualität von Wissen und Aktivitäten, wobei sie ihre Einheit im Moment des Vollzugs des aktualisierten Arrangements gewinnen. Die Akteure erlangen durch sie Kompetenz zur Regelbefolgung, die sie letztlich dazu befähigt, eine Regel anzuwenden oder ihr auszuweichen (Bouveresse 1993, 50). Damit erklärt sich, warum einfache deterministische Regelkonzepte unrealistisch sind. Regeln die rein deterministisch gedacht werden, auch wenn sie auf eine universale Vernunft abstellen, müssen den Menschen in seinem sozialen handeln ernst nehmen. Regeln sind nicht bloße Akte des Willens und keine mentalen Befehle, sondern Teile zwischenmenschlicher Praxis. Weil auch Politische Ordnung sozial aktualisiert werden muss, hat sie sich der Einheit der Dualität von kognitiven und praktischen Aspekten zu beugen. Jede deterministische, formalisierte oder reduzierte Sicht auf soziale Regeln ist zu kurz gedacht. Um dieser Einheit konzeptuell Rechnung zu tragen, ist die soziale Produktion von Politischer Ordnung als Konstituierung einer »Regelbefolgungspraxis« (Schönrich 2004) zu verstehen. Durch den Vollzug von Arrangements organisieren Gruppen von Menschen ihr Zusammenleben, das nur durch den wiederholten Vollzug von Arrangements besteht. So etabliert sich in Interaktionsgeschichten eine »Regelbefolgungsgemeinschaft« durch die Verstetigung von Praxen des Regelfolgens (Schönrich 2004, 91). Soziale Relationen werden in der Praxis aufgestellt und müssen sich bewähren. Bewähren sie sich nicht, werden sie angepasst, durch andere komplettiert oder ersetzt. Die soziale Produktion Politischer Ordnung folgt keinem Masterplan oder einer funktionalen Differenzierung. In der Praxis findet die Produktion vielmehr unter Bedingungen ständiger Irritationen statt, auf die Menschen reagieren müssen. Das entsprechende ›Versuch-und-Irrtum‹-Verfahren bildet den Kern der eigentlichen DIE PRAKTISchE ExPRESSION DES POLITISchEN 140 sozialen Produktion von Ordnung. hierin liegt aber keine evolutionäre Deutung sozialer Ordnungsbildung begründet, denn Menschen können ihre Praxis, den Status ihres strukturierten Zusammenlebens, reflektieren und anpassen. Eine einfache Selektionslogik der Genese sozialer Strukturen würde die kognitiven Fähigkeiten des Menschen als zu schwach einschätzen und eine deterministische Vorstellung menschlichen handelns begründen. Menschen sind in der sozialen herstellung ihrer Ordnung kreativ und schöpferisch. Damit sich unter diesen Bedingungen Regeln bilden können, also erfolgreiche Arrangements für die Beteiligten in der Zukunft reproduzierbar werden, greifen Menschen gemäß Schönrich auf ein ähnliches Verfahren wie das der Abduktion zurück. Bei der Abduktion handelt es sich um »ein Schlussverfahren, das von einem überraschenden und unerklärten Sachverhalt ausgeht, um dann probeweise eine Regel auszubilden, die nun ›rückwärts‹ den Sachverhalt als ihren Anwendungsfall erklären würde, falls sie gälte« (Schönrich 2004, 96). Dadurch, so Schönrich, bilden sich Regelungen im Sinne einer einmal konstruierten ähnlichkeitsbeziehung aus, die dann immer weiter ausgebaut werden, wobei sie sich zu Praxen verstetigen können, wenn die Regeln entsprechend codiert werden (Schönrich 2004, 96 f.). Im Ausgang der codierung dieser rückwärtsgerichteten Regelbildung ergeben sich drei Möglichkeiten der Verfahrensweise: – Erstens kann die Abduktion übercodiert werden, wodurch der Fall zum »Index« der Regel wird, weil die dichte codierung die entsprechenden Anschlusshandlungen sichert; – Zweitens eröffnen sich durch eine untercodierte Abduktion eine Reihe alternativer Anschlusshandlungen, wodurch der die Regel konstituierende Fall nur ein »Ikon« darstellt; – Drittens kann sich durch eine kreative Abduktion eine Regel selbstschöpferisch ausbilden, da das Ergebnis als korrekt aktualisiert wird (Schönrich 2004, 97). Analog zu diesem Verfahren werden soziale Strukturen als sozial geteilte Praxen durch Selbstreflexion und die daraus resultierenden Reaktionen immer weiter ausdifferenziert, getestet und verändert. Das Ganze ist ein selbstschöpferischer und selbstkorrigierender Prozess. Er stellt die soziale Dimension der herstellung Politischer Ordnung dar. Die Regelbefolgungspraxen als die sozialen Fundamente von Ordnungen entstehen aber in keinem Vakuum, sondern in einem bestimmten Kontext, im Sinne einer »unscripted sociality« (Galston 2010, 390). Damit stoßen wir wieder auf die Kategorie des Sozialen, die nicht durch die Ordnung ersetzt werden kann. Formal fallen dem Kontext drei Eigenschaften zu: (1.) Er stellt die Umgebung für etwas dar, (2.) er kann die in ihm involvierten Dinge determinieren und (3.) ist er selbst eine DIE SOZIALE WIRKLIchKEIT POLITISchER ORDNUNG 141 Komposition, die den charakter der involvierten Dinge festlegt (Schatzki 2002, 63). Bezogen auf das Soziale bedeutet der Verweis auf den Kontext, dass alle sozialen Beziehungen mit diesem Kontext verbunden sind. Durch diesen bekommen die Dinge ihren Standort, wobei im Sozialen die Elemente des Kontextes diesen selbst konstituieren.7 Mit ebendiesem Kontext beschäftigt sich die Sozialtheorie. 1.5 Welche Sozialtheorie bekommt dem Politischen? Auf dem Weg zur Bestimmung des Kontextes sozialer Strukturbildung kann an dieser Stelle die Wahl der im nächsten Abschnitt einzuführenden Sozialtheorie begründet werden. Aus der vorangegangenen Diskussion lassen sich wesentliche Bedingungen filtern, durch die sich Ansprüche an eine sozialtheoretische Ergänzung der Analyse von Politischer Ordnung ergeben. 1. Wenn in Sozialtheorien der Fokus selektiv auf dem handeln, der Kommunikation, den Interaktionen, dem System etc. liegt, sind sie nicht in der Lage, die drei Facetten sozialer Strukturen gleichermaßen zu problematisieren. Weil Ordnung nur in der Einheit von Status, Modus und Prozess relevant wird, hat die Sozialtheorie simultan Aspekte des Sinns, der Aktivitäten und der sozialen Aktivitäten zu systematisieren. Die Gleichzeitigkeit der Ordnungsformen erfordert die Gleichzeitigkeit von kognitiven und praktischen Aspekten des Sozialen. Für die Sozialtheorie bedeutet dies, dass sie integrativ sein muss und Strukturen als Resultate sinnhafter, modaler und prozessualer Elemente erklären kann. 2. Ordnung in Form sozialer Regelungen sind Relationierungen, mit denen Menschen Dinge in einen Zusammenhang bringen. Sollten Sozialtheorien Ordnung nur durch Stabilität, Regelmäßigkeit oder Interdependenz konzeptualisieren, sind sie damit ebenso nicht geeignet, die fundamentale Dimension von Politischer Ordnung abzubilden, da sie nur bestimmte Formen von Ordnung beachten. Die Sozialtheorie hat deshalb die Aufgabe, Strukturen als Realisierung von Zusammenhängen zu beschreiben, in denen sich alle möglichen Ordnungen wiederfinden. 3. Die Politische Ordnung ist Ergebnis stetiger Prozesse der Ordnungssuche und deren Expression in sozialen Strukturen. Aufgrund der hierfür gültigen Ontologie des Prozesses ergibt sich für die sozialtheoretische 7 Schatzki nutzt diese Figur, um mit dem Standort (site) die Grundlagen der Sozialtheorie zu definieren. »A site is a special sort of context, the strongest and, to my mind, most intresting type. For it is the one type where entities are intrinsically part of their own context« (Schatzki 2002, 65). DIE PRAKTISchE ExPRESSION DES POLITISchEN 142 Konzeptualisierung von Strukturen die Notwendigkeit, deren operative Logik in den Mittelpunkt zu stellen. Mit anderen Worten muss die hinter den Strukturen stehende Realisierung von Zusammenhängen als stetiger Vollzug, als eine immer nur unmittelbar hergestellte Qualität gedacht werden. 4. Die soziale herstellung von Ordnung ist Ergebnis produktiver und reproduktiver Prozesse. Im Gegensatz zu Ansätzen, die das Ungewöhnliche in den Mittelpunkt stellen und sich systematisch für die Unterbrechung der Produktionsprozesse interessieren, wird im Kontext der realistischen Analyse der Politischen Ordnung der Fokus auf die alltägliche Routine des Vollzugs ausgerichtet. Das Projekt einer realistischen Politischen Theorie sucht die politisch relevanten Prinzipien, Regeln und Normen »mit den gesellschaftstheoretisch in den Blick zu nehmenden Strukturen der Reproduktion alltäglicher Lebenswelten insgesamt zu vermitteln« (Schmalz-Bruns 2011, 618). 5. Eine erfolgreiche Etablierung von Politischer Ordnung lässt sich in der Verstetigung von Regelbefolgungspraxen erkennen und analysieren. hierbei muss die sozialtheoretische Perspektive hinreichend offen sein, um sensibel alle wirksamen Regelungen zu erfassen. Eine intellektuelle Diskriminierung nicht-expliziter Regeln muss ausgeschlossen werden. Ausgehend vom begründeten Zusammenhang von Politischer und Sozialtheorie muss eine sozialtheoretische Aufklärung des Kontextes Politischer Ordnung mit diesen fünf Punkten kompatibel sein. Ansätze, die bestimmte Facetten ausblenden, die Ordnung nur selektiv wahrnehmen, die Ordnung statisch interpretieren, die Routine alltäglicher Strukturierungen zugunsten der Fokussierung auf außergewöhnliche Ereignisse vernachlässigen und nur spezifische Regelungen bzw. deren Status in den Blick nehmen, sind für die umfassende soziale Problematisierung der Politischen Ordnung wenig bis nicht geeignet. Damit lassen sich prominente Ansätze wie die Theorie des kommunikativen handelns von habermas und der Strukturfunktionalismus Parsons ausschließen. Beides sind nach Nassehi die bekanntesten Vertreter des erwähnten ersten Diskursstranges. Diese Inkompatibilität wird zudem durch die Ansprüche der beiden genannten Theorien gegenüber dem Politischen unterstrichen. Bei Parsons wird die Politische Theorie in die funktionalistische Differenzierung der Gesellschaft eingebettet, wodurch sich der fundamentale Ordnungsanspruch des Politischen in Bezug auf die gesamte Gesellschaft nicht mehr aufrechterhalten lässt, während habermas die Politische Theorie den gesellschaftstheoretischen Rationalitätsprinzipien unterordnet (vgl. Brodocz 2007, 159 ff.).8 Im Gegensatz zu diesen beiden Entwürfen 8 habermas spricht der Politischen Theorie die Reflexionskompetenz ab (habermas 1971). DIE SOZIALE WIRKLIchKEIT POLITISchER ORDNUNG 143 sind nur diejenigen Sozialtheorien für die Politische Theorie interessant, die sich auch mit der operativen hervorbringung ihres Gegenstandes – des Sozialen – beschäftigen. Die operative Logik des hervorbringens des Sozialen bezieht sich nicht ausschließlich auf die simple Produktion von Objekten oder Subjekten. Ordnung drückt sich nicht in der Existenz von abgrenzbaren Einheiten mit selbst bestimmbaren Eigenschaften aus. Ordnung im Sozialen wird nur durch die Kontextualisierung von Einheiten relevant. Durch die Kontextualisierung gewinnen die Einheiten Eigenschaften, die sie ausschließlich in diesen Zusammenhängen aufweisen. Eine soziale Regelung ist außerhalb ihres sie ermöglichenden Zusammenhangs keine Regelung mehr. Ihren Sinn und ihre Wirksamkeit erhält sie nur innerhalb des Sozialen. Das Soziale als Kontext dieses Zusammenhangs ist dementsprechend ein liquider Ermöglichungsraum für die Ausbildung solcher Regelungen. Weil soziale Strukturen Teil des Sozialen sind, muss das Soziale auch ihrer Konstitution entsprechen und das bedeutet, als eine Fülle möglicher Zusammenhänge die Reproduktion bestimmter Zusammenhänge zu erlauben. Die sozialtheoretische Reflexion einer solchen Anforderung vollzieht sich in der von Schatzki problematisierten Sozialontologie der Lage bzw. des Standorts (site). Er führt diese eher programmatisch zu verstehende Ontologie einiger Sozialtheorien, d. h., dass sie nicht systematisch konzeptuell entwickelt ist, auf heideggers »Sein und Zeit« zurück (Schatzki 2002, 140).9 Im Unterschied zu individualistischen und nicht-individualistischen (›socialist‹) Ontologien des Sozialen, die abstrakte und nominalistische Einheiten (das Individuum oder die Gesellschaft) unnötigerweise ausdifferenzieren und verdinglichen, besteht Schatzki auf der Einheit eines uneinheitlichen Kontextes des Sozialen, in dem alle Dinge ihren Standort haben bzw. erst in der Lage sind, jenen zu bestimmen (Schatzki 2002, 132 ff.). In Anbetracht des entfalteten radikalen Ordnungskonzeptes des Politischen, dessen struktureller Kern die relationale Ordnungsdefinition von Waldenfels ist, muss das Soziale als ›Kontext einer Kontextualisierung‹ verstanden werden. Somit kann die Frage nach der Sozialtheorie, die dem Politischen am besten bekommt, dahingehend beantwortet werden, dass diese eine Ontologie der Lage (oder des Standorts) zur Grundlage hat. 9 »Most site ontologies are inspired by heidegger’s Being and Time. They make a space, that is, an opening or pervarsive medium if some sort, central to the nature of constitution if the social« (Schatzki 2002, 140). DIE PRAKTISchE ExPRESSION DES POLITISchEN 144 2. Praxeologie und Praktisches Wissen Nach der Klärung der Voraussetzungen für die sozialtheoretische Aufklärung der Politischen Ordnung wird folgend die dafür passende Theorie rekonstruiert. Dies ist die Praxeologie, die den Kontext für die Manifestierung von sozialer Ordnung konzeptuell durchleuchtet. In der Einführung und Darstellung der wesentlichen Annahmen der Praxeologie wird sukzessive verdeutlicht, wie sie den fünf durch die Politische Ordnung formulierten Anforderungen an die Theorie entspricht. Dabei verlässt die Argumentation die Ebene der Politischen Theorie vollends und lässt die praxeologische Sozialtheorie selbständig die unterschiedlichen Facetten des Sozialen entfalten. Dadurch erreichen wir einen Punkt, an dem durch die praxeologische Aufklärung ein Problemfeld eröffnet wird, das die bisherige Erfassung sozialer Ordnungsbildung des Politischen neu herausfordert. 2.1 Praxeologie als Theorie sozialer Praktiken Die Praxeologie steht für eine bestimmte Variante der Kulturtheorien, die das Konzept der Praxis in den Mittelpunkt ihrer Sozialtheorie stellen.10 Sie grenzen sich gegenüber mentalistischen und textualistischen Ansätzen ab (Reckwitz 2003, 288). Erstere verorten Kultur als ein rein geistiges Phänomen im ›Inneren‹ des Subjekts, während letztere die Kultur ausschließlich in Texten und Symbolen fixiert sehen. Diese ›Texte‹ in Form von Symbol- oder Zeichensequenzen reproduzieren sich selbst und werden gegenüber dem Geistigen scheinbar autonom (Reckwitz 2000, 582). Im Gegensatz dazu identifizieren die Praxistheorien den Ort der Kultur und des Sozialen nicht im Geist oder in autonomen Texten, sondern ausschließlich in sozialen Praktiken. Darüber hinaus lassen sie sich von anderen populären Konzepten trennen. Um die Sonderstellung der Praxistheorien aufzuzeigen, muss in ihre konstruktiven Annahmen eingeführt werden. Dies soll primär programmatisch geschehen, was in Anbetracht des mittlerweile umfangreichen Textkorpus zur Praxistheorie keine einfache Aufgabe ist. Orientierungen geben dazu folgende Feststellungen: (1.) Die philosophischen hintergründe und die verschiedenen vorausgehenden Ansätze der Praxistheorie folgen keiner einheitlichen Linie, sondern existieren verstreut und sind größtenteils unabhängig voneinander entstanden. (2.) Der Fixpunkt in der praxeologischen Theorieentwicklung in Deutschland ist die praxistheoretische Programmatik von 10 Bis zur weiteren Differenzierung nutzen wird die Bezeichnungen Praxeologie, Praxistheorie und Theorie sozialer Praktiken synonym. PRAxEOLOGIE UND PRAKTISchES WISSEN 145 Reckwitz. Seine Arbeiten bilden sowohl den Referenzpunkt praxistheoretischer Forschungen als auch deren Kritik. (3.) Die Zahl der Arbeiten, die sich als praxistheoretisch verstehen, nimmt in letzter Zeit zu, wobei der Forschungsfokus erweitert und ausstehende konzeptuelle Probleme gelöst werden. Im Folgenden wird die Erläuterung dieser drei Feststellungen zur Einführung in die aktuelle Praxistheorie genutzt. (1.) Ausgangspunkt ist die Inthronisation des Praxisbegriffs zu einem Schlüsselkonzept für das Verständnis des Menschen. Dies wird durch die Konstitution einer Philosophie der Praxis bedingt, die in verschiedenen Ansätzen zum Ausdruck kommt. Bernstein identifiziert diese Bewegung zu einer Philosophie der Praxis bei unterschiedlichen Autoren. Neben Marx, Kierkegaard und Sartre, die alle genuin auf die Arbeit von hegel reagieren, spielen für die Philosophie der Praxis auch der Pragmatismus und die analytische Philosophie wichtige Rollen (Bernstein 1971). Ein wichtiges geteiltes Moment dieser sehr unterschiedlichen philosophischen Strömungen ist die Kritik am »cartesian framework«, in dem ein Dualismus von Geist und Körper unterstellt wird, und die Begründung des gegensätzlichen Standpunktes, wonach der Mensch als ein Agent, der in der Welt aktiv wird, Körper und Geist immer zusammenführt (Bernstein 1971, 5). Für diese Zusammenführung, präsentiert durch den Begriff der »action«, steht das Konzept der Praxis. Letztlich plädiert die Praxisphilosophie für die Auffassung, dass der Mensch und seine soziale Wirklichkeit Resultate eines Selbsterzeugungsprozesses sind (habermas 1983, 80). Marxismus, Existenzialismus, Pragmatismus und analytische Philosophie drücken somit unterschiedlich fundierte, aber ähnliche Positionen zum Status des Menschen in der Welt aus. Gewiss evozieren diese Positionen auch Widersprüche, die den philosophischen Diskurs der Moderne prägen (habermas 1983). In besonderer Weise prägend für den sozialtheoretischen Diskurs zur Praxeologie sind zwei Philosophen, die von Bernstein am Rande behandelt werden: heidegger und Wittgenstein. Sie sind prominente philosophische Impulsgeber. Die Fundamentalontologie von heidegger und die Sprachphilosophie von Wittgenstein begründen den Kontext der aktuellen Praxistheorien (vgl. Knobloch 2006, 54 ff.). Beide kritisieren die herkömmliche Bewusstseinsphilosophie und argumentieren gegen den cartesianischen Dualismus von privater Innen- und öffentlicher Außenwelt. Ebenso lehnen sie die Subjektzentrierung ab (Rentsch 2003, 15). Im »Rekurs auf die unhintergehbare lebensweltliche Alltagspraxis und das in ihr implementierte hintergrundwissen« präferieren sie eine pragmatische Analyseperspektive, die reduktionistische Modelle ablehnt (Rentsch 2003, 15 f). Vielmehr deuten sie den Menschen tiefenhermeneutisch aus und verbinden das Sinnverstehen mit der konkreten, interexistenziellen Lebenspraxis, zu der ein Bezug hergestellt werden muss (Taylor 1995, 67). »Both heidegger and Wittgenstein had struggle to DIE PRAKTISchE ExPRESSION DES POLITISchEN 146 recover an understanding of the agent as engaged, as embedded in ›culture‹, a form of life, a ›world‹ of involvements, ultimately to understand the agent as embodied« (Taylor 1995, 61 f.). So wollen sie den Menschen wieder zurück in seine spezifische Existenz – seine Welt – setzen. Die Refokussierung auf den Kontext, in den jeder Mensch eingebunden ist, gehört zu den Leistungen beider Philosophen. In dieser Gemeinsamkeit ihrer Arbeiten sorgten sie für Impulse, die später in die Praxistheorien mündeten. »Early heidegger and late Wittgenstein set aside the assumption [...] that social practice – and in particular the use of language – can receive a noncausal, specifically philosophical explanation in terms of conditions of possibility« (Rorty 1993, 347 f.). Obwohl beide Autoren bestimmte, für die praxistheoretische Perspektive wichtige konzeptuelle Grundannahmen teilen, sind sie doch höchst unterschiedlich. Ebenso heterogen setzt sich das Feld der konkreten praxistheoretischen Ansätze zusammen. Sozialphilosophische Ansätze im Gefolge der beiden Philosophen, wie die von Schatzki und Taylor, müssen genannt werden, wie auch die Ethnomethodologie, die Interaktionsanalyse Goffmans, die Sozialtheorien von Giddens und Bourdieu etc. (vgl. Reckwitz 2003; Schmidt 2012, 24).11 Dieses pluralistische Feld bietet keine einheitliche Sozialtheorie an, sondern fasst diejenigen Ansätze zusammen, die eine gemeinsame Perspektive auf das Soziale einnehmen. Diese lässt sich mit einem geteilten Interesse an der hervorbringung von sozialer Praxis durch Akteure beschreiben, die so zum einen ihre eigenen Qualitäten entwickeln und zum anderen ein pragmatisches Verhältnis zur Welt und zur sozialen Ordnung ausdrücken (Nassehi 2006, 224). In diesem Sinne suchen diese Theorien eine Begründung der Gesellschaft mit einer Analyse ihrer operativen herstellung durch die soziale Praxis zu leisten (vgl. Nassehi 2006, 272), womit sie nicht einfach von den Strukturen ausgehen, sondern die strukturierenden Strukturen in den Fokus nehmen. Die Praxeologie operiert als Begriffsanalyse und reflexiver Diskurs, um die Art und Weise der notwendigen Relation von menschlicher Tätigkeit, Akteuren und den tätigkeitsbezogenen Dingen aufzuklären, wobei die Betonung der Praxis auf die Annahme insistiert, dass das Wissen der Menschen in ihren Tätigkeiten enthalten ist (Skirbekk 2002, 120 f.). (2.) Die programmatisch wichtigste Arbeit zur Genese und Systematisierung der Praxistheorien hat in Deutschland Reckwitz geliefert.12 Im Zuge einer systematischen und detaillierten Reflexion der Entwicklung 11 Für Literaturhinweise siehe Schmidt 2012, 25 FN 9–15. 12 Der Ausgangspunkt der Theorie von Reckwitz ist seine umfassende systematisierende Arbeit zur Transformation der Kulturtheorien (Reckwitz 2000) und der anschließende programmatische Aufsatz zur Theorie sozialer Praktiken (Reckwitz 2003). PRAxEOLOGIE UND PRAKTISchES WISSEN 147 der Kulturtheorien entdeckt er eine Konvergenzbewegung verschiedener kulturalistischer Sozialtheorien. Sowohl die strukturalistisch-semiotische als auch die phänomenologisch-hermeneutische Tradition verändern ihre Perspektive derart, dass sich sowohl neostrukturalistische als auch interpretative Konzepte ausbilden, die den Status der sozialen Praxis neu interpretieren und ihr einen fundamentalen charakter zuweisen (Reckwitz 2000, 544 ff.). Somit bewegen sich hinsichtlich ihres Verständnisses und ihrer theoretischen Wurzeln vollends unterschiedliche Ansätze in Bezug auf die Praxisorientierung aufeinander zu. Das Verdienst von Reckwitz liegt aber nicht nur in der Analyse und Entdeckung dieser Konvergenzbewegung, die das konzeptuelle Grundgerüst der Praxistheorien als Konsens einer theorieimmanenten Dynamik aus zwei unterschiedlichen Richtungen begründet, sondern auch in seinem Vorhaben, die fragmentierten Ansätze der Praxeologie so zusammenzufassen, dass sich daraus ein abgrenzbares Forschungsfeld ergibt (vgl. Burri 2008, 275). So betont er in einem Nachwort für die Studienausgabe seines Buches von 2006, dass es ihm um die Nachzeichnung zweier Transformationen geht: »die Transformation durch die Kulturtheorien und die Transformation der Kulturtheorien selbst« (Reckwitz 2006, 705). Neben der Synthese der Gemeinsamkeiten der Ansätze verweist Reckwitz auch auf die vorhandenen Differenzen, die immerhin so bedeutend sind, dass er auf den problematischen Status der Einheit der Praxeologie verweisen muss, indem er statt von einer Praxistheorie eher von einem Bündel unterschiedlicher praxistheoretischer Ansätze spricht (Reckwitz 2003, 282 f.). Trotzdem konvergieren praxistheoretische Zugänge in der Absicht, bei der Analyse des Sozialen die »materiale Verankerung« des Sozialen in den Körpern und den kulturellen Artefakten aufzudecken und die Bedeutung des praktischen Könnens und Wissens herauszuarbeiten (Schmidt 2012, 24). Dabei steht die Aktivität dieser Verbindung im Mittelpunkt: »Praxistheorien interessieren sich für die das Vollzugsgeschehen, in das die Teilnehmer einer Praktik involviert sind« (Schmidt 2012, 24). Für das richtige Verständnis dieser Synthese ist es zudem wichtig, zu akzeptieren, dass es Reckwitz nicht um eine unangebrachte Integration unterschiedlicher, auf ihre Eigenständigkeit achtender Ansätze geht, sondern um die Proklamation einer Alternative zu traditionellen Theorieansätzen (Reckwitz 2006, 705). Indem er die programmatischen Eigenschaften der Praxistheorien systematisch erfasst, kontextualisiert und verortet er sie im Kanon der übrigen theoretischen Angebote, wodurch bewusst Anschlussmöglichkeiten für ähnliche Theorien geschaffen werden. Überdies trägt die von ihm geleistete Thematisierung der vorhandenen Schwächen zu einer Weiterentwicklung des praxistheoretischen Programms bei. Er »betätigt sich […] als Entwicklungshelfer, indem er auf jene Schwächen verweist, die auch noch in den derzeit gängigsten Ansätzen auszumachen sind« (Schmutzer 2003, 139). Damit wird er zum DIE PRAKTISchE ExPRESSION DES POLITISchEN 148 wesentlichen Promoter eines ›practice turn‹ (Schatzki et al. 2001), aber auch zum Ziel der Kritik an den Praxistheorien und des ›practice turn‹ (vgl. Nassehi 2006, 223 ff.; Bongaerts 2007; Schulz-Schaeffer 2010). Offenbar setzt die generelle Kritik an der Praxistheorie an der kulturalistischen Perspektive an, doch soll sich hier auf die direkte Kritik an der Praxistheorie als einer spezifischen Kulturtheorie konzentriert werden. Insbesondere zwei von der Kritik hervorgebrachte Einwände an der Praxistheorie und ihrer Programmatik sollen thematisiert werden. Der erste Einwand konzentriert sich auf die Praktiken als Objekte der Sozialtheorie und kritisiert die Art ihrer Konzeptualisierung. Nassehi verweist auf die Figur des Schlafwandlers von Tarde, wobei die Praktiken nur Nachahmungen sind, nur unreflektierte Präsentationen, die den Körper aktiv werden lassen (Nassehi 2006, 221). Er hinterfragt die einfache konstruktive Kausalität, bei der nur der Körper authentisch ist. Dies evoziert einen naiven Glauben an die Sichtbarkeit des Körpers. »Aber ist das, was da sichtbar wird, tatsächlich nur eine Ordnung des Körpers bzw. der Körper?« (Nassehi 2006, 221) Doch gerade dem unterstellten authentischen charakter des Körpers wird widersprochen. Einerseits ist das Körperbild kulturell bedingt, also keine unabhängige Größe, andererseits wird damit ausschließlich der Glaube an das Sichtbare gefestigt. »Das verweist darauf, dass die Authentizität der praxeologischen Beschreibung mit ähnlichen Mitteln erkauft wird wie Authentizität stets: damit nämlich, das, was unmittelbar sichtbar wird, als solches ernst zu nehmen« (Nassehi 2006, 231). Alles, was unsichtbar wird, kann demzufolge nicht beschrieben werden. Ob somit gleich der Schluss von Nassehi gezogen werden kann, dass damit alles Unsichtbare Ideologie ist, wird später eingehender diskutiert. Ein weiterer Einwand gegenüber der Praxistheorie betrifft die Annahme, dass allein die Beschreibung der Praktiken zur Fundierung einer komplexen sozialen Ordnung ausreicht. Dies sei nach Nassehi eine unterkomplexe Vorstellung, auch wenn die einzelnen Praktiken sich zu Praktikenbündeln verdichten sollten (Nassehi 2006, 224). Letztlich vollzieht sich dann Ordnung einfach in der Ausbildung und dem Zusammenschluss von Praktiken, d. h. die Ordnung entfaltet sich nur und kann bezüglich ihrer Intentionalität nicht mehr kritisch analysiert werden. Auch der Verweis auf die Wissensbasis der Praktiken kann das Problem nicht lösen, weil hier scheinbar nur eine lineare Kausalität gültig ist, wodurch sich die Praxistheorie von der Frage der sozialen Ordnung verabschiedet (Nassehi 2006, 224). Nassehi arbeitet sich somit an den seines Erachtens vereinfachenden Annahmen der Praxistheorie ab, doch kritisiert er nicht das Grundanliegen der praxeologischen Perspektive (Nassehi 2006, 230). Im Gegenteil befürwortet er ihr Anliegen, die sozialen Strukturen als Teil der Praxis zu verorten und deutlich zu machen, dass Strukturen sich nur in der Praxis bilden und sich nur dort bewähren können. Nassehi wendet sich somit PRAxEOLOGIE UND PRAKTISchES WISSEN 149 gegen das Missverständnis, Strukturen dem Sozialen vorzulagern. Dennoch muss seiner Ansicht nach auch die Praxeologie mit Kontexten rechnen, die außerhalb der Praktiken stehen und nicht vorausgesetzt werden können (Nassehi 2006, 231). Gegenüber dieser Kritik, die auf problematische Schwerpunkte und konstruktive Mängel der Praxistheorien hinweist, geht Bongaerts weiter. Er kritisiert grundsätzlich das Vokabular der Praxistheorie, indem er ihr vorwirft, unbegründete Abgrenzungen zu bestehenden Sozialtheorien aufzubauen. Bongaerts glaubt zeigen zu können, dass für viele Kategorien in der Praxistheorie die Unterschiede etwa zu Ansätzen von Schütz, Weber und Durkheim nicht sauber zu begründen sind (Bongaerts 2007, 250 ff.). Weil aber die Praxistheorie nicht systematisch ihre Grundbegriffe in Abgrenzung zu überkommenen Sozialtheorien entwickelt, kann sie nach Ansicht Bongaerts’ auch nicht für sich in Anspruch nehmen, bisher ausgeblendete Problembereiche zu erfassen. Und nur weil in den vorhandenen handlungstheorien bestimmte Problemfelder noch nicht spezifiziert sind, heißt dies nicht, dass es unmöglich ist (Bongaerts 2007, 257). »Solange nicht gezeigt werden kann, dass ein Phänomenbereich, der für den Gegenstand des Fachs nachweisbar relevant ist, mit den vorhandenen Theorieangeboten aus systematischen Gründen ausgeblendet bleibt und erst mit der Formulierung eines alternativen Angebots bearbeitet werden kann, solange kann weder von einem turn gesprochen werden, noch ist ein solcher vonnöten« (Bongaerts 2007, 257). Damit zielt die Kritik Bongaerts’ direkt auf die Konvergenzthese von Reckwitz, die er nicht überzeugend findet. Er lehnt die Technik der Merkmalssummierung ab und hinterfragt die Plausibilität des Arguments, wonach allein die Kombination »familienähnlicher Theorieelemente« es erlaubt, von einer neuen Theorieperspektive zu sprechen (Bongaerts 2007, 247). Wenn aber keine konvergenzorientierte Transformation der Kulturtheorien auszumachen ist, dann spricht diese Kritik der Praxistheorie ihre Legitimation ab. Stattdessen scheint es seiner Ansicht nach sinnvoller zu sein, die handlungstheorie in einer weiter gefassten Verhaltenstheorie aufzunehmen, die spezifischer mit der Differenz von Routine und Gewohnheit operiert und damit dem, seiner Meinung nach, zu undifferenzierten Praktikenbegriff überwindet. hier wird deutlich, dass die Kritik von Bongaerts radikaler ist und letztlich der Praxistheorie ihren eigenständigen Status abspricht. Wo Nassehi vermutlich noch die Möglichkeit sieht, das praxeologische Anliegen mit einer partiellen konstruktiven Erweiterung der Theorie zu retten, muss im Sinne Bongaerts’ die gesamte Praxistheorie wegen ihrer konstitutiven Mängel gerade im hinblick auf ihren hauptbegriff der Praxis bzw. der Praktiken hinterfragt werden. (3.) Reckwitz selbst sieht vier »Theoriebaustellen«, die zur Weiterentwicklung der Praxistheorien beitragen. Dazu gehören erstens die Debatte zum Begriff und zum Konzept der Performativität, zweitens die DIE PRAKTISchE ExPRESSION DES POLITISchEN 150 neu diskutierten Perspektiven auf den materiellen charakter von Kultur, drittens die verstärkte Rezeption dekonstruktiver poststrukturalistischer Ansätze und viertens die weiter ausdifferenzierten kulturtheoretischen Gesellschaftstheorien (Reckwitz 2006, 708). Diese Baustellen bilden spezifische soziologische Diskurse, die im Sinne des von Reckwitz identifizierten Perspektivenwechsels innerhalb der sich kulturalistisch verstehenden Sozialwissenschaften verknüpfbar sind. hierbei liegt die herausforderung in der Bereitschaft und dem Willen, die geteilten Perspektiven zwischen den Theorien systematisch zu entwickeln, um in der Praxistheorie Anpassungen vorzunehmen. Grundlage ist hier ein Konsens hinsichtlich der Annahme, dass sich alle als Teil einer zwar pluralistisch erscheinenden, aber in ihrem Kern einheitlichen Kulturtheorie verstehen. Neben diesen extern induzierten Veränderungen lassen sich zudem Impulse der Theorieentwicklung innerhalb der Praxistheorien finden. Diese sind Folgen der im Diskursfeld zur Praxistheorie auszumachenden Auseinandersetzung. Dazu gehören die durch die Kritik provozierte theoretische Weiterentwicklung der Praxeologie, die vertiefte Auseinandersetzung mit konkurrierenden Ansätzen in der Sozialtheorie und die systematische, praxeologisch fundierte empirische Forschung verbunden mit methodischen Reflexionen. Ein Beispiel für eine Reaktion auf Kritik am praxistheoretischen Ansatz, das verdeutlicht, wie offensiv der Ansatz mit Kritik verfahren kann, stellt der Aufsatz von Schmidt und Volbers dar (Schmidt/Volbers 2011).13 Sie parieren den referierten Vorwurf von Nassehi, demzufolge sich die Praxistheorie von der unmittelbaren Sichtbarkeit der Praktiken leiten lasse, wodurch ein »selbstgenügsamer Situationismus« entstehe (Schmidt/Volbers 2011, 26). Die Konzentration auf sichtbare Dinge schränkt die Beschreibungsmöglichkeiten sozialer Praktiken ein, weswegen auch die Erklärungskraft einer Praxeologie an Anwendungen verliert. Schmidt und Volbers bestätigen den öffentlichen Vollzug von Praktiken, deren Veröffentlichung aber erst erkennbar macht, worum es sich hier handelt (Schmidt/Volbers 2011, 38). »Es sind die öffentlichen sozialen Praktiken selbst und nicht hypothetische ›Struktur‹-Entitäten, die das methodologische und ontologische Fundament der Sozialforschung bilden« (Schmidt/Volbers 2011, 38). Nicht die simple Annahme von Sichtbarkeit leitet das praxistheoretische Forschen, sondern das Postulat der Öffentlichkeit sozialer Praktiken. Damit wird jedoch keine ideale Öffentlichkeitsfigur unterstellt, wie sie in der Sozialphilosophie von habermas anzutreffen ist. Stattdessen zeichnet sich das von den Autoren angewendete Öffentlichkeitskonzept durch drei Eigenschaften aus (Schmidt/ Volbers 2011, 33; vgl. Schmidt 2012, 248 ff.): 13 Dabei werden wesentliche Einsichten aus Schmidt 2012 verarbeitet. PRAxEOLOGIE UND PRAKTISchES WISSEN 151 – Erstens wird ein pluraler öffentlicher Raum durch die Materialisierung des Sozialen in den sozialen Praktiken konstituiert. Zusammen bilden sie den öffentlichen Raum, der durch Situationen und Settings sinnlich-sichtbarer Begegnungen und ihrer Kontexte bestimmt wird. »Die Teilnehmer dieses Raumes sind über geteilte Aufmerksamkeiten verbunden und zugleich durch die verschiedenen Blickpunkte und perspektivischen Sichtweisen voneinander getrennt« (Schmidt/Volbers 2011, 33). – Zweitens treffen im öffentlichen Raum der Praktiken unterschiedliche Perspektiven aufeinander, da die involvierten Akteure etwas öffentliches immer auch verschieden wahrnehmen können. Erst durch die gemeinsame Partizipation in sozialen Praktiken können sich die Perspektiven auch verändern, bekannte Dinge neu entdeckt bzw. überraschend anders wahrgenommen werden. Gerade ein gemeinsamer Gegenstand veranlasst die Kreuzung verschiedener Perspektiven, die nicht in diesem aufgehen. »Was für bestimmte Teilnehmergruppen dabei erkennbar ist, hängt ab von ihrer im Raum des Öffentlichen eingenommenen Position und Perspektive sowie von ihren erworbenen Dispositionen und den Praktiken, an denen sie teilhaben« (Schmidt/ Volbers 2011, 33). – Drittens spielen neben der geteilten Aufmerksamkeit ko-präsenter Teilnehmer auch Artefakte, materielle Umgebungen, Körper, Symbole sowie Medien bei der Konstitution von sozialen Praktiken eine wichtige Rolle, da sie zur Stabilisierung und Ausdehnung der Praktiken beitragen. Diese Träger machen erst deutlich, welche spezifische Konstitution die jeweiligen sozialen Praktiken in diesem Kontext haben. Ihre Beobachtung ermöglicht die praktische Identifizierung der Situation hinsichtlich Sinn, Struktur, Bedingungen etc. »Diesen Verweisungscharakter transportieren die genannten Träger kraft ihrer materialen Beständigkeit auch über die jeweiligen lokalen Settings hinaus« (Schmidt/Volbers 2011, 33). Die Darstellung des komplexen praxeologischen Öffentlichkeitsverständnisses räumt nicht nur mit kritischen Bedenken auf, sondern veranschaulicht zudem, wie im Rahmen der Praxistheorie das Soziale praktisch relevant wird. Denn erst durch die Öffentlichkeit sozialer Praktiken wird nachvollziehbar, dass über die öffentliche Abstimmung der Teilnehmer so etwas wie soziale Ordnung entstehen kann (Schmidt/Volbers 2011, 28). Somit wird aus der scheinbaren Schwäche eine analytische Stärke gemacht und dieser Standpunkt selbstsicher verteidigt. Entlang der drei diskutierten Feststellungen konnte ein Überblick über die Stellung der Praxistheorien innerhalb des sozialtheoretischen Feldes und ihrer grundlegenden Theoreme gewonnen werden. Abschließend soll nun erneutl die Entscheidung begründet werden, unter dem Label DIE PRAKTISchE ExPRESSION DES POLITISchEN 152 Praxeologie programmatisch alle praxistheoretischen Ansätze zusammenzufassen. Zum einen orientieren wir uns an der Konvergenzthese von Reckwitz und seiner programmatischen Synthese, wonach alle Praxistheorie von einer »Generalthese« geleitet werden: »Die Regelmäßigkeit von Verhaltensweisen, die Geordnetheit sozialen Geschehens und die Strukturiertheit sozialer Beziehungen, alle diese Grundmerkmale des Sozialen werden in und durch soziale Praktiken hervorgebracht« (Schmidt 2012, 10). Diese Generalthese wird innerhalb der Praxistheorien durch drei von Reckwitz identifizierte Annahmen untermauert (Burri 2008, 275 FN 10): 1. die implizite Logik der Praxis; 2. die Materialität der Praktiken; 3. die Ambivalenz von Routine und Unberechenbarkeit in den Praktiken. Dies ist insofern gerechtfertigt, als sie sich hinsichtlich ihrer Gemeinsamkeiten zusammenfassen lassen. Entgegen dem formulierten Vorwurf, die Praxeologie vollziehe eine »praxistheoretische Umetikettierung vorhandener Theoriebestände« (Schulz-Schaeffer 2010, 335), fasst sie heterogene Ansätze nicht nur bezüglich ihres Praxisverständnisses zusammen, sondern auch im hinblick auf die geteilte radikale Kontingenzperspektive (vgl. holzinger 2007, 300 ff.).14 2.2 Soziale Praktiken Nach der kursorischen Einführung in die Grundlagen der Praxeologie können die wesentlichen Eigenschaften referiert werden.15 Dabei steht der Begriff der Praktiken im Mittelpunkt. Während der Begriff der Praxis im Gegensatz zur Theorie auf die Gesamtheit der menschlichen Aktivitäten abzielt, verweist der Begriff der Praktiken auf das routinierte Verhalten des Menschen, weswegen er sich vom breiten Praxisbegriff abhebt (Reckwitz 2002a, 249). Dennoch hat sich in der Diskussion die anfänglich von Reckwitz noch angewandte Absetzung der Praxeologie als einer ›Theorie sozialer Praktiken‹ nicht durchgesetzt. So werden nun die Begriffe der Praxeologie, der Praxistheorie, der Praxissoziologie oder der Theorie sozialer Praktiken synonym gebraucht (vgl. Schulz-Schaeffer 2010; Schmidt/Volbers 2011). Im Folgenden soll ›Praxis‹ ebenso angewandt werden. Im Bemühen um genaue Formulierungen wird zwischen 14 Diese Einsichten werden jedoch nicht durch eine weiterentwickelte handlungstheorie aufgefangen (Schulz-Schaeffer 2010). 15 Ich beziehe mich hier und im Folgenden auf die wichtige Arbeit von Reckwitz, die ich ausführlich an anderer Stelle zusammengefasst habe (Knobloch 2006). Mit dieser Systematisierung arbeite ich auch bei der Aufklärung der Wissensdimension im nächsten Abschnitt. PRAxEOLOGIE UND PRAKTISchES WISSEN 153 dem Oberbegriff aller praxisorientierten Ansätze (Praxistheorie, Praxeologie) und der spezifischen programmatischen Variante von Reckwitz unterschieden (Theorie sozialer Praktiken). Für letztere sind die Praktiken der konstitutive Kern des Sozialen. Als kleinste Einheit des Sozialen bestehen Praktiken grundsätzlich aus körperlicher Bewegung und Aktivität, die jedoch nicht singulär existieren, sondern das Merkmal der Routine aufweisen (Reckwitz 2000, 559). hiermit wird insbesondere auf den Ansatz von Schatzki insistiert, der in Auseinandersetzung mit der Philosophie von Wittgenstein eine sozialphilosophische Praxistheorie erarbeitet hat. Nach Schatzki umfassen soziale Praktiken die Aneignung von Fähigkeiten, die Möglichkeit, etwas zu tun und zu wiederholen (Schatzki 1996, 89). Erreichen diese Aneignungen eine bestimmte häufigkeit und organisieren immer mehr Aktivitäten, so entsteht ein sich räumlich und zeitlich entfaltender Nexus von handlungen, wobei die unterschiedlichen handlungen (Tun und Sagen) durch Verstehen, durch explizite Regeln, Prinzipien, Institutionen und durch ›teleoaffektive Strukturen‹ (Projekte, Annahmen, Gefühle, Aufgaben) miteinander verbunden sind (Schatzki 1996, 106). Diese Verbindungen sind für alle Praktiken grundlegend und bilden das strukturierende Moment. Somit ist das handeln kein singulärer Akt, der nur über einen momentanen subjektiven Sinn verfügt. Wäre dem so, müssten das handeln und seine Koordination immer klärungsbedürftig sein, wodurch die Genese von kollektiven und komplexen sozialen Interaktionen eingeschränkt bleiben würde. Das ›Routinemodell des handelns‹ hingegen betont die Tatsache der Repetitivität von handlungsmustern vor dem hintergrund sozialer Praktiken, d. h., dass handlungen sich immer zu Mustern verdichten, die über zeitliche, räumliche und individuelle Grenzen hinweg Bestand haben (Reckwitz 2000, 619). Zur weiteren Spezifizierung des Status der Praktiken soll im Anschluss an Schmidt auf drei wichtige Dimensionen der sozialen Praktiken eingegangen werden: (1.) ihre Zeitlichkeit, (2.) ihre Körperlichkeit und (3.) ihre Materialität (Schmidt 2012, 51 ff.). (1.) Soziale Praktiken sind Aktivitäten, die ihre Zeit haben. Sie werden von Menschen vollzogen, wodurch ein Vorher und ein Nachher entsteht. Praktiken schaffen »ein zeitliches Kontinuum, die Teilnehmerinnen befinden sich in einem Strom sich entfaltender Aktivitäten« (Schmidt 2012, 52). Doch ist der entscheidende Vollzug auf die »Jetztzeit« festgelegt, d. h. sie können als vollzogene Praktiken, als Ereignisse, immer nur ex post in ihrem Verlauf rekonstruiert werden (Schmidt 2012, 52). Dennoch konstruiert die Theorie sozialer Praktiken keinen ahistorischen Ansatz, denn in den gegenwartsbezogenen Praktiken kommt immer Vergangenes zum Ausdruck, weil die Träger der Praktiken an früheren Erfahrungen partizipieren. Auch die Aneignung einer Praktik hat eine Geschichte, welche die Aktualisierung DIE PRAKTISchE ExPRESSION DES POLITISchEN 154 der Praktiken in der Gegenwart beeinflusst. »Obwohl sich also einerseits im Vollzug von Praktiken Gegenwart konstituiert, das heißt sich eben jetzt von einer endgültig vergangenen Vergangenheit und einer so oder so möglichen Zukunft trennt, kann andererseits das über die Trägerschaften in Praktiken anwesende Vergangene hier und Jetzt der Praxisgegenwart auch gleichsam eindicken und die Richtung zukünftiger Verläufe mitbestimmen« (Schmidt 2012, 55). Was hier verklausuliert beschrieben wird, kann erst richtig logisch rekonstruiert und begründet werden, wenn die Wissensdimension der Praktiken entfaltet wird. Vorerst soll der hinweis genügen, dass im Vollzug der Praktiken die Träger der Praktiken ihre Erfahrungen performativ ausdrücken können. Damit soll nicht einem regressiven historischen Determinismus das Wort geredet werden. Da Praktiken zeitlich vollzogen werden, öffnet sich auch immer Möglichkeitsraum für Ungewissheit und es entsteht die Möglichkeit potenzieller Sinnverschiebungen. Beim zeitlichen Vollzug kann ein partizipierender Akteur nicht wissen, ob der Vollzug so noch einmal möglich sein wird oder ob sich nicht der Bedeutungsgehalt einer Praktik und ihres Wissens verändert (Reckwitz 2003, 295). Geschieht dies, dann wird die Routine einer Praktik herausgefordert. Sie wird hinterfragt und möglicherweise verändert. Neben der Bedeutung der Erfahrungen spielt ebenso die chance der Routineunterbrechung von Praktiken eine wichtige Rolle bei der Beurteilung von Stabilität und Instabilität von sozialer Ordnung. (2.) Die Körperlichkeit ist allen Praxistheorien gemeinsam und erhält auch in der Theorie sozialer Praktiken eine zentrale Bedeutung. Praktiken setzen sich aus routinisierten Bewegungen und Aktivitäten des Körpers zusammen (Reckwitz 2003, 290). In dem Maße, in dem Menschen in einer Praktik partizipieren, lernen sie ihren Körper auf eine spezifische Art und Weise zu bewegen bzw. zu aktivieren. Der Körper ist aber kein bloßes Instrument, das frei verfügbar ist und nur gesteuert werden muss (Joas 1992, 246). Da die Theorie sozialer Praktiken die Existenz eines autonomen inneren Steuerzentrums als eines vom Körper getrennten Geistes verneint, ist eine rein intentionale Verfügung des Körpers durch den Geist ausgeschlossen (Reckwitz 2003, 290). Andererseits ist ein Großteil der Verhaltensroutinen, die in einer Praktik zur Anwendung kommen, implizit und werden von den Trägern meist ungefragt angewendet. Bei der routinierten Einübung von Verhaltensweisen wird der Körper trainiert und bringt immer wieder die gleichen handlungsmuster hervor (Reckwitz 2000, 562). Dies entspricht einer »Disziplinierung des Körpers« (Joas 1992, 274) durch die Praktiken, ohne jedoch eine totale Kontrolle des Körpers zu erreichen, denn die Träger der Praktiken besitzen immer noch die Fähigkeit zur Lockerung PRAxEOLOGIE UND PRAKTISchES WISSEN 155 der Disziplinierung. Letztlich liegt das hauptaugenmerk auf den sozialisierten Körpern, in denen spezifische »Kompetenz- und Aktivitätsmodi« zur Anwendung kommen, »ihre praktischen, stummen, vorsprachlichen Könnens- und Erkennensformen sowie auf die im Zusammenspiel von Körpern beobachtbaren Koordinations-, Orientierungs- und Abstimmungsfähigkeiten« (Schmidt 2012, 59). In diesem Kontext muss auf die herausragende Bedeutung von Darstellungspraktiken verwiesen werden, da sie die Beobachtbarkeit und damit den sozialen Vollzug von Praktiken besonders prägen und formen (Schmidt 2012, 60). (3.) Artefakte sind ein Teilelement der sozialen Praktiken, denn wissensbasierte, routinierte handlungsmuster beruhen nicht nur auf ihren menschlichen Trägern, sondern auch auf Artefakten (Reckwitz 2003, 291). Es ist der sinnhafte Gebrauch bzw. die praktische Verwendung von Artefakten, die ein charakteristisches Element einer Praktik darstellt oder gar eine gesamte Praktik ausmachen. Die Bedeutung von Artefakten ist weder als eine bloße Konstruktion noch als vorreflexive determinierende Basis der Praktiken misszuverstehen (Reckwitz 2003, 291). Bestimmte Artefakte können für Praktiken konstituierend sein, d. h. sie bedingen ihre Entstehung, ihren Vollzug und ihre Reproduktion. hier genügt der hinweis auf die vielfältigen Kommunikationspraktiken, die erst durch Mobiltelefone oder das Internet entstanden sind. Artefakte werden dabei immer sinnhaft gebraucht, sie determinieren nicht selbständig ihre Verwendung und ihren Gebrauch. Vielmehr sind Artefakte Rezeptionsprodukte, die ihre Bedeutung im praktischen Gebrauch erhalten. Damit erscheinen sie in ihrer besonderen Rolle zwischen rein physischen und rein repräsentativen Dingen als hybride (Reckwitz 2002). Als Rezeptionsprodukte stehen sie im Kontext kontingenter Sinnzuschreibungen und Sinnmuster, die sich verändern können, wodurch sich auch die Bedeutung von Artefakten wandelt. Dies ist eine reflexive Beziehung, weil Artefakte soziale Praktiken bedingen, aber ebenso durch Praktiken erst hergestellt werden. Die herstellung bezieht sich auf die rein materielle Bereitstellung und die Produktion von Bedeutung durch Rezeptionspraktiken. Gemeinsam mit dem Körper bilden Artefakte die materiellen Ressourcen, die Praktiken ermöglichen und beschränken. 2.3 Wissensdimension Obwohl die Körperlichkeit der Praktiken im Mittelpunkt einer sich materiell verstehenden Theorie sozialer Praktiken steht, werden die Aspekte des Wissens ebenfalls in die Theorie integriert (Reckwitz 2003, 290). Ausgangspunkt ist die Notwendigkeit, dass ein an einer Praktik DIE PRAKTISchE ExPRESSION DES POLITISchEN 156 teilnehmender Mensch das dafür nötige Wissen, Können und Verstehen inkorporiert haben muss. »Sprachliche und nicht-sprachliche Praktiken können als Materialisierung von kollektivem, sozial erzeugtem und bereitgestelltem Wissen verstanden werden« (Keller 2011, 63). Doch muss dieses Wissen nicht nur körperlich mobilisierbar sein, sondern auch von der Umwelt interpretiert werden können. Erst über die Performanz des handelns wird die Praktik sozial verständlich. Somit fungiert das Wissen in der Theorie sozialer Praktiken neben dem Materiellen als zweite wichtige Dimension. Praktiken sind ihrer Form als routinierte Verhaltensweisen Bestandteile kollektiver Wissensvorräte, die von den Einzelnen »in Prozessen der Sozialisation und des Lernens als Routinekompetenzen des handelns und Be-Deutens zugleich inkorporiert [werden], ohne dass dies notwendig eine im starken Sinne bewusst-reflexive Zuwendung zum jeweiligen handlungsakt« (Keller 2011, 63) voraussetzt. Da der in der Praktik involvierte Akteur einerseits abhängig von den kollektiven Wissensbeständen ist, die er durch die Praktiken als Instruktionswissen erlernt, andererseits diese aber subjektiv interpretieren kann, ergibt sich ein interessantes Wechselspiel. Die Praxistheorie betont, in Abgrenzung zu einer rein objektiven und einer rein subjektiven Perspektive, den Zusammenhang zwischen der kollektiven Wissensordnung und der subjektiven Sinnzuschreibung. Der Akteur steht in einem hermeneutischen Verhältnis zur Welt, da er sie ständig interpretieren muss, indem er Sinn zuschreibt, der den Status einer ›Als-Struktur‹ erhält (Reckwitz 2000, 566). Diese Struktur stiftet »Seinsgewissheit« im Kontext »voraussagbarer Routinen«, in denen der Akteur seine Autonomie hinsichtlich seiner »Körperkontrolle« wahrt (Giddens 1995, 101). Somit bekommt die subjektive Sinnzuschreibung eine handlungskonstitutive Bedeutung, wenn auch das Subjekt gleichzeitig dezentriert, d. h. nicht als letzte Instanz beschrieben wird (Reckwitz 2000, 568). Das Subjekt ist nicht autonom, denn die subjektiven Sinnzuschreibungen werden durch kollektive Sinnmuster determiniert, die vorstellbar sind als »komplex miteinander verknüpfte Systeme kultureller Schemata […], die allgemeine Muster vorgeben, wie konkrete Phänomene potentiell interpretierbar sind« (Reckwitz 2000, 567). Kollektive Sinnmuster sind ebenfalls keine eigenständigen Phänomene und können nicht analytisch separiert werden, da sie ausschließlich in den subjektiven, situativen Sinnzuschreibungen existieren, die wiederum nur in Verarbeitung der kollektiven Sinnmuster bestehen (Reckwitz 2000, 570). Sie sind in den sozialen Praktiken miteinander verbunden. Beide Aspekte gehören untrennbar zusammen: Auf der einen Seite befindet sich der kompetente Akteur, der seine Welt sinnhaft gestaltet, indem er die Dinge interpretiert. Auf der anderen Seite steht der Kontext, in dessen Rahmen er seine Umwelt aufklären kann. Dieser Rahmen, in Gestalt kollektiver Wissensordnungen, gibt dem Akteur eine Fülle von PRAxEOLOGIE UND PRAKTISchES WISSEN 157 Möglichkeiten vor, mit denen er seine Welt ordnet und so tätig wird. Das Wissen wird damit nicht mehr »primär« verstanden »als Bestand in den ›Köpfen‹ oder als abstrakter gesellschaftlicher Wissensvorrat, über den Individuen oder Kollektive verfügen, sondern als Prozess einer permanenten Produktion, Fixierung und Transformation von Zeichen und Bedeutungen« (Keller 2011, 60) neu konzeptualisiert. Wissen muss produktiv immer neu aktualisiert werden, wobei es sich verändert und hinterfragt werden kann. So oder so ist das Wissen als mentale Dimension der Praktiken abhängig von der Praxis der Praktiker. Erst über dieses ›Tätigwerden‹ der Praktiker dringt mentales Wissen an die Öffentlichkeit. Zwischen Wissen und handeln besteht eine Ausdrucksbeziehung, denn das mentale Wissen wird nur im Verhalten und dessen Produkten transparent (Reckwitz 2000, 605). Tatsächlich ist auch nur Verhalten beobachtbar, während sich Wissen lediglich indirekt erschließen lässt. Jedoch nimmt das Verhältnis zwischen Wissen und handlung auch den charakter einer kausalen Beziehung an, denn das Verfügen über ein bestimmtes Wissen stellt eine notwendige Bedingung zur handlungserklärung dar (Reckwitz 2000, 604). Erst die Existenz spezifischer Wissensordnungen stattet einen Akteur mit einem möglichen Interpretationshorizont aus und zwingt das handeln in bestimmte Bahnen. Wissen ist somit Bedingung für das handeln. Es muss in einer Untersuchung über das Akteursverhalten indirekt erschlossen werden. Die so erfolgende Rekonstruktion der in einer Praktik ausgedrückten Wissensordnung liefert deren informative Neubeschreibung (Reckwitz 2000, 605). Wissensordnungen existieren übersubjektiv, d. h. sie drücken sich in der Gleichförmigkeit sozialer Praktiken, ihrer zeitlich, räumlich und individuell unabhängigen Repetitivität aus (Reckwitz 2000, 613). Folglich gibt es unterschiedliche Akteure, die alle, wenn sie in einer Praktik partizipieren, die gleichen Verhaltensweisen und die damit verbundenen gleichen subjektiven Zuschreibungen und Wissensordnungen teilen. Man kann deshalb konstatieren: Eine Gleichförmigkeit von Praktiken beruht auf den geteilten Kriterien der handelnden Akteure, die in Form von konstitutiven Regeln und kulturellen Schemata die hervorbringung gleicher Verhaltensweisen ermöglichen (Reckwitz 2000, 613). Die Korrelation homologer Weltsichten und geteilter gleicher Wahrnehmungsschemata ist eine prinzipielle Annahme (Bourdieu 1976, 188), mit der es möglich ist, die Wissensordnungen als kollektive Phänomene zu charakterisieren. Wieder im Anschluss an die Arbeit von Reckwitz lassen sich vier Momente kollektiver Wissensordnungen aufführen, die von den kulturtheoretischen Praxistheorien systematisiert werden: (1.) ihre Geschichtlichkeit, (2.) ihre Verdichtung in Symbolen, (3.) ihre Bedeutung für die Selbstidentifikation der Akteure und (4.) die Transformation von Wissensordnungen in praktisches Wissen. DIE PRAKTISchE ExPRESSION DES POLITISchEN 158 (1.) In dem Maße, in dem sich soziale Praktiken in verschiedenen historischen Abschnitten unterscheiden lassen, differieren die entsprechenden Wissensordnungen. Zudem lassen sich Praktiken entlang unterschiedlicher Trägergruppen (Kulturen, Klassen, gesellschaftliche Gruppen) und der verschiedenen sozialen Sektoren (soziale Felder) trennen, was auf ihren strikt kontingenten charakter hinweist. Wissensordnungen sind geschichtlich. Ihre Determinante ist die Erfahrung der Akteure, die diese wieder in die Praktik einfließen lassen. Zudem sind Wissensordnungen interkulturell variabel, weil sie die Existenz unterschiedlicher Wissensgemeinschaften ausdrücken (Reckwitz 2000, 574). Statt von einem universalistisch verfügbaren Wissen auszugehen, kann die soziale Ordnung wieder in ihren historisch-kulturellen Kontext gestellt werden. (2.) Die Fokussierung auf die Praktik und die mit ihr verbundene transparente Mobilisierung von kollektiven Sinnmustern hat die Aufmerksamkeit (wieder) auf die öffentlichen Symbole gelenkt (Reckwitz 2000, 574). Symbole werden in Praktiken eingesetzt und rezipiert. Sie präsentieren verschiedenste Gegenstände, Phänomene und Ereignisse, denen die Akteure Bedeutung zuschreiben (Reckwitz 2000, 575). Damit greift der Symbolbegriff in der Praxistheorie weiter als üblich und integriert verschiedenste Dinge. charakteristisch bleibt, dass Symbole eine Bedeutung haben, dass sie in der jeweiligen Öffentlichkeit bekannt sind und von den Akteuren bewusst oder unbewusst verwendet werden. Symbole sind Formen kultureller Artefakte, die an sich keinen immanenten Sinngehalt besitzen, sondern erst durch die Zuschreibung der Akteure (oder Rezipienten) erhalten (Reckwitz 2000, 606). Damit stellen sie Resultate sozialer Rezeptionspraktiken dar, bei denen auf Grundlage routinisierter Sinnzuschreibungen und geteilter Wissensordnungen die Bedeutung der Symbole rezipiert wird. Symbole sind Rezeptionsprodukte (wie alle kulturellen Artefakte), deren Bedeutung abhängig von den Trägern der Praktiken und ihren Sinnordnungen ist. Sie sind in ihrer Bedeutung kontingent. (3.) Die Selbstidentifikation ist ein Ergebnis eigener Bedeutungszuschreibung. Eine solche Zuschreibung erfolgt vor dem hintergrund der Wissensordnung, also der geteilten Sinnmuster. Die eigene Identität existiert nur auf Grundlage der Wissensordnung (den kulturellen Schemata) des Akteurs, womit sich die vorsinnhafte, letztliche Gestalt des Selbst auflöst (Reckwitz 2000, 577). Die Identität bleibt vom kulturellen Umfeld, in dem eine Person lebt und an dessen Wissensordnungen sie teil hat, abhängig. Die Selbst-Interpretation stellt den Mittelpunkt persönlichen allgemeinen Weltverstehens dar, die auch individuelle Wünsche und Emotionen determiniert. Dies einfach deshalb, weil sie vorgibt, was natürlich ist. Damit nimmt die PRAxEOLOGIE UND PRAKTISchES WISSEN 159 Selbstidentifikation einen zentralen Stellenwert innerhalb der gesamten Wissensordnungen ein und hat praxistheoretisch immense Bedeutung: »Die Bereitschaft und Fähigkeit der Akteure, bestimmte Praktiken zu vollziehen, hängt im Kern davon ab, welche Bedeutung sie der eigenen Person zuschreiben, welche personale Identität sie damit besitzen und inwiefern mögliche Praktiken mit dem Selbstverständnis vereinbar wären« (Reckwitz 2000, 577). (4.) Das Wissen wird aus einer intellektualistischen Verkürzung herausgeholt und auf ein praktisches ›knowing how‹ ausgedehnt (Reckwitz 2000, 578). Praktisches Wissen ist methodisches handlungswissen, das Schemata für eine kompetente Teilnahme an Praktiken liefert, wozu neben dem ›Wissen wie‹ auch motivationales Wissen gehört. Dieses Wissen existiert nicht separat von anderen Wissensordnungen, sondern bildet ein besonders routiniertes bzw. automatisiertes Wissen, das nur innerhalb der gesamten Sinnordnungen angewendet werden kann (vgl. Giddens 1995, 393). Ein Akteur braucht die gesamten Wissensordnungen, denn einzelne Praktiken haben nur dann Sinn, wenn die Welt des Akteurs grundsätzlich geordnet ist und er mögliche Kontexte, die meist unbewusst mitgedacht werden, kennt. »Dieses praktische Bewusstsein (practical consciousness) umfasst all das, was handelnde stillschweigend darüber wissen, wie in den Kontexten des gesellschaftlichen Lebens zu verfahren ist, ohne dass sie in der Lage sein müssten, all dem einen direkten diskursiven Ausdruck zu verleihen« (Giddens 1995, 36). Die Zuspitzungen der Praxeologie zum Wissen und die mit ihnen unterstrichene Bedeutung praktischen Wissens fordern die Politische Theorie, die hier mit genuin sozialtheoretischen Problemen umgehen muss, heraus. Insbesondere die Stellung und Wirkungsweise praktischen Wissens nötigen, wie der nächste Abschnitt zeigen wird, zum Umdenken im Zusammenhang von Ordnung und sozialer Struktur. 2.4 Praktisches Wissen In der Betonung des praktischen Wissens sind sich die Praxistheorien einig. Ebenso spielt dieser Aspekt in der Programmatik der Theorie sozialer Praktiken eine herausragende Rolle. Für eine detaillierte Einführung in dieses spezifische, mit den Praktiken verbundene Wissen ist ein Rekurs auf die grundlegende Arbeit von Ryle geboten, der pointiert die Differenzierung von ›knowing how‹ und ›knowing that‹ in die theoretische Diskussion eingeführt hat. Diese Differenzierung »ist der wichtigste Bezugspunkt für die aktuelle philosophische Debatte um praktisches Wissen«, wie Jung anmerkt (Jung 2012, 18). Folgend soll programmatisch im Kontext der Praxeologie die Besonderheit des praktischen Wissens im DIE PRAKTISchE ExPRESSION DES POLITISchEN 160 Anschluss an Ryle rekonstruiert und durch die ebenfalls grundlegende Arbeit von hörning ergänzt werden. hierbei geht es in erster Linie um die Genese eines systematischen Begriffs von praktischem Wissen für einen sinnvollen konzeptuellen Rahmen politischer Strukturen. Die vorhandene Kritik und die notwendigen Erweiterungen werden im nächsten Kapitel eingehender diskutiert. Die Ausführungen im Text von Ryle beginnen mit einer interessanten Feststellung seines Übersetzers. Dieser habe keine dem englischen Original von ›knowing how – knowing that‹ adäquate Wortschöpfung im Deutschen finden können (Ryle 1969, 26 FN 1). Somit werden die Begriffe ›Können und Wissen‹ benutzt, wohlweislich, dass die These von Ryle, wonach das Können eine Art des praktischen Wissens ist, so nicht sprachlich bestätigt werden kann. Ausgehend von dieser Begründung, die nicht weiter kommentiert werden muss, lassen sich zwei bemerkenswerte Punkte für das Verständnis des Ansatzes von Ryle ausmachen: Erstens es gibt einen Unterschied zwischen dem Können, dem dafür notwendigen Wissen und dem Wissen allgemein. Zweitens bedarf es für das Können praktischen Wissens. Mit anderen Worten integriert das Wissen als Oberbegriff das praktische Wissen, das reflexiv mit dem Können verbunden ist. Zur Entfaltung seiner Theorie setzt sich Ryle in einem ersten Schritt von intellektualistischen Zugriffen auf die Beschreibung von Wissen ab. Dummheit ist nicht zu verwechseln mit Unwissenheit, und nur weil die meisten nicht dem wissenschaftlichen Ethos der Wahrheitssuche folgen, sind sie dennoch kluge Menschen. Die meisten Menschen suchen nach alltagstauglichen Abstraktionen und Theorien, die häufig unausgesprochen in inneren Monologen erörtert werden. »Unsere Gedanken für uns zu behalten ist eine hochentwickelte Eigenschaft« (Ryle 1969, 29). Dementsprechend bemüht sich Ryle, das praktische Wissen gegenüber dem intellektuellen Wissensbegriff zu rehabilitieren. Er zeigt, dass gerade das praktische Wissen für das Können wichtig und hinsichtlich seines Status keineswegs minderwertig ist.16 Intelligentes handeln zeichnet sich durch die Einhaltung von Regeln aus, die in der Praxis durch Beispiele und Kritik sowie zumeist ohne theoretische Unterweisung vermittelt werden (Ryle 1969, 48). Das Vermögen zur Anwendung von Regeln wird durch Übung vermittelt, was aber kein bloß stures adaptives Lernmodell evoziert. Dieses zielt nach Ryle auf Abrichtung, die er von Ausbildung abgrenzt. »Abrichtung verzichtet auf Intelligenz, Ausbildung entwickelt sie« (Ryle 1969, 51). Um diese Abgrenzung zu begründen, differenziert er zwischen Gewohnheiten und Fähigkeiten. Gewohnheiten 16 Er arbeitet sich dezidiert an dieser, seiner Meinung nach, intellektualistischen Legende ab, wonach das »Können an das Wissen mithilfe des Argumentes anzugleichen« und alles handeln immer zuerst als ein »bisschen Theorie und dann ein bisschen Praxis« auszudeuten (Ryle 1969, 32). PRAxEOLOGIE UND PRAKTISchES WISSEN 161 sind schlichte Wiederholungen, die auferlegt und befolgt dem Akteur einen programmatischen Verhaltensablauf stiften, das er wie bei einer Dressur erlernt (Ryle 1969, 51). Demgegenüber gründen Fähigkeiten bis zu einem bestimmten Punkt auch in Gewohnheiten, die durch bloßes Abrichten erlernt werden, aber darüber hinaus auch in der Anregung der Urteilskraft, woraus keine bloße Wiederholung mehr folgt, sondern denkendes Tun. Das denkende Machen im Sinne einer Ausbildung fordert eine stetige Unterweisung der handlungen und eine notwendige Auseinandersetzung mit dem Sinn der handlung auch in Bezug auf mögliche Verbesserungen (Ryle 1969, 51). Die einfache Struktur der Gewohnheiten begrenzt zudem mögliche Dispositionen, die in diesen handlungen verwirklicht werden können. Dispositionen sind Eigenschaften, die in Dispositionsbegriffen ausgedrückt werden. Eine dispositionelle Eigenschaft wird durch einen Bedingungssatz geformt, der deutlich macht, dass unter bestimmten Bedingungen eine Eigenschaft wahrscheinlich ist.17 Nun existiert aber eine große Zahl an Dispositionen, die sich in vielen bzw. unbeschränkten Formen mannigfaltig verwirklichen können. Bezogen auf die Unterscheidung von Gewohnheiten und Fähigkeiten konstatiert Ryle im Kontext der Dispositionen, dass einfache, »eingleisige« Dispositionen nur in Gewohnheiten manifestiert werden können. Dahinter stehen bestimmte Dispositionsbegriffe, wohingegen die meisten Dispositionen, mit denen der Mensch konfrontiert ist, nur »bestimmbare Begriffe« sind (Ryle 1969, 52). Solche mit vielfältiger Logik ausgestattete Dispositionen sind Teil des Könnens. Sie werden durch die Befolgung »von Regeln oder Richtlinien oder der Anwendung von Kriterien ausgeübt« (Ryle 1969, 56). Die Rationalität hinter der erfolgreichen Ausbildung und Entwicklung von Fähigkeiten besteht in der konsequenten Vermittlung von Praxis und Regeln der Praxis. Dazu denkt der praktisch Agierende methodisch, d. h. in einer angemessenen Methode, ohne aber die Vorschriften einer Methodologie zu bemühen (Ryle 1969, 58). Eine Beurteilung der Praxis folgt aus den Regeln, die leitend, aber nicht extern determiniert sind. »Die Regeln, die er [der Akteur – J. K.] befolgt, sind seine Art zu denken geworden, wenn er sorgfältig denkt; sie sind nicht äußerliche Anweisungen, mit denen er seine Gedanken in Einklang bringen muss« (Ryle 1969, 58). Das Kriterium der Beurteilung ist die Wirksamkeit. Eine Tätigkeit wirksam tun impliziert, dass etwas auf eine bestimmte Weise getan wird bzw. im bestimmten Stil oder nach einem spezifischen Verfahren, wodurch dieses »modus operandi« mit dispositionell-episodischen Beiwörtern wie »wachsam, sorgfältig, kritisch, genial, logisch« beschrieben werden kann (Ryle 1969, 59). Eine Voraussetzung dafür ist 17 Ryle nutzt dafür das Beispiel der Zerbrechlichkeit eines Glases. Wenn etwas zerbrechlich ist, dann wird es wahrscheinlich in Stücke springen (Ryle 1969, 52). DIE PRAKTISchE ExPRESSION DES POLITISchEN 162 das Verständnis der Regeln, nach denen etwas getan wird.18 Gewiss ist das Verständnis von Regeln nicht mit dem Können gleichzusetzen. Einerseits, darauf verweist Ryle, ist es möglich, dass ein Akteur Regeln gut versteht, sie aber nicht erfolgreich umzusetzen in der Lage ist. Andererseits ist das Verstehen selbst ein Können, wofür er ein bestimmtes Maß an Kompetenz benötigt (Ryle 1969, 67 f.). Zusammenfassend lassen sich die Ausführungen von Ryle zum Verständnis des praktischen Wissen so zuspitzen: Der Mensch greift in seinem täglichen Agieren in der Welt auf hochentwickeltes Regelwissen zurück, das seine Fähigkeiten, im Rahmen bestimmter Regeln offen und denkend tätig zu werden, begründet. Dieses methodische Regelwissen eignet sich der Mensch in einer praktischen Ausbildung an. Das Wissen kann durchaus abstrakt und theoretisiert sein. Zudem muss es nicht vollkommen ausformuliert werden. Da es hier nicht um einfache Verhaltensroutinen geht, sondern um die interpretationsbedürftige Umsetzung komplexer Dispositionen, ist der Akteur immer auch kreativ tätig. Diese Kreativität des praktischen handelns wird auch von hörning differenziert beschrieben. Das praktische Wissen bezieht sich auf das »Gewusst-wie« als praktische Fähigkeit und ist vom »Gewusst-dass« zu differenzieren, wobei letzteres gegenüber praktischem Wissen eine konkrete Ausformulierung bzw. ein begründeter »theoretischer Ausdruck einer solchen Fähigkeit« ist (hörning 2001, 226 f.). Durch Etablierung und Routinierung sozialer Praktiken, was immer auf eine zumindest zeitweise erfolgreiche Organisation sozialen Lebens hinweist, wird das praktische Wissen über die Träger der Praktiken weitergegeben. Damit werden Regeln etabliert, die anzeigen, wie in einer entsprechenden Situation angemessen verfahren wird. So entsteht ein Schleier der Normalität, eine für den in den Praktiken partizipierenden Menschen sinnhafte Welt. Der Effekt dieses Schleiers ist die größtenteils nicht mehr hinterfragte Anwendung dieses Wissens (vgl. hörning 2001, 227). Durch die Anwendung des praktischen Wissens mit seiner spezifischen Struktur können nach Ansicht hörnings soziale Praktiken von anderen Verhaltensweisen unterschieden werden. Praktisches Wissen ist »intersubjektiv geformt, kollektiv erworben und eingespielt und entwickelt«. Demnach kann es nicht mit bloßen Regelanwendungen oder schlichten »Verhaltensgewohnheiten« verglichen werden (hörning 2001, 227). Um diesen spezifischen Status des praktischen Wissens und der Praktiken sauber herauszuarbeiten, muss verdeutlicht werden, dass erstens das praktische Wissen selbst in einem Kontext relationiert ist und dass es zweitens nicht statisch ist. Die komplexe Struktur des praktischen Wissens hebt es gegenüber 18 »Deshalb ist ein gewisses Verständnis von Sätzen zur Erwerbung all dieser Fähigkeiten nötig. Aber daraus folgt nicht, dass die Ausübung dieser Fähigkeiten von der Ausübung des Satzverständnisses begleitet sein muss« (Ryle 1969, 60). PRAxEOLOGIE UND PRAKTISchES WISSEN 163 dem einfachen Regelwissen ab. Zudem ist es durch seinen stetigen Vollzug und seine dauernde Aktualisierung ein transformierbarer Wissensbestand. Im Gegensatz zu einfachem Regelwissen, Regelkompetenz nach hörning, das mit Methodenbeherrschung im Sinne eines »Sich-kognitivauf-etwas-Verstehen« antizipiert werden kann, ist das praktische Wissen »ein kollektiv geteiltes kulturelles Wissen, das Kriterien und handlungsziele ausbildet, die in die Praktiken einfließen und so bestimmte handlungszüge nahelegen, andere als unangemessen ausschließen und wieder andere gar nicht in den Sinnhorizont des handelnden gelangen lassen« (hörning 2001, 228). Das praktische Wissen nimmt Bezüge zu kollektiven Wissensordnungen auf und entfaltet ein komplexes Regelungsfeld. Es benötigt einen größeren übersituativen Zusammenhang, ist also abhängig von Erfahrungen und kollektiv geteilten Interpretationen. Neben der notwendigen Einbettung praktischen Wissens in soziale Wissensbezüge, die es prägen, ist es zudem stetigen Veränderungen unterworfen. Soziale Praktiken sind in ihrem Vollzug irritierbar und offen an neue Bedingungen anpassbar. Dementsprechend wird das praktische Wissen durch Innovation und Kreativität weiterentwickelt.19 Es fungiert an der Schnittstelle von kollektiven Wissensordnungen und der situativen Bearbeitung von handlungserfordernissen und vereint reflexiv beide Ebenen. Im praktischen Wissen äußern sich die kulturellen Kontextbedingungen des handelns, die wiederum durch den Wandel der Praktiken und des praktischen Wissens verändert werden. Das stetig aktualisierte, angepasste und neu erfundene praktische Wissen bildet trotz seiner Abhängigkeit von kollektiven Wissensordnungen und Interpretationsschemata eine Art ›Feedback-Schleife‹ zu diesem Wissen, wodurch sich die kollektiven Wissensbestände durch den Vollzug der Praktiken verändern. Die Spezifika des praktischen Wissens mahnen an, seinen Status hinsichtlich der sozialen Ordnungsbildung sensibel zu beurteilen. Einerseits darf es nicht als bloß unreflektiertes Anwendungswissen abgewertet werden. Andererseits muss vor einer voreiligen Aufwertung praktischen Wissens gegenüber sozialen Regelstrukturen, die zu einer Idealisierung der praktischen Vernunft beiträgt, gewarnt werden (hörning 2001, 229). Es ist fehlbar und fehleranfällig, wodurch Plausibles verkannt werden kann (hörning 2001, 231). So ist es nicht möglich, dem praktischen Wissen genuine Evalutionskriterien zuzuweisen. »Es ist ein Vermögen, das sich aus der Fülle des Alltags und seiner Kontingenzen ›Urteilskraft‹ herausbildet und von Aristoteles als ›praktische Klugheit‹ (phronêsis) dargestellt wird« (hörning 2001, 235). 19 Zu den Aspekten der Kreativität des handelns vgl. Joas 1992, 372. DIE PRAKTISchE ExPRESSION DES POLITISchEN 164 2.5 Die praktische Ordnung Am Ende dieser Einführung in die Praxeologie sollen deren wesentliche Eckpunkte im Kontext von Ordnung problematisiert werden. Ordnung ist praxeologisch gesehen ein vielgestaltiger Nexus verschiedener Praktiken (Schatzki 1996, 172). Die Praktiken arrangieren den Kontext für die Ordnung. Vor dem hintergrund der sich in den Praktiken ermöglichenden Relationierungen können bestimmte Beziehungen ausgebildet und sanktioniert werden. Mit anderen Worten sind Menschen erst durch die Praktiken in der Lage, verschiedene Formen von Arrangements als Basis von Strukturen zu gestalten. Kausale, räumliche, intentionale Beziehungen und die Präfigurationen sind Teile sozialer Praktiken, wie auch die Bestimmung von Identitäten und Bedeutung nur in den Praktiken ermöglicht wird (Schatzki 2002, 96 ff.). »The relations among, meanings of, and, hence, positions of, the components of social orders are beholden, above all, to the doings and sayings that composes practices, in conjunction with practice organizations« (Schatzki 2002, 101). Wo folglich das Politische und seine Ordnung die reflexive Ermöglichungsstruktur des Zusammenlebens sind, organisieren die Praktiken diese Struktur sozial. Die Politische Ordnung ist Teil des Wissens, das erst durch die Praktiken möglich und zudem in den Praktiken materiell wird. Soziale Praktiken machen dieses Wissen in den zwischenmenschlichen Beziehungen relevant, indem die Ordnung durch die Menschen selbst verkörpert wird. Es geht um eine habitualisierung von Ordnung, wie Waldenfels im Anschluss an Bourdieu herausstellt (Waldenfels 1987, 79). Praktiken sind deshalb einverleibte Strukturen, deren Erwerb ein Können ist, das über jedes Kennen hinausgeht, bestimmte Abläufe und Möglichkeiten zulässt, wie es zum Verlernen anderer Möglichkeiten anleitet (Waldenfels 1987, 79 f.). Zwei Punkte sind hier von Bedeutung: die Frage nach der Stabilität und den Bedingungen des Wandels einer Ordnung im Kontext der Praktiken.20 Praktiken neigen zur Stabilität, da deren Träger problemlos das einmal vermittelte und inkorporierte praktische Wissen immer wieder neu anwenden (Reckwitz 2003, 294). Das handeln ist kein singulärer Akt, kein Resultat intentionaler Einzelhandlungen, sondern das Ergebnis von Praktiken und deren Reproduktion: »actions presuppose practices« (Schatzki 2002, 96). Werden Praktiken erst mal erfolgreich angewendet und reproduziert, scheint Ordnung stabil zu sein und relativ geschlossen fortgeführt zu werden (Reckwitz 2003, 294). Daneben scheint ein weiterer Aspekt den hang zur Stabilität von Ordnung in Praktiken zu 20 Die beiden Punkte wurden von mir auch an anderer Stelle problematisiert (Knobloch 2006, 81 ff.). PRAxEOLOGIE UND PRAKTISchES WISSEN 165 begründen: die Schematisiertheit der Verstehens. Die praktisch erprobte Wissensordnung bietet Akteuren bewährte Formen zur Interpretation der Welt (Reckwitz 2000, 620). Damit provoziert die im Wissen aktualisierte Ordnung bestimmte Verstehensweisen, die durch die Praktiken vorselektiert werden, was zu einer Wiederholung führen kann. Mit den auf eine stabile Reproduktion von Praktiken hinauslaufenden Elementen der Praxistheorie scheint alles auf eine Statik sozialer Ordnung hinzuweisen. Einmal etablierte Praktiken stellen geschlossene Systeme her, die sich nicht wandeln können. hier gibt es eine in der Theorie sozialer Praktiken angelegte Vorliebe für die Erklärung stabiler Ordnung. Andererseits wird aber die Fähigkeit zum Wandel konzeptualisiert (Reckwitz 2003, 294). Die Offenheit des Vollzugs von Praktiken evoziert Möglichkeiten des Misslingens, was zu Neuinterpretationen und Konflikten führen kann (Reckwitz 2003, 294). Begründet wird die Unberechenbarkeit und Offenheit der Praktiken durch (Reckwitz 2003, 294 ff.): 1. Kontextualität: Es kann unterstellt werden, dass die in einer Praktik involvierten Menschen genug Wissen mobilisieren können, um sämtliche Eigenschaften des Kontextes aufzuklären. Die mögliche ›Überraschung des Kontextes‹ z. B. in Form neuer Artefakte kann die Routine stoppen und eine Praktik misslingen lassen (Reckwitz 2003, 294 f.). 2. Zeitlichkeit: Eine Praktik wird zeitlich vollzogen, womit sich der Möglichkeitsraum für Ungewissheit öffnet und ein Potenzial der Sinnverschiebung bietet. Beim zeitlichen Vollzug kann ein partizipierender Akteur nicht wissen, ob der Vollzug so erneut möglich ist oder ob sich nicht der Bedeutungsgehalt einer Praktik und ihres Wissens verändert (Reckwitz 2003, 295). Geschieht dies, wird die Routine einer Praktik herausgefordert, hinterfragt und möglicherweise verändert. 3. Komplexhaftigkeit: Soziale Ordnung besteht aus einem Nexus von verschiedenen Praktiken mit mannigfaltigem charakter (Schatzki 1996, 172). Sie sind lose gekoppelt, was eine potenzielle Widersprüchlichkeit einzelner Praktiken nicht ausschließt (Reckwitz 2003, 295). Diese Komplexe bilden eine Quelle von ›Agonalität‹, indem unterschiedliche soziale Logiken miteinander konkurrieren und interpretative Mehrdeutigkeiten aufeinandertreffen. 4. Strukturelle Interferenz: In den Trägern der Praktiken können unterschiedliche Wissensordnungen gleichzeitig vorhanden sein, die möglicherweise wegen ihrer Inkompatibilität miteinander um die Interpretation gleicher Situationen konkurrieren (Reckwitz 2000, 628). hier resultiert die Unberechenbarkeit aus der Struktureigenschaft des Subjekts als heterogenem Wissensbündel. Es ist Träger differenzierter Verhaltens- und Wissenskomplexe sozialer Praktiken, deren DIE PRAKTISchE ExPRESSION DES POLITISchEN 166 Nichtübereinstimmung, heterogenität und Inkommensurabilität eine potenzielle Transformationsquelle der Praktik darstellt (Reckwitz 2003, 296). Durch diese Aufzählung wird klar, dass nicht nur eine stabile Ordnung durch die Praktiken ermöglicht wird, sondern ebenso die Wandlungsfähigkeit von Ordnung eine chance besitzt. In der Praxeologie greifen beide Dynamiken ineinander. Schatzki formuliert diese Interdependenz so: »There is no question of either stability or change« (Schatzki 2002, 254). Denn es ist nicht die Frage, ob Praktiken und Ordnungen stabil sind oder sich verändern, sondern ob sie sich stärker oder weniger stark verändern bzw. ob sie mehr oder weniger stabil sind (Schatzki 2002, 254 f.). 3. Das ›Know-how‹ des Politischen Im letzten Schritt dieses Teils geht es um die Zusammenführung des aus dem vorangegangenen Kapitel entwickelten Zugangs zum Politischen und des praxeologischen Konzepts. Durch die Einführung der Praxeologie wurde deutlich, dass bei der praktischen Expression der Ordnungsproblematik des Politischen drei Dinge eine wichtige Rolle spielen: die implizite Logik der Praxis, die Materialität der Praktiken und die Ambivalenz sozialer Ordnungsbildung zwischen Routine und ihrer Unterbrechung. Von diesen drei sozialtheoretischen Einsichten wurde von uns insbesondere die implizite Logik durch die Ausführungen zum praktischen Wissen unterstrichen. Im Folgenden werden die Auswirkungen der Sozialtheorie auf das entwickelte Konzept der Politischen Ordnung systemisch dargestellt. Neben der Diskussion bestimmter Anpassungen wird es vor allem um die Auseinandersetzung mit der impliziten Logik gehen. Weil aber nicht nur die Ordnungsproblematik zum Eigensinn des Politischen gehört, sondern primär ihr normativer charakter diesen konstituiert, wird sich unsere Auseinandersetzung auch auf die normativen Implikationen der Praxeologie konzentrieren. 3.1 Strukturelle und definitorische Anpassungen Durch die Einführung der Praxeologie wird die bisher vorgenommene Konzeptualisierung von politischen Strukturen angehalten, ihre Annahmen und Systematisierungen anzupassen bzw. zu präzisieren. Den Ausgangspunkt stellen die drei systematisierten Annahmen der Praxeologie dar. Dies waren Zeitlichkeit, Körperlichkeit und Materialität von Praktiken, die nun auf die drei im Kontext der politischen Strukturen wichtigen Ebenen projiziert werden: die der Politischen Ordnung, die der sozialen Strukturen Politischer Ordnung sowie die der unterschiedlichen DAS ›KNOW-hOW‹ DES POLITISchEN 167 Arten von politischen Strukturen. Zusammengefasst ergeben sich daraus drei notwendige strukturelle und definitorische Anpassungen für unser Konzept in Bezug auf: (1.) die von der Theorie sozialer Praktiken konstituierte Einheit von Wissen und Praxis, (2.) den praxeologischen Strukturbegriff sowie (3.) das Verhältnis von Institutionen und Praktiken. Alle drei Aspekte werden nachfolgend vor dem hintergrund der im vorangegangenen Teil entwickelten einfachen Schematisierung diskutiert. (1.) Durch die Theorie sozialer Praktiken wird der Dualismus von Körper und Geist oder von Körper und Wissen aufgelöst. Im Rahmen unserer Schematisierung des Zusammenhangs von Politischer Ordnung und ihren sozialen Strukturen konnten wir mit der Differenzierung von Wissen und Aktivitäten operieren. Dadurch ließen sich einerseits der Zusammenhang von Ordnung und Struktur geradezu unikausal modellieren sowie andererseits die unterschiedlichen Manifestationen von Ordnung in diesem Prozess gut verorten. Durch die Vereinigung von Körper und Wissen innerhalb der Praktiken muss diese Schematisierung überdacht werden. Statt der Differenzierung laufen die Aspekte des Wissens und der Aktivitäten wie auch der sozialen Aktivitäten in den einzelnen Praktiken und ihren Komplexen zusammen. Es werden in den Praktiken der politischen Strukturbildung Sinnelemente, Probleme der Aktivitäten und der sozialen Aktivitäten simultan mobilisiert. Einfache kausale Schlüsse über das Wechselverhältnis von Sinn und Praxis sind so schwer zu ziehen. Praktiken konstruieren vielmehr einen dynamischen, immer nur zeitlich beschränkten Zusammenhang von Wissen und körperlichen Aktivitäten, wobei der Körper Träger des Wissens ist, d. h. dieses erst durch ihn an Relevanz gewinnt. Somit muss der gesamte schematische Schritt zwischen Politischer Ordnung, an deren Wirkung sich nichts verändert hat, und den Strukturen als stetiger Vollzug von Praktiken gedacht werden. In den Praktiken fließen die drei Formen der Ordnung, also ihre Manifestation als Status, Modus und Prozess, zusammen. Es geht folglich nicht mehr nur um den hinweis, dass Ordnung in allen drei Formen für die soziale Strukturierung von Bedeutung ist, sondern dass in der sozialen Praxis die drei Formen stetig transformiert werden. Weil sich Menschen hermeneutisch die Welt aneignen und diese Aneignung wiederum Teil der Praktiken ist, verändert sich die Wirkungsweise von Ordnung als Wissen erheblich. Wie beschrieben, ist der Bezug zum Wissen und damit zur Politischen Ordnung ein Prozess stetiger »Produktion, Fixierung und Transformation von Zeichen und Bedeutungen« (Keller 2011, 60). Nicht, dass sich dadurch die drei Formen von Ordnung in den Praktiken aufheben, mitnichten, aber sie treten in ein stark reflexives Verhältnis. Im Rahmen von Praktiken wird Ordnung nicht einfach als Status abgerufen, sondern stetig situativ praktikabel gemacht, wobei sie sich im Alltag bewähren muss. Zudem wird das Wissen DIE PRAKTISchE ExPRESSION DES POLITISchEN 168 im Vollzug der Praktiken neu interpretiert und gegebenenfalls verändert. Eine Ordnung verliert ihren Status, wenn sie keine Relevanz in den Aktivitäten hat. Dann besitzt sie keine Substanz mehr, wird ausgehöhlt und ist bestenfalls ein irrelevantes Symbol. Die Einheit von Wissen und Praxis dynamisiert die Politische Ordnung und macht sie zu einem praktischen Prozess, in dem sich immer nur temporär analytisch die einzelnen Formen der Ordnung separieren lassen, bevor sie in den Praktiken wieder in Fluss geraten. Politische Ordnung wird in den Praktiken zirkulär in den drei verschiedenen Formen relevant und stetig transformiert. Schließlich verweist die Einheit auf die Notwendigkeit der körperlichen Präsentation von Politischer Ordnung: Ohne die Körper und ihr öffentliches Agieren lässt sich Politische Ordnung weder beobachten noch ist so auf ihre soziale Relevanz zu schließen. (2.) Im Kontext der Praxeologie wird ein besonderer Strukturbegriff entwickelt.21 Soziale Praktiken schaffen spezifische soziale Eigenlogiken, deren Strukturen sich objektivieren lassen (Bongaerts 2003, 47). In der Konstitution sozialer Praktiken werden Regeln und Regelmäßigkeiten transparent, welche die soziale Ordnung beeinflussen und herausgestellt werden können. Unproblematisch ist ein solcher praxeologischer Strukturbegriff indes nicht, da er zwei besondere charakteristika aufweist (vgl. Reckwitz 2003, 298 f.): die Reflexivität und Dualität der Strukturen. Die Reflexivität folgt aus der praktischen Perspektive. Der analytische Fokus bezieht sich auf die Relationen, in welche die einzelnen individuellen Akteure eingebunden sind und die ihr Verhalten mitbestimmen. Diese strukturierenden Relationen führen gleichzeitig zu den Bedingungen, unter denen die die Praktiken anleitenden Dispositionen erworben wurden, wie auch zu den Problemen ihrer Aneignung, ihres Bestandes und ihrer Modifikation. Indem Menschen in solchen Relationen aktiv werden, determinieren diese zwar ihr Verhalten, unterliegen jedoch auch selbst einer Veränderung. Reflexiv bedeutet demnach, dass Strukturen dem Verhalten vorausgehen, das diese anschließend verändern kann (Giddens 1995, 77). Die Dualität bezieht sich auf die Funktionsweise der Praktiken. Einerseits strukturieren soziale Praktiken die Welt, indem sie Regeln manifestieren, an die sich die Partizipierenden halten müssen. Der Praxisansatz zeigt, woher diese Regeln kommen, wie sie als Resultat der kollektiven Sinnmuster in der subjektiven Sinnzuschreibung zur Anwendung gelangen. Andererseits werden verschiedene ›Konstanten‹ ermittelt, wie die Existenz materieller Artefakte oder die Verfügbarkeit praktischen Wissens, die einen entscheidenden Einfluss auf das Verhalten haben. Dualität zielt dabei nicht auf die einfache Differenz von Regeln und Regelmäßigkeiten ab, sondern auf die Gleichzeitigkeit von materiellen und 21 Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf Knobloch 2006, 83 ff.; Knobloch 2013. DAS ›KNOW-hOW‹ DES POLITISchEN 169 nicht-materiellen Aspekten der Struktur. Für den Zusammenhang von Ordnung und sozialen Strukturen sowie für die in den Strukturen manifestierten Regelungen hat dies Auswirkungen. Politische Normen als Verbots- und Gebotsregeln sowie Konventionen als Vorkehrungs- und Verfahrensregeln bekommen durch die Theorie sozialer Praktiken eine neue Form. Es sind nun Praktiken, die unabhängig vom jeweiligen Regelungsinhalt immer nur temporären Bestand haben und sich exklusiv im körperlichen Verhalten beobachten lassen. Regeln sind Performanzen der sozialen Praxis, deren formale Form eine von vielen ist. Diese expliziten Regelungen, die sich selbst als solche verstehen, sind das Resultat reflexiver Praktiken, die wichtig sind, aber die soziale Praxis von Strukturen nicht erschöpfend präsentieren. Neben diesen expliziten Sonderformen existieren eine Reihe anderer Regeln, die im Sozialen den gleichen Status besitzen. (3.) Mit dem Praktikenbegriff verbindet sich ein Ansatz, der den anderen sozialen Strukturen vorgelagert ist. In dieser hinsicht bestehen alle sozial relevanten Strukturen aus Praktiken. Institutionen oder soziale Felder lösen sich in Komplexe und Sequenzen von sozialen Praktiken auf, weshalb ihre Untersuchung einen »quasi-ethnologischen Blick« hinter die selbstverständlich gewordenen Kulissen der sozialen Ordnung ermöglicht (Reckwitz 2003, 298). Damit lassen sich auch die von uns in den Fokus politischer Strukturen genommenen Regelsysteme der Institutionen und politischen Gesellschaften als Arrangements verschiedener Praktiken auffassen. Doch fungieren dann diese Regelsysteme lediglich als Summe von Praktiken, die in ihren Einzelheiten beschrieben werden müssen, oder bildet sich durch die Verbindung von Praktiken eine höherwertige, weil neue Struktur? Gehen wir vom zweiten Fall aus, dann bieten sich in der Literatur zwei konzeptuelle Möglichkeiten an. Da ist zum einen das Konzept des sozialen Feldes. Dieser insbesondere durch die Arbeiten von Bourdieu bekannte Begriff konstituiert im Gros der sozialen Beziehungen einen abgeteilten Raum, einen »autonomen Mikrokosmos«, in dem ein eigenes Gesetz im Sinne eigenständiger, von anderen unterscheidbaren Regeln besteht (Bourdieu 2001, 41). Das Feld ist autonom gegenüber der üblichen sozialen Welt. Es hat eine eigene operative Logik, die für die im Feld agierenden Akteure zur bestimmenden Logik ihrer Aktivitäten und Beziehungen wird (Bourdieu 2001, 47). Zudem konstituiert ein Feld auch seine Grenzen, die es von anderen Feldern und der sozialen Welt im Allgemeinen abtrennen, wobei die entscheidende Frage ist, wer dazugehört und wer nicht (Bourdieu 2001, 50). Somit entwickelt sich auch historisch ein politisches Feld mit eigenen Regeln und Differenzierungen der Zugehörigkeit. Bourdieu legt besonderen Wert auf die Kämpfe im politischen Feld, die immer zugleich Kämpfe um die Grenzen des Feldes sind, wobei der Kampf um die Grenzen zugleich der Einsatz in den politischen Kämpfen ist (Bourdieu 2001, DIE PRAKTISchE ExPRESSION DES POLITISchEN 170 60). Ein Feld ist folglich nicht nur eine Strukturierung von Unterschieden in den Gesellschaften, sondern immer auch »ein Kraftfeld, das für die in ihm engagierten Akteure eine zwingende Notwendigkeit besitzt, und als ein Feld von Kämpfen, in dem die Akteure mit je nach ihrer Position in der Struktur des Kraftfeldes unterschiedlichen Mitteln und Zwecken miteinander rivalisieren und auf diese Weise zu Erhalt oder Veränderung seiner Struktur beitragen« (Bourdieu 1998, 49 f.). Wir wollen im Gegensatz zum Feldbegriff jedoch die Lücke zu neueren Institutionsansätzen schließen.22 Deshalb gehen wir von Arrangements von Praktiken der Regelbefolgung aus, die ab einer bestimmten Dichte als Institutionen verstanden werden.23 Arrangements von Praktiken müssen manifest, hinreichend verdichtet und über größere Zeiträume existent sein, um eine institutionelle Gestalt erlangen zu können (Schönrich 2004, 89 ff.). Das bedeutet, Institutionen sind nicht mehr nur reine Praktiken, sondern erfahren durch ihre Manifestation und Verdichtung eine Symbolisierung, d. h. Institutionen organisieren eine interdependente Relation von Praktiken und Symbolen (Friedland/Alford 1991, 248). Sie trennen sich vom unmittelbaren handlungskontext und stellen Lösungen auf der gesamtgesellschaftlichen handlungsebene dar (Knoblauch 1995, 60). Institutionell gewordene Arrangements von Praktiken organisieren soziale Interaktionen und soziales handeln, indem sie umfangreiche Bezugssysteme ausbilden (Wagner 1995, 46). Die Bedeutung von Institutionen als gesellschaftlichen Regelstrukturen ist zudem in ihrem Bezug zu einer Sachlogik relevant. Diese Logik bildet analog zum Feld den Fokus der Institutionalisierung, die wiederum einen Möglichkeitsraum schafft, durch den die Menschen durch die Partizipation in diversen Praktiken in der Welt aktiv werden. »The routines of each institution are connected to rituals which define the order of the world and one’s position within it, rituals through which belief in the institution is reproduced« (Friedland/Alford 1991, 250). Zusammengenommen produziert die praxistheoretische Irritation unseres Schemas drei herausforderungen: Erstens ist Politische Ordnung als spezifische Wissensordnung als stetige performative Aktualisierung ihrer Formen in den Praktiken präsent. Die simultane Bedeutung der drei Formen von Ordnung löst sich in der Theorie sozialer Praktiken in einen performativen Zirkel auf. Ordnung, ordentlich und Ordnung-Machen sind Elemente eines sich stetig wiederholenden Prozesses – der Praxis der Praktiken. Zweitens sind politische Regeln, wenn sie als Praktiken verstanden werden, reflexiv und integrieren materielle und immaterielle 22 Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf Knobloch 2006, 115 ff. 23 Verdichtung insistiert auf die ausreichend komplexe Vorgabe praktischen Wissens, symbolischer Ordnung und Techniken, die zur Repetitivität von handlungsmustern beitragen (vgl. Reckwitz 2004a, 15 f.). DAS ›KNOW-hOW‹ DES POLITISchEN 171 Elemente. Ihre Engführung auf explizite Normen wird durch die Theorie sozialer Praktiken gesprengt. Drittens verbinden sich Praktiken vor dem hintergrund bestimmter Sachprobleme zu Komplexen von Praktiken, die sich temporär zu stabilen Regelbefolgungspraxen entwickeln können. 3.2 Praxeologie und die modale Form der Ordnung Nehmen wir erneut die durch die Theorie sozialer Praktiken notwendig gewordenen Anpassungen der Politischen Ordnung in den Blick, dann ist das Ergebnis scheinbar unspektakulär. Eine Politische Ordnung regelt den Zusammenhang des kollektiven Zusammenlebens, indem sie als Teil einer kollektiv geteilten Wissensordnung diesen Zustand für alle in die Praktiken involvierten Menschen präsentiert und zur Verfügung stellt. Als sanktioniertes Erfahrungswissen ist sie Ergebnis kollektiver Aktivitäten, d. h. sie ist die Praxis der Praktiken und somit der Prozess der Ordnung. Die Praktiken selbst und ihr Potenzial, allen Menschen, die in den Praktiken partizipieren, gleichartige Aktivitäten zu ermöglichen, verweisen auf den Modus der Ordnung. Mit anderen Worten statten Praktiken Menschen mit Kompetenzen aus, die, wenn sie den Bereich der Politischen Ordnung betreffen, anzeigen, was in einer Gesellschaft, in einer sozialen Gruppe ordentlich ist.24 Weil aber die Praxeologie diesen Bereich besonders betont, indem sie die immense Bedeutung des ›Know-how‹ für die soziale Ordnung unterstreicht, kann davon ausgegangen werden, dass die Konsequenzen für die modale Form des Politischen herausragen. Traditionell steht der Status der Politischen Ordnung im Mittelpunkt der Politischen Theorie, die sich so auf die immanent normative Kritik an diesen symbolisierten Zuständen der Beziehungen zwischen den Menschen konzentrieren konnte. Die Praxeologie läutet hier eine Perspektivenverschiebung ein, welche die Kraft des Modus der Politischen Ordnung in seiner Alltäglichkeit betont. Statt normativer Zustände oder deren kollektiver Produktion wird mit der praxistheoretischen Sensibilisierung der Routine und der praktischen Kompetenz in ihren Wirkungen zur Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung auf die notwendige Leistung ordentlicher Verhaltensweisen des Menschen Wert gelegt. Bisher dominierte in der Politischen Theorie implizit die Fokussierung auf den Status der Politischen Ordnung. Die Existenz der idealistischen Theorie wird nur dank dieser Einengung der Perspektive möglich. Ebenfalls beruht die Diskussion der politischen Implikationen der Diskursethik von habermas auf der Verabsolutierung des Status von Ordnung. Auf der anderen Seite konzentriert sich ein Großteil der politischen Theorien, 24 So auch Millar: »Participating in a practice incurs a commitment to following its governing rules« (Millar 2004, 85). DIE PRAKTISchE ExPRESSION DES POLITISchEN 172 insbesondere in ihren steuerungs- und governancetheoretischen Varianten, auf die prozessuale Dimension. Zumeist blenden sie wissentlich die Bedeutung des Status Politischer Ordnung aus, was ihnen den Vorwurf der normativen Blindheit einbringt (vgl. Knobloch 2011, 7). Der Modus Politischer Ordnung spielt indes in keiner der prominenten Theorien eine Rolle, wird aber nun gerade durch die Praxeologie in den Mittelpunkt gerückt. Doch es ist nicht der Modus allein, der durch den Ansatz der sozialen Praktiken an Bedeutung gewinnt. Die Praxeologie macht hier nicht den gleichen Fehler wie andere Ansätze und schränkt ihre Perspektive auf nur eine Form ein. Erst die Beobachtung gleichförmiger sozialer Praktiken, als Ausdruck der erfolgreichen Partizipationen von Menschen in Praktiken, lässt die Möglichkeit eines Zustandes Politischer Ordnung Wirklichkeit werden. Wenn diese Praktiken in einer sozialen Koexistenz über längere Zeiträume reproduziert werden können – was wiederum in seiner prozessualen Dimension problematisiert wird –, dann besitzt Ordnung einen Status. Der erfolgte hinweis auf die zirkuläre Verbindung der drei Formen schließt eine hierarchisierung zwischen ihnen aus. Jetzt steht nicht der Modus an der Spitze einer Kausalkette der drei Formen. Stattdessen könnte man von einer Drehung des Bedeutungsverhältnisses der Formen von Ordnung sprechen. Im Mittelpunkt steht der Modus von Ordnung, der jedoch gleichsam dahingehend problematisiert wird, dass erst die erfolgreiche Reproduktion der modalen Form Politischer Ordnung letztlich als ein Prozess aufgefasst werden muss, der die Ordnung herstellt. Es ist nicht so, dass die einmal explizit erfolgte Institutionalisierung von Regeln eine Politische Ordnung sozial konstituiert, sondern es ist der Erfolg der modalen Form von Ordnung, die anschließend als stetiger Prozess der Ordnungsbildung (operative Logik) fungiert. Schließlich ist es erst der Vollzug des Prozesses, der die Existenz einer Ordnung als Status begründet. Infolge dieser praxistheoretischen Drehung avanciert die modale Form der Ordnung zum Fixpunkt der Konzeption politischer Strukturen. Erst wenn ordentliches Verhalten von Menschen in den sozialen Praktiken gelernt sowie angewandt wird und wenn dieses Verhalten in einer sozialen Koexistenz von vielen Menschen raumzeitlich wiederholt wird, ergibt sich eine stabile Politische Ordnung. Die Analyse muss folglich zuerst bei den ordentlichen Aktivitäten ansetzen, den Praktiken, die ihrerseits die modale Form der Ordnung präsentieren. Davon ausgehend sind dann die prozessuale Form und der Status Politischer Ordnung zu erschließen. In den Praktiken fallen die modale Form der Ordnung und das praktische Wissen zusammen, weshalb sie als analytische Perspektive Erkenntnisse in beiden Richtungen ermöglichen. Mit anderen Worten kumulieren in der praxeologischen Perspektive auf der einen Seite die sozial relevante Verbindung von Körper, Wissen DAS ›KNOW-hOW‹ DES POLITISchEN 173 und praktischem Können als soziale Praktiken, auf der anderen Seite die Verbindung von Prozess, Status und Modus der Politischen Ordnung. Das folgende Schema verbildlicht diese Perspektive: Die Schnittstelle von Praktiken und Politischer Ordnung Perspektive Praktiken der Praxeologie Politische Ordnung Wissen Status Praktisches Modus Können Körper Prozess 3.3 Praktisches Wissen, ›Know-how‹ und politische Strukturen Der praxeologische Perspektivenwechsel zur modalen Form der Ordnung erzwingt eine tiefer gehende Beschäftigung mit der Problematik des ›Know-how‹ bzw. mit der Bedeutung von praktischem Wissen für die Politische Ordnung. Verfolgt man die Diskussion um die Bedeutung des praktischen Wissens, so stellt die zitierte Arbeit von Ryle die wesentliche Referenz dar. Ausgehend von Ryles Differenzierung des praktischen Wissens entspann sich in der Philosophie ein Streit darüber, ob sich diese Form des Wissens von den anderen Formen abgrenzen lässt (Jung 2012, 10). Fixpunkt dieser Diskussion ist zum einen carr, der sich für die Differenzierung stark macht und das praktische Wissen wie seine Rationalität vom theoretischen Wissen und dessen Rationalität unterscheidet (carr 1981, 54). Zum anderen stellen Stanley und Williamson den anderen Fixpunkt dar, denn sie versuchen zu begründen, dass es sich beim praktischen Wissen nur um eine spezifische Form des propositionalen Wissens handelt (Stanley/Williamson 2001).25 Diese Position ist in jüngster Zeit das Ziel von Kritik geworden (vgl. Wallis 2008; Wiggins 2012). Ohne Notwendigkeit zur Vertiefung dieser Diskussion schauen wir zuerst auf die konzeptuelle Abgrenzung des praktischen 25 »All knowing-how is knowing-that« (Stanley/Williamson 2001, 444). DIE PRAKTISchE ExPRESSION DES POLITISchEN 174 Wissens von anderem Wissen. Insgesamt vier Wissensformen lassen sich unterschieden: – das propositionale Wissen als Wissen über spezifische Fakten, – das phänomenale Wissen als Wissen, wie etwas wahrgenommen oder erlebt wird, – das Kennen und – das praktische Wissen als das Wissen, wie etwas zu machen ist (Jung 2012, 10). Im neueren Diskurs geht es um die Frage, ob sich das praktische Wissen überhaupt als eigenständige Wissensform behandeln lässt.26 Da hier im Kontext der Praxeologie bereits der besondere Status dieses Wissens herausgearbeitet wurde, wäre es sinnlos, die gesamte Diskussion erneut durchzugehen. Die praxeologische Perspektive und ihre Betonung der modalen Form von Ordnung erfordern programmatisch die Eigenständigkeit des praktischen Wissens. Somit können wir uns der Erkenntnis von Jung anschließen, die in ihrer Analyse der Diskussion zu dem Schluss kommt, dass es keiner der existierenden kritischen Perspektiven auf das praktische Wissen gelingt, diese spezifische Wissensform epistemologisch oder ontologisch auf das propositionale Wissen zu reduzieren; ebenso wenig kann das propositionale auf das praktische Wissen reduziert werden (Jung 2012, 76). Folglich sollte von der Eigenständigkeit der Wissensformen und ihrer Irreduzibilität ausgegangen werden (Jung 2012, 76). Der entscheidende Punkt für die Unabhängigkeit des praktischen Wissens sind seine spezifischen Merkmale, die hier nochmals im Anschluss an Jung zusammengefasst werden sollen: Erstens besitzt das praktische im Gegensatz zum propositionalen Wissen keinen »objektivierbaren und spezifizierbaren Gehalt«, d. h. dass die Gegenstände des praktischen Wissens von den vorhandenen Wissensordnungen und der persönlichen Situation des Wissenden abhängig sind (Jung 2012, 162). Die im praktischen Wissen vercodierten Fertigkeiten lassen sich nicht so weit abstrahieren, dass sie universal Geltung erlangen können. Zweitens muss das praktische Wissen nicht immer bewusst wahrgenommen werden. »Es ist gerade ein Schlüsselmerkmal eingespielter Bewegungsabläufe, dass sie überwiegend unbewusst ablaufen und nicht mehr durch eine Überlegung oder Entscheidung angestoßen werden müssen« (Jung 2012, 159). Damit verweist das praktische Wissen auf seine Form als implizites Wissen, wie es für die gesamte Diskussion von Polanyi fundierend 26 Dies, obwohl Jung zu der Aussage kommt, dass diese Auseinandersetzung schwierig zu fassen ist, weil ein einheitlicher Bezugspunkt fehlt, mit dem die verschiedenen diskursiven Konfrontationen von engen/weiten Wissensbegriffen bzw. Differenz- und Reduktionsargumenten systematisch aufeinander bezogen werden könnten. DAS ›KNOW-hOW‹ DES POLITISchEN 175 problematisiert wurde. Polanyi macht deutlich, dass Menschen immer mehr wissen, als sie selbst zu sagen wissen, wobei sie beim Wissen um einen distalen Term auch immer Kenntnisse vom vorausgehenden proximalen Term unbewusst mitdenken, ohne dieses Wissen explizit zu formulieren (Polanyi 1985, 14 ff.). Das implizite Wissen fungiert als unkontrollierbarer Prozess, der instrumentell den Menschen hilft, eine Vorstellung von der Welt zu gewinnen, denn sie müssen nicht mehr alle Dinge einzeln als solche beobachten, sondern verinnerlichen sie im Sinne eines proximalen Terms, um schließlich komplexere Entitäten als Kontexte wahrzunehmen (Polanyi 1985, 22 ff.). Drittens umfasst das praktische Wissen all das Wissen, welches intelligente handlungen, also zielgerichtetes Verhalten, ermöglicht (Jung 2012, 154 ff.). Im Unterschied zu bloßen Reflexen geht es sowohl um ein zu erreichendes Ziel als auch um den formalen Ablauf der Bewegungen, die somit regelkonform bzw. regelgeleitet sind (Jung 2012, 158). Praktisches Wissen stellt die Bedingung für intentionales Verhalten bereit, weil Menschen so ihre bestimmten Ziele durch spezifische körperliche Aktivitäten erreichen, wobei dieses Verhalten durch »Lern- und Modifikationsprozesse« veränderbar ist (Jung 2012, 159). Im praktischen Wissen als eigenständiger und spezifischer Wissensform manifestieren sich die in den Praktiken angelegten und erlernbaren routinierten Bewegungs- und Verhaltensabläufe. Die Aneignung praktischen Wissens erfolgt in den Praktiken. Sie ist Teil des Prozesses der Partizipation der Menschen, die sich durch ihre Teilnahme sukzessive mit dem spezifischen Regelwissen vertraut machen. Anhand der Eigenschaften des praktischen Wissens lassen sich die Eigenschaften der modalen Form Politischer Ordnung herausarbeiten. Insbesondere zwei Punkte fallen hier ins Gewicht. – Die beschränkte Kommunikations- und Reflexionsfähigkeit des praktischen Wissens: Nehmen wir die beiden ersten Merkmale des praktischen Wissens auf, dann wird deutlich, dass aufgrund der engen Verzahnung des praktischen Wissens mit den körperlichen Routinen der Praktiken sowie ihres nicht objektivierbaren Gehalts die Kommunikations- und Reflexionsfähigkeit des praktischen Wissens stark eingeschränkt ist. Im Gegensatz zum hoch anspruchsvollen deliberativen Paradigma der Gegenwart lässt sich Politische Ordnung in ihrer modalen Form nicht einfach sprachlich oder symbolisch verhandeln. Politische Ordnung als Gegenstand von Praktiken hat sozial vorrangig als Regelwissen Bedeutung. Statt abstrakter Theorien über die Legitimation Politischer Ordnung existiert Politische Ordnung vor allem als praktisches Wissen der Menschen, die damit wissen, wie man sich politisch verhält. Genau dieses Regelwissen ist nicht allzu sehr abstrahierbar, weil es innerhalb der Praktiken erlernt und weitergegeben DIE PRAKTISchE ExPRESSION DES POLITISchEN 176 wird. Es geht nicht um den Wahrheitsanspruch dieses Wissens, sondern um die Erfolge hinsichtlich der Anwendung dieses Wissens (Jung 2012, 162). – Die Fundierung der Intentionen: Erst praktisches Wissen ermöglicht intentionales Verhalten, d. h. alle politischen Interessen bzw. Intentionen (hier auf die Ordnung bezogen) begründen sich in der Verfügung praktischen Wissens. Durch die Kenntnis des ›Know-how‹ wissen die Menschen erst, wie sie Ziele durch ordentliches Verhalten erreichen können. Mit anderen Worten sind alle Intentionen im hinblick auf den möglichen Status Politischer Ordnung in den politischen Praktiken angelegt, und zwar in der hinsicht, dass in den Praktiken Menschen erst lernen, was politisch im Sinne eines ordentlichen Verhaltens ist. Im praktischen Wissen liegt somit ein wenig beachteter Schlüssel zum Verständnis der Intentionen. Bezogen auf die Politische Ordnung würde das Folgendes bedeuten: Die Reflexion politischer Konstellationen, in denen unterschiedliche Ordnungsvorstellungen (Status) aufeinandertreffen und um Geltung konkurrieren, muss notwendigerweise auf den Modus schauen, um überhaupt zu verstehen, welche die Ursachen der Intentionen sind. Es geht dann nicht um das bessere Argument zur Wahrheitsklärung symbolisierter Ordnungen, sondern schlicht um den besseren, sprich erfolgreicheren Modus der Ordnung. Damit erlangt die modale Form der Ordnung durch die Praxeologie gegenüber den beiden anderen eine wichtige konzeptuelle Bedeutung. Die Konsequenzen sind immens. Stand im Fokus der wissenschaftlichen Reflexion bislang stets die Frage nach der besseren, sprich abstrakt vernünftigen Legitimation des Ordnungszustandes, muss nun auf die erfolgreiche Praxis der Ordnung in ihrer modalen Form geschaut werden. Ob dieser Perspektivenwechsel die gleiche normative Bedeutung haben kann, wird im nächsten Abschnitt besprochen. 3.4 Wichtiges oder richtiges ›Know-how‹? hat die modale Form der Ordnung, die durch das praktische Wissen präsentiert wird, die gleiche Bedeutung wie die anderen beiden Formen? Nur weil die Praxeologie die modale Form betont, muss die Politische Theorie hier nicht folgen. Damit der praxeologisch motivierte Perspektivenwechsel der Politischen Ordnung an Substanz gewinnen kann, ist es notwendig, auch dort eine klare Normativität zu identifizieren. Die Beschäftigung mit Normativität wird hierzu in zwei Schritten unternommen: Erstens wird die modale Form der Ordnung soweit bestimmt, dass klar ist, auf was sich bei ihr Normativität sachlich überhaupt bezieht. Zweitens soll mittels des Stemmerschen Ansatzes zur Begründung von Normativität auch die normative Situation im Kontext des Modus von DAS ›KNOW-hOW‹ DES POLITISchEN 177 Ordnung begründet werden. Oben haben wir die Normativität der Politischen Ordnung grundlegend erläutert. So resultiert die Normativität des Politischen aus den Bedingungen, die einen geordneten von einem ungeordneten Zustand unterscheiden und die Gegenstand eines Müssens sind, sowie aus dem Bestreben von Menschen, in einer geordneten Existenz zu leben, wodurch Ordnung zu einem Teil des Wollens wird. Davon ausgehend muss die Basisstruktur der Normativität des Politischen hinsichtlich der drei Ordnungsformen eingehender betrachtet werden. Waldenfels beschreibt in seinen Ausführungen zur Ordnung, wie im Zuge des Wechsels der Begründungsproblematik von Ordnung auch der sachliche Fokus verschoben wird. Zu Beginn existieren nur relativ bedeutsame oder wichtige handlungsweisen oder Lebensformen (Waldenfels 1987, 98), die ihre Existenz allein mit ihrer Wichtigkeit begründen können. Dann kommt es zu einem Prozess, in dem diese Wichtigkeit zu einer »absoluten Wichtigkeit hochgesteigert und erweitert wird«, wodurch eine neue Möglichkeit entsteht, die Frage nach der Wichtigkeit als Frage nach der Richtigkeit immanent aus den handlungsweisen und Lebensformen zu beantworten (Waldenfels 1987, 98). »Mit der Verlagerung der Ordnungsproblematik von der Ebene der Wichtigkeit auf die der Richtigkeit verwandelt sich die Frage nach der wahren Welt in die Frage nach den wahren Normen« (Waldenfels 1987, 99). Waren politische Institutionen und ihre konstituierenden Praktiken zuvor bloß pragmatisch, weil sie Lösungen des gesamtgesellschaftlichen Zusammenlebens vorläufig lösten, und war dementsprechend die Politische Ordnung dahinter nur eine relativ bedeutsame bzw. wichtige, generiert die Universalisierung die chance, diese Ordnung als richtige zu deklarieren. Dazu muss sie etabliert sein, und zwar insoweit, dass ihre konstituierenden Normen bekannt und reflektierbar sind. Demzufolge kann sich die Frage nach der Richtigkeit sachlich nur auf einen bekannten Ordnungszustand beziehen. Die notwendige Bekanntheit der Ordnung ist die Voraussetzung dafür, dass sie durch die kollektive Reflexion als richtig erkannt und begründet wird. Im Unterschied zu dieser Einschränkung des Richtigen auf den Status einer Ordnung kann die Frage nach der Wichtigkeit, also nach der relativen Bedeutsamkeit, schon im Prozess des Ordnens gestellt werden. Ordnung ist hier folglich nicht zwangsläufig richtig, sondern für den Ordnenden ist Ordnung vor allem wichtig, weshalb er sie zum Gegenstand seiner Aktivitäten macht. Die Differenzierung der beiden sachlichen Qualitäten Richtigkeit und Wichtigkeit sowie ihre getrennte Zuordnung auf die Formen von Ordnung (Status, Prozess) sind folglich nachvollziehbar. Doch wie sieht es mit der modalen Seite der Ordnung aus? Lassen sich auf sie die sachlichen Fragen nach der Richtigkeit und Wichtigkeit problemlos anwenden? Zuerst muss erneut ins Gedächtnis gerufen werden, dass im Gegensatz zum Status (der Ordnung) und ihrem Prozess (das Ordnen) mit dem DIE PRAKTISchE ExPRESSION DES POLITISchEN 178 praktischen Wissen der Modus (das Ordentliche) eine eigene sachliche Ebene der Ordnung bezeichnet. Das praktische Wissen bzw. Können ist Ordnung im Vollzug, d. h. die Ordnung muss als Kriterium bekannt sein. Erst dann ist es möglich, etwas im Sinn der Ordnung auch ordentlich zu machen. Somit wäre eine Anwendung des Kriteriums der Richtigkeit auf die modale Seite der Ordnung möglich. Doch müssen wir hier einen von der Praxeologie problematisierten Punkt beachten. Das praktische Wissen bzw. das ›Know-how‹ ist größtenteils unbewusst und implizit. Entsprechend kann nicht unterstellt werden, dass der ordentlich agierende Akteur in seinem Vollzug von Ordnung diese als Status kennt. Im Gegenteil zeigt die Theorie sozialer Praktiken, dass der Status einer Ordnung erst in der Partizipation an ihrem Modus sozial manifest wird. Auch die Wichtigkeit kann nicht auf den Modus der Ordnung übertragen werden. Wie im vorangehenden Abschnitt erläutert, ermöglicht erst praktisches Wissen intentionales Verhalten. Folglich verliert auch die Wichtigkeit ihren sachlichen Bezug zur modalen Form der Ordnung. Ordentliches Agieren in seinem reinen Vollzug ohne anschließende Reflexionsprozesse ist weder richtig noch wichtig, sondern primär sachlich eine Fähigkeit.27 Ein Mensch ist zum ordentlichen Agieren zuallererst in der Lage oder nicht – darüber nachdenken, ob es in der Situation richtig oder wichtig war, kann er erst im Anschluss. Auf diese feine, aber wichtige Trennung muss hier verwiesen werden, weil es eben die Fähigkeit ist, die im praktischen Wissen codiert wird. Der Mensch ist fähig, etwas ordentlich zu machen; es ergibt keinen Sinn, etwas richtig ordentlich bzw. etwas wichtig ordentlich zu machen. hier zeigen sich die nötigen sachlichen Trennungen zwischen den drei Formen der Ordnung. Die zweite sich anschließende Frage ist diejenige nach der Normativität. Kann die Fähigkeit zur Ordnung normativiert werden, ist also der Mensch in der Lage, in bestimmten Situationen das ordentliche Agieren zur Norm zu erheben? hierzu noch einmal unsere Definition im Anschluss an Stemmer: Die Normativität des Politischen ist die Relation von Bedingungen, die einen geordneten von einem ungeordneten Zustand unterscheiden und die Gegenstand eines Müssens sind, mit dem Bestreben der Menschen, in einer geordneten Existenz zu leben, wodurch die Ordnung Teil des Wollens der Menschen ist. Eine solche Relation bezieht sich in dieser Definition ausschließlich auf einen Zustand und somit nur auf eine mögliche Form von Ordnung. Normativität oder eine normative Situation für Menschen ist damit exklusiv in Bezug auf den Status der Politischen Ordnung identifizierbar. Doch lassen sich auch die anderen beiden Formen der Ordnung mit dieser Definition als normative 27 So auch Brandom: »Wissen, wie etwas zu tun ist, ist eine Sache praktischer Fähigkeit. Wissen wie heißt nichts anderes, als verlässlich fähig sein« (Brandom 2000, 18). DAS ›KNOW-hOW‹ DES POLITISchEN 179 Situationen beschreiben? Beginnen wir mit der modalen Form und setzen diese in die ontologische Definition der Normativität von Stemmer ein, wobei es nicht mehr um die Ordnung geht, sondern um die Fähigkeit zum ordentlichen Agieren bzw. Verhalten von Menschen. Die Normativität der modalen Form des Politischen ist demzufolge die Relation von Bedingungen, die ordentliches von unordentlichem Verhalten unterscheiden und die Gegenstand eines Müssens sind, mit dem Bestreben der Menschen, ordentlich zu agieren, wodurch die Fähigkeit zum ordentlichen Verhalten Teil des Wollens der Menschen selbst ist. Im Sinne Stemmers wächst so dem Müssen der Fähigkeit die Eigenschaft der Normativität zu und erzeugt einen handlungsdruck (Stemmer 2008, 102). Die basale Struktur der Definition lässt auch das rein praktische und zumeist implizite Wissen normativ werden, wodurch zwei Dinge zusammenkommen: die von Stemmer verneinte Notwendigkeit von Gründen in normativen Situationen und die von der Praxeologie begründete Bedeutung des praktischen, eben nicht propositionalen Wissens für die Genese menschlicher sozialer Ordnung. In diesem Sinne liefert der ontologische Ansatz Stemmers eine philosophische Begründung der außergewöhnlichen Bedeutung des praktischen Wissens. Die Suche nach der Fähigkeit zum ordentlichen Agieren ist Teil des Wollens der Menschen, wodurch sie motiviert werden, an Praktiken zu partizipieren. Erst die Normativität der Fähigkeit konstituiert die Gründe für Menschen, sich praktisches Wissen anzueignen (vgl. Stemmer 2012, 194). Bezogen auf das Politische heißt dies, dass Menschen innerhalb ihres sozialen Zusammenlebens Dinge ordentlich machen wollen, weshalb sie bestimmte Verhaltensweisen erlernen und ausüben müssen, woraus sich der Grund für die Partizipation in den sozialen Praktiken ergibt. Nachdem die Normativität des Status und des Modus Politischer Ordnung geklärt wurde, bleibt die prozessuale Form übrig. Theoretische lie- ße sie sich einfach aus der Normativität des Status ableiten, denn dieser baut Druck auf die Menschen auf, weshalb sie bestimmte Dinge tun oder lassen, um den Zustand zu erreichen bzw. zu verändern. Jedoch kann dies auch nur zu einer rein kognitiven Reaktion führen. Für Menschen, die sich zu einer Politischen Ordnung bekennen, bedeutet die Normativität, dass sie andere Ordnungen nicht akzeptieren. Diese normativ begründete Ablehnung muss aber nicht zwangsläufig zu konkreten Aktionen gegen diese Ordnung führen. Um aber konkreten Aktivitäten des Ordnens ebenfalls einen normativen Status zuzusprechen, ist es nötig, die Definition von Stemmer auch hierfür anzuwenden. Die Normativität des Ordnens ist die Relation von Bedingungen, die ein Nicht-Ordnen vom Ordnen unterscheiden und die Gegenstand eines Müssens sind, mit dem Bestreben der Menschen, ihre Existenz zu ordnen, wodurch das Ordnen Teil des Wollens der Menschen ist. Selbstverständlich sind in dieser Definition die Differenzen zum Zustand logisch nur schwierig zu sehen DIE PRAKTISchE ExPRESSION DES POLITISchEN 180 bzw. erzeugen einen trivialen Eindruck. Dennoch hilft sie zu begründen, weshalb Menschen überhaupt beginnen, ihre soziale Existenz zu ordnen, auch wenn sie das Ergebnis des Ordnens – den Status einer Ordnung – noch nicht kennen. Durch den Nachweis der Normativität aller drei Formen der Politischen Ordnung lässt sich die Bedeutung der Ordnung in ihrer normativen Dimension innerhalb der Praktiken stetig herausheben. Die Normativität von Politischer Ordnung spielt damit innerhalb der Praktiken immer eine Rolle. Sie ist Teil der Genese, Routine und der körperlichen Expression der Praktiken. Sie läuft nicht der Bildung von Praktiken hinterher, auch wenn sie in spezifischen diskursiven Praktiken zum konkreten Gegenstand der Reflexion wird. Stattdessen schwingt auch in der Motivation der Menschen zur Aneignung von Praktiken bereits ein normatives Moment mit, denn die Relation von ›ordentlich agieren wollen‹ und dafür ›in Praktiken partizipieren müssen‹ konstituiert Normativität. Das ›Know-how‹ ist damit nicht in erster Linie wichtig oder richtig. Vielmehr bildet die Fähigkeit eine eigene Qualität, die Menschen motiviert, ihr Verhalten und ihr Agieren entsprechend auszurichten. 3.5 Normativität und implizite Regeln Mit der praxeologischen Fundierung der sozialen Strukturierung Politischer Ordnung werden deutliche Erweiterungen der Perspektive ermöglicht. Informale Regeln sind nicht schlichtweg Invisibilisierungen von Regeln. Das Problem muss viel weiter gedacht werden. In Praktiken stecken soziale Ordnungsaktivitäten von Menschen, und zwar nicht nur in Form bekannten, also expliziten Wissens, sondern hier zeigt sich auch die modale Form der Ordnung, die normativ ebenso wichtig ist. Nicht allein die Existenz bekannter Praktiken konstituiert den sozialen Ausdruck Politischer Ordnung, der erkannt und zur Disposition gestellt werden kann. Darüber hinaus organisiert bereits das in den Praktiken verfügbare praktische Wissen als Teil der modalen Form der Politischen Ordnung die bestehende soziale Koexistenz. Mit anderen Worten sind nicht nur die Praktiken der Regelbefolgung soziale Expressionen des Politischen. Dazu gehören auch das in den Praktiken selbst erlern- und reproduzierbare praktische Wissen sowie Ansätze zur Organisation der Praktiken, womit wir die Trinität der Ordnungsformen beachtet haben. Dennoch ist die implizite Qualität der Regelungen in den Praktiken nicht einfach zu verarbeiten und benötigt weitere Klärungen vor dem hintergrund der Normativität. Zwei Punkte müssen dafür näher erläutert werden: (1.) die Frage nach dem generellen Zusammenhang von impliziten Regeln und Ordnung sowie (2.) der Status der Normativität in impliziten Regelungen. DAS ›KNOW-hOW‹ DES POLITISchEN 181 (1.) In den im vorigen Teil gemachten Ausführungen über die Wirkungsweise politischer Regeln wurde die Kraft von Normen dezidiert beschrieben. Es sind sanktionierte Regeln, wobei die Sanktionierung auf der Eigenschaft beruht, dass die Regelungen bekannt sind. Doch dies kann im Sinne des impliziten Wissens nicht einfach vorausgesetzt werden. Implizites Wissen liegt in dem Umstand begründet, dass man mehr weiß, als man selbst zu sagen weiß (Polanyi 1985, 14).28 Das Wissen überschreitet somit die Möglichkeiten des sprachlichen Ausdrucksvermögens, womit konzeptuelle Vorstellungen über das Wissen selbst neu rekonstruiert werden müssen (Jung 2012, 32). Strukturell lassen sich zwei Dinge voneinander unterscheiden: ein Gewusstes und ein Nicht- Bewusst-Gewusstes. Zwischen beiden existiert eine stumme Relation, in der von einem unbewussten Ding die Aufmerksamkeit auf ein bewusstes verschoben wird, der Akteur aber nur Kenntnis vom zweiten Ding hat (Polanyi 1985, 18 f.). So wird das zweite Ding oder der distale Term nach Polanyi erwartbar, während das erste Ding, der proximale Term, unbewusst mitgedacht bzw. vollzogen wird, ohne dass man es explizit ausdrücken kann. Die stille Relation der beiden Terme drückt eine grundlegende Verbindung zweier Elemente aus, die entscheidenden Einfluss auf das menschliche Verhalten hat. Betrachten wir dazu die einzelnen Aspekte dieser Relation (Polanyi 1985, 19 ff.). 1. Funktionale Struktur: die Integration einzelner proximaler Akte zu einem gemeinsamen Zweck, ohne dass die einzelnen Akte explizit ausgedrückt werden können.29 2. Phänomenale Struktur: Der proximale Term wird durch die Gewahrwerdung des distalen Terms bewusst registriert. Es ist möglich, durch die Kenntnis des bewussten Dings auf das vorläufige unbewusste Ding zu schließen. 3. Semantischer Aspekt: Bedeutungslose Empfindungen werden durch Deutungsleistungen in bedeutungsvolle Dinge transformiert. 4. Ontologischer Aspekt: Es kann eine bedeutungstragende Beziehung zwischen zwei Gliedern hergestellt werden. Dadurch wird verständlich, wovon das implizite Wissen Kenntnis vermittelt. Das implizite Wissen stellt einen inneren unkontrollierbaren Prozess dar, der dem Menschen die Möglichkeit gibt, der Welt gewahr zu werden (Polanyi 1985, 22; vgl. Bongaerts 2003, 35). Der Mensch muss nämlich nicht mehr die Dinge als solche beobachten, sondern kann sie als proximale Terme verinnerlichen, um schließlich komplexere Entitäten als Kontexte wahrzunehmen (Polanyi 1985, 25). So gelingt es ihm, auch 28 Die Ausführungen zum impliziten Wissen beruhen auf Knobloch 2006, 76 ff. 29 Beispielhaft kann hier eine körperliche Bewegung angeführt werden, die man zweckorientiert ausführt, ohne sich jedes einzelnen Muskels und seiner Bewegungen gewahr zu werden. DIE PRAKTISchE ExPRESSION DES POLITISchEN 182 in komplexen Praktiken zu partizipieren, ohne jedes Mal einzelne Verhaltensakte bewusst zu verarbeiten, denn er setzt sie unbewusst voraus oder handelt unbewusst. Es ist ihm jedoch möglich, ihrer im Komplex der Praktiken (in Form des distalen Terms) gewahr zu werden, indem er aus dem Zusammenhang auf sie zurückschließt. Aus der Struktur des impliziten Wissens leiten sich zwei Konsequenzen in Form einer ›impliziten Logik‹ ab, die einen wesentlichen analytischen Vorteil des praxeologischen Ansatzes darstellen. Die erste bezieht sich auf die notwendige Relation beider Terme. Zwar kann auf die Bedeutung des einzelnen Merkmals (proximaler Term) durch den Gesamtkontext (distaler Term) geschlossen werden, aber die Verbindung ist nicht dahingehend auflösbar. Distale Terme fungieren nicht als blo- ße Summe der proximalen Terme, denn durch die Isolierung des Einzelmerkmals wird der Gesamtkontext, die komplexe Entität, für den Beobachter unsichtbar (Polanyi 1985, 25). Andererseits verliert der proximale Term ohne den bewussten distalen Term seine Bedeutung. Beide Elemente des impliziten Wissens unterliegen damit einer logischen Relation und sind nur gemeinsam verständlich. Damit bietet sich der Vorteil, dass implizite Logiken aus den Gesamtpraktiken heraus aufgedeckt werden können sowie, dass die kennzeichnende Regelung der proximalen Terme durch die Gesamtpraktiken erkennbar wird. Die zweite Konsequenz betrifft den Zusammenhang von expliziten Regeln und implizitem Wissen. Das implizite Wissen (als ›Know-how‹) gewinnt gegenüber dem explizierbaren Aussagewissen (›Know-that‹) einen praktischen Sinn und drückt demzufolge keine Überzeugung aus (Reckwitz 2003, 292). Dies eröffnet den Raum für Unbestimmtheiten zwischen dem, was als Regel ausgedrückt wird, und dem, was der Praktik implizit ist. Eine formale explizierbare Regel (als distaler Term) muss nicht zwangsläufig den vorausgehenden impliziten Aktivitäten (proximaler Term) entsprechen, gleichwohl sie ohne diese nicht verständlich ist. So können im Rahmen einer formalen Regel unterschiedlichste Aktivitäten implizit zur Anwendung kommen, ohne dass diese als informal klassifiziert werden und der formalen Regel entgegenstehen. Es ist erforderlich, durch die Rekonstruktion der impliziten Logik sozialer Praktiken – also jenes nicht ausdrückbare Wissen und die unbewussten Verhaltensweisen, die in einer Praktik zur Anwendung kommen –, die tatsächlichen Motive einer expliziten Regel aufzuklären. Erst so kann das Verdeckte hinter einer Beobachtung interpretiert werden, ohne dass der implizite Sinn dem Ausgedrückten widerspricht oder der proximale Term mit der Informalität eine negative Konnotation erhält. Mit dem Begriff des impliziten Wissens bietet sich eine weitere Spezifizierung des Problems der modalen Form der Ordnung. Nehmen wir an, dass ein großer Teil des praktischen Wissens implizit ist, so figuriert sich die modale Form der Ordnung als der proximale Term. Dementsprechend DAS ›KNOW-hOW‹ DES POLITISchEN 183 wird sie nur im Kontext des distalen Terms bewusst, lässt sich aber nicht auf diesen reduzieren. Die modale Form der Ordnung – das, was ordentlich ist – wird in der alltäglichen Praxis nicht dauernd problematisiert bzw. ist den Menschen häufig nicht bewusst. Erst im Zusammenhang mit dem distalen Term – und das ist der Status der Ordnung – wird die modale Form vom Menschen aktualisiert. Der Status der Ordnung lässt sich aber auch nicht bloß modal begreifen. Ordnung löst sich nicht in das Wissen um das Ordentliche auf. Jedoch wird ordentliches Verhalten ohne Ordnung sinnlos. Erst wenn Ordnung selbst problematisiert wird, kann auch die verdeckte Beziehung von Modus und Status in ihrer Kontingenz hinterfragt werden. Doch wenn dies geschieht, gerät die Frage nach der Normativität der Formen wieder in Fokus. (2.) Die modale Seite der Ordnung ist, so haben wir eben beschrieben, häufig Teil des impliziten Wissens. Als solche läuft sie zumeist unbewusst und unhinterfragt in der routinierten Reproduktion der Ordnung als Status mit. Erst in Augenblicken der Reflexion dieser Beziehung wird auch die normative Bedeutung der modalen Form der Ordnung expliziert und zum Gegenstand der Auseinandersetzung. Da wir bereits auf die normative Bedeutung der modalen Form verwiesen haben, nun aber mit ihrem impliziten charakter konfrontiert sind, muss erneut dezidiert auf den normativen Status im Kontext impliziter Regelungen eingegangen werden. Ausgangspunkt unserer Überlegungen ist die traditionelle Einschränkung der normativen Perspektive auf die sprachliche Ausformulierung expliziter Regeln, die nach der Diskussion zur Bedeutung des praktischen Wissens so nicht aufrechterhalten werden kann. Vielmehr zielt die Betonung des auch impliziten praktischen Wissens auf eine Zwischenposition ab, die sich einerseits nicht nur auf explizite Regeln stützt und andererseits Normativität in der sozialen Ordnung nicht zugunsten der Wirkung einfacher, regelmäßig ablaufender Verhaltensweisen aufgibt (hörning 2001, 225). Das praktische Wissen und seine Stellung im Rahmen der Praxeologie betonen weiterhin die essenzielle Stellung von Normativität, aber sie verorten diese nicht nur in den expliziten Regeln, sondern sehen sie zudem in den impliziten Praxisnormen. hier greift die Praxeologie auf die Arbeit von Wittgenstein zurück, der die Vorläufigkeit impliziter Regeln für die Wirkungsweise expliziter Regelungen betont (hörning 2001, 225). Dies wurde insbesondere von Brandom präzisiert, indem er den »Normen-Pragmatismus« von Wittgenstein in eine Theorie der diskursiven Praxis überführt (Brandom 2000). Explizite Regeln sind demnach nur »in Abhängigkeit von einer grundlegenderen Form von Normen, die implizit in der Praxis enthalten sind – in dem, was getan und nicht was gesagt wird –, als solche verstehbar« (Brandom 2000, 116). Damit wird eine strukturelle Relation beschrieben, die sich analog zu der von uns im Kontext der Formen von Ordnung dargelegten verhält. Die Relation von impliziten und expliziten Normen (Regeln) DIE PRAKTISchE ExPRESSION DES POLITISchEN 184 ist mit dem Zusammenhang der modalen Form der Ordnung und ihrer Form als Status gleichzusetzen. Statt nur von expliziten Regeln auszugehen, d. h. nur den Status von Ordnung in den Blick zu nehmen, löst sich die Wirkung von Regeln und damit von Ordnung in einen Komplex von Performanzen und ihrer Beurteilung auf. »Man schaut nicht nur darauf, was getan wird – die Performanzen, die einer Norm entsprechen oder nicht entsprechen können (angemessen oder unangemessen sein können) –, sondern auch auf die Beurteilungen der Richtigkeit« (Brandom 2000, 117). Brandom geht von der Wirkung praktischer Einstellungen aus, die Performanzen als richtig oder falsch deklarieren und somit Normativität instituieren (Brandom 2000, 118). Um hier für uns Klarheit zu gewinnen, ist es notwendig, auf die Ordnungsproblematik zurückzukommen und darin den Zusammenhang von praktischer Einstellung und Beurteilung von Regel-Performanzen einzuordnen. Zuerst kann die modale Form der Ordnung als spezifischer Wissensbestand mit dem praktischen Wissen gleichgesetzt werden. Das praktische Wissen umfasst implizite Inhalte, die regeln, wie ein Mensch bestimmte Regeln versteht und diese als richtig oder nicht-richtig behandelt. Die impliziten Normen bereiten so die Performanz des expliziten Regelbefolgens vor. Dieser Vorgang der »Instituierung« folgt einer pragmatischen Logik (Brandom 2000, 209), d. h. die praktischen Einstellungen sind Ergebnis der Praxis und folgen nur den darin manifestierten Intentionen. Übertragen auf die Ordnung bedeutet dies, dass die Richtigkeit des Status einer Ordnung durch den existierenden Modus der Ordnung instituiert wird. Wenn etwas als ordentlich gilt, ermöglicht das die Fähigkeit, eine Ordnung als richtig einzuschätzen. Es geht nicht darum, eine Ordnung als ordentlich zu bezeichnen, sondern darauf zu verweisen, dass erst das Wissen um ordentliches Verhalten den impliziten Rahmen vorbereitet, aus dem sich dann eine explizite Vorstellung über einen Zustand richtiger Ordnung entwickelt. Das sich in der Praxis manifestierende und reproduzierte Wissen um ordentliches Verhalten stellt ein »Geflecht von praktischem Wissen und Beurteilungsmaßstäben« (hörning 2001, 226) dar, das dafür sorgt, dass Menschen Regeln der Ordnung situativ folgen oder nicht folgen. »Eine Regel übt nur dann normative Kraft auf das konkrete handeln aus, kann nur dann ihr Unterscheidungswerk verrichten, wenn der handelnde über Fähigkeiten und Kriterien verfügt, die den jeweiligen Anwendungskontexten Rechnung tragen« (hörning 2001, 226). Somit sind wir an dem Punkt angelangt, an dem erstens das Verhältnis von praktischem Wissen und expliziten Regeln sowie zweitens die normative Kraft in diesem Verhältnis bekannt ist. Es wurde auf die normative Bedeutung der modalen Form der Politischen Ordnung eingegangen und es wurde gezeigt, dass diese ebenso wichtig für das Verständnis sozialer Ordnung ist. Um nun die Relevanz dieser Normativität auch im DAS ›KNOW-hOW‹ DES POLITISchEN 185 Bereich der politikwissenschaftlich interessanten institutionellen Dimension herauszustellen, ist es notwendig, die Sanktionierungsfähigkeit von praktischem Wissen im gesellschaftlichen Maßstab zu erkunden. 3.6 Praktiken und die Integration von Gesellschaften Fassen wir am Ende dieses Kapitels die wesentlichen Erkenntnisse aus der Auseinandersetzung mit der Praxeologie für die Analyse politischer Regeln zusammen: Ausgangspunkt war die Ordnung als Eigensinn des Politischen, die simultan als Status, Modus und Prozess ihre Bedeutung für das menschliche Zusammenleben besitzt. Ordnung wird durch Regelungen bestimmt, genauer durch Gebots- bzw. Verbotsregeln, Vorzugsregeln und Spielregeln. Im Feld sozialer Ordnungsbildung übertragen sich diese Regelungen in Normen, Konventionen oder Standards, die häufig ineinander übergehen bzw. miteinander entstehen. Abhängig von ihrer Sanktionierung und der Reichweite ihrer Sanktionierung entstehen politische Gemeinschaften auf der Basis politischer Institutionen. Die Theorie sozialer Praktiken hat in zwei wichtigen Punkten die Vorstellung von der sozialen Manifestation Politischer Ordnung angepasst: Erstens wurde die Bedeutung der modalen Form der Ordnung, also die Fähigkeit zum Vollzug der Regelungen, besonders herausgehoben. Zweitens hat die Theorie sozialer Praktiken deutlich gemacht, dass formal sanktionierbare Normen nur einen kleinen Teil der für die Produktion sozialer Ordnung existenten Regeln ausmachen und dass das Gros der sozial relevanten Regeln implizit ist. Mehr noch zeigt die durch die Praxeologie begründete Kraft der Praktiken, dass ein großer Teil sozialer Regelungen nicht das Ergebnis von externen Zwangsandrohungen, sondern vielmehr das Resultat einer unterschiedlich sanktionierten Regelfolgungspraxis ist. Insoweit unterminiert die Praxeologie ein zu statisches und auf sichtbare Formalisierungen hin ausgelegtes Verständnis sozialer Strukturen. Somit erscheint auch das im vorangegangenen Kapitel entwickelte konzeptuelle Schema zum Zusammenhang von Politischer Ordnung und sozialen Strukturen als oberflächlich. Die Praxeologie reklamiert die herausgehobene Stellung der Eigenlogik des Sozialen bei der Bildung sozialer Strukturen des Politischen. Einfache Kausalitäten von Politischer Ordnung und politischen Strukturen sind damit ausgeschlossen. Die Bedeutung des praktischen Wissens und die herausgehobene Stellung der modalen Form der Ordnung im Sozialen unterlaufen naive Zurechnungen und Rekonstruktionen politischer Institutionalisierungen. Funktionalistische und machttheoretische Vereinfachungen im Versuch, die Entstehung politischer Institutionen zu erklären, sind wenig sinnvoll. Die Politische Theorie muss dies erst einmal hinnehmen. In Bezug auf ihren normativen Ordnungsfokus hat sie aber zu reflektieren, DIE PRAKTISchE ExPRESSION DES POLITISchEN 186 dass die modale Form der Ordnung im menschlichen Zusammenleben essenziell ist. Demzufolge erhält die Fähigkeit im Politischen eine wichtige Konnotation. Es bleibt eine bedeutende, abschließend zu klärende Frage übrig: Besitzen Praktiken in ihrer scheinbaren Mikrofundierung für die Politikwissenschaft und ihrer Makroorientierung überhaupt Relevanz? Ist es möglich, aus der Perspektive sozialer Praktiken Erkenntnisse für die Umsetzung Politischer Ordnung zu gewinnen? Oder kann die Politische Theorie einen Standpunkt verteidigen, bei dem sie die generelle Wirksamkeit von nicht durch formale Gesetze sanktionierten Regelungen gegenüber Institutionen vernachlässigt? Nimmt man die Praxeologie ernst, dann lösen sich alle sozialen Strukturen letztlich in Verbünde von sozialen Praktiken auf. Die implizite Logik von Praktiken ist dementsprechend auch für politische Institutionen relevant. Entsprechend muss die Analyse die in Institutionen zusammenlaufenden Praktiken des Regelfolgens genau untersuchen und rein praktische Wissensbestände, die scheinbar eine Technik des Regelfolgens begründen, dezidiert betrachten. Es reicht nicht mehr aus, ausschließlich die öffentlich bekannten Institutionen in das Zentrum zu rücken, sondern man muss sich auch mit den nicht-institutionalisierten Regelungen beschäftigen. Dazu gehören, wie beschrieben, die Konventionen, die als Regelsysteme gesellschaftliche Relevanz besitzen. Tatsächlich sind Konventionen für die folgende Analyse besonders interessant, denn sie sind keine restriktiven Regeln, die allein Koordinationsprobleme lösen, sondern sie konstituieren soziale Praktiken (Marmor 2009, 31). Neben dem, wenn man so will, Sonderfall der öffentlichen codierung von Regelungen, die anschließend sanktioniert werden können, bilden Konventionen im Gegensatz zu Institutionen gesellschaftliche Regelungen, die ohne diesen festgeschriebenen Sanktionsmechanismus und ohne die öffentliche codierung der Regelung auskommen. Konventionen bedienen damit nicht die Gebots- oder Verbotsregeln. Bestimmte Konventionen können Praktiken konstituieren und haben damit eher den Status von Spielregeln, wobei sie zwei Funktionen erfüllen (Marmor 2009, 36):30 Erstens konstituieren Konventionen als Regeln die Praktiken, d. h. sie verleihen dem Vollzug von Praktiken erst den Sinn, der benötigt wird, damit Menschen in den Praktiken partizipieren. Zweitens regulieren die Konventionen das Verhalten innerhalb der Praktiken. »When conventions constitute a social practice, they typically constitute some of the values that are inherent in the practice and the kind of evaluative discourse that applies to it« (Marmor 2009, 37). Somit gelangen durch soziale Konventionen auch Elemente 30 Mit der dualen Funktion knüpft Marmor an Searle und sein Konzept der konstitutiven Regeln an. Jedoch geht er über Searle hinaus, da dieser davon ausgeht, dass konstitutive Regeln keine Konventionen sein können (Marmor 2009, 35 FN 8). DAS ›KNOW-hOW‹ DES POLITISchEN 187 der Politischen Ordnung, die im normativen Sinn Ordnung festlegen, zur Geltung. Die Eigenschaften von Konventionen dirigieren ihrerseits die Geltungskraft von Ordnung, denn als soziale Strukturen haben sie eigenständige Merkmale. Dazu gehören: 1. ihre Einbettung in ein System von Regeln, weshalb man nicht von einer »single-rule practice« sprechen kann; 2. die Arbeitsteilung in sozialen Koexistenzen zwischen Menschen, wodurch immer nur ein bestimmter Teil von ihnen die Praktiken sowie ihr Selbstverständnis und damit die Konventionen bestimmt; 3. ihre Wandlungsfähigkeit, da sie in einen konstanten Prozess der Interpretation und Reinterpretation eingeschlossen sind; 4. ihre raumzeitliche Determination, aus der sich das Merkmal der Pfadabhängigkeit von Konventionen ableitet; und schließlich 5. die Möglichkeit, dass auch Konventionen kodifiziert und sanktioniert werden, also aus konstitutiven Konventionen Institutionen werden können (Marmor 2009, 45 ff.). Politische Ordnung, die durch Konventionen sozial manifest wird, ist dementsprechend eine sich im Fluss befindliche, historisch kontingente, in andere Regelungen eingebundene soziale Struktur. Im Unterschied zu Institutionen findet ihre Sanktionierung nicht durch öffentlich festgelegte Strafmaßnahmen statt. Vielmehr funktioniert die Sanktionierung hier eher informal durch feindselige Reaktionen anderer Menschen. Informalität bezieht sich hier auf die selbst nicht-verregelte Reaktionsweise, die offen ist und sich entsprechend der situativ miteinander interagierenden Menschen ausbildet. Dennoch sind Konventionen Normen und keine bloßen Verhaltensweisen (Marmor 2009, 67). Diese Normen haben keinen rein partikularen Anspruch. Sie können auch in der gesamten Gesellschaft gültig sein, weil sie durch die Existenz und Reflexion der durch sie konstituierten Praktiken auch für andere erkennbar sind, die wiederum der Regel folgen können oder nicht. Indem sie das tun oder nicht, können sich die Menschen selbst binden oder nicht. Konventionen unterscheiden sich daher von Institutionen, deren Regelungen sich die Menschen unterwerfen müssen, um nicht sanktioniert zu werden. Konventionen entfalten ihre Regelungen ohne die Möglichkeit der Androhung von Zwang. Sie sind aber auch keine einfachen konstitutiven Regelmäßigkeiten, sondern entsprechen dem, was Strub eine »soziale Regel« nennt (Strub 2005, 401). hierbei binden sich in bestimmten Situationen Menschen als Teil einer sozialen Koexistenz selbst, d. h. sie beschließen, das zu tun, was der jeweiligen Regel entspricht (Strub 2005, 401). Ihre Selbstbindung ist ein Versprechen (undertaking), das nicht an das umfassende Wissen der Regel gebunden ist und ebenso keiner explizit formalen Zustimmung bedarf: »All you need to do is let it be understood DIE PRAKTISchE ExPRESSION DES POLITISchEN 188 that you will do something in a manner that counts as having incurred a commitment to doing it« (Millar 2004, 87). Dieses Versprechen ergibt nur Sinn in der jeweiligen Praxis, da erst in diesem Kontext die Regelungen, denen man sich verpflichtet, ersichtlich werden, ohne dass sie explizit formuliert sein müssen (Millar 2004, 88).31 Wichtig ist es, auf die Differenz zwischen der auf Zwang und zum Teil auf Furcht beruhenden Regelungskraft von Institutionen hinzuweisen, bei der die Betroffenen nicht unbedingt die Legitimation der Sanktionen anerkennen müssen, und den Konventionen, bei denen die Betroffenen das Sanktionieren des Regelverstoßes ausdrücklich als legitim akzeptieren (Strub 2005, 403 f.). Trotz dieses Unterschiedes ist es das Zusammenwirken von Institutionen und Konventionen, das ein soziales Regelungsgeflecht bestehend aus sozialen Praktiken generiert. Daraus entsteht eine »normative Praxis« (Strub 2005, 36), in der sich Aktivitäten manifestieren, die den Mitgliedern einer sozialen Koexistenz etwas bedeuten und die entsprechend von Menschen engagiert vertreten werden. Mit anderen Worten ist eine soziale Gruppe das, worin sich eine normative Praxis ausbildet, und eine normative Praxis kann sich wiederum nur in sozialen Gruppen ausbilden (Strub 2005, 35). Weil aber die Regeln selten in einer normativen Sprache vorliegen (Voegelin 2012, 71), ist es notwendig, die Regelungen im Kontext der gesamten Praxis einzuordnen. 31 Millar verweist aber auf den Umstand, dass trotz der impliziten Verfassung der Regelungen einer Praxis Menschen so tun, als ob die Regeln explizit ausformuliert und konform seien (Millar 2004, 8). 189 TEIL IV Das ›Know-how‹ Politischer Ordnung Nachdem die konzeptuellen Vorarbeiten abgeschlossen sind, lässt sich das Phänomen der Informalität als spezifisches ›Know-how‹ einer Politischen Ordnung reformulieren. hierfür werden im ersten Abschnitt zwei wichtige Kategorien zur Bestimmung des ›Know-how‹ eingeführt. Der zweite Abschnitt beantwortet die Frage nach dem Wie der Organisation des praktischen Ordnungswissens einer Gesellschaft. hierbei lassen sich erste typologische Unterscheidungen treffen und in Abhängigkeit davon unterschiedliche Symbole des praktischen Wissens untersuchen. Im dritten Abschnitt werden die aus der Analyse der differenzierten Organisation des ›Know-how‹ gewonnenen Erkenntnisse vor dem hintergrund ihrer Bedeutung für die modale Form Politischer Ordnung systematisiert. 1. Die Mètis als ›Know-how‹ Im zweiten Teil wurde aus dem Eigensinn des Politischen die Vorstellung einer Politischen Ordnung entwickelt. Der notwendigerweise eher abstrakte Begriff der Politischen Ordnung umreißt ein spezifisch politisches Strukturkonzept mit einigen Ausformungen, das jedoch nicht eins zu eins in die soziale Praxis umsetzbar ist. Entsprechend kann ein Spannungsfeld zwischen den politischen Strukturen, ihren normativen Ansprüchen und den empirisch nachzuvollziehenden sozialen Strukturen ausgemacht werden. Dieses Spannungsfeld führt zu einer immer wieder erneuerbaren Aktualisierung, Begründung bzw. Neuausrichtung der Relation von politischen und sozialen Strukturen. Aus den Vorgaben des politischen Strukturbegriffs, so haben wir anschließend begründet, ergibt sich die Notwendigkeit, bei der Analyse sozialer Strukturen auf spezifisch dynamische Sozialtheorien zuzugreifen. Die Einführung und Diskussion der dafür in Frage kommenden Theorie sozialer Praktiken hat spezifische Logiken bei der Ausbildung sozialer Strukturen identifiziert, die auch das Politische in der Gesellschaft präsentieren. Zwei wichtige Einsichten sind mit der sozialtheoretischen Praxeologie problematisiert worden: die immense Bedeutung des praktischen Wissens sowie der damit assoziierten modalen Form der Ordnung für die (Re-)Produktion sozialer Strukturen und dessen größtenteils impliziter charakter. Durch die anschließend von uns durchgeführte Reflexion dieser Punkte aus der Perspektive der Politischen Theorie wurden die Konsequenzen für das Konzept der Politischen Ordnung aufbereitet. Demnach muss DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 190 konstatiert werden, dass auch die modale Form der Ordnung normativ ist. Deshalb kommt ihr nicht nur das gleiche Gewicht wie der Status und der Prozess von Politischer Ordnung zu, sondern gerade die Praxeologie insistiert auf ihre herausgehobene Stellung im Kontext sozialer Ordnungsbildung. Für den im ersten Teil begründeten Weg der konzeptuellen Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Informalen ergeben sich folgende Schlussfolgerungen: – Erstens lässt sich aus dem Strukturbegriff der Politischen Ordnung keine Privilegierung des Formalen ableiten. Im Ordnungsbegriff sind die Formen des Status, des Modus und des Prozesses nicht nur gleichberechtigt miteinander verbunden, sondern sie sind unmittelbar aufeinander angewiesen. Demzufolge ist auch das durch Klassifizierung konstituierte Formale ein Status, der interdependent mit dem Modus und dem Prozess der Ordnung verbunden ist. Keine der drei Formen von Ordnung kann sich einseitig aus dem Kontext verabschieden und einen eigenständigen Status proklamieren. – Zweitens wird durch die Praxeologie klar herausgearbeitet, dass einerseits soziales handeln immer schon durch die anleitenden Praktiken geregelt ist. Andererseits ist das durch die Praktiken vermittelte praktische Können körperliches Regelwissen. Es ist nicht aufgeschrieben, fixiert oder formalisiert. Informale Regeln lösen sich als eigenständige Regelform vor diesem hintergrund auf. Menschliches Verhalten in Gesellschaften unterliegt einem praktisch vermittelten (und so auch sanktionierten) Regelwissen. Eine eigenständige Kategorie informalen handelns kann im Rahmen der Theorie sozialer Praktiken nicht begründet werden. – Drittens folgt daraus eine notwendige Revision der Perspektive. Statt sich wie bisher auf formale Regelsysteme zu konzentrieren oder ihr Wechselverhältnis mit informalen Strukturen zu problematisieren bzw. die informalen Strukturen allenfalls als Randphänomene zu behandeln, zeigt die praxeologische Aufklärung sozialer Strukturen, dass Konventionen und implizites Regelwissen bei der Gründung und Integration von Gesellschaften eine wesentliche Rolle spielen. Doch wie lassen sich die Konsequenzen in eine systematische Untersuchung von Strukturen übersetzen? Wie kann das formulierte Problem, dass die modale Ordnungsform, die zudem noch häufig implizit ist, sich einer Beobachtung entzieht, gelöst werden? Beide Aspekte existieren sozusagen auf der Innenseite der Praktiken, die zwar im Komplex des praktischen Agierens des Körpers öffentlich einsehbar, aber nicht öffentlich identifizierbar sind. Um diesem Problem begegnen und eine erste Analyse des ›Know-how‹ Politischer Ordnung vornehmen zu können, sollen im Rückgriff auf bestehende, auch anthropologische Arbeiten hilfreiche Kategorien eingeführt werden. DIE MèTIS ALS ›KNOW-hOW 191 1.1 Eine neue Perspektive auf nicht-fixierte Strukturen Die Ergebnisse unserer Argumentation machen zunächst deutlich, dass die Erfassung und Kategorisierung des Informalen, wie wir es im ersten Teil als grundlegendes Problem der Arbeit beschrieben haben, eine Erneuerung benötigen. Erinnern wir uns an das Beispiel informaler Institutionen und deren Definition als sozial geteilte, ungeschriebene Regeln, die außerhalb offiziell sanktionierender Kanäle konstituiert, kommuniziert und durchgesetzt werden (helmke/Levitsky 2012, 88). In dieser hinsicht sind ein großer Teil sozial geteilter Regeln, seien es Institutionen oder Konventionen, tatsächlich informal. Dennoch, so haben wir es am Ende des vorigen Teils erläutert, sind sie durch ihre eigene Reflexivität insoweit öffentlich akzeptiert, sanktioniert und routiniert, dass außer ihrer fehlenden schriftlichen Kodifizierung keine Unterschiede zu formalen Institutionen bzw. Regelungen bestehen. Das Problem der Informalität als Antipode zum Formalen im Kontext sozialer Strukturen ist somit genau genommen keines. Diese Differenz bildet nur einen bestimmten, sich hinsichtlich seiner Regelungskraft marginal unterscheidenden Bereich sozialer Strukturen. Der bedeutsame Unterschied liegt im Politischen, denn formale Strukturen können als äußerungen des Status einer Politischen Ordnung mit normativen Gründen versehen und gerechtfertigt werden. Auf der rein praktischen Ebene der Funktion sozialer Strukturen ist die Bedeutung von formalisierten, d. h. primär schriftlich fixierten Regeln im Rahmen der Praxeologie nicht zu begründen. Soziale Praktiken sind bereits Regeln, die das Fundament anderer komplexerer Regeln sind. Jede formalisierte Regel löst sich in ein Geflecht von schriftlich nicht-kodifizierten Regeln auf, die exklusiv praktisch erlernt werden und praktisch relevant sind. Die Kontingenz strukturierender Strukturen verneint den Sonderstatus schriftlicher sozialer Regeln außerhalb rein normativer Begründungen. Das in der Politikwissenschaft konstruierte Wechselverhältnis formaler und informaler sozialer Strukturen wird dem komplexen praktischen Regelkomplex nicht gerecht. Was übrig bleibt, ist die normative Bedeutung formaler Regeln, die ihren Sonderstatus begründen. Doch auch dieses ›Alleinstellungsmerkmal‹ können die formalen Regeln nicht mehr exklusiv für sich in Anspruch nehmen. Was bleibt also vom Phänomen des Informalen? Zunächst ist es im Rahmen des politischen Strukturbegriffs der Ordnung und seiner praxeologischen ›Sozialisierung‹ notwendig, das grundlegende Problem der Informalität neu zu fassen. Die Bedeutung schriftlicher Fixierung für die Funktionalität sozialer Regeln tritt in den hintergrund. Gleichzeitig muss der Aspekt der Sanktionierung von Regeln viel stärker gemacht werden. Formalisierung, allgemein als Generalisierung von Erwartungen im Sinne Luhmanns gedacht, hat die Aufgabe, DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 192 in politischen Koexistenzen bestimmte Regeln zu klassifizieren und als rechtmäßig herauszustellen. Diese besondere Art der Normierung von Regeln ist, unabhängig davon, ob sie sich als Konventionen, Institutionen oder einfach Normen manifestieren, darauf angewiesen, dass sie reflexiv ist. Reflexivität insistiert hier auf das Vorhandensein bestimmter »Techniken der Selbstbeobachtung« (Reckwitz 2009, 177), die es ermöglichen, dass Regeln auch als solche wahrgenommen und sprachlich formuliert werden können. Sie müssen explizit sein, damit sie formulierbar sind und zum Gegenstand von Kommunikationsprozessen werden. Wohlgemerkt bedeutet dies nicht notwendig ihre schriftliche Kodifizierung. Diese kann, muss aber nicht vorliegen. Erst die Eigenschaft der Formulierbarkeit ermöglicht es, dass die Regeln als Teil diskursiver Praktiken zum Gegenstand sozialer Klassifizierungen werden. Nur explizit formulierte Regeln können gegenüber anderen abgegrenzt, privilegiert und sanktioniert werden, indem sie so als Regelwissen der Praxis auferlegt werden, also zu bestimmten Praktiken des Regelfolgens führen (Ortmann 2010, 114). Was bisher als formale Struktur beschrieben wurde, sind der Praxis durch Kodifizierung oder Formulierung auferlegte Regeln (Ortmann 2010, 114). Im Unterschied dazu können auch implizite Regelungen der Praxis auferlegt werden. Ortmann zählt hierzu die in der Diskussion identifizierten Formen der Nachahmung, der Gewöhnung, der Gepflogenheiten, der Sitte, der Disziplinierung, der Normalisierung etc. Diese implizit auferlegten Regeln umreißen den bisher problematisierten Bereich der sogenannten informalen Strukturen, wobei der Begriff der impliziten Regeln hierbei sinnvoller ist als der Begriff des Informalen. Die Auferlegung durch Praxis, wie es Ortmann nennt, ist Teil von rekursiven Schleifen, in die Praktiken eingebunden sind (Ortmann 2010, 115): Regelungen konstituieren Praktiken, die routiniert reproduziert werden und damit wieder Regeln konstituieren. Alle sozialen Strukturen sind simultan Wegweiser und Wege, bilden zusammen ein »rekursives Verursachungs- und Begründungsverhältnis« (Ortmann 2010, 116). Darin gleichen sich die impliziten durch Praxis und die expliziten durch Formulierung auferlegten Regeln, worin die ursächliche Differenz von Formalität/Informalität begründet ist. Neben ihrer expliziten oder impliziten Erscheinung lassen sich Regeln nach ihrer möglichen Verortung in den Praktiken der Reflexivität unterscheiden, denn erst dadurch ist es möglich, den Unterschied von fixierten und nicht-fixierten Strukturen vollends zu konzeptualisieren. Weil explizite Regeln formulierbar sind, können sie Gegenstand von Praktiken der Reflexivität werden. Wir haben im ersten Teil im Anschluss an Brie und Stölting auf die Bedeutung der Schriftkultur als Bedingung für die Formalisierung sozialer Regeln hingewiesen. Reckwitz führt dies im Kontext der Genese spezifischer kultureller Praktiken der Reflexivität ebenfalls aus. Demnach ist es Teil der bürgerlichen Kultur, die aufgrund ihrer DIE MèTIS ALS ›KNOW-hOW 193 kultivierten Praktiken des Schreibens die Grundlage für die Entwicklung routinierter Techniken der Selbstbeobachtung darstellt (Reckwitz 2009, 177). Die Klassifizierung von Regeln zieht aus diesen Praktiken der Reflexivität »Deutungsschemata der Optionalität« (Reckwitz 2009, 178), welche die Selektion expliziter Regeln (von anderen expliziten und auch von impliziten) ermöglichen. Reflexivität drückt sich nach Reckwitz darüber hinaus in codes aus, wie z. B. dem code der Selbstoptimierung auf der Ebene des Subjekts. Im Fall politisch relevanter Institutionen sind es codes der Effizienzoptimierung, der Optimierung politischer Repräsentation und Kontrolle, die Reflexivitätsannahmen symbolisieren.1 Zusätzlich verbinden die Praktiken der Reflexivität spezifische materielle Artefakte. Exemplarisch sei hier auf die in der Schriftkultur genutzte Fülle von Artefakten der Publizität hingewiesen oder auf die Bedeutung elektronischer Kommunikations- und Informationstechnologien (Reckwitz 2009, 179).2 Während die expliziten Regeln und ihre Klassifizierungen fest in die Praktiken der Reflexivität eingebunden sind, woraus sich für die Formalisierung sozialer Strukturen eine eigene Dynamik »rekursiver Konstitution« (Ortmann 2010, 116) ergibt, sind implizite Regeln aus diesen Praktiken ausgenommen. Ihre Auferlegung vollzieht sich ohne Rückgriff auf formulierbare Regeln.3 Durch diesen Schnitt wird das, was wir hier als Ausdruck der Informalität auf der Ebene sozial relevanter Regeln behandeln, spezifischer als im Ansatz der informalen Institutionen. In dieser Perspektive werden als nicht-fixierte oder informale Strukturen nur noch implizite Regeln behandelt, deren Regelwissen in keinem reflexiven Prozess thematisiert wird. Es sind implizite Regeln als Teil des praktischen Wissens einer sozialen Koexistenz. Gewiss werden sie auch problematisiert, doch ist dieses punktuelle Explizit-machen unerheblich für ihre Wirksamkeit. Ihr Regelanspruch wird nicht durch die Praktiken der Reflexivität begründet. Übertragen auf die Ebene des politischen Strukturbegriffs werden diese Regeln nicht als Status behandelt, weil sie keine Zustandsregeln der Ordnung sind. Implizite Regeln als Strukturierungen praktischen Wissens spiegeln die modale Form der Ordnung wider. Dessen ungeachtet betont die Perspektivenänderung informaler Strukturen den normativen charakter impliziter Regeln, weil sie die Verbindlichkeit 1 Buchstein und Jörke verweisen hierzu auf den historischen Trend in der demokratietheoretischen Diskussion, wonach Möglichkeiten zur Optimierung der Demokratie als institutionelles System gesucht werden (Buchstein/Jörke 2003, 473). 2 Reckwitz diskutiert im Rahmen der Praktiken der Reflexivität noch die Subjektivierung, die wir für unser Thema vernachlässigen können. 3 Was nicht ausschließt, dass etablierte implizite Regeln irgendwann explizit gemacht werden. Dann sind sie imstande, Gegenstand der Praktiken der Reflexivität zu werden, was die Möglichkeit ihrer Formalisierung einschließt. Wagner nennt diese Prozesse Akte der bottom-up-Institutionalisierung (Wagner 1995, 123). DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 194 des Modus einer Ordnung zum Ausdruck bringen. Demzufolge sind es keine statischen Normen, die analysiert oder gerechtfertigt werden können. Der implizite charakter der Regeln erschwert die Suche und die Einschätzung der Normativität dieser nicht-formulierten, nicht-fixierten, allein durch die Praxis auferlegten Regeln. Damit diese impliziten Regeln in Bezug auf die Organisation politischer Koexistenzen angemessen konzeptualisiert und analysiert werden können, begeben wir uns auf die Suche nach Kategorien, die in der Lage sind, – erstens die für das praktische Wissen im Rahmen der Vielfalt in einer Gesellschaft existenten Praktiken strukturell zusammenzufassen, – zweitens das kollektiv geteilte praktische Wissen in Bezug auf die eine Gesellschaft konstituierende Politische Ordnung einzugrenzen und – drittens eine für die weitere Analyse notwendige Systematik dieses Wissens anzubieten. 1.2 Assemblage Soziale Praktiken sind die kleinste Einheit des Sozialen und bilden somit den Stoff für alle sozialen Regeln, gleich, ob es sich um Normierungen, Konventionen oder Institutionen handelt. Alle kollektiven Formen der Organisation von Ordnung des Zusammenlebens lassen sich letztlich als Praktiken, Verknüpfungen von Praktiken und von Verknüpfungen von Praktikenverknüpfungen beschreiben. Politische Ordnung setzt sich in vielfältigen Formen um, was es notwendig macht, die Analyse auf eine sinnvolle Perspektive festzulegen. Doch welche Perspektive kann dies sein? Letztlich suchen wir nach einer hilfreichen Strukturkategorie zur Beobachtung sozialer Manifestationen von Politischer Ordnung. Die Möglichkeit, schlichtweg von Praktiken zu sprechen, wäre nicht vielversprechend. Zum einen reproduziert man damit eine semantische Mode, die einfach alles Soziale in Praktiken übersetzt, ohne die genaue Vorstellung einer Theorie sozialer Praktiken zu besitzen. Zum anderen würde man sich damit auf die geradezu unbegrenzte Mikroperspektive der Ethnologie begeben, die erst mittels ihrer Felder Strukturkategorien konstruiert. Abgesehen davon, dass zur Entwicklung des Feldkonzeptes innerhalb der Ethnologie eine interessante Diskussion existiert (vgl. hess/ Schertl 2013), kann sich die politische Analyse nicht auf diese Ebene begeben, wenn sie den Anspruch der vergleichenden theoriebildenden Untersuchung von Institutionen und Gesellschaften nicht aufgeben will. Zudem erlaubt es der erarbeitete Ausgangspunkt der Ordnung als Eigensinn des Politischen, davon auszugehen, dass die Etablierung und die Auseinandersetzungen um eine soziale Manifestation der Ordnung eine bestimmte Struktur produzieren, die kategorial erfasst und beobachtet DIE MèTIS ALS ›KNOW-hOW 195 werden kann. Die Analyse Politischer Ordnung ist in dieser hinsicht kein strukturgenerierendes Verfahren, geht sie doch von der Existenz kontingenter Ordnungen aus, die wiederum in kontingenten sozialen Regelungen menschliches Zusammenleben problematisiert. Mit anderen Worten muss die Politikwissenschaft nicht selbständig Objekte konstruieren, sondern sich darum bemühen, existente soziale Konstruktionen zu beschreiben und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Um eine Fokussierung der Suche zu ermöglichen, haben wir uns bereits oben dazu entschlossen, uns stärker auf die Möglichkeit der institutionellen Verdichtung von Regeln zu orientieren, um mögliche Anschlüsse an entsprechende Ansätze zu erlauben. Folglich erübrigt sich auch die Ersetzung des sozialen Feldes von Bourdieu durch das Feld der Ethnologie. Stattdessen wollen wir dem Vorschlag von Reckwitz folgen und der Vorstellung von Arrangements nachgehen. Zunächst ist zu konstatieren, dass auf der Suche nach den Ordnungseinflüssen im Kontext des Politischen keine wie auch immer geartete Regelungsart von vornherein diskriminiert werden sollte. Restriktive Feld- oder Arrangementskonzepte, wenn sie denn existieren, wären deshalb abzulehnen. Interessanterweise wird in der Ethnologie eine neue Kategorie diskutiert, die durchaus an die Einsichten der Praxeologie anknüpft und versucht, konzeptuellen Problemen des Feldes zu begegnen (hess/Schertl 2013, 29 f.). Dabei handelt es sich um das Konzept der Assemblage: ein durch Kombination unterschiedlicher Objekte zusammengefügter Gegenstand, auf den in der Ethnologie verstärkt zurückgegriffen wird.4 Der Begriff selbst hat mehrere Wurzeln und kennt unterschiedliche Verwendungen (vgl. Marcus/Saka 2006). Eine differenzierte Anwendung ergibt sich aus der Entscheidung, den Begriff deskriptiv oder normativ zu nutzen. Eine rein deskriptive Verwendung ist bei Sassen zu finden (Sassen 2008). Sie nutzt den Begriff, um im Kontext der Globalisierung verschiedene Typen von »assemblages across time and space« zu identifizieren (Sassen 2008, 5).5 Ihrer Ansicht nach lassen sich unterschiedliche soziale Gefüge von Territorien, Rechten und Autoritäten bestimmen. Doch im Zuge der Globalisierung entstehen de-nationale ›assemblages‹ (Sassen 2008, 403). Diese komplexen Gefüge bedingen differenzierte raumzeitliche Ordnungen. Sassen will mit dem Begriff der ›assemblage‹ die in ihrer Zusammensetzung neuen sozialen Strukturen kategorial beschreiben, ohne diese deskriptive Kategorie normativ oder theoretisch aufzuladen. Im Gegensatz dazu wird der Begriff von Deleuze und Guattari auch normativ 4 Dies insbesondere auch, um methodische Probleme zu lösen, wie sie von hess und Schwertl zusammengetragen werden (hess/Schwertl 2013, 21 ff.). 5 Sie setzt sich auch vom thematisch ähnlichen Ansatz von collier und Ong ab (vgl. collier/Ong 2005). DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 196 gebraucht.6 Sie entwickeln in ihrem unkonventionellen Buch »Tausend Plateaus« ein bestimmtes Verständnis von Gefügen als Ausdruck einer Mannigfaltigkeit (Deleuze/Guattari 1992, 12). Das Gefüge umfasst die sich steigernde Dimensionalität einer Vielfalt, angetrieben durch sich stetig verändernde Beziehungen. Diese Struktur zeichnet sich durch ihre Mannigfaltigkeit aus, deren heterogenität sich allen hierarchischen Ordnungskonstruktionen verwehrt.7 Deuleuze und Guattari operieren auch mit dem Begriff des Rhizoms, das aus Gefügen besteht und als strukturelle Metapher die Freiheit der möglichen Verbindungen zwischen den Elementen Ausdruck verleihen soll (Deleuze/Guattari 1992, 16). Dafür werden neben dem Prinzip der Mannigfaltigkeit u. a. die Prinzipien der heterogenität und der Konnexion formuliert, wobei hinter diesen Kategorien die poststrukturalistische Ablehnung von durch Macht begründeten Determinationen steht. Das Rhizom und die Gefüge verweigern sich verkürzenden Kategorien, die nicht frei von Intentionen versuchen, in der Vielfalt eine Einheit zu konstruieren (Deleuze/Guattari 1992, 18).8 Gefüge oder Assemblage transformieren hier zu kategorialen Begriffen, die nicht rein deskriptiv verwendet werden, sondern eine normative Erwartung an die beobachtete Wirklichkeit herantragen. Interessant an dieser begrifflichen Konstruktion ist der Versuch, ein strukturell schwer zu erfassendes Objekt so zu markieren, dass es als solches wahrgenommen wird. Die Schwierigkeiten seiner Erfassung resultieren aus der Möglichkeit seiner Abgrenzung von anderen Objekten und der Möglichkeit seiner Beobachtung. Doch geht es bei Deleuze und Guattari weniger um das Problem der Beobachtbarkeit, also nicht um die Diskussion erkenntnistheoretischer Fragen, sondern allein um die methodische Möglichkeit, ein Objekt ohne Diskriminierungen zu beschreiben.9 Dennoch formulieren sie eine Reihe von für uns entscheidenden Fragen ( Deleuze/ 6 Deleuze und Guattari sprechen im Französischen vom ›agencement‹, was im Englischen mit ›assemblage‹ übertragen wird. Dies ist keinesfalls eindeutig, beziehen sich ›agencement‹ und ›assemblage‹ auf etwas Abstraktes (vgl. Law 2004, 41 f.). In der deutschen Übersetzung wurde das Wort Gefüge benutzt, um sich klarer von der alltäglichen Bedeutung von ›agencement‹ abzugrenzen (vgl. Deleuze/Guattari 1992, 12 FN 1). 7 Goodchild definiert den Begriff bei Deleuze und Guattari noch einfacher. Demnach ist eine assemblage »a collection of connected parts that has a consistency« (Goodchild 1996, 217). 8 »Der Begriff der Einheit taucht immer nur dann auf, wenn in einer Mannigfaltigkeit der Signifikant die Macht übernimmt oder ein entsprechender Subjektivierungsprozess stattfindet […]« (Deleuze/Guattari 1992, 18). 9 So auch das folgende Zitat: »Was ein Gefüge zusammenhält, ist nicht das Zusammenspiel von umrahmenden Formen oder von linearen Kausalitäten, sondern seine am stärksten deterritorialisierte Komponente, sein vorhandener oder möglicher Ansatz zur Deterritorialisierung […]« (Deleuze/Guattari 1992, 459). DIE MèTIS ALS ›KNOW-hOW 197 Guattari 1992, 458): Lassen sich in einer strukturell unscharfen Assemblage Ordnungen überhaupt differenzieren? Sind in einer Assemblage Formen und ihre hierarchien beschreibbar, damit diese von anderen respektiert werden können? Für unsere Zwecke muss in Anbetracht der beiden besprochenen Möglichkeiten des Assemblage-Begriffs eine sinnvolle Verwendung geprüft werden. Wir suchen nach einer Kategorie, die es uns erlaubt, die Vielfalt sozialer Regelungen (Normen, Konventionen, Institutionen) aufzunehmen und vor dem hintergrund dieser Vielfalt trotzdem anzuerkennen, dass es Menschen in ihrer sozialen Praxis vor allem darauf ankommt, ihre genuin politischen Ordnungsvorstellungen sozial zu manifestieren. Mit anderen Worten sind Menschen stets bestrebt, die Welt nach ihren Ordnungsvorstellungen bzw. im Einklang mit diesen zu organisieren. Schließlich muss der Fokus auf den sozialen Praktiken als kleinster Einheit des Sozialen liegen, wobei auf die Durchführung sozialer Praktiken insistiert wird und damit die Betonung auf dem Modus der Ordnung liegt. In dieser Systematik würde demzufolge der Begriff der Assemblage auf ein Gefüge von Praktiken verweisen, die das Ordnungsproblem der Menschen in ihrer sozialen Koexistenz verarbeiten. Dass diese Kategorie sinnvoller als diejenige des Feldes oder des institutionellen Arrangements ist, lässt sich an folgenden Punkten erläutern. Der Begriff bildet zwar eine strukturelle Kategorie, jedoch ohne Starrheit oder Stabilität zu unterstellen. »The time-space in which assemblage is imagined is inherently unstable and infused with the movement and change« (Marcus/Saka 2006, 102). Statt Relationen kategorial festzuschreiben, indem bestimmte Formen von Ordnung (Status) gegenüber anderen erkenntnistheoretisch bevorzugt werden, lässt die Assemblage bewusst die Frage nach der Entstehung, dem Prozess und den Beziehungen offen (Marcus/Saka 2006, 102), wodurch diese Unschärfe im Begriff kategorial eingebaut ist. »So assemblage is a process of bundling, of assembling, or better of recursive self-assembling in which the elements put together are not fixed in shape, do not belong to a larger pre-given list but are constructed at least in part as they are entangled together« (Law 2004, 42). Es gibt keine dauerhafte Fixierung der Verbindungen. Sie sind immer nur temporäre Verknüpfungen unterschiedlicher Elemente. Doch sind sie nicht so flüchtig, sich ihrer Beobachtung zu entziehen. Zugleich muss die Beobachtung eine differenzierte Behandlung der Assemblage vornehmen, weil jene mehrere Formen annehmen kann. Eine Assemblage ist ein spezifisch subjektiver, sozialer und kultureller Erfahrungsschatz, der den stetigen Wandel einer Gesellschaft beeinflusst. Sie fügt weiterhin objektive Relationen, Materialien, strukturähnliche Formationen aneinander, wobei letzteres zu verstehen ist als »a configuration of relationships among diverse sites and things« (Marcus/Saka 2006, 102). Die Assemblages bestehen aus aktiven und sich weiterentwickelnden Praktiken, DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 198 die als theoretisches Framework nicht bis ins letzte ausgedeutet sind (Watson-Verran/Turnbull 1995, 117). hier scheint es eine Unschärfe zu geben, die bewusst reproduziert wird, damit die Kontingenz und die Wandlungsfähigkeit von Gefügen stets aufs Neue und für jeden Fall anders beschrieben werden können. Die Weise der spezifischen Verknüpfung lässt sich konzeptuell nur durch die Deskription und Analyse der Praktikengefüge erklären. Neben der Möglichkeit, eine Assemblage zu beobachten und zu beschreiben, präsentieren diese Gefüge darüber hinaus auch Machtrelationen, die spezifische diskursive Praktiken festlegen (Watson-Verran/Turnbull 1995, 117).10 Es ist die Unbestimmtheit der strukturellen Kategorien auf der einen Seite und ihre Referenz zur Verknüpfung von unterschiedlichen Elementen auf der anderen Seite, welche die Assemblage für uns interessant macht. Auf die Praktiken bezogen lässt sich damit ausdrücken, dass ein Gefüge unterschiedlicher Praktiken im Konnex mit Technologien und Artefakten die Politische Ordnung einer sozialen Gruppe darstellt. Dabei kann es die Form von Konventionen, Institutionen, Normen etc. annehmen bzw. diese verbinden. Keine der einzelnen Formen hat gegenüber der anderen einen herausgehobenen Status inne. Zudem ist es wahrscheinlich, dass sich ihr Status innerhalb und mit der Assemblage verändert. Bis hierher scheint es sich nun doch um eine eher deskriptiv-analytische Kategorie zu handeln. Assemblages können beobachtet und beschrieben werden, als Konzept haben sie ihre Relevanz nur aufgrund dieses Umstands. Doch reicht dies im Kontext der Politischen Ordnung nicht aus. Was diese Kategorie gegenüber anderen prädestiniert, ist die Integration des Problems der Funktion (vgl. Olds/Thrift 2005, 271), wobei die Funktion die Manifestation der Politischen Ordnung darstellt, zu deren Zweck verschiedene Praktiken, Affekte und Technologien zusammengeführt werden. Das Element der Funktion wird hier nicht mechanisch oder kausal missverstanden, wie wir es für den Übergang von Ordnung zu sozialen Regeln bereits begründet haben. »Assemblages will function quite differently, according to local circumstance, not because they are an overarching structure adapting its rules to the particular situation, but because these manifestations are what the assemblage consists of« (Olds/Thrift 2005, 271). Mithilfe des Assemblagebegriffs erhalten wir eine sinnvolle strukturelle Kategorie, die den konzeptuellen Ansprüchen der Analyse Politischer Ordnung genügt. Dies lässt sich in fünf Punkten begründen: Erstens kann damit der konzeptuellen Ebene der Theorie sozialer Praktiken im vollen Umfang entsprochen werden. Es sind soziale Praktiken, die zusammen das Gefüge der Assemblage bilden. Zweitens integriert die 10 »Understanding them this way picks up on notions of power as strategic and involved with meaning making« (Watson-Verran/Turnbull 1995, 117). DIE MèTIS ALS ›KNOW-hOW 199 Assemblage alle notwendigen, durch Praktiken konstituierten sozialen Regelsysteme wie Institutionen oder Konventionen. Drittens werden diese Regelsysteme gleichberechtigt behandelt, womit institutionalistische und konventionalistische Verkürzungen genauso wie ausschließliche Fokussierungen auf zerstreute bzw. integrative Praktiken (vgl. Schatzki 1996, 91 ff.) unmöglich werden. Die Assemblage steht quer zu allen möglichen Arten von Praktiken und führt sie zusammen. Viertens löst die Assemblage die Praktiken nicht zugunsten einer höheren Struktur auf. Somit bietet sie auf der einen Seite eine strukturelle Kategorie, in der die verschiedenen Praktiken funktionell zusammengeführt werden, proklamiert auf der anderen Seite aber nicht die Existenz einer höherwertigen Struktur, in der die aufsummierten Praktiken ihre Autonomie und Identität verlieren. Die in der Assemblage verbundenen Praktiken schaffen Emergenz. Fünftens betont die Assemblage den dynamischen charakter sozialer Organisation von Ordnung, die sich stetig im Wandel befindet und somit weder dauerhaft fixiert noch eingehend formalisiert werden kann. Eingedenk der genannten Punkte kann die Assemblage die unterschiedlichen Praktiken im hinblick auf die Funktion der Politischen Ordnung spannungsreich zusammenführen. Die Politische Ordnung induziert erst die Bildung und Reproduktion eines bestimmten sozialen Gefüges, auch wenn ihr kausaler Einfluss auf die genaue Ausformung des Gefüges von Praktiken eher gering ist. Dementsprechend können wir die Manifestation Politischer Ordnung anhand einer bestimmten Assemblage sozialer Praktiken außerhalb einer reduzierten Mikroperspektive der Praktiken aufklären. Diese Assemblage wollen wir fortan als Gefüge politischer Praktiken, als politische Assemblage bezeichnen. 1.3 Praktisches Wissen und Mètis Das praktische Wissen ist in jeder Praktik vorhanden, wird durch sie angewandt und reproduziert eine bestimmte Form sozialen Verhaltens. Die Analyse der Politischen Ordnung will sich zwar mit der modalen Form der Ordnung auseinandersetzen, kann aber auch hier wieder in die Falle der reinen Mikroperspektive geraten. ähnlich wie bei der Beschreibung der Praktiken tut die Analyse gut daran, eine Perspektive über den Praktiken und ihrem praktischen Wissen einzunehmen. Es soll nicht darum gehen, jedes einzelne ›Know-how‹ in den Praktiken zu interpretieren, um daraus Rückschlüsse auf die Politische Ordnung als Ganzes zu ziehen. hier wird ähnlich der Assemblage eine Kategorie gebraucht, die wie ein Konvolut das partikulare ›Know-how‹ im Kontext der Politischen Ordnung bündelt. Auf der Suche nach einer solchen Kategorie im Bereich der Sozial- und insbesondere der Politikwissenschaft stößt man auf die interessante Arbeit von Scott. James c. Scott überschreitet als DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 200 Politikwissenschaftler und Ethnologe kreativ bestehende Fachgrenzen und entwickelt so für uns relevante Einsichten. In seinem Buch »Seeing like a State« untersucht er kritisch gesellschaftliche Modernisierungsprojekte, wobei er insbesondere die zugrundeliegenden kognitiven Modellierungen der ausführenden Akteure kritisiert, denn diese Simplifizierungen ignorieren das lokale Wissen (Scott 1998).11 Simplifizierende Regeln konstruieren eine formale Ordnung, die ein Parasit informaler Prozesse ist und ohne die sie nicht existieren könnten. Obwohl der Zugriff von formalen Regeln auf die soziale Welt mitunter privilegiert wird, sind diese nicht in der Lage, eine funktionierende Gemeinschaft, Stadt oder Ökonomie zu etablieren (Scott 1998, 310). Scott moniert deshalb, dass die von den simplen Zugriffen auf die Welt gestifteten Schemata, welche die Wirklichkeit modellhaft abbilden, die praktischen Fertigkeiten (skills) die jede komplexe Aktivität garantieren, schlicht ignorieren. Die Kernthese des Buches wird von Li folgendermaßen zusammengefasst: »States construct simplified models of the world that they would like to control and improve, yet improvement schemes fail in proportion to their effectiveness at preventing people from applying the everyday knowledge essential to human well-being« (Li 2005, 383). Demgegenüber unternimmt Scott eine Konzeptualisierung des ›Know-how‹ im Rahmen einer Wiederaneignung des antiken Begriffs der Mètis. Im Folgenden sollen kurz die wesentlichen Eigenschaften dieses Begriffs systematisiert werden. Mètis baut zwar auf dem eigentlichen praktischen Wissen auf, wie wir es im Rahmen der Theorie sozialer Praktiken erläutert haben, aber es geht über die partikulare Bedeutung praktischen Wissens hinaus, weil es einen größeren Bereich von praktischem Wissen umreißt (Scott 1998, 313). Damit fasst Mètis einen bestimmten Korpus praktischen Wissens und des von ihm ausgehenden Könnens zusammen, bezieht dies aber auf den Träger des Wissens, der stetig auf seine sich auch verändernde natürliche und soziale Umwelt reagieren muss. Scott rekurriert hier auf das Beispiel von Odysseus, um den Status von Mètis zu verdeutlichen:12 »The emphasis is both on Odysseus’s ability to adapt successfully to a constantly shifting situation and on his capacity to understand, and hence outwit, his human and divine adversaries« (Scott 1998, 313).13 Die he- 11 Scott zeigt dies am Beispiel gescheiterter Agrarreformen. 12 »Odysseus’s mètis was in evidence, not only in his deceiving of circe, the cyclops, and Polyphemus and in binding himself to the mast to avoid the Sirens, but also in holding his men together, in repairing his ship, and in improvising tactics to get his men out of one tight spot after another« (Scott 1998, 313). Der antike Ursprung des Konzepts der Mètis wird von Detienne und Vernant fundierend in die Diskussion eingebracht (vgl. Detienne/Vernant 1978). 13 Interessanterweise wird in der Ilias eine Dichotomie zwischen der Mètis, präsentiert durch Odysseus (u.a.), und einem eher auf Kraft bzw. Stärke beruhenden DIE MèTIS ALS ›KNOW-hOW 201 rausforderung für den Menschen liegt in der Erlernung spezifischer körperlicher Aktivitäten, die nicht einfach durch Instruktionen bzw. technische handbücher angeeignet werden können. Dafür müssen Menschen, wir haben es ausführlich begründet, an den Praktiken partizipieren. Mit dem Wissen, das sie hierdurch erlangen, können sie in ähnlichen Situationen reagieren, doch nicht im Sinne einer bloßen Reproduktion eines vorgefassten Programms, sondern durch das Vorhandensein einer bestimmten Form von Geschick (Scott 1998, 316). Auch die in diesem Zusammenhang möglichen Faustregeln benötigen einen kompetenten Akteur, der ein Gefühl dafür hat, wann und wie diese Faustregeln zur Anwendung kommen sollten. Formalisierungen und deduktive Regeln sind damit ausgeschlossen: »In a sense, mètis lies in that large space between the realm of genius, to which no formula can apply, and the realm of codified knowledge, which can be learned by rote« (Scott 1998, 316). Damit hebt sich die Mètis auch von der ›phronesis‹ (Klugheit) des Aristoteles ab, wobei letzteres bereits mit der ›episteme‹ konnotiert ist und dadurch stärker durch Wahrheit und Weisheit bestimmt wird (Dolmage 2009, 11). Da es nach Scott zur Essenz der Mètis gehört, dass der Träger weiß, wie und wann er das vorhandene praktische Wissen, die Faustregeln, in einer Situation anwendet, und dieses Wissen nicht kodifizierbar ist, lässt sich nur eine lokale Bedeutung ermessen (Scott 1998, 316 f.). Das Wissen der Mètis ist immer kontextuell und partikular. Es wird bei der lokalen Anwendung generellen Wissens zur Übersetzung genutzt, ohne dass es einfach nur lokale Werte darstellt (Scott 1989, 318 f.).14 Als meist implizites Wissen kann es nicht durch Kodifizierung aus anderen Kontexten zugänglich gemacht werden. Allein die praktische Erfahrung, die Teil des Wissens der Mètis ist, wird durch die Menschen in Form der Faustregeln kodifiziert (Scott 1998, 330). Kohärenz zwischen den Wissensregelungen oder gar eine homogenität scheint so wenig wahrscheinlich. Die Mètis ist nicht rigide oder monolithisch. Sie ist formbar, lokal, eigenwillig, kontextuell, fragmentiert und damit permeabel wie auch offen für Neues (Scott 1998, 332). Weil es keine zentrale Instanz für das Erlernen der Mètis gibt, existieren auch keine Doktrinen (Scott 1998, 332). Dennoch existiert ein für jede soziale Koexistenz spezifischer Bestand der Mètis, der für eine bestimmte Gemeinschaft konstituierend ist. Aufgrund seiner Struktur kann er aber nicht gleichmäßig geradezu demokratisch verteilt sein (Scott 1998, 334). Im Kontext der Politischen Ordnung und ihrer Konzept (biè), getragen von Achilles, entfaltet (Dunkle 1987). Diese widersprüchlichen Werte spiegeln nach Ansicht von Dunkle sogar ein wesentliches Thema der Ilias wider. 14 Damit unterscheidet sich die Mètis auch von der techne (Scott 1998, 320). DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 202 Normativität ist dies schwierig. Zudem wird es durch Formalisierungen bedrängt bzw. zerstört. Mit der Mètis, so scheint es auf den ersten Blick, besteht ein adäquates Konzept, das die Bedeutung praktischen Wissens auf der kollektiven Ebene der Gesellschaft systematisiert. Die Mètis aggregiert das praktische Wissen im hinblick auf die soziale Manifestation der Politischen Ordnung. In dieser hinsicht stellt die Mètis die Summe des praktischen Wissens dar, wie es in der jeweiligen Assemblage sozialer Praktiken zur Reproduktion der sozialen Ordnung zur Anwendung kommt. Man könnte die Mètis auch als die modale Form des common Sense interpretieren, also als das Vollzugswissen des common Sense (vgl. Geertz 1983, 286). Weil die Mètis das praktische Wissen der Assemblage präsentiert, lassen sich die identifizierten strukturellen Eigenschaften der Assemblage auch auf die Zusammensetzung der Mètis übertragen. Demnach ist die Mètis ein fluider, dynamischer und emergenter Wissenskorpus, der für die lokale Reproduktion einer sozialen Koexistenz notwendig ist. Dieser Korpus ist aber nicht nur funktionell notwendig, sondern präsentiert eine spezifische Machtbeziehung, weil durch die Mètis bestimmte Routinen, Praktiken und Verbünde von Praktiken präferiert, andere hingegen disqualifiziert werden. Da aber die Mètis größtenteils implizit und nicht kodifiziert ist, muss die von ihr geprägte Machtbeziehung normativ mit der modalen Form der Politischen Ordnung verknüpft werden. Die Auseinandersetzung mit der Mètis hat verdeutlicht, dass es sich um ein sinnvolles Konzept zur Erfassung des praktischen Wissens in einer Assemblage von Praktiken handelt. Damit wird eine Brücke zwischen dem philosophisch fundierten Begriff des praktischen Wissens und dem empirisch relevanten praktischen Ordnungswissen gebaut, wobei beides in der projekthaften Expression von Ordnung systematisch zusammenläuft. Das praktische Wissen fungiert nicht als rein analytische Kategorie zur philosophischen Differenzierung von unterschiedlichen Wissensformen. Praktisches Wissen ist ebenso entscheidend für die erfolgreiche kollektive Organisation sozialer Praxis, dann aber in Form eines kollektiv aggregierten praktischen Wissens mit eigenen charaktereigenschaften – die Mètis. Neben der empirischen Relevanz der Mètis erweist sich darüber hinaus die Struktur der Mètis mit der Struktur der Assemblage kompatibel. Es ist jedoch nötig, jenseits des empirischen Nachweises, durch den die Kategorie erst an Kraft und Legitimität gewinnt, und der inhaltlichen Rekonstruktion der Mètis auf der Basis antiker Texte, einen noch systematischeren Begriff zu entwickeln, um erfolgreich mit dem Konzept operieren zu können. DIE MèTIS ALS ›KNOW-hOW 203 1.4 Ein systematisches Konzept von Mètis Es ist Dolmage zu danken, dass er diverse Bedeutungen von Mètis zusammengetragen hat. Mètis referiert auf die Weisheit, die Raffinesse und die Geschicklichkeit einer Person, wie sie in der Antike erstmals beschrieben wurde (Dolmage 2009, 5; vgl. hartog 1977; Detienne/Vernant 1978; Dunkle 1987). Das Wissen der Mètis ist eine verkörperte Intelligenz, die Geschicklichkeit und Adaptionsfähigkeit der Menschen fundiert (Dolmage 2009, 5). Die Verkörperung ist der wesentliche Faktor zur Einschätzung der Bedeutung von Mètis und zugleich ihr scheinbar größtes Problem. Weil Mètis immer nur praktisch angewandtes Wissen und nur sich in den Praktiken zeigendes Wissen ist, wird es, so der zentrale Vorwurf von Dolmage, in der antiken Philosophie diskriminiert. Grund der Diskriminierung ist der exklusive Stellenwert des Körpers beim Verständnis von Mètis, wodurch sie schwierig zu fassen ist: »The body, mètis, and the rhetoric are all at some point (often concurrently) the scapegoats of classical epistemology« (Dolmage 2009, 12). Ursache dafür ist sicherlich das ›Schweigen der Mètis‹ (hartog 1977, 49), wodurch die Möglichkeit zu ihrer einfachen Beobachtung und Analyse eingeschränkt ist. Wie bei der Assemblage steht man vor dem epistemologischen Problem, etwas Unscharfes, Fluides und häufig Implizites zu beobachten. Der Schwierigkeit kann aber nicht wie bei Platon durch die Diskriminierung der Mètis ausgewichen werden (Dolmage 2009, 10). Schon bei ihm ist der Versuch zu sehen, etwas Unförmiges und scheinbar Unordentliches in eine Ordnung zu zwingen. »Mètis must be made to fit into an ordered world, or rejected« (Dolmage 2009, 10). Dieses Anpassen impliziert, dass die Mètis in eine geordnete, proportionale, hierarchische und intellektuelle Epistemologie überführt wird (Dolmage 2009, 11), wodurch das Verständnis für das Unscharfe und nicht Geordnete zugunsten einer exklusiven, auf das Formale fixierten Epistemologie aufgegeben wird. Doch nur weil etwas unscharf ist bzw. keine fixe Struktur zeigt, bedeutet dies nicht, dass dahinter keine ordnungsbildenden Ambitionen stecken. Unser Argument, wie wir es durch die Verbindung von Politischer Ordnung und Praxeologie vorbereitet haben, zielt darauf ab, auch im Vollzug geschickten Verhaltens einen Aspekt von Ordnung, und zwar im hinblick auf die modale Form, zu erkennen. Die Mètis gibt die möglicherweise vorhandenen Elemente eines Status von Ordnung nicht preis. Aber sie zeigt qua ihrer Existenz, dass Menschen in einer sozialen Koexistenz ein spezifisches Wissen um das ordentliche Verhalten besitzen und dieses modale Ordnungswissen immer ein Teil der Trinität von Ordnung als Status, Modus und Prozess ist. Um zu einer sinnvollen Systematik der Mètis zu gelangen, ist es nötig, den Rahmen der reinen Rekonstruktion ihrer Bedeutung aus historischen DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 204 Texten zu verlassen und eine theoretische Erfassung ihres konzeptuellen Status vorzunehmen. In diesem Zusammenhang wenden wir uns dem Ansatz von certeau zu, der das Konzept der Mètis theoretisch untermauert und in einen weiteren Theoriekontext einbettet. Die besondere Leistung des Ansatzes von certeau besteht darin, dass er die Mètis (1.) in einen dezidierten Praxeologiekontext einbaut und (2.) für die epistemologische Erfassung der Mètis einen Vorschlag unterbreitet. (1.) Das Konzept der Mètis von certeau ist Teil einer systematischen Auseinandersetzung mit dem Alltag, seiner Sprache und seiner Praktiken. Im Gegensatz zur spezifischen Expertensprache, ihrer Künstlichkeit und ihrer konstruierten Differenzierung sozialer Operationen orientiert sich certeau am Modell der Alltagssprache von Wittgenstein, in der bereits komplexe Logiken eingelassen sind (certeau 1988, 44 f.). Experten und Philosophen bemühen sich um eine nur distanzierte Analyse der Alltagssprache aus der Perspektive im Rahmen ihres spezifischen Reflexionsmediums artifizieller Wissenschaftssprachen. Dies funktioniert nur, indem der Beobachter so tut, als ob er von einem fremden Ort aus der Alltagssprache einen Sinn zuschreibt (certeau 1988, 49 f.). Will man stattdessen die Sprache in der alltäglichen Sprache beschreiben, »ohne sie von einem entfernten Ort zu übersehen«, muss sie als ein Ensemble von Praktiken begriffen werden, in das der Beobachter selbst eingeschlossen ist (certeau 1988, 51). Es handelt sich um sprachliche Praktiken, die zwar eine enorme Eigenkomplexität aufweisen, aber von vielen reflektierten Formalisierungen nicht erkannt werden (certeau 1988, 52). Was certeau hier unternimmt ist eine Rehabilitierung der alltäglichen Praxis der Menschen im Rahmen einer Theorie des Alltags. Diese schreibt den vielen Praktiken, derer sich die Menschen bedienen und mit deren hilfe sie sich den Raum aneignen, eine eigenständige Logik zu (certeau 1988, 16 f.). Das wesentliche Element dieser Logiken sind Taktiken, wobei Taktiken als Kalküle verstanden werden. Menschen können kalkulieren, ob mit etwas Eigenem zu rechnen ist. Ist dies nicht der Fall, ist es für sie unmöglich, auf strategische Modelle zurückzugreifen, mit denen sie in der Lage wären, die perzipierten Kräfteverhältnisse zu berechnen (certeau 1988, 23). Stattdessen müssen sie auf eine Gelegenheit spekulieren und dann aktiv werden (certeau 1988, 23 f.). Taktiken haben keinen Raum und sind auf Zeit angewiesen: Die Taktik »muss andauernd mit den Ereignissen spielen, um ›günstige Gelegenheiten‹ daraus zu machen« (certeau 1988, 23). Taktiken sind kein diskursiv organisierter Wissensbestand. Sie liegen in den Entscheidungen selbst, in dem »Akt und in der Weise«, wie Gelegenheiten ergriffen werden (certeau 1988, 24). Es handelt sich so um die Manifestation eines performativen Wissens, also Kenntnissen, die Menschen zu »operationalen Leistungen« (certeau 1988, 24) befähigen. »Taktiken sind handlungen, die ihre Geltung aus der Bedeutung beziehen, welche sie der Zeit beilegen – und DIE MèTIS ALS ›KNOW-hOW 205 auch den Umständen, welche in einem ganz bestimmten Interventionsmoment in eine günstige Situation verwandelt werden; die Schnelligkeit von Bewegungen, die die Organisierung des Raumes verändern; den Relationen zwischen den aufeinanderfolgenden Momenten eines ›coups‹; den möglichen Überschneidungen von Zeitabschnitten und heterogenen Rhythmen; etc.« (certeau 1988, 91 f.). Die Fundierung alltäglichen handelns in der Existenz und der Einfluss von Praktiken stellen die strukturelle Grundlage für die Theorie des Alltags dar. Diese Aufklärung des Alltags mittels praxistheoretischer Argumente durch certeau ist nicht neu. Neu und wesentlich weitreichender ist seine Verteidigung des Alltags gegenüber intellektualistischen Überhöhungen akademischer Sprachen. Er bietet der Wissenschaft des Alltäglichen, in das die Mètis eingebunden ist, ein theoretisches Gerüst an, indem er philosophisch dafür argumentiert, die operative Logik des Alltäglichen in ihrer Wirkungsweise ernst zu nehmen. (2.) Die Mètis stattet den Menschen mit Taktiken aus, die es ihm erlauben, Zeit geschickt zu gebrauchen, sich bietende Gelegenheiten zu nutzen und an Spielen teilzunehmen (certeau 1988, 92). Für die theoretische Fassung der Mètis stehen wir vor dem Problem, dass letztlich nicht-formuliertes Wissen irgendwie formuliert werden muss. certeau sieht dieses Problem im Kontext von Theorie und Diskursen, denn mit der Mètis dringt die Theorie in einen Bereich vor, in dem es keine Diskurse mehr gibt (certeau 1988, 131). Dieses nicht-formulierte Wissen der Mètis sperrt sich gegen seine Neugliederung durch Diskurse. Es handelt sich aber nicht einfach um eine hierarchie, um zwei differierende Wissensformen, wobei die aufgeklärte Variante in der Lage ist, die andere in ihrer höheren Logik adäquat abzubilden. Das durch diskursive Praktiken artikulierte Wissen steht dem unartikulierten Wissen der Mètis gegenüber (certeau 1988, 138). Doch wie kann man sich die Mètis vorstellen? Sie ist Teil einer Vielzahl diffuser Praktiken, wobei diffus hier die nicht-fixierbare Struktur meint. Mit anderen Worten ist die einzige Struktur der Mètis ihre Praxis, allein die Manifestation, also die Durchführung von Praktiken, ordnet die Mètis. Demgegenüber hat es immer wieder Versuche gegeben, dieses allein im Modus strukturierte Wissen durch Beschreibungen, Zerlegungen, Umkehrungen und hierarchisierungen in eine Ordnung zu übersetzen (certeau 1988, 132 ff.), wobei attestiert werden muss, dass in diesen Übersetzungen die Mètis überhaupt einen Namen bekommt. Nichtsdestoweniger selektiert diese Epistemologie die Vielzahl der Praktiken zu sehr. Die fixe Strukturierung einer nicht-fixen Struktur arbeitet mit künstlichen Abgrenzungen, wodurch externe Ordnungserwartungen an dieses Wissen formuliert werden. Die Mètis ist in den Praktiken vorhandenes fluides Wissen, das nicht Eigentum von irgendjemandem ist, sondern stets zwischen dem Unbewussten des Praktikers und den Reaktionen der Nicht-Praktiker zirkuliert DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 206 (certeau 1988, 147). Theoretisch wäre die Struktur der Mètis einfach das Konvolut ihrer Praktiken. Sie kann nur in der Logik ihrer operativen Manifestation verstanden werden. Jeder Versuch, analytisch bestimmte Teile des ›Know-how‹ im Kontext ihrer Praktiken zu separieren und in einen wissenschaftlichen Diskurs zu überführen, wäre letztlich der Versuch, das praktische Wissen mit anderen Erwartungen zu disziplinieren. Doch genau davor warnt certeau (certeau 1988, 141). Epistemologisch lässt sich das ›Know-how‹ nur durch denjenigen Interpreten erkennen, der es in einem diskursiven Spiegel darstellt, aber es ebenso wenig selbst besitzt (certeau 1988, 146). Davon ausgehend lässt sich der Mètis nur über eine Verbindung von zwei ›Künsten‹ angemessen näher kommen, denn es geht um die Erfassung eines Prozesses der herstellung. Und dieser Prozess ist selbst keine reflektierte Theorie, sondern eine Kunst, ein Wissen »das außerhalb des aufgeklärten Diskurses operiert und diesem fehlt« (certeau 1988, 139).15 Solch eine ›Kunst des handelns‹ muss sich mit einer ›Kunst des Redens‹ verbinden, um bei der Narration von Praktiken und ihrer Mètis verzerrende Selektionen, Differenzierungen, aber auch ästhetisierungen zu vermeiden (certeau 1988, 143 ff.). Das Ziel ist die gegenseitige Durchdringung von Wissen und seiner Erzählung im hinblick auf ihre herstellung. Dadurch würden die gleichen Praktiken »mal im verbalen und mal im gestischen Bereich vorkommen; sie würden gegenseitig aufeinanderwirken und sich hier und da taktisch und subtil verhalten; und sie würden sich gegenseitig den Ball zuspielen« (certeau 1988, 158), wodurch Übergänge möglich werden, die erkenntnisreiche Figurationen des praktischen Wissens ermöglichen. Es geht dann nicht mehr darum, in der Erzählung ein möglichst realistisches Bild zu zeichnen, sondern einen fiktionalen Raum zu öffnen, der die Verbindung von Wissen und Praxis, also die Narration eines bestimmten Taktes, leistet (certeau 1988, 154). Dieser fiktionale Raum fokussiert das Zusammentreffen von Beschreibungen von praktischem Wissen und den Praktiken selbst. Er verdeutlicht, worin die gegenseitig induzierten Umschwünge, die »Komplizenschaften, die homologien von Prozeduren und die gesellschaftlichen Verschachtelungen« (certeau 1988, 157) beider Praktiken bestehen. Die epistemologische Konsequenz der Verbindung von einer Theorie der Deskription mit der Theorie der Praktiken besteht in der Rehabilitierung von allen Erzählungen, die schon immer von den Praktiken gesprochen haben. Dies öffnet die Datenbasis, mit der sich die wissenschaftliche Reflexion auseinandersetzen muss.16 Ausgehend von seinen praxeologischen und epistemologischen Kontextualisierungen erarbeitet certeau einen strukturellen Zugang zur 15 certeau bezieht sich hier auf den Kunstbegriff von Diderot. 16 certeau weist in diesem Zusammenhang auf die Bedeutung des Romans hin, der für ihn ein »Zoo der Alltagspraktiken« ist (certeau 1988, 157). Zudem knüpft er DIE MèTIS ALS ›KNOW-hOW 207 Mètis, der von einem grundlegenden Prinzip ausgeht. Dieses Prinzip verbindet das Wissen mit der ontologischen Raum-Zeit-Differenz. Insgesamt sind es drei Punkte, die hier eine Rolle spielen (certeau 1988, 162 f.): Erstens ist die Mètis mit der Gelegenheit als dem richtigen Augenblick verbunden, d. h. sie etabliert einen bestimmten Umgang mit der Zeit. Zweitens bietet die Mètis eine Reihe von Verhaltensweisen, Taktiken und Fertigkeiten an, die nicht direkt mit dem Ort des Akteurs verbunden sind. Die Mètis relativiert so den Ort. Drittens ist sie nur im Augenblick ihrer Manifestation durch die Praxis sichtbar, verliert sich aber, sobald die Menschen sie in körperliche Aktionen umsetzen. Dadurch besitzt die Mètis kein Bild von sich selbst (certeau 1988, 163). Daraus wird ersichtlich, dass hinter der Mètis ein ökonomisches Prinzip steht, denn Menschen versuchen in ihrer Praxis durch ihre Verhaltensweisen, Aktionen und Reaktionen mit einem Minimum an Kräften ein Maximum an Wirkung zu erzielen (certeau 1988, 163). Weniger Kräfte, dafür mehr Wirkung, und das alles durch die Vermittlung des Wissens – dies stellt eine fundamentale und ebenso einfache Umschreibung des Kerns von Mètis dar. Dieser Kern zielt nicht nur auf das einzelne praktische Wissen im Kontext sozialer Praktiken ab, sondern auf das Gesamt eines sozial wirksamen Gedächtnisses, das eine Sammlung spezifischer Kenntnisse, also der einzelnen praktischen Wissensarten, darstellt. Die Mètis hat keine allgemeine und abstrakte Aussage, keinen eigenen Ort, sondern besteht aus einer Vielzahl von Momenten und heterogenen Dingen, die zusammen das Gedächtnis konstituieren (certeau 1988, 164). Das Gedächtnis besteht aus vielen Ereignissen, die innerhalb der Mètis ihren Ort verlieren, und von dieser unterschiedlich kombiniert werden. Der immense Vorteil der Mètis ist ihr Potenzial, ein Maximum an Wissen in einem zeitlichen Minimum zu konzentrieren, wodurch sie zwar Zeit akkumuliert, gleichzeitig aber keinen Ort konstituiert (certeau 1988, 164). In Anbetracht dieses ökonomischen Prinzips entwirft certeau ein theoretisches Modell im Sinne eines Zirkels, der die vier strukturellen Elemente der Mètis verbindet (certeau 1988, 165): Abnehmende Kräfte führen zu einer Nachfrage nach mehr Erinnerungsvermögen, das den Kraftaufwand (hier vor allem im Sinne einer Versuch-Irrtums-Logik) minimieren soll. Dies führt wiederum zu einer Verringerung von Zeit, die nicht mehr durch das Austesten von Aktionen und das Erlernen körperlicher Verhaltensweisen benötigt wird. Der geringe Zeitaufwand vergrö- ßert die Wirkungen. Ausgangspunkt dieser Systematik ist also das Problem der Kraftersparnis. Dies liegt in der Organisation des Lebens in jedweder hinsicht begründet. Es ist allemal sinnvoller, mit vorhandenen Kräften sparsam umzugehen und d. h. vor allem, anspruchsvolle Prozeduren des Alltags nicht dauernd aufs Neue ausprobieren zu müssen, an die zitierte Arbeit von Detienne und Vernant an. DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 208 sondern Abläufe insoweit zu internalisieren, dass sich eine Routine ausbilden kann. Dafür ist Wissen notwendig, praktisches Wissen bzw. auf einer umfassenderen Ebene die Mètis, wobei klar ist, dass je mehr ein Mensch über praktisches Wissen verfügt, er auch in der Lage ist, verschiedene Aktivitäten routiniert nachzuvollziehen. Dieses Wissen erlaubt Routine, die Abfolge komplexerer Aktivitäten in einem Minimum an Zeit. Das ermöglicht eine größere Wirkung menschlicher Aktivitäten. Diese Minimaleinheit der Mètis verknüpft und reorganisiert nicht nur die Raum-Zeit-Relation, sondern verbindet die unsichtbaren mit den sichtbaren Elementen. Letzteres ist insbesondere für die Problematik der Ordnung interessant: Ist eine sichtbare Anordnung von Kräften vorhanden, dann führt ein vorhandenes unsichtbares Gedächtnis zu einer punktuellen Aktion, die wiederum sichtbare Ergebnisse in der etablierten Ordnung hat (certeau 1988, 167). Der operative Aspekt kann auch mit der Zuordnung der Ebenen der Kraft wie auch des Gedächtnisses in die Dimension des Seins und die der Zeit und Wirkung in die Dimension des Tun/Machens in das Modell integriert werden (vgl. certeaeu 1988, 167). certeau bietet so ein Modell der Mètis an, das mit einer Vier-Felder- Matrix verschiedene Ebenen integriert, die durch einen stetigen Zirkel miteinander verbunden sind. Der Durchlauf durch die Ebene hat je nach Seite unterschiedliche Merkmale und verbindet differierende Dimensionen. Zudem ist deutlich, dass nur im stetigen Durchgang die Ebenen miteinander in eine Beziehung gesetzt werden – ohne Zirkel verlieren sie ihre Bindung ebenso wie die Spezifik der Mètis. Dabei geht es nicht um die Dauer des Durchgangs, sondern um die besondere Logik der Gelegenheit, die ergriffen werden muss, wobei die vier Ebenen miteinander in Beziehung treten. Mit der Verschiebung des Raums in die Zeit wird die unendliche Zirkularität des durch Erfahrung akkumulierten Wissens in einem Augenblick wiederholt. Dieser Augenblick, diese Gelegenheit, untergräbt sämtliche Versuche statischer Definitionen, da sie nicht isoliert werden kann, weder in einer »Operation« noch in einer »Konjunktur« (certeau 1988, 165). Die Mètis kann nicht aus dem Zirkel herausgenommen werden, der sie produziert. Mit anderen Worten kann, im Sinne der Ordnung, die Ordnung der Mètis nicht als Status begriffen werden, sondern nur als Modus, wobei der Modus nur als Modus Bedeutung erlangt. DIE MèTIS ALS ›KNOW-hOW 209 Die Struktur der Mètis nach Certeau Raum Zeit Sein Kraft Gedächtnis Tun Wirkung Kairos Diese Struktur muss fortan in Bezug zu politischen Gemeinschaften aufgeklärt werden. Anhand der Struktur lässt sich eine Analytik der Mètis entwickeln, bei der das in der Assemblage kumulierte praktische Wissen in seiner operativen Logik zwischen Kairos, Wirkung, Kraft und Gedächtnis untersucht wird. Zudem können Raum-Zeit- und Sein-Tun-Differenzierungen vorgenommen werden, welche die jeweilige Kontingenz der Mètis spezifizieren. Davor ist es aber noch notwendig, die Mètis in zwei Punkten mit Ordnung zusammenzubringen. Der erste bezieht sich auf die Verbindung von Mètis und Politischer Ordnung, also der Frage, inwieweit die Mètis zur Etablierung einer Ordnung beiträgt. Im Kontext des zweiten Punktes geht es um eine mögliche Ordnung der Mètis. Beide Punkte werden aufeinanderfolgend diskutiert. 1.5 Die Mètis als Modus Politischer Ordnung Die herausforderung auf der konzeptuellen Ebene besteht in der Beschränkung der Ordnungsproblematik auf die Mètis. Allein die Struktur der Mètis fundiert die modale Form der Ordnung. Ausgangspunkt sind, wie bereits angemerkt, die vielen in der Assemblage verbundenen Praktiken, mit denen Menschen einer sozialen Koexistenz ihr Zusammenleben organisieren und regeln. Durch die Assemblage wird ein bestimmtes System begründet, in dem unterschiedlich organisierte, kollektiv wirksame Regeln miteinander in Beziehung gesetzt werden. Das dadurch ebenfalls zusammengebrachte praktische Wissen kann vor dem hintergrund der kollektiven Bemühungen zur sozialen Manifestierung einer Politischen Ordnung als spezifische Mètis abgegrenzt werden. Alle menschlichen Gruppen, die ihr Zusammenleben zum Gegenstand sozialer Praktiken machen (und das sind notwendigerweise alle), besitzen eine bestimmte kontingente Mètis für ihre Ordnung, abhängig von der Art der Assemblage und der Zahl der in den Praktiken partizipierenden Menschen. Somit bildet die Mètis den Fundus kollektiv geteilten relevanten praktischen Wissens, dessen materielle Träger die in den Praktiken DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 210 involvierten Menschen sind. Die Mètis ist das ›Know-how‹ einer Politischen Ordnung. Sie vereint das relevante praktische Wissen in Bezug auf die Organisation sozialen Zusammenlebens. Aufgrund ihres teilweise impliziten charakters und der Eigenschaft, dass sie nicht den Status einer Ordnung, sondern nur den Vollzug von dieser zum Gegenstand macht, handelt es sich bei der Mètis um ein besonderes, weil exklusiv modales kollektives Ordnungswissen. Dabei präsentiert sie den Modus der Ordnung in seinem ganzen normativen Spannungsverhältnis. Anhand der Struktur der Mètis lässt sich festhalten, dass der Modus der Politischen Ordnung in der performativen Verbindung von Raum und Zeit besteht, bei der durch die Leistung des Gedächtnisses in bestimmten Augenblicken der Mensch sein Leben und seine sozialen Beziehungen ordentlich macht, weil er eine Wirkung erzielt. Die Bedeutung der Mètis liegt hierbei im performativen Akt. Performativ steht für »Ordnung im Vollzug« (Volbers 2011, 146). Es zeigt an, dass ein Akt in Form einer symbolischen handlung nichts Vorgegebenes repräsentiert. Vielmehr produziert sie die Wirklichkeit erst, auf die anschließend dieser Akt verweist (Fischer-Lichte 2012, 44). Somit steht die Mètis hinsichtlich der Ordnungsartikulation einer politischen Gesellschaft am Anfang des gesamten Symbolisierungsprozesses der Ordnung und zwar in ihrem fundamentalsten Sinn. Das Ausgangsproblem dieses Prozesses ist die Unsicherheit der eigenen Existenz, was Voegelin auf die Unerkennbarkeit der Ordnung des Seins zurückführt bzw. von uns in Teil II als Unsicherheit der eigenen Sinnreflexion bei der Kontingenzbewältigung der eigenen Existenz beschrieben wurde. Der Mensch kann sich bei der Ordnungssymbolisierung auf nichts Stabiles, nichts Vorgängiges stützen. Außer seiner existierenden Ordnung besitzt er keinen weiterreichenden Bezugsrahmen. Folglich bleibt ihm nichts anderes übrig, als bei der Symbolisierung der unerkennbaren Ordnung auf Analogien zurückzugreifen, die wiederum am Anfang eines Prozesses stehen, bei dem er mithilfe seiner reflektierenden Analyse seine erzeugten Symbole im Kontext von Erfahrungen und Erfolg verändert (Voegelin 2002, 43). Doch worauf kann sich der Mensch als Quelle seiner Analogien stützen, wenn nicht auf die praktisch existierende, womöglich noch nicht reflektierte Ordnung? hier lassen sich die drei zentralen Annahmen Voegelins über die menschliche Konstruktion von Ordnung ihrem bewusstseinsphilosophischen Rahmen entnehmen und praxisphilosophisch uminterpretieren: – Vorherrschen der menschlichen Partizipationserfahrung – diese Erfahrung ist Teil des Seins, aber nur, weil der Mensch durch seine Teilnahme an der Praxis diese Erfahrung machen kann. Erst durch sein Tun (in der Terminologie certeaus) verbindet er Zeit und Raum, womit er das Sein reflektiert. DIE MèTIS ALS ›KNOW-hOW 211 – Interesse am Bleiben und Vergehen – hier wird ihm ebenfalls aus der Verbindung von Raum und Zeit seine Existenz deutlich und somit auch das Wissen um seine Vergänglichkeit. »Was dauert und vergeht ist allerdings die Existenz, aber da Existenz Partnerschaft am Sein ist, offenbaren Dauer und Vergehen etwas vom Sein« (Voegelin 2002, 42). – Symbolisierung – dies sind Versuche, die unerkennbare Ordnung des Seins verstehbar zu machen. Der Mensch weiß um den Kontext von Kairos und Wirkung, aber die dies erfordernden Grundlagen sind ihm unbekannt. Wenn also die Mètis die modale Form der Politischen Ordnung ist, dann schafft erst sie die Wirklichkeit der Ordnung jenseits expliziter Symbole und von Projekten des Ordnung-Machens. Erst die Mètis manifestiert die Politische Ordnung in Raum und Zeit. Demzufolge sichert sie die Performativität der Ordnung. Ohne sie würde die Politische Ordnung für das alltägliche Zusammenleben unwirksam bleiben. In einem nächsten Schritt soll das Konzept der Mètis in das im zweiten Teil entwickelte Schema der Politischen Ordnung und Strukturen integriert werden. Mit einem praxeologischen Verständnis der sozialen Manifestierung Politischer Ordnung haben wir die Bedeutung praktischen Wissens herausgearbeitet. Auf der Ebene größerer Gruppen bzw. ganzer Gesellschaften spielt nicht mehr das praktische Wissen einer sozialen Praktik allein eine bestimmende Rolle, sondern die in eine Assemblage von sozialen Praktiken zusammengeführte emergente Summe praktischen Wissens, die wir in Bezug auf die Politische Ordnung als Mètis bezeichnen. Daneben wird in der Assemblage auch anderes, z. B. explizites und propositionales Wissen kollektiv geteilt, das Gegenstand diskursiver Praktiken werden kann oder ist. Doch die Mètis bezieht sich nur auf das praktische, größtenteils implizite Wissen, wie es von den Mitgliedern einer sozialen Gruppe kollektiv geteilt wird. Dieses Teilen zeigt sich in der Performanz einer durch soziale Praktiken organisierten Wirklichkeit. In der Mètis ist das für den Vollzug der Politischen Ordnung in einer sozialen Koexistenz notwendige Wissen exklusiv eingebunden. Es ist mehr als die bloße Zusammenführung des praktischen Wissens der vielen politischen Praktiken, weil es das partikulare Wissen mit der höheren Ebene der Organisation der politischen Gesellschaft verbindet. Die Mètis fügt dem lokalen Wissen einen neuen, größeren Rahmen hinzu und ordnet es diesem ein. Dadurch geht das lokale Wissen, das kumulierte praktische Wissen der einzelnen Praktiken, nicht in eine höhere Form auf, sondern, dies sichert auch die Figur der Assemblage in struktureller hinsicht, es muss sich zu einem weiterreichenden Kontext positionieren. Gleichzeitig ermöglicht das praktische Wissen in seiner Emergenz die Existenz der Mètis. Auf der anderen Seite stellt erst die Mètis ein für den Vollzug einer ›gesellschaftlichen‹ Ordnung fähiges DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 212 Orientierungswissen bereit, indem es zum einen die unterschiedlichen sozialen Regelungen und Regelsysteme verbindet und zum anderen ein Spannungsfeld zwischen der normativen Politischen Ordnung und ihrer Projektion innerhalb der sozialen Praxis induziert. Erst wenn es möglich ist, eine Politische Ordnung zur Projektion eines sozialen Regelungssystems zu machen, und das bedeutet in der Vorstellung der Mitglieder einer Gesellschaft den Vollzug von Gesellschaft als Option zu thematisieren, kann sich ein gesellschaftliches Selbstverständnis ausbilden. Dafür entwickeln die Mitglieder in ›ihrer‹ Mètis ein kontingentes performatives Orientierungswissen als modale Form der Politischen Ordnung, das in das entwickelte Schema wie folgt integriert wird. Die Mètis als Orientierungswissen Politischer Ordnung Orientierungswissen deskriptives normatives Praktik(en) Assemblage Status Ordnung Praktisches Wissen Mètis Modus ordentlich Fähigkeit Prozess Ordnung machen Wichtigkeit Richtigkeit Von der Praktik als kleinster Einheit des Sozialen und dem in ihr verkörperten praktischen Wissen folgt das Schema der Bildung größerer Gefüge von Praktiken. Diese Assemblage von Praktiken steht quer zu allen anderen Regelungsmechanismen in einer Gesellschaft. Sie verbindet unterschiedliche Praktiken des Regelfolgens, unabhängig davon, ob sie formalisiert oder informal sind, ob es sich um Institutionen, Konventionen oder Normen handelt. Die Suche nach der Umsetzung, Bewahrung und Anpassung einer Politischen Ordnung, also einer politisch begründeten Ordnung innerhalb einer organisierten sozialen Koexistenz, zwingt Menschen dazu, unterschiedliche Regelungen in spezifischer Weise zu verbinden. Das dafür notwendige praktische Wissen lässt sich nicht mehr einer besonderen Praktik zuordnen. Als aggregiertes praktisches Wissen begründet es eine eigene emergente Ordnung, die bei einem bloßen Zerlegen des Wissens in seine differenzierten Bestandteile ihren Status verliert. Weiterhin ist zu beachten, dass sich das Objekt – die Gesellschaft als Ganzes –, worauf sich das aggregierte praktische Wissen der Mètis bezieht, als Ordnungsproblem von einer einzelnen Praktik her nicht mehr begreifen lässt. Erst die sinnvolle Verknüpfung der Praktiken in der Assemblage ermöglicht die Organisation von größeren sozialen Gruppen, DIE MèTIS ALS ›KNOW-hOW 213 die sich ab einem bestimmten Punkt auch als Gesellschaft (oder Gemeinschaft) verstehen.17 Demzufolge ermöglicht die Mètis den Modus einer Politischen Ordnung, der wiederum einen Status und die Möglichkeit eines Prozesses ihrer Veränderung erlaubt. Aus dem ordentlichen Verhalten ergibt sich die Möglichkeit, über den Zustand der Ordnung zu reflektieren, wie auch die Option, das Problem des Ordnung-Machens anzugehen. An diese Möglichkeiten sind zudem drei verschiedene Formen der Normativität gekoppelt, die das Schema auf der linken Seite abschließen. Nachdem der konzeptuelle Zusammenhang von Mètis und Politischer Ordnung soweit veranschaulicht wurde, muss in einem zweiten Schritt geklärt werden, inwieweit es sich dabei wirklich um normatives Wissen handelt. Mit anderen Worten müssen wir begründen, warum es legitim ist, die Mètis als kollektives ›Know-how‹ zum Gegenstand der Forschung zu machen. Den normativen charakter des Modus Politischer Ordnung haben wir nachgewiesen und herausgestellt, dass die modale Form der Ordnung Teil des praktischen Wissens einer Gesellschaft ist. Folglich ist eine Klassifizierung der Mètis als kollektiv geteiltes, sozial konstruiertes Wissen möglich. Als solches strukturiert es die Lebensform und stiftet Orientierung18 (Nida-Rümelin 2009, 193). Menschen sind auf Orientierung angewiesen. Durch Orientierung finden sich Menschen zurecht, wobei diese in einer Gesellschaft inhaltlich kongruent ist (Lübbe 1982, 11). Das betrifft, anders als Theorien oder Glaubenssysteme, auch die für eine Gesellschaft mit der Produktion von Orientierung befassten Institutionen. Die Mètis vereint Merkmale des deskriptiven und des normativen Orientierungswissens.19 Das deskriptive Orientierungswissen, so unterscheidet es Nida-Rümelin, ist der Wissenskorpus, der die lebensweltlich wirksamen, aber selten thematisierten »hintergrundüberzeugungen« umfasst (Nida-Rümelin 2009, 180). Diese Überzeugungen »strukturieren den Fluss der Sinneseindrücke, unterlegen ihm eine Raum-Zeit-Struktur, nehmen hoch differenzierte Individuierungen natürlicher und nichtnatürlicher Gegenstände vor, interpretie- 17 Die Selbstreflexion und Verständigung als Gruppe vollzieht sich aber erst, wenn diese existiert. So stellt sich das Ordnungsproblem einer sozialen Koexistenz nur, wenn die Koexistenz existent ist. 18 Der Begriff der Orientierung ist normativ und konzeptuell nicht allzu anspruchsvoll. »Kraft ihrer pragmatisch-durchsichtigen herkunft ist die Bedeutung der Orientierungsmetapher trivial: Orientierungen ermöglichen uns, uns zurechtzufinden, und niemand hätte Schwierigkeiten, an simplen oder auch komplizierten Exempeln Orientierungspraxis zu demonstrieren« (Lübbe 1982, 11). 19 Wir folgen der von Nida-Rümelin entwickelten Abgrenzung des normativen Orientierungswissens (Nida-Rümelin 2009, 177 ff.). Er benutzt den Wissensbegriff in unserem Sinne eher unspezifisch, weshalb man von Wissenssystemen oder Wissensformen sprechen kann. DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 214 ren das Verhalten unserer Mitmenschen unter Verwendung einer Vielzahl mentaler Prädikate […]«, wobei sie häufig implizit sind (Nida-Rümelin 2009, 180 f.). Im Gegensatz dazu werden für das normative Orientierungswissen praktische Gründe benötigt, ohne die jede normative Reflexion unsinnig wäre. Wir haben im zweiten Teil argumentiert, dass bei einer ontologischen Fassung der Normativität, die allein zwischen ›müssen‹ und ›wollen‹ vermittelt, kein Bedarf nach unabhängigen Gründen besteht. Folglich sehen wir das gemäß Nida-Rümelin bestehende Abgrenzungsproblem zwischen deskriptivem und normativem Orientierungswissen von Anfang an als nicht so schwerwiegend an, weshalb die Gemeinsamkeiten beider Wissensarten für uns unproblematisch sind.20 Insgesamt sechs Gemeinsamkeiten zählt Nida-Rümelin auf (Nida-Rümelin 2009, 181 ff.): 1. Deskriptives wie normatives Orientierungswissen bietet Orientierungsleistungen. Das deskriptive Wissen konditioniert die vielfältigen Sinneseindrücke, während das normative Wissen bei vielfältigen handlungssituationen Orientierung bietet. 2. Normatives und deskriptives Orientierungswissen haben sich täglich zu bewähren, wobei sie sich nur intern messen lassen müssen, denn es gibt keine externe Instanz zur Evaluierung der Orientierungen. 3. Es existieren keine umfassenden Ablehnungen gegenüber beiden Orientierungsweisen. Entsprechend kann es zwar lokale Skepsis geben, jedoch wird das Wissen als solches nicht insgesamt verworfen. Ohne ein spezifisches Orientierungswissens sowohl im normativen als auch deskriptiven Sinne, wäre der Mensch allzu orientierungslos. Letztlich bringt jede Lebensform deskriptive und normative Überzeugungen zum Ausdruck. 4. Jedes Element der Orientierungen kann kritisch geprüft werden, wobei dies auch plural in Kontexten geschehen kann, die ein bestimmtes Orientierungswissen teilen. Kein Orientierungswissen stellt eine unfehlbare Größe dar. Folglich wird kein Mensch von vornherein durch beide Orientierungen festgelegt. 5. Durch die Möglichkeit zur lokalen Prüfung des Orientierungswissens wird es nicht in seiner Existenz bedroht. Erst wenn umfassende »Kohärenzgewinne« (Nida-Rümelin 2009, 183) möglich scheinen, können die Orientierungen als Ganzes angepasst werden. 6. Erst ein bestimmter Grad an Systematisierung erlaubt eine umfassende Begründung von Überzeugungen als Teil der Orientierungen. Da aber Teile des normativen und des deskriptiven Orientierungswissens unbestimmt bleiben, sind instrumentell begründete Alternativen nicht 20 Allerdings bezieht Nida-Rümelin das normative Orientierungswissen primär auf moralische Aspekte. DIE MèTIS ALS ›KNOW-hOW 215 einfach übertragbar. Fundamentale wie umfassende Begründungen beider Orientierungen erscheinen somit unmöglich, womit ein Rest von Unsicherheit bezüglich der Basis der Orientierung übrig bleibt. Ob die Differenz von deskriptivem und normativem Orientierungswissen weiterhin behauptet wird oder, wie in unserem Fall, die Mètis beide Orientierungsweisen vereint, zeigt die dargestellte Analogie, dass von einer ähnlichen Bedeutung des deskriptiven und des normativen Orientierungswissens für den Menschen ausgegangen werden kann. Für uns leitet sich darüber hinaus die Erkenntnis ab, dass das praktische Wissen der Mètis in Bezug auf die Politische Ordnung ein deskriptives und zugleich normatives Wissen ist. Im praktischen Wissen laufen beide Formen bereits ineinander. Es handelt sich, würde man auf der Differenzierung von deskriptivem und normativem Orientierungswissen bestehen, um ein hybrides Orientierungswissen, da im Vollzug von Ordnung beide Formen simultan wirken. Für den Modus der Ordnung aktivieren Menschen das durch die Praktiken verfügbare deskriptive Orientierungswissen, jedoch nicht im Sinne einer potenziell freien Entscheidungssituation. Der Vollzug bestimmter Regeln bedingt das Abrufen spezifischen praktischen Wissens, das dann nicht mehr frei gewählt werden kann, es sei denn, man verändert die Praktiken. Wollen Menschen aber ihre bisherige Ordnung reproduzieren, wiederholen sie das durch die Praktiken bekannte Verhalten, indem sie das praktische Wissen anwenden. Damit sind wir wieder bei der eingeführten Definition von Normativität als Verbindung eines Müssens der Bedingung und eines Wollens. Dementsprechend handelt es sich bei der Mètis um ein normativiertes deskriptives Orientierungswissen für diejenigen Menschen einer Koexistenz, die sich um Ordnung bemühen.21 Genau hier liegt auch der Rationalitätstest für das Orientierungswissen der Mètis. Sie muss das Verhalten und die Aktivitäten der Menschen so lenken, dass eine ordentliche soziale Koexistenz möglich ist.22 1.6 Eine Ordnung der Mètis Die Mètis birgt das normativierte deskriptive Orientierungswissen in Bezug auf die praktische Expression der Politischen Ordnung. Als durch die Assemblage von Praktiken aggregiertes Wissen regelt es den Modus der Politischen Ordnung. Die sich hieraus ergebende Frage ist diejenige, ob 21 Auch Nida-Rümelin merkt an, dass das unterschiedliche Orientierungswissen in der Lebenswelt verankert ist und nur dort sinnvoll miteinander verbunden wird (Nida-Rümelin 2009, 193). 22 Während Nida-Rümelin den Test der Orientierung anhand der Möglichkeit einer vernünftigen Lebensform festmacht. DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 216 auch die regelnde Mètis selbst irgendwelchen Regeln unterliegt. Gibt es demnach eine Ordnung der Mètis? hierzu muss ins Gedächtnis gerufen werden, dass die Mètis selbst nicht vollends explizit ist, sondern es sich größtenteils um implizites Wissen handelt, unsichtbar für den Anwender und Beobachter. Wie kann ein derartiger Gegenstand im Sinne einer Ordnung geregelt sein? Es scheint zumindest möglich. U. a. wurde im Kontext der Praxeologie häufig von Wissensordnungen gesprochen. Lässt sich diese These von der Ordnung im Wissen auf die Mètis übertragen? Zunächst gibt die Struktur der Mètis nur eine mögliche Antwort: die stetige Relationierung ihrer vier Elemente. Weil damit auch die stetige Inklusion des unsichtbaren Wissens gemeint ist, kann nicht auf die mögliche Sichtbarkeit des Orientierungswissens gehofft werden. Das nach certeau unsichtbare Gedächtnis bzw. das implizite Wissen bleiben für den Anwender, Beobachter und damit auch für die Reflexion nicht einsehbar. Dennoch bedeutet dies nicht, dass dieses Wissen regellos ist, jedoch muss davon ausgegangen werden, dass diese Regeln nicht explizit formuliert werden können (Ortmann 2008, 68). Es darf aber auch nicht der Fehler gemacht werden, ex-post-Reflexionen dieses Wissens zu seiner Ordnung heranzuziehen. Auch wenn diese Reflexion unmittelbar der Anwendung praktischen Wissens folgt, sie einer Kontrolle der Aktivitäten aus den »Augenwinkeln« gleicht, so folgt sie doch immer der Aktivität, denn der Mensch kann sich nicht gleichzeitig »aufs handeln und auf seine Reflexion konzentrieren« (Ortmann 2008, 69). Die Regeln und damit die Ordnung der Mètis bestehen demnach allein aus der situativen Aktivierung des Gedächtnisses zur kraftsparenden Verbindung von Raum und Zeit. Die mögliche Gleichförmigkeit dieser Aktivierung im Kontext eines Kairos kann höchstens Folge »eingeübter, eingeschliffener, aber implizit bleibender Beurteilungsweisen« sein, die anschließend verstärkt oder nachträglich befestigt werden können, jedoch im Moment ihrer äußerung bloß angewandt bzw. praktiziert werden (Ortmann 2008, 68). Mit anderen Worten bleibt die mögliche inhaltliche Differenzierung der Regeln der Mètis (wie auch des praktischen Wissens) auf die Unsichtbarkeit des impliziten Wissens beschränkt. Um trotz des impliziten charakters der Mètis von deren Ordnung auszugehen, bedarf es einer Differenzierung, die wir im Anschluss an Ortmann vornehmen werden. In der Assemblage existieren viele lokale praktische Wissensformen, die für sich genommen die routinierte Reproduktion der Praktiken anleiten. Durch das Gefüge von Praktiken etabliert sich eine soziale Ordnung, weil die in ihnen partizipierenden Menschen gleiche Verhaltensweisen zeigen und somit komplexe Interaktionen für alle erwartbar werden. In der Mètis kumuliert das Wissen hinsichtlich dieses Systems von Erwartungen. Somit lässt sich die durch die Routine der Praktiken gestiftete Erwartung hinsichtlich der einzelnen Praktik von der durch die Assemblage gestifteten Erwartung DIE MèTIS ALS ›KNOW-hOW 217 unterscheiden. Ortmann differenziert Routinen erster und zweiter Ebene: die erste umfasst die Routine der regelmäßigen Praktiken (als Regeln), während die zweite Routinen der Routine, also »Meta-Routinen«, meint (Ottmann 2008, 71). Sollten sich Menschen, die in Praktiken partizipieren, sich entschließen, die Routine der Praktiken auszusetzen, dann verweist dies ebenfalls auf ein praktisches Können zur Unterbrechung routinierten praktischen Agierens. Es bilden sich »Routinen der Routinesuspension und -abweichung« (Ortmann 2008, 71), wobei sich dieses Können wiederum im Vollzug manifestiert. Gewiss scheint sich hier die Gefahr eines infiniten Regresses zu ergeben.23 Die Suche nach der Ordnung der Routine wird dann auf die Routine der Routine verschoben, um anschließend die Routine der Routine der Routine zu beschwören. Doch endet der Regress auf der Ebene der Meta-Routine. Die Reflexion zur Veränderung der routinierten Fähigkeit der Routinesuspension bzw. -abweichung, muss wieder durch den Vollzug der Praxis gehen, damit sie selbst zur Routine werden kann (Ortmann 2008, 72). »Der Weg führt also nicht in immer höhere Ebenen der Reflexion, sondern wird alsbald aus dieser Senkrechten ›umgebogen‹ in die horizontale, soll hei- ßen: in die Praxis und in die Zeit« (Ortmann 2008, 72). Mit anderen Worten führt die Ordnung der Mètis nicht zu einem Status der Ordnung, sondern in den Vollzug der Ordnung. Das modale Ordnungswissen der Mètis kann zwar reflektiert werden, doch die Ergebnisse der Reflexion müssen sich erst wieder im Vollzug beweisen. Nur durch den Vollzug etabliert sich die Mètis als normativiertes deskriptives Orientierungswissen hinsichtlich des Vollzuges Politischer Ordnung. Fassen wir die Argumente zusammen: Erstens handelt es sich bei der Mètis um ein spezifisches Können, das Menschen durch ihre Partizipation in den von der politischen Assemblage verbundenen Praktiken erlangen. Es ist ein auch implizites Erfahrungswissen, das als »Nebenprodukt« (Ortmann 2008, 72) der sozialen Praxis anfällt. Dieses Können bezieht sich zweitens auf die Routine der Routine, eine Meta-Routine, die den Umgang mit Routinen und routinierten Abweichungen ihrerseits routiniert (Ortmann 2008, 88). Demzufolge existiert eine durch Regeln manifestierte Ordnung dieses Könnens nicht im tradierten Sinne aus Normen und Ratschlägen, sondern in verallgemeinerbaren Verfahren ordentlichen handelns, in »empirisch auffindbaren Verfahren routinierter Routinebefolgung und, im Falle einer Störung, einer Irritation, eines Einfalls, routinierter Routinesuspension und womöglich 23 Ortmann widmet sich in seinem Aufsatz zu den Regeln der Klugheit diesem Problem mit allem Nachdruck. »Die Suche nach Regeln der Klugheit hat dann etwas vom Griff nach der Seife in einer Badewanne« (Ortmann 2008, 48). DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 218 -abweichung« (Ortmann 2008, 88).24 Diese Verfahren routinierter Routinebefolgung strukturieren das Orientierungswissen der Mètis, geben ihr eine kontingente Ordnung. In diesem Sinne lässt sich auch von einer Wissensordnung sprechen, welche die praktische Expression der Politischen Ordnung präsentiert. Diese implizite Wissensordnung codiert den Modus Politischer Ordnung und normativiert diesen code als Teil des deskriptiven Orientierungswissens für die Mitglieder einer sozialen Koexistenz. Damit dies aber auf einer kollektiven Ebene wirksam werden kann, muss die Mètis irgendwie auch kollektiv vermittelt werden. An diesem Punkt stoßen wir auf das in der kritischen Diskussion identifizierte Vermittlungsdilemma informaler Regeln. Wir werden in der folgenden empirischen Rekonstruktion zeigen, dass, ausgehend von der generellen organisatorischen Vermittlung von Ordnung und ›Know-how‹, eine interessante, aber wohlbekannte Struktur in der Lage ist, auch informale Regeln kollektiv zu vermitteln. 2. Die Organisation des ›Know-how‹ Politischer Ordnung Das methodische Problem bei der Analyse des politischen ›Know-how‹ auf der Grundlage einer nicht-diskriminierenden Behandlung von Strukturen ist die aufwändige Suche nach den entsprechenden Strukturen. Es wäre nötig, zu Beginn eine umfassende Deskription der existenten Praktiken in einer Gesellschaft vorzulegen, um anschließend, gleich einem Ethnografen, die relevanten Strukturen zu entdecken. Neben der immensen Fülle einer solchen »dichten Beschreibung« (Geertz 1983), die den Rahmen dieser konzeptuell-programmatisch orientierten Arbeit sprengen würde, ist es auch der eingangs umrissene Problemkontext, der eine sinnvolle Eingrenzung der Untersuchung ermöglicht. Da wir die Frage nach einer impliziten praktischen Ordnung des Politischen im Rahmen der bisherigen Forschung zu informalen Strukturen entwickelt haben, wollen wir bei unserer folgenden, ersten analytischen Erkundung des ›Know-how‹ auch von diesem Problemfeld ausgehen. Wir haben von der Einheit der Differenz von fixierten und nicht-fixierten Strukturen gesprochen. Diese Einheit erweist der Begriff der Politischen Ordnung, der mit sozialen Strukturen in einem Spannungsverhältnis steht. Aus diesem Begriff leitet sich die politische Assemblage ab, in der das spezifische praktische Wissen verankert ist. Methodisch stehen wir damit vor der herausforderung, über die Beschreibung des Praktikengefüges 24 Ortmann spricht von verallgemeinerbaren Verfahren klugen Entscheidens/Verhaltens, was wir im Sinne der Mètis Politischer Ordnung als Verfahren ordentlichen Verhaltens uminterpretieren. DIE ORGANISATION DES ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 219 die Mètis interpretativ zu erschließen.25 Der Fokus der Analyse soll dabei auf der ›rekursiven Konstitution‹ von politischen Regeln liegen, weshalb wir zuerst klären müssen, wie sich eine politische Assemblage organisiert und diese Regeln für sich selbst kollektiv verfügbar macht. Indem wir die empirisch auffindbaren Lösungen dieser organisierten kollektiven ›Verfügbarmachung‹ aufzeigen, stoßen wir auf eine Struktur, die indirekt auch mit der problematisierten Erforschung ungeschriebener Verfassungen zusammenhängt. 2.1 Die politische Assemblage Die Funktion der politischen Assemblage ist die Organisation einer sozialen Koexistenz im Sinne der Politischen Ordnung. Indem sich eine soziale Koexistenz auf diesen Modus der Organisation festlegt, wird aus der sozialen eine politische Koexistenz. Weder ist die Assemblage ein kohärentes Muster der Regelmäßigkeiten noch kann davon ausgegangen werden, dass die Politische Ordnung in allen Trägern der Praktiken, also allen Mitgliedern einer politischen Koexistenz, gleich ist. Dennoch lässt sich ein Kontext der Politischen Ordnung im Rahmen eines dynamischen Praktikengefüges konstruieren. Ausgangspunkt ist das entwickelte Verständnis einer politischen Gesellschaft: Politische Gesellschaften sind der maximale sozial strukturierbare Ordnungsrahmen des Politischen. Sie wachsen in Raum und Zeit und müssen für sich selbst bewusst sein. hierzu schließen sich eine Vielzahl von Menschen in einem Prozess der Artikulation zu einer »handlungsfähigen Gesellschaft« zusammen (Voegelin 2004, 52). Damit entstehen die Standards, die kollektives handeln ermöglichen. Die politische Gesellschaft spannt einen Ordnungsrahmen auf, der im Denken der involvierten Menschen aktualisiert wird. Dies konstituiert den Zurechnungsrahmen, mit dem sich der Einzelne einer Regelgemeinschaft zugehörig macht. Wenn wir von einer typisch politischen Assemblage sozialer Praktiken ausgehen, dann kann das Gefüge dieser Praktiken hinsichtlich der (1.) Sachdimension, (2.) der beteiligten Menschen und (3.) der Repräsentation eingegrenzt werden. (1.) Die Praktiken werden durch eine spezifische Sachdimension in der Assemblage zusammengebunden (vgl. Reckwitz 2004, 48 ff.). Im Rahmen der politischen Assemblage ist es die Politische Ordnung, die verschiedene Regelungen in Relation setzt. Mit anderen Worten geht es um die Umsetzung einer Politischen Ordnung durch die Manifestation bestimmter Normen, Konventionen und Institutionen innerhalb einer sich wie auch immer selbst verstehenden und auslegenden politischen 25 Zu methodischen herausforderungen aus der Analyse von Praktiken für die dahinter stehenden, politisch relevanten Wissenselemente siehe Knobloch 2013. DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 220 Gesellschaft. Die Politische Ordnung benötigt für ihre Wirkung eine Reihe unterschiedlicher Regeln, die jeweils verschiedentlich geformt sind, also uneinheitliche soziale Manifestationen, Sanktionen und Reichweiten besitzen. Doch drängt die Politische Ordnung dem Praktikengefüge keine Einheit auf. Das Spannungsfeld zwischen gewollter Ordnung und den wirklichen sozialen Regelungssystemen lässt sich nicht auflösen, indem einfach die Existenz der Politischen Ordnung in der konkreten Gesellschaft behauptet werden kann. Vielmehr werden in der politischen Assemblage diejenigen sozialen Praktiken miteinander gekoppelt, welche die für die Organisation der politischen Gesellschaft notwendigen politischen Normen, Konventionen und Institutionen in eine raumzeitlich wirksame soziale Praxis überführen. Die Organisation und die raumzeitliche Praxis der politischen Gesellschaft stehen in einem stetigen Spannungsfeld mit der Politischen Ordnung, die nicht als ein verfügbares hintergrundideal wirkt, sondern als ein stetig durch die soziale Praxis und ihre Regelsysteme neu zu entdeckender Zusammenhang. Demzufolge kann die politische Assemblage auf den Bereich der sozialen Expression von Politischer Ordnung eingeschränkt werden. (2.) Neben der Sachdimension gibt es mit dem an der politischen Wirklichkeit durch seine Partizipation in den Praktiken teilhabenden Menschen ein weiteres strukturierendes Moment der Assemblage. Das Subjekt ist kein reiner Ausführender der Praktiken, sondern ein kreativer Interpret. Politische Ordnung ist nicht nur eine Qualität zwischen den Menschen. Politische Ordnung ist Folge des Ordnungsdenkens und der sozialen Expression von Ordnung in einer politischen Gesellschaft. In diesem Sinne wird die Politische Ordnung durch die Assemblage in einer politischen Gesellschaft zwar raumzeitlich fixiert, doch sind die Menschen für die Fixierung als Praktiker verantwortlich. Menschen sind im Rahmen ihrer Lebenspraxis aber nicht in der gleichen Art und Weise wie eine sozial manifestierte Ordnung fixierbar. Jeder Mensch kann regelabweichende Entscheidungen treffen, sich unvorhergesehen anderen Dingen zuwenden und sich stets im Sinne einer Exit-Option (vgl. hirschmann 1974) vorhandenen Konventionen und Institutionen entziehen. Ebenso ist der Mensch in der Lage, nur partiell an Regelsystemen teilzunehmen bzw. sein Verhalten nur vorläufig anzupassen, um sich in einem anderen Moment vollkommen anders zu positionieren. Opportunes Verhalten, Vorspielen von Regelkonformität oder gar die simultane Teilhabe an verschiedenen zueinander widersprüchlichen Regelsystemen lassen den Menschen als Strukturierenden der Assemblage nur bedingt raumzeitlich fixieren.26 Durch seine Partizipation in den sozialen Praktiken durchläuft der Mensch zwar einen Disziplinierungsprozess, voll- 26 Dies ist gewiss auch ein Grund für Luhmann, in seiner Systemtheorie gleich auf den Menschen zu verzichten. DIE ORGANISATION DES ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 221 kommen determinieren lässt er sich dadurch aber nicht. Als notwendiger Träger von Praktiken steuert der Mensch zur scheinbaren Routine derselben ein stetes ›Unsicherheitsmoment‹ bei. Die politische Assemblage generiert eine raumzeitlich existente, sozial praktizierte Politische Ordnung, deren Träger zwar das relevante Ordnungswissen kollektiv teilen, aber nicht zu einem einzigen Subjekt verschmelzen. Dementsprechend lassen sich die Träger einer fixierbaren kollektiv geteilten Ordnung selbst nicht vollends eingrenzen und festlegen. Insofern produziert die Assemblage eine simultan fixierbare und nicht-fixierbare politische Koexistenz. Menschen als Träger des praktischen Wissens grenzen folglich die politische Assemblage ein. (3.) Die in der politischen Assemblage durch die Praktiken lose miteinander gekoppelten Akteure, Institutionen, Konventionen und Normen bezeugen ein spezifisches Verhältnis von Politischer Ordnung und ihren Ordnern. Dieses Verhältnis besitzt damit eine mannigfaltige Struktur, die von der Ambivalenz der Gleichzeitigkeit des Fixierbaren und Unfixierbaren geprägt wird. Und obwohl die Mannigfaltigkeit selbst keine Einheit kennt, sondern nur sich stetig verändernde Bestimmungen, Größen und Dimensionen (Deleuze/Guattari 1992, 18), lässt sie sich im hinblick auf ihr erzeugtes Resultat beobachten. Dieses kumuliert in der Repräsentation einer Politischen Ordnung als Relation von Sachdimension und Menschen. Die Beziehung hat damit drei Seiten: die der Repräsentation als Ausdruck der Sachdimension Politischer Ordnung, die der Repräsentierten, also derjenigen Menschen, die in die Organisation der Repräsentation involviert sind, und die der Repräsentanten. Jene sind die Akteure, die in der Assemblage exklusiv in spezifischen Praktiken partizipieren können und damit im Gegensatz zu den nur Repräsentierten in der Lage sind, Macht und herrschaft zu organisieren. halten wir fest: In den Praktiken der politischen Assemblage einer politischen Koexistenz werden alle relevanten Akteure und politischen Regeln durch die kollektiv geteilte Vorstellung einer Politischen Ordnung auf der einen und den in den Praktiken involvierten Menschen auf der anderen Seite so miteinander gekoppelt, dass eine spezifische, die Ordnung und das Selbstverständnis der politischen Koexistenz ausdrückende Beziehung entsteht. Dabei bildet sich in der Assemblage ein scheinbar widersprüchliches Moment: Auf der einen Seite strukturiert die Sachdimension Politischer Ordnung ein kollektiv geteiltes Orientierungswissen, in dem die Mitglieder einer politischen Gesellschaft einen raumzeitlich stabilen Rahmen ihrer Koexistenz bekommen. Dieser Rahmen und seine Logik scheinen der Praxis selbst zu entspringen und folgen entsprechend einer durch die komplexe Interaktion gestifteten Rationalität, die eine Ebene über den einzelnen Akteuren ansetzt. Genau dieser Rahmen wird durch die Theorien der funktionalen Differenzierung als ein Leitwert moderner Gesellschaften angesehen (vgl. Schimank 2013, 37 ff.). DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 222 Jedoch strukturiert auf der anderen Seite auch der menschliche Akteur die Assemblage. Damit stößt der strukturelle Rahmen der Sachdimension immer an das Problem, dass der Mensch seine Strukturierung der Praktiken in Konkurrenz zu diesem Rahmen vornimmt. Das Konkurrenzverhältnis der Strukturierung führt dazu, dass in der Verregelung des Praktikengefüges simultan Prozesse der raumzeitlichen Stabilisierung und Destabilisierung in einer spannungsgeladenen Beziehung miteinander verbunden sind. Diese dynamische Beziehung repräsentiert die politische Gesellschaft und lässt sich als Einheit von Repräsentation, Repräsentierten und Repräsentanten denken. Mittels der vorgestellten Bezugspunkte der sonst eher unscharfen politischen Assemblage kann nun die Suche nach dem ›Know-how‹ ebendieser Ordnung sinnvoll eingegrenzt werden. Wir konzentrieren uns auf die Organisation der politischen Koexistenz im Rahmen der Repräsentation derselben. Damit richtet sich der Blick auf die Darstellung der Repräsentation, wobei es nicht um die einfache Deskription der Repräsentationsbeziehung geht: Durchaus ist die »Organisation der Gesellschaft durch Repräsentanten […] in der Tat so überwältigend die Bedingung aller gesellschaftlichen Ordnung, dass die Untersuchung und Darstellung der jeweils pragmatisch relevanten Organisation ein hauptstück der Politischen Wissenschaft im institutionellen Sinne ist, wenn auch die Theorie der Politik nicht bei ihm stehen bleiben kann […]« (Voegelin 2005, 340). Denn die Repräsentation ist Teil eines Gefüges von Praktiken, die ihren Sinn nicht exklusiv aus ihrer materiellen Manifestation erhalten, sondern Ausdruck eines bestimmten Ordnungsdenkens sind. Dies äußert sich in expliziten und impliziten Regeln. Der Bereich des impliziten Regelwissens, der auf die Ordnung als Ganzes gerichtet und damit ein Teil der Repräsentation selbst ist, kann als modale Form des Denkens einer Politischen Ordnung verstanden werden. Dieses ›Know-how‹ steckt somit in der Assemblage, die wiederum am Fixpunkt der Repräsentationsbeziehung theoretisch aufgeklärt wird. Die Form dieses Fixpunktes ist selbst offen und keineswegs als homogen zu verstehen. 2.2 Die Symbolisierung politischer Repräsentation Die Repräsentationsbeziehung einer politischen Gesellschaft steht für ein bestimmtes Regelsystem, welches das Selbstverständnis dieser Gesellschaft konstituiert und in die Praxis transportiert. In dieser Komplexität, als Kopplung diverser Regelungen und der darin eingebundenen Menschen, lässt sich die Beziehung schwer fokussieren. Tatsächlich geht es dem Konzept der Repräsentation darum, den virtuellen charakter der nicht vollends klassifizierbaren, komplexen Akteur-Sache-Beziehung zu durchbrechen. Der durch die Praktiken im Gefüge produzierte DIE ORGANISATION DES ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 223 Ordnungszusammenhang lässt sich nicht auf seine Relationen hin genau beschreiben. Dafür sind es schlichtweg zu viele. Insofern wird durch die Repräsentation eine einfache Beziehung zwischen Entitäten konstruiert, wobei erstens die Entitäten als Quasi-Akteure gesetzt werden (der Repräsentant, die Repräsentierten) und zweitens die Beziehung zwischen ihnen popularisiert wird. Die politische Assemblage ermöglicht die Genese eines regelhaften Zusammenhangs von Sachdimension und Akteuren, wie sie auch die reflexive Verarbeitung dieser Regeln zulässt. Erst, wenn die Repräsentationsbeziehung selbst Teil der genannten rekursiven Schleifen des Praktikengefüges wird, kann sie reflektiert werden. Durch die Reflexion können die involvierten Akteure feststellen, dass diese Beziehung erstens einer Organisation bedarf, zweitens durch sie bestimmte Akteurs-Regel-Kopplungen aktiviert werden, drittens sie dadurch von den Menschen beachtet wird und viertens schließlich selbst zu einer Ressource zur Reorganisation von Regelungen werden kann (vgl. Pitkin 1972, 58 ff.). Die Repräsentation ist dementsprechend eine reduktionistische Perspektive, die jedoch im Rahmen einer politischen Assemblage die Existenz eines spezifischen Regelzusammenhangs fixiert. Die Fixierung baut auf der Sichtbarkeit der einfachen Repräsentationsbeziehung auf, was zunächst durch die Auswahl eines Repräsentanten gelöst wird. Dieser materialisiert die reduktionistisch konstruierte Repräsentationsbeziehung, ohne den gesamten Regelinhalt der Repräsentation abdecken zu können. In dieser hinsicht lebt die Repräsentation durch menschliche Repräsentanten von der Imagination, dass das komplexe Regelsystem in der jeweiligen Person, seiner Funktion und seinen handlungen aufgeht (vgl. Pitkin 1972, 102). Der Repräsentant dient somit als Fixpunkt für die Kopplung von Menschen und ihren Praktiken im Kontext der Politischen Ordnung, wobei der Fixpunkt als Teil der rekursiven Schleifen der Praktiken nicht nur die Wiederholbarkeit und die Zurechenbarkeit von Praktiken ermöglicht, sondern ebenso deren Entstehung bzw. Reorganisation. Doch der Fixpunkt verkörpert nicht die gesamte Repräsentationsbeziehung. Die Spezifik der Repräsentationsbeziehung kann zwar durch den Repräsentanten visualisiert werden, die Beziehung löst sich aber nicht in dieser Rolle auf. Repräsentant und Repräsentationsbeziehung, als Konglomerat von Akteur und Regeln, existieren weiter in Dualität. Demzufolge leuchtet das komplexe Regelsystem der Repräsentation immer wieder hinter dem jeweiligen Repräsentanten auf und fordert seine Rolle heraus. Ausgehend von der Existenz des komplexen Systems von Regeln, das sich durch die Repräsentationsbeziehung als konstituierend für eine politische Gesellschaft ausweist, kann festgehalten werden, dass einerseits die Repräsentation der Repräsentation einen Fixpunkt der Regelung darstellt. Die Art der Repräsentanz der Repräsentation ist ein spezifisches Feld der Organisation von Politischer Ordnung in der DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 224 Gesellschaft. Gleichzeitig ist offenbar, dass nur ein kleiner Ausschnitt der Regeln durch diese reduktionistisch konstruierte Beziehung – als ob ein Einzelner die handlungsfähigkeit einer Nation präsentieren könnte – wirklich popularisiert wird. Die anderen nicht in der Person des Repräsentanten fixierbaren Regelungen verschwinden aber nicht, sondern bleiben ein entscheidender Bestandteil der Repräsentationsbeziehung. Um diese im Bezug auf die Politische Ordnung nicht zu marginalisieren, werden sie durch Symboliken in der Assemblage verfügbar gemacht. Die Repräsentation der Repräsentation ist ein Feld der Organisation, während die dies ermöglichende (und benötigende) Repräsentationsbeziehung als regelhafte Konjunktion von Menschen und Regeln ein Symbol des gesellschaftlichen Selbstverständnisses bildet (vgl. Voegelin 2005, 345). Die Symbolik der Repräsentationsbeziehung bildet ihrerseits das umfassende und damit abstrakte Ordnungsverständnis der Gesellschaft. Als Teil der politischen Assemblage verknüpft der Prozess zur hervorbringung von Symbolen auf seine Weise die Ebene der Politischen Ordnung und die deren praktischer Expression. Menschen erfahren ihre Existenz als gemeinsame Existenz und gemeinsam wird versucht, die Politische Ordnung durch Symbole verstehbar zu machen (Voegelin 2003, 31 ff.). Durch gemeinsame Orientierung an Symbolen, die für eine bestimmte Interpretation des Seins steht, stiftet sich die Gemeinschaft einen Sinn. Im Rahmen der Assemblage stehen dafür spezifische Praktiken bereit. Symbole werden in solchen Praktiken eingesetzt und rezipiert, sie präsentieren verschiedenste Gegenstände, Phänomene und Ereignisse, denen die Akteure Bedeutung zuschreiben (Reckwitz 2000, 575). Symbole sind Formen kultureller Artefakte, die an sich keinen immanenten Sinngehalt besitzen, sondern diesen erst durch die Zuschreibung der Akteure (oder Rezipienten) erhalten (Reckwitz 2000, 606). Es sind Resultate sozialer Rezeptionspraktiken, bei denen auf Grundlage von routinisierten Sinnzuschreibungen und geteilten Wissensordnungen die Bedeutung der Symbole rezipiert wird. Symbole sind kontingente Rezeptionsprodukte (wie alle kulturellen Artefakte), deren Bedeutung abhängig von den Trägern der Praktiken und ihren Sinnordnungen ist. Der Symbolbegriff in der Praxistheorie ist weitgefasst und integriert Diverses. charakteristisch ist die Bedeutung von Symbolen, die in der jeweiligen Öffentlichkeit bekannt sind und von Akteuren bewusst oder unbewusst verwendet werden. Vor diesem hintergrund kann plausibel gemacht werden, dass Symbole nicht nur als Fixpunkt für das Selbstverständnis politischer Koexistenzen notwendig sind, sondern auch die für eine politische Koexistenz konstituierenden Regelbefolgungspraxen symbolisieren. Symbole präsentieren spezifische explizite und implizite Regeln, die für das und durch das Selbstverständnis der Repräsentation einer politischen Gesellschaft zum Ausdruck kommen. Mit diesem hinweis auf die Notwendigkeit einer Koexistenz von menschlichen DIE ORGANISATION DES ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 225 Fixpunkten der Repräsentationsbeziehung (Repräsentant) und der Symbolik der gesamten Repräsentationsbeziehung, wie sie durch eine politische Assemblage hervorgebracht werden, kann untersucht werden, welche Symbole dafür in Frage kommen. 2.3 Verfassung als Symbol politischer Repräsentation Ein bekanntes und für demokratische Gesellschaften scheinbar notwendiges Symbol der Repräsentationsbeziehung ist die Verfassung. »Verfassung ist der Inbegriff von in der Regel in einer Verfassungsurkunde niedergelegten Rechtssätzen höchsten Ranges, die die Ordnung des Staates hinsichtlich der grundlegenden Organisation, Form und Struktur regeln sowie das grundlegende Verhältnis zu seinen Bürgern und bestimmte aus Gründen erschwerter Abänderbarkeit in diese übernommene Gegenstände festlegen« (Stern 1984, 78). So die allgemeine Definition von Verfassung, die in der Urkunde nicht nur formalisiert, sondern auch materiell, also an einem Gegenstand orientiert, und normativ ist. Gerade letzteres zeichnet die Verfassung in ihrer Eigenart besonders aus: »Verfassung ist die höchstrangige normative Aussage über die Grundprinzipien der herrschafts- und Wertordnung im Staat« (Stern 1984, 78). Dank dieses Status kann die Verfassung als weitere Quelle für die Visualisierung der Repräsentationsbeziehung betrachtet werden, ohne exklusiv auf deren rechtliche Fixierung abzustellen. Verfassungen können geschrieben sein, existieren aber ebenso ungeschrieben. Unabhängig davon stehen sie symbolisch an der Spitze einer Normenhierarchie, indem sie den »Grundkonsens einer Gesellschaft ausdrücken« (Kleger/Karolewski/Munke 2004, 33). Im Anschluss an Goldsworthy kann man diesen Ansatz auch als holistische Konzeption von Verfassung bezeichnen. Ein holistisches Verfassungskonzept ist »as more than the sum of its written provisions: as a normative structure whose provisions are, either explicitly or implicitly, based on deeper principles, and ultimately on abstract norms of political morality that are the deepest source of its authority« (Goldsworthy 2007, 322). Insoweit interessieren uns Verfassungen weniger als kodifizierte Rechtsregeln, sondern als spezifische Symbole der Repräsentationsbeziehung. Demzufolge steht die Symbolik Verfassung nicht für die oberste Norm, sondern für das kollektiv geteilte Verständnis über die richtige Ordnung einer politischen Koexistenz (vgl. Vorländer 2002, 18 f.). In dieser Form verbindet die Symbolik der Verfassung mehrere für unseren Ansatz entscheidende Kategorien: Erstens drückt sich in der Verfassung die Repräsentationsbeziehung der beiden strukturierenden Subjekte (Mensch und Sachdimension) aus. Demzufolge spiegeln sich in ihr die unterschiedlichen miteinander verknüpften Praktiken wider, d. h. die DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 226 Verfassung stellt auf der sozialtheoretisch-praxeologischen Ebene ein bestimmtes soziales Regelwerk dar. Zweitens ist die Verfassung als Symbol der umfangreichen, nicht vollständig kodifizierbaren Repräsentationsbeziehung ein kontingentes Resultat der spezifischen Assemblage, da sie Teil der darin eingewobenen Rezeptionspraktiken ist. Mit anderen Worten ist die symbolische Funktion der Verfassung nicht extern der Assemblage vorgegeben, sondern deren Produkt.27 Drittens integriert die Symbolik der Verfassung das Repräsentationsverhältnis in seinem Spannungsfeld der praktischen Expression der Politischen Ordnung. Sie symbolisiert zwei unterschiedliche Projekte der sozialen Organisation: die Absicht, in einer Koexistenz konkrete Regelungen zu realisieren, und den Versuch, dass diese Regelungen einem normativen Ordnungsempfinden folgen (Voegelin 2013, 81). Als Symbolik dieser Beziehung ist die Verfassung nicht eindeutig zurechenbar bzw. eingrenzbar wie z. B. der Repräsentant. Die Verfassung symbolisiert keinen kollektiven Akteur, sondern die Summe der in der Repräsentationsbeziehung gekoppelten Regeln und Akteure. Auch lässt sich die Symbolik der Verfassung nicht auf eine Institution zurechnen (vgl. Brodocz 2003), da sie ein raumzeitliches Konglomerat verschiedener Regelsysteme bildet. Stattdessen ist die Symbolik der Verfassung exklusiver, fester und unabgeschlossener Teil der politischen Assemblage. Sie symbolisiert ein Regelsystem, das die sich stetig aktualisierende Beziehung von Menschen und das durch ihr Zusammenleben akut gewordene Organisationsproblem auf der Sachebene behandelt. Dieses Regelsystem wird durch soziale Praktiken manifestiert, wobei sich in ihnen ein normatives Regelwissen ausdrückt, das auch dazu anleitet, die genannte Beziehung nach normativen Prinzipien zu organisieren. In diesem Wissen wird die Politische Ordnung akut und substanziell. Durch die Symbolik der Verfassung wird das politische Ordnungsproblem ersichtlich und zwar derart, dass die Verfassung die spezifische Suche einer politischen Koexistenz nach Ordnung im Spannungsfeld konkreter und gewollter Projekte symbolisiert. Diese Spannung drückt sich in der Summe von implizitem und explizitem Regelwissen aus. Bevor wir diese Spannung aufklären, ist es notwendig, auf weitere theoretische Ansätze einzugehen, die ebenfalls die symbolische Dimension der Verfassung in den Mittelpunkt rücken.28 Wichtige Arbeiten kommen von Autoren, die den Symbolbegriff aus einer philosophischen Tra- 27 In dieser hinsicht gehen wir von einem internen Bezugspunkt der Verfassung aus. Die Verfassung symbolisiert eine Beziehung, die Ausdruck der Politischen Ordnung ist und ihr nicht von einer externen Vernunftinstanz zugesprochen wird (vgl. Brodocz 2003, 223 f.). 28 Rehberg verweist auf die ersten wissenschaftlichen (hier: juristischen) Quellen, die den symbolischen charakter der Verfassung herausgearbeitet haben. Diese behandeln die Symbolik rein empirisch (Rehberg 1995, 9 ff.). DIE ORGANISATION DES ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 227 dition ableiten (vgl. Brodocz 2003). Gebhardt schließt in seiner Problematisierung an Voegelins Symbolverständnis an (Gebhardt 1995, 14) und Vorländer verarbeitet die Theorie der symbolischen Form von cassirer (Vorländer 2002, 18). Die in jüngerer Zeit beobachtbare politikwissenschaftliche Zuwendung zur symbolischen Dimension der Verfassung geht wiederum mit dem ›cultural turn‹ einher (vgl. Ladeur 2009, 164). Somit folgen die Begründungen der symbolischen Dimension von Verfassungen entweder symbolisch orientierten Philosophien oder sie schließen an der neueren Kulturtheorie an. Beides ist sinnvoll und im Rahmen unseres Ansatzes anschlussfähig. Dafür steht exemplarisch Vorländers Konzept einer durch die Verfassung präsentierten symbolischen Ordnung. Zunächst insistiert er auf dem doppelten symbolischen Verweisungszusammenhang einer Verfassung, die einerseits auf sich selbst als Regelwerk referiert und zum anderen auf die von ihr repräsentierten umfassenden »Ordnungs- und Leitideen, die Assoziations- und Kommunikationsregeln, die Ziele und Prozeduren der politischen Gemeinschaft« (Vorländer 2002, 19 f.). Damit bettet auch er die kodifizierte oder explizite Regelung der Verfassung in einen weitergehenden, durch sie repräsentierten Ordnungskontext ein. Zudem sieht auch er die Symbolisierung nicht allein auf die Interpretation der codierten und fixierten Regeln beschränkt, sondern ordnet diese der gelebten Praxis einer politischen Gemeinschaft zu. Dies ist insofern notwendig, als sich allein aus dem Inhalt der Verfassung ihr Sinn und ihre Bedeutung im aktuell konkreten Kontext nicht unmittelbar ableiten lassen (Vorländer 2002, 20). Ein geltendes Regelsystem bedarf einer Vermittlung in der Praxis, zu der auch vermittelnde Interpreten gehören. Die Vermittlung schafft eine kommunikativ-diskursive und expressive Vergegenwärtigung der Regelung einer Verfassung, wodurch diese ins kollektive Bewusstsein gelangt (Vorländer 2002, 21). »Die Verfassungsgemeinschaft ist deshalb zuallererst eine auf symbolischen Formen beruhende Vorstellungsgemeinschaft, die die zentralen politischen Ordnungsideen mit ihrer Verfassung identifiziert« (Vorländer 2002, 21). Damit im kollektiven Bewusstsein die geteilte Vorstellung entstehen kann, interpretieren die Mitglieder dieser Koexistenz gemeinschaftlich. Der kollektive Interpretationsbezug ist das Regelwerk, das schriftlich fixiert oder für selbstverständlich gehalten wird bzw. als ein nicht-kodifiziertes, traditionell gültiges »Ensemble von Normen, Werten und Regeln« existiert (Vorländer 2002, 22). Vorländer mahnt jedoch an, dass die Interpretation selbst nicht statischer Natur ist, sondern einen stetigen und tendenziell unabgeschlossenen politischen und sozialen Prozess darstellt. Im Wesentlichen können wir die Ideen Vorländers übernehmen, mit deren hilfe eine erste konzeptuelle Erfassung der symbolischen Funktion einer Verfassung möglich ist. Dennoch weicht unser Konzept in bestimmten Teilen davon ab bzw. geht über den Ansatz hinaus. Ursachen DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 228 dafür sind der Strukturbegriff der Politischen Ordnung und ihre praxeologische Manifestierung. Politische Ordnung besteht aus der Simultanität von Status, Modus und Prozess und ist nur in dieser wechselseitigen Referenz relevant. Dementsprechend symbolisiert die Verfassung nicht nur einen möglichen Status von Ordnung im Kontext von Ordnungsideen, sondern den gesamten komplexen Zusammenhang von Ordnung, ordentlich und Ordnung-Machen. In dieser hinsicht bildet die Verfassung nicht einen Ordnungszustand, sondern einen Prozess der Ordnung ab. Zudem ist die Symbolik der Verfassung in die Praktiken der Assemblage eingebunden. Nicht nur der symbolisierte Zustand der Repräsentationsbeziehung in seiner Kontingenz, sondern auch die Symbolisierung und ihre Wirkung werden damit in einem praxeologischen Kontext zusammengeführt. Dadurch wird die Funktionalität einer Symbolik der Verfassung, nämlich eine orts- und zeitunabhängige Ordnung zu manifestieren, sozialtheoretisch hinterfragt. Praktiken fungieren als Grundlage sozialer Koexistenzen und diese sind in ihrer Verbindung von Körper und Wissen immer zeit- und raumabhängig. Die Symbolik und die Wirkungskraft einer Verfassung müssen entsprechend reflexiv behandelt werden. Mit anderen Worten ist die Symbolik eines zeit- und raumunabhängigen Regelsystems zeit- und raumabhängig. Darüber hinaus kann die Symbolik weiter differenziert werden. Verfassungen transzendieren symbolisch die kontingente Repräsentationsbeziehung, wie sie in einer politischen Gesellschaft und ihren konstituierenden Praktiken entstanden ist. In dieser Beziehung gibt es zwei strukturierende Elemente, wobei geprüft werden kann, welche Rezeptionspraktiken durch wen für die Symbolisierung verantwortlich sind. Schließlich gehen wir mit dem expliziten Verweis auf den vorhandenen impliziten charakter bestimmter symbolisch präsentierter Regelungen ebenfalls weiter als Vorländer. In der Rezeption der Symbolik selbst werden wiederum implizite Regeln nach eigenen Regeln decodiert und verstanden. Da Verfassungen diese impliziten Regeln präsentieren, ist es schwierig, den symbolischen Verweisungszusammenhang der Verfassung genau zu konstruieren. Verfassungen sind deshalb keine »symbolische Ordnung« (Vorländer 2002, 19), sondern eine symbolische Präsentation einer dynamischen Repräsentationsbeziehung, die sich um Ordnung bemüht, jedoch den Projektcharakter anerkennen muss. Insofern lassen sich auch in der Symbolik Spuren und hinweise auf die vorausgesetzte, aber nie umgesetzte Politische Ordnung finden. Das Symbol der Verfassung symbolisiert eine historische Repräsentationsbeziehung im hinblick auf ihr Ziel. Die Assemblage transzendiert dadurch ihre Praxis der Repräsentation auf ihr Ziel hin und macht das dafür notwendige Orientierungswissen als Prozesswissen der Repräsentationsbeziehung für alle im politischen Praktikengefüge involvierten Menschen verfügbar. DIE ORGANISATION DES ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 229 2.4 Differenzierte Stellung von Verfassungen in politischen Koexistenzen Die große Bedeutung der Verfassung als Symbol der Repräsentationsbeziehung bezeugt, zumindest in Deutschland, eine erfolgreiche Orientierungspraxis. Diese ist jedoch kontingent und kann nicht a priori angenommen werden. Tatsächlich begegnet man in der Wirklichkeit verschiedenen Formen der Orientierungspraxis, die differierende Bilder der Bedeutung von Verfassungssymboliken zeichnen. Ein herausragendes Fallbeispiel sind jene »verfassungszentrierten Gemeinwesen« (Gebhardt 1995, 23), zu denen die USA, Deutschland und andere liberale Demokratien Europas gehören. Neben den USA ist insbesondere für Deutschland die außerordentliche Bedeutung der Verfassung als Symbol der politischen Repräsentationsbeziehung wissenschaftlich analysiert und begründet worden. Auch der Begriff des Verfassungspatriotismus spiegelt dies wider.29 In verfassungszentrierten Gemeinwesen, hier als empirischer Typus gedacht, symbolisiert die Verfassung exklusiv die durch die in der Assemblage praktizierte Repräsentationsbeziehung. Dass die Verfassung hierbei mehr Symbol denn kodifizierter Text ist, zeigt die Bedeutung der ungeschriebenen Verfassung in den USA und Großbritannien (vgl. clinton 1997; Schröder 2002; Amar 2012). Auch ungeschrieben funktioniert das Symbol und wird mit dem Begriff der Verfassung umrissen. In dieser hinsicht hat das Verfassungssymbol in den auf ihn zentrierten Repräsentationsbeziehungen den Status eines kulturellen Artefakts, das ein Fixpunkt vieler Praktiken der Assemblage bildet. Es handelt sich um symbolisch verdichtetes, normatives Orientierungswissen für die politischen Praktiken der herrschaft, der Bedeutungsgebung und der Repräsentation selbst.30 Den Status eines Artefakts erlangt das Wissen dann, wenn es über eine bestimmte Zeit routiniert angewendet und reproduziert wird. Zwar ist seine Rezeption stets auf die Interpretationsleistung Einzelner angewiesen, doch sorgen etablierte Rezeptionspraktiken in ihrer stabilen Reproduktion dafür, dass die Bedeutung des Symbols über mehrere Zeitabschnitte hinweg von unterschiedlichen Akteuren in gleicher Weise verstanden wird. Um solche Artefakte haben sich in einer Assemblage eigenständige diskursive Rezeptionspraktiken ausgebildet. Diese juristischen Praktiken begründen ihrerseits bereits eine eigene Sachdimension neben dem Politischen. Die Spezifik dieser Praktiken führt zum Aufkommen von Experten, die in verfassungszentrierten Gemeinschaften die Rezeptionspraktiken 29 Der Begriff wurde von Dolf Sternberger geprägt. Für eine kritische Reflexion der sich daran anschließenden Debatte vgl. Gebhardt 1999. 30 Für die Differenzierung der politischen Praktiken vgl. Knobloch 2006, 110 ff. DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 230 der Symbolik nach eigens entwickelten Maßstäben organisieren und selbst organisiert sind. Diese Organisationen spielen in der Gegenwart als Verfassungsgerichte eine zunehmend wichtige Rolle. Ihre Institutionalisierung und ihr für die Ausrichtung der Repräsentationsbeziehung in der politischen Assemblage institutionalisierter Einfluss lassen sie nicht mehr nur bloße Interpreten oder Akteure der diskursiven Praktiken sein. Längst haben Verfassungsgerichte selbst den Status von Repräsentanten inne. Dementsprechend muss in einer politischen Assemblage auch die Repräsentation dieser Repräsentation organisiert werden. Neben dem Artefakt-Status der Verfassungen sind es vor allem die repräsentativ institutionalisierten Spezialisten der Rezeptionspraktiken des Verfassungssymbols, die es bestimmten Repräsentationsbeziehungen ermöglichen, sich durch das Verfassungssymbol repräsentiert zu sehen. Damit bildet sich in diesem Symbol nicht nur die Art der die Repräsentation manifestierenden Regelungen ab, sondern es verweist auch auf deren Bedeutung bzw. Legitimität. Zur Anerkennung dieses Umstandes bezeichnen wir diese Repräsentationsbeziehung als verfassungszentriert. In dieser Beziehung avanciert die Verfassung zur institutionellen »Leitdifferenz der Ordnung des Politischen« (Blänkner 2002, 218). Dementsprechend etablieren sich spezifische Praktiken, die ihren Ausgang und ihren Fokus in der Verfassung haben. Dazu gehören Praktiken der herrschaft, der Bedeutungsgebung und der Repräsentation. Sie verbinden sich in der politischen Assemblage zu Arrangements und ermöglichen eine kollektiv praktikable Verwirklichung einer verfassungszentrierten politischen Koexistenz. Zudem entsteht eine differenzierte wissenschaftliche Reflexion der Verfassung, die einen entscheidenden Beitrag zur Bildung der Verfassung als symbolische Form und institutionelle Orientierungsleistung leistet (Blänkner 2002, 222). Daneben kann ein weiterer empirischer Typ unterschieden werden. In anderen politischen Koexistenzen existiert zwar auch eine Verfassungssymbolik, doch verfügt diese nicht über die gleiche Orientierungskraft. Es ist kein Artefakt; es kann sich nicht auf eine wirksame und d. h. vor allem in der politischen Assemblage sanktionierfähige Organisation seiner Rezeption stützen. Dass die Verfassung dennoch symbolisiert wird, hängt mit ihrer Instrumentalisierbarkeit zusammen. Mit anderen Worten symbolisiert sie weniger die Organisation der Repräsentationsbeziehung, sondern wird von einem Teil der in die Repräsentationsbeziehung eingebundenen Akteure als politisches Mittel genutzt, um diese Beziehung zu beeinflussen. Dazu wird versucht, entweder bestimmte Rezeptionspraktiken neu zu etablieren oder vorhandene Praktiken der Rezeption umzugestalten. Ebenso kann die Rezeption selbst durch Institutionalisierungen oder Konventionen reorganisiert werden. hierbei lassen sich zwei Intentionen der Instrumentalisierung unterscheiden: Die Symbolisierung der Verfassung wird genutzt, um eine bestehende DIE ORGANISATION DES ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 231 Repräsentationsbeziehung zu fixieren. Im Unterschied zur verfassungszentrierten Koexistenz kommt die Repräsentation eigentlich ohne eine Verfassung als Symbol aus bzw. wird in ihrer Eigenheit nicht vollends von dieser abgebildet. Das Orientierungswissen der im Gefüge miteinander verbundenen politischen Praktiken findet keine Entsprechung in der Symbolik der Verfassung. Infolgedessen wird hauptsächlich von den Repräsentanten versucht, die Symbolik der Wirklichkeit anzupassen. Beispielhaft hierfür sind Strategien in modernen Autokratien, mithilfe der Verfassung die bestehende politische Praxis zu legalisieren (vgl. Brown 2002; hendley 2010). Eine andere Intention zur Instrumentalisierung geht einen alternativen Weg. Politisch erzeugte Ziele zur Neuorganisation der politischen Assemblage werden mit der Verfassungssymbolik in der hoffnung auf eine sich den anvisierten Zielen fügende Wirklichkeit justiert. Zwei prominente Beispiele lassen sich hierzu anfügen: die Versuche im Zuge der Transformation politischer Koexistenzen, das Ziel der Demokratie zu fixieren (vgl. häckel 1995; Boulanger 2002) und der Versuch, mittels einer Verfassung die Europäische Union neu zu gestalten (vgl. Kleger/Karolewski/Munke 2004). In den genannten Fällen symbolisiert die Verfassung nicht die Regeln der Repräsentationsbeziehung. Zudem besitzt das Symbol der Verfassung in der Assemblage keine ausreichende Autonomie, die es erlauben würde, dass sich im Symbol raumzeitlich reproduzierbares Orientierungswissen auf der Basis eigenständiger diskursiver Praktiken verdichtet. Beide Eigenschaften ermöglichen es mächtigen Akteuren, die Verfassung in ihrem Sinne zu operationalisieren, was unabhängig vom jeweiligen Zweck immer die Gefahr des Missbrauchs, aber auch der demokratietheoretisch problematischen Dominanz partikularer Interessen einer verfassungsinstrumentalisierenden Repräsentationsbeziehung mit sich bringt. Diese Problematik gewinnt an Schärfe, weil in diesen Repräsentationsbeziehungen auf die Verfassung als Symbolik nicht verzichtet wird, sie sogar einen wichtigen Stellenwert eingeräumt bekommt, obwohl sie keinen eigenständigen Status in der politischen Praxis der Assemblage aufweist. Der Fall der verfassungsinstrumentalisierenden Repräsentationsbeziehung ist ein dynamisches Kontinuum, denn es gibt unterschiedliche Bewertungen der Symbolik. Auf der einen Seite gibt es Gesellschaften, für deren Selbstverständnis die Verfassung geringe Bedeutung hat. So symbolisieren Monarchen die politische Repräsentationsbeziehung monarchischer Gesellschaften weit stärker als ihre zur Festigung der Macht formulierten Verfassungen.31 Instrumentalisierung und Symbolkraft stehen hier in einem Spannungsverhältnis. Je unbedeutender die Symbolkraft der Verfassung für eine Repräsentationsbeziehung ist, desto einfacher 31 Siehe hierzu die Entwicklung der arabischen Verfassungen und ihren genuinen, teilweise die Struktur der herrschaft fixierenden charakter (Brown 2002, 35 ff.). DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 232 lässt sie sich instrumentalisieren. Gleichzeitig steigt damit ihr Wirkungsgrad, was die Möglichkeit ihrer Manipulation wiederum einschränkt. Anhand dieser Dialektik wird deutlich, dass die Auf- und Abwertung des Symbols der Verfassung nicht beliebig erfolgen kann. Die in der politischen Assemblage dazu verbundenen Praktiken ordnen bereits das soziale Leben und können nicht einfach abgewickelt werden. An dieser Stelle ist es deshalb analytisch angebracht, eine weitere Unterscheidung einzuführen. In solchen Koexistenzen, in denen die Bedeutung des Symbols der Verfassung für die Routine der Repräsentation einen gewissen Grad unterschreitet und diese Symbolik für die Projektion der Ordnung vernachlässigt werden kann, stößt deren Instrumentalisierbarkeit an ihre Grenzen. Dort können wir von verfassungsrelativierenden Koexistenzen sprechen. Ein gutes Beispiel dafür ist das gegenwärtige china (vgl. Zhang 2012). Einerseits konstituiert die Repräsentationsbeziehung ein komplexes Regelsystem, das in seiner Einheit nicht formuliert ist, unterschiedliche Organisationen aneinander bindet und sich verschiedener Regeltypen (Konventionen, formale Organisation, konstitutionelle Statute) bedient (Shigong 2009). Die von Shigong als Beispiel einer ungeschriebenen Verfassung analysierten regelproduzierenden Relationen basieren auf einer Reihe nicht-fixierter und impliziter Regeln. Andererseits kann das Symbol der Verfassung in keiner Weise das Orientierungswissen für diese Repräsentationsbeziehung fokussieren, wenn die Beziehung selbst für sich uneinsehbar ist. Diese Repräsentationsbeziehung kommt ohne die Symbolik der Verfassung aus. Stattdessen wird das Orientierungswissen durch die Kommunistische Partei symbolisch fokussiert. china steht somit exemplarisch für eine verfassungsrelativierende Koexistenz, die Zhang als »constitution […] without constitutionalism« (Zhang 2012, 261) bezeichnet.32 Anschließend kann ein Extremfall für Koexistenzen, die auf das Verfassungssymbol verzichten, konstruiert werden. Im Praktikengefüge taucht hierbei keine Verfassung, im rechtlichen Sinn, und keine Verfassung als Symbol auf. Solche Fälle verfassungsignorierender Repräsentationsbeziehungen wird es geben, doch werden wir uns nicht weiter mit ihnen beschäftigen. halten wir fest: Wir suchen nach Beispielen für das ›Know-how‹ einer Politischen Ordnung, in Form des kollektiv geteilten Ordnungswissens der Mètis. Insofern dieses Wissen implizit ist, suchen wir nach Anzeichen impliziter Regeln, und zwar nicht auf der Mikroebene einzelner Praktiken, sondern im Rahmen einer kollektiv vollzogenen praktischen Ordnung. Entsprechend steht die Art und Weise der Organisation des 32 ähnlich Brown, der arabische Verfassungen als »constitutions in a nonconstitutional world« bezeichnet (Brown 2002, 3). Browns Beispiele lassen sich teilweise verfassungsrelativierenden Koexistenzen zuordnen. DIE ORGANISATION DES ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 233 ›Know-how‹ im Mittelpunkt. Durch die Darstellung der politischen Assemblage und ihrer internen Organisation der politischen Repräsentationsbeziehung haben wir nicht nur die Notwendigkeit von Symbolen zur Sicherung des kollektiven Verständnisses der in der Assemblage praktizierten Regeln begründet, sondern mit der Verfassung ein wichtiges dafür in Frage kommendes Symbol vorgestellt. Weil die Eigenart der Verfassungssymbolik in den politischen Koexistenzen und ihren Assemblages unterschiedlich ist, haben wir eine erste grobe systematische Typologie dieser Formen entwickelt, an der sich die folgende empirische Annäherung an das ›Know-how‹ orientiert. 2.5 Symbolik impliziter Regeln Mithilfe der Darstellung unterschiedlicher Bedeutungen von Verfassungen in diversen politischen Koexistenzen haben wir das Untersuchungsfeld insoweit geordnet, dass wir uns der zentralen Frage zuwenden können. Wir suchen nach dem ›Know-how‹ einer Politischen Ordnung und können nun, da wir die für die Organisation der politischen Repräsentationsbeziehung notwendigen Symbole identifiziert haben, fragen, ob nicht auch das ›Know-how‹ durch Symbole präsentiert wird. Zur Beantwortung der Frage werden wir zwei Untersuchungsschritte vollziehen: Zunächst suchen wir allgemein nach Verweisen auf implizite Regeln im Rahmen der Symboliken der Repräsentationsbeziehung. Anschließend halten wir nach konkreten Symbolen der Mètis Ausschau. Um das Problem in seiner Abstraktheit zu beschreiben, gleichzeitig aber die empirische Ebene nicht aus den Augen zu verlieren, werden wir die Untersuchung auf illustrative Fälle einschränken. Die Einschränkung folgt zum einen den Erkenntnissen zur Symbolisierung in der politischen Assemblage und zum anderen der eben eingeführten Typologie über die Stellung von Verfassungen. Des Weiteren lassen wir uns von einer konzeptuellen Annahme leiten, wonach die Symbolisierung impliziter Regeln auf Analogien zurückgreift. Unerkannte Regeln werden durch die Symbolik erkennbarer Regeln ausgedrückt. Demzufolge suchen wir analoge Verweise zu impliziten Regeln in den Symbolen. 33 Mit der Suche und Bewertung von Symbolen impliziter Regeln fangen wir zuerst bei verfassungszentrierten Koexistenzen an. hierzu kann die These formuliert werden, dass in verfassungszentrierten Koexistenzen die Wahrscheinlichkeit, dass Symbole impliziter Regeln der Politischen Ordnung im Verfassungstext 33 Wir werden die Symbole in einem ersten Schritt praxeologisch aufklären, also feststellen, in welchen Praktiken sie relevant und wie die Rezeptionspraktiken der Symbole organisiert sind. Im nächsten Abschnitt untersuchen wir die Symbole auf ihren ordnungstheoretischen Inhalt. DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 234 fixiert sind, selbst am höchsten ist. Weil das Orientierungswissen der Politischen Ordnung und ihrer Assemblage in diesen Fällen auf die Verfassungssymbolik projiziert wird, sollten sich hier Spuren symbolischer Analogien auf die impliziten Regeln der Repräsentationsbeziehung finden lassen. Im Umkehrschluss müsste in nicht-verfassungszentrierten Repräsentationsbeziehungen das ›Know-how‹ der Politischen Ordnung außerhalb der Verfassung symbolisiert werden. Die Frage ist dann, inwieweit dies in den spezifischen Symbolen der Repräsentationsbeziehung oder gar in einer eigenen Symbolik geschieht. Symbole impliziter Regeln in verfassungszentrierten Gesellschaften Im Kontext von formalen Verfassungen in verfassungszentrierten Gesellschaften finden sich in der Tat drei Symbole, die versuchen, implizite Regeln durch Analogien verfügbar zu machen. Es sind dies (1.) der Verfassungskern, (2.) der Geist der Verfassung und (3.) der Wille der Verfassung. (1.) hinter dem Symbol des Verfassungskerns verbirgt sich die Vorstellung, dass bestimmte rechtlich in den Verfassungen fixierte Regeln so fundamental sind, dass sie nicht Gegenstand einer sich verändernden Interpretationspraxis werden können (Öhlinger 2005).34 Demnach sind in der Verfassung Regelungen fixiert, die bestimmte, nicht durch eine Verfassungsänderung variierbare grundlegende Werte manifestieren. Über der die Verfassung konstituierenden Grundordnung, die z. B. noch durch Volksabstimmungen geändert werden kann, existiert demzufolge eine weitere Ordnungsebene, die diesem Wandel entzogen ist (Öhlinger 2005, 284 f.). Diese Ordnungsebene ist nicht implizit. Es handelt sich um einen »Kern-Bestand von Demokratie, Rechtsstaat, Gewaltenteilung und grundrechtlich garantierter Autonomie des Einzelnen« die »zum rechtlich unabänderlichen Verfassungskern gehört« (Öhlinger 2005, 285).35 Wie also vermag dieses Symbol hinweise auf implizite Regeln zu geben? Um diese Frage zu beantworten, muss zunächst verdeutlicht werden, dass hinter dem Symbol des Verfassungskerns die Absicht steckt, die normative Basis einer symbolisch organisierten Repräsentationsbeziehung aus den Dynamiken der Praxis herauszuhalten. Die konstituierenden Regeln sollen zwar durch die Rezeptionspraktiken unmittelbar auf die Regelpraxis einwirken, doch dies nur einseitig. Durch die Proklamation eines der politischen Praxis entzogenen Kerngehalts von Verfassungen, der zum Ausgangspunkt der gesamten Verfassung avanciert, wird 34 Öhlinger greift hier auf die Idee des Verfassungskerns von Pernthaler zurück. 35 hier für die Österreichische Verfassung definiert. DIE ORGANISATION DES ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 235 die formulierte Annahme rekursiver Schleifen durch das Symbol des Verfassungskerns unterbrochen. Diese Unterbrechung kann auch als Reflexivitätsverbot von Regeln verstanden werden, wobei diese Verbotsregeln implizit sind. Auf den ersten Blick verweist das theoretische Symbol des Verfassungskerns nur auf bestimmte Werte und normative Annahmen, deren Status in der Repräsentationsbeziehung so wichtig ist, dass in der Assemblage besondere diskursive Praktiken für deren Einflusssicherung existieren. Das Symbol wird scheinbar analytisch-normativ konstruiert, indem durch diskursive wissenschaftliche Beobachtungspraktiken implizite Privilegierungen bestimmter Verfassungsregeln identifiziert werden. Begründet werden die Privilegien der Kernregeln der Verfassung durch den hinweis auf deren faktische normative Gültigkeit, die wiederum in der Assemblage vor der Symbolisierung der Verfassung vorgenommen wird. Wenn wir die Konstruktion der besonderen Schutzbereiche von Regeln als solche ernst nehmen, dann muss eher danach geschaut werden, welche Regeln als ›Schutzregeln‹ der Regeln des Verfassungskerns gegeben sind. Die Schutzregeln sind im Gegensatz zu dem von ihr geschützten Verfassungskern implizit, weil sie nicht weiter formuliert werden. hinter den Schutzregeln stehen Praktiken, die bestimmte Regeln gegenüber den praxeologisch gesehen sozusagen natürlichen rekursiven Schleifen der Regelung immunisieren. In dieser hinsicht verweisen die im Symbol des Verfassungskerns angesprochenen impliziten Regeln auf Immunisierungspraktiken, die dafür sorgen, dass spezifisches Regelwissen nicht vollends zum Gegenstand jeder diskursiven Praktik werden kann. Zwar kann innerhalb politischer Praktiken die Legitimität des Verfassungskerns hinterfragt werden, was in Überlegungen der Produzenten dieses theoretischen Symbols allenfalls revolutionär stattfinden kann (vgl. Öhlinger 2005). Doch innerhalb der Rezeptionspraktiken der Symbolisierung der Repräsentationsbeziehung wird dies ausgeschlossen. Implizite Schutzregeln funktionieren demnach wie implizite Zuordnungen, die Regelwissen exklusiv diskursiven Praktiken zuordnen bzw. nicht zuordnen. Es handelt sich um praktisches Wissen im Kontext von Regelwissen. Für verfassungszentrierte Koexistenzen, die der Verfassung so einen zentralen Stellenwert in ihrer Selbstwahrnehmung zuweisen, symbolisiert der Verfassungskern modales Ordnungswissen, dass ein grundlegender, die Repräsentationsbeziehung konstituierender Regelsatz zwar den Ausgangspunkt der Symbolisierung darstellt, praktischerweise aber nicht in diesem Symbol aufgehen darf. (2.) Der Geist einer Verfassung ist seiner herkunft nach kein rein theoretisches Symbol, sondern ist zu einem solchen entwickelt worden.36 Er 36 Da dieses Symbol häufig in den Präambeln der Verfassungen auftaucht, spiegelt sich die Transformation des Symbols zu einem theoretischen auch in der Sprache wider. häberle führt an, dass gerade in den Präambeln die Fachsprachen des DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 236 kommt in vielen Koexistenzen vor, etwa in heterogenen Fällen wie dem von Fidschi oder dem der Türkei (Gamper 2012, 59). Im Geist der Verfassung wird das Wissen zur Auslegung von Verfassungen ausgedrückt.37 Es ist ein dem Symbol zugerechnetes praktisches Wissen der Auslegung, die in ihrer notwendigen Abstraktheit – sie bezieht sich ja auf den Regelkontext der Repräsentationsbeziehung – keine direkte Methode ist, sondern ein »Interpretationsmaßstab« (Gamper 2012, 59). Der Geist verdichtet symbolisch das vorhandene Umsetzungswissen, dessen Notwendigkeit zwar unumstritten, dessen konkreter Inhalt aber unbekannt ist. Es ist ein implizites Regelwissen zur Auslegung der in der Verfassung fokussierten Regeln. Das Abstellen auf den Geist als unsichtbarer, nichtfixierter Kraft transportiert die Erkenntnis, dass Menschen häufig wie durch einen Geist geführt ihre handlungen bzw. Entscheidungen organisieren. Mit dem Verweis auf die Wirkung eines Geistes wird das Phänomen kollektiv wirksamer impliziter Regeln beschrieben. Die Nutzung des Geistes zeigt, dass es sich um Regeln im allgemeinen Sinne handelt, und nicht beispielsweise um Affekte, denn der Geist ist eine verborgene, aber ordnende Kraft. In den Rezeptionspraktiken wird durch die Analogisierung mit dem Geist das Wissen um die im Rahmen der Repräsentationsbeziehung wirksamen impliziten Regeln einem Quasi-Akteur in Form einer unsichtbaren Instanz zugewiesen. Die Beobachtung von Regelmäßigkeiten erlaubt die Schlussfolgerung, dass dabei implizite Regeln wirken, die anschließend in diskursiven Praktiken der Selbstreflexion als wesentliches Mittel für die Konstituierung und vor allem die praktische Umsetzung von Repräsentationsbeziehungen identifiziert werden. Der implizite charakter der im Geist symbolisierten Regeln wird auch durch seine Irritationsmöglichkeit bestimmt. Da implizites Wissen als praktisches Wissen vieler Menschen auch immer fehlgedeutet oder angepasst wird, ergibt sich kein zwingender Regelkontext. Es handelt sich um implizite Regelungen, die eine »vertikale Verfassungsselbstinterpretation« (Leisner 1994, 203) ermöglichen. Dazu werden Rezeptionspraktiken der Verfassung diskursiv so organisiert, dass sie implizite Regeln zwar anerkennen, jedoch von der Schwierigkeit, diese explizit zu machen, entbunden werden. In den diskursiv organisierten Rezeptionspraktiken der Rechts mit der Alltagssprache vermittelt werden (häberle 1982, 227). Innerhalb dieser Vermittlungspraxis, die immer bei der Konstruktion und damit auch Rezeption eines Symbols eine Rolle zu spielen scheint, wird das alltägliche Geist-Symbol in ein rechtstheoretisches Symbol umgedeutet. 37 Zu einem bedeutenden theoretischen Symbol im Kontext von Ordnung wird der Geist bei Montesquieu. Sein esprit général umfasst diverse Bezüge, die eine soziale Koexistenz konstituieren und deren kontingente Form sich in spezifischen Gesetzen eines Landes manifestiert. Der Geist der Gesetze geht diesen voraus und leitet deren Konkretisierung an (vgl. Montesquieu 1994). DIE ORGANISATION DES ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 237 Verfassungssymbolik ist die Existenz impliziter Regeln, auf die sich die Symbolisierung der Repräsentationsbeziehung explizit stützt, Teil des Wissens. Allerdings wird dieses Wissen nicht problematisiert. Gleichzeitig wird das implizite Regelwissen bewusst zur Rahmung diskursiver Praktiken gemacht. Der Geist wird nicht nur registriert. Beteiligte Akteure werden im Sinne des Maßstabes ermuntert, auf die Wirkung dieser Regeln bei der Reflexion verfasster Regeln in der Repräsentationsbeziehung zu vertrauen. (3.) Der Wille einer Verfassung ist im Prinzip dem Symbol des Geistes ähnlich (vgl. Leisner 1994, 202; Gamber 2012, 59 FN 147). Auch dieses Symbol verweist auf einen impliziten Regelkontext, der in den Rezeptionspraktiken registriert und dessen Wirkung diskursiv positiviert wird. Doch im Gegensatz zum Geistsymbol, das eine die impliziten Regeln organisierende und ordnende Instanz konstruiert, konzentriert sich die Symbolik des Willens stärker auf den modalen Aspekt der Ordnung. Der Wille einer Verfassung verdeutlicht die Existenz von sich selbst durchsetzenden impliziten Regeln, in die alle expliziten Regeln eingebettet sind. Es sind Regeln der Umsetzung, des Vollzugs oder der Durchführung, die im Willen zum Ausdruck gelangen. Durch die deutlichere Trennung der modalen Form der Ordnung von ihrem Status kann der Regelungsanspruch des Symbols flexibler gehalten werden. Das dem Willen durch Rezeption zugerechnete implizite Regelwissen wird auf seine rein praktische Wirkungsweise eingegrenzt, wodurch man hofft, den normativen Anspruch impliziter Regeln begrenzen zu können. Es besteht auch die Möglichkeit, dass mit Bezug auf den Geist der Verfassung das bestehende Regelsystem der Verfassung außer Kraft gesetzt bzw. kritisch verändert wird (Leisner 1995, 205). Um diese Gefahr einer scheinbar normativ begründbaren Transformation der Symbolik zuvorzukommen, wird das theoretisierte Symbol des Willens stark gemacht, weil es trotz Anerkennung der impliziten Regeln diese gegenüber den expliziten nicht aufwertet. Somit kann der Wille auch für politisch-kontingente Regeln flexibel gehalten werden, was dieses Symbol gegenüber dem starreren, weil den Status der Ordnung integrierenden Geistsymbol ›realistischer‹ macht (vgl. Leisner 1994, 205; Öhlinger 2005, 286 ff.). In einem ersten Durchgang konnten wir drei Symbole identifizieren, die implizite Regeln mit abbilden. Das Symbol des Verfassungskerns bietet eine Selektionsleistung an (ein bestimmter Regelkern, der über die Verfassung hinausgeht) und konstatiert deren Gültigkeit. Der Verfassungskern operiert somit indirekt, wenn es um implizite Regeln geht. Er spricht den Bereich impliziter Regelungen nicht direkt an. Die Existenz des Kerns manifestiert nur ex post die Wirksamkeit impliziter Regeln, durch die spezifische Regeln wirken und von anderen selektiert werden. Direkter spricht das Geistsymbol die Existenz impliziter Regeln an. Gegen die scheinbare Unordnung impliziter Regeln, die in und durch die DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 238 Verfassung zur Geltung gelangen, setzt es eine ordnende Autorität, die praktisch nicht fassbar ist, sich jedoch in der Verfassungspraxis materialisiert. Der Geist transformiert den Bereich impliziter Regeln im Kontext von Verfassungen in eine ordnungsstiftende Entität, wobei ihr Rationalität unterstellt wird. Eine Zuweisung von Rationalität erfolgt auch hier ex post und zwar durch die scheinbar rationale Verfassung, die als explizites Produkt der impliziten Regeln fungiert. Ebenso operiert das Symbol des Willens mit einer ordnenden Autorität oder Instanz, die jedoch weniger in ihrem Status von Bedeutung ist als vielmehr in ihrer Stiftung des Modus. Geist und Wille integrieren die impliziten Regeln und binden sie in ihrer Wirkung fest an die expliziten Regeln der Verfassung, die jedoch, auch das machen die Symbole deutlich, den ersteren nachfolgen.38 Diese Symbolik konstruiert eine Kausalität, durch die die unerkannten impliziten Regeln nachträglich mit Rationalität aufgeladen werden. Die drei Symbole werden im hinblick auf die geschriebenen Verfassungen zumeist in den Präambeln vorangestellt (vgl. Gamber 2012, 68). Präambeln fungieren in geschriebenen Verfassungen als Vermittler zwischen dem konkreten kodifizierten Recht, dem Selbstverständnis der Repräsentationsbeziehung und den davon eingeschlossenen Menschen. Diese besondere Vermittlungsfunktion lässt sich am deutlichsten an der in den Präambeln genutzten Sprache festmachen, die simultan eine »Feiertagssprache«, eine »Alltagssprache« und eine juristische »Fachsprache« integriert (häberle 1982, 228). Die simultane Bedienung der drei Sprachen resultiert aus der Absicht, dass Präambeln das Entscheidende der Verfassung schon vor der eigentlichen kodifizierten Verfassung normieren (häberle 1982, 228). Dementsprechend ist die Fixierung der Symbole an dieser Stelle kein Zufall. Präambeln bereiten die Wirkung des kodifizierten Verfassungstextes vor, weshalb sie den Text in seiner Bedeutung kontextualisieren; dies im hinblick auf das Selbstverständnis und die Art der Organisation der betreffenden Repräsentationsbeziehung und die Funktionsweise der fixierten Regeln. Präambeln wirken als hilfssymbolik für andere Symbole, indem sie auf diese und ihr Orientierungswissen verweisen. Sie stiften Orientierung beim Gebrauch des Orientierungswissens und manifestieren eine Art Bedienungsanleitung für den Gebrauch der Verfassung. Es lassen sich drei Funktionen der angesprochenen Symbole im Kontext impliziter Regeln und Politischer Ordnung festmachen: Erstens machen Kern, Geist und Wille auf die Existenz impliziter Regeln aufmerksam. Die Symbole weisen explizit auf diese Regeln hin, ohne sie explizit 38 Im Kontext der im ersten Teil kritisierten Arbeiten zu informalen Regeln müsste es dann umgekehrt heißen, dass die formalen Regeln die Funktionalität der informalen stützen. DIE ORGANISATION DES ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 239 zu machen. Zweitens stiften sie eine Verbindung von impliziten und expliziten Regeln, indem sie die Funktionalität impliziter Regeln für die expliziten Regeln verdeutlichen. Drittens mahnen sie die Anwendung impliziter Regeln bei der Organisation der Verfassung an. Diese Trinität von Funktionen organisiert das ›Know-how‹ einer Politischen Ordnung in einer verfassungszentrierten Repräsentationsbeziehung. hierbei entwickelt sich eine spezifische Beziehung zwischen implizitem Regelwissen der Politischen Ordnung und der Symbolik der Verfassung. Ein wichtiges Merkmal dieser Beziehung liegt u. a. darin, dass die Symbolisierung des ›Know-how‹ in der Verfassung keine Konkretisierung erfährt. Es reichen die weiten und nicht sehr differenzierten Symboliken des Geistes, des Willens und des Kerns, um auf die existenten impliziten Regeln hinzuweisen und deren Verhältnis mit der expliziten Verfassung festzuhalten. Mit anderen Worten ist die routinierte Aktivierung des ›Know-how‹ soweit kollektiv verfügbar bzw. wirksam, dass in der Symbolik der Verfassung nicht weiter auf deren Existenz noch auf den Versuch einer Fixierung eingegangen wird. So verzichten die Verfassungen der europäischen Staaten und auch der USA auf eine explizite Fixierung von Interpretationsregeln ihrer Verfassungen (Gamber 2012, 90). hieraus kann geschlussfolgert werden, dass in den genannten verfassungszentrierten Koexistenzen das erfolgreiche implizite Regelwissen allein durch die groben Symboliken in den Verfassungen verfügbar gehalten wird. Die verfassungszentrierten Koexistenzen können sich auf ein bekanntes, erfolgreiches, aber auch implizit organisiertes Ordnungswissen verlassen, das eng an die explizite Symbolik gekoppelt ist. Die starke Kopplung erlaubt das routinierte Erkennen impliziter Regeln in der Rezeption der Regelsymbolik, wobei diese Relation nicht diskutiert wird. Es braucht für das Erkennen impliziter Regeln keine eigenen, von der Symbolik der Verfassung unabhängigen Symbole oder sogar explizite hinweise auf das Verhältnis beider Regeltypen, durch die etwa die Funktionalität der Verfassungssymbolik für die Repräsentationsbeziehung abgesichert werden muss. In den verfassungszentrierten Koexistenzen wird die Verbindlichkeit der Verfassung implizit vorausgesetzt (vgl. Gamper 2012, 67). Der Erfolg des Verfassungssymbols kommt ohne weitere Symbolisierung der Regeln der Repräsentationsbeziehung aus. Es braucht auch keine hilfssymbole für das praktische Wissen, die die Funktionalität des Symbols nochmals abzusichern helfen. Stattdessen sind es eher die Ausnahmen der Verbindlichkeit, die in solchen verfassungszentrierten Repräsentationsbeziehungen explizit gemacht werden müssen (Gamper 2012, 67). DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 240 Symbole impliziter Regeln in nicht-verfassungszentrierten Gesellschaften Die Verbindlichkeit von Verfassungen ist nicht überall gleichermaßen der Fixpunkt von Repräsentationsbeziehungen. Demzufolge existieren Fälle, in denen die Symbolik der Verfassungen nicht auf ein implizites Regelwissen verweist; nicht, weil dieses Regelwissen nicht vorhanden wäre, sondern, weil die Verfassung keine wirksame Symbolisierung dieses Wissens leistet. Das trifft insbesondere auf Gesellschaften zu, deren Verfassungen relativ jung sind bzw. die außerhalb Europas bestehen. hier werden die Interpretationsregeln weit häufiger explizit im Text verankert als es in verfassungszentrierten Koexistenzen der Fall ist (Gamper 2012, 90 f.). Das Symbol in seiner Wirkung reicht hier nicht aus, um das implizite Regelwissen zu organisieren. Die Rezeptionspraktiken der expliziten Symbolik der Verfassung müssen sich daher an expliziten Vorgaben orientieren. Anders ausgedrückt: Die Steuerungsleistung des ›Know-how‹ kann nicht mit der Symbolik der Verfassung verfügbar gemacht werden. Damit sind wir bei den verfassungsinstrumentalisierenden und -relativierenden Koexistenzen angelangt. Verfassungszentrierte Koexistenzen haben die Möglichkeit, ihr implizites ›Know-how‹ der Repräsentationsbeziehung durch die Wirksamkeit der Verfassungssymbolik an dieses Symbol zu koppeln, ohne es konkreter auszugestalten. Die kollektive Routine der Rezeptionspraktiken ermöglicht es, dass das Wissen um das implizite Regelwissen kollektiv wirksam bzw. verfügbar wird. In der politischen Assemblage profitiert das praktische Ordnungswissen von der kollektiven Bedeutung der Symbolik der Verfassung, wofür letztlich politische Rezeptionspraktiken verantwortlich sind. In Fällen nichtverfassungszentrierter politischer Koexistenzen ist die Vermittlung des kollektiv geteilten Orientierungswissens über die Verfassungssymbolik ausgeschlossen. Die dafür notwendigen Rezeptionspraktiken spielen in der politischen Assemblage eine nur marginale Rolle. Zur Illustration dieser alternativen Organisation des ›Know-how‹ einer Politischen Ordnung wollen wir zwei Beispiele diskutieren, wobei Russland eine verfassungsinstrumentalisierende und china eine verfassungsrelativierende Repräsentationsbeziehung exemplifiziert. Sie werden hinsichtlich ihrer eigenen Symbolik und des Status der impliziten Regeln aufgeklärt. In Russland wird die politische Koexistenz durch das Symbol vlast‘ ausgedrückt, was Macht bedeutet.39 Es ist kein theoretisches Symbol, sondern 39 Wir stützen uns bei der Beschreibung dieses Symbols auf die Arbeiten von Pivovarov und Fursov (Pivovarov/Fursov 1999; Pivovarov/Fursov 2001), die es in ein theoretisches Symbol des russischen Systems überführt haben (vgl. Dubovcev/Rozov 2007). Vgl. auch unsere weitergehende Beschäftigung mit diesem Symbol und der Diskussion seiner Konsequenzen (Knobloch 2006, 135 ff.; Knobloch 2012). DIE ORGANISATION DES ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 241 stellt das Ergebnis der Selbstreflexion der russischen Repräsentationsbeziehung dar. Die historische Zerstörung jeglicher politischen Organisation in der russischen Gesellschaft durch die mongolische Goldene horde und die anschließende Machtübernahme der russischen Fürsten, die ihren Absolutismus auf den gleichen eingespielten herrschaftspraktiken begründeten, haben eine spezifische Repräsentationsbeziehung hervorgebracht. Dabei wird die Sachproblematik als Organisator der Repräsentation thematisch den sozialen Praktiken enthoben. Pivovarov und Fursov sprechen von einer metaphysischen Dimension russischer herrschaft (Pivovarov/Fursov 2001, 39). Die Sachproblematik wird den diskursiven Praktiken der politischen Assemblage enthoben. Die Sache selbst und damit die Ordnung der Gesellschaft sind dann kein Gegenstand der sozialen Praktiken mehr. Was die Griechen mit der Etablierung der gemeinsamen Bearbeitung kollektiver Probleme als das Politische bezeichneten wird in Russland als Problem der Ebene gemeinsamer Bearbeitung enthoben. Wenige erhalten Zugriff auf dieses Problem und sind in die Praktiken der herrschaft eingebunden. Die anderen und damit der gro- ße Teil der politischen Koexistenz muss mit der Unsicherheit über die Sache, ihre Interpretation und Problematisierung, leben. Diese Unsicherheit drückt sich nach Pivovarov und Fursov in einem metaphysischen, mystischen und distanzierten Bild von der Macht aus.40 Die Distanzierung der Macht vom Einzelnen erzeugt Unsicherheit, die wiederum durch das mythische Symbol vlast‘ verarbeitet wird. Als Symbol integriert es mehrere Ebenen (Pivovarov/Fursov 2001, 37 ff.): 1. die Exklusion der Ordnungsproblematik aus den kollektiven Interaktionen durch die Proklamation einer Macht ohne Ort, die dadurch metaphysisch wird und gleichzeitig jedem als Mythos verfügbar erscheint. Die Distanzierung drückt sich symbolisch in der von der Welt distanzierten Macht und ihrer Unangreifbarkeit aus; 2. die Ebene der Personen, die Macht haben, diese ausüben und so zwischen der distanzierten Ebene und der konkreten Situation vermitteln. Im Symbol spielen die Machthaber, diejenigen, die sich der Macht bemächtigen können, eine große Rolle. Es bedarf dieser Machtgruppen, um die politische Koexistenz zu organisieren. Jedoch steht außerhalb des Symbols der Macht keine weitere Quelle zur Legitimation dieser Machtgruppen zur Verfügung; 3. die Ebene der Selbstreferenz von vlast‘, denn Bezugspunkt der Macht ist ausschließlich die Macht. Es existieren keine anderen Ordnungsquellen für sie. Ihre Selbstreferenz ist so wirksam, dass die Ordnung der Gesellschaft allein auf sie zurückgeführt werden kann. Diesen Umstand bezeichnen Pivovarov und Fursov als monosubjektiven charakter der russischen Macht, denn wo sich in Westeuropa die 40 Sie geben dafür eine Reihe auch literarischer Beispiele. DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 242 Souveränität aus dem Volk ableitet, rekurriert die russische Macht allein auf die Macht.41 Dieses Symbol der Repräsentationsbeziehung unterscheidet sich erheblich von dem der Verfassung. Dort, wo die Verfassung ein Regelsystem zu transzendieren sucht, transzendiert die Symbolik von vlast‘ eine personale Relation, die sich durch ihre Regellosigkeit auszeichnet (vgl. Knobloch 2006, 203 ff.). Es veranschaulicht die besondere Position bestimmter Personen, die durch eine unsoziale und ihre Ortlosigkeit bestimmte Ordnungsquelle Träger der Macht sind. Die Träger der Macht sind nur ihr verpflichtet und unterliegen keinen ›Meta-Regeln‹. Als personales Symbol transzendiert vlast‘ Menschen und ihre persönlichen Beziehungen. Die dadurch ausgedrückten Regeln liegen im Bereich menschlicher Beziehungen und sind damit weder exklusiv explizit noch exklusiv implizit, da menschliches handeln innerhalb persönlicher Beziehungen simultan immer öffentliche und nicht-öffentliche Verhaltensweisen integriert. Das personale Symbol vlast‘ steht demzufolge für explizite und implizite Regeln, die eine diffus bestimmte, durch die Dominanz persönlicher Beziehungen sich organisierende Repräsentationsbeziehung strukturieren. Diese Regeln sind in den personalen Netzwerken als Regelwissen verfügbar. Die Simultanität von öffentlichen und nicht-öffentlichen Aspekten persönlicher Beziehungen transzendiert damit symbolisch die Einheit expliziter und impliziter Regeln. Somit kumuliert in der Symbolik von vlast‘ ein umfassendes ›Know-how‹, das nicht gesondert zwischen den verschiedenen Regeln differenzieren muss. Zwei Punkte sind im Kontext dieses Falls weiterhin von Bedeutung: Erstens lassen sich die expliziten und formalisierten Regeln im Rahmen des Rechts zu einem Instrument der Beziehungen nutzen. Das Recht und seine fixierten Regeln werden insbesondere bei Konkurrenzsituationen zwischen den verschiedenen persönlichen Beziehungssystemen oder Netzwerken instrumentalisiert (Bocharov 2011, 99). Die fixierten Regeln führen kein Eigenleben, sondern ordnen sich der Reproduktion der Repräsentationsbeziehung unter. Mit anderen Worten sind fixierte Regeln in Russland nicht akzeptiert genug, um eigene Organisationsleistungen in der Gesellschaft umsetzen zu können. Man bedient sich der Regeln, doch besitzen sie innerhalb der politischen Assemblage keine Autonomie. Dies wird immer dann deutlich, wenn die Geltung der »rule of law« gefordert und sogar zur Maxime der Politik erklärt wird, gleichzeitig z. B. gegenüber abtrünnigen Föderationssubjekten und illoyalen Oligarchen das Recht stetig gebrochen wird (Sakwa 2008, 885; vgl. hendley 41 Auch wenn die Idee der Volkssouveränität sich bei näherem hinsehen als fiktiver Akt entpuppt, kann im Selbstverständnis der politischen Assemblage in den liberalen Demokratien darauf nicht verzichtet werden. DIE ORGANISATION DES ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 243 2010).42 Zweitens existieren eigenständige Symbole, die eine systemische Funktion nicht-fixierter, rein auf persönlichen Beziehungen beruhender Regeln in der politischen Assemblage manifestieren. Neben dem bekannteren blat (Ledeneva 1998) existieren eine Reihe rein praktisch konventionalisierter Regelsysteme, die in weiten Teilen der russischen Gesellschaft als solche bekannt sind und praktiziert werden (vgl. Ledeneva 2006).43 Es geht hierbei nicht um deren Funktionalität als informale Institutionen, sondern um das damit zum Ausdruck gebrachte implizite Regelwissen, denn all diese Regelkomplexe symbolisieren in unterschiedlicher Weise den zentralen Stellenwert des persönlichen Kontakts in der Vermittlung sozialer Praxis. Die genannten Symboliken machen die in den sozialen Praktiken geformten differierenden Varianten des operativen Gebrauchs persönlicher Kontakte kollektiv verfügbar und kommen ohne ausformuliertes Benutzerhandbuch aus. Von der enormen Bedeutung persönlicher Kontakte und ihrer Regelvermittlungen geht auch die charakterisierung Russlands als klientelistische Gesellschaft aus, wobei es sich hier um ein theoretisches Symbol handelt (vgl. Knobloch 2006, 189 ff.).44 Die Existenz kollektiver Symboliken impliziter Regelsysteme lässt vermuten, dass im Gegensatz zur verfassungszentrierten Koexistenz die Symbole der Repräsentationsbeziehung nicht nur Symbole impliziter Regeln erlauben, sondern darüber hinaus eine gewisse Kompatibilität mit diesen besitzen bzw. sogar eine Art von Symbiose eingehen. So kann das ›Know-how‹ dieser Ordnung auf weitere Symbole zurückgreifen und dezentraler organisiert werden. Ein Beispiel für eine verfassungsrelativierende Koexistenz ist china. hier existiert die Verfassung nur als »dead letter« (Zhang 2010, 952). Dies verweist auf die marginale Bedeutung dieses Symbols für das Selbstverständnis der Repräsentationsbeziehung, was auch bei der 42 Letztlich geht es bei diesen Forderungen zur Funktion des Rechts in Russland und in anderen autoritären Regimen darum, in der politischen Assemblage die Möglichkeit eines Machtwechsels auszuschließen. Dabei soll das positive Recht nicht die herrschaft beschränken, sondern helfen, die Erwartungsstabilisierung autoritärer herrschaft in Form einer eigenen Verfassung zu erhöhen. Das Rechtssystem wird funktionalisiert, verliert seinen eigenständigen Status und somit die Fähigkeit, zur zivilen Lösung innergesellschaftlicher Konflikte beizutragen. 43 Ledeneva beschreibt in ihrer englischsprachigen Studie spezifisch politische, ökonomische und rechtliche implizite Regelsysteme, die eigene begriffliche Symbolisierungen wie chernyi Piar, Kompromat, Krugovaia Poruka, Barter, Tolkachi erhalten (sie nutzt eine eigene Transliteration) (Ledeneva 2006). 44 Maßgeblich wurde der Klientelismusbegriff von Afanas’ev vertreten. Darüber hinaus existieren in der wissenschaftlichen Debatte auch andere begriffliche charakterisierungen, die immer den systemischen Stellenwert der mit den persönlichen Beziehungen verbundenen impliziten Regeln zum Gegenstand haben. Vgl. hierzu und zu weiteren Literaturangaben Knobloch 2006, 189 ff. DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 244 Organisation der Assemblage selbst deutlich wird. Shigong identifiziert vier Quellen von Regeln, die in der Praxis der chinesischen Politik zusammenlaufen (Shigong 2010, 22 ff.): die Organisation der Kommunistischen Partei sowie die Etablierung eines Repräsentanten qua Konventionen, der intersystemisch die Verbindungen der verschiedenen Strukturen organisiert und somit die Integration von staatlicher Macht, Parteimacht und militärischer Macht leistet (Shigong 2010, 28). Weitere Quellen sind die Integration der lokalen Einheiten durch programmatische Regelungen, die ausformuliert, aber nicht kodifiziert sind. Ein Beispiel dafür ist die Doktrin der ›Initiative von zwei Quellen‹, die als formuliertes, aber nicht gesetzlich fixiertes Prinzip die lokalen Einheiten der Partei in die Lösung von Problemen explizit einbezieht (Shigong 2010, 31 ff.). Dieses doktrinäre Prinzip fungiert hier als systemische Regel, die in der politischen Assemblage eine wesentliche Bedeutung besitzt. Eine weitere Regelquelle sind sogenannte Statuten, also kodifizierte Regeln, die pragmatisch in die Assemblage integriert werden. Shigong bezieht sich auf das ›basic law‹ hongkongs, das divergierende Regelansprüche stellt (Shigong 2010, 37 ff.). Das Grundgesetz hongkongs fungiert nicht nur als Minikonstitution für die ehemalige Kolonie, sondern als Minikonstitution (Statut) für ganz china, weil hiermit eine neue Regelung der Parteimacht einhergeht. Shigong sieht dies als Konstruktionsmöglichkeit eines »new model for party rule of hong Kong« (Shigong 2010, 40), womit die Statuen ein Teil der Organisation der politischen Assemblage sind. Im Ausgang der Darstellung von Shigong kann zum einen der unbedeutende Status der Verfassungssymbolik für die politische Koexistenz chinas nachgewiesen und zum anderen die komplizierte praktische Dimension der Organisation der Repräsentationsbeziehung verdeutlicht werden. china ist keine verfassungszentrierte politische Koexistenz. Die Kommunistische Partei übernimmt die Symbolik für die Repräsentationsbeziehung.45 Es handelt sich um eine durch charismatische Elemente erweiterte Idee einer Organisation, die Yongnian als »organizational emperor« bezeichnet (Yongnian 2010). Das Symbol der Partei geht weit über die Bedeutung politischer Organisationen in Westeuropa hinaus. Die Kommunistische Partei chinas verknüpft die traditionelle Form der Organisation der politischen Koexistenz durch einen Imperator mit der Idee einer spezifischen Gruppe, die sich vom Rest der Gesellschaft abhebt. Zudem präsentiert die Partei das Zentrum der politischen Koexistenz, denn es war und ist die Kommunistische Partei, die die politische Koexistenz formt und integriert. »In china (and probably in the rest of East Asia), however, political parties are more artificial, and the role of 45 Die Kommunistische Partei repräsentiert die »most fundamental interests of the most numerous people«, wie es der ehemalige Generalsekretär der KP Jiang Zemin ausgedrückt hat (Zhang 2010, 954). DIE ORGANISATION DES ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 245 political parties goes far beyond that being an agent of regime transformation. Political parties are not only the agents in the process of the rationalization of political order. More importantly, they are the creators of new states, even new nations« (Yongnian 2010, 17). Demzufolge verbildlicht die Symbolik der Partei die Organisation der Repräsentationsbeziehung, indem sie die Schöpfung dieser Beziehung für sich in Anspruch nimmt. Es ist ein erfolgreiches Symbol, mit dem sich die politische Koexistenz und ihre Repräsentationsbeziehung beobachten und problematisieren lassen. Der Erfolg kann anhand der flexiblen Reaktion und organisatorischen Neuausrichtung der Repräsentationsbeziehung ermessen werden. »The organizational emperorship was successful in achieving national liberation, pursuing national independence and sovereignty, and leading socio-economic development« (Yongnian 2010, 68). Neben der Fähigkeit zur Reproduktion der Repräsentationsbeziehung kann der Erfolg der Symbolik auch an einem anderen Punkt gemessen werden. Die kommunistische Ideologie der Partei, die historisch in ihrer charismatischen Dimension für die Symbolik von herausragender Bedeutung war, wurde mit dem Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens stark diskreditiert. Verstärkt hat sich dies auch durch das Ende des Staatssozialismus in Osteuropa, wodurch die Idee des Kommunismus als Entwicklungstheologie weltweit an Akzeptanz und Mobilisierungskraft verlor. Die Machthaber konnten aber das Symbol hinsichtlich seiner ideologischen Thematik erfolgreich umdeuten. Statt weiter auf den Sozialismus bzw. den Kommunismus als thematischem Mittelpunkt der Symbolik der Partei zu vertrauen, gelang es durch die Steuerung der Rezeptionspraktiken, das Symbol mit neuen Themen zu verbinden. Insbesondere wurde die Kraft der normativen Idee der Stabilität instrumentalisiert (Sandby-Thomas 2011). Damit konnten nicht nur die drastischen Maßnahmen zur Beendigung der Proteste gegen die Parteiherrschaft im Jahr 1989 nachträglich legitimiert werden, sondern es war mittels der positiven Besetzung des Wertes der Stabilität auch möglich, die Art der Organisation der Repräsentationsbeziehung für die künftigen Entwicklungen in Anspruch zu nehmen.46 Diesen Erfolg ermöglichen die in der 46 Sandby-Thomas zeigt, wie Stabilität als positiver Gegenwert zur Instabilität, für die angeblich die Demokratiebewegung 1989 wie auch die Falun-Gong-Bewegung stehen, rhetorisch in Stellung gebracht wurde. Zudem ließen sich mit dem Wert der Stabilität in den diskursiven Praktiken der Führungsanspruch der KP chinas und die Notwendigkeit von Reformen begründen. »As a consequence, the positive value of stability was achieved by linking the political, economic and social developments that had taken place since the military suppression to the condition of stability. In this, both these developments as well as the decision to use military force were linked to the leadership of the ccP and, as a result, the positive value of stability was once again presented in terms of the Party« (Sandby-Thomas 2011, 87). DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 246 politischen Assemblage stark organisierten Rezeptionspraktiken. Dank einer solchen organisatorischen Einbettung der Rezeptionspraktiken in die Praktiken der herrschaft glückte die thematische Verbindung von ökonomischer und sozialer Prosperität mit der Notwendigkeit künftiger Stabilität. Im Unterschied zur Verfassungssymbolik, die einen bestimmten Regelbereich zum Fixpunkt einer Repräsentationsbeziehung transzendiert, operiert die Symbolik der Partei mit einer Organisation von Menschen. Es handelt sich demzufolge wie in Russland um ein personales Symbol.47 Menschen handeln zwar nach Regeln, doch dominieren in diesem Symbol nicht Regeln, sondern intentional handelnde Menschen. Menschen sind aber auch in der Lage, sich an implizite Regeln zu halten. Aus ihrer Konstitution heraus spricht nichts dagegen, dass sie für ungeschriebene, nicht-fixierte Regeln stehen. Demzufolge ist das Symbol der Partei durchaus in der Lage, ein implizites Regelsystem mit zu vertreten.48 Die Partei steht symbolisch für ein personenbasiertes Regelsystem, eine »rule of man« (Yongnian 2010, 35; vgl. Keith 2010, 206). Dies schließt implizite Regeln ausdrücklich ein. Daneben existieren auch in china eigenständige konkrete Symbole für implizite Regelsysteme. Zum einen gibt es, ähnlich wie in Russland, ein Symbol für die personalen Beziehungen, die zur Regelung der Gesellschaft von außergewöhnlicher Bedeutung sind. Die persönliche Beziehung als Regelsystem wird als Guanxi bezeichnet (Yang 2002; Li 2011; Su/Feng 2013). Auch dies ist kein theoretisches Symbol und steht für ein systemisches Regelsystem der ›rule of man‹, wobei dies in der politischen Assemblage als Mittel zur Durchsetzung politischer Interessen genutzt wird. Su und Feng verweisen auf den zentralen Stellenwert, den diese Regeln bei der Artikulation politischer Einsprüche einnehmen. Sie weisen nach, dass diejenigen, die über gute Beziehungen im Guanxi verfügen, eher bereit sind, sich an Protesten zu beteiligen (Su/Feng 2013, 61). Mit ihrer Studie verdeutlichen sie, dass die persönlichen Beziehungen als implizites Regelsystem längst nicht mehr auf die ökonomische Sphäre zu reduzieren sind (vgl. Wang 2000), sondern einen für die politische Koexistenz systemischen charakter aufweisen (Li 2011). Insofern 47 Die damit einhergehende fehlende Fokussierung wurde auch Parteimitgliedern zum Verhängnis und führte zu einer Diskussion um Stabilität (vgl. Keith 2010, 205). 48 Darüber hinaus sind die Rezeptionspraktiken dieses Symbols stark diszipliniert. Nicht nur die ideologische Schulung der Parteikader, sondern auch die Institutionen der Interpretation der Partei sind ausreichend differenziert und professionalisiert, um ein komplexes Sinnmuster und ein umfangreiches Regelsystem in die Symbolik hineinzuinterpretieren. DIE ORGANISATION DES ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 247 lässt sich dieses Regelsystem nicht mit reinen Tauschbeziehungen, also Korruption, verwechseln.49 Im Gegensatz zum russischen Beispiel kann in china ein weiteres Symbol identifiziert werden, das sich weniger auf die Personen und ihre Beziehungen, sondern vielmehr auf Regeln als solche bezieht. Qian guize, latente Regeln, umschreiben einen nicht-formulierten Regelkontext, der im Gegensatz zu den eingangs vorgestellten informalen Regeln in Westeuropa nicht als Ergänzung formulierter Regeln existiert (Zhang 2012, 98).50 Die latenten Regeln bieten einen alternativen Regelkontext an. Zwar vermittelt dieses implizite Regelsystem in jüngster Zeit zwischen der Kommunistischen Partei und der Gesellschaft, wobei der Dominanz der Partei in der Repräsentationsbeziehung organisatorisch Rechnung getragen wird. Dennoch sind diese Regeln keineswegs eine Neuheit der staatssozialistischen herrschaft. Tatsächlich sind die qian guize ein historisches Phänomen: »The omnipresence of these latent rules has perplexed china not only throughout the long dynasties but also during the legal reform of the last three decades« (Zhang 2012, 98). Diese ungeschriebenen Regeln organisieren die politische Koexistenz in ihrer Ambivalenz zwischen der Dominanz der Partei und der Autonomie der lokalen Ebene sowie dem praktisch institutionalisierten, exklusiven Einfluss der Partei auf die staatlichen Strukturen qua Konventionen (Shigong 2010, 22 ff.). Ihre Wirksamkeit reicht sogar bis in die Rechtsprechungspraktiken hinein. »A pragmatic reason for judges to follow unwritten rules is to cover their backs and avoid responsibility, as these rules will not be cited in their judgments, neither are they accessible to the parties or the public« (Duan 2010, 5). Das Symbol qian guize vereint also nicht nur politisch relevante, sondern auch juristische und andere Regeln, die eine große soziale Reichweite haben und einen wesentlichen funktionalen Beitrag zur gesellschaftlichen Organisationsfähigkeit leisten. Die Qualität der Symbolik spricht dafür, dass sich hier ein systemisches System von Regeln herausgebildet hat, das bei der Organisation der politischen Koexistenz eine herausragende Bedeutung besitzt (vgl. Guo 2007, 386). Dabei gewinnt die Symbolik eine selbständige Existenz und löst sich dementsprechend nicht in der Symbolisierung der ›rule of man‹ auf. Die latenten Regeln bieten einen eigenen Regelmechanismus im gesellschaftlichen Maßstab an und können somit nicht unter die formalisierten Regeln subsumiert bzw. im Sinne der kritisierten Ergänzungslogik in ihrem Status gemindert werden. 49 »Guanxi places much more emphasis in renqing and the long-term obligations and bond of relationship than the material interest exchanged, whereas in bribery and corruption« (Yang 2011, 465). 50 Das Regelsystem wird erstmals von Wu Si im historischen Kontext genau beschrieben (Wu Si, Latent Rules: Real Games in the chinese history, vgl. Zhang 2012). DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 248 Fassen wir zusammen: Zur Integration einer Repräsentationsbeziehung werden Symboliken benötigt, die bei der Wahrnehmung der damit zentrierten Regeln helfen und die Kontingenz dieser Regeln verarbeiten. Die Verfassung ist hier nur ein mögliches Symbol, dessen gesamte Wirkungskraft sich historisch in den verfassungszentrierten Repräsentationsbeziehungen entfalten konnte. In den anderen von uns differenzierten Beispielen politischer Koexistenzen relativiert sich deren Bedeutung. Die Verfassungssymbolik ordnet sich dort erfolgreicheren Symbolen unter. Sowohl die Symbolik der Kommunistischen Partei chinas und die der vlast‘ in Russland sind Beispiele für personenbasierte oder auch personale Symbole, welche die »rule of man« (Yongnian 2010, 35) in der politischen Assemblage für alle einsehbar abbilden. Das durch die Symbolik transzendierte Bild ist jenes von Menschen, die bestimmte Qualitäten auf sich vereinigen bzw. auf die Qualitäten projiziert werden. Es sind aus ihrem unmittelbaren Kontext herausgehobene Personen, deren Eigenschaften durch ihre spezifische Position in den sozialen Beziehungen selektiert, verklärt und verkürzt werden, um sie als Beispiele für eine bestimmte kollektive Orientierung gelten zu lassen. Demgegenüber ist die Verfassung ein nicht-personenbasiertes Symbol. Es transzendiert keine Menschen, sondern Regeln, die im Kontext normativer Ordnungsvorstellungen Bedeutung haben. Aus dem Vergleich beider Symbolformen leiten sich folgende Erkenntnisse ab: 1. In verfassungszentrierten Repräsentationsbeziehungen werden die impliziten Regeln durch die Verfassungssymbolik mit repräsentiert. hierzu wird die Symbolik erweitert und in einen Wirkungskontext mit impliziten Regeln eingeordnet, ohne die impliziten Regeln weiter zu verbildlichen. In den Koexistenzen, die ihre Repräsentationsbeziehung auf der Basis personaler Symbole organisieren, werden hingegen die impliziten ›rule of man‹ durch die Symbolik mit abgebildet. Dazu braucht es keiner Erweiterung der Symbolik, denn die personale ›rule of man‹ schließt implizite Regeln ausdrücklich ein. 2. In verfassungszentrierten Repräsentationsbeziehungen existieren keine eigenständigen Symbole impliziter Regelkomplexe mit gesamtgesellschaftlicher Bedeutung, die zur Organisation der Koexistenz einen möglichen systemischen Beitrag leisten. Die nicht-verfassungszentrierten Repräsentationsbeziehungen kennen indes eine Reihe von Symbolen für die systemisch relevanten impliziten Regeln. Mehrheitlich dominieren hier personale Symbole, doch auch nicht-personale Symbole können sich etablieren. 3. Die nicht-verfassungszentrierten Repräsentationsbeziehungen besitzen eine bestimmte Art der Toleranz gegenüber impliziten Regeln, die sich die verfassungszentrierten Repräsentationsbeziehungen nicht leisten können. Letztere scheinen sogar jede Art der Regelkonkurrenz ausschließen zu wollen. Gleichzeitig werden die Rezeptionspraktiken DIE ORGANISATION DES ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 249 der Symbole in nicht-verfassungszentrierten Repräsentationsbeziehungen stärker kontrolliert. Das Problem der Deutungsoffenheit von Symbolen, zumal auf dieser sozialen Ebene, wird in verfassungszentrierten Repräsentationsbeziehungen durch ein möglichst integratives Symbol, das in der Lage ist, sämtliche Regelkontexte in sich aufzunehmen bzw. sich unterzuordnen, gelöst. In der nicht-verfassungszentrierten Repräsentationsbeziehung wird die Deutungsoffenheit durch die Kontrolle der Rezeptionspraktiken eingeschränkt. Beide Formen führen ihrerseits zu Stabilität, wobei die Legitimität der Kontrolle kritisch zu beurteilen ist. 4. Das Mittel der Analogisierung zur Symbolisierung unerkannter Regeln greift in verfassungszentrierten Repräsentationsbeziehungen exklusiv auf das Symbol der Regeln selbst zurück, während der symbolische Variantenreichtum in den anderen Repräsentationsbeziehungen größer ist. Bezeichnungen von persönlichen Beziehungen (blat, Guanxi) werden ebenso genutzt wie kulturelle Eigenbeschreibungen alternativer Regelsysteme (krugovaia poruka, qian guazi). hier lässt sich empirisch eine Mono- von einer Poly-Symbolik differenzieren. 2.6 Symbole der Mètis Bei der Suche nach Symbolen der Mètis müssen wir uns auf theoretische Vorarbeiten verlassen. Zunächst erinnern wir uns der zwei formulierten Annahmen zur Mètis: Erstens wird in der Mètis die routinierte Routinebefolgung bzw. die routinierte Routinesuspension und -abweichung als kollektives Orientierungswissen manifestiert, zweitens verbindet sie auf der strukturellen Ebene als modales Ordnungswissen Sein/Tun und Raum/Zeit miteinander. Beides muss sich ausgehend von den Symboliken rekonstruieren lassen. Beginnen wir mit der Untersuchung erneut bei verfassungszentrierten Repräsentationsbeziehungen. hier kumuliert das Problem der Mètis zunächst in der Frage, inwieweit methodische Anleitungen für die Auslegung der Texte und damit die praktische Wirkung der Symbole gegeben sind. Es lässt sich vermuten, dass immer dann, wenn es zu Auseinandersetzungen über die richtige Deutung kollektiver Regeln kommt, auch die Problematik der Mètis zumindest implizit angesprochen wird. In verfassungszentrierten Repräsentationsbeziehungen sind das Auseinandersetzungen um die richtige Methode bei der Interpretation der Regeln, die in der Verfassungssymbolik fixiert sind. hier entpuppt sich der Monosymbolismus mit seinem Organisationsgrad der Rezeptionspraktiken als methodischer Glücksfall, da die Suche nach der Mètis sinnvoll eingegrenzt werden kann. Die empirische Existenz von Auseinandersetzungen um die richtige Interpretation lässt den Schluss zu, dass es auch in einer politischen DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 250 Koexistenz, die ihr Selbstverständnis durch eine erfolgreiche Verfassungssymbolik manifestiert, ungeklärte und unentschiedene Bereiche gibt, die entdeckt werden müssen. Im Sinne der Politischen Ordnung weist dies auf das notwendige Spannungsfeld von politischen und sozialen Regelungen hin, da die normativ geltende Ordnung niemals direkt in das handeln übertragbar ist. Und so müssen auch in einer verfassungszentrierten Repräsentationsbeziehung die gültigen Regelungen im Konnex von Symbolik und ihrer Rezeption in der Assemblage entdeckt werden. Ein für das fixierte Recht nicht unerhebliches Problem, da hierdurch auch die Grenzen der Aussagefähigkeit der Regeln stetig neu verhandelt werden. Fixierte Regeln sind infolgedessen nicht statisch, sondern vielmehr dynamisch: »Aus der Ruhe ›allgemeinen Geltens‹ geworfen, droht es zu versinken in der generellen Problematik des Erkennens des ›fremden Gewollten‹, das doch unser Gesetz sein soll« (Leisner 1994, 192). Doch statt diese Regeln die Interpretation der Auslegung der in der Symbolik fixierten Regeln zu regeln, wird in erfolgreichen verfassungszentrierten Repräsentationsbeziehungen dabei ausdrücklich auf die Wirkung impliziter Regelungen vertraut (Gamper 2012, 90 f.).51 Mit anderen Worten wird in den für unsere Illustration verfassungszentrierter Repräsentationsbeziehungen bedeutenden politischen Koexistenzen die richtige Auslegung der Verfassung und damit die Regelung der Rezeptionspraktiken nicht explizit geregelt. Somit ist das Wissen um die richtige Organisation der Rezeption der Verfassung Teil des impliziten Regelwissens. Dieses wird zwar durch die die Repräsentationsbeziehung tragende politische Assemblage in die soziale Praxis überführt, aber nicht durch die Verfassungssymbolik selbst präsentiert. Für die Organisation der Rezeptionspraktiken wird dies zu einem Problem, denn die verfassungszentrierten Repräsentationsbeziehungen konzentrieren ihr normatives Orientierungswissen exklusiv in der Verfassung, die auch immer auslegungsbedürftig ist (vgl. Dreier/Schwegman 1976).52 Gleichzeitig wird die Art der Rezeption nicht im Symbol vorgegeben, sondern diesem im Rahmen der Praktiken der Bedeutungsgebung zugeschrieben. Methodisch bahnt sich damit ein Dilemma für die verfassungszentrierten Koexistenzen an, denn das zentrale Symbol, das eigentlich das Organisationswissen in Form der Regeln einer politischen Koexistenz systematisiert, muss selbst Anleihen auf nicht darin symbolisiertes Wissen nehmen. Doch für die Assemblage und ihre weite Vernetzung von Praktiken ist dies kein Problem, wohl aber für die Re- 51 Gamper identifiziert die Formen der Fixierung der Verfassungsinterpretationsregeln innerhalb der Verfassungen, wobei auch die Wirkung impliziter Regeln als systemische Elemente erkannt wird (Gamper 2012, 308). 52 In diesem älteren Sammelwerk sind alle namhaften, am früheren akademischen Diskurs zur Verfassungsinterpretation Beteiligten vertreten. DIE ORGANISATION DES ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 251 zeptionspraktiken, die den exklusiven Status der Verfassung nicht aus diesem ableiten können. Selbst wenn ein Interpretationsmaßstab in der Verfassung fixiert sein sollte, beruhen die Ableitungen von Interpretationsregeln immer auf Interpretationsvorgängen, die, so Gamper, nach Regeln erfolgen, die erst noch gefunden werden müssen (Gamper 2012, 328). Die Rezeptionspraktiken können ihre Einbettung in Arrangements von Praktiken nicht verneinen. Für die sozialwissenschaftliche Perspektive ist diese Feststellung trivial, jedoch nicht für die Selbstreflexion der esoterisch organisierten Rezeptionspraktiken von Verfassungen.53 Erst durch die genuin sozialwissenschaftliche Perspektive auf diese Professionalisierungswissenschaft wurde deren Praxis als ›normale‹ soziale Praxis der Interpretation dekonstruiert (Morlok/Kölbel/Launhardt 2000, 20 ff.; Morlok/Kölbel 2001, 299).54 Die sich ergebende Frage lautet, ob es eine Symbolik gibt, die in dieser Praxis einen hinweis auf die Mètis, und damit auf bestimmte, die politische Koexistenz betreffende praktische Regeln gibt. Dogmatik Eine Symbolik für diesen impliziten Methodenrahmen ist spezifisch und in der verfassungszentrierten Repräsentationsbeziehung Teil der juristisch dominierten Rezeptionspraktiken. Dennoch lässt sich ein wirksames Symbol identifizieren – das der Dogmatik.55 Die Dogmatik legt die Rezeption der Verfassungssymbolik auf die Verfassung fest.56 Ausgehend von der Vorstellung, dass die Regeln der Verfassung ein »einheitliches Sinngefüge« und »ein zu konkretisierendes Normenwerk« sind (Jestaedt 2011, 23), wird versucht, ebendieses in die soziale Praxis zu übersetzen. 53 In dieser hinsicht wurde eine Differenzierung von reiner Rechtstheorie und Rechtssoziologie vorgenommen, auch, um die exklusive Reflexionsfunktion der juristischen Rechtstheorie zu verteidigen (Schulz-Schaeffer 2004). 54 Dabei kann die Exklusivität der richterlichen Praxis im hinblick auf die Verfassungsgerichte als Strategie der Eigenpositionierung des Verfassungsinterpreten angesehen werden. hier wird in der Öffentlichkeit ein Bild konstruiert, das die Verfassungsinterpreten als Veto-Organisatoren der Rezeptionspraktiken durch Invisibilisierung ihrer Deutungsmacht konstituiert. Dank dieser Exklusion aus der Öffentlichkeit manifestieren die Verfassungsgerichte ihren exklusiven Zugriff auf die Rezeption, dessen Erfolg in der Annahme gipfelt, dass »das Verfassungsgericht nichts anderes als die Stimme der Verfassung ist« (Vorländer 2006, 26). 55 Dieses theoretische Symbol wird von Jestaedt für den deutschen Fall identifiziert, nachdem er eingeräumt hat, dass in der deutschen Auslegungspraxis des Verfassungsgerichts eine Vielzahl von Methoden existieren (Jestaedt 2011, 22). 56 Dogmatik in der Religion deckt sich methodisch mit dieser Aussage. Die religi- öse Dogmatik ermöglicht es, Glaubensaussagen aus sich heraus zu strukturieren (Fresacher 2007, 279). DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 252 Die Dogmatik wird als ein theoretisches Symbol der juristischen Methoden zur Rezeption des Rechts problematisiert, wobei in dieser Lesart zwei Einschränkungen zu machen sind: Zum einen ist das, was in der Dogmatik selbst als Regelwissen praktiziert wird, nicht expliziter Natur. So wird zwar der Vorrang der Gesetze als fundamentale Figur der Dogmatik behandelt, doch wird der Vorrang in der Rechtspraxis selbst eher selten explizit genannt und als eine nicht ausgesprochene Grundregel des Verfahrens behandelt (Pöcker 2007, 8). Zum anderen ist das Methodenwissen, das die Dogmatik symbolisiert, praktisches Wissen. Die Träger der Rezeptionspraktiken in verfassungszentrierten Repräsentationsbeziehungen vollziehen keine explizit rein normativ angeleitete ›Übersetzungsarbeit‹, sondern eine durch primär praktische Erwägungen bestimmte Tätigkeit.57 Es ist vielmehr eine ›Kunstlehre‹, in der unterschiedliche Regeln verknüpft zum Ausdruck kommen, einfach, indem sie selbstläufig im handeln ausgeübt werden (Morlok/Kölbel 2001, 300). Die Dogmatik präsentiert somit einen Regelkontext der impliziten Kunstlehre, die von Morlok und Kölbel als habitus beschrieben wird: »Mit der juristischen Methodenlehre existiert eine solche habitus-Kodifizierung, für deren Ausdifferenzierung sich bei anderen Professionen kaum Parallelen finden« (Morlok/Kölbel 2001, 301).58 Der implizite und praktische charakter dieses methodischen Symbols wird noch eindeutiger, wenn die Frage der Methodenwahl in der Praxis selbst explizit gemacht wird. Für den Fall des deutschen Bundesverfassungsgerichts hat Kranenpohl hierfür erkenntnisreiche Interviews mit dort eingebundenen Richtern geführt. In den Interviews lässt sich nachvollziehen, dass trotz einer professionalisierten Methodenlehre innerhalb der Rezeptionspraktiken des Gerichts keine Methode eindeutig dominiert (Kranenpohl 2010, 332). Stattdessen wird die Rezeption durch viele methodische herangehensweisen angeleitet, deren jeweilige Geltung ausschließlich durch Akzeptanz (nicht Sanktion) hergestellt wird. Die Träger der Rezeptionspraktiken organisieren diese durch fluide, änderungsbedürftige und situativ akzeptierte Regeln (vgl. Kranenpohl 2010, 168). Diese Regeln der Praxis lassen sich nicht umfassend 57 »Der Richter befolgt nicht etwa strategisch diverse Anwendungs- und Vorgehensregeln, die ihm die Erledigungsweise seiner Aufgaben vorgeben, sondern er beherrscht diese Aufgaben einfach auf bewusste, aber vorreflexive Art, ohne intentional einer methodischen Norm zu folgen. Als kompetenter Jurist verfügt er über den Rechtsgewinnungsmodus, und er handhabt das Spannungsverhältnis von formaler und materialer Rationalität« (Morlok/Kölbel 2001, 300). 58 Auch im Richterberuf wird echte Professionalität durch die praktische Einübung der Kunstlehre gewonnen. »Statt der äußerlichen Kenntnis um diverse Vorgehensregeln braucht es das verinnerlichte, selbstverständlich gewordene ›Machen-Können‹, dessen Einzelheiten man dann häufig gar nicht zu beschreiben vermag« (Morlok/Kölbel 2001, 303). DIE ORGANISATION DES ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 253 explizieren und auch die wissenschaftliche Methodenlehre kann die Praxis nicht nachhaltig beeinflussen, weshalb die in den Rezeptionspraktiken involvierten Akteure die ungefähre implizite Wirkung der Regeln akzeptieren.59 Dies bedingt auch die Notwendigkeit, das eigene praktische Können zu trainieren.60 Es kann festgehalten werden, dass die Dogmatik als methodisches Symbol der richterlichen Rezeptionspraktiken der Verfassung das implizite, praktische Können der Rezeption verkörpert. Als methodische Symbolik hat sie drei Funktionen: Erstens soll sie die herkunft der praktischen Regeln aus der Praxis vergegenwärtigen, wodurch die Bedeutung der Rezeptionspraktiken als Praktiken in ihrer historisch entwickelten Routine begründet wird.61 Zweitens wird mit der Dogmatik die Exklusivität der Rezeptionspraktiken und ihre Abgrenzung gegenüber anderen betont. Somit kann der Orientierungsrahmen eingrenzend symbolisiert werden.62 Drittens symbolisiert die Dogmatik ein gewisses Maß an Offenheit, um methodisch eine zu restriktive Regelung der Rezeptionspraktiken zu verhindern. hieraus entsteht die Vorstellung einer »unscharfen Dogmatik«, die eine »Deutungsoffenheit« ermöglicht (Kranenpohl 2010, 344). Mit anderen Worten wird im Regelwissen der Rezeptionspraktiken ein bestimmtes Maß an Routineabweichung derselben angelegt. Nachdem wir die symbolische Dimension der Dogmatik im Rahmen der juristischen Rezeptionspraktiken aufgeklärt haben, wenden wir uns der für die Existenz der Mètis notwendigen Annahmen zu und prüfen, ob in diesem Symbol hinweise darauf zu finden sind. Dabei wollen wir das Symbol und sein symbolisiertes praktisches Regelwissen soweit verallgemeinern, dass sich die darin ausgedrückten impliziten Regeln auf die Organisation der gesamten politischen Koexistenz beziehen lassen. Die Untersuchung der Dogmatik auf die Präsentation (1.) der Meta-Routine 59 Dies wird auch durch ein von Kranenpohl zitiertes Interview deutlich: »Natürlich gab es ursprünglich Versuche, wenigstens ein methodisches Instrument zu entwickeln. Aber die juristische Methodenlehre ist nun mal furchtbar unseriös! Man kommt da zu nichts. […] Ich bin für Zurückhaltung, aber ich habe keine Möglichkeit gefunden, eine methodisch klare Linie zu finden« (Kranenpohl 2010, 334). 60 Auch der Rekurs auf das praktische Können wird in den Interviews klar: »Ich denke, dass die Qualität der Rechtsprechung weniger von irgendwelchen Methodenlehren abhängt, sondern dass sie sogar ganz entscheidend von der Fähigkeit der Richter abhängt […] über einige Informationen zu verfügen – also gebildet zu sein und viel Wissen zu repräsentieren –, aber dann vor allem auch von der Sensibilität für Probleme« (Kranenpohl 2010, 335). 61 Ein interviewter Richter insistiert auf die Zufälligkeit der Entstehung der Dogmatik, die ein »Abfallprodukt« der Rezeptionspraktiken sei (Kranenpohl 2010, 345). Dies schließt den Kreis zu dem von Ortmann angesprochenen charakter der Mètis als eines Nebenprodukts der Praxis. 62 Dies führt auch zur Selbstreferenz der Orientierung (Kranenpohl 2010, 341). DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 254 und (2.) der Verbindung von Sein/Tun durch den Kairos kann dementsprechend den Nachweis liefern, dass hinter der Dogmatik Aspekte der für die Assemblage konstituierenden Mètis stehen. (1.) Dass die Dogmatik methodisch die Routine der Routine absichert, wird durch ihre Orientierungsfunktion in der Anwendung unterschiedlicher Methoden deutlich. Wie bei der Analyse der Organisation der Rezeptionspraktiken am Beispiel der verfassungszentrierten Repräsentationsbeziehung Deutschlands herausgearbeitet wurde, symbolisiert die Dogmatik nicht die Anwendung einer Regel der Interpretation, die in den Rezeptionspraktiken dominieren soll, sondern die routinierte Verwendung unterschiedlicher Interpretationsregeln in Abhängigkeit von der Situation. Genau dies wird durch den Begriff der Unschärfe ausgedrückt. Die Dogmatik routiniert nicht eine restriktive Methode, sondern die Fähigkeit, in bestimmten Situationen auf ein Bündel von möglichen Methoden zuzugreifen und problemorientiert aktiv werden zu können. Dogmatisch ist die Idee der richterlichen Routine, auf die sich die Rezeptionspraktiken in ihrer Reproduktion verlassen sollen. Damit sollen sich die in den Rezeptionspraktiken involvierten Akteure an der erfolgreichen Praxis der Rezeption und ihren immanenten praktischen Regelungen orientieren. Mit der Dogmatik wird implizit eine bestimmte, normativ fixierte »Regel-Anwendungs-Vorstellung« (Pöcker 2007, 27) in ihrer Routine organisiert.63 Dieser Aspekt der Routine des Orientierungswissens wird von Pöcker kritisch als Veränderungshemmung analysiert, die Teil und Effekt der sich von anderen Kommunikationen abgrenzenden spezifischen Rechtskommunikation ist. »Die Veränderungshemmung im Sinn(-referenz-)aspekt beruht darauf, dass die Ausbildung der Routine dieser Kommunikationsstruktur alle Kommunikation, auch wenn sie rechtsbezogen ist, als nicht rechtsrelevant (und nicht mehr nur: als nicht rechtsdogmatisch relevant) ausschließt, die nicht in Sinnreferenz zur rationalistischen Rechtsvorstellung steht« (Pöcker 2007, 149). Praxistheoretisch reformuliert besteht die Meta-Routine der Dogmatik in der Konventionalisierung bestimmter Praktiken, deren exklusive Bedeutung für die Rezeption der Verfassungssymbolik damit festgelegt wird. Dies geschieht durch die in den Rezeptionspraktiken etablierte, zeitlich wirksam werdende immanente Rekursivität einer Orientierungsschleife.64 Die 63 Pöcker identifiziert verschiedene Figuren der gegenwärtigen Dogmatik, die alle in der »Regel-Anwendungs-Vorstellung« der Erzeugung rechtlicher Verbindlichkeit zusammengeführt werden (Pöcker 2007, 27). 64 »Während zunächst das Wissen um die außerrechtliche (philosophische, historische, gesellschaftstheoretische) Bedingtheit der Dogmatik, der weitere geistes- und ideengeschichtliche Verweisungszusammenhang der Sinnmatrix der rationalistischen Vorstellung vom Recht, noch in diesem Sinnkonstitutionsvorgang aktiv gegenwärtig ist und die Sinnkonstitution durch Kommunikation insoweit noch ›flüssig‹ ist, gerät das aktive Wissen mit der Ausbildung der Routine der entsprechenden DIE ORGANISATION DES ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 255 Routine der Orientierungsschleife unterbindet die chance der Unterbrechung der Routine durch Irritation. Es entstehen Rezeptionspraktiken, die ihre eigene Kontingenz zunehmend aus dem Blick verlieren und im Rahmen der Organisation der für die Existenz einer politischen Koexistenz als politische Gesellschaft notwendigen Repräsentationsbeziehung einen exklusiven Status erhalten. Indem die politische Assemblage die Sinninterpretation der Repräsentationssymbolik allein den juristischen Rezeptionspraktiken zugesteht, wird die Produktion von Bedeutung dort konzentriert. Demzufolge bestimmt die praktische Organisation der Repräsentationsbeziehung hier auch die Organisation des für die Politische Ordnung wichtigen ›Know-how‹.65 Die Dogmatik präsentiert das gesellschaftlich relevante praktische Orientierungswissen zur Routine der Routine und ist damit Teil der Mètis. (2.) Im Rahmen der Dogmatik wird ein spezifisches ›Know-how‹ der richterlichen Rezeptionspraktiken symbolisiert und als Orientierungswissen normativiert. Dabei wird der Prozess der Rechtserzeugung, also der Rezeption der Symbolik, in zwei Bereiche differenziert: den der Norm und den der Anwendung (Pöcker 2007, 28). Das Wissen um die Norm führt über den Kairos zu ihrer Anwendung. Die strikte Trennung beider Ebenen enthebt die Norm der Praxis und schließt sie im Wissen ein. Das situative Erkennen der Norm ist ein kognitiver Akt, bei dem die involvierten Akteure einen Wissensbestand als Erkenntnisquelle nutzen und die darin enthaltenen Vorgaben in die Praxis überführen. Dabei verbinden sie nicht nur Sein und Tun, indem sie ihr Gedächtnis situativ zur Performanz aktivieren, sondern auch Raum und Zeit.66 In dieser hinsicht ist die Grundstruktur der Mètis nach certeau erfüllt und das spezifische ›Know-how‹ der richterlichen Praxis kann seinem Schema entsprechend wie folgt dargestellt werden: dogmatischen Kommunikationsstruktur zunehmend in Vergessenheit, wird inaktiv und verschwindet aus dem Sinnkonstitutionsvorgang« (Pöcker 2007, 150). 65 Die immense Bedeutung des Bundesverfassungsgerichts für die Klärung politischer Fragen in Deutschland nimmt jüngst weiter zu. In dem Maße, in dem sich die Politik nur noch als technischer Sachverwalter versteht, bekommt das Gericht die Funktion der Interpretation Politischer Ordnung. Dies ist zum einen bedenklich, weil das Politische nicht mehr Teil kollektiven handelns ist. Zum anderen wird das Gericht zunehmend zum weiteren Repräsentanten, ohne die für die Demokratietheorie wichtigen Eigenschaften der Transparenz und Abwahl institutionell abgesichert zu haben. 66 Die Norm muss über der Zeit und den sich darin ereignenden Wandlungen erhaben sein (Pöcker 2007, 28). DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 256 Das praktische Wissen der richterlichen Rezeptionspraktiken Raum Zeit Sein Kraft Gedächtnis Tun Wirkung Kairos Anwendung Norm Mit dieser Schematisierung lässt sich die spezifische Verbindung von Sein/Tun und von Raum/Zeit durch die Dogmatik erkennen. Dennoch sind die beiden im Anschluss an Pöcker identifizierten Ebenen dieses praktischen Wissens zu exklusiv auf die richterlichen Praktiken ausgerichtet. Die Norm und ihre Anwendung referieren einseitig auf die Rezeptionspraktiken und ihren herausgehobenen Status bei der Interpretation der Verfassungssymbolik. Doch wir suchen noch nach einer allgemeineren Abfassung des in der Dogmatik verkörperten praktischen Wissens. hilfreich ist dafür eine von Jestaedt vorgenommene, weitergehende Abstraktion der methodischen Vorgaben der Dogmatik. Er dekonstruiert die Dogmatik soweit, dass zwei Absichten hinter ihr sichtbar werden: der Zwang, zu dekontextualisieren, und die Absicht, zu systematisieren (Jestaedt 2011, 23). Bei der Dekontextualisierung wird eine konkrete Regelung aus ihrem Fallbezug und ihrem kontingenten Normbezug herausgelöst, um sie später als einen »Speicher- und Orientierungsbegriff« wieder zu verwerten und in den Rezeptionspraktiken als eine allgemeine Kategorie zu konstruieren (Jestaedt 2011, 23). Daneben hat die Systematisierung die Funktion, die Anwendung dogmatischer Figuren auf eine konkrete Normenaussage festzulegen und sie mit anderen Aussagen in ein System zu bringen. Beide Absichten sind als nur analytisch trennbare Operationen Teil des »Regime[s] des Anwendungsbezuges« und dienen der Standardisierung und Rationalisierung von Regelungen (Jestaedt 2011, 23). In ihrer Allgemeinheit sind diese methodischen Aussagen für uns von großem Interesse. Sie überführen die von Pöcker genannten Ebenen der Dogmatik auf eine fundamentalere Ebene, die als Routine der Routine nicht mehr auf die richterliche Rezeptionspraxis eingrenzbar ist, sondern vielmehr die Mètis der politischen Assemblage darstellt. Um den allgemeinen charakter dieses praktischen Wissens herauszustellen, können wir den Umstand der Systematisierung allgemeiner als Identifikation deuten. Der Akt der Identifikation geht dem der Systematisierung kausal voraus, denn erst identifizierte Elemente lassen sich in ein System DIE ORGANISATION DES ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 257 bringen.67 Somit bilden Dekontextualisierung und Identifikation die beiden Elemente der Mètis, wie sie nun im Anschluss an die Diskussion der Rezeptionspraktiken und ihrer methodischen Rahmung durch die Dogmatik rekonstruiert werden kann. Übertragen auf das Schema nach certeau ergibt sich folgendes Bild: Die Mètis der Dogmatik Raum Zeit Sein Kraft Gedächtnis Tun Wirkung Kairos Dekontextualisierung Identität Damit haben wir die Analyse des Symbols der Dogmatik nun soweit vorangetrieben, dass sich entsprechend der vorgenommenen Konzeptualisierung ein spezifisches Bild der Mètis für eine verfassungszentrierte Repräsentationsbeziehung ergibt. Bevor wir die Konsequenzen dieser Art der Mètis für die Politische Ordnung im nächsten Abschnitt besprechen, analysieren wir zum Vergleich die Mètis einer nicht-verfassungszentrierten Repräsentationsbeziehung. Pragmatik Die Untersuchung der Mètis in nicht-verfassungszentrierten Repräsentationsbeziehungen, wie wir sie exemplarisch mit Russland und china erfasst haben, stößt auf zwei Schwierigkeiten: 1. Integriert das zentrale, für die politischen Koexistenzen bedeutende personale Symbol der ›rule of man‹ gleichermaßen formale wie informale, fixierte wie nicht-fixierte Regelungen; 2. Sind für die Organisationen der politischen Repräsentationsbeziehungen eine Reihe von Regelsymbolen relevant. Es lässt sich zwar ein zentrales Symbol der Repräsentation in den politischen Koexistenzen ausmachen. Gleichzeitig haben wir allerdings festgestellt, dass eine Vielzahl unterschiedlicher, auch impliziter Regelsysteme in der Assemblage symbolisiert werden, was auf ihre notwendige Funktionalität für die Koexistenz schließen lässt. 67 Damit wird auf der praktischen Ebene die Annahme des Nominalismus umgesetzt, wie er für die Kulturen West- und Mitteleuropas typisch ist (Staniszkis 1999, 228 f.). DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 258 Demzufolge haben wir es mit einem doppelten Pluralismus zu tun. In der politischen Assemblage werden unterschiedliche Regeltypen durch diverse Symboliken miteinander verbunden. Im Unterschied zu der verfassungszentrierten Repräsentationsbeziehung müssen die involvierten Akteure daher kompetent in der differenzierten Regelsymbolik partizipieren, wobei sie sich nicht, wie im deutschen Fall, auf eine zentralisierte Instanz der Organisation und Ausführung der Rezeptionspraktiken verlassen können. Es ist daher nicht sinnvoll, in der methodischen Selbstreflexion der Rezeptionspraktiken der Verfassungssymbolik hinweise auf die Mètis zu suchen. Stattdessen muss sich die Suche auf ein mögliches methodisches Symbol konzentrieren, das in der Vielfalt praktischen Wissens zum Umgang mit demselben vermittelt. Doch wie kann dies aussehen? Preyer und Krauße nennen für den chinesischen Fall einen bemerkenswerten Anknüpfungspunkt: Sie abstrahieren von der Notwendigkeit, dass zwischen Menschen handlungen berechenbar werden müssen, damit sich Erwartungserwartungen bilden können (Preyer/Krauße 2012, 405). Diese notwendige Erwartungserwartung lässt sich aber in china nicht generalisieren, sondern folgt einer partikularen Logik. Folglich haben die Mitglieder der chinesischen Gesellschaft zu wissen, »wann und in welchem Ausmaß die Erwartungserwartungen rechtlich ausgestaltet sind und wann nicht« (Preyer/Krause 2012, 405). Ihr praktisches Können umfasst die situative Erfassung partikularer Regeln, wobei sie selbst durch die Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen oder den raumzeitlichen-Kontext eingeschränkt werden (Preyer/Krause 2012, 405). Auch in Russland ist diese Erwartungserwartung Teil eines nicht generalisierbaren praktischen Könnens, das insbesondere eine Reaktion auf die erfahrene Willkür der personalen Regelsysteme darstellt (vgl. Knobloch 2006, 203 ff.). hier interagieren zwei widersprüchliche Momente: erstens das Wissen um die distanzierte, unnahbare und metaphysisch abgeleitete Form des Repräsentanten; zweitens wird die Person mit der Willkür der Macht und ihrer Träger gegenüber dem eigenen individuellen Dasein konfrontiert. Statt Sicherheit wurde hier vor allem Unsicherheit erfahren. Somit kommt es zur Trennung beider Elemente der Repräsentationsbeziehung. Während der omnipotente charakter der Repräsentanten akzeptiert wird, nimmt sich die Persönlichkeit des Einzelnen aus dieser Beziehung heraus. In der politischen Assemblage wird so die gesamt-soziale Koexistenz differenziert behandelt: auf der einen Seite die Repräsentationsbeziehung mit ihren beiden organisationellen Ebenen und auf der anderen Seite die individuellen Beziehungen. Man kann von einer impliziten Parallelität sprechen. Die Parallelität beider Wissenshorizonte wird auch anhand der aus den Erfahrungen resultierenden Erwartungen ersichtlich. Die stabile Erwartungserwartung der politischen Repräsentationsbeziehung steht der erfahrenen Unsicherheit und Willkür des Einzelnen gegenüber. Damit trennen sich die DIE ORGANISATION DES ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 259 Erwartungserwartungen: hier die stabile Erwartung der Reproduktion der institutionalisierten Repräsentationsbeziehung, dort das unsichere eigene Dasein. Die Gleichzeitigkeit beider Elemente in den kollektiven Wissensordnungen wird in den verschiedenen Reflexionen zur besonderen russischen Mentalität, zur Seele oder zum Geist, problematisiert. Der bekannte russische Philosoph Berdjaev spricht in seinem 1918 erschienenen Buch »Sud’ba Rossii« (»Schicksal Russlands«) bereits vom antinomischen Russland, das zugleich anarchisch und bürokratisch, staatlich und nichtstaatlich sei (Berdjaev 2004, 14 ff.). Ebenso insistiert er auf die unpolitische Einstellung des russischen Volkes und stellt heraus, dass die Ablehnung des Staates in Russland nicht mit der Eroberung von Freiheit korreliert, sondern auf die Befreiung von der Aktivität für den Staat abzielt. Ablehnung von Politik und Freiheit vom Staat sind Einstellungen, die aus der negativen Erfahrung herrühren und das persönliche Wohl instrumentell von politischen Strukturen abtrennen. Auch in neueren Auseinandersetzungen tritt die Parallelität zutage. U. a. macht Barulin auf den Komplex der Langmut als eine wesentliche Eigenschaft der russischen Mentalität aufmerksam (Barulin 2000, 196 f.).68 Langmut umschreibt die heruntergesetzte Erwartungshaltung gegenüber der sozialen Ordnung und das Einrichten in dieser Orientierung. Passivität bringt zum Ausdruck, dass sich die eigene Situation und die mit ihr verbundenen Erwartungen vom gesellschaftlichen Kontext gelöst haben und privatisiert wurden. Aus beiden Beispielen lässt sich die Notwendigkeit ablesen, dass jedes Mitglied dieser Gesellschaften gezwungen ist, situativ Regeln zu erkennen und in der Praxis umzusetzen. Dieses implizite Wissen kann theoretisch als Symbol konstruiert werden. Im Gegensatz zu der eine generalisierende Erwartungserwartung transponierenden Dogmatik geht es hier um eine situative, nicht-generalisierende Erwartungserwartung, die in der Vielfalt der Regeln und Regelsymbole vermittelt. Diese wird in Abgrenzung zur Dogmatik als Pragmatik verstanden und ebenso wie die Dogmatik im Kontext der beiden wichtigen Annahmen zur Mètis untersucht. (1.) Die Pragmatik als ein nicht-zentralisiertes Symbol praktischen Könnens umfasst ein routiniertes, die verschiedenen Regelsysteme und Regelsymboliken verbindendes Orientierungswissen. Es ist demnach weniger eine einheitliche Methode in Bezug auf einen Regelsatz, sondern 68 Dieser stammt aus der historischen Abhängigkeit großer Bevölkerungsteile von Minderheiten in Form asymmetrischer Beziehungen, die auf Unmündigkeit und Unterdrückung beruhten. Er wurde zudem religiös, durch die Idee der Demut und der göttlichen Belohnung erlittener Qualen gestützt, wobei er zur Stabilisierung der sozialen Beziehungen, aber auch zur sozialen Passivität beitrug (Barulin 2000, 196 f.). DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 260 eine Meta-Routine der Relationierung aus der Perspektive des Einzelnen. Demzufolge ist das Symbol elementarer Teil der Alltagspraktiken und nicht wie die Dogmatik Symbol von sich selbst abgrenzenden spezifischen Rezeptionspraktiken. Die Routine der Routine ist symbolisch stärker in die vielen Praktiken der politischen Assemblage integriert und damit das Orientierungswissen lokaler, weitverbreiteter politischer Praktiken. In dieser hinsicht ist das Orientierungswissen eher ein Konvolut des praktischen Wissens verschiedener Konventionen. Auf der Ebene der Organisation der politischen Praxis in china führt dies zu einer kunstvollen, implizit geregelten Verbindung von verschiedenen sanktionierten Regelsystemen (Konstitution, Konventionen, Institutionen), die zudem unterschiedlich organisiert sind bzw. differenzierte Funktionen ausfüllen (Staat, Partei) und die ›rule of man‹ (in Person des Partei- und Staatsführers, lokaler Parteiführer) mit einer teilweise formalisierten ›rule of law‹ interagieren lassen (Shigong 2010). Die Routine der routinierten Verbindung lässt sich ihrerseits als eine Meta-Routine der Flexibilität verstehen. Dieser hang zur »rigid flexibility« (Yongnian 2010, 122) ist demzufolge das praktische Wissen, das im Symbol der Pragmatik zum Ausdruck kommt. Nur dadurch sind Menschen in der Lage, eine partikulare, nicht verallgemeinerbare Erwartungserwartung produktiv herzustellen, wobei sie gezwungen sind, situativ ihre Erwartungserwartung zu ändern bzw. anzupassen (Preyer/Krauße 2012, 408 f.). Nur durch dieses Wissen sind die in der Assemblage praktisch verbundenen Menschen fähig, ihre Erwartungserwartung partikular aufzubauen und auch mit möglichen ›Erwartungserwartungsenttäuschungen‹ umzugehen. Dieses pragmatische praktische Können wird auch in den latenten Regeln symbolisiert, die nicht exklusiv mit der Organisation der Repräsentationsbeziehung verbunden sind, sondern sich fluide in der gesamten Assemblage verorten. Li stellt die Bedeutung eines Liedes heraus, dessen Text »the end justifies the means« die Orientierung der »qian guize« repräsentiert (Li 2009, 235). ›Das Ende rechtfertigt die Mittel‹ symbolisiert die Pragmatik persönlicher handlungen, die es erlauben, im Sinne der Ziele flexibel mit bestehenden Regelsystemen zu verfahren. Auch hier wirkt das Wissen um die Situation und die Besonderheit der Aktivitäten, dass im Gegensatz zur Dogmatik methodisch nicht auf die Suche generell gültiger Normen abgehoben wird. Dies wird noch durch die Ansicht gesteigert, in allgemeinen Praktiken besser nicht mit dem offiziellen Rechtssystem in Berührung zu kommen, denn statt auf einer Sachdimension generalisierte Regelungen durchzusetzen, spielt in china die soziale Dimension bei der Regelung von Konflikten ein besondere Rolle. Die Regelanwendung ist abhängig von der jeweiligen Position des Einzelnen und seiner Einbindung in Beziehungsnetze (Preyer/Krau- ße 2012, 409). »Insofern werden im chinesischen Recht gleiche Fälle ungleich und ungleiche Fälle gleich behandelt. Darin liegt ein besonderer DIE ORGANISATION DES ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 261 Spielraum, der eine Vielfalt in der Lebensführung zulässt, aber zugleich zu einem anderen Komplexitätsaufbau der gesellschaftlichen Kommunikation als im Westen führt« (Preyer/Krauße 2012, 409). Diese Komplexität bedingt ein dezentrales Orientierungswissen, wie es von uns mit dem Begriff der Pragmatik symbolisiert wird. Jene stellt in dieser hinsicht das wichtige ›Know-how‹ dar, das neben der kreativen Verbindung unterschiedlicher Regelsysteme die Vermeidung persönlicher Konfrontation mit dem formalisierten und damit staatlichen Recht sowie die Konzentration auf die soziale Dimension in der Beurteilung der eigenen handlungen beinhaltet. Dies bezieht sich im Übrigen sowohl auf verfassungsrelativierende als auch verfassungsinstrumentalisierende Repräsentationsbeziehungen. So besitzt in der russischen politischen Assemblage die Differenzierung von Meinige-Nichtmeinige als Strukturierungsprinzip des Wissens eine enorme Rolle (Svoi vs. chuzhie, Khlopin 1997).69 Mit den Seinigen identifiziert der Einzelne seinen Kreis und seine Kontakte, mit denen er in Interaktionen Vertrauen aufbaut und gegenseitige Gefälligkeiten oder Ressourcen austauscht. Die Differenzierungskategorie ordnet die soziale Umwelt, indem sie ihre Kreise von Vertrauten markiert und von der übrigen Masse abgrenzt.70 Die Differenz kommt in allen relevanten politischen Praktiken vor, die sowohl den Alltag, die Verständigung innerhalb der Machteliten (Daugavet 2003, 34), als auch die Vermittlung zwischen Eliten und Bevölkerung organisieren (Mitroshenkov 2004; vgl. Knobloch 2006, 181 ff.). In dieser binären Differenz kumulieren Ordnungserfahrungen und das Wissen um die Autonomie der Politischen Ordnung des Einzelnen, wobei sein eigenes Dasein permanent von der Willkür der ›Macht‹ (vlast‘) bedroht werden kann. Der Einzelne weiß deshalb, wie wichtig es ist, durch Abschottung eine konfliktfreie Beziehung zur Politischen Ordnung zu haben. Daraus resultiert das Konzept der ›inneren Freiheit der russischen Seele‹, einer Freiheit, die sich trotz äußerer Zwänge behauptet (Andreev/Selivanov 2004, 100 f.). Auf der einen Seite erkennt der Einzelne, dass die Politische Ordnung und mit ihr die Einheit der Gesellschaft ohne Rekurs auf den Einzelnen auskommt. Darauf reagiert die praktische Methode des stetigen Differenzierens zwischen Meinigem und Nicht-Meinigem (Freund-Feind), indem ein stabiles soziales Umfeld definiert und identifiziert wird. Dies trägt zur eigenen Sicherheit bei, reduziert die Willkür und stellt notwendige soziale Beziehungen her. Wenn jedoch solche Differenzierungen die 69 Die folgenden Ausführungen haben wir im Kontext einer transkulturellen Politischen Theorie bereits problematisiert (Knobloch 2012). 70 Damit induziert sie eine Asymmetrie. Für die Personen des Kreises werden spezifische Normen (Vertrauen) angewandt, die für die Außenstehenden nicht gelten (Olejnik 2001). DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 262 wesentliche Grundlage sozialer Praktiken und damit sozialer Ordnung werden, dann rationalisieren sie persönliche Abhängigkeiten und determinieren latentes Misstrauen. Auch in Russland bilden die soziale Dimension und die kreative Verbindung verschiedener Regeln die Meta-Routine des ›Know-how‹. Doch ebenso wie in china liegt im Wissen um die Vermeidung des Kontaktes mit der staatlichen Macht ein Aspekt der möglichen Routinesuspension. hier kommt in Russland die Willkür ins Spiel, die es zu vermeiden gilt. In china ist es die traditionelle Sichtweise, dass der formale Rechtsweg die ultima ratio der Konfliktlösung ist, wobei hier weniger an die erfahrene Willkür als vielmehr an einem harmonischen Verständnis von Gesellschaft angeknüpft wird (Preyer/Krauße 2012, 409). (2.) Die Re-Konstruktion des Symbols der Pragmatik hat den diffusen charakter des damit fixierten impliziten Regelwissens offenbart. Um weiter zum Kern dieses Wissens der Mètis vorzudringen, steht jetzt das praktische Wissen im Fokus. Der Schlüssel zum Verständnis dieses Wissens liegt in seiner praktischen Funktion, zur Umsetzung eines situativen, raumzeitlich abhängigen Verhaltens beizutragen. Dahinter steht eine konstituierende Kontextabhängigkeit der Erwartungserwartung (Preyer/ Krauße 2012, 408). Statt also methodisch immer zu dekontextualisieren, um eine Identität festzustellen, wird in der Pragmatik stetig kontextualisiert. Die methodische Produktion von Kontexten verbindet etwas zu kontextualisierendes mit einem Kontext, konstruiert folglich eine Relation, die zum Wissensbestand des Gedächtnisses wird. Im Augenblick des Kairos wird situativ die bewusste Relation wieder kontextualisiert und somit kognitiv neu bewertet. Es geht also nicht so sehr um die Identifikation übersituativer Elemente, also um eine Neuausrichtung der vorhandenen Beziehungen, die eine Situation erforderlich macht. Diese Relation ist Teil des Gedächtnisses und wird zur Kontextualisierung im Augenblick des Kairos herangezogen. Nachdem der Kontext festgestellt wurde, kann die bekannte Relation weitergeführt oder aktualisiert werden. Damit wird auch immer eine Veränderung provoziert. »Every act of contextualization is a ›merographic move‹ which introduces a new order of knowledge by connecting the contexted to a whole other domain, producing an insight into some hitherto unnoticed ›connections‹ between previously separate domains, hence the gain of information or knowledge« (huen 2009, 153).71 Demzufolge liegt in der Pragmatik methodisch gesehen sowohl ein Moment der Lokalisierung von Regeln als auch ein Moment der stetigen Veränderung von Regelungen. Die Verbindung von Sein/Tun und Raum/Zeit durch diese Mètis stiftet auf der einen 71 Die merografische Konzeption von Kontext ist die praktisch relevante, nicht rein logische Variante: »The merographic conception of context […] is embodied in most of our contextualizing practices […]« (huen 2009, 153). DIE ORGANISATION DES ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 263 Seite ein immenses praktisches Können im Umgang mit einer Vielzahl von vorhandenen Regelsystemen und ihren Symboliken, auf der anderen Seite besitzt das durch die Kontextualisierung gewonnene Wissen des Gedächtnisses nur ein begrenztes raumzeitliches Gewicht. Bezogen auf die Struktur certeaus lässt sich diese Mètis folgendermaßen skizzieren: Die Mètis der Pragmatik Raum Zeit Sein Kraft Gedächtnis Tun Wirkung Kairos Kontextualisierung Relation Die Pragmatik verweist ihrerseits auf die besondere Form der Mètis in den beiden untersuchten Fällen von nicht-verfassungszentrierten Repräsentationsbeziehungen. Im Unterschied zum diskutierten Beispiel der Dogmatik spielt hier das praktische Können der Kontextualisierung eine herausgehobene Rolle und fungiert als wichtiges Orientierungswissen in der Assemblage. Der hierbei scheinbar wichtige Aspekt ist das Vermögen der Menschen, ihr Verhalten im Rahmen einer Relation stetig einzuordnen. Diese Relation zielt auf die soziale Verbundenheit mit anderen Menschen und das Wissen um andere Beziehungen, die situativ konfrontiert werden. Mit anderen Worten basiert die Wirksamkeit einer gesellschaftlich integrierenden ›rule of man‹ auf dem praktischen Können der Mitglieder dieser Gesellschaft, ihre und andere Beziehungen nicht nur zu erkennen, sondern die Interaktion zwischen den Beziehungen auch kompetent zu regeln. hierfür bedarf es der Fähigkeit zur Kontextualisierung auf der Ebene des kollektiven ›Know-how‹ der Koexistenz. Ohne diese Fähigkeit würden sich keine stabilen Erwartungserwartungen ausbilden können, würden die individuelle und die kollektive Verarbeitung der Vielzahl von Regeln und ihrer Symboliken nicht erfolgreich sein. Die ›Kosten‹ dieser Fähigkeit zeigen sich in der allenfalls operativen Stabilität von Erwartungserwartungen, wodurch Trends gegenüber Identitäten wahrscheinlicher sind: »The basic feature here is process: static elementariness is perceived as implicit and derivative only. In these ontological perspectives, things have tendencies but not clearcut identities« (Staniszkis 1999, 222). DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 264 3. ›Know-how‹ und die modale Form der Ordnung Diese erste Analyse der möglichen Organisation von ›Know-how‹ hat zwei relevante Erkenntnisse zutage gefördert: Erstens konnte mit der Beschreibung der Organisation der jeweiligen Repräsentationsbeziehung, welche die praxistheoretisch informierte Art und Weise der Umsetzung der Politischen Ordnung in einer Gesellschaft umreißt, gezeigt werden, dass das relevante Orientierungswissen (und damit auch implizite Regeln) kollektiv durch Symbolisierungen für alle in der Assemblage involvierten Akteure verfügbar gemacht werden kann. Die Existenz der Symboliken ist für die Ermöglichung eines Selbstverständnisses der Repräsentationsbeziehung funktional unabdingbar. Dies wird mit Beginn der Selbstbeobachtung politischer Koexistenzen notwendig. Demzufolge müssen Symboliken nicht erfunden oder nachträglich konstruiert werden. Sie existieren seit dem Akt der Artikulation einer politischen Gesellschaft, wie Voegelin es ausdrückt. Ohne Symbolik wäre die Organisation einer politischen Koexistenz nicht möglich. Die Relevanz der Symbolik zur herstellung der politischen Koexistenz kann damit auch auf die Vermittlung der dafür notwendigen Regeln angewendet werden. Das scheinbare Vermittlungsdilemma impliziter Regeln löst sich dann vor diesem hintergrund auf, wenn akzeptiert wird, dass implizite Regeln entweder eigene Symboliken besitzen oder im Gepäck expliziter Symboliken für die kollektive Rezeption mittransportiert werden. Zweitens wurden diverse Formen des praktischen Wissens einer Repräsentationsbeziehung identifiziert. Diese Differenzen scheinen mit der unterschiedlichen Organisation der politischen Koexistenz und ihrer Repräsentationsbeziehung zusammenzuhängen. Ausgehend von diesen ersten Erkenntnissen geht es folgend darum, diese wieder mit dem Strukturbegriff des Politischen, der Ordnung, zusammenzubringen und im Rahmen dieser Verknüpfung Aussagen über die modale Form der Ordnung zu tätigen. Erst durch diesen Schritt lassen sich die Ergebnisse der ersten Analyse des ›Know-how‹ als spezifische Mètis im Rahmen ihrer Funktion für die Politische Ordnung interpretativ aufbereiten. Demzufolge steht jetzt die Differenz zwischen dem politischen und dem sozialen Strukturbegriff im Fokus, wobei darin ein Spannungsfeld zwischen Ordnung als Projekt und Ordnung als Realisation gegeben ist. In dieser hinsicht vermittelt das praktische Wissen der Mètis zwischen der praktischen Expression des Politischen und seiner grundlegenden Ordnungsvorstellung. ›KNOW-hOW‹ UND DIE MODALE FORM DER ORDNUNG 265 3.1 Dreidimensionales Spannungsfeld der Ordnungsmodi Die Fokussierung auf das ›Know-how‹ problematisiert die Spannung zwischen der Politischen Ordnung und ihrer praktischen Expression in Bezug auf die Bewertung des Vollzugs von Ordnung. Der normative charakter Politischer Ordnung auf der einen, der implizite praktische charakter des praktischen Wissens auf der anderen Seite bilden zusammen einen konzeptuellen Rahmen für die Analyse der Spannung in einem bisher zu wenig betrachteten Bereich der modalen Transformation von Ordnung in das Soziale. Daher steht die Frage nach dem Zusammenhang von Zurechnungsprogrammen der Ordnung und dem impliziten praktischen Wissen im Mittelpunkt. Wir haben die Politische Ordnung als einen raumzeitlichen Ordnungstyp definiert, der das Verhältnis des Menschen zu anderen und zu sich selbst im Kontext seines Verhältnisses zu anderen ordnet. Insofern diese Ordnung kontingent ist, lassen sich mehrere Möglichkeiten ihres Vollzugs denken. Zunächst wird das Spannungsfeld durch die Transformation der Politischen Ordnung in ihre praktische Expression abgesteckt. Dass es sich bei dieser Differenz um eine Spannung handelt, wird deutlich, wenn wir den im Anschluss an Voegelin entwickelten Gedanken aufgreifen, wonach Politische Ordnung im Sozialen primär ein Projekt darstellt. Demzufolge sind die Formen des Vollzugs der Ordnung im Sozialen auch Resultate des Versuchs, zwischen dem Anspruch der Politischen Ordnung und ihrer sozialen Organisation zu vermitteln. Dies ist die eine Seite des Projekts, die Geschichte der Praktikabilität Politischer Ordnung in einer Gesellschaft. Die andere Seite bezieht sich auf den Anspruch der Ordnung, einen bestimmten Typus von Gesellschaft zu formen. Es ist nicht nur die Erfahrung der praktischen Expression der Politischen Ordnung, die einen bestimmten Modus der Ordnung generiert, sondern auch die dem Projekt innewohnende Intention des zu ordnenden Rahmens. Doch genau in dieser problematischen Idee steckt ein weiteres Spannungsfeld, das von zwei verschiedenen, aber miteinander verbundenen möglichen Modi von Ordnung bestimmt wird. Allgemein geht es für die Ordnung im Vollzug hinsichtlich der Organisation sozialer Gemeinschaften darum, dass sich eine Gruppe von Menschen als Teil dieser Ordnung versteht und sich deshalb an den dafür notwendigen Regeln orientiert. Menschen vollziehen in dieser hinsicht eine Regelbefolgung, wodurch ihre Aktivitäten gleichförmig werden und eine Einheit bilden. Dabei sind praktische Probleme zu lösen: Wie bestimmt die Ordnung ihren quantitativen Rahmen, wer soll also Teil der Ordnung sein, und wie kann die Ordnung innerhalb dieses Rahmens vermittelt werden? Für die Lösung des zweiten Problems sind zwei Vollzugsformen möglich: Eine Ordnung des sozialen Zusammenlebens DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 266 kann so organisiert werden, dass die dazu manifestierten Regeln auf ein Kollektiv oder auf eine einzelne Person wirken. Soll sich jeder Einzelne als Einzelner an diese Regeln halten oder muss er das zusammen mit allen Betroffenen tun? Im ersten Fall würde die Ordnung im Vollzug auf eine Pluralität abzielen, auf ein summatives oder merologisches Ganzes (Simons 2005, 213). Der zweite Fall bedingt ein integriertes Ganzes, in dem Menschen in »konstituierenden Beziehungen« miteinander stehen (Simons 2005, 213). Jetzt mag man im Sinne Simons einhaken und von der notwendigen zwischenmenschlichen Beziehung der Menschen einer Gruppe ausgehen, weshalb soziale Ganze immer nur als integrierte Ganze zu verstehen sind. Dies scheint für die Konstituierung einer Politischen wie sozialen Ordnung einsichtig zu sein, doch auf der Ebene der modalen Form der Ordnung kann dies nicht zur Bedingung gemacht werden. Damit sind wir bei dem ersten Spannungsfeld von Ordnung in menschlichen Koexistenzen. Die Ordnung im Vollzug kann zumindest theoretisch in diesen beiden Formen funktionieren. Entweder folgt jeder Einzelne den Regeln der Praktiken oder er muss zusammen mit allen anderen folgen.72 Für die Politische Ordnung besagt dies, dass in der Ordnung im Vollzug jeder Einzelne ordentlich ist oder dass die Mitglieder einer Ordnung zusammen ordentlich sind. Das Resultat ist das gleiche: die Konstitution einer kollektiven Ordnung als Status. Doch wie diese Ordnung umgesetzt wird, als Aufgabe der modalen Form der Ordnung, kann auf dem Einzelnen oder auf allen aufbauen. Warum die eine oder andere Möglichkeit des Vollzugs präferiert wird, hängt auch, und damit kommen wir zum ersten Problem, von der Definition des Ganzen ab, das als Rahmen der Ordnung gelten soll. Politische Ordnung bezieht sich auf eine (politische) Gesellschaft, auf ein Ganzes, für das sie die legitimen Regeln bereitstellt, die sich in der Praxis bewähren müssen. Dafür wird ein Ganzes konstruiert und vorausgesetzt, um Ordnung modal überhaupt in Gang zu setzen. hier kann differenziert werden, ob die Ordnung im Vollzug auf das Ganze abzielt, also ordentliches Verhalten im gesamten Ganzen verlangt, oder ob sie das Ganze in seiner Wirkung nicht bzw. nur relativ benötigt. hier kann gefolgert werden, dass die Bedeutung des Ganzen für den Modus der Ordnung die jeweilige Orientierung am Einzelnen oder am Ganzen mit sich zieht. 72 hier kann das Beispiel einer Fußballmannschaft aufklären. Wenn die Spieler als Pluralitäten auftreten, dann sind jedem einzelnen Spieler die Spielregeln bekannt. Jeder weiß, was er darf oder nicht darf. Wenn jeder einzeln den Regeln folgt, wird daraus ein Spiel werden, denn jeder Spieler wird sich situativ entscheiden, den Ball zu spielen und abzuspielen. Regelverstöße werden individuell geahndet, ohne dass dies auf andere Spieler Einfluss hat. Dem Ideal des Fußballspiels näher kommt aber die kollektive Regelfolgung, wenn die konstituierenden Beziehungen zwischen den Spielern eine integrative Einheit, eine Mannschaft formen. Das Ideal antizipiert dabei von einer besseren Abstimmung und einem dadurch möglichen besseren Spiel. ›KNOW-hOW‹ UND DIE MODALE FORM DER ORDNUNG 267 halten wir fest: Das Spannungsfeld der Ordnung und damit auch ihres Modus resultiert aus den vorhandenen Möglichkeiten der Orientierung am Einzelnen bzw. am Ganzen und der damit verbundenen Bedeutung des Ganzen für die Ordnung. Diese theoretischen Möglichkeiten werden ihrerseits durch die Transformation der Politischen Ordnung in eine politische Praxis und damit dem Übergang von einem Ordnungsprojekt in eine Ordnungskonkretion nochmals einer Spannung ausgesetzt. Daraus entsteht ein dreidimensionales Spannungsfeld modaler Ordnung, das für uns den konzeptuellen Rahmen der Interpretation der im vorigen Abschnitt entdeckten Formen der Mètis bietet und das wir hier kurz schematisieren. Dreidimensionales Spannungsfeld der Ordnungsmodi Verfügbarkeit des Ganzen Ordnung als Konkretion integriertes Ganzes summatives Ganzes Ordnung als Projekt Unverfügbarkeit des Ganzen 3.2 Zwei Modi Politischer Ordnung Die empirisch existenten Formen der Mètis lassen sich im Rahmen des Spannungsfeldes insoweit interpretieren, als sie zu Aussagen über die verschiedenen Modi der Politischen Ordnung aufbereitet werden. Demzufolge werden wir die Bedeutung des praktischen Wissens (1.) der Dogmatik und (2.) der Pragmatik zunächst in Bezug auf die Dimensionen der Verfügbarkeit sowie der Art des Ganzen und deren Konkretion diskutieren. Anschließend werden die beiden Formen der Mètis so kontextualisiert, dass sich zwei Typen von Ordnungsmodi interpretieren lassen. (1.) Das konventionalisierte praktische Wissen der Dogmatik besteht in der Fähigkeit, zu dekontextualisieren und zu identifizieren. Die Expertise, die durch diese Mètis vermittelt wird, bedingt die Fähigkeit, jede Situation so zu analysieren, dass aus ihr Dinge ihrem Kontext enthoben, als Elemente isoliert und folgend identifiziert werden. Im Rahmen der nächsten Dekontextualisierung werden diese Elemente wiederentdeckt, DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 268 also aufs Neue identifiziert bzw. vollkommen neu entdeckt. Die Dogmatik schematisiert die Wirklichkeit derart, dass der Beobachter sie in differenzierte Elemente einteilen kann, wobei diese Einteilung der Wirklichkeit eine durch das Dekontextualisieren bestimmte Orientierungspraxis ist. In einer solch ausgestalteten Orientierungspraxis gelingt es den Beobachtern, die wahrgenommene Wirklichkeit so zu bearbeiten, dass in jeder komplexen Situation durch das Dekontextualisieren ein identifizierbarer Kern konstruiert werden kann. Dies erlaubt die Verarbeitung einer als komplex erfahrenen Wirklichkeit in einfachen Kategorien. Durch die Identifikation findet eine immense Reduktion von Komplexität statt. Nicht die Fülle der komplexen Situation wird im Detail beschrieben, sondern es werden aus der Komplexität Elemente identifiziert, die als typisch für diese Situation bzw. als charakteristisch eingeschätzt werden. Dies ist nichts anderes als eine Konstruktion verkürzter Schemata, die immer wiederentdeckt werden können. Über die Komplexität der Einzelsituation hinaus lassen sich die Schemata der Wirklichkeit als quantifizierbare Elemente schaffen.73 Im Kontext des Vollzuges einer Ordnung erlaubt diese Fähigkeit zum einen, dass sozial wirksame Regeln auf relativ einfachen Schemata beruhen können, und zum anderen, dass diese quantifizierbaren Schemata durch alle Mitglieder einer Ordnung identifizierbar sind. Im Umkehrschluss kann ein Ordnungsprojekt als für alle Träger der Ordnung, aufgrund seiner einfachen Struktur, seine Erkennbarkeit und damit auch seine Geltung fordern, eben weil die im Dekontextualisieren erschaffenen Elemente sich sozial quantifizieren lassen. Bezogen auf das Spannungsfeld der Verfügbarkeit des Ganzen fundiert die Fähigkeit der Dekontextualisierung und Identifikation demzufolge die Möglichkeit qua Quantifizierung die Ordnung durch Regeln auf den gesamten Ordnungsrahmen auszudehnen, also tatsächlich alle Personen einer Ordnung in diese einzubeziehen. Dafür ist es notwendig, dass nicht der Einzelne, sondern alle der in der Ordnung vereinten Personen die Fähigkeit der Dekontextualisierung und Identifikation besitzen und diese im Sinne der Erschaffung geteilter Regeln gleich praktizieren. Es geht um das gemeinsame Praktizieren der Dekontextualisierung und der Identifikation, denn die daraus entspringenden Elemente müssen vergleichbar sein. Eine Ordnung, die auf einer nicht unbedingt gemeinsam praktizierten Dekontextualisierung und Identifikation beruht, läuft Gefahr, dass jedes identifizierte Element inkommensurabel ist. Wenn keine gemeinsame Dekontextualisierung vorausgesetzt werden kann, dann 73 In dieser hinsicht wird mit der Mètis das nominalistische Denken ausgedrückt. Statt universaler abstrakter Begriffe, die Einheit präsentieren sollen, wird im Nominalismus die exklusive Existenz separierter Elemente betont. Es existiert keine Einheit der Wirklichkeit, sondern die »Wirklichkeit des Einzelnen« (Weinert 1986, 325). ›KNOW-hOW‹ UND DIE MODALE FORM DER ORDNUNG 269 sind erhebliche Abweichungen der Identifikation möglich, die einen geteilten Regelkontext eher unmöglich werden lassen. Die Funktionalität der Dogmatik setzt also ein integratives soziales Ganzes voraus, um die Gleichförmigkeit der Praxis der Dekontextualisierung und Identifikation zu sichern. Die Ordnung im Vollzug, die sich auf die Dogmatik verlassen kann, ist einerseits in der Lage, einen für die gesamte Ordnung gleichen Regelkontext auf der Basis einfacher identifizierbarer Schemata umzusetzen, andererseits bedingt sie die strenge Kompatibilität der Identifikationen. Regeln, die auf einfachen Schematisierungen im Ergebnis der Identifikation basieren, dürfen keine allzu große Varianz aufweisen, ohne ihren regulierenden Wert zu verlieren. Damit dies auch praktisch ausgeschlossen wird, muss eine darauf basierende Ordnung an die Gemeinsamkeit der Praxis appellieren. Sollte Jeder Dekontextualisierung und Identifikation isoliert vornehmen, ist die Wahrscheinlichkeit, die Stiftung eines raumzeitlich geregelten Zusammenhangs zu erzielen, gering. In dieser hinsicht ist die Konkretion einer Ordnung in einem sozialen Umfeld, in dem die Mètis der Dogmatik gültig ist, nur dann erfolgreich, wenn die Ordnung auf einer geteilten Praxis, auf einem kollektiven Modus der Ordnung aufbauen kann. Dort, wo ihnen Orientierungswissen die Dekontextualisierung einer Situation empfiehlt, wird die soziale Wirklichkeit der Menschen in lauter Einzelheiten separiert. Um daraus einen funktionierenden Rahmen kollektiver Interaktionen zu gestalten, ist es wichtig, dass die »konstituierenden Beziehungen« (Simons 2005, 213) einer politischen Koexistenz so ausgereift sind, dass die Gleichförmigkeit der Identifikationen gesichert wird. (2.) Im Gegensatz zur Dogmatik basiert das praktische Wissen der Pragmatik auf der Methode der Kontextualisierung und Relation. Durch Kontextualisierungen entstehen Relationen, die situativ neu interpretiert, evaluiert oder transformiert werden. Dabei lösen sich Relationen nicht auf. Vielmehr bleiben sie bestehen und bilden den Kontext der Kontextualisierung. Für den Einzelnen bedeutet dies, dass er stets individuell seine Relation bzw. die für ihn relevanten Beziehungen erkennt und in den Prozess der Kontextualisierung einbringt. hier zeigt sich eine von Grund auf differenzierte Operationalität dieser Mètis. Die Komplexität der Situation wird nicht durch den Beobachter zugunsten einfacher Schemata reduziert. Mit der Pragmatik lernt der Einzelne nicht wie in der Dogmatik, Komplexität durch einen zu identifizierenden Kern aufzuklären, um auf einer abstrakteren Ebene den Sinn der Situation übersituativ einschätzen zu können. Stattdessen lernt er pragmatisch mit der Komplexität derart zu verfahren, dass er die Konsequenzen für sich und seine Beziehungen neu bewertet. Indem er dies tut, kann er Komplexität selektiv behandeln. Er evaluiert situativ, ob es ihn und sein Beziehungsnetzwerk tangiert oder nicht, um sich im Falle der Berührung neu zu positionieren. Er verarbeitet die Komplexität demzufolge nur in einem DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 270 Ausschnitt. So lernt er pragmatisch implizite Regeln über seine Beziehungen kennen, und zwar nur diejenigen, die er in seiner Situation kennen muss. Er kann alle anderen vorhandenen impliziten Regeln ignorieren, wenn sie ihn situativ nicht betreffen. Bekannt ist ihm möglicherweise deren Existenz – ihm ist klar, dass implizite Regeln verschiedene Regulierungen strukturieren, aber er kann sie als Regelsystem nicht vollends im Blick haben. Dabei ist nicht nur der Aufwand, alle impliziten Regeln und ihren Regelungsbereich einer Gesellschaft zu kennen, unermesslich groß. Vielmehr ändern sich Regeln ständig. Das selektive Wahrnehmen der sozialen Komplexität erlaubt es dem Einzelnen, nur von einem Teil latenter Regeln oder bestimmter personaler Abhängigkeiten zu wissen, also nicht nur von deren Regeln, sondern auch deren Regelbereich. Andere muss er nicht beachten. Eine Ordnung, die auf solchem praktischen Wissen aufbaut, kann nicht von der erfolgreichen Reduktion der Komplexität ausgehen, weil sie durch jede Kontextualisierung neu entsteht. Dementsprechend ist es eher unwahrscheinlich, dass diese Ordnung von der Verfügbarkeit des Ganzen ausgeht. Der Modus einer Ordnung operiert nicht mit einfachen Schematisierungen. Ihre Regeln basieren auf Relationen, Beziehungen, die situativ neu zu kontextualisieren sind. Ordnung in diesem Rahmen ist dementsprechend weniger inklusiv in Bezug auf das Ganze der politischen Koexistenz organisierbar. Die Nichtverfügbarkeit des Ganzen ist die notwendige Folge einer sich über die stetige Relationierung der Relationen vollziehenden Ordnung. Ordnung in diesem Modus basiert nicht auf der gemeinsamen dogmatischen Konstruktion von Schemata, denn jedes Mitglied dieser Ordnung hat eine andere Konstruktion in Abhängigkeit von der situativen Kontextualisierung. Folglich operiert diese Ordnung in ihrem Vollzug mit der Fähigkeit des Einzelnen, seine Beziehung zu Anderen allein zu bestimmen. Nicht eine gemeinsame Konstruktion, sondern jede einzelne Konstruktion in ihrer Vielheit und Veränderbarkeit fundiert pragmatisch die Ordnung. Die stetige Kontextualisierung der eigenen Relation lässt eine Ordnung in einem summativen Ganzen entstehen. Ordnung in diesem Modus setzt keine einheitliche Praxis voraus. Sie kann in einer Vielheit vermitteln, ohne diese in eine Einheit zu überführen. Sie setzt beim Einzelnen an und lässt auch nur den Einzelnen als Größe der Ordnung zu. Zusammenfassend lassen sich zwei differierende empirische Typen modaler Formen Politischer Ordnung interpretieren. Die auf der Dogmatik als Mètis basierende Politische Ordnung ist eine Ordnung im Kollektivmodus. Ihr Regelungsmodus setzt an der kollektiven Konstruktion (durch Dekontextualisierung und Identifikation) an. Damit ist sie insofern voraussetzungsreich, als sie der Existenz einer konstituierenden Ganzheit, also einer politischen Koexistenz, in der Menschen integrierende Beziehungen entwickelt haben, bedarf. Erst diese Beziehungen ›KNOW-hOW‹ UND DIE MODALE FORM DER ORDNUNG 271 erlauben eine kollektive Praxis gemeinsamer Regelidentifikation, -befolgung und -sanktion. Dies setzt die Mètis der Pragmatik nicht voraus und vermittelt ein praktisches Wissen für einen Regelungsmodus, was auch in heterogenen Koexistenzen funktionsfähig ist, also in menschlichen Gemeinschaften oder Gesellschaften, in denen die soziale und kulturelle Differenzierung derart ist, dass eine gemeinsame Konstruktion einheitlicher Regeln nicht vorausgesetzt werden kann. Die Ordnung in diesen Koexistenzen setzt deshalb operativ beim Einzelnen an. Eine solche Ordnung im Einzelmodus basiert auf Regeln, die jeder Einzelne im Kontext seiner Beziehungen erlernt und denen er folgt. Nicht die kollektive Konstruktion einheitlicher Regelungskontexte ist hier von Belang. Es ist die einheitliche Regel pluralistischer Konstruktionen, die pragmatisch unterschiedliche Regeln vereint. 3.3 Normativität und ›Know-how‹ Politischer Ordnung Durch die Analyse der Mètis haben wir zwei differierende Modi der Politischen Ordnung interpretativ erschließen können. Um die Relevanz dieses Wissens für die Politische Theorie und ihre Ordnungsperspektive verteidigen zu können, müssen wir den normativen Status dieses Wissens belegen. hierfür bedarf es zweier Konkretisierungen für jeden Typ der Mètis: (1.) die Begründung der Normativität in diesem Wissen im Kontext seiner Struktur. Es muss geklärt werden, inwieweit das praktische Können der Mètis Teil der Relation von Bedingungen ist, die einen geordneten von einem ungeordneten Zustand unterscheiden und Gegenstand eines Müssens sind, mit dem Bestreben der Menschen, in einer geordneten Existenz zu leben, das Teil ihres Wollens ist; (2.) der Nachweis, dass es sich tatsächlich um ein kollektiv wirksames Orientierungswissen handelt. (1.) In der Politischen Ordnung im Kollektivmodus wird der geordnete Zusammenhang durch Zurechnungsprogramme geschaffen, die in ihrem Vollzug auf der Existenz des praktischen Wissens der Dogmatik basieren. Diese Form der Mètis verknüpft die Fähigkeiten der situativen Dekontextualisierung und Identifizierung zu einem kollektiv wirksamen praktischen Wissen, das in einer politischen Koexistenz die Wirksamkeit für die ganze in der Ordnung repräsentierte, soziale Koexistenz einheitlich geltender Regeln ermöglicht. Dies bezeichnen wir als ›Know-how‹ einer Politischen Ordnung. Erst diese sozial erprobte praktische Fähigkeit zur Dekontextualisierung ermöglicht auf der Ebene der Repräsentationsbeziehung die Routine einer verfassungszentrierten Politischen Ordnung. Die rule of law benötigt eine durch die politische Assemblage eng untereinander verbundene soziale Koexistenz, in der durch die Involvierung aller Akteure in den Praktiken sichergestellt ist, dass sie gemeinsam DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 272 dekontextualisieren können. Es handelt sich also um eine durch das kollektiv geteilte praktische Wissen ermöglichte, sozial verfügbare Interpretationsart, die Dreh- und Angelpunkt der politischen Assemblage ist. Ordnung wird in dieser Koexistenz mehrheitlich als Zustand verstanden, in dem die ›Idee der kollektiven Selbstregierung‹ kollektiv umgesetzt wird (vgl. Wagner 1995, 144). Die Regelung dieses Zustandes setzt die Konstitution des Kollektivs als ein Ganzes voraus, das für die Politik verfügbar ist. In dieser hinsicht wird die Ordnung in Gestalt des Ganzen (der kollektivierten Ordnung) zum Gegenstand der Praxis. Das Volk als Träger dieser Ordnung kann dann nicht nur symbolisch verstanden werden, sondern muss als reales Moment politischer Praxis präsent sein. Der Modus der Ordnung ist der kollektiv geteilte, also der gemeinsame Anteil an der Ordnung. Ordentlich kann hier nur ein kollektiver Vollzug von Ordnung sein. Diesen kollektiven Vollzug von Ordnung ermöglicht die Fähigkeit zur Dekontextualisierung und Identifikation. Folglich stellt dieses methodische Interpretationswissen eine notwendige Bedingung für die praktische Expression der modalen Form der Politischen Ordnung dar. Weil der Modus der Ordnung, wie oben begründet, ein gleichberechtigter Teil der Politischen Ordnung insgesamt ist, wird auch er zur Bedingung von Ordnung, die dann Gegenstand des Müssens eines geordneten Zustandes, auch zum Teil des menschlichen Wollens, wird. hierin liegt der normative charakter der Mètis und ihres praktischen Wissens. Um den gemeinsamen Vollzug von Ordnung umzusetzen, wird die stetige situative Verwendung dogmatischer Fähigkeiten zur notwendigen Bedingung, die somit als Müssen von den Mitgliedern einer Koexistenz erkannt und zum Teil ihres Wollens wird. Das durch die Mètis für die gesamte politische Koexistenz symbolisch vermittelte ›Know-how‹ der Dekontextualisierung und Identifikation ist ein Mittel, um die Bedingung der Kollektivität als Ganzheit zu ermöglichen. Damit es kollektive Wirksamkeit entfaltet, so muss man vermutlich einschränkend anmerken, greift es zumindest in Deutschland auf ein explizites Symbol und seine zentralisierten Rezeptionspraktiken zurück. Die Zentralisierung führt einerseits dazu, dass dieses Wissen nicht allzu offen ausgedeutet werden kann, also die Gefahr einer starken Veränderung minimiert wird. Andererseits kann durch die zentralisierte Rezeption dieses praktische Wissen der Mètis immer wieder schnell und wirksam in die politische Praxis überführt werden. Dies haben wir als besondere Organisation des ›Know-how‹ identifiziert, die Teil der politischen Assemblage ist und im Sinne der spezifischen Repräsentationsbeziehung gelöst wird. Beispiele für die Wirksamkeit der Vorstellung eines ›gemeinsamen als ordentlich‹ finden sich vielfach. U.a. kommen die oben diskutierten Forschungen zum informalen Verwaltungshandeln in Deutschland zur Erkenntnis, dass auch im nicht formal geregelten informalen handeln, ›KNOW-hOW‹ UND DIE MODALE FORM DER ORDNUNG 273 ein kollektives Muster der Interaktion vorherrscht.74 Diese Dominanz gemeinsamen Aktivseins lässt sich auch im informalen Verfassungsstaat feststellen, wobei die Wirkung der Dogmatik in der politischen Assemblage eine »Proporzkultur« (Schulze-Fielitz 1984, 116) dominieren lässt.75 Proporzregeln schreiben die Orientierung an der ›gemeinsamen‹ und ›gegenseitig verpflichtenden Aufgabe‹ im Sinne einer praktischen Orientierung fest (Schulze-Fielitz 1984, 117). Zudem besteht in verfassungszentrierten Repräsentationsbeziehungen durch die Verfassungssymbolik selbst ein Artefakt, dessen Rezeptionspraktiken ein stetiges gemeinsames ›Aktivwerden‹ über den Prozess der Kompromissfindung stiften (vgl. Koutnatzis 2010).76 Mit anderen Worten zeigt sich die praktische Expression der Ordnung im Kollektivmodus in der Genese von Kompromissfindungspraktiken, die zur Bestimmung von Gemeinsamkeiten in der Gesellschaft beitragen. Dies führt zu einem spezifischen Selbstverständnis der so organisierten politischen Assemblage, die auch durch das Konzept der »Verfassungskultur« (häberle 1998, 90ff.) Ausdruck findet. Durch die Interpretation im Rahmen des dreidimensionalen Spannungsfeldes der Politischen Ordnung wurde die Mètis der Dogmatik als ein Typ von Ordnung im Kollektivmodus identifiziert. Das hierbei vorhandene praktische Wissen lässt eine Ordnung in ihrem Vollzug auf die kollektive Umsetzung ihrer Regeln setzen. Politische Ordnung in ihrem Vollzug richtet sich hier an alle Mitglieder einer Koexistenz, und zwar als eines Kollektivkörpers, der letztlich die politische Gesellschaft bildet. Ordnung richtet sich auf die Verfügbarkeit des Ganzen. Die andere von uns interpretierte Ordnung tut dies nicht. Sie richtet sich nur an jeden Einzelnen und schließt an der praktischen Fähigkeit jedes Einzelnen an, sich als Teil des Ganzen zu verstehen, ohne davon zu abstrahieren, dass 74 »Die Umsetzung eines Gesetzes in die soziale Wirklichkeit beruht […] auf dem Zusammenwirken zahlreicher staatlicher und gesellschaftlicher Akteure, deren Beziehungen im Gesetzesvollzug durch ein dichtmaschiges Netz geschriebener und ungeschriebener, rechtlicher Regelungen formalisiert ist.« (Bohne 1981, 291) Der interessante hinweis ist die Analyse der Dominanz gemeinsamer Aktivitäten, die nicht mit Freund-Feind-Kategorien operieren. 75 »Solche ›informalen Verfassungsregeln‹ wirken als kontrafaktisch stabilisierte Verhaltenserwartungen, die als entscheidungsbedeutsame Gebote, zwei– oder mehrseitige bindende Absprachen oder einseitig selbstbindende Verhaltensansprüche im unmittelbaren Zusammenhang mit verfassungsrechtlichen Normen stehen und diese als hilfsregeln ergänzen. Über den (Teil-) Bereich der Verfassungskonventionalregeln […] hinaus strukturieren sie die Verfassungskultur […], deren Beachtung nach den jeweils herrschenden Anschauungen als unerlässliche Voraussetzung eines geordneten [kursiv – J.K.] Verfassungslebens betrachtet wird.« (Schulze-Fielitz 1984,162) 76 Koutnatzis differenziert politische und ideologische Kompromissformen, um die Vielfalt existenter Kompromisse zu kategorisieren. DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 274 die Ordnung tatsächlich das Ganze meint. So stiftet die Ordnung eine aus partikularen Regeln bestehende politische Gesellschaft, in der kein für alle gleiches Regelungssystem existiert. hier organisiert jeder seine eigene Existenz ohne die Existenz eines Kollektivkörpers vorauszusetzen. So liegt auf der Ebene des Ordnungsvollzugs ein prägnanter Unterschied vor. Während sich in der Ordnung im Kollektivmodus die Regeln an die imaginierte kollektive Einheit richten, woraus sich dann für jedes Mitglied der Einheit gleiche Regeln ergeben, richten sich in der Ordnung im Kollektivmodus die Regeln an jeden Einzelnen. Diese sind nicht einheitlich, führen aber in ihrer Anwendung zu einer kollektiven Einheit. Die Politische Ordnung setzt in unseren bearbeiteten Fällen auch an der ›Idee der kollektiven Selbstregierung‹ an, aber sie versteht hierunter keine verfügbare Ganzheit. In Russland und china repräsentieren die Symboliken von vlast‘ und der Partei die politische Gesellschaft, ohne dass sich die Gesellschaft als Ganzes in den Symboliken wiederfindet. Personale Symbole können diese Identifikation schon strukturell nicht leisten, zumal in diesen Gesellschaften die soziale Vielfalt ein Grundmerkmal ist. Die Idee der kollektiven Selbstregierung setzt hier nicht am Kollektiv an, sondern macht dieses durch partikular relevante soziale Beziehungen verfügbar, die zwar eine kollektiv wirksame Ordnung schaffen, aber selbst keine kollektive Entität darstellen. In diesen Beziehungen sind immer nur Teile der politischen Koexistenz integriert. Demnach muss die politische Assemblage zwischen diesen Relationen und einzelnen Menschen vermitteln. hierfür haben sich in der Mètis Fähigkeiten symbolisiert. Die Fähigkeiten der Kontextualisierung und Relationierung vollziehen die Ordnung nicht im Gemeinsamen, sondern in jedem Einzelnen, der damit in der Lage ist, durch seine Positionierung in Relationen eine Ordnung im Einzelmodus zu gestalten. In diesem Kontext ist auch dieses kollektiv symbolisierte ›Know-how‹ Bedingung einer Ordnung und wird zum Gegenstand eines Müssens der davon betroffenen Menschen und ihres Wollens. Ordnung setzt sich über den Einzelnen ordentlich um, ohne jedoch regelloses Verhalten oder chaos zu bedeuten. Ordnung operiert hier im zwielichtigen Einzelmodus, der nicht weniger effektiv, aber eben nicht egalitär ist (vgl. Preyer/Krauße 2012).77 Demzufolge lassen sich in diesen Fällen auch nicht die im Kontext Deutschlands dominierenden Orientierungen auf ein gemeinsames Aktivwerden im Rahmen der Ordnungsgestaltung feststellen. Stattdessen wird nur der Einzelne aktiv, baut persönliche Beziehungen auf und instrumentalisiert diese für die eigene Existenz. Ordnung im Einzelmodus kultiviert einen 77 Die Differenz, so die sich ergebende These, zwischen liberalen westlichen Demokratien und anderen herrschaftssystemen liegt demnach auf der Ebene der modalen Form der Politischen Ordnung ›nur‹ in diesem Unterschied des Verständnisses des Ganzen. ›KNOW-hOW‹ UND DIE MODALE FORM DER ORDNUNG 275 positiven Egoismus, der zwar in seiner Summe stabile Ordnungen zulässt, jedoch die Möglichkeit der Kompromissfindung einschränkt. Andererseits evoziert er eine starke zwischenmenschliche Solidarität (vgl. Bell/chaibong 2010, 216),78 die vermutlich eine wichtige dezentrale Alltagspraxis zur Stützung dieser politischen Repräsentationsbeziehung darstellt.79 An diesem Befund schließt sich die Beobachtung an, dass die Mètis der Pragmatik die Zentralisierung der Rezeptionspraktiken der Repräsentationssymbolik toleriert. Doch muss relativiert werden. In nicht-verfassungszentrierten Repräsentationsbeziehungen bilden personale Symbole die Repräsentationsbeziehung ab und geben hinweise auf die wichtige Funktion der ›rule of man‹. Die Machthaber in diesen Koexistenzen können auf die Wirksamkeit von Propaganda und Versuchen einer Etablierung von Deutungsmacht bezüglich der Politischen Ordnung setzen (vgl. Knobloch 2006, 131 ff.; Sandby-Thomas 2011). Doch im Gegensatz zu zentralisierten Rezeptionspraktiken der Verfassungssymboliken lassen sich die Rezeptionspraktiken der ›rule of man‹ wegen ihrer personalen Struktur nicht in der gleichen Art und Weise kategorial eingrenzen. So bleibt ein Spielraum nicht-organisierbarer Rezeptionspraktiken und eine systemische Unschärfe der Auslegung der Symbole. Ordnung im Einzelmodus muss tatsächlich stetig mit ihrer Zwielichtigkeit (Waldenfels) umgehen. (2.) Der normative charakter des in der Mètis verankerten praktischen Wissens um die Dekontextualisierung bzw. Kontextualisierung ist im Kontext der oben eingeführten Definition von Stemmer in Bezug zur Ordnung begründet worden. Damit dieser charakter aber Teil der sozialen Praxis wird, muss er normativ auch Geltung erlangen. hierbei lassen sich drei normative Aspekte aufzeigen: die Mètis als – Norm: Zunächst muss konstatiert werden, dass das in der Mètis eingebettete implizite praktische Wissen eine Norm darstellt. Dies ist Teil der politischen Assemblage und steuert als Regel Praktiken, die routiniert reproduziert werden und damit wieder Regeln konstituieren. Die Norm wirkt im Sinne Ortmanns simultan als Wegweiser und Weg. Dogmatik und Pragmatik bilden jeweils für sich ein »rekursives Verursachungs- und Begründungsverhältnis« (Ortmann 2010, 116). Das praktische Wissen der Mètis vermittelt hier zwischen den Sein-Sollen- Zuständen in der Form eines Müssens. Das Müssen transformiert die statische Relation von Sein-Sollen in ein dynamisches Verhältnis von 78 Ball und chaibong verweisen auf die Bedeutung der Solidarität im Kontext des Konfuzianismus. 79 Wir haben dies in Bezug auf die Bedeutung der Freundschaft, persönlicher Beziehungen am Arbeitsplatz und anderen Kontaktnetzwerken in Russland ausführlich behandelt (Knobloch 2006, 182 ff.). DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 276 Müssen und Wollen. Dabei ist das Müssen einer Norm künstlich durch Sanktionierung geschaffen (Stemmer 2008, 157). Die Norm ist damit ein Auslöser für praktische Aktionen. Nach Kenntnis der Sein-Sollen- Differenz wird der Akteur gezwungen, die Ergebnisse der Evaluation in Taten zu überführen. Die operativen Logiken der Dekontextualisierung bzw. Kontextualisierung sind praktisch umgesetzte Evaluationen von Situationen, die in unmittelbarer Konsequenz zu spezifischen Aktionen führen. Damit wird die Norm gültig und zwar durch die Möglichkeit, dass eine Abweichung von ihr sanktioniert wird. Im Fall der Mètis erfolgt die Sanktionierung unmittelbar. Wird durch einen Akteur situativ nicht dekontextualisiert oder kontextualisiert, kann jeweils keine Identifikation oder Relationierung erfolgen – dann bricht der Mensch mit der Routine. Dadurch schert er aus der raumzeitlichen Struktur der Mètis aus und muss mehr Kraft aufbringen. Zudem benötigt er für die Restabilisierung des Verhältnisses von Kairos/Wirkung/Gedächtnis Zeit; Zeit, in der er nicht mehr Teil der Ordnung ist. Genau hierin liegt der Sanktionsmechanismus, denn bricht ein Akteur mit der praktischen Norm, so exkludiert er sich, zumindest temporär, aus dem Vollzug der Ordnung. Zeitlich begrenzt mag dies funktionieren, über eine längere Dauer kann der Mensch aber nicht ohne diese Ordnung existieren, wie wir im hinblick auf die ontologische Bedeutung der Ordnung für die Praxis herausgestellt haben; – Konvention: Das praktische Wissen der Mètis leitet als Norm die Regelung von Praktiken an, die wiederum andere Praktiken bedingen. Als Teil von rekursiven Schleifen ist es fest in der politischen Assemblage verankert. Doch ist dies nicht nur die Folge von urwüchsigen Praktiken, sondern auch von bestimmten Organisationsleistungen. Am Beispiel der dominierenden, für eine politische Repräsentationsbeziehung typischen Symbole haben wir gezeigt, dass im Rahmen dieser Symboliken bestimmte Rezeptionspraktiken derselben zentralisiert und favorisiert werden. Es kommt zu einer hierarchisierung von Praktiken, deren Status sich bei der Deutung der Repräsentationsbeziehung von anderen abhebt. Die hierarchisierung ist in Deutschland mit der Exklusivität der juristischen Praktiken institutionalisiert. Doch kann sich jedes Mitglied der Repräsentationsbeziehung auch für die Geltung alternativer Rezeptionspraktiken einsetzen, die zwar nicht den gleichen Professionalisierungsstandard besitzen, jedoch im Rahmen des Vollzugs der Repräsentation eigene Deutungsmacht aufbauen. Doch der Anspruch der juristischen Rezeptionspraktiken, für die gesamte politische Koexistenz die Deutungshoheit auszuüben, ist Folge von Konventionen. Diese weisen den Rezeptionspraktiken und damit dem darin normierten praktischen Wissen eine herausragende Geltungskraft zu. Mit anderen Worten wird das innerhalb seines Vollzugs als Gebotsregel fungierende praktische Wissen durch seine ›KNOW-hOW‹ UND DIE MODALE FORM DER ORDNUNG 277 Anwendung in Praktiken Teil einer sozialen Praxis, deren Resultat auch in einer gegenseitig konstituierten Verhaltenserwartung besteht, die als Konvention wirkt. Insbesondere in nicht-verfassungszentrierten Repräsentationsbeziehungen erfüllen Konventionen und konventionalisierte Praktiken eine wichtige Funktion, weil das formale Recht hier eine untergeordnete Rolle spielt. Es wird klar, dass die Norm und die Konvention ineinander übergehen und zusammen einen im Rahmen der Genese bestimmter, in ihrer Bedeutung für die gesamte Koexistenz herausragender Praktiken rekursiven Regelkontext manifestieren, der stetig den Status, Modus und Prozess der Ordnung vermittelt. Auch die Konventionalisierung bestimmter Praktiken erkennt den normativen charakter des darin vollzogenen praktischen Wissens an; – Normatives Orientierungswissen: Unabhängig von den konventionalisierten Praktiken wird das normierte praktische Wissen auch durch seine Symbolisierung kollektiv verfügbar gemacht. Dadurch gewinnt das Regelwissen der Praktiken als Wissen um dieses Regelwissen gesellschaftlich einen neuen Status. Nicht mehr nur die in den Praktiken involvierten Akteure wissen um die Funktion des praktischen Wissens, sondern alle Mitglieder der Koexistenz, die mit dem Symbol konfrontiert werden. Doch kennt man die Regeln nicht explizit, sondern man weiß allein um die Wirksamkeit des Wissens in den Praktiken. Mit anderen Worten ist vermutlich die praktische Dimension der Pragmatik und Dogmatik unbekannt. Im Gegenzug ist jedoch die Wirkung der danach operierenden Praktiken bekannt. An diesen kann sich dank der Vermittlung durch das Symbol orientiert werden. Das praktische Wissen wird durch seine Expression in den Praktiken und deren Symbolik gesellschaftlich verfügbar. Dann handelt es sich bei Dogmatik und Pragmatik um implizites, aber symbolisiertes normatives Orientierungswissen. Beide stellen ein normativiertes deskriptives Orientierungswissen aus der Routine der Praktiken dar, das für die Menschen einer Koexistenz, die sich um Ordnung bemühen, konstituierend ist. Der Rationalitätstest für das Orientierungswissen der Mètis besteht in der Konditionierung des Verhaltens und der Aktivitäten der Menschen einer Koexistenz entsprechend der Ordnungsmodi. Die Orientierung an der Pragmatik/Dogmatik schafft einen sozial beobachtbaren ordentlichen Ordnungsvollzug. Der normative charakter des impliziten praktischen Wissens entwickelt sich aus der Routine der dadurch geregelten Praktiken, die wiederum eine routinierte Ordnung in ihrer Simultanität von Status, Modus und Prozess widerspiegeln. Die Normativität von Pragmatik/Dogmatik lässt sich aber nur hinreichend begreifen, wenn sie gleichzeitig als Resultat und Bedingung einer eingespielten Ordnungspraxis verstanden DAS ›KNOW-hOW‹ POLITISchER ORDNUNG 278 wird. Nicht Ordnung als Status geht ihrem Modus voraus. Genauso wenig kann Ordnung allein ihrem Vollzug nach Anspruch auf Geltung entwickeln. Alle drei Ebenen besitzen bei der Konstitution eine wichtige Funktion. Demzufolge ist der normative charakter des praktischen Wissens nur in seinem stetigen Verweisungszusammenhang zu den beiden anderen Formen der Ordnung begründbar. Jedoch kann die Genese einer Ordnung nur erfolgreich sein, wenn sie im Vollzug getestet wird. Die modale Form der Ordnung ist der kritische Moment, weil sich Ordnung ›beweisen‹ muss. Scheitert sie, zieht dies unweigerlich Veränderungen nach sich. Das praktische Wissen als Expression des Ordnungsmodus figuriert als Fokalpunkt der Politischen Ordnung und hebt sich damit in seiner Bedeutung von den beiden anderen Ordnungsformen ab. Diese Eigenständigkeit führt aber nicht zur Relativierung der anderen Formen. Sie zeugt jedoch von der eigenen Rationalität. Damit wird deutlich, dass praktisches Wissen nicht allein normativ Geltung beansprucht, sondern darüber hinaus im Komplex der Ordnungsbildung einen eigenen Kausalitätsbereich konstruiert, der von den involvierten Menschen beachtet werden muss. Nicht-fixierte Regeln wie die der Dogmatik/Pragmatik sind keinesfalls schädlich oder den fixierten Regeln gegenüber in einer schwächeren Position. Schließlich wird anhand der hier interpretierten differierenden Modi von Ordnung ersichtlich, dass die normative Geltung von Regeln immer kontingent ist. Dogmatik und Pragmatik ergeben nur in ihrer jeweiligen Assemblage und den dort manifestierten Repräsentationsbeziehungen Sinn. Ohne diesen hintergrund schrumpft der Geltungsanspruch ins Beliebige. Doch die Normativität von Strukturen, so lässt sich verallgemeinern, ist immer in dem spezifischen Erfahrungskontext der Ordnungspraxis eingebunden und auf diesen in ihrer nachträglichen Begründung angewiesen. Ohne Kenntnis der praktischen Notwendigkeit bestimmter Regelroutinen im Zusammenhang mit spezifischen Ordnungsentwürfen und ihrer Geschichte kann keine Struktur die Befolgung ihrer Regeln begründen. 279 TEIL V Elemente einer praxeologischen Theorie des Politischen Im letzten Teil werden die zentralen Ergebnisse der Untersuchung systematisiert. Zu Beginn der Arbeit sollte das Phänomen der Informalität durch eine kritische Bestandsaufnahme der politikwissenschaftlichen Forschung problematisiert werden, um einen eigenen Ansatz entwickeln zu können. Dieser beginnt mit der Proklamation eines genuin politischen Strukturbegriffs. Im nächsten Schritt sollte dieser Strukturbegriff mit sozialtheoretischen Strukturbegriffen kontrastiert werden, um ein verändertes, rein politisches Verständnis von Informalität zu gewinnen. Durch diese Kontrastierung haben wir das Phänomen des praktischen Wissens als rein implizites Wissen, wie es die Praxistheorien konzeptualisieren, mit der modalen Form der Politischen Ordnung verbunden. Infolge dieser Verbindung konnte das Phänomen der Informalität in Erscheinung informaler, nicht-fixierter Strukturen auf das relevante praktische Können in seiner für die Politik strukturierenden Wirkung erweitert bzw. eingegrenzt werden. Im Anschluss untersuchten wir dieses Phänomen eingehender in Bezug auf die eine politische Gesellschaft auszeichnenden Symboliken der Repräsentationsbeziehungen, deren Funktion für die Organisation einer politischen Koexistenz wir vorangehend begründet hatten. Damit wurde der Untersuchungsfokus in dieser induktiven Vorgehensweise auf die Analyse praktischer Symbole in Gestalt der Mètis beschränkt. Die eher illustrativ zu verstehende Analyse hat dann zwei empirische Erscheinungsformen der Mètis identifiziert, die im Rahmen der Politischen Ordnung für zwei differenzierte Modi der Politischen Ordnung stehen. Die Ergebnisse der Vorgehensweise können in drei Punkten zusammengefasst werden: Erstens wurde eine spezifisch praxeologische Theorie des Politischen entwickelt, die eine Perspektivenerweiterung politikwissenschaftlicher Forschung erlaubt. Zweitens konnte nachgewiesen werden, dass nicht-fixierte Strukturen ein genuiner Bestandteil der praktischen Expression des Politischen sind. Schließlich hat drittens die durchgeführte Symbolanalyse die differenzierte Erscheinungsform des praktischen Wissens und der damit ausgedrückten Modi der Politischen Ordnung deutlich erkennbar gemacht. Diese Differenzen bieten einen relevanten Ausgangspunkt für eine transkulturell vergleichende Politische Theorie, die sich mit kulturell bedingten Unterschieden im Vollzug von ELEMENTE EINER PRAxEOLOGISchEN ThEORIE DES POLITISchEN 280 Politischer Ordnung auseinandersetzt. Die drei Punkte werden in einer abschließenden Systematisierung erneut verdichtet und problematisiert. 1. Die Perspektive der praxeologischen Theorie des Politischen Die Politische Theorie sieht sich in ihrer Theoriebildung mit den folgenden drei herausforderungen konfrontiert: 1. Die Politische Theorie steht vor der kontroversen Aufgabe, einen ad- äquaten Begriff ihres Gegenstandes zu entwickeln. Doch ist das Politische weder eindeutig bestimmbar noch ist seine Konstitution, Verortung und Reichweite unumstritten. Auch konkurriert das Politische mit der Politik, die sich in der Moderne als funktionaler Gegenbegriff zu einem allzu essenziellen Verständnis des Politischen etabliert hat. 2. Die Politische Theorie muss sich mit Normativität auseinandersetzen, wobei sie zwischen einer idealen und einer nicht-idealen Theorie vermitteln muss. Zudem hat sie zu begründen, welche Regeln einen normativen Status besitzen. Die Bestimmung wird umso schwieriger, je unreflektierter die Politische Theorie in Ermangelung eigener ausgereifter Definitionen von Struktur mit fremden Strukturbegriffen operiert. 3. Die Politische Theorie hat sich mit dem Spannungsfeld von gedachter, kognitiver Ordnung und ihrer Konkretion zu befassen. Perspektivisch nimmt die Politische Theorie eine Position zwischen der normativ gesättigten Politischen Philosophie auf der einen und den empirisch gesättigten Sozialtheorien auf der anderen Seite ein. Diese herausforderungen haben wir in ihren Einzelheiten im Zuge der Erarbeitung des politischen Strukturbegriffs dargestellt. Dabei folgte die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Positionen keineswegs einem Selbstzweck, sondern wurde von uns problemorientiert vorgenommen. Dies deswegen, weil uns die Möglichkeit eines für die Analyse nicht-fixierter Strukturen reinen politischen Strukturbegriffs interessiert. Auf dessen Suche mussten wir auf dieser basalen Ebene der Konzeptualisierung ansetzen. Indem wir den Eigenwert und die Eigenrationalität des Politischen begründet und verteidigt haben, was im Sinne eines politischen Begriffs von Strukturen notwendig war, hielten wir Ausschau nach einer entsprechenden Definition des Politischen. Wir fanden sie in der ursprünglichen Ordnungskonnotation des Politischen. Indem wir dabei auf die Arbeit von Waldenfels und seinen hinweis auf die simultane Bedeutung von Ordnung als Status, Modus und Prozess zurückgriffen, eröffnete sich konzeptuell die chance einer praxeologischen Theorie DIE PERSPEKTIVE DER PRAxEOLOGISchEN ThEORIE DES POLITISchEN 281 des Politischen. Diese wird allerdings erst richtig entfaltet, wenn der Übergang von der Politischen Ordnung, als Teil des menschlichen Ordnungsdenkens, zu seiner praktischen Expression auch theoretisch nachvollzogen wird. Denn der dynamische und prozessuale charakter des Ordnungsdenkens muss auch in einer operativen Logik sozialer Strukturbildung nachvollziehbar sein. Durch die Verknüpfung des Ordnungskonzepts mit dem praxeologischen Strukturbildungsansatz konnte der von der Politischen Theorie begründeten Notwendigkeit einer operativen Logik des Sozialen entsprochen werden. Daraus ergab sich die Anforderung, dass dem praktischen Wissen, als einem spezifischen von der Theorie sozialer Praktiken konzeptualisierten Regelwissen, auch in der Politischen Theorie und ihren Strukturbegriffen Rechnung getragen wird. hieraus ergab sich eine sozialtheoretisch begründete Aufwertung des Modus der Ordnung, dem die Politische Theorie, wenn sie die praktische Expression des Ordnungsdenkens realistisch einschätzen will, fortan eine herausragende Stellung einräumen muss. Daraus speist sich die Grundlage einer praxeologischen Theorie des Politischen. Die praxeologische Theorie des Politischen entsteht in einem von der Politischen Theorie selbstbewusst geführten Dialog mit der Sozialtheorie. Der konzeptuelle Kern dieses Ansatzes kann folgendermaßen zusammengefasst werden: Das Politische ist der Bereich zwischenmenschlicher Ordnungsbildung, wobei ein geregelter Zusammenhang diesen Bereich definiert. Die Definition selbst ist raumzeitlich existent, beschränkt sich auf die Verhältnisse der Menschen zueinander und ist im Rahmen von spezifischen Erfahrungen kontingent. Als Regelkontext existiert Ordnung exklusiv in der Trinität von Status, Modus und Prozess. Beim Übergang dieser Ordnung als Teil des spezifischen Ordnungsdenkens in die Praxis entsteht ein Spannungsfeld, weil die Vorstellungen des Einzelnen, aber auch der Ordnungsgemeinschaft aufgrund eigen-dynamischer sozialer Prozesse niemals kohärent umgesetzt werden können. Die Schnittstelle in diesem Spannungsfeld, die das Ordnungsdenken mit seiner eigenen Rationalität und die praktische Umsetzung von Ordnung in einer sozialen Koexistenz verbindet, wird in der praxeologischen Theorie des Politischen im Verhältnis des Modus der Ordnung und des praktischen Wissens gesehen. Diese Schnittstelle bildet den Fokus dieser Theorie. Mit anderen Worten geht die Theorie von der Annahme aus, dass durch die Analyse des existenten praktischen Wissens im Kontext einer sozial manifestierten Politischen Ordnung (Mètis) Aussagen über die Art des Modus und somit auch des Status und der Prozesse von Ordnung gemacht werden können. Die Konsequenzen einer solchen Theorie wollen wir in Bezug auf die eingangs genannten drei generellen herausforderungen für die Politische Theorie verdeutlichen. ELEMENTE EINER PRAxEOLOGISchEN ThEORIE DES POLITISchEN 282 (1.) Die praxeologische Theorie des Politischen nimmt das klassische Projekt einer Politischen Theorie als Ordnungswissenschaft auf (Voegelin 2004). Daraus ergeben sich wichtige Konsequenzen. Zunächst immunisiert der Eigensinn des Politischen gegenüber Ansprüchen aus anderen wissenschaftlichen Disziplinen, denn die der Politikwissenschaft benachbarten Wissenschaftsdisziplinen nehmen mit ihren Theorien und methodischen Annahmen zunehmend in Anspruch, auch das Geschäft der Politischen Theorie besser machen zu können. Weiterhin kann mit dem Beharren auf der Ordnung als Eigensinn des Politischen die Einheit des Gegenstands selbst vor einseitigen Verkürzungen auf den Politikbegriff verteidigt werden. Schließlich wird so auch die notwendige empirische Unterfütterung eines essenziellen Begriffs des Politischen gesichert. Dies steht im Gegensatz zu Ansätzen der jüngsten Diskussion zur politischen Differenz (vgl. Marchart 2010), die gegen die funktionale Verkürzung der Politik einen essenziellen Begriff des Politischen in Stellung bringen und die häufig übersehen, dass ihre zumeist abstrakten Ansätze einer empirischen Analyse nicht mehr zugänglich sind. Indem die praxeologische Theorie die Konkretion der Politischen Ordnung sozialtheoretisch durchdekliniert, hebt sie das Projekt der Ordnungswissenschaft in einen neuen, fruchtbaren Kontext. Statt Ordnung bewusstseinsphilosophisch einzuschränken, was stets Vorwürfe gegen die scheinbar ›normativ-ontologische‹ Verkürzung provoziert, wird die Politische Ordnung als praktisches Unternehmen der sinnhaften Gestaltung der gemeinsamen menschlichen Koexistenz verstanden. Dabei handelt das Bewusstsein autonom, jedoch immer in einer Beziehung mit seiner Umwelt. Die Betonung der Körperlichkeit in der Theorie sozialer Praktiken zeigt ihrerseits, welchen empirischen Bedingungen sich das Bewusstsein als Teil des in die Praktiken eingebetteten Menschen beugen muss. Weil aber weiterhin der Vorrang der Ordnung für die Praxis betont wird, vermittelt die praxeologische Theorie des Politischen produktiv zwischen Mentalismus und Materialismus. (2.) Die praxeologische Theorie des Politischen geht von einer konstruktiven Normativität aus, wobei sie mit einer einfachen Definition von Normativität operiert. Dadurch kann sie die starre Fixierung der Normativität auf den Status der Ordnung, der sich einer kritischen Reflexion durch Beobachter anbietet, auflösen und die Relevanz normativer Ansprüche in vielen Bereichen der Organisation des Sozialen aufzeigen. Die Betonung der Ordnung in ihrer dreifachen Erscheinungsform erweitert den horizont der Normativität von der alleinigen Frage der Richtigkeit auf die Fragen von Wichtigkeit und Fähigkeit. Dementsprechend wird Ordnung in der praktischen Expression nicht nur als Ordnung relevant, sondern auch als Prozess des ›Ordnung-Machens‹ und als Modus von ›ordentlich‹. Die praxeologische DIE PERSPEKTIVE DER PRAxEOLOGISchEN ThEORIE DES POLITISchEN 283 Theorie eröffnet so eine Perspektive, die es erlaubt, in vielen Regeln und Strukturen einen normativen Anspruch zu erkennen. Damit hebt sie das Problem der Normativität nicht nur aus der rein innertheoretischen Reflexion heraus und macht es zum Gegenstand empirischer Untersuchungen, sondern sie verdeutlicht zudem, dass in der Routine der Praktiken normative Bezüge existieren (vgl. Brandom 2000, 867; Stahl 2013, 370 ff.). Ordnung ist in vielen alltäglichen Praktiken und in sich als nicht-politisch verstehenden Praktiken von Belang. Eine solchermaßen erweiterte Perspektive auf die Normativität belegt deren empirische Bedingungen, alltägliche Relevanz und immense Erscheinungsformen. Die praxeologische Theorie trägt so zu einem realistischen und empirischen Verständnis von Normativität bei, das der Tatsache Rechnung trägt, dass Regeln häufig nicht in einer normativen Sprache existieren (vgl. Voegelin 2012, 71). (3.) Weil die praxeologische Theorie des Politischen an der Schnittstelle von Ordnungsmodus und praktischem Wissen ansetzt, konkretisiert sie die Faktoren, von denen die Konkretion eines Ordnungsprojektes in der sozialen Wirklichkeit abhängig ist. Die Relationierung von Status, Modus und Prozess auf der einen und dem von Wissen, Können und Körper auf der anderen Seite zeigt das komplexe, für die Regeln notwendige Regelumfeld. Die praxeologische Theorie des Politischen veranschaulicht die komplexe Kausalität, die für die Konkretion einer Politischen Ordnung verantwortlich ist, und die alltägliche Ebene der ordnungskonstituierenden Interaktionen. Politische Ordnung existiert als operatives Projekt und muss sich mit den stetigen Schwierigkeiten ihrer praktischen Konkretion kreativ auseinandersetzen. Politische Theorie ist damit auf die soziale Wirklichkeit angewiesen. Durch die Konkretion eines Projekts von Politischer Ordnung entstehen in diesem potenziell unabgeschlossenen Prozess mannigfaltige Erfahrungen und widersprüchliche strukturelle Konstellationen, die durch die praxeologische Theorie des Politischen aufgeklärt werden können. Dabei warnt sie vor der selektiven Fokussierung auf einzelne Elemente der Ordnung, die zu reduktionistischen Diagnosen und gefährlichen therapeutischen Vorschlägen wie dem des Demokratieexports führen können. Die praxeologische Theorie des Politischen evoziert eine dynamische, auf die alltägliche Routine der Ordnungsgestaltung fixierte Perspektive, die normative und empirische Elemente vereint. Sie setzt an der Schnittstelle von politischem Ordnungsdenken und praktischer Organisation politischer Koexistenzen an, wobei sie das gesamte Spannungsfeld projektierter und konkretisierter Politischer Ordnung dezidiert anspricht. Mit anderen Worten lässt sich an dieser Schnittstelle der spezifische Prozess der Selbstordnung einer Gesellschaft vor dem hintergrund ihres Selbstverständnisses als politische Einheit nachvollziehen und bewerten. ELEMENTE EINER PRAxEOLOGISchEN ThEORIE DES POLITISchEN 284 Welchen Standpunkt zur Bewertung kann aber die praxeologische Theorie des Politischen überhaupt zulassen, wenn doch universale, statuszentrierte und ahistorische Normen zur Bewertung ausgeschlossen sind? Keine theoretische Vernunft kann den Beobachter hier leiten. Vielmehr ist es eine praktische Vernunft, die mit Endlichkeit, Variabilität und Diversität umgehen kann (Welsch 1996, 785). Diese kennt keine Gesetze, sondern nur Regeln, die wiederum in ihrem situativen Vollzug ihre Bedeutung erhalten, weshalb sie »Momente von Konstruktion und Empirie, Verfahren der Verallgemeinerung wie der Verbesonderung, Elemente von Regelbesitz, Entschlusskraft, Klugheit, Urteilskraft, Spürsinn und Augenmaß in sich vereinigen« muss (Welsch 1996, 785 f.). Zur Bestimmung eines normativen Standpunktes, der es erlaubt, in dieser Vielheit Bewertungen vorzunehmen, bleiben dann nur Möglichkeiten, die in Kenntnis der eigenen Involvierung in soziale Praktiken z.B. eine Idee von »transversaler Vernunft« (Welsch 1996) verfolgen oder eine in ihrer Reichweite begrenzte Idee von »immanenter Kritik« (Stahl 2013) vertreten. Wir haben im Gegensatz dazu an anderer Stelle den Zugang einer konstruktiven Politischen Theorie entwickelt (Kleger/Knobloch 2014).1 Jener reagiert auf die konstruktivistischen herausforderungen der Politischen Theorie in wissenschaftstheoretischer hinsicht und entwirft in Reaktion darauf das Programm einer konstruktivistisch informierten konstruktiven Politischen Theorie. Diese sieht die Wirklichkeit als konstruktives Ergebnis menschlicher Praxis, die veränderbar und dynamisch ist. Der Wandel der Wirklichkeit erfolgt jedoch nicht beliebig. Alle am Wandel Beteiligten, auch der wissenschaftliche Beobachter, handeln im hinblick auf bestimmte Interessen und bestimmte Ideen. Politische Theorie muss daher stets beides im Blick haben und pragmatisch bleiben, d. h., sie bezieht sich auf das menschliche handeln und handelnkönnen. Konstruktive Politische Theorie kann nicht mit einer herrschaftlichen politischen Philosophie verwechselt werden, da diese der Praxis von oben herab bestimmte Normen vorschreibt. Politische Theorie in unserem Verständnis geht umgekehrt von den jeweiligen handlungen bzw. handlungsentwürfen der politischen Subjekte aus, die sie (lediglich) aufzuklären beansprucht. Aufklärung der Politik heißt wiederum, dass sich politisches handeln qua Politischer Theorie selbst aufklärt, nicht, dass sie aufgeklärt wird. Diese permanente Selbstaufklärung ermöglicht der Politischen Theorie eine reflexiv-konstruktive Bewertung der sozialen Wirklichkeit, wobei die Politische Theorie durch ihre Themen-, Problem- und Prozessorientierung an dieser teilhat. 1 Die sicher in vielerlei hinsicht mit den beiden zuerst genannten Ansätze vermittelbar wäre, etwa der Betonung der Urteilskraft durch Welsch (1996, 791ff.) NIchT-FIxIERTE STRUKTUREN ALS TEIL DES POLITISchEN 285 2. Nicht-fixierte Strukturen als Teil des Politischen Die praxeologische Theorie geht exklusiv vom Strukturbegriff des Politischen in der Trinität von Ordnung als Status, Modus und Prozess aus. In der praktischen Übertragung dieser Struktur in das Soziale lassen sich alle möglichen Regelungsarten denken. Je nach raumzeitlicher Konstitution der Ordnung sind es bestimmte Regeln mit einer eigenen Geschichte. Exkludieren lassen sich soziale Strukturen aus dem Begriff der Politischen Ordnung nicht mehr. Sie müssen lediglich der spezifischen Rationalität der Ordnung in der Koexistenz entsprechen. Dann ist es für den Beobachter eigentlich unerheblich, ob es sich um fixierte oder nicht-fixierte, rechtliche oder nicht-rechtliche, theoretische oder praktische Regeln handelt. Diese Mannigfaltigkeit verstärkt sich noch einmal, wenn die Strukturbildung im Rahmen der Konkretion eines Ordnungsprojektes betrachtet wird. Die modale Form der Ordnung kumuliert mit dem praktischen Wissen/Können, das in den Praktiken zum Ausdruck kommt. Diese Strukturen sind vor allem endlich, verbunden mit der Wandelbarkeit der Umstände, der Komplexität, »der handlungsabhängigkeit der Gegenstände, der Diversität der Kulturen usw.« (Welsch 1996, 785). Strukturen sind demzufolge immer vielfältig und lassen sich ob ihrer raumzeitlichen Wandelbarkeit kaum in eine Kategorie pressen. Indem die praxeologische Theorie des Politischen die Bedeutung des praktischen Wissens als Medium des Versuchs der Etablierung einer modalen Ordnung in die Wirklichkeit herausstellt, proklamiert sie ein Wirkungszentrum sozialer Strukturbildung. Das praktische Wissen ist die erste Stufe einer regelorientierten Organisation menschlichen Zusammenlebens. Diese Stufe manifestiert allein implizite Regeln, die anschließend durch die rekursiven Schleifen der Praktiken als kollektives Regelwissen praktisch und dann auch zum Gegenstand von reflexiven Praktiken werden können, woraus Menschen gemeinsame Vorstellungen von Politischer Ordnung als Status entwickeln. Aus einem Ordnungsstatus heraus lassen sich wiederum Regeln ableiten, deren Geltung sanktioniert wird. Neben diesem ermöglichten Zusammenhang stiftet die Schnittstelle von praktischem Wissen und modaler Ordnung auch eine eigene raumzeitlich wirksame Rationalität der Strukturbildung. Mit anderen Worten bezieht die Absicht zur Organisation von menschlichen Gemeinschaften bzw. Gesellschaften ihre Legitimität aus dem Spannungsfeld von projektierter und konkretisierter Ordnung. Alle weiteren Strukturen und die im ersten Teil problematisierten impliziten Regeln werden dadurch mit Sinn aufgeladen. hier wird klar, dass auch implizite und nicht-fixierte Strukturen rational sind. Sie sind der Ausdruck einer bestimmten Ordnungsabsicht in einer Gesellschaft. Entsprechend ungerechtfertigt ist ihre nachträgliche epistemologische Diskriminierung. ELEMENTE EINER PRAxEOLOGISchEN ThEORIE DES POLITISchEN 286 Die praxeologische Theorie des Politischen rehabilitiert somit einerseits die Bedeutung nicht-fixierter Regeln bei der Konkretion einer Ordnung. Andererseits operiert sie mit einem spezifischen Regelverständnis des Impliziten. Dieses praktische Regelwissen ist, und das wird sehr deutlich, mit den meisten im ersten Teil problematisierten informalen Strukturen nicht deckungsgleich. Die meisten Formen von informalen Institutionen, informalem Verfassungshandeln etc. entsprechen Praktiken, die nicht-öffentlich sind. Doch ist die Zivilreligion ein öffentlich bekanntes Regelwerk, das allerdings sprachlich nicht soweit ausformuliert ist, dass es durch die politischen Praktiken für alle sanktionierbar gemacht werden kann. Die ungeschriebene Verfassung hingegen ist auch öffentlich, jedoch stärker als identifizierbares Regelwissen bekannt, da es mit einem Symbol verknüpft ist. Ebenso sind die später in der Arbeit angesprochenen Regelkomplexe wie blat oder guanxi öffentlich bekannte Praktiken. Infolgedessen sind viele als implizit beschriebene Regeln nicht unbekannt, wenn wir die Definition von Polanyi ernst nehmen. Sie sind nicht schriftlich fixiert, aber, und das wurde durch die Einführung des Symbolbegriffs deutlich, nicht weniger gesamtgesellschaftlich relevant. Dementsprechend schränkt die praxeologische Theorie des Politischen die Kategorie der impliziten Regeln ein und konzentriert sie auf ›unbewusst gewusstes‹ Regelwissen. Im Rahmen unserer Untersuchung haben wir diesen Regelbegriff im Kontext seiner möglichen Bedeutung für die Organisation der politischen Koexistenz reflektiert, woraus das Konzept des ›Know-how‹ und seiner Verankerung in der Mètis entwickelt wurde. Diese beiden Figuren umreißen das implizite Regelwissen, das im Rahmen der praxeologischen Theorie in seiner Bedeutung für die Politische Ordnung aufgeklärt werden kann. Der Ausgangspunkt hierfür ist die Annahme, dass die Strukturbildung des Politischen die Konstitution von Regelbefolgungspraxen bedingt, wobei soziale Strukturen als sozial geteilte Praxen durch Selbstreflexion und daraus resultierende Reaktionen immer weiter ausdifferenziert, getestet und verändert werden. Das Ganze ist ein selbstschöpferischer und selbstkorrigierender Prozess, der seinen Ort an der Schnittstelle zwischen dem Modus der Politischen Ordnung und dem praktischen Wissen hat. Alle für die Rahmung und das Selbstverständnis einer politischen Koexistenz wichtigen Praktiken, unabhängig davon, ob es sich um politische Gemeinschaften oder gar Gesellschaften handelt, haben an dieser Schnittstelle ihren Ausgang. Ordnung erprobt sich und ihre stiftenden Tätigkeiten immer in einem Rahmen praktischen Könnens und seines dafür notwendigen impliziten Wissens. Erst wenn diese Erprobung in der sozialen Praxis routiniert werden kann, öffnet sich der Raum für Reflexionen der Aktivitäten, die einen Status begründen können. Es sind Regeln praktischen Könnens, welche die Bildung anderer Regeln ermöglichen. NIchT-FIxIERTE STRUKTUREN ALS TEIL DES POLITISchEN 287 An dieser Stelle kann der Einwand erhoben werden, dass nach der Initialzündung zur Ordnungsbildung diese den rein impliziten Rahmen des praktischen Wissens verlässt, selbst explizit wird und fortan Regeln auf der Basis von Statuten behandelt. Daher kann das implizite Regelwissen für die Analyse gegenwärtiger Zustände in seiner Bedeutung relativiert, möglicherweise auch ignoriert werden. Zunächst ist es richtig, dass Regeln häufig den impliziten Bereich verlassen und zum öffentlich verfügbaren, auch sanktionierten Bestand einer politischen Koexistenz werden. Doch machen der Ordnungskontext des Politischen und die Struktur der sozialen Praktiken darauf aufmerksam, dass praktisches Wissen und der Modus der Ordnung immer und primär in Bezug auf die Möglichkeit der Routine eine wichtige Funktion innehaben. Weiterhin ist herausgearbeitet worden, dass auch explizite Regeln eng mit implizitem Regelwissen verbunden sind. Explizite Regeln spezifizieren immer nur einen Ausschnitt der gesamten Regelwirklichkeit. Diese Selektion kann, wie im Kontext der Formalisierung kritisch diskutiert wurde, durchaus einen instrumentellen charakter aufweisen. Explizite Regelbefolgungspraxen werden somit nicht alle impliziten Regeln ans Licht bringen. Entsprechend bleibt die Bedeutung impliziten praktischen Regelwissens bestehen und zwar nicht in ergänzender Funktion, wie es die meisten Konzeptualisierungen des Informalen im Rahmen der Politikwissenschaft sehen. Regeln des praktischen Wissens ergänzen nicht die anderen Regeln, sondern ermöglichen diese, sowohl im hinblick auf die Routine der Praktiken als auch im stetigen Abgleich der Konkretion und des Projekts Politischer Ordnung. Ein weiterer Einwand könnte besagen, dass auch wenn der basale charakter der impliziten praktischen Regeln nicht verleugnet wird, diese auf der Makro-Ebene der Gesellschaft keine Rolle spielen. Dieser Einwand schließt an das entwickelte Vermittlungsdilemma an, wonach die Mikrologik des praktischen Wissens nicht-fixierter Strukturen an der gesamt-sozialen Vermittlungsfähigkeit scheitern würde. Könnte die Politische Theorie diese nicht ignorieren? Die Antwort lautet erwartungsgemäß nein, denn durch die Analyse haben wir nachgewiesen, dass implizites praktisches Wissen im Rahmen der Mètis nicht nur einen für die gesamte Koexistenz systemischen charakter besitzt, sondern auch, dass die Mètis durch die Symboliken der Repräsentationsbeziehung bzw. eigene Symbole gesamtgesellschaftlich vermittelt werden kann. Somit kann die im ersten Teil entwickelte heuristik informaler Strukturen angepasst werden: Erstens besteht die Möglichkeit, dass implizite Regeln als Teil der Symbolik der Repräsentationsbeziehung vermittelt oder davon ausgeschlossen werden. Im zweiten Fall können sie durch weitere Symbole vermittelt werden. Nur im ersten Fall sind sie auf die Politische Ordnung zurückzuführen. Zweitens ist zu differenzieren, ob die zum Verständnis der Symbole notwendigen Rezeptionspraktiken öffentlich ELEMENTE EINER PRAxEOLOGISchEN ThEORIE DES POLITISchEN 288 bzw. nicht-öffentlich sind. Da das praktische Wissen implizit ist und nicht ausformuliert wird, beschränkt sich die Rezeption auf die Erkenntnis, dass noch unbewusste Regeln existieren, auf die man sich verlassen kann. Der zweite Fall würde dazu führen, dass nur Eingeweihte die Bedeutung der Symbole angemessen interpretieren können. Daraus ergeben sich theoretisch vier Möglichkeiten für die Manifestation impliziter Regeln: Bedeutung und Wirksamkeit des ›Know-how‹ Politischer Ordnung Symbolisierung Repräsentationsbeziehung Außerhalb der Repräsentationsbeziehung Öffentlich Öffentliche und politisch begründbare Normen – hohe Erwartungsstabilität Öffentliche unpolitisch begründbare Normen – Mittlere Erwartungsstabilität Nicht- Öffentlich Partikulare politisch begründbare Normen – Mittlere Erwartungsstabilität Partikulare unpolitisch begründbare Normen – Geringe Erwartungsstabilität Wie zu erkennen ist, können implizite Regeln des ›Know-how‹ durch Symboliken, die in der politischen Assemblage relevant und verstanden werden, gesamtgesellschaftliche Geltungskraft gewinnen. hierbei ist zu unterscheiden, ob diese Symbolik auch Ausdruck der Repräsentationsbeziehung ist oder eine eigene Symbolik darstellt. Im ersten Fall würde die Geltung der impliziten Regeln mit der modalen Form Politischer Ordnung begründet werden können, also eine höhere Normativität besitzen. Aber auch in dem Fall, dass implizite Regeln sich eigener Symboliken bedienen, ist theoretisch der Bezug auf die Politische Ordnung möglich, jedoch nicht mehr direkt im Rahmen einer politischen Argumentation und auch nur, wenn die Rezeptionspraktiken öffentlich sind. Dies ist wichtig, da der Bezug zur öffentlichen Repräsentationsbeziehung hergestellt werden muss. Sollten die Rezeptionspraktiken nicht-öffentlich sein, lassen sich implizite Regeln nicht mehr in der gesamten Koexistenz beobachten. Sie gelten dann nur partikular, wobei sie im Kontext der Symbolik der Repräsentationsbeziehung wiederum auf eine Begründung ihrer Geltung in Bezug auf die Politische Ordnung bauen können. Wenn die Symboliken sogar nicht denen der Repräsentationsbeziehung entsprechen, ist Rezeptionsprak tiken NIchT-FIxIERTE STRUKTUREN ALS TEIL DES POLITISchEN 289 der Wirkungshorizont stark eingeschränkt. Dies lässt sich auch mit der Überlegung zur »Erwartungsstabilität« (Luhmann 1999, 54 ff.) von impliziten Regeln verbinden. Demnach besteht die höchste Erwartungsstabilität von impliziten Regeln im Fall ihrer Mitrepräsentation in der Symbolik der Repräsentationsbeziehung und der öffentlichen Verfügbarkeit der dafür notwendigen Rezeptionspraktiken. Greift sie stattdessen auf alternative Symbole zurück oder sind die Rezeptionspraktiken nicht-öffentlich, mindert das die Erwartungsstabilität. Jedoch ist diese durch die Wirksamkeit der Symbolik der Repräsentationsbeziehung bzw. die Öffentlichkeit der Rezeptionspraktiken durchaus im Rahmen einer möglichen Routine. Unwahrscheinlich ist die soziale Wirkung von impliziten Regeln im Fall der nicht-öffentlichen Rezeptionspraktiken bei gleichzeitig alternativer unpolitischer Symbolik. Die heuristik hilft uns, die Funktionalität des ›Know-how‹ für die Routine der sozialen Ordnung richtig beurteilen zu können. Durch die enge Bindung der Dogmatik an die Symbolik der Verfassung und ihren öffentlichen charakter im Rahmen der zwar spezifischen, aber nicht unsichtbaren juristischen Rezeptionspraktiken kann sie in ihrer Wirkung eine hohe Erwartungsstabilität erreichen. Dies ist im Rahmen der modalen Form der Ordnung auch notwendig, um eine Ordnung im Kollektivmodus zu entfalten. hier trifft sich unsere Beobachtung mit der funktionalen Interpretation von Luhmann, der Systembildung mit Vertrauen verbindet, das Menschen nicht mehr gegenüber anderen Menschen, sondern gegenüber einem System entwickeln. Dies setzt jedoch eine systemische Identität voraus, die nur durch Generalisierung von Verhaltenserwartungen erreicht werden kann (vgl. Luhmann 1999, 72 f.). Das für die Generalisierung notwendige praktische Wissen wird in der Dogmatik symbolisiert, wodurch kollektiv dekontextualisiert und identifiziert (bzw. systematisiert) werden kann. Doch auch die Pragmatik kann, wie am Beispiel china gezeigt, durch die Bindung an das personale Symbol der Partei und die (gewiss auch durch Propaganda motivierten) öffentlichen Rezeptionspraktiken ein hohes Maß an Erwartungsstabilität erreichen. Weil das ›Know-how‹ aber noch auf andere Symboliken zurückgreift, lässt sich die Generalisierung im Sinne einer Ordnung im Kollektivmodus vermutlich nicht umsetzen. Das Beispiel Russland belegt deutlich, dass eine an die Repräsentationsbeziehung ansetzende Symbolik ohne öffentliche Rezeptionspraktiken nicht in der gleichen Weise Erwartungsstabilität produzieren kann. Jedoch reicht sie aus, um die Routine der Politischen Ordnung in ihrer praktischen Expression raumzeitlich stabil zu halten. Zum Schluss fassen wir das in der Untersuchung entwickelte Verständnis impliziter Regeln vor dem hintergrund der im ersten Teil systematisierten Fixierungsstrategien zusammen: ELEMENTE EINER PRAxEOLOGISchEN ThEORIE DES POLITISchEN 290 – Begriffskonstruktion: Der Begriff der impliziten Regeln wird von uns einschränkend benutzt. Es handelt sich nur um unbewusste Regeln, die in der Routine sozialer Praktiken Anwendung finden. Wir sprechen nicht von Informalität, sondern allenfalls von schriftlich nicht-fixierten Regeln. Alle im ersten Teil vorgestellten informalen Regeln sind in unserer Diktion keine impliziten Regeln, sondern bekannte nichtrechtliche Regeln, die öffentlich oder nicht-öffentlich sind. – Gegenstandsbereich: Der enge Begriff der impliziten Regeln wird von uns auf die Ebene der politischen Koexistenz gehoben, wo er im Kontext der Politischen Ordnung, als Rahmen menschlicher Ordnungsbildung allgemein, die modale Seite bildet. Wir bezeichnen dies deshalb als ›Know-how‹ einer Politischen Ordnung, das in der Mètis einer politischen Assemblage wirksam wird. Es handelt sich um ein implizites Methodenwissen, das durch analoge Symboliken kollektiv verfügbar gemacht wird. – Dependenz: Im Rahmen der praxeologischen Theorie des Politischen werden die impliziten Regeln zu Vorreitern jeglicher sozialen Struktur. Letztlich sind alle Strukturen, auch explizite und rechtlich fixierte, von der Wirksamkeit der impliziten Regeln des ›Know-how‹ einer Gesellschaft abhängig. Nur die Fähigkeit der Dekontextualisierung ermöglicht die Formalisierung von Regeln. Demzufolge füllen implizite Regeln keine Steuerungslücken formaler Strukturen. Wo in der Politischen Ordnung das implizite Wissen einen praktischen Rahmen für die explizite, auch formalisierte Regelung eröffnet, können sich die entsprechenden Regeln bilden. – Normativität: Implizite Regeln besitzen als Regeln der Fähigkeit eine normative Bedeutung. Denn diese spielen bei der ordentlichen Gestaltung politischer Koexistenzen eine wichtige Rolle. Sie stellen Bedingungen des Ordentlichen auf, die gemusst und Teil des Wollens von Menschen werden. Im Kontext der Politischen Ordnung stehen sie für die praktische Expression eines normativen Unternehmens gesellschaftlicher Organisation, das Kontingenz unterbricht. 3. Transkultureller Vergleich und Genese Politischer Ordnung Die Illustration der Ausgestaltungen modaler Formen der Politischen Ordnung hat deren kulturelle und historische Varianz verdeutlicht. Damit steht die praxeologische Theorie des Politischen für eine kultursensible Form wissenschaftlicher Beobachtung, die sich insbesondere in der gegenwärtigen transkulturellen herausforderung als theoretisches TRANSKULTURELLER VERGLEIch UND GENESE POLITISchER ORDNUNG 291 Instrumentarium anbietet.2 Der bestimmende Gegenstand der transkulturell (vergleichenden) Politischen Theorie ist die Reflexion der durch die globale Vernetzung drängenderen Notwendigkeit einer kulturell sensibilisierten Wahrnehmung und Auseinandersetzung mit unterschiedlichen politischen Ordnungsvorstellungen (vgl. Dallmayr 1997, 421; March 2009, 531 f.; Zapf 2011). Dabei registrieren Politikwissenschaft und Soziologie, dass die vermehrte Vernetzung weder zur homogenisierung des politischen Ordnungsdenkens führt, noch einer sich vertiefenden heterogenität Politischer Ordnungen Vorschub leistet (vgl. Reckwitz 2004a; Schwinn 2006). Weder entsteht ein einheitliches globales Ordnungsdenken, noch werden die Unterschiede zwischen den kulturell diversen Ordnungsvorstellungen vergrößert. Weil der globale hegemon fehlt, entwickelt sich vielmehr ein komplexer transkultureller und pluralistischer Ordnungsrahmen, aus dem sich methodische, sprachliche, kultursensible und normative Ansprüche an die Theoriebildung ergeben (vgl. Dallmayr 2010, 7). Diesen gerecht zu werden ist eine herausforderung für die transkulturell vergleichende Politische Theorie, die kritisch die neue globale Kultur- und damit Ordnungsinteraktion begleiten muss. hierfür tritt die Politische Theorie in einen Dialog mit den ›anderen‹ Kulturen (vgl. de la Rosa 2012). Dabei kann die Perspektive der praxeologischen Theorie des Politischen gerade auf der Ebene der politischen Organisation des Alltags zeigen, inwieweit spezifische raumzeitlich kontingente Praktiken zum Einsatz kommen, die nachträglich die Manifestation der Politischen Ordnung beeinflussen, ohne, dass sie explizit sind. Wir haben die Unterschiede zwischen Dogmatik und Pragmatik in Bezug auf die verschiedenen Modi der Politischen Ordnung aufgeklärt. Dabei konnten wir zeigen, dass interessanterweise gerade nicht-westliche Kulturen Politische Ordnung im Einzelmodus vollziehen. Nun besteht jedoch zumindest in der westlichen Perspektive auf die Welt der Konsens, dass der »Wert des Einzelnen« (hastedt 1998) ein genuiner Bestandteil der europäischen Politischen Ordnung ist. Durch die praxeologische Aufklärung wird aber gezeigt, dass dafür ein spezifisches ›Know-how‹ notwendig ist, das die Ordnung im Kollektivmodus ermöglicht. Erst die praktische Expression einer Ordnung im Kollektivmodus ermöglicht den herausgehobenen Status des Einzelnen, die sogar im Individualismus als einer Ideologie der Moderne gipfelt (vgl. Dumont 1991). In transkultureller hinsicht muss genau differenziert werden, welches ›Know-how‹ für den jeweiligen Ordnungsmodus bestimmend ist. Anschließend ist zu untersuchen, welche historischen Erfahrungen die Genese der bestimmenden Praktiken ermöglicht haben. hierzu können wir kurz auf die historischen Formen des Totalitarismus aufmerksam machen. Sowohl in china als auch in Russland wirkten ähnliche Formen 2 Die folgenden Ausführungen basieren auf Knobloch 2012. ELEMENTE EINER PRAxEOLOGISchEN ThEORIE DES POLITISchEN 292 des Totalitarismus. Beide können mit Blick auf den Modus der Politischen Ordnung als tragische Versuche zur gewaltsamen Etablierung eines Kollektivmodus verstanden werden. Die Versuche negierten das vorhandene ›Know-how‹ und haben deshalb genau das Gegenteil erreicht – eine Festigung des Einzelmodus. Durch die Aufklärung dieser hintergründe lassen sich insbesondere für den Dialog mit anderen Kulturen wertvolle Erkenntnisse gewinnen. Zum einen schärft sie den Blick für methodische Voraussetzungen politischer Praktiken, die davor schützen, falsche Erwartungen zu entwickeln. Eine dezidierte Einschätzung der Funktionsvoraussetzungen von Demokratie gehört dazu. Somit kann man sich vor einer leichtfertigen Forderung nach Demokratie hüten, zumal diese schlicht von der Folie westlicher Praxis abgezogen und universalisiert wird. Dies bietet gleichsam Schutz vor der Erwartungsenttäuschung, weil die ohne Kenntnis der praxeologischen Voraussetzungen bestimmter herrschaftssysteme getroffene Annahme der beliebigen Reproduzierbarkeit politischer Praxis letztlich ins Leere läuft. Die praxeologische Theorie relativiert ebenfalls die universale Ideologie des Individualismus und konfrontiert sie mit der Wirklichkeit stark individualistischer Gesellschaften, die im Schatten personaler Symbole ihrer politischen Systeme auf der Regelbefolgung durch den Einzelnen beruhen. Schließlich bietet sich die praxeologische Theorie in einer weiteren hinsicht an: Durch die globale Vernetzung verschiedener lokaler Praktiken müssen Gesellschaften stetig mit Ordnungsangeboten und Regelsystemen externer Art umgehen. Daraus haben sich spezifische Reaktionen in Form hybridisierter Praktiken entwickelt, wobei externe Regeln adaptiert werden (vgl. Knobloch 2012; Preyer/Krau- ße 2012, 407). Dieser Adaptionsprozess, der als Tendenz die Ausbildung einer transkulturellen Politischen Ordnung ermöglicht, wird durch das lokal organisierte praktische Wissen geformt. Gerade für diesen Prozess erlaubt die Perspektive der praxeologischen Theorie des Politischen realistische Einschätzungen, jenseits abstrakter, idealer und utopischer Ordnungsentwürfe in der Politischen Theorie (vgl. Ottmann 2012). 293 Literatur Ahrens, Johannes et al. (2011), Normativität. Über die Hintergründe sozialwissenschaftlicher Theoriebildung, Zur Einführung, in: dies. (Hg.), Normativität. Über die Hintergründe sozialwissenschaftlicher Theoriebildung, Wiesbaden: VS Verlag, 9–24. Amar, Akhil Reed (2012), America’s Unwritten constitution: The Precedents and Principles We Live By, New York: Basic Books. Andreev, Anatolij P./Selivanov, Aleksandr I. (2004), Russkaja Tradicija, Moskau: Algoritm. Anter, Andreas (2007), Die Macht der Ordnung: Aspekte einer Grundkategorie des Politischen, 2., überarbeitete Auflage, Tübingen: Mohr Siebeck. Arendt, hannah (2002), Vita activa oder vom tätigen Leben, Zürich: Piper. Azari, Julia R./Smith, Jennifer K. 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Zusammenfassung

Das Buch behandelt das Thema der Informalität sozialer Strukturen aus der Perspektive der Politischen Theorie. Dabei wird der Zusammenhang zwischen der Normativität einer Ordnung und den informalen Strukturen, die im gesellschaftlichen Rahmen als Know-how bezeichnet werden, systematisiert. Weil das Informale als Ausdruck des Modus einer Ordnung die gleichen normativen Ansprüche wie der Zustand einer Ordnung besitzt, handelt es sich auch beim Know-how um ein für die jeweilige Gesellschaft normatives Orientierungswissen.

Ausgehend von einer kritischen Reflexion der politikwissenschaftlichen Erforschung informaler Strukturen werden die wissenschaftlichen Fixierungsstrategien nicht-fixierter Strukturen aufgedeckt und deren Grenzen analysiert. Alternativ dazu wird ein politischer Strukturbegriff der Ordnung entwickelt. Ordnungstheoretisch existiert das Politische simultan als Status, Modus und Prozess, woraus sich keine Privilegierung formaler Regeln ableiten lässt. Durch die weitere Verknüpfung depolitischen Ordnungskonzepts mit der sozialtheoretischen Praxeologie lässt sich das Informale als implizites praktisches Wissen zum Untersuchungsgegenstand erheben. Die illustrative Analyse des praktischen Wissens auf der gesellschaftlichen Ebene enthüllt zwei unterschiedliche Modi Politischer Ordnung, die sich in differenzierten Symbolen und dem damit kollektiv verfügbaren praktischen Wissen reproduzieren. Es wird deutlich, dass im Informalen fundamentale Ordnungsprinzipien einer Gesellschaft enthalten sind, die grundlegende Aussagen über deren Kultur erlauben. Mithilfe dieser Aussagen lassen sich auch transkulturelle Aspekte der Ordnung durch eine praxeologische Theorie des Politischen beschreiben.

References

Zusammenfassung

Das Buch behandelt das Thema der Informalität sozialer Strukturen aus der Perspektive der Politischen Theorie. Dabei wird der Zusammenhang zwischen der Normativität einer Ordnung und den informalen Strukturen, die im gesellschaftlichen Rahmen als Know-how bezeichnet werden, systematisiert. Weil das Informale als Ausdruck des Modus einer Ordnung die gleichen normativen Ansprüche wie der Zustand einer Ordnung besitzt, handelt es sich auch beim Know-how um ein für die jeweilige Gesellschaft normatives Orientierungswissen.

Ausgehend von einer kritischen Reflexion der politikwissenschaftlichen Erforschung informaler Strukturen werden die wissenschaftlichen Fixierungsstrategien nicht-fixierter Strukturen aufgedeckt und deren Grenzen analysiert. Alternativ dazu wird ein politischer Strukturbegriff der Ordnung entwickelt. Ordnungstheoretisch existiert das Politische simultan als Status, Modus und Prozess, woraus sich keine Privilegierung formaler Regeln ableiten lässt. Durch die weitere Verknüpfung depolitischen Ordnungskonzepts mit der sozialtheoretischen Praxeologie lässt sich das Informale als implizites praktisches Wissen zum Untersuchungsgegenstand erheben. Die illustrative Analyse des praktischen Wissens auf der gesellschaftlichen Ebene enthüllt zwei unterschiedliche Modi Politischer Ordnung, die sich in differenzierten Symbolen und dem damit kollektiv verfügbaren praktischen Wissen reproduzieren. Es wird deutlich, dass im Informalen fundamentale Ordnungsprinzipien einer Gesellschaft enthalten sind, die grundlegende Aussagen über deren Kultur erlauben. Mithilfe dieser Aussagen lassen sich auch transkulturelle Aspekte der Ordnung durch eine praxeologische Theorie des Politischen beschreiben.