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Patricia A. Gwozdz

Homo academicus goes Pop

Zur Kritik der Life Sciences in Populärwissenschaft und Literatur

1. Edition 2016, ISBN print: 978-3-958-32069-7, ISBN online: 978-3-8452-7753-0, https://doi.org/10.5771/9783845277530

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VELBRÜCK WISSENSCHAFT www.velbrueck-wissenschaft.de ISBN 978-3-95832-069-7 VELBRÜCK WISSENSCHAFT G w oz dz • H om o ac ad em ic us g oe s Po pMit (wissens-)soziologischen, komparatistisch-historischen sowie textanalytischen Mitteln erörtert die Autorin in diesem Buch zunächst die Genese und Struktur des populärwissenschaftlichen Feldes im internationalen Vergleich. Ausgehend von literatur- und texttheoretischen Ausführungen zu unterschiedlichen nationalen Genres des populärwissenschaftlichen Schreibens und zur Theorie des Popularisierens im Allgemeinen untersucht sie darauf folgend im Kontext der historischen Disziplingenese der Biologie anhand ausgewählter Akteure der Genetik, Epigenetik, Sociobiology und Evolutionary Psychology die intellektuellen Netzwerke und ihre Textproduktion. Schließlich avanciert die fiktionale Erzählliteratur selbst zur Kritikerin lebenswissenschaftlicher Ideologien und Theorien. Anhand ausgewählter literarischer Werke des 20. und 21. Jahrhunderts werden die Wechselbeziehungen zwischen fiktionaler Erzählliteratur und nicht-fiktionaler Sachbuchliteratur untersucht. Die Autorin geht der Frage nach, auf welche Art und Weise Alltagsund Wissenschaftssprache in der Literatur miteinander interagieren und eine immanente Ideologiekritik spekulativer Theoriebildung des Popular Science Writing initiieren. Dieses Buch richtet sich an Geistes- und Sozialwissenschaftler, die das wissenschaftspolitische Programm der »Literaturwissenschaft als Lebenswissenschaft« (O. Ette) in anwendungsorientierten Forschungskontexten erprobt wissen wollen. Mit seinen polemischkritischen Thesen und einem selbstreflexiv-ironischen Schreibstil facht es das Gespräch über Populärwissenschaften weiter an: Es ist das Populäre, das sich quer über die sozialen Felder legt und der »illusio« (P. Bourdieu) des akademischen Textspiels neue Wege eröffnet. Patricia A. Gwozdz, Dr. phil., promovierte an der Universität Potsdam und ist seit 2015 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am dortigen Institut für Romanistik. Sie studierte Germanistik/Komparatistik, Psychologie und Philosophie an der Universität Münster. Patricia A. Gwozdz Homo academicus goes Pop Zur Kritik der Life Sciences in Populärwissenschaft und Literatur VELBRÜCK WISSENSCHAFT www.velbrueck-wissenschaft.de ISBN 978-3-95832-069-7 VELBRÜCK WISSENSCHAFT G w oz dz • H om o ac ad em ic us g oe s Po pMit (wissens-)soziologischen, komparatistisch-historischen sowie textanalytischen Mitteln erörtert die Autorin in diesem Buch zunächst die Genese und Struktur des populärwissenschaftlichen Feldes im internationalen Vergleich. Ausgehend von literatur- und texttheoretischen Ausführungen zu unterschiedlichen nationalen Genres des populärwissenschaftlichen Schreibens und zur Theorie des Popularisierens im Allgemeinen untersucht sie darauf folgend im Kontext der historischen Disziplingenese der Biologie anhand ausgewählter Akteure der Genetik, Epigenetik, Sociobiology und Evolutionary Psychology die intellektuellen Netzwerke und ihre Textproduktion. Schließlich avanciert die fiktionale Erzählliteratur selbst zur Kritikerin lebenswissenschaftlicher Ideologien und Theorien. Anhand ausgewählter literarischer Werke des 20. und 21. Jahrhunderts werden die Wechselbeziehungen zwischen fiktionaler Erzählliteratur und nicht-fiktionaler Sachbuchliteratur untersucht. Die Autorin geht der Frage nach, auf welche Art und Weise Alltagsund Wissenschaftssprache in der Literatur miteinander interagieren und eine immanente Ideologiekritik spekulativer Theoriebildung des Popular Science Writing initiieren. Dieses Buch richtet sich an Geistes- und Sozialwissenschaftler, die das wissenschaftspolitische Programm der »Literaturwissenschaft als Lebenswissenschaft« (O. Ette) in anwendungsorientierten Forschungskontexten erprobt wissen wollen. Mit seinen polemischkritischen Thesen und einem selbstreflexiv-ironischen Schreibstil facht es das Gespräch über Populärwissenschaften weiter an: Es ist das Populäre, das sich quer über die sozialen Felder legt und der »illusio« (P. Bourdieu) des akademischen Textspiels neue Wege eröffnet. Patricia A. Gwozdz, Dr. phil., promovierte an der Universität Potsdam und ist seit 2015 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am dortigen Institut für Romanistik. Sie studierte Germanistik/Komparatistik, Psychologie und Philosophie an der Universität Münster. Patricia A. Gwozdz Homo academicus goes Pop Zur Kritik der Life Sciences in Populärwissenschaft und Literatur Patricia A. Gwozdz Homo academicus goes Pop Patricia A. Gwozdz Homo academicus goes Pop Zur Kritik der Life Sciences in Populärwissenschaft und Literatur VELBRÜCK WISSENSCHAFT Erste Auflage 2016 © Velbrück Wissenschaft, Weilerswist 2016 www.velbrueck-wissenschaft.de Printed in Germany ISBN 978-3-95832-069-7 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. Inhalt Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .9 prolog die fröhliche wissensgesellschaft Atlantis 1626: Entdeckung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .15 Der Tempel der Wissenschaften und die Archive des Wissens . . . . . .26 Die Gelehrten – Wächter des Tempelbergs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .41 teil i ein interdisziplinäres archipel 1. Die sozialen Logiken des Kapitaltransfers . . . . . . . . . . . . . . . . . . .59 2. Ideologie, Utopie, Wissen (Karl Mannheim) . . . . . . . . . . . . . . . . .69 3. Pop, populär, Popularisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .86 3.1 Die Rhetorik des falschen Schnitts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98 3.2 Gattungen und Genres der Populärwissenschaft . . . . . . . . . . 108 3.3 Popularisatoren als Diskursivitätsbegründer: Das populäre Schreibparadigma . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135 4. Profil und Signatur von »Homo academicus goes Pop«. . . . . . . .157 teil ii struktur und genese des populärwissenschaftlichen feldes Atlantis 1800–2000: Kolonialisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .163 1. Deutschland: Von »esoterischer Deskriptionspoetik« zur Wissenschaftskommunikation. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .164 2. England: The Voice of Amateur Science in the Struggle for Authority . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .189 3. Frankreich: La science pour tous et les vulgarisateurs scientifiques . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .219 4. USA: The Birth of a Nation on the Shoulders of the Men of Science . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .245 5. Interciencias Américas: La divulgación científica transareal . . . .288 6. Der transareale Blick auf ein transnationales Feld. . . . . . . . . . . .316 teil iii das populärwissenschaftliche feld der ›life sciences‹ Atlantis 1859–1995: Imperium . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .323 1. Die Wissenschaft vom Leben: Von der Biologie als Experimentalwissenschaft . . . . . . . . . . . . . .324 1.1 »The Humanist Frame«: Die Agenda evolutionsbiologischer Orthodoxie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 343 1.2 Formen wissenschaftlichen Popularisierens als spekulative Wissenschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 355 2. »Molecular Biology and the Kingdom of Ideas«: Popularisierung als spontane Philosophie . . . . . . . . . . . . . . . . . .376 2.1 Autobiographien von Akteuren am autonomen Pol: »La statue intérieure« und »Avoid boring people« . . . . . . . . 424 2.2 »Epigenetik«: Die weibliche Signatur der Popular Science Critic. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 443 3. Von der Sociobiology zur Evolutionary Psychology. . . . . . . . . . .485 3.1 Das angloamerikanische Denkkollektiv: Von der Verhaltensbiologie zur Kulturtheorie . . . . . . . . . . . 494 3.2 Das Ende der Naturgeschichte als wissenschaftliche Disziplin: Das ethologische Genre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 507 3.3 Oxford: Die Hochburg populärwissenschaftlicher Mandatsträger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 518 3.4 Akteure und Texte als Vektoren des Übergangs: David Buss, Robert Wright, Steven Pinker . . . . . . . . . . . . . . 570 4. Spekulative Theoriebildung und Popularisierung in den Life Sciences . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .608 teil iv »down the rabbit hole« Atlantis Zero: Revolution . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .617 1. Literaturwissenschaft als Lebenswissenschaft: Eine Third Culture ohne Auftrag?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .618 2. Literarische Streifzüge unorthodoxer Philologen . . . . . . . . . . . .633 3. Literatur und Leben in der ästhetischen Tätigkeit . . . . . . . . . . .665 4. Das zoologische Vermächtnis: Kafkas animalische Traktate über das Sein zum Tier . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .684 5. Eine Pseudo-Dokumentation evolutionsbiologischer Globalisierungsgeschichte: Karel Capeks utopische Allegorie »Krieg mit den Molchen« (1936). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .713 6. Sex, Drugs and Genes: Postapokalyptische Dystopien in feministischer Science Fiction . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .727 6.1 Margaret Atwoods »MaddAddam«-Trilogie . . . . . . . . . . . . 734 6.2 Octavia E. Butlers »Xenogenesis«-Trilogie . . . . . . . . . . . . . 756 6.3 Dietmar Daths »Die Abschaffung der Arten« . . . . . . . . . . . 778 7. The selfish gene revisited: Jorge Volpis Zeit der Asche und das Ende der Utopien . . . . . . . . . . . . . . . . .804 8. Friktionale Pathobiographien: Oliver Sacks Clinical Tales . . . . .822 9. Roman und Klinik: Richard Powers Clinical Novel »The Echo Maker« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .854 10. Diskursive Konvivenz von literarischen Wissensformen und populärwissenschaftlichen Wissensnormen. . . . . . . . . . . . .868 ausblick homo academicus goes pop? Wie man wird, wovon man schreibt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .875 Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .879 Internetquellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .909 9 Vorwort »Der Glaube an unerschöpfliche Werke ist einfach die Unlust, neben heiligen Schriften auch ihre verstaubten Geschwister zur Hand zu nehmen.« Kittler 1995, 521 Dieses Buch erscheint zu einem Zeitpunkt, an dem Vieles, aber noch längst nicht alles über die Beziehung von Wissenschaft, Populärwissenschaft und Literatur gesagt ist. Über die Funktion der Dritten Kultur oder Third Culture wurde viel diskutiert und debattiert, über ihre intellektuelle wie schreibgenealogische Entstehungsgeschichte hat man sich jedoch ausgeschwiegen, zumindest in all jenen Disziplinen, die sich noch als primär geisteswissenschaftliche Fächer verstehen: in der Philologie und der Philosophie. Die Medien- und Kommunikationswissenschaften genauso wie die Wissenschaftsgeschichte und die Wissenssoziologie geben in der Forschung den Ton an und programmieren das methodologische Spektrum, welches das Verhältnis von Wissenschaft und Populärwissenschaft entschlüsseln soll. Warum also sollten sich Literaturwissenschaftler/innen mit einem so marginalen Genre wie populärwissenschaftlichen Büchern auseinandersetzen und sie auch noch in Beziehung zur Literatur setzen? Weil philologische und philosophische Literatur zu einem gewissen Teil selbst populärwissenschaftlich ist. Nun geht ein Raunen durch die akademischen Flure. Geisteswissenschaften sind nicht populär und werden es niemals sein! Man beschäftigt sich hin und wieder mit populären Phänomenen, aber sich selbst in den Ring der Debatten zu stellen, wird eher vermieden. Denn das unausgesprochene Gesetz ernster Wissenschaft ist und bleibt die Distanz zum eigenen Untersuchungsgegenstand und die Differenz von Meta- und Objektsprache, zwei Gebote also, die gerade das populärwissenschaftliche Sprechen unterläuft, zumal es keinen wirklichen empirischen Untersuchungsgegenstand besitzt als Texte. Ihre Aufgabe besteht im Analysieren, Synthetisieren, (kritischen) Kommentieren und Positionieren von Texten innerhalb anderer (Kon-)Texte. Also ist sie doch eine Geisteswissenschaft? Sind popularisierende Naturwissenschaftler mit Masken getarnte Geisteswissenschaftler? Damit lautet der Subtext dieses Buches: Reden wir über Geistes- und Populärwissenschaft in der Öffentlichkeit und hören wir auf über trans- oder interdisziplinäre Bezüge zwischen Geistes- und Naturwissenschaften nachzudenken, denn was Geisteswissenschaftler über Naturwissenschaften aussagen, interessiert 10 HOMO ACADEMICUS GOES POP diese recht wenig. Die Literatur schreibt nicht das Informationsnetz der Naturwissenschaften an, um eine Poetik oder Poetologie des Wissens zu produzieren, sondern verwertet den nicht-brauchbaren Abfall naturwissenschaftlicher Diskurse, also die Populärwissenschaft. Besonders die Aufschreibesysteme 1920/2010 zeigen, dass durch die zunehmende Exklusivität zu den Spezialdiskursen ein vielfältiges mediales Netzwerk Öffentlicher Wissenschaft über die Gutenberg-Galaxis hinaus geschaffen wurde, das zum Hauptinformanten literarischer Diskurse geworden ist, wenn nicht ein Akteur des literarischen Feldes gerade selbst ein praktizierender Forscher in den Naturwissenschaften ist. Blicken wir also auf die Thesen und Theorien der Populärwissenschaft, um sie in den Wettbewerb mit fiktionaler Erzählliteratur zu stellen. Die ›heiligen Schriften‹ der Philologen stehen hier neben ihren ›verstaubten Geschwistern‹. Distanz und Differenz werden in diesem Buch selbst zum Gegenstand des Textspiels gemacht, um die bewusste In-Szene-Setzung der philologischen Sprecherin mit ein wenig Ironie und wohl dosierter Polemik darzustellen. Dies ist kein postmoderner Manierismus, sondern der Kampfeinsatz im akademischen Feld der Zwei Kulturen. Der Leser findet hier eine um 200 Seiten gekürzte Fassung meiner Dissertationsschrift. Aus dem letzten Teil wurden vier Kapitel zum Beziehungsgeflecht von Literatur und Medizin entfernt und werden in einem separaten Buch erscheinen. Die Analysen zu Oliver Sacks und Richard Powers sind dieser Kürzung nicht zum Opfer gefallen. Allerdings eine Menge Fußnoten, aus denen wieder ein eigenes Buch hätte entstehen können. Der Leser wird merken, dass sich die Autorin nicht immer kurz fassen konnte. Das brachte die historische Rekonstruktion des internationalen populärwissenschaftlichen Feldes mit sich. Der Fußnotenapparat – akademisches Indiz für Gelehrsamkeit und Belesenheit – appelliert daher vor allem an diejenigen, die es genauer wissen wollen und für ihre eigene Forschungsarbeiten mittels des Schneeballeffekts des Zitatsystems Recherchearbeit sparen wollen. Dieses Buch freut sich jetzt schon auf die erkenntniskritische und methodologische Kritik weiterer Forschungsarbeiten zu diesem Thema und darüber hinaus. Bleibt mir also nur noch all jenen zu danken, ohne die dieses Buch auch aufgrund seiner hohen Seitenanzahl nicht in einem so beschleunigten Tempo hätte publiziert werden können. Die Dissertation entstand im Rahmen des DFG-Graduiertenkollegs »Lebensformen + Lebenswissen«, ohne deren institutionelles wie ökonomisches Kapital diese Arbeit nicht die Form angenommen hätte, die sie heute hat. Meinem Doktorvater Prof. Dr. Ottmar Ette gilt mein Dank in besonderer Weise. Seine Bücher haben mich zu neuen Worttaten inspiriert und die Annahme dieser risikoreichen Dissertation, die unter demselben Titel eingereicht wurde, zeugt von einer Öffnung der literaturwissenschaftlichen Institution, die schon längst überfällig war. Prof. Dr. Gertrud Lehnert danke ich für die 11 VORWORT aufschlussreichen und kritischen Kommentare zum Gender-Diskurs in den Texten von Octavia E. Butler und Margaret Atwood, deren Interpretation hier leider etwas zu kurz kommt, aber im Bewusstsein der Autorin stets präsent war. Gewidmet ist dieses Buch jedoch denjenigen, die mich sozialisiert haben und denen ich mein kulturelles Kapital verdanke: meinen Eltern. Sie haben zwar nicht immer verstanden, was ich als Geistes-, Kultur- oder Literaturwissenschaftlerin mache, aber sie haben meine popularisierte Version dessen, was ich sagen will, nicht nur in ihre eigene Sprache übersetzen können, sondern das Projekt als solches immer befürwortet. Die Erlangung des Doktorgrades kürt eine bestimmte Form der Intellektualität. Aber ohne Publikation kein intellektuelles Kapital! Ohne die finanzielle Unterstützung meines Vaters hätte diese Arbeit nicht publiziert werden können. Ihm gilt mein größter Dank! Berlin, im Januar 2016 Patricia Gwozdz PROLOG DIE FRÖHLICHE WISSENSGESELLSCHAFT Die neuen Humanisten und das Ethos des globalen Intellektuellen 15 Atlantis 1626: Entdeckung Im Hor izont des Unendl ichen . – Wir haben das Land verlassen und sind zu Schiff gegangen! Wir haben die Brücke hinter uns, – mehr noch, wir haben das Land hinter uns abgebrochen! Nun, Schifflein! sieh’ dich vor! Neben dir liegt der Ocean, es ist wahr, er brüllt nicht immer, und mitunter liegt er da, wie Seide und Gold und Träumerei der Güte. Aber es kommen Stunden, wo du erkennen wirst, dass er unendlich ist und dass es nichts Furchtbares giebt, als Unendlichkeit. Oh des armen Vogels, der sich frei gefühlt hat und nun an die Wände dieses Käfigs stösst! Wehe, wenn das Land-Heimweh dich befällt, als ob dort mehr Freiheit gewesen wäre, – und es giebt kein »Land« mehr! Nietzsche 2003, KSA III, 480 Die Genealogie der Wissensgesellschaft besitzt keinen Ursprung. Sie enthält jedoch zahlreiche Geschichten ihrer Herkunft: ihre Gründungsnarrative. Sie unterliegen einem konstruktiven Prinzip, sind identitätsbildend und verleihen soziale Stabilität. Bei dem Gründungsnarrativ der Wissensgesellschaft verhält es sich jedoch anders. Da sich der Diskurs über die Wissensgesellschaft bereits in eine mediale Mystifizierung der Wissensgesellschaft verkehrt, d.h., ihre Faktizität von Soziologen bereits bestritten wird (Kübler 2009, 196f.), endet ihre Geschichte dort, wo sie angefangen hat: in der Utopie. Ihre Nichtverortbarkeit auf der geschichtlichen Landkarte rührt daher, dass ihre einzige erzählbare Herkunft »beyond the new and old world« (Bacon 1963, 134) liegt: in der Kopfgeburt eines christlichen Erkenntnispatriarchen, dessen eigene religiös fundierte Wissenschaftslehre zum Evangelium eines utpoischen Inselstaates wird. »Bensalem« ist der ominös wirkende Name jenes Ortes, an dem der erste König Salomon seine scientific community gründet: Er tauft sie auf den Namen »the houses of Salomon«. Im Jahre 1624 – ver- öffentlicht 1626 – entwirft Francis Bacon das utopische Fragment New Atlantis, das an eine Montagearbeit aus vielfältigen religiös-apokryphen Details erinnert. Bereits die Entstehungsgeschichte des Staates, schriftlich begründet durch das heilige Envangelium nach Bartholomäus, verweist auf die rettende Kraft des göttlichen Lichts, das zum Himmel emporsteigt: »a great pillar of light; not sharp, but in form of a column, or cylinder, rising from the sea, a great way up toward heaven; and on the DIE FRÖHLICHE WISSENSGESELLSCHAFT 16 top of it was seen a large cross of light« (ebd., 137, Bd. 3). Und Gott sprach: Es werde Licht, und es wurde Licht. Bacon ergänzt schließlich: And yet (to speak the whole truth), as the uses of light are infinite, in enabling us to walk, to ply our arts, to read, to recognise one another; and nevertheless the very beholding of the light is itself a more excellent and a fairer thing than all the uses of it; – so assuredly the very contemplation of things, as they are, without superstition or imposture, error or confusion, is in itself more worthy than all the fruit of inventions. (ebd., 115, Bd.4) Über die rein metaphorische Assoziation von Sehkraft und Erkenntnis vermittelt durch die physiologische Funktion des Lichts geht Bacon hinaus. Mit anderen Worten: Die bloße Beobachtung der physikalischen Grundlagen des Lichts befriedigt bereits des Menschen forschende Neugier, die über den bloßen Nutzen hinausgeht. Die erotisierende Macht des Lichts, die sich im Willen zur Erkenntnis widerspiegelt, macht die »Fellows« des »House of Salomon« zu »merchants of light«: »For the several employments and offices of our fellows, we have twelve that sail into foreign countries under the names of other nations (for our own we conceal), who bring us the books and abstracts, and patterns of experiments of all other parts. These we call merchants of light« (ebd., 158, Bd. 3). Das Gesetz des Staates besagt, dass Länder, die nicht unter der Krone Salomons stehen, nicht bereist werden dürfen. Stattdessen jedoch sollen alle zwölf Jahre Fellows ausgesandt werden »to give us knowledge of the affairs and state of those countries to which they were designed; and especially of the sciences, arts, manufactures and inventions of all the world« (ebd., 146). Während die anderen Nationen durch Handel miteinander kommunizieren und ihre Beziehungen ausbauen (»all nations have interknowledge one of another, either by voyage into foreign parts, or by strangers that come to them«), bleibt Bensalem unkartographierbar (ebd., 139). Die Innenpolitik gewährt Fremden einen sechswöchigen Aufenthalt im »house of strangers«, um sie mit den Landeskenntnissen vertraut zu machen und sie dann schließlich wieder auf die offene See zu entlassen. Die Au- ßenpolitik orientiert sich hingegen am Vorbild der Kolonialherren und ihrem territorialen und kulturellen Imperialismus, allerdings in umgekehrter Richtung. Man könnte sie als parasitären Intellektualismus umschreiben: Die Kaufleute des Lichts sind Kaufleute des Wissens. Dies ist die Rache der Kolonialisierten: Die neue Welt plündert die intellektuellen Reichtümer der alten. Auf diese Weise kristallisiert sich aus den treasures Eurpoas der wissenschaftliche Thesaurus einer neuen scientific community heraus, die auf dem Prinzip der Arbeitsteilung beruht und damit eine hochqualifizierte Expertise ausbildet. Die Grundlagen ihrer wissenschaftlich-experimentellen Vorgehensweise beruhen auf einer »imitation ATLANTIS 1626: ENTDECKUNG 17 of the nature«, die in verschiedenen »houses« praktiziert wird: In »great and spacious houses« werden verschiedenste, meterologische Zustände künstlich erzeugt, in den »chambers of health« werden Krankheiten kuriert, in botanischen Gärten wird mit verschiedensten Pflanzen experimentiert, um pharmazeutische Heilmittel auf synthetischem Wege herzustellen (»for the medicinal use«), in zoologischen Häusern werden Tierversuche durchgeführt (»We try also all poisons and other medicines upon them, as well of chirurgy as physic«) und neue Arten werden gezüchtet (»conmixtures and copulations of divers kinds«), in den »perspective houses« werden physikalische Experimente durchgeführt, die sich vor allem mit der Manipulation und Beobachtung von Licht und Objekten beschäftigen (Sehsinn), in den »sound-houses« werden Töne manipuliert, um ihre Wirkung auf das menschliche Ohr zu untersuchen (Hörsinn), in den »perfum-houses« und den »confiture-houses« werden unterschiedliche Gerüche und Geschmacksnuancen ausprobiert (Geruchs- und Geschmackssinn), in den »engine-houses« werden Maschinen gebaut, die die Bewegungen der Tiere nachahmen; schließlich wird im »mathematical-house« Geometrie und Astronomie betrieben und in den »houses of deceits of senses« werden Versuche zur Sinnestäuschung gemacht, um die eigene Wahrnehmung, auf die sich die Erkenntnis gründet, zu desillusionieren und sie von den Götzenbildern (»idols«) zu befreien (ebd., 156ff). Diese Labor-Häuser unterteilen ihre Experimente in verschiedene Prozessabläufe: Einige von ihnen, die sogenannten »depredators«, sind damit beauftragt, Experimente aus Büchern zu extrahieren, andere wiederum sammeln Wissenswertes aus Experimenten zur mechanischen Handwerkskunst (»liberal sciences«) oder zu Praktiken, die noch nicht zur Kunst ausgereift sind. Diese nennt man »mystery-men«. Weitere Fellows betreiben Experimente nach eigenem Ermessen, daher nennt man sie auch »pioneers«. Die »compilers« protokollieren die Ergebnisse aus den Experimenten, fertigen graphische Skizzen an, stellen alle Daten in einer Tafel zusammen und versuchen die Beobachtungen dadurch zu erhellen, dass sie Axiome aus ihnen ableiten. Die »benefactors« verwenden diese Aufzeichnungen, um zu ermitteln, ob dieses Wissen einen praktischen Nutzen für das Leben der Menschen hat (»practice for man’s life and knowledge«). Wurden diese Prozesse durchlaufen, werden nun neue Experimente »of higher light, more penetrating into nature than the former« durchgeführt. Diese Forscher höherer Stufe nennt man »lamps«. Die »inoculators« exekutieren und protokollieren diese zweiten Experimente, sodass sie von den »interpreters of nature« schließlich zusammengefasst und auf eine höhere Erkenntnisstufe gehoben (»raise«) werden: Erst auf der Ebene der Interpretation der Natur, wo ihre Zeichen gelesen und gedeutet werden können, entsteht eine höhere Form des Wissens, die sich nicht nur in Axiomen, sondern auch in Aphorismen DIE FRÖHLICHE WISSENSGESELLSCHAFT 18 ausdrücken lässt (ebd., 164ff). Um die Grundmauern dieser Erkenntnisse zu festigen, wird schließlich ein kulturelles Gedächtnis angelegt: In Galerien wird die Geschichte des Wissens, eingeteilt in Erfindungen und Erfinder, archiviert, einschließlich europäischer Kulturgeschichte. Wissenschaftler werden durch Denkmäler geehrt und es werden Rituale zur Danksagung vollzogen. Die Pflege des kulturellen Gedächtnisses preist den Schöpfer des Lichts: Es lebe Europa!1 Francis Bacon öffnet dem Leser des 17. Jahrhunderts die Tür in die Laboratorien der Zukunft. Er vollführt mit seinem utopischen Fragment ein literarisches Gedankenexperiment: Er testet Thesen einer Wissensgesellschaft, wie sie sein könnte, und stellt zugleich ein strukturelles Paradoxon der scientific community auf: Bensalem ist offen für neue Erkenntnisse aus allen Erdteilen und trotzdem von diesen isoliert. Es ist Teil der Welt und ist es auch wieder nicht. Es ist das Paradoxon der offenen Geschlossenheit bzw. der geschlossenen Offenheit, die die Beziehung zwischen Öffentlichkeit und Wissenschaft reguliert. Die Position der Fremden, die sich diesem Volk der depredators, compilers und interpreters of nature gegenüber sehen, ist jene, die Bruno Latour und Steve Woolgar eingenommen haben, um das Leben im Labor zu beobachten. Der Standpunkt des Beobachters ist derjenige des Anthropologen, der die Praktiken und Rituale fremder Stämme, hier also die scientific rituals der »tribes of scientists«, analysiert: Since the turn of the century, scores of men and women have penetrated deep forests, lived in hostile climates, and weathered hostility, boredom, and desease in order to gather the remnants of so called primitive societies. By contrast to the frequency of these anthropological exercusions, relatively few attempts have been made to penetrate the intimacy of life among tribes which are much nearer at hand. This is perhaps surprising in view of the reception and importance attached to their product in modern civilised societies: we refer, of course, to tribes of scientists and to their production of science. Whereas we now have fairly detailed knowledge of the myths and circumcision rituals of exotic tribes, we remain relatively ignorant of the details of equivalent activity among tribes of scientists, whose work is commonly heralded as having startling or, at least, extremely significant effects on our civilisation . (Latour / Woolgar 1986, 17) [hervorgehoben von P. G.] Mitten in unserer Kultur gibt es somit viele, kleine Insellaboratorien, die noch unergründet sind. Sie sind zwar Teil der Gesellschaft, aber nicht Teil der Öffentlichkeit. Um sie auf eine Öffentlichkeit hin zu öffnen, müssen 1 Diese überspitzt polemische und damit kritische Formulierung zielt bewusst auf die von Wolf Lepenies vorgebrachte These, dass, weil Europa der Geburtsort der Naturwissenschaften gewesen sei, dieser nun zum Ursprungsort ihrer Kritik werden müsse (Lepenies 1992, 71). ATLANTIS 1626: ENTDECKUNG 19 ihre experimentellen Praktiken durchleuchtet werden: Sie müssen verständlich gemacht werden. Leider blieb Bacons utopische Allegorie ein Fragment. Man kann also nur spekulieren, wie die Axiome der experimentellen Künste ausgesehen hätten. Der Bacon-Kommentator James Spedding hatte bereits 1859 in seinem Vorwort zu New Atlantis angemerkt: The New Atlantis is chiefly interesting as a record of his own feelings. Perhaps there is no single work of his which has so much of himself in it. The description of Solomon’s House is the description of the vision in which he lived, – the vision not of an ideal world released from the natural conditions to which our is subject, but of our own world as it might be made if we did our duty by it; of a state of things which he believed would one day be actually seen upon this earth such as it is by men such as we are; and the coming of which he believed that his own labours were sensibly hastening. (Bacon 1963, 121, Bd. 3) Die Labor-Häuser sind keine Utopie mehr, sondern ein realisierbarer Entwurf, der zu einem gesamtgesellschaftlichen Projekt wird. Im 19. Jahrhundert beginnt das Projekt im Zuge der industriellen Revolution Realität zu werden (Haynes 1994, 33). Doch es musste noch ein weiteres Jahrhundert vergehen, bevor Latour und Woolgar den nächsten Schritt wagten und die eigentlichen Prozesse dieses experimentellen Eigenlebens unter die anthropologische Lupe nahmen. Die Archäologie des experimentellen Blicks »to portray science as a world apart« (Latour/Woolgar ebd., 17) hat mit weiteren Autoren wie Hans-Jörg Rheinberger und Karin Knorr-Cetina gerade erst begonnen. Ihre Studien liefern die epistemologischen Grundlagen für eine Experimentalkultur, die sich wieder ihrer transzendentalen Bestimmung bewusst werden muss, weil eine zunehmende Demokratisierung des Wissens Rechenschaft von ihr fordert. Depredator, Compiler, Inoculator – diese baconschen Manipulatoren und Naturinterpreten haben die Wissenschaften durch das Experimentieren mit der Natur aus dem Nachahmungsverhältnis befreit und sie zu einer Kunst erhoben. Wissenschaft ist jedoch nicht irgendeine Kunst. Sie ist das a priori einer jeden Praktik, die Kunst werden will: Experimentelle Wissenschaft schafft die Bedingungen der Möglichkeiten einer Wissenschaft als Kunst, die die Natur übertrifft, denn so Bacon, »we make them also by art greater than the nature«. Das ist die Formel für das »Human Empire« (ebd., 156) wie es das 19. Jahrhundert hervorgebracht hat und das 20. Jahrhundert fortschreibt. And as the conclusion of the whole affair for the further history of this utopian vision: The Human Empire needs knowledge, more specified, scientific knowledge . Die Zeitdiagnose »Wissensgesellschaft« liefert demnach keine neutrale Beschreibung von Gegenwartsgesellschaften, sondern eine Legitimationsfolie für symbolische und materielle Herrschaftsstrukturen, die nicht DIE FRÖHLICHE WISSENSGESELLSCHAFT 20 mehr thematisiert und gerade dadurch essentialisiert werden (Bittlingmayer 2005, 17). Das sei zunächst einmal der großen Resonanz in der außerwissenschaftlichen Öffentlichkeit und zum anderen der Soziologie selbst geschuldet, die sich in verschiedene Teildisziplinen auffächere und schließlich als Wissenssoziologie in ein schiefes Verhältnis zu ihrem Untersuchungsgegenstand trete, denn »welche spezifischen Wissensformen von welchen sozialen Akteuren sozial in Wert gesetzt werden, bleibt eine typisch theoretische Leerstelle«, so die Selbstkritik des Soziologen Uwe Bittlingmayer (ebd., 125). Die Wissenssoziologie, wie sie beispielsweise von Peter Weingart initiiert worden ist, setze nämlich eine wissensbasierte Gesellschaft ohne soziale Akteure voraus. Dies sei ein grundlegender Fehler der soziologischen Analyse, da Makro-, Meso- und Mikroebene der unterschiedlichen ökonomischen, institutionellen und intersubjektiven Netzwerke nicht mehr ineinandergreifen und aufeinander rückbezogen werden, stattdessen stünden sie isoliert nebeneinander. Bittlingmayer sieht bereits in der Bildung des Neologismus eine strukturelle Analogie zur neoliberal gefärbten, politischen Debatte, in der die Verwissenschaftlichung der Gesellschaft und der ökonomischen Felder parallel liefen (ebd., 55). Diese Entwicklung hebe nicht nur die Differenz zwischen ökonomischer Rhetorik und tatsächlich betriebenem Wandel auf, sondern blende die Ungleichstrukturen der Gesellschaft aus (ebd., 135). Man verschreibe sich damit gänzlich der populären Produktion eines Labels, das evolutionär, quasi-ontologisch und schicksalsmächtig als Schein eines gerichteten Modernisierungsprozesses auftrete (ebd., 55). Der Begriff des Wissens werde somit zum substantiellen Träger von Produktionswissen, das heißt einer Wissensform, die immer und überall in ökonomisches Kapital transferiert werden könne (ebd., 63). Diese Verflechtung von Wissensdiskurs und der New Economy anglo-amerikanischen Vorbilds ließe bereits in der historischen Zurückverlängerung erkennen, dass der Begriff der Wissensgesellschaft eigentlich amerikanischen Ursprungs sei: die »knowledgeable society« folge stets dem Motto, »was noch nicht ist, das wird unter Rückgriff auf die neuesten Technologien schon werden« (ebd., 19).2 Diese Makroevolution sei mit den Entwicklungen auf der institutionellen Mesoebene von Universitäten, Krankenhäusern, Gefängnissen etc. 2 Bittlingmayer sieht diesen Prozess in dem Begriff der postindustriellen Gesellschaft bei Daniel Bell bereits versinnbildlicht (ebd., 34). Er konstatiert jedoch, dass eine deratige Deckungsgleichheit der beiden Begriffe nicht mehr adäquat sei, weil sich die Prozesse seit den 1970er Jahren durch die beschleunigenden Informations- und Kommunikationstechnologien schlagartig gewandelt hätten: »Lautet eine frühere Quintessenz des Diskurses: Weil sich Gesellschaften von fordistisch-tayloristischen zu Wissensgesellschaften entwickelt haben, ist die rationale Planung gesellschaftlicher Prozesse möglich und sinnvoll, so geht das Argument im aktuellen Diskurs in die Richtung das gerade der Wandel ATLANTIS 1626: ENTDECKUNG 21 konform, die ökonomische Managementrichtlinien für ihr Handlungsfeld übernehmen, um effizientere und schnellere Anwendungsfelder für das in den Hochschulen erworbene Wissen bereitzustellen. Auf der Mikroebene der sozialen Akteure würde schließlich deutlich werden, dass Wissensaneignung unter dem Label »lebenslanges Lernen« nur unter der Bedingung eingelöst werden könne, dass bereits genügend Humankapital über institutionelle Ausbildung generiert worden ist, um schließlich einen Weiterbildungseffekt zu erzielen (ebd., 243): »Der aufgewiesene Matthäus-Effekt in der Weiterbildung ruht auf einem System von sozialen Bildungsungleichheiten, die die soziale Herkunft auch in die enorm dynamisch ausgewiesenen ›Wissensgesellschaften‹ nach wie vor als zentrale biografische Größe von Bildungs- und Berufschancen verankert« (ebd., 251). Bittlingmayer bestätigt mit seiner eigenen empirischen Studie nicht nur strukturelle Ungleichheit im Bildungssystem, sondern kritisiert auch, dass bei Erfolg oder Misserfolg der Bildungsentscheidungen die kontext- und umweltbezogene Individualgeschichte der sozialen Herkunft vergessen werde (ebd., 270). In der Sprache des akademischen Bildungskapitalismus, wie ihn der Soziologe Richard Münch anprangert, lautet daher die Devise: In einer Zeit, in der die Universität zum Unternehmen, der Präsident zum Manager, der Professor zum Agenten und der Student zum Kunden wird, um ein Produkt zu erwerben, das hohes symbolisches Kapital abwirft und den Wert des erwirtschafteten Humankapitals steigert, ist die Aufgabe für das Individuum auf dem Bildungsmarkt klar gestellt. »Als Unternehmer seiner selbst wird das Individuum auf einem solchen Markt diejenigen Anreize finden, die es zur Investition in Bildung und Wissensvermehrung zum eigenen Vorteil und zum Nutzen der Gesellschaft verankert« (Münch 2011, 23). Der Begriff der Wissensgesellschaft evolviere sowohl vor dem Hintergrund der Homogenisierung des europäischen Bildungssystems als auch vor der gleichzeitigen Internationalisierung des Hochschulwesens.3 Doch diese Veränderung lokaler, historisch gewachsener Strukturen durch globale Homogenisierung führe oft zu institutioneller Dysfunktionalität und Lähmung einzelner Disziplinen und / oder Institute (ebd., 9). Durch die Ausdifferenzierung transnationaler, institutioneller und kultureller Felder entstünden nun »globale Akteurnetzwerke«, die Teil einer Weltkultur seien bzw. diese erst entstehen ließen, wobei ihre Existenzberechtigung gerade aus einer »Sakralisierung wissenschaftlichen Wissens« von fordistisch-tayloristischen Gesellschaften jene rationale Planung aufgrund der damit verbundenen ungeheuren Dynamik und Beschleunigung von gesellschaftlichen Entwicklungen unmöglich werden lässt« (ebd., 43). 3 Für Richard Münch ist diese Entwicklung gleichbedeutend mit der Amerikanisierung des Hochschulwesens nach Vorbild der Eliteuniversitäten (Münch 2007, 162). DIE FRÖHLICHE WISSENSGESELLSCHAFT 22 hervorgehe (ebd., 11). Die Weltkulturelite rekrutiere sich hauptsächlich aus amerikanischen Spitzenuniversitäten. Somit würden herrschende Organisationen der Wissenschaft zu globalen Konsekrationsinstanzen des Wissens, die Münch unter dem Label »instrumentelle Rationalisierung von Governance« subsumiert. Die sowohl von Bittlingmayer als auch von Münch konstatierte Verwissenschaftlichung der Gesellschaft durch die Inanspruchnahme einer Expertise führe so zu einer »Dialektik von Befreiung und Gefangennahme« (ebd., 12). Zusammengefasst konstituiert sich das von Münch beschriebene »global akademische Monopoly« (ebd., 163) wie folgt: In dem legitimitätsstiftenden Kopieren von unterschiedlichen Hochschulsystemen zwischen den USA, Deutschland, England und Frankreich entstehe eine Distinktionslogik um die größtmögliche Sichtbarkeit und Definitionsmacht im national akademischen Feld und in den globalen Akteurnetzwerken der Weltkulturelite, die zu einer Schließung und Zentralisierung des Zugangs zu distinguierten Positionen führe (ebd., 163). Die Homogenität der Inhaber werde so gesteigert und ihre Identifikation zur Elite erleichtert (ebd., 138). Wer konkurrenzfähig bleiben wolle, müsse sich dieser Tendenz zur Geschlossenheit und Zentralisierung angleichen.4 Auf diese Weise entstehe ein »geschlossen akademisches Kastensystem«, das durch drei Prinzipien reglementiert werde: (a) dem »Matthäus-Effekt«: wer hat, dem wird gegeben, folglich steigern vergangene Erfolge den Ressourcenzufluss, (b) dem »Potlatsch-Effekt«: Es gibt einen Geschenke-Austausch ohne Reziprozität und (c) dem »Schließungseffekt«: durch Rekrutierung und die Pflege eines luxuriösen akademischen Lebensstils wird eine Schließung und Zentralisierung dieses Systems bewirkt. Die Folge dieses Prozesses nennt Münch den »akademischen Kapitalismus«, in dem die Wissenschaft nicht mehr als »einen von Forschern gestalteter Prozess um 4 Münch führt als Beispiel die Eliteuniversität Harvard an. Sie verfüge über die größte Anzahl an Nobelpreisträgern und einem geschätzten Vermögen von 35,9 Milliarden US-Doller, das den strategischen Einkauf von renommierten Experten ermögliche und damit Akkumulation von Reputation begünstige, sodass die Universität dadurch in die Lage versetzt werde, noch mehr monetäres Forschungskapital einzuwerben (ebd., 143). Die allseits bekannte Spenderkultur innerhalb dieser Kreise verstärke dabei das ökonomische Kapital der Universität, während sich der Spender gleichzeitig als wertvolles Mitglied der Zivilgesellschaft fühlen dürfe, weil sein Geschenk seinen symbolischen Wert selbst durch das institutionelle Kapital der Universität erhalte (ebd., 155). Dazu gehören natürlich jene liturgischen Festweihen, die in öffentlichen Versammlungen Harvard als ›Premium-Marke‹ zelebrieren und als absolutes Luxusgut hochstilisieren. Was bedeutet dies jedoch für die Wissensevolution in den einzelnen Forschungsprojekten? Münch sieht in dem Kapitalverwertungsinteresse des Wissens eine Einschränkung der Diversität des Wissens und damit einhergehend eine Schmälerung des Innovationspotentials (ebd., 14). ATLANTIS 1626: ENTDECKUNG 23 seiner selbst willen begreift, sondern als eine Ressource, die sich von unternehmerischen Universitäten nutzen lässt, um monetäres und symbolisches Kapital zu akkumulieren« (ebd., 191). Aus dieser Diagnose folgt die Etablierung der Wissenssoziologie als »Meta-Wissenschaft« (und als Subdisziplin) zwischen Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, eine Gesellschaftsanalyse anhand des relationalen Systemgefüges von Politik / Wirtschaft / Medien in Bezug auf Wissenschaft zu untersuchen (Weingart 2003, 11). Aus den ersten Forschungsansätzen, die in Deutschland seit den 1970er Jahren vor allem durch Peter Weingart vorangetrieben worden sind und nun durch Helga Nowotnys kulturkritische Perspektive erweitert werden, wird ersichtlich, dass die Universität ihre Monopolstellung als Forschungszentrum durch die »Epidemologie industriefinanzierter Forschung« verspielt hat (Weingart / Carrier / Krohn 2007, 243f.). Der Fokus auf angewandte Forschung vernachlässige die Grundlagenforschung, sodass das Verwertungsinteresse das Erkenntnisstreben unterhöhle, denn »es geht nicht um Erkenntnisgewinnung, sondern um die Entwicklung marktfähiger Produkte« und damit einhergehend um »provisorische Erkenntnisstrategien«, die eine »methodologische Reaktion« auf die »Überstrapazierung wissenschaftlicher Erkenntniskraft« darstelle (ebd., 95ff.). Die neuen Verhandlungen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft betreffen demnach den »epistemischen Kern« der wissenschaftlichen Forschung, das heißt, ob die alles entscheidende Frage der »Suche nach Wahrheit, Objektivität und Rationalität« in Bezug auf die zunehmende Einengung seitens einer Privatisierung und Demokratisierung von Wissen noch Relevanz beanspruchen könne (ebd., 25). Da die Dezentrierung des »harten Kerns« durch die heterogenen Anwendungskontexte der Industrieforschung dermaßen effektiv vorangetrieben worden sei, stehe ein Autonomieverlust der Wissenschaft nahezu bevor (Nowotny / Scott / Gibbons 2004, 92).5 Diese Entwicklungen rührten von einer Wissensproduktion im Modus 2 her, die Helga Nowotny von der Wissensproduktion im Modus 1 abgrenzt, denn während letztere aus der Suche nach allgemeinen Erklärungsprinzipien hervorgegangen sei und einer Wissenschaftskultur entsprach, die eher von akademischen Interessen der jeweiligen 5 Der hier konstatierte Autonomieverlust jüngeren Datums muss relativiert werden, denn historisch betrachtet waren die naturwissenschaftlichen Disziplinen niemals Teil des universitären Bildungssystems, sondern in technische Fachhochschulen oder unabhängige Institute ausgelagert. Die Bildungsreformen des 19. Jahrhunderts führten gerade deshalb einen erbitterten Kampf um die Institutionalisierung der Naturwissenschaften in den Curricula der Schulen und Universitäten. Mittel dieser Reformbewegung war vor allem das Popularisieren naturwissenschaftlicher Methoden und experimentellen Wissens. Im zweiten Teil dieser Arbeit werden diese Entwicklungen vorgestellt. DIE FRÖHLICHE WISSENSGESELLSCHAFT 24 Gruppe von Spezialisten geleitet worden sei, sei Modus 2 heterogonener und transdisziplinärer organisiert (Nowotny 1999, 67f.). Dieses Kriterienraster der zwei Wissenschaftsformen wird über mehrere Seiten aufgeführt, um deutlich zu machen, dass der Wissenschaftler sich in einer Wissensgesellschaft bewegt, die einen Übergang darstellt, indem die Logik der Disziplingrenzen außer Kraft gesetzt wird, um neue Disziplinen für neue Anwendungskontexte zu schaffen.6 Da sich also der institutionelle Anker gelöst hat, treiben nun die baconschen Insellaboratorien im offenen Meer des Wissens umher: »Die Dynamik der gesellschaftlichen Wissensverteilung liegt in den Bewegungsflüssen des Wissens selbst und in den Verschiebungen der Verbindungsmuster zwischen diesen Flüssen. Es ist nicht mehr die disziplinäre Wissensorganisation, auch nicht länger die nationale Wissenschaftspolitik, die diese Muster bestimmt. Ihre Bewegung folgt vielmehr den sich ebenso rasch verändernden Problemkontexten« (ebd., 70). Nowotny beschreibt dies als »double-bind-Situation«: »Wissenschaft hat zunehmend sowohl vor einem utilitaristisch-instrumentellen als auch demokratisch legitimierten Kalkül zu bestehen« (ebd., 23). Diese ›double-bind-Situation‹ resultiere aus dem neuen Selbstbildnis, das die Wissenschaft von sich selbst entwerfe: Als »science on the making« werde die positivistische Wissenschaft durch unabgeschlossenes Forschen ersetzt, sodass »wissenschaftliches Wissen den Status des Vorläufigen hat« (Nowotny 2005, 26). In diesem Sinne verabschiedet sich die Illusion eines harten, epistemischen Kerns: »Die Hülle, die den epistemischen Kern umgibt, hat sich als durchlässiger erwiesen, als es eine Wissenschaft, die den Verlockungen des von ihr selbst konstruierten wissenschaftlichen Weltbildes immer wieder erlegen ist, eingestehen wollte« (Nowotny 1999, 31f.). Der »harte Kern« habe sich als »Cluster heterogener und lokaler Praktiken« erwiesen, der einer »nuancierteren und soziologisch sensibleren Epistemologie« bedürfe (Nowotny / Scott / Gibbons 2004, 245ff.). Wird diese Sensibilität nicht aufgebracht wachse die Zone der Ungewissheit (ebd., 29), die nach Nowotny in folgender These kulminiert: »Die kollektive Wette, die wir auf die Zukunft abgeschlossen haben, heißt Innovation« (Nowotny 2005, 62). Sobald sich Wege aus dem Labor in das gesellschaftliche Makrosystem gebahnt haben, gerät man in eine »world of flows«, in einen globalen Informationsfluss (ebd., 104), in dem der 6 Die konstatierte Auflösung klassischer Disziplinen durch inter- und transdisziplinäre temporäre Verbünde ist an dieser Stelle zu relativieren. Siehe hierzu Weingart / Carrier / Krohn (2007). Die Autoren betonen, dass in vielen Wissenschaften eher eine »Binnendifferenzierung« zu beobachten sei (ebd., 196). Es würde zwar eine Veränderung der Disziplinlandschaft wahrgenommen werden, doch Disziplinen lösten sich als Ordnungsprinzip nicht ersatzlos auf: Sie veränderten sich, indem sie sich differenzierten, spezialisierten und rekombinierten (ebd., 219). ATLANTIS 1626: ENTDECKUNG 25 Begriff der Innovation stets Emergenz signalisiere, die sowohl für Flexibilität als auch für die Mimikry und die Inszenierung von Risiko und Unsicherheit stehe (ebd., 160ff.). Da sich die innovatio (neu-neu) von der renovatio (alt-neu) dadurch unterscheide, dass sie stets Neues aus Neuem produziere (ebd., 128), ohne dass ein Equilibrium zwischen Neuerungen und sozialem Wissen durch die Diskursivierung des Neuen etabliert werden könne (ebd., 157), fordert die Kultursoziologin, dass die Sprache der Künste diesen Prozess reflektieren müsse: »Es braucht eine Sprache, um erkennbar und wiedererkennbar zu werden und Bilder, die das, was die Sprache nicht oder noch nicht auszudrücken vermag, zu vermitteln. Die Literatur und Künste werden eingeladen, Fragen zu stellen, Zweifel zu äußern und mit Ironie zu kommentieren« (ebd., 164). Kunst und Literatur stellten ein »Gesellschaftsexperiment« dar, das das Wissen über die Welt mit dem Wissen über uns selbst vernetze (ebd., 175). Dies hätte eine wechselseitige Verschränkung von Wissensordnungen und sozialen Ordnungen (kollektives Wissen) zur Folge, die Entstehung des Neuen zu einem erzählbaren Narrativ transformiere: »Es bedarf der sozialen Ordnung, um die Wissensordnung in Erscheinung treten zu lassen« (ebd., 111). Die Geschichten aus dem Labor müssten daher durch die Geschichten der Kulturen ergänzt werden (ebd., 112). Das webende Narrativieren von Diskursfragmenten zu Diskurssträngen ermögliche dann ein In-Distanz-Treten zu bereits gemachten. Von einer höheren Ebene aus werde eine Abgeschlossenheit simuliert, um eine Kontemplation über die ›world of flows‹ zu ermöglichen. Die Populärwissenschaft leistete ihren Beitrag, indem sie die großen Metaerzählungen der Naturwissenschaft, die noch im 19. Jahrhundert dominierten, durch die zahlreichen kleinen »gesellschaftlich-wissenschaftlichen Mikroerzählungen« ersetzten (Nowotny / Scott / Gibbons 2004, 239): Die Populärwissenschaft stellt eine vitale Verbindung zwischen der wissenschaftlichen Kultur im besonderen und der Kultur der Gesellschaft im allgemeinen her. Sie hilft die Kluft zu überbrücken, die zwischen Werten und Praktiken der Wissenschaft auf der einen und generellen gesellschaftlichen Normen und Alltagserfahrungen auf der anderen Seite bestehen. In diesem Lichte betrachtet sind populäre Vorstellungen und Bilder von der Wissenschaft nicht nur unvermeidlich, sondern auch essentiell für die Bewahrung einer gesunden Wissenskultur. (ebd., 236). In einer hochgradig differenzierten populären Wissenskultur, in der ständig Aushandlungsprozesse um die Bedeutsamkeit des neuen scientific knowledge der scientific community für die Gesellschaft ausgefochten werden und sich die »Transferwissenschaft«7 um eine effizientere Kom- 7 Der transdisziplinäre Verbund von Linguisten, Medien- und Kommunikationswissenschaftlern, Didaktikern und Soziologen, Ökonomen, Philosophen DIE FRÖHLICHE WISSENSGESELLSCHAFT 26 munikationsbasis bemüht, dass diese Diskussionen nicht im Sande verlaufen, stellt sich immer wieder aufs Neue die Frage, was denn die Wissenschaft dem Leben zu bieten habe (ebd., 301). Denn dass es sich um Wissenskulturen handelt, mag wohl trotz der semantischen Unschärfe dieses Kompositums keiner abstreiten. Ob es sich jedoch um Lebenskulturen handelt, möge dahin gestellt sein, da die Integration der entfremdeten Wissenschaften in die private Lebenswelt aufgegeben bleibt: »Den meisten Menschen bleibt die Wissenschaft fremd, sie können sie sich zum verstehen und praktischen Beherrschen ihrer Lebenssituation nicht aneignen; ihre Erfahrungen und Probleme lassen sich nicht in die Sprache der Wissenschaft übertragen« (Böhme / Engelhardt 1979b, 7).8 Denn das, was in diesem globalen Wissenskanon der ›world of flows‹ zu leicht in den Hintergrund gerate, sei die »Stimme des verzweifelnden Individuums« (Nowotny ebd., 176). Diese Stimme trat dann in den Hintergrund als sich die Gelehrten im Streit der Fakultäten nur noch um eins sorgten: Wem gebührt die wissenschaftliche Macht, über alle Disziplinen zu herrschen? Und wem gebührt die rhetorische Macht, über das Volk zu herrschen? Der Tempel der Wissenschaften und die Archive des Wissens Der Streit um die geteilte Wissenschaftskultur zwischen den Naturund Geisteswissenschaften wird von einem ›wissenschaftsideologischen Fluch‹ getragen, einem unerschütterlichen Glauben »an eine unteilbare Rationalität, einer ungeteilten rationalen Kultur« (Mittelstraß 1998, 95). und anderen Kulturwissenschaftlern – wohlgemerkt die Aufgaben des Literaturwissenschaftlers bleiben hier unerwähnt – sieht sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit der Aufgabe konfrontiert, dieser Opazität von Wissen dadurch entgegenzuwirken, dass ein Metawissen über den Zugang zum und den Umgang mit Sonderwissen etabliert wird. Als Transferwissenschaft unterstellt sie ihr Aufgabenspektrum folgendem Imperativ (Antos 2001, 5). Durch eine Verbesserung der Zugangsvoraussetzungen zu Wissen soll die individuelle wie globale Ungleichheit der Wissensverteilung in Grenzen gehalten werden. 8 Unter dem Begriff Lebenswelt verstehen Gernot Böhme und Michael von Engelhardt, die konkreten Bedingungen von Arbeit, privater Existenz und des politischen wie gesellschaftlichen Lebens, die in historische Entwicklungsprozesse und sozio-kulturelle Makrostrukturen der jeweiligen Gesellschaft eingebttet sind. Innerhalb einer Gesellschaft müsse daher eine Vielfalt von Lebenswelten angenommen werden, »die sich auf die Unterschiede in der sozio-ökonomischen Lage der Gesellschaftsmitglieder rückbeziehen lassen« (ebd., 20). DER TEMPEL DER WISSENSCHAFTEN UND DIE ARCHIVE DES WISSENS 27 Jürgen Mittelstraß hat in seiner Zeitdiagnose des akademischen Feldes der 1990er Jahre bereits darauf aufmerksam gemacht, dass dieser Glaube dafür verantwortlich ist, dass die Geisteswissenschaften in ihrer Rolle als Kompensationsmodell mit ihren Sensibilisierungs-, Bewahrungs- und Orientierungsgeschichten Gefangener ihrer eigenen Geschichte werde, aus der sie sich befreien wollte. Die vermeintliche Rehabilitation wird zur Destabilisation innerhalb der Wissenslandschaft und bewirkt eine Verkümmerung der konstruktiven Kräfte: »Mit einem derartigen Modell werden die Geisteswissenschaften gerade daran gehindert, diesen Mythos zu überwinden und am Aufbau einer zukunftsweisenden Rationalität teilzunehmen« (ebd., 97). Seine Kritik an der Organisation der Geisteswissenschaften an den Universitäten geht soweit, dass er sie als eine »geisteswissenschaftliche Hölle« bezeichnet (ebd., 113). Diese unheimliche Hölle zeige sich in vielen unterschiedlichen Formen des institutionellen, disziplinären und diskursiven Lebens. Er formuliert daher polemisch-kritisch: »Dem unendlichen Geist ist alles Endliche unendlich fern« (ebd., 110). Diese Unendlichkeit zeige sich nicht nur in der Un- übersichtlichkeit der Theorien, Methoden und Strukturen, sondern vor allem in der Menge an Sonderforschungsbereichen, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert werden. Gerade diese Auslagerung in unterschiedliche interdisziplinäre Verbünde mit Finanzierungen aus Dritten Mitteln zeuge von einer »beunruhigen Kooperationsfähigkeit« (ebd., 114). Das ›Sein zum institutionellen Tode‹ sei dieser Disziplin eingeschrieben, weil sie sich dazu bereit erklärt habe, die »Zwergenrolle einer kompensierenden Begleitung von Modernisierungsprozessen zu spielen« (ebd., 118). Was man beobachten könne, ist eine intradisziplinäre Zerfaserung bei gleichzeitigem Wachstum der Institute. Auch dieser Prozess sei nicht förderlich, denn gerade hierdurch verliere man den Blick für die eigenen methodologischen Ursprünge. Da das Zentrum der Geisteswissenschaften immer noch der hermeneutische Zirkel sei, liege auch hier der Punkt, an dem man ansetzen müsse, um das Verstehen des Verstehens nicht wieder in Unverständlichkeit münden zu lassen (ebd., 123). Somit habe auch die Philosophische Fakultät ihre institutionelle Wirklichkeit verloren. Diesen Verlust charakterisiert Mittelstraß wie folgt: »Im milden Licht der geisteswissenschaftlichen Sonne sichtlich und klein, auch die Philosophie, deren Sonne, das Licht der Wahrheit, einmal über allen Wissenschaften strahlen sollte. Das Zeitalter der Glühbirne hat wohl alle Sonnenträume, auch in der Philosophie, eingeholt« (ebd., 130). Trotz dieser vermeintlichen Kritik aus der Position eines Betroffenen der akademischen Intelligentsia hält er an dem geisteswissenschaftlichen Credo des Orientierungswissens für die Entwicklung einer Gesellschaft in einer modernen Welt fest, gerade weil dieses Wissen stets selbstreflexiv auf sich selbst als konstruktives Prinzip dieser Entwicklung verweise. Daher DIE FRÖHLICHE WISSENSGESELLSCHAFT 28 lautet sein wissenschaftspolitischer Wahlspruch für die Zukunft: »Laß dich leiten von der Lust auf das Neue und den Willen zu erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält, aber achte darauf, daß es kein minderes Ziel ist, die Welt mit dem, was Du forschend und entwickelnd tust, zusammenzuhalten« (ebd., 165). Der Glaube an die fundamentale Einheit der Wissenschaft, die wissenschaftspolitischen Debatten um die Zukunft der Geisteswissenschaften, die Zukunft der Philosophischen Fakultät und der Kampf um die Universität als institutioneller Ort dieser Wissenschaften ist ein immer wiederkehrendes, zyklisch sich wiederholendes und damit folglich ein genuin historisches Phänomen der Ausdifferenzierung sozialer Systeme. Die historische Transformation dieses Kampfes wird durch die Bildungs- und Universitätsgeschichte in Europa dokumentiert. Dennoch beginnt gerade zum Ende des 18. Jahrhunderts eine neue Welle an Gründungs- und Streitmanifesten von Gelehrten, die nicht nur um die Stellung ihrer eigenen Wissenschaft kämpfen, sondern vor allem um die Neuhierarchisierung der Fakultäten und Disziplinen überhaupt wie auch um die gesellschaftliche Wirkungskraft auf die Öffentlichkeit, die zwar nicht Teil des akademisch-wissenschaftlichen Feldes ist, jedoch von Akteuren eben dieser institutionellen Insel regiert wird. Immanuel Kants Streit der Fakultäten ist zugleich ein Symptom für die Wissensordnung um 1800, welche die Universität von ihrer politischen Instrumentalisierung der Regierenden befreien möchte, und ein Paradigma für die diskursive Formation nachfolgender Texte von Gelehrten, die immer demselben Schema folgen: Kritik an bestehenden institutionellen Verhältnissen, Aufbau einer neuen Hierarchie der Denksysteme und ihrer Disziplinen und schließlich die Selbstpositionierung der eigenen intellektuellen Agenda innerhalb dieser Hierarchie. Kant demonstriert als »Diskursivitätsbegründer« (Michel Foucault), wie man solche Streitschriften konstruiert und vor allem dass man ohne ironisch-kritische Polemik, keinen wirklichen Streit führen kann. In seinem inszenierten Streit werden die drei obersten Fakultäten, die Medizin, die Jurisprudenz und die Theologie, zu Akteuren auf der einen Seite, während ihnen die Philosophische Fakultät als Kontrahent entgegensteht. In der »fabrikmäßigen« Arbeitsteilung der universitären Gelehrsamkeit seien unterschiedliche Gelehrten beschäftigt: die akademischen, die zunftfreien und Liebhaber-Gelehrten, die in einem »Naturzustand der Gelehrsamkeit« verweilen, und schließlich diejenigen, die als »Werkzeuge der Regierung« agierten, das heißt vor allem die Geistlichen, die Justizbeamten und die Ärzte (Kant 1798, 4ff.). Sie seien nichts anderes als »Geschäftsleute der Gelehrsamkeit«, die nicht über die Gewalt ihres eigenen Faches verfügten, sondern sich stattdessen unmittelbar an das Volk wendeten, das ausschließlich aus »Idioten« (Laien) bestehe (ebd., 18). Diese Gewalt, die sie ausübten, sei DER TEMPEL DER WISSENSCHAFTEN UND DIE ARCHIVE DES WISSENS 29 notwendigerweise gesetzgebend und gleichzeitig unfrei, da sie vom Staat regiert werden. Kant kritisiert die institutionelle Lebensform der Universität als Staatsanstalt und bemängelt die fehlende Autonomie des akademisch-wissenschaftlichen Feldes. Die Politik walte über der Wissenschaft und dies führe schließlich dazu, dass die oberen Fakultäten für politische Orthodoxie instrumentalisiert werden, um den Einfluss auf das Volk zu erhöhen. Daher plädiert Kant für eine Neuhierarchisierung der internen Fakultätsstruktur auf Grundlage eines kritischen Vernunftbegriffs. Die oberen Fakultäten seien in einer Dialektik der Herrschenden und Beherrschten gefangen, nur der Philosophie auf Grundlage ihrer freien und unabhängigen Wissenschaft der Vernunft sei es vergönnt, diese Dialektik zu durchbrechen. Er positioniert die Philosophie als Häretikerin der universitären Stände, die sich zwar um das ewige (Theologie), das bürgerliche (Jurisprudenz) und das leibliche Wohl sorgten, deren Schriften jedoch (Bibel, Landrecht, ›Medicinalordnung‹) nicht Produkte der freien Vernunft seien, sondern in einer »Autoritätshörigkeit« gründeten. Kant zwingt den bibeltreuen Theologen »gegen alle Gefahren der Anarchie« im »offenen, freien Feld der eigenen Beurteilung und Philosophie« zu kämpfen (ebd., 24). Der Gesetzgeber der unteren Fakultäten sei ausschließlich die Vernunft, daher übernehme die Philosophische Fakultät in der neuen Hierarchie folgende Aufgabe: »Auf einer Universität muß aber auch ein solches Department gestiftet, d.i. es muß eine philosophische Fakultät sein. In Anlehnung der drei obern dient sie dazu, sie zu controllieren und ihnen eben dadurch nützlich zu werden, weil auf Wahrheit (die wesentliche und erste Bedingung der Gelehrsamkeit überhaupt) alles ankommt; die Nützlichkeit aber, welche die oberen Fakultäten zum Behuf der Regierung versprechen, nur ein Moment vom zweiten Range ist« (ebd., 28). Doch Kant ist auch dazu bestrebt, eine innere Systematik dieser Fakultät zu verleihen. Ähnlich seiner Architektonik in den späteren Kritischen Schriften teilt er die Fakultät in Wissenschaften der reinen Vernunfterkenntnisse (reine Metaphysik, reine Philosophie und Metaphysik der Natur und Sitten) und historische Erkenntnisse (Geologie, Geschichte, Sprachkenntnisse, Humanistik). Das reicht ihm jedoch nicht aus. Wesentlich für die Neubestimmung und Neuverortung der Philosophischen Fakultät ist jedoch die Vermittlung dieses Wissens gegenüber dem Volk, denn beim ›Streit der Fakultäten‹ gehe es eben vor allem, um den Einfluss aufs Volk: »[U]nd diesen Einfluss können sie nur bekommen, so fern jede derselben das Volk glauben machen kann, daß sie das Heil desselben am besten zu befördern verstehe, dabei aber doch in der Art, wie sie dieses auszurichten gedenken, einander gerade entgegengesetzt sind« (ebd., 30). Kant präsentiert sich als Volksredner; er verstehe das Volk in seinen Bedürfnissen nach der Seligkeit nach dem Tod, der Sicherung des Lebens durch öffentliche Gesetze und dem physischen Genuss 30 DIE FRÖHLICHE WISSENSGESELLSCHAFT des Lebens durch Sicherung der Gesundheit; aufgrund dieser Bedürfnisbefriedigung sehe das Volk die Gelehrten als »Wundermänner und Zauberer« (ebd.). Doch das Volk werde gerade hierin in die Irre geführt. Er ruft dem betrogenen Volk entgegen: »Das Volk will geleitet, d.i. (in der Sprache der Demagogen) es will betrogen sein« (ebd., 31). Dafür seien nicht die Fakultätsgelehrten verantwortlich, wohl aber diejenigen, welche die Masken der Geschäftsmänner des Wissens tragen und unter dem Einfluss der Regierenden stehen. Die Gesetzgebung basiere auf einer »autorisierten Gesetzlosigkeit« (ebd., 32), daher müssten die Philosophen als letzte Richter und Berater sowie Wächter des Wissens eingestellt werden. Kant folgt hier der Wissenschaftspolitik Platons und er weiß genau, dass es bei diesem Streit nicht um friedliche Übereinkünfte geht, sondern um einen rechtskräftigen Richterspruch und zwar eines »Richters der Vernunft«. Die Philosophie müsse sich stets gegen Gefahr rüsten, um die Wahrheit zu beschützen gegen die Herrschenden und ihre Begierde zu herrschen. Die Freiheit von der Willkür der Regierung könne sie nur erlangen, wenn sie sich der »Freiheit des öffentlichen Urteils« preisgibt. Was bedeutet das jedoch im Umkehrschluss? Es bedeutet, dass die Philosophie keine Wissenschaft der Wissenschaft werden darf, sie darf nicht zur Meta-Wissenschaft permutieren, sonst gleicht sie denjenigen, die sie kritisiert und bleibt in der dialektischen Schleife des Herrschens und Beherrscht-Werdens gefangen. Kant bezeichnet die Philosophie als eine Wissenschaft des Menschen, also auch eine Wissenschaft für den Menschen, als eine »Anthropologie in pragmatischer Hinsicht« (ebd., 117ff.). Diese Form der Anthropologie könne man jedoch nur betreiben, wenn man »Weltbürger« sei, der von der »Lokalkenntnis« ausgeht, um das Lokale und Regionale mit dem Globalen zu verbinden. So sei das Lesen von Reisebeschreibungen ein unentbehrliches Hilfsmittel, genauso wie die Weltgeschichte, Biographien, Schauspiel, Romane und »populäre« Beispiele aus dem Alltag, um die philosophischen Schriften so zu gestalten, dass sie zum »Vorteil für das lesende Publikum« gereichen (ebd., 121). Der philosophische Gelehrte ist also ein humanistisch gebildeter Kulturmensch, der Literatur und populäre Alltagsbeispiele nutzt, um das Wissen, das er mitteilen möchte, im Hinblick auf das »Wachstum einer gemeinnützigen Wissenschaft« hin öffnet (ebd., 122). Kant verweist an dieser Stelle ausdrücklich auf seine Vorlesungen zur Anthropologie und physischen Geographie, die für alle Stände geöffnet waren und er daher auf populäre Darstellungsweisen zurückgriff. Vor dem Gerichtshof der Öffentlichkeit plädiert Kant für eine Öffnung der universitären Insel kraft einer gemeinnützigen Wissenschaft für das Volk, die von keiner anderen Wissenschaft angestrebt werden könne als der Philosophie. Die universitäre Herr-Knecht-Dialektik kann nur aufgebrochen werden, wenn man sich mit dem Volk verbündet, anstatt es von oben herab zu DER TEMPEL DER WISSENSCHAFTEN UND DIE ARCHIVE DES WISSENS 31 kontrollieren. In der Geste des verständnisvollen Gelehrten-Philosophen setzt er den Menschen ins Zentrum der Wissensordnung um 1800 als »ursprüngliche[n] Schöpfer aller seiner Vorstellungen und Begriffe« und als »einzige[n] Urheber aller seine Handlungen« (ebd., 70). Das Volk wird von der intellektuellen Knechtschaft erlöst, kraft eines Gelehrten, der sich durch das Volk hindurch arbeitet, um auf der anderen Seite wieder aufzusteigen und den Richterstuhl der akademischen Intelligentsia in Besitz zu nehmen. Wilhelm Dilthey übernimmt in gewisser Weise das Erbe wissenschaftspolitischer Verteidigungsschriften. In seiner Einleitung in die Geisteswissenschaften (1883), die er genuin als Lebenswissenschaft versteht, weil sie dem Leben entwachsen sind, möchte er einer zunehmenden Spezialisierung innerhalb der Philosophischen Fakultät entgegenwirken, indem er den Umfang und die Grenze der Geisteswissenschaften im Verhältnis zu den Naturwissenschaften ermisst. Die empirische Methode der Geisteswissenschaften gründet in der historisch-kritischen Entwicklung eines Instrumentariums zur Beurteilung des Wertes einzelner Verfahrensweisen. Als Wissenschaft ist sie Meta-Wissenschaft, eine Wissenschaft der »inneren Erfahrung«, die den Wert wissenschaftlicher Methodologie nach dem Wert für uns bemisst. Dilthey hadert wissenschaftspolitisch mit einer ganz neuen Disziplin, die der Philosophie Konkurrenz macht, obwohl sie gerade aus der Philosophie entstammt: der Psychologie. Waren die Naturwissenschaften zu Zeiten Kants Teil der empirischen Philosophie, sprich Naturphilosophie und Naturgeschichte, so wird der Kampf der Zwei Kulturen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum Kampf gegen die staatliche Finanzierung großer naturwissenschaftlicher und technischer Institute, deren Forschungsfundamente außerhalb der Universität liegen und gerade darin die innere Gefahr der akademischen Ausbildung liegt, die von der Staatsanstalt zur Lehranstalt permutiert. Dilthey möchte die zwei Hälften des »globus intellectualis« (ebd., 4) zusammenhalten und orientiert sich vorwiegend an wissenschaftspolitischen Vorbildern aus dem Ausland wie Mill, Littré, Comte und Spencer. In ihren Schriften meint er zu erkennen, dass Geisteswissenschaften immer schon Wissenschaften für die Gesellschaft darstellen, um die Grundlage der Berufsbildung der leitenden Organe der Gesellschaft zu garantieren. Der »verwegenen wissenschaftlichen Baulust« der französischen und englischen Vorbilder fehle jedoch das »intime Gefühl der geschichtlichen Wirklichkeit, welches nur aus einer vieljährigen Beschäftigung mit derselben in Einzelforschung sich bildet« (ebd., 22). Aus der systematischen Architektonik sei daher ein »Notbau« geworden, der auf reiner Spekulation beruhe. Dilthey möchte anders verfahren und gründet die geisteswissenschaftliche Forschung auf Psychologie, Anthropologie, Philologie. Besonders letztere habe eine »mustergültige Technik« entwickelt, um das Material der Geisteswissenschaften, die DIE FRÖHLICHE WISSENSGESELLSCHAFT 32 historisch-gewordenen Wirklichkeit, in all ihren Überlieferungen, Entstellungen und Verstellungen, zu analysieren und in Richtung auf die Gestaltung der Zukunft zu öffnen. Der konkret, individuelle Mensch bildet hierbei das anthropozentrische Gesamtbild und Zentrum dieser Wissenschaften. Die Analysen und Interpretationen beziehen sich daher vor allem auf konkrete, partikulare Willensregungen im gesellschaftlichen Körper, dessen Differenzierungsprozess zugleich die Bedingungen und Bedürfnisse für Theorien geschaffen hat, die die »selbstständig gewordenen Lebenskreise« betreffen (ebd., 38). Dilthey führt aus: »Die Natur ist uns fremd. Denn sie ist uns nur ein Außen, kein Inneres. Die Gesellschaft ist unsere Welt. Das Spiel der Wechselwirkungen in ihr erleben wir mit, in aller Kraft unseres ganzen Wesens, da wir in uns selbst von innen, in lebendiger Unruhe, die Zustände und Kräfte gewahren, aus denen ihr System sich aufbaut. Das Bild ihres Zustandes sind wir genötigt in immer regsamen Werturteilen zu meistern, mit nie ruhendem Antrieb des Willens wenigstens in der Vorstellung umzugestalten« (ebd., 35). Weil aber das Singuläre in der Soziologie und Geschichtswissenschaft zum bloßen Rohstoff der Abstraktion herabsinke und durch Analyse das »Gewebe der Thatsachen« zerreiße, müsse die Geisteswissenschaft ein neues Band zwischen dem Allgemeinen und dem Konkreten installieren. Dieses Band müsse ähnlich wie die Evolutionstheorie in der Biologie als Universaltheorie der Lebenszusammenhänge dienen, um dieses Gewebe nicht zu zerstören. Eine Spezialisierung der Einzelwissenschaften könne nur durch eine Kritik der »historischen Vernunft« verhindert werden, während man gleichzeitig von einer Metaphysik zu einer Meta-Physik der Person fortschreitet, um die Grenzen der Tatsachen des Bewusstseins aus dem Problem der Erkenntnis klar zu konturieren. Edmund Husserl schließt an diese Gedankengänge nahtlos an, wenn er von einer »Krisis der europäischen Wissenschaft« als eine »Krise der Philosophie« spricht (Husserl 1976, 10). In dem Kampf der Disziplinen zwischen Psychologie und Philosophie versucht auch Husserl das Problem der erkennenden Subjektivität zu erläutern und für wissenschaftspolitische Debatten fruchtbar zu machen. So beteuert er, dass es die »alltägliche Lebensumwelt« ist, die zur entscheidenden Frage nach der Immanenz wissenschaftlichen Denkens wird, denn »wir sind in ihr Objekte unter Objekten«. Weil aber die »Wahrnehmung der Urmodus der Anschauung« ist und der Leib das »Wahrnehmungsfeld« durch Organe der Affektion und Aktion bestimmt wird, müssen Psychologie und Philosophie sich zu einer neuen Wissenschaft verbinden: der »transzendentalen Phänomenologie« (ebd., 109). Diese neue Perspektivierung will das »subjektiv-relative« nicht überwinden, sondern zum integralen Bestandteil der Analyse ausbauen, dergestalt, dass es nicht bloß zum »irrelevanten Durchgang« wird, sondern »als das für alle objektive Bewährung DER TEMPEL DER WISSENSCHAFTEN UND DIE ARCHIVE DES WISSENS 33 die theoretisch-logische Seinsgeltung letztlich Begründende, als Evidenzquelle, Bewährungsquelle« (ebd., 129). Selbst das Labor sei in dieser Hinsicht nichts anderes als eine »Lebensumwelt«, die eine vorwissenschaftliche Erkenntnis begründet (ebd., 124), obwohl gerade die experimentellen Naturwissenschaften das Objektive als Transzendentales verehrten (»metaphysisch Transzendentes«) (ebd., 131). Ihren Befürwortern hält er entgegen: »Das einzig wirkliche Erklären ist transzendental verständlich machen. Alles Objektive steht unter der Forderung der Verständlichkeit« (ebd., 193). Husserl fordert von der jungen Philosophengeneration ein »Berufensein zu einem Leben in der Apodiktizität« (ebd., 275), denn im Laufe der Erfahrung können sich alle Gewissheiten als purer Schein erweisen (ebd., 270). Das Denken selbst leiste nur relative Wahrheiten. Das hänge nicht zuletzt damit zusammen, dass der Mensch in der Geisteswissenschaft nicht als »identische Realität« gedacht werden kann, »deren An-Sich-Sein objektiv zu bestimmen sei«, sondern als »historischer Mensch« (ebd., 302). Die Geisteswissenschaft – hier folgt er Dilthey – ist eine Wissenschaft des Personalen im Sinne eines lokalisierbaren Leibes in der Lebensumwelt, also auch hier – anthropologisch mit Kant gewendet – eine transzendentale Phänomenologie als pragmatisch-anthropologische Philosophie, die sich ihre Form der Wissenschaftlichkeit allerdings nicht von der Psychologie vordiktieren lässt. Dies führe nämlich dann zu einer »seichten Philosophie« und diese sei ausdrücklich zu meiden. Ein wenig später erörtert ein weiterer deutscher Philosoph die wissenschaftspolitische Sachlage erneut, interpretiert sie jedoch etwas anders als seine Vorreiter. Ernst Cassirer steht zwar sowohl akademisch als auch intellektuell in der Genealogie von Diltheys Konzeption der Geisteswissenschaften, dennoch schlägt er einen anderen diskursiven Weg ein, um sich und seine Theorie im angloamerikanischen Exil zu positionieren. Auch Cassirer strebte in seiner wissenschaftstheoretischen Schrift Zur Logik der Kulturwissenschaften (1942) an, die Geistes- und Naturwissenschaften unter dem Banner einer kulturellen Objektivierung symbolischer Bedeutungstheorie und einer »Philosophie der symbolischen Formen« zu vereinen (Cassirer 2011). Dieses Projekt sollte auf einer kritischen Theorie der Erfahrung beruhen, sodass schließlich die Kritik der reinen und praktischen wie der historischen Vernunft durch die Kritik der Kultur ergänzt wird. Dieser Kritik sollte die unendliche Semiose als Grammatik der symbolischen Formen zugrunde gelegt werden. Der Fokus lag auf den Potentialen der Sinnerzeugung. Damit sollte jedoch keine Verabsolutierung der Sprachanalyse erfolgen, also kein linguistic turn avant la lettre, sondern eine »Kulturphilosophie«, die sich auf Wissenschaft, Kunst, Technik und Religion gleichermaßen bezog. In der englischen Ausgabe, die unter dem Titel Logic of Humanities erschien, wendet er sich daher auch explizit an ein breites Publikum. Er nutzte vor DIE FRÖHLICHE WISSENSGESELLSCHAFT 34 allem seine englischen Schriften, um auf die gestörte Einheit der Disziplinen innerhalb der Humanities aufmerksam zu machen. Die Übersetzerin macht in ihren Vorbemerkungen für die angloamerikanische Leserschaft darauf aufmerksam, dass die Translation von Geist und Wissenschaft letztendlich nicht zu bewerkstelligen sei. Nicht nur sei das Wissenschaftsverständnis in Deutschland einem viel weiteren Konzept verpflichtet als in den USA oder England, der Begriff der »Kulturwissenschaft« sei darüber hinaus mit demjenigen der Humanities eigentlich nicht gleichbedeutend. Man müsse stattdessen von einer »meta-science of the science of culture« sprechen oder aber eben von »cultural sciences« (Cassirer 1961, ix). Doch bis heute hat sich dieser Begriff im angloamerikanischen Raum nicht durchgesetzt. Dort dominiert der Begriff der Humanities und dieser ist mit dem deutschen Begriff der Humanwissenschaften weder identisch noch aus diesem ableitbar. Ebenso ist der Begriff der Geisteswissenschaften nicht mit dem Begriff der »moral sciences« oder gar »social sciences« gleichzusetzen, obwohl Dilthey nicht umhin kommt auf Mill als Inspirationsquelle für die Etablierung der Geisteswissenschaften in Deutschland zu verweisen und sie immer weiter in die Nähe der Gesellschaftswissenschaften rückt. Cassirer war einer der letzten deutschen Philosophen, der vielleicht gerade aufgrund des akademischen Exils und der damit verbundenen Erfahrung eines anderen wissenschaftlichen Feldes den Streit der Fakultäten, der zum Streit der zwei Wissens- und Wissenschaftskulturen hinauslief, erneut entfachte, um den Dialog zwischen den beiden Wissenskulturen zu reanimieren (ebd., 86ff.). Blickt man nun auf die anthropologische Wende Kants zurück und auf die historischen Transformationen der Neuhierarchisierung der Disziplinen oder vielmehr der Denksysteme, dann wird schnell ersichtlich, dass eine Verschiebung der Fragestellungen und des Zentrums stattgefunden hat: Das wissenschaftliche Interesse zielt nicht mehr darauf ab, das Analysierte auf den Ursprung der eigentlichen Analyse zurückzuführen, der selbst Urheber der Analyse ist, nämlich den Menschen, sondern das Analysierte als Analysiertes in seiner Nicht-Rückführbarkeit auf einen menschlichen Urheber zu vermehren, um durch die bloße Anhäufung von Wissen, das Archiv als solches zu konstituieren. Man will nicht mehr über den Menschen, den Geist, das Subjekt oder die Kultur an sich sprechen, sondern über ein System von Zeichen, Symbolen, Produkten und Werten, mit denen der Mensch seine Umwelt strukturiert hat. Die Rückführbarkeit auf einen Urheber dieser Dinge und damit der Wunsch nach der Erklärbarkeit dessen, was der Mensch ist, muss daher aufgegeben werden. Denn innerhalb dieser Zeichensysteme ist der Mensch selbst zum Zeichen geworden. An diesem Punkt begannen die Wörter (mots) DER TEMPEL DER WISSENSCHAFTEN UND DIE ARCHIVE DES WISSENS 35 und die Dinge (choses) selbst zu sprechen und sich in diesem Sprechen unaufhaltsam von ihrem Ursprung zu entfernen. Begibt man sich vom Tempel der Wissenschaften in die Archive des Wissens gelangt man in die Nähe des unreinen Wissens, in die Nähe der Human-/Geisteswissenschaften, die eine gewisse Gefahr der methodologischen und sprachlichen Verunreinigung besitzen, die auf andere Disziplinen abfärben könnte. Das Verbot der Verunreinigung der reinen Wissenschaften durch die Humanwissenschaften wurde vom diskursanalytischen Vater der Wissenschaftsgeschichte und Denksysteme selbst verhängt: Die Rede ist von Michel Foucault. Die Rolle, die die Humanwissenschaften in den 1960er Jahren spielten und in Zukunft beibehalten sollten, wurde von Foucault am Ende seines mittlerweile kanonischen Standardwerks Les mots et les choses (1966) dargelegt. Bleibt auch hier Foucaults Einfluss auf die Literaturwissenschaften trotz des Vorwurfs des Anti-Humanismus ungebrochen, so nur deshalb, weil bewusst verdrängt worden ist, worüber eigentlich gesprochen wurde: über die Zerstörung des »anthropologischen Vierecks«, wie es seit Kant das anthropologische Feld determiniert, reguliert und ihm seine Existenzbedinungen zuspricht (Foucault 2006, 411). Foucault spricht von der großen Gefahr der Anthropologisierung der Wissenschaften: »Die ›Anthropologisierung‹ ist heutzutage die große innere Gefahr der Wissenschaften« (ebd., 417). Solange die empirischen Wissenschaften und das philosophische Denken innerhalb ihrer Grenzen verblieben, verhinderten sie den Übergang zu den Humanwissenschaften und vermieden dadurch die Übernahme ihrer »Unreinheit«. Folglich müssten die Humanwissenschaften aus dem »erkenntnistheoretischen Trieder« des Wissens ausgeschlossen werden. Foucault schlägt eine »voluminöse«, in drei Dimensionen unterteilte Wissensordnung der modernen episteme vor: (i) die Dimension der mathematischen und nichtmathematischen Naturwissenschaften, (ii) Linguistik, Biologie, Ökonomie und schließlich die (iii) die Philosophie (ebd., 416f.). Die letzteren Wissensvolumina gehörten zwar nicht zum empirischen Anwendungsfeld der Mathematik, aber sie seien ›mathematisierbar‹ und daher als reine Wissenschaften aufzufassen. Schließlich fungiere das philosophische Denken als dritte Dimension, die mit den mathematischen Disziplinen die »Formalisierung des Denkens« formiere, aber auch an den linguistischen, biologischen und ökonomischen Wissensdimensionen teilhabe, insofern sie eine gemeinsame Ebene umreißen, »auf der die verschiedenen Lebensphilosophien, Philosophien des entfremdeten Menschen und der symbolischen Formen (wenn man die Begriffe und Probleme auf die Philosophie überträgt, die in verschiedenen empirischen Gebieten entstanden sind) erscheinen können und in der Tat erschienen sind« (ebd.). Die Konturen zwischen den Wissensräumen seien eindeutig gezogen und definierten unvermeidlich DIE FRÖHLICHE WISSENSGESELLSCHAFT 36 die Grenzen zwischen den Disziplinen, wobei das philosophische Denken sowohl als dritte abgegrenzte Dimension als auch als gemeinsame Schnittfläche aller anderen Dimensionen auftrete. Wo bleibt jedoch der Denk- und Wissensraum der Humanwissenschaften in diesen wohldefinierten und stabilen Wissensvolumina? Foucault beschreibt sie als »gefährliche Mittelglieder im Raum des Wissens«, die durch ihre »Instabilität« und ihren »sekundären und abgeleiteten Charakter« die anderen Wissenschaften verunsicherten, weil ihnen »die Komplexität der erkenntnistheoretischen Konfiguration« inhärent sei (ebd., 418). Wurden die Humanwissenschaften zunächst durch die Erkenntnis begründet, dass der Mensch als eine »empirisch-transzendentale Dublette« gedacht werden muss und man auf diese Weise Kenntnis von dem nimmt, »was jede Erkenntnis möglich macht« (ebd., 384), spiegele sich in dieser Dublette Mensch jene Gefahr wieder, die heute von den Humanwissenschaften ausgehe. Weil der Mensch weder im Zentrum der Schöpfung, noch in der Mitte des Raumes, noch auf dem Gipfel oder am Ende des Lebens stehe, eröffneten sich durch humanwissenschaftliches Denken jene gefährlichen »Zwischenbereiche« (ebd., 417), die zu einer Verschiebung der wohldefinierten Grenzen zwischen den drei Dimensionen führten.9 Welche kulturelle Funktion kann trotzdessen den Humanwissenschaften zugesprochen werden? Das anthropozentrische Denken leite zu einer »Analytik der Endlichkeit« über, die nicht auf einen bestimmten Inhalt (den Menschen) fokussiert sei, sondern auf die Formalisierung des Bewusstwerdens der empirisch-transzendentalen Dublizität des Menschen als Objekt des Wissens und gleichzeitig als Subjekt der Erkenntnis. Humanwissenschaftliche Disziplinen bewegten sich daher stets in einer Position der Reduplizierung und diese habe a fortiori für sie selbst Geltung (ebd., 424f.). Alle Wissenschaften im »Stil von Humanwissenschaften« wie Psychologie, Soziologie, Kulturgeschichte, Ideengeschichte und Wissenschaftsgeschichte seien aus diesem Grund »metaepistemologische« Wissenschaften (ebd., 425). Foucault installiert die Humanwissenschaften demnach in ›instabilen Zwischenräumen des Wissbaren‹, in denen die Bedingungen der Möglichkeit von Wissen 9 Obwohl Foucault an dieser Stelle mit keinem Wort Charles Darwins Evolutionstheorie und seine Auswirkungen auf das anthropozentrische Denken erwähnt, kann mit Sicherheit behauptet werden, das die Evolutionstheorie die Dezentrierung des Menschen innerhalb einer Geschichte des Lebendigen bewirkt hat. Olaf Breidbach weist auf diese historische Zäsur hin: Unter dem Terminus »Wissensevolutionen« wird diagnostiziert als auch typologisiert, dass die anthropozentrische Wissensordnung ab 1850 nur noch als eine »momentane Konfiguration« eines »ziellosen Sich-vor-sich-hin-Entwickelns« von Natur und Kultur denkbar war (Breidbach 2008, 45). DER TEMPEL DER WISSENSCHAFTEN UND DIE ARCHIVE DES WISSENS 37 offenbar werden, weil sie in ihrer »ana- oder hypoepistemologischen Position« folgendes bewirken könnten: Hier zielen die Humanwissenschaften, wenn sie die Wissenschaften der Sprache, der Arbeit und des Lebens reduplizieren, wenn sie sich in ihrer feinsten Spitze selbst reduplizieren, nicht auf die Errichtung eines formalisierten Diskurses ab. Sie durchdringen dagegen den Menschen, den sie sich bezüglich der Endlichkeit, der Relativität, der Perspektive zum Gegenstand wählen, – bezüglich der Erosion der Zeit. (ebd.) Metaepistemologisch bedeutet in diesem Sinne, dass ihnen eine »transzendentale Überhöhung« inhärent sei, die dazu führe, dass das noch Nichtbewußte entschleiert und entmystifiziert werde: »Am Horizont jeder Humanwissenschaft gibt es den Plan, das Bewußtsein des Menschen auf seine realen Bedingungen zurückzuführen, es auf die Inhalte und Formen zurückzubringen, die es haben entstehen lassen und die sich in ihm verbergen« (ebd., 436). Obwohl sie nun zu der modernen episteme gehörten und eindeutig keine »pseudowissenschaftlichen Schimären« seien, seien sie dennoch keine Wissenschaften (ebd., 437).10 Ihre Existenz wird allein dadurch begründet, dass sie in Nachbarschaft zu den drei Wissenschaftsdimensionen stehen und sie durch diese Nachbarschaft eine Übertragung von Wissensmodellen zwischen den Wissenschaften hervorrufen. Pierre Bourdieu hat in seinem Homo academicus versucht, diese von Foucault konstatierte Einteilung der Disziplinen in reine und unreine Fächer in einem Schaubild zusammenzustellen, indem er die beiden reinen, autonomen Pole der Naturwissenschaftlichen Fakultät und der Philosophischen und Humanwissenschaftlichen Fakultät übereinander gelegt 10 Wolfgang Müller-Funk betont daher zu recht, dass Foucaults Einwände gegen eine narrative Kulturgeschichtsschreibung im Bereich der Humanwissenschaften zugleich »rationalitätskritisch und hyperrationalistisch« seien, da sie »auf einen epistemologischen Perfektionismus und Positivismus« hinauslaufe, »in dem keine Lücken und Leerstellen bleiben, weil alles von der ordnenden Hand des Strukturalisten ergriffen wird und in Serien und Tableaus seinen Platz findet« (Müller-Funk 2002, 38f.). Foucaults Versuche, sich ein stabiles Begriffsrepertoire zu erarbeiten, das die Komplexität der Humanwissenschaften bannen sollte, verweist auf einen derartigen Positivismus. Daher versucht er weitestgehend epistemologisch neutrale Begrifflichkeiten einzuführen. Dabei war es gerade Jacques Derrida, der auf die Unmöglichkeit verwiesen hat, eine Sprache zu erfinden, die anti-metaphysisch ist: »Es ist sinnlos, auf die Begriffe der Metaphysik zu verzichten, wenn man die Metaphysik erschüttern will. Wir verfügen über keine Sprache – über keine Syntax und keine Lexik – , die nicht an dieser Geschichte beteiligt wäre. Wir können keinen einzigen destruktiven Satz bilden, der nicht schon der Form, der Logik, den impliziten Erfordernissen dessen sich gefügt hätte, was er gerade in Frage stellen wollte« (Derrida 1976, 425). DIE FRÖHLICHE WISSENSGESELLSCHAFT 38 hat, sodass sich in ihren Schnittpunkten der heteronome, unreine Pol der Disziplinen wie der Wirtschaftswissenschaft, der Soziologie und Psychologie, der Linguistik wie der Geographie und Geologie herauskristallisiert, der praktisch, angewandt, empirisch und daher notgedrungen theoretisch unrein sei (Bourdieu 1992a, 204). Foucault jedoch macht eine argumentativ-unschlüssige Kehrtwende von dieser konstatierten Unreinheit. Strukturalistische Psychoanalyse und Ethnologie werden aus den Zwischenräumen der Humanwissenschaften verbannt und als »Gegenwissenschaften« innerhalb des Trieders platziert (Foucault ebd., 454). Als ›Gegenwissenschaft‹ durchliefen sie zwar das Feld der Humanwissenschaften, doch bildeten sie gleichzeitig die Grenzformen der Humanwissenschaften ab, indem sie die Linguistik als Methode ihrer Analyse hinzuzögen. Als Wissenschaften hätten die Humanwissenschaften nur dann Geltung, wenn sie sich dem linguistic turn anschließen würden (ebd., 456ff.). Dieser argumentative Kurzschluss zeugt von einer zaghaften Vorsicht gegenüber der eigenen Forschungshaltung, die sich ihre Selbstlegitimation erkauft, indem sie sich einem bereits bestehenden philosophischen Diskurs einschreibt. Damit geht jeglicher humanwissenschaftlicher Praxis eine sprachwissenschaftliche Analyse voraus. Sie wird zur Grundlage aller anderen Wissenschaften erhoben. Diesen strategischen Schachzug hat Bourdieu in diesem Zusammenhang als »Wissenschaftseffekt« beschrieben (Bourdieu ebd., 203). Aus dem »Begriffsarsenal der diversen Wissenschaften vom Menschen«, die durch eine doppelte Negation (weder Geistes- noch Naturwissenschaften) gekennzeichnet seien, werden die Vorzeichen der Wissenschaftlichkeit selbst umgekehrt, indem man das »Prestige wie die Vorteile des literarischen und des wissenschaftlichen Avantgardismus, die sich lange gegenseitig ausgeschlossen hatten«, in sich vereinigt und den Schein wissenschaftlicher Strenge mit dem der literarischen Eleganz zusammenzubringt. Für Bourdieu stellen diese »zweifach beherrschten Disziplinen« ein kritisches Moment innerhalb eines historischen Prozesses dar, »der die Festungen der literarisch-geisteswissenschaftlichen Kultur mehr und mehr der bisher untergeordneten naturwissenschaftlichen Kultur unterwirft« (ebd.). Intellektuelle Konflikte seien daher immer schon von bewussten Interessen geleitet, die mit einer bestimmten Position innerhalb des sozialen Raumes korrespondierten. Neue Disziplinen mit wissenschaftlichem Anspruch betreffe dies in besonderem Maße, da in ihre theoretischen, methodischen, technischen und stilistischen Fragen immer auch schon soziale Stragien einfließen würden, die an »vielfältige Formen der Macht« geknüpft seien. Vielleicht mag man deswegen kaum verwundert sein, wenn Foucault noch im Übereifer des Gefechts einen rigorosen Schnitt zwischen Literatur und anderen diskursiven Formationen einführt. Die Literatur des 20. Jahrhunderts in den Repräsentationsfiguren Nietzsche, Mallarmé, Roussel, DER TEMPEL DER WISSENSCHAFTEN UND DIE ARCHIVE DES WISSENS 39 Artaud, Bataille, Blanchot, Kafka sei dem »Sein der Sprache« verpflichtet, wobei diese »neue Seinsweise der Literatur« lediglich »von Männern wie ihnen« zu entschlüsseln ist (Foucault ebd., 458). Wo also bleiben die Literaturwissenschaftler in diesen Wissensräumen? Gehören sie nun vollständig der Linguistik an, die an der Wissenschaftsgeschichte der Philologie, der Wissenschaft von der Sprache, partizipiert, oder bewegen sie sich in der Transzendentalität der Humanwissenschaften, die als Spiegel der anderen Wissenschaften fungieren, indem sie ihnen ihre Endlichkeit, Relativität und Perspektivität vorhalten? Foucault hat mit der Archäologie des Wissens, die er Diskursanalyse nannte, zumindest versucht, jene Transzendentalität zu etablieren, die die Kontinuität zwischen Wissenschaft und Erfahrung, die durch Erkenntnis gerade gestiftet werde, außer Kraft setzt: »Die Erkenntnis überträgt der Erfahrung die Aufgabe, von der tatsächlichen Existenz der Wissenschaft Rechenschaft abzulegen; sie überträgt der Wissenschaftlichkeit die Aufgabe, vom historischen Auftreten der Formen des Systems, denen sie gehorcht, Rechenschaft abzulegen. Das Thema des Erkennens läuft auf eine Verneinung des Wissens hinaus« (Foucault 2001, 109). Wissen und Erkenntnis bauen also nicht aufeinander auf, sie schließen sich gegenseitig aus. Wissen (savoir) ist der Kommentar, der einen zweiten Diskurs über den Diskurs errichtet. In ihm wird Sprache auf Sprache bezogen: »Dem Wissen ist eigen, weder zu sehen, noch zu zeigen, sondern zu interpretieren« (ebd., 72). Doch diese Sichtweise gehört in die klassische episteme. In der modernen episteme könne ein derartiger Wissensbegriff keine Geltung mehr beanspruchen. Ihm stehe lediglich zu, den Raum der Interpretation zu öffnen, in dem sich Wissenschaft und Erfahrung begegneten und trennten. Diesen Raum kennzeichnet Foucault in seinen frühen Schriften der 1950er Jahre im Rahmen der Geschichte der Psychologie in Bezug auf die Psychoanalyse als »Raum des Forschens«, den er für sein eigenes Paradigma verwendet: »Der Forschung muss man Rechenschaft für die Wissenschaft abverlangen; sie ist nicht als eine Forschung im Raum einer Wissenschaft, sondern als die Bewegung zu begreifen, in der sich eine Wissenschaft sucht« (Foucault ebd., 198f.). In dieser selbstreflexiven Schleife werde sich die Wissenschaft überhaupt erst ihrer Wissenschaftlichkeit bewusst: »Die Wissenschaft ist nicht länger ein Weg des Zugangs zum Rätsel der Welt, sondern das Werden einer Welt […]; sie ist nicht länger ein Denken, sondern eine Praxis, nicht länger ein geschlossener Kreis von Erkenntnissen, sondern, für die Erkenntnis, ein Weg, der selbst da sich öffnet, wo er innehält« (ebd., 218). Foucaults Forschungsprogramm entstammt einer wissenschaftspolitischen Intention, die kaum wegzuleugnen ist, denn er selbst installierte sich als wissenschaftliche Instanz, die alle Wissenschaftlichkeit verbürgt. Der Bruch ereignet sich durch das intentional-interpretierende, DIE FRÖHLICHE WISSENSGESELLSCHAFT 40 wiedererkennende Subjekt, das mit seiner Intentionalität in den ›kontinuierlichen Prozess des Werdens einer Welt‹ eingreift und diese transformiert, indem sie ihn mittels Ausschließungsprinzipien ordnet. Das Denken ist jene diskontinuierliche Praxis, die mittels des Formalen eine sukzessive Ordnung erstellt, verwirft und neu entwirft. Galt es ihm zunächst jene Ebene zu enthüllen, die gerade dem Bewusstsein des Wissenschaftlers entgleitet und dennoch Teil des wissenschaftlichen Diskurses ist (Foucault 2006, 11), so muss mit Nachdruck gefordert werden, dass diese Ebene nicht nur enthüllt, sondern in Verteidigung des gesellschaftlichen Bewusstseins der Literaturwissenschaftler auf dieser Ebene Position bezieht. Der französische Historiker sah sich selbst nicht nur als Homo academicus an, der sein institutionelles, außeruniversitäres Kapital am Collège de France, das seine Professoren mit einem bestimmten intellektuellen Prestige ausstattet, nutzte, um es in moralisches Kapital in andere Felder zu transferieren, sondern erkannte in der intellektuellen Macht außerhalb des akademischen Feldes in der literarischen Wissensproduktion ein wesentliches Konstituens dieser interruptiven Bewegung des Denkens, obwohl er sich selbst den essayistisch-experimentellen Schreibstil nie so zu eigen machte, wie einige andere seiner intellektuellen Mitstreiter des französischen Poststrukturalismus. Hält man also ausgehend von Foucault fest, dass Philologie als die Wissenschaft von der Sprache und der Literatur, die eine besondere Form des Sprechens ist, eine metaepistemologische Position in den Zwischenräumen der durch den Historiker wohldefinierten Wissensvolumina einnimmt, dann referiert ihr Kommentar, den sie über ihren Gegenstand hält, auch auf sich selbst. Philologisches Sprechen ist trotz seiner überoder nebengeordneten Stellung ein Diskurs, der sich im Sprechen immer schon von seinem Untersuchungsgegenstand entfernt, und das nicht, weil er ihn redupliziert, sondern durch seine Rechtfertigungsinstanzen, die sich in den Trendwenden der Theoriebildung widerspiegeln, sich vor dem Gerichtshof der ökonomisch orientierten Wissensgesellschaft gegen sich selbst wendet. 41 Die Gelehrten – Wächter des Tempelbergs Los auténticos outsiders, los verdaderos iluminados no tienen cabida en nuestra sociedad: a la larga se convierten en enemigos públicos, en caudillos, en dictadores, en guerrilleros o, en el peor de los casos, en simples criminales. Volpi 2003, 448 Von den Archiven des Wissens begeben wir uns zurück auf den Tempelberg der Wissenschaften. Dort traf man noch vor einiger Zeit vor den Toren der Spezialdiskurse die Gelehrten an, Wächter des Tempelbergs. Neben diesen ›Geschäftsleuten der Gelehrsamkeit‹ begegnete man jedoch noch anderen Wächtern, die dem interessierten Volk näher zu stehen schienen als die Wächter oben auf dem Tempelberg. Sie waren es gewohnt auf den Pfaden und Wegen zu arbeiten, die zum Tempelberg hinaufführten. Man nannte sie: die Intellektuellen. Diese Geschichte wird in der Vergangenheit erzählt, weil sich der Typus des Intellektuellen bereits gewandelt hat. Aus dem Urbild des kritischen Intellektuellen ist ein mediales Trugbild geworden. »Die Figur des kritischen Intellektuellen ist in der Krise«, stattdessen wurde die traditionelle Figur des Intellektuellen aus dem 19. Jahrhundert durch den Medienintellektuellen ersetzt: »Als Rädchen im Getriebe des Medienapparats ist er völlig von der ›Ökonomie der Aufmerksamkeit‹ absorbiert. Sein Ansehen steigt und fällt mit dem Erfolg seiner medialen Performance« (Möbius 2010, 39). Medienintellektuelle in der Wissenschaftsgesellschaft treten generell als »getarnte Anti-Camus« auf. Was aber definiert einen Intellektuellen, seitdem er während der Dreyfus-Affäre in Frankreich zum ersten Mal im Rampenlicht der öffentlichen Debatten stand? Möbius fasst die wesentlichen Merkmale wie folgt zusammen: Die ›Geburt des Intellektuellen‹ ist eng mit dem Kampf um universalistische Werte der Menschenrechte verbunden. […] Als ›Intellektuelle‹ sind Menschen zu bezeichnen, die wissenschaftlich, künstlerisch, religi- ös, literarisch oder journalistisch tätig sind, dort Kompetenzen erworben haben und qualitativ ausgewiesen sind und die in die öffentlichen Auseinandersetzungen und Diskurse kritisch oder affirmativ intervenieren und Position beziehen; sie sind dabei nicht notwendig an einen bestimmten politischen, ideologischen oder moralischen Standort gebunden; folglich kann es sie in unterschiedlichen politischen Lagern oder DIE FRÖHLICHE WISSENSGESELLSCHAFT 42 Strömungen sowie innerhalb und außerhalb institutioneller Bindungen geben. (ebd., 42) Diese heterogene Zersplitterung des Intellektuellen in ein Bündel von unterschiedlichen Herkunfts- und Tätigkeitsbereichen ohne festen Wohnsitz, die ihn gleichsam als Nomaden innerhalb von in Bewegung geratenen globalisierten und massenmedialvernetzten Gesellschaften als Überwachungsinstanz installiert, rührt von seiner historischen Herkunft her. Wie Michel Winock in seiner äußerst ausführlich geschilderten Dokumentation über den Intellektuellen-Kosmos seit der Dreyfus-Affäre zeigen konnte, ist bereits der Ursprung dieses sozialen Zwitterwesens verschüttet durch zahlreiche Kämpfe um die symbolische Benennungsmacht im intellektuellen Feld.11 Der Kampf gegen den französischen Militär- und Justizapparat, wie er von Émile Zola mit seinem J’accuse in der Hand geführt worden ist, spiegelt wie kein anderer in der Geschichte des intellektuellen Geistes in Europa einen semantischen Kampf wieder, der den Begriff des Intellektuellen selbst instrumentalisiert, um die größtmögliche Distinktion zwischen zwei oder mehreren unterschiedlichen Feldern zu erreichen. So bezeichneten die einen Zola und seine Anhänger als »meinungsbildende Bewegung, die über allen unterschiedlichen Interessen steht«, als eine Art von »friedlicher Revolte des französischen Geistes«, andere wiederum bezeichneten diese revolutionäre Kampfeslust und seine Wortführer als unmoralisch, eingebildet, anmaßend noch dazu als »groteske Oligarchie von Graduierten«. Sie galten als »Halbkultur, die den Instinkt zerstöre, ohne ihn durch ein Gewissen zu ersetzen« (Winock 2003, 37). Die historischen Erben in der Nachfolge Zolas, wie sie in den 1960er Jahren von Jean Paul Sartre als ›universelle[m] Intellektuellen‹ und von Michel Foucault als ›spezifische[m] Intellektuellen‹ repräsentiert worden waren, blieben von diesen semantischen Unschärfen nicht ganz unberührt. Machte es sich Sartre zur Aufgabe, ein neues Schriftsteller-Ideal auf den Plan zu rufen, um die engagierte Literatur zum politischen Akt schlechthin zu machen und mit geladenen Wörter zu zielen (ebd., 516), so versuchte Foucault mit der Idee des spezifischen Intellektuellen seinen Tätigkeitsbereich dort zu fixieren, wo seine Arbeits- und Lebensbedingungen situiert waren: das Labor, die Wohnung, die Anstalt, das Krankenhaus oder die Universität (ebd., 740). Doch bereits zu Anfang der 1980er Jahre, als die großen alliierten, intellektuellen Streitkräfte von der Lebensbühne abtraten, schrieb Pierre Nora, Cheflektor bei Gallimard, in seiner neu gegründeten Zeitschrift Le Débat: Der orakelnde Intellektuelle ist überholt. Niemand wird auf die Idee kommen, Michel Foucault – wie früher Sartre – zu fragen, ob er in die 11 Siehe hierzu die historische Studie zum deutsch-französischen Vergleich von Bering (1978). DIE GELEHRTEN – WÄCHTER DES TEMPELBERGS 43 Fremdenlegion eintreten oder seine Freundin zur Abtreibung überreden soll. Wie groß auch sein Prestige sein mag, er ist kein Priester mehr. Der Intellektuelle hat sich durch und durch laizisiert, sein Prophetentum hat den Stil verändert. Die Verwissenschaftlichung des Lebens hat ihn in ein breites Netz von Arbeitsgruppen und Kreditgebern eingespannt (Pierre Nora, zit. n. Winock, ebd. 784). Michel Winock sieht in diesem Dokument der 1980er Jahre einen Einschnitt in der Geschichte der Intellektuellen, die endgültig bei ihrer Demystifizierung angelangt sei, weil ein neues Medium als Schauplatz intellektueller Auseinandersetzungen zu einer neuen wissenschaftlichen Mystifizierung des Intellektuellen beigetragen hätte: das Fernsehen. Winock bezieht sich hier explizit auf die damals veröffentlichte Studie von Pierre Bourdieu in der soziologischen Fachzeitschrift Actes de la Recherche sciences sociales, die durch die »Schule des Verdachts« die Aktivitäten der Schriftsteller und der Intellektuellen feldspezifisch in Bezug auf individuelle Strategien und die Verteidigung eigener Interessen analysiert hat. Ebenso habe Bourdieu richtig erkannt, dass die zunächst verachtete Medienpräsenz schließlich zum Initialzünder einer neuen Form der Intellektualität wurde, die durch das Medium selbst determiniert worden ist, nämlich sich nicht mehr für die Inhalte der Reden zu interessieren, sondern für die Personen, die sie hielten (ebd., 785). Dementsprechend kommentiert Winock: »Der kleine Bildschirm ist zu einem Instrument des persönlichen Aufstiegs geworden, der medienwirksame Intellektuelle zur letzten Verpuppung der Zunft« (ebd.). In seinem berühmten Essay Le trahison des clercs aus dem Jahre 1927, der schließlich 1946 und 1975 in einer zweiten und dritten Auflage erschienen ist, zeichnet Julien Benda das zutiefst ambivalente Bild des Intellektuellen, wie es sich in der europäischen Intellektuellengeschichte vor dem Hintergrund unterschiedlicher soziokultureller und politischer Umbrüche konturiert hat. Die humanistische Form des Intellektuellen definiert er wie folgt: Gemeint ist eine Klasse von Menschen, die ich die clercs nennen will – das heißt, all jene, deren Aktivitäten schon vom Wesen her nicht auf praktische Ziele ausgerichtet sind; Menschen, die ihre Befriedigung von Kunst, Wissenschaft oder metaphysischer Spekulation –, kurz, im Besitz immaterieller Güter suchen und damit zu sagen scheinen: »Mein Reich ist nicht von dieser Welt«. (Benda 1988, 111f.) Das Wesen und die Aufgabe des modernen Intellektuellen entpuppe sich hingegen als absolute Mobilisierung leidenschaftlich-politischer Kräfte, denn es gehe ihm um nichts anderes als um die »die Einbeziehung aller Menschen ohne Ausnahme in das Geflecht politischer Interessen« (ebd., 204). Lassen sich jedoch auch alle anderen nicht-französischen Intellektuellen diesem Grundmuster zuordnen? DIE FRÖHLICHE WISSENSGESELLSCHAFT 44 In der diachronen Wissenschaftsentwicklung zwischen Frankreich, England, Deutschland und den USA lässt sich nach Richard Münch eine Verschiebung des intellektuellen Selbstverständnisses diagnostizieren. In seinem historischen Vergleich der Wissenskulturen der Moderne zwischen den westlichen Industrienationen hat er aufgezeigt, wie sich das Zentrum der Wissensentwicklung im 20. Jahrhundert in die USA verlagert hat (Münch 1990, 82). Dort unterliegt sie selbstverständlich eigenen Denk- und Schreibstilen, die aber aus der englischen Wissenschaftskultur importiert und modifiziert worden sind. Der Pragmatismus des angloamerikanischen Denkens gründet seine Vernunft (reason) immer schon auf ein Erfahrungswissen, das in einer allgemeinverständlichen Untersuchung (enquiry) der Öffentlichkeit (dem Durchschnittbürger) vorzutragen sei, damit es als common sense in das Alltagswissen des Bürgers eingehen könne (Hume, Locke). Es sei eben keine Vernunft, die einen abstrakten Universalismus oder eine unumstrittene Wahrheit von der Kanzel lehre: »Es ist eine Vernunft, die sich in der offenen Diskussion entfaltet. Die Wahrheit wird nicht dadurch ermittelt, daß man alles Partikulare abstreift und die Ebene der Universalität erreicht, sondern durch den Wettstreit partikularen Meinungen« (Münch 1986, 199). Auf diesem Denkstil gründet demnach auch die empirische Wissenschaft in England, die das Experiment zunächst »als ein empirisches Probieren von praktischen Problemlösungen betrachtet« und nicht als ein systematisches Testen von Hypothesen, denen Theorien zugrunde liegen (ebd., 200). Methoden seien dort weit eher Erfahrungsregeln als ausgearbeitete, systematische Denkgebäude. Was jedoch von viel größerer Bedeutung sei, ist die Tatsache, dass die Allgemeinverständlichkeit des englischen Wissenschaftlers und Gentlemen in den Gründungsakten der Royal Society seit dem 17. Jahrhundert verbürgt gewesen sei (ebd., 201). Es zählt der faire Wettbewerb der Ideen, der nach den Regeln des Fair Play zwischen den intellektuellen Gentlemen ausgetragen werde, wobei der Konsens und der faire Kompromiss als Ziel aus diesem Spiel der Meinungen und Argumente hervorgingen und zwar ohne die »gewaltsame Durchsetzung der eigenen Vorstellung«, denn die Bereitschaft zur Kompromissbildung sei dem Engländer heiliger als irgendeine besondere Idee (ebd., 203). Der englische Intellektuelle ist daher nicht aus einer geschlossenen Gemeinschaft von Akademikern aus angesehenen Institutionen hervorgegangen. Auch pflegten sie keinen privilegierten Inszenierungsort ihres Auftretens in Cafés oder Salons, wie in Frankreich oder Deutschland (ebd., 202). Diese historische Interpretation stimmt mit Christophe Charles vergleichender Sozialgeschichte des Intellektuellen überein. Diese Entwicklungen führt er darauf zurück, dass es zu dieser Zeit noch kein einheitliches Universitätsmodell in England gab und damit auch kein einheitliches Idealbild des Intellekuellen in die Öffentlichkeit transportiert werden konnte, wie es die in Oxbridge DIE GELEHRTEN – WÄCHTER DES TEMPELBERGS 45 ausgebildeten Intellektuellen der vorangegangen Generation behaupten konnten (Charle 2011, 192). Damit fehlte es diesen Intellektuellen an einer Fetischisierung der angesehensten akademischen Positionen wie in Frankreich oder Deutschland. Sie standen entweder außerhalb des Universitätssystems oder entstammten dessen neueren Segmenten, denen es noch an gesellschaftlicher Legitimation fehlte, um wirklich anerkannt zu werden. Allerdings ermöglichte gerade das Fehlen eines Korpsgeistes und einheitlichen Universitätsstruktur einen besseren Austausch zwischen einer akademischen und nicht-akademischen Welt (ebd., 193). Mit anderen Worten: Die Populärwissenschaft als Form der öffentlichen Teilnahme am wissenschaftlichen Produktionsprozess, die sich in England vor allem in Form von Amateurwissenschaften etablierte, war kein abgegrenztes Feld von der Wissenschaft, sondern immer schon Teil ihrer Wissensproduktion. Sie wurde zu ihrer Legitimationsinstanz. Folglich gibt es im angloamerikanischen Kulturraum keinen ›reinen Intellektuellen‹, sondern nur »praktischen Problemen zugewandte professionelle Experten« (Münch ebd., 212). Der Typus des angloamerikanischen Intellektuellen gründe daher zwar auf einer allgemeinen Autorität, die ihm durch die führenden Eliteuniversitäten zugeschrieben werde, seine Legitimation erhalte er jedoch nicht dadurch, dass er Zugang zu einer universellen Wahrheit habe, die er zu vermitteln gedenke. Seine Teilhabe legitimiere sich allein durch einen kultivierten Lebensstil, den er als Gentlemen in der »vornehmen Zivilisation einer kulturellen Elite« exemplifiziere. Für Radikalität und Esoterik gebe es dort keinen Platz (ebd., 213). Wie sieht es jedoch mit dem nordamerikanischen Intellektuellen aus, der sich seiner kolonialen Bevormundung entledigen möchte? Auch in Amerika gebe es keine reinen Intellektuellen und der amerikanische Professor besäße auch weniger Autoritätsgewalt (ebd., 355), weil das wissenschaftliche Wissen entsakralisiert und stärker dem Wettbewerb der Informationen und Meinungen unterworfen sei. Daher existiere keine »doktrinäre Ausformulierung ideologischer Positionen« (ebd., 335). Sie blickten daher mit Neid auf die Intellektuellen Europas (ebd., 334f.). Zeitgenössische Dokumente über das intellektuelle Klima der 1950er Jahre am Massachusetts Institute of Technology gibt es beispielsweise von Norbert Wiener, der einen Mangel an humanistischer Bildung an den naturwissenschaftlichen Instituten der USA beanstandet. In einem Essay mit dem Titel Der Intellektuelle und der Naturwissenschaftler kritisierte er sowohl die Stellung des Geistes- als auch des Naturwissenschaftlers als »zwei Orden der Priester der Kommunikation«. Weil jedoch gerade die Kommunikation der »Mörtel der Gesellschaft« sei, seien diese »Priester« für den Verfall bzw. das Fortbestehen der Kultur verantwortlich (Wiener 1952, 132). Wiener selbst fungiert als Kultur- und DIE FRÖHLICHE WISSENSGESELLSCHAFT 46 Kunstkritiker der amerikanischen Gesellschaft. Seine persönliche Abneigung richtet sich gegen die Massifizierung und Kommerzialisierung der Kulturindustrie und endet mit der Kritik am höheren Bildungswesen. Zu beanstanden sei auch die sprachliche Ausbildung amerikanischer Naturwissenschaftler, denen sowohl Französisch als auch Deutsch als »Kultursprachen« unzugänglich seien (ebd., 140). Der humanistische Grundanspruch eines jeden Studiums sei zusammengeschrumpft auf einen »Überblickslehrgang«, der, anstatt eine allgemeine intellektuelle Orientierung im eigenen Spezialfach zu stärken, auf eine plumpe Sophisterei hinausliefe. Eine derartige oberflächliche Lektüre philosophischer Klassiker wirke sich auch auf die naturwissenschaftlichen Fächer negativ aus (ebd., 144). Diejenigen unter ihnen, die ihr eigentliches erworbenes Können nicht zu einem ganzen Handwerk ausbilden könnten, würden Kritiker werden, und das bedeutet in den Worten Norbert Wieners, »unbefriedigte Menschen«, weil sie nicht in der Lage seien, aus ihrem persönlichen Interessengebiet eine »schöpferische Arbeit«, will heißen, eine Berufung, auszugestalten (ebd., 144). Hier blickt ein Zögling des deutschen Universitätssystem auf Harvards Elite und vergießt Tränen über den »echten Bildungsdrang«, den er doch in seinen Studenten zu sehen glaubt. Ihm ginge es nun darum diesen »Bildungsdrang« nach deutschem Modell zu entfesseln, damit der »überfeinerte Mensch der Elfenbein-Kultur« Wissen und Kultur nicht als »private Schätze« einer snobistischen Elitekultur wahrnehme, sondern als Kulturgut aller (ebd., 148f.). Es seien jene naturwissenschaftlichen Intellektuelle, die Berufe ausübten, »die intellektuelle Ausdauer verlangen und intellektuellen Wissenstrieb ermutigen« (ebd., 148), also vor allem Ingenieure und Mediziner, die einen besseren Zugang zu den Sozialwissenschaften und der Literatur bräuchten, um ihre geistigen und handwerklichen Fähigkeiten der Gesellschaft besser zur Verfügung stellen zu können. Wiener plädiert für eine humanistische Ausbildung der Naturwissenschaftler, weil er für eine stärkere Akzeptanz des »Maschinenzeitalters« in der amerikanischen Kultur werben möchte. Aus diesem Grund sollten Geisteswissenschaftler lieber zu Schullehrern der Technologie-Elite werden, anstatt ihre Zeit als ›unbefriedigte Menschen‹ und Kritiker Zeit zu vergeuden. Eine kulturhistorische Rekontruktion des nordamerikanischen Intellektuellen nahm der Historiker Richard Hofstadter in der 1960er Jahren vor. Unter dem Titel Anti-Intellectualism in American Life rechnete er nicht nur mit der geistigen Kulturgeschichte einer jungen Nation ab, sondern versuchte vor dem Hintergrund der damaligen politischen Lage, eine allgemeine Einschätzung der Eigenarten des nordamerikanischen Intellekts aus seiner Kolonialzeit heraus zu deuten. Einleitend versucht Hofstadter einen Eindruck von dem zu vermitteln, worüber er eigentlich sprechen will, indem er den Gegenentwurf der politischen Wortführer DIE GELEHRTEN – WÄCHTER DES TEMPELBERGS 47 der USA zitiert. Aus dem politischen Tagesgeschehen erschloss sich ihm ein buntes Bukett unterschiedlicher Eigenschaften. Um 1958 erschien in einer Kolumne der Begriff des »egg-head«, der sich bald als gleichbedeutend mit »highbrow« durchsetzen sollte (obwohl er zunächst ursprünglich für die Bezeichnung eines Republikaners verwendet wurde). Unter Egghead verstehe man, a person of spurious intellectual pretensions, often a professor or the protégé of a professor. Fundamentally superficial. Over-emotional and feminine in reactions to any problem. Supercilious and surfeited with conceit and contempt for the experience of more sound and able men. Essentially confused on thought and immersed in mixture of sentimentality and violent evangelism. A doctrinaire supporter of Middle-European socialism as opposed to Greco-French-American ideas of democracy and liberalism. Subject to the old-fashioned philosophical morality of Nietzsche which frequently leads him into jail or disgrace. A selfconscious prig, so given to examining all sides of a question that he becomes thoroughly addled while remaining always in the same spot. An anemic bleeding heart. (Hofstadter 1963, 9f.) Einem Pressedokument von President Eisenhower zu Folge, sei ein Intellektueller »a man who takes more words than are necessary to tell more than he knows« (ebd., 10). Dieser sentimentale, weibliche, mitteleuropäisch sozialistische Einschlag seiner Natur werde ergänzt durch eine zutiefst linke Gesinnung, jene kommunistisch-sozialistische Ader, deren Puls am stärksten in den Ivy-League-Universitäten, wie beispielsweise Harvard, schlage. Dieses Bild wiederum sei selbst ein Konstrukt des rechten Einschlags des amerikanischen »businessman« gewesen, für den jegliche Art von »experts« ein Dorn im Auge seien, solange sie in geschlossenen Wissensräumen wie Laboratorien, Universitäten oder diplomatischen Regierungshäusern hausten (ebd., 12). Es ergibt sich kein genuin einheitliches Bild des amerikanischen Intellektuellen, denn die Konstruktionen und Destruktionen seines Habitus bleiben auf andere Akteure anderer sozialer Felder verwiesen: akademische, politische, wirtschaftliche und religiöse. Der »anti-intellectualism« stehe daher auch nicht im Gegensatz zu diesem konstruierten Egghead: »Just as the most effective enemy of the educated man may be the half-educated man, so the leading anti-intellectuals are usually men deeply engaged with ideas, often obsessively engaged with this or that outworn or rejected idea. Few intellectuals are without moments of anti-intellectualism; few anti-intellectuals without singleminded intellectual passions« (ebd., 21). Die Biogeographie eines amerikanischen, anti-intellektuellen Habitus gründe gerade auf der marginalen Position eines »would-be intellectuals«, »full of seriousness and high purpose about the causes that bring them to the attention of the world«. Grundlegend für diesen Denk- und DIE FRÖHLICHE WISSENSGESELLSCHAFT 48 Handlungstypus der amerikanischen Elite sei die Unterscheidung zwischen »intellect« and »intelligence«: Intellect, […], is the critical, creative, and contemplative side of mind. Whereas intelligence seeks to grasp, manipulate, re-order, adjust, intellect examines, ponders, wonders, theorizes, critizes, imagines. Intelligence will seize the immediate meaning in a situation and evaluate it. Intellect evaluates evaluations, and looks for the meanings of situations as a whole. Intelligence can be praised as a quality in animals; intellect, being a unique manifestation of human diginity, is both praised and assailed as a quality in men. (ebd., 25) Der akademische Grad oder »professional skills« machten jedoch noch keinen Intellektuellen aus, denn er könne seinen aristokratischen Status nicht allein auf der intelligence gründen. Sie stelle bloß eine hinreichende Bedingung dar. Die notwendige Bedingung gründe vielmehr in seiner persönlichen Einstellung gegenüber den Ideen, die er verkörpert: »The difference is not in the character of the ideas with which he works but in his attitude towards them« (ebd., 27). Seine einzige Lebensform, die er kennt und anerkennt, widme er seinen Ideen, »which means that he has a sense of dedication to the life of the mind which is very much like a religious commitment«. Dieses religiöse Bekenntnis ziehe sich durch alle sozialen Räume und Berufssparten vom Büroangestellten zum Kleriker, bis sie schließlich in eine Obsession münde: »The intellectual function can be overwhelmed by an axcess of piety expended within too contracted a frame of reference« (ebd., 29). Dies beobachtet Hofstadter sowohl in der Politik als auch in der Theologie, also überall dort, wo sich die Orthodoxie, das heißt hegemoniale Monopolstellungen, am schnellsten und deutlichsten bemerkbar machten. Dieser Pietät gegenüber dem Intellekt und der Funktion des Intellektuellen, die gleichsam als groteskes Nachspiel in Selbstvernarrtheit münde, stellt Hofstadter, mit Verweis auf Schiller, den Sinn für »playfulness« gegenüber, eine anthropologische Konstante allgemein-menschlicher Handlungen. Das Gleichgewicht dieser beiden intellektuellen Kräfte sei es, das die Obsession unterbinde (ebd., 32). Eine bloße selbstreferentielle Begfriedigung des Spieltriebs mache den Intellektuellen selbst zum Spielball seiner Gedanken, während er in der frommen, anbetenden Haltung dem Göttlichen der Ideen entsage, um sich selbst als Gott von Ideen zu setzen. Der Anbetende permutiere auf diese Weise zum Angebeteten. Das könne sowohl auf den Intellektuelle in der Rolle des Experten als auch in der Rolle des Ideologen zutreffen (ebd., 35). Experten und Ideologen könnten sowohl als sakrale als auch profane Figuren auftreten. Als Gelehrte, Künstler oder Propheten träten sie immer an einem geweihten Ort auf, der ihnen ihre Anonymität, ihre Privatheit und Zurückgezogenheit gewähre. Das beste Beispiel sei die Alma Mater, die Universität, falls er eine akademische Laufbahn DIE GELEHRTEN – WÄCHTER DES TEMPELBERGS 49 genossen hätte und dieser immer noch zugehöre; sobald er diesen sakralen Raum verlasse und in die »public culture« aus- bzw. einzöge und sich an den »public affairs« beteilige, werde er zu einer »public figure«, gebunden an den Sprechstil und die ethischen Maximen politischer Kontroversen der »populistic culture« (ebd., 37). Wolle er ein Mitspieler dieses intellektuellen Feldes werden, müsse er die Regeln ihres Spiels anerkennen, damit die anderen ihn als Gegen- Spieler wahrnehmen. Mit der Anerkennung gehe dann das Zugeständnis einher, seiner Rolle nun eine andere Funktion gegeben zu haben. Die Frage bleibe offen, ob sich intellektueller Spieltrieb und pietätvolle Berufung die Waage halten. Richard Hofstadter sieht in den frühen Geburtswehen des nation building der Vereinigten Staaten nach dem Civil War die Bemühungen, sich nun endgültig auch von der intellektuellen Vormundschaft Europas und seiner Ismen zubefreien. Die Ironie des Unterfangens bestehe nun darin, dass die Absolution wiederum selbst Ideologen erteilten, deren größtes Meta-Narrativ die Akzeptanz der Veränderung sei: »In earlies days, after all, it had been our fate as a nation not to have ideologies but to be one« (ebd., 43). Diejenige Figur, die Veränderungen am besten symbolisiere, stehe im krassen Gegensatz zum Intellektuellen: der »businessman« (ebd., 233ff.). Die Erfolgsgeschichte dieses anti-intellektuellen Typus liegt in seinem Triumph als Mann der Tat in den Zeiten von Henry Ford, den technischen und wirtschaftlichen Fortschritt des Landes zu repräsentieren. Hofstadter konstruiert folgendes Bild: »The businessman is everywhere; he fills the coffers of the political parties; he owns or controls the influential press and the agencies of mass culture; he sits on university boards of trustees and on local school boards; he mobilizes and finances cultural vigilants; his voice dominates the rooms in which the real decisions are made« (ebd., 235). Die soziale Gestalt des ›businessman‹ beruhe auf dem nationalen Konstrukt einer amerikanischen Gesellschaft, deren Hauptaugenmerk auf jenen Männern liege, die sich aufs Geschäftemachen verstünden, denn »business is the most powerful and pervasive interest in American life« (ebd., 237). Diese Macht und Überzeugungskraft gründe sich aber nicht nur auf die kritische und kreative Kraft des Intellekts, sondern auf der Betonung der Tatkraft dieser anti-intellektuellen Schicht. Sich allein auf die Kraft des Intellekts zu berufen, stehe immer unter dem Verdacht im bloß Geistigen zu verharren, während der businessman sich immer auf die »practicality« seiner Ideen konzentriere (ebd., 236). Hofstadters historische Repräsentationsfigur dieses Typus ist der Herausgeber und Verleger Freeman Hunt, denn keiner verstand es so gut wie er, die kreative Kraft des Intellekts mit der kaufmännischen Kraft der praktischen Erfahrung des »self-made man« zu verknüpfen (ebd., 246). Mit der Herausgabe von Hunt’s Merchant Magazine und seinem Werk Wealth and DIE FRÖHLICHE WISSENSGESELLSCHAFT 50 Worth verhalf er der Figur des businessman zu einer Ikone eines neuen Zeitalters aufzusteigen: »What is essential here is that the role of the merchant was justified not solely on the ground that he is materially useful, nor even on the honor and probity with which he pursues his vocation, but also because he is an agent of a more general culture that lies outside business itself« (ebd., 247). Für die 1960er Jahre diagnostiziert Hofstadter jedoch eine morphologische Transformation der ›Eggheads‹ in das, was man heute allgemein unter dem Begriff der Expertise versteht. Das Spezialisierungsbestreben der Gesellschaft hätte zur Folge, dass sich die Beziehung zwischen »power« und »knowledge« anders formierten und daher die Ausbildung einer »expertise« natürliche Begleiterscheinung dieses Prozesses sei: »Today knowledge and power are differentiated functions. When power resorts to knowledge, as it increasingly must, it looks not for intellect, considered as a freely speculative and critical function, but for expertise, for something that will serve its needs« (ebd., 428).12 Eine Instrumentalisierung dieser Expertise sei natürlich nicht ausgeschlossen, sondern stelle gerade jene Gefahr dar, die besonders in politischen Interventionen an der Tagesordnung stehe. Daher endet Hofstadter mit einer expliziten Kritik an dem amerikanischen Bildungssystem, das zu viele jener Experten ausbilde, die nicht dem Ruf der »intellectuals« oder der »men of culture« folgten (ebd., 428). Hofstadter ist sich des zwielichtigen Standpunktes des amerikanischen Intellektuellen stets bewusst, da selbst die Kritik der Macht immer noch den kritischen Intellekt in eine Illumination des Kritisierten verkehren könne (ebd., 429). Die kritische Kraft des Intellektuellen wird von den zentrifugalen Kräften der Macht absorbiert und ihr Gegenteil verkehrt. Es sind vor allem jene Kräfte, die den Egozentrismus seiner Wortführer entlarven, indem sie ihn durch seine Möglichkeit, Kritik zu leisten, aus dem Schneckenhaus des verhaltenen Schweigens herauslocken und in das Scheinwerferlicht einer politischen Szene stellen, um sich selbst zu widersprechen: Der Widerspruch oder besser gesagt, die Versuchung besteht darin, nicht selbst an die Stelle das Machtträgers zutreten. Denn der Wille zur Macht will nichts anderes 12 Zum Begriff der Expertise siehe Fuller (2009, 6ff.). Fuller konstatiert einen Entfremdungsprozess zwischen den Inhalten des Wissens und dem Träger dieses Wissens, dessen autoritäre Sprechwirksamkeit nur dann anerkannt werde, wenn sein Wissen die akademisch zertifizierte Lizenz erhalten habe (ebd., 7). Peter Weingart gibt jedoch zu bedenken, dass der autoritäre Expertenstatus durch die veränderte Lage des Laien relativiert werden müsse, da die Grenze zwischen Wissenden und Laien in die Wissenschaft hinein verlegt worden sei, in der alle Experten und Laien zugleich seien (Weingart 2006, 51). Zur historischen Genese des Begriffspaares Laie / Experte vgl. hierzu Hesse (1998). DIE GELEHRTEN – WÄCHTER DES TEMPELBERGS 51 außer sich selbst: den Willen zur Macht, um die Werte aufs Neue umzuwerten. Auch aus der Perspektive der Science and Technology Studies Fürsprecher kann festgehalten werden, dass sich die Rolle der Intellektuellen genau auf diese Wertedestruktion beschränkt: »Intellectuals are, at best, a nuisance and, at worst, the source of value-destruction. For the latter, intellectuals are necessary correctives, even moral heroes, in a world where people accept their plight all to willingly« (Fuller 2009, 95). Aus Steve Fullers Sicht sei gerade der »public intellectual«, wie er gerade durch die wissenschaftlich-akademischen Akteure der Sociobiology repräsentiert werde, gefährdeter denn je. Gerade weil er als ein »agent of distributive justice« und »professional crisis-monger« (ebd., 107) agiere, sei er die gefährlichste Alternative, die die kritischen Intellektuellen mime: »The public intellectual becomes a recognizable role once society – operationalized in terms of the nation-state – is envisaged as an organism, a ›body politic‹, that possess a collective mind in which a variety of ideas, some long repressed, vie for the forefront of consciousness (ebd., 108). Ihre »negative responsibility« sei daher nichts anderes als eine heuristische Abschätzung einer bestimmten Handlung in der Öffentlichkeit in Hinblick auf ihren Erfolg. Der kritische Intellektuelle besitze daher stets ein Janus-Gesicht: »If ideas can be vehicles for lunching us into glorious future, they can equally serve to propel us towards disastrous fate« (ebd., 115). Auch an Hofstadters historischer Rekonstruktion kann man beobachten, wie sich die anti-intellektuelle Einstellung intellektueller Typen im Laufe der Zeit transformiert und zu einem eigenen kulturellen Narrativ eines nationalen Selbstverständnisses geführt hat. Immer jedoch waren diese Typen an einen spezifischen sozialen Ort und abgegrenzte Zeiträume gebunden. Nie wurde die Vorstellung des Intellektuellen als einer »sozial freischwebenden Intelligenz«, wie sie Karl Mannheim formulierte, geäußert. Allein der Begriff der Intelligenz impliziert bereits ganz andere Konnotationsspielräume als derjenige der intelligence. Nach Mannheim ist die ›freischwebende Intelligenz‹ eine experimentierende, soziale Sensibilität, eine sich entwickelnde auf die Dynamik und Ganzheit ausgerichtete Haltung, die aus einer relativ klassenlosen Schicht entspringe, damit die Vielstimmigkeit der Determinanten in ihrer Polyphonie bewahrt bleibe: Sie bildet eine Mitte, aber keine klassenmäßige Mitte. Nicht als ob sie gleichsam im luftleeren Raume über diesen Klassen schweben würde, ganz im Gegenteil vereinigt sie in sich alle jene Impulse, die den sozialen Raum durchdringen. Aus je mehr Klassen und Schichten sich die einzelnen Gruppen der Intelligenzschicht rekrutieren, umso vielgestaltiger und polarer wird in ihren Tendenzen die Bildungsebene, die sie verbindet. Der Einzelne nimmt dann mehr oder minder an der Gesamtheit der sich bekämpfenden Tendenzen teil. (Mannheim 1995, 137) DIE FRÖHLICHE WISSENSGESELLSCHAFT 52 Dieser heterogene Verbund von Intellektuellen könne nun zwei Wege einschlagen: Entweder man entscheide sich freiwillig, sich einer der bekämpfenden Klassen anzuschließen, oder man besinne sich auf die Herkunft seiner eigenen sozialen Wurzeln und Positionen und der daraus entstehenden Mission. Steffen Vogel vertritt in seinem Essay zur Aufgabe der Intellektuellen in einer globalisierten Gesellschaft die Annahme, dass es gerade Pierre Bourdieus Verdienst sei, dieser Vorstellung des Intellektuellen Einhalt zu gebieten. Im Postskriptum der Regeln der Kunst entwirft Bourdieu mit wenigen Linienführungen seine Vorstellung eines kritischen Intellektuellen, die nicht als sozial freischwebende Intelligenz gedacht wird: Wenn wir uns als Intellektuelle äußern, das heißt mit dem Ehrgeiz, universell Gültiges auszusprechen, spricht in jedem Augenblick auch das in der Erfahrung eines besonderen intellektuellen Feldes gelagerte historische Unbewusste aus uns. Ich glaube, wir haben nur dann eine gewisse Chance, zu einer echten Kommunikation zu gelangen, wenn wir die uns trennenden Spielarten des historischen Unbewußten, daß heißt die jeweils spezifische Geschichte der intellektuellen Universen, deren Produkt unsere Wahrnehmungs- und Denkkategorien sind, objektivieren und meistern. (Bourdieu 2001, Ebd. 529f.) Wie Steffen Vogel bereits formuliert hat, erscheint der Intellektuelle in Bourdieus Sozialtopologie als ein »Beherrschter unter Herrschenden« in verschiedenen sozialen Feldern innerhalb des Feldes der Macht (Vogel 2012, 65). Aus der Perspektive Bourdieus erschließe sich ein ganz anderes Bild auf jene französischen Intellektuellen, die als Häretiker des akademischen Feldes der Sorbonne in Paris agierten. Die zunehmende Politisierung des eigenen wissenschaftlichen Diskurses sei daher immer auch ein Indikator für das Versagen auf dem akademischen Markt.13 Viele kommunistische Intellektuelle in diesem Zeitraum nutzten die Gunst der Stunde, um dieses Versagen strategisch in anderen Feldern zu kompensieren, wobei unter Strategie nicht unbedingt ein bewusster Schachzug gemeint sein muss, sondern auch eine instinktgeleitete Reaktion auf 13 Louis Pinto rekonstruiert die verlagspolitischen und sozialen Dynamiken, die das französische Intellektuellennetzwerk so unterschiedlicher Persönlichkeiten wie Michel Foucault, Jacques Derrida, Maurice Blanchot und Roland Barthes und weiterer Akteure zusammenband. Die Wende der französischen Philosophen zur Literatur entpuppe sich als häretischer Gegenangriff zu einer universitären Philosophie- und Literaturgeschichtsschreibung, die erst dann richtigen Einfluss gewann, als sie sich einem ausländischen Publikum präsentierte (Pinto 2005, 294). Allen Akteuren schien ein gewisser »Kult der Lektüre« gemeinsam zu sein, dem die Signatur des Esoterischen eingezeichnet war. Sie konnte zwar keine Erkenntnisinteressen befriedigen, aber die »Teilhabe an einer intellektuellen Religiösität« sicherstellen (ebd., 306). DIE GELEHRTEN – WÄCHTER DES TEMPELBERGS 53 eine andere Aktion eines Akteurs gemeint sein kann (ebd., 64). Den Konzeptionen Sartres und Foucaults, also den Ideen des allgemeinen und des spezifischen Intellektuellen, setzt Vogel Bourdieus Verständnis eines »Korporativismus des Universellen«14 entgegen, der darin gründet, grö- ßere Allianzen von Akteur-Netzwerken aufzubauen, um den Kult des einzelnen Intellektuellen zu unterbinden (ebd., 77). Mit Bourdieu lie- ße sich also sagen: Man besinnt sich auf die Struktur und Genese seines Habitus, um seinen Spielsinn und seinen Einsatz in einem Feld zu ermitteln, von da aus seine intellektuelle Aufgabe als ›kollektiver Intellektueller‹ neu zu formulieren und seine kritische Kraft zu mobilisieren, sodass eine freie Rede möglich wird. Natürlich nur unter der Bedingung, dass die Grenzen als Zwänge und Kontrollen anerkannt werden, »denen jeder Schriftsteller und jeder Wissenschaftler, gestützt auf die Errungenschaften seiner Vorgänger, sich selbst und die anderen unterwirft« (Bourdieu 2001, 524). Lässt sich aus den bisher skizzierten intellektuellen Typen ein gemeinsamer Typus des Intellektuellen erfassen? Der Kommunikationswissenschaftler Vilém Flusser hat in einem Aufsatz einen transnationalen und transhistorischen Typus des Intellektuellen entworfen, der sich sehr gut als Projektionsfläche einer vergleichbaren Studie eignet. In seinem Aufsatz zur Urbanität und Intellektualität, in dem Flusser die Genese des modernen Intellektuellen in der Metropole von der griechischen Antike bis zur Gegenwart nachzeichnet, stellt er unter anderem die morphologische Wandlungsfähigkeit des intellektuellen Aufgabenspektrums dar, die sich vom Philosophen, Magister, Minister, Mönch, Bischof, Wissenschaftler, Künstler, Techniker, Werkzeugmacher und Software-Hersteller unter den neuen technischen und medialen Gegebenheiten transformiert hat (Flusser 1989, 100). Doch der Kern seiner Handlungen scheint transhistorisch die unterschiedlichen Transformationen zu überdauern: Der Intellektuelle ist ein Manipuliere von Codes, »und man kann die Intellektuellen aufgrund der von ihnen manipulierten Codes klassifizieren« (ebd., 101). In der phylogenetischen Perspektive des Intellektuellen als Symbolanalytiker und -manipulierer bleibt der Prozess der hermetischen Abschließung zu einem Baumdiskurs transhistorisch. Flusser versucht dies auf das klassische platonische Stadtbild zurückzuprojizieren, um die gegenwärtige Lage des Intellektuellen neu zu 14 Bourdieus eigene kollektiven Verbünde blieben nach seinem Tod ohne gesellschaftliche Wirkungskraft, wie Vogel anmerkt. Obwohl seine Konzeption scheinbar uneingelöst blieb, lässt sich jedoch beobachten, wie Nachfolger Bourdieus, so zum Beispiel Remi Lenoir, der als Leiter des Centre de sociologie européen Bourdieus Fußstapfen folgte und weitere Initiativen vornahm, um den kollektiven Intellektuellen in der akademischen Welt in Form eines Forschungszentrums zu etablieren (ebd., 77). DIE FRÖHLICHE WISSENSGESELLSCHAFT 54 überdenken. Ausgehend vom platonisch-antiken Stadtbild, das in drei Räume, den ökonomischen, politischen und sakralen, eingeteilt gewesen sei, weist Flusser jedem der drei Räume verschiedene Akteure zu: »Der ökononische Raum wird von Robotern besetzt, der politische Raum von künstlichen Intelligenzen, und die menschlichen Stadtbewohner ziehen auf den Tempelberg (ins dialogische Netz), um von dort aus die Stadt zu beherrschen« (ebd., 104). Tatsächlich seien jedoch die Tempelbergintellektuellen von den Intellektuellen der alten Stadt, die sich nun im Ghetto befinden und bloß mit überholten Codes arbeiten können, abgeschottet. Sie kontrollierten die Ghetto-Intellektuellen als »seien sie Roboter und künstliche Intelligenzen«. Daher der Vorwurf, die Tempelbergintellektuellen seien Verräter. Flusser sieht jedoch gerade in diesem transhistorischen Abschließungsmechanismus auch eine Möglichkeit des Dialogs auf der Grundlage einer neuen existentiellen Anthropologie, die zuallererst in der »Selbstaufgabe des Intellektuellen« bestehe: Das dialogische Netz, das dort gewoben wird, kann auch ganz anders geschaltet werden. Nämlich so, daß die Fäden nicht vom Tempelberg hinunter in die Stadt weisen, um die dort Verbliebenen zu Empfängern von Informationen (zu Robotern und künstlichen Intelligenzen) zu degradieren, sondern im Gegenteil so, daß die Fäden die Menschen aus der Stadt auf den Tempelberg hinaufziehen. Das dialogische Netz kann so geschaltet werden, daß die menschlichen Stadtbewohner von Ökonomie und Politik emanzipiert werden (diese Räume verlassen und sie Maschinen überlassen), um am allgemeinen theoretischen Dialog teilzunehmen. Für so einen Umbau des Tempelbergs (und nicht mehr den Umbau der darunter liegenden Stadt) sollte sich der gegenwärtige Intellektuelle engagieren, und als ein derartiger Umbauer sollte er sich selbst verstehen. […] Wir haben, als Intellektuelle, aus der Stadt auf den Tempelberg auszuwandern, um andere nachzuziehen. Und dies nicht aus eleganten und noblen Motiven, sondern ganz einfach darum, weil wir überhaupt nicht da sind, wenn wir die anderen nicht nachziehen. (ebd., 105) Flusser hat in seiner Kommunikologie ein zirkuläres Informationsnetz entworfen, das die kommunikative Verschaltung zwischen elitären Kreisdialogen auf dem Tempelberg (Baumdiskurse der Spezialisten) und den Netzdialogen der menschlichen Stadtbewohner verdeutlicht. Die Totalität des amphitheatralischen Diskurses (Massenmedien) werde gerade nicht mehr durch Kreisdialoge, sondern durch Netzdialoge (open circuits) gewährleistet. Post-, Telefonsysteme, und erweiternd müsste man natürlich auch das Internet hinzunehmen, seien derartig strukturierte Dialoge, die ›authentisch demokratisch‹ seien (Flusser 1998, 32). Als eine Art »kollektives Gedächtnis« bildeten sie das Reservoir, wo alle Information münde (ebd., 33). Die Synchronisierung von amphitheatralischem Diskurs und Netzdialog erzeuge eine »öffentliche Meinung«. Universalund Massenebene seien auf diese Weise über zahlreiche Relaisstationen DIE GELEHRTEN – WÄCHTER DES TEMPELBERGS 55 wie Dialoge, Informationssendungen, Verwaltungen und Medienprogrammen miteinander verbunden und durch einen »viziösen Zirkel« rückgekoppelt. Die öffentliche Meinung wiederum sei ein durch Baumdiskurse der Wissenschaft und Technik (Marktforschung, soziologische Laboratorien, Meinungsforschungsinstitute usw.) erzeugte Strategie, um einen Konsens zu bilden (ebd., 70). Durch die Umcodierungsstrategien der Netzdialoge auf der Massenebene, die die Bild-, Ton- und Buchstabencodes der empfangenen Informationen aufsaugen und in Codes der gesprochenen Sprache, der Gesten usw. umwandeln, werde eine öffentliche Meinung erzeugt. Diese öffentliche Meinung verfestige sich schließlich zu einem kollektiven Wissen, in dem Welt und Ding verschnürt seien und das stillschweigend in den Netzdialogen immer mitkommuniziert werde, ohne durchdacht worden zu sein. In der Medien- und Kommunikationstheorie Flussers ist die Demokratie, in der die unterschiedlichen Akteure leben gleichbedeutend mit einem medialen Totalitarismus, weil wir von den Quellen der Information vollkommen abgeschottet seien. Die kulturwissenschaftliche Bildungsaufgabe liege »in der Anstrengung, das wissenschaftliche Bewusstseinsniveau auf das gesamte tägliche Leben mit seinen politischen und ästhetischen Parametern auszudehnen« (ebd., 168). Um jedoch diese Anstrengung zu bewältigen, müsse zunächst die Spaltung zwischen »elitärer Senderkultur« und »massifizierter Empfängerkultur« verstanden und überwunden werden, indem der Tempelberg der Intellektuellen umstrukturiert wird. Seien wir also keine Sender von Information, sondern Architekten eines neuen Tempelbergs! TEIL I EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL Theorie und Methode 59 1. Die sozialen Logiken des Kapitaltransfers Das Kapital ist verstorbne Arbeit, die sich nur vampirmäßig belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit und um so mehr lebt, je mehr sie davon einsaugt. Marx 1956-90, MEW23, 247 Pierre Bourdieus Begriffe wurden bereits mehrfach erwähnt und in den Kontext der bisher konstruierten Lage der akademischen Intelligentsia gestellt, sodass nun ausführlicher auf die Soziologie Bourdieus Bezug genommen werden soll. Bekanntlich war Bourdieu kein Freund von Großtheorien, sondern entwickelte jeden seiner Begriffe am empirischen Material entlang, sodass die Wirklichkeit selbst der Prüfstein seiner praxeologischen Tätigkeit darstellte. Er warnt vor Begriffs- und Theo riefetischismus, »der aus der Neigung entsteht, die ›theoretischen‹ Instrumente, Habitus, Feld, Kapital usw., an sich und für sich zu nehmen, statt sie sich entfalten zu lassen, mit ihnen zu arbeiten« (Bourdieu 1996, 262) und suchte stets nach »Theorien, die sich weniger von der rein theo retischen Rivalität mit anderen Theorien nähren als von der Konfrontation mit immer neuen empirischen Gegenständen« und nach »Begriffen, deren Funktion vor allem darin besteht, generative Schemata epistemologisch kontrollierter wissenschaftlicher Praktiken in stenographischer Kürze zu bezeichnen« (Bourdieu 2001, 287).1 Bourdieus praxeologischer Ansatz verlangt geradezu nach einer flexiblen Begrifflichkeit, um den Text der Wirklichkeit nicht in ein Korsett von vorgefertigten Denkschemata zu zwängen. Es ist vielmehr das durch Feld- und Korrespondenzanalysen gewonnene Datenmaterial, wie er es in seinem Hauptwerk La distinction, Critique sociale du jugement empirisch erarbeitet hat, an dem die Begriffe erprobt und geschliffen werden müssen. Eine in sich geschlossene begriffliche Form des Denkens mache jegliche Form der Wissenschaftlichkeit unmöglich und permutiere zur dogmatischen Haltung, weil sie der Offenheit zu Alternativen entbehre. Um das Verhältnis von Feld und Habitus besser nachvollziehen zu können, soll zunächst Bourdieus praxeologischer Ansatz einer 1 Zu seiner Begriffsunschärfe, die vielfach kritisiert worden ist, siehe Bourdieu (1992b, 57). In diesem Interview gibt Bourdieu zu bedenken, dass seine Begriffe nicht als Ergebnisse einer konzeptuellen Arbeit zu betrachten seien, sondern als ein in verdichteter Form praktiziertes Forschungsprogramm, das bewusst offen und provisorisch formuliert wurde, weil es sich erst am empirischen Untersuchungsgegenstand bewähren musste. EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 60 »Sozialtopologie« skizziert werden (Bourdieu 1985, 9). Dieses sozialtopologische Programm soll auf die Inkongruenz der statistisch gesicherten bzw. heuristischen Gültigkeit der (künstlich erzeugten, konstruierten, ideellen) Geometrie des Raums hinweisen und den Pfaden einer lebendigen und dynamischen Alltagsexistenz gerecht werden, die streng genommen nicht statistisch vermessen werden kann. Diese ›Sozialtopologie‹, die Bourdieu an anderer Stelle als Spaltung zwischen »Sozialphänomenologie« und »Sozialphysik«2 bezeichnet hat (Bourdieu 1993, 56), stellt damit nicht nur einen mehrdimensionalen Raum dar, dem Unterscheidungs- und Verteilungsprinzipien zugrunde liegen, sondern auch ein »Ensemble objektiver Kräfteverhältnisse«, auf dem es Stellung zu beziehen gilt (ebd., 10). Folglich sind Wissensräume nicht nur möglicher Austragungsort von Konflikten zwischen Akteuren, die verschiedene Kapitalsorten inne haben, die mittels bestimmter Reproduktionstechniken ins Spiel gebracht werden, sondern bereits Produkt einer bestimmten Auseinandersetzung von »symbolischen Kämpfen« (ebd., 147), die nicht zuletzt auch »semantische Kämpfe«3 beinhalten. Bourdieu charakterisiert die Logik der Felder als »Kräftefelder« und »Kampffelder«, auf denen es um die Wahrung oder Veränderung von Kräfteverhältnissen geht (Bourdieu 1985, 74). Die unterschiedlichen Felder können jedoch nur dann funktionieren, wenn es Akteure gibt, die ihre spezifischen Ressourcen und Interessen als Investitionen in den Kampf mit einbringen, um die Strukturen zu verändern oder zu erhalten. Aus dieser Terminologie ergibt sich für Bourdieu die grundsätzliche Annahme, »daß es so viele Interessen gibt wie Felder, diese verstanden als historisch konstituierte Spielräume mit ihren spezifischen Institutionen und je eignen Funktionsgesetzen. Das Vorhandensein eines spezialisierten und relativ autonomen Feldes korreliert mit dem Vorhandensein spezifischer Einsätze und Interessen: Vermittels gleichermaßen ökonomischer und psychologischer Investitionen bzw. Besetzungen, die sie bei den mit einem entsprechenden Habitus ausgestatteten Akteuren auslösen, rufen das Feld und die in ihm gegebenen Einsätze (die ihrerseits durch die Kräfteverhältnisse im Rahmen der Kämpfe um Veränderung der für das Feld konstitutiven Kräfteverhältnisse produziert werden) Investitionen an Zeit, Geld, Arbeit usw. hervor. […] Mit anderen Worten: Das Interesse ist Voraussetzung, damit ein Feld (das der Wissenschaft, der Haute Couture usw.) funktioniert, insofern es die Leute antreibt, sie laufen, konkurrieren, kämpfen, läßt, und es ist zugleich Produkt des funktionierenden Feldes« (Bourdieu 1992b, 111f.). Auch das akademische Feld 2 Die Entlehnung des Feldbegriffs aus der Graviationsfeldtheorie der Physik für die Sozialpsychologie hat bereits Kurt Lewin in seinen frühen Schriften der 1930er Jahre des 20. Jahrhunderts vollzogen. Siehe hierzu Lewin (1982). 3 Zum Begriff der Semantischen Felder in der Wissenschaft siehe Felder (2006). DIE SOZIALEN LOGIKEN DES KAPITALTRANSFERS 61 unterstehe diesen Interessenkonflikten. Die Frage nach den »Feldquellen« sei dabei entscheidend, um herauszufinden, aus welcher Richtung jemand spricht, denn es sind die »Wortmeldungen innerhalb des Feldes, die Wahl der Forschungsgegenstände«, welche die Struktur der objektiven Beziehungen zwischen den verschiedenen Akteuren anzeigt und die gleichzeitig festlegt, »was sie tun können und was nicht« (Bourdieu 1998, 20). Diese ›Feldquellen‹, d.h. die Position eines Akteurs im wissenschaftlichen Feld, werde durch die »augenblickliche Verteilung wissenschaftlichen Kapitals« festgelegt. Wissenschaftliches Kapital, dessen Inhaber »Wissenschaftskapitalisten« genannt werden, sei eine besondere Form des symbolischen Kapitals eigen, das auf den Akten des Erkennens und Anerkennens basiere (ebd., 23). Wissenschaftskapitalisten, die einen besonderen »Spielsinn« für Geschichte und die Zukunft ihres Feldes haben, weil sie in dieses Feld hineingeboren worden sind, besitzen die »Kunst des Erspürens für Tendenzen, die immer wieder ihren engen Zusammenhang mit einer gehobenen gesellschaftlichen Herkunft und Bildung erweist und es erlaubt, sich zur rechten Zeit des richtigen Gegenstandes zu bemächtigen« (ebd., 24). Die Handlungen der Wissenschaftskapitalisten seien darüberhinaus von einer illusio geleitet, die Bourdieu als »unökonomische Ökonomie« bzw. als »uneigennütziges Interesse« bezeichnet und den epistemischen Kern der Grundlagenforschung ausmache (ebd., 27).4 Es gebe jedoch auch »Widerstände gegen die Kräfte des Feldes« und zwar von den Habitus und seinen Dispositionen, die sich außerhalb dieses Feldes entwickelt haben oder zu einem späteren Zeitpunkt in das Feld eingetreten sind und daher ihre Dispositionen erst viel später ausformten. Für diese gebe es nun zwei Entwicklungspfade: Entweder werde der Akteur sich »fehl am Platz fühlen« und das Gefühl haben »gegen die Zeit anrennen 4 Bourdieu desillusioniert, ähnlich wie Peter Weingart, Uwe Bittlingmeyer, Helga Nowotny und Richard Münch, dieses Paradoxon, indem er auf den ungeheuren Publikationsdruck in wissenschaftlichen Fachzeitschriften hinweist: »Die Verantwortlichen der großen wissenschaftlichen Zeitschriften in den USA, besonders im Bereich der Physik, erzählen immer wieder, daß Forscher sie Tag und Nacht anrufen, in der Angst, auch nur fünf Minuten zu spät zu kommen und damit um die Früchte von zwanzig Jahren Arbeit gebracht zu werden. Keine Frage, daß man unter diesen Bedingungen weit von einem hagiographischen Bild der Wissenschaft entfernt wäre, das durch alles Lügen gestraft wird, was man von der Wirklichkeit der Forschung kennt: geistigen Diebstahl, Kämpfe um Erstentdeckungen, alles Praktiken, die so alt sind wie die Wissenschaft selbst. Gelehrte haben Interessen, sie wollen unbedingt die Ersten sein, die Besten, die Außergewöhnlichsten. Paradoxerweise bringen aber wissenschaftliche Felder gleichzeitig jene mörderischen Antriebe und eine Kontrolle dieser Antriebe hervor« (ebd., 28). EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 62 zu müssen« oder er nehme den Kampf mit den Kräftverhältnissen des Feldes auf, indem er die Struktur der objektiven Beziehungen ändert, sodass sich nicht die Disposition der Struktur, sondern die Struktur der Disposition beugt (ebd., 25). Derartige Prozesse führten im wissenschaftlichen Feld zu unterschiedlichen wissenschaftlichen Biographien.5 Die Positionen der sozialen Akteure im wissenschaftlichen Feld hängt also von ihrem Kapital ab, das die Höhe des jeweiligen Spieleinsatzes festsetzt. Diesem wohne eine »Überlebenstendenz inne«. Es könne ebenso »Profite produzieren wie sich selbst reproduzieren oder auch wachsen. Das Kapital ist eine der Objektivität der Dinge innewohnende Kraft, die dafür sorgt, daß nicht alles gleich möglich oder gleich unmöglich ist« (Bourdieu 2006, 50). Bourdieu unterscheidet drei wesentliche Subkategorien des Kapitals: (a) das kulturelle Kapital, eine Form inkorporierten Besitztums, das zum Habitus geworden sei und daher nicht weitervererbt werden könne, gerade weil es an seinen Träger, an die »biologische Einzigartigkeit der Person« gebunden bleibe (ebd., 56); eine Weitergabe sei nur über verobjektiviertes Kulturkapital (Schriften, Kunstwerke etc.) möglich (ebd., 58). Das »institutionalisierte Kapital« hingegen könne durch die Vererbung von Titel weitergegeben werden, weil es sich von der biologischen Determinante löse, Distinktion schaffe und die Konvertibilität zwischen kulturellem und ökonomischen Kapital garantiere (ebd., 62). (b) das soziale Kapital bilde eine Ressource, die auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe beruhe (ebd., 63). Mittels »Institutionalisierungsakten«, die die »Sozialkapitalverhältnisse« steuerten, sei es möglich, einen Akteur durch seinen Titel zu dem umzugestalten, was er zu sein hat. Er tritt in das Spiel ein, erfüllt seine Funktion und wird zum Mit-Spieler in den ›sozialen Fiktionen‹ (Bourdieu 1985, 76). Dabei dürfe nicht vergessen werden, dass das Funktionieren dieser Regeln eine gewisse objektive Homogenität voraussetzt (ebd., 64), da gerade das gegenseitige Anerkennen erst die Voraussetzung zum Spielen ermögliche (ebd., 66). Eine »Zweckentfremdung von Sozialkapital« trete dann ein, wenn sich die Gruppe nur noch über ihre Repräsentierbarkeit definiere, indem sie zum Personenkult ausarte. In diesem Fall stelle sich das Zeichen (der 5 Für eine ausführliche Beschreibung des Habitus-Begriffs siehe Bourdieu (1993). Andreas Reckwitz spricht im den direkten Vergleich von Bourdieus und Foucaults ›Subjektanalyse‹ in Bezug auf den ›Habitus‹ von einem »script-förmigen Ablaufschemata« (Reckwitz 2011, 44). Im Gegensatz zu Foucault arbeite Bourdieu immer stark soziologisch-gesellschaftstheoretisch und ethnologisch, ja er verfolge geradezu eine kulturanthropologische Annäherung an einen Subjektbegriff, der mit dem begrifflichen Doppel Lebensstil / Feld arbeite, während Foucault aus der Sprachtheorie kommend an den Begriffen Diskurs / Dispositiv festhalte und sich für Fragen der »alltäglichen communities« nicht interessiere (ebd., 53f.). DIE SOZIALEN LOGIKEN DES KAPITALTRANSFERS 63 Repräsentant) an die Stelle des Bezeichneten (Repräsentierten) (ebd., 69). Sichtbarkeit permutiere damit zu einer »vollkommenen symbolischen Macht« (ebd., 70). (c) Das ökonomische Kapital schließlich könne sich in verschiedene Erscheinungsformen travestieren und transformieren, die jedoch nicht vollständig auf das ökonomische Kapital zurückgeführt werden könnten, denn es gehe gerade nicht um einen reinen wirtschaftstheoretischen Ökonomismus oder um eine reine strukturell semiotische Kommunikationsanalyse. Die Analysen der Transferaktionen sollten sich gerade darum bemühen, das »Schwundrisiko« und die »Verschleierungskosten« der jeweiligen Kapitalart in den Blick zu nehmen (ebd., 73), da es ein »beträchtliches Maß an Unsicherheit« zwischen den Inhabern bei der Übertragung unterschiedlicher Kapitalarten gäbe (ebd., 74). Sie entziehe sich der bewussten Kontrolle. Die sozialen Akteure generieren in ihren Dispositionen feldspezifische Strategien zur Veränderung oder Bewahrung der bestehenden Strukturen (Bourdieu 1998, 26), wobei es jeweils zwei unterschiedliche Sorten wissenschaftlichen Kapitals gebe: die weltlich-politische Macht als institutionelles Kapital und die spezifische Macht des persönlichen Prestiges, das Bourdieu als reines wissenschaftliches Kapital bezeichnet (ebd., 31).6 Letzteres sei nur schwach objektiviert und daher schwer übertragbar. Sowohl in der Wahrnehmung als auch in der Wirklichkeit der Akteure ist das Feld Kampfgegenstand der Auseinandersetzungen, um das, was das Spiel konstituiert: die Wahrheit.7 Natürlich beanspruchen die mo- 6 In Homo academicus trifft Bourdieu noch eine feinere Unterscheidung zwischen den unterschiedlichen Kapitalsorten des akademischen Feldes in Paris. Dazu gehört nicht nur das soziale und kulturelle Kapital, das über die Familiengenealogie und die Bildungswege erworben wurde. Er fokussiert hier vor allem auf das »universitäre Machtkapital«, wenn ein bestimmter Akteur Mitglied von Instituten oder administrativen Komitees ist und damit die hochschulpolitische nachhaltig steuert oder mit beeinflusst, das »Kapital wissenschaftlicher Macht«, das sich vor allem aus hohen Positionen in der eigenen Disziplin oder Forschungseinrichtung speist, »wissenschaftlichem Prestige«, das vor allem an die wissenschaftlichen Publikationen, deren fremdsprachige Übersetzungen und Auszeichnungen gebunden ist, wie dem Kapital »intellektueller Prominenz«, deren Wirkungskraft bereits aus den Feldern kultureller Massenproduktion bezogen wird (Fernsehauftritte, Magazine und Zeitschriften intellektuellen Typus, Veröffentlichungen in Taschenbuchreihen, Mitglied bestimmter redaktioneller Tätigkeiten). Darüber hinaus erwähnt er das Kapital an »politischer und ökonomischer Macht«, sobald ein bestimmter Akteur im »Who’s who« genannt wird oder zusätzlich politische Ämter bekleidet (Bourdieu 1992a, 88f.). 7 Bourdieu hält an anderer Stelle fest: »Wenn es eine Wahrheit gibt, dann die, daß Wahrheit Gegenstand von Auseinandersetzungen ist; dennoch vermag nur EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 64 dernen Naturwissenschaften kein Monopol auf die eine, wahre Erklärung der Wirklichkeit, sondern sie arbeiten anhand induktiver Methodiken mit heuristischen Mitteln der Realitätbeschreibung, die sich lediglich auf Wirklichkeitsausschnitte beziehen. Im Modus 2 der Wissensproduktion ist jeder Ansatz und jede noch so kleine Erkenntnis eine vorläufige, die möglichst anwendungsorientiert sein sollte. Das bedeutet noch lange nicht, dass der Begriff der Wahrheit nicht spielkonstitutiv wäre. Bourdieu bemerkt, dass der Relativismus wissenschaftlicher Erkenntnis keine Absage an die verschiedenen Blickrichtungen nach sich ziehe, die man auf die Wahrheit und damit auf die Monopolisierung von Wissen / Macht werfen kann. Ganz im Gegenteil: Die Konstruktion des Feldes erlaube es, »die Wahrheit verschiedener Stellungen zu verstehen und die Grenzen der Gültigkeit unterschiedlicher Stellungnahmen aufzuzeigen« (ebd., 40).8 Wissenschaftskapitalisten müssten sich der ›Waffen der Wissenschaft‹ bedienen, um am wissenschaftlichen Fortschritt in den akademisch-wissenschaftlichen Feldern teilzunehmen und gegebenfalls ihr investiertes symbolisches Kapital in soziales oder ökonomisches zu transferieren. Je nach dem Grad des Schwundrisikos der eingesetzten und transformierten Kapitalart könne der Spieler im wissenschaftlichen Feld an Autonomie gewinnen und das bedeutet wiederum: »Je mehr man über spezifische Autorität verfügen kann, wissenschaftliche oder literarische, gewinnt man auch außerhalb des Feldes die Autorität, mit einer gewissen symbolischen Wirksamkeit zu sprechen« (ebd., 64). Hier kristallisiert sich bereits eine erste Arbeitshypothese heraus, die vor allem im Kontext der Geschichte und Struktur des populärwissenschaftlichen Feldes von Bedeutung ist und in den nächsten Kapiteln der Kampf zur Wahrheit führen, der jener Logik folgt, wonach allein derjenige über seine Kontrahenten triumphieren kann, der sich der Waffen der Wissenschaft bedient und darin am Fortschritt wissenschaftlicher Wahrheit mitwirkt« (Bourdieu 1985, 60f.). 8 Auf ähnliche Weise argumentiert auch Niklas Luhmann, wenn er über die Wissenschaft als System schreibt, dass in diesem rekursiv, operierenden und das heißt geschlossenen System die Wahrheit als Katalysator der Ausdifferenzierung von Wissenschaft als System ist: »Alles, was sie [die Wahrheit] kommuniziert, ist entweder war oder unwahr, was immer sich im System bewegt« (Luhmann 1990, 273). Es sei ein institutionalisiertes Label zum Zwecke der Kommunikation im Wissenschaftssystem (ebd., 167), ein Symbol für das Geprüft-Sein von Wissen (ebd., 175). Wahrheit sei ein codiertes Medium, das als ein ›symbolisches Kommunikationsmedium‹ Paradoxien verschleiere (ebd., 185), indem es durch die Differenz wahr / falsch beobachtbare Prozesse reguliere (ebd., 190). In diesem Sinne gelte Wahrheit als »positiver Wert der Anschlussfähigkeit« und Unwahrheit als »negativer Wert der Reflexion«. Auf diese Weise entstehe ein selbstreflexiver Kreislauf der Verifikation von Hypothesen, der bis heute Gültigkeit besitze. DIE SOZIALEN LOGIKEN DES KAPITALTRANSFERS 65 noch genauer beleuchtet werden soll. Folgendes hypothetisches Konstrukt steht zur Verfügung: Ein Wissenschaftler, ein Spieler des wissenschaftlich-akademischen Feldes, opfert oder riskiert sein institutionalisiertes Kapital, indem er ins Feld der Massenproduktion und damit in eine populäre Wissenskultur und Medienpolitik eintritt. Die Frage, die man sich nun stellen müsste, lautet nicht, warum er das tut, sondern wie hoch bzw. gering das Schwundrisiko der eingesetzten Kapitalsorte ist in Relation zu dem Gewinn, den er durch die Anhäufung einer anderen Kapitalsorte einstreicht. Das heißt, wenn der Spieler bereits genug persönliches Prestige in einem Feld einhäufen konnte, sinkt das Schwundrisiko des institutionalisierten Kapitals und erhöhte damit die Möglichkeiten in ein anderes Feld einzutreten, bei gleichbleibender symbolischer Sprechwirksamkeit. Aus diesem Grund ist es auch möglich, dass sich hegemoniale Strukturen in die Subfelder kultureller Massenproduktion ausdehnen und sich auf andere soziale Felder übertragen. Mit Wissenschaftlern, die nicht genügend spezifisch-symbolisches Kapital im akademischen Feld eingehäuft haben, steht es jedoch anders. Weil sie mehr zu den beherrschten als zu den herrschenden Akteuren gehören, tendierten sie eher zum heteronomen Pol (Bourdieu 2001, 444). Darüberhinaus ließe sich festhalten, dass sich Kulturproduzenten am heteronomen Pol zunächst an dem Nomos des sich autonomisierenden Feldes orientierten (Bourdieu 2001, 116).9 Ein Indikator für die relative Autonomie eines Feldes sei »die Fähigkeit, äußere Zwänge und Anforderungen zu brechen, in eine spezfische Form zu bringen« (Bourdieu 1998, 19). In umgekehrter Form bedeutet dies: Je ungebrochener sich die externen Einflüsse in diesem Feld Geltung verschaffen können, desto heteronomer und abhängiger ist dieses Feld. Dies hängt damit zusammen, dass jedes Subfeld innerhalb des Feldes der Macht unterschiedlich skaliert ist, wodurch das dynamische Spiel der Kräfte erhalten bleibt (Bourdieu 2001, 343f.). Folglich erfolgt die externe Hierarchisierung am heteronomen Pol anhand der Erkennungsattribute weltlicher Erfolg, gesellschaftliches Ansehen, breites Publikum, während die interne Hierarchisierung immer unter dem Aspekt, der feldspezifischen Anerkennung durch Kollegen zu 9 Ein Dispositionssystem kann danach streben einen Posten zu gestalten, gleichzeitig unterliegt es selbst der »Notwendigkeit, sich von ihm gestalten zu lassen, denn deplatzierte Individuen werden durch entsprechende Ordnungsrufe an ihren natürlichen Platz zurückverwiesen« (Bourdieu 2001, 426). Dieses Netz aus unterschiedlichen aktuell-besetzten und virtuell bereits existierenden Positionen lässt erkennen, dass Bourdieu kein deterministisch-statisches, sondern ein dynamisches Gravitationsfeld von sozialen Beziehungen konstruiert, die sich fortwährend in einem routierenden Positionswechsel befinden. Es ist ein soziotopologisches Roulette der Dispositionen / Positionen, das einen »nomos« festsetzt (ebd., 103f.). EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 66 betrachten ist (ebd., 345). Zwischen diesen beiden Polen werden die »Definitionskämpfe« ausgetragen, um die Grenzen des Feldes abzustecken, »daß ihr Verlauf den eignen Interessen entgegenkommt, oder, was auf dasselbe hinausläuft, seine Definition der wahren Zugehörigkeit zum Feld (oder der Zulassungsvoraussetzungen für den Status eines Schriftstellers, Künstlers, oder Gelehrten) durchzusetzen – die Definition also, die am geeignetsten ist, ihm selbst das Recht zu verleihen, so zu sein, wie er ist« (ebd., 353). Dies bedeutet für die eigenen empirischen Analysen, dass man immer nur auf den jeweiligen Stand des Kampfes um die legitime Definition stoßen wird (ebd., 355). Diese Definitionskämpfe um die symbolische Benennungsmacht in einem Feld ist spielkonstitutives Merkmal des Feldes, seine »illusio«. Der »collusio der Akteure« liegt die »illusio der Konkurrenz« zugrunde, sie ist die Voraussetzung dafür, dass das Spiel überhaupt gespielt werden kann, und gleichzeitig gibt sie sich auch als partielles Produkt dieses Spiels zu erkennen (ebd., 360). Das Feld als Kräftefeld und Arena der Konkurrenten stellt somit immer auch durch die ›illusio‹ sicher, für die Bewahrung oder Veränderung dieses Kräftefeldes zu kämpfen (ebd., 368). Der Wert der Produktionsgüter werde hierbei von dem »Glaubensuniversum« bestimmt (ebd., 362). Die Beziehung zwischen der Struktur der objektiven Beziehungen zwischen den Positionen innerhalb des Produktionsfeldes (und den sie einnehmenden Produzenten) und der Struktur der objektiven Beziehungen zwischen den Positionierungen im Raum der Werke, sei eben Aufgabe der Forschung (ebd., 369). Der Wandel der Werke innerhalb des Feldes der Kulturproduktion ist nämlich durch die Auseinandersetzungen der Akteure und Institutionen begründet, »deren Strategien von dem Interesse abhängen, das sie in Abhängigkeit von ihrer Position innerhalb der Verteilung des spezifischen Kapitals (ob institutionalisiert oder nicht) an der Bewahrung oder Veränderung der Struktur dieser Verteilung, also an der Verewigung oder am Umsturz der geltenden Konventionen entwickelt« (ebd., 370). Veränderungs- und Bewahrungsstrategien seien an den Kampf zwischen den Herrschenden und den Anwärtern auf die Herrschaft geknüpft, das heißt, sie hängen ab von dem Raum, in dem bereits Positionierungen erfolgt sind und damit den möglichen Raum neuer Positionen festlegen. Doch die Erfolgsaussichten dieser oder jener Strategie hängen oft von feldexternen Kräften ab, wie beispielsweise einem neuen Publikumskreis. Dies führe schließlich zu immer wieder neuen Wechselbeziehungen zwischen »bedingten Freiheiten« und »objektiven Potentialitäten« (ebd., 372), wobei Veränderungen in einem Feld immer von Neulingen, den Jüngsten, hervorgerufen werden, denen es am stärksten an spezifischem Kapital fehle und die sich einem Universum des Seins als Unterschieden- Sein beugen müssen, das heißt »über die Durchsetzung neuer Denk- und Ausdrucksweisen, die mit den geltenden Gewohnheiten brechen«, ihre DIE SOZIALEN LOGIKEN DES KAPITALTRANSFERS 67 Differenz/Identität behaupten müssen, indem sie sich einen Namen machen (ebd., 379). Dies sei die ewige »Dialektik der Distinktionen«, die den Kampf um das Monopol der legitimen Wahrnehmungs- und Bewertungskategorien immer wieder aufs Neue antreibe (ebd., 253). Die amerikanischen Soziologen Neil Fligstein und Doug McAdam haben Bourdieus Feldanalyse zu einer Analyse der »strategic action field«, kurz SAF, weiter ausgebaut (Fligstein / McAdam 2012). Dabei steht »das Ringen kollektiver Akteure um strategische Vorteile in und mittels Interaktionen mit anderen Gruppen innerhalb sozialer Ordnungen der Meso- Ebene im Zentrum« ihrer Untersuchungen, somit können auch Institutionen und größere Organisationen als Akteure in einem ›strategischen Handlungsfeld‹ auftreten und als solche untersucht werden (ebd., 58ff.). Fligstein und McAdam führen außerdem noch diejenigen Akteure ein, »die dafür sorgen, dass die Regeln des Feldes befolgt werden und das reibungslose Funktionieren des Systems sichergestellt ist« (ebd., 65). Als »Governance Units« gehörten sie zu den feldinternen Strukturen, »denen die Jurisdiktion über alle oder einige Aspekte des SAFs obliegt«. Doch damit stellten sie keine neutralen Schiedsrichter zwischen Etablierten und Herausforderern dar. Als »konservative Kraft« erhielten sie den status quo in Konfliktenphasen. Die Struktur der SAFs gleiche im Grunde jener der ineinander verschachtelten russischen Puppen. Doch ein Feld ist kein Netzwerk, wie die Autoren betonen. Feld- und Netzwerkanalyse wären zwar in operativer Hinsicht miteinander kompatibel, aber auf begrifflicher Ebene voneinander zu trennen (ebd., 90). Falls sich in den Analysen bereits herausstellen sollte, dass das Feld als Arena mit konkurrierenden Positionen von Akteuren, Gruppen oder Institutionen um Profite auszeichnet, »dann ist die den Feldern zugrundeliegende Logik kein Netzwerk von Beziehungen, sondern eine von Macht und Kultur« (ebd.). Die Netzwerkanalyse könne zwar verwendet werden, um dieses Feld nachzubilden, da aber diese Form der Modellierung »sensibel auf kleine Veränderungen in einem Beziehungsnetzwerk reagiert«, könne man fälschlicherweise zu dem Schluss kommen, dass sich das gesamte Feld verändert habe. Eine Transformation des Feldes kann aber nur dann als eine solche wahrgenommen werden, wenn man vorher bereits die Machtverhältnisse verobjektiviert hat. Felder können jedoch in ein komplexes Netzwerk anderer Felder eingebettet sein, sodass sie entweder in einer nahezu beeinflussenden Nachbarschaft zu angrenzenden Feldern liegen können oder aber weit entfernt von diesen. Bei angrenzenden Feldern könne es sich entweder um eine vertikale Verbundenheit handeln, die eine »formale Autorität« ausübe, aber eine untergeordnete Position einnehme, oder aber es handle sich um eine horizontale Kooperation zweier Felder, zwischen denen keinerlei Form von Autorität ausgeübt wird (ebd., 68). Fligstein und MacAdam erweitern dieses Konzept, indem sie den Begriff des EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 68 »emergierenden Feldes« hinzufügen: »Emergierende Felder können als soziale Sphären verstanden werden, in der noch keine Regeln existieren, wo sich Akteure jedoch aufgrund von sich entwickelnden, wechselseitig voneinander abhängigen Interessen zunehmend gezwungen sehen, in ihrem Handeln aufeinander zu reagieren« (ebd., 73). Solche Situationen ähneln in ihrer anfänglichen Offenheit und Unstrukturiertheit der Gründungsphase sozialer Bewegungen. Was noch fehle, sei die kollektive Identität des Feldes. In dieser Phase der Stabilitätsfindung kristallisierten sich unterschiedliche »Etablierten- Herausforderer-Konfigurationen« gerade erst heraus. Je nachdem wie die anfängliche Ressourcenverteilung aussieht, könne sich eine hierarchische oder kooperative Struktur herausbilden (ebd., 74). Neue SAFs entstünden daher prinzipiell in unmittelbarer Nähe zu bereits bestehenden. Auch ist anhaltende Instabilität kein Indikator für das Nicht-Vorhandensein eines Feldes, da selbst »konfliktträchtige Felder« ohne gemeinsame Übereinkunft Bestand haben könnten (ebd., 75). Darüber hinaus können SAFs von »exogenen Schocks«, den »Feldkrisen«, umstrukturiert werden, indem sie die bestehende Ordnung (Position der Etablierten) destablisierten (ebd., 82). Diese konzeptuelle Erweiterung der Feldanalyse vor allem in Bezug auf die Emergenz neuer Felder bzw. ›emergierender Felder‹ fügt Bourdieus Sozialtopologie eine gewisse Dynamik hinzu, die besonders entscheidend ist, für die Rekonstruktion des populärwissenschaftlichen Feldes, da dieses weder gänzlich mit den Feldern der kulturellen Massenproduktion noch mit der Dynamik des akademischen Feldes zusammenfällt. Stattdessen wird zunächst auch hier als Arbeitshypothese formuliert, dass das populärwissenschaftliche Feld aus einem transgenetischen Zusammenschluss mehrerer unterschiedlicher Felder hervorgegangen ist, die dieselben Interessen im Hinblick auf das Projekt einer öffentlichen Wissenschaft verfolgten. Hierzu gehören vor allem das Subfeld des Journalismus innerhalb des Feldes der kulturellen Massenproduktion und das Subfeld der Verleger der akademischen Wissensproduktion. Aus der sozialen Transgenese unterschiedlicher Akteure emergieren populärwissenschaftliche Subfelder naturwissenschaftlicher Intelligentsia, die aufeinander angewiesen sind, ohne zu erahnen, aus welchen Handlungsregeln sich ihre illusio konstituiert, denn der Sinn für das Spiel in diesem neuen Feld muss erst noch eingeübt werden, damit sich eine ›kollektive Identität‹ konstituieren kann. Erst wenn diese Prozesse nahezu abgeschlossen sind und sich ein Institutionalisierungsprozess beobachten lässt, verschwindet das Zufällige und Konflikthafte, sodass sich aus dem losen Netzwerk von temporär zusammengeschlossenen Akteuren das sichtbare Feld konkurrierender Positionen abzeichnet. IDEOLOGIE, UTOPIE, WISSEN 69 2. Ideologie, Utopie, Wissen (Karl Mannheim) Weil die Menschen die Bewusstheit schon zu haben glaubten, haben sie sich wenig Mühe darum gegeben, sie zu erwerben – und auch jetzt noch steht es nicht anders! Es ist immer noch eine ganz neue und eben erst dem menschlichen Auge aufdämmernde, kaum noch deutlich erkennbare Aufgabe, das Wissen sich einzuverleiben und instinctiv zu machen, – eine Aufgabe, welche nur von Denen gesehen wird, die begriffen haben, dass bisher nur unsere Irrthümer uns einverleibt waren und dass alle unsere Bewusstheit sich auf Irrthümer bezieht! Nietzsche 2003, KSA III, 383 Der Blick richtet sich demnach auf unterschiedliche soziale Felder innerhalb des Feldes der Macht: dem akademischen Feld, Produktionsort des scientific knowledge mit seinen Insel-Laboratorien und Experimentalsystemen, dem populärwissenschaftlichen Feld als Subfeld der erweiterten Produktion des akademischen Feldes und dem Feld der Massenproduktion. Bleibt die Frage zu klären, mit welchen Formen des Wissens die Akteure in das jeweilige Feld eintreten. Bourdieu beschränkt sich hier auf Begriffe, wie sie bereits die Scholastiker gebraucht haben: Er spricht im Allgemeinen von Doxa, Orthodoxie, Heterodoxie und Allodoxia, die sich jedoch alle um den Begriff der Ideologie zentrieren. Die Produktion einer Doxa sei dabei stets Teil der Konstruktion eines Feldes: »Die Teilhabe an den konstitutiven Interessen der Zugehörigkeit zum Feld (das sie voraussetzt und zugleich durch sein Funktionieren hervorbringt) impliziert das Akzeptieren einer Gesamtheit von Vorannahmen und Postulaten, die als undiskutierte Voraussetzungen der Diskussion per definitionem vor der Diskussion geschützt bleiben« (Bourdieu 2001, 270). Der Kampf um die symbolische Benennungsmacht fußt also auf dem Prinzip, eine Orthodoxie auszubilden, die sich gegen Häresie auflehnt. Eine Doxa stellt sich im Bewusstsein der Akteure eines sozialen Netzwerks dann ein, wenn die verborgene Herrschaft derselben nicht erkannt wird. Diese Definition entspricht der marxschen Tradition der Ideologie als falschem Bewusstein. Der Begründer der deutschen Wissenssoziologie, Karl Mannheim, schließt an Marx’ Begriff an, entwickelt ihn jedoch weiter: »Falsch ist demnach im Ethischen ein Bewußtsein, wenn EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 70 es sich an Normen orientiert, denen entsprechend es auch beim besten Willen auf einer gegebenen Seinsstufe nicht handeln könnte, wenn also das Versagen des Individuums gar nicht als individuelles Vergehen aufgefaßt werden kann, sondern als Fehlhandeln durch eine falsch aufgelegte moralische Axiomatik begründet und erzwungen ist« (Mannheim 1995, 84). Mannheims Begriff des falschen Bewusstseins und Bourdieus Begriff der Doxa scheinen hier gleichbedeutend zu sein. Bourdieu jedoch beruft sich auf den Begriff des Doxa, um ihn als Gegenbegriff zur Episteme zu verwenden: »Bourdieu bezeichnet mit dem Begriff der Doxa alle Meinungen, deren Gültigkeit fraglos vorausgesetzt wird. Sie sind zu unterscheiden vom Universum des Diskurses, in dem Meinungen explizit geäußert werden, sei dies in orthodoxer oder heterodoxer Form« (Koller 2009, 79). Die Doxa setze als falsches Bewusstsein eine komplexe Verflechtung zwischen Habitus und Feld voraus und könne daher auch aus einer Auseinandersetzung von ortho- oder heterodoxen Meinungen hervorgegangen sein. Wichtig sei, dass die Doxa der Ideologie vorgelagert ist. Selbst der Ideologievorwurf könne daher immer auch schon ein Akt symbolischer Gewalt sein, was schließlich bedeute, dass auch eine wissenschaftliche Erkenntniskritik unter dem Verdacht der Doxa stehen könne. Doxa ist also unvermeidbar fragloses Akzeptieren von bereits Bestehendem. Wenn die Herrschaft nun erkannt und anerkannt wird und sich gegen Häresie verteidigen muss, liegt eine Orthodoxie vor: Sie ist die offizielle, definitive Meinung der herrschenden Klasse und damit eine hegemoniale Diskursposition. Die Heterodoxie hingegen stelle eine Gegenkultur dar, die mit alternativen Sichtweisen ein multiperspektivisches Meinungssystem ausbilde. Die Allodoxia hingegen tarnt sich als Heterodoxie, um sich als Orthodoxie innerhalb bereits etablierter Meinungssysteme einzunisten und schließlich sich als Doxa in anderen sozialen Feldern des Alltagswissens und seiner sozialen Akteure festzusetzen. Bourdieu sieht diese Prozesse jedoch nicht als aktive Indoktrination, in der die Akteure bloß passiv Erleidende sind. Im Begriff der illusio, den Bourdieu aus dem Lateinischen von ludere im Sinne von spielen herleitet, verbirgt sich die aktive Teinahme eines sozialen Akteurs im Gesellschaftsspiel des Feldes. Sein Habitus ist jener Spielsinn und stilvoller Selbstentwurf, der sich mit den Ortho- und Heterodoxien seines Feldes auseinandersetzt, problematisiert, thematisiert und damit in ein Universum der Diskurse überführen kann. Erst wenn diese spielerische Auseinandersetzung ausbleibt, besteht die Möglichkeit ein falsches Bewusstsein auszubilden. Das doxologische Spektrum, das sich in diesem konkreten Fall um die drei Tätigkeiten des Popularisierens, Spekulierens und Fiktionalisierens rankt, befindet sich demnach zwischen zwei entgegengesetzten Begriffen, die in diesem Forschungsrahmen die äußersten Pole des Spektrums bilden: Ideologie und Utopie. Karl Mannheim hat im Anschluss an seine IDEOLOGIE, UTOPIE, WISSEN 71 Wissens- und Kultursoziologie, die ähnlich wie Ludwik Fleck das Denken immer seinsgebunden denkt und an sein sozio-kognitives Substrat zurückbindet, folgenden Definitionsvorschlag vorgebracht: Das Kriterium für Ideologie und Utopie ist die Verwirklichung. Ideen, von denen es sich nachträglich herausstellte, daß sie über einer gewesenen oder aufstrebenden Lebensordnung nur als verdeckende Vorstellungen schwebten, waren Ideologien. Was von ihnen in der nächsten gewordenen Lebensordnung adäquat verwirklichbar wurde, war relative Utopie. Die gewordenen Wirklichkeiten der Vergangenheit entziehen weitgehend dem Kampfe der bloßen Meinungen die Beurteilung dessen, was von den früheren seinstranszendenten Vorstellungen als wirklichkeitsbringende Ideologie zu gelten hat. In der Verwirklichung liegt ein nachträglicher und rückwirkender Maßstab zu der Beurteilung von Sachverhalten, die, solange sie gegenwärtig sind, weitgehend noch dem Meinungsstreit der Parteien unterworfen sind. (Mannheim ebd., 178) Es gibt demnach nach Mannheim keine essentielle semantische Unterscheidung zwischen den Begriffen Ideologie und Utopie. Sie unterscheiden sich lediglich in ihrem Verwirklichungsmodus. Diese relative oder »relationale Utopie«, wie sie Irma Becerra genannt hat, unterliege immer folgender Fragestellung: »Wie kann man ideologiefrei Denken, wenn alle Menschen ihren Interessen folgen?« (Becerra 1995, 38). Zunächst soll festgehalten werden, dass Mannheim zwischen einem partikularen und einem totalen Ideologiebegriff unterscheidet. Der Partikulare setze bereits auf der psychologischen Ebene der einzelnen Individuen ein. Er bezeichnet sie daher auch als »Interessenpsychologie« und meint damit, die mehr oder minder bewusste Verhüllung eines Tatbestandes, von der bewußten Lüge zur halbbewussten instinktiven Verhüllung, von der Fremd- bis zur Selbsttäuschung (ebd., 53). Der totale Ideologiebegriff hingegen referiere auf die gesamte Weltanschaung des Kollektivsubjekts und seiner Gruppe bzw. die totale Bewusstseinsstruktur eines Zeitalters oder einer bestimmten Epoche. Von diesen beiden Begriffen unterscheidet er den Begriff der »Weltanschaung«, den er explizit auf der psychosozialen Ebene als ein »Lebenssystem« ausweist (Mannheim 1980, 102), weil es eine innere Kohärenz zwischen strukturell unverbundenen Erlebniszuammenhängen konstituiere. Die Trägerschaft von ›Weltanschauungen‹ und ›Lebenssystemen‹ sei die »Intelligenz« (Mannheim 1995, 11). Je statischer das Gesellschaftssystem, desto größer die Tendenz, dass sich aus der ›Intelligenz‹ eine übergeordnete Kaste entwickelt. Die Wissenssoziologie habe nun die Aufgabe diesen totalen Ideologiebegriff zu destruieren, um ihn auf einen Relativismus zurückzuführen, der schließlich aus historisch-soziologischer Einsicht in die faktische Standortgebundenheit jedes historischen Denkens folgt (ebd., 71): »Das menschliche Denken konstituiert sich nicht freischwebend im sozial EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 72 freien Raume, sondern ist im Gegenteil stets an einen bestimmten Ort in diesem verwurzelt« (ebd., 73). Wertfreie Ideologieforschung untersuche demnach das dynamische Wechselgeschehen zwischen einzelnen Standorten und ihrem Zusammenhang zum sozialen Gesamtgeschehen. Somit verberge sich hinter jedem Meinungssystem in einem bestimmten Feld auch ein bestimmtes ›Lebenssystem‹, an das das Denken zurückgebunden bleibe, jene ›empfindlich vibrierende Membran‹ von divergierenden Wortbedeutungen, die Polaritäten nicht ausschließen, sondern voraussetzen (ebd., 75). Daher existiert für Mannheim auch kein Wissensbegriff, der in irgendeiner Form losgelöst vom Subjekt oder Individuum denkbar wäre. Leben, Wissen und Denken sind polyvalente Begriffe, die aufeinander verweisen und nicht unabhängig von einer konkreten Lebenssituation gedacht werden können. Gerade in der Arbeit des Wissenssoziologen trefen das »wissenschaftliche kritische Selbstbewusstsein« und das »persönliche Leben« aufeinander, weil gerade »die Bewegung des Lebens« selbst ein solches Zusammentreffen von soziopolitischer Wissensanalyse und ihrer Kritik wie der individuellen Selbstanalyse eigener Handlungsmuster provoziere (Mannheim 1995, 42). Diese transzendentale »Selbstdurchleuchtung« des wissenschaftlichen Subjekts im akademischen Feld und des Individuums in privaten Lebenszusammenhängen erzeuge damit nicht nur eine Divergenz von Weltwissen und persönlicher Selbsterkenntnis, sondern entfalte ein »situationsgebundenes Wissen«, das nicht in der »objektiven Anhäufung von Informationen über Tatsachen und ihre kausalen Beziehungen« bestehe, »sondern am Verstehen der inneren Verklammerung im Lebensprozess interessiert ist« (ebd., 43). Pierre Bourdieu sieht gerade in dieser Verklammerung von Leben und Wissen eine Notwendigkeit für den Bruch mit dem eigenen akademischen Habitus. Er ist nur dann gegen die Ideologie des »Präkonstruierten« und seiner »Scheinevidenz« gefeit, wenn er mit den ›Instrumenten des Bruchs selbst bricht‹, »die eben jene Erfahrung zunichte machen, gegen die sie konstruiert wurden« (Bourdieu 1996, 284). Dieser Bruch ermögliche erst jene »Konversion des Blicks«, die das »soziologische Auge« gegen sich selbst kehre: Der »Homo academicus« müsse zu seinem eigenen Untersuchungsobjekt werden und damit mit der illusio seines eigenen Feldes brechen. Die Grundnorm jeder (sozial-)wissenschaftlichen Praxis sei darin begründet, »die Konversion des Denkens einzuführen, die Revolution des Blicks, den Bruch mit dem Präkonstruierten und allem, was ihm in der Gesellschaftsordnung – und im akademischen Universum – als Stütze dient, man sich ganz unvermeidlich ständig dem Verdacht aussetzt, sich als beamteter Prophet aufzuführen und zur persönlichen Bekehrung aufzurufen« (ebd., 285). Wenn das eigene Denken im Ungedachten bleibe, dann sei man dazu verurteilt, »nur das Werkzeug dessen zu sein, was man zu denken meint« (ebd., 271). Die Wissenssoziologie Mannheims IDEOLOGIE, UTOPIE, WISSEN 73 dagegen glaubt daran, dass ein wertfreies Denken möglich ist, um der Gefahr eines absoluten Relativismus zu entgehen und ihn in einen Relationismus umzukehren. Seine eigener Denkstil besteht daher darin in einer stetigen Gegenbewegung die eigene Selbstvergottung zu relativieren, »um auf diesem Wege ein Offensein zur Ergänzung zu erzwingen« (Mannheim ebd., 76). Mannheims eigener Denk- und Schreibstil folgt demnach einer auf die postmoderne Manier des kritischen Intellektuellen vorausweisenden Geste einer »essayistisch-experimentierenden Denkhaltung«, dem Widersprüche nicht wie dem Systematiker Unbehagen bereiten, sondern als Richtpunkte seiner Zeitdiagnose und -analyse dienen (ebd., 47).10 Wenn also die Aufgabe der sozial freischwebenden Intelligenz darin bestehe, zwischen den extremen Diskurspositionen zu vermitteln, dann müsse sie als Wissenssoziologie gleichsam darauf achten, dass sie selbst nicht zur »Überideologie« permutiere, wie es Wilhelm Hofmann angeprangert hat (Hofmann 1996, 114). Trotzdem verweist auch Hofmann auf die selbstreflexive Kraft dieser regulierenden Intelligenz, sich der »vielfachen Bedingtheit des eigenen Wollens und des Wollens ihrer Gegner« bewusst zu sein, was schließlich zu einer Reduktion der ›ideologischen Gefährdung führe‹ (ebd., 122). Irma Becerra hingegen sieht diesem intellektuellen Programm eher pessimistisch entgegen: »Heute beobachten wir eine Polarisierung der Gesellschaften in wissende Reiche und unwissende Arme. Das Wissen entpuppt sich als unordnungsstiftende Kategorie, die einen elitären Zustand schafft. Wissen ist heute mehr denn je einfach Reichtum und Prestige« (Becerra ebd., 130). Folglich kann man festhalten, dass dieser Intellektuelle, wie er von Mannheim entworfen wird, am äußersten Spektrumpol der Utopie angesiedelt ist und daher potentiell betrachtet Orthodoxie in Heterodoxie überführen möchte. Entpuppt sie sich jedoch als Allodoxia befindet sie sich direkt am gegenüberliegenden Pol des Spektrums, der Ideologie, die dem falschen Bewusstsein entspricht. Obwohl die Utopie positiv konnotiert ist, merkt Hofmann zu Recht an, dass Ideologie und Utopie ineinander verschränkt seien, da gerade dem ideologischen Denken per definitionem unterstellt werden müsse, »daß es nicht will, was es sagt, da verdeckte Motive es steuern, während zu 10 Obwohl sich Mannheim und Bourdieu in gewissen argumentativen Punkten überschneiden und oft auch übereinstimmen in ihrem Entwurf eines kritischen Intellektuellen, so muss doch an dieser Stelle angemerkt werden, dass Bourdieu gerade diesem ›essayistisch-experimentellen‹ Sprech- und Schreibstil des französischen Intellektuellen, wie er beispielsweise von Derrida praktiziert wurde, entgegensteht. Siehe hierzu Bourdieu (1987, 756ff.). EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 74 wollen, was offen gesagt wird, eines der Kennzeichen der Utopie ausmacht« (ebd., 109). Um den Begriff der Ideologie wurden im Laufe des 20. Jahrhunderts semantische Kämpfe in unterschiedlichen intellektuellen Feldern ausgetragen. Zu ihren bekanntesten Neuformulierungen gehört Lyotards Bestimmung der Ideologie als Meta-Narrativ, als große Erzählung (grand récit) kleinerer Mikroerzählungen, die zu einer Legitimierungserzählung des Wissens zusammengeschnürt werden. Diese Idee des narrativen Charakters des Wissens wird in den 1990er Jahren um die Debatten vom Ende der Ideologiekritik neu interpretiert und vorsichtig ausdifferenziert. So spricht Hansjörg Bay von der Ideologie als »Erzählpanzer« und verknüpft ihn auf der individuell-kognitiven Ebene mit dem Begriff der Erfahrung, wie es bereits Mannheim mit dem partikularen Ideologiebegriff intendierte. Bei Bay werden nun die Begriffe des Seins und des Bewusstseins in psychologisch-anthropologische Begriffe der Erfahrung und der Erzählung übersetzt. Er definiert die Ideologie zunächst als eine »spezifische Reaktionsweise der Subjekte auf gesellschaftliche Erfahrungen« (Bay 1995, 22f.). Zwischen beiden Entitäten existiere ein dialektisches Verhältnis, das die Handlungsfähigkeit der Subjekte ermögliche. Das dynamische Wechselverhältnis verhindere dabei das Erstarren der Erzählung zu einem »Erzählpanzer«, der sich vor jeglicher neuer Erfahrung abdichte (ebd., 27). Hier erst entstehe, was Marx schließlich als falsches Bewusstsein ausgewiesen habe, das darin gründe, die »Reproduktion des objektiven Scheins« und die »Produktion eines Erzählpanzers gegen gesellschaftliche Leiderfahrung« aneinander zu koppeln: »Das sind die beiden Stränge der Ideologie« (ebd., 30).11 Aus der Sicht Bays würde jedoch ein derartig abgedichtetes Individuum, das in seinen eigenen Erfahrungsspielräumen verdichtet ist, einem »Schildkrötensubjekt« gleichen: Wenn Ideologie als Erzählpanzer fungiert, so steckt drinnen das Schildkrötensubjekt. Nicht sehr beweglich, dafür aber gut gepanzert, kriecht es schwerfällig durch die Geschichte. Sein Blick reicht nicht weit und muss es auch nicht. Immer bereit, den kleinen Kopf, den es bisweilen aus 11 Damit schließen Bays Überlegungen an das Forschungsdesign der narrativen Psychologie historischer Sinnbildung an, wie sie beispielsweise von Jürgen Straub als kulturpsychologisches Modell entworfen worden ist. Doch hier scheint es zunächst so, als ob die narrative Funktion der Erzählbarkeit von Erfahrungen durchweg positive Konnotationen enthält: Wirklichkeitskonstitution und Temporalisierung, Wissensbildung und -vermittlung, Bereitstellung von Handlungsmöglichkeiten, moralische und pädagogische Funktionen der Einübung von valorativen und normativen Standpunkten, die Kooperation und Koordination verschiedener Handlungsoptionen in sozialen Kontexten eingeschlossen der eignen Stellung als Erzähler in einem von Erzählungen konstruierten Kontext (Straub 1998, 124ff.). IDEOLOGIE, UTOPIE, WISSEN 75 seiner Verschalung steckt, beim Auftauchen des gringsten Unbekannten wieder einzubeziehen, hofft es hinter seinen Panzerplatten uralt zu werden. Meist freilich endet es vorher als Delikatesse in der Suppe derer, die die Panzer von außen regieren. (ebd., 37f.) Perspektiviert durch die Brille des Semiologen Peter V. Zima entspreche jeder ›Erzählpanzer‹ einem »konstruierten Wertesystem, das auf sprachlicher Ebene als Soziolekt darstellbar ist« (Zima 1995, 65) und von dieser »Gruppensprache« zuallererst mitkonstruiert werde.12 Demnach seien ›Soziolekte‹ zunächst einmal »lebenskräftige« Ideologien (ebd., 73). Die Lebensfähigkeit normativer Lebenssysteme, ob sie nun als partikulare Interessenpsychologie oder Erzählpanzer umschrieben werden, erhalten ihren endgültigen Richterspruch vom Leben selbst. Bereits Friedrich Nietzsche beschrieb das Leben als Wille-zur-Macht im Sinne einer plastischen Umwertung von Werten, einer normsetzenden Gewalt. Wahrheiten und Irrtümer seien nur nach dem Grad ihrer Einverleibung in den Körper voneinander zu unterscheiden. Dasjenige Ideen-System erweist sich als ›Lebenssystem‹, das die flexible Normativitätsspanne im Leben am Leben erhält. In den medizin-philosophischen Schriften des französischen Mediziners George Canguilhem findet sich eine Definition des Lebens, die Aufschlüsse darüber liefern kann, inwiefern auch ein falsches Bewusstsein überlebensfähig ist. In seinen Aufsätzen zum Pathologischen und Normalen definiert der Mediziner das Normale als das Normative im Sinne einer elastischen Kraft der Normsetzung in unterschiedlichen Umweltkontexten einer Person: Wenn also das Normale nicht die Starre eines kollektiven Zwangs, sondern die Elastizität einer Norm besitzt, die sich den individuellen Bedingungen entsprechend verändert, so verwischt sich natürlich auch die Grenzen zwischen Normalem und Pathologischem. Damit kehren wir indessen keineswegs zu jener Kontinuität zwischen Normalem und Pathologischem zurück, in der beide dem Wesen nach identisch sind und nur quantitativ voneinander abweichen, und ebensowenig zu jener verschwommenen Realität von Gesundheit und Krankheit, die unkenntlich 12 In der interdisziplinären Studie von Teun van Dijk wird der Ideologiebegriff multirelational gedeutet. Er basiere daher grundsätzlich auf einer dreiwertigen Struktur: einer mental-kognitiven (Psychologie), einer sozialen Dimension (soziologisch) und einer sprachanalytischen (Linguistic Discourse). Es geht ihm dabei um eine Analyse des Ideologiebegriffs im Sinne der Kritischen Theorie: »A general concept of ideology not only provides a more solid framework for a critical approach, but also allows comparison among different kinds of ideologies, the changes of ideologies from systems of resistance to systems of domination (or vice versa), and a more coherent and complete study of the embedding of ideologies in social cognition as well as in social structure« (Van Dijk 1998, 11). EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 76 macht, wo die Gesundheit aufhört und wo die Krankheit beginnt. Betrachtet man viele Personen zugleich, so ist die Grenze zwischen Normalem und Pathologischem ganz unbestimmt; beobachtet man indessen eine gewisse Zeit lang ein und dieselbe Person, so läßt sie sich sehr genau festlegen. Das unter bestimmten Bedingungen Normale, weil Normative, kann in einer anderen Situation zum Pathologischen werden, obwohl es selbst gleich bleibt. Das Urteil über die Veränderung liegt allein beim einzelnen Menschen: er nur leidet unter ihr und fühlt sich den Anforderungen der neuen Situation nicht gewachsen. (Canguilhem 1974, 122) Das Normative ist dementsprechend eine adaptive Kraft, die sich gleichsam im Laufe eines Lebens verbrauchen kann, und daher auch an Elastizität einbüßt. So gilt ein krankhafter Zustand immer noch als normative Lebenskraft, die allerdings nur unter bestimmten Bedingungen existieren kann: »Das kranke Lebewesen ist auf ganz bestimmte Existenzbedingungen genormt; verloren hat es die noramtive Kraft, d.h. die Fähigkeit, unter anderen Bedingungen andere Normen zu setzen« (ebd., 123). Doch obwohl sie ihre normsetzende Flexibiltät verloren hat, wird sie innerhalb des neuen Milieus als ein »positiv Neues« im Leben eines Organismus empfunden. Sie wird nicht als Gegensatz zu einem früheren, gesunden Zustand erlebt, sondern als eine »neue Dimension des Lebens« (ebd., 125). Leben wird daher bei Canguilhem stets als irreversible Entität gedacht, daher ist die Wiederherstellung eines früheren Zustandes nicht mehr möglich. Reparaturen werden als »physiologische Neubildungen« aufgefasst. Die Vorstellung eines absolut reinen Gesundheitszustandes würde darin bestehen, ein ursprünglich unbestimmtes Vermögen zu besitzen, jede nur erdenklich biologische Norm durchzusetzen (ebd., 132). Daraus resultiere ein völlig anderes Verständnis von Krankheit und Gesundheit: Erkennt man an, daß die Krankheit eine Art biologischer Norm bleibt, so folgt daraus zugleich, daß der pathologische Zustand nicht absolut, sondern nur im Verhältnis zu einer bestimmten Situation anormal genannt werden kann. Entsprechend sind Gesundsein und Normalsein nicht völlig gleichwertig, da das Pathologische selbe eine Art von Normalem ist. Gesund sein heißt nicht bloß, in einer gegebenen Situation normal, sondern auch – in dieser oder in anderen möglichen Situationen – normativ sein. Was die Gesundheit ausmacht, ist die Möglichkeit, die das augenblicklich Normale definierende Norm zu überschreiten; die Möglichkeit, Verstöße gegen die gewohnheitsmäßige Norm hinzunehmen und in neuen Situationen neue Normen in Kraft setzen. (ebd., 132) Gesundheit und Krankheit unterscheiden sich demnach nur in der »Toleranzbreite gegenüber der Unverläßlichkeit der Umwelt«, denn »bei guter Gesundheit sein heißt: krank werden können und doch davon genesen; es ist ein biologischer Luxus« (ebd., 134). Wird diese Toleranzbreite IDEOLOGIE, UTOPIE, WISSEN 77 reduziert, bedeutet dies, dass der Organismus nur noch in einer anderen Umwelt leben und in die frühere nicht mehr zurückkehren kann, weil er seine normative Elastizität verloren hat: »Jede Krankheit mindert die Fähigkeit, sich anderer Erkrankungen zu erwehren, bedeutet einen Verschleiß der ursprünglichen biologischen Sicherung, ohne die es Leben gar nicht gäbe« (ebd., 134). Gesundheit und Krankheit sind also nicht ein Kontinuum zweier gegensätzlicher Zustände oder Pole, in denen die Gesundheit als Regel und die Krankheit als Ausnahme des Lebens erscheint. Sie sind zwei unterschiedliche Perspektivierungen in Hinblick auf ein gegebenes Milieu: Es ist der Kontext, der bestimmt, ob eine gegebene Verhaltensweise als gesund oder krank einzustufen ist. Canguilhem findet sogar eine etymologische Rückbindung der Gesundheit an die Kraft zur Normsetzung: »Das lateinische Wort valere, von dem das französische valeur (Wert) abgeleitet ist, bedeutet ›sich wohl befinden‹. Die Gesundheit ist eine Form der Existenzbewältigung, bei der man sich nicht bloß als Besitzer oder Träger, sondern notfalls als Schöpfer von Wert, als Stifter von Lebensnormen empfindet« (ebd., 136). Damit, so der Philosoph Thomas Ebke, verabschiede Canguilhem in Anlehnung an Nietzsche die Vorstellung, »die Krankheit bestünde in einem Mangel an Vitalität«: »Canguilhems Umschichtung der Beziehungen zwischen Normalem und Pathologischem liegt in der Freisetzung des Pathologischen: Die Krankheit ist gegenüber der Gesundheit keine inferiore, sondern schlicht eine andere Artikulation von Leben, d.h. Normativität« (Ebke 2012, 155). Canguilhems medizin-philosophischen Ausführungen basieren natürlich vor allem auf wissenschaftshistorischen Beispielen und eigenen Lebenserfahrungen als praktizierender Arzt. Doch ist nicht auch der Soziologe und Gesellschaftskritiker ein Arzt für die vom ›falschen Bewusstsein‹ befallenen Individuen einer sozialen Schicht? Ist nicht auch ihm die Aufgabe zu Teil geworden, das ›falsche Bewusstsein‹ als krankhaftes Symptom zu entlarven und die Krisen- und Genesungsprozesse des modernen Gesellschaftskörpers zu diagnostizieren? Ist nicht die Wissenssoziologie zugleich auch eine Körpersoziologie?13 Wenn also der ›biologische Luxus‹ darin besteht, krank werden zu können und doch davon zu genesen, könnte es dann nicht sein, das der 13 Vgl. hierzu der jüngst erschienene Band zum Körperwissen von Reiner Keller und Michael Meuser (2011). Die Autoren definieren in diesem Sinne Körperwissen als polyvalentes Gebilde von »Körperwissensverhältnissen«: »Körperwissen ist nämlich nicht nur Wissen vom Körper, sondern auch ein Wissen des Körpers. Körpertechniken, körperliche Routinen und Fertigkeiten des Handelns können unterhalb und oberhalb der Schwelle reflexiver Zuwendung liegen. Körperwissen ist deswegen gerade auch in dem Maße von Bedeutung, wie es sich einer solchen reflexiven Zuwendung entzieht bzw. als Routinisierung und Habitualisierung ihrer nicht bedarf. Ja mehr noch: In gewissem EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 78 ›soziologische Luxus‹ darin besteht, ein ›falsches Bewusstsein‹ ausbilden zu können und trotzdem die transzendentalen Bedingungen dieses ›Erzählpanzers‹ zu durchschauen? Wenn dem so ist, dann ist die Ausbildung eines falschen Bewusstseins bereits der Garant dafür, dass unser doxologisches Spektrum aus Ideen, Vorurteilen, Gesetzen, Setzungen, Normen, Skripts und Schemata, das in unserem ›Erzählpanzer‹ verdichtet ist, zwar seine ›Tolerenzbreite gegenüber der Unverläßlichkeit der Umwelt‹ eingebüßt hat, dass es aber trotzdem der heterodoxischen Ausdifferenzierung von anderen habituellen Lebensstilen im Sinne Bourdieus fähig ist: Wir können die doxologische Ver-dichtung auch wieder Ent-dichten. Die Trägheit seiner elastischen und skriptgenerierenden Normativität nimmt zwar zu, aber sie kann im Grund niemals so träge werden, dass sie erstarrt. Das Leben als normativ stiftendes System setzt der Trägheitsverfallenheit seine Grenzen und fordert die Lebensform zu ihrer erneuten Kritikfähigkeit auf. Die Gestaltungs- und Transformationsfähigkeit einer Lebensform wäre dann jedoch nicht als ›gut‹ oder ›gelingend‹ zu bezeichnen, sondern im Sinne Canguilhems als ›gesund‹, weil sie die Möglichkeit aufrecht erhält, die augenblicklich als normal definierte Norm zu überschreiten, folglich die Verstöße gegen die gewohnheitsmäßige Norm hinzunehmen und in neuen Situationen neue Normen in Kraft zu setzen. Die Trägheit des Habitus referiert damit nicht nur auf den Körper als Träger von Wissen als eine Form inkorporierten (kulturellen etc.) Kapitals, sondern auf die Ertragbarkeit jenes Wissens, das als doxologisches und toxisch wirkende Inskription der körperlichen hexis eine Präskription diktiert und damit die Bedingungen der Möglichkeit des Ertragens unterminiert. Die Frage, die nun im Raum steht, betrifft die Beschaffenheit jenes Wissens, das sich zunächst einmal vom Begriff der Ideologie zu unterscheiden scheint. Betrachtet man jedoch die gegenwärtigen Geschichten, die sich um den Begriff des Wissens im 20. Jahrhundert ranken, lässt sich nur unschwer erkennen, dass es sich dabei um die Geschichte seiner Verdrängung handelt. Diese These ist wohl begründet, obwohl kein Begriff in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine derartig rasante Karriere gemacht hat, wie der Begriff des Wissens. In seiner Funktion als Präfix dient er sowohl dem gängigen soziologischen Jargon zur Theoriebildung als auch der Bildungspolitik zur Kommentierung gegenwärtiger Schulreformen und Universitätsdebatten: Die Universität wird zur Wissensfabrik, der Student zum Wissenskonsumenten und -produzenten, um die »Wissensgesellschaft« (Weingart / Carrier / Krohn 2007) in seiner Funktion als »Wissensarbeiter« (Bittlingmayer 2006) voranzutreiben. Weil Sinne lässt sich davon sprechen, dass Körper als eigenständige Träger von Wissen fungieren, das nicht in kognitive Prozesse übersetzt ist, ja nicht übersetzt werden kann« (Keller / Meuser 2011, 10). IDEOLOGIE, UTOPIE, WISSEN 79 in »Wissenskulturen« (Knorr-Cetina 2002) gelebt und gearbeitet wird, sind wir in allen sozialen und beruflichen Schichten »Symbolanalytiker« (Bittlingmayer 2006, 342). Der Begriff der Informationsgesellschaft markiert hierbei die Epochenschwelle für diese begriffliche Inflation, die durch soziologisch-ambivalente Etiketten wie Risiko- oder Erlebnisgesellschaft verstärkt wird (Weingart ebd., 12). Der Soziologe Hans-Dieter Kübler hält jedoch zu Recht fest, dass Begriffe wie Informationsund Wissensgesellschaft generell für das post-industrielle Zeitalter (Alain Touraine und Daniel Bell) stets passend zu sein scheinen, obwohl sie weder hinreichend eruiert noch klar messbar oder identifizierbar seien und gerade dadurch beliebig und willkürlich einsetzbar (Kübler 2009, 16). Die Gründe für diese inflantionäre Etikettierung hänge vor allem mit der Tatsache zusammen, dass sich im post-industriellen Zeitalter auf verschiedenen Ebenen (Lebensbereichen) Veränderungen vollzogen hätten, deren Zusammenhänge nur schwer zu durchschauen seien (ebd., 21). Die Medialisierung und Informatisierung gesellschaftlicher Lebensbereiche sei somit Produzent diverser sozialwissenschaftlicher Konstrukte, die je nach Perspektivierung einen anderen Begriff erzeugten (ebd., 12). Küblers eigentliche Kritik am ›Mythos der Wissensgesellschaft‹ besteht darin, dass Informations- und Wissensbegriff semantisch miteinander vermengt werden würden, was schließlich dazu führe, dass der Begriff des Wissens radikal entpersonalisiert werde. Die semantische Kurzfassung des Informationsbegriffs lautet: Physikalisch sind die kommunizierten Informationen Geräusche und (Schrift)zeichen, technisch nur Stromstöße, Moleküle elektrischer Energie; auf einen Chip gepackt und von einer Programmiersprache codiert, sind es Daten. Werden die Daten in eine Syntax, also in einen logischen und systematischen Kontext gebracht – und hierfür steht das Zeichenmodell Pate –, nennt man es Information, und so pragmatisch lässt sich der Begriff heute universell und allgemeinverständlich verwenden, wiewohl er auch noch emphatischere Implikationen – etwa mit dem Anspruch nach Verstehen und Verständnis – mit sich führt und dadurch immer wieder irritiert. (ebd., 82f.) Die Irritation besitzt zwei Ursprünge. Eine begriffsgeschichtliche Herkunft dieser Vielzahl von semantischen Verwirrungen gerade in Bezug auf die technisch-physikalische Definition hat bereits Peter Janich dargelegt. Seine Hauptthese besagt, dass die Geschichte des Informationsbegriffs umrangt wird von Legendenbildungen, die aus einer Verknüpfung von Fehlinterpretationen beruhend auf der Verwechslung der Meta- und Objektsprache resultierten. Diese Verkettung von Fehlinterpretationen führe schließlich zu einer »Naturalisierung der Information« in den Naturwissenschaften (Janich 2006, 13). EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 80 Zu Ikonen der Legendenbildung gehörten vor allem Norbert Wieners Kybernetik-Modell, die Genforschung und die Nachrichtentechnik. Den Grund für diese Naturalisierung sieht Janich in der mangelnden Selbstreflexion des eigenen wissenschaftlichen Sprachgebrauchs. Seine Untersuchungen zeigen unter anderem, dass die bildliche Volkssprache einen Teil der Expertensprache ausmache, sodass beispielsweise im Kontext der Kybernetik-Debatte unklar sei, ob es sich bei diesem Begriff um eine Metapher handle, die der Reflexion diene, oder um einen Gegenstand der Naturwissenschaft (ebd., 15). Man wisse nicht, ob es sich um Energie handle und damit um einen objektsprachlichen Begriff der Physik oder um den metasprachlich verwendeten Begriff der Materie (ebd., 55). Die mangelnde Selbstreflexion führt Janich darauf zurück, dass Wissenschaftler vergessen würden, dass exakte Wissenschaften wie Physik und Mathematik ebenfalls »Kulturleistungen« seien, die einen menschlichen Urheber hätten (ebd., 67). Aus dieser Vergesslichkeit werde geschichtliche Erblast, die schließlich zum Dogma führe. Ein besonderes Beispiel liefert nach Janich die Semantik der mathematischen Nachrichtentechnik, wie sie Shannon und Weaver entworfen haben. Ihr semantisches Patchwork aus algorhitmischem Informationsbegriff, Begriffen aus der Physik, Biologie und Kognitionswissenschaft sowie aus dem Spezialgebiet der Geistesphilosophie naturalisiere wahllos nachrichtentechnische Kommunikationsprozesse (ebd., 85). Derartige ›Semantische Mogelpackungen‹ gehören jedoch zum gängigen Forschungsbetrieb der Wissenschaften. Analogisierungen durch Strukturmetaphern machen es möglich, das zu strukturieren, was zunächst keine Struktur habe. Sie sind wesentlicher Bestandteil der Theoriebildung, wie zu einem späteren Zeitpunkt noch gezeigt werden soll. Der andere Ursprung der Irritation rührt daher, dass die Begriffe Information und Wissen verschiedene kognitive Operationen implizieren, die stillschweigend vorausgesetzt werden (Charpa 2001, 96). Wissen, so der Wissenschaftstheoretiker Ulrich Charpa, werde demnach erst in höheren kognitiven Prozessen durch einen individuellen Lernprozess generiert. Gespeicherte Information sei per se noch kein Wissen.14 Ebenso versucht Kübler die semantische Vielfalt des Wissensbegriffs als Erkenntniswissen, Fachwissen, kulturelles und alltägliches Wissen sowie natürlich-intuitives Wissen vor einem Abdriften in die reine Information zu bewahren (Kübler, ebd. 97ff). Für den Soziologen bleibt der Wissensbegriff eine »vom Subjekt nicht lösbare Qualität« (ebd., 118). In diesem 14 Eine ähnliche Auffassung vertritt auch Olaf Breidbach: »Wissen ist nicht schlicht Information, sondern interpretierte Information. Interpretation ist nur in einer offenen Ordnung möglich« (Breidbach 2008, 15). IDEOLOGIE, UTOPIE, WISSEN 81 Sinne bleibt es wie bei Mannheim ›situationsgebundenes Wissen‹.15 Situationsgebunden ist Wissen auch in Lebens- und Arbeitskontexten, die sich außerhalb der Alltagspraxis vollziehen: in Laboratorien. Ulrich Charpa beteuert hingegen aus philosophischer Sicht, dass »wissenschaftliches Wissen« zunächst nichts anderes als »Forscherwissen« sei (ebd., 92).16 Die Wendung zum forschenden Akteur in experimentellen Kontexten wird durch den Begriff des »Vertrautseins« weiter spezifiziert: »Vertrautsein ist ungeachtet aller subjektivistischen Konnotationen ein Fall von Wissen, dessen Vorliegen sich unabhängig von der Selbsteinschätzung einer Person kontrollieren läßt. Zusammenfassend gesagt, bedeutet ›Vertrautsein mit etwas‹ ein über bloße Anschauung hinausreichendes Wissen über dieses Etwas zu haben, wobei die Rechtfertigung dieses Wissens im Forschungszusammenhang nicht zum Thema wird« (ebd., 121). Die drei wichtigsten Kriterien für den Umgang mit seinem Forschungsgegenstand gründen daher (i) von seiner Sache etwas verstanden zu haben, (ii) über das Verstandene in angemessener Art und Weise verfügen zu können und schließlich (iii) »hinreichend Mobilität zu gewinnen, um zu etwas Unvertrauten fortschreiten zu können« (ebd., 124).17 Daher seien wissenschaftliche Forschungsarbeiten nicht im Sinne einer Akkumulation von ›scientific knowledge‹ zuverstehen (ebd., 134), denn oft sei es das subjektiv-erkenntniskritische Element (Denkstil), das »epistemisches Glück« ausmache (ebd., 168). Charpa betont, dass gerade Forscherwissen als eigentlich ›epistemisch priviligiertes‹ Wissen zu gelten habe (ebd., 104). Die implizite Kritik am Alltagswissen ist hier deutlich spürbar: Weil es keine intersubjektive Überprüfbarkeit ›alltäglich qualitativer Feststellungen‹ gibt oder zumindest nicht wie in den Naturwissenschaften, sei es anfälliger für Ideologien. Soziologen wie Kübler scheinen hingegen 15 Damit widersetzt sich Kübler einem dezidiert systemtheoretischen Zugang zum Wissens- und Erkenntnisbegriff, wie ihn Niklas Luhmann konstruiert. Luhmann lässt einen subjektbezogenen Wissens- und Erkenntnisbegriff nur noch in vorwissenschaftlichen Alltagskontexten gelten, da eine Loslösung vom subjektzentrierten Denken der eigenen Wissenschaftssprache förderlich sei (Luhmann 1990, 13). 16 Siehe hierzu Ziman (1991, 125) und Fuller (2007, 35f.). 17 Ziman betont in diesem Kontext, dass sich der Physikstudent wie ein Neugeborenes verhalte, wenn er zum ersten Mal in Kontakt mit der Laborwelt trete. Das wissenschaftliche Denken müsste sich erst über mehrere Stufen ausbilden, wobei man immer vom bewiesenen Erkenntnisbereich über die wissenschaftliche Fachsprache zu bestimmten Denkweisen gelangen müsse, die die wissenschaftliche Herangehensweise ausbildeten. Auf diese Weise werde aus dem »would be scientist« ein wirklicher Wissenschaftler, der seine eigene »unity of theory and practice« entwickle (Ziman 1991, 127). Hier entstehe das Gefühl für die Arbeit als »Researcher«. EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 82 tendenziell das persönliche Alltagswissen aufzuwerten, weil es eine »hohe Funktionalität« aufweise (Kübler ebd., 141f.). Hans Dieter Kübler weist auf den wichtigen Umstand hin, dass gerade weil das situationsgebundene Alltagswissen in einer Art latentem Dornröschenschlaf dahin vegetiere, es von den Wissenssoziologen umso expliziter gemacht werden müsse, denn dort befinde sich gerade der Ort, an dem sich das falsche Bewusstsein festsetze und Früchte trage.18 Eine differenziertere Sicht auf die Produktion von ›scientific knowledge‹ nehmen im Gegensatz dazu die Wissenschaftshistoriker ein. Wissenschaftliches Wissen ist aus ihrer Sicht nicht ›epistemisch privilegiert‹, sondern gerade aufgrund seiner epistemischen Konstruiertheit höchst fragil und prekär, weil es nur noch als reines »Technowissen« emergiere (Rheinberger 2001, 28). Der Wissenschaftshistoriker Hans-Jörg Rheinberger hat in seiner Geschichte der biotechnologischen Experimentalsysteme gezeigt, wie epistemische Dinge und technische Bedingungen sich gegenseitig bedingen und hybride »Wissenschaftsobjekte« hervorbringen, die Träger materieller Einschreibung (Spuren, Grapheme) sind und daher im Repräsentationsraum lokalisierbar bleiben. Das ›scientific knowledge‹ emergiere in den Experimentalsystemen als eine Kette von Darstellungen, als »Textur eines symbolischen Systems« konstituiert durch ›diagrammatische Übergänge zwischen Bild und Text‹ (ebd., 112). Als »Experimentalsystem« definiert Rheinberger nicht nur Anordnungen zur Überprüfung und zur Erteilung von Antworten, sondern insbesondere zur »Materialisierung von Fragen« (ebd., 22). ›Experimentalsysteme‹ bewegen sich damit auf einer Ordnungsstufe zwischen Information und Wissen. Das Labor als physischer Ort der Datensammlung befindet sich zunächst nur auf der grundlegenden Stufe der Akkumulation von Daten, die zu Informationen verknüpft werden. Labor und Experiment bzw. Experimentalsystem sind demnach unterschiedliche Wissensräume. Die Wissenschaftstheoretikerin Karin Knorr-Cetina unterscheidet zwischen dem Experiment, das organisatorisch Wissenschaft betreibe, und dem Labor, das die Infrastruktur für die Organisation des Experimentalsystems liefere (Knorr-Cetina 2002, 63). Anders jedoch als bei Rheinberger scheint die Grenze zwischen Labor / Experimentalsystem transparenter zu sein. Laboratorien seien eben nicht mehr nur Bühne, Fabrik oder Arbeitsstätte, sondern ein Ort »interner Beobachtungswelten«, in dem ein »Feld wechselseitiger Beobachtung und Kommunikation« installiert werde. Dies führe schließlich zu einer Abgrenzung und Konstituierung 18 Zur wissenssoziologischen Unterscheidung von Experten- und Alltagswissen siehe auch Schützeichel (2007, 366). IDEOLOGIE, UTOPIE, WISSEN 83 eines Wissenschaftsgebiets und damit einer eigenen »Lebenswelt« (ebd., 59). Das Labor ist nach Rheinberger ein Ensemble aus verschiedenen ›ungeordneteten Wissensräumen‹ und ›geordneten Reinräumen‹, in denen technische Dinge eine stabile Umgebung ermöglichen, die ihrerseits die epistemischen Dinge einfassen und sie dadurch in ›übergreifende Felder von epistemischen Praktiken und materiellen Wissenskulturen‹ einfügen (Rheinberger ebd., 25). Dazu gehörten Instrumente, Aufzeichnungsapparaturen und auch Wissensbestände (»kanonisierte Formen handwerklichen Könnens«). Rheinberger hält fest: »Die technischen Bedingungen bestimmten nicht nur die Reichweite, sondern auch die Form möglicher Repräsentationen eines epistemischen Dings; ausreichend stabilisierte epistemische Dinge wiederum können als technische Bausteine in eine bestehene Experimentalordnung eingefügt werden« (ebd., 26). Knorr-Cetina hingegen geht davon aus, dass der »epistemischen Profit« dadurch gewonnen werde, dass Naturobjekte kultiviert und sozial überformt werden (Knorr-Cetina 2002, 47). Durch die »Modellierbarkeit von Naturobjekten« würden nicht unveränderbare Objekt-Entitäten geschaffen, sondern »Objektzeichen«, die ihre jeweiligen spezifischen Komponenten haben: »Die Laborpraxis impliziert die Herauslösung dieser Objekte aus ihrer natürlichen Umwelt und ihre Installierung in einem neuen Phänomenfeld das durch soziale Akteure definiert wird« (ebd., 46). Rheinberger allerdings hebt jedoch noch ein wichtiges Kriterium dieser epistemischen ›Objektzeichen‹ hervor: »Epistemische Dinge sind die Dinge, denen die Anstrengung des Wissens gilt - nicht unbedingt Objekte im engeren Sinne, es können auch Strukturen, Relationen, Funktionen sein. Als epistemische präsentieren sich diese Dinge in einer für sie charakteristischen, irreduziblen Verschwommenheit und Vagheit« (ebd., 24). Sie sind demnach »Mischgebilde, etwas, das man noch nicht weiß« (ebd., 25). Nur wenn die technischen Bedingungen aufrecht erhalten werden, könne die Reproduzierbarkeit von Experimenten gewährleistet werden (ebd., 77). Das noch-nicht-wissbare epistemische Objekt verliere dann sein differentielles Moment und werde zum Element in einem reproduktiven Zyklus des Experimentalsystems. Seine Dingfestigkeit und Historizität ergebe sich aus der Rekurrenz dieses Prozesses (ebd., 78). Daher resultiere auch erst nach diesen experimentellen Wiederholungsschleifen eine Materialität der Einschreibung und ihrer Interpretation durch Übersetzung von Code zu Meta-Code, die einen Überschuss an deutbaren Zeichen produziere, der nicht vorausgesehbar sei (ebd., 115). Um diesen Überschuss so klein wie möglich zu halten, werden »Modelle« als höchste Ordnungsstufe des Wissenssystems erstellt, die, so EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 84 Rheinberger, zwischen epistemischem Ding und technischer Bedingung oszillierten (ebd., 117). Wissenschaftliche Modelle sind heuristische Wegweiser in einem Labyrinth künstlich-designter Experimentalwelten. Der Forscher, so Rheinberger, sei ein »homo depictor«, denn die »Wissenschaften leben davon, daß sie alternative Systeme und Räume der Repräsentation hervorbringen« (ebd., 120). In einem Experimentalsystem ist das Forscherwissen diejenige Komponente, die im »experimentellen Spinnennetz« der Versuchsanordnung das je eigene Erfahrungswissen aktualisiert. Auch Rheinberger hebt den Stellenwert individuellen Erfahrungwissens hervor: »Erfahrung ist eine intellektuelle Errungenschaft. Erfahrenheit, das heißt erworbene Intuition, ist eine Tätigkeits- und Lebensform. Der Ausdruck ›erworbene Intuition‹ birgt einen Gegensinn in sich. Erfahrenheit muß erworben werden, das liegt in der Natur der Sache, und zugleich ist sie mehr als das, was gelernt werden kann« (ebd., 80).19 Selbst in den High-Tech-Laboratorien des 20. Jahrhunderts, in denen die grundlegende technische Ausstattung bestimmten Normen gerecht werden muss, um in verschiedenen Laboratorien der westlichen Industrienationen die gleichen Bedingungen des Forschens zu gewährleisten und den schnellen internationalen Austausch der gesammelten Daten zu ermöglichen, kann dennoch ein bestimmter ›epistemischer Stil‹ zum alles entscheidenden Faktor der Wissensgenerierung werden. Das bedeutet jedoch auch, dass die Forschungsarbeit nicht bloß ein von Daten zu Wissen fortschreitender Prozess ist, sondern ein bereits durch Vorwissen gesteuerter. Zwischen der Installation technischer Bedingungen und der Emergenz von epistemischen Objekten fungiert der ›epistemische Stil‹ des Forschers als regulatives Ensemble individuellen Forscherwissens, das nicht übertragbar ist. Er muss immer wieder aufs Neue erlernt und selbstständig erworben werden. Der ›epistemische Stil‹ ist aber nicht nur ein bloßes Set von besonderen Techniken und Denkgewohnheiten, es ist das besondere kulturell-inkorporierte Kapital des Forschers, das seinen ganz individuellen Forscher- Habitus ausmacht. Dies darf jedoch nicht zu einer Überhöhung der individuellen Komponente führen. Ein ›epistemischer Stil‹ kann überhaupt 19 Der amerikanische Wissenschaftshistoriker James Bono bezeichnet dies als »epistemischen Stil«: »›Epistemic styles‹ represents, as a term and label, a number of intersecting transformations. In so far as ›epistemic styles‹ purportedly characterize how science is done, rather than theories disembodied and disengaged from their originative material contexts, the term signals a shift from the theory of practice. In so far as ›epistemic style‹ pertain to the work of individuals and their local research groups rather than to the entire community of a specific scientific subdiscipline, the term proclaims the bankruptcy of overtly idealistic notions of »a dominant, scientific method« or model characterizing scientific disciplines in favor of a more finely-grained delineation of local and variable scientific styles« (Bono 1995, 119). IDEOLOGIE, UTOPIE, WISSEN 85 erst dort intervenieren, wo durch möglichst viel ökonomisches Kapital möglichst gute, technische Bedingungen geschaffen werden, um erfolgreich zu forschen. Da der Wissenschaftsbetrieb aber zunehmend von der Industrie finanziert wird und seine Autonomie einbüßt, kann nur derjenige einen ›epistemischen Stil‹ ausbilden, der der wissenschaftlich Reichste ist. Denn während der internationalisierte Wissenschaftsbetrieb sich immer weniger eine Störvariable wie den ›epistemischen Stil‹ leisten kann – da dieser ebenso Fehler produzieren kann –, repräsentiert er in den populärwissenschaftlichen Subfeldern akademischer Wissensproduktion nicht mehr länger eine ›number of intersecting transformations‹, sondern intersecting transcriptions. Besonders bei akademischen Popularisatoren, die ihre eigene Forschung einer breiten interessierten Öffentlichkeit zugänglich machen, lässt sich ihr Popular Science Writing als Stilübung verschiedener Transkriptionsarten der unterschiedlichen Zeichensysteme lesen – von protokollierten Daten zu gebündelten Informationen, von zusammenhangslosen Informationsbits zu kohärenten Wissensfragmenten, und von diesen Wissensfragmenten zu größeren, verschnürten Einheiten, den Narrativen, auf denen die Erkenntnis eines bestimmten Fachgebiets gründet. Nach Karl Eibls literaturanthropologischer These besteht die Funktion des Erzählens genau darin, eine »herausragende Methode des Verschnürens von Information« zu sein (Eibl 2004, 255). Eibl zitiert ein sehr anschauliches Beispiel für eine transdisziplinär übergreifende Theorie der Narration von Roger C. Schank, einem Wissenschaftler auf dem Gebiet künstlicher Intelligenz: »What we know is embodied in what we tell, and, as we shall see, what we tell strongly determines what we know. We know what we tell, and, we tell what we know« (zitiert nach Eibl, ebd. 256). Damit schreiben sich Wissenschaftshistoriker eben weil sie diesen Prozess narrativieren, selbst in die Geschichte des Wissens ein. Sie werden selbst zum einem Knotenpunkt im textuellen Gewebe des grand récit der Naturwissenschaften. Andererseits produzieren Wissenschaftspopularisierer durch ihre Narrativierung von ›Technowissen‹ mittels Übersetzungsprozessen der Verständigung innerhalb und außerhalb der Insel-Laboratorien ebenfalls Formen meta-epistemologischen Wissens über das Forschen. Dennoch bewegen sich beide Parteien – Historiker und Popularisierer – nicht auf derselben Ebene. Während der Wissenschaftshistoriker auf der horizontalen Ebene zwischen den Wissensräumen a) Experimentalsystem (Anordnung / Beobachtung), b) Labor (Organisation / Dokumentation), c) Schreibtisch (Produktion von ›scientific knowledge‹ in Form von ›scientific paper‹) und d) ›scientific community‹ (Produktion von Produzenten für Produzenten) agiert, vermittelt der Popularisierer der Wissenschaften auf der vertikalen Ebene zwischen a) Schreibtisch (Synthetisierung und Übersetzen von ›scientific knowledge‹ in ein populäres EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 86 Mediumformat), b) Buchmarkt (Konfrontation mit dem Feld der Kulturproduktion), c) fachfremde interessierte Öffentlichkeit. Sie sind zwar keine Wissenschaftshistoriker, aber auch sie narrativieren ihr eigenes und fachfremdes Forscherwissen, sie verschnüren ihr Vertrautsein mit epistemischen Objekten wie Genen oder Neuronen zu einer Erzählung. Sie verwandeln ihre persönliche Erfahrung mit Experimentalsystemen in eine leidenschaftliche Erinnerung an Widerstände, Zwänge, Niederlagen und Erfolge. Sie machen aus ihrer ›epistemischen Privilegiertheit‹ ein kulturelles Gemeingut. Genauso wie der Historiker ist auch er an den Übersetzungsprozessen seiner Wissenschaft beteiligt. Doch während dem einen die Ehre gebührt, ein angesehenes Mitglied der philosophischen Fakultät (oder aber ein Mitglied eines für ihn extra errichteten Forschungszentrums, etwa dem Max-Planck-Institut) oder gar Mitglied der naturwissenschaftlichen Disziplinen selbst zu sein, wie in Frankreich, verharrt sein sozialer Doppelgänger in den Nischen von Diskurs- und Disziplinüberschneidungen, in einer Grauzone des limitrophe. Dort hockt er, der Wissenschaftspopularisierer zwischen seinen Protokollen, den Papers seiner Fachkollegen, den Geschichtsbüchern seiner Disziplin, den Wissenschaftsjournalisten, die selbst nicht mehr forschen, aber vorgeben, kritische Berichterstattung zu leisten, und dann sind da noch die ewigen Nörgler und Korrigierer, die sich Kulturwissenschaftler nennen, die sich in fachfremde Gebiete einmischen und sich als kritische Kulturjournalisten berufen fühlen, die Massen über ihre falsches Bewusstsein aufzuklären. Hier eröffnet sich die Arena semantischer Kämpfe und oft auch intellektueller Krämpfe. 3. Pop, populär, Popularisierung Den Ausgangspunkt bildet Bourdieus kultursoziologischer Ansatz. Seine Überlegungen zur legitimen Kultur, die – wenn nicht identisch, so doch vergleichbar – mit Jürgen Links elaborierter Wissenskultur der Spezialdiskurse sind, impliziert eine Identifikation von ›Kultur‹ mit ›Hochkultur‹ aus der schließlich – so die Kritik Diaz-Bones – eine Abwertung der Populärkultur resultiere (Diaz-Bone 2002, 65). Dennoch biete Bourdieus kultursoziologischer Ansatz, die »Integration von Sozialstrukturanalyse und Kulturanalyse«, ein geeignetes Instrumentarium »für die Distinktionsanalyse massenmedial repräsentierten Genrewissens« (ebd., 67). Allerdings vernachlässige die »Distinktionshermeneutik« die »Interpretation der kulturellen Wissensordnungen in den Feldern der Kulturproduktion«, von der aus Rückschlüsse auf den Habitus getroffen werden könnten (ebd., 68). Dies liege an dem »schwachen Diskurskonzept« Bourdieus (ebd., 69). Da es ihm lediglich um die POP, POPULÄR, POPULARISIERUNG 87 »Korrespondenzen von Diskurs- und Feldpositionen« und um die »au- ßerdiskursiven Bedingungen des Sprechens« gehe, d.h. um einen »Wissensraum«, bei dem die einnehmbaren sozialen Positionen im Vordergrund stehen und nicht etwa deren diskursiver Inhalt, erscheint der ›Diskurs bei Bourdieu immer als Repräsentation von etwas anderem als ihm selbst‹ (ebd., 70). Aufgrund dieser inhaltlichen Leere des Diskurses plädiert Diaz-Bone für eine »diskurstheoretische Radikalisierung der Distinktionstheorie« (ebd.), denn »distinktive Diskurse ermöglichen […] eine inhaltliche Erklärung für die Distinktivität von Genres« (ebd., 121). Diaz-Bone möchte daher die reine Zuordnung von Konsumgütern zu sozialen Milieus durch ihren »diskursiven Erfahrungsgehalt« inhaltlich füllen, denn nur so sei eine Strukturkorrespondenz / Homologie sozialer Bereiche zu erklären (ebd., 124). Allerdings beruht Diaz-Bones strikte Trennung von diskursiver Praxis und Feld auf einem irreführend interpretierten, in einem Kreisdiagramm dargestellten Dirskursmodell. Er geht von drei ineinander gebetteten Kreisen aus: einem inneren Kreis, in dem er das positiv Unbewusste (Epistemai als Formationsregeln) verortet, einem mittleren Kreis, dem Ort der wahrgenommenen, sprachlich verfassten und damit problematisierten Realität der Diskurse, und einem äußeren Kreis, einem nicht-diskursiv fixierten Bündel von Beziehungen (ebd., 92). Der Habitus konstituiere sich also gerade durch die Problematisierung kultureller Wissensordnungen und diskursiver Praktiken, die zu einer Einverleibung dieser Strukturen führe (ebd., 95). Im Folgenden soll die Kritik und die konzeptuelle Erweiterung berücksichtigt werden, um Bourdieus Feldlogik in Bezug auf die Größen des Populären, der Popularisierung und des Pop auszubauen. Bourdieu betont, dass sich im Feld der Massenproduktion mittels der Massenmedien (Printmedien, Fernsehen, Radio, Internet) jener Kulturbetrieb der Elemenarkultur konstituiere, der zu einer Scheidung von ›mittlerer und legitimer Kultur‹ führe bzw. diese Unterscheidung in zwei Kulturklassen ins Bewusstsein des Kleinbürgers rücke (Bourdieu 1987, 500f.). Unter ›mittlerer Kultur‹ versteht Bourdieu allerdings nicht eine tatsächlich existierende Kultur, die sich als dualistischer Gegenpart zur legitimen etabliere, sondern lediglich die »kleinbürgerliche Beziehung zur Kultur«, die sich durch eine »falsche Objektwahl, Mißdeutung, fehlinvestierten Glauben [und] Allodoxia« ausdrücke (ebd., 513). Die Beziehung beruhe nicht so sehr darauf, »wieweit die [Angehörigen der unterschiedlichen gesellschaftlichen Klassen] die Welt der Bildung anerkennen, als darin, wieweit sie sie kennen« (ebd., 503). Diese soziologische Bestandsaufnahme entschleiere damit die unausgesprochene »Komplizenschaft« von Kultur und Bildung, die uns an den Wert der Kultur und das heißt an die legitime Kultur, die von Akteuren in Feldern der Spezialdiskurse produziert wird, glauben lässt (ebd., 389). Das Feld der kulturellen Massenproduktion und die EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 88 Auseinandersetzungen um die »hohe Kultur« und »Durchschnittskultur« (ebd., 389) trügen darüber hinaus zur Reproduktion der »Effekte ihrer eigenen Verschleierung« bei. Denn – analog zum wissenschaftlichen Feld – würden auch hier symbolische Machtkämpfe um kulturelle Legitimität ausgetragen, die unbewusst bleiben und sich daher immer wieder neuorganisieren können. Dieser Prozess gestalte sich zwangsläufig in Form von »Konkurrenzkämpfen«, die »zur Reproduktion der Abstände«, die gleichsam »Grundlage des Wettlaufs« sind, noch beitragen (ebd., 390). Die ›Reproduktion der Abstände‹ hat Bourdieu mit dem Begriff des »Allodoxia-Effektes« etikettiert, der den Kleinbürger gerade durch seine Bildungsbeflissenheit zum »desiginierten Opfer« einer »kulturellen Allodoxia« macht. Unter ›Allodoxia‹ versteht Bourdieu eine »Heterodoxie«, die sich als »Orthodoxie« tarnt und die zu einer undifferenzierten Verehrung höher hierarchisierter Güter führt: Die Allodoxia, eine Heterodoxie, die sich vormacht Orthodoxie zu sein, enstammt dieser undifferenzierten Verehrung, in der sich Gier mit Angst mischt; sie führt dazu, Operetten als »Ernste Musik«, Populärwissenschaft als Wissenschaft, Imitiertes als echt aufzufassen und in diesen zugleich bänglichen und allzu selbstsicheren Fehlidentifikationen den Grund für eine Befriedigung zu verspüren, die sich immer noch von dem Gefühl der Distinguiertheit herleitet. (ebd., 504) [hervorgehoben von P. G.] Besonders hervorzuheben sei hier Bourdieus Wendung der Imitation von Wissenschaft durch Populärwissenschaft, die zu einer Fehleinschätzung des Kleinbürgers führe. Verantwortlich für diesen Allodoxia-Effekt sei die »partielle Umwälzung von Rangordnungen«, die durch die ambivalente Stellung der »Kulturvermittler« – Bourdieu nennt hier die Kulturredakteure beim Rundfunk oder Fernsehen, sowie Kritiker »anspruchsvoller« Presseorgane als auch Schriftsteller und Publizisten, die sich zwischen den intellektuellen und wissenschaftlichen Autoritäten justierten – produziert werde. Aufgrund ihrer liminalen Position und ihrer »Distanz zum Zentrum der kulturellen Werte« führe das, was sie produzierten, »zu einer Vermischung von Gattungen, Stilen und Ebenen« (ebd., 510).20 Resultat dieser Vermischung sei, dass der ›Allodoxia-Effekt‹ noch stärker fixiere, dass »die legitime Kultur nicht für ihn [den Kleinbürger] geschaffen ist, wenn nicht sogar gegen ihn, und also auch nicht für ihn geschaffen ist, und daß sie aufhört zu sein, was sie ist, wenn er sie sich aneignet« (ebd., 513). Tatsächlich hat Bourdieu in einem Kolloquiumsvortrag versucht, den Begriff des Populären semantisch zu füllen (Bourdieu 20 Bourdieu nennt hier wiederum als Beispiel »›intellektuelle Zeitschriften‹ mit hoher Auflage, in denen Populärwissenschaftler, die gern Autorität spielen, neben Autoritäten veröffentlichen« (ebd., 511). POP, POPULÄR, POPULARISIERUNG 89 1993, 167). Allerdings bleiben seine semantischen Differenzierungen in negatives und positives Populäres, wie auch die Abgrenzungen zu Begriffen wie »volkstümlich«, »vulgär« oder auch »Populismus« dergestalt schwammig und unscharf, dass sie für unsere Zwecke als nicht hilfreich, wenn nicht sogar verwirrend erscheinen.21 Es ist besonders der Studie von Nina Tessa Zahner zu verdanken, die in ihrer Analyse des amerikanischen Kunstfeldes in den 1960er Jahren anhand der Entwicklung der PopArt zeigen konnte, wie das bourdieusche Modell durch weitere empirische Analysen sehr heterogener Gesellschaften kritisch hinterfragt und zugleich erweitert werden kann, um neue Anwendungsgebiete für eine produktive Kultursoziologie zu erschließen. Ihre Studie, die sich mit den Neuen Regeln der Kunst in der amerikanischen PopArt und dem »Business-Künstler« Andy Warhol beschäfigt, vereint damit nicht nur eine gesellschaftkritische Studie eines sich zum ersten Mal in der amerikanischen Geschichte herausbildenden intellektuellen Feldes, sondern auch eine Studie über die gesellschaftlichen Funktionsweisen der Kunst als Widerspiegelung dieser Prozesse. Dabei konnte sie aufzeigen, dass es sich in New York als zweites globales Kulturzentrum der Nachkriegszeit nach Paris um ein Kunstfeld handelt, dass nicht wie im Paris des 19. Jahrhunderts ein autonomes Feld der reinen Kunst etablierte, sondern ein »Subfeld der erweiterten Produktion«, das zugleich heteronom und autonom ist, es »ist durch eine Regelwerk charakterisiert, das vom Subfeld der reinen Produktion ebenso geprägt ist wie 21 Die Frage nach dem Status der Populärkultur als lebensstilbildende Kategorie des Habitus bleibt genauso unbeantwortet wie die Globalisierungsfrage, die Funktion des Neoliberalismus und die Rolle der Medien, die bei Bourdieu aufgrund der »nicht vollkommen wertfreien und mangelhaft recherchierten Kritik« schon fast triviale, wenn nicht sogar populistische Züge annimmt (Rehbein 2011, 306). Diese abwertende Haltung gegenüber einer kritischen Auseinandersetzung mit der globalisierten Medienöffentlichkeit ist vor allem mit Bourdieus eigenem Verständnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit verbunden, die er als »Realpolitik der Vernunft« bezeichnet hat. Rehbein charakterisiert diese als Einforderung einer autonomen Wissenschaft, die nur der Suche nach Wahrheit verpflichtet bleibt und die sich daher gegen eine Instrumentalisierung seitens der Wirtschaft und Politik abdichten müsse. Diese Schutzmaßnahme sei daher selbst schon eine politische Intervention. In Bezug auf die Präsentation von Wissenschaft in der Öffentlichkeit wies Bourdieu lediglich darauf hin, dass der Wissenschaftler dies immer selbst übernehmen müsse, da seine Forschungsergebnisse sonst von weiteren Akteuren (zum Beispiel im Journalismus) aus politischen oder wirtschaftlichen Interessen verfälscht werden könnten (ebd., 305f.). EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 90 vom Feld der Massenproduktion« und somit stelle es eine »Überschneidungszone« beider antagonistischer Felder dar (Zahner 2006, 241). Die Verschmelzung von Hoch- und Populärkultur konnte durch die neue junge Künstlergeneration, die Mitte der 1950er Jahre aufgrund der Bildungsexpansion und des Wirtschaftsbooms nun aus der aufstrebenden Mittelklasse kamen und den Folgen der Konsumgesellschaft nicht abgeneigt waren, konnte dadurch bewerkstelligt werden, dass sie jenes Kunstpublikum ansprachen, dem sie selbst entsprungen sind: »Sie erreichten dieses Mittelklasse-Publikum, indem sie eine Kunst schufen, deren Bildinhalte der Alltagskultur entliehen waren und so auch dem ästhetisch wenig gebildeten Betrachter auf den ersten Blick zugänglich waren« (ebd., 244).22 Andy Warhol widersetzte sich den Regeln der reinen Kunstproduktion, die immer noch auf Interessenlosigkeit der künstlerischen Produktion und der künstlerischen Individualität basierten, indem er das Atelier des Genies in die Fabrik des Business Artist übersetzte: »Mit dieser Namensgebung macht er deutlich, dass er sich als Teil eines kulturindustriellen Handlungsapparates sah, welcher Kunst in Anlehnung an die Methoden der Massenproduktion quasi seriell herstellte« (ebd., 246). Gleichzeitig drückte er seinen Gemälden mit dem Siebdruck eine individuelle Signatur auf, sodass jeder identische Druck durch die zufällige Siebtechnik eine auratische Einmaligkeit verliehen bekam: »Jedes Bild war Original und Kopie zugleich: Jedes Bild verfügt über die Aura und damit den ökonomischen Wert eines einzigartigen Kunstwerks, während es zugleich ein Objekt der Massenproduktion darstellte« (ebd., 247). So gelang es ihm auch, verschiedenen Zielgruppen internationale mit seinen Werken zu bedienen: Er passte seine Werke jedem Markt an (ebd., 248). Die damit einhergehende Diversifikation seiner Kunstwerke und die damit verbundene Akkumulation ökonomischen Kapitals erlaubte es ihm schließlich, experimentelle und innovative Malerei zu produzieren. Folglich enttarnte er damit die Regeln der reinen Kunst, nach denen der Künstler immer frei von den Publikumserwartungen arbeiten müsse, um seine künstlerische Autonomie zu wahren, als »Ideologie«, weil auch dies eben eine Erwartungshaltung sei, die die Kunstproduktion steuere (ebd., 249). An dieser Entwicklung des erweiterten Subfeldes sind homologe Felder der Ausstellungen in Galerien und Museen, die sich ver- ändernde Kunstkritik und der Sammlertypus beteiligt. Entscheidend ist die Synthese aus diesem konstruierten Subfeld, nämlich »dass es in der 22 Indem Andy Warhol beispielsweise durch Marketingsstrategien (den Kunstwerken einverleibte Markenartikel und Filmstars) einen Wiedererkennungswert seiner seriell-künstlerischen Produktion konstruierte, konnte er das auf den Kunstmarkt drängende Mittelschichtpublikum aufmerksam machen. Der Künstler inszenierte sich selbst als Stilikone, sodass seine prodzierten Artikel selbst für den Markennamen Warhol einstehen konnten und somit das Starpotential seines Würdenträgers erhöhten (ebd., 245). POP, POPULÄR, POPULARISIERUNG 91 Lage ist, legitime Kunst auf Basis eines Regelwerkes zu produzieren, das Kunst nicht als autonom denkt, sondern vielmehr eine Kombination der Logiken der zuvor antagonistischen Subfelder der reinen Produktion und der Massenproduktion darstellt« (ebd., 281). In Bezug auf die Pop Art bedeutet das schließlich: Der Pop Art gelang es aufzuzeigen, dass auch eine Kunst legitime gesellschaftliche Anerkennung erfahren kann, die den Überlegenheitsanspruch der Kunst im Sinne der Hochkultur gegenüber der Populärkultur aufgegeben hat und sich Techniken der zweiten zu Nutze macht, um gesellschaftlich erfolgreich zu sein. Damit wurde die Pop Art zur denkbar besten Werbung für Kunst. […] Indem es der Pop Art, deren Ziel eigentlich die Aufhebung der Trennung von Hochkultur und Populärkultur gewesen war, gelang, als Teil der Hochkultur Anerkennung zu erfahren, hinterfragte sie die etablierten Regeln des Kunstfeldes. (ebd., 282) Dies jedoch trifft zunächst nur für das Feld der künstlerischen Produktion zu. Dennoch ist ein analoges Modell für die Entwicklung des wissenschaftlichen Feldes möglich. Zunächst ist Zahners Studie deshalb so aufschlussreich, weil derjenige Akteur, über den hier noch zu sprechen sein wird – John Brockman – aus demselben intellektuellen Subfeld der erweiterten künstlerischen Produktion stammt. Er gehörte zu dem Akteur-Netzwerk von Warhols factory, war sein Freund und Verbündeter. Brockman agierte als beobachtender Akteur im Hintergrund des künstlerischen Feldes, machte sich die Regeln des Subfeldes der erweiterten Produktion zu eigen und wandte sie auf das akademische Feld der Naturwissenschaften an. Hierzu aktivierte er eine alte angloamerikanische Figur aus dem 19. Jahrhundert, die als quasi-intellektueller Ersatz für den gesellschaftlich engagierten Schriftsteller diente: den Literaturagenten, einem Produkt der sich herauskristallisierenden Massenkultur des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Als zentrale Instanz im Zentrum der medial vermarktbaren Wissensproduktion und neuem global vernetzten Wissensraum New York erschuf er mit dem Salon für die neuen nobelpreisverdächtigen Naturwissenschaftler einen neuen Ort der intellektuellen Elite. Gleichzeitig präsentierte er seine Rekruten auf der virtuellen Internetplattform edge . org, die sich als nicht-kommerzielle Wissensvermittlung dem Laienpublikum darbietet. Der ›anti-ökonomischen Ökonomie‹ folgend kaufte er die Verlagsrechte der University Press der Eliteuniversitäten auf, um die Diversifikationsdichte der Publikationsorte zu erhöhen und damit natürlich auch den Wettbewerb unter den Verlagshäusern zu erhöhen, der den Preis schließlich nach unten treibt, damit den freien Marktgesetzen folgend, jedes populärwissenschaftliche Buch seiner Science Celebrities unterschiedliche Zielgruppen im globalen Maßstab erreichen kann. So EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 92 wird aus der Pop Art eine Pop Science gemacht und aus dem businessartist der business-scientist. Die Populärkulturforschung beschäftigt sich schon seit längerem mit der begrifflichen Unschärfe des Phänomens Pop. Einer der ersten Theoretiker war der Kulturwissenschaftler John Fiske, der mit seinem Werk Understanding Popular Culture eine erste zusammenhängende Definition vorgelegt und popkultureller Phänomene essayistisch analysiert hat (Fiske 2005, 2ff.). Der subversive Einschlag der ›Popular Culture‹ wird hier besonders betont und zu einer gar anti-ideologischen und anti-hegemonialen Haltung seiner Konsumenten und Produzenten emporstilisiert. Der deutsche Populärkulturforschung Hans-Otto Hügel weist jedoch darauf hin, dass diese höchst spekulative Definition meist ohne historische Nachweisbarkeit bleibe, weil sie bloß auf einer dichotomischen Konstruktion des Begriffspaares ›people vs. power-bloc‹ gründe: »Populäre Kultur als Kultur der Leute, die im Gegensatz zur Dominanzkultur des Machtblocks steht, erfasst das Populäre als eine Kultur des sozialen Widerstands. […] Sie ließ sich mal strenger, mal weniger streng als ideologischer oder eher als subversiver Widerstand fassen, mehr als politisch gezielt oder mehr als individuell-spontaner und ungezielter Eigensinn interpretieren« (Hügel 2007, 83f.). Das Populäre sei gerade als ästhetische Kategorie selbst so differenziert, dass man es nicht mit einer subversiven Kampfmetaphorik gegen etablierte ästhetische Strukturen identifizieren könne. Bereits innerhalb dieser Kategorie fänden Vermischungsprozesse zwischen »Mainstream und Pop-Avantgarde« (ebd., 78) statt, die darüber hinaus mit einem »Funktionsverlust für alle Art von Kunst« einhergehen könnten. Fakt ist, das Kunst als rezeptionsspezifisches Regulativ auf der Milieuebene bestehen bleibe (ebd., 80). Hans-Otto Hügel plädiert daher stärker für eine allgemeine Hermeneutik des Populären, für ein »außer Kontrolle geratenes Lesen« nach dem Vorbild von Roland Barthes und Michail Bachtin. Es solle die affektiven Energien beim Lesen freisetzen und zwar »aus dem allgemein zur Verfügung stehenden kulturellen Kapitals« (ebd., 85), das die »ästhetisch vermittelte Erfahrung« akkumuliere (ebd., 87). Damit steht für Hügel zumindest fest, dass der prozessuale Begriff des Populären unmittelbar an den Begriff der Unterhaltung geknüpft sei (ebd., 109).23 Der Popkulturtheoretiker Thomas Hecken versucht die Vorformen der Populären Ästhetik ebenfalls im 19. Jahrhundert zu erfassen. Dazu 23 Zu einer gänzlichen anderen Definition aus Perspektive der Systemtheorie gelangt Urs Stäheli. Er spricht vom Populären als einer »Logik des Parasitären«, die sich als Beobachtungsinstanz höheren Grades in andere Funktionssysteme einniste, ihre Autopoiesis beobachte und verändere, indem sie sie spektakularisiere. Dies führe schließlich zu einer Vervielfältigung der parasitär POP, POPULÄR, POPULARISIERUNG 93 gehören vor allem in Anlehnung an Walter Benjamin und seine Baudelaire-Rezeption die Schockästhetiken, die schließlich in den Avantgarde- Bewegungen des 20. Jahrhunderts wie beispielsweise dem Futurismus mündeten. Hier zeige sich besonders die Hochwertung populärer Momente in Form des isolierten Reizes (Hecken 2009, 40). Tatsächlich jedoch sei der Begriff des Pop vor allem im Zusammenhang mit der Entwicklung der bereits erwähnten Pop Art als auch der populären Musik, wie dem Jazz in den USA enstanden. Hecken datiert die moderne Ausformung des Populären auf den Zeitraum zwischen 1955 und 1964 und unterscheidet sie insofern von den kollektiven Ausformungen der Volkskultur, als dass nun von Spezialisten für ein Publikum erdachte Kulturwaren industriell produziert und massenmedial verbreitet werden (ebd., 52). Der Begriff der Pop Art selbst gehe auf den amerikanischen Künstler Hamilton zurück, der ihn in Anlehnung an Begriffe wie ›pop music‹ und ›popsong‹ 1957 entwarf (ebd., 63). Doch bereits Anfang der 1930er Jahre tauchte der Begriff pop als Kürzel für popular auf, nicht selten auch für lautmalerische Werbeslogans. Die zahlreichen Konnotationen, die in der Begriffsverwendung »popularity« mitschwingen, ließen jedoch keinen Zweifel daran, dass der Grundton seiner semantischen Tiefe immer auch auf eine »anti-intellektuelle Bewegung« hindeutete (ebd., 67). Das akademische Interesse an diesem Phänomen nahm jedoch stetig zu, sodass sich mit der Genese des Populären als eigenständiger ästhetischer Kategorie auch ein erfahrerenes Publikum herausbildete, das in der Lage war die Heterogenität des Phänomens differenzierter wahrzunehmen (ebd., 68). Und diese akademisierte Form der Popkultur fand nicht zuletzt ihren häretischsten Ausdruck in postmodernen Parolen, wie derjenigen von Gilles Deleuze und Félix Guattari, dass Rhizomatik »Pop- Analyse« sei. Daher spricht Hecken von einer »Post-Popmoderne«, die als »Pop- Subversion« rezipiert werde, deren Gründungsvater der Literaturwissenschaftler Leslie Fiedler mit seinem epochenmachenden Aufsatz »Close the Border, Cross the Gap«, der im amerikanischen Playboy-Magazin veröffentlicht wurde, war. Pop im akademischen Feld wäre damit inflationierten Systeme, die sich in eine Pluralität von Subsystemen aufspalteten. Stäheli plädiert daher für eine »Komparatistik des Populären«, die vergleichend die Unterschiedlichkeiten dieser Subsysteme erforscht (Stäheli 2005, 164). Das Populäre sei immer an »systemspezifischen Inklusionsprozessen« beteiligt, die mit Hilfe der »Hyper-Konnektivität« (Allgemeinverständlichkeit) und »Affektivität« (Lösung semantischer Grenzkonflikte) bewirkt werden würden (ebd., 160ff.). Das Zusammenspiel von ›Hyper-Konnektivität‹ und ›Affektivität‹ stelle einen Bezug zu einem kommunikativen Außen her, das schließlich publikationsunterscheidend sei. Das Populäre sei so ständig an einem »unabschließbaren Universalisierungsprozess beteiligt«, der ein Publikum von einem Nicht-Publikum trenne. EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 94 gleichbedeutend mit Häresie. Jacques Derridas und Gilles Deleuze literarisch-ästhetischer Stil, wäre damit selbst ein Stück Popkulturgeschichte, Formen von »subversiv wirksamen Subkulturen abseits des hegemonial durchdrungenen Mainstreams« (ebd., 429). Hecken möchte den Pop- Begriff jedoch nicht begriffsgeschichtlich festschreiben, »sondern in wissenschaftlichem Zusammenhang vorgetragene unhistorische Festlegung des Pop-Begriffs zumindest in den Wissenschaften selber für den Beginn einer neuen Geschichte […] sorgen« (ebd., 463). Dazu sei es jedoch zunächst einmal notwendig, die Begriffe der popular culture und des pop nicht in eins fallen zu lassen. Der Kulturwissenschaftler müsse sich dessen bewusst sein, dass das Konzept des Pop nicht einfach unter den großen »respektableren Klang der beiden Worte« popular culture subsumierbar sei, eine Tendenz, die im besonders von »vielen Cultural-Studies-Verfechtern hergestellten Bezug der popular culture zu widerständigen Subkulturen, kleinen alltäglichen Verweigerungen und zu einer möglichen antihegemonialen Koalition der Subalternen« verteidigt werde (ebd., 461). Eine solche akademische Haltung resultiere aus dem vulgär-ästhetischen Nachgeschmack, den der Gaumen hinterlasse, wenn er sich des Wortes pop bediene: ›Pop‹ hört sich hingegen viel weniger bedeutend an, sowohl in akademischer als auch in konservativer wie sozialistischer Hinsicht; ›Pop‹ klingt belangloser, unverantwortlicher, amüsanter, oberflächlicher, aufdringlicher, bedingungsloser, flüchtiger, kommerzieller. Dies führt dazu, dass ›Pop‹ als Begriff selbst in akademischen Schriften, die zum Zwecke der ästhetischen und politischen Legitimation alltäglicher Vergnügungen und angenehmer Unterhaltung verfasst werden, nicht im Vordergrund steht. Die Grenze wirkt sich auch insofern stark aus, als Einsichten und Behauptungen, die im Pop-Zusammenhang der Illustrierten und Lifestylemagazine entstanden sind, in entsprechenden wissenschaftlichen Abhandlungen selten als Beleg oder historisch bedeutsame These herangezogen werden. (ebd., 461) Das erklärt vielleicht, warum generell vom Zusammenhang zwischen Wissenschaft und dem Populären oder der Popularisierung gesprochen wird, aber nicht vom Pop. In Bezug auf Wissenschaft wird stattdessen häufiger von ›Popularisierung‹ gesprochen, wenn es sich um sprachliche Transferprozesse zwischen Diskursen handelt, die eine starke, hierarchische Stratifikation der Idiolekte aufweisen. Diese Überlegung gehen auf Jürgen Links Diskursmodell zurück, das er in Anlehnung an Michel Foucault und in Abgrenzung zu Jürgen Habermas weiterentwickelt hat. Link selbst beschreibt sein Modell als »symbolisch-metaphorisches Raumschema«, das als »heuristische Orientierungshilfe« Ordnung in das diskursive Gewimmel bringen soll. Sein topologisches Modell wird durch ein Zwei-Achsen-Schema gegliedert: die horizontale Achse der POP, POPULÄR, POPULARISIERUNG 95 Spezialisierung (akademisch-wissenschaftliche Spezialdiskurse) und der vertikalen Achse der gesellschaftlichen Stratifikation. In der einen Lesart sickert das Wissen der Spezialdiskurse durch die ›reintegrative, selektivexemplarische Interpraxis‹ in den sog. »Elementardiskurs«, den Bereich des Alltagswissens, in dem die »Kollektivsymbolik« produziert wird. Die Prozesse der Interpraxis sind innerhalb des Elementardiskurses noch einmal in verschiedene Gruppierungen aufgefächert, die von »elaborierten, hegemonialen Interdiskursen« zu »nicht-hegemonialen Elementardiskursen«, sog. »Subkulturen«, reichen. Innerhalb des großen Kreativzyklus zwischen elaborierter Kultur der Spezialdiskurse und der elementaren Alltagskultur der Interdiskurse befindet sich demnach noch ein weiterer Zyklus zwischen Elementar- und Interdiskursen, die sich ebenfalls gegenseitig beeinflussen (Link 2007, 231). Link beschreibt diesen eingebettet Zyklus wie folgt: »Diese Interdiskurse gliedern sich ›abwärts vertikal‹ in hierarchische Stufen (mit Anschluss an die ›vertikale‹, stratifikatorische Achse). Oben befindet sich in dieser ›vertikalen‹ Dimension eine mehr »elaborierte« (»informierte«, »gebildete«, »intellektuelle«) Stufe und darunter eine mehr »elementare« (»alltäglich«, »populäre« usw.). Diese beiden hierarchischen kulturellen Stufen sind nicht einfach abbildbar auf die soziale Achse der Stratifikation: Vielmehr sind beide Stufen gleichermaßen funktional notwendig, weil die Elementarkultur nicht in erster Linie als Kultur sozialen Defizits, sondern vor allem als Kultur intensivster Subjektivierung des Wissens fungiert« (ebd., 232). Gemeint ist damit, die Verschränkung von »stark komplexitätsreduzierten historisch-spezifischem Wissen« und »anthropologischem Alltagswissen«, das eben subjektgebunden ist. Neues Wissens fließt somit einerseits abwärts in die Elementarkultur, wo es schließlich intersubjektiv kommuniziert und akzentuiert wird, sodass es schließlich auf umgekehrtem Wege wieder aufwärts in die elaborierten Interdiskurse projiziert wird und zugleich weitere Wissensproduktion angeregt werden kann. Der ›Kreativzyklus‹ schließt sich. Im Sinne Jürgen Links wird daher der Prozess der Popularisierung nicht als populärer Interdiskurs, sondern als popularisierender verstanden, der in der Elementarkultur zur Kompensation und Reintegration der Wissensbereiche dient. Popularisierung vermittelt zwischen den Spezialdiskursen, indem es semantische Wort-Brücken zwischen ihnen schlägt – und das über die bourdieuschen Feldgrenzen hinweg. Link sieht im ›Interdiskurs‹ die gesellschaftliche Integrationskraft gegeben, die durch ›selektiv-symbolische‹ und ›exemplarisch-symbolische‹ fragmentarische und imaginäre Brückenschläge über Spezialgranzen hinweg leisten kann. Dennoch stellt die vertikale Stratifikation der Inter- und Spezialdiskurse ein erhebliches Problem für die linguistische Fachsprachen- und Verständlichkeitsforschung dar. Popularisierung als Wissenschaftsvermittlung und EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 96 im engeren Sinne die Vermittlung über den Wissenschaftsjournalismus wird vor allem von den Medien-, Kommunikations- und den Sprachwissenschaften untersucht, die sich selbst als »Verständlichkeitsforschung« bezeichnen, das heißt, man untersucht hauptsächlich die Auswirkungen von Fachsprachen auf die Gemeinsprache (Niederhauser 1999, 60). Die Vertikalität der Laien- und Expertenwortschätze steht hierbei im Vordergrund. Obwohl aus linguistischer Sicht die Fachsprachenforschung weiter fortgeschritten ist, sei bei der Untersuchung von Laienwortschätzen noch sehr viel mehr Forschung notwendig, um die Vertikalität ihrer Semantiken besser strukturieren zu können. In der Fachsprachenforschung geht man von einem Schichtenmodell gradueller Abstufungen aus, die unterschiedliche Grade von Fachlichkeit ausdrücken soll je nach Adressatenbezug, kommunikativer Funktion und ihrer Reichweite (ebd., 64). Innerhalb des Schichtenmodells, dass sowohl die fachinterne als auch fachexterne Kommunikation erfasst, stellt die Populärwissenschaft kein ausgegrenztes sprachliches Medium dar, sondern ist innerhalb des Modells auf der Schicht der »Sprache der materiellen Produktion« zu verorten, die eine niedrigere Abstraktionsstufe besitzt und damit generell einer natürlichen Sprache näher sei, die dennoch Fachterminologien enthalte und eine relativ ungebundene Syntax aufweise (ebd., 66). Dennoch ließen sich bereits innerhalb der populärwissenschaftlichen Texte der unterschiedlichen Wissensmagazine grundlegende Unterschiede feststellen. Ein hohes populärwissenschaftliches Niveau weise zum Beispiel Spektrum der Wissenschaft auf (Scientific American), da die Artikel meistens selbst von Wissenschaftlern verfasst werden würden und daher eine bestimmtes Fachwissen voraussetzen. Niederhauser weist jedoch auch darauf hin, dass es sich bei der deutschen Zeitschrift um einen Ableger des amerikanischen Magazins Scientific American handelt, das bereits ein großes intellektuelles Prestige aufweise, das die Wissenschaftler des akademischen Feldes akkumulieren können, indem sie dort veröffentlichen (ebd., 67). Innerhalb der populärwissenschaftlichen Textsorten ließen sich mehrere unterschiedliche Genres der Wissensvermittlung kennzeichnen: Innerhalb der Fachtexttypen orientiere man sich an der obersten Hierarchiestufe, der juristisch-normativen, fortschrittsorientiert-aktualisierenden, der didaktisch-instruierenden und der wissenszusammenstellenden. Populärwissenschaftliche Texte (Sachbuch, Lexikonartikel, Zeitungsartikel) werden als Ableitung der didaktisch-instruierenden Texte erfasst, die darauf abzielen, theoretisches Wissen zu vermitteln (ebd., 68f.). Fachinterne Artikel weisen hingegen eine hochstandardisierte Sprache und argumentative Form auf (ebd., 104f.). Niederhauser verweist hier nochmals auf Harald Weinrichs Fachspracheregelung der unterschiedlichen sprachlichen Tabuisierungen hin (Metaphern-Tabu, Ich-Tabu, POP, POPULÄR, POPULARISIERUNG 97 Erzähler-Tabu), die immer noch Gültigkeit beanspruchen, denn Marker der Subjektivität und sprachlichen Kreativität verraten eine ästhetischsprachliche Eigendynamik, die dem Scientific Paper aufgrund seiner Faktentreue, Objektivität, Reproduzierbarkeit und intersubjektiven Validität nicht eigen sein dürfe, zumindest nicht zum Gegenstand eines naturwissenschaftlichen Textes werden dürfe. Das es bereits eine Zeitschrift für die Parodie des naturwissenschaftlichen Schreibstils gibt, bezeuge umso mehr, wie hochstandardisiert die Wissenschaftssprache sei (ebd., 106f.). Da mag es nicht verwundern, wenn die Popularisierung des Wissens gerade mit einer Personalisierung des Diskurses einsetze (ebd., 110). Populärwissenschaftliches Sprechen sei Übersetzung, Transfer, Transformation, Umsetzung wissenschaftlicher Inhalte in fachexterne Darstellungen (ebd., 117). Aus der Sicht des Wissenschaftslinguisten Heinz L. Kretzenbacher dürfe man jedoch nicht vergessen, dass selbst die abstrakteste Fachsprache der Naturwissenschaften , die »künstliche Formelsprache«, auf der natürlichen Sprache aufbaue (Kretzenbacher 1995, 17). Obwohl das Populäre nach dem hier skizzierten Theoriemodell anscheinend feldübergreifend agiert, in dem es Wissenselemente aus unterschiedlichen Spezialdiskursen der zirkulären Baumdialoge der gehobenen Bildungskultur selektiert, neu kombiniert und in die Elementarkultur integriert, bleibt die Frage offen, ob diese interdiskursiven Maßnahmen der Popularisierung die Feldgrenzen auch außer Kraft setzen können. Eingeschränkt auf das hier fokussierte Untersuchungsobjekt, die Popularisierung naturwissenschaftlichen Wissens, das heißt also die Übersetzung fachsprachlich codierten Expertenwissens in alltagssprachliche Handlungsmuster von Akteuren der Elementarkultur, muss diese Frage verneint werden. Aus systemtheoretischer Perspektive ließe sich sicherlich festhalten, dass es zu einer Multiplikation von Subsystemen kommt. Aus feldtheoretischer Perspektive gibt es jedoch Akteure, die die Grenzen immer wieder neu definieren. Links Rückwirkung des elaborierten Elementardiskurses auf die Spezialdiskurse würde Bourdieu sicherlich nicht zustimmen. Eine derartige semantisch-diskursive Übertretung der Feldgrenzen setze ihre sozialdifferenzierende Wirksamkeit nicht außer Kraft, sondern würde um so stärker signalisieren, dass die legitime Sprechweise der Spezialdiskurse nicht für Akteure der Elementarkultur gemacht sind, und daher als unereichbarer Kanon einer Wissenselite nur ihr vorbehalten bleibt. Das bedeutet also, wenn das journalistische Feld als Subfeld der kulturellen Massenproduktion und ihre sozialen Akteure, die Wissenschaftsjournalisten, als kritische Beobachter die akademische Wissensproduktion auf ein breiteres Lesepublikum hin öffnen wollen, bringen sie sich als Akteure der Popularisierung selbst ins Spiel. Zwischen dem Feld kultureller Massenproduktion und dem akademischen Feld entsteht so über die Vermittlung des journalistischen Subfeldes, das gleichsam als mediale EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 98 Schleuse dient, ein Subfeld der erweiterten Produktion des akademischwissenschaftlichen Feldes. Dies verkompliziert natürlich die Setzung der Feldgrenzen, denn es bleibt nach wie vor unklar, welchem übergordneten Feld dieses neu enstandene Subfeld angehört. Das Verhältnis dieser drei sozialen Felder innerhalb des Feldes der Macht kann hier nur adäquat verstanden werden, wenn es in einem weiteren Schritt historisch-komparatistisch betrachtet wird. Bevor dies jedoch geleistet werden kann, müssen die unterschiedlichen Gattungen und Genres der Populärwissenschaft klassifiziert werden, die als unterschiedliche Vektoren des naturwissenschaftlichen Wissens fungieren und in den drei unterschiedlichen Feldern zirkulieren. Anschließend soll auf die psychosoziale Konstruktion wissenschaftlicher Autorschaft eingegangen werden, um die autoritative Stimmenvielfalt in den populärwissenschaftlichen Texten in die literaturwissenschaftliche Untersuchung miteinfließen zu lassen. 3.1 Die Rhetorik des falschen Schnitts Popularisierung erfüllt also – ungeachtet der vielen unterschiedlichen Konnotationsspielräume, die von anderen Theoretikern mal mehr mal weniger in Anspruch genommen werden – eine sprachliche Übersetzungsfunktion und ihr sprachlich formulierter Argumentationsverlauf folgt rhetorischen Regeln. Sprache ist in diesem Sinne Rhetorik. Rhetorik wiederum ist und bleibt jedoch ein Instrument der Macht. Wissen in seiner versprachlichten und damit kommunizierbaren Form kann daher rhetorisch so instrumentalisiert werden, dass Wissen zu Macht wird. Aristoteles erhob die Rhetorik zur Wissenschaft der Analyse der Überzeugungskraft und des Charakters des Redners. Er ordnet sie zwischen Ethik und Dialektik ein und gibt zu bedenken, dass sie vor allem ein Mittel sei, um sich in der Kunst der Staatslenkung zu üben: »Daher schlüpfen die Rhetorik und die, die teils aus Ungebildetheit, teils aus Großtuerei und anderen menschlichen Schwächen einen Anspruch auf sie erheben, in den Mantel der Politik« (Aristoteles 1999, 13). Aristoteles fungiert dabei natürlich auch selbst immer als philosophischer Gesetzgeber rhetorischer Macht. So behauptet er: »Die Rhetorik ist nützlich, weil Wahrheit und Gerechtigkeit von Natur aus stärker sind als deren Gegenteile, so daß, wenn Entscheidungen ungebührlich ausfallen, diese unterliegen müssen« (ebd., 10). Die Aufgabe der Rhetorik bestehe also darin, Überzeugendes und scheinbar Überzeugendes voneinander unterscheiden zu können: »Die Rhetorik sei also als Fähigkeit definiert, das Überzeugende, das jeder Sprache innewohnt, zu erkennen« (ebd., 11). Hierdurch jedoch bleibt die Rhetorik immer auch auf sich selbst als letzte Instanz der Erkenntnis angewiesen, denn wenn ihr POP, POPULÄR, POPULARISIERUNG 99 eigentliches wissenschaftliches Betätigungsfeld die Sprache ist bzw. der richtige Gebrauch der Sprache, dann hat sie sich selbst zum Gegenstand. Ferner unterscheidet Aristoteles zwischen dem Charakter des Redners, der Absicht, den Zuhörer in eine bestimme Gefühlslage zu versetzen und schließlich der Rede selbst, in der man etwas nachweist (ebd., 12). Doch besitze dabei nur der Charakter des Redners die größte Überzeugungskraft. Seine Zuhörer überzeuge man dann am stärksten, wenn man in ihnen Emotionen wecke (Lehre der Affekte), während auf der Ebene der reinen Rede nur glaubwürdige Argumente zwischen Wahrem und Wahrscheinlichem zum Einsatz kommen dürften. Dieses Gleichgewicht zwischen der Auslösung von Affekten im Zuhörer und der Glaubwürdigkeit der Argumente zu wahren, sei Aufgabe des Charakters des Redners. Der Charaktertypus des Mächtigen wird hier besonders hervorgehoben, »weil sie [die Mächtigen] nach Taten streben, die sie kraft ihrer Macht auch ausführen können« (ebd., 116). Er stehe im kompletten Gegensatz zu dem Typus des Armen, Glück- und Machtlosen. Nur sie scheinen hier jenes Bild des Redners zu repräsentieren, der gleichzeitig auch Richter sein kann, »denn die Einzelperson ist nichts weniger als ein Richter, denn wen es zu überzeugen gilt, der ist, einfach gesagt, der Richter« (ebd., 117). Besonders in der Rede zum Volk würden sich gerade die Gebildeten von den Ungebildeten unterscheiden: In der Rhetorik braucht man ja weder weit ausholen noch alles aufgreifen und miteinander in Verbindung bringen, das eine nämlich führt infolge der Weitschweifigkeit zu Unklarheiten, das andere ist Geschwätzigkeit, weil man Dinge sagt, die einleuchtend sind. Das ist auch der Grund dafür, daß Ungebildete vor der Volksmenge überzeugender sind als Gebildete, wie denn auch die Dichter sagen, daß ›die Ungebildeten vor dem Volk die Musenkunst der Beredsamkeit eher beherrschen‹, denn die Ungebildeten treffen allgemeine Aussagen und generalisieren, die Gebildeten aber sprechen aus ihrem Wissensschatz und über Dinge, denen sie nahestehen. Daher soll man in seinen Reden nicht von den Meinungen aller ausgehen, sondern von den Ansichten einer bestimmten Gruppe wie der der Richter oder der Leute, die diese respektieren, und man muß diese (Ansichten einer bestimmten Gruppe) dann klar als die Ansicht aller oder der Mehrheit darstellen, und man darf keineswegs nur aus zwingend Gültigem Schlüsse ziehen, sondern auch aus dem, was zu einem Großteil gültig ist. (ebd., 129) Diese sozialdifferenzierende Klassenunterscheidung zwischen den gebildeten und ungebildeten Rednerfürsten vor dem Volk, die Aristoteles hier anführt, bringt zwei wesentliche Stilelemente zur Geltung. Das eine Stilelement betrifft die Informationsfülle und die Wissenselemente, die miteinander kombiniert werden, um sie in ein kohärentes System von Aussagen umzubilden. Dies führe oft zur »Weitschweifigkeit« und hätte eine »Geschwätzigkeit« zur Folge, die in Unklarheiten münde. Nur EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 100 die ungebildeten Redner seien diejenigen, die dadurch oft zu Generalisierungen tendieren würden, die jenseits von Wahrem und Wahrscheinlichem liegen. Die Gebildeten hingegen wählen ihre Argumente sorgsam aus und behaupten nichts, was nicht durch eine Gruppe von Eingeweihten validiert worden ist. Aristoteles nennt hier den »Respekt« zwischen den Mitgliedern einer bestimmten Gruppe als wesentliches Einstellungsmerkmal, das der Rede eine Überzeugungskraft innerhalb des Gültigen und Wahren verleihe. Diese interessante sozial-hierarchische Feststellung ist für die hier vorliegenden Analysezwecke von Bedeutung, weil der soziale Schnitt der Rhetorik zwischen gebildet / ungebildet umgedreht wird, indem die Sprache der Ungebildeten nachgeahmt wird, um sie besser überzeugen zu können. Wenn also die Rhetorik eine Wissenschaft der Scheinhaftigkeit ist, dann muss ihr Kampf eben darin liegen, nur mit Fakten zu argumentieren, und das, was über Beweise hinausgeht, als überflüssig zu erkennen. Wiederholt merkt Aristoteles an, dass aufgrund der »Schlechtigkeit der Zuhörer« eine Theorie der Rhetorik vonnöten sei (ebd., 153). Er selbst präferiere den Stil der Klarheit in der Prosarede zwischen niedrig und würdevoll, im Sinne des Angemessenen. Dennoch sei es gerade wegen der Angemessenheit des Sprachstils notwendig, den Wortschatz aus der Umgangssprache zu verwenden: »Die Menschen erleben ja hinsichtlich des sprachlichen Ausdrucks dasselbe wie im Umgang mit Freunden und Mitbürgern. Daher ist es nötig, der Sprache einen fremden Ton zu geben, denn man bewundert das, was entfernt ist, und was Bewunderung hervorruft ist angenehm« (ebd., 155). Die Simulation einer natürlichen Rede sei hier sehr entscheidend, wenn man sein Publikum überzeugen wolle. Aristoteles geht von unterschiedlichen Soziolekten der griechischen Gesellschaft aus, der Sprache des Sklaven, der Sprache des jungen Burschen etc.: »Daher muß der Redner unauffällig ans Werk gehen und keinen gekünstelten, sondern einen natürlichen Eindruck erwecken (dies nämlich überzeugt, jenes bewirkt das Gegenteil, denn die Leute fühlen sich betrogen, wenn man heimlich etwas gegen sie im Schilde führt, ähnlich wie wenn Wein gepanscht wird)« (ebd.). Die Stimme des Redners zum Volk dürfe eben keine gekünstelte Stimme des Schauspielers sein, keine Maske tragen und keinen Mimen spielen. Von Neologismen wird hingegen abgeraten, denn das vertraute Wort habe Vorzug vor dem fremden: Nur das Wort in seiner vorherrschenden und eigentümlichen Bedeutung aber und nur die Metapher sind für den sprachlichen Ausdruck von Prosareden anwendbar. Ein Hinweis darauf ist die Tatsache, daß nur diese alle Menschen gebrauchen. Alle unterhalten sich ja in Metaphern und mittels Ausdrücken mit eigentümlicher und vorherrschender Bedeutung. Es ist daher klar, daß sich unbemerkt ein fremdartiger Ton POP, POPULÄR, POPULARISIERUNG 101 einstellen wird, wenn jemand sich gut darauf versteht, und der Ausdruck an Klarheit gewinnen wird. Das wäre also der Vorzug der rhetorischen Rede. (ebd., 156) Die Anwendung rhetorischer Regeln bemisst sich demnach nach dem Spektrum des Möglichen zwischen Angemessenheit und Unangemessenheit, die sich nach dem jeweiligen Publikum richtet. Die Repräsentation der Macht mittels Rhetorik liegt jedoch in seinem sprachlichen Kapital, seinem Grad an Bildung: »Das erste Prinzip des Stils ist gutes Griechisch. Dies erreicht man durch die Beachtung von fünf Dingen: 1.) richtiger Gebrauch der Konjunktionen (der Erinnerungsfähigkeit gemäß), 2.) richtiger Gebrauch der Bindewörter, 3.) wenige Umschreibungen und Verzicht auf unklare Ausdrücke. Das machen Leute, wenn sie nichts zu sagen haben, aber vorgeben, etwas von Bedeutung zu sagen« (ebd., 163). Umschreibungen führten hingegen zu einem erhabenen Stil, man müsse sich jedoch davor hüten, ins Poetische zu verfallen (ebd., 164). Die Angemessenheit werde der Stil erst dann erreichen, »wenn er Pathos und Ethos vermitteln kann, und das analog dem zugrundeliegenden Sachverhalt« (ebd., 163). Das Problem liege nämlich in der Stimme des Redners, die zu viel Pathos vermitteln könnte und dadurch die Affekte beim Zuhörenden errege (ebd., 166). Beide Faktoren müssten daher ständig im Gleichgewicht bleiben. Entscheidend ist demnach auch die »lexis« des Redners, in dem sich der soziale Grad der Bildung niederschlage: Diese von äußeren Anzeichen bestimmte Beweisführung bringt auch den Charakter zum Ausdruck, weil jeder Mensch und jeder Haltung eine entsprechenende Ausdruckweise folgt. Unter Art Mensch verstehe ich die Unterscheidung nach dem Alter wie Kind, Mann oder Greis, Unterscheidungen wie Frau und Mann und Spartaner oder Thessalier, unter Haltung aber das, wodurch der Mensch im Leben dazu wird, was er ist: Nicht jede Haltung gibt ja dem Leben eine besondere Ausprägung . Wenn man also die zur Haltung passenden Wörter gebraucht, wird man eine individuelle Eigenart entwickeln, denn es sprechen der Bauer und der Gebildete wohl weder über dasselbe noch in derselben Weise . Einen gewissen Eindruck auf die Zuhörer machen auch Wendungen, die die Redenschreiber bis zum Überdruß gebrauchen, wie: Wer weiß denn nicht und: Und alle wissen. Der Zuhörer stimmt aus Scham zu, um auch daran teilzuhaben, was alle anderen wissen . Daß man etwas zu passender wie zu unpassender Gelegenheit vorbringen kann, gilt für alle Arten der Rede. Es gibt kein Heilmittel gegen jede Übertreibung, das allbekannt ist: Der Redner soll nun sich selbst deswegen zurechtweisen! Das erweckt dann den Eindruck der Wahrheit, da dem Redner ja nicht entgeht, was er tut . (ebd., 166) [hervorgehoben von P. G.] Aristoteles war sich also des Zusammenhangs zwischen Rhetorik und kulturellem Bildungskapital ganz klar bewusst. Sprachlich-symbolisches EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 102 Kapital ist sozial kodiert . Der Redner jedoch macht sich gerade dieses Wissen zu Nutze für die angemessene Gestaltung seiner Rede. Sein Bildungskapital gibt ihm die Möglichkeit über die Angemessenheit seiner Rede entscheiden zu können. Seine Rede ist daher genau dann als wahre Rede legitimiert, wenn er sich der Überzeugungsmittel in angemessener Weise bedient und nach dem sprachlich-symbolischen Kapital seiner Zuhörer hierarchisiert. Jedes rhetorische Schauspiel ist ein Vorführen der sozialen Distinktion seiner Sprecher und Zuhörer. Es ist ein verzerrtes Spiegelbild unterschiedlicher, ungleich verteilter gesellschaftlicher, sozialer Kräfteverhältnisse. Wer entscheidet über Angemessenheit und Unangemessenheit der Rede: Nur der Wortführer, und er allein als Einzelperson, und eben deshalb als alleiniger Richter über das Wort. In der Rede reproduziert sich nichts anderes als die Eigenlogik sozialer Distinktion im Feld der Macht und ihren jeweiligen Subfeldern. Bereits in der aristotelischen Schule der Rhetorik, also der Wissenschaft von der Scheinhaftigkeit der Rede, die wiederum nur im Charakter des Redners selbst zu finden sei, werden jene philosophischen Voraussetzungen geschaffen, die zur Entstehung sprachlicher Herrschaftsverhältnisse führen, die Pierre Bourdieu in seinen soziologischen Aufsätzen zur Ökonomie des sprachlichen Tausches wie folgt beschrieben hat: Soll sich eine von mehreren Sprachpraxen (eine Sprache im Falle von Bilingualismus, ein Sprachgebrauch im Falle einer Klassengesellschaft) als die einzige legitime durchsetzen, müssen der sprachliche Markt vereinheitlicht und die verschiedenen Dialekte (von Klassen, Regionen oder ethnischen Gruppen) praktisch an der legitimen Sprache oder am legitimen Sprachgebrauch gemessen werden. Die Integration in ein- und derselben »Sprachgemeinschaft«, die ein Produkt politischer Herrschaft ist, ständig reproduziert von Institutionen, die imstande sind, die allgemeine Anerkennung der herrschenden Sprache durchzusetzen, ist die Voraussetzung für die Entstehung sprachlicher Herrschaftsverhältnisse. (Bourdieu 1990, 21) Bourdieu liest Saussure als Gesellschaftstheoretiker und untersucht die Sprachnorm – in Bourdieus Fall diejenige der französischen Sprachgemeinschaft – vor einem bildungspolitischen Hintergrund: Sie bleibt das Produkt einer sprachlichen Gesetzeskraft qua Bildungssystem (ebd., 25). Die strukturelle Sprachsoziologie ist dabei wie folgt aufgebaut: Sprechen heißt, sich einen der Sprachstile anzueignen, die es bereits im Gebrauch und durch den Gebrauch gibt und die objektiv von ihrer Position von der Hierarchie der Sprachstile geprägt sind, deren Ordnung ein Abbild der Hierarchie der entsprechenden sozialen Gruppen ist. Diese Sprachstile, Systeme klassifizierter und klassifizierender, hierarchisch geordneter und hierarchisch ordnender Unterschiede, prägen diejenigen, POP, POPULÄR, POPULARISIERUNG 103 die sie sich aneignen, und das spontane Stilverständnis mit seinem praktischen Sinn für die Äquivalenzen zwischen zwei Kategorien von Unterschieden erfaßt durch die Klassen der Stilmerkmale hindurch die sozialen Klassen. (ebd., 31f.) Sprachstile können damit selbst zu einem Instrument der Macht werden und als Kampfeinsatz um symbolische Wirksamkeit gebraucht werden. Sie sind im sozialen Wertkontext der Sprachkompetenz ein Ausdrucksmittel des Reichtums und der Autorität (ebd., 45). Entscheidend ist jedoch bei Bourdieu, dass es unterschiedliche Strategien gibt, um diese sozialen Verhältnisse umzukehren. Eine besondere Strategie, die »Strategie der Herabsetzung«24, ist hier von besonderem Interesse, da sie ge- 24 Bourdieu analysiert diese rhetorische Kunst am philosophischen Diskurs Heideggers, die er dort als »Rhetorik des falschen Schnitts« bezeichnet, indem er mittels der Sakralisierung der Umgangssprache innerhalb der Wissenschaftssprache eine eigene Sondersprache als philosophischen Idiolekt einführt. Seine Strategie bestehe darin, umgangssprachliche Wörter aus derselben Wortfamilie zur Herstellung eines semantischen Geflechts von Beziehungen zu verwenden, die das Gefühl eines stringenten Zusammenhangs evoziert bei gleichzeitiger Entsoziologisierung und Entanthropologisierung der verwendeten umgangssprachlichen Begriffe. Das Geflecht morphologischer Anspielungen und etymologischer Verweise erzeugt damit die Illusion der Stringenz eines ganzen philosophischen Diskurses (ebd., 122): »Über diese Einbindung in das philosophische Sprachsystem erfolgt die Verneinung der ursprünglichen Bedeutung, jener also, die das tabuisierte Wort im System der Umgangssprache hat und die zwar offiziell aus dem manifesten System verbannt ist, aber unterschwellig doch weiterexistiert. Die Verneinung ist der Ursprung des doppelten Spiels, das nun erlaubt ist, weil jedes Element des Diskurses einen doppelten Sinn hat: Es definiert sich immer zugleich über seine Zugehörigkeit zu zwei Systemen, zum manifesten System des philosophischen Idiolekts und zum latenten System der Umgangssprache« (ebd., 123). Der wesentliche Unterschied zu dem hier untersuchten an der Umgangssprache orientierten Diskurs besteht darin, dass im populär-vulgären Idiolekt keine ›Verneinung der ursprünglichen Bedeutung‹ stattfindet, vielmehr enthüllt dieser die transzendentalen Bedingungen jener Verneinungsstrategien, die das fachwissenschaftliche Sprechen in Kraft setzt, um das Spiel der Distinktion und das Neutralisierungsdiktum der Wissenschaftssprache bis zur größtmöglichen Kommunizierbarkeit der Forschungsergebnisse aufrechtzuhalten. Daher ist der populärwissenschaftliche Idiolekt weniger als eine ›Rhetorik des falschen Schnitts‹ zu beschreiben, als eine ›Strategie der Herabsetzung‹: Der populärvulgäre Idiolekt der Popularisatoren ist eine ›symbolische Grenzüberschreitung, die es erlaubt, sowohl die Profite aus der Übereinstimmung mit der Definition des fachsprachlichen Diskurses, als auch die aus seiner Überschreitung einzustreichen‹. Dies ist kein feststehendes Axiom, aus dem sich alle weiteren Reglementierungen des populärwissenschaftlichen Diskurses ableiten ließen, vielmehr soll es uns als heuristische Orientierungshilfe zur sprachlichen und EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 104 nau das beschreibt, was die Popularisierung in besonderem Maße betrifft und was Aristoteles als natürlichen Eindruck der Rede klassifiziert hat: Die Strategie der Herablassung besteht darin, Profit aus dem objektiven Machtverhältnis zwischen Sprachen zu schlagen, die noch im Akt der symbolischen Negation dieses Verhältnisses, also der Hierarchie zwischen diesen Sprachen und zwischen denen, die sie sprechen […], praktisch miteinander verglichen werden. Möglich ist dergleichen immer dann, wenn die objektive Distanz zwischen den beteiligten Personen (das heißt zwischen ihren sozialen Merkmalen) hinreichend bekannt und anerkannt ist (insbesondere bei denen, die als Akteure oder Zuhörer direkt an der Interaktion beteiligt sind), daß mit der symbolischen Negation der Hierarchie (die z.B. darin bestehen kann, sich ›einfach‹ zu geben) die Profite aus der unangetasteten Hierarchie und die aus der symbolischen Negation dieser Hierarchie kumuliert werden können, angefangen mit der Stärkung dieser Hierarchie durch die Anerkennung, die dieser Art des Umgangs mit dem hierarchischen Verhältnis selbst gezollt wird. (ebd., 47) Bourdieus Sprachsoziologie reformuliert die aristotelischen Grundgesetze der Rhetorik um, indem er aufzeigt, dass das, was sie will, nämlich die Scheinhaftigkeit der Mimen-Redner zu entlarven, auf einer grundsätzlichen Selbstverneinung beruhen muss, wenn sie nicht sich selbst der Scheinhaftigkeit anklagen wollen. Denn jene ›symbolische Negation der Hierarchie‹ haben wir in der Simulation der natürlichen Rede durch Verwendung des einfachen Wortschatzes gegeben, die Aristoteles an die Haltung des Redners zum Leben knüpft, jene ›Haltung, wodurch der Mensch im Leben dazu wird, was er ist‹. Nur wer seiner Haltung gemäß die passenden Wörter verwendet, entwickelt eine eigene Art des Sprechens, die ganz klar durch Zeichen sozialer Dinstinktion markierbar sind (Bauer vs. Gelehrter). Wie also will man den mimenden Redner- Schauspieler vom wahren Redner, der aus seiner eigenen Lebenshaltung (Habitus) spricht, unterscheiden, wenn nicht durch das Hilfsmittel der sozialen Distinktion? Befindet sich dann nicht der Richter immer auch schon auf der Seite der bereits Gerichteten, über den die ›Gerechtigkeit der sozialen Fakten‹ waltet? In die lexis schreibt sich auch immer schon die hexis des Wortführers ein. Bourdieu radikalisiert dieses aristotelische Modell und formt es in eine Ökonomie der Sprachkompetenzen und -stile um. Die symbolische Sprechgewalt sei nicht nur auf eine institutionelle bzw. nicht-institutionelle Anerkennung einer sozialen Gruppe angewiesen (auch hier steht sozialen Standortbeschreibung der jeweiligen Werke dienen, die dem populärwissenschaftlichen Feld zu seiner Existenz verholfen haben. Sie stellt eine Art von Arbeitshypothese dar, die am Quellenmaterial entlang verifiziert und ggf. reformuliert werden soll. POP, POPULÄR, POPULARISIERUNG 105 Aristoteles Pate), sondern mit ihr ist eine ganze Agenda einer »Symbolik der Macht« (ebd., 55) verbunden, die unter anderem in Einsetzungsriten ihren Ausdruck findet (ebd., 86). Dass Bourdieu jene aristotelische Formel aufgreift, um die soziale Genese der Sprechhexis zu verdeutlichen, bezeugt umso mehr, wie nah er sein Konzept von der Ökonomie des sprachlichen Tausches an Aristoteles angelehnt hat und jede sprachliche Nuance gesellschaftstheoretisch umkehrt. Die soziale Welt ist eben nach Bourdieu eine Welt, die auch als Wille und Vorstellung wirksam ist und »sozial existieren heißt auch, wahrgenommen zu werden, d.h. als distinkt wahrgenommen zu werden« (ebd., 99). Bourdieu betont hierbei besonders die symbolische Sprechwirksamkeit des akademisch-wissenschaftlichen Feldes, die ihre Kriterien zwar mit einem höchst soliden Realitätsbezug verknüpft, aber darüber hinaus zu vergessen scheint, »daß sie lediglich den Stand der Klassifizierungskämpfe festhält, das heißt den Stand der materiellen und symbolischen Machtverhältnisse zwischen denen, die sich je nach Interessenlage mehr dem einen oder mehr dem anderen Klassifizierungsmodus verbunden fühlt und sich, genau wie die Wissenschaft selbst, gern auf die Autorität der Wissenschaft berufen, um die willkürliche soziale Gliederung, die sie durchsetzen wollen, für realitätsgerecht und vernunftgemäß zu erklären« (ebd., 97). Die »natürliche Vollendung der Wissenschaftsrhetorik« sehe Bourdieu gerade dort am Werk, wo sie sich in eine Art von Unparteilichkeit und Wertneutralität hülle, die gerade dadurch geprägt sei, den Ethos des Anstandes und der guten Sitte, den Gegner nach wie vor zu respektieren und jede Form der gröberen Polemik zu vermeiden (ebd., 108ff.). Gerade aus diesem Grund liefe der »Theorie-Effekt« immer Gefahr zu einer Vorschrift zu werden (ebd., 111), denn noch die neutralste Wissenschaft übe Wirkungen aus, die nicht neutral seien (ebd., 112). Das drücke sich vor allem durch den häretischen Bruch innerhalb eines Feldes aus, indem er die ursprüngliche Bejahung dieser Ordnung suspendiere und in eine praktische Epoche überführe, genau dort wo der kritische Diskurs und die objektive Krise zusammentreffen (ebd., 104). Die wissenschaftliche Wertneutralität werde in politische Aussagearbeit überführt, um gleichzeitig mit ihr einen neuen Plan, eine neue Utopie, für den außergewöhnlichen Diskurs parat zu haben: Der häretische Diskurs muß nicht nur die Bejahung der Welt des common sense aufbrechen helfen, indem er sich öffentlich zum Bruch mit der normalen Ordnung bekennt, sondern auch einen neuen common sense schaffen und die bislang unausgesprochenen oder verdrängten, jetzt aber mit der Legitimität der öffentlichen Manifestationen und kollektiven Anerkennung versehenen Praktiken einer ganzen sozialen Gruppe in ihn einbringen. (ebd., 106) EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 106 Um dem eigenen häretischen Bruch autoritäre Geltung zu verleihen, wird oft auf das Mittel der Dramatisierung im Sinne einer Prophezeihung zurückgegriffen, um die noch bestehende Doxa in Misskredit zu ziehen und die »institutionalisierte und verinnerlichte Zensur durchbrechen zu können« (ebd.). Wie unterscheiden sich nun also Umgangssprache und gehobene Sprache voneinander? Bourdieu versucht beide Begriffe gleichermaßen als eine marxistische Verflechtung von Sprecharbeit, im Sinne der Verbindung von lexis / hexis, folgendermaßen zu definieren: die Umgangssprache ist ein »Produkt der akkumulierten Arbeit eines Denkens, das von den Machtverhältnissen zwischen den Klassen beherrscht wird«, die »gehobene Sprache« hingegen ist das »Produkt von Feldern, in denen die Interessen und Werte der herrschenden Klassen herrschen, gewissermaßen primäre Ideologien, die sich ganz ›natürlich‹ für die Sprachgebräuche hergeben, die den Werten und Interessen der Herrschenden entsprechen« (ebd., 130). In diesem Sinne sind Sprechstile hierarchisch, wie bereits in der Rhetorik des philosophischen Okzidents begründet, und sie stiften Hierarchien, sowohl in der Umgangssprache als auch im gehobenen Diskurs (ebd., 136). Beide diskursiven Sphären tragen zu ihrer jeweiligen symbolischen Sprechgewalt bei. In beiden schlummerten die Ideenkeime, die zu ausgewachsenen Ideologien werden könnten: Die symbolische Gewalt, die in jedem ideologischen Diskurs als Verkennung steckt, die noch einmal verkannt werden soll, kann nur soweit gehen, wie der Diskurs seine Adressaten dazu bringt, ihn so zu behandeln, wie er behandelt werden möchte, das heißt mit dem ganzen Respekt, den er – unter Wahrung der Formen und als Form – verdient. Ein ideologisches Produkt ist umso gelungener, je mehr es jeden ins Unrecht zu setzen versteht, der etwa versuchte, es auf seine objektive Wahrheit zu reduzieren: Die herrschende Ideologie zeichnet sich dadurch aus, daß sie imstande ist, die Wissenschaft von der Ideologie selber unter Ideologieverdacht zustellen; das Aussprechen der verborgenen Wahrheit des Diskurses wird zum Skandal, weil es ›das Letzte ist, was gesagt werden darf‹. (ebd., 138) Halten wir also folgende multivalente Definition der Popularisierung fest: Als sprachlicher Übersetzungsakt transferiert sie auf der vertikalen Achse mittels der Strategie der Herabsetzung fachsprachliche Spezialdiskurse in die Umgangssprache der Alltagswirklichkeit (elaborierte Elementarkultur). Sie erfüllt damit die gesellschaftliche Funktion, das Wissen zu narrativieren, erzählbar zu machen. Nichts desto trotz ist es ihr gerade aufgrund dieser Funktion vergönnt einen ›Erzählpanzer‹ für jene Subjekte zu konstruieren, deren ›symbolische Sprechgewalt‹ nicht bis in die Baumkronen der Spezialdiskurse hineinreicht. Gleichzeitig fungiert der Begriff der Popularisierung von Wissen in wissenschaftshistorischen Arbeiten als Marker für abgeschlossene diskursive Prozesse, POP, POPULÄR, POPULARISIERUNG 107 die epochenspezifisch analysierbar sind. Dazu gehört auch als Unterkategorie die Untersuchung populärer Bilder der Wissenschaft und des Wissenschaftlers in der medialen Massenproduktion (Printmedien, Kino, Fernsehen, Internet, Werbung etc.).25 Ausgehend von dieser Standortbestimmung des popularisierenden Sprechens kann man festhalten, dass Popularisierung bereits das Endprodukt einer Grenzziehung ist, die den sakral wissenschaftlichen Ort von seinem profanen Umgangston trennt. Wir sprechen also dann von einer horizontalen Distinktionsaussagearbeit, wenn sich Fachsprachen untereinander ausdifferenzieren, um ihre Disziplingrenzen zu definieren. Popularisierungstendenzen sind in diesem Fall nicht ausgeschlossen, sondern oftmals Voraussetzung eines inter- oder gar transdisziplinären Austausches, wie es bereits Ludwik Fleck formuliert hat.26 Die vertikale Distinktionsaussagearbeit hingegen versteht sich als Profanisierung des sakralen Ortes des Expertenwissens, diese ist Popularisierung im starken Sinne des Wortes verstanden als eine Transposition von sprachlichen Elementen eines elitär, akademischen, naturwissenschaftlichen Wissens in die sprachlichen Elemente der Lebenswelt des ›Kleinbürgers‹ bzw. eines jeden an der fachfremden interessierten Öffentlichkeit partizipierenden Kunden, der nach Wissen verlangt und ein ›anständiges‹ Produkt erwerben möchte. Überall dort also, wo bereits von einer Form der Popularisierung gesprochen wird, hat bereits eine Grenzziehung stattgefunden. Beide Prozesse, die vertikale wie horizontale Distinktionsaussagearbeit, gehen ineinander über, weil sie synchron und diachron miteinander verschaltet sind. Während also das Substantiv Popularisierung (der Wissenschaften) die Konstatierung eines historischen Prozesses markiert und daher oft in 25 Siehe hierzu vor allem der Sammelband Frosch und Frankenstein (2009) von Bernd Hüppauf und Peter Weingart, sowie die Monographie des amerikanischen Wissenschaftshistorikers Marcel C. LaFolette Making Science our own (1990). 26 Ludwik Fleck spricht von »Populärer Wissenschaft« bzw. »Wissenschaft für Nicht-Fachleute« im Sinne einer exoterischen Form des Wissens, die vor allem vereinfachend, anschaulich und apodiktisch sei, aber auch von einer »intrakollektiven Abhängigkeit« zwischen den Experten zeuge, weil dieses Wissen auf sie zurückwirke (Fleck 1980, 149f.). Daher erweitert er das Konzept des exoterischen Wissens und gibt zu bedenken, dass jede Form der kommunikativen Mitteilung das ›esoterische Wissen‹ ins Populäre erweitere: »Man befindet sich immer in derselben Begriffegeschichte [sic!], immer gleich weit von ›fundamentalen Begriffen‹ entfernt, deren eventuelle Konstruktion – eine Erkenntnisarbeit für sich – dieselben Schwierigkeiten aufweist. Gewißheit, Einfachheit, Anschaulichkeit entstehen erst im populären Wissen; den Glauben an sie als Ideal des Wissens holt sich der Fachmann von dort. Darin liegt die allgemeine erkenntnistheoretische Bedeutung populärer Wissenschaft« (ebd., 152). EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 108 wissenschaftshistorischen Arbeiten anzutreffen ist, arbeitet der populär-vulgäre Idiolekt im Zentrum sprachlicher Übersetzungsprozesse, der die Evolution und damit die Diversität von Sprachgemeinschaften vorantreibt. Daraus lässt sich folgende Subthese ableiten: Während Wissenschaftsjournalisten am heteronomen Pol des Subfeldes eine Rhetorik der größtmöglichen Verständlichkeit anstreben, um gemäß der sozialen Stratifikation naturwissenschaftliche Information in kommunizierbares Wissen zu verwandeln, das in beiden übergeordneten Feldern rezipiert und weiterverarbeitet werden kann, so kann man bereits in Bezug auf den autonomen Pol der akademischen Popularisierer festhalten, dass sich ihr populärer Schreibstil anhand einer Steigerung der Überzeugungskraft erkennen lässt und dies oft dazu führt, dass Stile nicht nur kopiert bzw. imitiert werden, sondern den nachgeahmten Stil überbieten. 3.2 Gattungen und Genres der Populärwissenschaft In der historischen Zurückverlängerung entpuppt sich der Popularisierunggsprozess als zunehmende Demokratisierungsbewegung des Bildungswesens und wurde nicht umsonst vom 19. bis ins 20. Jahrhundert hinein im Kontext der sozialistischen Arbeiterbewegung vorangetrieben. Populärwissenschaftliche Literatur war Fabrik-, Kinder- Jugendund Frauenliteratur. Anhand der Gattungsgeschichte der Enzyklopädie lässt sich unmittelbar jener Prozess ablesen, durch den die Popularisierung von Wissen mit der Demokratisierung von Bildung kurzgeschlossen wurde. Die Lexikographen des 19. Jahrhundert versuchten trotz diverser technisch-machbarer, bildungspolitischer und sprachlicher Probleme, das sich immer weiter durch Spezialdiskurse und Expertensysteme expandierende Wissen durch die enzyklopädische Statik zu erfassen.27 Die Aufgabe bestand nicht nur darin angemessene Auswahlkriterien zu finden, die den Anwendungskontext eingrenzten, um die Trias von Vollständigkeit, Nützlichkeit und Interesse im Zuge einer sich immer weiter ausdifferenzierenden, heterogenen Leserschaft zu genügen, sondern sich auch mit Fragen des Wahrheitsgehalts (Spree 2000, 27), mit der Bildungsaufgabe zwischen Selbsterziehung und Wissensvermittlung sowie der damit verbundenen Spaltung zwischen Experten- und Laientum zu 27 Wie Ulrike Spree in ihrer vergleichenden Enzyklopädieforschung des 19. Jahrhunderts zeigen konnte, sahen sich die Lexikographen mit vielerlei praktischen und methodologischen Problemen konfrontiert, die besonders die Selektion der Wissensinhalte betrafen (Spree 2000, 6). POP, POPULÄR, POPULARISIERUNG 109 beschäftigen (ebd., 85).28 Unter diese Problemkonstellation fällt auch die Schwierigkeit, das Gleichgewicht zwischen Fachterminologie und Allgemeinverständlichkeit zu wahren (ebd., 215). Als Kataloge intra-, inter- und transdisziplinärer Vernetzungen des Wissens fungierten die Enzyklopädien zum Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr als persönlichkeitsbildendes, sondern Faktenwissen vermittelndes Medium.29 Der Besitz einer Enzyklopädie wurde zum sozialen Distinktionssymbol einer »aufstiegsorientierten mobilen Leistungsgesellschaft«30 (ebd., 82). Denn da die wissenschaftlich erzeugte Wahrheit für den Laien nicht mehr evident sei, »bleibe nur das Vertrauen auf die wissenschaftlichen Autoritäten« (ebd., 85). Strategien der Popularisierung wurden damit zum gattungsbildenden Motor für die sprachliche Gestaltung der Artikel. Weil sich gerade in der Gattungsgeschichte der Enzyklopädien die Trennung von Laie und Experte manifestiere, zeige sich auch an ihnen der Versuch diese Trennung zu überwinden. Durch das Unsichtbarmachen eines Autors mittels Passiv-Konstruktionen und mit Hilfe eines deterministischen Stils, sollten (i) das Verständnis für die Wissenschaften, (ii) die Vermittlung rudimentärer theoretischer Grundlagen und (iii) die Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse in allen Lebensbereichen propagiert werden. In einigen Artikeln wurde daher stets versucht Erfahrungswissen mit experimentell gewonnenen Erkenntnissen 28 Ulrike Spree definiert in diesem Zusammenhang Bildung als »immanenten Entwicklungsprozess des Individuums« (ebd., 73), der in dieser Bedeutungsverschiebung auch den neuen Zweck der Lexika dokumentiere (ebd., 74). Dies gelte allerdings nur für Deutschland. In England gebe es zu dieser Zeit keinen äquivalenten Bildungsbegriffs. Dort dominierten Begriffe wie »liberal knowledge«, »instruction«, »cultivation of mind«, »information and taste«. Die Bedürfnisse des Individuums wurden den Pflichten gegenüber der Gesellschaft nachgestellt (ebd., 75), was auf das tief verwurzelte utilitaristische Denken zurückzuführen sei. Da der Wert des Lebens nach seinem Nutzfaktor bemessen werde, müsse jede »liberal education« nützlich sein. Die »cultivation of mind« diene auf dieser Weise als soziales Dinstinktionsmittel, um einen weiteren Abstieg der ›leisure class‹ zu vermeiden. 29 Zur etymologischen und kulturhistorischen Bedeutung der Enzyklopädie im abendländischen Denken siehe Dierse (1977). Allgemein kann festgehalten werden, dass die Denkfigur des ›orbis‹, ›ordos‹ oder ›cyclos‹ stets durch Enzyklopädie- und Lehrbuchsystematik die Einheit der Wissenschaften trotz ihrer Ausdifferenzierung in weitere Spezialdiskurse tradiert hat, sodass sie dem gesellschaftlichen Makrokosmos den Schein eines inneren Zusammenhalts verlieh, der sich im Bildungssystem widerspiegeln sollte, damit die äußere, geordnete Hülle zum inneren, geordneten Kern der Persönlichkeit wurde. In diesem Sinne wäre Hans Poser zuzustimmen: »Der Gedanke der Einheit der Wissenschaften wirkt selbst als regulatives Prinzip« (Poser 1988, 115). 30 Obwohl auch hier wiederum England mehr als Deutschland den Fortschrittsglauben in den Vorworten zu den Enzyklopädien anpreise (ebd., 83f). EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 110 zu verknüpfen. Oft wurde auch die Darstellung wissenschaftlicher, erkenntnistheoretischer Grundlagen über Wissenschaftsbiographien vermittelt (ebd., 210). Theorie und Praxis wurden als zwei gänzlich voneinander verschiedene Handlungsfelder gekennzeichnet, ebenso wurde Interdisziplinäre Forschung vermittelt (ebd., 214). Auf diese Weise versuchte man das Gleichgewicht zwischen Fachterminologie und Allgemeinverständlichkeit zu wahren. Allerdings erwies sich die »Interdiskursivität«, die als Prinzip der Lexikographie diente, als Problem, denn »die Spezialdiskurse behaupteten auch in der Lexikographie den Vorrang vor interdiskursiven Praktiken« (ebd., 219). Weil man aber Popularisierung zunächst als »Zuweisung von Bedeutungen« (ebd., 224) verstand, blieben die »imaginativ-interdiskursiven« Praktiken der Artikelgestaltung ein wichtiges Medium des Wissenstransfers (ebd., 220).31 Dieses dialektische Zusammenspiel aus statischer, weil gedruckter, und damit linearer Wissensordnung und dynamischen, netzartig strukturierten Relationen zwischen den Wissenselementen prägt bis heute das Bild von Wissenssystemen, wie sie sich in der hyptertextuellen Vernetzung von Wikipedia widerspiegeln. Dabei ist das hawaiianische Präfix wiki (schnell) selbst schon tonangebend, denn es handelt sich bei der Demokratisierung von Wissen im 20. Jahrhunderts nicht mehr vorrangig um die inhaltliche Qualität des Wissens, schon gar nicht um die Kenntnisse seiner Ordnungsprinzipien, sondern um die schnelle Verfügbarkeit von Wissen (Kübler 2009, 132). Das Popular Science Writing im angloamerikanischen Raum, das naturwissenschaftliche Sachbuch aus dem deutschen Sprachraum und hybride Textgenres, die in Frankreich als vulgarisation scientifique und in den hispanoamerikanischen Ländern als divulgación científica bezeichnet werden, haben sich innerhalb der historischen Bewegung der Popularisierung der Wissenschaften und der damit zusammenhängenden Demokratisierung des Wissens zu eigenständigen populärwissenschaftlichen Genres herauskristallisiert. Ins gesellschaftliche Bewusstsein des Lesepublikums drangen diese Formen erst mit der Etablierung eigener Buchpreise für dieses Schreibformat. Zum Teil war dies erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts der Fall. Die höchste Konsekrationsinstanz für das Popular Science Writing ist der Pulitzer Preis für General Nonfiction, der seit 1917 31 Die Gattungsgeschichte der Enzyklopädie gehört sicherlich zu den »modernen Wissensrepräsentationssystemen« der neuzeitlichen Schriftkultur, aber ihr ordnendes Prinzip war zunächst nicht unbedingt literaler Art, sondern an visuell-graphische, architektonische und räumlich-zyklische Wissensrepräsentationen gebunden: an Vernetzungstechniken von memorialer Wissensspeicherung in räumlich dargestellter Visualisierung von Wissen (Breidbach 2008, 102). Zu den barocken Aufschreibesystemen siehe Rieger (1997, 101ff.), hier besonders Kapitel 5: Der bewegte Buchraum . POP, POPULÄR, POPULARISIERUNG 111 verliehen wird, der Science Journalism Award, der von AAAS seit 1945 verliehen wird, hinzu kommt der Science Communication Award von American Institute of Physics (1968), der IEEE-USA Award for Distinguished Contributions Furthering Public Unterstanding of the Profession sowie der Carl Sagan Award for the Public Understanding of Science (1993) und der National Award of Scientific Writing. In Großbritannien gibt es neben dem Royal Society Prize for Science Books (Popular Science Writing), der wohl der prestigeträchtigste Preis auf nationaler Ebene ist, den Michael Faraday Prize seit 1986, den Welcome Trust Science Writing Prize der von den beiden angesehensten Tageszeitungen, The Guardian und The Observer, verliehen wird, schließlich noch den Max Perutz Science Writing Award, der vom Medical Research Council verliehen wird, und natürlich dem erst seit kurzen etablierten Richard Dawkins Award. Die deutschsprachige Sachbuchprosa wird mit dem Sigmund-Freud- Preis (1962) gewürdigt, allerdings wird hier nicht von Populärwissenschaft gesprochen, sondern meistens von einem flüssigen, verständlichen Sprachstil ohne Wissenschaftsjargon. Erst 1995 wurde mit dem Georg- Holtzbrinck-Preis der deutsche Wissenschaftsjournalismus gewürdigt. Allerdings ist auch dieser Preis zum Teil vom amerikanischen Verlagsfeld subventioniert. Dazu gehören der Scientific American und Nature, Macmillan US und Spektrum der Wissenschaft . Die DFG verleiht seit 2000 den Communicator-Preis und unter der Schirmherrschaft des Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft wird zusammen mit Bild der Wissenschaft der Klaus-Tschira-Preis verliehen (2006). Seit 2008 verleihen die Hanns-Martin-Schleyer Stiftung und die Daimler AG den Universitas- Preis für Wissenschaftsjournalismus . Darüber hinaus gibt es noch den DGPPN Medien-Preis für Wissenschaftsjournalismus, der ebenfalls von einer privaten Stiftung finanziert wird. Bis auf den DFG-Preis, den man als National Award Deutschlands neben den der Royal Society stellen könnte, werden alle anderen Preise aus der Privatwirtschaft finanziert und an die Verlagswelt rückgekoppelt. In Frankreich, Spanien und den lateinamerikanischen Ländern setzt die Konsekration noch später ein, dafür aber als prestigeträchtiger Preis der 1951 zu allererst von der UNESCO verliehen wurde: der Prix UNESCO Kalinga . Mit dem Le Prix Jean Rostand (1978) und Le Prix d’Alembert (1984) werden zwei Preise für populäre Wissenschaftsprosa verliehen, die mit großen wissenschaftshistorischen Namen verknüpft sind und daher gleichsam deren symbolisches Kapital gleich mit vererben. Seit 1993 wird der Prix Jean Perrin verliehen, 2001 erstmalig der Prix Science se Livre und 2008 der Prix Le Goût des Sciences . Schließlich verleiht Frankreich zusammen mit Kanada im Jahre 2011 den Le Prix littéraire de Hubert-Reeves . Obwohl die lateinamerikanischen Länder eine eigene Geschichte der Popularisierung des Wissens verzeichnen, EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 112 die zusammen mit den USA initiiert worden ist, wurde die Würdigung der divulgación científica viel später eingeführt. Mexiko-Stadt und die UNAM können wohl als Zentrum dieser Bewegung angesehen werden, die den Premio Nacional de divulgación de la ciencia seit 2010 verleiht. Daneben gibt es den Premio de Divulgación Escrita de la Ciencia y tecnica para jovenes (begründet von Miguel Angel Herrera), den Premio Internacional de Divulgación de la Ciencia (begründet von Ruy Perez Tamayo), den Premio Europeo de la Divulgación de la Ciencia, der auf europäischer Ebene verliehen wird, und den Premio Latinoamericano a la Popularización de la Ciencia y la Tecnología (2009 / 2010). Die Stilregeln des Popular Science Writing wurden im Kontext des Science Journalism und der der Science News von dem englischen Biologen J.B.S. Haldane 1946 unter dem Titel How to write popular scientific article veröffentlicht. Er beschreibt den Akt der Popularisierung als literarische Synthetisierung analog zu einer chemischen Reaktion: »Literary Synthesis is like organic chemical synthesis«, zwischen dem »raw material«, der »technique« und dem »product« (Haldane 2009, 3ff.). Das »skeleton« habe also im Gegensatz zum eigentlichen Scientific Paper folgende Struktur: introduction, central theme, why it is important, connections with other branches of science, practical suggestions. Dabei müsse der Autor stets die Zielgruppe im Blick haben (»for whom are you writing?«) und dementsprechend den Veröffentlichungsort wählen. Das Thema müsse immer ein »particular piece of research«, ein »particular application of science« oder ein »general principle« darstellen, die in Form einer wissenschaftlichen Theorie vorgestellt werden. Dieses Themenspektrum müsse durch verschiedene Betrachtungsmöglichkeiten des wissenschaftlichen Forschens dargestellt werden, wobei man gleichzeitig sehr selektiv vorgehen müsse, unter der Prämisse, dass nicht alle Informationen in die Synthese einfließen. Hier sei Zurückhaltung notwendig. Das könne man vor allem dadurch erzielen, dass man eine »coherent story« aus dem Datenmaterial bilde, die allerdings nicht wie eine bloße Inhaltsangabe Informationen zusammenfasse, sondern von »unfamiliar facts of science to familiar facts of everyday experience« fortschreite. Die Analogiebildung aus dem bekannten Erfahrungsschatz des Alltags ist hier von besonderer Bedeutung für die Ausstaffierung einer zusammenhängenden Wissensgeschichte. Dies führe unweigerlich auch zur Selbstbildung des Wissenschaftsautors. Das Popular Science Writing habe einen selbstreflexiven Effekt auf den Popularisierer: »In fact you will have to educate yourself as well as your public« (ebd., 5). Die erste Leseprobe müsse dabei immer an einen potentiellen Kritiker gehen, und zwar »a fairly ignorant one«, oder aber er müsse zum Selbstlektor nach einer längeren Zeitperiode werden. Die Reihenfolge der Satzglieder folge dabei stets der kausalen Kette der Fakten, wie beispielsweise bei der Evolutionstheorie. Statt einem »hat and rabbit«-Prinzip POP, POPULÄR, POPULARISIERUNG 113 solle der Autor stets eine »elegance of presentation« bevorzugen, indem er Schritt für Schritt (»go slow«) die Argumentatioskette aufbaue und vom Bekannten zum Unbekannten voranschreite: »You must do what you can to help your reader to link up your article with the rest of his knowledge« (ebd., 6), das heißt gleichzeitig, dass der Autor stets vom potentiellen Wissenshorizont des Lesers ausgehen muss. Zum Beispiel könne man Genetik und Evolutionsbiologie mit Dantes Comedia verbinden, um damit zu signalisieren, dass sich naturwissenschaftliches Wissen in den literarischen Gelehrtenkanon einschreibt und damit auf die Einheit unterschiedlicher Wissenselemente verweist: »Science can be of real value by emphasizing the unity of human knowledge and endeavor, at their best«. Ein Problem bestehe darin, dass wissenschaftliche Forschung aufgrund der internationalen Wissenschaftsszene nicht immer aktualisiert werden könne. Die Kunst bestehe darin, jene Entdeckungen herauszufiltern, die von besonderer Bedeutung für die Öffentlichkeit seien: »One wellknown English popularizer of science has a perfect genius for picking out discoveries of this kind for announcement of the public« (ebd., 7). Daher sei es am besten, wenn man selbst Forscher im wissenschaftlichakademischen Feld sei. Haldane versucht, seinen eigenen Schreibstil zum Schreibstil eines ganzen Feldes zu machen und sich damit selbst in diesem Feld als Regelmacher zu positionieren. Der Popular Scientific Article ist jedoch nur eine Unterkategorie des Popular Science Writing und muss von dem Popular Science Book, das einen Werkcharakter aufweist, unterschieden werden. Auch muss darauf hingewiesen werden, dass Popular Science Books von der angloamerikanischen Literaturkritik oft als beste populärwissenschaftliche Bücher seit Charles Darwins Origins of the Species rezensiert werden, obwohl im 19. Jahrhundert das Werk selbst als wissenschaftliche Monographie rezipiert wurde und nicht als populärwissenschaftliches Werk. Es gibt hier also eine transhistorische Verschiebung der wissenschaftlichen Rezeptionsweisen, die mit der Veränderung der wissenschaftlichen Autorschaft einhergehen. Die heutigen Literary Studies in den USA stufen das Popular Science Writing als eigene literarische Gattung ein.32 Murdok 32 Die Forschung zum Popular Science Writing befindet sich in den ersten Projektskizzen. Es lassen sich lediglich eine Hand voll Monographien finden, die sich explizit in ihren Titeln auf dieses Genre beziehen. Häufiger lassen sich vereinzelte Aufsätze in englischsprachigen Zeitschriften zur Medien- und Kommunikationswissenschaft finden. Lediglich zwei Dissertation haben sich jüngst mit dem Thema des Popular Science Writing als eigenständiges Genre oder aber im Vergleich mit der Literatur beschäftigt. Siehe hierzu Aarnio (2008) und Smith (2010). Smith verwendet zwar popularized science, popularization und popular science synonym, doch hält er sich strikt an die theoretische Vorlage, dass popular science nicht mit low science zu identifizieren EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 114 MacRae hat bereits Anfang der 1990er Jahre den Begriff der »literature of science« bzw. des »popular scientific writing« geprägt, um hervorzuheben, »the term suggests a particual way of asking questions about the field of popular science writing. The term also indicates that […] popular texts […] are open to as full range of contemporary interpretive techniques as any other works of literature. Finally, it emphasizes that the literature of science must be read not as mere popular transmission of superior scientific knowledge but as sophisticated production of knowledge in its own right« (MacRae 2003, 10f.). Ebenso weisen die beiden Kommunikationswissenschaftlerinnen Susheela Abraham Varghese und Sunita Anne Abraham in ihrem Aufsatz zum »Book-length scholarly essays as a hybrid genre in science« dem Popular Science Writing einen Platz in der akademischen Wissensproduktion zu (Varghese / Abraham 2004). Beide Autorinnen gehen in ihren Überlegungen beruhend auf der allgemeinen Beobachtung der Buchindustrie davon aus, dass Wissenschaftler und Forscher, die im Gegensatz zu Wissenschaftsjournalisten noch Teil des akademisch-wissenschaftlichen Feldes sind und an aktuellen Forschungsprojekten arbeiten, ein eigenes Textgenre produzieren, das sich vom Schreibstil der gewöhnlichen popularization und der Feldposition der Akteure, die meist mit nonscientists, failed scientists oder ex-scientists identifiziert werden, unterscheide.33 Die ›book-length scholarly essays‹ werden in der Forschung als eine dritte Variante neben research article und popularization verstanden. sei, wie es noch im 19. Jahrhunderts üblich war. Genauso wenig jedoch habe sie etwas mit ›high science‹ zu tun. Es gebe zwar eine Überlappung mit der ›pop science‹, die als Teil der ›popular culture‹ angesehen werde, und damit populäre, oft auch klischeehafte Bilder der Wissenschaft in den Medien meine, doch das Popular Science Writing erfülle eine andere Funktion: »Popular Science often represents an expository space for ideas which are precisely not established; popular science’s role as a forum for speculative theorisation, in a way impossible in a professional journal, can, and perhaps should, be seen as a vital one – especially for the cross-fertilisaion of ideas within the scientific community« (ebd., 23). 33 Leah Ceccarelli entwirft in ihrer Studie Shaping Science with Rhetoric (2001) anhand der Analyse drei ausgewählter Werke aus der Biologie des 20. Jahrhunderts von Theodosius Dobzhansky (Genetics and the Origin of Species, 1932), Erwin Schrödinger (What is Life? 1944) und Edward O. Wilson (Consilience, 1998) Kriterien für ein vergleichbares Genre innerhalb des Scientific Writing, dass sie als »interdisciplinary inspirational« bezeichnet. Dieses Genre erfülle eine Synthesefunktion und weise einen starken Autoritätsduktus auf. Ceccarelli definiert: »[A]n interdisciplinary inspirational monograph is primarily designed to synthesize existing information; it doesn’t hurt for the text to be constructed with the most recent scientific knowledge, but it need not POP, POPULÄR, POPULARISIERUNG 115 Die Autoren kritisieren darüber hinaus die ungenügende Forschung zu diesem Genre, während die Forschung zur vergleichenden Diskurs- und Rhetorikforschung der Popularisierung von Wissenschaften in den populären Wissensmagazinen sowie der vergleichenden historischen Forschung zu den Research Articles aus linguistischer Perspektive weiter anwuchs. Diese ungerechtfertigte Schieflage versuchen die Autoren zu korrigieren, indem sie unter einer kleinen Auswahl von Bestseller Popular Science Writers aus der Psychologie, der Linguistik und der Sociobiology eine qualitativ-linguistische und komparatistische Analyse der Bücher vornehmen, darunter wären zu nennen, Steven Pinkers The Language Instinct (1994) und Edward Wilsons On human nature (1978). Der Fokus liegt hier auf folgenden Analyseschritten: »author-audiencedialectic«, die rhetorische Sprechwirksamkeit, die dispositio der Argumente und damit verbunden auch die Analyse der Kapiteleinführung und -abschluss, sowie den »Body-Text«. Aus den Ergebnissen geht hervor, dass das ›book-length scholarly essay‹ im Unterschied zum Research Article der Fachjournale und ihrer Popularisierung durch Science Journalists in populären Wissensmagazinen wie dem Scientific American oder dem New Scientist, eher dazu tendierten, einen eigenen Schreibstil zu etablieren und zu tradieren, der folgende Merkmale aufweise: (a) sie richten sich nicht ausschließlich nur an eine breite Öffentlichkeit und sind dementsprechend am »mass appeal« wie die Popularisierer interessiert, sondern gestalten ihre Texte in einer angemessenen Sprache, die ihr intellektuelles Kapital repräsentiere und aufgrund dessen zur inter- oder sogar transdisziplinärer Kommunikation mit anderen Fachgelehrten aus dem wissenschaftlichen Feld motivieren solle, dadurch soll (b) die theoriekonstitutive Funktion dieser Textsorte zur Geltung kommen, das heißt, die übliche kurze Diskussion in Research Articles wird auf bis zu 30 Seiten langen Kaptiteln argumentativ ausgeweitet, sodass neue mögliche Hypothesen entwickelt werden können, daher (c) liege die rhetorische Überzeugungskraft ihrer Argumente weniger in ihrer Wissenschaftlichkeit, die mit Daten, Statistiken, Graphiken und dem technischen Jargon überzeugt, als im »rational argument, accessible to any thinking adult« (ebd., 227). Im Gegensatz zu der popularisierten Research-Report-Variante der Magazine würde das Abgleiten vom Synthetisieren der Erkenntnisse zu meet the same requirements for accuracy as a text that is adressed to a core group of experts who are adjudicating the truth of a scientific claim. […] A scientific truth claim need only be written by someone who has been properly socialized in the practices of the relevant scientific field, a claim that interdisciplinary action will yield productive results requires a sort of social authority that goes beyond the minimal requirement. To be believable, the author must show that he or she has an ability to recognize successful professional moves when he or she sees them« (ebd., 160). EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 116 ihrer Glorifizierung in den untersuchten Büchern nicht beobachtet werden. Stattdessen könne man beobachten, dass die einzelnen Autoren zu einer kritischen Urteilshaltung des Lesers aufrufen. Varghese und Abraham halten fest: »As researchers, they identify themselves as those who are capable of vital theorybuilding work bute, equally, who, in speaking to philosophical issues, move outside their purely specialist role by taking a place as articulate and informed citizens communicating to likeminded citizens« (ebd., 226). Einige dieser Autoren bezeichnen ihre Arbeiten als philosophische Essays und stellen sich damit bewusst in die Tradition der Essayisten seit Montaigne. Bereits im 18. Jahrhundert wurden »essayist scholars« dazu aufgefordert im Tatler oder Spectator zu veröffentlichen. In einigen anderen Arbeiten wird jedoch nicht von Essay, sondern von treatise gesprochen, was im Deutschen eher mit dem Begriff der Abhandlung zu übersetzen ist. Damit gleitet jedoch das Popular Science Writing als ›book-length scholarly essay‹ in die Ecke der philosophischen oder sogar sozialwissenschaftlichen Abhandlung, während sich gerade jene human- bzw. geisteswissenschaftliche Autoren von diesem Genre distanzieren möchten bzw. ihren eigenen Schreibstil nicht als Popular Science Writing bezeichnen würden. Beth Luey merkt daher zu Recht an, dass gerade auch aufgrund der identischen Publikationsformate kein Unterschied mehr zwischen einem Lehrbuch und Popular Science Writing auszumachen sei, vor allem weil vielen dieser Werke, eine Arbeit im Vorlesungssaal oder Seminarraum vorausgegangen sei (Luey 2010, 103). Autoren wie der Astrophysiker Carl Sagan oder der Evolutionsbiologe Stephen Jay Gould seien neben ihrer Tätigkeit als Popular Science Writer immer noch an renommierten Universitäten (Cornell, Harvard) tätig gewesen, was bestätigt, dass das Schreiben populärwissenschaftlicher Prosa kein Ausschlusskriterium für eine akademische Tätigkeit sein muss. Stattdessen zeige sich gerade in den USA, dass es möglich sei, universitäres oder wissenschaftliches Kapital in hohes ökonomisches Kapital zu transferieren, wie dies am Beispiel von Carl Sagan deutlich wurde, der mit rund 2 Mio. US-Dollar (Royalities) im Voraus für sein Popular Science Book Cosmos ausbezahlt worden ist (ebd., 104f.). Luey betont daher, dass die Funktion des »publishers« und des »literary agent« nicht zu gering geschätzt werden dürfe, denn sie seien die eigentlichen Katalysatoren dieser Veränderungen gewesen (ebd., 150f.). Ihre Funktion sei es, die Distanz zwischen Autor und Leser so klein wie möglich zu halten und sie durch verschiedene Methoden der Buchgestaltung stetig zu minimieren, wie zum Beispiel dem Einsatz von paratextuellen Elementen, die von Zitaten aus Rezensionen und anderen Werken des Autors bis Glossaren, Appendixen, Indices, Fuß- und Endnotenmaterial reichen (ebd., 159). Ebenso diene das Buchcover als äußerst wichtige POP, POPULÄR, POPULARISIERUNG 117 Filterungsinstanz des Aufmerksamkeitsprozesses. Seine »complex practical art« muss das Unbewusste des Käufers unmittelbar ansprechen, um die Brücke zur leseorientierten Kommunikation zu etablieren (ebd., 161f.). Als Werbeplattform werden vorrangig Pre-Reviews verwendet, die meist aus dem New York Times Book Review, der Washington Post Book World, New York Review of Book, Harper’s, New Yorker als auch explizit populärwissenschaftlichen Zeitschriften und Magazine wie Scientific American oder dem Smithonian für Wissenschaft und Geschichte entstammen. Sie bilden das homologe Feld der Kritik zu den Popular Science Writers, wobei die Wahl der Akteure hier unterschiedlich ausfällt. Es werden sowohl Wissenschaftler als auch Journalisten und öffentliche Figuren gewählt, um die entsprechenden Kritiken zu verfassen und ggf. den neueren Auflagen als Werbung einzuverleiben (ebd., 165f.). Die Kommunikationswissenschaftlerinnen hingegen versuchen darauf hinzuweisen, dass die historische Entwicklung dieses Genres mit der zunehmenden Einschränkung der Veröffentlichung ihrer Ergebnisse in Fachjournalen durch peer review-Verfahren einher geht, sodass sie nun andere Wege finden müssten, damit sich ihre Ideen in der scientific community verbreiten könnten. Die Wahl fiel somit auf die Inklusionsstrategien der breiteren interessierten Öffentlichkeit. Varghese und Abraham erklären: […] when journal articles first emerged, they were lauded for the ready accessibility to ideas that these publications provided to science practitioners and interested observers alike. Yet, as the peer review process increasingly brought quality control to such journal submissions, it also brought a delay to the diffusion of ideas. As intellectual communities have become increasingly specialized, it is perhaps only fitting that researchers who desire diffusion of their novel contributions adapt rhetorically by availing themselves of the particular challenges and opportunities to speculate theoretically and philosophically in such book-length scholarly essays. (Varghese/Abraham ebd., 229) Aus diesem Grund sei es auch unzulässig, dieses Genre mit dem Label der popularization zu brandmarken (ebd., 225). Weil es weitaus mehr stilistische Überschneidungen mit dem Research Article gäbe, sei dieses Genre eher dem letzteren als dem ersteren zuzuordnen. Die Genredifferenzierung wird dadurch erschwert, dass es bereits innerhalb des Research Articles unterschiedliche stilistische Ausprägungen gibt. Alan Gross et al. haben zur historischen Genealogie des Scientific Paper seit dem 17. Jahrhundert wesentliche Kernaspekte herausgearbeitet, die zu einer besseren Klassifikation eines Textes als Research Article führen. Im Hinblick auf den Research Article des 20. Jahrhunderts kann man nach Gross et al. folgende Stilmerkmale festhalten: Obwohl die stilistischen Richtlinien erst durch Robert Days Aufsatz How to publish and write EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 118 a scientific paper 1979 deklariert und damit offiziell festgesetzt worden sind, könne man bereits viel früher eine stärkere Homogenisierung dieses wissenschaftichen Textgenres durch gate-keeper und peer-reviewer beobachten. In seinen Untersuchungen der »english scientific prose« von 1900 bis 1995 konnten die Autoren eine durchgängige Verwendung der Passivkonstruktionen durch »dummy subjects« beobachten, sodass der persönliche Ton auf ein Minimum reduziert wird. Die sog. »hedges« sorgen dafür, dass die absolute Gewissheit relativiert wird und stets dort Zweifel herrsche, wo eine Tendenz zu einer autorativen Stellungnahme seitens des Forschers deutlich wird, wobei Forschung von Fachkollegen höflich kritisiert wird (Gross / Harmon / Reidy 2002, 163ff.). Bei der Verwendung von Metaphern und Vergleichen komme es nicht auf literarische Dekoration an, sondern auf die Festigung des Argumentationsaufbaus durch theoriekonstitutive Elemente. Diejenigen Texte, die lediglich an einer literarischen Verzierung interessiert seien, um ihre Texte lesefreundlicher zu gestalten, bezeichnen sie als »science on holidays« (ebd., 167). Auf der syntaktischen Ebene wird eine noun-phrase Satzstruktur favorisiert, denn die Substantive bilden das notwendige grammatikalische Vehikel für die Kommunikation technischer Information. Das grammatikalische Bündel aus »noun-strings«, quantitativen Ausdrücken und Abkürzungen von Fachtermini bilden die »levels of abstraction«, die nur für die Mitglieder der jeweiligen scientific community verständlich seien (ebd., 169). Die Satzlänge habe sich innerhalb der historischen Genese des Papers auf ca. 30 Wörter pro Satz eingependelt, sodass wenig verschachtelte Satzkonstruktionen auftauchten und eher als Kompensationsstrategie für die Komplexität der Begriffe dienten. Besonders auffällig sei jedoch die Zunahme der Dichte von Zitaten und Verweisen auf andere Scientific Paper (ca. nach jedem 100sten Wort). Gross et al. bezeichnen dies als produktive Effektivitätsmaschinerie des Wissenschaftssystems, das einer ›Ökonomie der Aufmerksamkeit‹ folge (ebd., 171).34 Das Skelett des Scientific Paper weist folgende Struktur auf: Front Matter mit Abstract, Introduction, Methodology, Results Discussions, die weiter untergliedert werden in Comparisons, Interpretations, References und Reputation of Criticism, abschließend folge die Conclusion und dem Back Matter, wobei es auch hier Alternativen und Variationen geben könne.35 In der Introduction wird der Status quo in dem jeweilgen 34 Diese Zitatpolitik des wissenschaftlich-akademischen Feldes generiert gleichzeitig ein soziales Zitatennetzwerk unter den Akteuren, das auch im Genre des Popular Science Writing bzw. dem ›book-length scholarly essay‹ anzutreffen ist und als wesentliches Indiz die Genese eines Denkkollektivs anzeigt. 35 Die angeführten Ergebnisse sind also nur für englische Artikel repräsentativ (ebd., 185). Beim Vergleich mit den französischen und deutschen Samples zeigten sich einige Varianten bei der Einteilung in der Einführung des Papers. POP, POPULÄR, POPULARISIERUNG 119 Forschungsfeld kurz erörtert, damit sich der Autor bzw. die Autoren innerhalb der Forschung verorten können, um sich eine eigene Nische zu errichten, Inkonsistenzen in der aktuellen Forschung aufzudecken und in die eigene These einzubauen, sodass auf fehlende theoretische oder methodologische Aspekte und Wissensinhalte verwiesen wird, die in der eigenen Forschung berücksichtigt werden (ebd., 178). Schließlich wird auf diese Weise auch Ziel und Zweck des Artikels dargelegt. Die Conclusion wurde teilweise durch das Abstract ersetzt. Die Überzeugungskraft des wissenschaftlichen Arguments hingegen hängt von anderen Faktoren ab als im ›book-length scholarly essay‹. Im Scientific Paper dominiert die Methode und die Erklärung der statistischen oder graphischen Visualisierung, die das Argument stützt. »Scientific methode« meint hier jedoch strikt das experimentelle Design und Equipment, das man als Installation gebraucht, um ein bestimmtes Problem zu lösen, daher wird der experimentellen Darstellung meistens ein eigener Textteil gewidmet. Oft wird dies in ein kurzes Narrativ verwoben, um die einzelnen Vorgänge transparenter zu machen. Im frühen 20. Jahrhundert hatte dies noch die Form eines »cook book styles«, der sich immer mehr professionalisierte, sodass die Methodologie genauso wichtig wurde wie die theoretischen Ausführungen (ebd., 191f.). An der Darstellung der methodischen Durchführung der Überprüfung der Thesen erkenne man schließlich ›authentische Wissenschaft‹: »As in the case of the realistic novel, the methods details prompt readers not so much to act as to imagine events whose reenactment legitimates the narrative of the article as authentic. Their real importance lies in the fact that, if the knowledgeable reader judges the methodological details as a plausible strategy for solving the problem stated in the introduction, then that reader will likely view the article as authentic science« (ebd., 193). Die Argumentationskette und ihre Überzeugungskraft folgt demnach dem Trotzdem weisen alle drei nationalen Wissenschaftsdiskurse ein relativ homogenes Muster der Paper-Struktur auf. Heinz L. Kretzenbacher hält ähnliche Ergebnisse für die deutsche Wissenssprache fest, gibt jedoch auch zu bedenken, dass bereits im 17. Jahrhundert ausgehend von den Initiativen der Royal Society der »plain style« für die englische Wissenschaftssprache durchgesetzt werden sollte, um die Sprache der empirischen Naturwissenschaften so durchsichtig wie möglich werden zu lassen, was gleichzeitig bedeutete, dass man sich gegen die scholastische Rhetorik zur Wehr setzen musste, damit die Sachen (res) von den Wörtern (verba) nicht ›gequält‹ werden (Kretzenbacher 1995, 20). Es fand ein regelrechter Kampf der »Rethorik der Anti-Rhetorik« statt, der darin mündete, dass durch die Analogie zum optischen Instrument die Sprache als Medium der Erkenntnis transparent wie Glas umfunktioniert werden sollte, sodass durch das »zentrale Bildfeld Verstehen und Sehen« die geistesgeschichtliche Metapher von sinnlich optischer Wahrnehmung mit Klarheit und geistiger Erkenntnis verknüpft wurde (ebd., 22). EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 120 Paradigma »method«, »fact« and »explanation«, wobei jedoch unter »fact« vor allem, die Macht der Zahlen und ihre wissenschaftliche Wirksamkeit zu verstehen sei: »Qualitative sense impressions no longer count for much in establishing new facts. Quantification rules in all scientific disciplines, even botany and geology« (ebd., 195). Bevor die Zahl zum Fakt wurde, war es der Vergleich, der die Objektivität und damit die wissenschaftliche Durchsetzungskraft der Aussage ermöglichte (»fact is argument by comparison«). Darüber hinaus dienen auch Graphiken zur Objektivitätssteigerung und intersubjektiven Überprüfbarkeit der vorgelegten Ergebnisse (»if you don’t believe what I’ve written, see for yourself«). Visuelle Darstellungen überzeugen als »visual evidence«, die den Text belebt, kommuniziert, arrangiert und gleichzeitig illustriert. Die Referenz auf visuelle Argumentationsstrategien ist in den Text eingebettet, um ein »alternative universe« zu repräsentieren (ebd., 201), das erst lesbar gemacht werden könne, wenn es im Studium als interpretierbare, visuelle Spur lehr- und lernbar erkannt wird. Damit entwickelt sich das diskursive Argument erst allmählich aus der Visualisierung der quantifizierten und dargestellten Daten heraus (vor allem in Disziplinen wie der Chemie, der Botanik oder der Biologie): »The process of preparing visual representations involves both removing extraneous details and inserting amplifying features in order to establish facts and explain them« (ebd., 207). Unter den drei Subgenres des Scientific Paper unterscheiden Gross et al. das theoretische und das methodische Paper sowie den Review Article, der vor allem vergangene Paper synthetisiert, vergleicht und interpretiert. Reviewers sind Interpreten vergangener Wissenschaft. Francis Bacon bezeichnete sie als ›compilers‹ und ihre Funktion ist kaum von derjenigen, der Popularisierer zu unterscheiden. Oft besticht die Argumentationsweise des Popular Science Writing dadurch, dass es ältere Forschung vor dem Hintergrund neuerer Ergebnisse und Forschungsansätze beleuchtet, kritisiert und neu interpretiert. Alan Gross beschreibt die Evolution der Genres unter zuhilfenahme einer biologischen Analogie: »The communicative phentotype of the article is constituted by three suites of characters: style, presentation, and argument. Over time, these characters vary and through their genotypes, these variants selectively reproduce as a consequence of the varying needs of the different scientific disciplines, the articles niche. It is this process of selection that creates the communicative lineage whose history our theory is designed to explain« (ebd., 219). Bleibt man in diesem Bild so kann man auch Vargheses und Abrahams These folgen, dass sich das ›book-length scholarly essay‹ in dieser konstruierten Evolutionslinie dann als eine neue Kommunikationsnische etabliert hat, als sich das Scientific Paper der Spezialisierung der naturwissenschaftlichen Subdisziplinen gemäß immer weiter von der transdisziplinären Kommunikation notwendigerweise abkapseln POP, POPULÄR, POPULARISIERUNG 121 musste. Der Review Artikel, der im 19. Jahrhundert bereits eingeführt wurde, war die erste neue Linie, die Wissen synthetisierte, während die Science News und der Research Report zu Beginn des 20. Jahrhunderts über neues Wissen informierten.36 In dieser Konvergenz der Synthetisierung des Wissens zur Herstellung neuer Information und der Vermittlung von Wissen als kommunizierbare Information, sowohl für die breite interessierte Öffentlichkeit als auch für die jeweilige scientific community, entstand parallel hierzu das Popular Science Writing bzw. das ›book-length scholarly essay‹ als eine neue evolutionäre Linie im Kommunikationssystem des akademisch-wissenschaftlichen Feldes. Dennoch besteht ein leichter Anachronismus zwischen dem Scientific Paper des 18. und 19. Jahrhunderts und dem relativ jungen Genre des ›book-length scholarly essay‹, wenn man nämlich generell von der These der sozialen Konstruktivisten ausgeht, dass die moderne Form des Scientific Paper ein Betrug sei, eine regelrechte Fiktion, wie es in der berühmten Radiorede von Peter Medawar Is the scientific paper a fraud? (1963) angeprangert worden ist. Man verschweige nämlich gezielt durch die induktive Beweisführung die autobiographischen Züge jeder experimentellen Forschung, die sich hinter den Kulissen zwischen Labor und Schreibtisch abspielten. Der italienische Wissenschaftshistoriker Federico Di Trocchio merkt an, dass es Medawars Ziel war, die chronologisch-autobiographische Erzählung in den Forschungsbericht wieder einzuführen, »der das forschungstypische 36 Stephen Hilgartner geht in seiner Analyse der akademischen Textproduktion im naturwissenschaftlichen Bereich davon aus, dass es eine Vorder- und eine Hinterbühne des Textes gibt. In Anlehnung an Erving Goffman Theater-Modell zeigt er in Science on Stage (2000) anhand seiner Analysen des Reports »Diet, Nutrition and Cancer« der National Academy of Science wie der Text den rezeptionsästhetischen Blick des Lesers auf die Vorderbühne lenkt, während die hintere Szenerie versteckt wird: »The Academy creates a backstage region that its audiences cannot directly observe« (Hilgartner 2000, 43). Die rhetorische Kraft des Textes bestehe auf der Vorderbühne durch seine Monologizität und innere Kohärenz, frei nach dem Motto »speak with a single voice«: »To increase the impact of its reports, the Academy instructs its committees to make a mighty effort to reach consensus, and the great majority of reports succeed in creating a public display of unanimity« (ebd., 51). Die Hinterbühne werde konsequent ausgeblendet: die Diskussionen im Team, die Kontroversen, die unterschiedlichen Standpunkte und Meinungen, die Dynamiken der Entscheidungs- und Findungsprozesse, sowie die Konflikte (ebd., 53). Hilgartner Amplifikation der Theater-Metaphorik auf die Schreibgenese der Research Reports funtioniert auch bei der Beschreibung des Popular Science Writing, die vor allem im Vergleich zu den zugrundeliegenden Research Papers mehr verschweigen und damit Erkenntnisprozesse der Forschung unterschlagen, als sie offen im Textvordergrund zu diskutieren. EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 122 Ineinander von experimentellen Handlungen und Denkvorgängen möglichst genau spiegle« (Trocchio 2006, 246). Dabei sei es doch dieser Schreibstil gewesen, der in der Mitte des 18. Jahrhunderts und noch weit bis zum Ende des 19. Jahrhunderts hinein praktiziert worden sei, und allmählich von der scientific community verworfen und zunehmend dem argumentativen und nicht erzählenden Stil angepasst worden ist, wie ihn Alan Gross beschrieben hat (ebd., 254).37 Obwohl also dieses Genre weder ein künstlerisch attraktives noch literarisches Genre im engeren Sinne sei, habe die Wissenssoziologie von Bruno Latour und Steve Woolgar überzeugend dargelegt, wie der Fakt selbst zum Fetisch (frz. faitiche) werden könne, indem die schreibende Person zu einer semiotischen Figur in einem Text permutiere, die sich in rhetorischen Kunstgriffen übe (ebd., 256).38 Trocchio merkt jedoch an, dass, obwohl sich Latour selbst als der Vollzieher von Medawars Forderung ansehe, indem er den literarischen Stil dieser Texte aufdecke, die Wissenssoziologie ganz andere Probleme zu bewältigen habe, nämlich dass sie »die Möglichkeit oder die Erheblichkeit von Betrug als solche in Abrede stellt, weil es ihr nicht gelingt, im Rahmen der für sie typischen, grundsätzlich sprachlichen Analysen Ursachen dafür auszumachen« (ebd., 259). Seine Kritik an Latours Praktiken bezieht sich demnach darauf, die sozioökonomische Perspektive des wissenschaftlichen Feldes und seiner Akteure zu übersehen bzw. nicht in seine Untersuchungen miteinflie- ßen zu lassen. Es fehle daher gänzlich der »Wettstreit um das persönliche ökonomische und karrierebezogene Fortkommen«, das das Geschäft bzw. den Kampf um grants und Finanzierungsmöglichkeiten eigener Forschung nachhaltig beeinflusse und lenke. Hier sehe er die eigentliche Hauptursache für den Betrug in der Wissenschaft: In dem sozialen Kontext, in dem sich ein Wissenschaftler heute bewegt, wird der Interessenkonflikt, in dem das Phänomen des Betrugs seinen Ursprung hat, immer wichtiger. Deshalb ist es inkorrekt, Medawars alter These vom ureigenen betrügerischen Charakter der wissenschaftlichen Abhandlung weiterhin Kredit zu geben. Aber es ist auch unangemessen 37 Trocchio weist zu Recht darauf hin, dass der vergangene Schreibstil basierend auf Techniken der literarischen Fiktion genauso verfälschend sei, wie derjenige der heute praktiziert werden würde und weist dabei auf unterschiedliche Fälle von Fälschungen in der Wissenschaftsprosa des 19. und 20. Jahrhunderts hin (ebd., 250ff.). Siehe hierzu auch Di Trocchio (1995). 38 Er verweist auf eine sehr aufschlussreiche Arbeit von Michael Mulkay und Gilbert Nigel, die den wissenschaftlichen Diskurs entschlüsselt und in Tabellenform festgehalten haben. Beispielsweise wäre folgende Aussage »Während es nicht möglich war, die Frage definitiv zu beantworten« gleichzusetzen mit der Konnotation »Das Experiment hat nicht funktioniert, aber ich dachte, es könnte zumindest eine Veröffentlichung dabei herausspringen« (ebd., 257). POP, POPULÄR, POPULARISIERUNG 123 (und könnte als exzessiver Intellektualismus empfunden werden), auf den rhetorischen Verzerrungen wissenschaftlicher Kommunikation zu beharren, während man gleichzeitig Elemente politischer, industrieller und ökonomischer Natur vernachlässigt (oder sie in eine semiotische Perspektive schiebt, was ihre Bedeutung schmälert). (ebd., 262) Was letztlich Trocchio und Latour gleichermaßen übersehen, ist, dass Peter Medawar als Ex-Wissenschaftler, Wissenschaftsadministrator und -politiker in der Rolle des Director of the National Institute for Medical Research seinen Radiovortrag bei der Radiosendung The Listener hielt und damit nicht nur das Erbe des Popularisators Julian Huxley antrat, sondern auch durch seine spätere Buchveröffentlichung Advice to a young scientist (1981), die innerhalb der Buchreihe der Alfred P . Sloan Foundation zum amerikanischen Public Understanding of Science erschien, endgültig seine Position im wissenschaftlich-akademischen Feld preisgab. Dort hält er zwar an der offiziellen Version des Scientific Paper fest, betont jedoch: »A good writer never makes one feel as if one were wading through mud or picking one’s way with bare feet through broken glass. Further, writing should be as far as possible natural – that is, not worn like a Sunday suit and not too far removed from ordinary speech, but rather as if one were addressing one’s departmental chairman or other high-up who was asking about one’s progress« (Medawar 1981, 63). Auf einer sehr bildliche Art und Weise versucht Medwar sowohl dem jungen als auch dem alten Wissenschaftler sowie den »nonscientists« einen stilistischen Ratschlag zu geben, sich nicht zu weit von der Alltagssprache (ordinary speech) zu entfernen. Empfohlen wird eine Annäherung an ein mündliches Gespräch mit seinem Vorgesetzten. Damit reaktiviert Medawar auch in seinem späteren Aufsatz, den dialogischen Aspekt des Papers, wie er bereits von dem ersten Sekretär der Royal Society, Henry Oldenburg, mit der Gattung des Briefwechsels zwischen Experten eingeführt worden ist.39 Welches Genre jedoch tatsächlich mit 39 Trocchio merkt hierzu an: »Diese eigentümliche Herkunft zeigt, daß die Entstehung der wissenschaftlichen Mitteilung Teil des allgemeinen Prozesses ist, in dem sich die naturwissenschaftlichen Intellektuellen aus der übrigen, sich sei Anfang des 16. Jahrhunderts als Respublica Litterarum begreifenden kulturellen Gemeinschaft herauszulösen beginnen. Die Angehörigen dieser virtuellen Gemeinschaft hatten die Briefform perfektioniert und sie in breitem Umfang zur Verständigung und Berichterstattung genutzt, so daß sie bald ebenso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger wurde als andere schriftliche Formen, vor allem innerhalb der entstehenden Untergemeinschaft der naturwissenschaftlichen Spezialisten, die mehr noch als die übrigen Intellektuellen ein schnelles und flexibles Instrument für den Informationsaustausch über die von ihnen durchgeführten Experimente – eine relativ neue Seite der intellektuellen Tätigkeit – brauchten« (Trocchio ebd., 248). EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 124 dieser Forderung einen neuen sozialen Status innerhalb der Hierarchie wissenschaftlich-akademischer Werke erhält, ist eben das Popular Science Writing, das jenseits von diesem schlichten Anachronismus zwischen der antiquierten und modernen Form des Papers eine neue Grundlage schafft, um einerseits von naturwissenschaftlichen Wissensinhalten zu berichten, im Sinne der reinen Informationsübermittlung, und andererseits über die Praxis wissenschaftlichen Forschens aufzuklären (ähnlich den Wissenschaftssoziologen und Historikern). Indem er zusätzlich darauf hinweist, dass man sich am besten an den Sceptical Essays von Bertrand Russell orientieren solle (ebd., 64), betont er nochmals die Nähe zu den geisteswissenschaftlichen Textformen und der Tradition der Essayistik. Rückwirkend sei es so möglich seinem eigenen Diskurs einen selbstreflexiven und kritischen Anstrich zu verleihen. Auch in der deutschen Literaturwissenchaft wird das populärwissenschaftliche Schreiben als eine Art hybrides Genre zwischen Essayistik und Sachbuch, dem Tatsachenroman des 20. Jahrhunderts, beschrieben. Christian Schärf beispielsweise charakterisiert das populärwissenschaftliche Schreiben als »literarische Hybridisierung von Sachtexten«: »Wenn Literatur heute noch einen experimentellen Spielraum hat, dann, so könnte man schließen, im Sinne einer Neukombination von explikativ-narrativen und essayistischen Schreibweisen im Rahmen nonfiktionaler Wissensvermittlung« (Schärf 2008, 280).40 Die erste Phase der Genese dieses Genres kann bereits auf das Jahr 1870 datiert werden mit der Herausgabe der Zeitschriften Deutsche Rundschau, Freie Bühne, Zukunft, Grenzboten, Nord und Süd und Gegenwart. Der Revue-Aufsatz stellt hierbei das deutsche Pendant zum englischen Popular Scientific Article dar. Er erfüllte verschiedene Funktionen von der Zweitverwertung von Vorträgen zur Übersichtsartikeln der Forschung, wie sie vor allem vom Psychologen Wilhelm Wundt publiziert wurden. Oft dienten diese Artikel als 40 Robert Matthias Erdbeer beschreibt diesen Prozess als ein Fortschreiten von der neuen Sachlichkeit zum Science-Fiction-Roman. In seinen Analysen tendiere diese Wissenschaftsprosa wie am Beispiel der »Welteislehre« gezeigt wird, zu einer »pseudowissenschaftlichen Gefährdung ersten Ranges« erzeugt durch einen zirkulären Schreibgestus, der zur Produktion populärer Desinformation führe (Erdbeer 2008, 240). Diese zirkuläre Doppelstrategie aus Plausibilisierung und Verrätselung trifft sicherlich auf die deutsche populäre Wissenschaftsprosa zu, wie sie Erdbeer in der esoterischen Moderne und ihren Akteuren untersucht. Siehe hierzu auch Erdbeer (2010). Als außeruniversitärer Popularisierer am sich herauskristallisierenden heteronomen Pol des populärwissenschaftlichen Feldes ist vor allem der Mathematiker Kurd Laßwitz zu nennen, der für seine philosophische Popularisierung Immanuel Kants sogar einen Preis gewonnen hat. Am autonomen Pol beginnen sich Ernst Haeckel, Ratzel und Wilhelm Wundt zu positionieren und zwar zwischen Rundschaupublizistik und wissenschaftlicher Essayistik (Jost 2008, 201ff.). POP, POPULÄR, POPULARISIERUNG 125 Sprungbrett zu größeren Buchprojekten (Jost 2008, 205). Ebenso jedoch wurde der Schreibstil im Sinne einer »imagologischen Weltkriegsrhetorik« stark politisiert, ohne jedoch in eine Selbstreflexion über das eigene Genre zu münden (ebd., 210). Die Geschichte des Sachbuchbegriffs wird von Literatur- und Buchwissenschaftlern in Deutschland, die sich vor allem auf die damalige Literaturkritik beziehen, auf das Jahr 1949 datiert (Diederichs 2010, 12ff.). In diesem Jahr erschien in dieser Rubrik »Götter, Gräber, Gelehrte«, ein Sachbuch über Archäologie von C. W. Cerman, das eine hohe Auflage erfuhr und in 28 Sprachen übersetzt wurde. Ceram erwähnt in seinem Vorspann, dass er das Buch in der Tradition des Tatsachenromans verankert sehen will. Die Literaturkritik verwendete jedoch noch andere Klassifikationsbegriffe wie den erregenden Tatsachenbericht und die Non-Fiktion-Bücher (englisch General Non-Fiction). Diskutiert wurde der Begriff erstmals auf dem Berliner Schriftstellerkongress von 1960. Dort wurde das Sachbuch vor allem als sozial- und bewusstseinsgeschichtlicher Teil der Aufklärung eingeführt. Die Verlagsarbeit beim Econ-Verlag oder bei Safari erstellte Broschüren, um diese Sachbücher zu vermarkten. Die erste Stilkritik zum Sachbuch wurde von Hans Magnus Ezenzberger zur wissenschaftlichen Publizistik verfasst. Die Begriffe waren sehr fluktuierend, mal hießen sie »Sachbuch für die Jugend«, »Erwachsenenliteratur« oder »volkshaft-wissenschaftliches Buch«. Von 1962 bis 1971 benutzte die Buchindustrie als Werbekategorie den Sammelbegriff »dms – das moderne Sachbuch«, der sowohl vom Econ als auch vom Ullstein-Verlag verwendet wurde. Durch die Distinktionspolitik der Verlage wurden unterschiedliche Definitionen verankert: Im Econ-Verlag wurden die Kriterien hohe Lesbarkeit und sachliche Zuverlässigkeit groß geschrieben, der Ullstein-Verlag sprach dagegen von einer »popularisierten Fortsetzung von Fach- und wissenschaftlichen Büchern«. Einer der damaligen Wissenschaftspublizisten war Robert Jungk, der den Autor als Informator ansah und das Sachbuch als Informationsbuch, das auf der Unterscheidung zwischen Wissenden und Laien beruhte. 1962 führte der Spiegel die Bestsellerliste mit den beiden Kategorien Belletristik und Sachbuch (non-fiction) ein. Als ›Informationsbuch‹ sei es jedoch stark vom Zeitgeschehen abhängig: »Auch das modernste Sachbuch ist zum alsbaldigen Gebrauch bestimmt, es trägt den Moment des Veraltens bereits in sich. Dies nicht nur vom Forschungsstand her gesehen oder von der Themenwahl, sondern auch von der jeweils ›neuen‹ Aufbereitung des Materials: die romanhafte Einkleidung ist heute ebenso passe wie die launige Metaphorik, die für bestimmte Prototypen der Sachliteratur noch als durchaus legitim galt« (ebd., 22). Diese Kurzlebigkeit sei allein schon durch die Orientierung an Debatten gegeben, die schnell wieder abklingen könnten und durch neue ersetzt werden. Damit jedoch vervielfältige sich auch der »multivalente EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 126 Gebrauch« des Sachbuches, da es gleichsam zwischen Literatur, Wissenschaft und Gesellschaft vermittle: »Aus dem Prinzip der Vermittlung von Wissensstoffen ergeben sich bestimmte Gestaltungsformen, die sich nicht zur Belletristik (Roman, Essay) verselbständigen, aber dem Sachbuch doch einen Standpunkt innerhalb der Literatur zuweisen« (ebd., 27). Hier gerade müsse man ansetzen, um den Literaturbegriff zu öffnen. Wenn man dies tue, müsse man den Sachbuchbegriff weiter zurückverfolgen. So könnte man bereits in der Aufklärung einen Geburtsort des Sachbuchs ausmachen und zwar neben den Enzyklopädien und der Populärwissenschaft. Um 1900 schließlich entwickele es sich in Abgrenzung zur Science-Fiction-Literatur und zur Arbeiterlektüre (Wissenschaft und Belehrung 58 %, Belletristik 42%). Diese sei vor allem praktisch, naturkundlich, humanistisch und sozialistisch ausgeprägt. Gleichzeitig errichtete der Rowohlt-Verlag mit der »Tatsachen-Literatur« ein Genre, das sich mit Bezug auf Musil und Thomas Mann als Amalgamierung von Naturwissenschaften in der Literatur verstand (ebd., 53). Zu den musischen Vätern des Sachbuches gehörten vor allem Walter Kahnlehns »Die eisernen Engel. Geburt, Geschichte und Macht der Maschinen« von 1935 sowie Heinrich Eduard Jakobs »Sage und Siegeszug des Kaffees« von 1934, der das Sachbuch wie folgt kommentierte: »Wir sind dazu da, der ›Sachwelt‹ in der wir zu leben haben, ihre humanistische, persönliche und dichterische Würde zurückzufinden« (ebd., 55). Entscheidend jedoch ist, dass es sich hierbei um einen amerikanischen Stilimport handelt. Paul de Kruif hatte bereits 1926 mit seinem Buch »The Microbe Hunter« versucht Mikrobiologie zu popularisieren. Ceram verweist auf ihn als Stilgeber seines eigenen Werks. Man kann also zu recht behaupten, dass es sich beim deutschen Sachbuch zum Teil um einen Stilimport des angelsächsischen Journalismus und der Wissenschaftspublizistik handelt (ebd., 57).41 Heinrich Kreuzer geht in seiner historischen Rekonstruktion des Sachbuchs von der Unterscheidung zwischen Wissenschaft und Dichtung im 41 Ebenso sieht die amerikanische Literaturwissenschaftlicherin Beth Luey in diesen translationalen Prozessen der Schreibstile eine gemeinsame Stilgeschichte von deutschem Sachbuch und amerikanischem Popular Science Writing gegeben (Luey 2010, 108f.). Dennoch betont sie, dass Paul de Kruifs »Microbe Hunter« zwar die Methode der Biographisierung mikrobiologischen Wissens effektiv einsetzte, um Information und Unterhaltung in Einklang zu bringen, doch weist sie auch auf den oft melodramatischen Stil hin, der durch die Humanisierung der Mikrobe entstehe. Ceram hingegen verknüpfe gekonnt, Abenteuergeschichte mit archäologischer Entdeckungsreise, die durch die Forscherpersönlichkeiten lebendig inszeniert worden sei. Alfred A. Knopf, der Herausgeber der amerikanischen Ausgabe, prägte schlagartig den Begriff »de kruif-ceram method« für populärwissenschaftliches Schreiben. Was bei diesem stilistischen Vergleich gänzlich aus den Augen gelassen POP, POPULÄR, POPULARISIERUNG 127 Sinne von George Lukasz aus. Dieses Verhältnis bleibe selbst in dem romantischen Programm der Universalpoesie um 1800 unerfüllt und werde gleichsam nur bei Alexander von Humboldt noch einmal initiiert (Kreuzer 2006, 10). Andere Formen des Literarischen hätten sich parallel entwickelt, wie der historische Roman und der soziale Gegenwartsroman, dessen Entstehung von nationalgeschichtlichen Faktoren bedingt war. Zeitgleich mit der Genreausdifferenzierung in der Literatur sei auch im akademischen Feld eine stetige Ausdifferenzierung zu beobachten gewesen, nämlich zum einen die Trennung zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften und schließlich die Neuformulierung der Geisteswissenschaft als Kulturwissenschaft durch Ernst Cassirer. In den 1920er Jahren habe schließlich die historische Biographie den individualistischpsychologischen Roman ersetzt. Die dominierenden Gattungen dieser Zeit seien die psychologisch-historisch interessierte Biographie (romancée), die soziologisch-politische Reportage und das technologisch-naturwissenschaftliche Sachbuch (eine Faktographie romancée) gewesen, wobei alle Genres wissenschaftlich fundiert, literarisch inszeniert und funktional ausgerichtet waren (ebd., 15). Die Hierarchie des deutschen Kastengeistes wird zum Relikt alter Zeit und die geisteswissenschaftliche Elite sah sich nicht als moralischer Führer: »Sie war dafür im Ganzen noch zu konservativ in der Gesinnung, zu akademisch-esoterisch in der Form«.42 Die Reportage sei hingegen der »Plebejer in der Hierarchie der Text sorten« (ebd., 24).43 Siegfried Krakauer veröffentlichte 1929 »Die Angestellten« ein Hybrid-Genre aus sozialer Studie, Textcollage und literarischer Reportage. Kreuzer charakterisiert das Buch als »nicht-fiktionales Genre der ›Literatur der Außenwelt‹« (ebd., 27). Einflüsse amerikanischer Erzähler seien ganz klar erkennbar, z.B. von Hendrik Willen van Loon, bei dem der Begriff »story« zum Markenzeichen im Titel seiner Bücher wird. Gleichzeitig sei ein Aufstieg an rechter Sachbuchliteratur zu Technik, Industrie und Wissenschaft zu beobachten, während sich der Reportageroman der Weimarer Linken auf die »Spanienkriegsliteratur« wird, ist, dass die sprachlich-literarischen und erzählerischen Möglichkeiten von der jeweiligen Disziplin abhängen – in diesem Fall der Mikrobiologie und der Archäolologie – die zwei ganz unterschiedliche Fachsprachen und Methoden des Forschens ausgebildet haben, und daher auch nach einer jeweils anderen Form der Popularisierung verlangen. 42 Kreuzer erwähnt hier ausschließlich Emil Ludwig und seine »Seelenporträts«, die an »individualistische Einfühlungsbiographien« erinnerten. 43 Repräsentationsfiguren seien hier vor allem der US-Amerikaner John Reeds und aus Deutschland Egon Erwin Kisch: »Kisch entwickelte die Reportage zu einem operativen Genre mit vielfältigsten (auch vom Film beeinflussten) Darstellungsmitteln weiter, zur ›Reportage als Kunstform und Kampfform‹ von wissenschaftlichem Geltungsanspruch« (ebd., 25). EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 128 bezog (ebd., 29). Allmählich zeichne sich so eine Diktion / Fiktion-Debatte ab: Fiktionale Erzählweisen imitieren nichtfiktionale Formen oder legitimieren sich durch authentische Erfahrung und autobiographischen Gehalt. Nichtfiktionale Berichte nutzen Techniken der Fiktion und der literarischen Stilisierung. Autoren biographischer und autobiographischer Texte werden sich der fiktionalen und nicht-fiktionalen Aspekte ihres Tuns ebenso bewußt wie theoretisierende Historiker (vgl. Haydn White), die auf die Erzählfunktion ihrer Wissenschaft reflektieren. Für die Rezeption und teilweise auch für die Produktion verfließt die Grenze zwischen literarischen Sachbüchern, die ohne Forschungsanspruch über Wissenschaft geschrieben werden und theoretisch-wissenschaftlicher Literatur, die mit eigenem Erkenntnisanspruch auftritt, aber sich in ihren Darstellungsmitteln nicht mehr dem Verständnis der literarischen Intelligenz entzieht und von dieser in das Repertoire der anerkannten Literatur und des literarischen Zeitgesprächs der Kritik integriert wird. (ebd., 37) Der Fiktionsbegriff in der Sachbuchliteratur ist literaturtheoretisch betrachtet sehr fragil. Meike Herrmann versucht mit Rückgriff auf Frank Zipfels Studie zum Fiktionalitätsbegriff diesen in Bezug auf die Sachbuchliteratur fruchtbar zu machen. Sie greift dabei die Unterscheidung zwischen Fiktivität, die sich auf die histoire (story) bezieht, also die dargestellte Handlung, die entweder als real oder fiktiv zu bewerten ist, und die Fiktionalität, die sich auf die discours-Ebene bezieht und die Vermittlung oder Erzählung dieser Handlung meint: »In Bezug auf das Sachbuch ist generell die Ebene der Fiktionalität, also der Vermittlung und Darstellung, interessanter als die Ebene der Fiktivität, zumindest solange man davon ausgeht, dass die sachliche, inhaltliche Richtigkeit des Sachbuches (Fehler eingeschlossen, Lügen ausgeschlossen) nicht zur Debatte steht« (Herrmann 2008, 7). Die inhaltlich-semantische Ebene sei vollständig referentialisierbar. Eine grundlegende Unterscheidung müsse man allerdings auf der Ebene der Sprechhandlungssituation einführen: »Der offensichtliche Unterschied zwischen Belletristik und Sachbuch ist das Fehlen der Erzählinstanz im Sachbuch. Als Sprecher des Textes kann bzw. muß der Autor angenommen werden; es besteht – im Sinne der Intention des Textes – nur eine einzige Ebene der Sprachhandlung«.44 Die Unterscheidung zwischen Fakt und Fiktion sei nur aufgrund von Fiktionssignalen und paratextuellen Elementen möglich (z.B. durch die 44 Diese These wird hier nicht unterstützt. Stattdessen soll gezeigt werden, wie die paratextuelle Rahmung der Texte durch Vor- und Nachworte, Anhänge, Danksagungen, Zitatennetzwerk, Fußnoten etc. viele unterschiedliche Autorstimmen inszenieren, um die psychosoziale Konstruktion wissenschaftlicher Autorschaft zu markieren und ihre autobiographische Genese nachvollziehen POP, POPULÄR, POPULARISIERUNG 129 Publikation in einem bestimmten Verlag oder einer Reihe, der äußeren Gestaltung, dem Titel und Untertitel sowie der Gattungsbezeichnung). Im »Modus« ließen sich daher fiktionales und faktuales Schreiben noch am ehesten voneinander unterscheiden. Grauzonen hingegen seien Formen der Intertextualität und Metafiktionalität. Letzteres sei nur der Literatur im engeren Sinne vergönnt, weil nur sie in der Lage sei, ihre eigenen Produktionsregeln außer Kraft zu setzen in der metafiktionalen Rückbezüglichkeit ihres eigenen Diskurses. Ähnliche Merkmale in wissenschaftlichen Texte definiert Nünning hingegen als »Regiebemerkungen über die Organisation des Materials« (ebd., 10). Aus pragmatischer Perspektive werde die Fiktionalitätsanalyse durch die Soziologie des Lesers bestimmt, einem Tauschprozess der inneren (Autor, Text, Leser) und äußeren Sprachhandlung (Erzähler, Text, Adressat). Die Analyse müsse die Lektürekompetenz des Lesers beachten, der nach wie vor einen »Fiktionsvertrag« eingehe, denn auch Fiktionen könnten Fiktionalität implizieren (ebd., 12). Hierzu werden drei pragmatische Analysestufen vorausgesetzt: der Fokus liegt auf dem Paratext, wobei der Analyseschwerpunkt auf den Fiktionssignalen und ihrer Darstellungsbezogenheit liege. Hierzu müssten die sich verändernden Lesekonventionen und der variable Wirklichkeitsbezug berücksichtigt werden. Faktualitätssignale seien generell in der Forschung noch nicht berücksichtigt worden (ebd., 13). Man sieht an diesem Aufsatz, wie sehr sich Herrmann darum bemüht, eine literaturtheoretische Klärung des Fiktionalitätsstatus von Sachbüchern zu erarbeiten, sodass er sogar dazu tendiert, von einem »Sachbuchvertrag« auszugehen (ebd., 16). Gänzlich unbeantwortet bleibt die Frage nach den Sachbuchelementen in der Literatur, die die Belletristik zu einem Reflexionsmedium der Wissens- und Informationsgesellschaft mache (ebd., 19). Die Probleme der Begriffsdefinition des Sachbuchs bleiben bestehen. Es wird mit Begriffen wie nonfiction novel, factfiction, faction experimentiert, aber nicht literaturtheoretisch fundiert. Stattdessen hält sie fest: »Ein Sachbuch, das mit den formalen Elementen fiktionaler Literatur spielt, etwa mit wechselnden Perspektiven, bleibt trotzdem ein Sachbuch. […] Was die Grenzen aufweicht, bringt sie gleichzeitig wieder stärker ins Bewusstsein« (ebd., 20). Es wäre vielleicht angemessener in diesem Kontext von einem Narrativitätsspektrum des Fiktionalen und Nicht-Fiktionalen zu sprechen, in dem die beiden Parameter Fiktionalität (discours) und Fiktivität (histoire) die Transformationsregeln zwischen Sachbuchliteratur und Kunstliteratur bestimmen. Allerdings sollte man diese Autonomie des Literatursystems zu können. Hier wird nicht nur eine »Pluralität des Ego« erkennbar, wie sie Michel Foucault in »Was ist ein Autor?« beschrieben hat, sondern auch unterschiedliche soziale Rollen des Forschers in der Scientific Community. Siehe hierzu Azzouni (2015) und Flatau (2015). EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 130 nicht zu weit denken, hängt doch die Klassifikation sehr stark vom Buchmarkt und der Kulturindustrie ab, sowie von den jeweiligen Verlegern und ihren betreuten Autoren. Auch darf nicht vergessen werden, dass das Sachbuch in Deutschland bis vor kurzem eine inferiore Kategorie der Literaturwissenschaft war, die es nicht geschafft hat, ins Zentrum germanistischer Forschung zu rücken. An den Untersuchungsgegenstand der Kunst- bzw. Hochkammliteratur, der seine Erhabenheit dadurch bezeugt, dass ihn das akademische Feld der Literaturwissenschaftler durch die Tradierung des Kanons und den dazugehörigen literaturwissenschaftlichen Gesellschaften mit ihren eigenen Konsekrationsinstanzen heiliggesprochen hat, kam die Sachbuchliteratur nie heran. Immer noch scheint sie eher den Buchwissenschaften anzugehören, als der Literaturwissenschaft. Dabei scheint eher im umgekehrten Sinne das, was die deutschen Leser beschäftigt, von der Sachbuchliteratur angeführt zu werden, wie der Mainzer Literatur- und Buchwissenschaftler David Oels zu bedenken gibt (Oels 2005). Er spricht von einer »Versachbuchlichung des Erzählens«, in der sich der Erzähler oft zum Anwalt des Lesers emporstilisiere und dies vor allem in der Vorwortfunktion deutlich werde (ebd., 22). Auch zeige sich ein Verzicht auf »literarische« Möglichkeiten zugunsten der Fakten (ebd., 23). In Bezug auf die Inhaltskategorie, so Oels, merke man, dass das Erzählen eben nicht an sein Ende gelangt sei. Gerade die Sachbuchliteratur zeige, dass wieder erzählt werde: »Deren Funktion ist die Rückbindung des Erzählten an außerhalb der Fiktion Vorhandenes als Legitimation und Lieferant des je interessanten und ›Neuen‹ oder zumindest anderen, ist die Wiederkehr der Referenz und damit Rettung des Erzählens vor durchschaubarer Rhetorik und Moral, die identifizierende, naive, saghafte Lektüre verhindert: Was hier als Erzählen wiederkehrt, hat die Zeiten des Erzähltabus im Sachbuch überdauert« (ebd., 23). Neben David Oels hat auch Stefan Porombka versucht, von der Funktionsleistung des Sachbuchliteratur auszugehen und entwickelte interessante Vorschläge, um die Sachbuchliteratur ins rechte Licht der Germanistik zu rücken. Er unterscheidet dabei zwischen ›Regel- und Weltwissen für die Jetztzeit‹ und charakterisiert diese beiden Elemente wie folgt: Das »Regelwissen« sei an einer Lebenswelt orientierte techne im Sinne der antiken Selbstpraktiken, die Wissenschaft und Alltagspraxis miteinander konvergieren lassen. Als Beispiele seien hier Textsorten wie der Ratgeber, die Essayistik / Moralistik, der Streit bzw. die Unterredungen als Regelwerk einer debattierenden Öffentlichkeit zu sehen (Porombka 2005, 13). In Anlehnung an Gerhard Schulzes Terminologie spricht Porombka von einer »autodidaktischen Optimierung von Kulturtechniken des Alltagslebens«. ›Weltwissen‹ hingegen sei zwar mit dem Regelwissen verknüpft, POP, POPULÄR, POPULARISIERUNG 131 entspreche jedoch mehr einer Kontextualisierung des Neuen durch Narrativierung: Die Kulturfunktion, die die Sachbuchliteratur übernimmt, lautet deshalb: Ereignisse, Geschehnisse, Neuigkeiten, Fakten in kohärente vorläufige Geschichten zu integrieren, über die der Weltlauf als sinnhafter Zusammenhang vorläufig beschlossen werden kann. Sachliteratur liefert das, was Lyotard die ›großen Erzählungen‹ genannt hat. Allerdings im kleinen Format und nur für die Gegenwart. Anders gesagt: Sachliteratur integriert die Informationen, mit denen sich die Kultur über sich selbst informiert, um sie sinnvoll erscheinen zu lassen. Für den Leser erschließt sich daraus ein doppeltes Regelwissen: zum einen lernt er, wie er sich zur Welt Verhalten soll, zum anderen bekommt er bestätigt, dass er sich wahrscheinlich demnächst schon wieder anders verhalten muss. (ebd., 15). Die Sachbuchliteratur sei daher auch als kritische Literatur ihrer Zeit zu betrachten, als ein beobachtendes und kritisches Kommentieren von Literatur (ebd., 16). Abzugrenzen sei diese jedoch vom Nachrichten- und Kulturjournalismus. Ersterer konzentriere sich auf News und Facts ohne Narrative und Vermittlung des Wissens, letzterer hingegen übernehme viele unterschiedliche Erzählweisen, um sie in die Sachbuchliteratur zu integrieren (darunter fallen zum Beispiel Formen wie Kritik, Gespräch, Portrait, Essay, Reisebericht, Interview, Reportage). ›Sachbuchliteratur‹ wäre also in diesem Sinne als kritischer Kulturjournalismus zu verstehen, und da natürlich auch akademische Wissenskulturen Teil der Gesellschaft seien, treten Sachbuchautoren oft auch als ›kritische Wissenschaftsjournalisten‹ auf. Aus Sicht der kritischen Diskursanalyse wird die Unterscheidung zwischen Literatur im engeren Sinne und naturwissenschaftlicher Sachbuchliteratur weiter verkompliziert. Folgt man Jürgen Links Anmerkungen zum nicht reglementierten Interdiskurs kommt sowohl dem literarischen als auch dem populärwissenschaftlichen Diskurs gleichermaßen die Funktion der »Anthropomorphisierung von naturwissenschaftlichem Wissen« zu (Link 2005, 201).45 Die Gemeinsamkeiten von Literatur und Populärwissenschaft seien, a) dass sie elementardiskursiv operieren und b) eine narrativ-subjektivierende kompensierende Gegentendenz zur Wissenschaftsdifferenzierung in der Moderne seien. Der Unterschied würde darin liegen, dass Populärwissenschaft immer noch an den Spezialdiskursen partizipiere und daher ein »kohärentes Isotopiengefüge« produziere, das anzeige, dass 45 Er beschreibt wie der Briefwechsel zwischen Dichtern und Chemikern einen eigenen Interdiskurs produziere, der dem »Ensemble des Elementardiskurses« folgt und als »fluktierendes interdiskursives Material« aufzufassen sei. Die Bedeutung des Adjektivs ›fluktuierend‹ verweist noch einmal auf den schwachen Reglementierungscharakter des Interdiskurses. EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 132 der Faden zum Spezialdiskurs nicht gerissen sei (ebd., 205). Wie Jürgen Link im Kontext seiner Diskursanalyse bereits formuliert hat, sei es gerade der Kollektivsymbolik zu verdanken, dass die Zwei Kulturen nicht auseinanderdriften, sondern dadurch zusammengehalten werden, dass die Kollektivsymbolik bereits in Spezialdiskursen wirksam werde, und zwar dort, wo sie interdiskursiv gerahmt sei, z.B. in Vorworten von Lehrbüchern, die zugleich in der Funktion einer »kulturellen Akzeptabilität« auftreten (Link 1988, 293). Der literarische Diskurs hingegen verwandle dieses »Integral-Wissen« in »subjektiv applifizierbare Vorgaben«, das Wissen erlebbar mache (Link 1990, 95). Doch aus Sicht der Diskursanalyse gehe die Literatur noch weiter: Obwohl sie zu der Gesamtheit der interdiskursiven Kollektivsymbolik dazugehöre, sich von dieser herschreibe und an ihren Wertungsperspektiven (Diskurspositionen) teilnehme, überschreite sie »utopisch« den bestehenden Rahmen von bestimmten Diskursen, weil sie sich gegenüber »entgegengesetzten sozial dominanten diskursiven Positionen ambivalent« verhalte, sie verfremde, mit ihnen spiele und sich damit den herrschenden Diskursen entziehe (ebd., 97). Dieser kritische Impetus der literarischen Interdiskursivität mache die Literatur selbst zu einem Medium eines Wissens, das erlaube, die gegebene Kollektivsymbolik einer gegebenen Zeit und Kultur kritisch zu hinterfragen und ihre ideologiebildende Kraft zu durchbrechen.46 Allerdings ist Link in der Wahl seiner Unterscheidungskriterien nicht konsequent, denn immer wieder scheinen die Popularisierung und Literarisierung von Wissen kongruent zu werden. So zählt er die journalistischen und literarischen Schreibpraktiken im weiteren Sinne zu den Textsorten der Popularisierung, versucht jedoch dann den literarischen Diskurs im engeren Sinne, die »poetische Literatur«, als eigenständigen Spezialdiskurs zu charakterisieren: Diese Literatur läßt sich unter den Prämissen meines Gesichtspunkts ›erstens als gesellschaftlich institutionalisierte Verarbeitung des Interdiskurses‹ auffassen. Wir haben es dabei sozusagen mit der paradoxen Verwandlung des Interdiskurses in einen eigenen Spezialdiskurs zu tun. Ich meine deshalb […], daß das erste generative Grundgesetz der Literatur heißt: Verarbeitung der kulturell bereits paratgestellten ›elementaren Literatur‹, u.a. der Kollektivsymbolik. Ich könnte auch formulieren: Bevor Intertextualität entstehen kann, muß Interdiskursivität stets 46 Wendet man sich vom Fiktionalitätsstatus der Textsorten ab und der gesellschaftlichen Funktionsleistung des Erzählens zu, dann findet man vielleicht auch ein adäquateres Beschreibungsset von Begriffen, die sich nicht in literaturtheoretische Diskussionen verrennen, obwohl diese Überlegungen ein entscheidendes Kriterium für die notwendige Unterscheidung bereithalten, um die Frage zu erörtern, inwiefern die literarische Produktion im Kontext naturwissenschaftlichen Wissens, die lebenswissenschaftlichen Ideologien korrigieren kann. POP, POPULÄR, POPULARISIERUNG 133 schon da gewesen sein. Ein zweites tendenzielles Grundgesetz kommt hinzu: die Literatur verarbeitet mit Vorliebe ambivalentes Material auf eine Weise, die die Ambivalenz wahrt und häufig künstlich steigert (Link 1988, 300f.). Letztendlich stelle gerade die »elementare Literatur« das »größte generative Reservoir der Kunstliteratur« dar und Link ist sich natürlich dessen bewusst, dass damit eine Herabwürdigung jenes Literaturbegriffs einher geht, den gerade die literaturwissenschaftliche Lektüre etabliert und kanonisiert hat: die Hochkammliteratur.47 Die »polysemische Tiefe wie der Konnotationsreichtum, vor allem aber auch die blitz- und explosionshafte neue Sinndeutung der Symbole bei den Dichtern« sei nur möglich aufgrund der populären-elementaren Literatur, »weil sie auf dem schon vorhandenen Klavier der kulturell parat gehaltenen Versionen des Materials ihr virtuoses Spiel beginnen kann« (ebd., 303). Man kann also festhalten: Bevor ›Intertextualität‹ zwischen Wissenschaft und Literatur entstehen kann, muss bereits eine ›Interdiskursivität‹, also eine Popularisierung von Wissenschaften, da gewesen sein. Schlussendlich lässt sich weder für das naturwissenschaftliche Sachbuch noch für das angloamerikanische Popular Science Writing noch für fiktionale Erzählliteratur, die sich mit naturwissenschaftlichem Wissen auseinandersetzt, ein eindeutiges Narrativitäts-Deskriptionsspek trum zwischen Fiktionalität und Nicht-Fiktionalität finden. Das hängt zum einen damit zusammen, dass sie sich zwischen der akademischen und literarischen Wissensproduktion bewegen, und zum anderen durch ein heterogenes Lesepublikum bestimmt werden, das von der Buchindustrie stets mitkonstruiert wird. Dennoch lassen sich nach dem hier aufgeführten Kriterienraster bereits einige wertvolle, genredifferenzierende Unterscheidungsmerkmale treffen, die im Folgenden induktiv an dem 47 Siehe hierzu die Studien von Christa Bürger u.a. zur Dichotomisierung von hoher und niederer Literatur seit 1800 in Deutschland und Frankreich (Bürger / Bürger / Schulte-Sasse 1982). Ausgehend von der kritischen Theorie, die zusammengelesen wird mit der Feld-Theorie Pierre Bourdieus, beschreibt Christa Bürger, wie während der Aufklärung ein mehrschichtiger Dichotomisierungsprozess bedingt durch marktwirtschaftliche Prozesse des Buchhandels einsetzte und zu einer Diskrepanz von Literatur als Medium eines mündigen Bürgers einer kritischen Öffentlichkeit und Literatur als unterhaltende »Fabrikware« führte (Bürger 1982, 19f.). Die Entwicklung der »Autonomie- ästhetik« sei eine Antwort gewesen, die jedoch nichtsdestotrotz diese Dichotomisierung nicht aufhalten konnte, weil sie gerade aufgrund der Kompensation eines säkularen Modernisierungsprozesses andere Aufgaben zu erfüllen hatte (ebd., 20f.). EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 134 Textmaterial entlang anwendungspraktisch erprobt, korrigiert und erweitert werden sollen. Dieses lässt sich wie folgt konstruieren: a) Popular Science Writing: als Article synthetisierend-interpretierendinformierend (Haldane), als Essay emanzipiert es sich von der rein akademischen Wissensproduktion und tendiert zu eigenen Formen der spekulativen Theoriebildung über experimentell nachweisbares Wissen hinaus (MacRae, Varghese, Abraham), wobei sich hier die genealogische Linie der Stilgeschichte bis auf das Scientific Paper des 18. Jahrhunderts zurückverfolgen lässt, b) Naturwissenschaftliches Sachbuch: real-fiktionalisierende, narrativdeskriptive Vermittlungsinstanz von Regel- und Weltwissen ähnlich dem kritischen Kulturjournalismus (Porombka), wobei der Erzähler zum ›Anwalt des Lesers‹ permutiert (Oels), als auch ›explikativ-narrativeessayistische‹ Schreibweise ›nonfiktionaler Wissensvermittlung‹ bedingt durch den ›experimentellen Spielraum‹ der ›literarischen Hybridisierung von Sachtexten‹ (Schärf), c) Fiktionale Erzählliteratur naturwissenschaftlichen Wissens: fiktiv-fiktionalisierende, narrativ-deskriptive Integrationsleistung von Interdiskursivität, die über Intertextualität, ›polysemische Tiefe des Konnotationsreichtums‹ und Ambiguität selbstreflexiven und selbstreferentiellen Sprechens eine gegebene Kollektivsymbolik kritisch hinterfragt und ihre ideologiebildenden Tendenzen offenbart (Link). Bei dieser synoptischen Gegenüberstellung wird schnell ersichtlich, dass es viele Überschneidungspunkte zwischen diesen Gattungen gibt. Vor allem die Vermittlungsarbeit in Bezug auf naturwissenschaftliches Wissen kann hier als gemeinsamer diskursiver Nenner festgehalten werden. Dennoch erfolgt gerade diese Arbeit auf unterschiedlichen Ebenen, die sowohl auf der Achse von Narration / Deskription als auch auf der histoire / discours-Achse von fiktiv / fiktional bzw. real / faktual neu kombiniert werden und dadurch die pragmatische Referentialisierbarkeit des jeweils anderen Diskurses annihilieren. Erst im dritten Teil dieser Arbeit wird ersichtlich, in welcher Form sich fiktionale Erzählliteratur in besonderer Weise von den beiden anderen Gattungen unterscheidet, wobei hier nochmals festgehalten werden muss, dass kein Konsens darüber besteht, ob es sich beim naturwissenschaftlichen Sachbuch und Popular Science Writing tatsächlich um eigenständige Gattungen handelt. Bindet man die diskursanalytischen Betrachtungen an die feldanalytische Perspektive zurück, dann ergibt sich ein sehr komplexes, polyvalentes Muster von Produktions- und Rezeptionsregeln, das diese Texte konstituiert und das die historische Genese des populärwissenschaftlichen Feldes offenlegt. Ich tendiere dazu, beide Textformen als Genres akademischer Wissensproduktion anzusehen, und zwar nicht aufgrund einer POP, POPULÄR, POPULARISIERUNG 135 textinternen Beweisführung oder dem einfachen Umstand, dass die Autoren einen akademischen Werdegang durchlaufen haben oder aber Wissenschaftler sind, sondern aufgrund der soziologischen Tatsache, dass sie als Akteure in unterschiedlichen sozialen Feldern agieren und die doxa ihres ›Diskursuniversums‹ zum Spieleinsatz einer neuen Textproduktion umfunktionalisieren. Effekt dieser Umfunktionalisierung ist die Emergenz hybrider Textgebilde, die zwischen Lehrbuch, wissenschaftlicher Abhandlung, Scientific Paper und Essay zirkulieren. Sehen wir einmal von der reinen Textproduktion ab und konzentrieren uns auf den Begriff wissenschaftlicher Autorschaft, dann wird schnell ersichtlich, dass die Bildung bestimmter Genres nicht unabhängig von einem bestimmten Bild des Autors im sozialen Feld betrachtet werden kann. Mit einigen paradigmatischen Schlaglichtern aus der Wissenschaftsgeschichte soll die Geburt des wissenschaftlichen Autors aus dem Geiste der Selbstübersetzung skizziert werden. 3.3 Popularisatoren als Diskursivitätsbegründer: Das populäre Schreibparadigma Das Laboratorium ist ein Skriptorium, doch am Ende der historischen Entwicklung wissenschaftlicher Autorschaft ertönt nur das stille Bekenntnis eines Biochemikers im World Wide Web: »One of my first memories is myself, 5 years old, going to my mother and declare to her, as serious as only children can be: ›I will be a scientist‹. Yesterday night I was in my office in the Department of Chemistry at the University of Cambridge packing my stuff, resolved to not go back to research again – at least not in the shortcoming future. What has gone wrong?« (Goodbye Academia 2011).48 Nun, was falsch lief, war, dass sich der erhoffte Traum einer wissenschaftlichen Karriere als Illusion entpuppte. Statt Lobeshymnen, Forschungspreisen und neuen Entdeckungen gibt es nur eines: Entbehrungen. Keine feste Arbeit, keine Familie, die sozialen Kontakte beginnen zu schwinden, es bleibt keine Zeit zum Leben. Als am 18. Februar 2011 um 11:49 Uhr der webblog Goodbye academia – I get a life das virtuelle Licht der Vernetzung erblickte und online ging, wurde ein Diskurs öffentlich, der bis dato noch nicht als Diskurs wahrgenommen werden konnte, weil er nicht problematisiert wurde. Und er konnte nicht problematisiert werden, weil die schalldichten Mauern der Laboratorien es nicht zulassen. Was im Labor geschieht, bleibt zunächst im Labor, bis es veröffentlicht wird. Das gilt zumindest für das Wissen über 48 Der Verfasser des Textes bleibt anonym. Ich verweise auf die Internetquelle im Literaturverzeichnis. EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 136 die epistemischen Dinge. Was jedoch passiert mit dem Lebenswissen des Forschers, für den die Diskrepanz zwischen Forschen im Labor und Leben im Alltag zu einem unüberbrückbaren Abgrund geworden ist? Was wenn der eigene Körper bereits rebelliert (»what happened during my research career is that I spent 6 months on antidepressants, I got a permanent gastritis«), weil er dem Kampf um die Aufnahme in den Panteon der bekanntesten Wissenschaftler nicht mehr Stand hält? Man muss sich zu einer Entscheidung durchringen: »It has been long and painful to discover that it was just an illusion. When I found that academia was not working for me, I got immediately depressed – my whole worldview was crumbling. Then I remembered that I had a life. I liked my life. I had a billion things that I loved to do. I want to do them again. Quitting and reclaiming back your life is not failing. It is waking up and winning«. Dieser Selbstappell beruht auf einem Erfahrungswissen, das in einer liminalen Lebenszone zwischen Labor und Alltag erworben wurde. Auf diesen Selbstaufruf zum Leben reagierten 263 Kollegen. Dieser Webblog des Wissenschaftsaussteigers schuf damit eine erste interaktive Plattform der Transferprozesse zwischen Forschern, die über ihre persönliche wissenschaftlich-akademische Karriere berichten und sich gegenseitig kommentieren. Es entstand ein Gewimmel der Stimmen, die der unpersönlichen und autarken LaborWissensWelt ein Erfahrungswissen gegenüberstellen. Das Erfahrungswissen des Chemikers, der seinen Doktorgrad an einer Eliteuniversität erworben hatte und in einer der besten Forschungsgruppen zu biophysikalischen Experimentalsystemen intervenierte, demaskiert die Brutalität des wissenschaftlichen Spiels und seine Spielregeln: Konkurrenz, Sabotage, Prestigekämpfe. Selbst wenn man seine Nische gefunden habe, bedeute das noch lange nicht, dass man sich einen Grad an Autonomie erkämpft hätte. Das Gegenteilige sei der Fall: »Find your niche, where you are indispensable, and keep it in your claws at all costs. This means basically that these people do always the same thing, over and over again, simply because it is the lowest-risk option«. Das Über-sich-selbst-Hinausgehen, um neue Forschungsrichtungen zu etablieren, setzt das Setzen neuer Regeln voraus und das bedeutet wiederum gegen das Establishment zu spielen, was schließlich gleichbedeutend mit einem akademischen Selbstmord ist: »You can imagine yourself what does it mean also for research in general: Nobody takes risks anymore. Nobody young jumps and tries totally new things, because it’s almost surely a noble way to suicide your career«. Das Experimentieren, Beobachten, Kalkulieren und Forschen bringt die Lust ins Wissenschaftsspiel. Die unausgesprochenen, intersubjektiv implizit vorausgesetzten Regeln des akademischen Spiels bringen jedoch die Lust am Forschen zu verstummen. Denn diese sind es die Leben und Labor inkompatibel machen. Der Traum vom epistemischen Stil platzt POP, POPULÄR, POPULARISIERUNG 137 wie eine Seifenblase.49 Nur ein paar Klicks weit entfernt wirbt eine Internetseite für ein akademisches Kinderspiel: The Power of Research.50 Nobelpreisträger preisen dieses Spiel wie ein kommerzielles Videogame an: »Most young people love games and science games can be just as much fun as conventional video games« (Sir Richard Roberts). Auf der Eröffnungsseite wird der potentielle Mitspieler mit den positiven Seiten der LaborWissensWelt konfrontiert: Werde eine berühmte Forschungspersönlichkeit, erlebe die Faszination der modernen Forschung, leite Forschungsinstitute, werde zum Experten, veröffentliche deine Ergebnisse in virtuellen Journalen, verhandle um Ressourcen, manage deine Forschergruppe, und das alles ohne Vorwissen. In einer digitalen Bibliothek stehen die einzelnen Informationen zu jedem Fachgebiet bereit. Außerdem stehen dem werdenden Forscher digitale Wissenschaftsbilder zur Verfügung. Naturwissenschaftliches Experimentieren wird zum Kinderspiel, in dem auch du der nächste Nobelpreisträger für Medizin sein kannst! In der Geschichte der Wissenschaftspopularisierung gibt es Protagonisten, die stärker als andere auf ihren Schreibstil oder die Art und Weise 49 Im Web 2.0 beginnt sich bereits eine ganz neue Kaste von Naturwissenschaftlern herauszubilden, die sich immer mehr der Blogger-Community anschlie- ßen, um unseriöse und verwirrende Informationen aus dem Wissenschaftsjournalismus zu korrigieren, indem sie ihre eignenen Posts aus erster Hand an die interessierte Öffentlichkeit bringen. Wie der Kommunikationswissenschaftler Klaus Rümmele in seinem Aufsatz deutlich macht, bekäme hierdurch der wissenschaftliche Diskurs nicht nur ein Gesicht, sondern werde auch authentischer (Rümmele 2012, 159). Auch Anna Moosmüller sehe in den Scienceblogs neue Möglichkeiten der direkten Kommunikation von Forscher / Autor und Leser, deren Dialogbereitschaft und Partizipation bereits mit einigen qualitativen Studien bestätigt werden konnte. Der Leser werde nicht nur zum passiven Konsumenten von Wissen, sondern auch zum kritischen Beobachter und Impulsgeber für neue Ideen. Hierbei ändere sich jedoch die Person des Wissenschaftlers: »Der Wissenschaftler wird zum ›normalen Menschen‹, das Labor zum ›normalen Arbeitsplatz‹ und die Forschung damit im Sinne der Öffentlichen Wissenschaft zum integralen Teil der Gesellschaft. Darüber hinaus fördert die direkte Beziehung zwischen User und Wissenschaftler die Authentizität und Glaubwürdigkeit der Forschung. Der Blogger schildert unbefangen, was er wie erforscht und der Leser weiß, dass kein Lobbyist, kein Verleger ihm vorgibt, was er schreiben soll. Dies ist auch ein gewisser Vorteil zur gängigen Berichterstattung, die diese Zwanglosigkeit und Direktheit nicht bietet und oftmals rein ergebnisorientiert arbeitet« (Moosmüller 2012, 173f.). In gewisser Weise hat also das Web 2.0 und die Scienceblog-Ära die wissenschaftliche Autorschaft rehablitiert und in virtuelle Salons des Knowledge Gossip verwandelt. 50 Leider wurde das Browser-Game beim nochmaligen überprüfen der Homepage eingestellt. Sie war online unter folgender Adresse erreichbar: http:// www.powerofresearch.eu/ abgerufen am 19.05.2011. EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 138 ihrer sprachlichen Vermittlung von Fachwissen reflektiert haben. Die Geschichte der Wissenschaftspopularisierung stellt sich nicht selten auch als Kampf mit der eigenen Fachsprache und ihrer Verständlichkeit innerhalb der Spezialdiskurse dar. In Laboratorien finden Transferprozesse phyikalischer oder chemischer Art statt. Aber es gibt auch Transferprozesse sprachlicher Art. In diesem Fall changiert der Forscher zwischen Reagenzgals und dem weißen Blatt Papier: das Laboratorium wird zum Skriptorium. Das Vorwort wissenschaftlicher Publikationen wird zum Schauplatz einer Urszene: Der Geburt der Wissenschaftsprosa aus dem Geiste der Autorfunktion. Werfen wir zunächst einen Blick auf ein wissenschaftshistorisches Zeugnis Emil Du Bois-Reymonds selbst. Emil Du Bois-Reymond legte mit seiner im Jahre 1849 erschienenen Schrift Untersuchung über thierische Electrizität eine der ersten Grundlagentexte zur Elektrophysiologie vor und stellt damit jenen Forschungsrahmen zur Verfügung, in dem Hermann Helmholtz weiterführend an der Messung der Geschwindigkeit der menschlichen Nervenbahnen arbeiten sollte. Das Vorwort dieser Publikation stellt alles andere als eine unreflektierte Forschungsarbeit dar. Diese kleine Einführung zu den physiologischen Verfahren und Forschungsergebnissen liest sich nicht wie das Protokoll eines Wissenschaftlers, sondern wie das Tagebuch eines Schriftsteller. Das Horten von Versuchsprotokollen gleicht einer »Ausdehnung und Verwickelung des Netzes von Betrachtungen«, einer »Zartheit von Verbindungsfäden« und »mannigfachen Verzweigungen«. Die Datenprotokolle und Notizenansammlungen wachsen dem Forscher über den Kopf: »Fürs Zweite jedoch bekenne ich geradezu, daß ich der Last des aufgehäuften Stoffes endlich aufhörte gewachsen zu sein. Die Menge der Versuche sammelte sich im Laufe der Jahre dergestalt an, daß ich trotz der sorgfältig gehaltenen Tagebücher zuletzt nicht vermochte, mir ihre Gesamtheit in jedem Augenblicke zu vergegenwärtigen«. Er sieht sich in einem »unbegreiflich verschlungenen Irrgarten« verloren. Immer wieder beklagt der Wissenschaftler, das Nicht-Vervollständigen-Können eines Werks, die Nicht-Abschließbarkeit einer Arbeit, die gleichzeitig mit der Sorge um die Neuwertigkeit dieses Wissens einhergeht. Du Bois-Reymond fasst diese Erfahrung folgendermaßen zusammen: Ferner je länger man, abgeschlossen von dem äußersten Verkehr, sich vertieft in einem selbst geschaffenen Kreis von Thatsachen und daran sich knüpfenden Beobachtungen, um so mehr läuft man Gefahr, den Standpunkt einzubüßen, von welchem aus sie solchen, die außerhalb dieses Kreises stehen, am leichtesten mitgeteilt werden können. Man gewöhnt sich unwillkürlich, mit gewissen Ausdrücken einen Sinn zu verbinden, der Jenen völlig fremdartig erscheint und die Kette des Verständnisses unterbricht (Du Bois-Reymond 1848, xiv) POP, POPULÄR, POPULARISIERUNG 139 Die Selbstreflexion des Wissenschaftlers gelangt hier auf den Höhepunkt »experimenteller Kunst«: Der Forscher ist sich nicht nur seines ›selbst geschaffenen Kreises‹ bewusst, darüber hinaus erkennt er, dass die Vermittlung der Ergebnisse an ein Außen, an den Leser dieser Schriften, an eine »bis ins Kleinliche ausmalende Anschaulichkeit des Vortrages« gebunden ist. Rhetorizität wird somit zur ausschlaggebenden Vermittlungsfunktion wissenschaftlicher Forschungsergebnisse. Das Vorwort naturwissenschaftlicher Werke avanciert zu einem eigenständigen Subgenre der Wissenschaftsprosa. Nur so, verkündet Du Bois-Reymond, können die Hindernisse wissenschaftlicher Forschungsarbeit aus dem Weg geräumt werden, indem »der Leser gleichsam zum Teilnehmer an der geistigen Arbeit, zum inneren Augenzeuge der Versuche« wird. Der Experimentator simuliert die Beobachtung zweiter Ordnung, indem er den Standpunkt des Lesers in seinen Schriften mitreflektiert. Sven Dierig hat einen adäquaten Ausdruck für den Leb-, Arbeits- und Schreibraum Emil Du Bois-Reymonds gefunden: Er nennt es ein »Wohnlabor« und dies ist wortwörtlich so zu verstehen, nämlich als eine »intime Einheit« von Wohnraum und Laboratorium (Dierig 2006, 29). Die ›Intimität des Wohnlabors‹ sollte um jeden Preis erhalten bleiben. Diese Verzahnung von wissenschaftlicher Forschung und forschendem Leben sollte auch dann nicht aufgegeben werden als in Berlin das erste Physiologische Institut seine Türen öffnete. Nun sollte ausdrücklich »bürgerliche Lebensplanung« von »häuslicher Experimentierwirtschaft« getrennt werden. Du Bois-Reymond rebellierte. Er konnte und wollte sich nicht mit der Trennung von Labor und Lebenswelt abfinden (ebd., 52). Knapp hundertsechzig Jahre später berichten Wissenschafts-Aussteiger in Webblogs von der Entpersonalisierung ihrer Arbeit und ihres Wissens: Leben oder Wissenschaft, das eine muss dem anderen zum Opfer fallen. Beide zugleich sind unvereinbar. Die Nomadologie der Wissensordnung beginnt also nicht erst mit der Ausdifferenzierung der Fachdisziplinen durch die Vervielfältigung des Wissens mittels technischer Apparaturen. Sie beginnt für den modernen Wissenschaftler als Wissensarbeiter in der Wissensfabrik genau dort, wo er die heimisch-familiäre Türschwelle überschreitet, um die Türschwelle des Labors zu passieren: Er wandert aus dem Leben aus, um in die Wissenschaft einzuwandern. Literaturwissenschaftler sehen hingegen in diesen textgenetischen Übergängen das Experiment zur »ästhetischen Kategorie« avancieren, in der sich der Interessenschwerpunkt von einer bloßen Unterscheidung zwischen Literarizität und Wissenschaftlichkeit, zu einer »Rekonstruktion der Bedingungen, unter denen Texte entweder als literarische oder EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 140 als wissenschaftliche gelesen werden« verschoben habe (Krause / Pethes 2005, 16).51 Es entstehe eine »offene epistemologische Situation«, »in der kein Postulat für einen Sonderstatus des wissenschaftlichen Wissens mehr evident ist, weil sich Welten und Wissenssysteme beliebig erfinden, variieren und zum Kollaps bringen (und neu erfinden…etc.) lassen« (Gumbrecht 1991b, 845). Eine Tatsache scheint jedoch noch prägnanter hervorzutreten: Der forschende Wissenschaftler ist nicht nur ein ›Schreiber‹, vielmehr nimmt er sich selbst als Autor eines Werkes war. Diskursanalytisch formuliert: Der Forschende wird sich seiner »Autor-Funktion« bewusst. Foucault betont, dass nicht nur fiktionale Texte, sondern auch wissenschaftliche Abhandlungen eine »Pluralität des Ego« zulassen, das heißt, das Ego könne gleichzeitig unterschiedliche Positionen in einem wissenschaftlichen Text einnehmen. So sei das Ego der Vorworte ein anderes als das Ego einer mathematischen Beweisführung: »Man könnte aber auch in der gleichen Abhandlung noch ein drittes Ich ausfindig machen; dasjenige, das spricht, um über die Bedeutung der Arbeit, die Hindernisse, auf die sie stieß, die erzielten Resultate, die Probleme, die sich noch stellen, zu reden. Dieses Ego situiert sich im Feld bereits existierender oder künftiger mathematischer Diskurse« (Foucault 2003, 251). Frühe Entwicklungen der Wissenschaftsprosa zu einer eigenständigen wissenschaftlich-literarischen Gattung zeichnen sich daher nicht durch eine bloße Abweichung zu Fachsprache aus, noch dadurch, dass sie auf Alltagssprache zurückgreifen. Die ›belehrende Prosa‹ ist zunächst in der liminalen Zone zwischen Labor und Schreibtisch entstanden, in einer selbstreflexiven Zone des Schreiben-Müssens und Publizieren-Müssen, aber nicht Schreiben-Könnens. Die sichtbare Existenz des Wissenschaftlers hängt von seinen Publikationen ab. Da aber nur Schrift sichtbar macht, gehört die Auseinandersetzung mit der eigenen Fachsprache und ihrer Repräsentationsfunktion von Wissen zum sine qua non des Forschers als Autor. Die Selbstwahrnehmung als Autor – im emphatischen Sinne des Wortes als Schöpfer geistig-kultureller Güter – ist Grundbedingung für die Sichtbarkeit als Wissenschaftler im öffentlichen Raum und wirkt auf die Rolle als Autor von Wissenschaftsprosa wieder zurück. 51 Bereits in den Experimentalschriften Franz Anton Mesmers zum Magnetismus um 1800 ließe sich eine Umfunktionierung von wissenschaftlichen und literarischen Rollenverteilungen feststellen: Der Experimentator avanciert als Protokollant und Korrekteur seiner Aufzeichnungen zum Schreiber. Indem er seine eigene Vorgehensweise von ihrem Misslingen bis zu ihrem Erfolg dokumentiert und über seine Sorgen als geistiger Vater von Ideen spricht, wird die Abhandlung zum autobiographischen Text. Außerdem erhält der Text gleichzeitig durch die Begründung dieser Explikationen seine eigene Legitimation. Damit »[fungieren] Experimenten-Schriften jetzt als Datenbanken einer Systematisierung qua Lektüre« (Neumeyer 2005, 265). POP, POPULÄR, POPULARISIERUNG 141 Diese Selbst- und Fremdwahrnehmungsdialektik wird dadurch ermöglicht, dass sich der Autor als Leser seiner eigenen Werke imaginiert. Indem er den reellen Leser als ideellen im Text als sich selbst lesenden Autor vorwegnimmt, ist es ihm vergönnt eine Schreibweise zu entwickeln, die alle Daten komprimiert und in eine narrative Kohärenz überführt. Ludwig Jäger beschreibt diesen translationalen Prozess als »rekursives Verfahren der autohermeneutischen Transkriptionen«: Jede produktive Entfaltung einer linearen Kette von Zeichen ist an die Voraussetzung geknüpft, daß der Rede- / Schrift-Produzent konsekutiv und fortlaufend die geäußerten / geschriebenen Segmente seiner Rede / seines Textes wiederliest und sie mit einer in der Nachträglichkeit des symbolischen Nachvollzugs generierten, ursprünglichen Redeintention abgleicht (Monitoring). Jedes Element, das durch das Monitoring ›nachträglich‹ ratifiziert ist, erweist sich als Transkription einer ›ursprünglichen‹ Redeintention, die in dieser Form zu Beginn der Rede nicht existent war. (Jäger 2008, 299) Diese autorekursiven Transkriptionsprozesse zwischen Labor und Schreibtisch erzeugen ein Archiv, in dem es dem schreibenden Forscher möglich ist, seine »Schreibszenen«52 immer nachträglich zu reflektieren (Kammer 2008, 39). Die Dialektik von schreibend-lesendem Autor und forschendem Wissenschaftler stellen demnach Transferprozesse zwischen Wissens- und Schreibräumen dar, die einen Denk- und damit Schreibstil prägen, und damit auch auf das Denkkollektiv zurückwirken können. Hans-Jörg Rheinberger hat dieses dialektische Autor-Forscher-Verhältnis treffend auf den Punkt gebracht: On the one hand, we have the scientists as the author-organisator, as the subject of an epistemic acitvity, as a novelty-producer, as somebody who has, by definition, no authoritative voice in his struggle with the murmur of events at the point of their emergence. […] On the other hand, we have the scientist as the author-master of a double game of representation: The game is, first, that of playing out the logic of the object in the 52 Mit dem Begriff der Schreibszene referiere ich auf eine Definition, die Rüdiger Campe eingeführt hat, um die Materialität und die Genealogie des Schreibens zu vergegenwärtigen: »Mit ›Schreiben‹ ist oft eine Bewegung gemeint, die die Grenze der Unterscheidungen [Körpe / Sprache, Gerät / Intention] in Richtung auf den Körper oder auf Materialität überquert« (Campe 1991, 760). In diesem Kontext versteht er unter »Schreibszene« ein »nicht-stabiles Ensemble von Sprache, Instrumentalität und Geste«. Die Literatur könne dieses Ensemble problematisieren und zu einem »poetologischen Reflex« führen, in dem das Schreiben selbst thematisiert werde (ebd., 761), sodass sich Semantik und Technologie kreuzten (ebd., 767). Wie bereits in der Definition von Jürgen Link, sieht auch Campe in der Selbstreferentialität eine besondere Eigenschaft der Literatur, die sie von anderen Diskuren unterscheide. EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 142 absence of all circumstantiality, and second, that of presenting its logic in the translucent style of a scientific prose, which, by definition, reaches its perfection at the very point where it rids itself of the appearance of being simply written, of being a literary text. (Rheinberger 2003, 316f.) Die wissenschaftliche Schreibweise impliziert demnach eine schizophrene Haltung gegenüber dem Text, den sie entwirft. Auf der einen Seite haben wir den Wissenschaftler als einen organisierenden Autor vor uns, wie er in seinem Labor seine Experimentalsysteme konfiguriert und seine Beobachtungen protokolliert, indem er als Subjekt einer epistemitschen Aktivität fungiert, die allerdings noch jeglicher autorativen Kraft entbehrt, um die Erscheinung der Phänomene adäquat zu ordnen. Erst in einem zweiten Schritt sehen wir den Forscher wie er allmählich damit beginnt, seine autorative Kraft als ›author-master‹ zu entfalten. In einem doppelten Spiel der Repräsentation (»double game of representation«) beginnt sich zunächst das epistemische Objekt von dem technischen Ensemble (»absence of all circumstantiality«) zu lösen und seine Eigenlogik zu entfalten, die sich vor den Augen des zweiten Autor-Ego enthüllt. In der zweiten Spielrunde schließlich manifestiert sich die phänomenologische Eigenlogik des epistemischen Objekts durch die Logik der luziden Schreibweise in Wissensschaftsprosa (»logic in the translucent style of a scientific prose«). Den Grad ihrer Vollendung erreicht diese erst dann, wenn sie befreit ist von dem Schein des Geschrieben-worden-Seins. Der wissenschaftliche Text ist in den elaborierten Spezialdiskursen nur dann überlebensfähig, wenn er sich als literarischer Text durchstreicht. Der wissenschaftliche Text ist einer seiner produktionsästhetischen Bedingungen entbehrender Text . Die autorative Stimme des Forscher-Subjekts kann in einem Vorwort an- oder in einem Nachwort nachklingen, aber während einer mathematischen oder molekularbiologischen Beweisführung muss dieses Ego schweigen und ein anderes an seiner Stelle sprechen lassen: die Formel, den Algorithmus oder das Fachlatein. Doch es ist nicht nur das Laboratorium, das als Wohn- und Schreiblabor umfunktioniert wird. Auch die Praxis und der Klinikalltag können als Lebenräume den Neurologen oder Psychiater dazu veranlassen, dass er sein Stethoskop und den Rezeptblock gegen den Schreibtisch und den Schreibblock tauscht. Am Beispiel von Sigmund Freud soll gezeigt werden, wie die Praxis zum Skriptorium wird und die Psychoanalyse eine Form der Popularisierung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften darstellt. »Laien = Nichtärzte, und die Frage ist, ob es auch Nichtärzten erlaubt sein soll, die Analyse auszuüben« (Freud 2000, 275). Mit dieser Frage musste sich Sigmund Freud auseinandersetzen, als Theodor Reik, ein prominentes nicht-medizinisches Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung, im Frühjahr 1926 wegen »Kurpfuscherei« angeklagt POP, POPULÄR, POPULARISIERUNG 143 wurde.53 Gleichzeitig stellt Freuds Text Die Frage der Laienanalyse eine Einführung in die Psychoanalyse in nuce dar. In der editorischen Notiz findet sich folgende Anmerkung: »Abgesehen von der Diskussion der Frage der Laienanalyse, präsentiert uns Freud auf diesen Seiten in federndem, durchsichtigem Stil seine vielleicht gelungenste nichtfachliche Darstellung von Theorie und Praxis der Psychoanalyse« (ebd., 274). ›Federnd‹ und ›durchsichtig‹ schildert Freud in einem platonischen Dialog die »Unterredung mit einem Unparteiischen«, wie es im Untertitel heißt. Im Nachwort, das erst ein Jahr später verfasst worden ist, heißt es: Als ich die Figur des »unparteiischen« Partners in meiner Tendenzschrift schuf, schwebte mir die Person eines unserer hohen Funktionäre vor, eines Mannes von wohlwollenender Gesinnung und nicht gewöhnlicher Integrität, mit dem ich selbst ein Gespräch über die Causa Reik geführt und dem ich dann, wie er gewünscht, ein privates Gutachten darüber überreicht hatte. Ich wußte, daß es mir nicht gelungen war, ihn zu meiner Ansicht zu bekehren, und darum ließ ich auch meinen Dialog mit dem Unparteiischen nicht in eine Einigung ausgehen. (ebd., 342) In einem mäeutischen Prozess konfrontiert Freud seinen Gesprächspartner mit dem theoretischen und praktischen Bauwerk der Psychoanalyse, indem er zunächst einleitend einige alltägliche Vorfälle auflistet, in denen sich pathologische Muster auffinden lassen, die der gewöhnliche Mediziner nicht heilen könne, weil er nur nach körperlichen Ursachen suche. Hier werde die Arbeit eines Analytikers gefordert. Der Erzähler führt nun die Figur des Unparteiischen ein: »Unser Unparteiischer, den ich als gegenwärtig vorstelle, hat während der Auseinanderetzung über die Krankheitserscheinung der Nervösen Zeichen von Ungeduld von sich gegeben. Nun wird er aufmerksam, gespannt und äußert sich auch so: »Jetzt werden wir also erfahren, was der Analytiker mit dem Patienten vornimmt, dem der Arzt nicht helfen konnte« (ebd., 279). In dieser dialogischen Erzählsituation wird der Leser zur eigentlichen dritten Figur, die diesem Gespräch beiwohnt, während der Erzähler ›Freud‹ Mimik und Gestik des Gesprächspartners kommentierend wertet. Die Simulation des sokratischen Schülers lässt jedoch erahnen, dass hier nicht ein unparteiischer, sondern ein sehr skeptischer und bisweilen auffällig parteiischer Dialogpartner zugegen ist. Folglich referiert der Untertitel nicht auf den Gesprächspartner in der konstruierten Dialogsituation, sondern auf den unsichtbaren Dritten: den Leser. Die Wir-Anrede (»unser Unparteiischer« oder »unser Unparteiischer ist weder so unwissend noch so ratlos, wie wir ihn anfangs eingeschätzt hatten«) zieht eine Grenze, die 53 »Auf der Grundlage von Informationen eines früheren Patienten wurde Reik des Verstoßes wider ein altes österreichisches Gesetz gegen Kurpfuscherei beschuldigt – ein Gesetz, das es für rechtswidrig erklärte, wenn eine Person ohne medizinischen Grad Patienten behandelte« (Freud 2000, 273). EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 144 die kommentierende Erzählerstimme und dem unsichtbaren Dritten in einen gemeinsamen Kreis einschließt, während der eigentliche unparteiische Dialogpartner außerhalb dieses Kreises, aber innerhalb der Erzählsituation verbleibt (ebd., 281). Es handelt sich hierbei um eine raffinierte narratologische Schleife, die unbemerkt den Leser auf die Seite des Angeklagten zieht: Leser und Erzähler gehen eine geheime, unausgesprochene Komplizenschaft ein.54 Gleich zu Beginn des zweiten Teils verweist der Erähler darauf, dass sein dogmatischer Lehrgestus zwar den Schein eines »fertigen Lehrgebäudes« nahe legen würde, doch dies zu denken, sei ein Irrtum, denn: Glauben Sie aber nicht, daß sie gleich als solches wie ein philosophisches System entstanden ist. Wir haben sie sehr langsam entwickelt, um jedes Stückchen lange gerungen, sie in stetem Kontakt mit der Beobachtung fortwährend modifiziert, bis sie endlich eine Form gewonnen hat, in der sie uns für unsere Zwecke zu genügen scheint. Noch vor einigen Jahren hätte ich diese Lehre in andere Ausdrücke kleiden müssen. Ich kann Ihnen natürlich nicht dafür einstehen, daß die heutige Ausdrucksform die definitive bleiben wird. Sie wissen, Wissenschaft ist keine Offenbarung, sie entbehrt, lange über ihre Anfänge hinaus, der Charaktere der Bestimmtheit, Unwandelbarkeit, Unfehlbarkeit, nach denen sich das menschliche Denken so sehr sehnt. Aber so, wie sie ist, ist sie alles, was wir haben können. (ebd., 283) Die Einführung der Psychoanalyse als wissenschaftliche Diziplin wird dadurch ermöglicht, dass der Wissenschaftsbegriff verändert wird. Wissenschaftliches Wissen entspricht nicht mehr der Form des abgeschlossen Begriffsgebäudes, das am laufenden Band Theorien produziert, die wiederum zu einem ›fertigen Lehrgebäude‹ zusammengefügt werden, sodass neues Wissen enzyklopädisch in dieses Gebäude integriert werden kann. Weil Wissenschaft als offene Forschung angesehen werden muss, bildet das wisssenschaftliche Begriffsinstrumentarium nur provisorische »Hilfsvorstellungen«, die frei nach dem Motto »open to revision« korrigierbar seien (ebd., 286). Die Geschichte der Psychoanalyse schreibe sich weder vollständig von der Psychologie her, die eher eine »Sinnesphysiologie« als eine Wissenschaft von der Seele sei, noch könne sie sich vollständig in die Geschichte der Medizin einreihen (ebd., 283). Während es in der Psychologie keine Autorität gebe und so »jedermann da nach Belieben [wildern]« (ebd., 284) dürfe, fehlen gerade den Medizinern 54 Es würde an dieser Stelle den Rahmen dieses Kapitels sprengen, wenn wir auf die Fülle an rhetorischen und poetischen Auffälligkeiten, die Freud einsetzt, um den Leser für sich zu vereinnahmen, eingehen würden. Stattdessen wollen wir kurz auf zwei wichtige Anmerkungen eingehen, aus denen ersichtlicht wird, wie Freud seine Psychoanalyse in den Wissenschaftschaftsbetrieb um 1900 integrieren wollte. POP, POPULÄR, POPULARISIERUNG 145 aufgrund ihres fachspezifisch eingeschänkten Wissens die allgemeinen Grundkenntnisse in geisteswissenschaftlichen und kulturgeschichtlichen Fächern, die für die Ausbilung des Psychoanalytikers und seine Arbeit unentbehrlich seien (ebd., 337). Aus diesem Grund müsse es auch Nicht- Medizinern erlaubt sein, Psychoanalyse zu betreiben, solange sie eine andere akademische Laufbahn aufweisen können. Dass diese Reglementierung, die bis heute Geltung beansprucht, viele Ärzte ablehnten, führte Freud auf ihr »Standesbewußtsein« zurück: Wie ich Ihnen das Verhalten dieser meiner Schüler erklären kann? Sicher weiß ich es nicht, ich denke, es wird die Macht des Standesbewußtseins sein. Sie haben eine andere Entwicklung gehabt als ich, fühlen sich noch unbehaglich in der Isolierung von den Kollegen, möchten gerne als vollberechtigte von der profession aufgenommen werden und sind bereit, für diese Toleranz ein Opfer zu bringen, an einer Stelle, deren Lebenswichtigkeit ihnen nicht einleuchtet. (ebd., 330) Im Sinne der Bourdieu’schen Soziologie handelt es sich also um eine Entwertung des wissenschaftlich-symbolischen Kapitals, des medizinischen Doktortitels, wenn auch Laien den Zugang zu dieser Technik bekämen, die eigentlich nur den medizinischen Spezialisten vorbehalten sein sollte. Freud ist ein Nestbeschmutzer. Das Privileg, psychoanalytische Techniken anzuwenden, verlangt zwar eine akademische Ausbildung, aber sie ist nicht ausschließlich auf die psychologische oder medizinische beschränkt. Privilegiert sind nicht diejenigen, die sich akademisches Lehrbuchwissen angeeignet haben, sondern die den direkten Weg der »Selbstanalyse« gegangen sind: Wenn wir unseren Schülern theoretischen Unterricht in der Psychoanalyse geben, so können wir beobachten, wie wenig Eindruck wir ihnen zunächst machen. Sie nehmen die analytischen Lehren mit derselben Kühle hin wie andere Abstraktionen, mit denen sie genährt wurden. Einige wollen vielleicht überzeugt werden, aber keine Spur davon, daß sie es sind. Nun verlangen wir auch, daß jeder, der die Analyse an anderen ausüben will, sich vorher selbst einer Analyse unterwerfe. Erst im Verlauf dieser »Selbstanalyse« (wie sie mißverständlich genannt wird), wenn sie die von der Analyse behaupteten Vorgänge am eigenen Leib – richtiger: an der eigenen Seele – tatsächlich erleben, erwerben sie sich die Überzeugungen, von denen sie später als Analytiker geleitet werden. Wie darf ich also erwarten, Sie, den Unparteiischen, von der Richtigkeit unserer Theorien zu überzeugen, dem ich nur eine unvollständige, verkürzte und darum undurchsichtige Darstellung derselben ohne Bekräftigung durch Ihre eigenen Erfahrungen vorlegen kann? (ebd., 290) Psychoanalytisches Wissen ist Erfahrungswissen im wahrsten Sinne des Wortes. Der Zugang zum psychoanalytischen Wissen wird nur dann er- öffnet, wenn man den Zugang zu sich selbst findet. Sokrates und Freud EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 146 haben dies gemeinsam: Mittels der Hebammenkunst, die zu Anfang des 20. Jahrhunderts als Psychoanalyse auf dem Schauplatz der Geschichte erscheint, soll das Wissen von etwas durch das Wissen von sich ermöglicht werden. Grundbedingung aller Erkenntnis ist Selbsterkenntnis. Die Frage der Laienanalyse reaktiviert diese philosophische Binsenweisheit, indem sie natur- und geisteswissenschaftliches Wissen über populärwissenschaftliche Schreibtechnik zusammenführt.55 Unter den Schriften Freuds wird allerdings keine so hervorgehoben wie die Psychopathologie des Alltagslebens. Aufgrund seines Montagecharakters ist es nicht als geschlossenes Werk anzusehen, sondern als Archiv oder Katalog alltäglicher Fehlleistungen pathologischen Charakters, die Freud aus Zeitungsberichten, Anekdoten, Berichten von Freunden, Praxiserfahrungen und biographischen Notizen editiert hat. Bereits fertiggestellte Passagen aus anderen Texten wurden mittels copy&paste- Verfahren aus dem Zusammenhang gerissen und in einen neuen Kontext innerhalb der Psychopathologie integriert. Die zahlreichen Fußnoten dokumentieren und markieren die Bruchstellen. Das Formgesetz beschränkt sich auf die Mitwirkung des Zufalls. Dieser montierte Hypertext entlarvt die Schreiblust Freuds als »Abenteuerlust des Sammlers« (Freud 2006, 171). Seine Sammelleidenschaft, die in dem fragmentarischen Stil zur Geltung kommt, wird durch die Konstruktion des Lesers im Text entschuldigt: »Der nachsichtige Leser möge daher in diesen Auseinandersetzungen den Nachweis der Bruchflächen sehen, an denen dieses Thema ziemlich künstlich aus einem größeren Zusammenhange herausgelöst wurde« (ebd., 341). Für Riccardo Steiner liefert die Psychopathologie einen Querschnitt von Freuds kreativster Schaffensperiode: Es sei ein »vielschichtiges Palimpsest von Thesen, Eingebungen, Neuaufnahmen alter Thesen, von Erinnerungen an Autoren und Werke« (ebd., 15). Mit der bruchstückhaften, fragmentarischen Erzählstruktur und seinen Experimenten mit verschiedenen Prosagenres wie der Reportage oder dem Dialog erschuf sich Freud ein eigenes stilistisches Repertoire, aus dem er später schöpfte, um seine großen Krankengeschichten zu konzipieren (ebd., 50). Was bei Steiner als schriftstellerische Raffinesse erscheint, kann sich aber auch anders lesen lassen, denn die metadiskursiven Kommentierungen des eigenen Schreib- bzw. Abschreibvorgangs würden gerade die schriftstellerischen Unzulänglichkeiten Freuds, alle Fragmente 55 Im (gekürzten) Nachwort aus dem Jahre (1927) heißt es schließlich, dass das Wissen der Geisteswissenschaftler für die Arbeiten des Psychoanalytikers unentbehrlich seien (Freud 2000, 348). Freud schwebte – ähnlich wie bereits Humboldt – eine ›Vernetzungswissenschaft‹ zwischen natur- und geisteswissenschaftlichen Wissensgebieten und Forschungsfeldern vor, demnach eine Transferwissenschaft, die zwischen Ärzten und Laien, sowie Öffentlichkeit und Wissenschaft, vermitteln sollte. POP, POPULÄR, POPULARISIERUNG 147 in eine narrative Kohärenz zu bringen, entlarven.56 Das gesamte Montageprojekt changiert zwischen Fakt und Fiktion verbunden durch die intratextuellen Verweise und Selbstzitate. Die Aneinanderreihung der Textfragmente wird oft durch metadiskursive Textstrategien tangiert. So merkt er in dem Abschnitt Vergessen von Eindrücken und Vorsätzen, der bereits 1901 fertiggestellt worden war und für die Neuauflage der Psychopathologie hinzugefügt worden ist, an: Ich fürchte, ich bin mit allen bisherigen Beispielen einfach banal geworden. Es kann mir aber doch nur recht sein, wenn ich auf Dinge stoße, die jedermann bekannt sind, und die jeder in der nämlichen Weise versteht, da ich bloß vorhabe, das Alltägliche zu sammeln und wissenschaftlich zu verwerten. Ich sehe nicht ein, weshalb der Weisheit, die Niederschlag der gemeinen Lebenserfahrung ist, die Aufnahme unter die Erwerbung der Wissenschaft versagt sein sollte. Nicht die Verschiedenheit der Objekte, sondern die strengere Methode bei der Feststellung und das Streben nach weitreichendem Zusammenhang machen den wesentlichen Charakter der wissenschaftlichen Arbeit aus. (ebd., 220f) Freud durchbricht auch hier einmal mehr die Schallmauer zwischen alltäglicher Lebenserfahrung und wissenschaftlicher Forschung: Der Alltag wird für ihn das, woraus die Träume des Wissenschaftlers gemacht sind. Er liefere gerade das Untersuchungsmaterial, das für die Arbeit des Psychoanalytikers unentbehrlich sei. Gemäß dem Motto des Wissenschaftlers open to revision dürfe die Alltagsweisheit nicht zu gering geschätzt werden, denn auch sie liefere ein bestimmtes Wissen, das durch 56 Wie Grubrich-Simitis dokumentiert, hat Freud in seinen Briefwechseln immer wieder auf seine Tätigkeit als Schriftsteller referiert und von seinen Sorgen um den Erhalt seines Archivs und seiner geistigen Kinder berichtete: »Man will seine Kinder nicht überleben, will ihnen vielmehr die Existenz nach seinem eigenen Abgang versichern« (Freud zit. n. Gubrich-Simitis 1993, 54). Nach Einschätzung der Psychoanalytikerin sei Freuds Schreibweise aus äußeren und inneren Konflikten hervorgegangen, die zu einer »lebenslangen psychischen Fragilität« führten (ebd., 106). Im Schreiben manifestierte sich dieser Konflikt, indem er durch die Erschaffung einer Freud’schen écriture überschrieben wurde. Grubrich-Simitis kommentiert diese »Symbiose« zwischen Autor und Text folgendermaßen: »Bei Freud geschah dieses zunehmende und dann wieder abnehmende libidinöse und auch aggressive Besetzen eines neuen Werks in mehreren Stufen. Und das Schreiben als motorische Aktivität scheint dabei eine unverzichtbare, zunächst intensitätssteigernde und dann wieder intensitätsvermindernde Funktion erfüllt zu haben. [...] Was aber schlechterdings für das Zustandekommen des Œuvres konstitutiv gewesen ist: schreibend, nämlich Notizen aufzeichnend und Entwürfe skizzierend, tastete er sich überhaupt erst an neue Werke heran, hegte sie eine Zeitlang wie ein Stück von sich, um sie Reinschriften ausarbeitend, allmählich zu verabschieden« (ebd., 115). EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 148 die Arbeit des Analytikers in wertvolle Erkenntnisse überführt werden könne. Freud stellt sich selbst in der Psychopathologie als Sammler eines kollektiven Wissens dar, das in der Alltagswelt jedes Einzelnen verwurzelt ist und sein Unwesen mit der Psyche des Individuums treibt. Als Hermeneut des Unbewussten überführt er dieses Wissen in ethopoietisches Lebenswissen: ein Wissen, das die psychischen Dispositionen des Leser- Patienten umstrukturiert und damit auf die Struktur des Individuums zurückwirkt, d.h. seine Lebensführung oder seinen Lebensstil verändert. Die Psychopathologie des Alltagslebens kann somit als Transferprojekt zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit gedeutet werden. Die Psychoanalyse liefert als kulturhistorisches Phänomen genügend Material, das sie als Pilotprojekt einer Transferwissenschaft für das 20. Jahrhundert auszeichnet.57 Man könnte sie in Anlehnung an Jacques Derrida als »vergleichende und interdisziplinäre Wissenschaft des Archivs« (Derrida 1997, 61) verstehen, die mit dem Projekt eines fachsprachlichen ›Lexikons der Psychoanalyse‹ verknüpft ist. Damit verweist er jedoch auf die ambivalente Position der Psychoanalyse im wissenschaftlich-akademischen Feld, die Eli Zaretsky als Dialektik von Vereinnahmung und Marginalisierung bezeichnet hat: »Auf der einen Seite stand sie unter dem Druck, sich den Normen der etablierten akademischen Berufe, speziell der Medizin, anzupassen und sich deren eng begrenzten Wissenschaftsbegriff zu beugen« (Zaretsky 2009, 98). Die Frage, die sich Freud zu stellen hatte, lautete: »Sollte die Psychoanalyse in eine medizinisches Spezialgebiet (Psychiatrie, Neurologie) oder in ein akademisches Fach (Psychologie) integrieren?« (ebd., 99). Freud hatte diese Frage unzweideutig beantwortet.58 Die Psychoanalyse 57 Für den amerikanischen Historiker Eli Zaretzky spiegelt sie die wechselseitige Durchdringung von individueller Innenwelt und sozialer Außenwelt im Rahmen der zweiten industriellen Revolution wider: Die psychoanalytische Theorie des »persönlichen Unbewussten« und die kalvinistische, »unpersönliche Welt des Marktes«, aus dem sich der Kapitalimus entwickelte, bilden zwei historische Linien, die sich in der Genealogie des Massenkonsums überkreuzen (Zaretsky 2009, 16f.). Nach Einschätzung Zaretskys umfasste die Psychoanalyse drei Projekte: »eine quasitherapeutische ärztliche Praxis, eine Theorie der kulturellen Hermeneutik und eine Ethik der Selbsterfahrung« (ebd., 26). 58 »Die analytische Ausbildung überschneidet zwar den Kreis der ärztlichen Vorbereitung, schließt diesen aber nicht ein und wird nicht von ihm eingeschlossen. Wenn man, was heute noch phantastisch klingen mag, eine psychoanalytische Hochschule zu gründen hätte, so müßte an dieser vieles gelehrt werden, was auch die medizinischen Fakultät lehrt: neben der Tiefenpsychologie, die immer das Hauptstück bleiben würde, eine Einführung in die Biologie, in möglichst großem Umfang die Kunst vom Sexualleben, eine Bekanntheit mit den Krankheitsbildern der Psychiatrie. Andererseits würde der analytische Unterricht auch Fächer umfassen, die dem Arzt fernliegen und mit denen er in POP, POPULÄR, POPULARISIERUNG 149 dürfe nicht zum medizinischen Schulbuchwissen neben anderen psychotherapeutischen Techniken degradiert werden: sie dürfe nicht »von der Medizin verschluckt werden und dann ihre endgültige Ablagerung im Lehrbuch der Psychiatrie finden«, denn »sie verdient ein besseres Schicksal und wird es hoffentlich haben« (Freud 2000, 338). Da die Hoffnung bekanntlich zuletzt stirbt, starb mit Sigmund Freud auch die Hoffnung auf eine »Lehre vom seelisch Unbewußten«, die zum unentbehrlichen Bestandteil aller anderen Wissenschaften wird, weil sie sich »mit der Entstehungsgeschichte der menschlichen Kultur und ihrer großen Institutionen wie Kunst, Religion und Gesellschaftsordnung« beschäftige (ebd., 339). Hierzu entwarf er ein quasi-parteipolitisches Programm: Er insistierte in zynisch-kritischer Bemerkung zur amerikanischen Gesellschaftsstruktur darauf, eine »Heilsarmee« von Psychoanalytikern aus den Reihen der »social workers« zu rekrutieren und auszubilden, als »Hilfstruppe«, die die »kulturellen Neurosen« bekämpft (ebd., 340).59 Während sie in den USA einen historischen Siegeszug feiern konnte und sogar Kultstatus genoss, haftete der Psychoanalyse in Europa immer noch ein marginaler Status an (Zaretsky ebd., 102). Als europäischer Exportschlager wurde sie von der »Welle der Professionalisierung und des Szientismus erfaßt«, indem sie nun gegen die noch immer populären Heilpraktiken der »mind cures« und andere moderne Formen des Spiritismus ankämpfte, während sie gleichzeitig auf diese Weise Teil der Massenkultur wurde: Sie wurde zu einer populären, und das heißt in diesem Kontext zu einer beliebten und häufig praktizierenden Methode. Das zog einen negativen Effekt nach sich: Je populärer sie bei den praktizierenden Ärzten in den USA wurde, desto stärker wurde sie »medizinalisiert« seiner Tätigkeit nicht zusammen kommt: Kulturgeschichte, Mythologie, Religionspsychologie und Literaturwissenschaft. Ohne eine gute Orientierung auf diesen Gebieten steht der Analytiker einem großen Teil seines Materials verständnislos gegenüber. Dafür kann er die Hauptmasse dessen, was die medizinische Schule lehrt, für seine Zwecke nicht gebrauchen« (Freud 2000, 337). 59 Auf dem fünften Internationalen Psychoanalytischen Kongreß 1918 geht Freud in seiner Rede auf die soziale Diskrepanz der klinisch-medizinischen und psychotherapeutischen Unterversorgung der unteren Bevölkerungsschichten ein: »Gegen das Übermaß von neurotischem Elend, das es in der Welt gibt und vielleicht nicht zu geben braucht, kommt das, was wir davon wegschaffen können, quantitativ kaum in Betracht. Außerdem sind wir durch die Bedingungen unserer Existenz auf die wohlhabenden Oberschichten der Gesellschaft eingeschränkt, die ihre Ärzte selbst zu wählen pflegen und bei dieser Wahl durch alle Vorurteile von der Psychoanalyse abgelenkt werden. Für die breiten Volksschichten, die ungeheuer schwer unter den Neurosen leiden, können wir derzeit nichts tun« (ebd., 248). EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 150 und damit als richtige Wissenschaft anerkannt (ebd., 267).60 Diese Entwicklungen wurden durch die Übersetzung der deutschen Fachbegriffe ins Englische begünstigt. Die englische Standard Edition von James Strachey markierte einen »Trend zur Medizinalisierung« (ebd., 418), weil er Freud’schen Begriffe von ihrer umgangssprachlichen Affektgeladenheit und emotiven Konnotationen durch Lateinisierung und Gräzisierung befreite (ebd., 419). In der Editionierung von Freuds Texten ist nicht zuletzt durch diese Kontroverse ein ganzer Forschungsbereich zur Übersetzungskritik etabliert worden. So kritisierte die Freud-Expertin und autorisierte Editorin der Gesammelten Werke Ilse Gubrich-Simitis durch ihre Forderung, jenseits von Historisierung und Mythisierung ein »unmittelbares Kennenlernen des Entstehungskontextes durch das Sprachenmachen der Dokumente« (Grubrich-Simitis 1993, 23) zu ermöglichen, die Korrumption des »jedermann betreffenden humanistischen Projektes« (ebd., 11), das Freud mit seiner Psychoanalyse initiieren wollte. Wie Grubrich-Simitis anhand einiger paradigmatischer Manuskripte Freuds die produktions- ästhetischen Bedingungen seines Schreibprozesses rekonstruieren konnte, war Freuds Schreibarbeit immer schon durch eine bestimmte Bibliophilie geprägt, die sich zur »Autobibliophilie« steigerte (ebd., 32). Daher lag ihm besonders viel an dem Schicksal seiner eigenen Bücher. Durch die Wahl des richtigen Verlages sollte die Zukunft seiner Bücher gesichert werden. Publizierte er noch bis 1895 ausschließlich in fachmedizinischen Zeitschriften, so wurden ab 1900 und verstärkt ab 1910 mit der Institutionalisierung der Psychoanalyse durch die Gründung von Vereinigungen auch eigene Publikationsorgane geschaffen (ebd., 37ff). Freud betrieb eine ganze »Publikationspolitik« (ebd., 39), die trotz prekärer finanzieller Lage Einzelausgaben, Periodika und Anthologien herausgab (ebd., 46). Mit einem eigenen Publikationsort war es Freud erlaubt das Schicksal seiner Bücher selbst zu schmieden. Auf diese Weise wurde auch ein relativ unabhängiger Ort produktionsästhetischer Vorgaben geschaffen: Freud entwickelte einen eigenen Schreibstil jenseits des wissenschaftlich-medizinischen Fachjargons. 1932 publizierte er eine 60 Damit wuchs auch der finanzielle Erfolg, während europäische psychoanalytische Vereinigungen immer abhängiger von den amerikanischen wurden. Mit Aufkommen der sogenannten »big science« im Zuge der dritten industriellen Revolution und den durch Stiftungsgeldern finanzierten Forschungsprojekten, von denen vor allem Behaviorismus, Sozialwissenschaften und die Psychologie profitierten, ging es vor allem um sichtbare und erfolgreiche Resultate beruhend auf statistischer Messung und Verifizierbarkeit: »Veränderungen, die einem wachsenden Druck auf die Analytiker erzeugten, eine medizinische Ausbildung zu durchlaufen und ihre Theorien mit solchen der laborgestützten Wissenschaften zu koordinieren. So geriet die europäische Psychoanalyse zunehmend in den Einflußbereich der Medizin« (ebd., 266). POP, POPULÄR, POPULARISIERUNG 151 Anthologie mit dem Titel Vier psychoanalytische Krankengeschichten, für die mit Freuds Zitat geworben wurde, dass seine Krankengeschichten »wie Novellen zu lesen« (Freud zit. n. Gubrich-Simitis ebd., 47) seien.61 Freuds Schreibstil ist durch zwei Prozesse gekennzeichnet: Der eine Prozess betrifft die Herausarbeitung eines Vokabulars, dessen semantisches Spektrum, wie der Linguist Uwe Pörksen gezeigt hat, auf einer absteigenden Skala von abstrakten Abkürzungssymbolen, Begriffen der alten Gelehrtensprache, eingebürgerten Lehnwörtern und Fremdwörtern bis zu gemeinsprachlichen, affektgeladenen Wörtern und Metaphern reicht (Porksen 1986, 152). Freuds Sprache befinde sich in einem »fließenden Übergang zwischen einer terminologischen Fachsprache und einer unspezifischen Gemeinsprache« (ebd., 155) und »steht somit dadurch genau auf der Grenze zwischen wissenschaftlichem und schriftstellerischem Sprachstil« (ebd., 163). Damit folgte Freud bewusst den Konventionen der wissenschaftlichen Zunftsprache und durchbrach diese Konventionen zugleich damit, dass er sie mit der volksnahen Sprache verknüpfte. Freud installierte mit dieser semantischen Skala eine Brücke zwischen elaboriertem, medizinisch-biologischem Spezialdiskurs und der elementaren Alltagskultur, sodass die Psychoanalyse neben der Popularisierungsbewegung der Naturwissenschaften in Biologie und Physik als weiterer Interdiskurs zwischen Wissenschaft und Literatur fungiert.62 Damit wurde der Zwiespalt innerhalb der Psychoanalyse zwischen wissenschaftlicher Profession und »weltlicher Seelsorge« (Freud 2000, 346) im Sinne einer Volkspsychologie zusätzlich verstärkt. Durch ambivalente Analogien und metaphorische Überdehnungen zwischen der Arbeit des Psychoanalytikers als Chemiker einerseits und geisteswissenschaftlich orientiertem Interpret des Unbewussten andererseits war die marginale Position des Psychoanalytikers in Europa besiegelt.63 Der Weg 61 Zum Verhältnis von Literaturwissenschaft und Psychoanalyse siehe Freud und das Wissen der Literatur (Alt/Anz, 2008). Siehe hierzu auch Thonack (1997). 62 Eine Erklärung für dieses Oszillieren zwischen neutraler und kühler Fachsprache und affektgeladener Gemeinsprache findet Pörksen in der Neutralisierung der Sexualsprache durch die Biologisierung ihrer Begriffe. Die Freud’sche Psychoanalyse präsentiere ihre Begriffe ohne semantische Verhüllungen, sodass sie einerseits provozierten und gleichzeitig durch die »Affektstärke« des naturwissenschaftlichen Sprechens und dem damit verbundenen Sozialprestige neutralisiert worden sind (ebd., 171): »In Freuds Vokabular liegt eine Tendenz zu naturwissenschaftlich orientierter Umwertung der seinerzeitigen Auffassung von der Sexualität« (ebd., 173). 63 In dem bereits zitierten Vortrag aus dem Jahre 1918 führt Freud aus, dass der Begriff der Analyse im Sinne von Zerlegung und Zersetzung »an eine Analogie mit der Arbeit des Chemikers an den Stoffen denken läßt« (Freud 2000, 241). EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 152 von der Psychoanalyse zur Transferwissenschaft, die einen interdisziplinären Bund von Wissenschaftlern stiftet, blieb unerfüllt. Die Psychoanalyse ist keine Wissenschaft, weil sie etwas besitzt, das ihre Wissenschaftlichkeit außer Kraft setzt: die autorative Kraft eines schreibenden Forschers, dessen Habitus ihm einen Denkzwang auferlegt hat, dem er sich nicht mehr widersetzen konnte. Sigmund Freud hat sein wissenschaftliches Kapital in soziales Kapital und intellektuelles Prestige transformiert: Er erschuf einen eigenen Publikationsort, in dem es ihm erlaubt war, sein inkorporiertes kulturelles Kapital in symbolische Güter zu verobjektivieren, die seine Signatur tragen. Dieser neue Ort des Öffentlichen erschuf eine Gruppe von gleichgesinnten Medizinern, die Freud durch Institutionalisierungsakte zu einem Denkkollektiv zusammenschloss. Schließlich trat das ein, was Bourdieu als Personenkult bezeichnet: In dem Moment, wo der Eigenname eines Forsches zum Etikett einer Strömung wird, ›setzt sich der Repräsentant an die Stelle des Repräsentierten‹. Psychoanalyse ist Freud und Freud ist Psychoanalyse. Der Tod Freuds führte zu einer Zersplitterung der Schulen, Institutionen und Begriffe. Doch der Freud’schen Schreibweise sollte ein anderes Schicksal vorherbestimmt sein. Im Jahre 1967 wurde mit dem Sigmund- Freud-Preis eine Konsekrationsinstanz für wissenschaftliche Sachprosa, also einer Textgattung der akademischen Wissensproduktion, etabliert, die gerade gegen das Akademische in ihr anschrieb. Was genau fördert der Preis? »Er wird zur Förderung einer Gattung (gelehrte Prosa) verliehen, die der Akademie im Vergleich zu anderen europäischen Literaturen, bei den Schaffenden wie bei den Aufnehmenden, nicht gebührend geschätzt und daher auch nicht genügend entwickelt erscheint. Entsprechend dieser Absicht trägt der Preis den Namen Sigmund Freud«.64 Der Preis soll demnach präventiv wirken: Indem er die Gattung der ›gelehrten Prosa‹, wobei ›gelehrt‹ hier nicht auf ein Stilmerkmal verweist, sondern auf den Urheber, sowohl auf Seiten der Produzenten als auch auch auf Seiten der Rezipienten würdigt, will er gleichzeitig zur zukünftigen Weiterentwicklung dieser Gattung beitragen. Welche Preisträger verzeichnet die Akademie? Man findet hauptsächlich Wissenschafler der Philologie, Philosophie, Geschichte und der Biologie. Unter den Physikern findet man Werner Heisenberg und Friedrich von Weizäcker. Unter den Philologen wäre Hugo Friedrich zu nennen, während in der Zoologie der Schweizer Naturforscher Adolf Portman gewürdigt wird. Was jedoch zeichnet diese Prosa aus? Es lassen sich anhand der online verfügbaren Kritiken folgende Kriterien für eine gute wissenschaftliche Prosa aufzählen: »präzise und luzide Sprache« (Julia Voss / Historikerin), 64 Online verfügbar unter: http://www.deutscheakademie.de/preise_freud.html, abgerufen am 16.07.2014. Der Preis ehrt hauptsächlich geisteswissenschaftliche Sachprosa. POP, POPULÄR, POPULARISIERUNG 153 »elegante wie allgemeinverständliche Sprache«, ohne zu vereinfachen, »seine Schriften bezeugen, dass das Deutsche auch als Sprache der Naturwissenschaften seinen alten Rang und Glanz meisterhaft behaupten kann« (Michael Hagener / Historiker), »frische wie lebhafte Sprache« (Josef H. Reichholf). Zu Peter Sloterdijk wird angemerkt, er verbinde als Erzähler Philosophie mit Poesie, bei Karl Schlögel wird von einer »geohistorischen Poetik« gesprochen, Walter Burkert schreibe »nüchtern und philologisch scharfsinnig, lakonisch und nicht ohne Ironie«, Kurt Falschs Sprache sei kurz und knapp, witzig und luzide, zu Ilse Grubrich-Simitis wird angemerkt, dass ihre Sprache frei vom Wissenschaftsjargon sei, Peter Wapneski sei ein »Meister des Stils«, Gustav Seibert dagegen pflege einen eleganten Sil, der der Wissenschaft ihre Lebendigkeit zurückgebe, die sie im ungelenken Fachjargon zu verlieren drohe, Weizsäckers Sprache sei anmutig und präzise zugleich, während Heisenberg eine »überzeugende Sprachordnung« aufweise und damit auf die »Brauchbarkeit der Sprache als Werkzeug der Erkenntnis« verweise, Ernst Bloch vereinige »Witz und Weissagung im Strom der Sprache« und der Romanist Hugo Friedrich und der Zoologe Adolf Portmann schließlich vereinigten »strenge Forschung« mit »vorbildlicher Prosa«. Zusammenfassend läßt sich folgende Kriterienskala für vorbildliche Wissenschaftsprosa der ›Gelehrten‹ aufstellen: luzide / scharfsinnig, anmutig / präzise, anschaulich, überzeugend, elegant, allgemeinverständlich, lebendig und vor allem frei vom Wissenschaftsjargon. Der Preis würdigt damit nicht nur einen Schreib-, sondern auch einen Denkstil, der an den ›Diskursivitätsbegründer‹ erinnert.65 Er rühmt nicht nur die Qualitäten der gelehrten Sprache, sondern den Mut, seine Autorschaft der wissenschaftlichen Abhandlung zur Darstellung zu bringen. Felix Steiner geht in seiner Monographie Dargestellte Autorschaft, in der er unter fachtextpragmatischen Gesichtspunkten naturwissenschaftliche Aufsätze um 1800 einer 65 Foucault unterscheidet hier im Wesentlichen zwischen singulären Autorentypen, die sich von dem Typus des »Diskursivitätsbegründers« unterscheiden: »Es scheint mir aber, dass man im Laufe des 19. Jahrhunderts in Europa einige recht singuläre Autorentypen hat auftreten sehen, die man weder mit den ›großen‹ literarischen Autoren noch mit den Autoren kanonischer religiöser Texte oder mit den Begründern einer Wissenschaft verwechseln sollte. Bezeichnen wir sie auf etwas willkürliche Weise als ›Diskursivitätsbegründer‹. Das Besondere an diesen Autoren ist, dass sie nicht nur die Autoren ihrer Werke, ihrer Bücher sind. Sie haben mehr geschaffen als das: die Möglichkeit und die Formationsregeln anderer Texte« (Foucault 2003, 252). Karl Marx und Sigmund Freud werden von Foucault in diesen engeren Kreis der ›Diskursivitätsbegründer‹ eingeordnet, die »unbegrenzte Diskursmöglichkeiten« geschaffen hätten. EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 154 Analyse unterzieht, auf das bereits von Wissenschaftslinguisten etablierte, aber dennoch umstrittene ›Ich-Tabu‹ ein: Die Kritik besagt, dass man in der persuasiven Praxis wissenschaftlicher Texte die Geltung von Aussagen dadurch anstrebe, dass Hinweise auf die subjektive Dimension der Erkenntnisproduktion systematisch ausgeblendet würde. […] Indem man praktisch ›die Sache selbst‹ sprechen lasse, würde das ›eigentliche‹ Subjekt der Aussage, das Agens der Forschung, der wissenschaftliche Autor, in seiner Rolle verunklärt. […] Es ist die Unmarkiertheit der Sprecherdeixis, die in wissenschaftlichen Publikationen auffällt und auch im Alltag zum Klischee des unpersönlichen Wissenschaftstextes führt (Steiner 2009, 65f.). Allerdings sei die Ich-Frequenz wissenschaftlicher Texte kein »stichhaltiger Index für autorschaftliche Anwesenheit« (ebd., 68). Stattdessen möchte Steiner den Ausdruck der Ich-Frequenz als »unmittelbaren Index für eine bestimmte Ausprägung der Musterkonventionalität« verstanden wissen. Hierzu verwendet er Flecks Begriff des Denkkollektivs: »Wissenschaftliche Texte sind unmittelbar an ›Denkkollektive‹ gerichtet, die gleichzeitig das autorschaftliche Sprechverhalten mitbestimmen« (ebd., 70). Aus diesem Grund ist die Untersuchung Steiners auf Inszenierungsund Konstruktionsstrategien der »Autorfigur« und nicht der Autorfunktion gerichtet (ebd., 154). Steiner versteht unter der Autorfigur »die Aufführung einer Rollenauffassung«, »die im Text indiziert und auf eine einzige Instanz bezogen wird. Das Konstrukt ermöglicht eine Rezeption von Text vor dem Hintergrund einer an die jeweilige Domäne angepassten Modellierung der Autorinstanz, mit der sich die im Text dargestellten Handlungen, Intentionen, Einstellungen, Aussagen in Verbindung bringen lassen« (ebd., 155).66 Der Textaufbau folge dabei einer »typographischen Sequenzierung«, die den Text in unterschiedliche Ebenen hierarchisiere (Fußnotentext vs. Haupttext). Mit dieser Hierarchisierung gehe 66 Zur autorativen Stimmenvielfalt im akademischen Diskurs siehe hierzu der Aufsatz von Kjersti Flottum Academic voices in the research article (Flottum 2009). Vergleicht man hingegen die Analysen Steiners mit denen heutiger naturwissenschaftlicher Fachartikel, wie Alan Gross dies getan hat, so erkennt man, dass es dort weder eine Gestalter- noch eine Mittlerfigur gibt. Das Aussagesubjekt fungiert zwar als Animateur und Principal, aber nicht als metadiskursive oder selbstreflexive Instanz in Bezug auf ihre Aussagewirklichkeit. Auf Spekulationen lässt sich kein Principal ein, denn für ein bestimmtes Wissen steht er mit seinem Namen ein. Die naturwissenschaftliche Autorstimme im Scientific Paper ist das Medium komplexer Experimentalsysteme einer Kollektivautorschaft (Galison 2003, 325ff.). Im Gegensatz hierzu spiegeln die hier untersuchten Genres eine relativ starke Autorfigur wider, die dazu tendiert vom reinen Animateur (Sprachrohr anderer Wissenschaftler) zu einem reinen Principal zu werden, der für das Gesagte mit ›einem eigenem Namen‹ einsteht. POP, POPULÄR, POPULARISIERUNG 155 eine »funktionale Differenzierung von Aussageebenen« und eine »Änderung des Aussagestatus« einher (ebd., 189). Die unmittelbare Folge dieser Veränderungen sei eine Aufspaltung der Autorfigur in Teil-Autor- Figuren (Fußnote, Vorwort / Nachwort, Danksagung, Einleitung, Titel, Inhaltsverzeichnis). Ähnlich der Analysen Steiners verfolge ich das Ziel, eine »feste Zusammenspielfunktion« (ebd., 190) dieser autorativen Masken und ihrem jeweiligen Sprechgestus herauszuarbeiten, um schließlich damit den jeweiligen epistemischen Stil zu konturieren, der sich von anderen Stilen unterscheidet. Die Rahmen-Analyse von Goffman, an der sich Steiner orientiert, folgt einer tertiären Ich-Struktur. Die Urheberschaft einer Aussage spaltet sich in a) Animateur (»Sprachrohr«), b) der Autor als Subjekt der Aussage und Verantwortlicher und c) Principal, eine zeitlich überdauernde Aussageinstanz, die auf die soziale Identität und institutionelle Rolle verweist. Steiner hält fest: Angenommen, in einem wissenschaftlichen Text wird auf einen bestimmten Stand der Forschung referiert, indem in einer additiven Folge Positionen von Autoren aufgelistet werden. Dieser Rahmen erlaubt es einen Animateur / Autor, Aussagen im Namen anderer Autoren zu machen. Es ist innerhalb eines Rahmens durchaus üblich, dass man nicht für sich spricht. Der Animateur formuliert hier Aussagen, die der assoziierte Autor nur insofern verantwortet, als es sich um Paraphrasen von Aussagen, also um Aussagen über Aussagen handelt. Allerdings dient der Bezugsrahmen Forschungsstand in der Regel dazu, die Differenzstellung zum Text-Autor / Text-Principal besonders herauszustreichen und im Anschluss an die Figur Im-Namen-von-anderen-Autoren als Kontrastfigur zum Im-eigenen-Namen-Sprechen einzusetzen (ebd., 197). Aus diesen Grundmustern entwickelten sich drei weitere Subkategorien: die Verantworterfigur, die vor allem als soziale Figur agiere (Koryphäen vs. No-Names) und sich aus einer Mischung von Animateur und Prinzipal ergibt. Steiner definiert: Sie hat ihren Ort, wenn man so will im äußersten Rahmen der Aussagewirklichkeit. Sie verfügt über eine Reichweite, die über den textuellen Aussagerahmen hinausgeht, und sie kommt gleichzeitig jener Hypostase gleich, die unter dem Autornamen eine Existenz als Autor fristet. Wer einen wissenschaftlichen Text liest, interagiert in gewisser Weise mit dieser Hypostase. Man subsumiert die gelesenen Aussagen unter dem Namen. Mit einem Autornamen verbinden sich so gesehen auch variable Vorstellungen darüber, was diesen Autor im Hinblick auf die Aussagedomäne ausmacht: Im Wissenschaftsalltag spricht man gerne von No-Names und Koryphäen – man thematisiert damit das symbolische Kapital, das sich mit wissenschaftlichen Beiträgen akkumulieren läßt. (ebd., 199) Der Verweis auf den Begriff des symbolischen Kapitals und damit auf Pierre Bourdieu impliziert zudem, dass es sich bei den unterschiedlichen EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 156 Autorfiguren nicht bloß um eine textstrategische Instanz handelt, sondern um eine literatursoziologisch analysierbare Größe, die unterschiedlich gerahmt ist. Die Verantworterfigur sei aufgrund ihres symbolischen Kapitals eine »zuverlässige« Aussagefigur: Sie dürfe nicht absichtlich Unwahrheiten äußern oder absichtlich Aussagen vernebeln, gerade weil sie den Regeln des »wissenschaftlichen Verweissystems« und den Quellenangaben folge (ebd., 200). Demnach spielen die paratextuellen Elemente eine wichtige Rolle in der Beschreibung dieser Verantworterfigur, was vor allem in der Verbindung von Titel und Autorname zum Tragen kommt. Das paratextuelle, äußere Gerüst ist bereits ein so starker Selektionsfilter der Rezeptionssteuerung, dass er ein wichtiger Faktor bei der Analyse wird. Die »Autornamen-Texttitel-Verbindung« impliziert einen »Herrschaftsanspruch« des Autors über ›sein‹ Thema«. Sie bilde den statischen Fixpunkt in einem Meinungsstreit innerhalb eines Denkkollektivs (ebd., 201). Als zweite Autorfigur führt Steiner die »Gestalter-Figur« als »Problemlösefigur« der Interaktion mit dem Leser ein. Sie sei weniger eine nach »außen projizierte, autorschaftliche Illusion« einer »intellektuellen Urheberschaft« als vielmehr »ein aus dem sprachlich vermittelten Verhaltensbild abgeleitetes ›Charakterbild‹ der autorschaftlichen Instanz« (ebd., 202f.). Eine ähnliche Aussageninstanz stellt auch die von Steiner nochmals spezifizierte »Mittler-Figur« dar. Sie fungiert als metadiskursive Markierung im Text. Weil sie sich gleichzeitig auch als »Einstellungsfigur« präsentiere, die eine »selbstreflexive Funktion des Sprachgebrauchs« inne habe, verdopple sie die Aussageninstanz. Sie stelle ein kritisches Bewusstsein dar, das den Erkenntnisgewinn weiter ausdifferenziere, indem sie den »dialektischen Antagonismus zwischen Einspruch und Reformulierung« sowie »Selbstdistanzierung« und »Erkenntniszuwachs« als »denkhandelnde Instanz einer Kontiguitätsrelation« sichtbar werden lasse (ebd., 203f.).67 In der Stimme des Homo academicus besagt daher der unausgesprochene soziale Vertrag, den ein wissenschaftlich-akademischer Akteur mit der scientific community eingeht, Folgendes: Mit jedem Wort und mit jedem Satz, den ich spreche, bin ich einer größeren Gemeinschaft verpflichtet, die die Bedingungen der Möglichkeit meines Sprechens formuliert . Jedes publizierte Wort von mir gibt Rechenschaft ab, über das, was ich innerhalb dieser Gemeinschaft für diese Gemeinschaft bedeutet . Nur durch sie ist meine Rede legitimiert . Wenn ich die Legitimationsgrenze meines Sprechens überschreite, bin ich nicht mehr ›im Wahren‹ (Foucault) . Ich bin auf mich alleine gestellt und meine Rede wird 67 Für weiterführende Unterschungen von Autorschaft/Autorität, Wissenschaft und Erzählen siehe hierzu Azzouni/Böschen/Reinhardt (2015) und Flatau (2015). PROFIL UND SIGNATUR VON »HOMO ACADEMICUS GOES POP« 157 auf sich selbst zurückgeworfen . Weil sie nicht mehr durch die scientific community legitimiert wird, ist mein Name die einzige Legitimationsinstanz . Man erweise dieser Instanz alle Ehre und lasse sie unter den Masken der populärwissenschaftlichen Verpuppung hervortreten. 4. Profil und Signatur von »Homo academicus goes Pop« Es gibt kein Objekt, das nicht einen Standpunkt v oraussetzte, und das gilt selbst für jenes, das ausdrücklich nur darum geschaffen wurde, die Standpunkthaftigkeit, das heißt Parteilichkeit, aufzuheben, die partielle, an eine bestimmte Stellung im untersuchten Raum gebundene Perspektive zu überwinden. Bourdieu 1992a, 38 Wir entziehen unseren Diskursen die sinnliche Grundlage und vergessen leicht, daß wir für unser Publikum Verantwortung tragen. Ette 2004, 51 Wir betrachten die Wissenschaft unter der Optik der Populärwissenschaft und die Populärwissenschaft unter der Optik der Literatur. Ausgangsthese ist, dass der Dialog zwischen Literatur und Wissenschaft über einen dritten Diskurs vermittelt wird: die Populärwissenschaft. Die vorliegende Arbeit gliedert sich demnach in drei aufeinander aufbauende Analyseschritte: die historisch- komparatistische Rekonstruktion des populärwissenschaftlichen Feldes (Genese), aus der sich die Struktur der populärwissenschaftlichen Subfelder akademischer Wissensproduktion ableitet, die vergleichende Literaturkritik der hybriden Textgenres bestimmter intellektueller Subfelder innerhalb der Disziplin der Biologie, und darauf aufbauend schließlich die vergleichende Kritik von fiktionaler Erzählliteratur, die sich auf biologisches Wissen als deskriptives Referenzobjekt und narratives Strukturmerkmal ihrer Prosa bezieht und damit sowohl als Vermittlerin naturwissenschaftlichen Wissens auftritt als auch die transzendentalen Bedingungen dieser Vermittlung offenlegt. Die vergleichende Literaturkritik intendiert die Inszenierung eines Struggle of the Fittest-Text. Daher wird eine literaturwissenschaftliche EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 158 Standpunktkritik vertreten, die zunächst davon ausgeht, dass es der Literatur möglich ist, als heterodoxische Ideologiekritikerin lebenswissenschaftlicher Doktrinen, Dogmen und Weltbilder zu fungieren, um das ›Schildkrötensubjekt‹ aus seinem ›Erzählpanzer‹ zu befreien und eine »viellogische Konvivenz« (Ette 2012, 78) zwischen literarischen Wissensformen und populärwissenschaftlichen Wissensnormen auszuhandeln. Zu fragen wäre also, ob die narrative Integrationskunst beider Schreibpraktiken anstatt eine bloße ›Koexistenz‹ der Diskurse zu suggerieren, eine wechselseitige Durchdringung ihrer eigenen gattungstypologischen Grenzen erfährt, sodass eine polyvalente Verschränktheit der drei Bezugsgrößen zum Leben (Wissenschaft, Populärwissenschaft, Literatur) die Konvivenz der einander sich ausschließenden Wissenskulturen ermöglicht, um ihre diskursive Wahlverwandtschaft offenzulegen. Die Konstruktion der Struktur und Genese des populärwissenschaftlichen Feldes bzw. Subfeldes operiert hier sowohl direkt als auch indirekt mit den Richtlinien von Bourdieus soziologischer Feldanalyse, bei der folgende Punkte beachtet werden müssen: 1. die Untersuchung der Position des populärwissenschaftlichen Feldes innerhalb des Feldes der Macht und dessen sukzessiver Entwicklung, 2. die Analyse der inneren Struktur des populärwissenschaftlichen Feldes, eines Universums mit eigenen Funktions- und Transformationsgesetzen, d.h. eine Analyse der Struktur der objektiven Beziehungen zwischen den Positionen, die von den miteinander um die Legitimität konkurrierenden Individuen oder Gruppen eingenommen werden, wobei festzuhalten ist, dass sich, 3. alle Subfelder nach dem Grad ihrer Autonomisierung im Feld der Macht unterscheiden, das immer den äußersten Rahmen der Sozialtopologie bildet. Zunächst einmal muss die mediale Verpuppung der neuen Wissensoligarchen als Untersuchungsgegenstand fixiert werden. Hierzu orientieren wir uns an Stefan Möbius Analyseleitfaden: (1) die kognitive Ebene umfasst ideen-, ideologie-, mentalitäts-, politik-, kultur-, wissenschaftsoder disziplingeschichtliche Kontexte, die als Elemente einer psychosozialen Dynamik eine Gruppenidentität, d.h. ein Denkkollektiv, generieren. Der Schritt (2) besteht nun darin die spezifischen Formen der Interventionen dieser Gruppe – ist sie kritisch, organisch, parteilich – in der Öffentlichkeit zu charakterisieren. (3) Geht es nun darum, das Akteurennetzwerk, d.h. die Interessengruppen, auf der sozialen Ebene über Indikatoren wie Biographie, Milieu, Netzwerk und Ort zu identifizieren. Wichtige soziale Faktoren sind hierbei die Institutionalisierungsprozesse, Rituale, Praktiken und Abgrenzungsversuchung von anderen Gruppen. Auf der Ebene (4) werden wirkungsgeschichtliche Aspekte von PROFIL UND SIGNATUR VON »HOMO ACADEMICUS GOES POP« 159 Werken abgehandelt, also ein genuin diskursanalytisches und literaturwissenschaftliches Messinstrument zugleich. Akteur-Netzwerke sind Experimentierfelder intellektueller Selbstentwürfe; jeder Akteur ist zugleich eine bewegte Einheit, die sich von der Gruppe oder einer Teilgruppe abspalten kann. Der Fokus liegt hier also nicht auf der Gesamtheit der Akteure des populärwissenschaftlichen Feldes – zumal jede Gruppe für sich eine neue empirische Arbeit erfordere –, sondern auf einen eingegrenzten Teilbereich einer bestimmten Disziplin innerhalb des akademischen Feldes: in diesem Fall der Biologie, in deren historischer Disziplingenese sich Naturgeschichte und Naturwissenschaft voneinander trennten, was zu einem theoretisch-diskursiven und methodologisch-experimentellen Konkurrenzkampf lebenswissenschaftlicher Subdisziplinen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts führte. Dabei handelt es sich vorrangig um die beiden emergierenden Felder der Sociobiology in den 1970er Jahren und der Evolutionary Psychology in den 1990er Jahren, die ihre semantischen Kämpfe mit und gegen die Etablierung der Molekulargenetik als Königsdisziplin der neuen Lebenswissenschaften austragen.68 Gegen diese Akteure und ihre populärwissenschaftliche Textproduktion treten sowohl Schriftsteller aus der Gegenwartsliteratur an wie Margaret Atwood, deren MaddAddam-Trilogie mit Octavia E. Butlers Xenogenesis-Trilogie aus den 1980er Jahren und Dietmar Daths Abschaffung der Arten verglichen werden soll, Jorge Volpi No será la tierra und Richard Powers The Echo Maker. Aus der Wissensordnung um 1900 werden Franz Kafkas Animal Narratives und Karel Capeks Krieg mit den Molchen (Válka s mloky) hinzugezogen, um die Verflechtung von wissenschaftlichen, populärwissenschaftlichen und literarischen Genres aufzuzeigen. In besonderer Weise lässt sich an Capeks Roman demonstrieren, wie über literarisch-fiktionalisierende Verfahren prognostische Auskünfte über gesellschaftsverändernde Prozesse im Kontext einer sich globalisierenden Wissens- und Informationsgesellschaft erteilt werden können. Mit Oliver Sacks Schreibgenealogie vom klinischen Lehrbuch zu 68 Die Entscheidung fiel auf dieses intellektuelle Subfeld akademischer Wissensproduktion, da eine feldanalytische Rekonstruktion durch die Soziologin Ulrike Segerstråle bereits unternommen worden ist und eine solide wie empirisch vielversprechende Basis einer literaturwissenschaftlich, qualitativen Textanalyse der populärwissenschaftlichen Textgenres der Akteure in diesem Subfeld bietet. Andererseits leitet sich die Entscheidung von der einfachen Tatsache ab, dass der britische Ethologe Richard Dawkins dreizehn Jahre lang den Lehrstuhl des Public Understanding of Science in Oxford inne hatte und zum Klientel des Literaturagenten John Brockman gehört, während der Harvard-Psychologe Steven Pinker als Akteur im Subfeld der Evolutionary Psychology Position bezog und bis heute einer der vehementesten Kritiker der humanities darstellt. EIN INTERDISZIPLINÄRES ARCHIPEL 160 den Clinical Tales soll darüber hinaus eine Konvivenz zwischen Wissenschaft, Populärwissenschaft und Literatur dargestellt werden, die in Richard Powers Clinical Novel The Echo Maker konvergiert und zu einem vorläufigen Abschluss kommt. Bleibt also nur noch die Analyse geisteswissenschaftlicher Prosa im Kontext genrehybridisierender Vertextungsverfahren, denn auch akademische Texte der Linguistik und Literaturwissenschaft wurden bereits diskursanalytisch erforscht und der Kritik zugänglich gemacht.69 Da diese jedoch in diesem Fall selbst nicht zum Gegenstand der Kritik gemacht werden kann, weil sie gerade den Standpunkt der Kritik ausmacht, soll die Kritisierbarkeit dieses Textes über die Form wieder eingeholt werden. Dies bedeutet konkret, dass der vorliegende Text die Polyphonie der unterschiedlichen Autorfunktionen des philologischen Sprechens bewusst in Szene setzt und über verschiedene Schreibverfahren erprobt. Dazu gehört zum einen die utopisch-allegorische Rahmung durch Francis Bacons New Atlantis, das als narrativer Bezugspunkt die einzelnen Stadien der Untersuchung begleitet, wodurch in jedem einzelnen neuen Kontext dieser Text auch wieder rekontextualisiert wird, bis sich die einzelnen Schichten des Narrativs der utopischen Wissensgesellschaft nach und nach abtragen und auf den fiktiv-realen Kern dieses grand récits vorstoßen. Die Autorin, die in diesen einführenden Worten spricht, wird das ›Erzähler-Ich‹ sein, das seine Leser auf dem Lektürepfad begleitet. Das ›Forscher-Ich‹ tritt in Erscheinung, wenn die eigene Standpunktkritik gegenüber den Popular Science Writers stark gemacht werden soll, um die einzelnen Positionen klar zu definieren, wobei durch die letzte Sprechinstanz, das ›Autoren-Wir‹, das bereits in der Einleitung zu Wort gekommen ist, der eigene Standpunkt – zumindest partiell – überwunden werden soll. In erster Linie wird sich das ›Autoren-Wir‹ an die akademischen Fachkreise wenden, indem es jedoch gleichzeitig das ›Teamwork-Wir‹ in ihnen anspricht. Wenn sich jedoch diese Qualifikationsschrift vom Schreib- ins Publizierbare bewegt – was sie bereits getan hat –, wird sich das ›Autoren-Wir‹ zu einem ›Gemeinschafts-Wir‹ transformieren, um in der Sinnlichkeit und Lust des erschriebenen Textes die Tradierbarkeit und Kritisierbarkeit des philologischen Textes zu gewährleisten.70 Wenn es als publiziertes Buch die Zirkulation medialer Kanäle im Feld kultureller Massenproduktion durchlebt – was der Fall ist, sobald ein interessierter Leser dieses Buch trotz seines materiellen Gewichts in seinen Händen hält –, beweist es vielleicht seine Überlebensfähigkeiten außerhalb des akademischen Feldes. Diese Chance wird hier ausgespielt. 69 Siehe hierzu Steinhoff (2007). 70 Zur Verwendung dieser Begriffe siehe das Kapitel Literarische Streifzüge unorthodoxer Philologen im vierten Teil dieses Buches. TEIL II STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES Ein internationaler Vergleich 163 Atlantis 1800–2000: Kolonialisierung Eine radikale Reform der Wissenschaft, wie wir es anstreben, kann nicht durch zarte und sanfte, sondern nur durch energische und rücksichtslose Mittel herbeigeführt werden. Haeckel 1984 [1867], 103 Kaum je zuvor freilich stand Naturwissenschaft so nah am Rand von Erkenntnissen und Praktiken, die die Gesellschaft durchrütteln und umordnen werden. […] Hier liegt der Sinn der Wissenschaftsvermittlung. Sie muß von den Wissenschaftlern selbst ausgehen. Sie müssen mit dem Mut zur Popularisierung ihre Vision der Zukunft erzählen oder von anderen erzählen lassen. Schirrmacher 2001, 21 Eine Kritik des populärwissenschaftlichen Feldes, wie sie hier angestrebt werden soll, vollzieht nicht nur eine Kritik der Literatur dieses Feldes, sondern will versuchen zu erklären, wie sich die einzelnen sozialen Rollen der Akteure und ihrer Positionen aus der historischen Genese des jeweiligen nationalen Wissenschaftsfeldes heraus entwickelt haben. Ein erster Blick auf die Herausbildung eines populärwissenschaftlichen Diskurses in den europäischen Industrienationen England, Deutschland, Frankreich zeigte bereits einen anhaltenden Anstieg der populären Wissenschaftspresse in Tageszeitungen, Magazinen, Büchern bis zu ihrem Höhepunkt vor dem ersten Weltkrieg. Obwohl sich auch in der sogenannten europäischen Peripherie (Spanien, Italien, Portugal, Polen, Belgien) der journalistische Sektor immer mehr wissenschaftlichen Gebieten zuwendet, bleibt die Entwicklung eines professionellen Wissenschaftsjournalismus und -popularisierung in den Händen der westeuropäischen Industrienationen und den USA.1 Gerade an dem populärwissenschaftlichen Diskurs lässt sich zeigen, wie auf internationaler Ebene das journalistische und wissenschaftliche Feld kollaboriert haben, um nicht nur Informationen der scientific community durch die medialen Kanäle zu verbreiten, sondern ein ganz bestimmtes Bild der Wissenschaft zu formen. Daher ist dieses weniger als nationales, denn als transnationales 1 Für eine ausführlichere Darstellung der Wissenschaftspopularisierung in der europäischen Peripherie siehe der Sammelband Papanelopoulou/Nieto-Galan/ Perdiguero (2009) und Schirrmacher (Preprint 2009). STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 164 Bild zu verstehen. Als Diskurs ist die Populärwissenschaft in allen genannten Ländern beobachtbar. Als Feld hat es sich jedoch nur in einigen wenigen Ländern etablieren können. Zu ihnen gehören die USA und England und diese wiederum übten aufgrund ihrer Pionierfunktion in Sachen Organisation, Publikation und Kommunikation einen unheimlichen Druck auf alle anderen Länder aus. Bevor die Struktur und Genese der Populärwissenschaft im internationalen Vergleich dargestellt wird, müssen einleitend einige allgemeine theoretische Vorbemerkungen zur Popularisierung, ihren Textgenres und der Konstruktion wissenschaftlicher Autorschaft gemacht werden. Eine Literaturkritik des populärwissenschaftlichen Feldes bedeutet jedoch auch, dass die Literatur im engeren Sinne als fiktionale Erzählliteratur selbst als Kritikerin dieses Feldes auftritt. Nach der historischen Betrachtung und der vergleichenden Analyse populärwissenschaftlicher Produktionsgüter tritt sie als Strategin im Literaturkampf um tradierbares Wissen vom Leben auf. 1. Deutschland: Von »esoterischer Deskriptionspoetik« zur Wissenschaftskommunikation Der retrospektive Blick ist nicht nur ein historisierender, sondern auch ein regulativer Blick. Die wissenschafts- und sozialgeschichtlichen Studien von Andreas Daum und Angela Schwarz setzen hierbei ein ähnliches wissenschaftssoziologisches Kommunikationsverhältnis zwischen der Wissenschaft und der Öffentlichkeit voraus: Beide Autoren gehen nicht mehr von einem, noch zu Anfang des 20. Jahrhunderts tradierten, einseitigen, monodirektionalen Wissenstransfer von der hohen Wissenschaft zur niedrigen Bevölkerung aus, sondern von einem dynamischen Wechselverhältnis zwischen Wissenschaftler, Popularisierer und Publikum. Sie werden also nicht mehr als voneinander getrennte »Teilnehmer eines linearen Prozesses« verstanden, »sondern als ein Kontinuum von Produzenten und Rezipienten mit Wissenschaftlern und Nicht-Wissenschaftlern auf jeweils einer Seite des Spektrums« (Schwarz 1999, 40). Andreas Daum wendet sich ebenfalls von dem Zwei-Phasen-Modell der linearen Wissensvermittlung ohne Rück- und Wechselwirkungen zwischen Wissensproduzenten und -rezpienten ab und favourisiert das interaktionistische Modell nach dem Vorbild der angelsächsichen Historiographie von Terry Shinn und Richard Whitley (»expository science«): »Popularisierung geht hier auf in der Vielfalt intra-, inter- und extrawissenschaftlicher Kommunikation und ist selbst relevant für die kognitiven Prozesse der Wissensproduktion«, wobei Daum für den deutschen 165 DEUTSCHLAND Sprachraum allerdings Folgendes zu bedenken gibt: »Die historische Idee und Praxis der Popularisierung lebten bei allen Relativierungen doch von der Dialektik zwischen spezialisierter Wissenschaft und nicht spezialisiertem Publikum – und nicht zuletzt wird diese Dialektik auch in den Diskursen des 19. Jahrhunderts immer wieder thematisiert« (Daum 1998, 27). Damit schließen sich beide Autoren jüngeren Kommunikationstheorien der Wissenschaftssoziologie an, um das äußerst heterogene Phänomen der Popularisierung historisch beschreiben zu können. Schwarz geht bei der Popularisierungsbewegung in der Mitte des 19. Jahrhunderts von einer ›Modernisierungsbegwegung‹ aus (Schwarz ebd., 26). Das semantische Begriffsfeld der Populärwissenschaft sei in Deutschland breit gefächert und reiche von Nominalisierungen bis zu adjektivischen Bezeichnungen und Komposita. Das deutsche Begriffsfeld kann bis ins 18. Jahrhundert in seiner adjektivischen Nutzung zurückverfolgt werden. Dort finden sich Bedeutungsspielräume wie volksmäßig, gemeinnützig, volksverständlich und auch freundlich. Das heutige Verständnis von populär umfasse hingegen Begriffe wie Bekanntheit, Beliebtheit sowie Volkstümlichkeit, Volksnähe und Anklang finden bei der Masse. Das Verb popularisieren beziehe sich vor allem auf »populär machen« oder »populär (um)gestalten, daß es gemeinverständlich wird« (Schwarz ebd., 39), wobei eine »negativ verstandene Konnotation des Popularisierens« festzustellen sei. Dennoch erfahre dieser gerade durch den Begriff der Aufklärung im Zuge der industriellen Revolution und der damit verbundenen Expansion des Pressewesens, die ein neues Verständnis des Begriffs der Öffentlichkeit provozierte, eine Resemantisierung: Popularisierung wurde zum Projekt der Aufklärung. Die Wissenschaftspopularisierung sollte eine Brücke zwischen liberalem Bildungsbegriff des demokratischen Bürgertums und wissenschaftlicher Forschung schaffen (Daum ebd., 3). Zu dieser ›sozialen Emanzipation‹ trugen vor allem die naturwissenschaftlichen Vereinszusammenschlüsse von Hobbyforschern, Regionalspezialisten und Sammlern bei, die man unter dem Begriff Amateurwissenschaften zusammenfasst. Als historischer Amateurismus im Sinne einer bürgerlichen Laienkultur sei dieser in Deutschland noch relativ unerforscht. Als Äquivalent gelte der Dilettantismus. Daum versteht unter der Amateurwissenschaft eine »nichtprofessionelle Beschäftigung mit wissenschaftlichen Fragen, die sich zumindest an Teilaspekten wissenschaftlicher Methodik oder Thematik orientiert, diese aber nicht primär für den akademischen Erkenntnisgewinn, sondern zum privaten Interesse nutzt« (ebd., 104). Im Zuge eines Demokratisierungsprozesses erfülle sie eher eine sozialpsychologische Funktion und werde daher als »schichten- und rangübergreifendes Wissenschaftstraining« angesehen (ebd., 108). Auch Schwarz betont, dass die Spaltung zwischen Amateuren und Wissenschaftlern erst STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 166 im Übergang zur »big science« stattgefunden habe (Schwarz ebd., 62). Komplizierte Messinstrumente und aufwendige experimentelle Designs führten zu einer strikten Arbeitsteilung im wissenschaftlichen Forschen.2 Dennoch sollte ein einheitsstiftendes Narrativ der Öffentlichkeit suggerieren, dass die Heterogenität in ein Ganzes integriert werden könnte. Damit lief die Verbindung von Wissenschaft und Gesellschaft auf ein Paradoxon hinaus, denn durch die Wissenschaft sei ein Bewusstsein für die Komplexität und Undurchschaubarkeit der Natur erworben worden. Gleichzeitig jedoch wurde behauptet, dass nur durch ein einziges Mittel aus der Vielfalt wieder Einheit entstehen könne: durch die wissenschaftliche Methode (ebd., 64).3 Zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde die »Popularisierungsseuche« zur »Modeerscheinung« in Deutschland, England und Frankreich konstatiert (Schwarz ebd., 93). Die Geschichte der Wissenschaftspopularisierung kreuzte sich mit der Geschichte des Bildungssystems, denn »während des 19. Jahrhunderts blieben die Naturwissenschaften im gesamten Schulwesen in der Defensive«. Dies führte unweigerlich zu einem Bildungsstreit zwischen Humanisten, die auf »Selbstkultivierung« bestanden und den Realisten, die das rhetorisch-humanistische Muster für die Selbstkultuvierung durch die Naturwissenschaften nutzten (Daum 54ff.). Geht man von der Popularität der Disziplinen in den Forschungseinrichtungen aus, dann war zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Chemie die führende Wissenschaft, die zunächst in Frankreich bei Antoine Lavoisier begann und in Deutschland von Justus Liebig weitergeführt worden ist (ebd., 49f.). Die Geologie bzw. die »Gesteinsforschung« um 1830 löste die Chemie zunächst ab, da sie zunehmend das Interesse der gebildeten Öffentlichkeit weckte (Schwarz ebd., 49ff.). Vor allem das Interesse an der Erdgeschichte und den Fossilien verhalf der vergleichenden Anatomie und Paläontologie zu neuem Aufschwung in der Forschung. Für die Entwicklung der Erdgeschichte und ihrer Veränderlichkeit leisteten sie so auch der Evolutionstheorie Vorschub. Untersuchungen zur Wärmeleitung und zum Magnetismus gesellten sich dazu, lösten immer weitere einzelne Forschungsgebiete aus der Naturphilosophie heraus und begannen auch untereinander interdisziplinäre Verknüpfungen einzugehen. Ein Repertoire von Experimenten und Theorien 2 Diese Entwicklung vollzog sich in Deutschland und England unterschiedlich, denn der produktive Wissensaustausch zwischen Amateuren und Wissenschaftlern in England hätte weit längeren Bestand gehabt als in Deutschland (Schwarz ebd., 152). 3 Dieses Paradoxon fundiert bis heute das zwiespältige Verhältnis von Experte und Laie: »Das Thema Fachmensch und Laie ist bezogen auf einen fortlaufenden Prozess der Verquickung von Verfachlichung und Spezialisierung; in der Geschichte der Experten beherrscht die Tendenz, daß sie immer mehr über immer weniger wissen« (Hesse 1998, 33). DEUTSCHLAND 167 begann sich herauszukristallisieren, dass keineswegs vom Publikum unbeachtet blieb. Auch in der Entwicklung der Biologie zu einer eigenständigen Disziplin, die sich von der Naturkunde oder Naturgeschichte emanzipierte, lässt sich eine bisweilen sehr spezialisierte Auffächerung in verschiedene Wissenschaftsgebiete wie Botanik, Zoologie, Zytologie, Physiologie und Vererbungslehre ablesen. Allerdings blieb eine ganzheitliche naturwissenschaftliche Theorie der Entstehung des Lebens noch ungreifbar. Charles Darwins On the Origin of Species (1859) berührte schließlich den Boden der empirischen Tatsachen, sodass »durch das in fast fünf Jahren Expeditionsfahrt gesammelte und in den nachfolgenden Jahren sorgsam ausgewertete Material die Evolutionsthese auf eine empirische Grundlage« gestellt und ihr so ein wissenschaftlicher Charakter der empirischen Forschung verliehen werden konnte (ebd., 54). Die ›Darwinsche Revolution‹ habe nicht nur eine interdiszplinäre Vereinigung verschiedener biologischer Disziplinen bewirkt, sondern habe ebenso zu einer Verbreitung der Theorie in der Öffentlichkeit geführt, sodass rückwirkend eine starke Popularisierung der Biologie im öffentlichen Raum konstatiert werden konnte, die alle anderen Wissenschaften wie Astronomie, Chemie, Physik und Geologie ausstach (Daum ebd., 58, Schwarz ebd., 117). Mehr noch als um eine ›interdisziplinäre Vereinigung‹ ließe sich an der Darwinismus-Debatte ein ganzes Bündel von interdiskursiven Strategien verfolgen, die Wissenschaftler zu Rhetorikern und bildungspolitischen Wortführern mache. Einzelpersonen werden »verklärt und zu Symbolfiguren gemacht« (Daum ebd., 78). Mit der Expansion des Pressewesens wurde zum Ende des 19. Jahrhunderts ein öffentlicher Raum geschaffen, in dem diese symbolische Benennungsgewalt durch die gleichzeitige »Personalisierung der öffentlichen Debatte« durch ›Symbolfiguren‹ verstärkt worden sei (ebd., 77ff.). Zum europaweiten ›Mandatsträger‹ – oder wie es Andreas Daum treffend formulierte zum »messianischen Hohepriester des Darwinismus« (Daum ebd., 299) – der Verbreitung der Evolutionsbiologie durch Strategien der Popularisierung und Ästhetisierung des Lebens wurde Ernst Haeckel. Das bedeutet jedoch noch lange nicht, dass Darwins und Haeckels biologische Theorien übereinstimmen, noch dass ihre Forschung sich irgendwie gegenseitig bereichert hätte. Denn beide Forscher waren in unterschiedlichen Forschungsfeldern tätig. Mario Di Gregorio hat darauf hingewiesen, dass beide Wissenschaftler gänzlich unterschiedlichen Denkkollektiven angehörten. Haeckel war demnach kein Popularisierer darwinscher Ideen, er war Promoter seiner eigenen Ideen und diese speisten sich aus der Taxonomie, der Morphologie und der Embryologie. Der Ursprung der Spezies war für Haeckel nie von großer Relevanz, sein Fokus lag nämlich auf den Phyla, den Typen, die sich in der Zeit durch Ernäherung und Reproduktion entwickelten (Di Gregorio 2008, 81). STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 168 Haeckel glaubte nicht an die Kraft der natürlichen Selektion, sondern an den Willen zur Ordnung, der sich in der Natur durch die Aufzeichnungen des Biologen offenbarte. Haeckels Systematische Phylogenie (1894- 1896) zur Meereszoologie galt als sein wichtigster wissenschaftlicher Beitrag zur Biologie. Sein erstes großes Werk allerdings Generelle Morphologie sei in der internationalen scientific communtiy kaum rezipiert worden, da keine einzigen Übersetzungen vorlagen. Erst nach einer Umformulierung seines Grundgedankens in Natürliche Schöpfungsgeschichte (1868) wurde Haeckel zum international rezipierten Wissenschaftler, trotz des populären Titels (engl. »Natural History of Creation« 1876). Haeckel sandte seine Werke an Darwin. Doch in Darwins Werk selbst findet man keinerlei Referenzen auf die Bücher des deutschen Kollegen (ebd., 85). Haeckel interessierte sich für den biologischen Lebenszyklus der Zelle. Hierzu formulierte er das »biogenetische Grundgesetz«, dass die Ontogenese immer die Phylogenese wiederhole. Hier war er Lamarckianer, genauso wie Darwin. Für seine Visualisierungsstrategien verwandte er immer Baumdiagramme: »Haeckel used the image of the tree to visualize such transformations and his trees have a clear direction, which implies a progressive process of organized structure of organized matter rather than the bush or coral structure of the changes of life favoured by Darwin« (ebd., 87f.). Die neue wissenschaftliche Disziplin, die er begründete, sei die Evolutionäre Morphologie gewesen, eine Integration von Vererbung und Anpassung. Homologe Eigenschaften bezogen sich auf die Vererbung, analoge Eigenschaften auf die Anpassung. Für Haeckel sei die dahinter liegende Kraft nicht die natürliche Selektion gewesen, sondern der Kampf ums Dasein (ebd., 89). Da das Ganze mehr sei als bloß die Summe seiner Teile, die sich in ständiger Veränderung befinden, läge für Haeckel der Schlüssel zur Evolution in der Adaption (ebd., 90). Während Darwin stärker in Richtung einer statistisch auswertbaren Populationsgenetik gedacht habe, habe sich Haeckel auf die Embryologie und vergleichende Anatomie wie auch Paläontologie konzentriert. Haeckel habe Darwins Theorie lediglich als Vektor seiner eigenen Ideen genutzt, denn er sei davon überzeugt gewesen, dass sich die Qualität einer Wissenschaft nur auf der Grundlage einer kohärenten Ideologie ausbilden könne (Gregorio ebd., 86). Kein Wissenschaftler in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts genoss derartige öffentliche Aufmerksamkeit. Dies ist jedoch nicht nur auf seine Schriften wie Natürliche Schöpfungsgeschichte (1868) und Die Welträtsel (1899) zurückzuführen, sondern vor allem auf die Strategien der Selbstinszenierung, die zur Etablierung einer symbolischen Sprechwirksamkeit auch außerhalb des akademischen Feldes führten (Breidbach 2006). Haeckel erlangte erst dann Anerkennung und sprachlichsymbolische Wirkmächtigkeit als er sich direkt in den öffentlichen Raum DEUTSCHLAND 169 begab, indem er mit einer derartigen massenwirksamen Rhetorik auftrat, die die Fähigkeit hatte, nicht nur populär zu sein, d.h. in diesem Fall gemeinverständlich, sondern massenwirksam, und das bedeutet wiederum, sie konnte die Welt, wie sie war, verändern, weil er die Art und Weise, wie über diese Welt gesprochen wurde, veränderte, und damit enstand eine neue Welt: keine göttliche, sondern eine natürliche Schöpfungsgeschichte. Für die Transferprozesse zwischen Wissenschaft und Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert bedeutete dies die »Personalisierung eines Wissenschaftsgefüges« und den damit verknüpften Veränderungen des Bildes der Wissenschaft und des Wissenschaftlers.4 Wissenschaftspopularisierung war im 19. Jahrhundert nicht zuletzt auch Mittel der Verschnürung naturwissenschaftlichen Diskursfragmente zu weltanschaulichen Diskurssträngen: Popularisieren bedeutete, Fachbereiche, die auseinandergebrochen waren, holistisch zu fixieren. Die neuen merchants of light waren im 19. Jahrhundert die Popularisatoren der Naturwissenschaften, die aus den Experimentierhäusern der scientific tribes das Licht des Wissens stahlen, um es in die Welt zu tragen. Neben dem großen Popularisator Ernst Haeckel habe keiner zu der Ausformung deutscher Wissenschaftsprosa beigetragen wie Alexander von Humboldt. Daum hebt seine herausrragende Stellung hevor: »Programmatisch formulierte Humboldt die Komplementarität von Naturgenuß und wissenschaftlicher Naturerkenntnis als Leitmotiv seiner Wiedergabe der Reiseerlebnisse« (ebd., 27). Naturwissenschaftliches Arbeiten sei für ihm auch immer ein »Medium ästhetischer Wahrnehmung« (ebd., 272) gewesen, daher richteten sich bibliophile Einzelwerke, »die erfolgreich auf den Markt« drängten, eher an die »lebensweltliche Erfahrung« als an »wissenschaftliches Erkenntnisinteresse« (ebd, 288). Das, was die Fachwissenschaften zergliederten, fügten die Popularisierer in einem Panorama wieder zusammen. Neben Haeckels 4 Zum diesem Haeckel-Kollektiv gehört der Popularisator Wilhelm Bölsche, dessen Werke Andreas Daum in den pantheistisch-panpsychischen Monismus einordnet. Andreas Daum subsumiert die Popularisierungsbewegungen zur Etablierung eines holistischen Weltbildes unter dem Terminus des pantheistisch-panpsychischen Monismus, die er auch als neuromantische Wendung versteht. Zu seinen Vertretern zählt er vor allem Goethe, Rudolf Steiner (Theosophie, Pädagogik, Mystik, Spiritismus), Gustav Theodor Fechner (Popularisierer und empirischer Psychophysiologe), Kurd Laßwitz (Mathematiker) und vor allem Wilhelm Bölsche, in dessen Werk in besonderer Weise die Vermengung von Wissensebenen, Stilen und Gattungen zu beobachten sei. Ein weiteres Beispiel für die Genese eines Hybrid-Genres aus dem Geiste der Popularisierungsbewegungen des 19. Jahrhunderts heraus sei die Science-Fiction, die um 1900 in Deutschland unter dem Begriff des »naturwissenschaftlichen Märchens« zirkulierte. Für eine ausführliche Besprechung des Werkes von Wilhem Bölsche siehe Berentsen (1986). STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 170 Schöpfungsgeschichte und Welträtsel ist daher das Kosmos-Werk Humboldts als ein weiterer Meilenstein der Popularisierungsbewegung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts anzusehen. Es weise nicht nur »idealtypische Merkmale der Wissenschaftsprosa auf« (ebd., 276). Wirkungsgeschichtlich betrachtet seien die Kosmos-Vorlesungen der Auslöser für den Boom populärer Literatur in Deutschland gewesen (ebd., 281). Aber auch als Akteur im akademisch-wissenschaftlichen Feld agierte er als Vernetzungskünstler zwischen den Disziplinen und damit als Förderer und Forderer des transdiziplinären Dialogs. Die Initiierung einer transdisziplinären »Vernetzungswissenschaft« (Ette 2004, 37), wie sie Ottmar Ette anhand von Humboldts Schriften rekonstruiert, die gerade Spezialisierung voraussetze und zugleich auch eine neue kombinatorisch-hypertextuelle Schreibweise provoziere (ebd., 35), sollte die »Atomisierung einzelner Wissensgebiete und Fächergruppen« in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unterbinden. Allerdings, so Ottmar Ette, seien diese Verfahren nicht mit einer ›Banalisierung von Wissensbeständen‹ zu verwechseln, sie sollten »komplexes Wissen durch neuartige Präsentationsformen dem sozialen Leben verfügbar machen und gleichzeitig auf seine Relevanz für eine sich ausdifferenzierende und säkularisierte Gesellschaft überprüfen« (ebd., 43). Diese Forderung blieb allerdings von Seiten der Zeitgenossen nach Humboldts Tod uneingelöst. Stattdessen bildete sich eine »philosophisch-esoterische Moderne« heraus, die zu holistisch-ornamentalen Weltbildern zurückkehrte, die unter der »Signatur des Kosmos« propagiert wurden, aber unter umgekehrtem Vorzeichen: einer Mystifizierung der Natur als kosmologisch imaginiertes Ganzes, das wiederum von den Naturwissenschaftlern auseinander dividiert wurde (Erdbeer 2010). Wie Matthias Robert Erdbeer in seiner umfangreichen Materialstudie zur »Genealogie der esoterischen Moderne« und ihren Akteuren Ernst Haeckel, Alexander von Humboldt, Theodor Fechner und Hanns Hörbiger dokumentiert hat, handle es sich bei der synthetisierenden Theoriebildung dieser Popularisatoren der Wissenschaft um eine »Hermeneutik radikaler Transparenz«, die sich »geradezu im marktbezogenen Bestreben nach Verständlichkeit« überbiete, sodass populär- und parawissenschaftliche Diskurse die Genese und Verbreitung des »öffentlich Geheimen« vorantrieben, denn im »Selbstverständnis der modernen Esoterik« werde das Komplexe einfach, das Arkane »populär« (ebd., 17). Naturgeschichte werde zur Populärwissenschaft und nehme die Form einer »postromantisch, wissenschaftlich informierten Esoterik« an. Ihre Autoren seien Helden: Vereinigungspoeten, Universalisten, Kosmographen. Aus ihrer Schreibpraxis, der »esoterischen Deskriptionspoetik«, gehe durch den Zusammenschluss von literarischen und wissenschaftlichen Diskursen eine »Wissenselegie« hervor, deren Gebrauch des populär-ästhetischen Sprechens durch den Gegenstand der Wissenschaft DEUTSCHLAND 171 selbst motiviert und legitimiert sei (ebd., 83). Das Enzyklopädieprojekt der Romantik werde nun vom Esoterischen ins Exoterische projiziert, wobei die ›Deskriptionspoetik‹ monologisierende Diktion und ästhetische Behandlung des Faktenmaterials zusammenführe (ebd., 57).5 Daher bezeichnet er sie an anderer Stelle als »Metapoiesis«, die als Beobachtung dritter Ordnung über Natur und Wissenschaftsdiskurs wache und zwischen ihnen interveniere (ebd., 329). Die »neue Populärästethik« sei das »diskursgeschichtliches Ergebnis einer imitatio poeticae, die ihrerseits als imitatio scientiae, für die poetisch-esoterischen Diskurszusammenhänge der Populärwissenschaft und die Selbstbegründung der modernen Parawissenschaften stilbildend« geworden sei (ebd., 578), wobei neuere Formen der populären Esoterik zu Beginn des 20. Jahrhunderts von einem »Habitus des Transexakten« gekennzeichnet seien, in denen die »deskriptionspoetische descriptio imaginabilis« als »epistemologia fingendi« erscheine (ebd., 671). Anhand des Schreibgestus des literaturwissenschaftlichen Akademikers lässt sich nicht von ungefähr eine performativ-spielerische, teilweise überzogen lateinisiert-aristokratische Haltung gegenüber dem eigenen Untersuchungsgegenstand und dem semantischen Kampf mit der 5 Generell beobachtet Erdbeer die Vereinigung zweier konkurrierender Diskurssysteme, des phantastisch-abergläubischen und dogmatisch-szientifischen, wobei Humboldt es gekonnt verstanden habe, durch deskriptive Kohärenz, semantische Verständlichkeit, konzise Argumentation und populäre Klarheit eine »Ausgleichskunst« zwischen diesen beiden Systemen herzustellen (ebd., 111). Darüber hinaus merkt er an, dass eine »genreübergreifende Interferenz« stattfinde, durch die die deskriptive Rede in ihrer wissenschaftlichen Erschlie- ßungskompetenz zur fiktionalen Rede in ein hermeneutisches Explikationsverhältnis trete (ebd., 125). Diese Schreibpraxis stelle jedoch ein gescheitertes Kommunikationsmodell dar weil sie fragmentarisch, archivarisch und gerade dadurch ›anti-populär‹ sei. Damit sei Humboldt als »deutscher Gelehrter« gescheitert und zwar bedingt durch die ›Rache des exakten Wissenschaftsdiskurses‹ (ebd., 161). Ernst Haeckel hingegen habe den Abgrund zwischen Naturwissenschaft und Philosophie durch die Vereinigung von empirischer und spekulativer Schreibpraxis überbrückt (ebd., 511). Naturphilosophie fungiere bei ihm als »wissenschaftshybrides Popularisierungsmedium« in der Form eines Traktats oder Pamphlets. So sei beispielsweise der Aufbau der Welträtsel ein bewegter Katalog und mnemonisches Moment zugleich, indem es entwicklungschronologische Struktur und systematische Ordnung überblende, wobei die netzartige Heterochronie durch paratextuelle Ordnungsstrategien wie die synoptische Tabellendarstellung und den Inhalts-Masterplan zu einem Chronotopos zusammengeschlossen werde. Erdbeer bezeichnet dies als »semiotische Osmose an der ›Zelle‹ Text« (ebd., 537), die in eine »dynamische, präskriptive Biopoiesis« münde (ebd., 547), und fehlende Fakten durch Ideologie ersetzt werden (ebd., 550). Dadurch praktiziere er eine »Popularisierung des Geheimen als Geheimes« (ebd., 669). STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 172 eigenen Metasprache ablesen. Stilgeschichtlich sind derartige Vergleiche zwischen den Texten dieser sehr unterschiedlichen Akteure sicherlich legitimiert. Feldanalytisch betrachtet weisen sie jedoch tendenziell unterschiedliche soziale Herkünfte auf. Als »Bildungsvermittler« kulturellen Typs seien sie, so Daum, sozial betrachtet zu unterschiedlich ausgeprägt gewesen, als dass man ein einheitliches Aufklärungs- oder Bildungsprogramm hätte formulieren können. Nach Einschätzung Daums seien sie nach 1848 aus der Entwicklung eines »personellen, sozialen und ideologischen Referenzgefüges« hervorgegangen, das sich aufgrund von Freundschaften mit vergleichbarer ökonomischer Disposition und politisch-ideellen Übereinstimmungen gebildet und sich schließlich zu einem »populärwissenschaftliche[n] Milieu« herauskristallisierte hätte (Daum ebd., 381). Daum teilt dieses Milieu in drei verschiedene Gruppen ein: (i) Professionelle Popularisierer, die ihr berufliches Leben vollkommen in den Dienst der naturwissenschaftlichen Bildungsarbeit gestellt haben und damit ihren Lebensunterhalt bestritten, sodass »Friktionen zur akademischen Welt« entstünden (ebd., 394), da diese aufgrund von mangelnder, methodologischer Überprüfbarkeit oft eigenwillige Theorien erfünden (ebd., 404); (ii) okkasionelle Popularisierer sahen diese Arbeit als zeitweiliges Engagement neben anderer hauptberuflicher Tätigkeit (außer-akademische Tätigkeit) an, sodass sie als Polygraphen verschiedener Weltepochen und Wissensbereiche zu Narrativen arrangierten (ebd., 419); (iii) Universitäre / akademische Popularisierer, die fest im akademisch-wissenschaftlichen Feld etabliert waren, wobei es sich oft um Professoren handelte, die sich um die öffentliche Verbreitung ihrer Forschungsergebnisse bemühten; sie agierten u.a. als akademische Meinungsführer und wissenschaftliche Standespolitiker.6 Als Beispiele für den letzteren Popularisierer-Typus führt Daum die deutschen Forscher Emil Du Bois-Reymond und Hermann Helmholtz an und liefert gleichzeitig mit seinem Vermerk 6 Angela Schwarz gliedert die populärwissenschaftlichen Autoren noch in weitere Subkategorien ein. Neben Wissenschaftlern, die eine dauerhafte akademische Anstellung hatten oder auf eine warteten, Autoren mit einer wissenschaftlichen Ausbildung, die allerdings keine akademische Laufbahn anstrebten und die allein von der Publizistik lebten, Lehrer, die außerhalb einer naturwissenschaftlichen Profession in Schulen tätig waren, darunter lassen sich auch unabhängige Autoren oder Autodidakten finden, »die das Interesse an der Wissenschaft zur populärwissenschaftlichen Publizistik führte«, schließlich Autoren, die eher geisteswissenschaftlich oder religiös ausgerichtet waren, und daher den Weg zur Populärwissenschaft wählten, und schließlich Journalisten / Schriftsteller, die sich auf naturwissenschaftliche Themen spezialisierten, und damit als »naturwissenschaftliche Schriftsteller« gelten können (Schwarz ebd., 123). Letztere ließen sich als frühe Ausformungen des Wissenschaftsjournalismus ansehen. DEUTSCHLAND 173 eine im bourdieuschen Sinne wissenschaftskapitalistische Erklärung für diese Entwicklung: »Erst nah der erfolgreichen Etablierung als professionelle Wissenschaftler traten Du-Bios Reymond und Helmholtz in ihren respektablen Ämtern als Größen der öffentlichen Diskussion hervor« (ebd., 443). Durch die Etablierung einer einheitlichen Fachterminilogie und der Publikation von Lehrbüchern begründete Emil Du Bois-Reymond die neue Schule der Physiologen, das Physiologische Institut und verankerte sich somit in der »internen Wissenschaftspolitik«. Aufgrund dieses Kampfes »um die innerakademische Anerkennung« habe Du Bois- Reymond die Popularisierungsbewegung zunächst kritisiert. Auch Hermann Helmholtz, der zunächst mit dem Beistand von Werner Siemens die Physikalisch-Technische Reichsanstalt eröffnete, hielt populäre Vorträge für ein außer-akademisches Laienpublikum oder im Rahmen von Gesellschaften und Verbänden, aber es blieb bei diesen populärwissenschaftlichen Vorträgen.7 Der akademische Schreibstil befand sich in der Ausdifferenzierung der einzelnen Fachgebiete und der Explosion der Datenmengen auf intradisziplinärer Ebene in einem ständigen Wechselverhältnis von Quantifizieren und Literarisieren, zwischen »wachsenden fachterminologischen Anforderungen in dem sich professionalisierenden Forschungsbetrieb und einem zunehmenden Bedürfnis nach öffentlichkeitsfähiger Verständlichkeit im gesellschaftlichen Raum« (Daum ebd., 243). Der Wissenschaftler sah sich zum Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Problem konfrontiert, die »anwachsende Datenflut aus der empirischen Erschließung der Welt zu verarbeiten«, gleichzeitig musste er jedoch einsehen, dass die »positivistische Katalogisierung« aus dem 7 Während Du Bois-Reymond zum »herausragenden Festredner des deutschen Kaiserreichs« permutierte, in seinen Reden den Gebrauch rhetorischer Figuren und literarischer Anspielungen nicht scheute und eine »Ideenvielfalt im öffentlichen Auftreten« inszenierte, hielt Helmholtz zwar prominente Reden, war aber ein »glänzender Rhetor« und übte daher oft vor seiner eigenen Familie. Seine Reden seien auf das Ganzheitsverständnis und eine ausbalancierte Bildungsgesellschaft ausgerichtet gewesen (ebd., 444). In seiner Vorlesung zu den geologischen und klimatischen Gegebenheiten des Hochgebirges verwendet er den Bgeriff der »prosaischen Belehrung« (Helmholtz 1884, 3), die er in Anlehnung an Goethes »wissenschaftliche Epik« (ebd., 8) konzipiert. Frei nach Horaz solle diese nicht nur belehren, sondern auch erfreuen. Zu der Beziehung Helmholtz-Goethe hält Maren Partenheimer fest: »Goethe verkörperte für Helmholtz in seiner Vielseitigkeit als Dichter, Maler, Naturwissenschaftler und Staatsmann den Gedanken des Renaissance-Menschen. Helmholtz gehörte diesem auserwählten Kreis ebenfalls an, denn auch er war nicht nur Physiker, Physiologe und Philosoph, sondern darüber hinaus ein versierter Kunstliebhaber und Goethekenner, der seine gesamte persönliche Arbeit in das Interesse des Allgemeinwohls stellte« (Partenheimer 1989, 34). STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 174 vorhergehenden Jahrhundert längst nicht mehr ausreichte, um die entstehende Datenflut auch nur annähernd systematisch zu erfassen. Darüber hinaus stieg aufgrund des Rückgangs der wissenschaftlichen Monographien und der Etablierung eines wissenschaftlichen Zeitschriftenverbundes der »Vertextungsdruck«, sodass sich schließlich »die Fachsprache vom Erbe der Rhetorik [löste] und sich an selbstgesetzen Regeln [orientierte]« (ebd., 244). Zu den ›selbstgesetzten Regeln‹ der akademischen Textproduktion formuliert Daum wie folgt: sachorientierter, monofunktional-begrenzter Fachbereich, systematische Nomenklatur, logische Anordnung und exakte Terminologie, Vermeidung von Redundanzen und ornamentalen Stimmungselementen, hohe Frequenz des Spezialwortschatzes, was eine monosemantisches Terminologie zur Folge hatte, um einen möglichst hohen Abstraktionsgrad und eine große Informationsdichte zu erreichen, wobei eine »Neigung zur akademischen Selbststilisierung« nicht auszuschließen sei (ebd., 244). Diese Regeln markieren den Grad der Abweichung, im Sinne der Deviationstheorie, zu dem, was der Linguist Uwe Pörksen als »Populär-Stil« bezeichnet hat.8 Aus dem rhetorischen Fundus der ›populären Sprache‹ ließe sich folgender ›Populär-Stil‹ des 19. Jahrhunderts extrahieren (Daum ebd., 250ff): (i) fachliche Kompetenz und künstlerisches Talent, (ii) statt wissenschaftlicher Detailfülle wird ein »bunter Wechsel der Gegenstände« favorisiert, (iii) Biographie und Forschung bilden eine Einheit, (iv) gewöhnliche Erfahrung und wissenschaftliche Erkenntnis fließen ineinander, (v) die »eidetische Maxime« wird befolgt, d.h. dass die »Anschaulichkeit […] als Schlüssel zu wahrer Popularität« angesehen wird (ebd., 252); (vi) Illustrationen und ikonographische Elemente begünstigten die »sprachliche Transformationsleistung« (ebd., 253) und zu guter Letzt sei ein (vii) ausschließlicher 8 Die Frage, ob es eine »popularwissenschaftliche Prosa« in Abgrenzung zu akademischen und literarischen Vertextungsverfahren gebe, sei nach Aussage Daums zumindest für das 19. Jahrhundert nicht zu beantworten, denn »die Praxis popularisierender Vertextung ist schwer zu systematisieren« (ebd., 247). Aus diesem Grund beruft sich Daum auf Pörksens Vorarbeit zu einer korpuslinguistischen Analyse des Deviationsverhältnisses von Wissenschaftssprache und »populärer Sprache«, aus dem er folgende Merkmale extrahieren konnte: Kontaktfunktion von Autor und Publikum, Ausdrucksfunktion durch Wertung, Bekenntnis zur Subjektivität des Autors, Appellfunktion durch suggestive Wendungen, Weckung von Neugierde, poetische Funktion durch Ästhetisierung der Texte und Metaphorik, empfängerorientiert, Vereinigung von Elementen verschiedener Prosagattungen und Emotionalisierung des Gegenstandes (ebd 248). DEUTSCHLAND 175 Gebrauch des Deutschen bzw. der jeweiligen Muttersprache (Distanzierung vom Gelehrtenlatein) obligatorisch.9 Darüber hinaus sei die Einbeziehung des fiktiven Adressaten zugleich zum prägenden Moment des ›Populär-Stils‹ avanciert: Sie reiche von der Leseransprache als rhetorischer Frage, der Verwendung des pluralis majestatis und der Du-Anrede bis zur Konstuktion des Publikums im Text (ebd., 259). Die platonische Dialogform fand ebenfalls Eingang in dieses Ensemble populärer Textstrategien. Naturbeschreibungen folgten oft einem »impressionistischen Prinzip«, umrandet von »klischeehaften Genrebildern« und »deskriptiven Stimmungselementen« (ebd., 263). War die lateinische Gelehrtensprache bis dato noch eine handwerkliche »Kunstsprache« in einem »von dem Leben abgesetzten Feld«, wie Uwe Pörksen es formulierte, die von den »Assozationen und Konnotationen der Umgangssprache« frei war, so geriet sie als nationalsprachliche Wissenschaftssprache in Konflikt mit diesem ›Populär-Stil‹. Nachdem sich der Gelehrte von Theologie, Kirche, Poetik und Rhetorik entfernte und sich als »wissenschaftlicher Schriftsteller« etablierte, wurde er mit einem neuen Problem konfrontiert: dem Dilemma zweier Codes. 9 Die Vulgarisierung bzw. Popularisierung des Gelehrtenlateins in Richtung auf eine nationalsprachlich orientierte Wissenschaftssprache habe sich in langwierigen Ablösungsprozessen vollzogen. Uwe Pörksen hat für den deutschen Sprachraum einige wesentliche Momente festhalten können: »Der Übergang in die Landessprache eröffnete neue Horizonte: 1. Das neue Recht, seine wissenschaftliche Weltsicht in der Muttersprache auszusprechen, ermöglichte es, aus den Mauern der lateinischen Überlieferung herauszutreten. Uralte Konventionen wurden hinfällig. Die Wissenschaft kam dem Leben näher. 2. Die Verpflichtung des wissenschaftlichen Autors, sein Argument in der Landessprache vorzutragen, demaskierte ihn, wenn er nichts zu sagen hatte und die Zunftsprache ihm lediglich als ›homerischer Nebel‹ (Leibniz) diente. Auch in dieser Hinsicht wurde die Wissenschaft demokratischer. 3. Die neue Bemühung, wissenschaftliche Beobachtungen und Überlegungen in der nationalen Mundart auszuarbeiten, brachte am Ende die bewunderte naturwissenschaftliche Prosa des 19. Jahrhunderts hervor. Wissenschaftliche Publikationen wurden eine Art Literatur. 4. Diese neue Literatur wurde zum Prüfstein und zur Herausforderung für die Belletristik. 5. Der Abbau des Lateinischen legte – vorläufig – die Barriere zwischen Universität und Stadt, der gelehrten Welt und dem Laien, nieder. Er machte das Wissen allgemein zugänglich. 6. Die den Wissenschaften entlehnten neuen Vokabeln und Begriffe erweiterten den Ausdruckshorizont der Umgangssprache – weit über die bisherige Reichweite hinaus. 7. Die Aufgabe der Zunftsprache übertrug das demokratisch gehandhabte Prinzip, überlieferte Wahrheit kritisch vor dem Richterstuhl von Vernunft und Erfahrung zu prüfen, in die Umgangssprache – machte das überlieferte Weltbild dadurch der öffentlichen Kritik zugänglich« (Pörksen 1986, 69f.). STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 176 Pörksen schlussfolgert im Hinblick auf die Wissenschaftssprache des 19. Jahrhunderts: Das Ergebnis ist, daß der Gelehrte zwittrig wird, daß er nicht umhin kann, an ein allgemeines Publikum zu denken, wenn er für seine Fachgenossen schreibt. So werden seine Termini fast unvermeidlich zweideutig: sie werden als termini technici gewählt und hallen zugleich unvermeidlich in dem ganz anderen Register der Umgangssprache wieder. Sie verführen den Autor, ihre Wirkung zu berechnen, und lassen, ob er will oder nicht, schielende Begriffe entstehen. (Pörksen 1986, 70) Dies verweist schließlich auf eine fließende Grenze zwischen Wissenschaft und Populärwissenschaft, die schon viel früher gezogen worden war, aber erst im 19. Jahrhundert zur vollen Ausformung gelangte. Pörksen verweist hier auf den nicht gerade ungefährlichen Umstand, dass wissenschaftliche Codes die Neigung gehabt hätten, »das Alltagsleben zu überschatten und als Mythen zu herrschen« (ebd.). Die Idiolekte von Diskursivitätsbegründern wie Karl Marx, Charles Darwin und Sigmund Freud seien besonders krasse Beispiele für eine deratige Vermischung von Alltags- und nationaler Wissenschaftssprache. In diesem Sinne könnte man weiterführend anmerken, dass ›Diskursivitätsbegründer‹ Akteure eines soziales Feldes sind, die sich die Grenzziehung zwischen Populärwissenschaft und Fachwissenschaft zu Nutze machen, um ihr intellektuelles Prestige außerhalb des akademischen Feldes zu erhöhen. Karl Marx erfindet keine neue politische Ökonomie, seine Arbeit besteht vielmehr darin, die Regeln, nach denen Texte über politische Ökonomie geschrieben werden, neu zu formulieren, und in seinem Vorwort nennt er die Erfindung dieser Regel: das Popularisieren (Marx 1872/2004, 34). Man könne daher sein Werk nicht »wegen Schwerverständlichkeit« anklagen, aber er »unterstelle natürlich Leser, die etwas Neues lernen, als auch selbst denken wollen« (ebd., 35) Freud erfindet keine neue Neurologie, sondern erschreibt sich über die Synthetisierung verschiedener Wissensfragmente aus dem medizinischneurologischen und geisteswissenschaftlichen Diskurs eine neue Praxis therapeutischer Intervention, die er Psychoanalyse nennt. Ähnlich verhält es sich mit Darwins evolutionär-epischer Synthetisierungpragmatik, die die Formationsregeln der Texte der evolutionsbiologischen Popular Science Writing bestimmt hat, wie später noch zu zeigen sein wird. In allen Fällen kann man dieselbe Bewegung beobachten: Sie ermöglichen die Formationsregeln anderer Texte, indem sie den hermetisch abgedichteten wissenschaftlichen Diskurs durch ihr populäres Schreibparadigma öffnen. Damit folgt die Diskursivitätsbegründung diesem Rhythmus: Synthese, Öffnung, Distinktion, Position, Schließung (Schulbildung). In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts veränderte sich jedoch das emergierende Feld der Populärwissenschaft. Der Wissenschaftshistoriker DEUTSCHLAND 177 und Physiker Arne Schirrmacher versucht die Geschichte der Populärwissenschaft in Deutschland von der zunächst rein kommunikativen Seite her zu schreiben. Deshalb spricht er von der Wissenschaft und der Öffentlichkeit als Ressourcen füreinander und das in jeglicher Hinsicht: kognitiv, apparativ, personell, instutionell, rhetorisch (Schirrmacher / Nikolow 2007, 26).10 Ausgegangen wird von einer wechselseitigen Symbiose von Fachwissenschaft und breiter Öffentlichkeit, wobei jedoch die Wissensvermittlung als Top-down-Prozess, die Zielvorgaben jedoch als Bottom-up anzusehen seien. Das Stufenmodell teile sich wie folgt in Fachwissenschaft, Fachkreise außerhalb des engeren Fachgebietes, Fachöffentlichkeit, gebildete / interessierte Öffentlichkeit, gelegentlich interessierte Öffentlichkeit und schließlich die breite Öffentlichkeit auf. An der Initiative, die Naturwissenschaft in die verschiedenen Öffentlichkeiten zu übersetzen, beteiligten sich allerdings fast gar keine etablierten Forscher, denn die »Transaktionskosten« der jeweiligen Kapitalsorten seien zu groß gewesen (Schirrmacher / Thoms 2007, 97ff.). Den Verlust der Reputation und des Einflusses im akademischen Feld wollte kein Wissenschaftler hinnehmen.11 Man kann daher zu Recht behaupten, 10 Die Autoren kritisieren, dass die Geschichte der Populärwissenschaft bzw. die »Populärkultur der Naturwissenschaften« als Verfallsgeschichte des Wissens erzählt werde. Eine Wende dieses monokausalen Denkens würde dadurch eingeleitet werden, dass man die Wissenschaftskommunikation von der Öffentlichkeit her denke. Dass müsse man schon allein daher, weil sich durch die Professionalisierung der Medien, die Öffentlichkeit in immer weitere Teilöffentlichkeiten ausdifferenziere (ebd., 22). Die Luhmann’sche Perspektive fokussiere auf die Öffentlichkeit als fiktiven instrumentellen Kommunikationsraum, wohingegen die Bourdieu’sche Sichtweise die Öffentlichkeit als Projektion von Kräftefeldern und historisch gewordenen Prozess verstehe, bedingt durch eine Konstruktion politischer Felder in ihrer medialisierten Form. Die Autoren plädieren dafür, die Genese der »Wissenschaftspopularisierung« als eine »Wissenschaft im öffentlichen Raum« zu begreifen und sie daraufhin auch zu analysieren. Dazu müsse man jedoch zu allererst die »denksozialen Formen« der Wissenschaft verstehen lernen. Sie legen den Schwerpunkt auf drei Formen: die Zeitschriftenwissenschaft, die Hand- und Lehrbücher und schließlich die populäre Wissenschaft (ebd., 28ff.). 11 Ein krasses Beispiel für einen, der das Risiko eingegangen war, war der Kältetechniker und Maschineningenieur Hanns Hörbiger, der mit seiner »Welteislehre« das wissenschaftliche Establishment bewusst herausforderte. Christina Wessely beschreibt dies Verhalten als »David-Goliath-Prinzip«, als Kampf um die öffentliche Meinung. Er gründete seine eigenen Vereine wie z.B. die »Kosmotechnische Gesellschaft« in Wien und hielt öffentliche Vorträge. Es war ein Verbund heterogener Akteure und die Rhetorik schwankte zwischen komplexen naturwissenschaftlichen Konzepten und einer Predigt auf den »Verfall des geistig-moralischen Lebens«. 1923 gründete er den Verein für kosmotechnische Forschung und fand im Leipziger Verlag Voigtländer auch einen STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 178 dass die Geschichte der Wissenschaftspopularisierung in Deutschland im 20. Jahrhundert vor allem von Verlagshäusern und ihren Herausgebern geschrieben worden ist.12 Der Zeitschriftenmarkt von 1900 bis 1930 wurde besonders von drei Magazinen dominiert: der naturwissenschaftlichen Wochenschrift, die eine allgemeinverständliche Berichterstattung über alle naturwissenschaftlichen Fächer lieferte, demnach also die beiden ersten Öffentlichkeiten innerhalb der scientific community umfasste, die Umschau, die das Wissenschafts- und Technikverständnis dadurch vermitteln wollte, dass sie Formeln und Diagramme in Illustrationen umformte, um die Verständlichkeit zu erhöhen (Vermittlungsmedium für die interessierte Öffentlichkeit), und die traditionsreiche Zeitschrift Kosmos, die bereits im 19. Jahrhundert gegründet worden war.13 Seit 1913 erschien schließlich mit der Naturwissenschaftlichen Rundschau (später: Die Naturwissenschaften) ein prestigeträchtiges Pendant zur angloamerikanischen Nature. Auf »professionelle Vermittler« wurde verzichtet: »Die Forscher sollten nach Möglichkeit selbst ihre Elfenbeintürme verlassen« (Schirrmacher 2007, 59). Diese Forderung der Herausgeber konnte jedoch nicht eingehalten werden, sodass eine sehr heterogene Gruppe von Schreibern entstand: promovierte Forscher, Privatdozenten, außeruniversitär arbeitende Wissenschaftler. Dies hatte eine sehr verwirrende und widersprüchliche Berichterstattung zur Folge, denn es fehlten die notwendigen Autoritäten (ebd., 60). Ab 1918 konnte Publikationsort für seine Welteispopularisierung. Weitere Öffentlichkeitsarbeit wurde in die Wege geleitet, um sich die nötige Aufmerksamkeit zu verschaffen. Es folgten populäre Einführungen in die Theorie und ihre Grundsätze sowie Welteis-Romane, die im Stil der frühen Science-Fiction-Romane geschrieben wurden (Wessely 2007, 234). Bei Hörbiger wurde die Popularisierung als Distinktionsstrategie zum »arrogant und elitär empfundenen Habitus« initialisiert (ebd., 237). Die Akademiker reagierten sehr schnell, um das Laientum über die »erste Wissenschaft« aufzuklären (ebd., 236). 12 Ich beziehe mich hier auf die mehrbändige Ausgabe der Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. Und 20. Jahrhundert, Band 2 / Teil 2, Weimarer Republik 1918-1933, herausgegeben im Auftrag der Historischen Kommission von Ernst Fischer und Stephan Füssel, Berlin / New York 2012. 13 Sie wurde besonders als eine Art von »Volksliteratur« konsumiert und gehörte zum Kanon der »modernen Bildung« (Daum ebd., 53). Nicht nur die interessierte Öffentlichkeit sollte an dieser Bildung teilhaben, sondern die breite Öffentlichkeit, und das wurde mit rund 200.000 Abonnenten auch erreicht. Die Konkurrenzzeitschrift »Natur« wurde von 1909-1927 verlegt. Zu den langlebigeren Zeitschriften gehörten unter anderem auch Internationale Zeitschrift für Wissenschaft, Kunst und Technik (1907-1921), Neue Weltanschauung (1908-1921), Unsere Welt (1909-1941), während die Wissenschaftliche Rundschau (1910-1912) nur zwei Jahre lang publiziert wurde. DEUTSCHLAND 179 man Max Horn und Herrmann Wege mit ins Boot holen und ab 1924 wurde sie zum offiziellen Publikationsorgan der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Die Herausgeber der Zeitschriften waren Ferdinand und Julius Springer, die das Familienunternehmen des Springer-Verlages in der dritten Generation ins 20. Jahrhundert führten. Die Geschichte der seri- öseren Wissenschaftspopularisierung in Deutschland wäre ohne diesen Verlag sicherlich nicht möglich gewesen. Er ist das deutsche Pendant zur angloamerikanischen University Press. Ziel war es zunächst hauptsächlich wissenschaftliche Literatur zu verlegen, wie Handbücher, Monographien, kritische Berichterstattung über aktuelle Fragen der Forschung. Mit der Naturwissenschafltlichen Rundschau hatte man vor allem versucht den interdisziplinären Dialog zu stärken (ebd., 58). Erst mit der Einführung der höchst riskanten Buchreihe Verständliche Forschung (1927) riskierte man den Sprung zur interessierten Öffentlichkeit.14 Zu denjenigen belletristischen Verlagen, die ihre populärwissenschaftliche Rubrik weiter ausbauten, gehörte vor allem der Ullstein- Verlag als erster »Medien-Konzern« seiner Art (Füssel 2012, 58). Er schuf durch den Ausbau des Verkaufs an Bahnhöfen und Kiosken im niedrigen Preissegment mehr Mobilität. Die Spezialisierung auf Unterhaltung und die kommerziell ausgerichtete Verlagspolitik verhalf Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues zum größten internationalen Bucherfolg aller Zeiten (ebd., 62). Es wurden jedoch nicht nur Bücher verlegt, sondern auch populärwissenschaftliche Zeitschriften, wie die Koralle (1925-1944), darunter auch Technik für Alle und Wissen und Fortschritt (ebd., 70). Die Leserschaft der Sachbuch- und Ratgeberliteratur hatte sich jedoch stark verändert (Voges 2012, 241f.). Es entstand ein neues Massenpublikum aus Angestellten. Gekauft wurden vor allem »wertbeständige Anlageobjekte« wie populäre Biographien, Bildbände, Enzyklopädien, Atlanten, wissenschaftliche bibliophile Ausgaben, die oft mit einer aufwendig gestalteten Reklame dem Käufer angepriesen wurden (ebd., 244). Das Feld der Massenproduktion und die Konkurrenz anderer Medien wirkte auf das Verlagswesen massiv ein, sodass sich die Sachbuchverlage auf eine intermediale Wettbewerbssituation einstellen mussten (ebd., 244f.). Dies gelang keinem Verlag so gut, wie dem Ullstein-Verlag. Er beherrschte nicht nur den Markt der Tagespresse, der Wochenillustrierten und anderer Zeitschriften. Mit rund 12.000 Angestellten und einem Aktienwert von 60 Mio. RM stieg er zu einem der größten deutschen Verlage auf. Um 1903 wurde ausschließlich Sachliteratur verlegt, erst 1910 wandte man sich der Belletristik zu 14 In dieser Reihe entstanden bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten das Buch Aus dem Leben der Biene (1927) von Richard Goldschmidt und Das rastlose Universum (1930) von Max Born, das allerdings im Exil erschien. STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 180 (ebd., 253). Das Buch wurde nicht als Kulturgut, sondern als Ware betrachtet. Der Verkaufsleiter Otto Krüger war zunächst Verkaufsleiter bei den Maggi-Suppen. Die Veröffentlichung von Buchreihen erfolgte daher strategisch als »Markenartikel«. Erst 1924 wurde die erste populärwissenschaftliche Reihe unter dem Titel »Wege zum Wissen« verlegt. Die Autoren dieser Reihe waren meist Universitätsdozenten. Sie schrieben unter Umfangsvorgaben und mit Nachdruck der Allgemeinverständlichkeit. Bei Ermangelung dieser stilistischen Fertigkeit wurde das Manuskript abgelehnt (ebd., 256). Der Rückgang der Verkaufszahlen dieser Reihe wurde mit der Propyläen-Ausgabe für Kunst- und Weltgeschichte für die hausinterne feine »Weinabteilung« kompensiert, »während man bei Ullstein selbst bodenständig Bier braute« (ebd., 257). Meist jedoch kamen die Sachbuchautoren aus den eigenen Reihen, so zum Beispiel Chefredakteure von Zeitschriftabteilungen, die bereits auf viel Schreiberfahrung zurückgreifen konnten (ebd., 257). Der Stil war nicht nur wissenschaftlich belehrend, sondern journalistisch-reportierend. Die »Talente der Mitarbeiter« wurden »zweitverwertet« (ebd., 258f.). Die ersten Bände waren Übersetzungen aus dem amerikanischen, später veröffentlichten vor allem Redakteure und Journalisten. Auch der Rowohl-Verlag (1908) mischte sich unter die Herausgeber von Sachbuchliteratur. Seine Bestseller kamen meist aus der nicht-fiktionalen Literatur. Hier war vor allem die Biographie das führende Genre. Im geisteswissenschaftlichen Buchsektor ist dieser Verlag mit Walter de Gruyter vergleichbar. Helen Müller hat die sozialgeschichtliche Lage des wissenschaftlichen Buchmarktes um 1900 in Bezug auf die neue Literatur der Geisteswissenschaftwissenschaften erfasst und darauf hingewiesen, dass vor allem Walter de Gruyter das wissenschaftliche Publikationswesen als »unberechbaren Wirtschaftsraum« wahrgenommen habe: »Der Gedanke, die (geistes-)wissenschaftliche Literaturproduktion, deren Entstehungszusammenhang Universität und Akademie vorgegeben worden war, lediglich an Marktchancen und Kapitalrechnung zu messen, war für ihn zumindest in den Jahren vor dem Krieg noch undenkbar« (Müller 2004, 61). Sie betont, dass es gerade in der Geisteswissenschaft keine einheitlichen Standards gab, denn noch bevor sich die Disziplinen universitär verankern konnten, waren die Märkte für pädagogische und sozialwissenschaftliche Literatur etabliert. Ebenso sei der Popularisierungdiskurs der Naturwissenschaften mitunter dafür verantworlich gewesen, dass die Grenzen zwischen den einzelnen wissenschaftlichen Textgattungen unscharf wurden. Vieles, was sich als wissenschaftlich tarnte, sei bildungsbürgerliche, weltanschauliche Orientierungshilfe gewesen, sodass ein Spannungsfeld zwischen ökonomischen Interessen der Verleger, des sich kapitalisierenden Marktes und dem bildungsbürgerlichen DEUTSCHLAND 181 Traditionsdenken entstand (ebd., 85). Sammelbände zur Weltanschaung, Philosophie und Religion, auch unter der Mitwirkung von Wilhelm Dilthey, dominierten den Markt um 1900. Die Autoren der akademischen Wissensproduktion wurden vor neue Aufgaben gestellt: Je stärker der inhaltliche und organisatorische Pluralismus in den Wissenschaften fortschritt, desto größer wurde der Wunsch nach Standardisierung und desto stärker verlagerte sich die Kontrolle darüber, ob und wie die wissenschaftliche Kommunikation ihr Publikum erreichte, auf die Verlage, die damit Bestandteil dieses Kommunikationsprozesses wurden. Der akademische Markt verlangte bei der zunehmenden Spezialisierung der Fächer stoffliche Zusammenfassungen, die zu verfassen sowohl für die Verleger als auch für die Autoren eine Herausforderung darstellte. So verwies auch Rudolf Virchow, als er seine seit 1875 erscheinende Sammlung gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vorträge 1901 einstellte, ausdrücklich darauf, ›daß er sich nicht mehr in der Lage sah, den gewandelten Ansprüchen an Formen und Inhalte‹ eines solchen Projektes gerecht zu werden (ebd., 138). Damit bestätigt sich, dass der Einzug des Populären in die akademische Wissens- und Textproduktion durch feldexterne Faktoren (Wirtschaft, Feld der Verleger) einerseits und feldinterne Faktoren (Spezialisierung der Fächer) andererseits bedingt war. Popularisierung als Synthetisierung, aber auch Komprimierung von Wissen war die Folge dieser multifaktoralen Bedingtheit. Das verlagspolitisch verkehrte Spiegelbild zum Ullstein-Verlag stellte dennoch ein anderer Verlag dar: der Julius-Springer Verlag. Seit den 1920er Jahren ist er der führende Wissenschaftsverlag in den Bereichen Medizin, Biologie, Naturwissenschaften, Technik, Ingenieurwesen, Rechts-, Staats- und Wirtschaftswissenschaften. Seit 1907 wurde er von den Enkeln des Firmengründers Ferdinand und Julius Springer geleitet. Aufgrund der anhaltenden »Einsteineuphorie« ist zunächst das populärwissenschaftliche Buch Die Relativitätstheorie Einsteins und ihre physikalische Grundlagen . Gemeinverständlich dargestellt (1920) von dem Göttinger-Physiker Max Horn unter dem Verantwortungsbereich von Julius Springer publiziert worden. Dennoch sei die Buchproduktion für nicht universitär vorgebildete Leser Neuland für den Springer-Verlag gewesen (ebd., 246). Die Herausgabe der Reihe der »Verständlichen Wissenschaft« begann erst nach der Inflation unter Mitwirkung des Zoologen Richard Goldschmidt, der bereits einige wissenschaftliche Erfolge innerhalb des akademischen Feldes vorlegen konnte. Allerdings blieb der kommerzielle Erfolg dieser Sachbücher aus. Von den bis 1943 veröffentlichten 48 Büchern schafften es nur 4 in die zweite Auflage. Das Problem bestand darin, dass diese naturwissenschaftlichen Sachbücher ausschließlich auf ein fachinternes Uni-Publikum STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 182 spezialisiert waren: »Dadurch, dass Autoren und Leser sich in demselben wissenschaftlichen Netzwerk bewegten, waren persönliche Bindungen entscheidend«, sodass schließlich 40% des Umsatzes über den Direktvertrieb lief. Die Umstellung auf ein neues Publikum erforderte eine andere Vertriebsstruktur. Julius Springer fungierte selbst als Lektor, prüfte jedes Manuskript und »achtete auf die für Wissenschaftler nebensächliche Modernität der Sprache« (ebd., 248). Interne wissenschaftliche Springer-Autoren konnten nicht als Popularisierer gewonnen werden, was schließlich auf die interne Verlagstruktur und die Vertriebspolitik zurückführbar ist, denn »der allgemeine Buchmarkt war für Springer relativ fremd« (ebd., 247). Das lag nicht zuletzt eben daran, dass Julius Springer als gatekeeper aller Manuskripte fungierte, dessen »ungewohnt weitgehende Eingriffe in die Werke« aufzeigten, »dass der Verleger fürchtete, in der Fachwelt seinen Ruf als renommierter Wissenschaftsverlag zu verlieren und dass der Balanceakt zwischen wissenschaftlichem Niveau und Gemeinverständlichkeit großen verlegerisch lenkenden Aufwand erforderte« (ebd., 248). Einen relativ guten Markteinstieg gab es nur bei bereits eingeleiteten populären Themen wie der Relativitätstheorie und der Radiotechnik. Reize zu dieser Art von Buchproduktion kamen eher von außen (ebd., 250). Die Autoren waren meist als einzelne Akteure auf sich allein gestellt, die Verleger konnten sie nicht motivieren. Die Folge war, dass die Springer-Autoren zu Publikumsverlagen wechselten und sich demnach am heteronomen Pol der Produzenten orientierten. Einer von ihnen war Karl von Frisch, der zum Konkurrenten Ullstein wechselte, wo er schließlich sein Buch Du und das Leben . Eine moderne Biologie für Jedermann veröffentlichte. Es lässt sich also beobachten, wie sich eine strukturelle Homologie des Feldes der Verleger zum intellektuellen Feld der populärwissenschaftlichen Autoren entwickelte. Wissenschaftler, die bereits aus dem autonomen Pol des akademischen Feldes kommen und symbolisches Kapital besitzen, tendieren eher im Springer-Verlag zu veröffentlichen, um ihr erworbenes Kapital nicht durch Kommerzialisierung und Sensationalismus aufs Spiel zu setzen. Konnten allerdings erste Verkaufserfolge verbucht werden, sodass man sich in einem seriösen Verlag einen Namen machen konnte, tendierten einige Autoren sich am heteronomen Pol anzusiedeln und in Verlagen zu publizieren, die zwar weit mehr ökonomisch orientiert waren, gleichzeitig jedoch seinen Autoren mehr Freiraum für schriftstellerische Ambitionen ließen. Nach wie vor ist der Springer-Verlag einer der weltweit erfolgreichsten Wissenschaftsverlage (Berlin, London, New York, Wien), der nunmehr auch seine Buchreihe der »Verständlichen Wissenschaft« wieder pflegt und unter anderem auch Übersetzungen der angloamerikanischen Third Culture verlegt. Die Buchindustrie und das Feld der Verleger in Deutschland verlor seine DEUTSCHLAND 183 Autonomie in den 1930er Jahren und mit ihr veränderte sich auch das Bild der Wissenschaftspopularisierung (Wittmann 1991, 331). Nach dem zweiten Weltkrieg entstand ein repressives Literatursystem in der sowjetischen Besatzungszone und mit ihr eine Steuerung der Verlagsprogramme und Autoren. Literatur, Kunst, Wissenschaft wurden dem politischen Programm untergeordnet (ebd., 363). Zum wichtigsten Sachbuchverleger der Nachkriegszeit avancierte der bereits zuvor erwähnte Econ-Verlag (ebd., 376f.). Auch Ernst Rowohlt führte trotz Kritik seitens Kulturkritiker wie Hans Magnus Enzensberger eine Neuerung in den Buchhandel ein: das nach amerikanischen Vorgaben des »pocket books« neukonzipierte deutsche Taschenbuch, in dem sich Information, Bildung und Unterhaltung vereinigten. Die Programmpolitik orientierte sich an der Belletristik, an Unterhaltungsreihen und Klassiker-Ausgaben in Taschenbuchkassetten (ebd., 377). Damit etablierte sich eine starke Konkurrenz zu den Hardcover-Verlegern, vor allem weil sie stark als Lizenznehmer fungierten (ebd., 378).15 Die Aufgaben der Agenturen und Agenten nahmen stetig zu, denn angesichts der »fortschreitenden internationalen und intermediären Verflechtungen« des Verlagswesen seien Verhandlungen im Auftrag eines Lizenzgebers auf prozentualer Gewinnbeteiligungsbasis mit Haupt- und Nebenrechten notwendig, vermittelte Lizenzen und betreute Verträge waren wichtiger denn je.16 Doch auch für die rein wissenschaftlichen Publikationen ergaben sich transformierende Verhältnisse auf dem Buchmarkt. Die Problematik der wissenschaftlichen Buchverleger bestand darin, dass der Export deutschsprachiger wissenschaftlicher Literatur stetig zurückging und damit gerade in den Naturwissenschaften keine kostendeckenden Verkaufsauflagen mehr erreicht werden konnten (ebd., 380). 15 Der Suhrkamp-Verlag weist in seiner Geschichte besondere Entwicklungen auf. Während der Verlag zunächst eher konservativ denn avantgardistisch in der Publikationspolitik intervenierte, weil der 1959 verstorbene Peter Suhrkamp sich nicht mit der Taschenbuchkultur anfreunden konnte und daher sowohl auf Unterhaltungsbelletristik als auch auf ein politisches Verlagsprogramm verzichtete, rückte er allmählich an die Spitze der literarischen Verlage (ebd., 383f.). Auch C.H. Beck entwickelte ein »kulturhistorisches Programm auf der Grundlage eines wissenschaftlichen Fachverlages« (ebd., 384). Paradigmatisch für diese Zeit sei die Buchmesse in Leipzig 1968 gewesen. In der Verlagslandschaft der jüngeren Vergangenheit regiere jedoch Bertelsmann als Medienriese weltweilt. Er besitzt heute die globale Monopolstellung, ist einer der »Big Six«-Verlagsriesen der USA und gehört mittlerweiler zur Aktiengesellschaft. 16 Anfang der 1990er Jahre zählt Wittmann etwa fünfzig Firmen, wobei nur zwölf von ihnen bedeutende Positionen in Verlagen spielten, denn im Unterschied zu den Vereinigten Staaten seien Autorenagenturen in Deutschland sehr selten (ebd., 383). STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 184 Die Verlage produzierten fast nur noch Originalpublikationen in englischer Sprache, die bis zu 90% für den Export bestimmt waren. Während sich jedoch die akademischen, okkasionellen Popularisierer eher reserviert in den Hintergrund begaben, schufen sie Platz für die soziale Ausgestaltung neuer Akteure professioneller Popularisierer: den Wissenschaftsjournalisten. Der deutsche Wissenschaftsjournalismus setzte 1929 mit der Gründung der TELI ein, der technisch-literarischen Gesellschaft, eine journalistische Einigung für technisch-wissenschaftliche Publizistik. Hans Christian Förster hat als erster eine Dokumentation dieses reinen Herren-Vereins vorgelegt und zunächst in Form einer Online-Broschüre publiziert.17 Die Zielvorstellung der ersten deutschen Gesellschaft für Wissenschaftsjournalismus hält Förster wie folgt fest: »Ihr Ziel war, die technische Berichterstattung qualitativ zu verbessern, sachlich, populär und leichtverständlich über Technik aufzuklären und das lesende Publikum mit exakten und unabhängigen Informationen zu versorgen« (Förster 2007, 5). Der »exklusive Herrenklub« unterteilte sich in journalistische Mitglieder, die Themen zur Technik in Periodika und Tageszeitungen schrieben, und Fachmitglieder, die die Presse mit Informationen aus Betrieben und Institutionen versorgten. Zum Vorstand gehörten Siegfried Hartmann, Hans Baumann, Hans Dominik, Kurt Joel und Hans August Steudel. Die Mitglieder dieses Vereins kritisierten vor allem die Lobbyarbeit der meisten Journalisten aus dem Technik und Industriebereich. Man beschimpfte ihre Berichte als »versteckte Reklame«.18 Nur eine Professionalisierung dieses Standes könne die »korruptive Berichterstattung« beseitigen (ebd., 6). Das sei umso schwerer zu gewährleisten in einer Zeit, die durch einen Technologie-Boom gekennzeichnet war, wovon das Inseratengeschäft schließlich profitierte. Noch vor der Wirtschaftskrise ging die Zahl der Abonnenten stark zurück, viele Verleger standen in Deutschland vor dem finanziellen Ruin. In diesen Jahren fanden sich jedoch genug Technik-Journalisten zusammen, um trotz der prekären wirtschaftlichen Lage einen Neustart zu wagen. Die TELI selbst war ein sehr heterogenes Denkkollektiv. Die Akteure unterschieden sich stark im Alter, in ihrer Weltanschauung und ihrer Lebenserfahrung. Aber auch aufgrund der unterschiedlichen Arbeit im Zeitungsbetrieb entstanden hier starke Hierarchien der Gruppenmitglieder. 17 Sie ist Teil des Projekts »Technisch-wissenschaftlicher Journalismus in Deutschland«, die die naturwissenschaftliche und technische Publizistik in Berlin und Preußen seit dem 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart untersucht. Die Quellenangabe ist im Literaturverzeichnis unter den Internetquellen zu finden. 18 Dies war tatsächlich ein internationaler Missstand. In den USA und in England war es die Reklame innerhalb des Journalismus, die den Zeitungen ihre ökonomische Unabhängigkeit von der Politik gewährte. DEUTSCHLAND 185 Hinzu kam, dass Berlin als Medienmetropole sehr stark parteipolitisch geprägt und medial auf nur wenige Unternehmen konzentriert war: Ullstein, Mosse und Scherl waren die »großen Drei« der überregionalen Tageszeitungen in Deutschland (ebd., 10). Einige Akteure des Wissenschaftsjournalismus seien besonders hervorzuheben. Zu ihnen gehöre der Maschinenbauingenieur und freier Journalist Hans Dominik, der in seinem Autobiographiewerk Vom Schraubstock zum Schreibtisch der Tätigkeit des technisch-literarischen Schreibens zur Profession verhalf. Seit 1902 schrieb er in den Wissenschaftlichen Plaudereien Beiträge zum technischen Feuilletons mit Massenwirksamkeit (ebd., 11f.).19 Förster beschreibt, wie Dominik zum aufklärerischsten und gleichzeitig unterhaltsamsten Journalisten Berlins aufstieg, vor allem durch die Mithilfe seines Chefs August Scherl, der nach dem Vorbild der amerikanischen Massenzeitungen die illustrierte Zeitschrift Die Woche schuf. Er war es auch, der die technische Berichterstattung als Wettbewerbsvorteil im Pressewesen sah und für sich nutzbar machte, ihn jedoch später auch in den Bankrott führen sollte (ebd., 12). Dominik hingegen verließ den Journalismus und wurde mit fast fünfzig Jahren Science-Fiction-Autor. 19 Diese Form der »Plaudereien« fanden sich bereits in den populärwissenschaftlichen Radiovorträgen der 1920er Jahre wieder (Schirrmacher 2009, 180). In Anlehnung an die Printformate wurde nun On Air über das Weimarer Radio popularisiert, sodass Journalisten und Popularisierer neue mediale Brücken der Kommunikation zwischen dem großen Publikum und den Naturwissenschaften bauten. Obwohl sie kein Vorlesungsformat hatten – wie beispielsweise in England –, kann man sie nicht als oberflächlich abstempeln. Einige von ihnen hatten zumindest kritischen Impetus. Zum ersten großen Science Reporter, der das neue Medium zu beherrschen wusste, avancierte der Physiker Otto Willi Gail, der in dem Münchener Radiokanal Deutsche Stunde 1929 das Programm »Hörbericht Wissenschaft« leitete und aufführte. Weil ihn die ersten Popularisierungsversuche über das Radio unbefriedigt ließen, übernahm er die mediale Wissensvermittlung selbst und berichtete sowohl aus dem Labor als auch aus dem Wohnzimmer. Neben seinen Science Fiction Romanen war es ihm daher sehr wichtig ein authentisches Bild des Wissenschaftlers bei seinen Forschungstätigkeiten im Labor zu vermittln (ebd., 181). Obwohl es keine genauen Auffschlüsse über die Rezeption dieser Radioformate gibt, kann man davon ausgehen, dass sie Teil einer »high culture in general« gewesen seien (ebd., 183). Schirrmacher konstatiert schließlich, dass durch die totalitäre Integration und die parteipolitische Instrumentalisierung der Radiosender keine Autonomie der Wissenschaftler und ihrer Radiovorträge gewährleistet war. Erst in den 1960er Jahren sollte sich das Radio wiede mit unvoreingenommen Themen der wissenschaftlichen Praxis im Labor widmen. Allerdings wurde im Osten Deutschlands durch die Gründung der »Gesellschaft zur Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse« wieder einmal der »science worker« einem parteipolitischen Programm unterstellt, dass in diesem Fall die sozialistische Ideologie stützen sollte (ebd., 184). STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 186 Seine Bücher hatten einen Zirkulationsradius von ca. einer halben Millionen Exemplare, er stieg zum deutschen Bestseller auf und gilt bis heute als deutscher Jules Verne. Unter den naturwissenschaftlich begabten Autoren ist auch Kurt Joel zu nennen, der Mathematik, Chemie und Philosophie studierte. Doch anstatt seinem Ruf als Lehrer zu folgen, ging auch er in die Tätigkeit des freien Journalismus. In der Vossischen Zeitung stieg er schnell zum naturwissenschaftlichen Korrespondenten auf und erschuf mit seinem informativ und zugleich unterhaltenden Ton ein neues journalistisches Genre, die »Unterredung«, Interviews in Prosaform und im informativen Plauderton gehalten.20 Förster macht hier auf drei wesentliche politische Tendenzen des Technikjournalismus aufmerksam: der national-konservativen Fraktion, die die Republik ablehnte und sich nach den Tagen des Kaiserreichs zurücksehnte; die zweite Fraktion bestand aus dem Verein der Techniker, die ihre politische Funktion nicht mehr länger in Abrede stellen konnten, und sich gezwungen sahen, ein Technikministerium zu etablieren, dass ihr Interesse aber auch ihre Expertise gegen die der juristischen und kaufmännischen Interessen vertritt. Die dritte Fraktion schließlich plädierte für die Realisierung einer demokratischen Republik und zu ihnen gehörte u.a. Kurt Joel: »Mit der 1919 ins Leben gerufenen Rubrik ›Umschau in Technik und Wirtschaft‹ versuchte Joel zu beweisen, dass die Lebensfrage der Demokratie eine leistungsfähige, innovative und weltmarkttaugliche Wirtschaft sei« (ebd., 16). Damit wurde Joel zum wichtigsten Akteur eines Technik- und Wissenschaftsjournalismus, der nicht nur technikphilosophische Diskussionen initiierte, sondern sich auch aktiv an ihnen beteiligte, um wichtige Fragen zwischen Technik, Ingenieuren, der Wirtschaft und ihren Unternehmen zu klären (ebd., 17). Technikeuphorie versprühte hingegen Siegfried Hartmann mit seiner von Hans Dominik übernommenen Kolumne der Wissenschaftlichen Plaudereien, die er prompt in Naturwissenschaftlich-technische Plaudereien umbenannte. Auch seine Kolumne Technik voran! versprühte die Freude an der »Kriegstechnik«. Doch gerade als Fritz Langs Film »Metropolis« herauskam, begann er kritischere Töne anzuschlagen und verlagerte seine 20 Sein besonderes Interesse galt jedoch der Physik und besonders Albert Einstein (ebd., 14f.). Förster zufolge gäbe es weit und breit keine journalistische Prosa, die so verständlich über die Relativitätstheorie reflektiert hätte, was schließlich davon zeugt, dass sich sein Autor nach wie vor in die komplexe, physikalische Denkkultur einfinden konnte (ebd., 15). Gerade jedoch an Einstein schieden sich Politik und freier Journalismus, denn Einstein und sein Kollege der Physiologe Georg Friedrich Nicolai riefen damals in seinem Buch Die Biologie des Krieges (1917) zum Antikriegsappell auf, während sich die deutschen Intellektuellen für die entgegengesetzte Richtung entschieden. DEUTSCHLAND 187 Argumentation auf die »Verantwortung des Menschen für die Resultate ihrer Anwendung« (ebd., 21). In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts diente der Wissenschaftsjournalismus nicht der Berichterstattung der Grundlagenforschung im Labor oder der Vermittlung von dem, was naturwissenschaftliches Forschen ist oder wie es funktioniert. Ähnlich wie in England, den USA und Frankreich, aber auch anderen europäischen Ländern liegt der journalistische Fokus auf den angewandten Wissenschaften, auf denjenigen, die die gesellschaftlichen Kräfte mobilisieren, den Haushalt der Frau vereinfachen oder aber die männliche Erfindungsgabe als solche lobpreisen. In der Öffentlichkeit verschwinden die Grenzen zwischen Grundlagenforschung und angewandter Forschung, der Fokus liegt auf den bahnbrechenden Ergebnissen der bastelnden Ingenieure und nicht auf dem Reagenzglas des Biologen. Damit änderte sich zunächst auch die Rolle des Technikjournalisten: Der neue junge Technikjournalist war Sachverständiger, Berater, Nothelfer, und Tröster im Katastrophenfall. Politisches verlor für ihn an Attraktivität. Die Leser hatten schon genug Sorgen. Der Aufklärung folgt mehr und mehr die Unterhaltung. In diesen Krisenzeiten wurde das Verbreiten ›guter Laune‹ zum Wettbewerbsvorteil. Die Politik galt bei einer zunehmenden Zahl von Technikjournalistchen (vor allem bei den Jüngeren) als ›schmutziges Geschäft‹, Politikabstinenz wurde zum Zeichen von Unvoreingenommenheit. (ebd., 22) »Technische Sachlichkeit« und »politischer Kompromiss« seien unvereinbar geworden (ebd., 23). Politikabstinenz bedeutete jedoch nicht, dass das Politische aus der Sprache der Zeitungen verschwand. Karl Ammon beispielsweise galt als einer der »Grubenhunde«, die technische Begriffe »eindeutschen« sollten. Dennoch konnte die TELI bis 1933 die Stellung halten und Pionierarbeit auf dem Gebiet der Professionalisierung ihres Berufsstandes leisten. Ab 1933 wurde jeder Journalist ein Diener des »deutschen Volkes«, das heißt zum Staatsdiener des Dritten Reiches, das einem Propagandaministerium unterstellt war (ebd., 27). Weil also das politische Feld alle anderen Felder gleichsam unter seine Ideologie stellte und kontrollierte, gab es kein Feld innerhalb des sozialen Raumes, das nicht durch feldexterne Faktoren seine Autonomie einbüßte. Da es kein autonomes journalistisches Feld mehr gab, waren damit auch die Distributionswege für Wissenschaftspopularisierung umgepolt worden. Es ging nicht mehr um die bloße Übersetzung naturwissenschaftlich-technischen Wissens in allgemeinverständliche Sprache, sondern in die Sprache der nationalsozialistischen Propaganda. Damit stagnierte die weitere Entwicklung der Populärwissenschaft als eigenständiges Feld in Deutschland. In der BRD wurde der Wissenschaftsjournalismus erst 1979 unter der Schirmherrschaft der Robert-Bosch-Stiftung STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 188 institutionell wieder ins Leben gerufen, um die Wissenschaftskommunikation zu fördern (Linke 2007). Die Bertelsmann-Stiftung erschuf bald darauf ein Qualifizierungsprogramm für Wissenschaftsjournalismus, das Bundesministerium für Bildung und Forschung initialisierte »Wissenschaft im Dialog« und Magazine wie die P.M.-Magazin, Bild der Wissenschaft, Spektrum der Wissenschaft, seit 2005 SZ-Wissen, ZEIT-Wissen, FAZ-Wissen steigerten den medialen Zirkulationswandel naturwissenschaftlichen Wissens (ebd., 60). Leider jedoch gäbe es noch zu wenige Langzeitstudien über die unterschiedlichen Formate. Dennoch ließen sich einige wesentliche Unterschiede beobachten. Faktische und informationsvermittelnde Berichterstattung experimentiere eher weinger mit Genres und Formen, wobei Themen klassischer Disziplinen wie Medizin, Gesundheit, Umwelt, Technik, vorwiegend Naturwissenschaften unter dem Format »aktuelle Meldungen aus Wissenschaft und Forschung« dominierten (ebd., 61). Journalismus und Popularisierung seien hier grundsätzlich verschieden: Journalismus erfülle eine kritische Funktion, wahre Unabhängigkeit vom Wissenschaftssystem, Popularisierung sei stattdessen eine Vermittlungsinstanz, die den Akzeptanzverlust der Wissenschaft durch Übersetzung kompensiere (ebd., 62). Anstatt einer wissenschaftsorientierten Popularisierung kristallisiere sich eine problemorientierte Berichterstattung in Form von konsensvermittelnder Aufklärung und konfliktbetonter Berichterstattung über wissenschaftlich-technische Kontroversen heraus (ebd., 64). Erst dreißig Jahre nach der PUSH-Initiative in England sollte sich der Springer-Verlag unter der redaktionellen Führung des Physikers und Literaturwissenschaftlers Carsten Könneker im Bereich der professionellen Wissenschaftskommunikation zurückmelden und am KIT in Karlruhe das Nationale Institut für Verständliche Wissenschaft (NAWIK) gründen, um ›Wissenschaftler zu Botschaftern ihrer Forschungsgebiete‹ zu machen.21 Dennoch kann man an dieser Stelle bereits eins festhalten: Die Popularisierung der Naturwissenschaften blieb den Verlagen und ihren Herausgebern überlassen. Sie waren der publizistische Motor, der die eingeschränkte Wissensproduktion aus den Händen der Akademiker lösen wollte, um die eigenen ökonomischen Profite zu erhöhen. Als Nebenprodukt emergierte ein Subfeld akademischer Wissensproduktion, dass von Populärwissenschaftlern regiert wurde. Der Impuls kam nicht von den naturwissenschaftlichen Akteuren des akademischen Feldes selbst, zumal ihre Beteiligung an diesen Prozessen eher gering ausfiel. Es war vielmehr das Feld der großen Verlagshäuser zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die ein Interesse daran hatte, Bücher über naturwissenschaftliches Wissen zu verlegen. Frank Schirrmacher, der FAZ-Mitherausgeber und Leiter des Feuilleton, der eine klassisch 21 Die Internetquellenangabe findet sich auch hier im Literaturverzeichnis. ENGLAND 189 philologisch-philosophische Ausbildung des Homo academicus genossen hat, bot bereits vor der Einrichtung dieses nationalen Instituts für Verständliche Wissenschaft eine Plattform für die Dritte Kultur in Deutschland, deren Debatten er 2001 unter dem Titel der Darwin AG zusammenfassend publizierte (Schirrmacher 2001). Die genealogische Linie der »wissenschaftlichen Bestseller« zieht er von Ernst Haeckel zu Stephen Hawking, und diese Erfolgsgeschichte müsse weitergehen, denn »sie ver- ändern die Öffentlichkeit« und die »Wissenschaft« (ebd., 19). Sebastian Linke macht auch hier darauf aufmerksam, dass die Debatten über die Humangenetik in der FAZ überrepräsentiert waren und mit der Er- öffnung eines populären Buchmarktes für die Lebenswissenschaften zusammenfielen (Linke 2007, 150f.). Die Biowissenschaften hatten Vorrang vor Kultur- und Geisteswissenschaften, daher spricht Linke von der »Rache der Gene an ihrer Marginalisierung durch humanistische Idealismen« (ebd., 160). Gleichzeitig ließe sich die Entwicklung eines neuen Wissenschaftlertypus beobachten, der »visible scientist«, deren Sichtbarkeit von der medialen Präsenz in öffentlichen Debatten abhängt. Der sprachgewandte, selbstdarstellerische Medienstar, der attraktive Forschungsthemen präsentiert, verändere hierbei die Stellung der Journalisten, die nicht mehr als Übersetzer oder Kritiker fungierten, sondern »Agendasetter« (ebd., 212). Frank Schirrmacher und John Brockman seien zusammen auf dem Weg in eine »feuilletonistische Populärwissenschaft« (ebd., 217). Doch Populärwissenschaft ist weit mehr geworden als nur ein Spiel zwischen Print- und Digitalkulturen der Wissensvermittlung, zwischen Verlagshäusern und Chefredakteuren. Sie ist kein ungeregelter Interdiskurs mehr. Alles, was an ihr undiszipliniert gewesen ist, wird nun in Form neuer Studienfächer der Wissenschaftskommunikation und Schreibwerkstätten für Naturwissenschaftler diszipliniert. Aus Propaganda wird Vermittlung, aus Popularisierung Kommunikation! 2. England: The Voice of Amateur Science in the Struggle for Authority Wie Monika Schwarz bereits in ihrem Vergleich zwischen England und Deutschland gezeigt hat, sind die Begriffe ›science‹ und ›Wissenschaft‹ nicht gleichbeutend.22 Auch der englische Historiograph der Popularisie- 22 Die semantische Wende, die den Weg zur Wissenschaft als Disziplin ebnete, sei im 18. Jahrhundert vollzogen worden, als man zwischen Experiment und Erfahrung sowie zwischen theoretischem und praktischem Wissen unterschied. Um 1850 schließlich wurde unter dem Begriff »science« das theoretische und STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 190 rung der Wissenschaften, Bernhard Lightman, hält fest, dass unter science ausschließlich die Naturwissenschaften zu verstehen seien, wobei man unter den natural sciences niemals Grundlagenforschung verstanden habe, sondern stets die Anwendbarkeit der Forschung hervorhob, was allein schon dadurch gegeben war, dass das Labor nie Teil der Universitäten und dem Bildungssystem der Liberal Arts eingegliedert gewesen war. Die ›amateur scientists‹ erfüllten hingegen eine immens wichtige sozialpsychologische Funktion innerhalb der Herausbildung der einzelnen Disziplinen der ›hard sciences‹. Lightman beschreibt, wie die geographische Expansion der britischen Kolonialmacht zu einer Expansion des Interesses für technologisch-wissenschaftliche Ambitionen und Entwicklungen führte. Es waren gerade jene Forschungsreisen und die zahlreichen Reiseberichte der merchants of light, die zu einer anhaltenden Öffentlichkeitsarbeit durch Sammlungen und Ausstellungen in Museen führten und damit auch eine neue Generation von »middle-class consumers« der Wissenschaften erschufen. Wissenschaft wurde zur Freizeitbeschäftigung verbunden mit Technikfaszination (Lightman 2007, 2). Zur Repräsentationsfigur dieser Zeit wurde der »gentleman«, der nun in den Clubs der »scientific naturalists« seinen Durst nach den neuesten Informationen aus der neuen Welt stillte. Es sei diese Clique der ›Science Club Gentleman‹ gewesen, die die alte Oxbridge-Elite aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ablösen sollte. Es emergierte eine intellektuelle Revolte außerhalb des elitären Feldes, die nicht nur auf Männer beschränkt war. Zu ihnen zählten auch viele Frauen, die sich rege an den Diskussionen beteiligten (ebd., 6). Aus dieser frühen Integration der weiblichen Intellektuellen entwickelte sich eine ganz eigene Linie der »maternal tradition« im »scientific writing«, die den Popularisierungsdiskurs nachhaltig mitbestimmte (ebd., 99ff.). Ihre Rolle als Popularisiererinnen war diejenige einer »authority as scientific, moral, and religious educators«. Damit stellten sie jedoch auch eine große Konkurrenz zu den männlichen Autoritäten dar, sodass sie aus den Wissenschaftszirkeln ausgeschlossen worden waren, denn »by nature they were religious, emotional and subjective«. Der einzige Zugang zur Wissenschaft blieb für die Frauen daher die Popularisierung, die nicht immer freiwillig motiviert war (ebd., 101).23 Popularisierte Wissenschaft praktische Studium der Natur subsumiert (Schwarz ebd., 33). Eine weitere Differenzierung unternahm William Whewell (Professor für Minarologie in Cambridge) 1834, als er die »scientists« als »cultivators of science« bezeichnete, und damit zu einer semantischen wie gesellschaftlichen Spaltung von Berufwissenschaftler und Amateur beitrug (ebd., 34). 23 Die Wissenschaftlerinnen in diesem sich herauskristallisierenden Feld der Popularisierer erprobten ihren Schreibstil in unterschiedlichen Textsorten, die oft miteinander kombiniert wurden. Dazu gehörte Fiction, Kinderliteratur, Übersetzungen und didaktische Aufbereitung wissenschaftlicher Themen in ENGLAND 191 war verweiblichte Massenkultur, sozialistische Fabrikliteratur für den Arbeiter, ein »decline of civilization«, also eine Form der ›scientific literature‹, die von derjenigen der ›gentleman of science‹ unterschieden werden musste (ebd., 165f.), denn obwohl man gegen die Oxbridge-Elite rebellieren wollte, so wollte man nicht gleich auf die hinteren Ränge der ›mass culture‹ degradiert werden.24 Da aber auch die Aufgabenteilung innerhalb der naturwissenschaftlichen Disziplinen immer dringender wurde, spaltete sich die forschende Belegschaft in »practitioner of science«, worunter der Experimentator verstanden wurde, und »popularizer of science«, derjenige der aus wissenschaftlichem Wissen Texte produzierte, der »writer«. Allerdings galten diejenigen Popularisierer, die selbst praktizierendes Mitglied der scientific community waren, als die besten ihres Fachs, weil sie zur selben Zeit Produzierer und Konsumierer dieses Wissens (»consumers and producers of knowledge«) waren (ebd., 16). Der antreibende Motor dieser Entwicklung waren die Verlagshäuser und ihre Herausgeber. Sie machten die ›practitioners of science‹ zu ›practitioners of letters‹, indem sie ihren Büchern nicht nur die Gestalt großer Werke Lehrbüchern für Schulen und Universitäten. Sie pflegten stets ihre Beziehungen zu ihren Verlegern, denn ihr finanzieller Erfolg war vor allem von den Gesetzen des Marktes mitbestimmt. Der Markt schrieb vor, wie die Schreibgesetze den Text zu formen hatten (ebd., 113). So wurde beispielsweise in den Anfängen der Lehrbuchdidaktik Klassifikationssysteme und Fachsprache vermieden. Stattdessen wurde sehr leserzentriert mit Bedacht auf das jeweils konstruierte Publikum geschrieben. Zu den gängigsten narrativen Formaten gehörten die Anekdote, die chronologische Struktur, die Hinzunahme von Reiseliteratur und die Fokalisierung der Natur, die Lightman, als »anthropomorphic turn« beschreibt (ebd., 133). Der Fokus lag auf den Schönheiten und Wundern der Natur, die unter zuhilfenahme visueller Mittel stark in den Vordergrund drängten und das moralische Gedankengut untermauerten, das von der Natur auf die Gesellschaft projiziert worden war (ebd., 135). Die Feministin Arabella Buckley, die mit Charles Darwin eine enge Briefkorrespondenz führte, hat sich mit ihrem Werk Botany for Novices ein Denkmal gesetzt, indem sie sich selbst als religiöse Führerin im Reich botanischen Wissens darstellte (ebd., 149). Die ›esoterische Moderne‹ in England, wenn sie es denn gibt, trägt eine weibliche Signatur. Die ›maternal tradition‹ war also nicht nur an eine ›theological tradition‹ gebunden, diese Verbindung brachte der Popularisierung das Stigmata einer Wissenschaft für die ›mass culture‹ ein, die nichts mit der männlich dominierten und orientierten »high culture« des Wissens zu tun hatte. 24 Den Begriff ›popular‹ trifft man bereits im 16. Jahrhundert an. Meist sind damit politisch aufgeladene und ideologische Text gemeint, die in unterschiedlichen Printformaten zirkulierten (»apllied to aspects of cultural forms appealing to people generally«). Der Begriff der ›popular science‹ trat hingegen erstmals 1797 auf und wurde in Abhänigkeit zur professionellen Praxis des Wissenschaftlers stets als minoritär angesehen. STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 192 des Wissens gaben, sie machten aus ihren bloßen ›writern‹ kommerziell erfolgreiche Autoren, wobei der kommerzielle Erfolg nicht nur an das ökonomische Kapital gebunden war, mit ihm nahm das moralische Kapital in der Gesellschaft zu und dies wirkte auf das Selbstverständnis als Autor von ›scientific literature‹ zurück. Die psychosoziale Konstruktion wissenschaftlicher Autorschaft ist zumindest im angloamerikanischen Buchbetrieb tief mit den Funktionären dieses Wirtschaftszweiges verwoben und zwar so tief, dass sie bis in den Schreibstil hineinwirken konnten, das trifft sowohl auf den editor als auch auf den literary agent zu.25 Diese Autoren gliedert Lightman in zwei Gruppen, (i) die vorrangig männlichen Autoren der »narrative of science«, die sich mit den intradiskursiven Aufgaben des eigenen akademisch-wissenschaftlichen Feldes auseinandersetzen, und die Autorinnen und Autoren der »narrative of nature«, die die Wissenschaften für eine breite Öffentlichkeit zugänglich machen wollten und vor allem auf den Unterhaltungswert und 25 Mit der Expansion des britischen Buchmarktes, der betroffen von dem Corn Law Act Mitte des 19. Jahrhunderts weniger von staatlichen Regulationen als von dem »free market trade« abhing und den damit zusammenhängenden Urheberrechten und Verwertungsrichtlinien zwischen »publisher«, »bookseller« und »author«, wurden zwei neue Figuren eingeführt: der Lektor, »publisher’s reader« und die Figur des »literary agent«, die sich mit der wichtigen Frage der Aufteilung des Profits beschäftigten (Feather 2005, 169). Während ersterer für das Verlagshaus sprach und in die Form des Textes eingriff, wurde letzterer zur Vertrauensperson des Autors, zu seiner rechtlichen Stimme. Geraldine Jewsbury, Lektor von Bently von 1860 bis 1875, und John Morely, Lektor des größten Verlageshauses Macmillan von 1860 bis 1914, erschufen das Gesicht der anonymen Leserschaft der englischsprachigen Welt (Commonwealth, »third world market«). Als erster Literaturagent in der Buchbranche trat A.P. Watt auf. Er war sowohl Herausgeber als auch Verkäufer im Sortimentsfachhandel mit einem eigenen Buchladen und vertrieb die Lizenzrechte der Autoren, nachdem der Chase Act 1891 die Copyrights zwischen England und den Vereinigten Staaten einer rechtlichen Regulation unterworfen wurde. In Europa begann die Internationalisierung bereits 1887 durch die Berner Konvention (ebd., 166f.). Damit musste der Autor seiner hybriden Rollenverteilung in Künstler und Geschäftsmann nicht mehr nachgehen. Das übernahm der Literaturagent für ihn (ebd., 170). Es ist daher vor allem den Literaturagenten zu verdanken, dass weder der Autor seinen Verleger finanziell ausbeutet, wie Charles Dickens das getan hatte, indem er die Hälfte des Profits forderte, noch der Verleger seinen Autor finanziell ruinieren konnte, indem er seine Rechte ohne dessen Zustimmung an Dritte Parteien weiterverkaufte. Durch die »royalty agreements« stand dem Autor von jedem verkauften Exemplar 10 Prozent des Gewinns zu, sodass der kommerzielle Erfolg eines Buches direkt mit dem Einkommen des Autors verlinkt werden konnte. Der Agent wiederum erhielt 10 Prozent (heute sind es 15 %) von dem Gesamteinnahmen des Buches, mit dem der Autor bei ihm unter Vertrag stand. ENGLAND 193 die didaktische ›instruction‹ ihrer Leser Rücksicht nahmen (ebd., 35ff.). Schließlich fiel der Startschuss für die »young guard« der häretischen jungen Wissenschaftler, die gegen die alte Elite der Klerikerintellektuellen und ihre natürliche Theologie aufbegehrten, als 1831 die British Association for the Advance of Science (BAAS) gegründet wurde. Mit ihr bekamen die jungen Häretiker nicht nur eine institutionelle Grundlage, mit ihr wurden sie erst ins Leben gerufen, denn die Institution gab ihnen erst das vollständige Bild ihrer zukünftigen Aufgaben. Sie machte aus den einzelnen Akteuren ein gemeinsames Netzwerk von Intellektuellen mit einer gemeinsamen Aufgabe. Es war die Gründung dieser Institution die dem populärwissenschaftlichen Diskurs dazu verhalf, ein eigenes Feld mit eigenen Gesetzen zu werden, dass sich schließlich im 20. Jahrhundert zu einem Subfeld der erweiterten Produktion des akademischen Feldes etablieren sollte. Hier setzte die Säkularisierung der Naturwissenschaften ein (ebd., 49). Zur populärsten Repräsentationsfigur des Säkularisierungsprozesses wissenschaftlichen Denkens in Europa und später auch in den Vereinigten Staaten wurde Thomas Henry Huxley. Lightman kennzeichnet ihn nicht nur als »the most important popularizer of science during the Victorian period«, sondern vor allem als »most important spokesmen for science« (ebd., 357). Seit 1862 hielt Huxley bereits öffentliche Vorlesungen und Vorträge für die britische Arbeiterschaft. Als Wissenschaftspopularisierer musste er schnell lernen die Bedeutung von Wissenschaft in unterschiedlichen Situationen und Kontexten mit unterschiedlichen Zuhörern näherzubringen. Erst auf Drängen Charles Darwins sah sich Huxley in der Lage diese Aufgabe als Berufung anzusehen, denn aufgrund seines fehlenden kulturellen Kapitals (»lower-middle-class family«), einem Abschluss von der London University und ohne jegliche Rücklagen blieb ihm nur die Arbeitslosigkeit oder aber eben das Popularisieren (ebd., 358).26 Seine Lehrbuchproduktion wurde zur Überlebensstrategie: Er schrieb Monographien für Spezialisten, Museumskataloge, er hielt öffentliche Lesungen und verfasste unzählige Rezensionen. Dennoch konnte er seinem Streben nach Höherem, um mit Bourdieu zu sprechen, nach höherem symbolischen Kapital auf der Karriereleiter des akademisch-wissenschaftlichen 26 Auch der Ire Robert Ball hatte hier als gelehrter Popularisierer entscheidende Vorteile im Gegensatz zu Huxley, denn aufgrund eines Stipendiums war er finanziell unabhängig. Besonders großen Anklang beim Publikum fanden seine populären Astronomiebücher. Auch spielten seine »public lectures« innerhalb der »evolutionary naturalists« eine große Rolle. Seine mündlichen Vorträge wurden in belehrende Prosa umgeformt, ähnlich wie bei seinem deutschen Pendant Hermann Helmholtz. Allerdings habe er seine Zuhörer- und Rezipientenkreis strikt voneinander getrennt. Seinen Stil beschreibt Lightman als dramatisch und humorvoll, der zuweilen zu einer Fiktionalisierung von Wissenschaftler-Biographien neigte (ebd., 408). STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 194 Feldes, nicht nachgeben. Weil er also nicht als reiner Journalist stigmatisiert werden wollte, da er immer noch das Ziel verfolgte, ein echter »pracitionar of science« zu werden (ebd., 359), fuhr er eine Doppelstrategie: Er etablierte sich als Kritiker der ›popularizer‹. Mit seinen Rezensionen wissenschaftlicher und populärwissenschaftlicher Werke erschuf er Kriterien für die Unterscheidung zwischen »elite science of the practioners« und »works of the popularizer«. Somit konnte er sich sowohl im journalistischen Feld der Kritiker als auch im Feld der Produzenten dieser Werke etablieren. Huxley installierte sich als Überwachungsinstanz im populärwissenschaftlichen Feld Englands. Als Reformator des naturwissenschaftlichen Feldes außerhalb der akademischen Mauern wurde er 1870 zum Präsidenten der BAAS. Nun hatte er seine soziale Heiligsprechung erhalten und konnte vom Häretiker einer kleinen ›gentleman‹-Clique zum orthodoxen Prediger der Wissenschaften in einer institutionellen Position aufsteigen. Huxley wurde zum Bildungsreformer und beteiligte sich an der Umstrukturierung der Bildungssystems (ebd., 364f.).27 Seine Verbindungen zum wissenschaftlich-akademischen 27 In dem sogenannten »Report of the Royal Commission on Scientific Instruction and the Advancement of Science. [The Devonshire Report]« von 1875, der nach seinem Chairman The Duke of Devonshire benannt worden ist, wurden folgende Diskussionspunkte abgehandelt: »Need for more science teaching« berichtet von den fehlenden Geldern, um in der »elementary school« Laboratorien einzuführen, der Ungewissheit gegenüber den Bildungswert der Wissenschaften bzw. durch Wissenschaften (»Educational Value of Science«) und die Schwierigkeit in dem ohnehin schon überfüllten Curriculum Platz für neue Studien zu schaffen. Es fehle das notwendige Lehrpersonal, um naturwissenschaftliches Wissen didaktisch aufzuarbeiten und adäquat an jüngere Schüler zu vermitteln. Das treffe vor allem auf die öffentlichen Schulen zu, die keine privaten Spenden zur Verfügung hätten (Maclure 1979, 108). Ein weiterer Punkt wurde in »Aims of science teaching« dargelegt. Die Mitglieder seien sich einig, dass naturwissenschaftliches Wissen zwar wichtige Informationen dem Schüler an die Hand gebe, aber es sei nicht als »training of his intellectual powers« anzusehen. Der Streitpunkt kreiste um die Frage, ob naturwissenschaftliches Wissens ein »important service of awakening his desire for further knowledge« sei. Man handelte ein Gleichgewicht zwischen »Literary and Scientific Culture« aus, denn man bräuchte beide Wissenskulturen für »the active buisness of life« (ebd., 109). Dennoch wird in dem bildungspolitischen Bericht darauf aufmerksam gemacht, dass das Glück und Unglück der Nation vom wirtschaftlichen Erfolg des Landes abhänge, der auf nichts anderem als den Naturwissenschaften beruhe. Der Bericht schrieb die Agenda für die intellektuelle Aufrüstung der neuen Science-Elite, die aus den ›lower- und middle-classes‹ mobilisiert werden sollte. Maclure hat diesen Akten ein Interview von Thomas Huxley aus dem Jahre 1872 mit dem Titel »A plea for science in the elementary school« beigelegt, wo er noch einmal seine Position klar darlegt: »My hope is to see science made an integral part of ENGLAND 195 Feld blieben über die Zeitschrift Nature und dem Begründer des Verlagshaus Macmillan and Comany erhalten, zwei wissenschaftliche Publikationsorgane der scientific community mit hohem intellektuellen Prestige: »Nature, that organ of the scientific elite, presented the popularization of science as an integral dimension of scientific education and proposed that a systematic program be established in order to maintain the dominance of England over other nations. Popularizing science could be seen as a national service performed by practitioners rather than a private persuit for commercial gain« (ebd., 366). Huxley’s Einfluss breitete sich auch auf das London School Board und die Commission on Scientific Instructions aus. Diese Institutionen verliehen ihm eine symbolische Sprechgewalt, die ihn zu den Lecture-Tours in die Vereinigten Staaten führte, wo er nicht nur Wissen popularisierte, sondern ein wissenschaftspolitisches Modell exportierte (ebd., 368). Lightman hält fest: »Establishing connections with publishers, writing, and setting up ambitious monograph series with the goal of controlling the market of science books aimed at the general audience, Huxley now made these projects in print culture a central part of his overall strategy to reform British science and society« (ebd., 369). Damit hatte Huxley gleichzeitig die Feldposition des Lehrstuhlinhabers für Public Understanding of Science präformiert. Schließlich wurde sein ambitioniertestes Buchprojekt die Physiography, das die Brücke von der Naturgeschichte zur experimentellen Biologie schlagen sollte, dermaßen breit in der scientific community wahrgenommen und diskutiert, dass es zur Namensgebung eines neuen Faches führte (ebd., 378). Huxley hatte seine Doppelstrategie erfolgreich zum Abschluss gebracht. Das engagierte Projekt einer transarealen International Scientific Series, die von dem Amerikaner Edward Youman (Begründer der Popular Science Monthly) initiert und von 1871 bis 1910 von sechs Herausgebern the elementary teaching everywhere in the country« (Huxley zit. n. MacLure ebd.).Wolf Lepenies merkt in seinem Narrativ der Dritten Kultur (Wissenschaft, Soziologie, Literatur) an, dass der Zwei-Kulturen-Streit zwischen C. P. Snow und F. R. Leavis im 20. Jahrhundert bereits in Huxley und Matthew Arnold, einem viktorianischen Literatur- und Sozialkritiker, sein intellektuelles Vorgängermodell hatte. Arnold reagierte auf T.H. Huxleys Lecture-Reihe Science and Culture mit einer Gegen-Lecture-Reihe Literatur and Science (Lepenies 2006, 197). Arnold argumentierte gegen die angelsächsische Einengung des Begriffs ›science‹, der lediglich auf ›natural science‹ verwies, und versuchte diesen durch die deutsche Verwendung des Begriffs der Wissenschaft zu öffnen. Ebenso erweiterte er den Literaturbegriff auch auf naturwissenschaftliche Schriften wie diejenigen Euklids, Newtons und Charles Darwins (ebd., 199). Huxleys Expansion eines erfahrungsreicheren Lebens durch naturwissenschaftliches Wissen, setzte Arnold die »criticism of life« entgegen (ebd., 200). STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 196 in den USA und fünf europäischen Ländern mit 120 Titel in vier Sprachen veröffentlicht worden ist, verwirklichte als erstes seiner Art nicht nur die Annäherung an die Internationalisierung des Buchmarktes. Es sollte vor allem eines bewerkstelligen: die ›popular science‹ den unqualifizierten ›writers‹ aus der Hand zu nehmen und sie den professionellen Popularisierern zu überlassen. Die »International Science Series« bewirkte eine Professionalisierung des populärwissenschaftlichen Feldes, das von den US-amerikanischen Verlagen, Produzenten und Kritikern angeführt wurde. Dabei forcierten sie zugleich einen neuen Schreibstil: »authentic«, »explanatory«, »expository«, »simplicity« und »free of technicalities« (ebd., 380). Dieser Prozess einer Transgenese von wissenschaftlich-akademischem Feld, dem Feld der Verleger und dem journalistischen Feld lässt sich besonders gut an zwei zentralen Zeitschriften dieses speziellen Distributionssektors nachverfolgen. Die Rede ist von Knowledge, gegründet von Richard Procter (1837-1888), und Nature (Macmillan Press), die bis heute die prestigeträchtigste Zeitschrift für den intra-wissenschaftlichen Austausch unterschiedlichster Disziplinen der scientific community darstellt. Sie publizierte jedoch auch Rezensionen zu Popular Science Books, womit ein sehr hoher symbolischer Wert für das von ihr rezensierte Werk eingeholt werden konnte. Wer von der Zeitschrift Nature geadelt wird, der konnte hohe Verkaufwerte erzielen und zusätzlich den Stempel der Seriosität erlangen. Trotzdem war es Richard Procter, der mit seiner Zeitschrift Knowledge das ambitioniertere Projekt etablieren sollte.28 Sein Ausgangspunkt war auch hier, wie im Buchmarkt-Sektor, die Konstruktion einer medialen Öffentlichkeit für naturwissenschaftliches Wissen durch die Expansion des Pressewesens (ebd., 296).29 Als Heraus- 28 Die simple Namensgebung war Programm. Sie stellte die symbolische Macht des naturwissenschaftlichen Wissens dar. Dieses Weltbild sollte sie auch bildlich verkörpern. Das Bild-Titel-Konzept stellte eine hinter dem Horizont aufgehende Sonne dar, der Untertitel stammte aus dem Archivschatz der Literatur (ebd., 328). Damit verband Procter die ›merchants of light‹ mit ihrer visuellgnostischen Metapher der aufgehenden Sonne und knüpfte gleichzeitig das Band zur Literatur, um ihrem kulturellen Anspruch des ›classic learning‹ gerecht zu werden. Obwohl beide Zeitschriften auf eine breite Öffentlichkeit ausgelegt waren, sah Nature vor allem ihre Aufgabe darin, sich auf die intrawissenschaftliche Kommunikation zu spezialisieren, ohne jedoch das Band zu dem interessierten Laien abreißen zu lassen. 29 Procter verfasste über 60 eigene populäre Bücher. Ihm gelang es ein Netzwerk von unterschiedlichen Verlegern zu etablieren. Darüber hinaus veranstaltete er Lecture Tours in England, den USA, Kanada, Australien, Neuseeland. Dabei kombinierte auch er religiös motivierte Anschauungsweisen der Natur und des Universums zu einem ›epic novel‹. Er erweckte mit seinen Büchern nicht nur das Interesse für extraterrestrisches Leben, dass man heute ENGLAND 197 geber, Autor und Kritiker hatte er gleich verschiedene Distributionswege in der Hand und konnte sie nach Belieben lenken.30 Aber vor allem wollte er Nature zum Kampf der Wissensdistributoren im journalistischen Feld herausfordern (ebd., 324). Nature schrieb zu der Zeit rote Verkaufszahlen. Sie fand nicht genug Abnehmer und drohte eingestellt zu werden. Also führte Procter einen Niedrigpreis für seine Zeitschrift ein, um seinen Lesekreis zu vergrößern. Für die Nature schrieben aber vor allem ›practioners of science‹. Das mag vielleicht erklären, warum der Absatzmarkt so klein war, denn es fanden sich für die Nature keine guten ›scientific writer‹, die den Schreibstil so gut anpassen konnten, dass sie beide Leserkreise ansprachen. Knowledge hingegen war ganz klar auf die »mass reading public« ausgerichtet (ebd., 330). Procter legte viel Wert darauf, seine ›science writer‹ nach seinen eigenen Kriterien auszusuchen (ebd., 334). Die eigentliche Botschaft seines Mediums war daher: »Elite scientists had no monopoly over the discovery and determination of scientific truth« (ebd., 350). Beide Zeitschriften führten in der Verlagslandschaft und innerhalb des journalistischen Feldes einen erbitterten Kampf, der von männlichen Egomanen angeführt wurde, wie Lightman anmerkt (ebd., 335). Dennoch führte gerade dieser erbitterte Wettbewerb zu einer stetigen Professionalisierung des rein wissenschaftlichen Schreibstils innerhalb des akademischen Feldes (Nature) und einer Professionalisierung des populärwissenschaftlichen Schreibstils im journalistischen Feld (Knowledge). Es entstanden strikter voneinander abgrenzbare Genres, der Research Article und das Popular Science Writing.31 Um 1900 kann man sowohl einen Rückzug der als Astrochemie bezeichnet, er knüpfte auch an die sozio-biologische Idee von Herbert Spencers Kosmogonie an. Schließlich begann er mit seinem Werk »Wages and Wants of Science-Workers« (1876) aktiv Wissenschaftspolitik zu betreiben: Er unterschied in diesem Buch zwischen drei unterschiedlichen Typen des ›science-workers‹, denjenigen, die aktiv an der wissenschaftlichen Forschung beteiligt waren, denjenigen, die sich für das »science writing« engagierten und schließlich denjenigen Wissenschaftlern, die an der von der Regierung finanzierten Institutionen arbeiteten (ebd., 322). 30 Lightman spricht davon, dass man Procter eher als »conducter«, denn als »editor« betrachten müsste. Dennoch sei er ein Pionier in dieser hybriden Rolle gewesen. Vor allem sein Aufbau und die Struktur des Gossip-Teils, wo er Leser- und Autorschaft in einem gemeinsamen Korrespondenz-Forum zusammenbrachte (ebd., 342ff.), kann als Scienceblog avant le lettre bezeichnet werden. Die Probleme der Selektion und der Exklusion blieben jedoch nach wie vor bestehen (ebd., 365). 31 Zu einer wesentlichen Diversifikation und Erweiterung der eingeschränkten Produktion des akademischen Feldes führte von 1865 bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts das von Chatto und Windus publizierte [Hardwicke`s] Science- Gossip, ein monatlich erscheinendes Medium des wechselseitigen Austauschs STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 198 Naturwissenschaftler aus der Produktion der Popular Science beobachten als auch einen Wiedereinstieg. Peter Bowler geht von der These aus, dass die britischen Wissenschaftler nach wie vor ein persönliches und politisches Anliegen hatten, die zunehmende Nachfrage nach Informationen aus den naturwissenschaftlichen Disziplinen zu stillen. Den Rückzug führt er unter anderem darauf zurück, dass sich die Arbeit des Forschers immer weiter professionalisierte, sodass für andere Schreibarbeiten weder die Zeit noch die Muße fehlte, an der Professionalisierung dieses Feldes weiter zu arbeiten. Im Bereich der Popular Science spezialisierten sich nun andere Akteure, die »science journalists«. Doch weil das Establishment des autonomen Pols der Wissenschaften nicht immer damit einverstanden war, wie die Wissenschaftsjournalisten ihr Wissen in konsumierbare Informationen verwandelten, mussten sie erneut ins Feld ziehen. Bowler merkt an: »Popular Science became a battleground, and one on which the scientists were being driven back. They have now begun to realize that perhaps the need to get involved in communicating with the general public after all«. Die Macher der populären Wissenschaften blieben nach wie vor die »publishers«, »who determined what would make it into print and who would write it« (Bowler 2009, 3). Im Unterschied zur amerikanischen Massenkultur, die den Wert der Popular Science vor allem anhand der Information und ihrem Unterhaltungswert bemessen als auch des ›gossips‹ für Studenten und den »lovers of nature« (Knight 2006, 150). Allein die äußerliche Erscheinung des Magazins machte dem Begriff ›gossip‹ alle Ehre. Man legte viel Wert auf bildliche Verziehrungen der Flora und Fauna, um die Aufmerksamkeit des Käufers zu ködern. Als jedoch 1884 der Entymologe John Carrington den Autodidakten John Ellor Taylor als Herausgeber ablöste, änderte sich nicht nur das Cover, das in einem schlichten und seriös wirkenden Grün erschien, sondern auch der Inhalt. Man fand nicht nur mehr Werbung wieder, sondern vor allem auch sehr viel Material zur »natural history«, die zu dieser Zeit immer noch eine wichtige Disziplin der Biologie war, wenn nicht überhaupt das Selbstverständnis der Biologie als Biologie prägte. ›Gossip‹ im Sinne von ›scandal‹ suchte man vergeblich. Es wurde eher als respektables Blatt der Royal Microscopical Society gehandelt. Was jedoch in diesem Medium auffällig war und zur Erweiterung führte, war der Anspruch, einer differenzierten Leserschaft zu gefallen. Seriöse Informationen über die Wissenschaft, ihre Community und neue Technologien wurden in der einen Spalte, amüsierende Themen und Werbung wurden im Stil des ›science gossip‹ in der anderen Spalte präsentiert. So hatte man versucht Vermittlung und Unterhaltung zusammenzubringen, um eine größtmögliche und heterogene Leserschaft zu erreichen. Auch zu Beginn des 20. Jahrhundert setzte sich diese Tradition fort, vor allem um die Amateurwissenschaftler weiterhin an der wissenschaftlich-technologischen Diskussion teilzuhaben zu lassen (besonders in der Astronomie). Dennoch wurde die Zeitschrift 1902 eingestellt. ENGLAND 199 hatte, wollte man in England bei den »more serious books and magazines« bleiben (ebd., 4).32 Times und Guardian berichteten hauptsächlich über Naturgeschichte, Astronomie und Technologie. Der Fokus lag jedoch auch hier mehr auf den wissenschaftlichen Persönlichkeiten als den wissenschaftlichen Grundlagen der Technologien. Auch gab es einen wesentlichen Unterschied zwischen England und den USA, denn während sich Wissenschaftler aus den USA aus dem Geschäft der Popularisierung zurückzogen, enagierten sich britische, linksgerichtete Wissenschaftler auch weiterhin in der naturwissenschaftlichen Demokratisierung von Wissen (ebd., 187). Dennoch, so Bowler, verschwimme gerade in dem Zeitschriften-Sektor die Grenze zwischen »systematic popular science writing« und »science news« zusehends (ebd., 162). Das hing zum einen an der Stratifikation der Bevölkerung, denn die Magazine wollten jene Leserschichten erreichen, die bereits durch etablierte Book Series abdeckt wurden (ebd., 161).33 Man musste nicht nur ein Gleichgewicht zwischen Information und Unterhaltung finden, sondern auch eine klare Grenze zwischen Lehrbuch 32 Die Verlagslandschaft und ihre Publikationen veränderten sich im Laufe des 20. Jahrhunderts nur langsam. Einige Magazine aus dem 19. Jahrhundert erlebten ein Revival. Man erschloss sich jedoch auch mit neuen Zeitschriften neue Leserschaften. Das Athaneum galt als wichtigstes wissenschaftliches Medium, in dem unter anderem Bertrand Russel Artikel zur Physik veröffentlichte. Später wurde diese Zeitschrift vom englischen Magazin Nation übernommen, das wiederum unter die Schirmherrschaft von New Statesman gestellt wurde, in der die Naturwissenschaften eine eigene Rubrik für Reviews über Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt platziert wurden. Im britischen Magazin The Spectator schrieb vor allem C. P. Snow über die Physik und ihre Anwendungen. Wesentlich war hier der Unterschied zwischen den wöchentlich und monatlich erscheinenden Zeitschriften: »Weeklies were more popular in tone and contained a high proportation of unsigned articles whose authors were almost certainly hack writers. Monthlies projected themselves on a more serious way reminiscent of the Victorian era. Their articles were often signed, although many of the authors are so obscure we know nothing about them« (ebd., 191). Wissenschaftler rutschten jedoch auch immer mehr in die ›pop-science‹ ab. Durch Zeitschriften wie Punch oder die Illustrated London News wurden Wissenschaftler zum Zielobjekt von Parodien und Figuren in satirisch aufgearbeiteten Comics. 33 Die aktive Leserschaft blieb dennoch sehr klein. Aus dem Bibliotheksverzeichnis geht hervor, dass mehr »fiction« als »non-fiction« gelesen wurde. Dies ging aus der »Penguin-Mass Observation« von 1947 hervor (ebd., 89). Auch die Verbreitung der ›Science-News‹ durch »mass circulation papers« kam erst schleppend vorwärts. Es entstand eine »overlapping readership«, die nur schwer zu erfassen war. Am besten verkauften sich Buchserien. Durch den Ausbau der Enzyklopädien wurde auch hier ein neuer Absatzmarkt geschaffen. Durch die Expansion des Bildungswesen rief man nicht nur nach STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 200 (textbook) für Lehre und Studenten und dem Popular Book schaffen. Die andere Zielgruppe bestand aus den elitären Intellektuellen des eigenen Feldes, die die »ordinary people« über ihre Debatten innerhalb des wissenschaftlichen Feldes nicht nur unterrichten, sondern beeinflussen wollten (ebd., 85).34 Popularisierende Wissenschaftler galten im Laufe der Zwischenkriegszeit und während des zweiten Weltkriegs als Linksintellektuelle aufgrund ihres Sinnes für soziale Verantwortlichkeit. Aber vor allem sahen sich diese Wissenschaftler als Bündnisträger einer vereinten wissenschaftspolitischen Macht, die sich gegen die nationalsozialistische Machtergreifung in Deutschland öffentlich aussprechen wollte. Inwiefern man hier überhaupt noch von einem autonomen wissenschaftlichen Feld sprechen kann, ist vor dem Hintergrund des politischen Zeitgeschehens sehr fragwürdig. Die Interventionen des politischen Feldes in allen anderen Feldern der kulturellen Produktion war stark spürbar. Die Folgen des Krieges waren auch in der Buchindustrie spürbar. Politische Themen dominierten die Tageszeitungen und so auch die populärwissenschaftlichen Magazine, die vor allem militärtechnologische Themen und ihre neuesten Anwendungen diskutierten. Die gesamte Grundlagenforschung (der autonome Teil des Feldes) wanderte in die angewandte Militärforschung den »informal methods of education«, die zwischen Autoren und Herausgebern oft zu Streitereien geführt hatte, ob man beim ›Entertainment‹ oder beim Erzieherischen Abstriche machen sollte. Der Student war das Zielobjekt, um eine neue Käuferschicht zu generieren (ebd., 81). Zu den wichtigsten Enzyklopädien gehörte die Encyclopædia Britannica als transatlantische Expertenprojekt zwischen England und den USA, »Science in Modern Life« der Gresham Publishing Company (1908-1910) und die aus den USA stammende The Science History of the Universe, in der Wissenschaft als Nahrung für den Geist angepriesen wurde. In der britischen Ausgabe tauchten jedoch keinerlei Autornamen auf. Bowler meint, dass dies damit zusammenhänge, dass den britischen Wissenschaftlern die amerikanischen gänzlich unbekannt waren. Erwähnenswert seien vor allem Science for all – An outline for busy people (1926) von Ward Locks und Outline of Modern Knowledge (1931) von Victor Gollanzc. Außerdem sei die Rolle von Harmworth als Akteur in der Buchproduktion, Tagespresse und den Magazinen besonders wichtig, denn er verstand es, Popular Science als ›self-improvement‹ und ›self-education‹ zu verkaufen, die er mit seinen belehrenden Lexika New Popular Educator und Encyclopaedia of Modern Knowledge (1936-1937) initierte. 34 Aufgrund dieser Identifikation mit der Massenkultur galt das Label »popular« als Exklusionskriterium der Royal Society. Hatte man einmal das Feld betreten, gab es keine Rückkehr mehr ins akademische Feld. Zu diesen Akteuren, die ›pro-popular‹ waren, gehörten im 20. Jahrhundert vor allem H. G. Wells, Julian Huxley, J. B. S. Haldane und C. H. Waddington, die allesamt studierte und promovierte Biologen waren. ENGLAND 201 und die Rüstungsindustrie ab.35 Die politische Funktionalisierung der Popularisierung nahm bereits während des ersten Weltkrieges zu. Ein besonders wichtiger Akteur in dieser Zeit war Richard Gregory, der ab 1919 sowohl in der Herausgeberfunktion der Nature auftrat als auch als Autor von Discovery or the Spirit and Service of Science (1916). Dieses Buch führte schließlich vier Jahre später zu einem der bis heute einflussreichsten Medienformate (Zeitschrift, Film, Fernsehen): der geographischen Zeitschrift Discovery (1920). Die materialistisch-naturalistische Weltsicht der Wissenschaftler war jedoch kein gemeinsames Glaubensbekenntnis. Vor allem die »senior scientists« hielten an ihrem religiösen Glauben fest, sodass unter den Akteuren ein merkwürdiges Gemisch aus materialistisch-religiösen Weltanschauungen entstand. In diesem Sinne, so Bowler, könne man die »Popular Science« als Schlachtfeld betrachten, auf dem verschiedene Ideologien und Weltanschauungen zu Tage traten.36 Sowohl in der Zwischen- als auch Nachkriegszeit war das po- 35 Das lässt sich allein schon an den zahlreichen Neugründungen von wissenschaftlichen Gesellschaften sehen: »British Science Guild« (1905) (Lockyer / Haldane), »The Department of Scientific and Industrial Research« (1915), »Privy Council Commitee on Scientific and Industrial Research« (1916), Einführung der »General Science« (1918) als neues Schulfach (Secondary Education Curriculum) und die »National Union of Scientific Workers« (1917). 36 Zur förmlichen Ideologiepropaganda entwickelte sich während des ersten Weltkrieges die Zeitschrift Harmsworth Popular Science (1910-1011), die von ihrem Gründer Alfred Harmsworth (Lord Northcliffe) nicht nur dazu genutzt wurde, die naturwissenschaftliche Vision der Welt zu zelebrieren, sondern vor allem die britische industrielle und technologische Übermacht. Er sah Wissenschaft als eine Selbsttechnologie zur Unterstützung der ›global narratives‹ des British Empire, die Bowler als »imperialist propaganda« bezeichnet. Gleichzeitig sah Harmworth in seiner Jugend-, Kinder- und Arbeiterliteratur die Funktion der »informal education«, die die Ökonomie unterstützen sollten. Und auch trotz der Abgrenzung gegen die nationalsozialistischen Strömungen in der Wissenschaft blieb auch die britische Forschung in der Biologie auf dem Kurs der Eugenik als angewandte Bio-Technik »to improve the mental and physical standards of the British race through selective breeding« (ebd., 28). H.G. Wells A modern Utopia von 1905 konstruiert nicht nur in der Nachfolge von Bacons New Atlantis eine neue Wissensgesellschaft, sondern nennt die Eugenik explizit als gesellschaftliche Bio-Technik. Zusammen mit E. Ray Lankester und der National Press Association initiierte er eine »meritocraty of science«. Er sympathisierte mit der Arbeiterklasse als auch mit dem sowjetischen System. Er sah gerade in der Stärkung der Arbeit durch die institutionelle Unterstützung von Organisationen wie die BAAS und Nature eine Stärkung der gesamten Ökonomie des Landes. Unter den marxistischorientierten Akteuren findet man auch Lancelot Hodgben mit seinem Werk Science for the Citizen, J.B.S. Haldane mit Daedalus (1924) und den Pionier STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 202 pulärwissenschaftliche Feld ständig damit beschäftigt, das angeschlagene Image der autonomen Naturwissenschaften wiederherzustellen. Die einzelnen Akteure litten weniger an einer existentiellen Selbstsorge als an einer sozialen und moralischen. Seriöse Wissenschaftspopularisierer wurden damit konfrontiert, nicht der Sensationslust der »yellow press« und der Trivialität ihres Science Gossip zu verfallen. Die Herausgeber wiederum zielten auf den »educated reader«, den sie mit »entertaining fashion« aus der Welt der Wissenschaft beliefern wollten und diese Literatur verkaufte sich besser, wenn sie die Autornamen von großen Wissenschaftlern trug. Autoritäten waren es also nur, wenn sie wissenschaftliches Kapital des akademischen Feldes akkumuliert hatten. Der akademische Output musste genauso groß sein, wie der populäre, wobei das Label »popular« auf dem Buchmarkt um 1900 vor allem eins bezeichnete: großen kommerziellen Erfolg. Je billiger ein Buch war, desto größere konnten seine Verkaufszahlen anwachsen. Mit bis zu über 10.000 verkauften Exemplaren konnte sich ein Popular Science Book als Bestseller bezeichnen und zwar als »serious book of popular science« besonders in den Sparten Physik und Evolution.37 Das hatte gleichzeitig eine Sendes Wissenschaftsjournalismus J.G. Growther beim Manchester Guardian. Bowler hält fest: »The Marxist wanted to change the system itself and saw the application of science to public affairs as a duty for every citizen« (ebd., 31). C. H. Waddington, Biologe und Embryologe, war zwar kein Marxist, engagierte sich jedoch mit seinem Essay Scientific Attitude ebenfalls, um das Image der Wissenschaft in der Öffentlichkeit nach dem ersten Weltkrieg wieder herzustellen. 37 In der populären Atomphysik behandelte man Themen wie Radioaktivität, X- Rays und das Elektron. In der Presse wurde vor allem Wissen über Photographien vermittelt, literarische Strategien zur Visualisierung des Elektrons verwendeten wie in Gibsons Büchern Autobiography of an Electron (1911) oder What is electricity (1920) die Personifikation. Es gab Strategien der Popularisierung in Comicbüchern, um bereits Kinderliteratur mit dem wissenschaftlichen Wissen zu infiltrieren. Später veröffentlichte auch Charles P. Snow in Discovery einige Artikel zur Atomphysik. In der populären Astrophysik veröffentlichte Arthur Eddington sein Buch Stars and Atoms (1927), auf den auch Benjamin als Leser von Populärwissenschaft aufmerksam macht. Zum meistverkauften Autor der neueren Physikthemen steigt jedoch James Jeans auf mit Mysterious Universe (1930), in dem er moderne Physik und Kosmogonien miteinander kreuzt, sodass eine höchst hybride Collage aus fragilen physikalischen Diskursfragmenten der Grundlagenforschung und eigenen Theorien entstand. Vielleicht wäre hier bereits eine moderne Vorform von Richard Dawkins »entertaining speculations« zu sehen. James Jean sollte erst durch Stephen Hawkins in den 1980er Jahren übertroffen werden. Unter den profitabelsten Themen wäre jedoch vor allem die Popularisierung Einsteins und seiner Relativitätstheorie zu nennen, an denen vor allem die Londoner Times mitgewirkt hat unter dem Titel »The Fabric of the Universe« und sogar zu ENGLAND 203 sationalisierung der Inhalte zur Folge, die professionelle Wissenschaftler zur Weißglut brachte, wobei ein vertikales Diffusionsgefälle von oben (der Elite) nach unten (der Arbeiterschicht) entstanden sei und damit ein stratifikatorisches Ungleichgewicht zwischen den Produzenten und Konsumenten des Wissens.38 Allerdings gab es im Wissenschaftsjournalismus kein Grundrezept für die »literary skills«. Jeder Akteur musste sich selbst zum ›Science Writer‹ erziehen. Den professionellen Wissenschaftsjournalismus gab es noch nicht, dennoch betont Bowler: »When science hit the headline, there was a frantic scramble to find experts who could either dash off a comment or who would agree to be interviewed. It was to fill this gap that the new profession of the specialist science correspondent emerged« (ebd., 205). Neue Akteure bildeten sich für diese einer wissenschaftlichen Wiedervereinigung mit Deutschland führte. In der Phase der New Synthesis-Debatte, in der rege diskutiert wurde, wie man Evolutionstheorie und Genetik zusammenbringen konnte, erschienen auf dem Buchmarkt populäre Werke wie A.R. Wallace World of Life (1911) und Oliver Lodges Man and the Universe (1908), die vor allem von neuen vitalistischen Konzepten wie dem »elan vital« von Henri Bergson beeinflusst wurden. In der Biologie dominierte nach dem zweiten Weltkrieg das Co-Projekt von H.G. Wells und Julian Huxley The Science of Life (1929 / 30) die Buchlandschaft (ebd., 48). Aber auch dieses Buch verband theoretisches Wissen mit angewandter Wissenschaft. In diesem Fall wurde biologisches Wissen mit medizinischer Anwendung gekreuzt. Auch in England fand die Hygiene-Literatur ihren Absatzmarkt von Büchern wie The human body (1927) zu Living Machinery und der Home University Library, die ihre Themen auf Bakteriologie und Ernäherung ausdehnten. Die Hygiene-Literatur war ein Mix aus Selbsthilfe, Ratgeber, Aufklärungstechne von Körper und Geist, Disziplinierung (Übung) und Sensibilisierung (Pflege). Psychoanalytische Themen wurden kontrovers innerhalb der Humanities diskutiert, während jedoch der Behaviorismus gänzlich unerwähnt blieb. Der Aufstieg des Themas der Verhaltensveränderung durch die neue Psychologie kam erst mit dem Buch The physical basis of personality (1931) auf. 38 Bowler meint, dass die populärwissenschaftliche Zeitschriften- und Buchproduktion dieses Gefälle sogar noch verstärkt habe, weil sie zur »science lobby« permutiert sei (ebd., 12). Mit ihr wurde eine extensive nationale Wissenschafts ideologie betrieben. Nicht nur das nationale Glück, auch das persönliche Glück hing vom naturwissenschaftlichen Wissen ab (ebd., 52). Praktisches Wissen spaltet sich in Welt- und Regelwissen auf (ebd., 53). Es war eine Form der »practical instruction«, eine neue Verknüpfung von ›professional scientist‹ und »amateur observer« (ebd., 54). Die Amateurwissenschaftliche Kultur blieb in England bis zur Zwischenkriegszeit erhalten (besonders in der Geologie und Ökologie) (ebd., 67ff.). Ebenso wurden neue Zielgruppen erschlossen, wie beispielsweise die Hausfrau, der Wissen über die Werkzeuge im Haushalt vermittelt werden sollten. Als beliebtestes Beschreibungsmedium galt zu dieser Zeit das Radio. STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 204 Funktion im journalistischen Feld aus: der »professional science correspondent«, der in den 1930er Jahren von Crowther und Calder verkörpert wurde. Sie galten zunächst bloß als »non specialist writer[s]« mit »varying degrees of contact with the elite scientific community« (ebd., 12).39 Bis 1947 etablierten sich höchstens fünf Akteure in diesem neuen Subfeld des Journalismus. Bowler selbst nennt es eine »creation of hybrid profession«. Im selben Jahr erfolgte auch eine Gründung der »Association of British Science Writers«. Sie waren die Vermittlungsinstanzen zwischen den Elfenbeinturmwissenschaftlern und den Ingineuren in der Industrie.40 Dennoch bestimmten nicht die ›Science Writer‹ den Markt, es war die Leserschaft, die die Richtung der Buchproduktion vorgab. Top-down-Prozesse waren jedoch nicht ausgeschlossen (ebd., 77). Der Elite aus Oxbridge war viel daran gelegen die Popularisierung selbst in die Hand zu nehmen, als sie dem Wissenschaftsjournalisten zu überlassen. Daher schufen sie eigene Sparten innerhalb ihrer University Press, die hauptsächlich auf Popularisierung fokussiert war, wie z.B. 39 ›Science Writers‹ wie J. G. Crowther versuchten daher stets Text- und Bildverhältnis auszugleichen. Crowther verwendete viele Bilder, Photographien und Illustrationen vor allem in der Physik und Astronomie und erschuf zusammen mit einer nahtlosen fiction ein kohärentes Bild-Text-Ganzes (ebd., 95). Bowler charakterisiert diese neu emergierende Kaste der ›Wissensarbeiter‹ wie folgt: »Crowther and Calder paved the way for the creation of the hybrid profession of the specialist science correspondent. They learned enough about science to report it authoritatively (often asking experts to vet their copy before submission) and were aware of the need to avoid the sensationalism that the professionals detested« (ebd., 208). 40 Zeitschriften wie English Mechanic and World of Science (1865-1942), die ab 1940 in Practical Mechanics and Science umbenannt wurde, verknüpften technische Errungeschaften mit Begriffen wie »marvels«, »wonders« oder »romance«. Kriegsindustrie und technische Entwicklungen gingen daher stets mit einer Romantisierung einher. Das führte unweigerlich dazu, dass die Grenzen zwischen angewandter Wissenschaft und Grundlagenforschung zunehmend unschärfer wurden (»blurred distinction between pure and applied science«). Die Buchserien waren hingegen eine Art von Antwort auf die populäre Presse, die ihre verwirrenden und romantisierenden Tendenzen korrigieren wollte. Um wieder mehr Seriösität ins populärwissenschaftliche Feld hereinzubringen, brachten Verlage wie die Cambridge University Press die Cambridge Manuals und Williams & Norgate die Home University Library heraus, die gegen Buchserien wie Poeple’s Books und Hodder und Stoughtons People’s Library of Knowledge (1923) ihre Stellung hielten. Unter den Zeitschriften versuchten der Manchester Guardian und die Daily Press das Niveau zu halten, während sie gegen Zeitschriften wie Armchair Science ankämpften. Die Expansion der »serious« Science Books sei daher eher in England als in den USA anzutreffen. ENGLAND 205 The Manuals of Science and Literature.41 Da ihre intellektuelle Geneaologie ins 19. Jahrhundert zurückreicht, bestand ihre Funktion vor allem darin die »members of intelligentsia« zu erreichen, wobei ein neues Medium der Science Communication umstrukturiert wurde: das Radio, das in England unter dem Monopol der British Broadcasting Company (BBC) stand (ebd., 209).42 Die Ausstrahlung von Sendungen wurde jedoch nicht von irgendwem unternommen. Die großen Namen der etablierten akademischen Wissenschaftsszene sollten dies übernehmen. Die Oxbridge-Wissenschaftler wurden zu den großen Stimmen der Wissenschaft im populärwissenschaftlichen Feld (ebd., 211). Einer von ihnen war der Enkel von Thomas H. Huxley: der Biologe, Julian Huxley.43 Neben Huxley ist jedoch noch eine andere intellektuelle Gestalt erwähnenswert: C. P. Snow. 1938 wurde er der neue Herausgeber der Discovery, die unter der Schirmherrschaft der Cambridge University Press stand. Snow wechselte also die Rollen: vom Physiker mit Expertenwissen, aber wenig Aussicht auf feldspezifisches symbolisches Kapital, zum Verlagsherr einer populärwissenschaftlichen Zeitschrift, aber immer noch mit 41 Die Oxford University Press übernahm auch die Home Library Press nach 1920 und ließ die Werbung für diese Serie über die Zeitschrift Discovery laufen. Genannt wurde sie dort The Royal Road to Knowledge (ebd., 135): »Clearly the prestige of having ›expert‹ authors was still an important aspect of the marketing for this kind of home-educational series«. Das hat natürlich eine hybride Autorfigur zur Folge zwischen Schriftsteller und Laborforscher, der sich in den Translationsprozessen zwischen Fachterminologie und Alltagssprache bewegt. Die schreibende Elite musste durch die Schule des journalistischen Schreibwesens gehen, um auf der anderen Seite des Feldes als Popularisierer zu erscheinen. 42 Bowler merkt jedoch gleichzeitig an, dass die Realität anders aussah. Die tatsächliche Zuhörerschaft blieb bis zum Ende des zweiten Weltkrieges, ähnlich wie in Deutschland, sehr klein (ebd., 214). Das Radio erfüllte für die Buchindustrie jedoch noch einen anderen Zweck. Es erschuf eine neue Werbeplattform, die Bücher bereits vor ihrem Erscheinen durch Kritiken bekannt machte. Um ein Buch erfolgreich auf den Markt zu bringen, so Bowler, müsste man darauf achten, dass das richtige Buch vom richtigen Autor von einem aggressiven Verleger zur richtigen Zeit publiziert werde (ebd., 103). 43 Zwei seiner intellektuellen Hauptkonkurrenten waren Hodgben und Crowther. Bowler sieht in Julian Huxley eher den akademischen ›gentleman of science‹, der den zweckgerichteten, technischen Stil der ›popular journals‹ bevorzuge, während Hodgben sich als Akteur innerhalb der Royal Society als politisch engagierter Intellektueller behaupteten konnte (ebd., 108). Obwohl Huxley als Aushängeschild der Library of Science and Culture (1934) unter der Rubrik der Science and Social Needs fungierte, war er nicht so erfolgreich wie Crowther mit seinem Buch Science for you, das er im Kontext von Social Relations of Science Movement (1928) bei Routledge veröffentlichte (ebd., 121). STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 206 der Anbindung an das akademische Feld. Obwohl er mit seinen Artikeln vor allem auf die Spezialisten fokussierte, wollte er trotzdem den »layman« erreichen. Ein Feldwechsel kann jedoch auch dadurch erklärt werden, dass Snow finanzielle Probleme hatte: »Snow admitted that the magazine had failed to reach many who might have taken an interest. It had been popular among the scientists themselves, and Snow recognizes that this had important implications for the whole issue of science population« (ebd., 176). Er hatte die utopische Vision, zwei Strategien in einer Zeitschrift zu vereinigen: (a) »readers who already knew something about science and wanted detailed information and information evaluation« und (b) »true nonspecialist reader, whose patience with detail and technicality was likely to be limited«, folglich: »the writing would have to be simpler in style« (ebd., 176). Durch den Verlust des feldspezifischen, symbolischen Kapitals des akademischen Feldes, den Wechsel ins Literarische, wo er trotz Book Prize-Nominierungen nur ein zweitklassiger Literat blieb, wurde er zum ›Science Writer‹ im Journalismus. Er ist nicht nur ein hybrider Akteur mit einer gescheiterten wissenschaftlichen und literarischen Karriere, er konnte auch keinen wirklichen Kapitalsortentransfer in Gang setzen und besaß daher wenig symbolische Benennungsmacht (außer in seiner Herausgeberfunktion). Es blieb also nur noch eine Rolle, mit der diese Benennungsmacht wiedergewinnen konnte: die Politische. Als politischer Funktionär in der »Science Policy« wurde er zum Akteur, der das öffentliche Bild der Wissenschaft im Nachkriegs-England mitbestimmte.44 Als 1985 die Royal Society unter dem Stichwort Public Understanding of Science eine Bestandsaufnahme dieser Entwicklungen gemacht hatte, rückte ins wissenschaftliche Bewusstsein, was konsequent verdrängt worden war: dass die von der Wissenschaft ausgeschlossene Öffentlichkeit eine steuerzahlende Öffentlichkeit war, die die Forschung finanzierte.45 Das Public Understanding of Science entpuppte sich nach knapp 44 Peter Broks betont daher zurecht, dass Snow lediglich mit seinem Vortrag bei den Rede-Lectures in Cambridge von 1959, der später unter dem Titel The Two Cultures and the Scientific Revolution erschienen ist, für Aufruhr im akademischen Feld Englands sorgte. Als Wissenschaftler, Schriftsteller und sogar in der Administration hätte er keine Glanzleistungen vollbracht (Broks 2006, 97ff.). Wobei er hier zu Recht anmerkt, dass es sich bei der ›scientific revolution‹ nicht um jene handelt, die später Brockman als ›Third Culture‹ stark machen sollte, sondern um die Verbindung von Wissenschaft und Industrie (»applied science«), die sich bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts abzuzeichnen begann (ebd., 99). 45 Nicholas Russell, Professor für Science Communication am Imperial College London, kommentiert diese institutionelle Erscheinung wie folgt: »The contemporary impetus for scientists in the UK to tell the public more about their ENGLAND 207 fünfundzwanzig Jahren als Public Legitimation of Science, die über eine kritische informierte Öffentlichkeit Zugang zur demokratisch gewählten Regierung bekommen wollte, denn seit fünfzehn Jahren bemerkte man eine Stagnation der finanziellen Unterstützung von Forschungsvorhaben. Zunächst wurde dies jedoch sprachlich-rhetorisch so verpackt, dass es als zukunftsweisendes Projekt für die Gesellschaft des kommenden 21. Jahrhunderts fungieren konnte.46 Sir Walter Bodmer, der Vorsitzende des COPUS (Commitee on the Public Understanding of Science) zog in einem erst kürzlich erschienen Bericht eine erste Bilanz (Bodmer 2010).47 work has come from the scientists rather than from the public. It is done to foster the social contract between publicly funded scientists and the people who ultimately pay for them: taxpaying voters. If there is to be a consensual social contract, both parties, scientists and the public, must feel that science is of benefit. Some scientists have taken this to mean that the public has a duty to learn and understand what scientists are doing. But the social contract implies that the public also has a right to influence what science is done, and that scientists should engage with the interests of the public, often different from what interests scientists. These questions of what science to communicate, to whom, and with what effects for all parties, have turned out to be contentious« (Russell 2010, 70). 46 Erste Messungen des Wissens in der Bevölkerung fanden bereits 1957 in den USA statt, 1973 schließlich in Europa (Salzmann 2007, 15). Als schließlich 1985 der Royal Society Report veröffentlicht wurde, fand man nicht nur einen Namen für die »Kluft zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit«, sondern formulierte zugleich europaweit ein neues Programm, dass in Deutschland 1999 unter der Bezeichnung PUSH-Programm zirkulierte (Public Understanding of Science and Humanities): »Die PUS-Aktivitäten in Europa hatten zunächst alle das gleiche Ziel: das wissenschaftliche Faktenwissen der Bevölkerung zu vergrößern, um das Verständnis für die Wissenschaft zu erhöhen« (ebd., 16). Die Wissenschaftsdiskurse ließen sich daher generell in verschiedene Teildiskurse unterteilen: den innerwissenschaftlichen Diskurs, den öffentlichen Diskurs über Wissenschaft und ihre Themen, den politisch-administrativen Diskurs zur Wissenschaftspolitik und den (Meta-)Diskurs über den Wissenschaftsdiskurs, der sich mit der Erforschung und der Beurteilung der Wissenschaftskommunikation beschäftige. Diese transdiskursiven Vernetzungen bilden ein Bündel von unterschiedlich stark gewichteten Kontroversen, die als methodischer Schlüssel für wissenschaftliche Erkenntnis, als didaktischer Schlüssel zur Wissenschaft für Laien und politischer Schlüssel zur Partizipation an Wissenschaft für die Gesellschaft fungieren (Liebert 2006, 12). 47 Er referiert nicht nur die 200 Jahre alte Initiative zur Verbesserung des Verhältnisses von Wissenschaft und Öffentlichkeit, die er auf das Jahr 1802 datiert und die im Jahre 1939 unter dem Titel The Social Function of Science eine Neuauflage erfahren hätte, sondern verweist auch auf die prekäre Stellung im akademischen Feld und das Risiko, das man einging, wenn man als Fellow der Royal Society als Popularisator in der Öffentlichkeit tätig war. STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 208 Als Vorsitzender sah er sich sowohl damit konfrontiert, die Zwei Kulturen in einen Dialog zu bringen, als auch auch die Fusion zweier britischer Institutionen zu bewerkstelligen: der British Association for the Advancement of Science und der höchsten wissenschaftlich-institutionellen Instanz, der Royal Society. In den 1980er Jahren wurden im Rahmen des ersten Reports folgende Ziele festgesetzt: »(i) to review the nature and extent of public understanding of science and technology in the UK and its adequacy for an advanced industrialized democracy; (ii) to review the mechanisms for effecting the public understanding of science and technology and its role in society; (iii) to consider the constraints upon the processes of communication and how they might best be overcome; (iv) to make recommendations and report the Council« (ebd., 4). Man setzte hierbei einen weiten Wissenschaftsbegriff voraus, der von Mathematik und Technologien jeglicher Art bis zu Medizin und den angewandten Wissenschaften reichte.48 Das adäquate Verständnis dieses Wissens hänge dabei von der kognitiven Leistung des aufnehmenden Individuums ab, was schließlich zu einem polyvalenten des Begriffs Public führte. Bodmers Meta-Narrativ naturwissenschaftlicher Bildung, dessen Denkstil nun historisch begründbar erscheint, lautet: öffentliches Verständnis fördere die weiteren Entwicklungen in der Wissenschaft, es erhöhe ökonomisch betrachtet den Wohlstand der Nationen, sowie die politische Entscheidungsgewalt; die persönliche Entwicklung jedes Einzelnen profitiere davon, weil er dadurch in der Lage sei, rationale Entscheidungen besser und sicherer treffen zu können, was nicht zuletzt Problemlösungsstrategien gegen Arbeitslosigkeit liefern könne; es fördere die gesamte Demokratisierungsbewegung bei politischen Volksentscheiden und führe damit gleichzeitig zu einer Überbrückung des »gulf between science and the wider culture« (ebd., 6). Eben dadurch würde man nicht nur die 48 Geoffrey Thomas und John Durant formulierten in ihrem Artikel aus dem Jahre 1987 eine etwas präzisere Definition, in dem sie den Begriff ›science‹ an »scientific knowledge« anknüpften: »Scientific knowledge is knowledge that is produced by and in some sense bears the seal of approval of the scientific community« (Thomas / Durant 1987, 2). Zu ihnen gehörten daher vor allem die »natural sciences« sowie die »scientific aspects of Medicine and technology«. Für den Begriff des Understanding etablierten sie den Begriff »scientific literary«. Durch ihn sollte auf den wissenschaftlichen Analphabetismus hingewiesen werden und auf die Notwendigkeit einer »liberal education«, die das Wissen um die Anwendung der beiden Fertigkeiten des »writing« und des »reading« schulen sollten (ebd., 10). Bodmer schloss sich dieser pädagogischen Perspektive an, indem er unter Understanding nicht nur die Vermittlung von Faktenwissen, sondern vor allem des Verstehens, wie Wissenschaftler arbeiteten, subsumierte. ENGLAND 209 Wissenschaften promoten, sondern gleichzeitig zu einer »promotion of intellectual culture itself« überleiten (ebd., 7). Darüber hinaus gäbe es auch eine ästhetische Seite der Wissenschaften, die vor allem eins zum Ausdruck bringen sollte: »Without knowledge of science, it is suggested, life would be that much less worth living« (ebd., 8). Eine Wissenschaft um der Gesellschaft willen sollte hier vermittelt werden.49 Zeigt dieses Programm nicht das umgekehrte Verhältnis? Handelt es sich nicht vielmehr um ein Verstehen der Wissenschaft um der Wissenschaft willen? Christian Salzmann fand in seiner Dissertation eine treffende Zusammenfassung dieser auf den ersten Blick scheinbar auf der Hand liegenden Vorteile: »Die Betonung von wissenschaftlichem Wissen vor allem für alltägliche Lebensbereiche verdeutlicht die Vorstellung einer hierarchischen Stellung wissenschaftlichen Wissens gegenüber anderen Wissensformen« (Salzmann 2007, 17). Argumentationsweisen erinnerten daher nicht nur zufällig an die bereits im 19. Jahrhundert begonnenen Debatten, sie leiteten sich vielmehr von ihnen ab (ebd., 16). Die Kritik an diesem Programm ließ daher nicht lange auf sich warten. Einer der wichtigsten Kritikpunkte bestand darin, dass nicht einheitlich festgelegt worden war, was man nun genau unter Wissenschaft verstand. Noch wurde dezidiert aufgeführt, was man unter den Begriffen wie Public und Understanding verstand (ebd., 18ff). Vor allem der Öffentlichkeitsbegriff machte den Initiatoren zu schaffen, da man nicht so genau wusste, mit welcher Gruppe man diesen Begriff identifizieren sollte. In einer Wissensgesellschaft, in der selbst Experten zu Laien geworden waren, sei es notwendig »verschiedene Aspekte des Öffentlichkeitsbegriffes« zu beleuchten (ebd., 20). So sei auch der Begriff der Popularisierung nicht mehr auf die »Trennung zwischen wissenschaftlichem Wissen und popularisierten Wissen« anzuwenden, Popularisierung sollte »als eine Erweiterung des wissenschaftlichen Handelns« begriffen werden, »da wissenschaftliches Wissen selbst in einem Prozess des kollektiven Aushandelns erzeugt wird« (ebd., 19). Entsprechend handele es »sich bei der Kommunikation zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit nicht um eine Aufklärung der Laien durch die Experten, sondern um einen Aushandlungsprozess von Bedeutungen« (ebd., 21). Nichtsdestotrotz sei die Wissensgesellschaft mit einem Dilemma 49 Man erschuf Konsekrationsinstanzen wie den Faraday Award »to be given to working science who were outstanding communicators«, um dieses Verständnis zu fördern und das »stigma of science popularization« auszulöschen (Bodmer, ebd. 6). Schließlich sollte die Etablierung von »science writing compititions« und die Einführung einer »National Science Week« dafür sorgen, dass Popularisierung zu einer institutionellen Maßnahme des akademischen Feldes wurde: »PUS and public engagement are now very much on the agenda of any scientifically related activity, and in particular of the Royal Society – everybody is doing it« (ebd., 9). STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 210 konfrontiert, die Öffentlichkeit an dem Prozess der Wissenschaft zu beteiligen, um das Vertrauen und die Akzeptanz der Wissenschaft zu steigern, wobei man befürchtet durch diese Mitbestimmung die Selbststeuerung der Wissenschaft aus der Hand zu legen (ebd., 23). Auch der italienische Kommunikationsforscher Nico Pitrelli stimmt in den Kanon der Kritiker ein und meint, dass der Ausdruck PUS zum »synonym of distance between scientists and the public« geworden sei (Pitrelli 2003, 3). Die optimale Etablierung und Durchsetzung eines Aufgabenspektrums scheitere nicht zuletzt an dem eindimensionalen Top-down Kommunikationsmodell, das durch ein dynamischeres ersetzt werden müsse (ebd., 5). Der Grund für die Kritik leitet sich aber auch aus einem falschen Wissenschaftsverständnis ab: Dem Publikum sollte ein einheitliches Bild der Wissenschaft und wohl proportioniertes Wissen verkauft werden. Gleizeitig jedoch ging man immer noch von einem Top-down- Modell aus, dass den Abgrund zwischen der »lay public« und den »specialists« weiterhin vergrößerte, anstatt sie einander anzunähern (Russell ebd., 80f.). Unterschiedliche Formate wurden erprobt: darunter das in den 1970er Jahren in den Niederlanden entworfene International Science Shop Network (ISSNET), dass durch die finanzielle Unterstützung der europäischen Kommission bis 2005 weltweit 60 institutionelle Einrichtungen dieser Art etablieren konnte. Ziel dieser »shops« sei es, eine direkte Reorientierung der Wissenschaften dadurch zu gewinnen, dass man Forschung in die Wege leitete, die von unmittelbarem Nutzen für die Gesellschaft sei. Auch die Amateurwissenschaften sollten in diesem Kontext der Citizen Science ein Revival erfahren, darunter zum Beispiel die Royal Society for the Preservation of Birds (RSPB) Big Garden Watch. Experten und freiberufliche Naturforscher sollten so in eine direkte Kommunikation zueinander treten, um an der Forschung teilzunehmen. Nicholas Russell bezeichnet diese neue Formen der Amateurwissenschaft als »Ecotourism« (ebd., 93). Doch auch diese Forderung blieb auf wenige Ausnahmen unerfüllt (ebd., 85). Auch das Folgeprojekt PEST (Public Engagement with Science and Technology) sollte keine wirkliche Änderung in der Kommunikationsstruktur mit sich bringen. Immer noch wollte man die Stimmen der Wissenschaft zur Stimme des Volkes umfunktionieren, um letztere wiederum zum Instrument einer politischen Agenda zu machen, auf die die Regierung reagieren musste, wenn sie die Interessen der Gesellschaft vertreten wolle (ebd., 88ff.). Natürlich hatte dies auch positive Auswirkungen auf die ›science policy‹ der Regierung, die von »left-wing UK Think Tank« zu Demonstrationen reichen und unter dem Bericht »See Trough Science« eine genuin aktive Teilnahme der Öffentlichkeit an wissenschaftlichen Fragestellungen praktizieren, u.a. zu Fragen der Nanotechnologie als auch der GMO (genetic manipulation of organisms) (ebd., 92). Sheila Jasanof geht in ihrer vergleichenden, wissenschaftspolitischen Studie ENGLAND 211 Designs on Nature (2007) auf die bürgerrechtlichen Bewegungen der roten und grünen Bio-Technologie und ihrer jeweiligen nationalpolitischen Ausprägungen ein, allerdings unterscheidet sie in ihrer Arbeit die Begriffe des Public Understanding of Science und der »civic epistemology«, unter dem sie »culturally specific, historically and politically grounded, public knowledge ways« versteht (Jasanoff 2007, 249). Sie etabliert ihn in Abgrenzung zum PUS und situiert ihn im Kontext der Bio-Macht zwischen Wissenschaft, Staat und Gesellschaft (ebd., 248). Anhand sechs verschiedener Formen der »communication«, des »consensus-seeking« und des »contentious« konnte sie verschiedene Stilarten der »civic epistemology« in den USA, dem UK und in der BRD ausmachen. Die Etablierung des Master-Narrativs von Wissenschaft und Technologie sowie ihre Zentrierung durch die wirtschaftlichen, politischen und wissenschaftlichen Kräfte sei zwar in allen drei Ländern zu beobachten gewesen, doch es hätten sich auch differentielle Denk- und Handlungsstile, unterschiedliche »frames«, bemerkbar gemacht.50 Das intellektuelle Kapital des populärwissenschaftlichen Feldes konnte jenes des rein akademisch-wissenschaftlichen Feldes weder ersetzen noch – trotz der Institutionalisierung – als ein Äquivalent angesehen werden. Dennoch wurden die Projektinitiativen weiter verfolgt. In Frankreich und England sollte ein weiterer intellektueller Salon der 50 Zwischen 1980 und 1990 habe sich die Wissenschaft in den USA dessen vergewissert, dass die Technologien sicher sind, im UK verließ man sich ebenfalls auf des Epxerten-Urteil. In Deutschland hingegen hätte sich eine ganze technokratische Gemeinschaft zusammengefunden, die die Öffentlichkeit in ihrer Entscheidungsfragen hinzu zog, um die Bedenken des nervösen Bürgertums (»nervous citizenry«) aus dem Weg zu räumen (Risikofolgenabschätzung initiiert in Badenwüttemberg als erstes PUS-Programm) (ebd., 117). Auf Europa bezogen führten die Fragen rund um die Biotechnologie zu einem gemeinsamen ›consensus-seeking‹, die einheitsstiftenden Charakter hatte (ebd., 92). In den »styles of knowledge-making« unterschieden sich die drei Nationen allein schon dadurch, dass in den USA interessengeleitete Parteien aus Industrie und Forschung die Informationen bereitstellten, um Risiken für die Bevölkerung abzuschätzen; im UK verließ man sich auf die Glaubwürdigkeit der Experten mit institutioneller Anbindung, denn als »public servant« seien sie eine Figur der Wissensgenerierung mit staatlichen Auftrag; in der BRD sei diese mehr faktenorientiert und an richterliche Erlasse gebunden. Die technische Analyse werde reinen Experten überlassen, da es hier ein strikte Trennung von »expert knowledge« und »public values« gäbe. Die reine Diskussion verlagert sich ausschließlich auf normative Fragen. Hiervon hängt auch die »public accountability« ab: in Deutschland vertraue man eher den dahinter stehenden Institutionen, als einzelnen Experten, im UK läge man eher Wert auf das Wort des Einzelnen, denn ›expert knowledge‹ ist ›public value‹, während in den USA die Glaubwürdigkeit durch argumentativen Wettbewerb immer wieder aufs Neue ausgefochten wird. STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 212 Naturwissenschaftler gegründet werden: das Café scientifique, das zunächst von französischen Philosophen initiiert wurde, um mit der Öffentlichkeit über philosophische Themen zu diskutieren. 1997 rief Duncan Dallas diesen Salon in Großbritannien ins Leben. John Brockmans New Yorker Reality Club aus den 1980er Jahren und die ›scientific‹ Internet-Community edge .org fand also in den europäischen Zentren wie Paris und London sein Echo und breitete sich transareal aus (Russell ebd., 93). Dennoch sieht man hier deutliche Unterschiede zu dem amerikanischen Projekt: Brockman wollte eine neue intellektuelle Elite aus Naturwissenschaftlern und Künstlern generieren, die sich in gemeinsamen Gesprächen unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu neuen Ideen und Theorien inspirierten. Zugang hatte man nur durch die Kontakte zum Literaturagenten selbst. Die europäische Third Culture sah hingegen ihre eigentliche Aufgabe darin, direkt mit der Öffentlichkeit zu kommunizieren und für diesen Zweck sei gerade populärwissenschaftliche Literatur eher ungeeignet. Hier stand die »science education« auf der Tagesordnung (ebd., 113). Diese zweigeteilte Struktur des populärwissenschaftlichen Feldes in »popularization of science« durch mediale Kanäle wie Bücher, Magazine, Fernsehen und Film und der ›science education‹ ging aus der Genese des 19. Jahrhunderts hervor, wo beide Felder gleichsam durch die Bildungsreform und die vermehrte Lehrbuchproduktion kurzgeschlossen wurden. Zwischen einem ›educator‹ und eine ›popularizer‹ gab es bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts keine wesentlichen Unterschiede mehr. Russels Untersuchung lässt sich jedoch spezifizieren. Die einzige Ausdifferenzierung zwischen den Akteuren nach der Institutionalisierung ist diejenige in Akteure am autonomen Pol, die selbst Teil des akademisch-wissenschaftlichen Feldes sind und an eigenen Forschungsprojekten arbeiten, während sie gleichzeitig als Repräsentanten dieses Feldes popuärwissenschaftlichen Output in Form von Artikeln oder Büchern produzieren, und denjenigen am heteronomen Pol, die dem journalistischen Feld entstammen und sich als Berichterstatter der Wissenschaften als ›science journalists‹ etabliert haben.51 Die ›science journalist‹ würden vor ganz anderen Aufgaben gestellt werden, denn in einer zunehmend hegemonialen Struktur der Medienkonzerne, die 51 Nicholas Russell führt noch eine dritte Gruppierung ein, die die professionellen Ansprüche der Wissenschaft didaktisch vermitteln könne und die auf au- ßerstudentischen Gruppen ziele (ebd., 114). Die neueren Reformprogramme des Bildungssektors unterschieden sich jedoch kaum von denen des 19. Jahrhunderts, außer das nun noch eine viel reichere pädagogische und psychologische Fachliteratur zur Verfügung stehe, die neue Lernmethoden mit naturwissenschfatlichen Inhalten kopple (ebd., 116ff.). Ziel sei es, alle intellektuellen Kräfte des Kindes – vor allem seine sprachlichen – so zu mobilisieren, dass sie dem naturwissenschaftlichen und forschend-neugierigem Denken zu Gute komme. ENGLAND 213 zur transnationalen Monopolisierung tendiere, gäbe es nur wenige freie Spielräume, die das naturwissenschaftliche Wissen nicht unter politische oder kommerziell verwertbare Gesichtspunkte stelle. Russell verweist auf den in den USA initiierten Akt der Commission on Freedom of the Press von 1947, dennoch sei man innerhalb der Massenmedien wie dem Fernsehen weit davon entfernt, ein Gleichgewicht zwischen dem kommerziellen Unterhaltungswert und dem reinen Informationswert zu schaffen, vor allem aufgrund der Monopolisierung in diesem Feld der kulturellen Massenproduktion (ebd., 137). Den Regeln der freien Marktwirtschaft überlassen, führe dieser Prozess der konkurrierenden Medienanbieter, wie in England beispielsweise zwischen dem Public Service Broadcasting (PBS) und dem BBC, zum »dumping down« der Informationsvermittlung, einer gegenseitigen Unterbietung in der Qualität der dargebrachten Information im Kampf um die Zuschauer, Zuhörer oder aber die Leser (ebd., 145f.). Wie jedoch solle sich der Wissenschaftsjournalist in diesem monopolisierten Mediensystem durchsetzen? Russell appelliert an die ethische Grundregel eines wachsamen und kritischen Intellektuellen, der dem Publikum nicht das liefert, was es wissen will, sondern zunächst das, was es wissen sollte (ebd., 154). Einige Vertreter des britischen Journalismus sehen es gerade als »bad journalism« und »moral crime« an, wenn man sich lediglich mit ›celebrities‹, ›lifestyle‹ und ›scandal‹ beschäftige. Russell versteht dies als »utilitarian practice« am Wissenskonsumenten: »The whole mediated world of which we have no direct personal experience is represented to us by journalists. We can only believe what we are told if we can trust journalists to tell us what they believe (in the light of their training and experience) to be the truth about the world« (ebd., 155). Einer der gegenwärtig wichtigsten Vertreter des ›good journalism‹ in Großbritannien im Bereich des Wissenschaftsjournalismus ist Ben Goldacre, der mit seiner Kolumne »Bad Science« im Guardian und nun auch mit einem eigenen Science-Blog für die Aufklärung des 21. Jahrhunderts sorgt, indem er dem ›science gossip‹ im Fernsehen, in der Presse und der Werbung den Kampf ansagt.52 Russell hingegen hält fest, 52 Seine Kolumne Bad Science wurde unter gleichnamigem Titel als Buch veröffentlicht, liegt nun schon in der vierten, erweiterten Auflage vor und wurde in achtzehn weitere Sprachen übersetzt. Außerdem sollte darauf hingewiesen werden, dass seit Erscheinen dieses Buches Ben Goldacre vor allem in deutschen Kreisen viele Nachahmer gefunden hat, die auf den einmal in Gang gesetzten Zug der »Wissenschafts-Lüge« und der »Pharma-Lüge«, so die deutschen Übersetzungen von Ben Goldacres Bücher, aufspringen möchten. Die Titel scheinen sich wahllos zu multiplizieren in »Diagnose-Falle«, »Ernäherungs-Falle«, »Homöopathie-Lüge«, »Lebensmittel-Lüge«, die allein 2013 erschienen sind. Wurde einmal ein bestimmtes Rezeptionsmuster aktiviert und ein Absatzmarkt für eine bestimmte Leserschicht konzipiert, die bereits STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 214 dass ein investigativer Wissenschaftsjournalismus weniger anzutreffen sei. An erster Stelle sei man immer Journalist und erst an zweiter Stelle würde man sich als ›science journalist‹ im engeren Sinne verstehen (ebd., 194). Im Falle von Ben Goldacre kann man jedoch tatsächlich von einer investigativen Form des Wissenschaftsjournalismus sprechen. Bad Science entstand zunächst als Kolumne in der angesehenen Tageszeitung The Guardian und wurde im Buchformat in der Rubrik »Fourth Estate« des Verlagshauses Harper Collins als ›self-consciously fourth-estate of critique of science and its institutions‹ veröffentlicht. Diese verlagspolitische Wahl verweist auf die Genese des journalistischen Feldes in England, dass sich als ›modern journalism‹ und vierte Gewalt (Fourth Estate) erst im Laufe des 19. Jahrhunderts als autonomes Feld etablierte.53 durch andere mediale Formate darauf vorbereitet worden ist, dann lässt sich ein unheimlich großerer Zirkulationsradius um diese interessierten Schichten ziehen. Es bleibt allerdings höchst fragwürdig, in welcher Form diese zusätzliche Fülle an Informationen zu einem bestimmten Themengebiet aufklärerisch wirkt, zumal Expertisen hier stringent aufeinandertreffen, die sich selbst zum oft einzigen Garanten einer vertrauenswürdigen Wissenskommunikation emporstilisieren. Unter dem Titel Bad Pharma schließlich publizierte Goldacre einen erfolgreichen Nachfolger, indem er über die medizinischen Lobbyisten in der Pharma-Branche und ihre Vermarktungsstrategien aufklärt, um die biopolitischen Eingriffe, die ja bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Aufkommen der Hygiene-Literatur ansetzten, hinter diesen trügerischen Mechanismen des gesunden Körpers zu enthüllen. Als promovierter Mediziner und ›practitioner of science‹ im Bereich der Epidemologie als auch als Akteur im Wissenschaftsjournalismus (Printmedien, Fernsehen) verkörpert er gleichsam das Beste der zwei Welten und fördert Non-Profit-Organisationen wie »BetterData«, die als eine Form der polemischen Kritik gegen den Missbrauch von Statistiken durch Wissenschaftler, Journalisten, Pharmaunternehmen zu verstehen sind und von jedem als solche auch benutzt werden können. Das webbasierte Projekt Randomise Me beispielweise sieht sich als eine Korrektur der ›Public Policy‹ an (Goldacre et al. 2012, 5). Bevor also irgendeine politische Intervention den Sektor der ›science policy‹ betritt und verabschiedet wird, soll schon vorher eine Selektion aufgrund von erhobener Daten stattfinden, um Zeit und Geld zu sparen. Auch hier also überwiegt der ökonomische Faktor und Wissensanarchisten wie Ben Goldacre werden zu ihren politischen Repräsentationsfiguren umgemünzt. Die Internetquelle wird im Literaturverzeichnis aufgeschlüsselt. 53 Es gibt mittlerweile verschiedene Arbeiten und Studien, die die vergleichende Genese des journalistischen Feldes mit dem soziologischen Framework Pierre Bourdieus in den Blick genommen haben. Darunter ist vor allem auch Rodney Benson von der University of California in Berkely hervorzuheben, der sich vor allem dem gegenwärtigen journalistischen Feld in den USA widmet (Benson 1998, 2006). Dabei fokussiert er sowohl auf die makro-soziale Struktur innerhalb des Feldes der Macht als auch auf der mikro-sozialen Stufe der ENGLAND 215 Im Gegensatz zu Deutschland und Frankreich hatte sich der Ablösungprozess von staatlichen und politischen Reglementierungen in den USA und in England schneller vollzogen. Bedingt durch den ökonomischen Zuwachs, der eine unmittelbare Folge der Entstehung der Penny Press war, konnten sich die Akteure und Interessengruppen in diesem Feld von den feldexternen Repressionen frei kaufen (Chalaby 1998, 32ff.). Dass man sich dadurch in den Zwang zur ökonomischen Verwertbarkeit von Informationen begab, sieht Chalaby als Teil der illusio des journalistischen Feldes an (ebd., 33). Aus der historischen Perspektive betrachtet war es in England der Zeitraum zwischen 1855 und 1861, der zur Autonomisierung dieses Feldes führte und zwar in der Form des ›second and third type of struggle‹, dass man um die ökonomische Unabhängigkeit kämpfte, damit man die Art und Weise, wie journalistische Texte produziert wurden, selbst bestimmen konnte (ebd., 34). Dies bedeutete also, ›only the fittest of the texts survives‹ und das nicht nur auf England bezogen, sondern auch in Bezug auf Frankreich, Deutschland und die USA, obwohl sich starke nationale Differenzen herauskristallisierten.54 Der Kommunikationswissenschaftler Kevin Williams spricht in seiner vergleichenden Studie von »Competing Models of Journalism« und meint, dass gerade im Informationszeitalter die Aufmerksamkeit, wie man richtigen Journalismus betreibe, auf das anglo-amerikanische Modell des »fact-based, news-driven, objective reporting« gelenkt werden Akteure und meint, dass Bourdieu bereits in Bezug auf das französische Feld des Journalismus erkannt hätte, dass dieses weit mehr als andere Felder eine »semi-autonomous« Logik aufweist (Benson 1998, 479). Dadurch vergrößere sich jedoch der heteronome Pol, der stärker von ökonomischen Interessen geleitet sei, besonders durch intermediale Konkurrenz wie dem Fernsehen (ebd., 483). Aus diesen Prozessen ginge der ›public intellectual‹ hervor, der den Sartre-Typ-Intellektuellen schon längst ersetzt hätte (ebd., 484). Das journalistische Feld nach Bourdieu hätte daher nur einen sehr schwach ausgeprägten autonomen Pol. Dennoch, so Benson, ließen sich zwei Pole identifizieren: »At its ›left‹ pole, journalism is part of the field of ›restricted‹ cultural production (produced for other producers, that portion of the field closest to the cultural pole – small literary journals, avant-garde art and music, etc.), while at its ›right‹ pole, it belongs to the field of large-scale cultural production (produced for general audiences, that portion of the field closest to the economic pole – mass entertainment, etc.). In its dominant tendency, the journalistic field belongs to the latter« (Benson 2006, 195). Aus diesem Grund versteht Benson gerade die Wiedergewinnung der Autonomie, die sich irgendwo zwischen ökonomischen und rein-kulturellem Pol eingependelt hat, als Teil der illusio dieses Feldes, das es in Gang hält und das man in seinen Analysen stets mit berücksichtigen müsste (ebd., 196). 54 Für eine vergleichende Darstellung der nationalen, journalistischen Felder und dem Ethos des Journalisten seit dem 19. Jahrhundert siehe Requate (2002). STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 216 müsse (Williams 2006, 43).55 Daher sei eine vermehrte Amerikanisierung des europäischen Pressewesens zu beobachten, beispielsweise in Ländern wie Deutschland und Österreich, die zwischen Kommentar und auf Fakten basierter Berichterstattung stringenter unterscheiden würden. Auch sei eine Abhängigkeit europäischer Länder von den angloamerikanischen Newsrooms wie BBC, CNN und den »global buisness publications« (The Economist, Wall Street Journal, Financial Times) oder Magazinen wie Time und Newsweek entstanden (ebd., 54). Ebenso sei man in der Professionalisierung des journalistischen Nachwuchses an den angloamerikanischen Methoden orientiert, wie sie seit Joseph Pulitzers Begründung der School of Journalism an der Columbia University in New York praktiziert werden (ebd., 56). Dennoch sei weder ein einheitliches Ethos des journalistischen Berufes entstanden, noch tendiere es dazu eins zu werden. Auch in Deutschland treffe man auf Formen des Investigativen Journalismus, wie ihn kein anderer besser verkörpere als Günter Walraff. Spätestens jedoch seit der pseudo-neutralen Berichterstattung während des Kalten Krieges, der Bürgerrechtsbewegungen und der Vietnamkrieges plädiere man nun mehr für des europäische Modell des ›advocacy journalism‹, der sich nicht so sehr an vermeintlichen Fakten orientiere, sondern an seiner persönliche Haltung gegenüber seinem Berufsstand und dem damit zusammenhängenden Selbstbildnis. Gefordert sei ein Journalist »who cares as well as knows« (ebd., 60).56 Einer von ihnen scheint zumindest Ben Go- 55 Das europäische Modell wird hingegen als restriktiv und »old-fashioned« bezeichnet, weil es sich immer schon zu stark von der jeweiligen nationalen, politischen Agenda beeinflussen ließ. Vor diesem Hintergrund hebe sich die hegemoniale Übermacht des anglo-amerikanischen Modells deutlich ab (ebd., 46ff.). Besonders die französischen und deutschen Journalisten sahen sich mehr als ›literarische intelligentsia‹ des Wortes an, die Kommentare und Meinungen mit Fakten vermengten als wirkliche ›reporter‹ von Tatsachenmaterial zu sein (ebd., 49f.). Die Etablierung der »Newsrooms« in den Nachrichtenzentralen und hierarchisierte Aufgabenverteilung vom »columnist« zum »sub-editor« und »leader writer« sei von unschätzbaren Wert für die Trennung von »fact« und »comment«, während in Europa hingegen alles über den Redakteur reguliert sei. Williams hält wie folgt fest: »The organisation of European newsrooms reflects the importance attached to editorial commentaries as a yardstick of quality in journalism and the role of the journalist in conveying opinion. Compared to Anglo-American newsroom, there are fewer structures to prevent journalists from acting out their ›advocacy‹ or ›missionary‹ roles« (ebd., 51f.). 56 Zu einer gänzlich anderen Einschätzung kommen die skandinavischen Kommunikationswissenschaftler Svennik Hoyer und Epp Lauk in ihrem Aufsatz The Paradoxes of the Journalistic Profession. Sie sehen eher eine Diversifikation in der transnationalen Verbindung der unterschiedlichen Werte und ENGLAND 217 lacre zu sein, allerdings vielleicht gerade dadurch, dass er aus ökonomischer Sicht von seinen zusätzlichen Einkünften als Kolumnist beim Guardian unanhängig ist. Andererseits weist er in seiner Doppelrolle als investigativer Journalist und Mediziner hohes Prestige auf, dass ihm als Wissenschaftsjournalist zu Gute kommt. Der (relativ) autonome Wissenschafter ist also nicht nur der bessere Kritiker, er kann dies nur sein, weil er selbst Quelle des Wissens ist. Nach wie vor sind es die science journalists, die zu den Tempelberg-Intellektuellen emporsteigen müssen, um ihre Informationen zur medialen Weiterverwertung nutzen zu können (Russell ebd., 183). Wissenschaftler mit universitärer Anbindung oder als »gouvernment scientist« bleiben der Ursprung der ›knowledge stories‹, die in Umlauf gebracht werden. Doch auch Wissenschaftler der industriefinanzierten Forschung gehören zu den ›sources‹ der Journalisten und diese seien vielmehr an PR-Marketing-Strategien orientiert, als an einer aktiven Teilnahme der Öffentlichkeit an wissenschaftlichen Entscheidungsfragen. Das sei besonders in den USA zu beobachten, wo ein besonders prekärer Fall der ›science journalism lobby‹ in einem Artikel der New York Times von 1998 dazu geführt habe, dass die Aktien von mehreren Bio-Tech-Firmen aufgrund eines von Wissenschaftsjournalisten ausgerufenen »medical cancer breakthrough« schlagartig in den Keller rutschten (ebd., 196). Traurig, aber wahr: ›knowledge gossip‹ führt in der Wissensgesellschaft inzwischen zum ökonomischen Absturz an der Börse. Die Herausgeber der Nature protestierten gegen die Verantwortlichen im journalistischen Feld, die ihre science journalists dazu zwangen »to hype science articles to get them published, and for not ensuring the appropriate balance of excitement and caution in their stories«. Andererseits seien auch die forschenden Wissenschaftler dazu aufgefordert, auf die sprachliche Verpackung ihrer weitergegebenen Information zu achten und die Journalisten adäquat über ihre Arbeit aufzuklären (ebd., 197). Weil dies also ein Tatbestand des Feldes der kulturellen Massenproduktion sei, verlange eine Vervielfältigung und Diversifikation des ›scientific Normen (Hoyer / Lauk 2003, 9). In Ländern mit einer längeren demokratischen Tradition blieben die Journalisten ihrer Rolle als »watchdog« für öffentliche Interessen treu. Eine »cross-national« Studie von 31 europäischen Ländern (vom Atlantik bis zum Uralgebirge) verzeichnete jedoch in den Jahren 1994 / 95 einen europäischen Trend zu folgendem Konsens in sechs Aufgabenbereichen: »1. truthfullness, 2. freedom of expression, 3. equality, or non-discrimination. 4. fairness, 5. respect for the integrity of sources, and 6. respect for the professional autonomy of journalism« (ebd., 10). Dennoch befinde sich der Journalist in allen Ländern in einer stets ambivalenten Position zwischen persönlicher Integrität seinen eigenen moralischen Wertvorstellungen gegenüber und der Autonomie, die allerdings von dem jeweiligen sozialen Status der kollektiven Ansichten der Profession abhänge. STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 218 knowledge‹ in ›science gossip‹, die konsumierbare Geschichten erzählen will, eine institutionelle Regulationsinstanz, die Kontrollverlust der akademischen Wissensproduktion kompensiere. Aus diesem Grund wurde in London das Royal Institution Science Media Centre gegründet »as a public relations agency for science«: »It actively helps the scientific community to negotiate the media agenda and learn how to get their points across« (ebd., 198). Für den emeritierten Experten der Wissenschaftskommunikation stelle dieses britische Modell das beste Beispiel einer »science information unit« dar. Dort also, wo ›scientific knowledge‹ drohe, sich unkontrolltiert durch die medialen Kanäle fortzupflanzen, müsse es durch einen zentralen ›gatekeeper‹ gefiltert werden, um in den nächsten Kanal geleitet werden zu können. Bei einer derartigen Dezentralisierung der Wissensproduktion, wie wir es heute mit der Form des World Wide Web und einer damit einhergehenden Dezentralisierung der Macht über dieses Wissen erleben, wird der Ruf nach einer zentralen Instanz, die die einzelnen Stränge wieder vereinigt und unter einer mit Macht ausgestatteten Institution zwischen ›bad / good science‹ bzw. ›bad / good journalism‹ unterscheidet: »To be a ›good‹ journalist is not an easy task. It is perhaps a central task for the profession to develop a stronger set of ethical and behavioural norms to allow it to carry out its responsibilities to its audiences more thoroughly« (ebd., 200). Durch das Internet als neue mediale Plattform der Kommunikation hat sich auch die Rolle des Journalisten geändert. Declan Fahy und Matthew C. Nisbet haben auf die »shifting roles« der ›science journalists‹ in den USA und UK aufmerksam gemacht. So sei nicht nur ein Rückgang der ›science writers‹ in den einzelnen Organisationen zuverzeichnen, aufgrund der neuen ›Science Blogger Community‹ sei ein ganz neues Selbstverständnis des Journalisten entstanden. Man sei kein Informationslieferant für große Tageszeitungen und Magazine mehr, sondern kritischer Beobachter und Kartographierer des Ökosystems aus Informationen, in dem sich die Konsumenten und Produzenten von Informationen bewegten (Fahy / Nisbet 2011, 785). Dadurch fände auch eine Ent-Hierarchisierung der einzelnen Akteure und ihrer autoritären Gewalt über des Publizierte statt, gerade weil durch die Kommunikation mit den Lesern die Top-down-Prozesse des ›science journalism‹ abgebaut werden würden. Unter den sich ausdifferenzierenden Rollen seien besonders folgende hervorzuheben: der »conduit and explainer« unterrichten ihre Leser nach wie vor über aktuelle wissenschaftliche und technologische Entwicklungen, die »curators of information« diskutieren über den Wert von ›science storys‹, die aus den FRANKREICH 219 Informationen generiert werden und auf einer meta-diskursiven Ebene kommentiert werden. Es sei mit einer zentralen Überwachsungsinstanz kompatibel, die einen normativen Standpunkt voraussetze. Die ›civic educators‹ sehen sich hingegen der Aufgabe verpflichtet, wissenschaftliche Errungenschaften stets in einem weiteren gesellschaftlichen Kontext zu sehen. Als ›public intellectual‹ sehe er sich hingegen mehr in der Rolle des ›critical debunker‹, der seine persönliche Meinung zu wissenschaftlichen Ergebnissen vorbringt (vergleichbar mit der Rolle des Journalisten als ›watch dog‹, der die wissenschaftlichen Institutionen und die scientific community als Ganzes überwacht und Bericht erstattet). Zu guter Letzt seien die ›Conveners‹ damit beschäftigt unterschiedliche Wissenschaftler mit der Öffentlichkeit zusammenzubringen, um Themen der Wissenschaft zu diskutieren (ebd., 786ff.). Francis Bacons merchants of light treten dennach unter neuen Masken auf der Bühne öffentlicher Wissenschaft auf. Die ›fourth-estate critique of science and its institutions‹ ist jedoch keine erfüllte Aufgabe, sondern eine, die im Modus ihrer Potentialität jedem Wissenschaftsjournalisten als erfüllbare stets aufgegeben bleibt und sich nach dem Grad seines Selbstbewusstseins für das journalistische Ethos bemisst. Dies hatte bereits der englische Philosoph David Hume erkannt und formulierte in seinem politischen Essay zur Liberty of the Press, eine der wichtigsten journalistischen Aufgaben in Bezug auf »the people«: »It has also been found, as the experience of mankind increases, that the people are not such dangerous monsters as they have been represented, and that it is in every respect better to guide them like rational creatures than to lead or drive them like brute beasts« (Hume 1777, 12). 3. Frankreich: La science pour tous et les vulgarisateurs scientifiques Der französische Historiker Bruno Béguet datiert die Entstehung der »vulgarisation scientifique« auf das Jahr 1686, in dem Entretiens sur la pluralité de mondes von Fontanelle veröffentlicht worden war (Béguet 1990). Die Naturwissenschaften wurden durch die wunderbaren Kabinetts und Laboratorien von Lumière zu einem öffentlichen Spektakel (ebd., 23f.).57 Mit der Gründung der Académie Royale des Sciences wurde jedoch die institutionelle und rationale Scheidung von Wissenschaft und Nicht-Wissenschaft offiziell. Der Kampf gegen die spektakuläre Scharlatanerie wurde zum akademischen Programm erhoben. Es wurden Zugangs- und Ausschließungsmechanismen zu wirklicher 57 Siehe hierzu auch Raichvarg / Jacques 1991, 288ff. STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 220 Wissenschaft etabliert. Der Begriff der »vulgarisation sientifique« wurde von August Comte in den 1830er Jahren geprägt und zum offiziellen Label einer Strömung, die im Geiste des Positivismus stand, genutzt und zwar von ihm selbst als Angriff gegen seine Widersacher im akademischen Feld selbst, die seiner Karriere als Lehrstuhlinhaber der École polytechnique stets im Wege standen und anderen Mitstreitern den Vorzug ließen (Fox 2012, 40ff.). Robert Fox historische Monographie über das wissenschaftlich-akademische Feld in Paris im Übergang vom Second Empire zur Dritten Republik nimmt genau diese Perspektive in den Blick, um die »vulgarisation scientifique« von ihrer wissenschaftspolitischen Seite und dem Universitätssystem her zu verstehen. Eine »culture scientifique alternative« im Gegensatz zu England konnte sich gegenüber den etablierten Wissenschaftlern in Paris kaum ausprägen. Sie blieb eine minoritäre Erscheinung provinzieller Wissenschaft, die nicht ins Wissenszentrum nach Paris durchdringen konnte.58 Auch die Etablierung der Association française pour l’avancement des sciences (AFAS) im Jahre 1872 während der Konstituierung des Dritten Republik verhalf ihnen nicht zu weitreichender Lautstärke, um bis ins Zentrum vorzudringen. Statt einer Konfrontation mit dem Zentrum, dass der provinziellen Wissenschaft ihre selbstständige und unabhängige Existenzberechtigung gab, forcierte die AFAS eine Kooperation oder mehr noch eine Allianz mit den neuen Professoren aus der Peripherie, um sie zu Dienstleistern einer zentralisierten Wissenschaftspraxis umzufunktionieren. Ein Ungleichgewicht ergab sich bereits dadurch, dass die Mitglieder der AFAS selbst aus dem inneren Pariser Kreis der Wissenselite stammten, die mit ihren Treffen, Veranstaltungen und öffentlichen Vorlesungen nichts anderes taten, als für die zentralisierte Wissenschaft der Fakultäten und Institutionen des Staates zu werben (»promotion of science«) (ebd., 92). Diese akademische, politische und wirtschaftlichen Zentralisierung in Frankreich machte damit auch die Populärwissenschaft im Zuge des Positivismus zu einer reinen Angelegenheit der Metropole Paris. In Paris, ähnlich wie in London, spielt sich der Prozess der Professionalisierung der Wissenschaftspopularisierung in einem 58 In dieser marginalen Position sind sie eher als Konsumenten, denn als Produzenten von Wissen anzusehen (ebd., 93). Zwischen 1811 und 1885 entstanden in den Provinzen lediglich 172 Doktorarbeiten, im Vergleich zu Paris, wo im gleichen Zeitraum 528 Doktorgrade vergeben wurden (ebd., 24). Auch konnte ein Wissenschaftler aus der Provinz nur wenig Hoffnung hegen, einen Lehrstuhl in Paris zu erhalten. Es erschien eher ein unrealistischer Traum zu sein, bedenkt man, dass die Wissenschaftler aus der Peripherie sowohl den Kollegen aus der akademischen Elite als auch dem Ministerium bekannt sein mussten, um überhaupt in die enge Auswahl zu kommen (ebd., 25). FRANKREICH 221 größeren bildungspolitischen Rahmen ab.59 Forscher in den naturwissenschaftlichen Disziplinen haben sich durch die politischen Funktionäre, die den Posten der Ministry of Public Instruction inne hatten, nie wirklich verstanden noch in ihren Interessen vertreten gefühlt (ebd., 119). Erst als der Historiker Victor Duruy diese Funktion übernahm konnte Paris sein Universitätssystem so ausbauen, dass die französischen Naturwissenschaften eine reelle Chance hatten, ihre europäischen Nachbarn, vor allem Deutschland und England, wieder einzuholen.60 Mit dem Bericht Le Budget de la science, der 1868 veröffentlicht wurde, hatten führende französische Wissenschaftler in weniger als 2000 Wörtern dargelegt, warum es notwendig sei, die Laboratorien finanziell zu unterstützen (ebd., 131). Einer ihrer vehementesten Wortführer waren Claude Barnard und Louis Pasteur, die es mit ihrer Wissenschaftsrhetorik ermöglichten, dass 50,000 Francs für die Etablierung neuer Laboratorien zur Verfügung standen (ebd., 132). Innerhalb von fünf Monaten entstanden 27 Laboratorien, die bis auf fünf Ausnahmen alle in Paris angesiedelt waren, wobei acht Lehrstühle für die Geschichtswissenschaften und die Philologien eingerichtet worden waren (ebd., 133). Obwohl beide Wissenskulturen von diesem großzügigen Budget profitierten, waren es vor allem die Naturwissenschaften, die zum neuen nationalen Hoffnungsträger wurden, um dem internationalen Wettbewerb der sich herauskristallisierenden Wissensgesellschaft standzuhalten (ebd., 134). Ähnlich wie in Deutschland und auch in England stand also die Wissenschaftspopularisierung einerseits im Zeichen der ›promotion of science‹, andererseits wurde sie als bildungsreformatorisches Unternehmen verstanden: 59 Hierzu gehört vor allem die Integration der Naturwissenschaften in das akademische Universitäts- und Schulsystem im Übergang vom Second Empire (1852-70) zur Dritten Republik (1870-1940). Unzählige Bildungsreformen wurden unternommen, um zunächst die industriellen und handwerklichen Berufe in ein akademisches System einzugliedern, um Bildungslizenzen zu erwerben, die einem den Zutritt zu einem bestimmten Berufszweig erlaubten. Theoretische Ausweitungen der naturwissenschaftlichen Disziplinen sowie der Unterricht in den klassischen Sprachen wurde in höhere Bildungsniveaus integriert (ebd., 105). Ministerien für Agrarkultur, Handel und Handwerk führten später weitere Lizenzen ein, die auf der akademischen Leiter weiter unten rangierten und lokalere Fertigkeiten abdeckten, wie den Bergbau oder Uhrmacherwerkstätten (ebd., 110). 60 Es war vor allem der bilinguale Physiker Adolphe Wurtz, der den expliziten Vergleich mit den Entwicklungen in Deutschland zog und daraus schlussfolgerte, dass es nicht an engagierten Wissenschaftlern mangele, sondern an der Bildungs- und Wissenschaftspolitik, die zu wenig Geld investierte, um die Laboratorien aufzubauen, die nötig seien, um die naturwissenschaftlichen Disziplinen weiter voranzutreiben (ebd., 130ff.). STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 222 die Arbeiterklasse sollte an diesem Prozess aktiv teilnehmen. Statt politischer Schriften wurden vor allem »science vulgarisée« verlegt und in den Bibliotheken zur Verfügung gestellt, so wie die von August Comte in der Doppelrolle des Herausgebers und Autors veröffentlichte Bibliothèque du prolétaire du dix-neuvième siecle, in der bis 1851 bis zu 150 Titel erschienen waren.61 Die Expansion des Mediensektors hatte bereits 1825 mit Ratgeberliteratur zum praktischen Wissen eingesetzt und Le Globe richtete einen eigenen Bereich für das wissenschaftliche Feuilleton ein. Die Periodika für die Berichterstattung über die Entwicklung der Wissenschaft nahmen seit 1830 stetig zu. Ein Blick auf das Feld der unzähligen Zeitschriften und ihrer Verleger bezeugt dies. Zu den erfolgreichsten Herausgebern populärwissenschaftlicher Zeitschriften gehörte vor allem Henri Lecouturier mit der 1855 gegründeten und wöchentlich erscheinenden Revue La Science pour tous, die sehr billig produziert wurde und daher auch sehr günstig verkauft werden konnte.62 George 61 August Comtes Angriff auf die etablierte Wissenschaftselite sollte dadurch initiiert werden, dass er die Wissenschaft zum Gemeingut aller erklärte, vor allem jedoch zu einem Instrument der Beherrschten selbst, die durch Wissen ihre intellektuelle Freiheit erlangen sollten. Seine Erwartungen blieben jedoch unerfüllt und das vor allem, weil seine Werke selbst alles andere als anti-elitär waren, und darüber hinaus auf dem naiven Glauben beruhten, dass wirklich jeder ungelehrte Arbeiter einen direkten Nutzen durch die anempfohlenen und unkommentierten Texte hatte (ebd., 49). 62 Zusammen mit der später gegründeten Revue Musée des sciences, die er in La science pittorésque umbenannte, schaffte er vor allem einen großen Absatzmarkt in der proletarischen Leserschaft, dem sich der frühe französische Wissenschaftsjournalist Victor Meunier mit seinen Revues wie L’Ami des sciences, Journal du dimanche und Le courier de l’industrie, später Le Courier des sciences, de l’industrie et de l’agriculture, ebenfalls widmete. Ebenso kann Louis Fuguier 1856 gegründete Revue L’Année scientifique et industrielle, die bis 1913 verlegt wurde, als Erfolgsschlager der populärwissenschaftlichen Zeitschriften in Frankreich angesehen werden. Aus der buchwissenschaftlichen Perspektive betrachtet korrellierten Leserschaft und äußerliches Erscheinungsbild des Buches stark miteinander: günstiger Preis und billiges Papier zielte auf den Fabrikarbeiter, teures Papier und hochwertiger Einband wurden für die »middle-class homes« gestaltet. Äußerliches Erscheinungsbild eines Buches und Leserschaft korrelierten aber auch mit dem jeweiligen Schreibstil: billig produziert und günstig verkauft an die Arbeiterklasse korrliert mit einem Schreibstil, der die Naturwissenschaften mit dem Wohlstand jedes Einzelnen in Verbindung brachte, oft war sie auch polemisch und kritisch im Ton, wie in La Science et les Savants (1864), während hochwertigere Bücher, die sich zur Familienlektüre eignen sollen, gänzlich auf Polemik verzichteten (ebd., 215). Unter den Zeitschriften dieser Größenordnung befanden sich die Revue Scientifique (1863), die sich allerdings auf eine ganz andere Leserschaft konzentrierte. In Anlehnung an das Konzept der Revue de cours FRANKREICH 223 Masson konnte sich als Geschächtsmann in der Buchindustrie zwischen dem populärwissenschaftlichen und dem rein akademischen Buchmarkt (Lehrbücher, Journals) neben Größen in der wissenschaftlichen Verlagswelt wie Bachelier, Germer-Bailliere oder Gauthier-Villars etablieren. Obwohl er sich vor allem auf Medizin und Biologie spezialisierte, zählte man bis zum seinem Tod (er starb zur Jahrhundertwende 1900) 52 Journale, die die gesamte Breite der Naturwissenschaften und Technologien abdeckten. Den Markt für die wachsende Lehrbuchbranche für Schulen und Universitäten deckte Jean-Baptiste Deyrolle mit seinem Familienunternehmen ab, das bereits 1831 gegründet worden war und noch heute existiert. Das Unternehmen war zunächst auf die »do-it-yourself natural history« spezialisiert, wie Robert Fox sie nennt, breitete sich jedoch zunehmend auf das gesamte disziplinäre Spektrum der Naturwissenschaften aus (ebd., 218). Damit hat sich in Frankreich sehr schnell ein neues intellektuelles Feld neben der literarischen Intelligentsia entwickelt, die das »feuilleton littéraire« kopierte, um das »feuilletons scientifique« zu begründen (Raichvarg / Jacques 1991, 138). Auch die französischen Verleger schlossen sich dem amerikanischen Internationalisierungprozess naturwissenschaftlicher Literatur an. Die französische Ausgabe der »Bibliotheque scientifique internationale« wurde von 1873 bis 1919 erfolgreich verlegt und markiert damit gleichzeitig ein erneutes Engagement littéraire wandte sie sich an die gebildete Mittel- und Oberschicht, daher ver- öffentlichte sie nur Texte von Akademikern, den »serious popular lectures«. Gleichzeitig wurde sie jedoch von den Wissenschaftlern selbst als Kommunikationsmedium genutzt, um über ihre eigene Disziplin hinaus den interdisziplinären Austausch zu fördern (ebd., 216). Vergleichbar wäre sie also mit der britischen Zeitschrift Nature, wohingegen die gleichnamige französische Revue La nature (1873) einen ganz anderen Weg eingeschlagen hatte. Anders als die Revue Scientifique konzentrierte sie sich nur auf die breite Öffentlichkeit, aber ohne an äußerlicher Qualität zu verlieren. Sie war eine jener Zeitschriften, die man als frühe Hochglanzzeitschriften bezeichnen könnten, da sie auf hochwertigem Papier und mit vielen Abbildungen gedruckt wurde, sodass man sie als Illustrierte bezeichnen könnte. Ihr Verleger George Masson und Gaston Tissandier, ihr Gründer und erster Herausgeber, richteten ihr Produkt auf die heranwachsende bürgerlicher Kultur aus, um ihren Sinn für »scientific literacy« zu steigern und zwar jenseits von einfacher Unterhaltung und bloßen Sensationalismus. Daher griff man bewusst nur auf akademische Popularisierer zurück. Zwischen der Expertenkultur und dem Laienpublikum sollte so eine stabile Brücke gebaut werden, um die Kommunikation zwischen beiden Sphären nicht abbrechen zu lassen. Aus diesem Grund wurden Leserbriefe publiziert und durch offene Fragen von Experten beanwortet. 1964 wurde sie von La Recherche einkauft (Fox ebd., 217). STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 224 von Akademikern, sich mit der Popularisierung ihres Wissens auseinanderzusetzen.63 Erst ab 1900 sollte dieses Projekt von einem noch erfolgreicheren Projekt unter der Herausgeber- und Autorschaft von Gustav Le Bon abgelöst werden. 1902 im Verlagshaus eines selbst erfolgreichen Selfmademan der Wissenschaftspopularisierung veröffentlicht, nämliche des Astronomen Camille Flammarion, ging die Bibliotheque de philosophie scientifique an den Start. In dieser Reihe veröffentlichte Bücher wurden zu Bestsellern, die im Laufe der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts viele Auflagen erfuhren. Zu diesen Bestsellern gehörte Henri Poincares La Science et l’hypothèse, das von 1914 bis 1938 50,000 mal verkauft worden war. Besonders an dieser Reihe und ihrer Verlagspolitik lässt sich gut erkennen, wie unscharf die Übergänge zwischen dem Philosophieren über die Naturwissenschaften und dem Popularisieren ihrer Wissensinhalte gekennzeichnet waren. Es ist also vor allem dem Feld der Verleger zuzuschreiben, dass nicht nur eine Unordnung zwischen Philosophieren und Popularisieren der Naturwissenschaften, sondern zugleich auch eine Hybridisierung der Schreibstile und der Genres eingetreten war. Robert Fox weist daher zu Recht darauf hin, dass die Autoren, die in dieser Reihe ihre Schriften publizierten, vor allem ihre eigenen Schüler in den Grandes Écoles erziehen wollten (ebd., 224). Wirft man einen Blick auf die intellektuelle Besetzung dieses sich herauskristallisierenden Feldes, dann sieht man die okkasionellen Popularisierer in der Mehrheit, denn die ›wahren Wissenschaftler‹ sahen die Popularisierung eher als sekundäre Aufgabe an (Raichvarg/Jacques ebd., 49). Autoren aus den technischen Berufen, wie Louis Figuier, gesellten sich zu ihnen (Beguet, ebd. 32ff.). Die dritte Gruppe schließlich setzte sich aus Polygraphen und Journalisten zusammen, die sich in einer politisch-aufklärerischen Mission sahen und dies vor allem über ihre Gruppenzugehörigkeit und ihr gemeinsames intellektuelles Milieu in der Öffentlichkeit kommunizierten. Nur diese letzte Gruppe wird von den Historikern Daniel Raichvarg und Jean Jacques als »véritables professionels de la vulgarisations« bezeichnet (ebd., 50), deren Schriften sich besonders an die Amateurwissenschaftler richteten, auch wenn die Gruppe 63 Namhafte Wissenschaftler wie der Physiker Adolphe Worth, der für die Unterstützung und Förderung in der Forschung zur Atomtheorie warb, ließen es sich nicht nehmen, von ihrer Disziplin zu berichten, ihr Wissen zu übersetzen und Werbung für ihre Wissenschaft zu machen, wenn es politisch notwendig war. Empfohlen wurde jede Ausgabe vom Minister für öffentliche Aufgaben (Ministry of Public Instruction). Fox beschreibt wie ihr Verleger, der Mediziner Germer-Baillière, mit diesem internationalen Projekt die Vision verfolgte, die wissenschaftliche Isoliertheit Frankreichs durch die Verbindung mit dem internationalen, insbesondere dem amerikanischen wissenschaftlichen Feld zu durchbrechen suchte (ebd., 223). FRANKREICH 225 von Lesern aufgrund ihrer provinziellen Situation nur schwer erreichbar und dazu wenig etabliert war (ebd., 39). Dennoch war die Popularisierungsbewegung keinem bestimmten Programm unterstellt oder gar durch eine Schule motiviert und kontrolliert. Die einzige Kontrollinstanz sei das Leseverhalten des Publikums gewesen, und das orientierte sich weit weniger an einem »livre pratique« (Béguet ebd., 51) als es zum Beispiel in England und den USA der Fall war, wo die Lektüre vor allem in den Vereinigten Staaten als ›self-improvement‹ fungierte. Die populärwissenschaftliche Presse war im Gegensatz zu England von der elitären Gelehrtenkultur nicht unabhängig (ebd., 79). Sie wurde als intermediäres Bindeglied zwischen Wissenschaft und der breiten Öffentlichkeit gesehen, die aber noch den ›savant‹ als solchen akzeptieren musste, wollte sie kritische Berichterstattung sein. Das Expertensystem blieb die Regulierungsinstanz in der Berichterstattung des akademisch-wissenschaftlichen Feldes. Gleichzeitig hätten sie sich zu Meisterkritikern emporstilisiert, die selbst die Qualitätskriterien für die »vulgarisation scientifique« herausarbeiteten. Damit sollte die Seriösität des Genres gewährleistet werden (ebd., 82).64 Die französischen ›vulgarisateurs‹ wollten nicht nur ein vertrauenswürdiges Bild der Wissenschaft vermitteln, sondern das Verständnis über ihr Wissen an ein größtmögliches Publikum verbreiten. Sie konzentrierten sich auf ihre Rolle als Vermittler. Um jedoch auch die französischen ›wahren Wissenschaftler‹ von der Popularisierungsbewegung zu überzeugen, hatte sich der Herausgeber der fanzösischen La Nature, Gaston Tissandier, das englische Modell von Michael Faraday zu Nutze gemacht und drei Argumente präsentiert, die die Wissenschaftler aus ihren Maulwurfslöchern locken sollten: Zum einen sollten sie nicht glauben, dass sie sich erniedrigten, wenn sie sich auf einer gemeinen Ebene verständlich machten, um die Gesinnung (»esprits«) des Volkes bzw. der Nation auf die Vorteile wissenschaftlicher Wahrheiten vorzubereiten, denn die Größe der Nation hänge von einigen wenigen Köpfen ab, die diese Gesinnung kultivierten. Sie sei Teil des Aufklärungsprozesses und vertreibe die Dunkelheit, daher sei sie als ein direkter Beitrag zum Wohl des Landes anzusehen. Man müsse diese wissenschaftliche Anhängerschaft der Popularisierer im ›großen Tempel der Wahrheit‹ vermehren. Das sei die Aufgabe der Popularisierer als Arbeiter des Wissens und für die Wissenschaft zum Wohl der Nationen (Raichvarg/Jacques ebd., 50f.). Auch der Journalist Victor Meunier preist die Arbeit des Wissenschaftspopulisierers an, denn er sei es, der die dreckige Wäsche wasche (»laver leur linge 64 Auf der anderen Seite wurde das Bild dieser Gelehrtenkultur durch die Unterhaltungsliteratur stets parodiert. Sie griff besonders auf populärwissenschaftlich vermitteltes Wissen zurück, um die humoresken Züge dieser Wissenskultur ins Ironische zu verkehren (ebd., 102). STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 226 sale«), nämlich ins Französische übersetze (»traduire en français«). Meunier sah den Vulgarisierer als Apostel (ebd., 52).65 Der Eintritt des französischen Wissenschaftsjournalismus in das populärwissenschaftliche Feld wird von Daniel Raichvarg und Jean Jacques als ein ›Überfall der Journalisten in das Lager der Vulgarisierer‹ bezeichnet, die mit zwei Größen des wissenschaftlich-akademischen Feldes des Second Empire verbunden gewesen sei: dem Republikaner Francois Arago und dem Anhänger des Empire, Jean-Baptiste Biot. Gestritten wurde darüber, welchen Grad an Öffentlichkeit man zulassen wollte, um von der ›offiziellen Wissenschaft‹ zu berichten. Gefordert wurde eine unabhängige Presse, die frei von jeglichen politischen Interessen war. Arago war kein Unterstützer dieser Fusion aus akademischem und journalistischem Feld. Die wissenschaftlichen Arbeiten sollten nicht zum Gegenstand der journalistischen Kritik werden (ebd., 91). Seinem Widerstand zum Trotz öffneten sich die Tore der scientific community für die Zeitschrift Le Globe, die in der Gesinnung Saint Simons von Joseph Bertrand geführt wurde. Er war der erste Journalist, der über die Académie berichtete. Andere Tageszeitungen sollten seinem Ruf Folge leisten. Doch mit der Expansion dieser feuilletonistischen Sparte trat auch das Politische in der Kritik an der Wissenschaft des Empire hervor und Victor Meunier ist als einer ihrer größten Verfechter daraus hervorgegangen (ebd., 95). Und diese sah er weder als eine Kaste noch als eine bestimmte soziale Klasse an, auch nicht als überlegene Klasse der Nation, die in Palästen lebe und von ihren Wächtern bewacht werde. Ihre Residenz befinde sich in den Köpfen aller (ebd., 96). Seine polemisch-kritische Schreibweise, die vor Größen der Wissenschaft nicht Halt machte, auch nicht vor Louis Pasteurs öffentlichem Angriff auf Pouchet, brachten ihm den Ruf des »militantisme vulgarisateur« (ebd., 97) ein, einem Häretiker (»hérétique«), der die Orthodoxie herausforderte. Zum wissenschaftsjournalistischen Großereignis wurde vor allem der Materialismus-Streit zwischen Louis Pasteur und Felix-Archimède Pouchet über die »génération spontanée« , in der es darum ging, experimentell nachzuweisen, dass sich aus toter Materie Leben entwickeln konnte 65 Victor Meunier (1817-1903) war selbst einer ihrer größten Apostel. Als Mitbegründer der Zeitschrift Echo du monde savant (1834) und Autor einer eigenen wissenschaftlichen Kolumne in der erfolgreichen Tageszeitung La Presse stieg er sehr schnell zum engagierten Wissenschaftsjournalisten auf, der später mit L’Ami des sciences sein eigenes populäres Journal für die Wissenschaft gründete. Nebenbei schrieb er für liberale Blätter wie Le Siècle und L’Opinion. Als Beobachter der wissenschaftlichen Elite war er stets auf der Suche nach den Prozessen, die das Politische in der Wissenschaft offenbarten und aus diesem Grund, sah er seine journalistische Tätigkeit der ›vulgarisation‹ als eine Aufklärung des Laienpublikums über die Machenschaften von Lehrstuhlinhabern an (Fox ebd., 191). FRANKREICH 227 (Fox ebd., 148ff.). Die Experimente wurden vor der Kommission der Sorbonne in Paris vorgetragen. Pouchet hatte einen ersten Versuchslauf unternommen, in dem er die biochemischen Bedingungen für die Entwicklung lebendiger Materie simuliert hatte. Er kam aus einem protestantischen Haushalt und sein religiöser Hintergrund prägte damit auch seine wissenschaftliche Theoriebildung. Trotz der simulierten Bedingungen, die er in seinen Testversuchen initiierte, glaubt er an ein vitalistisches Konzept, dass nicht physikalisch erklärbar war (ebd., 154). Dennoch blieb seine Arbeit streng an den Positivismus seiner Zeit gebunden. Experiment und Beobachtung waren die einzigen methodologischen Maßstäbe, an denen sich eine wissenschaftliche Theorie zu beweisen hatte. Es kam zum Wettbewerb der Experimentalsysteme zwischen Pouchet und Pasteur, der an Pouchets Versuchsaufbau kritisierte, dass er die Möglichkeit ausschloss, dass bestimmte Stoffe über die Luft übertragen werden konnten und so zu einer Kontamination mit den bereits vorhandenen biochemischen Zusätzen führten (ebd., 153). Pouchet hingegen versuchte wiederholt, die Sterilität seiner verwendeten Materialen zu gewährleisten, Pasteur hingegen war davon überzeugt, dass es kleine Mikroorganismen in der verunreinigten Luft waren, die die notwendige Bedingung der Entstehung von Leben aus toter Materie lieferten. Der Gewinner sollte 2,500 Francs für sein erfolgreiches Experiment erhalten. Dennoch wurden die Experimentalsysteme nicht unter den gleichen Voraussetzungen ermöglicht. Im Wissenschaftsbetrieb der Provinzen, der außerhalb von Pariser Laboratorien stattfand und in dem sich Pouchet zurecht finden musste, waren nicht die gleichen Bedingungen gegeben, wie sie Pasteur zur Verfügung standen. Zwar konnte Pouchet das wissenschaftliche Interieur in Rouen durch die Unterstützung von Charles-Amédée Verdrel und Baron Ernest-Hilaire Le Roy nutzen, doch er machte sich keine Illusionen: »The conditions in which he worked were far inferior to those to which Pasteur, a master of meticulous research, had access at the École normale supérieure« (ebd., 154). Hinzu kam, dass das Komittee des Alhumbert-Preises gänzlich aus Wissenschaftlern bestand, die Pasteurs anti-vitalistisches, materialistisches und antireligiöses Welt- und Wissenschaftsbild teilten. Fox gibt daher zu bedenken, wie bereits viele Interpreten vor ihm, dass es sich hier nicht um eine Verhandlung in Sachen wissenschaftlicher Theorie, sondern Ideologie handelte. In mehreren Experimentalrunden, die zum Schluss schließlich nur noch Pasteur diktierte, konnte Pouchet selbst mit seiner Experimentalgruppe (Nicolas Joly, Charles Musset) und einer neuen Anordnung des Experimentalverlaufs nichts mehr ausrichten. Auch der Antrag auf Wechsel des Kommittees, das das Endurteil fällen sollte, blieb ohne Erfolg. Im Februar 1865 stand das gesamte Kommittee hinter Pasteur, sodass er drei Jahre später vom »officier« zum »commandeur« aufstieg, während Pouchet bloß vom Rang des »chevalier« STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 228 zum »officier in the Legion of Honor« wechselte und sein wissenschaftliches Leben nun in den Dienst der säkularen Erziehungen und der Popularisierung der Naturwissenschaften stellte. Damit war das Thema der »génération spontanée« im wissenschaftlichen Zentrum Paris vom Tisch, während es hingegen in der Peripherie immer noch aktuell blieb und von Pouchets Mitstreitern rege diskutiert wurde (ebd., 156). Pasteur stieg zum Wortführer einer zentralisierten Wissenschaftspraxis auf, die die Stimmen in der Peripherie einmal mehr in ihre marginale Position verwies (ebd., 158). Dennoch, merkt Robert Fox an, seien beide Akteure durch ihr jeweiliges Weltbild einem Denkzwang unterlegen gewesen, der ihren eigenen strengen wissenschaftlichen Vorgaben nicht gerecht geworden sei, sondern ihnen Restriktionen auferlegt habe, in denen beide gefangen waren (ebd., 159). Zu Pouchets Verteidigern im journalistischen Feld gehörten Meunier, Figuier und Jules Michelet. Meunier konstruierte Pouchets soziale Rolle als Märtyrer und Held, der sich gegen das Establishment der Académie des Sciences auflehnte und der Ideologie des Empire zum Opfer fiel. In Frankreich hat sich demnach früher als in Deutschland und England das populärwissenschaftliche Feld in einen autonomen und heteronomen Pol ausdifferenziert und die häretischen Positionen wurder eher von Akteuren am heteronomen Pol besetzt als umgekehrt. Aufgrund des niedrigeren symbolischen Kapitals, dass die Journalisten zu dieser Zeit innehatten, und der größeren Abhängigkeit von ökonomischen Faktoren (Feld der Verleger), da sie von ihrem Geschriebenen ihren Lebensunterhalt bestritten, war ihr Schwundrisiko der jeweiligen Kapitalsorte sehr gering, sprich es gab gar keine Risiken und trotz der finanziellen Abhängigkeit besaßen sie die freie Auswahl, für welches Blatt sie nun tatsächlich arbeiteten. Da die französische Presse während des 19. Jahrhunderts durch und durch politisch motiviert war, gab es kaum ein Blatt, das nicht an polemisch-kritischer Berichterstattung interessiert war. Der naive Glaube der »savants« an die Unabhängigkeit der Presse verwechselte die Begriffe der Unabhängigkeit mit Wertneutralität, doch diese war weder im journalistischen noch im Feld der Verleger gegeben. Beide Felder waren von unterschiedlichen Interessen geleitete Gruppen, deren illusio sich gerade erst herauskristallierte. Um ihren Spielsinn zu schärfen, mussten sie gleichsam ihren Wirkungsradius austesten, damit sie ihre Grenzen definieren konnten. Meunier übernahm die Vorhut.66 Figuier und Michelet prak- 66 Trotz dieser avantgarden Stellung im journalistischen Feld sollte ihm sein Sohn, Stanislas Meunier, nicht folgen. Er blieb im engen Kreis der praktizierenden Wissenschaftler und hielt sich von der Wissenschaftspopularisierung komplett fern (ebd., 97). Die Popularisierungsarbeit überließ er stattdessen seiner späteren Frau Leonie Levallois (1852-1940), die verschiedene Werke FRANKREICH 229 tizierten hingegen eine seichtere Rhetorik und plädierten für eine stärkere Öffnung des wissenschaftlich-akademischen Feldes und ihrer Forschung (ebd., 157). Französische Wissenschaftsjournalisten haben sich also schon sehr früh nicht nur als Beobachter des akademischen Feldes angesehen, die bloß berichten, sondern vor allem als kritische Kommentatoren, die mit ihrem jeweiligen Schreibstil entweder polemisch gegen das Establishment wetteiferten, oder aber distanziert für eine Öffnung der inzestuösen Pariser Wissenselite plädierten. Zu den Großunternehmern der Popularisierung gehörten der bereits erwähnte Louis Figuier (1819-1894), der Astronom Camille Flammarion, der Entomologe (Insektenforscher) Jean-Henri Fabre (1825-1915) und der Chemiker und spätere Herausgeber von La Nature, Gaston Tissandier (ebd., 71ff.). Die populäre Wissenschaftsprosa des Insektenforschers Jean-Henri Fabres erinnert an den Schreibstil von Biologen aus dem vergangenen Jahrhundert, der ihm seinen Spitznamen »Virgile des insectes« einbrachten (Raichvarg / Jacques ebd., 76).67 Gaston Tissandier hingegen genoss seine akademische Ausbildung als Astronom, wurde jedoch auch aufgrund seiner Veröffentlichung des vierbändigen Lehrbuchs Éléments de chimie in der Chemie rezipiert. Später veröffentlichte er viele literarische Essays über die Wissenschaften im Magasin pittoresque, aber auch Wissenschaftsbücher für Kinder und Jugendliche. Seine wichtigste Funktion innerhalb dieses sich herauskristallisierenden intellektuellen Feldes der Popularisatoren hatte er jedoch als Herausgeber der Zeitschrift La Nature 1873, die seit 1963 unter dem Titel Science Progrès de la nature ihren Platz als populärwissenschaftliche zur Biologie und Geologie verfasste und später in das literarische Genre des Romans wechselte. Neben Victor Meunier wurde der Abt Francois Moigno zu einer wichtigen Figur der französischen Wissenschaftspopularisierung, die er mit seiner Herausgabe der wöchentlichen Zeitschrift Cosmos von 1852 bis 1863 nachhaltig beeinflusste und gleichzeitig ein ›Humboldtian Writing‹ französischer Prägung schuf (Fox ebd., 193). Während jedoch Meunier auf das Politische der Wissenschaften und ihrer Akteure konzentriert war, blieb Moigno seinen katholischen Wurzeln treu und versuchte Wissenschaft und Religion in Einklang zu bringen. Daher sah er seine Funktion als ›vulgarisateur‹ vor allem im Moralisieren durch naturwissenschaftliches Wissen, das sich mit dem christlichen Glauben zu einer Einheit verband. 67 Viele seiner Werke erfuhren zahlreiche Auflagen. Neben seinen »récits scientifique«, die vor allem dadurch gekennzeichnet waren, dass sie dazu tendierten biologische Lebensformen zu personalisieren, gehörte auch sein Alterswerk Souvenirs entomologiques von 1898 zu einem populären Klassiker der Wissenschaftlerautobiographien, das bis 1907 verlegt wurde und andere Biologen, wie später Jean Rostand, dazu animiert hatte, das eigene Leben dem Forschen und Popularisieren zu widmen (ebd., 85). STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 230 Zeitschrift Frankreichs auch weiterhin behauptet.68 Einige der französischen »savants« wagten sich jedoch in das erweiterte Feld der akademischen Wissensproduktion, darunter die beiden Chemiker Marc-Antoine Gaudin (1804-1880), Marcelin Berthelot (1827-1907) und der Physiker Jacques Babinet (1794-1872), der für populärwissenschaftliche Zeitschriften wie La Revue des Deux Mondes, Cosmos, Le Magasin pittoresque oder das Journal des debáts schrieb.69 Obwohl der Hohepriester des akademisch-wissenschaftlichen Feldes in Paris, Louis Pasteur, immer wieder seine Abneigung gegenüber den ›vulgarisateurs‹ bekundete, kam er nicht umhin selbst sprachlich-rhetorische Umwege zu finden, um interne Wissenschaftspolitik zu betreiben, die er in Form von öffentlichen Reden an der Sorbonne vortrug.70 In einer solchen Rede verurteilte er nicht nur die Frau zum Sinnbild des Laien, sondern hielt eine öffentliche Rede darüber ab, dass Wissenschaftler aus der Provinz keine Zugangsberechtigung zu Lehrstühlen an der Sorbonne erhalten sollten, denn sie sei von einer bürgerlichen 68 Dennoch war sie nicht wie ihr britisches Vorbild konzipiert. Sie war lediglich an der ›vulgarisation scientifiques‹ orientiert, während die englische Ausgabe von Nature sowohl die Wissenschaftspopularisierung als auch die interdisziplinäre Kommunikation des sich spezialisierenden wissenschaftlichen Feldes fördern wollte. Dass das nicht zu bewerkstelligen war, haben die französische Herausgeber erkannt und sich gleich nur auf eine Leserschaft spezialisiert. Im Vergleich zu England waren in Frankreich die Grenzen zwischen einer rein wissenschaftlichen und einer populärwissenschaftlichen Zeitschrift klar gesetzt, was zur Folge hatte, dass viel weniger Akteure des wissenschaftlich-akademischen Feldes als professionelle Popularisierer tätig waren und sich nicht in der Lage sahen, einen Feldwechsel vollständig einzuleiten. Der Verlust des symbolischen Kapitals als seriöser Forscher war viel zu risikoreich, als das man es wagen würde, seinen Ruf als »savant« zu schädigen. Das Feld der Verleger und Herausgeber in England hingegen hat liminale Zwischenräume in die Komposition der Zeitschriften selbst integriert, um die Grenzschärfe zwischen dem Forscher als Autor und Popularisierer und dem Forscher als Mitglied der scientific community und ihren Institutionen durchlässig zu machen, damit dieses Risiko des Verlusts minimiert wurde. 69 Der Naturalist Charles Brongniart gründete 1878 die Société scientifique de la jeunesse, um die Jugend für die Berufung des Naturwissenschaftlers auszubilden. Und auch die beiden akademischen Akteure Nestor Grehant (Physiologe) und Gabriel Lippmann, Professor an der Sorbonne, engagierten sich für eine öffentliche Wissenschaft mit ihrer Gründung der Laboratoires scientifiques populaires Boubouze (ebd., 89). 70 Zu den öffentlichen Rednern an der Sorbonne gehörten noch eine Vielzahl anderer Wissenschaftler, die Raichvarg und Jacques in einer Liste zusammenstellen (ebd., 211f.). Keiner diese Akteure findet sich jedoch im intellektuellen Feld der Popularisierer wieder. Ihre Rolle bleibt auf den des okkasionellen Redners, der ab und zu Wissenschaftspolitik betreibt, beschränkt. FRANKREICH 231 Provinzalität geprägt (ebd., 90). Louis Figuier und Camille Flammarion zählen hingegen zu den prominentesten Figuren dieses intellektuellen Feldes, daher kann man sie auch zu der Gruppe der professionellen Popularisierer zählen. Robert Fox kommt nicht umhin sie als »Master of the Mass Market« zu bezeichnen (Fox ebd., 195).71 Robert Fox merkt darüber hinaus an, dass Figuier trotz all seiner polemischen Kritik gegen das akademisch-wissenschaftliche Feld in Paris kein Gegner der wissenschaftlichen Elite war. Sowohl sein Hauptwerk als auch viele journalistische Artikel seien von einem ungebrochenen Glauben an die Wissenschaft gekennzeichnet (ebd., 202).72 Obwohl sich Camille Flammarion mit dem parawissenschaftlichen Phänomen der Medien und der Strömung des Spiritismus amerikanischer, englischer und französischer Provinienz beschäftigte, drohte er nicht mit derselben verwechselt zu werden, da seine vor allem späteren Schriften zwar von diesem Phänomen inspiriert waren, aber sich auch in kritischer Distanz zu ihnen positionierten. Gerade weil sie nicht erklärbar seien, sollte man das Interesse der etablierten Wissenschaftler für dieses Phänomen wecken, damit es beim Laienpublikum nicht zu einem neuen Aberglauben führe (ebd., 198ff.).73 71 Figuier stammte aus einer Pharmazeuten-Familie und studierte Chemie an der »École de Pharmacie de Montpellier«. 1856 beteiligte er sich zusammen mit Claude Bernard an einer Polemik über die Funktion des Glykogens (Blutzucker) in der Leber. Die polemische Kritik an dem wissenschaftlichen Feld wurde von beiden Akteuren als Angriff auf die universitäre Überheblichkeit mittels der populären Journale initiiert. Zwischen 1851 und 1853 arbeitete Figuier an seinem populärwissenschaftlichen Meisterwerk Exposition et Histoire des principales découvertes scientifiques modernes, das in vier Bänden erschien und 1862 in der sechsten Auflage publiziert worden war. Bis 1878 arbeitete er bei Émile de Girardins La Presse als Wissenschaftsjournalist, gab jedoch zeitgleich auch seine eigene Zeitschrift Année scientifique et industrielle heraus (Raichvarg / Jacques ebd., 72). 72 Dennoch sollte sich Figuier mit zunehmenden Alter nicht als der aggressive Kritiker und Popularisierer erweisen, als der er sich zu Anfang ausgab. Nach dem Tod seines Sohnes spekulierte er in seinem Buch Le Lendemain de la mort über die Reinkarnation von Seelen und liebäugelte mit dem zuvor zurückgewiesenen Mesmerismus und Spiritismus (ebd., 204). Später publizierte er einige populäre Bücher über die Abstammungslehre des Menschen, die ganz klar die orthodoxe Sichtweise propagierten, dass der Mensch nicht vom Affen abstammen könne und daher für jede Spezies eine individuelle und göttliche Abstammungslinie angenommen werden müsse. Solche Fragen gehörten nicht in das Reich der Wissenschaften. Damit formulierte er eine offene Kritik an der neu entstandenen Anthropologie. Figuiers Vorstellungen blieben der christlichen Orthodoxie verpflichtet (ebd., 206). 73 Sowohl in seinem Erstwerk La Pluralité des mondes habités (1862) als auch in seinem späteren Werk Les Forces naturelles inconnues (1865), das er zunächst unter einem Pseudonym veröffentlichte, verteidigte er die These, dass es eine STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 232 Die Trennung zwischen Populär-, Para- oder gar Pseudowissenschaften ist besonders bei diesen Akteuren nur schwer voneinander zu trennen. Oft scheinen sich die verschiedenen Genres und Schreibstile gegenseitig zu beeinflussen. Dabei schreiten die Akteure das gesamten Spektrum der populären Narrativen vom ›vulgariser‹ als einer Form der Übersetzung zum Spekulieren als einer Form der Theoriegenese ab, die sich schließlich durch die Zunahme an literarischen Stilmitteln dem Fiktionalisieren annähert und schließlich im Genre der Science Fiction mündet.74 Die Wissenschaftspopularisierer konnten jedoch auch in einer anderen Rolle auftreten: in der Rolle eines Professors, der öffentliche Vorlesungen an ein interessiertes Publikum hält, das nicht zur bereits integrierten Studentenschaft gehört. Was sie allerdings benötigten, war einerseits die nötige charismatische Präsenz und die »oral skills« eines großen Redners, wie in August Comte und Arago bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts kultiviert hatten. Im Unterschied jedoch zu den englischen Redner-»Gentlemen« wie Michael Faraday und John Tyndall, die ihre Vorlesungen immer in einem sehr utilitaristischen und moralisierenden Ton gehalten hatten, versuchten die französischen »savants« ihren eigenen Stil zu entwickeln (ebd., 207).75 Dennoch waren die Vorlesununsichtbare Welt gebe, in der psychische Kräfte walteten, die auf rationalem Wege nicht erfasst werden könnten. In der Erforschung dieser Kräfte sehe er die Grundlage für eine zukünftige Wissenschaft (ebd., 200f.). In den 1880er und 1890er Jahren veröffentlichte er literarische Überformungen, die Robert Fox als »philosophical novels« bezeichnet, wie Lumen (1873), Uranie (1889) und Stella (1897). Lumen beispielsweise ist eine Folge von fünf Gesprächen untertitelt mit Les Récits de l’infini, »a spirit traveling on a comet, to give information about the spirit world in the form of answers to questions posed by Quaerens, a mortal seeker after truth« (ebd., 201). Als Astronom beschäftigte er sich bereits sehr früh mit dem Thema des extraterrestrischen Lebens auf anderen Planeten, nicht nur in La Pluralité des mondes habites, sondern auch später noch in Terres du ciel (1877). 74 Daher kann man Jean Raichvarg und Jean Jacques zustimmen, wenn sie von einem Romancier wie Jules Vernes behaupten, er popularisiere die Popularisierer (»vulgarisateur de la vulgarisation«) (Raichvarg/Jacques ebd., 104). 75 Einer der prominentesten Katalysatoren der öffentlichen Vorlesungen war Émile Deschanel, der aufgrund seiner republikanischen Gesinnung zunächst im Exil in Brüssel lebte und schließlich seine neue Karriere als öffentlicher Redner in Paris in den 1860er Jahren begann. Auf seinen Vorschlag hin wurden die öffentlichen Reden der »savants« immer in der Nähe von großen kulturellen Einrichtungen abgehalten, wie beispielsweise unmittelbar an Garniers neuem Opernhaus. Der großzügige Geldgeber dieser Veranstaltungen war der Bankier Rafael Bischoffsheim, »a great benefactor of science«, wie ihn Fox beschreibt (ebd., 208). Der Erfolg bemaß sich schließlich nach dem ökonomischen Kapital, dass diese Vorlesungen einbrachten (2,000 Frans im ersten Jahr 1875). Deschanel selbst hielt Reden über ein äußerst heterogenes Feld FRANKREICH 233 gen der Naturwissenschaftler in der Minderheit (223 Lesungen, später 313), während Vorlesungen zur Geschichte und Literatur mit 497 ganz klar dominierten. Einzige Bedingung war, moralische oder religiöse Inhalte zu vermeiden (ebd., 211). Auch wurden Professoren mit einer universitären Anstellung lieber gesehen, als »independent lecturers«, denn man befürchtete zu harsche Kritik an akademischen oder gar kirchlichen Einrichtungen, besonders wenn Wahlen anstanden (ebd., 212). Zentrum der »free public lectures« blieb nach wie vor Paris, obwohl sich mit der Einrichtung der »soirées scientifiques et littéraires« 1864 an der Sorbonne, die zwei Mal in der Woche jeweils zur Naturwissenschaft und zur Literatur gehalten wurden, ein wissenschaftspolitisches Gegenprojekt etablierte. Wissenschaft wurde so zu einer Art Freizeitbeschäftigung der »bourgeois culture«. Dennoch sollte sich zum Ende des 19. Jahrhunderts einiges ändern. Universitätsprofessoren waren immer noch daran interessiert, sich einer interessierten Öffentlichkeit zu öffnen, jedoch unter anderen Bedingungen: »In lectures to such audiences and in the prestigeenhancing institutional publications that often went hand in hand with them, they were performing in a formally constituted academic showcase, and their style was fashioned accordingly« (ebd., 213). Einer dieser neuen akademisch-formaleren Schreibstile konnte in den Annales de l’université de Grenoble (1889) praktiziert werden: »Authors who wrote for it and for other such publications could never forget, and they never von Fächern über Kunst, Geschichte, Reisen, den Wundern der Wissenschaft und Technologie. Doch er war auch ein sehr guter »savant«-Scout. Er konnte die größten Wissenschaftler seiner Zeit für diese öffentlichen Veranstaltungen gewinnen, darunter der Physiker Jacques Babinet, der aufgrund seines weniger autoritären und eher humorvollen und anekdotenhaften Stils bekannt war. Auch Popularisierer, die für die Arbeiterklasse schrieben, wie Felix Hement und auch Camille Flammarion wurden von Deschanel immer wieder engagiert. Flammarion benutzte neben den rhetorischen Effekten der Sprache auch technologische Erfindungen, die er bewusst als spektakuläre Ereignisse einbaute. Der Chemiker Edmond Frémy verwendete ebenfalls das chemische Experiment als Spektakel auf der Bühne, wodurch wieder einmal das Bild des »mad scientist« oder des Magiers mit seinen Chemikalien und Reagenzgläsern auftritt. Wissenschaft als Spektakel erfährt einmal mehr eine Reinkarnation auf der Theaterbühne der Wissenschaft. Zu Jules Jamins, Lehrstuhlinhaber der Physik an der Sorbonne, erster Vorlesung über die drei Stadien der Materie kamen mehr als 2000 Zuhörer, darunter auch viele Frauen. Auch er brachte mit einer spektakulären Performance einmal mehr das Labor auf die Bühne, um seine Zuhörer nicht nur durch das gesproche Wort, sondern mit visuellen Special-Effects zu überzeugen (ebd., 212f.). STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 234 let their readers forget, that they were writing as leading, formally qualified practitioners of their various disciplines« (ebd., 214). Ähnlich wie in England trat auch im französischen Universitätssystem und ihren Akteuren eine Wende im Verhältnis zur Wissenschaftspopularisierung ein: »Professors now tended to give a higher priority to the interpretation of new developments in the specialized research in which they were engaged than they did to stimulating audiences with the aid of the dramatic demonstrations or the unorthodox speculations that had captivated the lecture-going public of the 1860s« (ebd., 214). Damit zogen sich nicht nur in England die Universitätsprofessoren aus dem Geschäft der Popularisierung und Demokratisierung des Wissens zurück, auch in Frankreich überließen sie das ›Waschen der dreckigen Wäsche‹ den professionellen Popularisatoren. Aus der frühen Genese des populärwissenschaftlichen Feldes in Frankreich zieht Fox folgendes Resümee: The fact that the great popularizers of the Second Empire and early Third Republic showed such diversity in their scientific, political, and ethical positions left them a disparate group. What Meunier, Figuier, Moigno, and Flammarion did share, however, was a commitment to producing a littérature engagée in which the new professionalism of scientific writing for a lay audience was put to purposes that embraced but often transcended the diffusion of conventional academic science. In the words of another successful writer, Henri de Parville, the aims of popular writing on science were of higher order. (ebd., 206f.) Hierin könnte natürlich auch ein wesentlicher Grund dafür gesehen werden, dass man einen allgemeinen Rückgang oder Rückzug der Wissenschaftspopularisierung um 1900 verzeichnet, denn die größten Unternehmer in dieser Branche starben aus und es fanden sich nur wenige Nachfolger, die dieses Unternehmen mit dem gleichen Engagement und dem gleichen Schreibstil pflegten. Dennoch scheinen Begriffe wie Rückgang oder Rückzug nicht passend zu sein. Ähnlich wie in Deutschland und England gibt es auch hier eher eine Übergangsphase der Neuorientierung, des Ausharrens, des Wartens, um auszutesten, wie man einen antiquierten Schreibstil des 19. Jahrhunderts an das Lesepublikum eines neuen Jahrhunderts anpassen könnte. Neue Wege mussten erprobt und vor allem neue Medien in die Wissenschaftspopularisierung integriert werden. Da unterscheidet sich Frankreich kaum von seinen Nachbarländern.76 In der Phase des Übergangs zu einer multimedialen Vernetzung 76 Eines jener Magazine, die diese Übergangsphase markierten, war das 1913 herausgegebene Magazin La science et la vie . Magazine des sciences et de leurs applications a la vie moderne, das ähnlich wie »Popular Mechanics« in England und »Scientific American« in den USA mit einem kleinen handlichen Format und billigem Farbdruck für Aufsehen sorgte. Obwohl es von seinem äußeren Erscheinungsbild an Sensationspresse erinnerte, schrieben etablierte FRANKREICH 235 unterschiedlichster Formate, der sich die Akteure der Wissenschaftspopularisierung bemächtigten, traten neue Mitspieler in das intellektuellen Feld der Popularisierer ein. Raichvarg und Jacques unterteilen diese in zwei Gruppen: diejenigen, die mehr praktizierende Wissenschaftler als Popularisierer waren, und diejenigen, die sich ausschließlich auf die Popularisierung spezialisierten. Unter den »Scientifiques plus que vulgarisateur« findet man die Namen von Wissenschaftlern wie Paul Langevin, Jean Perrin, Jean Rostand und Georges Claude.77 Unter der Gruppe der Spezialisten aus den naturwissenschaftlichen Disziplinen für eine breite Öffentlichkeit. Dennoch, so Fox, habe sie ihre hochgesetzten populärwissenschaftlichen Ziele nicht erreicht. Sie blieb zwar ein Fenster in die hochspezialisierten Expertensysteme der Naturwissenschaften, aber ohne jeglichen kommunikativen Anschluss in diese Systeme. Sie signalisierten eher, wie bereits Bourdieu für die populäre Allodoxia deklarierte, dass man nach wie vor keinen Zugang zu ihnen hatte. Robert Fox hat für dieses monologe Kommunikationssystem ein treffendes Bild gefunden: »This distancing of readers was of a piece with the trend to a progressive ›black-boxing‹ of science and technology and the privileging of entertainment over instruction that occured in successive universal exhibitions between 1850s and 1900. Most areas of science belonged in 1914 in the realm of barely accessible esoteric knowledge in which the expert ruled« (ebd., 226). Fox historischer Einschätzung zufolge, sei die Leserschaft auf den Geschmack gekommen, mehr von den Wissenschaftlern selbst zu erfahren, als von ihren populärwissenschaftlichen ›personas‹, die das goldene Zeitalter der Wissenschaftspopularisierung im Second Empire und der Dritten Republik anführten. 77 Paul Langevin (1872-1946) war Physiker, Chemiker und Ingenieur, erhielt 1902 seinen Doktorgrad und wurde 1909 zum Professor am Collège de France berufen. Er war einer der ersten praktizierenden Forscher, die das Radio als Medium der Wissenschaftspopularisierung nutzten. In diesem Kontext sind 1936 zwei Radiobeiträge mit den Titeln Entretiens philosophiques und Ce que la civilisation moderne doit à la recherche scientifique entstanden. Jean Perrin, der 1926 den Nobelpreis für Physik entgegennehmen sollte, veröffentliche bereits 1913 unter dem Titel Les Atomes einen populären Klassiker verständlicher Wissenschaft und erweiterte seine Liste populärwissenschaftlicher Bücher mit den Titeln Les Éléments de la physique (1930 / 1937), Grains de matière et de lumière (1935 / 1948), A la surface de choses (1940) und dem posthum erschienenen Essay-Band La Science et l’Espérance (1948). Der Biologe Jean Rostand (1894-1977), der 1959 zum Mitglied der Académie française gewählt worden war, fand sich hingegen vom unabhängigen Denken und den Amateurwissenschaften inspiriert und hat sich dementsprechend in seinem Schreibstil stark an dem Naturalisten Jean-Henry Fabre orientiert. Sein forschendes Auge galt zwar der »biologie des petits animaux« und viele seiner ›Naturgeschichten‹ sind diesen gewidmet, aber Rostand sah sich auch als kritischer Kommentator der sozialen Rolle der Naturwissenschaften, wie in seinem Buch Pensées d’un biologiste (1938) (ebd., 113). In den dreißiger STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 236 »vulgarisateurs plus que scientifiques« finden sich nicht wenige Akteure, die dem Ruf der reinen Popularisierung gefolgt waren. Darunter wären zu nennen Marcel Boll, Professor für Chemie und Elektrotechnik an der »École des hautes études commerciales«, der viele Bücher über technische und mechanisch-praktische Themen veröffentlichte, Theophile Moreux, der als Abt die soziale Rolle in dem Popularisierernetzwerk von Moigno und Flammarion übernahm und damit die Wissenschaftspopularisierung der zweiten Generation anführte.78 Als großer Erneuerer der Wissenschafts popularisierung durch das audiovisuelle Medium in der zweiten Generation gilt jedoch Jean Painlevé (ebd., 121). Als Professor für vergleichende Anatomie an der Sorbonne einerseits, und als Kunstfilm-Autor andererseits versuchte er mittels des cinematographischen Mediums, den naturwissenschaftlichen Dokumentarfilm in Frankreich zu etablieren.79 Im Radio herrschte als Wissenschaftspopularisierer Jahren veröffentlichte er auch viele Werke zur Rolle der Genetik in der Biologie und Medizin und äußerte sich zum Teil kritisch, in Teilen jedoch auch affirmativ zum Thema der Eugenik in wissenschaftspolitischen Kontexten. Der Physiker Georges Claude veröffentlichte bereits 1901 L’Électricité à la portée de tout le monde sein erstes populärwissenschaftles Werk. Aufgrund seiner Sympathien für das faschistische System in Deutschland, die er 1941 mit seinem Buch De l’hostilité à la collaboration öffentlich bekundete, obwohl er zunächst für ein apolitisches Wissenschaftsbild plädierte, brachten ihm den Ausschluss aus der Académie des sciences ein, und 1945 stand er wegen seiner nationalsozialistischen Gesinnung vor Gericht. 78 Er veröffentlichte nach seiner Professur für Mathematik zahlreiche Bücher in der Reihe der Bibliothèque d’education scientifique, die bereits im Titel verständliche Wissenschaft signalisierten. Die eher technisch-orientierten und mechanisch-praktischen Themen der neuen gadgets griffen die beiden Popularisierer Raoul Marquis, der sich auch im Genre des ›romans scientifiques‹ übte, und Baudry de Saunier, der sich für die kleinen alltäglichen Wunder der Technik interessierte, auf und schrieben über das Auto, das Motorrad, ihre Bedienungsmöglichkeiten, aber auch andere technologische Neuerungen, die das Alltagsleben zunehmend beeinflussten. 79 Sein Film über das Unterwasserseepferdchen L’Hippocampe, ou »cheval marin« gehörten zu den ersten Unterwasseraufnahmen überhaupt, sodass er schließlich 1936 eine eigene Sektion im Palais de la Découverte einrichtete, wo er vor und nach dem zweiten Weltkrieg mit seinen Filmen große Erfolge feiern konnte. 1939 beteiligte er sich an der Gründung der Association radiotelevision emissions mondiales (ARTEM). Aufgrund seiner surrealistischen Tieraufnahmen gilt er daher als Pionier des experimentellen Dokumentarfilms (ebd., 122). Bereits 1955 auf einer Konferenz am Palais de Découverte wurden erste Versuche unternommen, den wissenschaftlichen Film zu theoretisieren, um gezielte Fragestellungen an das Medium und seine Möglichkeiten der Popularisierung, als auch der Erforschung zu stellen (ebd., 249). Der frühe naturwissenschaftliche Dokumentarfilm war dennoch eine eher transareale FRANKREICH 237 Georges Colomb, der »prince du micro«, der von 1924 bis 1939 unter dem Pseudonym Christoph in Form von kleinen anekdotenhaften Geschichten über naturwissenschaftliche Themen sprach, und 1930 einige seiner Radiobeträge unter dem Titel En flânant à travers la science ver- öffentlichte (ebd., 229).80 Die Wissenschaftspopularisierer bemühten sich in der zweiten Generation und im Zuge der medialen Erweiterung der kommunikativen Kanäle nach wie vor um die Befreiung des Menschen durch die Wissenschaft und sie taten dies in einem höchst prekären politischen Kontext. Denn im Zuge der beiden Weltkriege standen besonders die Naturwissenschaften und ihr Autonomieverlust durch militärinduzierte angewandte Forschung unter der Beobachtung einer teilnehmenden, interessierten Öffentlichkeit, die den Wissenschaftlern Vertrauen entgegenbringen musste. Die französische Wissenselite in Paris bildete da keine Ausnahme. Vielmehr schien sie sich an den britischen Gentleman und seiner Wissenschaftsrhetorik anzulehnen. Nach dem Zweiten Weltkrieg stehen die Akteure in einem gänzlich anderen sozialen Netzwerk. Während die USA bereits 1951 einen ersten Schritt in Richtung der Institutionalisierung des populärwissenschaftlichen Feldes wagten, England sich erst in den 1980er Jahren um die Science Policy innerhalb der Oxford-Community kümmerte und Deutschland sich trotz mehrerer prominenter Sachbuchautoren wie Konrad Lorenz und C. W. Ceram keine Gedanken um eine akademische Institutionalisierung dieses intellektuellen Feldes machte, entstand durch den Franzosen Baudouin Jurdant als genuin französische Erfindung. Raichvarg und Jacques verweisen auf die Pionierarbeit des Amerikaners Robert J. Flaherty und seiner Dokumentation über den Elephant Boy (1934) und auf die wissenschaftliche Filmabteilung der UFA in Deutschland, die schließlich zu Propagandazwecken anderen Funktionen unterstellt war. Ebenso seien der italienische Dokumentarfilmer Roberto Omegna und der Engländer F. Martin Duncan, der für die Urban Trading Company kleinere Dokumentarfilme über mikrobiologische Organismen drehte, von großer Wichtigkeit für die theoretische und praktische Konzeption des neuen Popularisierungsmediums gewesen. 80 Weitere Wissenschaftler waren seinem Ruf gefolgt, auch wenn sie ihre intellektuelle Rolle als populärer Radiosprecher nicht so emporstilisierten wie Colomb-Christoph. Viele große akademische Popularisierer, die als Professoren am Collège de France oder aber in anderen wissenschaftlichen Institutionen in Paris tätig waren, erhoben ihre Stimme, um für die menschliche Seite der Naturwissenschaften zu plädieren. Darunter ist Paul Langevin, der über La valeur humaine de la science sprach, Léon Brillouin, Casimir Monteil, der Chemiker Georges Urbain, der Physiker Frances Ferrin, Henry Roger sprach über die Histophysiologie, Jean Rostand erzählte von der Prolongation de la vie grâce à la recherche scientifique und Jean Perrin hielt einen Radiovortrag über La libération de l’homme par la science (ebd., 235). STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 238 in den späten 1960er Jahren das theoretische Fundament einer ›vulgarisation scientifique‹.81 In seinem ersten einführenden Essay verwendet er die beiden literarischen Figuren Bouvard und Pécuchet und ihre naive Lektüre naturwissenschaftlicher Werke, die dazu führt, dass sie sich ein Wissen aneignen, dass ihnen vollkommen unzulänglich und daher auch unbrauchbar und äußerlich bleibt. Diese Art eines absolut ›lächerlichen Wissenschaftsverständnisses‹ müsste im 20. Jahrhundert endgültig abgeschafft werden (Jurdant 2009, 29), wobei er hier explizit auf August Comtes Verwendung des Begriffs verweist und auf die Geschichte der Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert, deren Reform einer »education universelle« Jurdant erst durch die Massenkommunikation in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erfüllt sieht (ebd., 30). Ebenso hätte bereits Fontenelle einen Schreibstil kultiviert, der zwischen Literatur und Wissenschaft vermittelt und auf diese Weise die Wissenschaft der schönen Sprache in eine schöne Sprache der Wissenschaft transformiert habe (ebd., 31). Um seine These zu untermauern, verweist Jurdant auf ein Zitat aus Michel Foucaults Les mots et les choses, in der er die Wissenschaft Fontentelles als eine exteriore, profane, als eine ›Doxographie‹ beschreibt, die sich zwischen dem Wissen (»savoir«) und der Sprache (»langage«) eingenistet habe und nun in Form der »littérature« ein vermittelndes Kommunikationssystem produziere. Die Definition von »savoir«, wie sie von Foucault formuliert wurde, wird von 81 Seine frühen Essays, die zwischen 1967 und 1973 entstanden sind, wurden 2009 unter dem Titel Les problèmes théoriques de la vulgarisation scientifique erneut von Roger Fougeres, dem Vizepräsidenten des Conseil regional Rhône-Alpes délégué à l’enseignement supérieur et à la recherche, verlegt. Baudouin Jurdant war bis 1997 Professor an der Universität Paris Diderot (Paris 7) und Mitglied der Groupe d’étude et de recherche sur la science d’université Louis Pasteur in Straßburg, die ein interdisziplinärer Zusammenschluss mehrerer Wissenschaftler war und unter der gemeinsamen Bewegung der Science and Technology Studies seit 1970 zusammen gefunden hatte, um über Probleme und soziale Zusammenhänge zwischen Naturwissenschaften und Öffentlichkeit zu diskutieren. Jurdant charakterisiert diese frühen theoretischen Überlegungen als übermütiges Jugendwerk, viele Passagen wirkten wie ›Zeichen einer wahrhaftigen Leidenschaft‹. Dennoch scheinen Jurdants frühe Überlegungen zur modernen ›vulgarisation scientifique‹ in der dritten Generation einige Aufschlüsse darüber zu geben, wie die intellektuelle Atmosphäre zwischen den Zwei Kulturen in Paris ausgesehen hatte. Denn während die späteren Klassiker und Exportschlager der postmodernen Literatur- und Philosophiekritik an ihren Werken schrieben, fokussierte Jurdant den Blick auf die Naturwissenschaftler und analysierte den Begriff der ›vulgarisation‹ mit den Mitteln, die ihm in Frankreich zur Verfügung standen: der Literaturkritik von Roland Barthes und Gérard Gennette. Seine theoretischen Fragestellungen standen damals unter dem Banner einer europäischen Mission zur Aufklärung der Öffentlichkeit über die Naturwissenschaften. FRANKREICH 239 Jurdant soziologisch gewendet, indem ein vereinheitlichendes Modell des Wissens den universellen Zugang aller gesellscahftlichen Schichten zur Wissenschaft garantieren soll (ebd., 32). Das Popularisieren eröffne daher einen äußerst reichen semantischen Konnotationsspielraum wie Übersetzung, Veränderung, Vereinfachung, Versetzung, Verständlichmachen, Integration, Bildung, Erschaffung, aber auch Untreue und Mystifikation (ebd., 34). Gerade aus diesem Grund sei es notwendig, aus dem transdisziplinären Zusammenschluss mehrerer humanwissenschaftlicher Disziplinen (Psychologie, Soziologie, Linguistik und Strukturalismus, Epistemologie, Ethnologie) dieses Phänomen näher zu beschreiben, zu untersuchen und Kriterien herauszuarbeiten, die ›vulgarisation scientifique‹ erkennbar machten (ebd., 36). Jurdant fasst das Projekt wie folgt zusammen (ebd., 37). Dabei ist sich Jurdant stets der eklektizistischen Gefahren bewusst, die ein derartiges inter- oder gar pluridisziplinäres Arbeiten begleiteten. Dennoch sei es notwendig, die Wechselbeziehungen zwischen der Popularwissenschaft (»vulgarisation scientifique«), der Literatur (»littérature«), der Wissenschaft (»science«) und der Sozialwissenschaften (»sciences sociales«) zu schärfen. Damit reagierte Jurdant schon sehr früh auf die »deux culture«-Debatte von Snow (ebd, 50ff.). Er gab jedoch auch zu bedenken, dass die Begriffe der »popular science« und »vulgarisation scientifique« keine monokausale Übersetzung erlaubten. ›Vulgarisation‹ sei zwar mit ›popularization‹ übersetzbar, aber nicht mit »popular science« gleichzusetzen, da letztere zwei Wissenschaften voraussetze: die Wissenschaft einer gelehrten Elite und eine Wissenschaft für die Leute (ebd., 33). Zum Vergleich zieht er die »social sciences« hinzu, die es zwar schon im 19. Jahrhundert gegeben habe, die aber kein Resultat einer »socialization of science« sei. Eine Sozialisierung der Wissenschaft korrespondiere eher mit dem Projekt von Fontenelle. Jurdant setzt hier also popularization / socialization mit ›vulgarisation‹ gleich und verteidigt damit seine Position, dass das ›vulgarisée‹ immer schon ein integraler Bestandteil der Wissenschaften selbst sei. Zunächst geht Jurdant von einem monodirektionalen Gefälle des Wissens aus, das die profane Welt der Massen von der sakralen Welt der Elite trenne. Die damit einhergehenden Stereotypisierungen stellt Jurdant in einer Tabelle zusammen, die den »savant« dem »homme de la rue«, den »conducteur isolé« der »masses«, den »aristocrate du savoir« dem »prolètaires de la connaissance« gegenüberstellt (ebd., 46f.). Diese Einteilung solle gerade den Abgrund zwischen der Welt der Wissenschaft und des alltäglichen Lebens verdeutlichen (ebd., 56). Dem einfachen Diffusionsmodell des Wissens zufolge, das später auch im Bodmer-Report auftaucht, ist und bleibt die Quelle der Information der Wissenschaft, die vom ›vulgarisateur, émetteur du message‹ zum ›récepteur, le STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 240 profane‹ transportiert werde. Die Botschaft (»message«) werde in einem Zwischenraum zwischen der »langage scientifique« und dem »répertoire du récepteur« erstellt, zwischen denen wiederum das »répertoire de l’émetteur« auf der Ebene der »vulgarisation scientifique« interveniere (ebd., 66). Ein wesentliches Problem bei dieser Transmission entstehe jedoch bereits dadurch, dass der Wunsch, überhaupt etwas wissen zu wollen, transportiert werden müsse, dieses jedoch durch das eindimensionale Kommunikationsmodell in keinster Weise abgedeckt sei (ebd., 70). Dies sei gerade der blinde Fleck der ›vulgarisation scientifique‹, um den Wunsch nach Wissen zu befriedigen, müsse zunächst einmal der Wunsch danach geweckt werden. Die Stratifikation der Bevölkerung gliedern die Wissenschaftler der ›vulgarisation scientifique‹ wie folgt, in »savant« (Universität), »l’homme scientifique dégrossi« (Ingenieur), »l’autodidacte« (glaubt Teil der Scientific Community zu sein), »le profane« (besitzt eine kulturelle Bildung, Künstler), »l’homme de la rue« (der Arbeiter mit einem niederen Schulabschluss) und schließlich »l’enfant« (ebd., 82f.). Jede dieser Gruppen wird einer populärwissenschaftlichen Zeitschrift zugeordnet, anhand derer man ihre Leserschaft bestimmen und den Grad der ›vulgarisation‹ auf einer Skala von »très bon« bis »très mauvais« bestimmen kann, wobei die oberste Stufe allein der reinen intrawissenschaftlichen Kommunikation zwischen den »savants« zugesprochen wird (Zeitschriften wie Atomes, Sciences et Avenir oder Science et vie, die auch für die technischen Ingenieurberufe geeignet seien, werden mit dem Prädikat »bon« ausgezeichnet). Auf den unteren Stufen »moyen« bis »très mauvais« rangieren L’Ami de Animaux, Guérir und Médicus ou Médicine (ebd., 84f.). Zum einen ist gänzlich unterverständlich, warum man auf der horizontalen Ebene die Qualität der ›vulgarisation‹ nach den Maßstäben der intrawissenschaftlichen Kommunikation des akademischen Feldes bemisst, wenn man doch davon ausgeht, dass ›vulgarisation‹ eine Übersetzungsarbeit leistet. Der horizontale Vergleich birgt gerade die Gefahr, dass aus der normativen Einschätzung der »qualité scientifique«, »qualité pédagogique« und »qualité d’édition« auf der vertikalen Ebene ein normativer Vergleich der gesellschaftlichen Schichten resultiert, nämlich das der ignorante »l’homme de la rue« aufgrund seines Bildungsniveaus nichts anderes verdiene als eine ›très mauvaise vulgarisation‹. Das ist Jurdant nicht entgangen. Aus diesem Grund kritisiert er auch, das man überhaupt anstreben wolle, die pädagogische Effektivität populärwissenschaftlicher Lektüre zu kontrollieren. Dies sei allein schon dadurch nicht möglich, weil die ›vulgarisation‹ in einem absolut heterogenen Raum stattfinde (ebd., 87). Dementsprechend kritisiert er auch die Annahme, die ›vulgarisation‹ bewirke ein Aktiv-Werden der Öffentlichkeit, denn es sei immer noch eine »autorité pédagogique«, außerdem sei die ›vulgarisation‹ FRANKREICH 241 gleichzeitig ein wesentlicher Bestandteil des Exkludierungsprozesses des Profanen (ebd., 144). Nach wie vor sei der Profane ein Gefangener in der Alltagswelt wissenschaftlicher Mythen, die dem Fortschritt huldigten. Die wissenschaftliche Mythenbildung bzw. die Funktion der ›vulgarisation scientifique‹, Narrative der Naturwissenschaften aufzubauen, die sie mit der sozialen Umwelt verbinden, sei einerseits notwendig, andererseits signalisierten gerade solche Narrativierungstendenzen, dass die sakrale Welt der Laboratorien für die Profanen unzugänglich bleibe (ebd., 139). Darüber hinaus sei eine ganz wichtige Position innerhalb dieses Feldes vergessen worden, nämlich diejenige der Akteure, die Angebot und Nachfrage regulierten: die »editeurs« der französischen Verlagswelt, die nicht so sehr durch ein pädagogisches, als durch ein ökonomisches Interesse geleitet werden (ebd., 93). Sowohl für die Verlagswelt als auch für das journalistische Feld gelte die ›vulgarisation scientifique‹ seit jeher als »genre littéraire« (ebd., 151) und behaupte sich nicht als unabhängiges Genre, wie das im angloamerikanischen Raum der Fall sei. Aus diesem Grund unternimmt Jurdant den Versuch, eine strukturalistische Literaturkritik auf populärwissenschaftliche Texte anzuwenden (ebd., 153).82 Ihm schwebte eine Literaturkritik vor, die im Sinne von Todorov, Barthes, Kristeva und Starobinski etabliert werden sollte, um die Texte der ›vulgarisation scientifique‹ zu beschreiben und zu analysieren (ebd., 159). Die ›vulgarisation‹ gehorche zwar literarischen Regeln, dennoch unterscheide sie sich von der Fiktion, denn diese sei darauf aus, Wahrscheinlichkeiten auszudrücken, während die ›vulgarisation‹ darauf aus sei, die objektive Wahrheit auszusagen. Nur unter dieser rezeptionsästhetischen Bedingung sei es überhaupt möglich von der ›vulgarisation scientifique‹ als einem ›genre littéraire‹ zu sprechen. Eine andere wichtige literaturtheoretische These stellt er in Bezug auf das Autor-Ich auf. Hierzu lehnt er sich an die Ausführungen Jean Starobinskis zur Autobiographie an (ebd., 160ff.). Die emphatische, autoreferentielle Funktion des Ichs in beiden Textgenres sei höchst prekär, denn er könne für das Gesagte zur Verantwortung gezogen werden (ebd., 161f.). Weil der Wissenschaftler als Experte immer nur impersonales Wissen transportiere, sei es schwer eine autorative Ich-Figur zu etablieren, die für das Gesagte einstehe. Die Autorität der populärwissenschaftlichen Autor-Figur käme daher allein dadurch zustande, dass ein 82 Einige solcher Analysen präsentiert Jurdant am Beispiel einiger Artikel aus Science et Vie (1969), indem er verschiedene Schreibstile miteinander vergleicht und zu dem offensichtlichen Schluss kommt, dass sich viele stilistische Überschneidungen ausmachen lassen, sodass man davon ausgehen muss, dass der Schreibstil weniger vom Autor, als von dem Genre selbst abhängt (ebd., 170). STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 242 heimliches ideologisches Einverständnis zwischen Autor und Leser geschlossen werde, um die Forderung nach ihrem pädagogischen Nutzen einzulösen, die Kommunikabilität wissenschaftlicher Ideen zwischen den Menschen auf verschiedene Art und Weise zu verbessern (ebd., 91). Wodurch jedoch kommt der »effet de savoir« zustande, wenn nicht durch das sprechende Autor-Ich? Jurdant schlussfolgert, dass der populärwissenschaftliche Text seine Autorität durch die wissenschaftliche Fachsprache selbst erhält, und nicht durch das Subjekt, das die Rede hält (ebd. 166). Aus diesem Grund sollten auch Vereinfachungen im Text so sparsam wie möglich verwendet werden, damit der Faden zu den wissenschaftlichen Spezialdiskursen erhalten bleibe. Die doxographische Kraft des populärwissenschaftlichen Sprechens, die sowohl »verfälscht« als auch »wahr« sei, demnach also ein falsches Bewusstsein bei seinen Lesern etablieren könne, müsse durch die Autorität der intrawissenschaftlichen Begriffe gebändigt werden. Dem singulären, persönlichen »je« käme in der ›vulgarisation‹ eine andere Funktion zu, nämlich dem irreversiblen Fortschrittsgedanken der »LA SCIENCE« auf der Ebene der Doxa Stabilität und Permanenz zu verleihen, der Stil wiederum habe die Aufgabe, die Neugierde auf diese Stabilisierungstendenzen zu wecken und zu steigern und zwar auch im Hinblick auf die Multiplikation der Probleme, die aus einem solchen Stil resultieren könnten. In diesem Sinne sei die ›vulgarisation scientifique‹ der historischen Epistemologie der Naturwissenschaften nicht unter-, sondern nebengeordnet (ebd., 167). Gemäß Thomas Kuhns Interpretation, dass die Wissenschaft in das Stadium ihrer eigenen Geschichtlichkeit eingetreten und nun im Stande sei, über sich selbst zu reflektieren und ihren Erkenntnisprozess zu re evaluieren, müsse man sowohl der »littérature de vulgarisation« als auch die »philosophie des sciences« zusammendenken (ebd.). Aus diesem Grund charakterisiert Jurdant die Bewegung der ›vulgarisation‹ als einen Ort, in dem die Wissenschaft nach Bedeutung, Wissen und ihrem Gegenstand sucht (ebd., 175). Sie sei nicht nur eine Übersetzung, eine Transposition zwischen dem Exo- und Esoterischen, nicht also bloß ein ein Abgrund zwischen dem Wissenschaftlichen und dem Nicht-Wissenschaftlichen, sondern sie spreche den Sinn der Wissenschaft aus, das heißt, dass sie nicht nur den Diskurs, den sie über die Welt hält, in ein System des Sinns transpositioniert, sondern die Vermittlung der Beziehung zwischen dem Menschen in der Welt regelt. Erstaunlich an Jurdants Ausführungen ist, dass er auf Jacques Derrida zurückgreift, um die Beziehung von »l’écriture« und »science« in Bezug auf den Begriff der ›vulgarisation‹ zu erläutern. Er betont, dass die Wissenschaft der Schrift die transzendentale Bedingung von Wissenschaftlichkeit überhaupt sei (ebd., 176). Baudouin Jurdant instrumentalisiert den philosophisch-literarischen Gestus Derridas, der später zum FRANKREICH 243 postmodernen Slogan der Literaturwissenschaften werden sollte, um die ›écriture‹ in die ›vulgarisation‹ zu transformieren. Demnach wird die französische ›vulgarisation scientifique‹ in Frankreich als transzendentale Bedingung von Wissenschaftlichkeit verstanden. Nun wird auch deutlich, warum die historischen Epistemologen und Akteure der ›sciences humaines‹, wie beispielsweise Michel Serre, als ›vulgarisateurs scientifiques‹ gelesen werden, denn die Art und Weise, wie Jurdant in den 1960 und 1970er Jahren in Frankreich über Populärwissenschaft gesprochen hatte, fiel mit dem Sprachgestus einiger historischer Epistemologen zusammen.83 Baudouin Jurdants Überlegungen aus sieben Jahren theoretischer Forschung von 1967 bis 1973 zum Problem der Popularisierung in Frankreich unter der politischen Agenda des Conseil de l’Europe (Unesco), deren Vizepräsident in der Kommission zur Historischen Entwicklung der Wissenschaften und der Kultur Julian Huxley war, verabschiedete die soziale Funktion der Human- und Sozialwissenschaftler, die auf ihren akademischen Lehrstühlen hockten und von der Kanzel aus ihr Wissen predigten. Ihre »socialisation de la science« stelle keine wirkliche Verbindung zum Außen her. Sie installiere höchstens einen semantischen Ort, in dem sich einige Männer als Vertreter einer wissenschaftlichen Wahrheit etablierten, um ihr Verständis von Humanität zu lehren, die Andere ausschloß (ebd., 197). Die ›vulgarisation scientifiques‹ sei das genaue Gegenteil davon: eine Operation, wodurch die Wissenschaft zu einer Suche des Menschen wird, die ihm die nicht-wissenschaftlichen Garantien dafür liefern kann, was Wissenschaft tatsächlich ist (ebd., 186) und umgekehrt ist der ›vulgarisateur‹ ein Mensch auf der Suche nach einer Wissenschaft, die ihm wissenschaftlich garantiert, dass er ein Mensch ist (ebd., 190). Die Jugendlichkeit dieser aufrührerischen Manifestprosa, die versucht, dass Problem der ›vulgarisation scientifique‹ theoretisch zu fixieren, wird in einem Nachtrag, der 83 Michel Serres verwendete selbst den Begriff der ›vulgarisation‹, um seine Tätigkeit des Kommentierens der Wissenschaft als Kommunikation zu beschreiben, als eine Art der Übersetzung, die die technische Fachsprache (»langage technique«) in eine »langage commun« übertrage. Dies sollte zur modernen Funktion des Götterboten Hermes werden. Wissenschaft schreiben bedeute, sie im Schreiben zu leugnen. Das ist das, was ein populärwissenschaftlicher Schreibstil in Frankreich will. Nicht mehr und nicht weniger. Und aus diesem Grund ist es umso schwieriger, innerhalb der Literaturwissenschaften (und der Philosophie) über Populärwissenschaft mit den eigenen zur Verfügung stehenden Mitteln zu sprechen, weil unser eigenes methodologisches Spektrum und unser Theoriekanon, der unter anderem von französischen Intellektuellen der ›sciences humaines‹ entlehnt ist, mit diesem Diskurs zusammenzufallen droht. STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 244 der Ausgabe von 2009 unter dem Titel La circulation culturelle des savoirs hinzugefügt worden ist, rhetorisch herunter geschraubt. Jurdant hält an einer ernüchterten Version seines früheren Diktums fest und versucht im Zuge der von Bruno Latour und Steve Woolgar entstandenen anthropologischen Feldstudien zur wissenschaftlichen Laborarbeit, die Akteure der Wissenschaftspopularisierung und ihres Aufgabenspektrums von der Arbeit der Humanwissenschaftler zu trennen. Die ›vulgarisation‹ bleibe weiterhin eine »oralisation« der »écriture scientifique, de mis en paroles du savoir des sciences« (ebd., 243), die dem Menschen einen zentralen Platz im »dispositif«, das das Funktionsgefüge der »technosciences« leite, auch weiterhin einräumen müsse. Au- ßerdem kritisiert er jene »vulgarisateurs«, die darauf aus seien, über die Vermittlung ihres Bildes der Realität irgendeine Wahrheit zu etablieren, die kaum zufriedenstellend sei. Gerade sie seien es, die als neue Ideologen ihren Aufgabenbereich als Popularisierer überschritten hätten (ebd., 244). Andererseits hält er den Humanwissenschaftlern vor, dass sie gerade aufgrund ihrer »libido sciendi« und durch ihre akademische Nähe zu den exakten Naturwissenschaften in einem Ressentiment-Verhältnis stünden, der verhindere, dass sie ihre unproblematische Wissenschaftlichkeit genießen könnten (ebd., 244f.). Ihr Wunsch nach Wissenschaftlichkeit mache sie zu Gefangenen ihres eigenen Standes. Als Gefangene ihrer libido sciendi, die er als »étrange privilège« beschreibt, bezeichnet er jene Akteure, die nicht vergessen könnten, dass die Regeln und die Strenge ihrer Methode auf ihrem eigenen ›wissenschaftlichen Gerichtshof‹ formuliert worden sei, den sie nun aufgrund der finanziellen Schieflage an den Universitäten angriffen, um den Streit der Zwei Kulturen unter ihren Kurs zu bringen. Jurdant schlägt vor, dass sich die Humanwissenschaftler mit den Akteuren der Wissenschaftspopularisierung verbinden, um eine gemeinsame ›association‹ in die Wege zu leiten (ebd., 245). Hier sieht er bereits Latours wissenschaftsanthropologisches Projekt angesiedelt, das auf dem »communauté des anthropologues« einen transdisziplinären Dialog einleite, der nicht unter einem potentiellen Ideologieverdacht stehe, wie die ›vulgarisation scientifique‹. Ihre Aufgabe müsse nun transdisziplinär neu formuliert werden, um die Funktion der Wissenschaften in der Gesellschaft neu zu überdenken. 245 4. USA: The Birth of a Nation on the Shoulders of the Men of Science Die Popularisierungsbegwegung in den USA war Produkt des historischen Kampfes zwischen Wissenschaft und »superstition«, der bis in die gegenwärtigen Auseinandersetzungen zwischen der Evolutionstheorie und dem Kreationismus reicht (Burnham 1987). Daher verstand man unter Popularisierung des Wissens vor allem eine Aufklärungsarbeit in der Bevölkerung voranzutreiben. Popularisieren funktionierte wie ein Fehlerdetektor und Korrekteur, wo immer sich ein falsches Bewusstsein herausbilden wollte. »Popularizing by correcting« war die Devise, die nicht erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts einsetzte. John Burnham sieht in Sir Thomas Brownes Werk Pseudodoxia Epidemica (1646) den ersten Versuch, diese Devise in die Tat umzusetzen, zumal es einer der ersten Werke waren, die erstmals in englischer und nicht lateinischer Sprache erschienen waren. Als Nachfolger des Projektes einer Aufklärung der Pseudodoxia Epidemica etablierte sich der Schotte Thomas Dick mit seinem Werk On the improvement of society by the diffusion of knowledge (1833). Was also in Deutschland als Aufklärung durch die Programmatik der kritischen Philosophie Kants gesehen wurde und im deutschen Idealismus seinen Ausdruck fand, wurde in England und durch die Kolonialisierung auch auf der nordamerikanischen Halbkugel als Popularisierung verstanden, als ein Kampf gegen religiösen Dogmatismus (ebd., 25). Allerdings gab es ein wesentliches Problem: Die ›diffusor of knowledge‹ bekämpften Feuer mit Feuer, ihre Wissenschaftsrhetorik speiste sich aus derjenigen ihrer Feinde, den Evangelikanern. Damit machten sie die Wissenschaft zur Ersatzreligion (ebd., 23). Diese Wandlungen hängen mit der in England 1827 gegründeten Society for the Diffusion of Useful Knowledge durch Henry Brougham zusammen, »a radical lawyer who was to be Lord of Chancellor in the reforming Whig government of 1830« (Feather 1988, 156). Der Herausgeber und gleichzeitig auch Autor der Bände, die unter dem Titel Library of Useful Knowledge erschienen sind, war ein »self-educated working man« namens Charles Knight, dessen Lebensweg die Geschichte des erfolgreichen Autodidakten und Geschäftsmann als ›self-made man‹ widerspiegelte. Die ersten Bände, die eine Reihe von wissenschaftlichen Themen als auch praktisch anwendbares Wissen vermittelten, wurde je Stück 30,000 mal verkauft. Charles Knight expandierte mit diesem Projekt und schuf im Anschluss die Library of Entertaining Knowledge, die ein sehr heterogenes und zerstückeltes Wissen anbot. Auch wenn aus finaziellen Gründen die Produktion eingestellt werden musste, wurde durch diese Einführung von Literatur ein neuer Markt geschaffen und mit ihm auch ein neues Genre. Schon STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 246 bald jedoch begann sich auch in den academic capitals der USA ein Spezialistentum herauszubilden, sodass man immer stärker eine Grenze zwischen den sozialen Rollen der professionellen ›scientists as researchers‹ und den ›popularizers‹ ziehen musste. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts sah dies jedoch noch anders aus. Das hing damit zusammen, dass es nur eine kleine Anzahl von Forschern gab, die von der Wissenschaft leben konnten (Burnham zählt ca. 21 Männer der Wissenschaft). Die Hegemonie der englischen Kolonialherren war noch zu groß. Amerikanische Wissenschaftler waren größtenteils auf die englischen Reviews angewiesen, um sich die neuesten Informationen der Wissenschaft anzueignen. Aufgrund des noch nicht herrschenden internationlen Copyright-Rechts wurden oft geraubte Exemplare unerlaubt als Reprint in Umlauf gebracht. Auch für die späteren Ausgaben der Popular Science Monthly schrieben hauptsächlich englische Autoren. 1804 verzeichnete man nur 20 Lehrbücher, die oft technologischen und agrarkulturellen Inhalts waren. Man sprach um 1800 daher eher vom »science worker« als vom Vollzeitwissenschaftler. Dadurch konnte man sie nur schwer von den Popularisierern unterscheiden. Erst im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts mit dem expandierenden Buchwesen, dem Wachstum der Bevölkerung und den Institutionen (Schulen etc.) wuchs auch der Bedarf nach wissenschaftlicher Literatur. An dieser Schnittstelle kristallisierte sich der Begriff der »man of science« heraus, ein Verteidiger traditioneller Werte der »high-culture«, die in der Wissenschaft eine neue Kultivierungspraxis sah. Der deutsche Universalgelehrte fand im amerikanischen ›man of science‹ sein Pendant, der jedoch auch ein Leser popularisierter Wissenschaft war. Seine wissenschaftliche als auch moralische Überlegenheit (»moral superiority«) war immer schon an die mediale Plattform der Presse geknüpft, besonders aber an die Zeitschrift Popular Science Monthly, in deren Programmschrift es heißt, »its leadership is recognized in the great work of liberalizing and educating the popular mind« (zit. n. Burnham ebd., 30). Der ›popular mind‹ sollte Teil der ›intelligentsia‹ werden: »Americans with these aspirations, then, were the chief popularizers in the nineteenth century and into the twentieth century, people who brought reason to all aspects of life and who later were part of the intelligentsia who tried to live the life of the mind« (ebd., 31). Doch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts musste sich der ›man of science‹ – ähnlich wie in den Industrienationen Europas – ganz klar von seiner Popularisierungsaufgabe lösen und sie anderen Akteuren überantworten. Professionelle Popularisierer begannen damit, die Forschung der professionellen Wissenschaftler zu interpretieren (»interpret«) und zu übersetzen (»translate«). Beide Begriffe ließen sich sowohl im Popular Science Monthly als auch später in den Ausgaben des Science News Letters auffinden. Sie waren USA 247 gleichzeitig auch die Synthetisierer des Wissens, die das Spezialwissen der praktizierenden Forscher für das Laienpublikum zusammenfassten (ebd., 34). John Burnham unterscheidet daher zwischen »popularized science« und »pop science«. Diese semantische Differenz spiegele die Stratifikation der Bevölkerung wider. ›Popularized science‹ ziele auf die gebildeten (»educated«) Bevölkerungsschichten. ›Pop‹ oder auch ›folk science‹ hingegen galt als Unterhaltung für die breite, mobile und literale Bevölkerung. Da es keine wirklich strikte Trennung zwischen einer gebildeten Mittel- und Oberschicht gab, konnten die amerikanischen Popularisierer beide Bevölkerungsschichten gleichzeitig erreichen (»American popularizers could aim low as well as high and still be popularizing«). Das hing zum einen damit zusammen, dass selbst noch im späten 19. Jahrhunderte Elemente der ›folk science‹ in der ›hard science‹ erkennbar waren (ebd., 35). In den USA erschufen öffentliche Vorlesungen, die Presse und das Verlagswesen mit ihren Büchern einen »general intelligent reader«. Das Verlagswesen selbst war jedoch eher an einer Diversifikation des Buchmarktes interessiert. Dieser war sowohl Produkt der sich verändernden, stratifikatorischen Verhältnisse als auch ihr Beschleuniger. Parallel hierzu verlief ähnlich wie in den anderen Industrienationen die Professionalisierung des journalistischen Berufes. Burnham spricht in diesem Zusammenhang von einem »substantial upgrading of popular science« (ebd., 37). Auch die aufkommenden »Yearbooks« spiegelten eine Funktionsverschiebung in der Popularisierung wider, die sich hin zu einer »simplification«, »translation« und einem »keeping up« bewegte. Diese Entwicklungen begünstigten zwei weitere Prozesse: die Ausweitung des »cultural lag«, da man unterschiedliche Öffentlichkeiten für unterschiedliche Genres der Popularisierung erschuf (»different publics for any particular item of popularization«) und die Kultivierungsspirale des Wissens (ebd., 39). Die ersten amerikanischen Lehrbücher wendeten sich gleich an mehrere unterschiedliche Lesermilieus: Schüler, Sudenten, gelehrte Erwachsene (z.B. in Disziplinen wie der »natural history« und der Physik). Ein erster Aufschwung der Popularisierung kam mit dem Magazin Scientific American, das heute immer noch verlegt wird und in Europa eigene Ableger hat. Es formte Grundlagenwissen der Lehrbücher so um, dass es sowohl praktisches und angewandtes Wissen vermittelte und sich daher vor allem an die Mechaniker und Ingenieure richtete: Es trug zur ersten Professionalisierung der Amateurwissenschaften bei.84 Der Aufbau des Bildungssystems war auf dem Vormarsch: Colleges wurden in Harvard, Yale und im Rest des Landes etabliert. Der Aufbau 84 Weitere Magazine schlossen sich diesem Trend an: North American Review, American Monthly Magazine and Critical Review, American Journal of Science and Arts, aber auch American Journal of Microscopy und Popular STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 248 eines Curriculums zu den Classical Arts wurden in den 1820er Jahren initiiert und in die High-Schools wanderten die Laborwissenschaften ein, allerdings ohne das hierfür zuständige professionelle Lehrpersonal.85 Die zweite Phase war durch eine stärkere wechselseitige Interaktion von Amateuren und Wissenschaftlern gekennzeichnet. Die Amateurgruppen wurden im ganzen Land mobilisiert. Zu Beginn des Jahrhunderts unterschied man nur zwischen »amateur« und »full-time amateur«, doch mit der stärkeren Differenzierung der beiden Gruppen ging auch eine stärkere Kooperation einher (ebd., 142). Es trat jedoch ein unverhoffter Nebeneffekt an, denn die Attraktivität des rein naturwissenschaftlichen Berufes im Labor nahm aufgrund der Veröffentlichung und Berichterstattung spektakulärer Experimente zu. Man entwickelte auf diese Weise einen regelrechten Enthusiasmus für Naturwissenschaften. Dieser Enthusiasmus trug jedoch immer das Etikett des »useful knowledge«. Eine Trennung zwischen angewandter und reiner Forschung wurde von dem interessierten Laien, der den Wunsch hatte, Wissenschaftler zu werden, nicht wahrgenommen. Die Grundbotschaft im Laufe des 19. Jahrhunderts lautete: »Knowledge, as such popularizers argued, then, was to bring happiness and social benefits alike in material, religious, and cultural terms«. Popularisierung wurde mit Modernisierung gleichgesetzt. Sie wurde zum Vektor für Innovation, Fortschritt und Verbesserung. Obwohl sich die amerikanischen Popularisierer von ihren englischen Vorbildern kaum unterschieden, gab es jedoch Science . Dadurch entstand ein Konkurrenzkampf zwischen den Printmedien. Das Buch war fixiert und stereotypisiert, während das Magazin fortschrittlich und up to date war, weil es schneller aktualisiert werden konnte. Rein wissenschaftliche Expertenmagazine, wie z.B. das Scientific Journal, überlebten nicht lange. Das Boston Journal of Philosophy & Arts etablierte sich dementsprechend in einem interdiskursiven und internationalen Netzwerk aller Disziplinen, um nicht nur das europäische Wissen zu verbreiten, sondern auf dem Rücken dieser Verbreitung sich selbst zu einer eigenständigen Wissenskultur zu entwickeln (ebd., 132). 85 Obwohl die »science instruction« bereits in den grammar schools gelehrt wurde, bestand die Lehre lediglich darin, dass Lehrbuch-Wissen strikt im Gedächtnis abzuspeichern, wie man den Katechismus auswendig lernt. Die ersten Popularisierungsstrategien findet man in den Almanachen, die angewandtes Wissen aus den »natural sciences« übersetzen oder Berichterstattungen aus dem akademischen Feld präsentieren (ebd., 140). Auch fand man dort Kommentare, Kritiker und Rezensionen wissenschaftlicher Themen, also bereits eine moderne Form des ›science journalism‹. USA 249 ein wesentliches Merkmal, das bei ihren Kolonialherren nicht auftrat: Sie besaßen ein »intense interest on self-improvement« (ebd., 150).86 Erst mit der dritten Phase kümmerten sich die ›men of science‹ selbst um die Popularisierung ihres Standes und ihres Wissens. Sie hielten Vorlesungen, schrieben Bücher und publizierten. Parallel hierzu versuchten sie sich stets von den Journalisten und den Amateuren abzusetzen, wobei die Popularisierung ausschließlich von ihnen praktiziert werden sollte (ebd., 152). Amateure wurden immer mehr zu Angehörigen des journalistischen Feldes und mit Beginn der »yellow press« wurde dieser Berufsstand von den Wissenschaftlern als höchst prekär eingestuft. Und das nicht zu Unrecht, denn der Wissenschaftsjournalismus entwickelte sich gerade in den USA rasend schnell. Sie plädierten für die »news« und »events« der Wissenschaft für die Öffentlichkeit: »They competed against the evangelizing of the men of science as they tried to answer the demand of the public for science« (ebd., 159). Die Gründung der American Association for the Advancement of Science (1848) und die Gründung der Agassiz Association (1875), die ausschließlich Mitglieder der scientific community aufnahmen, verstärkten die institutionelle Trennung zu den Amateuren und Journalisten, denen solche Organisationen zunächst fehlten, um ihr Ansehen in der bürgerlichen Kultur zu erhöhen. Auf der anderen Seite jedoch waren die Wissenschaftler selbst vor viel größere Aufgaben gestellt, nämlich der Integration des neuen Laborwissens in Lehrbücher, um über die Laborpraxis in Schulen, Colleges und Universitäten zu informieren, aber auch um neue Naturwissenschaftler für die Eliteuniversitäten, wie zum Beispiel Harvard zu gewinnen (ebd., 158).87 Zwei wichtige Akteure dieser intellektu- 86 Aus diesem Glauben leitet sich auch der Aufstieg pseudo-wissenschaftlicher Konzepte ab, wie der Mesmerismus, der Spiritualismus, die Phrenologie und schließlich zu Beginn des 20. Jahrhunderts die »health popularization«. Der Wissenschaftshistoriker Michael Hagner merkt an, dass der Begriff der »pseudo science« im 19. Jahrhundert gebräuchlich war, um als Label für häretische Meinungssysteme aufzutreten, die sich gegen die Orthodoxie auflehnten. Im 20. Jahrhundert sei dieser Begriff zwar noch in einigen Fällen anzutreffen, so beispielsweise in totalitären Staatssystemen, in denen die Autonomie des wissenschaftlichen Feldes nicht gewährleistet sei, doch mit Beginn der philosophischen Disziplin der Wissenschaftstheorie und der Kriterienliste für Wissenschaftlichkeit, die Karl Popper und Thomas Kuhn erstellt hatten, sei dieser Begriff verschwunden, sodass es nicht mehr möglich sei von einem grand récit der Pseudowissenschaft zu sprechen. Man könnte sogar behaupten, dass aus kuhnscher Sicht, die Geisteswissenschaften als Pseudowissenschaft zu betrachten seien (Hagner 2008, 23ff.). 87 Erst später sollte sich auch hier eine Trennung von Lehre und Forschung abzeichnen. Fortbildungsschulen wurden zum Ende des Jahrhunderts hin bereits geschlossen, weil die Lehrer einen immer höheren Bildungsgrad erreichten. STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 250 ellen Tätigkeit sollen an dieser Stelle paradigmatisch aufgeführt werden: Herbert Spencer und William James, deren semantische Kämpfe über die populäre Rezeption Charles Darwins in den USA verlief.88 Harvards damaliger Universitätspräsident John Fiske, ein Chemiker, verwendete in seiner Wissenschaftspolitik wie auch in seinen Vorlesungen August Comtes Positivismus-Lehre und Herbert Spencers Schriften zur Psychologie, Soziologie und Biologie als theorieleitende Gewährsmänner eines auf naturwissenschaftlichem Wissen gegründeten Selbstbewusstsein. Es waren vor allem die Bücher von Herbert Spencer, die zum amerikanischen Sozialdarwinismus führten (Hofstadter 1959).89 Spencers Aufstieg begann mit der langsamen Etablierung des Pragmatismus durch William James und John Dewey. In diesem philosophischen Kontext veröffentlichte er seine Synthetic Philosophy, die mit Beginn der Später wurde auch die Lehrbuchproduktion von Lehrern übernommen. Dennoch fühlten sich die »men of science« mit ihrer Aufgabe als Popularisierer zutiefst verbunden (ebd., 163). 88 Durch die Anbindung an die populäre Presse zirkulierte die Theorie und die Berichterstattung der Vorlesungen ihrer amerikanischen Wortführerer in allen großen Tagungszeitungen und »popular magazines«, darunter auch im Popular Science Monthly . Der große Internationalisierungsschub der Evolutionstheorie kam mit der Buchserie der International Scientific Series. Die Integration in die amerikanische Biologie erwies sich hingegen als sehr schwer, aufgrund der Herausbildung unterschiedlicher Denkkollektive. Zu ihren größten Gegnern im wissenschaftlich-akademischen Feld zählte der Schweizer Zoologe Louis Agassiz. Sein stärkster Befürworter war Asa Dray, der die Evolutionstheorie mit der Religion in Einklang brachte (Hofstadter 1959, 17f.). Erst in den 1870er Jahren wurde die Evolutionstheorie zum Common Sense der scientific community in den USA unter der institutionellen Konsekration durch die American Association for the Advancement of Science . Die Förderung vor allem naturwissenschaftlicher Spezialisierung brachte den Aufbau von Industrie und Agrarkultur voran (ebd., 19). Bereits in ihren frühen Anfängen wurde naturwissenschaftliches Forschen als angewandtes Forschen verstanden, das zum gesellschaftlichen Wohlstand des Staates beitragen sollte. 89 So fanden seine Ideen auch bei dem Universitätspräsidenten von Yale, William Graham Sumner, Anklang. Sumner spielte sein Rolle als Puritaner mit protestantischen Wurzeln und verteidigte die Doktrinen der klassischen Ökonomen und der natürlichen Selektion von der Kanzel und vom Lehrstuhl. Sein Hang zum Moralisieren sei seinem Schreibstil eigen gewesen und er verstand es wie kein anderer, die Popularisierer zu popularisieren. Seine symbolische Macht als Akteur des wissenschaftlich-akademischen Feldes übertrug er auf das politische Feld seiner Zeit. Als politischer Funktionär und wissenschaftspolitischer Administrator einer Ivy-League-Universität bezeugte er in seiner Person, dass das Ökonomische alle sozialen Felder durchfließt, und mittels der populären Presse konnte er diese Macht auch außerhalb der elitären Baumdiskurse ins moralische Kapital transferieren (ebd., 65). USA 251 1860er Jahre in New England rezipiert und durch die Presse popularisiert wurde.90 Angelehnt an die Zusammenführung und Integration des Wissens zu einem einzigen monolithischen Denksystem, wie es bereits in Frankreich durch August Comte initiiert worden war, ging auch Spencer von Astrologie zur Biologie, von der Biologie zur Soziologie und von der Soziologie zur Psychologie über. Durch die Übertragung der Evolutionstheorie auf die Gesellschaft konnte dieser große Bogen über alle Disziplinen gespannt werden. Spencer verstand die Gesellschaft als sich selbst optimierendes System (Lamarck) und zwar durch soziale Selektion (Darwin) (Mangardi 2011, 32). Gerade das Aufkommen der Bevölkerungsstatistiken galten ihm als Anreiz zur Verteidigung des laissez faire-Staates und der Einführungen einer natürlichen Ethik, die auf biologischen Gesetzen beruhte. Der ethische Prozess werde durch die Adaption an unterschiedliche Lebensbedingungen vorangetrieben. Dadurch werde das Böse gleichsam von selbst aus der Welt geschafft. Spencers Optimismus war ungebrochen: Er glaubte an die Perfektion der menschlichen Gesellschaft, der Staat dürfe nur so wenig wie möglich eingreifen. Als Wohlfahrtsstaat diene er nun den Armen und werde nur akzeptiert, weil er als Effekt auf den Altruismus der Fittisten interpretiert wird (Hoffstadter ebd., 40ff.). Eines seiner großen Hauptwerke Principles of Sociology wurden zuerst im Popular Science Monthly in vierzehn Teilen unter dem Titel The Study of Sociology veröffentlicht, um nicht nur eine möglichst große Leserschaft für seine Ideen zu gewinnen, sondern um die Theorie der Gesellschaft zu einer Theorie für die Gesellschaft auszugestalten.91 Der erste 90 Sein Habitus entsprach dem der »lower middle-class«, eines Non-Konformisten, der stets Kontakt zu den philosophischen Anarchisten des Economist suchte. Spencer bekam die Anstellung beim Economist aufgrund persönlicher Kontakte. Der Economist selbst sah Spencer eher als entbehrlichen Journalisten an, der nur aufgrund von persönlichen Beziehungen seine Position ergattern konnte (Mangardi 2011, 14). Es waren diese persönliche Freundschaften, die er pflegte und die ihn zum Erfolg führten, weil diese Freunde gleichzeitig die Kritiker seiner Werke waren (ebd., 16). Allerdings verließ Spencer 1853 den Economist aufgrund einer Erbschaft, die ihm sein verstorbener Onkel und Ersatzvater hinterließ. Mit einer Summe von rund 500 Pfund, was damals eine beträchtliche Menge war, konnte sich der junge Spencer dem freien Studium und dem Müßiggang des freien Denkers widmen. Seinen Ideen, so Hofstadter, könne man die Signatur der englischen Industrialisierung geradezu ablesen: »Spencer’s system was a convinced in and dedicated to an age of steel and steam engines, competition, exploitation, and struggle« (ebd., 35). 91 Die Publikation in einer populären Zeitschrift hatte jedoch noch eine andere soziale Bedeutung für Spencer, denn sein amerikanischer Gönner war kein anderer als der Gründer der Popular Science und der International Scientific Series, Edward Youman. Auch hier war es die persönliche intellektuelle STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 252 Teil erschien im Mai 1972, indem der Redner verkündete, dass dem ›scientific men‹ des 19. Jahrhunderts der Blick fehle, das Größte mit dem Kleinsten zu verbinden, obwohl die Einzeldisziplinen jeweils auf ihre eigene Art und Weise der Erkenntnisproduktion Prinzipien erarbeitet hätten, die eine kosmologische Zusammenschau lebendiger und nicht-lebendiger Prozesse ermöglichten (Spencer 1872, 5). Die Wissenschaftler müssten nun ihr Bewusstsein dafür schärfen, dass diejenigen Energien, die das zerebrale System steuerten, sich auch in gesellschaftlichen Prozessen wieder finden ließen. Dieses Bewusstsein wolle er nun selbst schärfen. Im dritten Teil vom September 1972 beginnt er zunächst mit einigen Beispielen aus der Materienlehre der Physik und Chemie und wechselt dann zur Biologie (ebd., 513ff.). Schließlich wird im vierten und fünften Teil im Oktober 1972 der Vergleich zwischen der einzelnen Zelle im lebendem Körper mit dem Leben des einzelnen Bürgers im Gesellschafts-Körper gezogen (ebd., 642f.). ›The citizen’s life‹ wird in die Waagschale der freien Marktwirtschaft gelegt, in der er von wechselseitigen Abhängigkeiten umspannt ist, die von der kleinsten Zelle in seinem Körper zu seinem nationalen ›citizenship‹ reichen. Wie eine Pflanze oder eine bestimmte Tierart Produkt einer geokulturellen Lage sei, einer ökologischen Nische, so sei auch der Mensch von seinem biogeokulturellen Milieu nicht zu trennen. Für Spencer steht fest, dass jeder Bürger einer Nation seine förmlich prä-genetische Biogeographie in sich trage und von ihr sei er auch nicht zu trennen. Auf diese Weise könne aber auch die Soziologie niemals als eine von der Psychologie oder Biologie isolierte Wissenschaft betrieben werde. Gefordert sei daher eine transdisziplinäre Wissenschaft. Auf der evolutionären Stufenleiter gesellschaftlicher Entwicklung, die er dort entwickelt, sei die militante Phase, die industrielle, das Optimum, das eine Gesellschaft erreichen könne und zwar ohne die Regulation des Staates.92 Das Master-Narrativ des »absolute freedom of individual enterprise« wurde zum Gesetz der sozialen Evolution, deren Rhetorik sich erst zu Beginn der sogenannten »New Deal Ära« um 1900 mäßigen sollte.93 Es regten sich jedoch Beziehung zu einem Geschäftsmann der amerikanischen Verlagswelt, die Spencer die Grundlage schuf, das transatlantische Netzwerk zwischen London und New York zu knüpfen (Mangardi ebd., 21f.). 92 Hofstadter sieht bereits hier den Typus des ›businessman‹ als Ausgeburt der Ideologie einer sich selbstregulierenden Gesellschaftsmaschinerie vorformuliert. Die Soziologie als »practical instrument« habe in diesem System nur die Aufgabe zu zeigen, dass eine Kontrolle der soziale Evolution unmöglich sei (ebd., 43f.). 93 Mit dem Aufstieg des middle-class-Bürgers als Konsumenten und Produzenten wurden die kämpferischen Parolen des Sich-selbst-Behaupten-Müssens eines Individuums in einem sozialen ›struggle for existence‹ aus dem Handlungsrepertoire des Amerikaners gestrichen. 1909 erschien mit The Promise USA 253 auch kritische Antipoden innerhalb dieses angloamerikanischen Denkkollektivs.94 Zu den Kritikern gehörten vor allem die philosophischen Akteure des Pragmatismus, allen voran Charles Sanders Peirce, William James und John Dewey.95 Mit Charles S. Peirce eröffnendem Essay in der zwölften Ausgabe des Popular Science Monthly mit dem Titel How of American Life eine neuen Doktrin, die Optimismus mit Fatalismus und konservativen Ideen in einen Topf warf. Utilitaristische Handlungsrichtlinien ohne vorgeschriebenes Schicksal und eine totale Regulation des Staates waren auch hier immer noch an der Tagesordnung. Allerdings sah man nun in der Kooperation den eigentlichen Weg um die Wohlstandsgesellschaft zu stabilisieren (ebd., 122). Unter den neuen Reformtheorien dieser Zeit wäre Benjamin Kidds 1894 erschienenes Werk Social Evolution zu erwähnen, das das Wettbewerbsdenken mit der Staatsregulation vereinbarte. Ebenso vertrat Simon Nelson Patten in Theory of Social Forces (1896) die These, dass biologischer und soziologischer Fortschritt voneinander zu trennen seien, denn Fortschritt führe in der Regel von einer Umwelt zu einer gänzlich anderen (ebd., 159). Beide könnten daher nicht mehr in ein analoges Verhältnis zueinander gesetzt werden, weil sie keine homologen Strukturen mehr aufwiesen. William H. Mallock hingegen versuchte mit seinem Werk Aristocracy and Evolution, die Ideologie des Kampfes des Einzelnen im sozialen Kampf aufrecht zu erhalten. 94 Lester Ward verkörperte ähnliche wie Spencer den ›self-made intellectual‹ (ebd., 69). Anders jedoch als Spencer, der Zeit seines Lebens ohne eine akademische Anstellung bliebt, brachte ihm die Veröffentlichung seines Hauptwerks Dynamic Sociology den Ruf auf den Lehrstuhl für Soziologie an der Brown University. Allerdings gab es viele Schwierigkeiten bei der Popularisierung dieses Werks aufgrund seiner Dichte, der Seitenzahl und des Schreibstils (ebd., 71). Daher habe das Werk nie jenen großen Zirkulationsradius erreichen können. Ward unterschied zwischen natürlicher und künstlicher Ökonomie und vertrat die Meinung, dass man den Gesetzen der Natur nicht folgen, sondern diese beobachten müsse, um sie angemessen kontrollieren und dirigieren zu können (ebd., 74). Trotz der kritischen Stellungnahmen gegen den Sozialdarwinismus hielt er an der Soziokratie fest, daher schwankte sein Schreibstil stets zwischen der Biologisierung des Soziologischen und der Soziologisierung des Biologischen (ebd., 84). 95 John Dewey wechselte später von der Epistemologie zur Metaphysik und Moralphiliosophie und spezialisierte sich besonders auf pädagogische Inhalte. Er kritisierte besonders den Begriff der ›selection‹. Die Gesellschaft folge ihren eigenen Regeln der Erziehung und der öffentlichen Meinungsbildung. Sie selbst treffe jene Entscheidung, die zur Selektion führten. Hofstadter meint, dass Dewey schon früh erkannte, dass es sich bloß um eine kontextlose Übertragung von statischen Metaphern biologischer Prozesse auf soziologische gehandelt hätte. Die dynamischen Bedingungen der menschlichen Umwelt seien dabei vollkommen vergessen worden (ebd., 140). STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 254 to make our ideas clear (1878) wurde der amerikanische Pragmatismus nicht nur begründet. Die Wahl des Mediums war entscheidend. Damit vollbrachte der Pragmatismus einen Bruch im philosophisch-akademischen Diskurs, indem er ganz klar zu verstehen gab, dass Philosophie nichts elitär-aristokratisches sei, kein Denken des besseren Bürgers mit höherem Bildungskapital. Das populäre Medium war die Botschaft des Pragmatismus: »A clear idea is defined as one which is so apprehended that it will be recognized wherever it is met with, and so that no other will be mistaken for it. If it fails of this clearness, it is said to be obscure« (Peirce 1878, 286). Dies hätte jedoch die zeitgenössische Philosophie vollkommen aus den Augen verloren. Die Logik sei voll von obskuren Ideen, die Philosophielehrbücher voll von lateinischen-antiquierten Begriffen. Dabei sei gerade die Philosophie jene Wissenschaft oder Lehre von den Begriffen, deren Kunst darin bestehe, die Klarheit (»clearness«) einer Idee durch den »familiar use« und »abstract distinctness« zum Ausdruck zu bringen. Das heißt, nur ein hoher Grad an Vertrautheit mit einem Gedanken könne ihn in nur wenigen Worten deutlich (»distinctly«) erklären. »Distinctness« bedeutet jedoch auch »Verschiedenheit«, folglich müsse der vertraute Gedanke unterschieden von anderen Gedanken sein und zwar je nach seinem ›familiar use‹.96 Er konstruiert zwei Leserschaften: den »compositor and proof-reader«, der in der Lage sei, psychologischen und mathematischen Textbeispielen und logischen Übungen zu folgen, um mit dem Autor in die Materie einzudringen, und den Leser, der zur großen »public« gehöre, die an den »cheap and nasty« Ideen interessiert sei. Deshalb kehrt er nach der anstrengenden Lektüre zu der »easily intelligible« Schreibweise zurück, um seinen Lesern nicht zu viel zuzumuten. Es bleiben hier zwei Interpretationsmöglichkeiten: Einerseits kann man hier sehr genau sehen, dass Philosophen als Popularisierer nicht nur eine genaue Vorstellung von ihrem Leser oder ihrer Leserschaft haben, sondern diese bewusst mit ihrem Schreibstil zu einer besseren Leserschaft 96 Nach einem kurzen historischen Rückblick auf Descartes und seine Philosophie des Zweifels präsentiert er seine mentale Übung, um ›abstract distinctness‹ und ›familiar use‹ anhand von geometrischen Formen und Gedankenexperimenten (»suppose that«) einzuüben. Er vollführt diese philosophische Selbstreflexion am Beispiel des Begriffs der Kraft (»force«) und verweist indirekt auf den Sozialdarwinismus (»has played a principal part in directing the course of modern thought, and in furthering modern social development«). Die wissenschaftliche ›distinctness‹ des Begriffs ›force‹ wird als ›obscure idea‹ entlarvt, indem gerade polemische Kritik an dem sprachlichen Erfindungsreichtum der ›hair-splitting philosophers‹ geübt wird. USA 255 erziehen wollen, um sie von der großen Öffentlichkeit zu trennen, die nur an den ›billigen und widerlichen Ideen‹ interessiert sei. Damit wird eine offene Kritik an jener Öffentlichkeit geübt, die diese billigen und widerlichen Ideen bevorzuge. Es sei ihr zu verdanken, dass obskure Ideen, die gerade ihrer ›distinctness‹ entbehrten, zum Motor soziokultureller Leitvorstellungen werden könnten. Deshalb spricht Peirce durch das populäre Medium hindurch, um die Wirkungskraft des Populären gleichsam neu zu kalibrieren, damit es in andere, geebnetere Bahnen fließen kann. Er versuchte, jener Öffentlichkeit selbst ein Instrument an die Hand zu geben, um ein Wissen vom Erkenntnisprozess zu generieren, das als selbstreflexive Schleife den eigenen Rezeptionsprozess beim Lesen popularisierter Texte von Männern der Wissenschaft überwacht. Peirce ist nicht der einzige, der ein populäres Medium verwendet, um Kritik zu üben. Im Oktober 1880 veröffentlichte William James im Atlantic Monthly . A Magazine of Literature, Science, Art and Politics einen Aufsatz unter dem Titel Great Men, Great Thoughts, and the Environment, in dem er gezielt einerseits auf die Thesen Darwins eingeht und andererseits ihre Interpretation durch Herbert Spencer darlegt. Bereits zu Anfang hält er ähnlich wie Peirce fest, dass es sich hier nicht um einen Kampf mit bloßen Argumenten handle, in dem Polemik und gegenseitige Schuldzuweisungen (»recrimination«) regierten, sondern um eine Darstellung dessen, was man unter Gelehrtenkreisen gerne als »scientific truth« ausgebe. William James dagegen favorisiert in seinem Aufsatz die einfache und dogmatische Sprache (»simple and dogmatically«), wobei unter ›dogmatisch‹ hier vor allem ›meinungsbildend‹ zu verstehen ist. Die kausale Kette vom Mikro- und Makrokosmos, die durch die synthetische Philosophie von Spencer behauptet wird, wird argumentativ ausgehebelt, indem James eine einleitende Analogie verwendet, die hyperbolisch den Sozialdarwinismus ins Absurde treibt.97 Er bestreitet nicht, dass es eine wechselseitige Ko-Genese des Individuellen und des Kollektiven gebe, allerdings sei ihre Geschichtlichkeit so zusammengewachsen, dass ein vereinfachte Ursache-Wirkung-Relation zwangsläufig 97 Er beschreibt, wie bestimmte Prozesse und Ereignisse auf der Makroebene Prozesse und Ereignisse auf der Mikroebene bedingen. Hierzu wählt er das Beispiel, dass Veränderungen in der Milchstraße, der staatlichen Verfassung oder der europäischen Geschichte eine Veränderung im Kleinen bewirken, die wiederum das gesamte Universum beeinflussen kann. Sie bewirken, dass ein Spatz zu Boden fällt. Was jedoch vergessen wird, in dieser Aneinanderreihung von Ereignissen, ist der menschliche Akteur, seine Motivation, seine Entscheidung, dass heißt also eine freie, menschliche Handlung, die einen Bruch in diese Ereigniskette einführt und damit den mechanischen Kausalnexus auflöst oder zumindest unterbricht. STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 256 zu Fehlschlüssen führen müsse.98 Seine Argumentation zielt auf eine Unterscheidung von ›philosophy‹ und ›pseudo-philosophy‹, damit erstere der letzteren unter dem Deckmantel der ›scientific truth‹ nicht zum Opfer falle. Er polemisiert gegen die Widersacher der pseudophilosophischen Schule. Hierzu gehöre auch Grant Allen, der in seinen Artikeln zu Nation Making in The Gentleman’s Magazine, die später auch in Popular Science veröffentlicht worden waren, die These vertrat, das individuelle Handlungen keinerlei Einfluss auf gesellschaftliche Prozesse hätten. Stattdessen seien die geographischen Umstände die wirkmächtigen Ursachen, die eine Nation zu der machten, die sie war. Verändere man die geographischen Koordinaten, die Klima, Ernährung und Wachstum steuerten, dann mache man deutsche Bürger zu »semi-barbarian negroes who inhabit that central African metropolis« oder aber eben umgekehrt die ›semi-barbarischen Schwarzen Einwohner Zentralafrikas‹ zu »white-skinned merchants driving a roaring trade in imitation sherry and indigestible port« (zit. n. James ebd., 450). William James legt sofort Protest ein, wenn auch nur zunächst etwas kleinlaut in der Fußnote, obwohl er Alan Grant zunächst als einen »widely informed, suggestive and brilliant writer« lobt. Sein absolut Einhalt gebietendes »No! not even though they were bodily brothers« droht förmlich aus dem Textrahmen zu springen, auch wenn es nur im Kleingedruckten erscheint. Indem er bereits den zitierten Abschnitt mit diesem Ausruf unterbricht und ein Veto gegen diese ›wissenschaftliche‹ These einlegt, versucht er seine Leser gleichsam davon zu überzeugen, dass man dem Sprechen des Principal keinerlei Glauben schenken darf, auch wenn er den Kollegen im Haupttext offensichtlich für seinen Schreibstil lobt. Mit der Suggestivität der Wissenschaftsprosa und dem vehementen Widerspruch erzeugt James gleichzeitig eine erhebliche Unruhe im Rezeptionsgeschehen zwischen Text und Leser, der hier Zeuge einer intellektuellen Fehde wird. Mehr noch: Er wird Zeuge eines Streites um dasjenige Gut, um das argumentativ gekämpft wird, die ›scientific truth‹. James schlägt gekonnt zurück: »This shrieking about the law of universal causation being undone, the moment we refuse to invest in the kind of causation which is being peddled round by a particular school, makes one impatient. These writers have no imagination of alternatives. With them there is no tertium quid between outward environment and miracle. Aut Ceaser, aut nullus! Aut Spencerism, aut catechism!« (ebd., 451). Der Philosoph verbindet polemisch-strategische Schulkritik mit 98 Dieses Verhältnis illustriert er an der ›sozialen Selektion‹ der ›großen Männer‹, wie sie die Geschichte hevorgebracht hat (ebd., 447). Er möchte gleichzeitig jedoch verdeutlichen, dass diese so wenig Produkt der Geschichte sind, wie sie, die Geschichte, bloß eine Aneinanderreihung von wenigen erfolgreichen Biographien männlicher Herrschaft (James 1880, 448). USA 257 Philosophie. Gerade der Parallelismus der letzten Satzkonstruktion, setzt nicht nur einen vermeintlich erkennbaren historischen Anachronismus zwischen Caesar und Spencer, sondern auch zwischen politisch-geographischer und wissenschaftlicher Geschichte. Der eine herrschte über ein geographisches Imperium, der andere über ein Imperium des Wissens, das er sich selbst einverleiben wollte und damit sich selbst zum Ideologen und seine Philosophie zur Ideologie erhob. Dieses sich ausschließende Entweder-oder wirkt gleichsam wie ein genealogisches Korsett, aus dem man sich nicht befreien kann, weil keine Alternativen vorgelegt werden, sondern – ›simple and dogmatically‹ – Ideen an den Rand ihrer ›clearity‹ gedrängt werden, um seine eigene Position im intellektuellen Feld zu behaupten.99 Für William James blieb nur der Kampf mit dem philosophischen Argument gegen eine rassistische und deterministische Abenteurerprosa, die er zu durchschlagen versuchte im sicheren Glauben an die eigenen intellektuellen Kräfte als Genius der aufstrebenden Boston-Clique, die er zum Ausgangspunkt seiner Kritik des Homo academicus nahm.100 Als gesellschaftskritischer Beobachter verfolgte er die Veränderungen der intellektuellen Felder, die sich immer mehr an die östliche Küste verlagerten, und in New York als dem neuen Zentrum der Publikationshäuser 99 In einer rhetorischen Frage beginnt er ihm explizit philosophische Unschärfe vorzuwerfen, weil er nicht zwischen hinreichender und notwendiger Bedingung unterscheide. Dabei verweist er selbst auf jene Naturalisten, von denen die Soziologen ihre Konzepte geborgt hätten, die besser als ihre soziologischen Popularisierer den nicht-determinierten Zusammenhang zwischen einer Spezies und seiner Umwelt verstanden hätten, und zitiert hierzu unterschiedliche Akteure dieses Forschungsfeldes wie zum Beispiel A. R. Wallace aus seinem Werk The Malay Archipelago . Andere Reiseberichte, die in der Tagespresse erschienen und aus denen wissenschaftliche Thesen und Theorien gezogen worden sind, werden mit rhetorischen Fragen konterkariert, ohne dass evidentes Material für einen Gegenbeweis gegen diese Thesen geliefert wird. James argumentiert zwar als Nicht-Experte in diesem Bereich, aber er plädiert für eine Heterodoxie alternativer Erklärungsmöglichkeiten. 100 Er nimmt Boston als ›academic capital‹ und intellektuelles Feld selbst in den Blick und gibt zu bedenken, dass in der Evolution dieses Feldes die intellektuellen Kräfte und ihre Akteure, die sie repräsentierten, allmählich schwanden und sich auf andere Städte ausdehnten, umverteilten und sich weiterentwickelten. Als Grund für die kumulative Evolution des Wissens in Harvard gibt er allerdings keinen deterministischen Kausalnexus an, sondern gibt zu bedenken: »No positive condition is present which could prevent Boston from becoming, if the means were given, as radiant a focus of human energy as any place of its size in the world. What positive condition is absent? Simply a fortuitous assemblage of great men happening to be born or to migrate there about the same time« (ebd., 454). Der glückliche Zufall, oder man könnte sagen, Zusammenprall der Diversität verschiedener Denkstile STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 258 und der literarischen Intelligentsia ihr neues geographisches Ziel gefunden hatten. Dennoch glaubt er an die Ausstrahlungskraft (»the force of his magnetic personality«) von wissenschaftlichen Gründungsvätern die eine Institution erst zu ihrem eigentlichen symbolischen Wert verhelfen. Harvards-Rhetorik der ausgewählten und auserwählten Elite bleibt also bestehen und diese Haltung bleibt auch Bestandteil von James’ Habitus, anders hätte er nicht die Karriereleiter in Harvard erklimmen können, als er 1876 zum Lehrstuhlinhaber für Psychologie und Philosophie ernannt wurde.101 Die Konsekration durch das wissenschaftlich-akademische Feld ermöglichte es ihm, mit einer anderen Sprechwirksamkeit aufzutreten als es seine populärwissenschaftlichen Kontrahenten getan hatten, die keine andere Konsekration hatten als ihre Macht, mit Worten Wissen zu erschaffen, und in ein wissenschaftliches Kleid zu hüllen, von dem man nicht wusste, wie viel davon Überzeugung und wie viel Überredung war. Nur jemand, der selbst Zugang zum Prozess wissenschaftlichen Wissens hatte, konnte durch sein institutionelles Kapital Scharlatane in der Wissenschaft ausfindig machen. Als Professor für Psychologie und mit einem Doktortitel in Medizin versuchte er daher nicht nur, sein eigenes elaboriertes Modell der »mental evolution« (ebd., 455) durchzusetzen, das er auch in vielen anderen populären Magazinen zur Ideenassoziation, zur Motivation und Emotion breit diskutierte, sondern zielte auf die Grenze strategischer Kampfesrhetorik, die gleichzeitig das Politisch-Mögliche eines Intellektuellen in seiner Position versinnbildlichte: The plain truth is that the ›philosophy‹ of evolution (as distinguished from our special information about particular cases of change) is a metaphysic creed, and nothing else. It is a mood of contemplation, an emotional attitude, rather than a system of thought; a mood which is old as the world, and which no refutation of any one incarncation of it (such war es, der zu einer kumulativen Anhäufung der Genialität in Harvard geführt hatte. 101 Auch als Harvard-Professor schätzte er eher unkonventionelle Methoden, sodass seine Studenten in seinen Vorlesungen ihn stets unterbrechen durften, um ihre Fragen zu äußern, was für diese Zeit eher untypisch war. James fühlte sich mehr in der Rolle des ›educators‹, die er als moralische Aufgabe ansah und die Simon als »initial enthusiasm for teaching« beschreibt (Simon 1998, 135ff.). Die Rolle des naturwissenschaftlichen Experimentators war ihm zwar nicht unbekannt, zumal er in verschiedenen intra- und extrawissenschaftlichen Zeitschriften die unterschiedlichen Entwicklungen des experimentellen Forschens vor allem in der noch jungen Disziplin der Psychologie beschrieb und kommentierte, aber es wurde ihm schnell klar, dass seine einzige Aufgabe im Philosophieren bestand. Daher sollte er später seinen Lehrstuhl für Psychologie und Philosophie gänzlich unter dem Banner der Philosophie führen. Dennoch zählt sein Werk Principles of Psychology zu den Gründungslehrbüchern in der Geschichte der Psychologie. USA 259 as the Spencerican philosophy) will dispel; the mood of fatalistic pantheism, with its intuition of the One and All, which was, and is, and ever shall be, and from whose womb each single thing proceeds. [...]. A critic, however, who cannot disprove the truth of the metaphysic creed, can at least raise his voice in protest against its disguising itself in ›scientific‹ plumes . I think that all who have had the patience to follow me thus far will agree that the Spencerian ›philosophy‹ of social and intellectual progress is an obsolete anachronism, reverting to a pre-Darwinian type of thought, just as the Spencerian philosophy of ›force‹, effacing all the previous phenomenal distinctions between vis viva, potential energy, momentum, work, force, mass, etc., which physicists have with so much agony achieved, carries us back to a pre-Galilien age. (ebd., 458f.) [hervorgehoben von P. G.] Dieser Abgesang auf die metaphysischen Trübungen des Sozialdarwinismus, der biologisches und physikalisches Wissen entkontextualisiert und instrumentalisiert, um das ›steam and steel‹-Modell des British Empire an die wachsende Wissensgesellschaft des endenden 19. Jahrhunderts anzupassen, wird von James wissenschaftshistorisch konterkariert. Gegen metaphysischen Glauben kann man jedoch nichts ausrichten. Nichts als Argumente versammeln sich in der Westentasche des Redners, mit ihnen und ihren rhetorischen Regeln muss er zurechtkommen, um Wort gegen Wort abzuwägen. Oft bleibt jedoch nur das Gegeneinanderschlagen der Schüsse, die ihr Ziel verfehlen und ins Leere schießen. William James bleibt der kritische Protest eines Ordinarius, der seine Stimme erhebt gegen das intellektuelle Gebaren von Männern, die sich mit fremden Federn schmücken, um an ihr erhofftes wissenschaftliches Kapital und intellektuelles Prestige zu kommen. Man könnte auch bei Herbert Spencer von einem moralischen Kapital sprechen, da er als Autodidakt niemals in den Genuss jener Anerkennung kommen konnte, die dem wissenschaftlichen Kapital des akademischen Feldes verbunden war. Doch aufgrund seiner Erbschaft, und das heißt seiner ökonomischen Freiheiten, kam er in den Genuss des zeitlichen Luxus und konnte er sich als freier Autor einen Namen machen und durch seine wilde Lektüre wissenschaftlicher und populärwissenschaftlicher Bücher, das Wild-Erlesene zum Auserlesenen synthetisieren. Indem er seinen Büchern in einer Trilogie auch noch denselben Titel aufdrückte, »Principles of«, gab er ihnen den Anschein von Lehrbüchern zu bestimmten Disziplinen. Die Ironie in dieser Selbsterschaffung eines Disziplinbegründers liegt darin, dass diese Disziplinen als Wissenschaften noch nicht institutionalisiert waren. Es war Herbert Spencer, der sie ins Leben rief, nicht nur weil er sie sich über seine transdisziplinäre Lektüre erschrieb, sondern sie aus dem Schreibbaren ins Publizierbare transponierte. Damit machte er sie jedoch auch kritisierbar und Zeit seines STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 260 Lebens sollte er und sein Werk das Gesprächsthema seiner Zeit bleiben (Mingardi 2011, 2). Nach Herbert Spencers Tod zückte James noch einmal die Feder, um einen Nachruf im Atlantic Monthly über den verstorbenen Herbert Spencer zu veröffentlichen. Obwohl auch hier weiterhin der kritische Blick des Philosophen über Spencers Werk waltet, versucht er Leben und Werk des Denkers in Einklang zu bringen. Kurz vor seinem Tod veröffentlichte Spencer seine Autobiographie, die durch seinen Freund Davin Duncan in einer zweibändigen Ausgabe erweitert und kommentiert wurde. James Haltung schwankte zwischen Lob und Tadel, trotzdem versäumt er es nicht seine tiefe Bekundung einem Denker gegenüber zu äu- ßern, dessen Werke ihn selbst in seiner Jugend beeinflusst hätten, wie die First Principles oder später Principles of Psychology. Auch James kennt die Grenzen der Kritik und daher preist er Spencer in seinem Nachruf nicht nur als Nachfolger Goethes (»Since Goethe, no such ideal human being can have been visible, walking our poor earth«), sondern als herausragenden Philosophen seiner Zeit (James 1904, 104). Im Gegensatz zum Sozialdarwinismus Herbert Spencers erfuhr der amerikanische Pragmatismus als philosophische Strömung immer mehr Anerkennung und das zumal auch dadurch, dass William James unaufhörlich in den populären Zeitschriften wie Popular Science, Scribners Magazine, Atlantic Monthly, New World oder Science veröffentlichte, sodass schließlich 1896 bei Longmans, Green & Co . eine Sammlung dieses populären Essays unter dem Titel The will to believe and other popular essays in popular philosophy erschien.102 Da die Verkaufszahlen seiner Bücher zunahmen, wurde er mit den Gifford Lectureships on Natural Religion auf transatlantische Reisen nach Europa geschickte (Simon ebd., 276). Als er 1902 nach seiner zweiten Rundreise zurückkam, wurde ihm jedoch auch das Popularisieren zur Qual (»squashi, popular-lecture style«), wie er in einigen Briefen bekundet hatte (ebd., 309). Aber weil die 102 Auch war James der ›self-help‹-Literatur nicht abgeneigt. Aufgrund eines von unterschiedlichen psychischen und körperlichen Leiden gezeichneten Lebens war sie stets Bestandteil seiner privaten Lektüre (Simon 1998, 124). Ab 1890 nahmen die Artikel speziell zu seinen Ausführungen über religiöse Erfahrung weiterhin stark zu. Darunter waren auch didaktische Bücher für Lehrer wie Talks to Teachers on Psychology: And to Students on Some of Life’s Ideals . Neben dem zusätzlichen finanziellen Ressourcen stand natürlich das Ideal einer verständlichen Philosophie immer im Vordergrund (ebd., 274). Als Leser und Praktizierer der ›mind cures‹ und ›self-help literature‹ sollte jedoch seine eigene Popularisierung der Religionsphilosophie über den richtigen Gebrauch mit diesen Büchern aufklären. Sie sollten zunächst selbst einen selbstreflexiven Prozess darüber einleiten, wie religiöser Glaube überhaupt erst entstehe, bevor man sich in spekulative Methoden zur psychosomatischen Selbstreinigung und Hygienisierung stürzte. USA 261 intellektuelle Expansion sein Ziel war, wurden auch die Varieties of Religious Experience aufgrund der Fülle oberflächlich mit dem Pinsel der Wissenschaft berührt. Im Inneren brodelte das Werk vor persönlichen Erfahrungen und anekdotischen Schlüssen, die er aus ihnen zog und mit allgemeinen philosophischen Thesen verband. Daher kam es nicht von ungefähr, dass einige Kollegen der Meinung waren, dass James mehr als »popularizer of philosophy«, denn als »serious theorist« wahrgenommen wurde. Linda Simon hingegen charakterisiert sein Selbstbildnis als unabhängigen und einsamen Denker, »an innovator who had managed to flourish at Harvard, but who might not continue to be welcomed if Harvard reshaped its identity. […] he took his stand against that redefinition« (ebd., 328). William James inszenierte sich als Outsider innerhalb einer auserwählten Clique, deren akademischer Habitus er nicht kritiklos hinnehmen konnte. In The True Harvard rechnet er mit seinem eigenen akademischen Feld ab: »Is there no inner Harvard within the outer Harvard which means definitively more than this – for which the outside men who come here in such numbers, come?« (James 1904, 7). Mit »outer Harvard« ist nichts anderes gemeint als die äußere Hülle mit der sich Harvards-Zöglinge gerne umgaben: die »social club«-Struktur, die gepflegte einsiedlerische Umgebung, die innigen intellektuellen Freundschaften. Dies alles führe nur zu einer Selbstglorifizierung, weil man sich einen geistigen Sohn Harvards nennen könne. Aber, so James, das, was gegeben sein müsse, um dies behaupten zu können, sei die geistige Atmosphäre: »There must be something deeper and more rational. […] to be a college man in the mere clubhouse sense – I care not of what college – affords no guarantee of real superiority in spiritual tone« (ebd., 6). James sehnte sich nach einer gemeinsamen intellektuellen Grundlage, die nicht auf Statussymbolen einer Ivy-League- Universität reduziert werden konnte. Man erlangte nicht allein schon dadurch intellektuelles Kapital, dass man zum exklusiven Club dazu gehörte. Nur diejenigen konnten sich dessen rühmen, die einsam und allein, wenn auch nicht gänzlich isoliert, sich diesem spirituellen Ton in ihren Schriften erschrieben. Er nennt sie die ›Undisziplinierten‹ und er nutzt sein »present privilege«, um für diese eine Grundlage ihres Denkens zu schaffen, damit sie in ihrem Isoliert-Sein gleichsam ihre intellektuelle Aufgabe sahen, in der sich nicht allein waren. In ihrer Isoliertheit sollten sie ihre Gemeinsamkeit sehen, denn sie mache gerade ihre intellektuelle Unabhängigkeit aus. William James, Lehrstuhlinhaber in Harvard, stand mitten unter ihnen: »The day when Harvard shall stamp a single hard and fast type of character upon her children, will be that of her downfall. Our undisciplinables are our proudest product. Let us agree together in hoping that the output of them will never cease« (ebd., 8). Dieser kleine Aufruf und Anruf an eine intellektuelle Jugend der »undisciplinables« wurde STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 262 zwar erst 1904 veröffentlicht, aber bereits 1869 verfasst. In den Jahren, in denen es verschlossen und unpubliziert in seiner Schublade lag, erzog er sich selbst nicht zum undisziplinierten Denker, aber zu einem der keine explizite Grenze zwischen Philosophieren und Popularisieren sah. Vielmehr sollte man in seinen Schriften das Erproben eines Schreibstils sehen, dass jenseits dieser Dichotomie, die ganz klar Exklusionsstrategien folgte, ein philosophisches Sprechen ermöglichte, das potentiell betrachtet jedem Menschen den Weg zur Philosophie eröffnete. Bereits ein kurzer vergleichender Blick auf die philosophischen Essays, die in der fachinternen Zeitschrift Mind oder Journal of Speculative Philosophy erschienen sind, zeigt, dass diese sich kaum von den Artikeln in den populären Magazinen unterscheiden. Vergleicht man beispielsweise On the function of Cognition (Mind 1885, No. 10 pp. 27-44) und The association of Ideas (Popular Science Monthly 1880, No. 16 pp. 577-593) ist rein von der fachsprachlichen Terminologie kein Unterschied auszumachen. Hinzu kommt natürlich, dass sich mit der ersten Vulgarisierungsphase auch philosophischer Texte, die nicht mehr im Lateinischen verfasst wurden, eine eigene nationalsprachlich gefärbte Terminologie durchsetzte. Beide Texte sind sehr leserzentriert geschrieben. Die Gestalterfigur taucht als stimmliche Figur an jenen wichtigen Stellen auf, wo Thesen und Forschungsliteratur aufgeführt und besprochen werden, um die eigene Position klar darzustellen, aber auch um den Textverlauf zu kommentieren. Dem Leser tritt immer ein Sprecher entgegen, der sich nicht scheut, die erste Person Plural zu verwenden. Der Leser wird aus den Gedankengängen des Philosophen niemals ausgeschlossen. Stets hält die Argumentation dort inne, wo man noch einmal das Gesagte selbstreflexiv an eigenen Alltagsbeispielen durchleben kann, um die philosophische These selbst zu überprüfen. Besonders in dem populären Aufsatz werden viele Beispiele aus der alltäglichen Erfahrungswelt verwendet, um den Wahrnehmungsprozess, die Ideenassoziationskette und die Gedächtnistätigkeit dem Leser anschaulich näherzubringen. Nach jeder kleineren Anekdote wird dann schließlich der philosophische Begriff eingeführt.103 103 In The association of Ideas liest man folgende kleinere Erzählung, die zum philosophischen Begriff komprimiert wird: »Thus, for instance, after looking at my clock just now, I found myself thinking of Senator Bayard’s recent resolution about our legal-tender notes. The clock called up the image of the man who had repaired its gong. He suggested the jeweler’s shop where I had last seen him; that shop, some shirt-studs which I had bought there; they, the value of gold and its recent decline; the latter, the equal value of greenbacks, and this naturally the question of how long they were to last, and of the Bayard proposition. Each of these images offered various points of interest. Those which formed the turning-points of my thought are easily assigned. The gong was momentarily the most interesting part of the clock, because, from having begun with a beautiful tone, it had become discordant USA 263 Quantitativ betrachtet überwiegen diese Darstellungen tatsächlich in dem populären Aufsatz, doch auch im fachinternen Blatt werden sie von der Gestalterfigur eingesetzt, um Thesen anderer zeitgenössischer Philosophen außer Kraft zu setzen. Er geht sogar einen Schritt weiter. Er reduziert die Stimme des Principal auf ein absolutes Minimum. In On the function of Cognition hält er fest, dass seine These ruhig kritisch attakiert werden könne, doch bevor er sie verteidigt, soll den Experten – und damit sich selbst – ein Machtwort gesprochen werden: ›Reality‹ has become our warrant for calling a feeling cognitive; but what becomes our warrant for calling anything reality? Quis custodiet custodum ipsum? The only reply is – the faith of the psychologist, critic, of inquirer. At every moment of his life he finds himself subject to a belief in some realities, even though his realities of this year should prove to be his illusions of the next. Whenever he finds that the feeling he is studying contemplates what he himself regards as a reality, he must of course admit the feeling itself to be truly cognitive. We are ourselves the critics here; and we shall find our burden much lightened by being allowed to take reality in this relative and provisional way. Every science must make some assumptions. Psychologists and Erkenntnistheoretiker are but fallible mortals. When they study the function of cognition, they do it by means of the same function cannot go higher that its source, we should promptly confess that our results in this field are affected by our own liability to error. The most we can claim is, that what we say about cognition may be counted as true as what we say about anything else. If our hearers agree with us about what are to be held ›realities‹, they will perhaps also agree to our doctrine of the way in which they are known. We cannot ask for more.104 (James 1885, 29f.). and aroused disappointment and perplexity. But for this, the clock might have suggested the friend who gave it to me, or any one of a thousand circumstances connected with it. The jeweler’s shop suggested the studs, because they alone of all its contents were tinged with the egoistic interest of possesion. This interest in the studs, their value, made me single out the material as its chief source, etc., to the end. Every reader who will arrest himself at any moment and say, ›How came I to be thinking of just this?‹ will be sure to trace a train of representations linked together by lines of contiguity and points of interest inextricably combined. This is the ordinary process of the accossication of ideas as it spontanously goes on in average minds. We may call it Partial or Mixed Association« (James 1880, 586f.). Hier bildet sich ein kleine narrative Struktur heraus, um den Strom der Assoziationen zu beschreiben. Da mag es nicht verwundern, wenn die eigentlichen Philosophen und Psychologen des ›stream of consciousness‹ später die Schriftsteller waren. 104 James vertritt hier die These, dass Gefühle der Erkenntnis weder nach- noch vorgeordnet sind, sondern ihn ständig begleiten. Es gebe daher unterschiedliche Wahrnehmungsweisen der Realität, nicht weil der Erkenntnisprozess STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 264 Weil aber die wissenschaftlichen Theorien, zu denen James auch die philosohischen zählt und zwar diejenigen seiner »critics«, dem Leben nicht anhaften, sondern ihm äußerlich bleiben, verschwinden ihre vermeintlichen Realitäten, die sie mittels ihrer ›cognition‹ konstruieren, dorthin zurück, wo sie hergekommen waren: ›Scientific‹ theories, […] always terminate in definite percepts. You can deduce a possible sensation from your theory and, taking me into your laboratory, prove that your theory is true of my world by giving me the sensation then and there. Beautiful is the flight of conceptual reason through the upper air of truth. No wonder philosophers are dazzled by it still, and no wonder they look with some disdain at the low earth of feeling from which the goddess launched herself aloft; ›Nirgend haften dann die unsicheren Sohlen‹: every crazy wind will take her, and, like a fire-ballon at night, she will go out among the stars. (ebd., 44) Sie verpuffen im luftleeren Raum wie Hirngespinste. Gerade das Konkrete und Individuelle aus dem Alltagsleben gebe den Prüfstein auf die philosophische These, nicht umgekehrt. Für James durfte der Faden zwischen Philosophie und Leben nicht abreißen. Mit seinen kleinen philosophischen Erzählungen hat er sie ineinander verwoben und fest zusammengeschnürt. Doch die narrative Verschnürung von Wissenschaft und Leben sollten auch in den USA bald andere Akteure übernehmen, denn die akademischen Popularisierer zogen sich auch hier zu Lande aus dem Geschäft, die ›dreckige Wäsche zu waschen‹, zurück. Dadurch fiel das Niveau der Popularisierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts stark ab. Während sich immer mehr Wissenschaftler in ihre eigene Laborarbeit zurückzogen, überließen sie die Popularisierungsarbeit den professionellen ›science writers‹, den Wissenschaftsjournalisten, und damit kamen die Probleme für die Wissenschaftler, denn die »yellow press« und das »gee whiz« führten zu einer kompletten Sensationalisierung der Presse.105 zu unterschiedlichen Resultaten käme, sondern weil die jeweilige Stimmung, die diesen begleitet, die Realität ständig anders färbe. Der Gegenstand der Erkenntnis selbst sei daher nicht irgendeine Realität, die beim Durchspielen aller Argumente den Denkenden zu einem solipsistischen Konstruktivismus führe. Ihr cogitandum ist das Gefühl selbst. Philosophen und Psychologen würden daher in ihrem Erkenntnisprozess über die Erkenntnis selbst nur dann zu einem Konsens kommen, wenn ihre sie begleitenden Gefühlsstimmungen miteinander korrespondierten. Später hatte Ludwik Fleck in seiner psychosozialen und historischen Entwicklung der Denkkollektive darauf hingewiesen, dass nicht eine kognitive, sondern eine Gefühlsübereinstimmung entscheidend sei, ob ein derartiges Zusammendenken einzelner Individuen entstehe. 105 Die Science Press wurde vom Science Service koordiniert und vom »chemistjournalist« Edwin E. Slosson geleitet. Als ›science writer‹ bei der New York USA 265 Die Wissenschaftsjournalisten bekamen einen exklusiven Status innerhalb des journalistischen Feldes.106 Die Gründung der National Association of Science Writers (NASW) in den 1930er Jahren, die mittlerweile Times arbeiteten Alva Johnston und David Dietz, John O’Neill und Watson Davis arbeitete beim Washington Herald. Die »science book clubs« wurden gegründet und bis 1940 erschienen die »Science News-Letters« mit einer Auflage von 30.000 Exemplaren. Wissenschaftler und Journalisten wurden zu gegenseitigen Befürwortern und Kritikern (Burnham ebd., 198). Diese Prozesse könnten als Symptom eines zunehmenden Autonomieverlusts des journalistischen Feldes gedeutet werden. In den 1920er Jahren mussten sich die Journalisten gegen die Flut an PR-Journalisten, die hauptsächlich für die Publicity-Arbeit der Regierung und Unternehmen zuständig waren, wehren. Hinzu kam, dass immer mehr lokale, kleinere Blätter von den großen Tageszeitungen der Metropolen geschluckt wurden. Ab 1940 besaßen 87 Prozent der Städte nur noch eine Tageszeitung (Krause 2011, 11). Zum anderen ist der Niedergang der lokalen Tages- und Wochenzeitungen mit dem Aufkommen neuer Medien wie dem Radio verbunden. Das führte zu einer feldinternen Dynamik des journalistischen Feldes, das sich intermedial und auch rechtlich neu orientieren musste (ebd., 12f.). 106 Monika Krause sieht eine Autonomisierung des journalistischen Feldes nicht nur durch die Penny-Press bedingt, sondern eigentlich erst mit Aufkommen der Professionalisierung des journalistischen Berufsstandes. In den USA also erst zwischen 1890 und 1914. In dieser Zeit fällt die Gründungsphase der Colleges, der Associations und der Preise für Journalismus, darunter natürlich der prestigeträchtigste von allen: der Pulitzer-Preis: »With its prize, Pulitzer, the journalist, established his heritage as that of a patron of the arts but at the same time ennobled journalism as separate from but equal to the literary disciplines« (Krause 2011, 9). Mittlerweile sind es 30 Kategorien im journalistischen Bereich, 8 Kategorien in dem Bereich »Letters, Drama and Music« und eine Kategorie für »Special Awards and Citations«. Die Kategorie »General Non-Fiction« wurde erst 1962 dem Bereich der »Arts« hinzugefügt. In dieser Kategorie wird schließlich auch das Genre des Popular Science Writing geehrt. Der Pulitzer-Preis ehrte dieses Genre dreimal hintereinander von 1978 bis 1980. Die Autoren waren der Astrophysiker Carl Sagan, der mittlerweile einen eigenen Award für Popular Science Writing eingerichtet hat, 1979 ging der Preis an den Biologen Edward O. Wilson, der 1991 noch einmal mit einem Pulitzer-Preis bedacht wurde, und 1980 ging der Preis an den Physiker und Informatiker Douglas R. Hofstadter. Dominiert wird das ausgezeichnete Genre jedoch hauptsächlich von politischen Themen. Erst 2011 sollte der Mediziner Siddhartha Mukherjee für seine Biographie über den Krebs den Pulitzer-Preis entgegen nehmen. Unter den Finalisten finden sich jedoch vermehrt die großen Popular Science Writer wie Steven Pinker (zweimal nominiert), Stephen Jay Gould, Daniel Dennett, Robert Wright, James Gleick und Brian Greene. Aufgrund von ähnlichen Beobachtungen spricht Peter Broks daher von einem »Popular Science Boom« in den 1980er Jahren, der durch Stephen Hawkings erfolgreiches Popular STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 266 über zweitausend Mitglieder zählt, eigene Preise für den ›science journalism‹ vergibt und als Trademark eingetragen ist, gilt als Höhepunkt dieses neuen intellektuellen Feldes und seine Botschaft ist klar gestellt: »NASW fights for the free flow of science news«. Wie Bruce V. Lewenstein bemerkt, trugen diese Instiutionalisierungsmaßnahmen zur Steigerung des Prestiges der ›science journalists‹ wesentlich bei (Lewenstein 1992, 55ff.). Als Non-Profit-Organisation wurde die CASW (Council for the Advancement of Science Writers) in den 1950er Jahren gegründet, die Wissenschaftler so behandelte, wie sie behandelt werden wollten (ebd., 58). Durch die medialen Einflüsse des Fernsehens musste sich jedoch auch das Populäre der Magazine ändern, um ein neues Publikum für den Wissenschaftsjournalismus zu erschaffen.107 Magazine hatten stets interne Wechselwirkungen zwischen ihrem Angebot und ihrer Nachfrage und konnten diese über Rezensionen und Kritiken steuern. Bücher hingegen wendeten sich oft an ein heterogenes Publikum und passten sich diesem Umstand mit einem heterogenen Stil an, wobei die Qualität der Bücher stark variierte (Burnham ebd., 180). In den Magazinen dominierten die »long essays« und »thoughtful reviews«. Man konnte sich nun auch stärker von der Sensationspresse absetzen, weil man durch die »newspaper science« ein qualitatives Distinktionspotential gefunden hatte, das durch Genrebildung unterschiedliche Formen der Popularisierung in Gang setzte.108 Die allgemeine wissenschaftliche Science Book A Brief History of Time von 1988 ausgelöst worden sei (Broks 2006, 89f.). 107 Zu den großen wissenschaftlichen Rednern im Radio gehörten vor allem der Biologe und Kurator des Smithonian Institute, Austin Hobart Clark, der eine der ersten US-amerikanischen Radioserien über Naturwissenschaft konzipierte (LaFollette 2008, 14ff.). Zusammen mit dem Kinderbuchautor Thornton W. Burgess experimentierte er mit verschiedenen Vortragsformaten, um diese neue mediale Kommunikationsform adäquat nutzen zu können (ebd., 25). Die mediale Macht über die Doxa musste ausschließlich in den Händen der Experten bleiben. Für Clark war das Broadcasting nur ein Mittel zum Zweck, und zwar nicht nur für die »social improvement of the masses«, sondern die eigenen wissenschaftlichen Ambitionen. Burgess hingegen nutzte die Radioplattform, um einerseits seine eigenen Bücher zu promoten und andererseits seinen Glauben an eine »environmental conversation« zu stärken, die das »scientific knowledge« nicht einzig als Expertenwissen ansieht (ebd., 28). Der Astronom Harlow Shapely, der in Princeton forschte, gesellte sich zu Clarks Clique der Science Speakers im Radio dazu (ebd., 40). LaFollette merkt an, dass sich viele Ivy-League-Wissenschaftler in das Getümmel der Popularisierer stürzten, jedoch weit weniger aus aufklärerischen Gründen für die Erziehung der Massen als für besonders gute Werbung der eigenen Institutionen (ebd., 43). 108 So kamen zusätzliche Formate ins Spiel wie der Photojournalimus durch Life oder die Times, aber auch weiterhin Formate im ›science gossip‹-Stil wie USA 267 Einstellung zu allen natürlichen Phänomenen des Lebens führte ebenfalls zu einer neuen Einstellung gegenüber dem eigenen individuellen Leben und den Naturwissenschaften. »Science is a way of Life« war das Motto: »The new goal was scientific literacy. Where once natural science findings were ›interesting‹ because of the naturalism and intellectual excitement that they fostered, now the media demanded personal relevance«.109 Die ›old-fashioned men of science‹ wurden durch Journalisten ersetzt, die gleichzeitig die neuen Regelmacher waren: »When scientists themselves did undertake to address a popular audience, the rules that they followed were not those of the evangelists of the religion of science but rather the rules of the journalists: the agenda was timeliness, Science Digest, die bis 1965 einen Zirkulaitionsradius von 85.000 vekauften Exemplaren verbuchen konnte. 1946 gründete McCraw-Hill die Science Illustrated, ein »glossy monthly magazine« für Wissenschaftler, Unternehmer und Politiker. Auch sie sollte den Abgrund zwischen »science and the public« minimieren. Weil sie jedoch zu sehr ökonomisch orientiert war, war die angepeilte Leserschaft viel zu groß, um sich halten zu können. Eine andere Strategie hingegen verfolgten die Life-Editoren Gerard Piel und Dennis Flanagan, die ihr Augenmerk nur auf die technokratische Elite und die »industrial advertisers« legten (Lewenstein ebd., 51). Sie waren es schließlich die Scientific American einkauften und 1948 als New Scientific American wieder herausgaben. Die Essenz, die wesentliche Message dieser Magazine lag darin, so Lewenstein, dass sie ein Monument für die Vision der Wissenschaft als Retterin der Welt darstellten, wobei diese Vision nicht unbedingt auf die »mass audience« abzielen sollte, denn sie sei gerade viel zu heterogen, um sie als konkrete Leserschaft zu erfassen, sondern man musste auf die »well-educated technocratic elite« zielen, auf jene also, die selbst das Wissen für andere Produzenten produzierte. 109 Das Bild der Wissenschaft im Non-Fiction-Artikelstil der Tageszeitungen wurde jedoch nicht kontinuierlich während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vermittelt. Marcel La Follette hat in seiner quantitativen Studie zur Wissenschaftskommunikation in den USA dargelegt, dass das Thema der Wissenschaft und Technologie von 1910 bis 1955 zwar 4% des gesamten Non-Fictional-Textteils der Zeitungen und Magazine ausmachte, jedoch auch starken Schwankungen ausgesetzt war. In den 1920 Jahren stieg die Produktion auf einen Höchstwert von über 70% an, das heißt, dass nahezu jede Zeitung, die in die Stichprobe aufgenommen wurde, mindestens einen Artikel zur Wissenschaft veröffentlichte. In den dreißiger Jahren gab es schließlich einen drastischen Rückgang, sodass bei Kriegsbeginn fast keine Artikel zu Technologie und Wissenschaft in den einzelnen Printformaten auftauchten. Nach 1945 hingegen sei wiederum ein starker Anstieg zu vermerken, in denen Themen zur Wissenschaft und Technologie oft als Leitartikel verwendet wurden (La Follette 1990, 38ff.). Qualitativ betrachtet vermittelten alle Printformate ein ausnahmslos positives Bild der Wissenschaft (ebd., 44). STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 268 the mode of discourse was ›new writing‹« (ebd., 224). Die altertümlichen Helden der Wissenschaft konvertierten zu »media celebreties«, zu Medienintellektuellen, und aus diesem Grund verlor die Wissenschaft: »Science lost because the scientists left the field of popularization« (ebd.).110 Die PR-Strategien von Journalisten, die keine kritischen Berichterstatter waren, sondern für die ›science lobby‹ arbeiteten, übernahmen das Promoten für Wissenschaft und Technologie. Selbst die Wirtschaftskrise wurde zur Publicity der Wissenschaften umgemünzt (ebd., 175). Marcel LaFollette sieht hier jedoch nicht nur die Journalisten als maßgebliche Triebkraft des wissenschaftlichen Merchandising. Seiner Einschätzung nach waren es die Wissenschaftler selbst, die sich ihrer durch die Medien induzierten veränderten sozialen Rolle bewusst wurden und sie für ihre Forschungsvorhaben ausgenutzt hatten (La Follette 1990, 64).111 Dieselbe Strategie wurde auch während des Kalten Krieges eingesetzt, als die Wissenschaft durch die Interventionen der Politik instrumentalisiert worden war und jegliche Grundlagenforschung in die angewandten Wissenschaften abwanderte. Nach dem zweiten Weltkrieg war es vor allem die New York Times, die für qualitativ hochwertige ›science news‹ stand, denn sie suchte nach aktiven Forschern in den Naturwissenschaften, die für sie als Autoren schrieben (Lewenstein ebd., 49). Zu ihren populärsten Themen zählte die Atomphysik und die medizinische Krebsforschung (La Follette ebd., 165f.) Eine wesentliche Erneuerung 110 Auch diese Beobachtung kann durch La Follettes Studie bestätigt werden. Von 1920 bis 1940 stieg die Anzahl der schreibenden Science Journalists stetig an, sodass bereits in den 1940er Jahren mehr als die Hälfte aller Science Articles von Journalisten verfasst wurde (La Follette ebd., 47). Journalisten benötigten keinen akademischen Grad in den Natural Sciences, um über Wissenschaft zu schreiben, auch sei ein solcher akademischer Grad kein Indikator für qualitativ hochwertiges Science Writing gewesen. Auch wenn sich die Wissenschaftler vom Popularisieren zurückzogen, so blieben doch einige übrig, die sich weiterhin der Aufgabe stellten, nicht nur mit dem journalistischen Feld in Kontakt zu treten, sondern auch selbst Artikel zu veröffentlichen. Darunter ist vor allem der Erfinder Thomas Edison zu nennen, der quantitativ betrachtet derjenige Wissenschaftler war, über den nicht nur am meisten geschrieben wurde. La Follette spricht hier von einer medialen Konstruktion eines »cultural symbol«, der gekonnt die Figur des erfindungsreichen Wissenschaftlers mit dem erfolgreichen Geschäftsmann verknüpfen konnte (ebd., 60). Auf den oberen Rängen rangierten hauptsächlich Physiker, Astronomen und Biologen, darunter auch Julian Huxley (ebd., 51). 111 Es regten sich aber auch Stimmen der »popular science critics«, darunter der Dichter und Schriftsteller T.S. Eliot, sowie der Herausgeber von The Nation Joseph Wood Krutch, der mit seinem Essay-Band The modern temper (1927 / 28) eine Kritik an der naiven Wissenschaftsgläubigkeit der amerikanischen Bevölkerung übte (ebd., 150f.). USA 269 im massenmedialen Sektor war die Vereinigung des National Research Councils und des Science Service der AAAS in den 1920er und 1930er Jahren, die das Ziel verfolgten, möglichst viel an wissenschaftlicher Information an ein möglichst großes Publikum auszustrahlen (LaFollette 2008, 45ff.).112 Die erste offizielle Ankündigung des Science Service wurde am 8. April 1921 in dem Publikationsorgan Science der AAAS ver- öffentlicht.113 Junge Wissenschaftler sollten dem Aufruf folgen, Popular Science Articles einzureichen (ebd., 56). Mit Science News Bulletin ging im selben Jahr eine wöchentliche Zeitschrift in Serienproduktion, die als »living periodical text-book on science« von ihrem Herausgeber und der AAAS promoted wurde (ebd., 61). Damit schaffte sie es innerhalb der ersten drei Jahre, einen anhaltenden »spirit of cooperative popularization« in der amerikanischen Bevölkerung zu etablieren (ebd., 112 Der Wissenschaftler William Emerson Ritter und der Zeitschriften-Herausgeber Edward Willis Stripps wollten Wissenschaft nicht zur Propagandamaschinerie umfunktionieren, sondern den Markt für »useful information about science« schaffen, der die unterschiedlichen Nachrichtenagenturen, Zeitschriften, Magazine und Radiostudios mit dieser Information belieferte (ebd., 51). Stripps hatte als Geschäftsmann natürlich auch ökonomische Interessen, zumal er von Angesicht zu Angesicht mit den Medienbaronen Joseph Pulitzer und William Randolph Hearst wetteiferte. Propagandavorwürfe suchte er stets von sich zu weisen, um seiner neuen Aufgabe als Dienstleister für die Naturwissenschaften vollkommen gerecht zu werden. 113 Michael Sokal erklärt, dass die Herausgabe der Science als Verbindungsglied zwischen allen Disziplinen fungieren sollte und zwar trotz der zunehmenden Spezialisierung (Sokal 1999, 51f.). Derjenige akademische Akteur, der in dieser Zeit das wissenschaftliche Feld der USA am meisten prägen sollte, war James McKeen Catell, der nicht nur die Zeitschrift der AAAS herausgab, sondern die Institution für die nächsten fünfzig Jahre nachhaltig prägte. Als Professor für experimentelle Psychologie an der Columbia University verfolgte er das Ziel, die »leading men of science« zu vereinigen und den »report on the progress of science as a whole« voranzutreiben. Dazu installierte er sich als Hegemon sowohl im akademischen Feld als auch im Feld der Verleger. Ab 1900 gab er die Zeitschrift American Men of Science sowie Popular Science Monthly heraus (ebd., 57), um das »public unterstanding of science« in Gang zu halten. Der Zusammenschluss mehrerer wissenschaftlicher und populärwissenschaftlicher Magazine unter einem zentralen Herausgeber erleichterte die Publikation aufgrund der finanziellen Unabhängigkeit, die daraus hervorging. Der starke Verkauf des Popular Science Writing auf der einen Seite unterstützte die Langlebigkeit wissenschaftsinterner Publikationen auf der anderen. Unter der Catell Science Press entwickelte sich so ein eigener Publikationsort, der durch die wechselseitige Finanzierung einer ›Genre-Hybridisierung‹ vorschub leistete, die durch das wissenschaftlich-akademische Feld legitimiert wurde (ebd., 92f.). STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 270 64).114 Science Service blieb eine Demokratisierungsbewegung, allerdings wurde sie von nicht wenigen etablierten Wissenschaftlern eher noch als ›notwendiges Übel‹ ertragen, als vorbehaltlos akzeptiert. Immer noch wurde der »vox populi« misstraut (ebd., 127f.). Man wollte der Wissenschaft Ehre bringen, aber mehr noch durch das Labor als durch das Radio.115 Nach 1945 waren demnach die Wissenschaftler selbst wieder auf dem Vormarsch und zwar unter der Schirmherrschaft der American 114 Trotz des Science-Broadcasting hatte die AAAS auf das Printmedium nicht verzichtet. Ganz im Gegenteil: Das eine Medium wurde in das andere transpositioniert. Viele der Radiovorträge erschienen zusätzlich im Printformat, denn hier befand sich immer noch das spezifischer Publikum, dass die AAAS mit ihrem Science Service seit Jahren bereits über ihre Zeitschrift Science geformt hatte und in Zukunft formen wollte (ebd., 114). 115 Das man der ›vox populi‹ nicht auf Anhieb trauen konnte, vor allem nicht in Bezug auf die Trennung von fact und fiction, bewies der amerikanische Filmregisseur Orson Welles, als er H. G. Wells War of the Worlds als dramatischen Vortrag im Radio präsentierte. Die Landung von Marsianern auf der Erde löste in einigen Stadtteilen New Yorks eine Massenpanik aus, weil die Stimme aus dem Off mit der gleichen Autorität und Überzeugungskraft sprach, wie die wissenschaftlichen Popularisierer (ebd., 153ff.). Welles inszenierte unter der Maske des Popularisierers die Wissenschaft als Drama und mimte damit den Wissenschaftler, der sich wiederum unter der Maske des Popularisieres verbarg. Für die sich verantwortlich fühlenden Popularisierer stand nun auf dem Programm, wie man Wissenschaft präsentieren sollte, um einerseits ihr Interesse für ein bestimmtes Themengebiet zu wecken und andererseits jene Rahmenvoraussetzungen zu schaffen, die fact und fiction voneinander trennten. Darüber hinaus wäre dieser Radiovortrag ein rezeptionsästhetisches Zeitdokument gewesen, das bezeugt, dass die Zuhörerschaft schon lange vorher durch die Rezeption populärwissenschaftlicher Literatur in der Astronomie und vor allem der Science-Fiction-Literatur auf derartige Invasionen aus dem Weltall vorbereitet gewesen war. Das neue Medium, das vor allem Nachrichten aus der realen Welt vermittelte, also zunächst einmal reine Informationsvermittlung sein sollte, schuf die faktualen Rahmenbedingungen einer fiktionalen Rede, die die Grenze zwischen beiden nur undeutlich markierte. Vor allem aber waren sich die Dienstleister des Science Service nun im Klaren, dass den reading skills des vorherigen Jahrhunderts neue listening skills folgen mussten. Aus diesem Grund wurden auch andere Formate integriert. So beispielsweise Science Service Talks, in denen Wissenschaftler interviewt wurden. Das ganze Unterfangen wurde als Adventures in Science dem Zuhörer verkauft und mit diesem Gesprächsformat änderte sich auch der Stil der Dienstleistung (ebd., 158). Mit der Einführung des Fernsehers für die ›middle-class families‹ wurde naturwissenschaftliche Erziehung durch die »Disneyfication« (ebd., 228) von der ›popularization of science‹ zu ›pop science‹ transformiert. Informationsvermittlung und Erziehung wurde mit Humor und Unterhaltung gekoppelt. Auf diese Weise wurde Atomphysik für Kinder erzählbar. USA 271 Association for the Advancement of Science. Mit dem Arden House Statement von 1951 formulierten sie nicht nur vor der europäischen Elite das PUSH-Programm einer neuen ›public science‹ und ›science policy‹, sie taten es mit den großen Wissenschaftlern der Kybernetik-Forschung, die aus der angewandten Militärforschung der »Big Science« hervorgegangen waren. Ihr Wortführer war Warren Weaver, der die »public presentation of scientific information« als den einzigen Weg ansah, um die intellektuelle und soziale Autorität der Wissenschaft zu stärken und anzuerkennen (ebd., 52). In diesem »Statement« wurde die Funktion der AAAS seit ihrer Gründung noch einmal neu überdacht. Die erste rein wissenschaftsinterne Funktion bestand darin, die amerikanische ›scientific community‹ von innen heraus durch Publikationen, Reviews, Programme, Versammlungen und die Wechselbeziehung zwischen Wissenschaft und der Regierung zu stärken. Man wollte an erster Stelle das »internal problem of service to science« lösen, man war schließlich immer noch Dienstleister für die Wissenschaft. Dennoch sah man sich nicht mehr in der Lage die einzelnen Disziplinen und ihre weitere Auffächerung in Subdisziplinen und die damit zusammenhängende Spezialisierung abzudecken. Aus diesem Grund hat man den Schwerpunkt ihres Interesses auf die Synthetisierung der einzelnen Wissenschaftsfelder gelegt. In den Meetings sollte es nicht mehr um Diskussionen einzelner Wissenschaften und ihrer Ergebnisse gehen, sondern um »synthesizing and unifying influence« der Wissenschaft als Ganzes und zwar für die Gesellschaft. »Put science together again« war das Stichwort. Hier entwickelte die Kommission bestehend aus Experten der verschiedensten naturwissenschaftlichen Disziplinen ihre Idee einer Wissenschaft für die Gesellschaft, die als offizieller Gründungsakt der Public Understanding of Science gesehen werden kann und womit die Institutionalisierungphase der Populärwissenschaft innerhalb des akademischwissenschaftlichen Feldes transareal initiiert worden ist. Das Statement der Urkunde von 1951 lautet wie folgt: Finally, this same emphasis on over-all problems demands that the AAAS not only recognize but attack the broader external problem of the relation of science to society. It seems to us necessary that the AAAS now begin to take seriously one statement of purpose that has long existed in its constitution. To quote: The objects of the American Association for the Advancement of Science are to further the work of scientists, to facilitate cooperation among them, to improve the effectiveness of science on the promotion of human welfare, and to increase public understanding and appreciation of the importance and promise of the methods of science in human progress. It is clearly recognized that the diffusion among the general public of knowledge about science and its methods is a difficult, slow, and never-ending job. It would require staff, money, patience, and wisdom. It would involve failures, and it would STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 272 at some points strain the professional sensitivities of scientists. But in our modern society it is absolutely essential that science – the results of science, the nature and importance of basic research, the methods of science, the spirit of science – be better understood by the government officials, by businessmen, and indeed by all the people. (Kohlstedt / Sokal / Lewenstein 1999, 167ff.) Die Rückbesinnung auf die historischen Wurzeln der Institution und ihrer gesellschaftlichen Funktion wurde als Memo an alle Mitglieder versandt, um einen einheitlichen Konsens zwischen den Mitgliedern zu erzielen.116 Die AAAS begann sich mehr und mehr von ihrer reinen intrawissenschaftlichen Netzwerkarbeit zu trennen, und konzentrierte sich bald ausschließlich auf das Public Understanding und besonders die Appreciation of Science, sodass bis 1964 rund 3.300 Beschäftigte aus dem Journalismus, der Fernsehanstalten, der Industrie, der Regierung, der Erwachsenenbildung, der Museen und der Wissenschaft für dieses Projekt rekrutiert werden konnten (Lewenstein 1999, 127).117 116 Bereits 1955 eröffnete man die im Zuge neuerer Bildungsreformen etablierte »travelling library«, die ab 1963 unter der Bezeichnung Guide to Science Reading an Elementary Schools, wo das Bibliothekssystem noch unzureichend ausgebildet war, mit 160 Büchern in je 12 Bändern im Paperback- Format in Serie ging (Lewenstein 1999, 119f.). Ab 1975 wurde die Reihe in »Science Books and Films« umbenannt. Der berühmte Science-Fiction-Autor Isaac Asimov nutzte die Bände als Quelle des Wissens für seine Romane (ebd., 120). 117 Dieser Wechsel innerhalb der Organisation kam zum einen dadurch zu Stande, dass sich immer mehr kleinere spezialisierte Gesellschaften für die naturwissenschaftlichen Disziplinen etablierten und ihre eigenen Publikationsorgane schufen, sodass die inter- und transdisziplinäre Kommunikation sich ausschließlich auf das Publikationsorgan der AAAS verlagerte. Das hatte natürlich zur Folge, dass eine andere sprachliche Übersetzungsarbeit an den publizierten Artikeln erfolgen musste, sodass sich auch immer mehr Nicht- Wissenschaftler für die Artikel interessierten, weil sie nun einen Zugang zu den Texten der Naturwissenschaftler und ihren Ideen hatten. Das bedeutet jedoch nicht, dass das Magazin generell dazu tendierte, ein populärwissenschaftliches Magazin zu werden. Als das Science Digest sein Cover demjenigen der Science anglich, musste sich die AAAS vor Gericht davor schützen und damit gleichzeitig eine rechtliche Schiene einführen, die reine populärwissenschaftliche Magazine von inter- oder transdisziplinären Magazinen der Naturwissenschaften trennte (ebd., 134). Nach wie vor gehört Science den Statistiken des wissenschaftlichen Impacts zufolge zu den größten naturwissenschaftlichen Zeitschriften weltweit und konnte diese Stellung bereits seit den 1970er Jahren behaupten. Dennoch orientierte man sich mehr an den Lesern als an den Autoren. Aus diesem Grund wurden auch gesellschaftsrelevantere Themen veröffentlicht, die vor allem in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert werden konnten, wie beispielsweise die These des USA 273 Für die AAAS-Mitglieder war das wissenschaftliche und institutionelle Kapital ein Äquivalent zum moralisch-gesellschaftlichen: »›understanding‹ meant an understanding of the improvement of human life as a result of specific research areas in the basic sciences. Scientists continued to be motivated by their moral certainty in science, by their confidence that it provided not only an answer, but the answer to many of society’s problems« (ebd., 130). Die allzu optimistische Stimmung der Nachkriegsjahre hielt jedoch nicht lange an. Der Image-Schaden der ›natural science‹ konnte während der Studentenrevolte in Boston nur langsam wieder behoben werden. Die MIT und Harvard-Studenten protestierten gegen das Bild einer Wissenschaft, die sich einerseits als Retter und Befreier der westlichen Welt sah, andererseits jedoch ihre Produkte an die ›angewandte Forschung‹ verkaufte. Die fragwürdig gewordene Wissenschaftspolitik der US-amerikanischen Forscher stand unter dem Verdacht, weit mehr ein Promoting für Naturwissenschaften zu sein, als ein Understanding. Als sich 6000 Studenten und Forscher anderer Fakultäten, wie der humanities, zum Annual Meeting der AAAS 1969 in Boston versammelten, wurden die Mitglieder der AAAS mit ihren eigenen Mitteln geschlagen. Unter der Parole The Sorry State of Science – A Student Critique wurde vom akademisch-wissenschaftlichen Feld der Ivy League Anklage erhoben (ebd., 138). In diesem gesellschaftspolitischen Kontext emergierte der Streit der »Science Wars« zwischen den Akteuren der ›natural sciences‹ und der ›humanities‹, der in den 1990er Jahren zum Angriff auf die ›French Theory‹ führte und in dem hierzu veröffentlichten Band Intellectual Imposteurs seinen vorläufigen Höhepunkt fand. Die schwedische Soziologin Ullica Segerstråle konstatiert bereits zum Ende des zweiten Weltkriegs ein »science-as-a-model-for-culture« in Harvard (Segerstråle 2001, 103). Die humanities standen jedoch außerhalb dieses »wartime cultural struggle«-Szenarios, das mit der Zwei-Kulturen-Debatte von Snow nicht eingeleitet, sondern bereits besiegelt worden sei (ebd., 104). Das sei der Ausgangspunkt und wissenschaftspolitische Hintergrund gewesen, vor dem sich die Arbeit der humanities konturieren und abgrenzen sollte (ebd., 105). Der Bruch des Dialogs zwischen den Zwei Kulturen entstand durch einen Artikel des Physikers Alan Sokal, der in der »cultural studies«-Zeitschrift Social Text erschien (ebd., 14ff.). Sein Titel Transgressing the Boundaries: Toward a Transformative Hermeneutics of Quantum Gravity wurde als Parodie auf die Postmoderne verfasst und in der New York Times langanhaltend diskutiert. Sokal hätte gezeigt, dass es für Naturwissenschaftler viel leichter sei, in die Humanities einzuwandern und ihren Diskurs zu imitieren, als für »continental drift« und Themen der Ökologie, die einen besonderen gesellschaftspolitischen Impetus hatten. STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 274 die andere Gruppe der Wissenschaftler (ebd., 15). Er bewies die intellektuelle Arroganz der postmodernen Theoriebildung, indem er sie mit ihren eigenen Mitteln schlug (ebd., 17). Die intellektuellen Kämpfe enstünden durch die ambivalente Stellung der politisch linksorientierten Intellektuellen in den USA, vor allem in Harvard, die zwischen Traditionalisten auf der einen und Kulturalisten auf der anderen Seite changierten (ebd., 109f.). Der Biologe Paul R. Gross und der Mathematiker Norman Levitt, die mit ihrer akademischen Streitschrift Higher Superstition . The Academic Left and its Quarrels with science (1994), die ›Science Wars‹ anheizten, argumentierten für eine nicht-demokratische Wissenschaft. Postmoderne Kulturtheorien seien eine Form von »Antiscience« (ebd., 77). Warum sich diese Kontroverse besonders in den USA so hartnäckig gehalten hatte, sieht Segerstråle darin begründet, dass es offensichtlich einen Markt für Diskurse rund um die ›Science Wars‹ gab. Darüber hinaus hätte gerade die Popularisierung im Fernsehen zu dem Missverständnis über die Wissenschaftssoziologie, -philosophie und -geschichte beigetragen (ebd., 90). Die Royal Society habe zu langsam auf derartige Verzerrungen des Bildes der humanities und der Propaganda antiwissenschaftlicher Thesen über die Wissenschaft reagiert (ebd., 91). In diesem Kontext wurden die Science and Technology Studies als linksgesteuerter Verein der »science policy« einer »academic left« mit der Parole »Science can take care of itself« angegriffen (ebd., 22). Segerstråles Einschätzung zufolge sei die STS ein Sammelbecken für alle linksintellektuellen Unternehmungen geworden, weil es zu dieser Zeit um die Neubesetzung eines Lehrstuhls für Science Studies in Princeton ging. Sie bezeichnet derartige Koppelungen von administrativen Regelungen innerhalb des universitären Feldes und disziplinärer Neugründungen als »climate creation« (ebd., 23). Für Segerstråle steht daher fest, dass man noch lange nicht aus der Post-Weltkrieg-Ära der Wissenschaften und ihrer Funktion für die Gesellschaft entlassen, sondern ständig damit beschäftigt sei, über Alternativen nachzudenken (ebd., 29). Die Aufgabe bestehe weiterhin darin, eine ›sociology of scientific knowledge and science‹ aufzubauen, die selbst von praktizierenden Forschern der ›natural scientists‹ als wissenschaftliche und nützliche Praxis erkannt und anerkannt werde. Die AAAS reagierte auf die ersten pessimistischen Stimmen aus den eigenen Reihen mit einer veränderten Sozialpolitik ihrer eigenen Organisationsstruktur: Es sollten mehr Frauen und vor allem auch Studenten anderer ethnischer Herkunft in die engeren Kreise der akademischen Intelligentsia zugelassen werden bzw. das demokratische Bestreben, bessere Zugangsmöglichkeiten zu etablieren, vehementer verteidigt werden, was jedoch nur sehr langsam über mehrere Jahre hinweg erst erreicht werden konnte (Lewenstein ebd., 141). Der Bericht des Harvard-Biologen John USA 275 T. Edsall Scientific Freedom and Responsibility, dessen Auftraggeber die AAAS war, sollte nicht nur die gesellschaftspolitische Fragwürdigkeit der natural sciences im Kontext angewandter Militärforschung und der damit verbundenen studentischen Unruhen auf dem Campus und auf den Straßen zusammenfassend kommentieren, sondern auch eine Neuausrichtung für die zukünftige Arbeit der AAAS-Mitglieder formulieren (ebd., 155).118 Die AAAS war damit nicht mehr bloß eine mehr oder weniger lose Ansammlung von interessierten Wissenschaftlern, die ihre gesellschaftliche Position innerhalb einer informierten Öffentlichkeit erst nahmen. Die Organisation wurde selbst zu einem Akteur, der das politische und akademische Feld miteinander verband (ebd., 159). Ihr »executive officer«, Richard Nicholson, führte zu Beginn der 1990er Jahre mit zwei publizierten Bücher, Science for all Americans (1989) und Benchmarks for Science Literacy (1993), die Tradition des Public Understanding fort. Sein in den 1980er Jahren initiiertes »Project 2061« sollte das »Arden House Statement« ins 21. Jahrhundert tragen (ebd., 161). In diesem wissenschaftspolitischen Klima, einem zunächst emergierenden und schließlich sich sehr stark ausdifferenzierend populärwissenschaftlichen Feld, gelang es einem ganz bestimmten Akteur die Stränge der unterschiedlichen Interessengruppen zu einem gemeinsamen Bündel zu fusionieren und ihm einen neuen Namen zu geben: Third Culture . Am 4. September 1966 erschien in der New York Times ein Artikel mit dem Titel »So what happens after Happenings?« über einen jungen, aufstrebenden businessman mit dem Namen John Brockman, der sich mit der medienrevolutionären Doktrin Marshall McLuhans »the medium is the message« einen Namen im künstlerischen Feld New Yorks 118 In den darauffolgenden Jahren änderte sich das institutionelle Gesicht dieser Organisation. In den 1980er Jahren begann die Organisation selbst ein Akteur innerhalb eines größeren politischen Rahmens zu werden, mit mehr Eigenverantwortung für ihr Aufgabenspektrum, ihre Programme und ihre Mitglieder, denen nunmehr ein eigenes Gebäude für ihre Arbeit zur Verfügung stand. Auch der Physiker, Mitglied der Royal Society und des PUSH in UK, John Ziman, meint, dass die postindustrielle Wissenschaftsordnung nicht nur multidisziplinär, sondern dogmatisch pluralistisch sei, in der dennoch Objektivität als sozio-kulturelle Minimalanforderung an das eigene wissenschaftliche Forschen erhalten bleiben müsste (Ziman 2001, 151f.). Die Unabhängigkeit von feldexternen Faktoren, die die akademische Wissenschaft und ihre Forschungsinteressen nicht auf ihren Nützlichkeitswert hin bewerteten, schien zunächst verantwortungslos und ineffizient gewesen zu sein, aber, so der Physiker, sie habe funktioniert. Diese Unabhängigkeit hätten die Wissenschaftler auf eigenes Risiko hin aufgegeben (»we abandon it at our peril«). STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 276 machen wollte.119 Der damalige New Yorker Direktor des Filmfestivals, Amos Vogel, beauftragte den jungen Ökonomie-Student das wichtige Event mit innovativen Ideen zu bereichern. Brockman antwortet mit einem »Intermedia Kinetic Environment«, kurz IKE, das die ästhetische Wahrnehmung des amerikanischen »independent cinema« in der Öffentlichkeit auf dramatische Weise verändern sollte. Die Kulturjournalistin der New York Times, Elenora Lester, umschreibt dieses Format folgendermaßen: »plugging into the switched-on ›expanded cincema‹ world in which a film is not just a movie, but an Experience, an Event, an Environment. This is a humming electronic world, in which multiple films, tapes, amplifiers, kinetic sculpture, lights and live dancers or actors are combined to involve Audiences in a Total Theater Experience. [...] Intermedia Kinetic Experiences permit audiences simply to sit, stand, walk or lie down and allow their senses to be Saturated by Media« (Lester 1966). John Brockman selbst wird als »pink-cheeked, shiny-eyed« Absolvent beschrieben, der wenig Ahnung vom Feld der amerikanischen experimentellen Künstler hatte, bis ein Freund ihn aus seiner Lektüre des Wall Street Journals herauslöste. Von seinem bloß privaten Interesse am Kino wurde er zum Kommerzialisierer experimenteller Kunst in einer »unlikely marriage between mixed media and commercial discotéques«. Der junge John Brockman, Repräsentant einer neuen Ära der Vermarktung künstlerischer Produktionsgüter, wird hier folgendermaßen zitiert: »Money is just an abstraction. These people were doing something important. They are artists. They see through years of conditioned responses«. Bereits 1965 führte ein Journalist der Tageszeitung The Nation in seinem Artikel über die »Underground Renaissance« John Brockman als einen Kenner der Vermarktung amerikanischer Independent-Künstler ein: »In Brockman, for the first time, the Underground is represented and organized by someone with buisness sense. He has tried to eliminate bohemian sloppiness, clubhouse paranioa and avant-garde incest« (Junker 1965). Unter den vielen jungen Künstlern dieses »independent cinemas« befand sich auch Andy Warhol, mit dem sich John Brockman auch noch später vielfach in der Öffentlichkeit sehen ließ. In den 1960er Jahren prophezeite er, dass die experimentellen Künstler den Blick für die Welt für immer verändern würden: »Only the hippest, most aware artists are able to make a statement about our world today«. Dieser junge 119 Ich rekonstruiere den Werdegang des amerikanischen Literaturagenten auf Grundlage der gesammelten Berichterstattung des journalistischen Feldes in den USA, England und Deutschland. Die Materialien von 1960 bis 2014 stellt John Brockman auf der Third Culture Online-Plattform edge .org zur Verfügung. Die Internetquellenangaben zu den einzelnen Artikeln werden im Literaturverzeichnis aufgeschlüsselt. USA 277 Kunst-Ökonom, der sich in der Factory von Warhol herumtrieb, der auf der Seite des Künstlers stand und für den Geld bloß eine Abstraktion war, sollte wenig später im amerikanischen Almanach unter den neuesten Startup-Unternehmen im amerikanischen Computerbusiness folgende Aussage tätigen: »I’m not in business to help people. I’m not in business to make friends. I’m in business to make money« (Levering/Katz/ Moskowitz 1984, 135). Damit schien sich das zu bestätigten, was der Journalist John Gruen des Harald Tribune in seinem Artikel »The Pop Scene« von 1967 prophezeite: »They are all waking up to the fact that America’s youth-quake is truly a Combine Generation – indeed, a generation of costumers who will respond to the environmental and multimedia approach to products, to learning, to leisure, and to entertainment. Men like John Brockman will be the arbiters and impresarios who will guide these foursquare world into the tastes and thoughts of this youngest and largest of up-coming generations«. 1973 gründete John Brockman das Startup-Unternehmen »John Brockman Associates Inc.« und nahm Klienten wie PC World, Whole Earth Software Catalog, Lifetree Software, Human Edge Software unter Vertrag. Er wurde zum Scout für die ersten kommerziellen Software-Writer, die den Personal Computer Markt erstürmen wollten. Mit insgesamt 200 Klienten und einem jährlichen Einkommen von 20 Millionen Dollar (Zahlen von 1983) begann er jene Schritte einzuleiten, die ihm das journalistische Feld New Yorks bereits bereitet hattet, indem es seinen Werdegang nie aus den Augen verloren und behutsam von Jahrzehnt zu Jahrzehnt kommentiert hatte. Diese kurze biographische Skizze der Herausgeber des Almanachs präsentiert den Werdegang eines »avant-garde philosophers«, dessen eigene schriftstellerische Tätigkeit lediglich in einem »cult book of avant-garde epistemology« mit dem Titel By the Late John Brockman zum Ausdruck kam und dessen weitere Ambitionen als Agent für Autoren von »serious non-fiction«120 und Computer-Software wuchsen.121 In den 1970er 120 In den 1970er Jahren konzentrierte sich Brockmans Tätigkeit als Literaturagent vor allem auf die Vermarktung von Handbüchern zum Personal Computer. Seine ersten Autoren gehörten daher auch größtenteils der cybernetic community an, wie beispielsweise Gregory Batson, der ihn »scoundrel« nannte, da er die Deals mit den blutrünstigen Verlagshäusern aushandelte (ebd., 139). Die Bücher dieser Autoren werden von den Herausgebern des Almanachs nicht als Popular Science Writing beschrieben, sondern als »serious non-fiction, – science, philosophy and self-help«. 121 Das Buch erschien 1967 und ähnelt einer Zitatencollage zusammengestellt aus unterschiedlichen Werken von naturwissenschaftlichen und literarischen Intellektuellen. In einer Art von Copy/Paste-Verfahren werden so Kybernetikspezialisten wie Norbert Wiener und Francisco Varela mit Alain Robbe-Grillet und Samuel Becket verknüpft. Künstler und Wissenschaftler STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 278 Jahren schien er zunächst von der intellektuellen Bildfläche New Yorks zu verschwinden und hinter den Kulissen des amerikanischen Publikationswesen, besonders in seinen Verhandlungen mit Simon & Schuster, seinen langsamen Aufstieg als Literaturagent der angloamerikanischen Popular Science vorzubereiten. 1987 erschien in der Zeitschrift Whole Earth, die Brockman selbst mitfinanziert hatte und zu seinem Klientenstab seit 1979 gehörte, einen Beitrag mit einem Interview über einen neuen Salon für die naturwissenschaftlichen Intellektuellen der Zukunft. Der Name dieses elitären Clubs war schlicht und einfach »Reality Club«. John Brockman beschreibt diese Zusammentreffen wie folgt: The motto of the Reality Club is »to arrive at the edge of the world’s knowledge, seek out the most complex and sophisticated minds, put them in a room together, and have them ask each other the questions they’re asking themselves«. We hold free for all meetings once or twice a month, usually in New York. The evening consists of a talk or presentation by a speaker of about one hour to Reality Club members. The talk is followed by lively and often impolite discussion. We charge the speakers to represent an idea of reality by describing their creative work, life, and the questions they’re asking themselves. We also want them to share with us the boundaries of their knowledge and experience. (Brockman/Levy 1987) Damals war es noch eine bunte Mischung von Akteuren aus sehr unterschiedlichen sozialen Feldern, von Psychologen über Zen-Meistern zu Schriftstellern und Computerspezialisten. Die eigentliche Idee stammte von dem Musiker und Komponisten John Cage, der bereits in den 1960er Jahren im New Yorker Stadtbezirk Chelsea zu solchen Diskussionsforen geladen hatte. Zu einer ähnlichen Idee-Session lud Brockman bereits 1981 ein. Dieses Forum war als diskursive Gegenreform zu den etablierten akademischen Diskussionsforen von Konferenzen etabliert. Bei dieser Art von geschlossener Gesellschaft sollte es um die freie Evolution von Ideen gehen, die sich widersprachen und Gesetztes und Gegebenes in Frage stellten, um die Realität mit ihren Ideen herauszufordern. So zumindest wird es von Brockman in den Interviews heraufbeschworen. Auch berichtet er von einer interdisziplinären Dynamik, die die Scientific Paper von Wissenschaftlern, die an diesen Meetings teilgenommen hatten, theoretisch bereichert hätte. Brockman kommentiert: »Maybe a challenging question will come from someone who knows an alternative theory that really threatens what the speaker had to say. On the other hand, someone might come up with a great idea totally out of left field that werden so von Brockman, der hier weniger den Autor mimt, als vielmehr einen Kanon dirigiert, zu einem gemeinsamen Intellektuellendiskurs verflochten. USA 279 only someone outside the speaker’s field could come up with. I think that’s a really interesting dynamic«. Als Steven Levy schließlich die Frage aller Fragen offerierte, »what kind of an elitist gang is this«, antwortet Brockman: The Reality Club encourages people who can take the materials of the culture in the arts, literature, and science and put them together in their own way. We live in a mass-produced culture where most people, even many established cultural arbiters, limit themselves to second hand ideas, thoughts, opinions. The way this culture is going, most Americans are the mental equivalent of shopping malls. I believe that a tiny minority of people in the world do the significant thinking for everyone else. We are elitist if that is construed as a group of people who create their own reality and not an ersatz reality . Our members are out there doing it rather than talking about and analyzing the people who are doing it . [hervorgehoben von P.G.] Er beantwortet die Frage, indem er die Definition des Elitären umkehrt und gleichzeitig implizite Kritik an einer anderen intellektuellen Schicht übt, die er hier noch nicht beim Namen nennt, aber diesen evoziert, wenn er von den »materials of the culture in the arts, literature and science« spricht und ihren etablierten, kulturellen Vermittlern (»established cultural arbiters«), die selbst keine Ideen produzieren, sondern die Ideen anderer bloß weiterverwerten. Dieses Recyceln von Second-Hand-Gedanken sei den Reality-Club-Intellektuellen fremd, denn sie seien es, die die Realität der Zukunft gestalten. Brockman übte sich in diesem Interview bereits in jener Manifestrhetorik ein, die Mitte der 1990er Jahre zu seinem Markenkennzeichen werden sollte. Brockman war nicht nur der Initiator dieser Veranstaltung gewesen, sondern auch ihr Geldgeber, der sie finanziell unterstützte, sodass für die Mitglieder der freie Fluss von Informationen und die Evolution der Ideen ohne finanziellen Aufwand genossen werden konnten. Doch auch dieses Prinzip steht nur einmal mehr unter einer Ökonomie des Unökonomischen, das sich erst nach einigen Jahren für Brockman und seine Klienten auszahlen sollte. Der erste Schritt auf diesem Weg von der Exklusivität des Clubs zur Inklusivität der Öffentlichkeit wurde durch das Interview im Magazin Whole Earth Review selbst in die Wege geleitet.122 122 Im Oktober 1997 schließlich berichtete The Web Magazine von einer medialen Reinkarnation der Royal Society im World Wide Web und auch die New York Times machte unter dem Titel »In an Online-Salon, Scientists sit back and ponder« (Leggiere 1997) auf die Internetsessions der Elite aufmerksam. Der Reality Club ging pünktlich zur Geburtsstunde des Internets online und wird bis heute als Non-Profit-Internetseite unter edge .org von Brockman vertrieben. Edge .org bildet eine Kommunikationsplattform für den inter- und transdisziplinären Austausch verschiedenster Wissenschaftler. STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 280 Wieder einmal war das New Yorker journalistische Feld vor Ort, um dem Agenten Brockman öffentliche Aufmerksamkeit zu schenken und seine Publicity für die neue intellektuelle Schicht amerikanischer Realitätsforscher anzutreiben.123 Als schließlich 1991 die Los Angeles Times von einem »manifesto challenging our national intelligentsia« sprach, begann Brockmans Publicity Früchte zutragen. Der kurze Essay, der als Newsletter-Manifest in der dritten Ausgabe seiner Zeitschrift EDGE im September 1991 erschien und später in einer längeren Version von der Los Angeles Times, The New Statesman und in der Kopenhagener Tageszeitung Information veröffentlicht wurde, begann in den USA und über Dänemark auch in Europa zu zirkulieren. Dies kann man als die offizielle Geburtsstunde der angloamerikanischen Third Culture ansehen und das Manifest als Gründungsnarrativ einer neuen intellektuellen Schicht. In diesem Essay, das schließlich 1995 die Popular Science Writing Anthologie »The Third Culture. Scientists on the edge« einleitete, werden die »established cultural arbiters« nun beim Namen genannt, damit sie natürlich von seinen Lesern sozial erkannt werden: die »men of letters«, die »literary intellectuals«.124 Im Los Angeles Times-Interview mit dem Journalisten Peter Catalano beschimpft er sie als »literary intellectual crowd« (Catalano 1991). Am Gleichzeitig fördert es aber auch die vertikale Kommunikationsrichtung zwischen Experten und Laien. Brockmans Eroberung des World Wide Web mit seinem Science Talk im Internet war die erste ihrer Art, die heute unzählige Nachahmer gefunden hat. Die als Trademark eingetragenen Scienceblogs, die unter anderem auch von National Geographic vertrieben werden, bauten die Idee, Science News sowohl auf der horizontalen Ebene als auch der vertikalen Ebene zu kommunizieren, indem gepostet und kommentiert wird, weiter aus. 123 Im Interview betont Brockman, dass das niemals sein Anliegen gewesen sei und er mit dem Interview nur auf eine Anzahl von Interessierten anworten wollte, die von diesem Club gehört hatten. Als Agent agiert er jedoch sowohl im journalistischen Feld, also im Sinne Pierre Bourdieus in einem Subfeld der kulturellen Produktion, als auch im Feld der Verlage und dem Feld der Produzenten, die er als Literaturagent betreut. Man kann hier bereits erkennen, wie Brockman sein ökonomisches Kapital nutzt, um es in symbolisches Kapital zu transferieren. Auf die soziologischen Grundbegriffe Pierre Bourdieus wird später unten noch eingegangen. Die historische Kontextualisierung der sozialen Rolle John Brockmans wird in dem Kapitel über die Struktur und Genese des populärwissenschaftlichen Feldes abgehandelt. 124 In der Buchkritik des New Scientist vom 6. März 1995 heißt es, dass sich die wissenschaftlichen Argumente von Kybernetik bis Neuropsychologie und Evolutionsbiologie wie das intellektuelle Äquivalent eines chinesischen Gerichts anordnen würden. Doch dies sei nicht die Schuld des Herausgebers Brockman. Das eben sei »science on the making«: »Brockman’s book USA 281 13. Dezember 1992 berichtete die Sunday Times von Brockmans Erfolg im »Popular Science Publishing« unter dem Titel »Eureka! They like science« (White 1992). Damit wurde auch das englische Verlagswesen auf den amerikanischen Literaturagenten aufmerksam, sodass die Sunday Times bereits zwei Jahre später einen ausführlichen Artikel über die geschäftlichen Beziehungen zwischen London und New York berichtete, für die der Literaturagent John Brockman zur exklusiven Schaltzentrale wurde, wenn man an den großen Popular Science Autoren verdienen wollte. In dem Artikel »Science doubtful advance« berichtete John Cornwell von John Brockmans »Third Culture« im Kontext des Cheltenham Literaturfestivals, auf dem die Science Masters Book Series125 des Verlagshauses Weidenfeld and Nicolson vorgestellt wurden (Cornwell 1994). Dem Bericht zufolge erhielt Brockman zwei Jahre zuvor einen Anruf von der Londoner Publishing Group Orion und dem japanischen Verlagshaus Soshi Sha, um eine solche Serie mit einem ausgewählten Stab von bereits veröffentlichten und erfolgreichen PopScience Autoren aus dem wissenschaftlichen Feld in die Wege zu leiten. 1994 wählte Brockman zwölf dieser Autoren aus seiner Klientenliste aus und verkaufte die Copyright-Rechte als »package« in über fünfzig Länder.126 Damit sprengte er gleichsam den lokalen Rahmen der New Yorker Clique und vergrößerte ihren Zirkulationsradius durch den Verkauf ihrer Publikationsrechte auf globaler Ebene.127 Zu seinen »brand names« is far more valuable than just another bluffer’s guide. It provides a rare and candid insight into the thought processes of leading scientists. As such, it is the most important book on how science is done since The Double Helix« (Matthews 1995). 125 Diese Buchreihe wurde von dem damaligen Minister für Wissenschaft Robert Hughes initiiert. Als eigentlicher Gründungsvater dieser populärwissenschaftlichen Buchserie wird jedoch John Brockman angesehen. 126 John Brockman investierte 1999 in die Internetseite rightscenter .com, die von Seiten der Frankfurter Buchmesse initiiert worden, um den Austausch von Buchrechten und Manuskripten zwischen Autoren, Agenten und Verlagen schneller und effizienter zu machen. Siehe hierzu der Bericht aus dem Silicon Alley Reporter vom Januar 2000. 127 Mit Erscheinen der Anthologie wurde auch das italienische und deutsche Presse- und Verlagswesen auf den Literaturagenten und seine Science Masters aufmerksam. Am 13. September 1995 erschien in der italienischen Tageszeitig La Repubblica ein Artikel mit dem Titel »Scienziati zero e lode« mit einem Abstract »«Il problema della divulgazione«. Seitdem berichtet die italienische Tagespresse regelmäßig über den amerikanischen Impresario. Der Focus hat vom »Agenten der Zukunft« berichtet und auf die neue Cyber-Elite aufmerksam gemacht. Im Untertitel heißt es, er mache aus Populärwissenschaftlern Bestseller-Autoren (Focus 14/10/1996). Auch im Focus heißt es über Brockman »Der Geist zu Geld macht« (Focus 08/10/2001). Am 21. Februar schließlich erschien unter dem Titelzitat »Reißt alle Statuen STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 282 zählen in dieser Zeit vor allem Richard Dawkins, Daniel C. Dennett, Colin Blakemore, Stephen Jay Gould, Nicholas Humphrey und später auch Steven Pinker. Der Literaturagent selbst verdiente an jedem vereinbarten und ausgehandelten Deal zwischen Autor und Verlagshaus 15% des Gesamtbetrages. So sah die rechtlich-ökonomische Lage aus. Doch der Journalist der Sunday Times wies auch auf den ideellen Wert der Marke John Brockman hin: The genesis of Brockman’s »package«, the marriage of authors and themes, patently has less to do with editorial inspiration than the brokering of the deals. The Science Masters may well be the first series of its kind to have been created by a literary agent rather than a publisher or freelance general editor: the choice of authors, and therefore intellectual bias, is dictated not so much by editorial policy as by membership of Brockman’s client list, or, at least, his ability to cut a deal with other agents’ clients. In John Cornwells Artikel beginnt sich bereits eine erste Kritik gegen jenen Mann zu erheben, der aus der Science Master Series »Brockman’s Science Masters« machen wollte. Als kritischer Beobachter der Veränderungen des Verlagswesens und journalistischer Kommentator versuchte er gerade die Bücher von Dawkins, Dennett und Hawking vor einer möglichen falschen Etikettierung dadurch zu retten, dass er sie in das Archiv der »history and philosophy of science« einschrieb und zwar mit folgender Begründung: »Even though such authors habitually endow their utterances with the oracular certitude of a proven experiment, they are engaged in a highly contentious intellectual exercise in which there is no such thing as a monopoly of the truth«. Auch versucht er jene Autoren in Schutz zu nehmen, die bei Brockman nicht unter Vertrag standen und dennoch auf dem Buchmarkt mit seinen Autoren intellektuell rivalisierend gewesen seien (Cornwell nennt hier Gerald Edelmann, Steven Rose, Roger Penrose) und die radikal-reduktionistischen Sichtweisen von seinen Klienten nicht unterstützten. nieder!« (Spiegel 21/02/2000) im Spiegel ein dreiseitiger Bericht über den Literaturagenten aus den USA, und die Berliner Zeitung berichtete unter dem Titel »Propagandist der Pop Science« (Berliner Zeitung 10/09/2000). Damit fiel schließlich der Startschuss zur deutsch-amerikanischen Debatte um die Third Culture und den deutschen Intellektuellen und in der Romanistik geschulten Philologen Frank Schirrmacher. Auch die große britische Tageszeitung The Guardian hat am 30. April 2005 unter dem Titel »The Hustler« zu einem Profile-Topthema über Brockman berichtet, und am 12. Mai schreibt die spanische Tageszeitung El Pais von der »La tercera cultura en Kosmopolis« (2005). Wenig später erschien ein sechs Seiten langer Bericht über Brockman und den »Un nuevo humanismo« in der La Vanguardia (14/09/2005). Ebenso berichtete die große Tageszeitung El Nación am 30. März 2008 von der optimistischen Wissenschaftselite. USA 283 Die Kritik bezieht sich auf Brockmans willkürliche Auswahl seiner Autoren, da er eben nur diejenigen Wissenschaftler in die Series aufnahm, die sich bereit erklärten zu unterschreiben . Dass einige Autoren diese verlagsrechtliche Vormundschaft ablehnten, lag daran, dass diese Signatur vielmehr als eine bloße Unterschrift war, die die Publikationsrechte sicherte. Diese Signatur trug bereits das soziale Stigmata einer neuen intellektuellen Schicht, die nicht nur wissenschaftliche Ideen in den medialen Kanälen verbreiten, sondern sich einem ganz bestimmten System von Ideen verschreiben wollte. Mit der Unterschrift verschrieb man sich einem Programm, einer Schule, einer Ideologie, die sich als Utopie tarnte. Hierzu mussten die traditionellen Intellektuellen europäischer Herkunft durch die men of science aus Amerika ersetzt werden.128 Cornwells Kritik zielte darauf ab, das neu erschienene Buch von dem mittlerweile ebenfalls als Star-Autor (und »Star-Dozenten«129) angepriesenen Harvard-Psychologen Steven Pinker, »The Language Instinct«, davor zu schützen, zu diesem ideologischen Kult einer neuen intellektuellen Kaste beizutragen, bevor es mit dem »pap«, also dem ›Brei‹, wie den ›Science Masters‹ in Verbindung gebracht werde. Die ironische Wende an dieser Kritik erübrigt sich, wie der Journalist selbst zugestehen muss, denn Steven Pinkers Signatur reiht sich ebenfalls in die lange Liste der ›Brockman’s Science Masters‹ ein. Beth Luey merkt hierzu an, dass gerade auch aufgrund der identischen Publikationsformate kein Unterschied mehr zwischen einem Lehrbuch und Popular Science Writing auszumachen sei, vor allem weil vielen dieser Werke, eine Arbeit im Vorlesungssaal oder Seminarraum vorangegangen sei (Luey 2010, 103). Autoren wie der Astrophysiker Carl Sagan 128 Wobei dies natürlich nicht ausnahmslos auf alle Autoren zutrifft. Richard Dawkins als britischer Evolutionsbiologe, der in Afrika geboren wurde und dort die größte Zeit seiner Kindheit verbrachte und später in Oxford promovierte, als auch der Psychologe Nicholas Humphrey, der in Cambridge seine Ausbildung zum Scientist genoss, entstammen genau genommen immer noch der elitären Zunft der britischen Ivy League. Es ist vielmehr die englische Sprache, die Großbritannien und die Vereinigten Staaten verbindet. Damit will Brockman natürlich sowohl Grenzen sprengen als auch Grenzen setzen, indem er einerseits Großbritannien zu den USA zählt, es andererseits Großbritannien vom restlichen Europa abtrennt. Als faktischgeographische Inselwelt bleibt GB virtuell stets ein beweglicher Vektor in den Transferprozessen zwischen Amerika und Europa. 129 Das neue Elite-College für die Humanities (New College for the Humanities) wurde 2011 eröffnet, kostet im Jahr rund 18.000 Pfund Studiengebühren und bietet den Studenten die exklusive Leistung, von »Stardozenten« wie Richard Dawkins in der Evolutionsbiologie und Steven Pinker in der Psychologie im Oxbridge-Tutoren-Stil unterrichtet zu werden (ZEIT 15/12/2011). STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 284 oder der Evolutionsbiologie Stephen Jay Gould seien neben ihrer Tätigkeit als Popular Science Writer immer noch an renommierten Universitäten (Cornell, Harvard) tätig gewesen, was bestätigt, dass das Schreiben populärwissenschaftlicher Prosa kein Ausschlusskriterum für eine akademische Tätigkeit sein muss. Stattdessen zeige sich gerade in den USA, dass es möglich sei, universitäres oder wissenschaftliches Kapital in hohes ökonomischer Kapital zu transferieren, wie dies am Beispiels von Carl Sagan deutlich wurde, der mit rund 2 Mio. US-Dollar (Royalities) im voraus für sein Popular Science Book Cosmos ausbezahlt worden ist (ebd., 104f.). Luey betont außerdem, dass die Funktion des »publishers« und des »literary agent« nicht zu gering geschätzt werden dürfe, denn sie seien die eigentlichen Katalysatoren dieser Veränderungen gewesen: »Although their loyalty is to the author, they also serve publishers by acting as a preliminary filter and as developmental editors« (ebd., 150f.). Ihre Funktion sei es, die Distanz zwischen Autor und Leser so klein wie möglich zu halten und sie durch verschiedene Methoden der Buchgestaltung stetig zu minimieren, wie zum Beispiel dem Einsatz von paratextuellen Elementen, die von Zitaten aus Rezensionen und anderen Werken des Autors bis Glossaren, Appendixen, Indices, Fuß- und Endnotenmaterial reichen (ebd., 159).130 Albert N. Greco hebt ebenfalls die herausragende Stellung der »literary agents« auf dem US-amerikanischen Buchmarkt hervor (Greco 2005, 151ff.). Sie seien der Dreh- und Angelpunkt jeglicher Buchpublikation, die auf ökonomischen Profit ziele. Dabei arbeiteten sie sogar vorrangig für die University Press, da dieser Verlagssektor bereits im Voraus hohe Summen auszahlte, um den Wettbewerbsdruck auf andere universitäre Verlagshäuser zu erhöhen. Der »literary agent« sei nicht nur derjenige, der alle Publikationsrechte mit einem Verlag aushandle, sondern bereits ein wichtiger gatekeeper im Sinne eines kritischen 130 Ebenso diene das Buchcover als äußerst wichtige Filterungsinstanz des Aufmerksamkeitsprozesses. Seine »complex practical art« muss das Unbewusste des Käufers unmittelbar ansprechen, um die Brücke zur leseorientierten Kommunikation zu etablieren (ebd., 161f.). Als Werbeplattform werden vorrangig Pre-Reviews verwendet, die meist aus New York Times Book Review, Washington Post Book World, New York Review of Book, Harper’s, New Yorker als auch explizit populärwissenschaftlichen Zeitschriften und Magazine wie Scientific American oder dem Smithsonian für Wissenschaft und Geschicht entstammen. Sie bilden das homologe Feld der Kritik zu den Popular Science Writers, wobei die Akteurswahl hier unterschiedlich ausfällt. Es werden sowohl Wissenschaftler als auch Journalisten und öffentliche Figuren gewählt, um die entsprechenden Kritiken zu verfassen und ggf. den neueren Auflagen als Werbung einzuverleiben (ebd., 165f.). USA 285 Lektors sei, der das Buch als Gesamtpojekt nachhaltig beeinflusse, um seinen Klienten einen Markterfolg zu garantieren. Die amerikanische University Press verlangt, dass Doktorarbeiten in ihrem Hause veröffentlicht werden, wenn eine akademische Laufbahn angestrebt werde. Die beiden größten Publikationssektoren seien »language and literature« mit den beiden Unterkategorien American und English Literature. Doch man fände auch »social-science-business-sociology«, »philosophy and religion«, »history« sowie »manners and customs« (Greco 2005, 15). Allerdings seien ca. 80 % aller akademischen Bücher mittlerweile von »Commercial Adademics Publishers« in den USA und Kanada verlegt worden, deren Preissegmentregulierung sich oft nach den jeweiligen Bevölkerungsschichten, die angesprochen werden sollen, orientierten und dadurch den Preis niedrig halten könnten, im Gegensatz zu den rein akademischen Verlagen (ebd., 16). Dennoch tendierten gerade immer mehr Akademiker dazu, ihre Werke im Paperback-Format zu publizieren, obwohl die Verkaufszahlen der Hardcover- Bücher immer noch über denen der »Mass-Market Paperbacks« lagen (ebd., 29). Der Grund für diese Entscheidung lag vor allem darin, dass auch die University Press ein Anliegen hatte, dass Wissen aus der Akademie und den Universitäten einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen (ebd., 34). Das »paperback«-Format reagierte damit auch auf die zunehmende Globalisierung der Buchindustrie, die trotz der hohen Diversifikationsdichte des Publizierten auf ein Monopol des Medialen zielte (ebd., 63). Unter ihnen regiert das englische Verlagshaus Random House als hegemonialer Konzern, gefolgt von Pearsons Penguin Putnam und HarperCollins, die ebenfalls die Milliarden-Dollar Marke geknackt haben (ebd., 68). Harvard University Press hingegen reorientierte sich als akademischer Verlag 1913, um jenen Werken zu einem Publikationsort zu verhelfen, deren ökonomischer Wert bei Weitem nicht denjenigen kommerzieller Ware erreichen konnte. Sie besitzt heute eine Backlist von 2800 Titeln (ebd., 85). Angestrebt war nicht die Erhöhung des ökonomischen Profits, sondern symbolischen, wissenschaftlichen Kapitals und der damit verbundenen akademischen Reputation. Oxford University Press in London und New York schien hingegen andere Wege zu gehen, wie Greco anmerkt. Mit einer Backlist von rund 16.000 Titeln regiere der Verlag auf beiden Kontinenten mit einem immensen Output in den Bereichen »economcis«, »business«, »humanities«, »social sciences« »medicine and the sciences« »music« und zahlreichen »journals« (ebd., 86). Seit 1980 sei eine Ausweitung des Sortiments auf andere Themen zu beobachten, wobei er immer noch einer der größten Exporteure britischer Werke auf den USamerikanischen Markt sei. Mentalitätsgeschichtlich bevorzuge man eher einen »publisher« mit einer großen Vision, der das Verlagshaus sowohl STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 286 zu ökonomischem als auch intellektuellem Erfolg führe. Der »businessman« sei hier ein »genius« (ebd., 87). Entscheidend ist, dass in der Kategorie »non-fiction« vorrangig Bücher von Prominenten aus Kino, Sport und Fernsehen bevorzugt werden (ebd., 136), obwohl sich insgesamt die »General Non-Fiction« nur an vierter Steller der meistverkauften Büchersparte befinde. Die »Popular Fiction« dominiere mit mehr als der Hälfte aller Buchverkäufe. Allein die Lesegewohnheiten des amerikanischen Publikums betrachtet, ist damit die populärwissenschaftliche »General Non-Fiction«, das Popular Science Writing, in keinsterweise führend auf dem Buchmarkt. Dies kann als weiteres Indiz dafür genommen werden, dass Brockman hier ein Distinktionspotential für sich selbst und seine Klienten sah. Durch diesen Akteur eröffnet sich eine neue Spielfläche, die sich zwischen dem akademisch-wissenschaftlichen Feld und den Subfeldern kultureller Massenproduktion installierte. John Brockmans polemische Angriffe und seine Prophezeiungen für den neuen naturwissenschaftlichen Homo academicus sind durch eine häretische Machtübernahme gekennzeichnet, die ihre Stärke gerade aus der Dynamik der Geschichte des wissenschaftlichen Feldes beziehen. Dabei verfährt er simultan in zwei unterschiedlichen Feldern und vollführt so einen salto mortale von Häresie in Orthodoxie, indem er einerseits im akademisch-wissenschaftlichen Feld den natural scientist vorhält, die Zeit der isolierten Elfenbeindiskurse sei vorbei, der Professor sei nun aufgefordert, selbst Stellung zu nehmen und als ›public intellectual‹ ins Feld der kulturellen Produktion einzutreten, andererseits zwingt er die ›literary intellectuals‹ desselben Feldes, den Stab intellektueller Hochherrschaft endlich abzugeben und das Feld für die nächste Generation von Ideenmachern zu räumen. Was in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts emergierte, war ein Subfeld akademischer Wissensproduktion, das zwar aus der Geschichte der Populärwissenschaft des 19. Jahrhunderts hervorgegangen war, jedoch eine ganz andere Struktur aufwies. Denn mit dem Akteur John Brockman kam eine soziale Figur ins Spiel, die die Regeln des Spiels neu definierte, weil seine Position zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch nicht definiert war, aber sie wurde gezielt vorbereitet, das heißt, dass die gegenwärtige Struktur des intellektuellen Feldes der Populärwissenschaftler aus ihrer transnationalen Genese zwar ableitbar ist, aber dennoch nicht vollständig in ihr aufgehen kann, weil sie unter anderen kulturhistorischen Bedingungen stattgefunden hat. Was sich also synchron beobachten lässt, kann nicht vollständig auf diachrone Ereignisse zurückgeführt werden. Eine derartige kausale Geschichtsfolge wird hier nicht vertreten. Stattdessen sollte anhand der historischen Rekonstruktion gezeigt werden, wie sich die Stuktur und Genese des populärwissenschaftlichen Feldes gegenseitig bedingen und jene Bedingungen schaffen, die es USA 287 ermöglichen, einem Literaturagenten wie John Brockman jene Position zu zuweisen, die er heute zwischen den einzelnen Subfeldern der kulturellen und akademischen Wissensproduktion als kaufmännischer Vernetzer von Intellektuellen inne hat. Er erschafft dort, wo er interveniert, keine neuen Intellektuellen oder gar neue Bücher mit neuen Ideen. Er erschafft Subfelder innerhalb von Feldern, im Grunde also Interessenfelder, die sich multiplizieren, weil seine Fähigkeit darin besteht, ökonomisches in symbolisches Kapital zu transferieren, und dort, wo ihm das gelingt, eröffnen sich neue Märkte, sowohl im ideellen als auch im materiellen Sinne: »I’m in business to make money for myself and my clients. Publishers are in business to make money. There are two powerful forces at work, and where they meet, there’s the market«. Während »Pop Science« also geradezu als semantisch-kulturelle Provokation gegen das Establishment des akademischen Feldes und seiner »white boys of Harvard« kokettiert, steht der Begriff »Popular Science« und seine deutsche Übersetzung »Populärwissenschaft« in einem gänzlich anderen historischen Kontext, der erst durch den Vergleich zwischen einzelnen Prozessen der Popularisierung in Deutschland, England, den USA und Frankreich signifikant hervortritt. Dass die »Pop Science« in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ganz andere Wege ging, hängt natürlich damit zusammen, dass Brockman seine Marketingstrategien von dem künsterlischen Feld der Pop Art auf das wissenschaftlich-akademische Feld der Ivy Leagues übertrug. Sowie die Pop Art zur besten Werbung für Kunst wurde, wurde die ›Pop Science‹ zur besten Werbung für Wissenschaft. Warhol erweiterte des Subfeld der künstlerischen Produktion, Brockman das Subfeld der akademisch-wissenschaftlichen Produktion. Aufgrund dieser strukturellen Homologie der beiden Felder und der biographischen Verbindung beider Akteure ist es absolut legitim, im amerikanischen Kontext von einer ›Pop Science‹ zu sprechen. Im deutschen Sprachraum stützt man sich hingegen eher noch auf den Begriff der Popularisierung. Als im Spiegel-Interview John Brockman damit konfrontiert wird, dass seine Autoren nichts anderes täten, als Wissenschaft zu ›popularisieren‹ – die Journalisten scheinen hier den Begriff als Äquivalent zu ›Etwas-Verständlich-Machen‹ zu verwenden – merkt man bereits an seiner Antwort, dass er mit diesem deutschen Begriff nicht viel anfangen kann. Das kommt daher, dass es aus historischsemantischer Perspektive kein angloamerikanisches Pendant zu dieser nominalen Form des Tätigkeitsverbs ›popularisieren‹ gibt. Als Francis Bacon 1626 seine ›merchants of light‹ in die hohe See entließ, hat er wohl kaum damit gerechnet, dass eine schwimmende Metapher mit dem Wind der Prophezeiung in den Segeln zur sozialen Verkörperung eines tatsächlichen ›Kaufmanns des Wissens‹ werden sollte. John Brockman ist ein transarealer Vektor von Copyrights und damit ein Kaufmann des Lichts, deren eigentliche Träger die Naturwissenschaftler STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 288 sind, die bei ihm mit ihrer Unterschrift das promethische Versprechen eingelöst haben, das ›Licht der Erkenntnis‹ vom akademisch-wissenschaftlichen Olymp in die Straßen der »general list readers« zu bringen. Die baconschen Depredators, Compilers und Inoculaters sind von ihren Insellaboratorien in die offene See der kulturellen Massenproduktion vorgestoßen und John Brockman ist ihr Navigator. Zumindest wird dieses Bild vom journalistischen Feld konstruiert. Die Third Culture ist jedoch nichts anderes als eine kurze, aber öffentlichkeitswirksame Episode in der Struktur und Genese des populärwissenschaftlichen Feldes . Der amerikanische Geschäftsmann brachte lediglich den Wind in die Segel der Naturwissenschaftler, die ihm die soziale Energie der Geschichte des angloamerikanischen wissenschaftlichen Feldes vorstrukturiert hatte. Die naturwissenschaftlichen Intellektuellen sind kein Produkt von Brockman. Sie sind das Produkt der Geschichte des akademischen Feldes, in dem sie ihren Habitus ausgeformt haben. Der Literaturagent hat nur das ausgesprochen, was die komparatistische Intellektuellensoziologie zu ihrem Forschungsgegenstand erhoben und Brockman zugespitzt und kampfbereit im Spiegel-Interview folgendermaßen formuliert hat: »Das Gehabe jener Menschen, die das Wort Intellektueller für sich okkupiert haben, ist das Problem!« (Spiegel 2000, 270). Damit bringt er gleichsam die kulturhistorische Dimension der Tempelbergintellektuellen zur Erfüllung. Denn trotz der passionierten Reden an das ›Volk‹, sind die neue Intellektuellen nicht mit dem Umbau des Tempelbergs beschäftigt, um die anderen nachzuziehen, sondern um in einem helleren Licht zu glänzen. Sie sind und bleiben ›Geschäftsleute der Gelehrsamkeit‹. 5. Interciencias Américas: La divulgación científica transareal Die Nachfrage nach ›more popular science‹ war weder ein rein nordamerikanisches noch ein rein europäisches Bedürfnis. Die Nachfrage wurde durch die nordamerikanische, technokratische Elite in ein geographisches Nord-Süd-Gefälle überführt. Es gab nicht nur ein kommunikatives Experten-Laien-Gefälle. Man verband die Forderung nach mehr populärer Wissenschaft mit der Forderung nach einer Internationalisierung dieses Feldes. Der amerikanische Kontinent sollte durch ein transareales Netzwerk von popularisierenden Wissenschaftlern, deren Mission bereits in den utopischen Wurzeln von New Atlantis angelegt war, vereinigt werden, um der alten Welt die Stirn zu bieten und die Nabelschnur endgültig durchzuschneiden. Nachdem die politische Unabhängigkeit errungen INTERCIENCIAS AMÉRICAS 289 worden war, gab es eine neue, für die man kämpfen musste: die naturwissenschaftlich-technologische. Daher spannte man bereits in den 1950er Jahren ein weites Netz über den nord- und süd-amerikanischen Kontinent.131 Das Tor zu den südamerikanischen Staaten wurde zunächst 1954 durch ein Meeting in Albuquerque in New Mexico geöffnet. Als schließlich 1973 die 125ste Jubiläumstagung der AAAS in Mexiko-Stadt an der UNAM abgehalten wurde, war der erste Knoten eines transarealen Netzwerks der Wissenschaftspopularisierung geknüpft, das vor allem durch den damaligen mexikanischen Präsidenten Luis Echeverria finanziell unterstützt und politisch verankert wurde (ebd., 143). Die Geschichte der Populärwissenschaft im 20. Jahrhundert ist daher keine europäische mehr. Sie ist zu einer transarealen geworden und ihr neues Gründungsnarrativ schreibt sich von der Interciencia Associatión her. Aus komparatistischer Perspektive lässt sich an dem Untersungsgegenstand der Interciencias Américas eine »histoire croisées« des transgenetischen Zusammenschlusses verschiedener Akteure und ihrer kulturellen Produktionsgüter in unterschiedlichen Teilen Lateinamerikas und Spaniens beobachten.132 Die noch sehr junge lateinamerikanische Wissenschaftsgeschichtsschreibung musste zunächst die eigenen methodologischen Zugangsprobleme zum Forschungsgegenstand überwinden und sich von der eurozentristischen Historiographie der Wissenschaften distanzieren.133 Die frühen historischen Zugänge bestanden meist aus einer 131 1951 begann die Ausdehnung der Alaska Division Richtung Norden. 1954 tagte die Southwestern Division der AAAS in Albuquerque New Mexico, deren Konferenz unter anderem von der UNESO finanziert wurde. 1982 wurde die Alaska Division in Arctic Division umbenannt und dehnte sich weiter in Richtung Kanada und Alaska aus. Schließlich wurde 1984 die Caribbean Division ins Leben gerufen, die sich seitdem kontinuierlich im pazifischen Raum ausdehnt (ebd., 126). 132 Zu dem hier vorgeschlagenen, methodologischen Konzept der »histoire croisée« siehe Werner / Zimmermann (2002). Für eine linguistische Annäherung an das »género de la divulgación científica« siehe Fernández Polo (1999). 133 Chroniken gab es bereits seit dem 16. Jhd., doch die ersten historischen Abhandlungen datieren auf das Ende des 19. Jahrhunderts in Argentinien, Mexiko, Kolumbien, Peru, mit Konzentration auf Medizin und Botanik. Daher gehören auch die Gesellschaften zur Medizingeschichte (1940 / 1950) zu den frühesten wissenschaftshistorischen Gründungen. Der Schreibstil wirkt oft deskriptiv-anekdotisch, apologetisch und ist vom Geiste her positivistisch ausgerichtet. Die sozialen Faktoren wurden vollständig ausgeblendet. Die Wende erfolgte erst mit der Integration der Wissenschaftsgeschichte in die Institutionen der Naturwissenschaftler (seit 1966 in Brasilien). Man kann jedoch von den allgemeinen Annahmen ausgehen, dass die STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 290 Aufzählung von Lobreden, Gedankenreden zu einzelnen Akteuren und Chronologien von Ereignissen. Die eigene Wissenschaft wurde auf »Beiträge« zur »Weltwissenschaft« reduziert und im Kontext des »desarrollismo« immer nur als Entwicklungsprojekt der Ökonomie in Lateinamerika aufgefasst (Saldaña 1992, 7ff.). Der Wissenschaftshistoriker Rodrigo Fernós bezeichnete die Naturwissenschaften der lateinamerikanischen Länder ausgehend von ihrer mittleren ökonomischen Position als Wissenschaften der ›zweiten Welt‹ (Fernós 2005, 13), denn der größte Output der Wissensproduktion käme aus den ökonomisch betrachtet reicheren Ländern (ebd., 22). Aus den aktuellen Beobachtungen zur Wissensproduktion und ihren nationalen Akteuren gehe hervor, dass zwischen den USA, Europa und Japan eine engere Interaktion zu verzeichnen sei, als zwischen den USA und Lateinamerika (ebd., 23). Auch spiele der Immigrationsfaktor eine große Rolle. So sei aus einer Studie der 1970er Jahre hervorgegangen, dass Länder mit einer größeren Immigrationsdichte wie Argentinien, mehr junge Forscher mit wissenschaftlicher Ambition aufwiesen. Ein Indikator für die Sichtbarkeit dieser Ambitionen sei der Nobelpreis, der dreimal an Wissenschaftler in Argentinien verliehen wurde, die alle einen europäischen Bildungs- und Denkstil ausgeprägt hatten, wie Bernardo Houssay (1947), sein Schüler Federico Leloir (1970) und Cesar Milstein (1984). Dennoch sei gerade der Nobelpreis ein schlechter Indikator für die Qualität des Forschens, da er selbst Ausdruck institutioneller Macht sei (ebd., 42). Aus dem UNESCO Science Report von 2010 ging hervor, dass die USA, Europa und Asien bezüglich wissenschaftlich-technologischer Wissensproduktion und ihrer Bedeutung für die Weltwirtschaft nach wie vor führend seien, wobei Prognosen vorausdeuten würden, dass Asien die USA und Europa überholen werde. Unter den lateinamerikanischen Ländern in Bezug auf den wissenschaftlichen Output sei festzuhalten, dass Brasilien, Mexiko, Argentinien und Chile die naturwissenschaftliche Wissensproduktion anführten und die Entwicklung von Innovationsystemen förderten, jedoch seien die einzelnen nationalen Akteursnetzwerke zu schwach ausgeprägt und organisiert, um schnellere und effizientere Maßnahmen zu entwickeln, die die »Ausbildung und Pflege lateinamerikanische Wissenschaft den Fokus immer schon viel stärker auf die praktische Anwendbarkeit von Wissen als auf ihre theoretische Grundlagenforschung gelegt hat (z.B. Amalgamation, Botanik / Medizin). So ist zum Beispiel die Biodiversität Lateinamerikas grundlegend für die Entwicklung der modernen Biologie gewesen. INTERCIENCIAS AMÉRICAS 291 einer kritischen Masse hochqualifizierter Mitarbeiter« ermögliche (Science Report 2010, 22). Hervorzuheben sei der karibische Raum, allen voran Kuba, der durch die Förderung des »human development« mit Mexiko gleich auf sei und noch dazu eine der höchsten Zuwachsraten an Studenten im Bereich der Medizin für sich verbuchen könne, wobei mehr als die Hälfte der Studenten in den naturwissenschaftlichen Fächern Frauen seien (ebd., 23). Der Kurzbericht der UNESCO kommt insgesamt zu folgenden Schluss: »Forschung und Innovation sind von der Globalisierung auf vielfältige Art und Weise betroffen, sie führt aber entgegen einer möglichen, etwas vereinfachten Argumentation nicht zu einer hierarchisch flachen Welt der Wissenschaft: also zu konstant geringeren Unterschieden der Forschungs- und Innovationsfähigkeit zwischen den Ländern und Regionen. Das Gegenteil ist der Fall: Während sich die Wissensproduktion und Innovation erwiesenermaßen in immer mehr asiatischen, afrikanischen und lateinamerikanischen Ländern denn je zuvor konzentrierten, wächst doch jenes besagte Wissen in einem deutlich differenzierteren Tempo innerhalb dieser Länder« (ebd., 30). Fernós führt derartige Entwicklungen auf den Stellenwert der Wissenschaft innerhalb einzelner lateinamerikanischer Länder zurück. Die Wissenschaft hätte in vielen lateinamerikanischen Ländern einen niedrigeren institutionellen Wert, das heißt, dass sie wenig soziales Prestige besitze. Wenn also ein lateinamerikanischer Forscher sein Land verließe, dann nicht aus Verrat, sondern aus der Liebe zur Wissenschaft (Fernós ebd., 25). Das größte Problem bestehe immer noch darin, dass die Einstellung zum wissenschaftlichen Forschen fehle (ebd., 26).134 Da der individuelle Faktor jeder wissenschaftlichen Persönlichkeit von den sozialen Bedingungen mitbestimmt werde, seien es diese sozialen Rahmenbedingungen, die geändert werden müssten, um wissenschaftliche Persönlichkeiten zu formen (ebd., 38). Auch politische Rahmenbedingungen hätten dazu geführt, dass während der Diktaturen die wissenschaftliche Forschung gänzlich unter ideologische Richtlinien fiel oder ganz eingestellt worden sei (ebd., 43f.). Obwohl es Individuen seien, die Wissenschaft produzierten, seien es auf der anderen Seite die politischen 134 Diese These gründet auf einer Studie hispano-amerikanischer Studenten in den USA, vor allem in Californien und Texas, die ihre Studium vorzeitig abbrechen oder aber das Fach wechseln. Von 180.000 Anfängern würden weniger als 7.000 ihre Promotion in den Naturwissenschaften beenden (ebd., 30f.). Siehe hierzu auch Roche (1976). Roche merkt in seinem Paper zur lateinamerikanischen Wissenschaftsgeschichte an, dass bereits Größen wie Santiago Ramón y Cajal, Menéndez y Pelayo oder Rey Pastor auf das naturwissenschaftliche Desinteresse ihres Landes hingewiesen hätten. Dieses Paper ist im Kontext eines Berichts in Science 1976 erschienen unter der Schirmherrschaft der American Association for the Advancement of Science . STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 292 Rahmenbedingungen, die Forschung im großen Stil überhaupt erst möglich machten (ebd., 44). Die lateinamerikanische Wissenschaft müsste gerade in ihrer territorialen Aufsplitterung den Vorteil sehen, dass sie dadurch auch mobiler sei. Schnelle Zusammenkünfte und Besprechungen wären ohne einen bürokratischen Überbau kurzfristig möglich. Fernós bezeichnet sie daher als »ciencia guerrillera« (ebd., 45). Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts sollte sich die ›ciencia guerrillera‹ unter dem Diktum des »Amistad y Progreso« (1908) transareal zusammenschließen (ebd., 220).135 Einige naturwissenschaftliche Disziplinen drängten jedoch stärker in den Vordergrund als andere. Fernós betont das Interesse lateinamerikanischer Wissenschaft an angewandter Forschung, dass mehr in der Biologie und Medizin geforscht werde als in der Physik oder Chemie. Vor allem jedoch konzentrierten sie sich auf die Lebenswissenschaften (ebd., 17). Die Mineralogie und Geologie in Brasilien oder die Botanik in Venezuela wurde jedoch unter den Händen deutscher und englischer Forscher mit wissenschaftlichen Fachpublikationen in Fachzeitschriften in Paris, London und Berlin deterritorialisiert. Es erfolgten keine Übersetzungen und Veröffentlichung in der lokalen Presse, sodass die Wissensbestände und Archive in die europäischen Zentren ausgelagert worden waren. Bei dem Wissenstauschhandel zwischen Paris und Neu-Granada beispielsweise lieferte die europäische Metropole die theoretisch-praktische Legitimation der Sammlung von Daten aus der Peripherie. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts etablierten sich Wissenschaftler innerhalb Lateinamerikas, die mit ihrem symbolischen Kapital selbst zum wissenschaftlichen Ruhm ihres Landes beitrugen sowie Bernardo Alberto Houssay, argentinischer Mediziner und Forscher für Infektionskrankheiten, der die 135 Der erste Kongress tagte in Chile unter dem ersten Vorsitzenden der Vereinigung, Eduaro Sánchez Mujiiza, dessen Einstellung die eines »soldado valiente« war, der den Kampf um die intellektuelle Unabhängigkeit mobilisieren wollte (ebd., 222). Der zweite Kongress in Uruguay war sehr schlecht organisiert. Die Veränderungen in dieser Region wurden erst fünfzig Jahre später initiiert (ebd., 223). Viele der teilnehmenden Wissenschaftler waren jedoch auch hier Europäer und unter den lateinamerikanischen gab es kaum praktizierende Forscher, sondern hauptsächlich praktizierende Mediziner aus den Krankenhäusern oder aber Ingenieure (ebd., 226). Auch in Chile dominierten die angewandten Wissenschaften. So waren beispielsweise die Chemie und die Mineralogie bloße Hilfswissenschaften des industriellen Bergbaus. Organische Chemie wurde nur im Kontext medizinischer Anwendungsgebiete betrieben. Die Biochemie etablierte sich innerhalb des Universitätssystems erst ab 1946 als eigenständiges Wissenschaftsgebiet. Fernós beschreibt die genuin chilenische Wissenschaftlichkeit als eine Strategie des Überlebens, die noch nicht dazu fähig war, die produzierten Informationen an andere gesellschaftliche Schichten zu übermitteln (ebd., 230). INTERCIENCIAS AMÉRICAS 293 Hygieneliteratur als soziale Emanzipation mittels der therapeutischen Aktion der Wissenschaft in Argentinien etablierte (Medina 1992, 182ff.). Bei der Konstruktion einer autonomen Criollo-Wissenselite in Opposition zur europäischen ergibt sich jedoch ein dialektisches Moment. Sie konnte ihre soziale Identität nur erschaffen, weil sie sich vom praktischen, handwerklichen Wissen der indigenen Bevölkerung distanzierte. Das empirische Wissen von Angestellten, Bauern, Handwerkern bestimmte deren scholastisches Ausbildungssystem, denn es war gleichzeitig die Quelle der Distinktion zum europäischen Wissen. Dieses Wissen wurde auf der globalen Ebene inkludiert, auf der regionalen Ebene jedoch wieder exkludiert.136 Diese doppelte Distinktionsstrategie im globalen als auch lokalen Maßstab konstruierte einen hybriden Wissensraum, in dem sich die kreolische Wissenselite etablieren konnte, weil sie auf beide Sphären als Wissensreservoir angewiesen blieb. Der nächste Schritt bestand darin, die Gründung von Gesellschaften in die Wege zu leiten, um den eigenen soziokulturellen Konsensus aufrechtzuerhalten, das Programm einer patriotischen Wissenschaft durchzusetzen, die Entwicklung einer gemeinsamen sozialen Basis durch Übereinstimmung im politischen Denken voranzutreiben und das Wissen über die Natur ins Publizierbare zu überführen, damit das Naturwissen selbst als gesellschaftliche Ideologie fungieren konnte (ebd., 106). Diese Dialektik zwischen Wissen und Politik, die in der Instrumentalisierung des Naturwissens für den revolutionären Kampf ihren Ausdruck fand, ist damit ein transareales und kein nationales Begehren. Bei einigen Akteuren der lateinamerikanischen Wissenschaft können direkte Zusammenhänge zwischen dem elitären Wissen der »criollos letrados« und dem Wissen der indigenen Bevölkerung »los conocimientos de las culturas nativas« dokumentiert werden (Baeza 2010). Auch hier gibt es ähnliche Unterscheidungskategorien wie in Europa, die ›Menschen des Lichts‹ (»hombres del luz«) und des ›Licht des Volkes‹ (»la luz de público«). Diese sozial-hierarchische Konstruktion des Anderen und der damit zusammenhängenden Klassifikation der Bevölkerung in unterschiedliche soziale Stufen folgt dabei der Identifikation des »vulgo iletrado«. Einer der wichtigsten wissenschaftlichen Akteure ist Jorges Tadeo Lozano, der sein Wissen über die Schlangen auf dem 136 Die Rede ist hier von Francisco Antonio Zea aus Neu-Granada, der das Wissen aus der Metropole Madrid mit dem Regionalen kombiniert hatte, um eine transareale Wissensordnung aufzustellen (Arboleda 1992, 99ff.). Luis Carlos Arboleda kommentiert: »Wenngleich das handwerkliche Wissen unter dem Gesichtspunkt des scholastischen Wissens anders eingeordnet war, wurde es trotzdem für das in der Rede von Zea enthaltene Programm als große und stumpfsinnige Unwissenheit betrachtet« (ebd., 105) STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 294 Erfahrungswissen der indigenen Bevölkerung gründete.137 Seine Wissenschaftspraxis und seine Einstellung gegenüber den ›vulgos iletrados‹ zeichnet sich dadurch aus, dass er sich dessen bewusst war, dass sein Projekt ohne das indigene Wissen keine Zukunft hatte (Olarte 2010, 113). Ein weiterer wichtiger Akteur war Francisco José de Caldas mit seinem Werk Del influjo del Clima.138 Auch er strebte eine Integration des »saber popular« in das System der lateinamerikanischen Naturgeschichtsschreibung an. Die Criollo-Elite erscheint damit als Bindeglied zwischen europäischer Methode und dem Erfahrungswissen der Indios, dass jedoch gerade durch den Vergleich immer als korrekturbedürftig erscheint. Der chilenische Universalgelehrte Claudio Gay hatte mit seinem Werk Historia física política de Chile ebenfalls an transareales Netzwerk zwischen Europa und Lateinamerika gespannt. Er besaß die transatlantischen Beziehungen zur Sorbonne und dem Nationalmuseum für Naturgeschichte, sodass er die Verschriftlichung und Systematisierung der oralen Archive der indigenen Bevölkerung in die Archive der Metropole transpositionierte, aber ohne sie der europäischen Wissenskultur einzuverleiben. Die besondere Eigenart der regionalen Wissenschaftspraxis sollte erhalten bleiben (Baeza 2010, 177). Der Wissenschaftler praktizierte eine Oral History der Wissenschaft, die mit einem impliziten Bildungsauftrag 137 Lazano hatte schon früh versucht zwischen zwei unterschiedlichen Schreibund Wissensstrategien zu unterscheiden, um sowohl das wissenschaftliche Verständnis der gebildeten Elite als auch der ›vulgos iletrados‹ zu erreichen (ebd., 105). Hierzu war es zunächst wichtig die Furcht vor der Natur zu nehmen, indem man sie entdiabolisiert hatte. 138 Fernós zählt Galda zu den wichtigsten Forschern, die die lateinamerikanische Wissenschaft als solche erst unabhängig von Europa etabliert hätten (Fernós ebd., 139). Darüber hinaus wiesen bereits seine Werke ähnliche Fragestellungen zur Evolution auf, wie diejenigen Charles Darwins. Charles Darwins Werk wurde erst 1876 ins Spanische übertragen. Auch wurde sein Werk weit weniger in der Biologie als in den Rechts- und Medizindiskursen, sowie der Psychologie und der Soziologie studiert. In Mexico wurde Darwins Theorie erst in den 1910er Jahren an den Universitäten gelehrt, in Peru erst 1940 (ebd., 195). Neben Charles Darwin prägte natürlich auch Alexander von Humboldt das lateinamerikanische Wissenschaftsverständnis. Sein neuer Stil der Naturbeschreibungen und seine Funktion als Netzwerker der verschiedenen Wissenskulturen hatte hier für viele Wissenschaftler Vorbildfunktion (ebd., 171). Auch August Comtes aufklärerisches Modernisierungstreben durch den Geist des Positivismus traf in Lateinamerika auf fruchtbaren Boden (ebd., 169). Dort wurde sie im Zuge des Säkularisierungsprozesses zu einer ›wissenschaftlichen Kirche‹ (ebd., 209), um die Moralität bzw. Immoralität der Menschen zu kontrollieren (ebd., 206f.). INTERCIENCIAS AMÉRICAS 295 verbunden war, denn sie war an ein interessiertes Publikum gerichtet.139 Im Gegensatz zu Europa war das Wissen der ›vulgos iletrados‹ in das Wissen der gelehrten Elite integriert, was natürlich vom jeweiligen Akteur abhängig war. Trotz der starken Interaktion zwischen Amateurkultur und legitimer Laborwissenschaft in England wird im Vergleich mit Deutschland und Frankreich deutlich, dass hier der Amateur und Laie mit seinem praktischen Wissen nur an der Peripherie der Wissensproduktion beteiligt war. Die lateinamerikanische Wissenschaft begann ihre Geschichte als Transfer- und Übersetzungswissenschaft, als Problematisierungsgeschichte der Archive des Wissens selbst.140 Das ›saber popular‹ der indigenen Bevölkerung war eines der Hauptbestandteile der sich formierenden lateinamerikanischen Naturwissenschaft. Sie ist damit nicht durch ein eindimensionales Abhängigkeitsverhältnis zu ihrem europäischen Vorbild charakterisiert, sondern durch den Modus eines Transferprozesses zwischen unterschiedlichen Wissenssystemen, denn das, was sie per definitionem in ihren Kreis miteinschließen musste, um ihre eigene Identität zu konstruieren, schloss die europäische aus: das ›saber popular‹ der ›vulgos iletrados‹, das praktische Wissen des Fabrikarbeiters und der ländlichen Bevölkerung. Vor diesem Hintergrund erscheint die europäische Wissenschaftspopularisierung eben nicht als Inklusionsstrategie des zuvor Ausgeschlossenen, sondern als Legitimationsstrategie der Exklusion. Natürlich führten auch die starken Politisierungstendenzen der Wissenschaft als »proyecto social«, »felicidad pública« und »bien commún« dazu, dass die Wissenselite zu einer politisch-moralisierenden 139 Dennoch waren gerade die ›vulgos iletrados‹ vom Universitätssystem der Kolonialzeit ausgeschlossen. Zugangsvoraussetzungen waren rein ökonomischer und ethnischer Art, wie die Evidenz des reinen Blutes (Fernós ebd., 163). Ein besonders wichtiges Dokument zum wechselseitigen Wissenstransfer stellte die Tropische Medizin dar. Sir Patrick Manson, der verschiedene tropische Krankheiten in Puerto Rico studierte und seine Ergebnisse in Manual of Tropoical Diseases veröffentlichte, und Baily K. Ashford der 1898, der eigene Krankhäuser errichtet und 1926 eine Forschungsinstitution für Tropische Infektionskrankheiten, die unter anderem von der Rockefeller Foundation finanziert wurde, trafen vor Ort auf Misstrauen und Unverständnis gegenüber ihrer Arbeit. Die einheimische Bevölkerung ließ sich zum Teil lieber von afrikanischen Medizinmännern behandeln, als von puertoricanischen Ärzten, die sie mit westlicher Wissenschaft kurieren wollten (ebd., 238). Das Problem wurde vor allem darin gesehen, dass es keinen Austausch mit der Bevölkerung gab. Es fehlte ein »reconocimiento público« (ebd., 242). 140 Dies ist eine vorläufige Arbeitshypothese, die lediglich ein Angebot für weitere Forschungsperspektiven im Kontext lateinamerikanischer Wissenschaftsgeschichte und vor allem der Wissenschaftspopularisierung darstellt. STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 296 Kraft wurde und dass Wissenschaft nur von diesen Autoritäten ausge- übt werden könne. Schlussfolgernd kann man die Hypothese formulieren, die sich aus dem internationalen Vergleich der Wissenschaftspopularisierung auf diachroner Ebene ergibt, dass es im 19. Jahrhundert keine Populärwissenschaft in Lateinamerika gibt, weil sie zunächst wesentlicher Bestandteil der kreolischen Wissenschaft war, denn ohne regionales Wissen gab es keinen globalen Kontakt zu den Wissensmetropolen in Europa. Durch den globalen Kontakt wiederum war es möglich eine eigene Wissenschaftskultur aufzubauen. In dieser historischen Konstellation fungierte das ›saber popular‹ gleichzeitig als Distinktion und Distinguiertes, weil es im ersten Schritt ein- und im zweiten wieder ausgeschlossen worden ist. Damit bleibt es ein sehr mobiles Wissensreservoir zwischen unterschiedlichen Wissenschaftskulturen, das gleichzeitig exportiert und importiert wird. Im Zuge der industriellen Revolution der lateinamerikanischen Länder sollte sich jedoch einiges ändern. Das ökonomische und wissenschaftliche Feld stimulierten sich gegenseitig, besonders in Ländern wie Mexiko, Kuba und Brasilien (Fernós ebd., 244ff.). Der nach dem zweiten Weltkrieg schlagartig einsetzende Exporthandel veränderte die wirtschaftliche und wissenschaftliche Lage einiger Länder. Besonders die finanzielle Unterstützung der USA durch die Rockefeller Foundation, die bis 1911 das Öl-Monopol auf Standard Oil inne hatte, konnte die Gründung neuer Institutionen in Peru, Brasilien, Mexico und Argentinien in die Wege leiten. Fernós gibt jedoch zu Recht zu bedenken, dass diese USamerikanische Finanzspritze weit mehr selbstfördernd war, um die lateinamerikanischen Länder in einer Art von dialektischer Schlinge zwischen Unterstützung und Abhängigkeit kontrollieren zu können (ebd., 265).141 Die Geschichte der lateinamerikanischen Wissenschaftspopularisierung schreibt sich von dieser dialektischen Double-Bind Beziehung her. Der wichtigste Akteur in diesem Netzwerk ist der Pionier des spanischen Wissenschaftsjournalismus Manuel Calvo Hernando (Madrid, 1923-2012), der im Laufe seiner journalistischen Tätigkeit viele Schriften zur Etablierung eines Programms der »divulgación de la ciencia« 141 Das zeigt sich besonders in den wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Brasilien und Japan. Durch die hohe Zahl der japanischen Emigranten profitierte die brasilianische Agrarkultur von der Arbeitskraft, die in die Baumwoll-, Seiden- und Teeproduktion geflossen ist (ebd., 273). Umgekehrt profitierte Japan von den importierten Erdressourcen aus Brasilien wie Kupfer und Eisen. Japan bildete das drittstärkste Exportland Brasiliens. Die ökonomischen Beziehungen waren also von vornherein nicht darauf ausgelegt, die Entwicklung Brasiliens zu fördern, sondern Erdressourcen zu exportieren. Hergestellte Produkte wurden nicht exportiert. INTERCIENCIAS AMÉRICAS 297 veröffentlichte.142 Die Etablierung eines funktionierenden Wissenschaftsjournalismus fällt mit der Geschichtsschreibung der lateinamerikanischen Wissenschaftspopularisierung zusammen. Der Forschungsstand ist noch sehr lückenhaft. Die Schülerin von Calvo Hernando, Diana Cazaux, veröffentlichte erst kürzlich eine Monographie zur Wissenschaftspopularisierung in Argentinien (Cazaux 2010). Allerdings scheint die Autorin hier die institutionelle Genese der einzelnen Disziplinen mit ihrer ›divulgación‹ gleichzusetzen.143 Unter den ersten populärwissenschaftlichen Werken dieser Zeit sei lediglich der Roman Dos partidos en lucha (1875) des Naturalisten Eduardo Ladislao Holmberg zu nennen, der über literarische Techniken vermittelt die Ideen der Darwinisten und Anti-Darwinisten zur Evolution verhandelte (ebd., 99).144 Die sozi- 142 Ich beziehe mich hier vor allem auf Arte y ciencia de divulgar el conocimiento (2006), einer Zusammenfassung aller bisherigen Forschungsprogramme zur Popularisierung der Naturwissenschaften in Lateinamerika und Spanien. Bereits um 1965 etablierte sich langsam ein Wissenschaftsjournalismus (»periodismo científico«) in Lateinamerika, der im Zuge mehrerer Gründungen von Institutionen zur Popularisierung entstanden ist. Dazu gehören vor allem die Organización de Estados Americanos (OEA), das Centro Internacional de Estudios Superiores der Periodismo para América Latina (CIESPAL), die Gründung der Zeitschrift Chasqui, die die Öffentlichkeit für den Wissenschaftsjournalismus sensibilisieren sollte, Centro Interamericano para la Promoción de Material Educativo y Científico para la Prensa (CIM- PEC), Asociación Iberoamericana de Periodismo Científico (AIPC) und Secretaría Ejecutiva del Convenio Andrés Bello (SECAB). 143 Die publizierten Zeitschriften von 1858 bis 1941 sind reine wissenschaftliche Publikationen, die dem intra- und interdisziplinären Austausch dienen sollen (ebd., 174ff.). Dennoch setzt sie die argentinische Phase der Popularisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an, da bereits Zeitschriften mit einem großen Zirkulationsradius, aber sehr unregelmäßigen Erscheinungsterminen, wie La Nación (1870) und La Prensa, Nachrichten aus den Wissenschaften veröffentlichten (ebd., 92). Die Rubriken wurden meist mit »Cronicas Cientificas« oder »Variedades« betitelt. Diana Cazaux merkt an, dass diese »noticias científicas« lose und unzusammenhängend neben anderen Nachrichten erschienen wären. Dennoch seien diese frühen informativen Notizen über die Wissenschaften damit beschäftigt gewesen, Technik und Wissenschaft als Wunderwerke der Magie zu verkaufen, die ganz im Zeichen des Positivismus standen (ebd., 94). Die ›divulgación‹ fungiert in diesem Kontext als »ciencia traducida«, als übersetzte bzw. übersetzende Wissenschaft (ebd., 96). Besonders La Nación sei trotz ihres klaren und scheinbar objektiven Stils dazu geneigt gewesen, technische und wissenschaftliche Errungenschaften mit positiven Begriffen aufzuladen. 144 Buenos Aires sei zum ›Paris Südamerikas‹ geworden (ebd., 111). Cazaux beschreibt diesen Zeitraum von 1862 bis 1942 als »Bajo la Republica Liberal«, in dem Sarmiento als ›divulgador‹ schlechthin charakterisiert wird, STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 298 alistisch verankerte Sociedad Luz versuchte, Wissenschaft für das Proletariat zugänglich zu machen, indem sie gleichzeitig einen gesellschaftlichen Fortschritt durch Technik versprach. Dennoch blieb auch dies reines Wunschdenken, wie Diana Cazaux beschreibt: »Aunque muchas de la conferencias que los socialistas daban se llenaban de gente, los contactos fueron aleatorios, y estuvieron circunscriptos a artesanos y obreros de la industria manfactura, transportes, servicios y comerciantes« (ebd., 112).145 Das Einsetzen einer regelrechten Popularisierungswelle kann jedoch erst mit dem transamerikanischen Aufenthalt Albert Einsteins in Zusammenhang gebracht werden (ebd., 153ff.). Er hielt Vorlesungen, nahm an Konferenzen teil, engagierte sich für die Verbreitung wissenschaftlicher Theorien und wandte sich zu diesem Zweck gesellschaftlichen Themen zu, wie dem Problem des Nationalismus. Im Zuge dieser ›Einsteinisierung‹ der argentinischen ›divulgación‹ fassten weitere Akteure den Mut, die Popularisierung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts voranzutreiben.146 Mit der Neugründung der Asociación da seine Einwanderungspolitik vielfach dazu beigetragen hätte, dass sich die wissenschaftliche Landschaft Argentiniens mit Hilfe der eingewanderten Forscher aus den europäischen Metropolen zu einem institutionell verankerten Universitätssystem ausbaute (ebd., 88). 145 Erwähnenswert ist die von Alberto M. Haynes gegründete Zeitschrift El Hogar, die sich vor allem aber nicht ausschließlich an die moderne Hausfrau richtete und über diverse Themen rund um das heimische Interieur, Mode und Literatur berichtete (ebd., 131). Haynes wirkte noch mit anderen Zeitschriften nach, wie beispielsweise Mundo Argentino, Mundo Agrario, Mundo Infantil und El Mundo. 146 1922 gründete Antonio Zamora (1896-1976) die Cooperativa Editorial Claridad, unter deren Banner er schließlich die Zeitschrift Claridad, de arte, crítica, ciencias sociales y politicas ins Leben rief. Ihr Ziel war es, eine »especie de universidad popular« zu initiieren, die die Aufgabe des Popularisierens ernst nahm und kontinuierlich weiter verfolgen wollte. Obwohl sich die Zeitschrift nur 15 Jahre lang auf dem Markt behaupten konnte und 1941 eingestellt worden ist, blieb die Kooperation der ›Editorial Claridad‹ erhalten und so erschienen unter Buchreihentiteln wie »Breve historia« zahlreiche populärwissenschaftliche Titel über Musik, Architektur, Religion, Medizin und andere Disziplinen (ebd., 157f.). In den 1920er Jahren widmeten sich Zeitschriften wie El Mundo und Crítica ausgiebiger dem Themenspektrum der Naturwissenschaften und orientierten sich an einem sehr heterogenen Publikum. Sie wurden nicht explizit von anderen Themen abgesondert oder markiert, sondern eher fragmentarisch und zusammenhanglos präsentiert (ebd., 159). Pädagogische, praktische, technische Themen wurden mit den Meinungen und Kommentaren der Kolumnisten vermischt. Weitere Institutionen zwischen professioneller Universität und purer ›vulgarizacion‹ wurden etabliert, darunter das Colégio Libre de Estudios Superiores de Buenos Aires (1930), das durch eine Initiative von Intellektuellen die Kultivierung INTERCIENCIAS AMÉRICAS 299 Argentina para el Progreso de las Ciensias (AAAPC) durch den späteren Nobelpreisträger Bernardo Houssay wurde die Organisationsstruktur der britischen, amerikanischen und französischen Vorbilder auf das eigene Land amplifiziert (ebd., 164). Die Zeitschrift Ciencia y Investigación bildete die argentinische Publikationsplattform für den interdisziplinären Austausch der Wissenschaftler. In den 1930er Jahren enthielt auch die Zeitschrift Leoplan, magazine popular argentino (1937) verschiedene populärwissenschaftliche Artikel von praktizierenden Forschern (ebd., 169). Nach dem zweiten Weltkrieg und unter der Diktatur von Juan Domingo Peron wurde die Biblioteca Infantil General Peron (1949) gegründet (ebd., 185). Zeitgleich wurde das Buchprojekt Colección Naturaleza gestartet, für die größtenteils der Geologe Hector Sanchez Puyol schrieb. Seine Bücher waren oft aufwendig künstlerisch gestaltete, so zum Beispiel Nidos de pajaros y Vida de los colibries y aves del paraíso (1949). Erwähnenswert ist auch die in den 1950er Jahren publizierte populärwissenschaftliche Buchreihe des Typus »Que es«, die mit Francisco Romeros Que es la filosofía eingeleitet wurde. Unter Perons Diktatur wurde auch erstmalig das Fernsehen in die Maschinerie der ›divulgación‹ als neues Medium der Kommunikation integriert (ebd., 190). Viel entscheidender scheint das Datum des 12. September 1961 zu sein, denn an diesem Tag wurde das amerikanische Arden House Statement von 1951 in das argentinische Programm durch Luis Babini, dem ersten Wissenschaftshistoriker Argentiniens, und Argentiniens Galionsfigur des Naturwissenschaftlers Bernardo Houssay zu den Gründungstexten der AAPC hinzugefügt (ebd., 188f.). Dennoch war nach wie vor das wissenschaftlich-akademische Feld dem politischen Feld unterworfen und auch nach dem Peronismus gab es nur eine kurze Phase der Erholung.147 Unter diesen Bedingungen konnte natürlich auch keine populärwissenschaftliche Literatur produziert werden. Viele Bücher der ›divulgación científica‹ aus den 1950er Jahren und darüber hinaus waren vor allem Übersetzungen aus dem französischen und englischen. Sie erschienen unter dem Reihentitel »Libros para todos« (ebd., 202ff.). Aus der Auflistung Cazaux’ geht allerdings nicht hervor, ob es sich um rein populärwissenschaftliche Bücher der Naturwissenschaft oder Bücher der des alltäglichen Lebens fördern wollte (»extensa labor cultural«). Im Gro- ßen und Ganzen entspricht es ungefähr dem deutschen Studium Generale (ebd., 162). 147 Unter der 1966 erneut einsetzenden Diktatur von Juan Carlos Onganía wurden irreparable Schäden dem gesamten Universitätssystem zugefügt, dass sich nur sehr langsam wieder erholen konnte. Zahlreiche Wissenschaftler mussten ins Ausland fliehen, darunter der spätere Nobelpreisträger für Medizin Cesar Milstein (1927-2002), der seine Forschung in Cambridge fortsetzen musste. STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 300 Sozial- und Kulturwissenschaften handelt. Eine Mehrzahl der aufgelisteten Titel würde man eher den letzteren Disziplinen zuordnen, was womöglich bedeuten könnte, dass auch in Argentinien keine scharfe Grenze zwischen dem Kulturprogramm der ›divulgación‹ und den ›humanities‹ gezogen wurde. Eine erste institutionelle Abgrenzung trat mit der Gründung der Asociación Iberoamericana de Periodismo Científico (1967) (AIPC), dessen erster Präsident der Spanier Manuel Calvo Hernando war.148 Der Wissenschaftsjournalismus kam dennoch als importierte Produktionskultur in die lateinamerikanischen Länder und wurde im 148 In Melletin / Kolumbien wurde diese Organisation mit der Fortsetzung des Seminario de Periodismo Científico offiziell ins Leben gerufen (ebd., 213). Ihr Vizepräsident Jacobo Brailosky initiierte schließlich 1969 die Asociaci- ón Argentina de Periodismo Científico zusammen mit ihrem Vizepräsidenten Miguel Muhlmann, der u.a. wichtige theoretische Bücher zur Konstituierung des lateinamerikanischen Wissenschaftsjournalismus schrieb, darunter Ciencia y periodismo (1962) und Sensacionalismo en el Periodismo científico (1977) (ebd., 222). Man kann also keineswegs behaupten, dass das Gründungsnarrativ der Wissenschaftspopularisierung Argentiniens oder anderer lateinamerikanischer Länder noch unerzählbar ist. Dennoch zeigt gerade das Beispiel Argentinien, dass die Geschichte erst im 20. Jahrhundert beginnt, sodass man die provisorische Arbeitshypothese aufstellen könnte, dass der Beginn der Popularisierung erst mit ihrer Institutionalisierung, das heißt spätestens mit der Gründung der Asociación Argentina para el Progreso de la Ciencia in den 1930er Jahren einsetzte, da sich hier erstmals die wissenschaftliche Elite ausnahmslos auch der ›divulgación‹ widmete. Manuel Calvo Hernando versucht, eine kleine Übersicht der Geschichte der Wissenschaftspopularisierung nach Zeitschriftenpublikationen zu erstellen und datiert die erste Entwicklung der lateinamerikanischen Wissenschaftspopularisierung auf das 18. Jahrhundert und die Herausgabe der Zeitschrift Mercurio Peruano, die von 1791 bis 1795 veröffentlicht wurde, an der unter anderem Alexander von Humboldt mitgewirkt hatten. Weitere Zeitschriften wie El diario del Lima, Memorial de Ciencias Naturales, La Gazeta Científica, Crónica Médica, Revista de Ciencias, in Uruguay El iniciador, in Venezuela, die von Andres Bello 1848 gegründete Cosmografía, und schließlich Vicente Marcanos La ciencia Amena, die im 20. Jahrhundert neu aufgelegt wurde. 1961 fand sich das erste Seminar zur Professionalisierung des Wissenschaftsjournalismus in Santiago de Chile unter der Zusammenarbeit von Ministerien und Nationalräten für Forschung und Technik zusammen. Die Zieldeklaration in Buenos Aires fasste die Demokratisierung des Wissens als Bestandteil der ökonomischen Entwicklung des Landes auf (Hernando 2006, 48). In Madrid wurde die Asociación Iberoamericana de Peridismo Científico 1969 begründet und zwei Jahre später in Asociación Española de Communicación Científica umbenannt. INTERCIENCIAS AMÉRICAS 301 Kontext eines reformpädagogischen Bildungsauftrags 1969 in Kolumbien vorgestellt. Die Frage ist, ob auch eine äquivalente Rezeptionskultur für diese Art von kulturellen Produktionsgütern zur Verfügung stand. Die angeordneten PUSH-Programme wurden nach dem Vorbild des englischen Bodmer-Reports erstmals 1986 in das mexikanische Universitätssystem der UNAM eingeführt und in der hierfür eingerichteten Zeitschrift El Mercurio in Form eines Manifests veröffentlicht. Die Ursprünge dieser Zeitschrift und ihr Auftrag zur ›divulgación‹ werden auf das Jahr 1772 datiert, in dem der Mönch Jose Ignacio Bartolache die Zeitschrift Mercurio volante con noticias importantes y curiosas sobre barios asuntos de física y medicina herausgegeben hat. Die Sociedad Mexicana para la Divulgación de la Ciencia y la Técnica wählte den Titel El Mercurio nicht nur, um an das historische Gründungsnarrativ zu erinnern, sondern um in dem abendländischen Götterboten selbst das Symbol eines demokratischen Botschafters und Übersetzers zu sehen. Als Galionsfigur wird die erste mexikanische Physikerin Alejandra Jaidar der Institution vorangehängt, die jedoch nicht explizit als Popularisiererin zu bezeichnen ist, da sie keine eigene ›divulgación científica‹ betrieben hat, sondern als eine Förderin des naturwissenschaftlichen Denkens in den Schulen und Universitäten agiert hat, indem sie vor allem die Rahmenbedingungen schuf, damit die ›divulgación‹ professionell betrieben werden konnte. Dazu gehörte nicht nur die Gründung von Bibliotheken, sondern vor allem die von ihr herausgegebene Reihe La ciencia desde Mexico. Maria Trigueros beschreibt in ihrem Nachruf, dass ihr wissenschaftlicher Enthusiasmus zum Popularisieren die gesamte Institution motiviere: »Nosotros, como miembros de la misma sociedad, compartimos sus suenos. Ojala que cada uno de nosotros cooperamos con el entusiasmo que la caracterizaba en la labor de divulgacion seria de la ciencia«. Seit 2013 wird der Premio Nacional de Divulgación de la Ciencia y Técnica Alejandra Jaidar verliehen. Damit produziert auch das mexikanische PUSH-Programm aus seinen populärsten Popularisatoren Konsekrationsinstanzen für ein eigenes Genre: die ›divulgación cientifica‹. Das wissenschaftspolitische Manifest wurde zunächst in der Zeitschrift Ciencia y Desarolla e Información Científica y Tecnología der Organisation CO- NACYT veröffentlicht und in der ersten Ausgabe von El Mercurio nochmals abgedruckt (El Mercurio 1986).149 Die emphatische Rede von der Entwicklung des Landes durch Wissenschaft und Technik imitiert ihre nordamerikanischen und britischen merchants of light und versucht die Utopie eines naturwissenschaftlichen Zeitalters auf Mexiko und andere 149 Die Textquelle ist im Onlinearchiv auf der Internethomepage der Organisation einsehbar und wird im Literaturverzeichnis unter den Internetquellen aufgeführt. STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 302 lateinamerikanische Länder aufzupfropfen. Ziel sei es, die Naturwissenschaften und die Technik in der ganzen Bevölkerung zu popularisieren, darüber hinaus sollten die Naturwissenschaften die ökonomische und politische Unabhängigkeit sichern. Es werden jedoch nicht nur Regeln zum Popularisieren formuliert, sondern auch Regeln wissenschaftlichen Forschens, die anti-dogmatisch, objektiv und kritisch sein sollten. Hingegen sollten sie sich in der Rolle der ›divulgadores‹ mit den Medien der Massenkommunikation auseinandersetzen, um eine möglichst angenehme Form (»de manera más amena«) verständlicher Wissenschaft zu produzieren. Der Aufruf richtete sich also vor allem an Naturwissenschaftler, die sich ihrer sozialen Doppelrolle bewusst werden sollten. Folglich sollten zunächst keine professionellen Vermittler zwischen ihnen und das Publikum treten. Die akademischen Popularisierer, also die praktizierenden Wissenschaftler mit einer akademischen Anbindung, sollten als mexikanische Avantgarde der lateinamerikanischen Wissenschaftspopularisierung voranschreiten. Luis Estrada, einer der Mitbegründer der ›divulgación científica‹ in Mexiko, der am Centro de Communicación beschäftigt ist, hat im Jahre 1992 einen Artikel in der mexikanischen Zeitschrift Ciencias veröffentlicht, der eine erste Bestandsaufnahme der populärwissenschaftlichen Entwicklungen unternimmt. Entscheidend sei, dass man eine semantische Differenz zwischen die beiden Begriffe der »difusion« und der »divulgación« einführe (Estrada 1992, 69). Ersterer bezeichne die horizontale Kommunikation zwischen den Experten an den runden Tischen, also den intrawissenschaftlichen Dialog, letzterer hingegen bezeichne die vertikale Kommunikation zwischen den Wissenschaftlern und dem Publikum. Der Begriff der ›divulgación‹ wird allerdings noch etwas weiter spezifiziert, wobei deutlich wird, dass in der spanischen Begriffsdefinition eine semantische Umkehrung des Übersetzungsbegriffs stattfindet, der beispielsweise in Frankreich stark akzentuiert wird. Estrada definiert die Wissenschaftspopularisierung nicht als eine Übersetzung des wissenschaftlichen Diskurses, sondern als eine Version der Wissenschaft, die dem Publikum adäquate Mittel an die Hand gibt, um sich jenen Erkenntnissen zu widmen, die sie gerade besonders interessieren. Durch die Vermittlungsarbeit sollen sie nicht zu Spezialisten werden, sondern eine klare Idee von der wissenschaftlichen Praxis bekommen, ohne jedoch das wissenschaftliche Verständnis zu verfremden (ebd., 70). Er beschreibt das Prinzip einer Popularisierung, die nicht von einer Inferiorität des Publikums ausgeht. Während beispielsweise die französische ›vulgarisation‹ ganz klar von einer Übersetzung des Wissens spricht und die angloamerikanische ›popularization‹ sich als Informationslieferant (Science Service) ansieht, versteht die lateinamerikanische ›divulgación‹ INTERCIENCIAS AMÉRICAS 303 ihre Aufgabe, in der Aktivierung einer techne, eines skills oder Handwerks, zur selbstständigen Erarbeitung wissenschaftlichen Wissens. Was verständlich gemacht werden soll, sind nicht so sehr die Ergebnisse der Naturwissenschaften als das naturwissenschaftliche Aneignungsverhalten von Welt. Unter keinen Umständen dürfe das »conocimiento científico« deformiert werden. Der Begriff ›conocimiento‹ wird hier in Analogie zum englischen Begriff des ›understanding‹ verwendet und referiert daher in beiden Sprachen auf den Erkenntnisprozess wissenschaftlichen Forschens, demnach auf jenes epistemologische Projekt, das vor allem von den Akteuren der Science and Technology Studies initiiert worden war. Folglich gibt es auch in Lateinamerika eine Überlappung der Tätigkeitsfelder jener Akteure, die als Soziologen und Anthropologen, die Arbeit im Labor epistemologisch erforschen und begrifflich fixieren, das heißt in ihre Fachsprache übersetzen, und jenen anderen Akteuren, die als professorale ›divulgadores‹ ein Bild vom wissenschaftlichen Arbeiten vermitteln, das ihrer Selbstwahrnehmung entspricht. Estrada hält fest: »De lo que se trata es de que el publico participe del mundo de la ciencia en una forma activa e integral«. Die ›divulgación‹ sollte adäquate Modelle der Kommunikation zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Doch dies könne nur bewerkstelligt werden, wenn eine Spezialisierung dieser Profession angestrebt werde, weil sie als rein okkasionelle Tätigkeit hauptsächlich von praktizierenden Forschern bestritten werde (ebd., 73). Ein wichtiger Kritikpunkt Estradas besteht darin, dass es viel zu wenig professionelle Popularisierer gebe, die als Wissenschaftsjournalisten ihre gesamte Arbeit in den Dienst der ›divulgación‹ stellten. Dem müsse durch die Etablierung von Lehrstühlen zur Wissenschaftskommunikation abgeholfen werden. Demnach vollzieht sich auch in Lateinamerika und vor allem in Mexiko eine Disziplingenese, die die Populärwissenschaft in eine Wissenschaftskommunikation, die ›divulgación científica‹ in eine spezialisierte Kaste von Akteuren der ›communicaión de la ciencia‹ umfunktionalisiert. Mit dieser Professionalierung der ›divulgadores‹ sei eben auch ihre Transformation in Kritiker der Wissenschaft verbunden (ebd., 74). Hierbei werden zwei unterschiedliche Prozesse synchron geschaltet: zum einen die Verbesserung des empirischen Forschens selbst und die Erhöhung seines Outputs gemessen an Publikationen, zum anderen die ›divulgación científica‹, die nicht nur ein Verständnis für naturwissenschaftliches Denken und Arbeiten schaffen, sondern im Umkehrschluss neue Wissensarbeiter in die Laborfabriken transportieren soll. Diese drastische Umformulierung des Manifests mag vielleicht auf den ersten Blick überspitzt wirken, dennoch hat auch sie einen soziologischen Hintergrund. Der Generalsekretär der OEI (Secretario General de la Organización de Estados Iberoamericanos para la Educación, la Ciencia y la Cultura) Francisco Piñón beteuert, dass eine »sociedad del STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 304 conocimiento« (Wissensgesellschaft) ihre Aufgabe verfehle, wenn sie im Zeitalter der Globalisierung das Regionale mit dem Globalen nicht verbinden könne und permutiere darüber hinaus zu einer ›sociedad del desconocimiento‹, wenn sie die Universitäten, die das intellektuelle Kapital eines Landes bilden, vernachlässige, denn im Zeitalter beschleunigter Globalisierung ginge es nicht nur um Haben oder Nicht-Haben, sondern um Wissen oder Nicht-Wissen. Ohne eine wissenschaftlich-technologische Entwicklung bliebe Lateinamerika ›ohne historischen Wert und ohne Souveränität‹ (Piñón 2005, 35).150 Die ›divulgación científica‹ propagiert diese Utopie, wobei das lateinamerikanische Zentrum der Wissenschaftspopularisierung die UNAM in Mexiko-Stadt ist.151 Ein 150 Der Artikel ist online einzusehen (siehe Verzeichnis). Sein Kontrahent ist der unabhängig forschende Sozialwissenschaftler Rafael Romero Castellanos, der in der sozialkritischen Zeitschrift Nomades, die Auffassung vertritt, dass man grundsätzlich von zwei unterschiedlichen sozialwissenschaftlichen Gruppierungen in Lateinamerika ausgehen müsse: der links orientierten kritischen und der rechten funktionalen Soziologie (Castellanos 2008). Das Problem der linksorientierten Soziologie bestehe unter anderem darin, dass sie den Wert der wissenschaftlichen Objektivität dem politisch-revolutionären Gedankengut unterordnen würde, daher konnte sich die Soziologie nie wirklich als eigenständige Wissenschaft etablieren. Ihr fehle es gerade an der ideologiefreien Methode, weil sich ihre Akteure im Schreiben selbst immer nur als politische Intellektuelle begreifen würden. Daher fordere er eine relativ autonome Sozialwissenschaft, die in einer permanenten Selbstreflexion ihre eigene Wissensproduktion hinterfragt. Seine Kritik richtet sich vor allem auf die Utopie der ›sociedad del conocimiento«, denn wenn wir eine Gesellschaft nur nach ihren wissenschaftlichen Qualitäten messen, führen wir eine strikte Trennung zu anderen gesellschaftlichen Praktiken durch. Damit würden wir andere kulturelle Qualitäten vollkommen verdecken und aus dem Blick verlieren. 151 Die Zeitschrift La revista ciencia y Desarollo wird bereits seit 25 Jahren erfolgreich verlegt und gilt als eines der Pionier-Zeitschriften in diesem Marktsegment. Auch die Revista Latinoamericana de Communicación folgt dem Aufruf zur besseren qualitativen Untersuchung der Wissenschaftskommunikation in Lateinamerika und rief zur Herausgabe von Anthologien der Popularisierer auf, um eine eigene Kanonbildung zu initiieren. Die UNAM selbst steht hierfür als Symbol der politisch-kulturellen Unabhängigkeit des Wissens ein (Hernando 2006, 53). Dennoch äußert Calvo Hernando auch Bedenken gegenüber dieser importierten Produktionskultur, denn seiner Meinung nach sei das Konzept der PUSH-Programme ein Ausdruck der Industrieländer und dürfe von Mexiko nicht einfach in die Entwicklungsländer implementiert werden (ebd., 59). Darüber hinaus bezweifle er trotz seines eigenen langjährigen Engagements, dass die Öffentlichkeit für diese Art von naturwissenschaftlichem Verständnis sensibilisiert werden könne (ebd., 78). Seine Kritik bezieht sich vor allem darauf, dass viele Journalisten zwar 305 INTERCIENCIAS AMÉRICAS wichtiger Akteur des frühen lateinamerikanischen Wissenschaftsjournalismus war der Venezulaner Arístides Bastidas (1924-1992), der ein eigenes intellektuelles Denkkollektiv etablieren wollte, indem er die Kolumna La ciencia amena aus dem 19. Jahrhundert in den 1970er Jahren reaktivierte.152 Die literarische Kraft des ›divulgador‹ zeigt sich an vielen Stellen seiner populärwissenschaftlichen Artikel. In einem Aufsatz zur meteorologischen Beschreibung des Windes (»El veinto es un amigo a veces malintencionado«), entführt er seine Leser zunächst in ihre frühesten Kindheitserfahrungen (Bastides 1976, 5). Die Einfühlungsästhetik in die frühen Kindheitsjahre, in denen die Entzauberung der Welt durch die wissenschaftlichen Erklärungen noch nicht eingesetzt hat, erfüllt die Funktion, sich wissenschaftliches Wissen über die eigene Erfahrungswelt, die hier vergegenwärtigt wird, anzueignen. Das einfühlungs- ästhetische Moment ist hierbei jedoch keinem Selbstzweck unterworfen. Die hervorgerufene Emotion ist ein Movens zur Wissenschaft hin, ohne jedoch dass das persönliche Gefühl durch die erklärenden Ausführungen des Autors überdeckt wird. Die Erweckung einer ›zweiten Jugend‹ motiviert gerade, sich wissenschaftlichen Fragestellungen zu widmen, um die ›erste Jugend‹ nicht zu entzaubern, sondern neu zu verzaubern. Es stellt sich damit ein anderer Genuss natürlicher und alltäglicher Prozesse dar, eine Art von hegelianischer vermittelter Unmittelbarkeit. Pathetisch und mit einem leichten Hang zur Dramatisierung versucht er auf diese Weise eine ›ciencia amena‹ zu kreieren, die ganz im Sinne Nietzsches Fröhlicher Wissenschaft, das Leben über die Erkenntnis stellt.153 Auch Manuel Calvo Hernando sah sich sehr früh in der Rolle eines Intellektuellen, der popularisieren und neue Organisationen ins Leben rufen würden, aber ihnen fehle es an theoretischer Fachkenntnis, um ihren Gegenstand besser fixieren zu können. 152 Die populärwissenschaftliche Kolumne erschien in der Tageszeitung El Nacional (1971-1992) in Caracas und umfasste unterschiedliche Themen von der Ernährungswissenschaft, über biochemische Prozesse in der Zelle hin zu physikalischen und meterologischen Themen. Izasku Petralanda lobt in ihrem Aufsatz über seine Tätigkeit als ›divulgador‹, dass er eben nicht einem wissenschaftlichen Positivismus huldigte, sondern zur Gründung eines Forums beigetragen habe, in dem die humanistische Seite der Wissenschaft und Technik zum Vorschein komme (Petralanda 2008, 197f.). Seine Aufgabe bestand darin, die ethische Seite der Wissenschaft dem Publikum nahezubringen. 153 Ein direkter Rezeptionskontakt mit den Werken Nietzsches kann hier nicht nachgewiesen werden. Allerdings könnte mutgemaßt werden, dass der Titel La ciencia amena, der aus dem 19. Jahrhundert stammt, eine Übersetzung der La Gaya Scienzia von Friedrich Nietzsche ist. Izasku Petralanda evoziert zumindest diese Nähe, indem sie ihrem Aufsatz ein Zitat aus Nietzsches Fröhlicher Wissenschaft voranstellt. STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 306 folgende wissen schaftsjournalistische Ethik verkünden wollte: ›Der Wissenschaftsjournalismus dient uns dazu, unsere Augen zu öffnen‹ (Hernando ebd., 16).154 Trotz der Selbstvergewisserung, dass es bereits frühe Formen der Wissenschaftspopularisierung gab, bevor der amerikanische Wissenschaftsjournalismus importiert wurde, schließt sich Hernando dem Zitatennetzwerk der nordamerikanischen Intellektuellen an. Er zitiert aus dem Popular Science Writing von John Horgan, Carl Sagan, Richard Dawkins, Peter Atkins und natürlich auch aus John Brockmans Las 10 grandes ideas de la ciencia. Die Frage, ob man Wissenschaft wirklich popularisieren kann, wird mit Zitaten aus Carl Sagans Werken beantwortet, der bereits eine eigene Konsekrationsinstanz im amerikanischen Feld der Popular Science Writer ist. Was Wissenschaft ist, wird mit John Ziman beantwortet, einem Mitglied und zentralen Sprachrohr der Royal Society und dem Public Understanding of Science. Hernandos Rhetorik mündet in einer Heldenverehrung der Wissenschaftsjournalisten als die moralische Elite einer neuen Ära und formuliert ethische Regeln für ihre schriftstellerische Tätigkeit (ebd., 268ff.). Auch das mexikanische Manifest der »divulgación científica« will den spanischsprachigen Stil des Popular Science Writing durch französische Journalisten wie Jean Pradal und Baudouin Jurdant systematisieren, anstatt eigene Formen des Popularisierens zu generieren. Dabei könnte gerade die lateinamerikanische Wissenschaftspopularisierung davon profitieren, zunächst einmal ihre eigenen ›divulgadores‹ zu analysieren, um sich aus der Abhängigkeit der angloamerikanischen Produktionskultur zu distanzieren. Denn es gibt einen chilenischen Wissenschaftler, der einen eigenen Stil generiert hat und gleichzeitig selbstreflexiv das eigene Vorgehen als ›divulgador‹ ethisch und politisch kommentiert. Er wird weder von den lateinamerikanischen noch von den spanischen Theoretikern und Praktikern der ›divulgación‹ zitiert noch in das Autorennetzwerk dieses intellektuellen Feldes implementiert. Die Rede ist von dem Mediziner, Neurophilosophen und Proto-Kybernetiker Humberto Maturana, dem, meiner Ansicht nach, vergessenen Popularisierer biologischen Wissens. Er soll als Fallbeispiel dienen, um die Verknüpfung unterschiedlicher Produktions- und Rezeptionskulturen nachvollziehen zu können. Dies soll am konkreten Beispiel einer seiner populärsten Buchproduktionen El árbol del conocimiento exemplarisch 154 Man merkt hier besonders im Vergleich zu den anderen Ländern, dass bei einigen Journalisten die Erhöhung des moralischen Kapitals in der Gesellschaft im Vordergrund steht. In Spanien und Frankreich sehen sie sich eher als kritisch-moralische Apostel naturwissenschaftlichen Wissens, während andere sich wiederum eher in der Rolle der Dienstleister für die Wissenschaft und Informationspools für die Öffentlichkeit sehen, wie der angloamerikanische Science Service und ihre Science News. INTERCIENCIAS AMÉRICAS 307 durchgeführt werden. Die Selbstwahrnehmung als junger Nachwuchswissenschaftler in den USA mit einem Rockefeller-Stipendium verrät, dass sein Habitus dem amerikanischen Feld am MIT nicht entsprach. Der kybernetisch-mathematische Einschlag der damaligen Forschergruppe widersprach Maturanas Verständnis von einer Biologie, die in erster Linie eine Wissenschaft des Lebens war. Ermuntert und gefördert wurde er vor allem von deutschen Forschern wie beispielsweise Heinz von Förster, mit dessen Unterstützung er seinen wichtigsten Aufsatz Biology of Cognition 1970 veröffentlicht. Er kam über das Medizinstudium zur Biologie und ging von Chile zunächst nach England, um dort bei J.Z. Young zu studieren, der – wie Maturana betont – stets ein autonomer Denker war (Maturana 1982, 14ff.). Durch sein Rockefeller-Stipendium konnte er in Harvard in der Biologie promovieren, wo er auf einer Party an der Harvard-Universität erste Kontakte knüpfen konnte. Über Jerry Letvin lernte er die Kybernetiker Warran McCullock und Water Pitts kennen. Doch mit diesen Forschern bestand weder auf gedanklicher noch auf sprachlicher Ebene eine Verbindung. Auch Marvin Minskys Denkstil des mathematischen Formalismus widersprach Maturanas Bild vom Lebendigen. Am MIT forschte Maturana vor allem an dem Nervensystem von Fröschen. Die Ergebnisse veröffentlichte er in seinem Scientific Paper What the frog’s eye tells the frog’s brain und Anatomy and Physiology of vision in the frog. In Chile setzte er seine Forschung an Tauben fort, was zeigt, dass Maturana selbst immer an lebendigen Organismen interessierter war als an der Konstruktion von kybernetischen Maschinen. Durch die Zusammenarbeit mit Francisco Valera in Chile, aus der unter anderem das Buch De Maquinas y seres Vivos hervorgegangen war, ist er davon überzeugt, dass der Mathematiker einen anderen Denkstil vertritt als der Biologe und daher Informatik und Biologie nicht kompatibel wären. Trotz dieser Distanzierung wird er später immer wieder innerhalb dieses kybernetischen Kontextes rezipiert. Die Co-Autorschaft endet mit El árbol del conocimiento. Francisco Varela verbindet später den »cognitive turn« mit buddhistischen Ansichten (Hayles 1999, 156). Die amerikanische Rezeption von Maturana setzte erst im Kontext des »second-wave development« ein. Besondere Kritik übt Hayles an der zirkulären Geschlossenheit autopoietischer Systeme, die nicht ganz zu Unrecht als solipsistischer Konstruktivismus betrachtet werden. Maturana wird von ihr im Zuge der amerikanischen MIT Kybernetik als »posthumanistic liberal subject theory« rezipiert, also vor allem neoliberalistisch gedeutet. Dem ist gegenzuhalten, dass Maturana seine wissenschaftliche Praxis nicht von seiner ethischen getrennt hat, daher kann auch seine Subjekttheorie weder an den Posthumanismus angeschlossen werden noch mit posthumanistischen Leitideevorstellungen gekoppelt werden. Maturana STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 308 sieht ja gerade unvereinbare Differenzen zwischen den künstlichen und lebendigen Maschinen. Auch den Begriff des »natural drift« kann Hayles nicht kontextualisieren. Sie bezeichnet ihn lediglich als »nebulous term«, was vor allem damit zusammenhängt, dass es in der amerikanischen Textausgabe keine Erläuterungen zum spanischen Ursprungstext gibt, obwohl zum Teil sehr starke semantische Divergenzen zu beobachten sind. Der amerikanische Text von El árbol del conocimiento, ins Amerikanische mit Tree of Knowledge (Maturana / Varela 1998) übersetzt, ist ein gänzlich von jeglichen Kommentaren amputierter Text, der keinerlei Hinweise auf seine semantischen Abweichungen gibt. Der evolutionsbiologische Terminus »deriva natural« / »natural drift« / »natürliches Driften«. »Ir a la deriva« bezeichnet eine abweichende Bewegung, einen ateleologischen, dynamischen Prozesses, auch im Sinne von »sich treiben lassen« im Fluss des kontinuierlichen Werdens. Dieser Begriff erscheint schon etwas früher im Verlauf des Textes, wird aber anders übersetzt, und zwar als »historisches Driften« / »historical drift« oder »strukturelles Werden« / »structural history«. Die Geschichte / History wird so in der sprachlichen Transposition als gedeutetes Werden interpretiert, also als ein Gewordenes, während »Werden« gegenwärtige, ständig ablaufende Prozesse der Transformation bezeichnet. Man kann also schlecht entscheiden, ob die semantische Inkonsequenz in der Übersetzung oder im Denken der Autoren liegt. Deutlich wird dennoch, dass die philosophische Übersetzung immer im Kontext der eigenen vertrauten nationalen Philosophiegeschichte verläuft. Diese Schwierigkeiten machen sich bereits in der Titelübersetzung bemerkbar: »knowledge« / »Erkenntnis« / »conocimiento«, »acto de conocer« / »Akt des Erkennens« / »to know«. Besonders die amerikanische Übersetzung zeigt deutlich semantische Schwankungen auf, die das Gesamt repertoire der Konnotationen von ›conocimiento‹ wohl kaum erfasst. »Verstehen« wird dann im Untertitel jedoch nicht mit »knowing« übersetzt, sondern mit »understanding«, das ist jedoch das einzige Mal, dass der Begriff überhaupt fällt, denn im weiteren Verlauf wird auf die latinisierte Version der »cognition« zurückgegriffen, während die deutsche Übersetzung (Maturana / Varela 2010) eher mit den philosophischen und alltäglichen Konnotationen spielt. »Der Erkennende« wird im englischen zum »the knower« / »knowing is the action of the knower«. Grundsätzlich ließe sich festhalten, dass die englische Übersetzung zu einer latinisierten Fachsprache tendiert und sich im Kontext des »cognitive turn« bewegt. Was sicherlich auch auf die frühe Rezeption von Maturanas englisch-sprachigem Aufsatz zurückzuführen ist. Damit wird das Buch in eine genuin amerikanische Wissenschaftskultur eingeschrieben und in diesem kulturellen Rahmen rezipiert. In Deutschland dagegen lassen sich Tendenzen in der Translation festmachen, die Maturanas INTERCIENCIAS AMÉRICAS 309 und Varelas Denken in die griechisch-abendländische, aber auch deutsche Philosophiegeschichte einschreiben. Die Verschiebung in den beiden Rezeptionskulturen ist jedoch nicht nur auf die Übersetzung zurückzuführen, sondern vor allem darauf, dass in beiden Ausgaben, der amerikanischen und der deutschen, das ausführliche Vorwort zum politischen Kontext des Buches fehlt. Es wird lediglich in der deutschen Ausgabe darauf hingewiesen, dass das Buch explizit als leicht verständliche Einführung in wissenschaftlichphilosophisches Denken zu lesen sei, und im Rahmen einer bildungspolitischen Reform initiiert wurde. In der amerikanischen Ausgabe gibt es keinen Hinweis darauf. Das Vorwort zur englischen Ausgabe wurde von J. Z. Young geschrieben, der zwar am MIT ein enger Vertrauter von Maturana war, der jedoch die amerikanische Ausgabe nur kurz kommentierte, ohne auf sprachliche Ungereimtheiten näher einzugehen. Die deutsche Rezeptionskultur war zumindest in Teilen für die semantischen Differenzen und ihre Unübersetzbarkeit sensibilisiert. So gibt es dort auch einen illustrativen Zeigefinger als Randanmerkung für den Hinweis auf Fachbegriffe, die in einem Glossar noch einmal erläutert werden. Spanische Fachbegriffe wie z.B. »perturbación« werden in einer translationalen Bewegung im Fußnotentext kommentiert. Auch dies findet man in der amerikanischen Ausgabe nicht. Die fremde Eigentümlichkeit von Maturanas und Varelas Sprechen wird der eigenen Sprache restlos einverleibt. Die Rückkehr nach Chile war für Maturana unausweichlich, weil der hohe Konkurrenzdruck am MIT zu einem Abhängigkeitsverhältnis geführt hatte. Der Denkstil wurde für ihn zum Denkzwang, dem er sich nicht unterwerfen konnte.155 Chile hingegen empfand er zunächst als konkurrenzfreie Zone, aber auch hier wurde er zum intellektuellen Au- ßenseiter bis zur Aufforderung des Verlassens der medizinischen Fakultät. Es folgte eine lange Latenzperiode der Nichtbeachtung, was unter anderem darauf zurückzuführen ist, dass die Reorganisation der Biologie als moderne Laborwissenschaft einsetzte und Maturanas interdisziplinäre Fragestellungen zu einem Zeitpunkt in den Diskurs eintraten, als das Ziel dieser Entwicklungen noch nicht abzusehen war. Daher wechselten die Etikettierungen seines Institutes in Chile sehr oft von »Instituto Neurobiología«, »Epistemología Experimental« oder »Neurofilosofía«. Damit sollte die Grenze zwischen Philosophie und 155 Maturana hält in seinem Vorwort zur deutschen Ausgabe seiner Schriften fest: »Schließlich: ich hätte die folgenden Arbeiten nicht schreiben können, wenn ich nicht in Chile gelebt hätte, wo ich vor der harten Konkurrenz des Wissenschaftsbetriebs in gewissem Maße geschützt war. Einige davon wären nicht möglich geworden, hätte ich nicht mit Heinz von Foerster, dem Direktor des ›Biological Computer Laboratory‹ an der University of lllinois, Urbana, arbeiten können, den ich als meinen besten Freund bewundere und verehre« (Maturana 1982, 18). STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 310 Naturwissenschaft durchlässiger werden. Der explizite Bezug zu philosophischen Vorbildern, wie Kant, Nietzsche und Schopenhauer werden nur in Interviews oder Vorreden angedeutet, aber nicht ausführlich kommentiert, sondern vielmehr autobiographisch legitimiert. Maturanas Denkstil entwickelte sich schrittweise von der medizinischen Neuroanatomie zur Bio-Epistemologie, Bio-Ethik und zur Bio-Anthropologie, wobei er letztere als Ausgangspunkt für eine biologische Theorie der Liebe als implizites Vertrauen zwischen Menschen und seiner Umwelt nutzte.156 Die Geburt des Autopoiesis-Begriffs ist selbst ein lebendiges Wissen vom Leben im Leben, denn er ist einem ganz privaten Erfahrungswissen entsprungen, als Maturana selbst mit Krankheit und Tod im Sanatorium lange Zeit konfrontiert war und dort Julian Huxleys Buch über Evolution las (Maturana/Varela 1994, 11f.). Seine biophilosophische Theorie ist daher autobiographisch gefärbt. Seine Definition des Lebendigen sollte eine Realisierung des Lebendigen selbst sein. Daher ist nochmals affirmativ festzuhalten, dass sein Denken einer tiefen bio-ethischen Anthropologie entsprungen ist, die sich sowohl von der Systemtheorie Luhmanns als auch von der »Artifical Intelligence Forschung« (MIT) und den Computersimulationen biologischer Systeme distanzieren möchte (Maturana 1990, 42ff.).157 El árbol del conocimiento ist eine popularisierte Version des theoretischen Papers Biology of Cognition (1970), in dem Maturana sein bioepistemologisches Programm wie folgt formuliert hat: »Anything said is said by an observer«, »The observer is a living system and an understanding of cognition as a biological phenomenon must account for the observer and his role in it«. Erkennen ist Leben, Leben ist Erkennen. Diese Tautologie leitet Maturanas Theoriebildung: »Living systems are cognitive systems, and living as a process is a process of cognition«. Die tautologische Argumentationsweise ist besonderes Kennzeichen vieler Konstruktivisten und der Systemtheoretiker. Bei Maturana erzeugt der Beobachter durch sein Beobachten eine rekursive Kette von 156 Diese theoretische Weiterentwicklung ist vor allem in Transformación en la convivencia unter dem Kapitel »Biología del amor« nachzulessen. Vgl. hierzu Maturana (1999, 215ff.). 157 Besonders die Lektüre von Nietzsches Also sprach Zarathustra und die Metamorphosen des Geistes haben ihn dazu motiviert, einen Begriff zu finden, der das Lebendige als Lebendiges fasst und sprachlich zugänglich macht (Maturana 1990, 80). Seine Kritik zielt vor allem auf den Lebens-Begriff von Erwin Schrödinger ab. Erwin Schrödinger hat sich als erster Physiker in seinem Vortrag What is life?, auf den wir später noch eingehen werden, mit einer möglichen Definition des Lebensbegriffs auseinandergesetzt, der interdisziplinär motiviert Physik und Biologie miteinander verbinden soll. Diese rein naturwissenschaftliche Erklärung des Lebendigen und des Lebens ist es, an der Maturana Kritik übt. INTERCIENCIAS AMÉRICAS 311 Repräsentation und Interaktion, in dem das Selbst-Bewusstsein als Selbstkommunikation emergiert: »We can describe ourselves describing ourselves«. Dies sind die sich wiederholenden Thesen. Der Aufbau des Aufsatzes teilt sich zunächst in folgende Abschnitte: 1. Introduction: Epistemology, Biology; 2. The Problem, 3. Cognitive Function in General: The Observer, The Living Systems, Evolution, Cognitive Process, 4. Cognitive Function in Particular: Nerve Cells, Architecture, Function, Representation, Description, Thinking, Natural Language, Memory and Learning, The Observer, 5. Problems of Neurophysiology of Cognition, 6. Conclusions. Demnach liegt hier eine Form des theoretischen Aufsatzes vor, der zyklisch aufgebaut ist, sodass Inhalt und Form der Theorie kongruent sind. Er endet schließlich mit der Problemkonstellation der neurophysiologischen Kognition, die auf die Einleitung zurückgreift, wobei eine Unregelmäßigkeit diese Struktur stört: im Postskriptum werden ethischen Implikationen seines Systems dargelegt, die das gesamte wissenschaftliche Unterfangen rechtfertigen und gleichzeitig legitimieren: »No scientific work should be done without recognizing its ethical implications«. Die Relativierung aller objektiven Wahrheit referiert auf die Kritik politischer Ideologien und der politischen Instrumentalisierung der Wissenschaft (ebd., 26f.).158 Maturana formulierte eine offene Kritik an der Big Science Politik von Warren Weaver und der AAAS. El árbol del conocimiento hingegen ist eine Übersetzungsleistung von Biology of Cognition und seiner früheren Research Articles zur Neurophysiologie von Fröschen und Tauben. In der Ko-Autorschaft mit Francisco Varela entstand trotz der unterschiedlichen Denkstile ein äußerst homogenes und visuell ansprechendes Werk, das eine intermediale Vernetzung von Gemälden mit expliziter Referenz 158 Diese ethischen Implikationen wurden in Luhmanns ›global theory‹ herausgestrichen. Daher hat sich Maturana an mehreren Stellen in seinem Werk von dieser deutsch-soziologischen Rezeptionsweise distanziert. In einem Interview hält er dezidiert fest: »Nach dem, was ich beispielsweise von Professor Luhmann gehört habe, der von autopoietischen Systemen im Bereich der Kommunikation spricht, würde ich Folgendes sagen: Er mag den Begriff ›Autopoiesis‹ im Bereich der Kommunikation angemessen verwenden. Aber für mich ist ein autopoietisches System im Bereich der Kommunkation kein soziales System. Denn ich denke, daß ein soziales System aus miteinander interagierenden lebenden Systemen besteht. Diese interagieren so, daß sie sich als lebende Systeme innerhalb des von ihnen gebildeten Interaktionssystems verwirklichen. Wenn ich aber über ein autopoietisches System im Bereich der Kommunikation spreche, dann behandele ich die Mitteilungen oder ›Kommunikationen‹ als Elemente und klammere die Menschen aus. Zumindest in diesem bestimmten Fall klammere ich die Menschen aus. Sobald man aber die Menschen als lebende Personen ausklammert, beschäftigt man sich nicht mit sozialen Phänomenen« (Maturana 1990, 40). STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 312 auf kunsthistorisches Wissen mischt und ästhetische Wahrnehmung, mit illustrativen Grafiken des Magazin- und Cartoonstils und Experimenten zur visuellen Wahrnehmung aus der kognitiven Neuropsychologie vorführt. Jedes Kapitel wird durch eine visuelle Impression eingeleitet und begleitet die Argumentationsstruktur. Die ästhetische Wahrnehmung bildet gleichsam den paratextuell, intermediale Rahmen für die weitere Rezeption. Die einzelnen Kapitel schreiten stufenweise, wie ein langsamer Lektürepfad, von der persönlichen Alltagserfahrung zum wissenschaftlichen Problem fort, und geleiten den Leser schließlich bis zu den Analysen der Sprache und der Ethik. Die Autoren beginnen zunächst mit der Evolutionsbiologie (Phylogenese) arbeiten sich dann an der Wahrnehmungspsychologie entlang zur Kognition vor und enden schließlich in der Beschreibung kultureller und sozialer Phänomene. Damit konstruieren sie ein synthetisierendes-holistisches Weltbild, in dem Anfang und Ende zusammenfallen (Maturana / Varela 2010). Im ersten Kapitel formulieren die Autoren ihr Anliegen, das darin besteht, den Leser in seiner persönlichen Erfahrung zu verändern. Die Erkenntnisse des Buches wollen den Leser in seiner biologischen Struktur vollständig einbeziehen. Er muss sich persönlich angesprochen fühlen. Die Wahrnehmungsexperimente zur Gestaltpsychologie sollen einen ersten Schritt dorthin darstellen. Es ist eine Einladung zu einer Erkenntnisreise, deren Route durch eine beiliegende Lesekarte mit eingezeichneten Lesepfaden dargestellt wird und zu Anfang jedes Kapitels den nächsten Pfad markiert. Er fungiert gleichsam als Lesekompass des eigenen Verständnisprozesses, einer Art hermeneutischer Zirkel, der sich transdisziplinär-zirkulär um den Erkenntnishorizont des Lesers wie eine Spirale windet. Diese Karte enthält die Kernaphorismen, die lehrbuchdidaktisch aufgearbeitet sind. Die Autoren möchten auf diesem Wege eine Allianz mit dem Leser eingehen. Das Buch wird damit zum Co-Projekt mit einer didaktisch konstruierten Rezeptionsästhetik.159 Viele Bilder aus der Kunstgeschichte werden verwendet, um die Gedanken- und Argumentationswege zu visualisieren und sie zugleich in einen größeren kulturgeschichtlichen Kontext zu stellen. Es wird beispielsweise auf Hieronymos Bosch Die Dornenkrönung hingewiesen, auf Die zeichnenden Hände von M.C. Eschers und auf sein Werk Die Bildgalerie, sowie auf Giuseppe Arcimboldis Das Wasser und Juste de Justes Vernetzung. Eine Analyse des ersten Kapitels »Das Erkennen des Erkennens« soll diese intermediale Verflechtung von Text und Bild, Leser und Autor exemplarisch vorführen. Das Kapitel setzt mit der 159 Im Vorwort wird bereits auf die didaktische und populärwissenschaftliche Funktion des Buches hingewiesen, denn das Werk erschien in der Reihe der Programa de Communcación Transcultural de la Organización de Estados Américanos (OEA). INTERCIENCIAS AMÉRICAS 313 rezeptionsästhetischen Fokussierung des Lesers auf die Kreuzigung Jesu Christi ein, die in Boschs Die Dornenkrönung dargestellt ist. Die Buchseiten sind immer zweigeteilt, sodass Text und Bild nebeneinander stehen. Eine Detailaufnahme aus dem Bild wurde vergrößert und isoliert neben die diskursiven Beschreibungen eingebettet. Die Autoren konzentrieren den Blick des Lesers jedoch nicht auf den Gekreuzigten, sondern auf jene Figur, die zu seinen Knien, die Hände gefaltet mit einem ernsthaften Blick in Richtung des Gekreuzigten schaut. Diese Detailaufnahme soll dem Leser seine eigene Haltung verdeutlichen, seine eigene Lebenslage nahebringen. Denn der Blick des Mannes zu den Füßen Christi symbolisiere die Gewissheit (»la certiumbre«). Die Autoren beschreiben diese Haltung wie folgt: Wir neigen dazu, in einer Welt von Gewißheit, von unbestreitbarer Stichhaltigkeit der Wahrnehmung zu leben, in der unsere Überzeugungen beweisen, daß die Dinge nur so sind, wie wir sie sehen. Was uns gewiß erscheint, kann keine Alternative haben. In unserem Alltag, unter unseren kulturellen Bedingungen, ist dies die übliche Art, Mensch zu sein. Nun, dieses ganze Buch kann als eine Aufforderung gesehen werden, unsere Gewohnheit aufzugeben, der Versuchung der Gewißheit zu erliegen. (ebd., 19) In einer emphatischen klimatischen Anapher verdeutlichen die Autoren ihre eigene und die Einstellung des Lesers zu der sie umgebenden soziokulturen Umwelt, in der sie ihr Menschsein ausleben, in der sie sind, wer sie sind. Dennoch sei es zum Verständnis des Buches von Nöten, diese Gewissheit zu suspendieren. Wolle man in ein kommunikatives Verhältnis mit den Autoren treten, so müsse man eben beim Lesen lernen, wie man hinter die Entstehungsprozesse der Gewissheit kommt. Und weil dies eben ein Effekt des Erkenntnisprozesses sei, müsse man beim Lesen die Formen dieses Prozesses schrittweise inkorporieren, das heißt, beim Lesen dieses Buches neue Erfahrungen und Sinneseindrücke erlernen. Nur auf eine sehr persönliche Art und Weise könne man die Erfahrung der Erkenntnis erleben. Damit leiten die Autoren zu den ›Überraschungen des Auges‹ über, um dem Leser nun mittels Experimenten aus der Wahrnehmungspsychologie visuelle Täuschungen vorzuführen, auf denen das Urteilsvermögen beruhe und oft zu Fehlurteilen über die wahrgenommene Außenwelt führe. Indem sie den Leser selbst zum Experimentator werden lassen, destruieren sie Schritt für Schritt die Illusionen der menschlichen Wahrnehmung, die zur Doxa führen könnte. Wissenschaftshistorische Anmerkungen werden zwar erwähnt, allerdings bleiben sie eher dezent im Hintergrund des Textgeschehens. Die Autoren lenken das Interesse und die Aufmerksamkeit ihrer Leser weit mehr durch lektorale Experimentalvorrichtungen. So findet der Leser seinen Einstieg in die Gedankengänge STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 314 der beiden Konstruktivisten, die in den ersten Zeilen ihrer Theorie der Erkenntnis und des Handelns bereits einen ethischen Imperativ formulieren: »Aber wenn wir näher untersuchen, wie wir dazu kommen, diese Welt zu erkennen, werden wir immer wieder finden, daß wir die Geschichte unserer biologischen und sozialen Handlungen von dem, wie uns die Welt erscheint, nicht trennen können« (ebd., 28). Der ›Skandal‹ bestehe darin, dass man das Erkennen nicht erkennen könne, weil man in der Selbstreflexion zugleich Objekt und Subjekt dieses Prozesses sei. Um dies zu verdeutlichen referieren beide Autoren auf Eschers sich selbst zeichnende Hände und die Spiegelmetaphorik (ebd., 30). Der Skandal hat natürlich auch einen politischen Impetus, denn ein »Erkennen des Erkennens« habe unweigerlich eine Revision und Neubewertung der Handlungen zu Folge. Beide Autoren münden nun in einer Homophonie eines ersten aphoristisch pointierten Satzes, der sowohl im Text als auch in der rechten Ecke der Buchseite als vom Text abgehobener, umrahmter Lehrsatz, der in einer Sprechblase von zwei Comicfiguren – Maturana und Varela – dargestellt wird: Diese Zirkularität, diese Verkettung von Handlung und Erfahrung, diese Untrennbarkeit einer bestimmten Art, wie die Welt uns erscheint, sagt uns, daß jeder Akt des Erkennens eine Welt hervorbringt. Diese Eigenschaft des Erkennens wird unausweichlich zugleich unser Problem, unser Ausgangspunkt und der Leitfaden für unsere Erörterungen auf den folgenden Seiten sein. Dies alles kann in dem Aphorismus zusammengefasst werden: Jedes Tun ist Erkennen, un jedes Erkennen ist Tun. (ebd., 31) Maturanas und Varelas Buch verweist daher in seiner Machart auf sich selbst als zirkuläres Netzwerk des Wissens und der Wissenschaften, in deren Zentrum die Sprache selbst steht: »Alles Gesagte ist von jemandem gesagt« (»Todo lo dicho es dicho por alguien«). Mit diesen zwei Aphorismen wird der Leser in das transdisziplinäre Leselabyrinth entlassen, um sich in der Reflexion seines Denkens und Handelns zu üben. Damit lösen Maturana und Valera die Forderung ein, das Publikum selbst aktiv am wissenschaftlichen Geschehen teilhaben zu lassen, oder ihm zumindest das Gefühl zu geben, wie wissenschaftliches Forschen funktioniert. In diesem speziellen politischen Kontext ist das wissenschaftliche Denken selbst ein Instrument der Ideologiekritik, sowohl auf der Ebene der Doxa seiner Leser als auch auf der politischen Ebene der Regierenden, die für ihr Handeln zur Verantwortung gezogen werden müssen. So heißt es schließlich: »Denn jede Reflexion bringt eine Welt hervor und ist als solche menschliches Tun eines einzelnen an einem besonderen Ort« (ebd., 32). Diese spanische Wendung »traer un mundo a lo mano«, also eine eigene Welt hervorbringen, die im Spanischen das semantische Spiel zulässt, INTERCIENCIAS AMÉRICAS 315 mit seinem eigenen Denken und Handeln eine Welt für sich zu erschaffen, sie auf den eigenen Händen zu tragen und zugleich mit den eigenen Händen hervorzubringen (»traer a lo mano«). Dieser affirmative Selbstbezug soll die individuelle Eigenverantwortlichkeit für die Handlungen wieder einfordern. Hierzu muss jedoch noch eine letzte Hürde vor dem ersten Lesepfad genommen werden: Der Leser muss über die wissenschaftliche Vorgehensweise selbst aufgeklärt werden (ebd., 33f.). Daher versuchen die Autoren, die wissenschaftlichen Erklärungen von den magischen zu trennen und vier Kriterien für wissenschaftliches Forschen zu etablieren, um die Leser für die Arbeit des Wissenschaftlers zu sensibilisieren, und zwar so, dass diese Kriterien auch zur Überprüfbarkeit des eigenen Alltagswissens herangezogen werden können: »Unsere Situation ist genau dieselbe. Der Leser und wir, die Autoren, sind zu Beobachtern geworden, die Beschreibungen anfertigen« (ebd., 35). Die horizontale Expertenkommunikation wird damit zur vertikalen zwischen Experten und Laien, Autoren und Lesern. Die erste Person Plural signalisiert den ständigen wechselseitigen Austausch zwischen beiden Akteuren einer gleichgestellten Kommunikation, an deren Abschluss der Leser nach der Lektüre an den Anfang zurückkehren kann, um die angebotenen wissenschaftlichen Erklärungen noch einmal zu überprüfen (ebd., 36). Hier wird besonders deutlich, dass der Leser nicht überredet, sondern überzeugt werden will, und zwar in Form von einer »Einladung« zu einer ›Lesereise‹, die – wenn der Leser sich denn darauf einlässt – zu einer neuen Selbsterfahrung führen soll. Der ethische Imperativ aus Biology of Cognition wird sowohl für den Laien als auch für den Wissenschaftler bindend: »Wir, die wir diese Dinge als Wissenschaftler sagen, sind in keiner anderen Position. Entweder erzeugen wir durch das, was wir sagen und tun, einen sprachlichen Bereich (sozialen Bereich), in dem unsere Identität als Wissenschaftler erhalten wird, oder wir verschwinden als solche. Jede Struktur verpflichtet« (ebd., 253). So schließt das Buch nicht nur mit einer ethischen, sondern auch einer religiösen Rückbesinnung auf den Beginn der Lesereise. Die intertextuelle Referenz auf das biblische Motiv von Adam und Eva am Baum der Erkenntnis rekurriert auf den Titel des Buches selbst und damit auch auf seine zirkuläre Argumentationsstruktur (ebd., 263). Die argumentative Methode der Ent- und Rekontextualisierung von Zitaten aus dem kulturellen Archiv des Abendlandes und der damit einhergehenden Einschreibung der chilenischen Neurophilosophie in das abendländische Meta- Narrativ vom Ursprung der Erkenntnis kann ebenso als Kennzeichen des populären Stils der Hyperkonnektivität gedeutet werden. Auf diese Weise entsteht nicht eine Reskription des abendländischen Narrativs, sondern eine Transkription seiner zukünftigen Lektüren, die nun von Lateinamerika aus neu geschrieben wird. Humberto Maturana und Francisco Varela sind Wissenschaftler, die sich zu Autoren emporschreiben und STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 316 dabei sowohl popularisieren als auch kritisieren im Modus des Zweifelns, denn »das Leben ist ein Geschäft, das keine Aufzeichnungen über seine Ursprünge bewahrt. Alles, was wir tun können, ist, Erklärungen zu erzeugen – durch die Sprache –, die den Mechanismus der Hervorbringung einer Welt enthüllen. Indem wir existieren, erzeugen wir kognitive ›blinde Flecken‹, die nur beseitig werden können, indem wir neue blinde Flecken in anderen Bereichen erzeugen« (ebd., 260). Diese Geste der Zurückhaltung gegenüber der evolutionsbiologischen Theoriebildung und der spekulativen Kraft ihrer epischen Erzählungen ist ein entscheidendes Merkmal, das trotz der holistisch-konstruktivistischen Weltanschauung, die bloß ein Angebot ist und sich nicht als Orthodoxie aufspielen will, das chilenische Popular Science Writing vom angloamerikanischen transdisziplinären Schreibstil, wie beispielsweise in der hier noch zu untersuchenden Disziplin der »Sociobiology« und der »Evolutionary Psychology«, grundlegend unterscheidet. Die Konstruktion einer allumfassenden wissenschaftlichen Weltanschauung, die einen Bogen um verschiedene Disziplinen spannt, muss also nicht per se unter Ideologieverdacht gestellt werden. Der Wille zum Synthetisieren von Wissen kann – wenn er einen hohen Grad an Selbstreflexivität enthält – sowohl präventiv auf die Doxologie seiner Leser als auch seine eigene wirken, damit die Heterodoxie, die bereits durch die doppelte Autorschaft dem Text implementiert ist, dem Allodoxia-Effekt entgegenwirken kann. Das ist das Charakteristikum eines Popular Science Writing, das seine Aufgabe des Popularisierens als Demokratisierung des Wissens erfüllt hat. 6. Der transareale Blick auf ein transnationales Feld Der historische Vergleich zeigt, dass die Geschichte der Popularisierung der Naturwissenschaften synchron zu einer Ausdifferenzierung der Felder kultureller Massenproduktion verläuft, die mit der Technikgeschichte der Medien konvergiert. Die erste Phase beschleunigter Globalisierung des populärwissenschaftlichen Feldes beginnt mit der Vulgarisierung des Lateinischen als Wissenschaftssprache in die einzelnen Nationalsprachen. Daher werden meist Newton und auch Galileo als erste Popularisierer der Naturwissenschaften bezeichnet. Parallel hierzu verläuft auf den Schaubühnen eine Popularisierung des Experiments. Das Theater wird zum Schauplatz einer öffentlichen Wissenschaft, das Experiment wird zum Showevent mit Unterhaltungswert im Wanderzirkus und auf Jahrmärkten, die bis zum Ende des 19. DER TRANSAREALE BLICK AUF EIN TRANSNATIONALES FELD 317 Jahrhunderts anhalten sollten. Die zweite Phase wird durch die Expansion und die, wenn auch zu Beginn nur schleppende, Internationalisierung des Pressewesens und des Buchmarktes beschleunigt. Die Spezialisierung der Disziplinen verlangt sowohl nach einer Ausdifferenzierung des intra- und extra-wissenschaftlichen Zeitschriftenmarktes als auch nach einer Didaktisierung von Forschung. Das Lehrbuch (textbook) bildete sich heraus. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts bewegt sich noch alles im Rahmen des gedruckten Wortes, der Printmedien. Erst mit dem Radio und dem Kinematograph werden auch die anderen Sinne der Rezipienten mit der Wissens- und Wissenschaftspopularisierung konfrontiert. Schließlich wurde mit dem Fernseher auch der private Haushalt nicht nur mit den Stimmen der Wissenschaftler vernetzt, sondern mit den Bildern der Wissenschaft. Die fünfte Phase beschleunigter Popularisierung setzt schließlich mit dem Internet Ende der 1990er Jahre ein. Durch die Interaktivität, hohe Konnektivität und die Schnelligkeit dieses letzten Mediums gelangt die Popularisierung und Demokratisierung des Wissens und der Wissenschaften zu ihrem vorläufigen Höhepunkt als transareales Projekt einer öffentlichen Wissenschaft. Die historische Genese des populärwissenschaftlichen Feldes bestätigt Johannes Ullmaiers These, die er in Anlehnung an Bourdieus Feldtheorie festgehalten hat, dass die komplexe »Popzone« sich quer über alle Felder des sozialen Raums ausdehnt, was zu einer Verschiebung von einzelnen Subfeldern je nach der Brechungsstärke feldexterner Bedingungen führt. Dadurch werde gleichzeitig die Entstehung neuer autonomer Felder begünstigt (Ullmaier 2005, 228). Anhand der unterschiedlichen transarealen Dynamiken des jeweiligen nationalen Feldes kann man beobachten, wie Friktionen zwischen dem akademischen Feld, dem Feld der Verleger und dem journalistischen Feld dazu geführt haben, dass sich nicht ein relativ autonomes populärwissenschaftliches Feld neben allen anderen sozialen Feldern herauskristallisiert hat, sondern ein Subfeld erweiterter Produktion des akademischen Feldes, das man analog zu Nina Zahners Modell des künstlerischen Subfeldes der erweiterten Produktion (Pop Art) konstruieren kann (Abb. 1). Wirft man einen Blick auf die internationale Übersicht der Akteure im 19. Jahrhundert, so wird schnell ersichtlich, dass die Vereinigten Staaten fast keine akademischen Popularisierer der naturwissenschaftlichen Disziplinen verzeichnen, da sich das wissenschaftlich-akademische Feld erst noch etablierte. Thomas Huxley und Herbert Spencer dominieren das transareale Feld zwischen England und den USA. Lediglich William James nimmt seine Funktion als Popularisierer war, indem er in beiden Feldern zum Mitspieler wird. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beginnt sich das Feld allmählich mit Akteuren aus dem autonomen Pol (dem akademischen Feld) zu füllen, die aber gleichzeitig popularisieren, um zu promoten, STRUKTUR UND GENESE DES POPULÄRWISSENSCHAFTLICHEN FELDES 318 und nicht um Wissenschaft verständlich zu machen. Der wirtschaftliche Nutzen von Wissenschaft und Technik steht ganz klar im Vordergrund. Das neoliberalistische Weltbild, den Wohlstand durch finanzielle Unterstützung der Natural Sciences und der angewandten Forschung zu steigern, ist jedoch nicht einfach nur Produkt dieser Akteure, vielmehr sind sie selbst Produkte dieser Weltanschauung, die sich durch ihre Popularisierungsstrategien reproduziert. Ihre Doxa, im Sinne eines falschen Bewusstseins, ist mit ihrer wissenschaftlichen Orthodoxie verschmolzen, sodass letztere wiederum durch die medialen Kommunikationskanäle zur nationalen Projektion von der einzig wahren Wissenschaft wird. Der Verlust der Autonomie des eigenen Feldes wurde mit den Strategien der Wissenschaftspopularisierung kompensiert, indem eine Form von Wissenschaftlichkeit popularisiert wird, die den Verlust der Autonomie oder besser gesagt die Form der Hybridisierung des Homo academicus kaschiert, der sich nun als »Homo academicus oeconomicus« zu erkennen gibt (Peter 2010, 215). Die Popularisierer der neuen Lebenswissenschaften, allen voran die Nobelpreisträger der Molekulargenetik, stellen hier keine Ausnahme dar, vielmehr zeigt sich in ihrem Gestus des verantwortungsbewussten Naturwissenschaftler-Intellektuellen, dass Wissen über Leben aus naturwissenschaftlicher Perspektive ein Leben mit Wissen ermöglicht, das entscheidend ist, um das Überleben als solches zu sichern. Hören wir uns an, was diese akademischen Popularisierer zu sagen haben, und achten wir auf den Wechsel der Masken, hinter denen sich Autorfiguren verstecken, die sich als Erlöser und Befreier tarnen! DER TRANSAREALE BLICK AUF EIN TRANSNATIONALES FELD 319 A kk u m u la tio n S S K O ri e n tie ru n g a n d e r n a tu rw is se n sc h a ft lic h e n T ra d iti o n ( P h ys ik a ls P a ra d ig m a ) A u to n o m ie , O b je kt iv itä t, V a lid itä t a ls h ö ch st e W e rt e T re n n u n g v o n M e ta u n d O b je kt sp ra ch e ( D is ta n z zu r A llt a g ss p ra ch e ) K ri te ri e n z u r B e u rt e ilu n g v o n W is se n sc h a ft lic h ke it (v g l. W e rt e ) h o h e s K a p ita lv o lu m e n ( K K ) a ls V o ra u ss e tz u n g d e r R e ze p tio n la n g fr is tig e E rf o lg sz yk le n , d a K a p ita l f ü r R e ze p tio n n o ch e rw o rb e n w e rd e n m u ss S u b fe ld d e r e in g e s c h rä n k te n P ro d u k ti o n S u b fe ld d e r e rw e it e rt e n P ro d u k ti o n S u b fe ld d e r M a s s e n p ro d u k ti o n A U T O N + K K + Ö K - S S K + A U T O N - K K + /- Ö K + S S K + A U T O N - K K - Ö K + S S K - A kk u m u la tio n S S K u n d Ö K O ri e n tie ru n g a m ö ko n o m is ch e n G e w in n u n d d e r T ra d iti o n D e m o kr a tis ie ru n g d e s W is se n s a ls h ö ch st e r W e rt Ö ff e n tli ch e r W is se n sc h a ft Ü b e rs e tz u n g d e s S ci e n tif ic K n o w le d g e in A llt a g ss p ra ch e V e rs tä n d lic h ke it a ls z e n tr a le s K ri te ri u m z u r B e u rt e ilu n g u n te rs ch ie d lic h e R e ze p tio n , d a a b h ä n g ig v o m K a p ita lv o lu m e n sc h n e lle r E rf o lg u n d m a ss iv e W e rt st e ig e ru n g im Z u g e d e r A kk u m u la tio n v o n S S K A kk u m u la tio n Ö K O ri e n tie ru n g a m ö ko n o m is ch e n G e w in n ko m m e rz ie lle r E rf o lg a ls h ö ch st e r W e rt m a ss e n p ro d u zi e rt e s W e rk G e sc h m a ck u n d E rw a rt u n g e n d e s b re ite n P u b lik u m s In h a lt a ls z e n tr a le s K ri te ri u m z u r B e u rt e ilu n g d e r W e rk e R e ze p tio n u n a b h ä n g ig v o m K a p ita lv o lu m e n so fo rt ig e r, a b e r te m p o rä re r E rf o lg , d a k e in K a p ita l z u r R e ze p tio n n o tw e n d ig P o p u lä rw is s e n s c h a ft a ls S u b fe ld e rw e it e rt e r a k a d e m is c h e r W is s e n s p ro d u k ti o n P o p u lä rw is s e n s c h a ft a ls S u b fe ld e rw e it e rt e r a k a d e m is c h e r W is s e n s p ro d u k ti o n A bb ild un g 1: D as S ub fe ld d er e rw ei te rt en P ro du kt io n (n ac h Z ah ne r 20 10 , 2 81 ) TEIL III DAS POPULÄRWISSENSCHAFTLICHE FELD DER ›LIFE SCIENCES‹ Ein kritischer Streifzug 323 Atlantis 1859–1995: Imperium Was der Homo academicus tut, wird nicht von den Erfordernissen des wissenschaftlichen Diskurses bestimmt, sondern von den ubiquitären Zwängen sozialer Macht. Peter 2010, 210 Words are our servants, not our masters. Dawkins 1986, 1 »When I use a word,« Humpty Dumpty said, in a rather a scornful tone, »it means just what I choose it to mean – neither more nor less.« »The question is,« said Alice, »whether you can make words mean so many different things.« »The question is,« said Humpty Dumpty, »which is to be master that’s all.« Carroll 2000, 188 Symbolische Macht ist die Macht, Dinge mit Wörtern zu schaffen. Bourdieu 1985, 153 In dem Archipel Bensalem, der utopischen Wissensgesellschaft, brechen die unterschiedlichen Wissensarbeiter, die pioneers, lamps, compilers und inoculators aus ihren isolierten Laborwelten aus und setzen die Masken der benefactors and interpreters of nature and science auf, die naturwissenschaftliches Wissen konsumierbar machen, indem sie es wohlproportioniert in die Flussläufe der kulturellen Massenproduktion einschleusen. Ihre Texte werden zu Trägern wissenschaftlichen Kapitals, das sich über den Weg der Rezeption in moralisches Kapital und intellektuelles Prestige transformiert. Als Vektoren des Esoterischen werden sie gleichzeitig zu Faktoren exoterischer Wissenschaftskommunikation, die nach ihren eigenen Richtlinien definieren, wie dieses Wissen kommuniziert werden soll. Einige von ihnen werden sogar zu Diskursivitätsbegründern, wie ihre Schüler behaupten. Beginnen wir zunächst mit der Disziplingenese ihrer Wissenschaft, der Biologie, rekonstruieren wir die evolutionsbiologische Orthodoxie des französischen und angloamerikanischen Feldes und lernen wir zu verstehen, warum es wichtig ist, den popularisierenden Homo academicus der Lebenswissenschaften ernst zu nehmen, denn nun spricht er mit der symbolischen Sprechgewalt einer akademischen Institution. 324 1. Die Wissenschaft vom Leben: Von der Biologie als Experimentalwissenschaft Die Disziplingenese der Biologie im 20. Jahrhundert ist nicht nur durch einen experimental turn hin zu einer experimentellen Naturwissenschaft charakterisiert, die die Physik als methodologisches Paradigma übernimmt und sich von der natural history des 18. und 19. Jahrhunderts ablöst, sondern auch durch einen linguistic turn, der sich durch die Suche nach einer eigenen Fachsprache in den sich neu herauskristallisierenden Subdisziplinen ausdrückt.1 Der Begriff der Biologie als solcher trat jedoch bereits im 17. Jahrhundert auf. Dort wurde er als Überschrift einer Leichenpredigt verwendet, die im Untertitel vom »schnellfliegenden menschlichen Leben« sprach (Kanz 2002, 11). Obwohl man im 18. Jahrhundert Biologie und Biographie synonym verwendete, wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts durch Lamarck und Treviranus die Biologie als die ›Lehre vom Leben‹ eingeführt (ebd., 19). Als akademische Disziplin und Wissenschaft trat sie aber erst unter dem Begriff der ›Naturgeschichte‹ in das universitäre Curriculum ein, die sich schließlich in unterschiedliche Fachgebiete und Subdisziplinen während des 19. Jahrhunderts auffächerte. Eine institutionelle Verankerung des Begriffs der Biologie als Disziplin- und Wissenschaftsbezeichnung wurde erst spät gegen Ende des 19. Jahrhunderts international etabliert.2 Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind unterschiedliche Begriffsverwendungen konstatiert worden. Den Beginn der eigentlichen Disziplingenese der Biologie als Lebenswissenschaft – befolgt man die soziologischen Prozesse dieser Genese – kann man daher 1 Siehe hierzu Keller (2002). Im langen 19. Jahrhundert wurde vor allem die Trennung von Lebendigem und Nicht-Lebendigem zum entscheidenden Katalysator einer wichtigen Fragestellung, wie man nämlich auf künstliche Art und Weise Leben reproduzieren könnte, kurz, es ging um die Frage, wie aus toter, anorganischer Materie lebendige organische Materie emergieren könnte. Die künstliche Herstellung von Leben auf der Erde wurde so bereits 1911 von Jacques Loeb gestellt und unter dem Begriff der »plasmagony« verhandelt (ebd., 19). Der Ort der Debatte war die semi-populäre Presse (ebd., 20). Im Scientific American schrieb Benjamin C. Gruneberg einen Artikel mit dem Titel The creation of Artificial Life. 2 Kanz betont, dass in Frankreich bereits Comte von einer »science biologique« gesprochen hatte, wobei sich die Société de Biologie erst 1849 gegründet hatte, während in Deutschland erst 1913 das Kaiser-Wilhelm-Institut für Biologie seine Toren für die akademische Elite öffnete. Herbert Spencers Principles of Biology wurde 1863 veröffentlicht (ebd., 23). Dennoch sprach man im angloamerikanischen Raum weniger von Biology als vielmehr von Natural History. DIE WISSENSCHAFT VOM LEBEN 325 erst ab der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verorten.3 Inmitten dieser genealogischen Prozesse, die die Biologie als Bio- bzw. Lebenswissenschaft disziplinieren sollten, erwuchs der Kampf um das Forschungsparadigma dieser so jungen Disziplin, die sich von der Naturgeschichte als theoretisch-methodologischen Überbau trennen sollte, weil sie gerade durch Prozesse der Lehrbuchproduktion in die Orthodoxie des theoretischen Gebäudes aufgenommen wurde. Die Evolutionstheorie stand au- ßer Frage, während man sich immer mehr an den experimentellen Vorgaben der Physik orientierte. Darwins Erbe permutierte zum Dogma, an das man einfach glauben musste, denn überprüfbar nach dem Maßstäben experimenteller, kontrollierter Forschung war sie nicht. Naturgeschichte wurde zur Geschichte der Natur . Aus dem Klassifikationsmedium lebender Formen wurden erzählbare Natur- und Tiergeschichten.4 Die Biologin und Wissenschaftshistorikerin Vassiliki Betty Smocovitis beschreibt diesen Prozess in ihrer Monographie Unifying Biology . The Evolutionary Synthesis and Evolutionary Biology (1996) aus der Perspektive einer Involvierten und stellt fest, dass diese Genese als eine Geschichte erzählt werden muss, die sich eines Methoden-Patchworks der Humanities zwischen Kulturgeschichte, literarischer Theorie und den Science and Technology Studies bedienen muss, um von der Konstruktion eines Insiders zu einer distanzierten Außenperspektive zu gelangen 3 Kanz hält fest, dass der Begriff der Biologie denjenigen der Naturgeschichte / Natural History nicht abgelöst habe. Botanik, Zoologie und Mineralogie seien Subdisziplinen der Naturgeschichte, nicht der Biologie gewesen, was zum einen dadurch bedingt gewesen sei, dass viele Fragestellungen der Wissenschaft von lebendigen Erscheinungen in den Teilbereich der Physiologie fielen und damit der Medizin angehörten (ebd., 24). Andererseits sei die rigide Fakultätshierarchie verantwortlich dafür gewesen, dass sich der Begriff als Disziplinbezeichnung durchsetzen konnte. 4 Die Nicht-Falsifizierbarkeit der Evolutionshypothese ist dadurch bedingt, dass sie eine »historische Hypothese« sei, die sich auf ein »singuläres Ereignis« bezieht und daher nicht reproduziert werden kann (Zachos 2002, 174). Aus diesem Grund habe Karl Popper die historische Selektionstheorie Darwins als »metaphysisches Forschungsprogramm« beschrieben (ebd., 182). Gleichzeitig sei die Theorie nicht in der Lage, Voraussagen über die Zukunft zu treffen. Im Gegensatz zu den sich nicht verändernden Gesetzen der Physik bestehe gerade ihre Gesetzmäßgikeit darin, sich nicht nach vorgeschriebenen Gesetzen zu verhalten, denn der Zufall ist die wesentliche Triebfeder der natürlichen Selektion. Zachos hält ausdrücklich fest, dass die Physik ein ›wissenschaftshistorischer Idealfall‹ sei, an dem sich die Wissenschaftstheorie hauptsächlich orientiere. Dadurch jedoch permutiere der »Standard der Physik zum allgemeinen Maßstab für alle Wissenschaften«, gerade weil sie es mit unhistorischen Objekten zu tun habe (ebd., 190f.). DAS POPULÄRWISSENSCHAFTLICHE FELD DER ›LIFE SCIENCES‹ 326 (Smocovitis 1996, 6).5 Ihre Rekonstruktion lässt sich wie folgt nacherzählen: Das Synthetisierungsbegehren der alten Schule (Darwin, Wallace, T. Huxley, J. Huxley) vereinigte alle Subdisziplinen der Biologie unter dem gemeinsamen Banner der Evolutionstheorie. Seit Charles Darwin habe die Biologie damit begonnen, sich als eigenständiges Wissenschaftssystem wahrzunehmen, dass nicht nur Methoden der Chemie und Physik in sich vereinigte, sondern sich gleichzeitig von diesen zu unterscheiden begann, um ihre eigene soziale Identität als wissenschaftliche Disziplin zu etablieren. Daher drängte sie im 20. Jahrhundert zu einer Reformulierung der alten Evolutionstheorie unter den neuen Gesichtspunkten der Genetik. Smocovitis beschreibt dieses Stadium als Selbstreferentialisierungs- und Modernisierungsphase in den 1930 und 1940er der Zwischenkriegsjahre in England (ebd., 20). Ein Indikator für diese Annahme sei die Vielzahl an veröffentlichten Lehrbüchern (»textbooks«) zu diesem Themenschwerpunkt: 1937 Genetics and the Origin of Species von Theodosius Dobzhansky, 1939 Evolution of Genetic Systems von C. D. Darlington, 1940 The New Systematics herausgegeben von Julian Huxley, 1942 Systematics and the Origin of Species des Harvard-Biologen und Naturalisten Ernst Mayr, 1944 Tempo and Mode in Evolution von G. G. Simpson, 1945 Animal Cytology and Evolution von M. J. D. White, 1947 Neuere Probleme der Abstammungslehre des deutschen Biologen Bernhard Rensch, 1949 Genetics, Paleonotology and Evolution herausgegeben von Glenn L. Jepsen, Ernst 5 Sie erzählt als eine Akteurin innerhalb des Feldes, in dem sie sich selbst wissenschaftlich bewegt und jeweils zu den anderen Wissenschaftlern positioniert: (ebd., 7). Die Rechtfertigung ihres Schreibstils und die selbstreflexive Bezugnahme auf den eigenen Schreibprozess fokussieren auf den Wissenschaftler als Erzählinstanz in diesem Narrativierungsbestreben, das zyklische und genealogische Muster verwendet (ebd., 11). Damit signalisiert sie gleichzeitig, dass gerade die New-Synthesis-Phase ein bewusster historischer Abschließungsprozess der Biologie gewesen war, und jede Forschungsarbeit über diesen Abschlie- ßungsprozess selbst wiederum eine Art von Meta-History erzeugt. Aus ihrer Erzählperspektive seien die biologischen Subdisziplinen vereinigt worden (ebd., 99). Interessanterweise versucht sich die Autorin hier von einer Art von »pop psychology« zu distanzieren, die man womöglich auch einigen potentiellen Autoren des von ihr untersuchtem Textkorpus unterstellen könnte. Ihren eigenen Stil, wie den der Autoren, beschreibt sie hingegen als humanistisch, ästhetisch, emotional. Allein der Fußnotentext, Kennzeichen des gelehrten und wissenschaftlichen Textes, als auch die Bibliographie sollen dem Leser die Möglichkeit lassen, zwischen verschiedenen Lesarten auszuwählen (ebd., 13). Angepriesen und vermarket wird jedoch nur die Orthodoxie des Hauptextes. DIE WISSENSCHAFT VOM LEBEN 327 Mayr, G. G. Simpson und 1950 Variation and Evolution in Plants von G. Ledyard Stebbins, Jr.6 In dieser Phase der Emergenz eines neuen Akteursnetzwerks seien die Society for the Study of Evolution (SSE) und das Journal Evolution gegründet worden (ebd., 22).7 Dabei seien unterschiedliche Forschungspositionen innerhalb dieses Feldes verteidigt worden: Dobzhansky gehöre zur mathematisch-theoretischen Populationsgenetik an, zusammen mit Haldane, Fisher und Wright (1. Fraktion). Den theoretischen Gegenpol bilde Ernst Mayr als systematischer, klassischer Naturalist. Zwischen dem Denkkollektiv der Populationsgenetiker und dem Natuaralisten habe sich ein Streit entwickelt, welche theoretische Vorgehensweise für die Entwicklung in der Biologie am wichtigsten sei: »Mayr stated pointedly that geneticists had erroneously credited themselves for single-handedly contributing to the populational thinking that made possible the synthetic theory of evolution« (ebd., 25). Mit Ernst Mayr habe schließlich die Phase der Historisierung der eigenen Disziplin durch die Publikation von Autobiographien wichtiger Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts als auch die Darstellung der Entwicklung einzelner Subdisziplinen wie der Genetik eingesetzt, wie zum Beispiel Elof Axel Carlsons The Gene: A critical history von 1966. Es entstand eine eigene epistemologische Subdisziplin mit einem eigenen Journal initiiert durch Ernst Mayr im akademischen Feld Harvards (Journal of the History of Biology Uni Press Harvard). Damit begann schließlich auch die große wissenschaftliche und populärwissenschaftliche »Darwin Industry« (ebd., 27). Das erste große historische Werk über die Prozesse der theoretischen Schulbildung in der Biologie wurde 1971 von William Provine (Schüler von Richard C. Lewontin an der University of Chicago) unter dem Titel The Origins of Theoretical Population publiziert. Die Darstellung der New Synthesis wurde durch die 6 Diese Flut an Lehrbüchern ist eine wirkungsästhetische Antwort auf Dobzhanskys Genetics and the Origin of Species, denn obwohl viel über die experimentelle Methoden der Genetik und die Funktionsweise von Genen gesprochen wird, bleibt die Frage nach der Origin of the Species unbeantwortet. Das empfanden viele Kollegen, vor allem aber Naturalisten wie Ernst Mayr, als theoretisch sehr unbefriedigend, wie Smocovitis anmerkt (ebd., 134f.). Dennoch war es gerade diese Publikationsreihe, entstanden in einem gegenseitigen Austausch von professionals auf ihrem jeweiligen Gebiet, die die biologischen Subdisziplinen fusionierte (ebd., 138). 7 Kurz nach dem zweiten Weltkrieg wurde auch eine neue Division des National Research Councils ins Leben gerufen, die Division of Biology and Agriculture (ABIS), die ihm Jahre 1947 als eine große Vereinigung mehrerer biologischer Gesellschaften unter dem Banner einer »unified science« zustande kam (ebd., 149), die durch die Promotion der »evolutionary biology« erst ermöglicht wurde (ebd., 150). DAS POPULÄRWISSENSCHAFTLICHE FELD DER ›LIFE SCIENCES‹ 328 Vormachtstellung der mathematischen Modelle aus der Sicht der Genetiker in Angriff genommen. Die Hauptakteure, J.B.S. Haldane, Ronald Fisher und Sewall Wright, in der experimentellen Forschung fungierten hierbei als Initiatoren dieser Bewegung. Diese Akteure trieben die Entwicklung mathematischer Berechnungen für unterschiedliche Parameter der natürlichen Selektion voran (ebd., 28). Ziel war es, mittels statistischer Berechnungen die Selektion quantifizierbar und damit objektiv messbar zu machen. Mayr kritisiert die einseitige Darstellung der historischen Entwicklung und versucht in seiner eigenen Vorlesung von 1959 unter dem Titel Where are we? seinen Studenten klar zu machen, dass die Geschichte der Biologie von der Genetik überschattet werde (ebd., 29). Damit lässt sich bereits innerhalb der Disziplin ein Konkurrenzkampf um die theoretische und damit symbolische Benennungsmacht im akademischen Feld der Biologen ausmachen, der dazu führte, dass die Texte der einzelnen Akteure mehr waren als bloß didaktische, synthetisierende Lehrbücher: Sie wurden als wissenschaftspolitische Statements rezipiert. So versuchte Mayr in den folgenden Jahren mit der finanziellen Unterstützung von größeren Organisationen wie der American Academy of Arts and Sciences durch die Veranstaltung von Workshops, Tagungen und Konferenzen, seine Schüler um sich zu scharen und einen theoretischen Gegenpol zu den Genetikern zu setzen. Es folgte ein Zusammenschluss vieler Akteure aus verschiedenen natur- und humanwissenschaftlichen Disziplinen wie der Philosophie und Geschichte, die alle historischen Daten zusammentrugen und auswerteten. Das gesamte historische Material der Biologie sollte gesichtet werden. Das war die Empirie Ernst Mayrs. Die Veröffentlichung der Ergebnisse erfolgte in der Tagungsmonographie The Evolutionary Synthesis: Perspectives on the Unification of Biology, die von der Harvard University Press unter Mitwirkung von Provine veröffentlicht wurde. Ausgeschlossene Mitglieder dieser Vereinigung waren Sewall Wright und C. H. Waddington, der mit seinem Werk Evolution of an Evolutionist von 1975 Stellung bezog. Auch der berühmte Harvard-Paläontologe Stephen Jay Gould, auf den wir noch im Kontext unserer Analysen von Richard Dawkins zu sprechen kommen werden, agiert als großer Kritiker der genzentrischen Biologen. Seiner Meinung nach habe die Synthesis-Bewegung aufgrund der Nichtbeachtung plötzlicher Punktmutationen stagniert; dabei referiert er natürlich auf seine eigene Forschung (ebd., 32). Die Debatten um die Makroevolution wurden mit der Veröffentlichung des Research Papers mit dem Titel Punctuated Equilibrium von Gould und seinem Ko-Autor neu entfacht und sowohl in Science als auch Nature unter dem Titel Evolutionary Theory under Fire als auch in der Newsweek unter Titeln wie Enigmas of Evolution einer breiten interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht und thematisiert. Damit entwicklte sich eine neue Phase der Kritik und Krise der Synthese-Bewegung DIE WISSENSCHAFT VOM LEBEN 329 (ebd., 34). Der Weg in die Öffentlichkeit wurde vor allem über die Zeitschrift Science vermittelt, was darauf zurückzuführen ist, dass Gould selbst als Mitglied der AAAS und Mitherausgeber der Science die Publikationsmacht besaß und auf diese Weise als gatekeeper seiner eigenen Artikel fungierte. Aus unterschiedlich politisch motivierten Richtungen und wissenschaftspolitischen Ideologien begannen sich die Themen zu überschlagen (ebd., 36). Wissenschaftler im akademischen Feld der Biologie permutierten zu Kontrahenten um die Definitionshoheit biologischer Theoriebildung. Theoriebildung permutierte zu einer Form der Ideologiebildung, damit sich eine orthodoxe Stellung herausbilden konnte, bei der es nicht zuletzt auch um den Kampf der Finanzierung von Forschungsvorhaben ging. Der Sog der Debatten war so stark, dass selbst Entwicklungen aus der Molekulargenetik in die synthetische Theorie Eingang fanden. Fragen zur Evolution auf molekularer Ebene wurden von den Naturalisten hingegen strikt abgelehnt (ebd., 37). Parallel hierzu entstand die Sociobiology, initiiert durch Zoologen wie Edward Wilson (Harvard) und Richard Dawkins (Oxford), ein transatlantisches Denkkollektiv unterschiedlicher Intellektueller zweier homogener akademischer Felder.8 Das Gegen-Kollektiv wurde von Stephen Jay Gould und Richard C. Lewontin repräsentiert (ebd., 38). Da die Entwicklung der Theorien und ihrer Master-Narrative zwischen zwei unterschiedlichen Räumen, dem akademischen Feld und einer interessierten fachfremden Öffentlichkeit in den Feldern der Massenproduktion (ebd., 38ff.) erfolgte, scheint es kaum zu verwundern, dass auch das schulische Curriculum und damit die Bildungsbehörden auf den Plan gerufen wurden. Die Historikerin beschreibt dies als ein »sociopolitical programm of action« (ebd., 38), das in den 1970er und 1980er Jahren zum »public courtroom drama« ausgebaut wurde (ebd., 39). Durch die Einschaltung der Kreationisten, religiös motivierte Evolutionsbiologen in die Deutungshoheit der Evolutionstheoretiker kam es nun zu einer Instrumentalisierung der Philosophen als epistemologische Überwachungsinstanz der eigenen biologischen Lehrbücher, Papers, Essays und Theorien, die schließlich zu dem Fazit kamen, dass die Theorie der Evolution ein »supratheoretical framework«, eine »hypertheory« oder »meta-theory« sei (ebd., 42). Die »Synthesis Industry« begann sich zwischen den Jahren 1974 bis 1987 abzuzeichnen (ebd., 44) und wird als ein Kampf ums Überleben der Naturalisten im Zeitalter 8 Ein weiterer wichtiger Akteur ist unter anderem der Evolutionsbiologe John Maynard Smith, der 1958 in seinem Vorwort zur Pelican Biology Series »The Theory of Evolution« anmerkt, dass die einzige vereinheitlichende Theorie in der Biologie Darwins Evolutionstheorie sei (ebd., 170). Smocovitis bezeichnet diese Akteure als »synthesizer« der nächsten Generation, die nach der Phase der Vereinigung dazu tendierten, auch die Sozial- und Humanwissenschaften unter die Herrschaft der Evolutionsbiologen zu bringen (ebd., 184). DAS POPULÄRWISSENSCHAFTLICHE FELD DER ›LIFE SCIENCES‹ 330 der Experimentalisierung der Biowissenschaften gekennzeichnet (ebd., 52). Diese Publikationsindustrie ging so weit, dass Akteure wie Ernst Mayr und auch Theodosius Dobzhansky die Biologie als Meta-Wissenschaft aller anderen Wissenschaften auswiesen und zwar aufgrund der Komplexität der »life sciences«, die wiederum die Komplexität des Lebens selbst widerspiegeln und daher über das physikalisch erfassbare hinauswiesen (ebd., 176f.). Dennoch sei eine begriffliche Korrektur einzuführen: Der Begriff der »synthetic theory« referiere auf den 1972 gehaltenen Workshop von Mayr und Provine in Harvard, während »modern synthesis« allein auf Julian Huxleys Monographie von 1942 zu amplifizieren sei (ebd., 54). Das betont auch der deutsche Wissenschaftshistoriker Thomas Junker, der sich mit ›Synthetischen Darwinismus‹ aus deutscher Perspektive auseinandersetzte (Junker 2004). Er datiert die programmatische Phase auf den Zeitraum von 1924 bis 1930, in der der 5 . Internationale Kongress für Vererbungswissenschaft in Berlin unter Erwin Baurs Präsidentschaft stattfand und dort erstmals die experimentellen Methoden zur Erforschung von Mutationen präsentiert worden waren. In der Latenzphase (1931-1937) entstanden zwar einzelne empirische Arbeiten zur Mutationstheorie und Populationsgenetik, doch keine umfassenden theoretischen Darstellungen. Erst in der Durchbruchphase (1938 / 1939) mit den Veröffentlichung der Werke des deutschen Botanikers Walter Zimmermann und des deutsch-russischen Genetikers Timofejew-Ressowski wurden die ersten synthetisierenden Werke in deutscher Sprache vorgelegt. In der Phase der Ausbreitung (1940-1950) war es vor allem das zusammenfassende Handbuch Evolution der Organismen, das eine deutsche Synthese-Bewegung begründete (ebd., 487ff.). Im Vergleich zu England oder den USA sei der Begriff der »Synthetischen Evolutionstheorie« wenig bekannt gewesen, was zum einen darauf zurückzuführen sei, dass Wissenschaftler aus dem Ausland während der NS-Diktatur nur wenig rezipiert worden waren und nur geringer internationaler Austausch zwischen diesen Wissenschaftsnationen bestand, zum anderen war zu dieser Zeit bereits ein anderer Begriff im Umlauf, derjenige der »naturwissenschaftlichen Synthese« zwischen Physik und Biologie (ebd., 43). Dennoch gab es auch in Deutschland während der Kriegsjahre eine wissenschaftliche Ausbildung der Evolutionstheorie, die vor allem von Akteuren wie Bernhard Rensch, Nikolai W. Timofeeff-Ressovsky, Hans Nachtsheim, Otto Heinrich Schindewolf, Alfred Barthelmeß und Walter Zimmermann initiiert worden war, wobei Bernhard Rensch mit seinem Werk Neuere Probleme der Abstammungslehre (1947), das erst nach dem Krieg in seiner vollständigen Kommentierung erscheinen konnte, da er sich dort explizit auf Huxley, Mayr und Simpson bezog, international am stärksten rezipiert worden war. Da sich bereits in den 1940er Jahren DIE WISSENSCHAFT VOM LEBEN 331 der negativ konnotierte und ideologisch vorbelastete Begriff des social darwinism auch in den deutschen Lexika durchsetzte, wurde zunehmend der Begriff der darwinistischen Evolutionstheorie oder des Darwinismus durch Synthese oder synthetische Evolutionstheorie ersetzt. Der Klang der Neutralität in der Namensgebung sollte die Evolutionsbiologen in Deutschland vor ihrem völligen Verschwinden bewahren. Daher erfüllte der Begriff an sich eine rein rhetorische Funktion, der mutmaßt, dass das, wovon dort gesprochen wird, selbst schon eine Synthese enthält. Er weist aber auch darauf hin, dass sich Provine dieser missglückten Namensgebung bewusst war und stattdessen von der »evolutionary construction« sprach (ebd., 58). Junker kritisiert Smocovitis Anmerkung, dass der historische Kern dieser Debatten kaum zu bestimmen sei. Junker meint, dass hier eben nicht nur die historische Eingrenzung notwendig sei, sondern eben auch die Kommentierung widersprechender Evolutionstheorien, die per definitionem aus dieser Theorie ausgeschlossen worden sind, wie Renschs lamarckistischer und Schindewolfs saltionistischer Syntheseversuch (ebd., 66). Aus diesem Grund spricht er von einem internationalen Denkkollektiv (russisch-englischamerikanisch-deutsch), das nur in der »historiographischen Projektion« in den nationalen Varianten existiere (ebd., 493f.). Entscheidend ist, dass die Natural History, die Naturgeschichte, die im 19. Jahrhundert als Disziplin anerkannt war und deren wirkmächtigste Theorie die Evolutionstheorie beinhaltete, in den Lehrbüchern des 20. Jahrhunderts zum historischen Kontextwissen wurde und damit immer mehr aus den Hauptkapiteln zur Methodologie verschwand, während andere Forschungsrichtungen, wie die Genetik, immer weiter in den Vordergrund rückten (Smocovitis, ebd. 114f.). Warren Weaver, Mitglied der AAAS und Verantwortlicher für die Forschungsfinanzierung bei der Rockefeller Foundation, empfand allein den Begriff des »naturalist« als Angriff auf den seriösen Wissenschaftler (»scientist«) (ebd., 116). Die »bridge builder« und Architekten der ›New-Synthesis‹ sahen sich daher nicht nur als Modernisierer der Evolutionstheorie an, sondern vor allem als Retter des wissenschaftlichen Erbes von Charles Darwin. Auch Thomas Junker hält fest, dass die Synthese keine wissenschaftliche Revolution im Sinne Kuhns darstelle, sondern eher eine Modernisierungsbewegung, die in Teilen konservative Züge aufwies (Junker ebd., 483ff.). Das intellektuelle Feld der Synthetiker-Architekten in den USA / England als auch in Deutschland war sich jedoch über eins einig, eine neue Formulierung der Evolutionstheorie komme an der Genetik nicht mehr vorbei (Junker ebd., 457). Jan Sapp hat in seiner historischen Studie Beyond the Gene (1987) die transnationale, historische Entwicklung der Genetik und ihrer Wortführer in den England, den USA, Deutschland und Frankreich bereits ausführlich diskutiert, die einen guten Überblick über die einzelnen DAS POPULÄRWISSENSCHAFTLICHE FELD DER ›LIFE SCIENCES‹ 332 unterschiedlichen Stadien der Genetikforschung liefert. Auch Sapp beschreibt die Entwicklungen dieses relativ neuen Forschungszweigs des 20. Jahrhunderts als Definitionskampf zwischen Zytologie, Embryologie, Physiologie, Zucht / Züchtung, dem sogenannten »practical breeding«, der ›natural history‹ und der Biometrie (Sapp 1987, 33). Der »Mendelism« sei dabei als experimentelle und statistische Erforschung der sichtbaren Differenzen zwischen Individuen einer Spezies zu verstehen, während Disziplinen wie die Paläontologie, Entomologie, Systematik, Morphologie zusammengefasst unter dem Obergriff der »natural history« auf dem Studium der sichtbaren Charakteristiken eines Organismus basieren (ebd., 34). Zytologen hingegen beschäftigten sich mit der materiellen, physikalischen Grundlage der Vererbung und der Verbindung von Zelltheorie mit Evolutionstheorie (ebd., 34). Wissenschaftler, die sich mit der Embryologie beschäftigten, seien an der Physiologie der Ontogenese und der Erforschung der Ursachen der Ausdifferenzierung aus Stammzellen interessiert. Die Vererbung selbst wurde in ihrem Kontext als Prozess der Produktion und Reproduktion betrachtet, der durch intrinsische (»germinal Protoplasma«) und extrinsische Faktoren (Umweltfaktoren) bedingt sei. Allerdings ergaben sich viele Lücken im Forschungskontext, denn aus der Perspektive des »Mendelism« wurde Embryogenese nur in Begriffen der Destribution und des Austauschs verstanden (ebd., 34).9 Der Definitionskampf in der Fachsprache der Genetiker setzte bereits 1911 mit der Unterscheidung von Geno- und Phänotyp ein, die der Däne Johannsen einführte. Diese Definition führte zu einem Ausschluss anderer Disziplinen aus der Genetikforschung, weil sie zu ungenau und spekulativ seien. Dies betraf beispielsweise die praktische Züchtung (ebd., 40f.). Die Argumentation verlief vor allem gegen Weissmans Unterscheidung von »germ plasm« (Stammzellen) und »somaplasm« (Somatische Zellen), die eine Vererbung erworbener Eigenschaften dadurch ausschloss, dass es einen diskontinuierlichen Bruch zwischen diesen beiden zytologischen Formen gab, denn eine Veränderung des Phänotyps betreffe nur die Körperzellen und diese Veränderung könne nicht auf die Stammzellen übertragen werden. Ein derartige Übertragung hätte schwerwiegende Konsequenzen für die Genmutationsrate des Organismus, der die Adaptionsfähigkeit des Organismus an sein Milieu schädigen konnte, zumal nach wie vor die 9 Dennoch wurde Gregor Mendel kaum wahrgenommen, denn die praktischen Züchtungsversuche fanden außerhalb der Forschung und den Universitäten statt, denn was sollte ein Amateurwissenschaftler als praktizierender Gärtner schon der akademisch institutionalisierten Biologie zu erzählen haben. Sapp sieht bereits hier die Frühphase angewandter Forschung, grüner Biotechnologie, gegeben, deren ökonomische Nutzbarmachung erst im 20. Jahrhundert deutlich werden sollte. DIE WISSENSCHAFT VOM LEBEN 333 agierende Kraft der Evolution die natürliche Selektion war. Man konzentrierte sich also immer mehr auf die experimentelle Biochemie, sodass ihr Wortführer William Bateson 1914 auch die Embryologie und die Zytologie von der Genetik ausschloss (ebd., 42). Das Molekül sollte im Fokus der Aufmerksamkeit des Forschers stehen. Auch Sapp beobachtet den Kampf um die Biologie als tatsächliche experimentelle Wissenschaft nach dem Vorbild der Physik, denn die Physik galt als dominanter Träger von der Bedeutung, wie Wissenschaft gemacht werden sollte (ebd., 43): »They believed that Mendelian genetics would become the stolon that would some day rival the physical sciences« (ebd., 51). Es gab jedoch auch geographische Veränderungen. Während des ersten Weltkriegs verlagert sich die experimentellen Genetik von Großbritannien in die USA (ebd., 45). Mit der Gründung von Gesellschaften, Zeitschriften und neuen Studiengängen wurde der Prozess der Institutionalisierung beschleunigt, wobei Grundlagenforschung und angewandte Wissenschaft sehr früh zusammengeführt wurden (ebd., 46f.). Mit der Vergabe des Nobelpreises für Medizin und Physiologie 1946 an den Genetikforscher H.J. Muller, der über künstliche Veränderung von »x-radiation« in Chromosomen forschte, stand fest: »The Gene as the basis of Life« (ebd., 51). Hier jedoch machten sich gerade nationale epistemische Stile bemerkbar.10 Die Genetik wurde in Deutschland der Botanik und der Zoologie einverleibt, also jenen älteren Disziplinen, die auf eine größere Tradition zurückblicken konnten (ebd., 59). Epistemologisch betrachtet wurde die alleserklärende und umfassende Theorie der natürlichen Selektion als alles entscheidende Kraft in der Mikro- und Makroevolution in Deutschland nicht als absolut gesetzt. Die zytoplasmatische Vererbungslehre folgte 10 Die wissenschaftliche und epistemologische Situation in Deutschland im Übergang vom ersten zum zweiten Weltkrieg bot wissenschaftspolitisch betrachtet wenig Raum, die Genetik als relativ ideologiefreie Grundlagenforschung zu etablieren. Die in die USA emigrierten Wissenschaftler forschten meistens unter schlechteren Forschungsbedingungen und litten sowohl unter einem sozio-psychologischen Ungleichgewicht als auch unter latentem Antisemitismus und besaßen demnach kaum Ansehen unter den amerikanischen Kollegen. Die Unterschiede in der deutschen und amerikanischen Universitätspolitik seien noch gravierender gewesen (ebd., 58f.). Die deutsche Professoren- und Studentenschaft unterlag einem steifen Korsett von Regeln, das durch das vom Staat zentralisierte und regulierte System der Institutseinrichtungen enger geschnürt worden war. Die akademische Stellung des Lehrstuhlinhabers, der alles von oben regierte, bot wenig Raum für neue Entwicklungen und die schnelle Etablierung neuerer Institute oder Gesellschaften. In den USA gab es mehr Unabhängigkeit in der Auswahl von Forschungsvorhaben, als auch bei der finanziellen Unterstützung von verschiedenen öffentlichen und privaten Finanzierungen. DAS POPULÄRWISSENSCHAFTLICHE FELD DER ›LIFE SCIENCES‹ 334 einem nicht-reduktionistischen und plastischeren Konzept des Organismus und seiner Phylogenese, wohingegen es den Amerikanern um den experimentellen Nachweis einer genetischen Basis der Vererbung im Kleinen ging. Der deutsch-amerikanische Mutationsforscher Victor Jollos untersuchte Formen der Dauermodifikation in der Botanik bei Algen. Dabei stellte er fest, dass es tatsächlich anhaltende / dauerhafte Veränderungen im Zytoplasma bedingt durch externe Umwelteinflüsse gab (ebd., 61). Die Experimente mit Hitzebestrahlung von Pflanzen unterlag vier Schritten der Modifikation: (i) der somatischen oder zytoplasmatischen Veränderung in der »heat-treated Generation«, (ii) die Einstellung einer »Dauermodifikation«, (iii) die Genmutationen desselben Typs und (iv) Entstehung von Allelen (dominante Merkmale), die sich über die Generationen hinweg akkumulierten. Aus dieser Beobachtung schloss er auf die parallele Modifikationen im Zytoplasma und in den Genen des Zellkerns (ebd., 62). Ein weiterer wichtiger Forscher in diesem Bereich war Hans Spemann, der sich in seiner zytoplasmatischen Vererbungslehre auf die Theorie der morphogenetischen Felder von Paul Weiss bezog (ebd., 69). Diese Theorie war vom Vitalismus des späten 19. Jahrhunderts beeinflusst und entstand aus einer disziplinären Kombination der Embryologie, die Entwicklungsprobleme behandelte, und der vergleichenden Anatomie, die Experimente am befruchteten Ei durchführte. Die Ergebnisse ließen darauf schließen, dass frühe Entwicklungsphasen des embryonalen Stadiums von dem Zytoplasma und nicht vom Nukleus geregelt worden seien (ebd., 71). Der wichtigste Akteur in der Schlussphase der deutschen Genetik war der Botaniker Peter Michaelis, der nicht-mendelianische Vererbungen von Chlorophyll Eigenschaften bei Pflanzen nachweisen konnte. Sapp hält fest, dass dies die Frühphase der deutschen Epigenetik war, die bereits mehr sah als nur das genetische Material: »In his view the cytoplasm and nuclear genes interacted as a whole, and both parts of the cell played direct roles in developmental processes. The gene would interact with the cytoplasm quantitavely at certain specified times and places. The development activation of genic effects, […], was due to qualitative changes in the cytoplasm« (ebd., 73). Die deutschen Wissenschaftler versuchten daraufhin, ihre eigene Terminologie durchzusetzen und führten Begriffe wie »Idioplasm« oder »Plasmon« für die Totalität des genetischen Materials der Zelle ein (ebd., 77). Allerdings ergaben sich epistemologische und technische Schwierigkeiten bei der Erforschung des ›Plasmons‹: (i) aus epistemologischer Sicht musste ein holistischintegratives Theoriemodell zuerst angesetzt werden, um experimentelle Designs für die Untersuchungen zu konstruieren; (ii) aus technischer Sicht waren diese jedoch sehr zeitaufwendig, sodass zum Teil erst nach einer 20jährigen Forschung die ersten Resultate erkennbar waren. Die DIE WISSENSCHAFT VOM LEBEN 335 US-amerikanischen Wissenschaftler verfolgten daher die Strategie, den reduktionistischen Doktrinen zu folgen, weil sie experimentell schneller reproduziert werden konnten und auf einem bestehenden theoretischen Muster ansetzen konnten. Der zytoplasmatischen Vererbungsforschung fehlte außerdem die schnelle Anwendbarkeit in wirtschaftlich-ökonomischen Kontexten: »Cytoplasmatic inheritance lacked the socioeconomic applicability of transmission genetics and nuclear genes« (ebd., 81). Einer der wenigen amerikanischen Forscher, die sich der zytoplasmatischen Vererbungslehre widmeten, war Tracy M. Sonneborn. Er kämpfte gegen die eindimensionale amerikanische Orthodoxie der Vererbungslehre nach Mendel, war gleichzeitig aber auch Kritiker neo-lamarckistischer Experimente (ebd., 93). Er spezialisierte sich vor allem auf Einzeller-Organismen (Protozoa) wie das Bakterium Paramecium Aurelia, das auch von Victor Jollos favorisiert wurde. Damit schloss er sich der Bakteriologie und dem Studium der Parasiten an (ebd., 95). Bis weit in die 1940er und 1950er Jahre hinein führte er so ein erfolgreiches Forschungsunternehmen mit einem eigenen Institut und eigenen Forschungsstudenten (36 ausgebildete Doktoranden). Disziplinär betrachtet lässt er sich noch am ehesten in die Biochemie einordnen. Seine Arbeiten erhielten auch von anderen Forschern aus dem Ausland Anerkennung, wie zum Beispiel von Darlington, der ein hierarchisches Zellenmodell in Analogie zum Staatsbild etablierte. Auch Spiegelmann wurde zum anerkennenden Fachkollegen, der Sonneborns Theorien im Sinne der Gen-Enzym-Kommunikation weiterentwickelte (ebd., 103). Sonneborns Annahmen beruhten auf einem integrativem System von Zellkörper und Zellkern, die er aus experimenteller Evidenz der Immunologie heraus entwickelte. Dort wurde die Produktion von Antigenen genutzt, um sie zum Bestandteil der Struktur von Parmecium umzufunktionieren (ebd., 106). Ein besonders wichtiger Faktor für seine Forschungsunternehmen war, dass er viel Publicity in Form von »semi-popular articles« herstellte. So zum Beispiel in den Artikeln Partner of the genes (1950) und Beyond the gene (1949). Als Wissenschaftspopularisator gelang es ihm auf diese Weise, große finanzielle Unterstützung von der Rockefeller Foundation für seine Forschung zu erhalten (ebd., 114). Innerhalb dieses Denkkollektivs der frühen Genetiker kam es jedoch auch zu sozio-psychologischen Problemen: Hermann Joseph Muller, der X-Ray Spezialist der Hardcore-Genetiker mit einem Nobelpreis in der Tasche, zog in das gleiche Department ein (ebd., 114). Beide Forscher und ihre Theorie waren absolut inkompatibel. Sie sahen sich weniger als miteinander kooperierende Kollegen an, sondern vielmehr als konkurrierende Feinde. Jede Form von Kritik wurde sofort emotional gewertet. Man fühlte sich persönlich angegriffen (ebd., 115). Mullers Argumentationslinie verlief stets DAS POPULÄRWISSENSCHAFTLICHE FELD DER ›LIFE SCIENCES‹ 336 unter Berufung auf Autoritäten, das heißt also mit der Referenz auf bereits etabliertes Wissen, das unbestreitbar zu gelten hatte (ebd., 117). Er übte am Untersuchungsobjekt von Sonneborn Kritik, da es sich als ungeeignet herausstellte, weil Parasiten nur unter kontrollierten, künstlichen Bedingungen ein bestimmtes Verhalten zeigten, die so von der Natur nicht nachgeahmt werden könnten (ebd., 119). Sapp gibt jedoch zu bedenken, dass diese Angriffe auf die Methodologie längst schon allgemeingültigen Charakter hatten. Generell sei seit den 1940er Jahren in der weiteren technologischen Entwicklung in der Molekularbiologie, die biochemische Marker verwendete, um das Unsichtbare sichtbar zu machen, das Untersuchungsobjekt nicht mehr so leicht definierbar, weil es ein bereits künstlich herangezüchtetes, pathologisches Bakterium war. Damit veränderte sich auch die Einstellung gegenüber den Viren und Bakterien im Allgemeinen. Sowohl Mitochondrien als auch Chloroplasten galten als endosymbiotischer Zellenverbund, das heißt die Integration fremder Bestandteile in den eigenen Zellzyklus war bereits ein natürlicher Prozess (ebd., 121). Auch die französischen Genetiker legten ihr Augenmerk mehr auf das Gesamtgeschehen in der Zelle als nur auf das genetische Material. Der notwendige wissenschaftspolitische Kontext wurde in Frankreich vor allem von dem Exil-Russen Boris Ephrussi vorangetrieben. Er hatte sich eine hohe Forschungsstelle an der Sorbonne in Paris erkämpft. Sapp charakterisiert das französische Denkkollektiv als eine neo-lamarckistische Hegemonie der Biologie, die als eine Form des Nationalismus, Patriotismus und anti-deutsche Haltung zu Bismarck empfunden wurde (ebd., 125). Es war ein interner Kampf zwischen den Nationen um die intellektuelle Vormachtstellung in der Biologie. Diese These lässt sich bereits historisch durch die Darwin-Rezeption in Frankreich belegen. Die Darwin-Rezeption, die durch eine Übersetzung ins Französische von einer Schweizer Wissenschaftlerin für Ökonomie, Clémence Royer, vorangetrieben wurde, führte zunächst bloß zu seiner Reaktivierung der Lamarckschen Thesen. Die konstruktive Kraft der natürlichen Selektion wurde bestritten, weil sie nicht experimentell nachgewiesen werden konnte: »This culture resisted Darwinism, which it mistakenly reduced to a view that selection was purely conservative and had no creative power. Lamarck was the child of the transformative voluntarism of the Enlightment; the French transformists were the children of Lamarck« (Tart 2008, 340). Selbst die Populationsgenetik, die sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts innerhalb der Biologie herauskristallisierte, konnte diesem Transformationsgedanken keinen Abbruch tun (ebd., 347). Demnach wurde die erste Rezeptionsphase stark im Kontext politisch-ökonomischer Journale rezipiert, die zu einer kritischen Beurteilung des Sozialstaates in Frankreich DIE WISSENSCHAFT VOM LEBEN 337 führten. Es waren besonders die Vorworte von Royer, die diese einseitige Rezeption lenkten (Harvey 2008, 356 f.). Auch in der französischen Übersetzung gab es Probleme: So wurde ›natural selection‹ mit ›élection naturelle‹ wiedergegeben, sodass Darwin protestierte und den Begriff ›selection naturelle‹ durchsetzen wollte (ebd., 359). Erst in der zweiten Rezeptionsweise mit der Neuübersetzung von Charles Reinwald begann sich ein anderer französischer Darwinismus abzuzeichnen, der ähnlich wie in Spanien mehr von der Anthropologie als der Biologie rezipiert worden war. Eine so junge Wissenschaft wie die Anthropologie, die noch keine Fachterminologie zur Hand hatte, fand in Darwins Begriffen einen großen Fundus an neuen Ideen, um der eigenen Fachsprache Konturen zu geben (ebd., 364). Eine besondere wissenschaftliche Beziehung enstand zwischen dem Neuroanatomen Paul Broca und Charles Darwin, der Brocas Aufsatz »Sur la transformacion« als Inspirationsquelle für The Descent of Man nutzte. In der populären Wissenschaftspresse wie Revue Scientifique, Revue Anthropologie und La Nature nahm Darwins Werk immer mehr Platz ein. Das Ehepaar Jules und Athénaïs Michelet nutzten seine Prosa als Stil-Quelle eigener populärwissenschaftliche Bücher und preisten sein Werk als wichtiges politisches Bindeglied zwischen Frankreich und England (ebd., 368). Während sich der Darwinismus im populärwissenschaftlichen Diskurs verbreitete, wurde er im wissenschaftlich-akademischen Feld des Second Empire und der New Republic durch die politisch-bürokratische Zentralisierung des französischen Universitätssystems verhindert (ebd 369). Darwins Stimme in Frankreich wurde später Gaston Saporta, dessen soziale und finanzielle Unabhängigkeit es ihm erlaubte, Darwins Theorie zu verbreiten und zu verteidigen. Als Mitglied der Académie des Sciences und der Geologischen Gesellschaft sowie als Autor für die populärwissenschaftliche Zeitschrift Revue des Deux Mondes konnte er sowohl in wissenschaftlicher als auch in öffentlicher Hinsicht das Bild des französischen Darwinismus formen, das nach 1886, nach dem Tod von Broca und Darwin, von Mathias Duval stabilisiert und aufrecht erhalten worden war (ebd., 373). Epistemologisch betrachtet ist die französische Biologie immer schon an dem gesamten Organismus und seinen epigenetischen Faktoren interessiert gewesen, sodass der Forschungsschwerpunkt besonders auf der Embryologie lag (ebd., 130f.). Die institutionellen Verhältnisse verhinderten jedoch eine schnelle Etablierung neuerer Lehrstühle und Disziplinen, was Sapp darauf zurückführt, dass jegliche Art von Wissenschaftspolitik durch die vertikale Elitehierarchie ausgehend von Paris reguliert wurde (ebd., 127). Die ersten Forschungsarbeiten zu der Funktionsweise von Enzymen und Proteinen erfolgten bereits 1947 unter Ephrussi und dem späteren Nobelpreisträger Jacques Monod. Auch in Frankreich war Paul Weiss’ Einfluss auf die französische Embryologie durch seine Idee der DAS POPULÄRWISSENSCHAFTLICHE FELD DER ›LIFE SCIENCES‹ 338 molekularen Ökologie und der morphogenetischen Felder kaum zu überschätzen (ebd., 143). Der Fokus blieb auf der Zelloberfläche, um ihre Kommunikationsarten besser verstehen zu können. Der afro-amerikanische Zellbiologie Ernst Everett Just hat diese Forschungsperspektive von den Franzosen übernommen und sie in seinem Werk The Biology of the Cell Surface von 1939 weitergeführt (ebd., 144). Just verwendete für die Gen-Enzym-Kommunikation den Begriff des »Position Effect« und etablierte sich damit sehr früh in der Beeinflussung der Fachterminologie (ebd., 149). Aus diesem Grund wird er auch von Ephrussi sehr oft zitiert, um einerseits in diesem Definitionskampf mitzumischen und andererseits die amerikanische Hegemonie in der molekularbiologischen Forschung zu brechen (ebd., 150ff.). Sowohl in den USA als auch in Frankreich war nicht die Argumentation entscheidend, um die zytoplasmatische Vererbung zu beweisen, sondern nur der experimentelle Nachweis. War dieser nicht gegeben, gab es auch keine wissenschaftliche Revolution. Jan Sapp kommentiert: »A victory in genetics could be achieved only on the terrain of the technical procedures of the discipline. Cytoplasmatic geneticists simply lacked the necessary technical capacity and institutional power to affect a revolution in genetics« (ebd., 159). Wie der Historische Epistemologe der Biologie Hans-Jörg Rheinberger bereits festgestellt hat, erschuf erst das Experimentalsystem der Krebsforschung ein epistemisches Objekt, dass die zytoplasmatischen Genetiker voranbringen sollte (Rheinberger 2001). Der Mediziner Paul Charles Zemecnik forschte am Huntington Memorial Hospital unter der Leitung des Okologen Joseph Charles Aub an den normalen und pathologischen Wachstums- und Regulationsvorgängen von Tumorzellen. Rheinberger beschreibt den theoretischen Ausgangspunkt wie folgt: »Da unkontrolliertes Wachstum ein allgemeines Kennzeichen bösartigen Gewebes ist, und da das Wachstum der Zelle engstens mit ihrer Fähigkeit zur Proteinsynthese verknüpft ist, war es durchaus nicht auszuschließen, daß die karzogene Wirkung an der Steuerung des Proteinstoffwechsels ansetzte« (ebd., 37). Durch die Verwendung radioaktiven Kohlenstoffs war es möglich geworden, Stoffwechselprozesse in der Zelle unter dem Mikroskop zu beobachten und beschreibbar zu machen, indem zusätzlich unter der Kooperation der Atomenergiekommission eine neue Zählmethode eingeführt wurde, um die Daten besser quantifizieren zu können (ebd., 40ff.). Rheinberger hebt hier vor allem die »lokalen Konjunkturen von technischen Neuerungen, institutioneller Zusammenarbeit, forschungspolitischer Möglichkeiten, Sachkenntnis sowie handwerkliches Können aus verschiedenen Gebieten von der organischen Chemie über DIE WISSENSCHAFT VOM LEBEN 339 die Strahlenphysik und die physiologische Chemie bis zur medizinischen Laborpraxis« hervor (ebd., 42). Allerdings gab es bei den in-vivo-Experimenten an dem favorisierten Objekt der Rattenleber einige Schwierigkeiten, weil man das injizierte Material nicht kontrollieren konnte. Daher wurden Lebergewebsproben entnommen und in vitro im Reagenzglas untersucht, wobei sich die Beschädigung der Leber hierbei auf die Zählung auswirkte. Es gab demnach viele verschiedene Variablen, die nicht kontrolliert werden konnten und sich daher mal mehr mal weniger stark auf das zu erhoffende Ergebnis auswirken konnten. Diese Zerlegung der einzelnen Zellbestandteile durch verschiedene Techniken unter Einsatz bestimmter chemischer Lösungen hatte zwar zur Folge, dass sie reproduzierbare Ergebnisse lieferte, diese Chemikalien waren jedoch gleichzeitig selbst Teil des Systems der Zelle geworden, die bestimmte Signale provozierte, während andere wiederum unterdrückt wurden. Die Mechanismen der Entstehung bestimmter Peptidverbindungen entzogen sich damit dem forschenden Auge des Wissenschaftlers (ebd., 71). Auf dem Symposium in Cold Spring Harbor 1949 wurde eine erste schematische Darstellung von Genen und Proteinen vorgestellt, die die Wechselwirkungen zwischen der Produktion von enzymatischen Katalysatoren und ihrer Rückwirkung auf die Gene beschrieb und die Forschung in der Zytomorphologie weiter antrieb, obwohl man sich zu diesem Zeitpunkt unsicher war, worin der Unterschied zwischen Mitochondrien, den Energielieferanten der Zelle, und den Mikrosomen, genauer gesagt, der RNA, bestand (ebd., 53f.). Indem man sich auf die Embryogenese konzentrierte, war es nach und nach möglich geworden durch eine Enzym-Karthographie beide Bestandteile der Zelle voneinander zu unterscheiden. Die zytoplasmatischen Vorgänge wurden immer transparenter, weil sich der »topologische Raum der Zellkomponenten« und der »metabolische Raum energetischer Zwischenprodukte« in dem Prozess der Proteinsynthese aufeinander bezogen (ebd., 68). Die Methoden der radioaktiven Markierungen und der differentiellen Zentrifugation veränderten jedoch auch die Fachsprache. Man sprach nun von Zentrifugationsgeschwindigkeit, Sedimentationseigenschaften und Fällungsbedingungen (ebd., 74). Mit diesen Begriffen versuchte man, dass Mosaik aus morphologisch-typologischen und energetisch-biochemischen Elementen das Innenleben der Zelle und ihre Kommunikation mit ihrem unmittelbaren Milieu zu beschreiben (ebd., 140). Der Weg von der freien Aminosäure zum fertigen Protein wurde zum Gegenstandsbereich zwischen Molekulargenetik und Biochemie, zwei Subdisziplinen der Biologie, die, so Rheinberger, zwei »unterschiedlichen Forschungswelten« angehörten (ebd., 143). Erst zwischen 1955 und 1958 änderte sich die Terminologie, die durch das amerikanische Denkkollektiv James Watson und Francis Crick DAS POPULÄRWISSENSCHAFTLICHE FELD DER ›LIFE SCIENCES‹ 340 geprägt wurde. Die Wachstumsversorgung und die Austauschprozesse wurden als »Transfer von Informationen« beschrieben. Crick machte als einer der ersten Forscher Voraussagen über die Funktionsweise der Transfer-RNA. Rheinberger verweist hier ähnlich wie Sapp auf die unterschiedlichen Experimentalkulturen und Denkstile, die entweder auf den Metabolismus oder aber den Informationstransfer fokussierten (ebd., 176). Für Watson und Crick galt die S-RNA als Adaptor des genetischen Codes und daher sprachen sie von einem »genetischen Informationstransfer« (ebd., 178). Das Problem bestand jedoch darin, dass der Begriff des Codierens für zwei unterschiedliche Prozesse genutzt wurde: die S- RNA codiert die Aminosäuren, die RNA wiederum die beladene S-RNA. Die Ribonukleinsäure des Mikrosoms legte die Sequenz der Proteins fest, sodass sich »die Sprache des molekularen Informationstransfers« in die »metabolische Darstellung der Proteinsynthese einzuschreiben« begann (ebd., 192). Molekulargenetik und Biochemie begannen sich zu vereinigen. Ab 1959 setzte sich die Transfer-RNA in der Fachsprache durch. Damit ergab sich gleich ein ganzes Netzwerk von Entitäten, die wechselseitig aufeinander bezogen waren. Anfang der 1960er Jahre stand fest, dass die DNA die RNA codiert, während die RNA wiederum die Proteinfaltung festlegt: DNA-RNA-Protein, diese Trinität wurde zum wissenschaftlichen Dogma der Life Sciences, das bis heute Anspruch auf Gültigkeit erhebt. In der populärwissenschaftlichen Zeitschrift Scientific American zirkulierte diese Trinität als Glaubenscredo und informierte die breite interessierte Öffentlichkeit über die Fortschritte in den Lebenswissenschaften. Ältere Modellorganismen begannen nun aus den Experimentalsystemen zu verschwinden, während andere eingeführt wurden. Das Bakterium Escheridia coli wurde im Pariser Institut Pasteur zum neuen Untersuchungsgegenstand, weil es vor allem robuster war und dadurch routinemäßiger mit ihm gearbeitet werden konnte. Dies ermöglichte eine einfachere Experimentalkonstellation im Biochemielabor, in dem die funktionelle Proteinsyntheseforschung mit der strukturellen Ribosomenforschung verbunden wurde, um durch Reinigungsprozesse nun an die »Translations-Signatur« der Transfer-RNA zu gelangen, dem Schlüssel des genetischen Codes (ebd., 221). Françios Jacob und Jacques Monod begannen im Herbst 1957 mit diesem Reinigungsverfahren und bekamen schlussendlich für die Entdeckung der mRNA, »cytoplasmatic messenger«, den Nobelpreis (ebd., 241).11 Durch die Unterscheidung 11 Zunächst ging es um die Kontrolle und Regulation einzelner Gensequenzen auf dem Genom (Repression, Kooperation, Blockierung, Induktion). 1959 verwendet man den Begriff des »zytoplasmatischen Messenger«, um auszudrücken, dass die Funktion des codierten Produktes als Stoffwechselsignal anzusehen ist (Rheinberger 2006, 297). Ein Jahr später versuchte man bereits DIE WISSENSCHAFT VOM LEBEN 341 von Struktur- und Regulatorgenen wurde die genetische Information hierarchisch geordnet. Die Programm- und Text-Metapher der modernen Genetik wurde geboren und gleichzeitig zum popularisierenden Motor aus dem akademischen Feld hinaus in alle anderen Felder der kulturellen Produktion. Es war Françios Jacob der in der Koinzidenz von Nobelpreis und Inauguralvorlesung am Collège de France, die unter dem Titel La logique du vivant erschien und das Dogma vom chemischen Text als »écriture de l’heredite« im akademischen Feld etablierte und damit für den interdiskursiven Austausch zwischen den Human- und Naturwissenschaften anschlussfähig machte. Die Perspektive in der Genetikforschung hatte sich ein für alle Mal geändert und Licht in das komplizierte Verhältnis zwischen Geno- und Phänotyp gebracht: »Das Ergebnis, das im Zuge ihrer ›Wiederentdeckung‹ nachträglich auch in Mendels Experimente und Gesetze hineingelesen wurde, war eine klare Abgrenzung zwischen genetischen Einheiten einerseits und dadurch bedingten Merkmalen andererseits; in ihrer jeweiligen Gesamtheit betrachtet eine Abgrenzung zwischen Genotyp und Phänotyp« (Rheinberger 2006, 223). Man sah sich mit dem Problem konfrontiert eine Kolinearität zwischen Gen (Polynukleotid) und Genprodukt (Polypeptid) zu beweisen, um die Rede von der DNA als Code überhaupt erst plausibel zu machen (ebd., 233). Der erste Schritt bestand demnach in dem Wechsel der Modellorganismen von höheren Pflanzen und Tieren zu Bakterien und Phagen im Übergang zu den in-vitro-Systemen. Im zweiten Schritt wurde das Gen zu einem physikalisch-chemischen Substrat, das mit bestimmten Informationen ausgestattet war. Der dritte Schritt schließlich eröffnete den Blick auf das Gen als metastabiles Makromolekül in der Art von Nukleinsäuren. Die DNS enthält also Informationen auf bestimmten Abschnitten des Genoms, das für die Kodierung von Aminosäuren verantwortlich ist, die sich wiederum zu Proteinen zusammenfalten und schließlich als Enzyme die Katalysatoren des Zellstoffwechsels regulieren. Das Problem bestand jedoch nun darin, dass der Begriff des Gens kein Kriterienraster besaß: er ist noch heute ein unscharfes Objekt, das positiv unscharfe Projekte erzeuge. Die beweglichen Definitionsgrenzen zeugen jedoch von einer großen Produktivität wissenschaftlicher Forschung. Rheinberger spricht hier von einer »hybriden Konsistenz« dieser Begriffe. In der Phagengenetik sei bis heute keine zufriedenstellende Terminologie zwischen den Forschern entstanden, die genügend semantische Transparenz biete, um eine fruchtbare Wissenschaftskommunikation zwischen den einzelnen Forschungsprojekten herzustellen (ebd., 225). Dies sollte jedoch nicht andere Begriff einzuführen, z.B. Ausdrücke wie »informationstragende RNS« oder »Informationstransfer«. Schließlich sprach man 1961 von Kodierung, um das Verhältnis von Gensequenz und Protein darzustellen (ebd., 302f.). DAS POPULÄRWISSENSCHAFTLICHE FELD DER ›LIFE SCIENCES‹ 342 als Manko der Molekularbiologie gewertet werden. Da diese eine »hybride Wissenschaft« sei, die unterschiedliche Systeme der Biophysik, der Biochemie und der Genetik miteinander kombiniere und mit verschiedensten Modellorganismen experimentiere, seien auch ihre Begriffe notwendigerweise ›hybrid‹. Hier jedoch sehe er gerade das »Verbreitungspotential ihres Diskurses« gegeben (ebd., 227). Die Unschärfe des epistemischen Objekts ergebe sich aus dem Zusammenschluss unterschiedlicher Experimentalsysteme naturwissenschaftlicher Disziplinen und ihrer Anwendungskontexte in Bezug auf die moderne Molekularbiologie (ebd., 229). Sie habe besonders von der staatlich finanzierten Atomenergie profitiert (ebd., 266f.). Der Historiker vergisst jedoch, dass dort, wo Hybridität in der Fachsprache waltet, das Potential zur Popularisierung und ›Genre-Hybridität‹ nicht mehr weit ist. Evelyn Fox Keller betont hingegen, dass den Biologen, um eine hard science zu werden, die Präzision mathematischer Modelle fehle, um die Analyse nonlinearer Reaktionen durch Hinzufügung chemischer Substanzen bei der Diffusion sichtbar zu machen (Keller 2002, 94). Das Auge des Beobachters sehe sich gleichzeitig einer immens neuen Datenflut gegenübergestellt, deren Informationen nur durch Computer enschlüsselbar seien: »To overcome the limits both perception and communication, researchers rely on computers imaging software to select and highlight data of particular interest, to display the data in perceptually monogeable forms, and to record them in formats that can be easily transmitted to others« (ebd., 223). Alan Turing war einer der frühen Initiatoren, die solche Projekte förderten. Die visuelle Revolution der Computertechnik ermöglichte es, riesige Datenbestände zu speichern, miteinander zu vergleichen und zu verknüpfen, um schließlich aus ihnen Sinn zu produzieren (ebd., 202). Das digitale Archiv lebendiger Systeme generierte neues ›Technowissen‹, für das nur eine Maxime gelte: »seeing is believing« (ebd., 229).12 Das gilt a fortiori für Lebenswissenschaftler aus älteren 12 Erwähnenswert sei daher in diesem Kontext das Werk von D’Arcy Wentworth Thompson mit dem Titel On Growth and Form. Seine Forschungsarbeiten konzentrierten sich auf die Interaktion des dynamischen Wachstums und der Morphogenese. Sein wichtigstes Werkzeug bei der Herstellung seines Opus Magnums waren die Visualisierungsstrategien, die unter besonderer Berücksichtigung der Herstellung von Diagrammen eingesetzt worden sind. Es ging ihm um eine genaue Kartographie der Transformationen lebendiger Formen basierend auf physikalischen Prozessen: eine Verknüpfung aus Biochemie und Biophysik. Das Werk stellte einen großen vergleichenden Synthetisierungsversuch von Forschungsarbeiten anderer Wissenschaftler dar. Kommentare und Kritiken von Zeitgenossen ließen erkennen, dass man sich nicht sicher war, ob es ein wissenschaftliches oder literarisches Werk war. Zumindest galt es als »classic of scientific literature« (ebd., 62). Seine Popularität lässt sich zurückführen auf den Kampf gegen den Vitalismus, die Teleologie DIE WISSENSCHAFT VOM LEBEN 343 biologischen Subdisziplinen, die aus dem Kader der molekulargenetischen Elite auf die hinteren Ränge wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Wirkungskraft verwiesen werden. Ihr Glaubenscredo lautet: believing by knowing. 1.1 »The Humanist Frame«: Die Agenda evolutionsbiologischer Orthodoxie Julian Huxley übernimmt im 20. Jahrhundert das Erbe seines Großvaters Thomas H. Huxley. Beide verbindet eine familiäre Vererbungsstruktur des intellektuellen Kapitals, das sich ihrem wissenschaftlichen Habitus aufdrängt. Julian Huxley intervenierte als Biologe, Popularisierer und Wissenschaftspolitiker auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig, sodass sich auch die Haltung des Redners ständig neu positionierte. Als schreibender und publizierender Biologe hat er mit seinem Hauptwerk Evolution: The Modern Synthesis von 1942 den Grundstein für die Modern-Synthesis gelegt. Die Evolutionsbiologen Massimo Pigliucci und Gerd B. Müller führen in Evolution: The Extended Synthesis (2010) Huxleys Projekt fort, indem sie es durch neue Erkenntnisse in den Lebenswissenschaften erweitern. Sie beschreiben Huxleys Syntheseleistung von Darwins Evolutionstheorie und Mendels Vererbungsgesetze als Gründungsurkunde, wobei seine Person als Intellektueller gefeiert wird. Während seine wissenschaftliche Karriere im akademischen Feld lediglich von 1910 bis 1927 anhielt, erfüllte er innerhalb des politischen Feldes und seiner Institutionen weit wichtigere Aufgaben. So war er der erste Präsident der neugegründeten UNESCO und Begründer des Wildlife Found. Allerdings ist den Autoren bewusst, dass es sich bei diesem Buch um kein Lehrbuch der Biologie handle, sondern um eins, das zwischen »popular and scientific book« angesiedelt sei. Julian Huxley schrieb das Buch nicht mit der Intention, neues Wissen vom Leben zu produzieren, sondern um wissenschaftshistorische Leistungen der letzten zwei Jahrhunderte zu synthetisieren. Der Herausgeber der neuen Ausgabe merkt an, dass es sich bei diesem Buch vor allem um eine »popularization of ideas« handele (Huxley 2010, 3). Huxley selbst und religiöse Design-Argumente, und gleichzeitig befriedigte es scheinbar die Sehnsucht nach einer Art ästhetischer Einheit, »aesthetics of unity«, wie sie bereits Haeckel im 19. Jahrhundert konzipiert hatte (ebd., 70). Obwohl seine Arbeit also keine Auswirkung auf die Forschung im Labor hatte, so hatte sie sich dennoch auf den Denkstil ausgewirkt, der den Biologen aufzeigte, dass sie ihr mathematisch-physikalisches Wissen erweitern und verbessern mussten. Fox Keller sieht das Werk als Vorläufer der Bioinformatik an. DAS POPULÄRWISSENSCHAFTLICHE FELD DER ›LIFE SCIENCES‹ 344 spricht in seinem Vorwort zur Auflage von 1942, das sowohl für »laymans« als auch »professionals« geschrieben worden war und ein »general service« für den Leser sei, im Sinne eines »unified biological outlook« (ebd., 12). Folglich liegt hier eine Popularisierung im Sinne einer Synthese älteren Wissens vor, das Forschungsergebnisse aus unterschiedlichen Subdisziplinen der Biologie vereint. Das Erscheinen solcher Bücher schließt nicht nur eine bestimmte Phase der Wissenszirkulation im akademischen Feld ab, sondern ebnet die Pfade für eine neue Wissensproduktion, zu der es selbst jedoch nicht mehr gehört. Es gleicht eher eine Brücke zwischen den Paradigmen. Demnach besitzt auch die Stimme des Autors selbst keine autorative Kraft. Er ist Sprachrohr einer Disziplin, ihrer Schulen und Lehren, hat aber selbst keine Sprechgewalt, um als Wissenschaftler in der Biologie selbst Anerkennung zu finden. Er beginnt innerhalb der biologischen Disziplinen die Schubladen des angestauten Wissens aufzuräumen und zu sortieren. Huxleys Zusammenlesen von Forschungsarbeiten zur experimentellen Genetik kann als eine Art von Evaluation bereits bestehender Theorien betrachtet werden, die in den Research Papers unter Discussion verhandelt werden, aber keine definitiven vorschreiben. Aus diesem Diskussionsteil entwickelt Huxley seine weiteren Begriffe, Ideen und Theorien, indem er sie aus ihrem spekulativen Status herausholt und sie im Kontext anderer Forschungsarbeiten bespricht, was vielen einzelnen Forschern gar nicht mehr möglich ist, wenn sie ihre eigene Forschung voranbringen wollen. Huxley ist ein synthetisierender Beobachter höherer Ordnung, dem es vergönnt ist, aus Theorieangeboten die beste Alternative herauszuarbeiten und auf mehr als 700 Seiten weiterzudenken. Das ist heutzutage keinem Forscher mehr vergönnt. Zunächst geht es ihm darum, Mendels Vererbungsgesetze nicht als eine Art von Gegenargument zu Darwins Evolutionstheorie zu sehen, sondern als deren Ergänzung und Modifikation, daher spricht er explizit von »modified Darwinism« (Huxley 2010, 27). Er beschreibt die Situation innerhalb der Life Sciences als Kampf der Subdisziplinen untereinander, die die Biologie als solche eher schwächen als stärken würde. Daher plädiert er für ein »movement towards unification« durch die Evolutionstheorie (ebd., 13). Schritt für Schritt stellt Huxley die Definitionen der Begriffe dar, mit denen sich Vererbungsprozesse und Evolution beschreiben lassen. Hierzu wählt er die Analogie zur Chemie, um das Gen mit dem Atom zu vergleichen. Das Gen definiert er als »discrete unit«, als »factor« (ebd., 47f.), das neue Möglichkeiten der Quantifizierung DIE WISSENSCHAFT VOM LEBEN 345 biologischer Prozesse erlaube. Huxley versucht einen Beitrag zu dieser fachspezifischen Begriffsbildung zu leisten: Genes are in many ways as unitary as atoms, although we cannot isolate single genes. They do not grade into each other; but they vary in their action in accordance with their mutual relations. In this they are again like atoms: the chemical behavior of a compound will be altered when we transfer an atom from one position to another in the molecule, even though the substantive constitution of the molecule remains unchanged. Thus the whole is not merely the sum of its parts: it is also their relation. The discreteness of the genes may prove to be nothing more than the presence of predetermined zones of breakage at small and more or less regular distances along the chromosomes. (ebd., 48f.) Huxleys semantische Unterscheidbarkeit der Gene gründet daher nicht auf einer Vorstellung einer einzelnen Entität, sondern beruht auf ihrer Relation zu einander. Was als Gen tatsächlich definiert wird, hängt ab von der Anordnung, der Nähe und der Distanz, auf dem Chromosom. Somit charakterisiert er die »chromosomes« als »super-molecules«, »built up out of a series of regions, each region marked off by zones of potential breakage. The portions of these regions which we can recognize by their effects in inheritance are what we call genes« (ebd., 49f.). Dies bedeutet, dass eine spezifische Region erst dann als ein Gen identifiziert werden kann, wenn sie einen phänotypischen Effekt hervorbringt. Eine Art von Sichtbarkeit muss in Erscheinung treten, um als Gen erkannt und von anderen Genen unterschieden zu werden. Daher unterscheidet er zusätzlich zwischen »modification«, die eine Veränderung in der Umwelt meint, und einer »mutation«, die sich auf die Ver- änderung im Genmaterial bezieht (ebd., 18). Nur die »mutation« sei die »most important source of novelty in evolution« (ebd., 51). Schließlich seien es oft die Mutationen auf der unsichtbaren Ebene, die die großen Veränderungen bewirkten, und zwar seien diejenigen entscheidend, die »in relation to a favourable combination of existing small gene-differences« ausselektiert werden (ebd., 57). Dies jedoch führt ihn zu der Phänotyp-Problematik und der Rolle der Umwelt in diesem ateleologischen Spiel der Auslese. Dieses beschreibt er wie folgt: Furthermore, any given character represents the end-result of a great number of genes interacting with the environment during development, and is not inherited as such. What is investigated in any genetic experiment is the inherited basis for a constant character-difference. Thus a character-difference may be said to be inherited in mendelian fashion, while the character cannot but even so the differential effect of a particular gene on the character need not by any means always be the same. It may alter according to differences in the environment, and also DAS POPULÄRWISSENSCHAFTLICHE FELD DER ›LIFE SCIENCES‹ 346 according to differences in the environment, and also according to differences in the remainder of the gene-complex. (ebd., 63) Huxley spricht sich hier gegen ein symmetrisches Verhältnis von Genound Phänotyp aus, das heißt, eine phänotypische Veränderung muss noch lange nicht bedeuten, dass sich auch auf der Ebene des Genotyps eine Veränderung auf dem Chromosom ereignet hat. Es könne eine bloß spezifische Antwort auf Umweltveränderungen sein, die sich auf der Ebene des Chromosoms nicht abbilde. Umweltveränderungen könnten die Folgen einer »genetic difference« entweder maskieren (»mask«) oder hervorbringen (»bring out«). Daher sei es wichtig zwischen der »nature« und der »expression« eines Gens zu unterscheiden: »The gene itself can only alter by mutation; but its expression can be affected in a number of ways« (ebd., 64). Die »genetic balance« bestehe darin, dass eine individuelle Charakteristik eines Gens nicht absolut agiere, sondern immer nur in Relation zu ihrem »internal environment« in der Anordnung weiterer Sektionen auf dem Chromosom. Nur die Interaktion zwischen Genen und ihrer Anordnung macht die Expression aus. Diese Kooperation zwischen den Genen, die Huxley mit zahlreichen Verweisen auf Forschungsliteratur und Laborergebnisse unterstreicht, lässt eine weitere Begriffsspezifizierung zu, und zwar die des »gene-complex«: The environment of a gene must include many, perhaps all other genes, in all the chromosomes. This gene-complex may be altered in numerous ways by mutation or recombination so as to modify the effects and mode of action of particular genes, wether well-established ones or new mutations. We can thus distinguish between the genetic and the somatic environment of genes (ebd., 65). Obwohl Huxley also zunächst auf der molekularbiologischen Ebene ansetzt, wechselt er dann in sein gewohntes Metier der Evolutionsbiologie, in die makroskopischen Ebene, zurück. Hier spricht er auch nicht mehr als Sprachrohr anderer Wissenschaftler, sondern zitiert vorwiegend aus seiner eigenen Forschung (ebd., 206ff.).13 In diesen Kapiteln 13 Für die Definiti