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Mario Kaiser

Über Folgen

Technische Zukunft und politische Gegenwart

1. Edition 2015, ISBN print: 978-3-942-39384-3, ISBN online: 978-3-8452-7727-1, https://doi.org/10.5771/9783845277271

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Zusammenfassung

›Die Zukunft ist und bleibt unbekannt.‹ – Dieses Axiom alteuropäischer Metaphysik hält einer empirischen Überprüfung kaum mehr stand. Die künftigen Folgen und Nebenfolgen des technischen und gesellschaftlichen Fortschritts bestimmen inzwischen das politische Handeln genauso wie das wissenschaftliche Denken. Diese Zukunftsorientierung, so die Diagnose, invertiert das Verhältnis von Gegenwart und Zukunft – sowohl chronologisch als auch chronopolitisch. Die Abschätzung der Nanotechnologie stellt diesbezüglich einen exemplarischen Fall dar, lässt sich doch an ihm zeigen, wie die Zukunft sowohl kognitiv als auch politisch der Gegenwart den Rang abläuft. So paradox es zunächst anmutet – im Falle der Nanotechnologie ist mehr über die künftigen Folgen als über deren gegenwärtige Ursachen bekannt und mithilfe dieser Zukunftsexpertise wird die Gegenwart politisch korrigiert und reformiert. Der Vergleich mit anderen politisch relevanten Handlungsfeldern lässt die These eines Wandels gegenwärtiger Chronopolitiken zu – Prävention wird durch Präemption abgelöst. Während bisherige Anstrengungen, die Zukunft hinsichtlich unerwünschter Nebenfolgen zu erforschen, noch der Idee verpflichtet waren, die Zukunft aus der Gegenwart heraus zu kontrollieren und zu steuern, hat sich in den letzten Jahren zunehmend ein Regierungsmodus etabliert, der die umgekehrte Richtung einschlägt. Die Gegenwart wird zunehmend aus der Zukunft heraus korrigiert, reformiert oder gar revolutioniert. Philosophisch stellt sich angesichts dieser Regierung der Gegenwart durch die Zukunft die Frage, ob die Zukunft überhaupt noch mit Begriffen der Offenheit, der Unvorhersehbarkeit oder der Kontingenz angemessen beschrieben werden kann. Da die Gegenwart zu einem Effekt der Vorbereitung auf die Zukunft geworden ist, wird die Gegenwart angesichts der Faktizität, wenn nicht Notwendigkeit von abgeschätzten Zukünften zunehmend zum Ort ständiger Korrekturen, Interventionen und Reformen. Soziologisch hingegen steht zur Debatte, ob gegenwärtige Gesellschaftsdiagnosen immer noch die ambivalenten Effekte einer Befreiung von den großen Erzählungen der Vergangenheit wiederholen können. Indizien wie ständig drohende Finanzkrisen, potentielle Terrorbedrohungen oder die Ausbreitung von noch unbekannten Krankheitserregern nähren den Verdacht, dass die neuen métarécits uns nicht mehr über die Vergangenheit, sondern die Zukunft erreichen. Sie sind die neuen Alternativlosigkeiten, auf die wir angeblich zeitnah, proaktiv und präemptiv reagieren müssen.

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Zusammenfassung

›Die Zukunft ist und bleibt unbekannt.‹ – Dieses Axiom alteuropäischer Metaphysik hält einer empirischen Überprüfung kaum mehr stand. Die künftigen Folgen und Nebenfolgen des technischen und gesellschaftlichen Fortschritts bestimmen inzwischen das politische Handeln genauso wie das wissenschaftliche Denken. Diese Zukunftsorientierung, so die Diagnose, invertiert das Verhältnis von Gegenwart und Zukunft – sowohl chronologisch als auch chronopolitisch. Die Abschätzung der Nanotechnologie stellt diesbezüglich einen exemplarischen Fall dar, lässt sich doch an ihm zeigen, wie die Zukunft sowohl kognitiv als auch politisch der Gegenwart den Rang abläuft. So paradox es zunächst anmutet – im Falle der Nanotechnologie ist mehr über die künftigen Folgen als über deren gegenwärtige Ursachen bekannt und mithilfe dieser Zukunftsexpertise wird die Gegenwart politisch korrigiert und reformiert. Der Vergleich mit anderen politisch relevanten Handlungsfeldern lässt die These eines Wandels gegenwärtiger Chronopolitiken zu – Prävention wird durch Präemption abgelöst. Während bisherige Anstrengungen, die Zukunft hinsichtlich unerwünschter Nebenfolgen zu erforschen, noch der Idee verpflichtet waren, die Zukunft aus der Gegenwart heraus zu kontrollieren und zu steuern, hat sich in den letzten Jahren zunehmend ein Regierungsmodus etabliert, der die umgekehrte Richtung einschlägt. Die Gegenwart wird zunehmend aus der Zukunft heraus korrigiert, reformiert oder gar revolutioniert. Philosophisch stellt sich angesichts dieser Regierung der Gegenwart durch die Zukunft die Frage, ob die Zukunft überhaupt noch mit Begriffen der Offenheit, der Unvorhersehbarkeit oder der Kontingenz angemessen beschrieben werden kann. Da die Gegenwart zu einem Effekt der Vorbereitung auf die Zukunft geworden ist, wird die Gegenwart angesichts der Faktizität, wenn nicht Notwendigkeit von abgeschätzten Zukünften zunehmend zum Ort ständiger Korrekturen, Interventionen und Reformen. Soziologisch hingegen steht zur Debatte, ob gegenwärtige Gesellschaftsdiagnosen immer noch die ambivalenten Effekte einer Befreiung von den großen Erzählungen der Vergangenheit wiederholen können. Indizien wie ständig drohende Finanzkrisen, potentielle Terrorbedrohungen oder die Ausbreitung von noch unbekannten Krankheitserregern nähren den Verdacht, dass die neuen métarécits uns nicht mehr über die Vergangenheit, sondern die Zukunft erreichen. Sie sind die neuen Alternativlosigkeiten, auf die wir angeblich zeitnah, proaktiv und präemptiv reagieren müssen.