Content

Simon Güntner, A.7 Urban Commons und neue AllmendenSimon Güntner in:

Ingrid Breckner, Albrecht Göschel, Ulf Matthiesen (Ed.)

Stadtsoziologie und Stadtentwicklung, page 97 - 104

Handbuch für Wissenschaft und Praxis

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8487-3340-8, ISBN online: 978-3-8452-7677-9, https://doi.org/10.5771/9783845276779-97

Bibliographic information
Urban Commons und neue Allmenden Simon Güntner Abstract Mit Begriffen wie Urban Commons und neuen Allmenden werden räumliche und soziale Praktiken der kollektiven Bewirtschaftung geteilter Ressourcen bezeichnet. Während gemeinwirtschaftliche Ini‐ tiativen und Projekte lange zurückreichende Traditionen vor allem aus der Landwirtschaft aufgreifen, stellen sich ihnen im urbanen und kapitalistischen Kontext besondere Herausforderungen. Dieser Bei‐ trag führt zunächst in das Konzept der Gemeingüter und Allmenden (Commons) ein, um in einem zweiten Schritt das gemeinsame Bewirtschaften dieser Ressourcen (Commoning) zu thematisieren. Im dritten Schritt wird die aktuelle Renaissance von Commons im Kontext neoliberaler Stadtstrukturie‐ rung diskutiert bevor in einem abschließenden vierten Teil methodologische Überlegungen zur Com‐ mons-Forschung formuliert werden. Stichworte: Allmende, Demokratie, Gemeingut, Gemeinschaft, Ökonomie Die lange Zeit als konstitutiv für Urbanität angenommene Dichotomie von Privatheit und Öffentlich‐ keit wird zunehmend durch räumliche und soziale Konfigurationen und Praktiken infrage gestellt, die sich diesen Kategorien entziehen. Gemeint sind z. B. Gemeinschaftsgärten, Baugruppen und Energie‐ genossenschaften oder auch die vielzähligen Open-Initiativen und -projekte (Open Source, Open Space, Open Access …). Hier kommen Leute zusammen, um gemeinsam etwas zu produzieren und zu teilen oder zu tauschen, ohne dabei einer Profitlogik zu folgen. Die kollektive Bewirtschaftung von Gütern ist derweil keineswegs neu, sondern greift Traditionen der vorkapitalistischen gemeinschaft‐ lich organisierten Landnutzung auf, die als Allmende (mittelhochdeutsch für „Gemeinweide“) oder als Commons (lat. communis: gemeinschaftlich, allgemein) bezeichnet wird (Linebaugh 2012, Zück‐ ert 2012). Im urbanen und kapitalistischen Kontext verbindet sich das kollektive Handeln in neuen Allmenden und urbanen Commons mit einem gesellschaftspolitischen und emanzipatorischen An‐ spruch. Die Grenzen und Ambivalenzen dieser Strategien sind jedoch nicht nur greifbar, sondern ge‐ radezu konstitutiv für das gemeinsame Handeln, das oftmals auf kapitalistisch produzierte Ressourcen (Werkzeuge, Saatgut, Baustoffe …) und staatlich eingeräumte Rechte und Förderungen angewiesen ist. A.7 97 Gemeingüter und Commons – eine konzeptionelle Annäherung Als Gemeingüter werden all jene Güter bezeichnet, die der Allgemeinheit potenziell frei zur Verfü‐ gung stehen, wie etwa Luft, Wasser und Wälder. Ihre Zugänglichkeit geht mit einem Bewirtschaf‐ tungsproblem einher, das einer Tragödie gleicht: Wird ein Gemeingut zu intensiv genutzt, ist es wo‐ möglich nicht mehr für alle verfügbar (Hardin 1968).1 Die Lösung dieses Dilemmas, darauf hat vor allem die Ökonomin Elinor Ostrom hingewiesen, wird oftmals in einer Organisationsform gesucht, die sich zwischen Staat und Markt bewegt (Ostrom 1990). Gemeingüter sind insofern nicht mit öf‐ fentlichen, staatlich produzierten oder regulierten Gütern zu verwechseln (Harvey 2013: 138). Der Begriff Commons trägt dieser Besonderheit Rechnung und bezieht sich auf den Zusammenhang aus Gemeingütern, ihrer Bewirtschaftung, den Regeln der Nutzung und der aus der gemeinsamen Be‐ wirtschaftung und Nutzung entstehenden Gemeinschaft (Kip u. a. 2015).2 Ressourcen werden dem‐ nach erst zu Commons, wenn sie auf eine besondere Weise bereitgestellt bzw. produziert werden (Li‐ nebaugh 2014). Das gemeinsame Handeln, in dem die Bereitstellung und die Nutzung der Ressourcen eng verbunden sind, lässt sich als Commoning bezeichnen. Commoning als soziale Praxis Commoning ist eine kapitalismus- und staatskritische Praxis und hat einen transformativen Anspruch (Helfrich u. Bollier 2012, Harvey 2013). Commoners sind ihrem Selbstverständnis nach „keine iso‐ lierten, atomistischen Wesen“, sondern „kreative, unverwechselbare Individuen als Teil von vielfälti‐ gem Größerem“ (Helfrich u. Bollier 2012: 19). Ihre Praxis orientiert sich nicht an Rendite und Opti‐ mierung, sondern verbindet Produktivität mit Gemeinschaftlichkeit und Solidarität. Die Allmende ist dabei mehr als eine verwertbare Ressource, sondern eine „Lebensbeziehung“ (Weber 2012: 36), die den wertschätzenden Umgang mit allen beteiligten (menschlichen und nicht-menschlichen) Elemen‐ ten voraussetzt. Aus der solidarischen Produktion und Nutzung soll sich auch eine neue Sprache erge‐ ben, die mit Markt und Staat verbundene Begriffe und Selbstverständlichkeiten infrage stellt und überwindet. Die gemeinwirtschaftliche Praxis kann zahlreiche Formen annehmen, wie z. B. Gärtnern, Kochen, Bauen, Reparieren oder Schreiben. Zum Commoning wird diese Aktivität durch die Verbindung mit einem Gemeinschaftssinn: Es geht dann z. B. nicht nur um Pflanzen und Ernten, sondern ebenso um die soziale Gemeinschaft, die über die gemeinsame Pflege eines Gartens entsteht. Instruktiv und in vielen Arbeiten als Referenz herangezogen sind die von Elinor Ostrom formulierten „Design-Prinzi‐ pien“ für das Management von Gemeingütern: klare Grenzen, ein angemessenes Verhältnis von Auf‐ wand und Nutzen, kollektive Aushandlung der Regeln, Monitoring der Ressourcen und ihrer Nut‐ zung, ein abgestuftes Sanktionssystem bei Regelverletzung, abgestimmte und akzeptierte Konfliktlö‐ 1 Während die Problematik der Übernutzung lange Zeit als charakteristisch für Gemeingüter galt, wird in der Literatur in‐ zwischen auch auf Gemeingüter hingewiesen, auf die das nicht zutrifft, insbesondere auf Wissen (Hess u. Ostrom 2007, Kornberger u. Borch 2015). 2 Einen guten Einblick in Commons und die Commons-Forschung bietet die Website des Commons-Institut e.V., https://co mmons-institut.org. Simon Güntner 98 sungsmechanismen, rechtlich abgesicherte Anerkennung der Selbstorganisation sowie polyzentrische Koordination mit weiteren Gruppen und Handlungszusammenhängen.3 Ausgehend von diesen Prinzipien lassen sich neben den zur Bereitstellung und Bewirtschaftung einer Ressource durchgeführten Tätigkeiten (Pflügen, Ernten, Bauen, Reparieren etc.) das Grenzziehen – als Arbeit an einer gemeinsamen Identität der Commoners in Abgrenzung von anderen – sowie das Regeln der Zusammenarbeit als wesentliche Aspekte des Commoning identifizieren. Das Ziehen von Grenzen („boundary work“) ist generell grundlegend für die Konstitution von Gemeinschaften (Blok‐ land 2017) und hat eine einschließende sowie eine ausschließende Dimension. Die in der Gemein‐ schaft gemeinsam gefundenen und gelebten Regeln des Commoning und ihre Einhaltung sind sowohl für die Organisation der Teilhabe (der Commoners am Commoning) notwendig wie auch für die Auf‐ rechterhaltung der Ressource (z. B. um die aus Übernutzung resultierende „Tragödie der Allmende“ abzuwenden). Die Begrenzung der Commons hat räumliche und soziale Komponenten. Räumlich sichtbar und wirk‐ sam sind Einhegungen wie z. B. Zäune um Gärten, abschließbare Türen usw. Soziale Grenzziehungen beziehen sich u. a. auf die Informationspolitik, die Wissenskommunikation und die Einladungskultur. Indem Commoners (mit ihrer Praxis des Commoning) hegemoniale Praxen des Wirtschaftens und Re‐ gierens herausfordern (und innerhalb ihrer Grenzen brechen), formulieren sie zwar ein Versprechen auf demokratische und solidarische, postkapitalistische Gemeinschaftsbildung und erhalten somit emanzipatorisches und transformatives Potenzial – dies jedoch in erster Linie für die Gemeinschaft der Commoners. Die Ambivalenz dieses Versprechens ist greifbar: Während die Commoners ein „mo‐ ment of democracy“ (Franta u. Hamedinger 2018: 246) erleben (können), liegt dieses Moment außer‐ halb der für die Allgemeinheit gültigen Gesetze und Regeln. Sie zeigen in ihrem Tun und Dasein, dass eine andere Welt möglich ist, aber eben innerhalb gemeinschaftlich bestimmter Grenzen. Die Ka‐ tegorien und Techniken der Grenzziehung markieren Differenz und bedeuten letztlich auch den Ausschluss von nicht zur Gemeinschaft passenden Personen(gruppen) (Nielsen 2015, Hojer Bruun 2015). Im urbanen Kontext tragen Commons zur sozialräumlichen Fragmentierung bei, wenn sie z. B. Zonen bilden, die sich der neoliberalen Verwertung zu entziehen suchen. Die Herauslösung aus hegemonia‐ ler Praxis kann dabei kaum vollständig sein (im Sinne einer institutionell autonomen Enklave); sie bewegt sich innerhalb geltenden Rechts (z. B. Flächennutzung, Ordnungsrecht) oder bricht geltendes Recht (z. B. im Falle von Hausbesetzungen) unter Inkaufnahme entsprechender (polizei- oder verwal‐ tungsrechtlicher) Konsequenzen. Commons existieren nicht außerhalb der (kapitalistischen) Gesell‐ schaft, sondern sind vielfältig mit ihrer Umwelt verbunden und auf externe Ressourcen (z. B. Werk‐ zeuge, Pflanzensamen, Wasser) angewiesen, die nicht von den Commoners kontrolliert werden. Sie können folglich durchaus auch instrumentalisiert und kolonialisiert werden (Kip 2015). Urban Commons zwischen Tragödie und Komödie Als urbane Commons können zunächst jene Arrangements aus Gemeingütern, Gemeinschaft und Pra‐ xis des Commoning verstanden werden, die in urbanen Settings, also in Städten, verortet werden. Die 3 Freie Übersetzung basierend auf Ostrom 1990 und Wilson, Ostrom u. Cox 2013; in Details abweichende Übersetzungen bei Stollorz 2011: 6 und Helfrich 2015: 55. A.7 Urban Commons und neue Allmenden 99 urbane Situierung von Commons bedeutet jedoch mehr als einen besonderen räumlichen Zusammen‐ hang. Mit den daraus resultierenden Besonderheiten beschäftigen sich verschiedene Definitionsversu‐ che. Eine Überblicksstudie von Parker und Johansson (2012) schlägt z. B. drei Merkmale vor, die ur‐ bane Commons von traditionellen Commons unterscheiden: a) Der schwer zu greifende Kern der betreffenden Ressource (wie z. B. Ruhe, Sauberkeit, Sicherheit; die Autoren sprechen von der „lacking salience“) wie auch ihre Größe implizieren eine gewisse Selbstverständlichkeit, mit der sie – oftmals unbewusst oder unreflektiert – konsumiert bzw. ge‐ nutzt wird, wie z. B. Straßen und Parks. b) Die Art der Nutzung ist inzwischen angesichts der Vielfalt von Lebensstilen und sozialer Diffe‐ renzierung in Städten umstritten, ein allgemeingültiges Nutzungsmuster kann nicht vorausgesetzt werden (vgl. B.2.3 Spellerberg: Urbane Differenzierungen und C.2 Dangschat: Städtische Lebens‐ stile). c) Aus a) und b) resultiert die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit von zahlreichen staatlichen und zivilgesellschaftlichen Instanzen zur Bereitstellung, Regelung und Pflege der gemeinschaftlichen Güter in Städten. Urbane Commons entstehen, so argumentiert Sheila Foster, vor allem dort, wo die öffentliche Verwal‐ tung nicht (mehr) in der Lage ist, die betreffenden Güter zu pflegen („regulatory slippage“, Foster 2011). Als Beispiele nennt sie unter anderem Gemeinschaftsgärten, Grünflächenpflege, nachbar‐ schaftlich organisierte soziale Kontrolle und Sicherheit sowie Business Improvement Districts (BID). Die Tragödie der Übernutzung stellt sich ihrer Ansicht nach in städtischen Konstellationen nicht zwangsläufig ein, vielmehr könne sich auch eine „Komödie“ abspielen, wenn z. B. mit zunehmender Nutzung auch der Wert bzw. die Attraktivität einer Fläche oder eines Quartiers steige (Foster 2016).4 Diese Betrachtung greift nach Ansicht von Markus Kip zu kurz, da sie letztendlich konzeptionell nicht über die lokale Verortung der Güter in einer Stadt hinausgeht. Er bringt die von Henri Lefebvre formulierten Konzepte échelle (Maßstab) und niveau (Stufe) in die Debatte ein. Eine urbane Situation ist demnach ein Ort, an dem sich verschiedene Maßstabsebenen treffen („multi-scalar space“) und ihre Handlungsmaximen temporär vermittelt werden („space of mediation“). Daraus ergebe sich eine besondere Dialektik zwischen „ontologischer Offenheit“ und „strategischer Schließung“ (Kip 2015: 51): Urbanität ermöglicht Aktivitäten, die andernorts unwahrscheinlicher sind. Kip leitet aus dieser Überlegung für urbane Commons ab, dass ihre Grenzen und Bezugspunkte immer wieder ausgehan‐ delt werden müssen. Zugleich – hier zeigt sich das dialektische Element des Arguments - müssen sie danach streben zu wachsen, um die Kraft zu entwickeln, die kapitalistische Urbanisierung herauszu‐ fordern (ebd.: 53). Ähnliche Aspekte werden auch von David Harvey (2013) angeführt. Auch für ihn wird eine Ressour‐ ce erst durch die Art ihrer Nutzung zum Gemeingut. Diese Transformation könne indes auch uninten‐ dierte und paradoxe Effekte bewirken, die nicht im Sinne der Commoners sind und „die wahre Tragö‐ die der städtischen Gemeingüter in unserer Zeit“ darstellen. Am Beispiel des High Line Park in New York zeigt er u. a., dass ein Gemeingut die Gegend, in der es lokalisiert ist, aufwerten kann und damit zu Preissteigerungen und Ausgrenzung führt, die den Zielen der Commoners entgegenstehen (Harvey 2013: 140). Er unterstreicht jedoch, dass nicht die Gemeingüter (also die auf eine spezifische Weise genutzten Ressourcen wie in diesem Fall der Park) „das eigentliche Problem“ sind, sondern die Be‐ sitzverhältnisse und Eigentumsrechte: 4 Das Konzept der „Comedy of the Commons“ wurde von Carol Rose (1986) formuliert. Sie argumentiert z. B. mit einer Feier und dem üblichen Problem, dass niemand als Erste/r auf der Tanzfläche sein möchte. In einem solchen Fall steigert sich der Wert eines Guts mit zunehmender Nutzung (Rose 1986: 768). Simon Güntner 100 „Menschen, die ein interessantes und anregendes Alltagsleben in ihrer Nachbarschaft erschaffen, verlieren dieses an die räuberischen Methoden der Immobilienunternehmer, Finanziers und ein‐ kommensstarker Konsumenten, denen jegliche urbane und soziale Vorstellungskraft fehlt. Je bes‐ ser die von einer gesellschaftlichen Gruppe erzeugten Eigenschaften der Gemeingüter, desto hö‐ her ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihr im Namen privater profitmaximierender Interessen entrissen werden.“ (Harvey 2013: 145f.) Ähnlich argumentieren auch Helfrich und Bollier, wenn sie an die Einbettung von Commons in hege‐ moniale Strukturen erinnern: „Wo immer Keimformen neuer Commons auftauchen, bilden sie ein Spannungsverhältnis mit dem Bestehenden, denn sie müssen oft innerhalb des existierenden Systems von Recht und Poli‐ tik bestehen. Die doppelte Gefahr der Kooptierung und Domestizierung ist eine Herausforde‐ rung, gegenüber der jedes Projekt sein transformatives Potential behaupten muss.“ (Helfrich u. Bollier 2012: 22) Dieses Dilemma fordert die Commoners heraus, sich zusammenzuschließen und zu organisieren. Ost‐ rom schlägt dafür eine polyzentrische Ordnung vor, die von Harvey jedoch kategorisch abgelehnt wird, da sie sich „perfekt in die neoliberalen Klassenstrategien sozialer Reproduktion“ einfüge und „zur Erzeugung größerer Ungleichheit durch Neoliberalisierung“ beitrage (Harvey 2013: 153). Viel‐ mehr sei zur Durchsetzung und Absicherung antikapitalistischer Alternativen „ein zweigleisiger poli‐ tischer Angriff“ nötig, der auf Dekommodifikation durch Staatstätigkeit setzt und diese mit (emanzi‐ patorischer) Selbstorganisation in der Bewirtschaftung öffentlicher Ressourcen verbindet (ebd.: 161). Während Harvey die spezifische Tragödie der neuen Allmenden in ihrer ambivalenten Beziehung zur kapitalistischen Stadtproduktion sieht, verweisen Kornberger und Borch auf das Spannungsverhältnis zwischen Individualität und Kollektivität. Die besondere Tragödie, so ihr in Anlehnung an die Arbei‐ ten von Louis Wirth entfaltetes Argument, stellt sich v.a. für die Commoners selbst: Die Kollektivie‐ rung von Ressourcen und ihrer Nutzung kann die Spielräume der individuellen Entfaltung einengen und sie letztlich zu „Trotteln“ degradieren (Kornberger u. Borch 2015: 15). Entsprechend kritisieren sie einen romantisierenden Blick auf Gemeingüter und fordern eine Auseinandersetzung mit Macht‐ konstellationen und Mikropolitik in deren kollektiver Produktion. Ausblick: Commons, Stadtforschung und Stadtpolitik Urban Commons sind Schauplätze eines Kampfes um die Spielregeln der Alltagsökonomie und des urbanen Zusammenlebens. Insofern bilden sie wichtige Bezugspunkte für die an der Aushandlung von Urbanität interessierte Stadtforschung. Das Feld der Commons-Forschung ist bislang weitgehend durch eine Nähe der Forschenden zur von ihnen beforschten Praxis und eine sich daraus ergebende „Komplizenschaft“ (Ziemer 2013) geprägt. Viele Beiträge haben einen affirmativen Duktus und beto‐ nen das transformative Potenzial des Commoning mit dem Ziel, dieser Praxis eine Plattform zu ver‐ schaffen und sie auch theoretisch zu rahmen (Helfrich und Heinrich-Böll-Stiftung 2012, Helfrich, Bollier und Heinrich-Böll-Stiftung 2015, Dellenbaugh u. a. 2015). Die Interpretationen des Konzepts sind dabei vielfältig und reichen von der Anwendung auf kleinteilige Projekte bis zur Gleichsetzung von Urbanität und Commoning („the city itself is a commons“, Foster 2016, Hervorhebung im Origi‐ nal, ähnlich der Ansatz von Borch u. Kornberger 2015). Aus dieser Nähe ergeben sich auch eine Re‐ A.7 Urban Commons und neue Allmenden 101 flexion über die Praxis der Commons-Forschung und der Ansatz, „Forschungsprozesse selbst als Commons zu denken“ (Helfrich u. Euler 2017: 151). Forschung als Commoning erfordert die Bereit‐ schaft zu einer „doppelten Souveränität“, die es den beteiligten Akteuren (v.a.: Forschenden und Be‐ forschten) ermöglicht, Fragestellungen, Methoden und Dateninterpretation sowie die Verwendung der Ergebnisse auf Augenhöhe miteinander auszuhandeln. Im Kontext der soziologischen Stadtforschung erscheint es überdies geboten, Commoning als eine be‐ sondere Form urbaner Praxis und Vergemeinschaftung zu betrachten (Blokland 2017) und ihr Verhält‐ nis zur v. a. von Reckwitz konstatierten „Krise des Allgemeinen“ zu klären (Reckwitz 2017: 435): Indem sich urbane Commons durch ihre Praxis selbst begrenzen und ihre eigenen Regeln setzen, sind sie für Commoners wie Außenstehende so lange etwas Besonderes wie sie ihre Grenzen nicht trans‐ zendieren. Für die Commoners halten sie ein spezifisches System der Solidarität und Anerkennung, einen Resonanzraum für Selbstwirksamkeitserfahrungen und eine politische Sphäre der Selbstorgani‐ sation bereit, in der die Währungen zur Bemessung von Anerkennung und Wirksamkeit ausgehandelt werden. Die jeweilige Struktur und ihre Regeln richten sich zwar nicht an die Allgemeinheit (sie sind also gerade nicht „allgemeingültig“), haben aber durchaus das Potenzial und oft auch den Anspruch, diese zu beeinflussen. Commons sind insbesondere anschlussfähig an Stadtpolitiken und -konzepte, die sich an sozialer Ge‐ rechtigkeit (just city), Entschleunigung (slow city) und Ressourcenschonung (ecocity) orientieren. Aus Commons können soziale Bewegungen entstehen, die neue stadtpolitische Konzepte fordern und auch durchsetzen, wie sich derzeit im neuen Munizipalismus v. a. in einigen spanischen Städten zeigt. In Barcelona, Madrid und weiteren Kommunen sind lokale Regierungen mit dem Anspruch angetreten, die lokale Demokratie zu erneuern und öffentliche Verwaltung, Dienstleistungen und Infrastrukturen im Sinne einer gemeinwohlorientierten Selbstverwaltung und Mitbestimmung neu zu gestalten (Voll‐ mer 2017, Brunner u. a. 2017). Ihre Konzepte greifen viele der oben genannten Design-Prinzipien für Gemeingüter auf und wenden diese – im Sinne der „Stadt als Commons“ – auf die gesamte Stadt an. Literatur Blokland, Talja (2017): Community as Urban Practice. Cambridge (Polity Press). Borch, Christian u. Martin Kornberger (Hrsg.) (2015): Urban Commons – Rethinking the City London/New York (Routledge). Brunner, Christoph, Niki Kubazcek, Kelly Mulvaney u. Gerald Raunig (Hrsg.) (2017): Die neuen Munizipalismen – Soziale Bewegungen und die Regierung der Städte. Wien (transversal texts). Dellenbaugh, Mary, Markus Kip, Majken Bieniok, Agnes Katharina Müller u. Martin Schwegmann (Hrsg.) (2015): Urban Commons: Moving beyond State and Market, Basel (Birkhäuser). Foster, Sheila (2011): Collective Action and the Urban Commons. In: Notre Dame Law Review 87, S. 1-63. Foster, Sheila (2016): The Co-City: From the Tragedy to the Comedy of the Urban Commons. Download: https:// www.thenatureofcities.com/2016/11/02/the-co-city-from-the-tragedy-to-the-comedy-of-the-urban-commons/. Franta, Lukas u. Alexander Hamedinger (2018): Questioning Urban Commons: Challenges and Potentials in the Post-Democratic Era. In: Knierbein, Sabine u. Tihomir Viderman (Hrsg.): Public Space Unbound – Urban Emancipation and the Post-Political Condition. London/New York (Routledge), S. 239-250. Hardin, Garrett (1968): The Tragedy of the Commons. In: Science 162, no. 3859, 13.12.1968, S. 1243-1248. Harvey, David (2013): Rebellische Städte. Frankfurt a. M. (Suhrkamp). Helfrich, Silke (2015): „Elinor’s Law“ – Design-Prinzipien für Commons-Institutionen nach Elinor Ostrom. In: Helfrich, Silke, David Bollier u. Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.) (2015): Die Welt der Commons – Muster ge‐ meinsamen Handelns. Bielefeld (transcript), S. 55-56. Simon Güntner 102 Helfrich, Silke und Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.) (2012): Commons – Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat. Bielefeld (transcript). Helfrich, Silke, David Bollier u. Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.) (2015): Die Welt der Commons – Muster gemein‐ samen Handelns. Bielefeld (transcript). Helfrich, Silke u. David Bollier (2012): Commons als transformative Kraft – zur Einführung. In: Helfrich, Silke u. Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.): Commons – Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat. Bielefeld (tran‐ script), S. 15-23. Helfrich, Silke u. Johannes Euler (2017): Vom mit und für zum durch: Zum Verhältnis vom Forschen und Be‐ forschtwerden sowie zur Erforschung von Commons. In: Aulenbacher, Brigitte, Michael Burawoy, Klaus Dörre u. Johanna Sittel (Hrsg.): Öffentliche Soziologie. Wissenschaft im Dialog mit der Gesellschaft. Frankfurt a. M. (Campus), S. 146-164. Hess, Charlotte u. Elinor Ostrom (2007) (Hg.): Understanding Knowledge as a Commons: From Theory to Prac‐ tice. Cambridge (MIT Press). Hojer Bruun, Maja (2015): Communities and the commons – Open access and community ownership of the urban commons. In: Borch, Christian u. Martin Kornberger (Hrsg.): Urban Commons – Rethinking the City. London/New York (Routledge), S. 153-170. Kip, Markus (2015): Moving Beyond the City: Conceptualizing Urban Commons from a Critical Urban Studies Perspective. In: Dellenbaugh, Mary, Markus Kip, Majken Bieniok, Agnes Katharina Müller u. Martin Schweg‐ mann (Hrsg.): Urban Commons: Moving beyond State and Market. Basel (Birkhäuser), S. 42-59. Kip, Markus, Majken Bieniok, Mary Dellenbaugh, Agnes Katarina Müller u. Martin Schwegmann (2015): Seizing the (Every)Day – Welcome to the Urban Commons!. In: Dellenbaugh, Mary, Markus Kip, Majken Bieniok, Agnes Katharina Müller u. Martin Schwegmann (Hrsg.): Urban Commons: Moving beyond State and Market. Basel (Birkhäuser), S. 9-25. Kornberger, Martin u. Christian Borch (2015): Introduction – Urban commons. In: Borch, Christian u. Martin Kornberger (Hrsg.): Urban Commons – Rethinking the City. London/New York (Routledge), S. 1-21. Linebaugh, Peter (2012): Commons – von Grund auf eingehegt. In: Helfrich, Silke u. Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.): Commons – Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat. Bielefeld (transcript), S. 145-157. Linebaugh, Peter (2014): Stop, Thief! The Commons, Enclosures, and Resistance. Oakland, CA (PM Press). Nielsen, Greg M. (2015): Mediated exclusions from the urban commons – Journalism and Poverty. In: Borch, Christian u. Martin Kornberger (Hrsg.): Urban Commons – Rethinking the City. London/New York (Rout‐ ledge), S. 127-152. Ostrom, Elinor (1990): Governing the Commons. The evolution of institutions for collective action. Cambridge/New York/Victoria (Cambridge University Press). Parker, Peter u. Magnus Johansson (2012): Challenges and potentials in collaborative management of urban com‐ mons. Download: http://muep.mau.se/handle/2043/14619. Reckwitz, Andreas (2017): Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin (Suhr‐ kamp). Rose, Carol M. (1986): The Comedy of the Commons: Commerce, Custom, and Inherently Public Property, Facul‐ ty Scholarship Series. Download: https://digitalcommons.law.yale.edu/fss_papers/1828. Stollorz, Volker (2011): Elinor Ostrom und die Wiederentdeckung der Allmende. In: Aus Politik und Zeitgeschich‐ te 28-30/2011, S. 3-8. Vollmer, Lisa (2017): Keine Angst vor Alternativen. Ein neuer Munizipalismus. In: Sub\urban 5, H. 3, S. 147-156. Weber, Andreas (2012): Wirtschaft der Verschwendung – die Biologie der Allmende. In: Helfrich, Silke u. Hein‐ rich-Böll-Stiftung (Hrsg.) (2012): Commons – Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat. Bielefeld (transcript), S. 32-38. Wilson, David Sloan, Elinor Ostrom u. Michael E. Cox (2013): Generalizing the core design principles for the efficacy of groups. In: Journal of Economic Behavior & Organization 90 (Supplement), S. 21-32. Ziemer, Gesa (2013): Komplizenschaft. Neue Perspektiven auf Kollektivität. Bielefeld (transcript). Zückert, Hartmut (2012): Allmende – von Grund auf eingehegt. In: Helfrich, Silke u. Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.): Commons – Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat. Bielefeld (transcript), S. 158-164. A.7 Urban Commons und neue Allmenden 103 Weiterführende Internetquellen: https://commons.blog https://www.onthecommons.org https://commons-institut.org Simon Güntner 104

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Das Handbuch bietet erstmals einen Überblick über aktuelle und historische städtische Entwicklungen unter fünf zentralen Kategorien: Stadtentwicklung in intermediären Aushandlungsprozessen; Urbanität im Spannungsfeld von Heterogenisierung und Integration; Identitätskonstrukte und kulturelle Praktiken in Stadtkulturen; Städte als Akteure von Zukunft; Visionen und Utopien der Stadt. Informationen über Institutionen der Stadtforschung, wichtige Zeitschriften und Ausbildungseinrichtungen für Stadtsoziologie und Stadtentwicklung schließen den Band ab. Das Wechselspiel von Akteuren, Prozessen und Strukturen wird in fachlich angemessenen und allgemeinverständlichen Beiträgen aus unterschiedlichen Disziplinen der deutschsprachigen Stadtforschung greifbar. Damit ist dieses Handbuch allen Akteuren in Studium, Forschung und Praxis eine anregende Referenzquelle, ein konzises Nachschlagewerk und ein verlässlicher Begleiter im Arbeitsalltag. Mit Beiträgen von Mazda Adli | Sabine Baumgart | Nina Baur | Heidede Becker † | Klaus J. Beckmann | Solveig Behr | Maximilian Berger | Christoph Bernhardt | Matthias Bernt | Regina Bittner | Ingrid Breckner | Hans-Joachim Bürkner | Jens Dangschat | Ursula Drenckhan | Werner Durth | Susanne Frank | Sybille Frank | Thomas Gil | Albrecht Göschel | Gernot Grabher | Busso Grabow | Simon Güntner | Joachim Häfele | Nina Hälker | Tilman Harlander | Jens Hasse | Elisabeth Heidenreich | Hubert Heinelt | Dietrich Henckel | Heike Herrmann | Felicitas Hillmann | Jasmin Jossin | Johann Jessen | Sigrun Kabisch | Robert Kaltenbrunner | Volker Kirchberg | Gabriele Klein | Martin Kronauer | Carsten Kühl | Gerd Kuhn | Klaus Kunzmann | Bastian Lange | Christoph Laimer | Dieter Läpple | Sebastian Lentz | Rolf Lindner | Julia Lossau | Heinrich Mäding | Ulf Matthiesen | Marcus Menzl | Monika Meyer | Michael Mönninger | Kornelia Müller | Anna-Lisa Müller | Jörg Pohlan | Stefan Reiß-Schmidt | Dieter Rink | Marianne Rodenstein | Cornelia Rösler | Roland Roth | Renate Ruhne | Jonas Schöndorf | Dieter Schott | Dirk Schubert | Christoph Schwarzkopf | Klaus Selle | Ariane Sept | Walter Siebel | Annette Spellerberg | Wendelin Strubelt | Gabriele Sturm | Wulf Tessin | Joachim Thiel | Eberhard von Einem | Luise Willen | Sophie Wolfrum | Evgenia Yosifova | Gesa Ziemer | Karsten Zimmermann | Martin zur Nedden