Content

Grischa Perino, Hilft Stromsparen dem Klima? – Klimafreundlicher Konsum und europäischer Emissionshandel in:

Kerstin Jantke, Florian Lottermoser, Jörn Reinhardt, Delf Rothe, Jana Stöver (Ed.)

Nachhaltiger Konsum, page 131 - 142

Institutionen, Instrumente, Initiativen

1. Edition 2016, ISBN print: 978-3-8487-3222-7, ISBN online: 978-3-8452-7582-6, https://doi.org/10.5771/9783845275826-130

Bibliographic information
Hilft Stromsparen dem Klima? – Klimafreundlicher Konsum und europäischer Emissionshandel* Grischa Perino Abstract The European Commission, national governments and environmental NGOs campaign for carbon footprint reductions by households. However, many of the behavioral changes recommended reduce demand for goods produced by sectors covered by the EU Emissions Trading System (EU ETS). As a cap-and-trade scheme it imposes a binding cap on greenhouse gas (GHG) emissions from participating industries. Aggregate GHG emissions within the EU ETS hence do not change in response to changes in demand for the good produced by these industries. However, climate campaigns propagating behavioral change are likely to create leakage effects because coverage of the EU ETS is incomplete. Campaigns shifting demand away from industries subject to the EU ETS increase aggregate emissions, as do campaigns to reduce an individual’s aggregate carbon footprint because the capped sectors are emission intensive. However, campaigns targeting sectors not covered by a cap-and-trade scheme or propagating retiring of emission allowances reduce emissions. Einleitung Der Klimawandel ist eine der größten Herausforderungen der Umweltpolitik. Sowohl global als auch national erweisen sich substantielle Treibhausgasreduktionen oft als schwer durchsetzbar. Dadurch geraten die möglichen Beiträge von Individuen und Haushalten stärker in den Fokus als bei vielen anderen primär durch Produktionsprozesse verursachten Umweltproblemen. 1. * Dieser Beitrag basiert auf Perino, Climate campaigns, cap-and-trade and carbon leakage: Why reducing your carbon footprint can harm the climate, Journal of the Association of Environmental and Resource Economists, 2015, 2(3), 469–495. 131 Viele Menschen sind bereit, einen eigenen Beitrag zum Klimaschutz in Form von Änderungen im Konsumverhalten oder Lebensstil zu leisten, auch wenn dies, ob der extrem ausgeprägten Anreize zum Trittbrettfahren1, auf den ersten Blick verwunderlich erscheint. Belege dafür finden sich im Entstehen von Märkten für Ökostrom2, Autos mit Hybridantrieb3, der Wirkung von CO2-Fußabdrucklabeln4 und einer Zahlungsbereitschaft für die direkte Vermeidung von Treibhausgasen5. Konkrete Empfehlungen für klimafreundliches Verhalten kommen aus der Forschung6, von Regierungen7 und Umweltschutzorganisationen8. CO2-Fußabdruckrechner verschiedener Organisationen informieren über die mit bestimmten Entscheidungen verbundenen Treibhausgasemissionen und geben oft konkrete Empfehlungen, den persönlichen CO2-Fußabdruck zu reduzieren. CO2- 1 Andreoni, Privately provided public goods in a large economy: The limits of altruism, Journal of Public Economics 1988, 35, 57–73. 2 Siehe Kotchen/ Moore, Private provision of environmental public goods: Household participation in green-electricity programs, Journal of Environmental Economics and Management 2007, 53(1), 1–16 und Jacobsen/ Kotchen/ Vandenbergh, The behavioral response to voluntary provision of an environmental public good: Evidence from residential electricity demand, European Economic Review 2012, 56, 946–960. 3 Allcott, Social norms and energy conservation, Journal of Public Economics 2011, 95, 1082–1095 und Costa/ Kahn, Energy conservation "nudges" and environmentalist ideology: evidence from a randomized residential electricity field experiment, Journal of the European Economic Association 2013, 11(3), 680–702. 4 Perino/ Panzone/ Swanson, Motivation crowding in real consumption decisions: Who is messing with my groceries?, Economic Inquiry 2014, 52(2), 592-607. 5 Diederich/ Goeschl, Willingness to pay for voluntary climate action and its determinants: Field-experimental evidence. Environmental and Resource Economics 2014, 57(3), 405–429. 6 Siehe Gardner/ Stern, The short list: The most effective actions U.S. households can take to curb climate change. Environment 2008, 50(5), 12–25, Dietz/ Gardner/ Gilligan/ Stern/ Vandenbergh, Household actions can provide a behavioral wedge to rapidly reduce US carbon emissions. Proceedings of the National Academy of Sciences 2009, 106(44), 18452–18456 und Aamaas/ Borken-Kleefeld/ Peters, The climate impact of travel behavior: A German case study with illustrative mitigation options. Environmental Science and Policy 2013, 33, 273–282. 7 EPA, What you can do, U.S. Environmental Protection Agency, https:// www3.epa.gov/climatechange/wycd/ (zuletzt aufgerufen am 27.03.2016) und European Commission, Take control! http://ec.europa.eu/clima/sites/campaign/control/ta kecontrol_en.htm (zuletzt aufgerufen am 27.03.2016). 8 Siehe z.B. Greenpeace, Carbon footprint reduction tool kit. http://www.greenpeace. org/er-ship/en/Galley/Activist-toolkits/ (zuletzt aufgerufen am 27.03.2016). Grischa Perino 132 Fußabdrucklabels, z.B. berechnet nach ISO 14067 oder in Großbritannien nach PAS 2050, haben das Ziel, zum Zeitpunkt der Kaufentscheidung die notwendigen Informationen für klimafreundlichen Konsum bereitzustellen.9 Auch wenn diese und andere freiwillige Verhaltensänderungen von Konsumentinnen und Konsumenten den Klimawandel alleine nicht aufhalten können, sind sie für viele Forscherinnen und Forscher jedoch ein wichtiger Teil einer Gesamtstrategie, der zentral gesteuerte regulative Eingriffe wie zum Beispiel Emissionshandelssysteme sinnvoll ergänzt.10 Gängige Empfehlungen für klimafreundliches Verhalten umfassen jedoch Stromsparen und viele andere Maßnahmen, die sich auf die Nachfrage von Produkten beziehen, deren Hersteller dem europäischen Emissionshandelssystem (EU ETS) unterliegen. Emissionshandelssysteme wie das EU ETS begrenzen die von einem oder mehreren Sektoren in einem festgelegten Zeitraum ausgestoßenen Emissionen, indem eine politisch festgelegte Menge an Emissionsrechten ausgestellt wird. Die beteiligten Unternehmen können diese dann, wie jedes andere knappe Gut, handeln und so die Umweltvorgaben zu den geringstmöglichen Kosten erreichen. In der Umweltökonomie wird häufig die Ansicht vertreten, dass zusätzliche Maßnahmen in Industrien, die einem bindenden Emissionshandelssystem unterliegen, keine Auswirkungen auf die Gesamtemissionen haben.11 Die Obergrenze sei ja bereits klar definiert und weitere regulatorische Eingriffe wie Subventionen für erneuerbare Energien, das Verbot von Glühbirnen oder Stromsparen hätten daher lediglich Auswirkungen darauf, wer emittiert aber nicht darauf, wie viel insgesamt emittiert wird. Zusätzliche Eingriffe sind nicht nur wirkungslos, sondern erhöhen in der Regel die Kos- 9 Vandenbergh/ Dietz/ Stern, Time to try carbon labelling, Nature Climate Change 2011, 1, 4–6 und Perino/Panzone/Swanson (Fn. 5). 10 Ostrom, Nested externalities and polycentric institutions: must we wait for global solutions to climate change before taking actions at other scales? Economic Theory 2012, 49, 353–369, Kotchen, Voluntary- and information-based approaches to environmental management: A public economics perspective. Review of Environmental Economics and Policy 2013, 7(2), 276–295 und Dietz/ Gardner/ Gilligan/ Stern/ Vandenbergh (Fn. 7). 11 Fischer/ Preonas, Combining policies for renewable energy: Is the whole less than the sum of its parts? International Review of Environmental and Resource Economics 2010, 4, 51–92, Böhringer, Two decades of European climate policy: A critical appraisal, Review of Environmental Economics and Policy 2014, 8(1), 1– 17 und Goulder, Markets for pollution allowances: What are the (new) lessons? Journal of Economic Perpectives 2013, 27(1), 87–102. Hilft Stromsparen dem Klima? 133 ten, die aufzubringen sind, um das Vermeidungsziel zu erreichen. Das Ziel von Märkten für Emissionsrechte ist es, ein politisch vorgegebenes Ziel zu geringstmöglichen Kosten zu erreichen. Wird ohne Vorliegen eines weiteren Marktversagens in das Marktgeschehen eingegriffen, so verliert der Emissionshandel die Eigenschaft der Kosteneffektivität. Weitere Marktversagen wie Marktmacht, Informationsasymmetrien usw. sind zwar durchaus denkbar12, politisch werden Subventionen für erneuerbare Energien, Glühbirnenverbot und Stromsparen aber als Klimapolitik deklariert. Es ist jedoch fraglich, ob diese Maßnahmen im Rahmen eines Emissionshandelssystems wie dem EU ETS überhaupt einen Effekt auf die Menge der ausgestoßenen Treibhausgase haben – und falls doch, ob sie diese reduzieren oder gar erhöhen. Dieser Beitrag konzentriert sich auf die Wirksamkeit von klimafreundlichem Konsum bezüglich der Reduktion von Treibhausgasemissionen in der EU unter Berücksichtigung des EU ETS. Die Wechselwirkung zwischen privaten Anstrengungen und einer EU-weiten Regulierung stehen also im Vordergrund. Um zu vermeiden, dass durch die unterschiedlichen Skalen – Handeln eines einzelnen Menschen vs. die gesamten Treibhausgasemissionen in der EU – das Ergebnis von vornherein festgelegt ist, wird im Folgenden eine Verhaltensänderung eines relevanten Teils der Bevölkerung betrachtet. Es wird also eine Veränderung angenommen, die sich messbar auf aggregierte Größen auswirken kann. Es geht dabei nicht darum, die Größe der Effekte möglichst exakt zu quantifizieren, sondern vielmehr darum, Wirkungszusammenhänge aufzuzeigen und die Richtung des Gesamteffektes zu bestimmen. Die Analyse erfolgt unter der Annahme einer politisch vorgegebenen Obergrenze an Treibhausgasemissionen im Rahmen des EU ETS. Derzeit ist diese bis 2030 festgelegt. Das EU Emissionshandelssystem (EU ETS) Seit 2005 ist das EU ETS das Herzstück der europäischen Klimapolitik. Es ist ein sogenanntes ‚cap-and-trade‘ System, d.h. für einen bestimmten Zeitraum wird politisch eine Obergrenze (der ‚cap‘) an Treibhausgasemissionen festgelegt und die entsprechende Menge an Emissionsrechten an 2. 12 Lehmann, Justifying a policy mix for pollution control: A review of economic literature. Journal of Economic Surveys 2012, 26, 71– 97. Grischa Perino 134 die teilnehmenden Unternehmen ausgegeben. Für jede Tonne Treibhausgase, die eine dem EU ETS unterliegende Anlage verursacht, muss das Unternehmen am Ende des Jahres ein Emissionsrecht abgeben. Emissionsrechte können auf einem eigens etablierten Markt gehandelt werden (‚trade‘). Der Handel zwischen den beteiligten Unternehmen erzeugt Anreize, Emissionen genau dort zu vermeiden, wo dies am günstigsten ist. Anders ausgedrückt, die noch erlaubten Emissionen werden dort erzeugt, wo sie die größten Erträge erzielen. Für Schadstoffe wie CO2, bei denen Ort und Zeitpunkt des Ausstoßes für das Ausmaß der Schäden nahezu unerheblich sind, ist dieser Mechanismus sehr gut geeignet, um ein bestimmtes Umweltziel zu den geringstmöglichen Kosten zu erreichen. Dem EU ETS unterliegen insbesondere die emissionsintensiven Produktionsprozesse in Großanlagen. Dazu gehören die Stromwirtschaft, zentrale Wärmeerzeugung, die Papierindustrie, chemische Industrie, Metallerzeugung, Aluminiumverhüttung und alle innereuropäischen Flüge. Insgesamt deckt das EU ETS etwa 45 Prozent der in der EU ausgestoßenen Treibhausgase ab. Etwas mehr als die Hälfte wird also außerhalb des EU ETS von Sektoren wie der Landwirtschaft, dem Individualverkehr, der dezentralen Wärmeerzeugung und vielen weniger emissionsintensiven Branchen verursacht. Das EU ETS ist in sogenannte Phasen aufgeteilt, die mehrere Jahre umfassen. Phase I (2005–2007) galt als Testphase und ist für die aktuelle Analyse kaum von Bedeutung. Dies hat zwei Gründe: Der wichtigste ist, dass die in Phase I ausgegebenen Emissionsrechte nicht in spätere Phasen übertragen werden konnten. Ende 2007 wurden sie daher wertlos. Der zweite Grund ist, dass die europäische Obergrenze damals noch die Summe von nationalen Obergrenzen war und die Mitgliedsstaaten der EU in Sorge um die Wettbewerbsfähigkeit ihrer nationalen Industrien insgesamt so viele Emissionsrechte vergeben hatten, dass die Obergrenze höher war als der Bedarf. Als dies klar wurde, sackte der Preis für Emissionsrechte auf null. Das EU ETS war in Phase I also so gut wie wirkungslos. Seit Phase II (2008–2012) sind Emissionsrechte in zukünftige Phasen übertragbar. Wird ein Emissionsrecht nicht benötigt, kann es für den Gebrauch in der Zukunft praktisch unbegrenzt gespart werden. Derzeit befinden sich Emissionsrechte im Umfang einer Jahresallokation (etwa 2 Milliarden Tonnen) auf den Sparkonten der Unternehmen. Die Emissionsobergrenze ist bereits bis zum Ende von Phase IV (2021–2030) festgelegt. Die Obergrenze wird zudem nicht mehr durch die einzelnen Mitgliedsstaaten, Hilft Stromsparen dem Klima? 135 sondern zentral durch die Europäische Kommission bzw. durch EU-Richtlinien festgelegt. Das Paradox vom klimafreundlichen Verhalten, das dem Klima schadet Beginnen wir mit einem konkreten Beispiel, dem Stromsparen. Schaffen es die Bürgerinnen und Bürger der EU, ihren Stromkonsum zu reduzieren, dann wird auch weniger Strom in der EU produziert werden (Importe von außerhalb der EU spielen auf dem Strommarkt praktisch keine Rolle). Zumindest ein Teil des eingesparten Stroms entfällt auf Kraftwerke, die mit fossilen Energieträgern wie Kohle, Öl oder Erdgas betrieben werden. Die Nachfrage nach Emissionsrechten der europäischen Stromerzeugung geht folglich zurück. Zu jedem gegebenen Preis werden weniger Emissionsrechte nachgefragt. Da das Angebot jedoch fix, d.h. vollkommen preisunelastisch ist, ändert sich lediglich der Preis, zu dem Emissionsrechte gehandelt werden – er sinkt – ohne dass sich die insgesamt ausgestoßene Menge an Treibhausgasen ändert. Auch die im Herbst 2015 beschlossene Marktstabilitätsreserve (MSR) ändert daran nichts, da sie zwar den Versteigerungszeitpunkt von Emissionsrechten in die Zukunft verschiebt, die Obergrenze langfristig aber unverändert bleibt.13 Die oben bereits erwähnte Aussage, dass Maßnahmen innerhalb des EU ETS keinen Effekt auf die Treibhausgasemissionen hat, gilt weiterhin, soweit sie sich auf die langfristigen Emissionen innerhalb des Handelssystems bezieht. Wie aber ebenfalls bereits erwähnt, unterliegen mehr als die Hälfte der in der EU verursachten Treibhausgasemissionen nicht dem EU ETS. Die entscheidende Frage ist daher, wie sich die Emissionen außerhalb des EU ETS infolge des kollektiven Stromsparens verändern. Stromsparen spart Geld. Dieses Geld verschwindet aber nicht einfach, es wird vielmehr an anderer Stelle wieder ausgegeben. Sobald ein Teil des eingesparten Geldes für Produkte ausgegeben wird, deren Herstellung nicht dem EU ETS unterliegt, steigt die Produktion und infolge auch die Emissionen der nicht vom EU ETS betroffenen Sektoren. Das Stromsparen erhöht also die Treibhausgasemissionen, anstatt sie zu verringern. Dies geschieht durch die Kombination aus der Emissionsneutralität von Maßnahmen, die das EU 3. 13 Perino/ Willner, Procrastinating reform: The impact of the market stability reserve on the EU ETS, Journal of Environmental Economics and Managemet, DOI: 10.1016/j.jeem.2016.09.006 Grischa Perino 136 ETS überlagern und der gesteigerten Nachfrage nach Produkten, die dem EU ETS nicht unterliegen. Letzteres ist eine Variation des bekannten ‚rebound‘ Effektes, der Steigerungen in der Nachfrage nach Gütern und damit einen Anstieg von Emissionen aufgrund von Effizienzsteigerungen beschreibt. Einzelne mögen es schaffen, das eingesparte Geld nicht für Produkte auszugeben, die nicht dem EU ETS unterliegen. Doch das ist in der Praxis höchst kompliziert, da es detaillierte Kenntnisse der Produktionsketten und des Regulierungsrahmens erfordert. Selbst wenn es gelingt, führt das Stromsparen nicht zu einer Emissionsminderung. Das obige Beispiel bezieht sich auf die Reduktion des Stromkonsums, z.B. durch kürzere Nutzungsdauer von vorhandenen Geräten. Wie sieht es jedoch mit Investitionen in stromsparende Geräte aus? Betrachten wir das Ersetzen einer herkömmlichen Glühbirne durch eine LED-Lampe. Durch das Verkaufsverbot von Glühbirnen für den Gebrauch in Haushalten in der EU findet genau dieser Prozess gerade millionenfach statt. Die Europäische Kommission geht davon aus, dass durch das Verbot EU-weit jährlich bis zu 15 Millionen Tonnen CO2 vermieden werden.14 Dieser Wert ignoriert jedoch die Existenz des EU ETS, d.h. er bezieht die mit der Strom-, Aluminium- und Glasproduktion verbundenen Treibhausgasemissionen mit ein. Rechnet man diese heraus, so bleibt nur ein deutlich geringerer Wert von weniger als 5 Millionen Tonnen pro Jahr. Dieser beruht nicht auf der höheren Energieeffizient von LED-Lampen, sondern ausschließlich auf deren deutlich höheren Lebensdauer. Da LED-Lampen eine zwanzigfach längere erwartete Betriebsdauer haben, werden mittelfristig weniger Ressourcen (und damit Emissionen) für die Herstellung und Entsorgung benötigt, obwohl für die Produktion einer einzelnen LED-Lampe etwa zweimal so viele Treibhausgase ausgestoßen werden wie für eine herkömmliche Glühbirne.15 Diese Einsparungen müssen mit den zusätzlichen Emissionen durch die Verschiebung der Nachfrage hin zu Produkten au- ßerhalb des EU ETS verrechnet werden, denn über die gesamte Lebensspanne gerechnet spart eine LED-Lampe durch den viel geringeren Strom- 14 European Commission, FAQ: phasing out conventional incandescent bulbs, MEMO/09/368, 01.09.2009, http://europa.eu/rapid/press-release_MEMO-09-368_ en.htm (zuletzt aufgerufen am 28.03.2016). 15 Perino/ Pioch, Banning incandescent light bulbs in the shadow of the EU Emission Trading System, Climate Policy 2016, DOI: 10.1080/14693062.2016.116465 7. Hilft Stromsparen dem Klima? 137 verbrauch Geld. Bei Kühlschränken und Staubsaugern, für die es ähnliche Beschränkungen für energieineffiziente Geräte gibt, es jedoch keinen ähnlich deutlichen Zusammenhang zwischen Energieeffizienz und Lebensdauer gibt, bleibt es daher fraglich, ob sie einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Die oben beschriebene Gefahr, dass Stromsparen zu einem Anstieg der Treibhausgasemissionen in der EU führt, basiert auf einem Anstieg der Emissionen durch den zusätzlichen Konsum von Produkten, deren Herstellung nicht dem EU ETS unterliegen. Wie sieht es aus, wenn europäische Konsumentinnen und Konsumenten, anstatt einfach Strom zu sparen, einen ganzheitlicheren Ansatz wählen und stattdessen ihren CO2-Fußabdruck reduzieren? Der persönliche CO2-Fußabdruck wird dabei definiert als die Summe aller Treibhausgasemissionen, die infolge des (Konsum-)Verhaltens einer bestimmten Person ausgestoßen werden. Die Berechnung solcher Lebenszyklus CO2-Fußabdrücke auf Produktebene sind in den Normen ISO 14067 oder in Großbritannien PAS 2050 festgehalten. Sie umfassen sowohl Emissionen, die innerhalb als auch solche, die außerhalb des EU ETS entstehen. Ein fixes finanzielles Budget vorausgesetzt, reduziert sich der CO2-Fußabdruck, indem man Ausgaben von emissionsintensiven auf weniger emissionsintensive Produkte und Dienstleistungen verlagert. Also z.B. Busfahren statt Fliegen, einen Pullover kaufen statt Heizen, Kochen mit Gas statt mit Elektroherd usw. Bei der Beurteilung des Gesamteffektes ist es aber relevant, welche Sektoren dem EU ETS unterliegen und welche nicht. Die mit dem Stromverbrauch einer Elektroherdplatte verbundenen Emissionen sind bereits durch das EU ETS abgedeckt. Das Ausschalten der Herdplatte führt also nicht direkt zu weniger Emissionen, unabhängig davon, ob man Ökostrom bezieht oder nicht. Beim Anschalten des Gasherdes entstehen aber Treibhausgasemissionen, die nicht dem EU ETS unterliegen und damit nicht automatisch an anderer Stelle kompensiert werden. Der Wechsel vom Elektro- zum Gasherd erhöht also, trotz der Steigerung der Umwandlungseffizienz, die Treibhausgasemissionen. Die Ursache ist nicht technischer Natur, sondern resultiert ausschließlich aus der unterschiedlichen Behandlung der Emissionen aus den unterschiedlichen Quellen. Emissionen aus den Großanlagen der Stromerzeugung unterliegen dem EU ETS, die dezentralen Emissionen durch das Verbrennen von Erdgas in Haushalten unterliegen ihm nicht. Als Daumenregel sind die emissionsintensiven Industrien mit Großanlagen Teil des EU ETS, dezentrale und emissionsarme Erzeugungsprozesse hingegen nicht. Im Durchschnitt führt die Reduzierung des persönli- Grischa Perino 138 chen CO2-Fußabdrucks also zu einer Verschiebung der Nachfrage weg von Sektoren, die dem EU ETS unterliegen, hin zu Sektoren, die dem EU ETS nicht unterliegen. Der Gesamteffekt ist eine Erhöhung der Treibhausgasemissionen der EU. Das Einbeziehen aller Treibhausgasemissionen in das Entscheidungskalkül von Konsumentinnen und Konsumenten löst das Problem also nicht. Ist klimafreundlicher Konsum unter den gegebenen Rahmenbedingungen überhaupt möglich? Klimafreundlicher Konsum im Kontext des EU ETS Weder das Befolgen weitverbreiteter Empfehlungen wie Stromsparen „Dem Klima und dem Geldbeutel zuliebe.“16 noch der ganzheitliche Ansatz einer Reduktion des persönlichen CO2-Fußabdrucks erreicht das gewünschte Ziel. Im Gegenteil, statt die Emission von Treibhausgasen zu reduzieren, erhöhen sie diese. Klimafreundlicher Konsum ist aber auch in Zeiten des EU ETS möglich. Die zentrale Regel lautet, den persönlichen CO2-Fußabdrucks außerhalb des EU ETS zu reduzieren. Dort hat die Intuition Bestand, dass eine Reduktion persönlicher Emissionen auch einen entsprechenden Effekt auf die Gesamtemissionen hat. Der CO2-Fußabdruck außerhalb des EU ETS lässt sich auf zwei Arten reduzieren: Erstens, eine Verlagerung des Konsums von Produkten, die nicht dem EU ETS unterliegen, hin zu Produkten, die dem EU ETS unterliegen. Statt mit Gas zu kochen, also einen Elektroherd zu benutzen. Der Wirkungsgrad ist dabei aus Klimasicht unerheblich. Zweitens, außerhalb des EU ETS, eine Verschiebung der Nachfrage weg von emissionsintensiven Produkten zu weniger emissionsintensiven. Zum Beispiel also, statt mit dem eigenen Auto zur Arbeit zu fahren, den Bus zu nehmen. Der Nachteil dieser Regel ist, dass es im Alltag oft sehr schwer ist, den CO2-Fußabdruck außerhalb des EU ETS in Erfahrung zu bringen. Die gängigen Informationen von CO2-Fußabdruckrechnern, Empfehlungen von Behörden und Umweltschutzorganisationen und Labeln beziehen sich immer auf den gesamten CO2-Fußabdruck. Das EU ETS wird schlicht ignoriert. Leicht zu merken ist, dass Stromverbrauch grundsätzlich dem 4. 16 WWF, Energiewende einleiten und Energie sparen, World Wide Fund For Nature, http://www.wwf.de/aktiv-werden/tipps-fuer-den-alltag/energie-spartipps/strom-spa ren/?ppc=1&gclid=CP3gsrHz5csCFfYy0wodJCcGcQ (zuletzt aufgerufen am 29.03.2016). Hilft Stromsparen dem Klima? 139 EU ETS unterliegt, ebenso innereuropäische Flüge. Bei Produkten, selbst wenn sie z.B. zu 100 Prozent aus Aluminium bestehen, ist es schon schwieriger. Wurde das Aluminium in der EU hergestellt, so sind die damit verbundenen Treibhausgasemissionen vom EU ETS abgedeckt. Wurde das Aluminium jedoch aus dem Nicht-EU-Raum importiert, dann ist dies nicht der Fall. Bei Produkten, die längere Wertschöpfungsketten durchlaufen, ist ein Nachvollziehen für Konsumentinnen und Konsumenten nahezu unmöglich. Hier bedarf es der Hilfestellung von Behörden und Umweltschutzorganisationen, um entweder für produktspezifische Informationen in Form von entsprechender Kennzeichnung oder für adäquate Empfehlungen zu sorgen. Einige der gängigen Empfehlungen sind durchaus zutreffend. So ist es in der Regel klimafreundlicher, sich vegetarisch zu ernähren, weniger mit fossilen Brennstoffen zu heizen und weniger Auto zu fahren. Weniger (innerhalb der EU) zu fliegen17 und Stromsparen sind jedoch ungeeignete Empfehlungen, da sie keinen unmittelbaren Effekt auf die Treibhausgasemissionen haben. Die einzige Möglichkeit, als Konsumentin oder Konsument direkt den Treibhausgasausstoß in den vom EU ETS erfassten Sektoren zu reduzieren, besteht darin, Emissionsrechte zu kaufen und stillzulegen. Stillgelegte Emissionsrechte werden dem Markt dauerhaft entzogen. Sie stehen den Unternehmen also nicht mehr für Verschmutzungen zur Verfügung. Aufgrund von Registrierungsgebühren und -aufwand macht es Sinn, dies nicht selbst zu tun, sondern die Dienste einer Umweltschutzorganisation in Anspruch zu nehmen. In Deutschland ist dies mit TheCompensators (http://th ecompensators.org/de/), einem von Wissenschaftlern des Potsdam-Instituts für Klimafolgeforschung gegründetem Verein, möglich. Die politische Dimension Neben Konsumentscheidungen gibt es jedoch noch weitere Möglichkeiten, sich für Treibhausgasreduktionen (innerhalb und außerhalb des EU ETS) einzusetzen. Durch politisches Engagement, d.h. in der Rolle als 5. 17 Fliegen verursacht neben der Emission von Treibhausgasen, die hier im Vordergrund steht, einen zusätzlichen Treibhauseffekt z.B. durch Kondenzstreifen. Letzterer wird nicht durch das EU ETS erfasst. Weniger zu fliegen kann also auch innerhalb der EU die Erderwärmung reduzieren, jedoch nicht durch vermiedene Treibhausgasemissionen. Grischa Perino 140 Bürgerin und Bürger, können wir uns für unsere Werte stark machen und Einfluss nehmen. Die Treibhausgasemissionen werden in erster Linie durch politische Entscheidungen bestimmt. Im EU ETS gilt dies sowohl für die Emissionsobergrenze als auch für dessen Ausgestaltung – und damit auch für die Wechselwirkungen mit Konsumentscheidungen und anderen Maßnahmen wie der Förderung erneuerbarer Energien. Derzeit ist die Gesamtmenge der langfristig innerhalb des EU ETS ausgestoßenen Treibhausgase politisch auf eine ganz bestimmte Zahl festgelegt. Dadurch will man sicherstellen, dass die EU-Klimaziele erreicht werden. Es wäre jedoch auch möglich, die Menge der Gesamtemissionen an den Preis der Emissionsrechte zu koppeln. Sinkt der Preis, wird die Menge automatisch reduziert. Vermeidung ist billig, daher möchte die Gesellschaft gerne mehr davon. Steigt der Preis, werden zusätzliche Emissionsrechte bereitgestellt. Auf diese Weise hätten Maßnahmen, die die Nachfrage nach Emissionsrechten verschieben, nicht nur Auswirkungen auf deren Preis, sondern auch eine direkte Klimawirkung.18 Die im Herbst 2015 beschlossene und ab 2019 implementierte Marktstabilitätsreserve erfüllt dieses Kriterium leider nicht. Sie verändert zwar die Menge der in einem bestimmten Jahr versteigerten Emissionsrechte in Abhängigkeit der Menge an angesparten Emissionsrechten, aber dies erfolgt lediglich durch eine zeitliche Verschiebung von ohnehin vorgesehenen Auktionen. Die Gesamtmenge an Emissionsrechten bleibt dadurch langfristig unberührt. Klimafreundlicher Konsum und politisches Engagement sind vermutlich keine Substitute, sondern Komplemente. Ihre Wirkung verstärkt sich durch die Gegenwart des jeweils anderen. Klimafreundlicher Konsum wird effektiver, wenn die politischen Rahmenbedingungen den Konsumentinnen und Konsumenten die notwendigen Informationen für ein klimafreundliches Verhalten bereitstellen. Welche Informationen notwendig sind, hängt, wie oben beschrieben, stark von den regulatorischen Rahmenbedingungen ab. Klimafreundlicher Konsum unterstützt seinerseits politisches Engagement für mehr Klimaschutz. Neben den direkten und indirekten Auswirkungen auf die Treibhausgase ist er eine Möglichkeit im Alltag 18 Weitzman, Prices vs. quantities, Review of Economic Studies 1974, 41(4), 477– 491, Roberts/ Spence, Effluent charges and licenses under uncertainty, Journal of Public Economics 1976, 5(3), 193–208 und Grosjean/ Acworth/ Flachsland/ Marschinski, After monetary policy, climate policy: Is delegation the key to EU ETS reform? Climate Policy 2016, 16, 1–25. Hilft Stromsparen dem Klima? 141 – und zumindest zum Teil – deutlich sichtbar, für seine Werte einzustehen und deutlich zu machen, dass diese nicht am Geldbeutel aufhören. Fazit Klimafreundlicher Konsum wird durch das EU-Emissionshandelssystem deutlich komplizierter. Viele der gängigen (und intuitiven) Empfehlungen sind wirkungslos oder haben gar eine gegenteilige Wirkung. Um derzeit die Treibhausgasemissionen in der EU zu senken, ist es entscheidend, seinen CO2-Fußabdrucks außerhalb des EU ETS zu senken. Dazu fehlen Verbrauchern aber in vielen Fällen die notwendigen Informationen. Emissionen innerhalb des EU ETS sind klimaneutral. Sie können durch Konsumverhalten nur verschoben, nicht aber vermieden werden. Jede/r Einzelne kann aber auch für eine Reduktion der Emissionen innerhalb des EU ETS eintreten. Einerseits durch das Stilllegen von Emissionsrechten, andererseits durch politisches Engagement. Denn die Emissionsobergrenze wird von der Politik bestimmt – und die kann sie auch reduzieren. Die Rolle der politisch engagierten Bürger/innen ist hier wichtiger als die von Konsument/innen. Kurzfristig sind die Regeln des Emissionshandels zwar gegeben, sie lassen sich jedoch ändern. Wäre die Menge der ausgegeben Emissionsrechte abhängig vom Marktpreis für Emissionen, dann hätten Änderungen in der Stromnachfrage auch Auswirkungen auf die Treibhausgasemissionen. Viel Zeit bleibt nicht mehr die Erwärmung des Weltklimas auf ein vertretbares Maß zu begrenzen. Umso wichtiger ist es, dass die Anstrengungen auf die Aktivitäten konzentriert werden, die uns diesem Ziel tatsächlich näherbringen. 6. Grischa Perino 142

Chapter Preview

References

Abstract

This interdisciplinary volume analyses the potential of, the challenges posed by and the obstacles to sustainable consumption. It discusses institutional factors, policy instruments and civil society initiatives that aim to promote sustainable consumption. The contributions in the book assess policy innovations and regulatory instruments, observe current institutional changes in the field of sustainable consumption and critically reflect on the emergence of new actors and initiatives. The volume initiates a dialogue between the multiple disciplines involved in sustainable consumption research. It bridges economic, sociological, political, legal, philosophical, pedagogical and natural sciences perspectives on core problems and fundamental conflicts to encourage the development towards more sustainable patterns of consumption. This volume’s interdisciplinary nature provides insights beyond the boundaries of individual disciplines to enable cooperation on research into sustainable consumption.

With contributions by:

Marion Albers, Marina Alt, Wolfgang Bretschneider, Jacob Brower, Timo Busch, Ravindra Chitturi, Anette Cordts, Marina Creydt, Peter Dauvergne, Antonietta di Giulio, Markus Fischer, Doris Fuchs, Erik Gawel, Ulrich Gebhard, Daniela Gottschlich, Jonathan Happ, Franziska Haucke, Anne-Katrin Holfelder, Kerstin Jantke, Kim Lenhart, Andrea Lenschow, Florian Lottermoser, Michael G. Luchs, Florian Mäschig, Alexander Meier, Sina Nitzko, Grischa Perino, Jan Pollex, Jörn Reinhardt, Delf Rothe, Detlef Sack, E. K. Sarter, Sabine Schlacke, Thomas Schramme, Alexander Schrode, Sandra Schwindenhammer, Achim Spiller, Jana Stöver, Klaus Tonner

Zusammenfassung

Der interdisziplinäre Band analysiert Potenziale, Herausforderungen und Grundkonflikte einer Politik des nachhaltigen Konsums. Erörtert werden institutionelle Rahmenbedingungen und Steuerungsinstrumente sowie die Möglichkeit von Initiativen, nachhaltiges Konsumverhalten zu stärken. Die Beiträge widmen sich innovativen Instrumenten und Gesetzesinitiativen im Bereich der Informationspolitik, diskutieren aktuelle institutionelle Entwicklungen im Feld des nachhaltigen Konsums und beziehen auch die Entstehung neuer zivilgesellschaftlicher Initiativen und Akteure mit ein. Neben gesellschafts-, rechts- und wirtschaftswissenschaftlichen Ansätzen werden auch philosophische und erziehungswissenschaftliche sowie naturwissenschaftliche Facetten des nachhaltigen Konsums erörtert. Die interdisziplinäre Ausrichtung des Bandes eröffnet die Möglichkeit, Impulse über die Grenzen des eigenen Fachs hinaus zu gewinnen, und zeigt Kooperationsperspektiven in der Forschung zum nachhaltigen Konsum auf.

Mit Beiträgen von:

Marion Albers, Marina Alt, Wolfgang Bretschneider, Jacob Brower, Timo Busch, Ravindra Chitturi, Anette Cordts, Marina Creydt, Peter Dauvergne, Antonietta di Giulio, Markus Fischer, Doris Fuchs, Erik Gawel, Ulrich Gebhard, Daniela Gottschlich, Jonathan Happ, Franziska Haucke, Anne-Katrin Holfelder, Kerstin Jantke, Kim Lenhart, Andrea Lenschow, Florian Lottermoser, Michael G. Luchs, Florian Mäschig, Alexander Meier, Sina Nitzko, Grischa Perino, Jan Pollex, Jörn Reinhardt, Delf Rothe, Detlef Sack, E. K. Sarter, Sabine Schlacke, Thomas Schramme, Alexander Schrode, Sandra Schwindenhammer, Achim Spiller, Jana Stöver, Klaus Tonner