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Anna Henkel, Isolde Karle, Gesa Lindemann, Micha H. Werner, Drei Dimensionen der Sorge in:

Anna Henkel, Isolde Karle, Gesa Lindemann, Micha Werner (ed.)

Dimensionen der Sorge, page 19 - 34

Soziologische, philosophische und theologische Perspektiven

1. Edition 2016, ISBN print: 978-3-8487-2907-4, ISBN online: 978-3-8452-7259-7, https://doi.org/10.5771/9783845272597-19

Series: Dimensionen der Sorge, vol. 1

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I Interdisziplinäre Perspektiven Drei Dimensionen der Sorge1 Anna Henkel, Isolde Karle, Gesa Lindemann, Micha H. Werner Die Sorge ist gegenwärtig als eine mögliche Zukunft. Sorge wirkt also gegenwärtig durch die Voraussicht, durch die Vergegenwärtigung dessen, was nicht ist, aber doch werden könnte. Alle Wesen, die sich durch die Fähigkeit des Heraustretens aus ihrem unmittelbaren Hier und Jetzt auszeichnen, können sich sorgen. So wird verständlich, dass sich um die Sorge als Quelle einer positiv-umsichtigen Pflege ebenso wie einer negativ-paralysierenden Zukunftsangst eine Vielzahl religiöser und philosophischer Konzepte sowie sozialer Bezüge ranken. Die Vielfalt semantischer Konnotationen und Ableitungen wie Sorgfalt, Sorgsamkeit, Vorsorge, Fürsorge oder Versorgung deuten darauf hin, wie tief die Sorge als Antrieb und Folge in soziale Verhältnisse eingebettet ist. Die hier vorgeschlagene Gestaltung des Forschungsschwerpunkts „Dimensionen der Sorge“ strebt an, diese inhärente und gewachsene Vielfalt der Zugänge zuzulassen und mittels eines erweiterten Konzeptes der Sorge ordnend aufeinander zu beziehen. Dies eröffnet einen interdisziplinären Forschungsraum, in dem Aufschluss darüber gewonnen werden kann, wie sich die Sorge als existentielle Grundkonstante des Menschen in einer Gegenwart manifestiert, die gleichzeitig Sorge begrenzend die Fürsorge institutionalisiert und Sorge entgrenzend die vorsorgende Gestaltung einer als unsicher erlebten Zukunft in die Verantwortung des Einzelnen legt. Kern des Forschungsprogramms ist die methodische Bestimmung von Sorge als Beziehung zwischen einem sorgenden Selbst und einem „Worum“ seiner Sorge. Es ergeben sich daraus als drei Dimensionen: die Sorge um sich, die Sorge um den Anderen und die Sorge um die Umwelt. Diese relationale Konzeption der Sorge wird erweitert durch eine historisch-genealogische Perspektivierung sowie durch die Berücksichtigung möglicher 1 Dieser Text wurde im Februar 2014 als Vollantrag auf die Ausschreibung der Gestaltung eines Promotionsschwerpunkts „Dimensionen der Sorge“ von den AutorInnen beim Evangelischen Studienwerk Villigst gestellt. Der Antrag wurde angenommen, seit Sommer 2015 wird ein Forschungsschwerpunkt entlang diesen Überlegungen gestaltet. 21 Außenverhältnisse der Relation zwischen sorgendem Selbst und dem Worum der Sorge. Die je fachspezifischen Zugriffe von Philosophie, Theologie und Soziologie lassen sich in diesem ebenso neutralen wie interdisziplinär anschlussfähigen Rahmen entfalten und durch die ordnende Systematik fruchtbar miteinander ins Gespräch bringen. Es gelingt so, der theoretischen wie lebensweltlichen Vielfalt der Dimensionen der Sorge gerecht zu werden und sie im Hinblick auf eine integrative Forschungsperspektive zu verdichten. Das Thema der Sorge kann in den beteiligten Disziplinen jeweils für sich auf eine gewisse Tradition zurückblicken. Was die Philosophie betrifft, so spielt Sorge der Sache nach seit Pythagoras und erst recht seit den Anfängen der antiken Tugendethik eine zentrale Rolle. Die Phänomenologie Heideggers räumt dem Begriff der Sorge schließlich explizit einen zentralen, zugleich aber tendenziell egozentrischen, da auf das „jemeinige eigentliche Selbst“ fixierten existentiellen Stellenwert ein (Heidegger 1926/1993). Diese Einengung haben Martin Buber und Emanuel Levinas auf der einen, Hans Jonas auf der anderen Seite, teils in kritischer Absetzung von Heidegger, zu überwinden gesucht (Werner 2008). Während Buber und Levinas das Konzept der Sorge mit Blick auf den Anderen erweiterten (Buber 1923/1997; Levinas 2002; Levinas 2004), hat Jonas, aufbauend auf naturphilosophischen Überlegungen (Jonas 1973/2010), die Sorge in Richtung einer Ethik der Verantwortung für die organismische Natur insgesamt transformiert (Jonas 1984). Motive der dialogphilosophischen Sorgekonzeption sind später etwa in die Diskussionen der Diskursethik (Habermas’ Solidaritätskonzept, Apels Konzept der Mitverantwortung) und jüngst auch in Darwalls auf dem Reflexionsniveau der aktuellen Metaethik entwickelten ethischen Konzeption des „Second Person Standpoint“ eingewandert (Habermas 1986; Apel 1988; Darwall 2006). Die in der Abgrenzung von einem als formalistisch-legalistisch kritisierten Gerechtigkeitsuniversalismus entstandene (Gilligan 1982) und an tugendund mitleidsethische Motive ebenso wie an Motive feministischer Rationalitätskritik anknüpfende Tradition der Care-Ethik sucht Sorge überhaupt als ethisches Grundprinzip zu etablieren (Held 2005). Die Theologie gibt dem Menschen Möglichkeiten, Sorge zu reflektieren und zu bearbeiten. Als Seelsorge ist dies eines der zentralen Elemente der praktischen Theologie (z.B. Nauer 2007). Gleichzeitig geht es theologisch immer auch um die Sorge für den Nächsten und dabei besonders um die Sorge für Kranke, die nicht nur im diakonischen Handeln, sondern in Seelsorge und Gottesdienst auch als Fürbitte, Segnung oder/und Salbung (Ernsting 2012) Aus- Anna Henkel, Isolde Karle, Gesa Lindemann, Micha H. Werner 22 druck findet. Die Soziologie thematisiert Sorge z.B. im Konzept der Kontingenzbewältigung (Luhmann 1971) bzw. im Konzept der Bestimmung von Unbestimmtheit (Garfinkel 1967). Darüber hinaus hat Foucault über die Disziplingrenzen hinweg Studien zur Sorge um sich im gesellschaftlichen Wandel angeregt (Foucault 1989; Bröckling, Krasmann et al. 2000). Mit dem hier vorgestellten Schwerpunkt wird angestrebt, solche bestehenden Konzepte der Existentialphilosophie, Ethik, praktischen Theologie oder der Selbstsorge (Foucault) sowie die lebensweltlich-semantische Vielfalt der Sorge aufzugreifen und diese in einem erweiterten Konzept von Sorge produktiv miteinander in Beziehung zu setzen. Dies gelingt durch das heuristische Auffächern der Sorge in drei analytischen Dimensionen, die durch die Berücksichtigung einer historisch-genealogischen Perspektive sowie möglicher Außenkontexte von Sorge erweitert werden. Ein solches erweitertes Konzept der Sorge verspricht Aufschluss im Hinblick auf die Frage, wie sich die Sorge als existentielle Konstante des Menschen in der Gegenwart manifestiert und welche Wege im Umgang mit der Sorge beschritten werden. Der moderne Mensch, so die These, ist in einem von Zweckrationalität geprägten Weltzugang darauf zurückgeworfen, Sorge in konkret zu erreichende Zielsetzungen partikularisiert zu bearbeiten. Es gilt zu untersuchen, wie die Bearbeitung einer existentiellen Sorge um das Heil des Selbst, der Gemeinschaft und der Welt in diesem Rahmen bewältigt werden kann. Das Forschungsprogramm basiert auf den Leitunterscheidungen eines erweiterten Konzeptes der Sorge. Diese werden als drei Dimensionen der Sorge unter Berücksichtigung von Beispielen entfaltet. Auf dieser Grundlage wird das Analysepotential deutlich, das sich durch die Unterscheidung der drei Dimensionen sowie aus deren Wechselverhältnissen ergibt und die Formulierung zentraler übergreifender Forschungsfragen im Hinblick auf die Manifestation der Sorge in der Gegenwart erlaubt. Leitunterscheidungen eines erweiterten Konzeptes der Sorge Die Sorge findet ihren Ursprung in der Fähigkeit, aus der Gegenwärtigkeit des Hier und Jetzt herauszutreten und auf mögliche Zukünfte zu reflektieren. Versteht man den Menschen als ein verkörpertes Selbst, das nicht nur gegenwärtig auf Umweltreize reagiert, sondern zudem auf sein Verhältnis zu sich selbst, zum Anderen und zu seiner Umwelt zu reflektieren vermag, so ist die Sorge dem Menschen wesentlich gegeben. Dieser Ausgangs- 1. Drei Dimensionen der Sorge 23 punkt steht in der Denktradition Schleiermachers, Fichtes und Diltheys und bietet damit interdisziplinär vielfältige Anknüpfungspunkte. Mit dem Heraustreten eines Selbst aus seiner unmittelbaren Gegebenheit lässt sich die Sorge methodisch als Beziehung zwischen dem sorgenden Selbst und dem „Worum“ seiner Sorge bestimmen. An diese relationale Konzeption von Sorge knüpfen die drei Leitunterscheidungen des erweiterten Konzeptes der Sorge an: • Differenzierung von drei Dimensionen der Sorge mit Blick auf deren Worum, • Historisch-genealogische Perspektivierung der drei Dimensionen der Sorge sowie • Berücksichtigung möglicher Außenverhältnisse der Relation zwischen sorgendem Selbst und dem Worum der Sorge. Ausgehend von einem Verständnis des sorgenden Selbst als bewusst erlebend, aber auch als sozial eingebettet und leiblich verkörpert, werden die drei Dimensionen der Sorge als zentrale Heuristik zur Differenzierung der Bezugsobjekte der Sorge methodisch begründet abgeleitet: Mögliches Bezugsobjekt des sorgenden Selbst ist zunächst dessen eigenes Erleben, dessen Seele, Bewusstsein, Psyche oder der erlebte Körper-Leib. Es ergibt sich daraus die erste Dimension der Sorge: die Sorge um sich, die „Selbstsorge“. Dabei erweist sich das Selbst der Selbstsorge als immer schon eingebettet in und angewiesen auf soziale Interaktions- und Anerkennungsverhältnisse. Daher ist ein weiteres Bezugsobjekt des sorgenden Selbst das andere Selbst, der Nächste oder das sozial verstandene alter ego. Die Inblicknahme dieses Bezugsobjekts erfordert die Einbeziehung der kulturellen Traditionen, der sozialen Strukturen und Institutionen, die Sorgeverhältnisse ermöglichen und flankieren. Es ergibt sich daraus die zweite Dimension der Sorge: die Sorge um den Anderen, analytisch verbunden mit der Untersuchung der kulturellen und institutionellen Voraussetzungen wechselseitiger Sorgebeziehungen. Schließlich befindet sich das sorgende Selbst als leiblich verkörpert in einer natürlichen Umwelt, die Voraussetzung der körperlichen Lebensfähigkeit ist. Es ergibt sich daraus die dritte Dimension der Sorge: die Sorge um die natürliche Umwelt. Fragt man nach der Manifestation und den Formen des Umgangs mit der Sorge, so erlaubt die Unterscheidung dieser drei Dimensionen eine differenzierte Betrachtung. Das Interesse an der Manifestation von Sorge in der Gegenwart deutet auf den methodischen Ausgangspunkt hin, die Manifestationsformen der Anna Henkel, Isolde Karle, Gesa Lindemann, Micha H. Werner 24 Sorge als einem genealogischen Wandel unterworfen zu verstehen. In der heuristischen Unterscheidung ist die Möglichkeit historischer Kontingenz dessen mitgedacht, was sich in sozialer, zeitlicher, räumlicher und sachlicher Hinsicht als Sorge jeweils ausdrückt. Ein erweitertes Konzept zur Untersuchung der Sorge in der Gegenwart muss solche genealogischen Kontingenzen gerade deshalb berücksichtigen, um der Gefahr einer Ontologisierung von historischen Formen der Sorge zu entgehen. Eine existentialontologische Kategorie wird mithin im Sinne Diltheys, Plessners oder Foucaults genealogisiert (vgl. hierzu etwa die Kritik an Heideggers Daseinsbegriff bei Misch 1929-30/1967 und Plessner 1931/2003). Schließlich erlaubt das relationale Ausgangsverständnis von Sorge als Beziehung zwischen sorgendem Selbst und dem Bezugsobjekt der Sorge die Frage zu berücksichtigen, ob und inwieweit in Relationen der Sorge Bezüge auf außerhalb dieser Relation liegende Kontexte bestehen und welche Funktion solche Außenverhältnisse für die Sorge haben. So sind in einem christlich theologischen Verständnis die drei Bezugsobjekte der Sorge stets in ein Verhältnis zwischen dem sorgenden Selbst und seiner Beziehung zu Gott und zum Nächsten eingebettet. Die Sorge um sich stellt sich dar als Sorge um die christlich verstandene Seele, die Sorge um den Anderen als Sorge um den Nächsten, die Sorge um die Umwelt als Sorge um die göttliche Schöpfung. In einer existentialontologischen Perspektive hingegen ist das Selbst in die Welt geworfen und erschließt sich in einem rein zweistelligen Verhältnis der Sorge für diese Welt. Soziologisch ließe sich bemerken, dass Sorge in der modernen Gesellschaft zunehmend eine an Kriterien festgemachte Darstellung von Sorge gegenüber Dritten ist. Die Sorge um sich, um andere und um die Umwelt unterliegt institutionellen Kontrollen. Bestehen, Wandel und Funktion von Außenverhältnissen der Sorge erweitert das methodisch-analytische Spektrum zur Untersuchung der Manifestations- und Bearbeitungsformen der Sorge in der Gegenwart. Ist die Annahme richtig, dass die Fähigkeit des aus sich heraustretenden Reflektierens eine Grundkonstante des Menschen und damit Grundlage wie stetige Quelle von Sorge ist, so erklärt sich die kaum überschaubare Vielfalt der Inhalte, Ausdrucksweisen und Bewältigungsformen der Sorge. Das hier vorgeschlagene Modell der Sorge erlaubt, diese Vielfalt zuzulassen und zugleich in einem neutral-interdisziplinären Rahmen ordnend aufeinander zu beziehen. Es gelingt so, die Besonderheiten der Sorge in der Gegenwart und die damit für den Menschen entstehenden Herausforderungen zu untersuchen. Drei Dimensionen der Sorge 25 Im Folgenden werden zunächst die drei objektbezogenen Dimensionen der Sorge näher erläutert und anhand ausgewählter Beispiele spezifiziert, wobei die Leitfragen der Genealogie und Außenverhältnisse exemplarisch Berücksichtigung finden; abschließend wird anhand von übergreifenden Leitfragen das analytische Potential im Hinblick auf das Untersuchungsanliegen des Forschungsschwerpunktes aufgezeigt. Die Dimension der Sorge um sich In dieser Dimension ist die Sorge des reflektierenden Selbst auf sich selbst gerichtet. Es steht damit das Psychische im Sinne eines Mir-Zumute- Seins, eines Etwas-Seins im Mittelpunkt, aber auch die Sorge um die Geltung des eigenen Selbst in einem transzendenten oder immanenten Kontext. Aus philosophischer Perspektive ist in dieser Dimension die Frage relevant, inwieweit eine Sorge um sich als existentielle Grundbestimmung wirkt. Wenn sich der Mensch die Welt aus der sorgenden Reflektion seines Seins erschließt, so müsste die Sorge um sich über den Wandel ihrer Manifestationsformen hinweg übergreifende Bezüge aufweisen. Zugleich sieht sich die existentialontologische Identifikation des zum Tode vorlaufenden Daseins mit der Sorge jedoch der Kritik ausgesetzt, das Wie des Daseins einseitig von der Grundbefindlichkeit der Angst her zu erschlie- ßen. Dem existenzialistischen Nihilismus, der Geschichtlichkeit auf Vergänglichkeit verkürze, setzt Ernst Bloch eine Ontologie des „Noch-Nicht- Seins“ mit der Grundbefindlichkeit der Hoffnung auf ein utopisches, nicht entfremdetes Sein entgegen (Bloch 1985; Bloch 1989), die ihrerseits die Theologie befruchtet hat (Moltmann 1964). Moralphilosophisch ist Selbstsorge ein zentrales Thema der klassischen Tugendethik, dessen Bedeutung jedoch im Zusammenhang mit der neuzeitlichen Ausdifferenzierung zwischen normativen Fragen des Gerechten und evaluativen Fragen des „Guten Lebens“ problematisch geworden ist, denn Selbstsorge scheint weder in „Pflichten gegenüber sich selbst“ noch in unverbindlichem individuellem Glücksstreben restlos aufzugehen. Theologisch ist in dieser Dimension die Sorge um das Heil der Seele mit ihrem Gegenstück der Seelenruhe zentral. Aus praktisch-theologischer Perspektive wäre relevant, die Funktion von Seelsorge, Gebet und Beichte, sich etwas „von der Seele zu reden“, zu untersuchen (Dinkel 2004), aber auch, inwieweit Gottesdienst und Seelsorge zur „Erbauung“ der Seele 2. Anna Henkel, Isolde Karle, Gesa Lindemann, Micha H. Werner 26 beitragen können – und dies vor allem in einer Gesellschaft, die durch die ständige Sorge um die eigenen Zukunftsmöglichkeiten gekennzeichnet ist (Karle 2011). Im Anschluss an Foucault ergänzt die Soziologie diese beiden Zugänge durch Studien zu außerreligiösen Formen der Sorge um sich. Das bereits an Grundschulen praktizierte Prinzip der Zielvereinbarungen und der wachsende Markt des personal coachings können spannungserzeugend eingebracht werden. Genealogisch wäre die Möglichkeit des historischen Wandels der Manifestationsformen der Sorge um sich einzubeziehen. Dabei ist in Rechnung zu stellen, dass auch das Selbst, als das Worum der Sorge, nicht als universell angesehen werden kann: So ging mit der Mission der Einwohner Neukaledoniens einher, dass sie sich nicht mehr wie bislang in der dividualisierten Aufrechterhaltung von Beziehungen gleichsam auflösten, sondern eine individuelle Sorge um sich entwickelten (dazu Leenhardt 1947/1983: Kap. XI). Aristoteles geht dann bereits von einem individualisierten Selbst aus, wobei die Seele jedoch noch im Sinne eines den Kosmos abbildenden, gleichgewichtigen Systems gedacht wird, so dass die Sorge auf die Herstellung von Ausgleich ausgerichtet ist. Diese Einbindung ist in der Moderne weitgehend aufgelöst, wenn etwa bei Sartre die Sorge um das Sein letztlich durch einen Akt des Schaffens bearbeitet wird. Kann man in Anbetracht dessen davon sprechen, dass Sorge als Spielart einer Grundkonstanten zu verstehen ist? Entspricht dem theologisch ein Wandel der Anforderungen an Seelenruhe und der Mittel diese zu erreichen? Greift eine Verweltlichung der Sorge um sich, indem diese mehr auf einen messbaren sozialen Status und eine an Normalparametern gemessene Gesundheit statt auf einen inneren Zustand bezogen wird? Ergänzend gilt es, Außenbeziehungen des Selbst in seiner Sorge zu sich einzubeziehen. Ist eine Sorge um sich als rein existentiell-relationales Verhältnis ohne Außenkontext überhaupt denkbar/auffindbar? Gibt es eine Tendenz, die Sorge um sich aus einem das Selbst insgesamt betreffenden Kontext des Kosmos oder des Göttlichen in partikularisierte Arenen zu verschieben, in denen als Ziele konkretisierte Elemente der Sorge um sich (Gesundheit, Konfliktfähigkeit, Teamfähigkeit, Belastbarkeit, Selbstorganisationfähigkeit, Empathie etc.) bearbeitet werden? Drei Dimensionen der Sorge 27 Die Dimension der Sorge um den Anderen In der zweiten Dimension der Sorge geht es um „den Anderen“ als Bezugsobjekt des sorgenden Selbst. Die Sorge richtet sich hier auf das Wohl derer, die mit dem sich sorgenden Selbst eine gemeinsame soziale Welt bilden. Plessner und Löwith sprechen an dieser Stelle von der Mitwelt (Plessner 1928/75: 300 f; Löwith 1928/1981 2. Kapitel); theologisch sind hier die Gemeinschaft, soziologisch die Beziehung zu anderen (Interaktion) bzw. Gesellschaft angesprochen. Aus philosophischer Perspektive sind an dieser Stelle insbesondere zwei Aspekte anzusiedeln: Einmal die Frage, wie das Selbst zur Sorge um einen anderen überhaupt kommt, etwa im Sinne der Phänomenologie als Frage nach der Existenz des anderen Ich; sowie zweitens die Frage, inwieweit eine Sorge um andere als ethischer Imperativ zu verstehen und zu begründen ist (Dialogphilosophie einschließlich aktueller Anknüpfungen, Care-Ethics, Fragen der Grenzziehung in der Bio-, Tier- und Robotikethik). Theologisch ist hier die Sorge im Sinne eines Mitleidens mit den Leidenden (Bonhoeffer) und der Nächstenliebe angesprochen. Hinsichtlich Manifestationen von Sorge in der Gegenwart wäre es etwa fruchtbar, den zum Teil in Verruf gekommenen Altruismus als Sorge für andere zu untersuchen (z.B. in familiären Beziehungen, aber auch in der Hilfe für andere) und dessen Logik gegen die ökonomische Tauschlogik mit einer ihr eigenen Rationalität zu profilieren. Die Soziologie kann diese beiden Zugänge wiederum ergänzen, indem sie außerkirchliche soziale Institutionen der Sorge vergleichend einbringt, etwa familiär-pflegende Sorge, aber auch gewerkschaftliche, genossenschaftliche oder politische Solidarität. Insbesondere in dieser Dimension der Sorge um andere spielen die genealogische Perspektive sowie die Frage nach den Außenverhältnissen der Sorge eine wichtige Rolle. Ein historisch-kultureller Vergleich zeigt schnell, wie sehr es einem Wandel unterliegt, wer als Anderer Gegenstand der Sorge wird. Der gegenwärtige Anspruch, alle lebenden Menschen als der Sorge würdige Andere zu fassen, ist historisch nicht selbstverständlich, entfaltet aber derzeit empathische Kraft über den Globus hinweg, etwa, wenn es um Flutopferhilfe geht. Gleichzeitig stößt eine Sorge etwa um Flüchtlinge aus Kriegsgebieten an Grenzen, wenn eine Unterkunft in unmittelbarer Nachbarschaft eingerichtet werden soll. Wie lassen sich solche Diskrepanzen philosophisch, theologisch und soziologisch erklären? In diesem Zusammenhang sind wiederum die Außenverhältnisse der Sorge relevant. Gerade die Sorge um Andere äußert sich in sichtbaren Taten, was 3. Anna Henkel, Isolde Karle, Gesa Lindemann, Micha H. Werner 28 die Frage mitführt, für wen solche Taten sichtbar sein sollen. Macht es einen Unterschied, ob eine Tat für Gott, eine spezifische Gemeinschaft oder eine Institution wie das Jugendamt sichtbar gemacht wird? Und welche Auswirkungen hat es umgekehrt auf die Sorge um Andere, wenn man sich im organisierten Wohlfahrtsstaat darauf verlassen kann, dass entsprechende Taten staatlich organisiert und vorgenommen werden? Die Dimension der Sorge um die Umwelt In der dritten Dimension ist die natürliche Umwelt Gegenstand des sorgenden Selbst. Umwelt ist hier in einem weiten Sinne als jenes Außenverhältnis des reflektierenden Selbst zu fassen, in dem es als Körper in einer ihn umgebenden Außenwelt steht. Gemeint ist dabei nicht nur eine Sorge um die Integrität der Natur an sich und um die zukünftige Welt der Anderen, sondern auch um die Umwelt des eigenen Körpers, die diesen Körper bedrohen, schädigen, zerstören, aber auch wärmen und stärken kann. Philosophisch kann hier an eine breite Tradition angeschlossen werden, die eine ethische Fürsorge des Menschen für Erhalt und Pflege der natürlichen Umwelt postuliert. Strittig ist in der umweltethischen Diskussion, ob entsprechende Sorgepflichten lediglich mittelbaren Charakters sind, nämlich aus Pflichten gegenüber anderen Personen abgeleitet werden müssen, oder ob darüber eine unmittelbare Verantwortung gegenüber nichtmenschlichen Lebewesen, oder gar der gesamten (auch unbelebten) Natur besteht (Anthropo-, Patho-, Bio-, und Holozentrismus). In Gestalt von Theorien wie der Jonas’schen Verantwortungsethik ist dieser Diskurs auch genealogisch mit dem existentialontologischen Sorgediskurs verwoben. Theologisch stellt sich die Sorge um die Umwelt dar in der jüdisch-christlichen Aufforderung, die Schöpfung zu bewahren. Dazu gehört auch die Sorge um das leibliche Leben, dem theologisch ein Recht auf Selbstzwecklichkeit zukommt. Welche ethischen Imperative lassen sich, so wäre etwa zu fragen, aus dieser Schöpfungstheologie ableiten? Ein Erhalt der Schöpfung steht mit einem Nutzen der Natur für die Erfüllung körperlicher Grundbedürfnisse in einer grundsätzlichen Spannung. Wie weit darf ein „Nutzen“ der Natur gehen bzw. welche Grenzen lassen sich diesem gegenüber theologisch begründet konkret setzen? Die Soziologie kann hier mit Studien zu Umwelt, Materialität und Technik sowie mit Themen wie Risiko und Nichtwissen empirische und konzeptionelle Spannungsverhältnisse einbringen. So ließe sich etwa die Frage stellen, inwieweit 4. Drei Dimensionen der Sorge 29 eine auf Normierung und Standardisierung setzende Regulierung, eine partikularisierende Steuerungsform also, dem ganzheitlichen Anspruch eines Bewahrens der Schöpfung überhaupt gerecht werden kann – oder unter welchen Bedingungen. Eine genealogische Perspektive müsste hier insbesondere die Durchsetzung der naturwissenschaftlich begründeten Technologie in der Wende zum 20. Jahrhundert berücksichtigen. Nicht umsonst äußern sich Heidegger, Plessner, Anders und deren Zeitgenossen zu Fragen der Technik und ihren Auswirkungen auf das menschliche Sein. Eine zentrale Beobachtung ist hier, dass Zukunft spätestens seit den 1970er Jahren als unsicher erwartet wird. Hinsichtlich der Außenverhältnisse von Sorge lassen sich die oben gestellten Fragen duplizieren, in dem Sinne nämlich, inwieweit die Erfüllung staatlich auferlegter Mindeststandards eine generell verstandene Sorge um die Umwelt im Sinne einer Sorge um die Schöpfung erreichbar machen kann. Manifestation und Bearbeitung der Sorge in der Gegenwart Die analytische Unterscheidung der drei Dimensionen der Sorge und ihrer institutionalisierten Darstellung erlaubt es, einzelne Fragestellungen oder Untersuchungsgegenstände in einem Gesamtrahmen zu verorten, ohne ihm seine Spezifik zu nehmen. Scheinbare Widersprüche wie die christliche Aufforderung sowohl zum „Nicht sorgen“ als auch zur Nächstenliebe lassen sich auf diese Weise auflösen: Das Nicht-Sorgen bezieht sich auf die Gelassenheit, die Gestaltung der Zukunft Gott „zu lassen“ und innere Seelenruhe zu finden, der Bezugspunkt ist also das Innenleben. Die Nächstenliebe hingegen bezieht sich darauf, im Sinne der Mitwelt für den Nächsten Sorge zu tragen, womit ein grundsätzlich unterschiedlicher, nämlich sozialer statt seelischer Kontext angesprochen ist. Das erweiterte Konzept der Sorge mit seinen drei Dimensionen sowie der Berücksichtigung von Genealogie und Außenverhältnissen der Sorge erlaubt, bislang disparate und heterogene Konzepte systematisch aufeinander zu beziehen. Ein erstes Ziel des Forschungsschwerpunktes ist es, das sich so vielfältig aufdrängende Phänomen der Sorge derart mittels eines ebenso neutralen wie interdisziplinär anschlussfähigen Rahmens zu ordnen und damit zugleich zu präzisieren. Das zweite und konkretere Anliegen liegt darin, der eingangs formulierten These nachzugehen, dass der Mensch in der Moderne ganzheitlicher Formen der Bearbeitung von ihm 5. Anna Henkel, Isolde Karle, Gesa Lindemann, Micha H. Werner 30 existentiell gegebenen Sorgen zu wesentlichen Teilen verlustig gegangen ist. Die Sorge um das „Heil“ seiner Selbst, der ihm Nächsten und der Welt, in der er lebt, manifestiert sich zunehmend in einer Vielfalt partikularer Bemühungen, raum-zeitlich überschaubare Ziele zu erreichen. Daraus ergeben sich Querschnittsfragen über die Disziplinen und Leitunterscheidungen hinweg, die hier nur kurz angedeutet sein sollen, denen aber im Rahmen eines Forschungsschwerpunktes im Rahmen von Tagungen und gemeinsamen Publikationen genauer nachzugehen ist: • Inwieweit stehen die Sorge um sich, den Nächsten und die Umwelt in einem Zusammenhang etwa der Verstärkung (die Sorge um den Nächsten führt zu innerem Frieden) oder der Substituierung (die Sorge um sich verdrängt alles andere)? Können entsprechende Pflichten kollidieren? • Inwieweit können die drei Dimensionen der Sorge als menschlich-existentielle Grundkonstanten angenommen werden, deren Manifestationen und Bearbeitungsformen lediglich historisch und kulturell variieren? Was wäre dann als Sorge existentiell zu fassen? • Auch wenn es eine Sorge als menschliche Grundkonstante gibt, so findet sie sich doch in einer je konkreten geistigen und sozialen Welt. Seit Ende des 19. Jahrhunderts durchdringt Zweckrationalität tendenziell alle Lebensbereiche. Dies führt zu der Frage, ob es eine eigene Rationalität der Sorge gibt, die sich von ökonomischer Zweckrationalität unterscheidet. In welchem Verhältnis steht diese Entwicklung zu den drei Dimensionen der Sorge? Hier lassen sich drei Möglichkeiten von einander abheben: Sorge und Zweckrationalität weisen eine je unterschiedliche logische Struktur auf und stehen nebeneinander. Zweckrationalität gilt als das umfassendere Konzept und Sorge kann als eine spezifische Form von Zweckrationalität verstanden werden. Oder umgekehrt: Die Rationalität der Sorge muss als umfassender gelten. Ökonomische Zweckrationalität wäre dann als eine spezifische Form des „Sich-Sorgens-Um“ zu begreifen. • Welche Auswirkung hat etwa eine Standardisierung der Sorge in existentialontologischer und theologischer Hinsicht; kann man ggf. eine Verstärkung der Sorge beobachten? • Welche Möglichkeiten hat das sorgende Selbst in der Gegenwart, in der Sorge um sich, um Andere und die Umwelt eine positive Gelassen- Drei Dimensionen der Sorge 31 heit zu erlangen? Weitgehend frei von Sorge um einen Mangel an Essen oder Obdach lebt es in der Sorge, das Wichtigste zu verpassen (sei es in Liebesbeziehungen, im Konsum oder beruflich) und sein Glück zu maximieren. Welche Möglichkeiten hat der Mensch jenseits standardisierter Formen der sorgebewältigenden Glückserreichung mit dieser seiner neuen Bedürftigkeit umzugehen? Das erweiterte Modell der dreidimensionalen Sorge und seiner genealogischen Einbettung ist derart als Angebot zu verstehen, in einem heterogenen phänomenalen und intellektuellen Feld Synergien und Anknüpfungspunkte zu finden und produktiv umzusetzen und auf diese Weise das Phänomen der Sorge in der Gegenwart in seiner Struktur, seinen Ursachen und seinen Folgen zu bestimmen. Alle drei Disziplinen können von der interdisziplinären Thematisierung profitieren: Die Philosophie wird mit der Theologie als praktischer wie metaphysischer Bearbeitung der Sorge sowie mit der Soziologie in ihrer empirischen und gesellschaftstheoretischen Dimension ins Gespräch gebracht. Existentialontologische Positionen sowie normativ-ethische Stellungnahmen finden auf diese Weise eine theologische und empirische Einbettung, aber auch Irritation. Die Theologie wird mit der Philosophie als der ursprünglichen Frage nach dem Seienden sowie der Soziologie ins Gespräch gebracht. Insbesondere eine Untersuchung von Begriff und Sache der Seelsorge als der Sorge um die Seele des Anderen kann im Hinblick auf Veränderungen in der Verkopplung von Erleben (Innenwelt) und Kommunikation (Mitwelt) von dem empirischen Zugang der Soziologie und der ethischen Dimension der Philosophie profitieren. Die Soziologie schließlich steht im Gespräch mit Theologie und Philosophie vor der Herausforderung, ihre sozialtheoretischen Konzepte in Richtung einer Thematisierbarkeit von Sorge zu erweitern. Philosophische, theologische und soziologische Perspektiven werden so zur Untersuchung der Sorge in einer Gesellschaft der offenen Zukunft zusammengebracht. Literatur Apel, K.-O. (1988). Diskurs und Verantwortung. Das Problem des Übergangs zur postkonventionellen Moral. Frankfurt: Suhrkamp. Bloch, E. (1985). Das Prinzip Hoffnung. Gesamtausgabe Bd. 5. Frankfurt: Suhrkamp. Bloch, E. (1989). Leipziger Vorlesungen zur Philosophie im 20. Jahrhundert. Bloch- Almanach 9(7-66). 6. 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References

Abstract

The volume takes an interdisciplinary approach to address the question of how concern, as a fundamental existential constant, manifests in modern present-day societies. Conceptually, the articles in this book distinguish three dimensions of concern: concern for oneself, concern for others, and concern for the environment. These dimensions are also considered from a genealogical perspective. This opens up a wide and comprehensive field of research in which heterogeneous empirical phenomena, complex developments in society, and central ethical questions are addressed from theological, social scientific and philosophical perspectives. The aim of this field of research is to let these perspectives interact with one another and thus to use and establish concern as a key concept for the analysis of late-modern society. This research has been conducted in the context of the Dimensions of Concern special research unit at Evangelisches Studienwerk Villigst.

With contributions by

Gianna Behrendt, Knut Berner, Andrea Bieler, Anna Henkel, Isolde Karle, Helen Kohlen, Gesa Lindemann, Richard Paluch, Franziska Schade, Katrien Schaubroeck, Stefanie Schniering, Tina Aniko Schröter, Maike Schult, Henk van Gils, Werner Vogd, Micha Werner

Zusammenfassung

Der Band geht interdisziplinär der Frage nach, wie sich Sorge als existenzielle Grundkonstante in modernen Gegenwartsgesellschaften manifestiert. Konzeptuell liegt den Beiträgen eine Unterscheidung von drei Dimensionen der Sorge zugrunde: die Sorge um sich, die Sorge um andere und die Sorge um die Umwelt. Diese Dimensionen werden dabei auch in einer genealogischen Perspektive betrachtet. Dadurch wird ein umfassendes Forschungsfeld eröffnet, in dem heterogene empirische Phänomene, komplexe gesellschaftliche Entwicklungen und zentrale ethische Fragestellungen in einer theologischen, sozialwissenschaftlichen und philosophischen Perspektive bearbeitet werden. Ziel des Forschungsfeldes ist es, durch die wechselseitige Bezugnahme dieser Perspektiven Sorge als ein Schlüsselkonzept zur Analyse der spätmodernen Gesellschaft zu nutzen und zu etablieren. Die Forschung steht im Kontext zum gleichnamigen Forschungsschwerpunkt am Evangelischen Studienwerk Villigst.

Mit Beiträgen von

Gianna Behrendt, Knut Berner, Andrea Bieler, Anna Henkel, Isolde Karle, Helen Kohlen, Gesa Lindemann, Richard Paluch, Franziska Schade, Katrien Schaubroeck, Stefanie Schniering, Tina Aniko Schröter, Maike Schult, Henk van Gils, Werner Vogd, Micha Werner