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Axel Klein, Religion als politisches Programm. Der Fall Japan in:

Georg Pfleiderer, Alexander Heit (Ed.)

Sphärendynamik II, page 193 - 240

Religion in postsäkularen Gesellschaften

1. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8329-6711-6, ISBN online: 978-3-8452-6205-5, https://doi.org/10.5771/9783845262055_193

Series: Religion - Wirtschaft - Politik, vol. 3

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Axel Klein Religion als politisches Programm. Der Fall Japan1 Einleitung Es ist nicht ungewöhnlich, dass Japan in komparativen Untersuchungen von Industrienationen nicht vorkommt. Wo es das tut ist es öfter dasjenige Vergleichsobjekt, das Theorien, Modellen oder Typologien mehr Flexibilität abverlangt als es eine Konzentration auf die «westliche» und/oder angelsächsische Staatenwelt erfordern würde. Bei der Beschäftigung mit religiösen Parteien ist es nicht anders, der Fall Japan findet in der westlichen Politikwissenschaft wenig Interesse. Das mag zum einen daran liegen, dass das Industrieland weder ein christlich geprägtes Staatswesen noch eine solche Gesellschaft aufweist. Es gibt auch keine nennenswerte moslemische Bevölkerung, die die politikwissenschaftliche «Modereligion» im Land verkörpern würde. Die von Riesebrodt konstatierte «globale Rückkehr der Religion» hat Japan bisher ausgespart.2 Ein weiterer wichtiger Grund ist wohl, dass nach dem ideologischen Missbrauch der originär japanischen Religion des Schintoismus (shint ) vor und während des Zweiten Weltkriegs die neue Verfassung Japans die strikte Trennung von Staat und Religion verlangt und diese Vorgabe recht konsequent umgesetzt worden ist.3 Dass Religionsgemeinschaften 89 Mio. Buddhisten und 107 Millionen Schintoisten zählen,4 obwohl nur 127 Millionen Menschen in Japan leben, ist statistisch betrachtet das Produkt von Erhebungsmethoden. Tempel und Schreine registrieren alle Menschen als Gläubige, die eine religiöse Dienstleistung erbeten bzw. im Umkreis leben, und die meisten Japanerinnen und Japaner nehmen im Laufe ihres Lebens sowohl schintoistische als auch buddhistische Rituale in Anspruch. Das wiederum ist Ausdruck eines Reli- 1 Mein herzlicher Dank geht an Kathleen Kleitke, Yuki Abe, Florian Coulmas und Christian Steineck für ihre Anmerkungen zu früheren Entwürfen dieses Textes. In diesem Beitrag werden Familiennamen, wie in Japan üblich, zuerst genannt. Alle Übersetzungen aus dem Japanischen stammen von mir. 2 Riesebrodt, Die Rückkehr der Religionen. 3 Genauer dazu: Zacharias, The Relationship between State and Religion in Japan. 4 MEXT 2008, 280. 194 Axel Klein gionsverständnisses, das sich klar von dem der abrahamitischen Religionen unterscheidet, vor allem weil es keinen Exklusivanspruch eines Glaubens akzeptiert. Doch dazu später mehr. Hier sei darauf hingewiesen, dass in Umfragen lediglich etwa ein Viertel aller Japanerinnen und Japaner angeben, tatsächlich einen Glauben zu haben.5 Ist das ausreichend für die Existenz religiöser Parteien? Die Antwort lautet «Nein», wenn man zudem die Ergebnisse der Wahlforschung zur Kenntnis nimmt. Dort wird die Existenz religiöser cleavages in der japanischen Bevölkerung verneint.6 Wahlkämpfe lassen sich nicht mit Appellen an buddhistische oder schintoistische Stimmberechtigte gewinnen, und auch deshalb scheint es für «westliche» PolitikwissenschaftlerInnen, die sich mit dem Themenfeld Religion befassen, wenig Grund zu geben, sich Japan zuzuwenden. Dass es sich doch lohnt, ist an der Existenz zweier Parteien erkennbar, die durchaus als religiös bezeichnet werden können. Die K meit («Partei für eine saubere Regierung») ist seit ihrer Gründung 1964 konstant im nationalen Parlament mit einem durchschnittlichen Sitzanteil von etwas über 8 Prozent vertreten und hat über mehr als zehn Jahre an Koalitionsregierungen mitgewirkt. Die K fuku Jitsugent («Partei zur Verwirklichung des Glücks», im Weiteren: PVG) wurde 2009 gegründet und hat bisher (Mai 2010) weder Regierungs- noch Parlamentserfahrung sammeln können. Der Grund, warum es beide trotz der für religiöse Parteien scheinbar wenig günstigen Ausgangsbedingungen gibt, ist gleichzeitig eine wichtige Gemeinsamkeit von K meit und PVG: Sie sind jeweils aus einer religiösen Organisation entstanden, deren Führung mehr und direkteren politischen Einfluss suchte. Wie spätere Ausführungen zeigen werden, sind diese Organisationen nicht sinnvoll als Kirche, als religiöser Laienverband oder als Sekte zu bezeichnen. Vielmehr stellen sie finanzstarke, mobilisierbare Interessengruppen dar und sind als solche für die vergleichende Betrachtung von religiösen Parteien von Bedeutung. Fragestellung Ein wesentliches Ziel derjenigen Beiträge dieses Bandes, die sich mit religiösen Parteien befassen, ist es, anhand der Analyse dreier Ebenen (Selbstverständnis der Parteien, ihre Programmatik sowie wahlrelevante Daten) eine sinnvolle Verortung der Untersuchungsgegenstände in der Systematik 5 Ishii, Die Religionen der Japaner jetzt, 4. 6 Watanuki, Social Structure and Voting Behavior, 82. Religion als politisches Programm 195 unterschiedlicher Ansätze der konventionellen Parteienforschung vorzunehmen. Entstehungskontexte der Parteien, ihre Organisationsstrukturen und politische Reichweiten sind zentrale Elemente dieser Typologien. Auf den folgenden Seiten wird aber zunächst der übergeordneten Frage nachgegangen, welche Bedeutung Religion und Politik in Japan füreinander besitzen. Eine solche Betrachtung ist nicht nur nach den einleitenden Bemerkungen angebracht, sondern auch für das Verständnis der anschliessenden Ausführungen zu Religion als politischem Programm von Nutzen, nicht zuletzt, weil einige grundlegende Unterschiede zu den Vergleichsobjekten in Deutschland und der Schweiz deutlich werden. Anschliessend werden die Ergebnisse der Parteianalysen von K meit und PVG vorgestellt, jeweils den oben genannten drei Analyseebenen folgend. Das Schlusskapitel gleicht die Erkenntnisse mit den konventionellen und nach westlichen Fallstudien konstruierten Parteitypologien ab. Der Fall Japan kann in diesem Zusammenhang das Bewusstsein dafür schärfen, dass es in demokratischen Industriestaaten anders geartete Formen des Zusammenwirkens der Sphären Religion und Politik gibt als sie in der europäischen und angelsächsischen Welt zu finden sind. Die Ausführungen dieser Studie basieren auf Analysen von Parteipublikationen (Wahl- und Grundsatzprogrammen, Werbetexten, Internet-Inhalten etc.) sowie auf qualitativen Interviews mit PolitikerInnen und anderen VertreterInnen beider untersuchten Parteien. Teilnehmende Beobachtungen bei Wahlkämpfen, Parteitagen und anderen relevanten Veranstaltungen ergänzen die Datenbasis. Dieser Forschungsaufwand ist nötig, denn verlässliche Literatur zum Themenfeld ist vergleichsweise rar. Im Falle der K meit sind politikwissenschaftliche Abhandlungen in nicht-japanischer Sprache vor allem in Überblickswerken zum politischen System Japans zu finden.7 Die Quellen, auf denen diese Artikel und Buchkapitel basieren, stammen meist aus den 1960er und 1970er Jahren. Publikationen von Daniel A. Métraux, Historiker und wohl der produktivste Autor zum Thema K meit ,8 beruhen wie die anderer Autoren weitgehend auf Sekundärquellen von zum Teil zweifelhaftem Wert. George Ehrhardt ist einer der wenigen nicht-japanischen Wissenschaftler, der in neuster Zeit substanzielle Erkenntnisse veröffentlicht hat.9 Levi McLaughlin und Anne Fisker-Nielsen haben die S ka 7 Curtis, The Japanese Way of Politics; Hrebenar, Japan’s New Party System; Stockwin, Governing Japan. 8 Métraux, The S ka Gakkai Revolution; ders., The S ka Gakkai and the K meit ; ders., The S ka Gakkai’s Critical Role. 9 Ehrhardt, Rethinking the K meit Voter. 196 Axel Klein Gakkai bzw. deren Wahlkooperation mit der K meit untersucht, allerdings sind ihre Dissertationen noch nicht publiziert.10 In japanischer Sprache findet sich sehr viel mehr Literatur zum Thema, doch bleibt nach Abzug der polemischen, anklagenden und parteiischen Schriften auch hier wenig übrig. Die Werke von Shimada sind lesenswert, aber populärwissenschaftlich.11 Zudem verzichtet er ähnlich wie Tamano, dessen Buch zur S ka Gakkai zwei durchaus lesenswerte Kapitel über die K meit enthält,12 grösstenteils auf Quellenangaben. Nakano verwendet in seiner Arbeit zu Religion und Politik im Japan der Nachkriegszeit zwar nicht viel Raum auf die Beziehung zwischen S ka Gakkai und K meit , doch steht sein Text auf wissenschaftlich solidem Fundament.13 Nakano, der seit vielen Jahren an der Universität der S ka Gakkai lehrt, selbst Mitglied der religiösen Organisation ist, dessen Veröffentlichungen sich aber keinesfalls wie Propagandamaterial lesen, ist neben dem Religionssoziologen Nishiyama Shigeru der wissenschaftlich ergiebigste japanische Autor zu diesem Thema. Nishiyama hat seit den 1970er Jahren vor allem zu Lehre und Weltanschauung der S ka Gakkai sowie zu Fragen der internen Entwicklung der Organisation gearbeitet.14 Die meisten japanischen Religionsund Politikwissenschaftler jedoch scheinen sich dem Thema S ka Gakkai nicht zuwenden zu wollen bzw. bearbeiten es lediglich historisch mit Blick auf die ersten Jahrzehnte der Organisation.15 Reichlich sind Publikationen der S ka Gakkai und K meit zu finden, die als Primärquellen einen Wert haben. Ihre zahlenmässige Dominanz, die ansonsten eher dürftige Literaturlage sowie die später noch zu erläuternde Skepsis grosser Teile der japanischen Öffentlichkeit religiösen Organisationen gegenüber haben wesentlich dazu beigetragen, dass alte Stereotypen und kaum hinterfragte Annahmen über das Innenleben der Partei und die Art der Kooperation mit der S ka Gakkai bis heute recycelt werden und erhalten geblieben sind. 10 Ehrhardt und McLaughlin sind Teil einer internationalen Forschergruppe, die sich am Deutschen Institut für Japanstudien Tokyo konstituiert hat und beitragen will, die beträchtliche Lücke in der wissenschaftlichen Beschäftigung mit S ka Gakkai und K meit zu schliessen. Im Rahmen ihres Projektes sind bereits zahlreiche Feldstudien und Interviews durchgeführt worden, erste Publikationsergebnisse werden 2011 erwartet. 11 Shimada, Die tatsächliche Macht der S ka Gakkai; ders., S ka Gakkai. 12 Tamano, Forschung zur S ka Gakkai. 13 Nakano, Religion im Nachkriegsjapan. 14 Nishiyama, Zum Wandel der Diskussion; ders., Die Veränderungen der S ka Gakkai. 15 McLaughlin, S ka Gakkai in Japan, 10. Religion als politisches Programm 197 Über die zweite hier zu untersuchende Partei, die PVG, gibt es ausser von dieser selbst bzw. ihrer Mutterorganisation, der K fuku no Kagaku («Wissenschaft vom Glück», im weiteren «KnK») fast keine Literatur, da die Partei sehr jung und politisch unbedeutend ist. Die einzige von einem Aussenstehenden verfasste Publikation ist ein populärwissenschaftlicher Aufsatz des Religionswissenschaftler Tsukada.16 In nicht-japanischer Sprache liegen bisher noch gar keine Veröffentlichungen vor, diese hier dürfte die erste sein. kawa Ry h (Geburtsname: Nakagawa Ry ), Gründer und geistiges Oberhaupt der KnK, hat seit 2009 ein halbes Dutzend Bücher zu seinen politischen Idealen veröffentlicht, die auch die seiner Partei sind. Wahrscheinlich sind seit Drucklegung dieser Seiten weitere hinzugekommen, denn nach Angaben der KnK ist kawa Autor von über 500 Büchern, von denen die meisten seine Kommunikation mit «Jenseitigen»17 wiedergeben, Wege zum Glück erläutern sowie zahlreiche Aspekte der vor allem buddhistisch geprägten Lehre der KnK behandeln.18 Zu Religion in Japan Komparative Studien zu Religion in Japan legen zunächst die Fragen nahe, was Religion dort bedeutet und wie sich Religiosität in der Gesellschaft manifestiert. Religionswissenschaftler und Historiker sind sich darüber einig, dass die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts in diesem Zusammenhang von zentraler Bedeutung ist. Bis dahin hatten Schintoismus und Buddhismus über Jahrhunderte nicht nur nebeneinander existiert, sondern waren zu beträchtlichem Grade miteinander verwachsen, von Beginn an auch unter Einbeziehung von Elementen des Konfuzianismus und Taoismus. Das Christentum, das jesuitische Missionare Ende des 16. Jahrhunderts nach Japan brachten, hatten die herrschenden Tokugawa rasch verboten, sahen sie in ihm doch eine Gefahr für die soziale Ordnung im Land, dessen Aussenkontakte stark beschnitten und staatlich kontrolliert waren. Während der Neokonfuzianismus ab dem 18. Jahrhundert als staatstragende Gesellschaftsdoktrin galt, nutzte das Regime buddhistische Tempel als lokale Meldestellen zur Registrierung des Volkes. 16 Tsukada, Wissenschaft vom Glück. 17 Wie weiter unten noch erläutert wird, kommuniziert kawa mit aus dem Diesseits Verschiedenen. Zahlreiche seiner Bücher beinhalten Niederschriften dieser als reigen (etwa: «Worte der Geister») bezeichneten Konversationen. 18 Siehe den Internet-Auftritt der KnK unter http://www.kofuku-no-kagaku.or.jp (Zugriff: März 2010). 198 Axel Klein Mit Beginn des 19. Jahrhunderts sah sich das Land jedoch wiederholt mit Versuchen westlicher Mächte konfrontiert, Japan zu öffnen. Vor allem mit Blick auf China verstanden die herrschenden Eliten, dass ihr Reich westlichem Kolonialisierungsstreben zum Opfer fallen könnte. Neben der militärischen Aufrüstung sollte dies auch eine geistig-moralische Erneuerung verhindern, die aber nicht auf Buddhismus, sondern auf Schintoismus- Mythologie aufbaute. Zwar konnten die Tokugawa dem innenpolitischen Druck gegen ihre Herrschaft nicht standhalten und wurden 1867/8 in der Meiji-Restauration verdrängt, doch setzten die neuen Machthaber den Tenn formell an die Spitze des Staates und die Durchsetzung einer auf Schintoismus basierenden Staatsideologie wurde zu einem zentralen Unterfangen. 1871/72 fielen Teile des Buddhismus dieser Politik zum Opfer, denn man tilgte seine Spuren in einer teilweise zerstörerischen Kampagne (haibutsu kishaku) aus den Schreinen des Landes.19 Wie die Tokugawa sahen die neuen Meiji-Machthaber in der offenen Ausübung religiöser Aktivitäten eine Gefahr für den Staat und die soziale Ordnung, besonders christliche Missionierungsinitiativen wollte man unterbinden. So galt Religionsfreiheit nur in der Privatsphäre, nicht aber in der Öffentlichkeit.20 Um die bevorzugte Stellung des Schintoismus aber zu rechtfertigen, wurde er von Regierungsseite in einer sich über viele Jahre hinziehenden Kampagne zu einer explizit nicht als Religion zu betrachtenden, patriotischen Moral und zu einem Kultus, zum «Staats-Schintoismus» (kokka shint ), umgedeutet. Mit ihm konnte die landesweite, staatliche Unterstützung von Schreinen und die darauf aufbauende Indoktrinierung aller kaiserlichen Untertanen gerechtfertigt werden, ohne formell die Religionsfreiheit einzuschränken. Der Versuch, Schintoismus auf Kaiserverehrung, Moral und Patriotismus zu reduzieren, stiess zwar vor allem auf Seiten der Priesterschaft und bei (der allerdings nicht sehr grossen Zahl) japanischer Christen auf Widerstand, doch blieb dieser Protest weitgehend erfolglos. Das neue Regime vereinnahmte Schintoismus für staatsideologische Ziele und erlaubte die Ausübung seiner eindeutig religiösen Elemente nur noch regierungsfreundlichen, neuen religiösen Organisationen. Die zählten nun wie Christentum und Buddhismus zu dem, was man unter dem 1873 geschaffenen Begriff sh ky verstand und bis heute mit «Religion» übersetzt: 19 Vgl. Lokowandt, Die rechtliche Entwicklung des Staats-Shinto. 20 In der Verfassung aus dem Jahre 1889 wird Glaubensfreiheit nur insofern zugebilligt, als die öffentliche Ruhe und Ordnung nicht gestört und die Pflichten als Untertanen nicht vernachlässigt werden. Vgl. Ama, Warum sind Japaner areligiös? (1996), 80. Religion als politisches Programm 199 Gründerreligionen und organisierte Glaubensgemeinschaften mit religiösen Lehrtexten.21 All dies erklärt Statistiken und die Ergebnisse von Umfragen zu Religion in Japan, die auf den ersten Blick nicht zusammen zu passen scheinen. Dass sich ein Teil eines Volkes an Festen und Ritualen beteiligt ohne dabei dem (ursprünglich) religiösen Charakter viel Bedeutung beizumessen oder sich selbst als religiös zu betrachten, ist kein ungewöhnliches Phänomen. Die in Japan dadurch zustande kommenden Statistiken bzgl. der Anzahl von Buddhisten und Schintoisten ist oben bereits erwähnt worden. In einer Meinungsumfrage der Tageszeitung Asahi (08.01.2003) betrug der Anteil derjenigen, die Interesse an Religion (sh ky ) bekundeten, 22,5 Prozent. Das entspricht in etwa den Werten, die andere Untersuchungen auf die Frage «Haben Sie einen Glauben?» ergeben haben,22 bestätigt aber auch eine über die Jahrzehnte abnehmende Tendenz (1978: 38,5 Prozent). Ama führt aus,23 dass in Umfragen zwar um die 70 Prozent aller Befragten angäben, «religionslos» (mush ky )24 zu sein, drei Viertel dieser «Religionslosen» gleichzeitig aber auch eine «religiöse Einstellung» (sh ky shin) für wichtig hielten.25 Die Lösung dieses scheinbaren Widerspruchs liegt laut Ama darin, dass der Begriff mush ky von Befragten als «keiner Religionsgemeinschaft zugehörig» verstanden würde. Demnach sind zwar mehr als die Hälfte aller Japanerinnen und Japaner religiös, verbinden dies aber nicht mit der Zugehörigkeit zu einer organisierten Glaubensgemeinschaft.26 In der Praxis äussert sich das vor allem dadurch, dass der Grossteil aller JapanerInnen an religiösen Ritualen sowohl des Schintoismus als auch des Buddhismus teilnimmt, schliesslich haben die wichtigen japanischen Feste und Traditionen eines Jahres zu etwa gleichen Teilen ihren Ursprung in diesen beiden 21 Shimazono, The Commercialization of the Sacred. 22 Ishii, Die Religionen der Japaner jetzt, 4. 23 Ama, Warum sind Japaner areligiös?, 8f. 24 In der deutschen Übersetzung des Werkes von Ama (2004) wird m sh ky mit «areligiös» übersetzt, in der englischen Version (2005) mit «non-religious». 25 Sh ky shin kann man u. a. auch als «Gefühl für Religion» oder «Herz für Religion» übersetzen. 26 Ama, Warum sind Japaner areligiös?, 9; bei jungen Menschen sind die Verhältnisse ähnlich, die Werte insgesamt aber niedriger. Einer Serie von Umfragen (Inoue, Japanese College Students’ Attitudes Towards Religion), die über den Zeitraum von 1992 bis 2001 unter Universitätsstudenten durchgeführt worden ist, lässt sich entnehmen, dass ab 1995 nur noch 5 Prozent bis 7 Prozent angaben, eine Religion zu haben (= einer Glaubensgemeinschaft anzugehören). Gleichzeitig bejahte etwa die Hälfte der Befragten, dass es Gott, Buddha oder gottähnliche Wesen gebe. 200 Axel Klein Religionen. Weder Schintoismus noch Buddhismus erheben dabei an die Menschen den Anspruch der Exklusivität. Zu Religion und Politik in Japan Für die Analyse der beiden hier behandelten religiösen Parteien ist die Haltung der japanischen Öffentlichkeit gegenüber religiösen Organisationen von zentraler Bedeutung, denn K meit und PVG sind jeweils aus einer solchen Organisation hervorgegangen. Gemeint sind damit vor allem sogenannte Neue Religionen (shink sh ky , später: shinsh ky ), sowohl schintoistische als auch buddhistische Religionsgemeinschaften, von denen die ersten bereits im 18. Jahrhundert entstanden, deren grösste Wachstumsphasen aber mit der Meiji-Restauration, der Niederlage im Zweiten Weltkrieg und der starken Landflucht im Rahmen der wirtschaftlichen Hochwachstumsphase der 1950er und 1960er Jahre einher gingen. Die «Enzyklopädie der Neuen Religionen» beziffert die Zahl dieser Organisationen auf etwa 300.27 Offensichtlich boten «Neue Religionen» den Menschen in Zeiten grosser Umbrüche Halt, doch hat ihnen das ausserhalb ihrer Anhängerschaft wenig erkennbare Sympathien eingebracht. In Umfragen zeigen sich grosse Mehrheiten sehr kritisch. 1994 wählten bei einer Umfrage der Tageszeitung «Yomiuri» 47,4 Prozent der Befragten die Aussage «Sind sehr ums Geldverdienen bemüht» als zutreffend für religiöse Organisationen. 37,9 Prozent bejahten auch die Aussage, der zufolge solche Organisationen «als Teil ihrer brachialen Missionierung die Unsicherheit der Leute vergrössern» würden. Die dritthöchste Zustimmung (25,8 Prozent) erhielt die Aussage, die Verbindung zur Politik sei stark bzw. zu stark.28 Einer internationalen Vergleichsstudie unter 32 Staaten zufolge war das Vertrauen in religiöse Organisationen nirgendwo so niedrig wie in Japan,29 eine Umfrage der Tageszeitung Asahi, veröffentlicht am 21. März 2008, bestätigt dieses Misstrauen der japanischen Öffentlichkeit. Zum ersten sind es aber gerade «Neue Religionen», die die Verbindung von Religion und Politik suchen und herstellen. Die Gründe dafür sind offensichtlich. Einigen «Neuen Religionen» ist es ein Anliegen, ihre Lehre oder zumindest Elemente daraus zu politischen Programmpunkten zu machen. Zuweilen werden diese Bemühungen in den grösseren Kontext der 27 Inoue, Enzyklopädie der Neuen Religionen. 28 Nach Ishii, Die Religionen der Japaner jetzt, 101. 29 Ishii, Die Religionen der Japaner jetzt, 103. Religion als politisches Programm 201 religiös motivierten Mission zur «Errettung» Japans gestellt. Wie im folgenden Kapitel dargelegt wird, liess beispielsweise die S ka Gakkai in den 1950er Jahren keine Zweifel daran, dass sie in der Tradition des buddhistischen Reformators Nichiren (1222–1282) stand und dessen politische und gesellschaftliche Ziele verwirklichen wollte. Daneben gibt es aber auch einzelne Streitfragen, zu denen sich religiöse Organisationen äussern. So protestiert beispielsweise die konservative schintoistische Seich no ie gegen Abtreibung, verschiedene Glaubensgemeinschaften haben sich über ihren Dachverband Shinsh ren auch an der Debatte über das Organtransplantationsgesetz beteiligt.30 Die politische Stellung des Yasukuni-Schreins in Tokyo, an dem der Seelen aller seit der Meiji-Restauration für den Kaiser Gefallener gedacht wird, ruft ebenfalls Protest von religiösen Organisationen hervor. Zum Zweiten bietet die Verbindung zu den Machtstellen des Landes religiösen Organisationen die Möglichkeit, besser auf missliebige Gesetze zu reagieren bzw. Einfluss auf ihre Ausgestaltung und Implementierung zu nehmen. In historischem Kontext wird die Verbindung zur Politik als Schutz gegen Verfolgung oder Unterdrückung durch den Staat verstanden. Die Notwendigkeit solcher Vorkehrungen sehen zahlreiche «Neue Religionen» durch die Geschehnisse der 1930er und 1940er Jahre erwiesen. Das Ringen um die Reform des «Gesetzes zu religiösen Körperschaften» (sh ky h jin h ) im Jahre 1995 bietet ein aktuelleres Beispiel, an dem die Bedeutung der Verbindung von religiösen Organisationen und Politikern nachvollzogen werden kann. Häufig stellen religiöse Organisationen deshalb auch einzelne ihrer Führungsfiguren als Kandidaten auf bzw. lassen sie von einer Partei nominieren, um über sie einen direkten Kanal ins Parlament und nach Möglichkeit auch in die Regierung zu haben.31 Zum Dritten bietet politisches Engagement die Möglichkeit, das Alltagsleben religiöser Organisationen mit Inhalt zu füllen. Wahlkämpfe sind dabei die wichtigsten Gelegenheiten, entweder den eigenen oder aber den für die eigenen Anliegen als geeignet erkannten Kandidaten zu unterstützen und den Mitgliedern der Glaubensgemeinschaft eine sinngebende Betätigung zu bieten. Gleichzeitig wird darauf gehofft, dass politisches Engage- 30 Zu bioethischen Debatten siehe Steineck, Der Leib der japanischen Bioethik. 31 Aufgrund der von 1955 bis 1993 und dann von 1994 bis 2009 bestehenden Dauerherrschaft der Liberaldemokratischen Partei (LDP) traten Kandidaten, die aus den Reihen der «Neuen Religionen» stammten, meist unter dem Banner der LDP an, um Zugriff auf die Entscheidungsprozesse des Staates zu haben. 202 Axel Klein ment hilft, den Ruf der eigenen Religionsgemeinschaft in der Öffentlichkeit zu verbessern.32 Diese und andere Formen politischen Engagements religiöser Organisationen werden in Japan in der Regel mit Verweis auf die Verfassung diskutiert, die eine zentrale Bedingung für das Verhältnis von Religion und Politik darstellt. In Artikel 20 wird Religionsfreiheit garantiert und die Trennung von Staat und Religion (seiky bunri) verlangt. Wörtlich heisst es: Freedom of religion is guaranteed to all. No religious organization shall receive any privileges from the State, nor exercise any political authority. No person shall be compelled to take part in any religious acts, celebration, rite or practice. The State and its organs shall refrain from religious education or any other religious activity. In der gesellschaftlichen und politischen Realität finden sich jedoch Fälle, in denen zumindest umstritten ist, ob das Gebot der Trennung von Staat und Religion befolgt wird. Das bekannteste Beispiel ist der oben genannte Yasukuni-Schrein. Auch weil dort die Seelen verurteilter Kriegsverbrecher eingeschreint sind, haben Besuche von Premierministern, Kabinetts- und anderer Regierungsmitglieder über die Jahrzehnte immer wieder die Frage der Verfassungsverträglichkeit aufgeworfen.33 Ein weiteres, politisch kaum brisantes und wohl deshalb nicht problematisiertes Beispiel für die Verbindung von Staat und Religion stellen Kindergärten, Lehreinrichtungen und Krankenhäuser dar, die von Religionsgemeinschaften betrieben werden und dabei Fördergelder der öffentlichen Hand erhalten. Hier wird aufgrund der rechtlichen Eigenständigkeit der Einrichtungen auch kein Verstoss gegen Artikel 89 der Verfassung beklagt, der besagt: «No public money or other property shall be expended or appropriated for the use, benefit or maintenance of any religious institution or association […].» Entscheidend ist jedoch die zweite Hälfte des zweiten Satzes von Artikel 20, die besagt, dass «No religious organization shall […] exercise any political authority.» Die K meit hat sich anlässlich der Beteiligung an Regierungskoalitionen 1993/94 und von 1999 bis 2009 häufiger zu dieser Frage geäussert. Dem Verständnis der Partei nach stellt sie selbst keine religiöse Organisation dar und ist somit nicht Gegenstand des Verfassungsverbotes. Die 32 Interview mit einem Unterhausabgeordneten der K meit (Tokyo, November 2009), einem Kandidaten der PVG (Tokyo, Oktober 2009) sowie einem von einer religiösen Organisation unterstützen Oberhausabgeordneten der DPJ (August 2007). 33 Vgl. dazu Zacharias, The Relationship between State and Religion in Japan. Religion als politisches Programm 203 Verbindung zu ihrer Mutterorganisation wird als die einer Partei zu einer unterstützenden, aber eindeutig eigenständigen Organisation erklärt und mit der Beziehung von Gewerkschaften und Parteien verglichen.34 Im Falle der PVG ist die Trennung von religiöser Mutterorganisation und Partei hier weniger eindeutig. Ursache dafür sind vor allem Ämterdoppelungen, sind doch zahlreiche Funktionsträger der KnK auch in gehobenen Parteiposten tätig. So war Gründer und geistiges Oberhaupt der KnK, kawa Ry h , für einige Wochen auch als Parteichef der PVG im Unterhauswahlkampf 2009 aktiv und wurde im April 2010 zum Ehrenvorsitzenden der Partei. Ein zweiter Faktor, der die Trennung von Partei und religiöser Mutterorganisation verschwimmen lässt, ist die finanzielle Abhängigkeit ersterer von letzterer. Der erste Unterhauswahlkampf verschlang alleine für die Anmeldung der 337 Kandidaten mehr als eine Milliarde Yen.35 Ohne finanzstarken Partner hätte die junge Partei das nicht leisten können. Laut Kimura Tomoshige, Parteivorsitzender von September 2009 bis April 2010, hat die KnK der PVG entsprechende Gelder geliehen.36 K meit Die K meit ist seit ihrer Gründung 1964 vor allem als Partei der S ka Gakkai wahrgenommen worden, was eine Reihe von Konsequenzen hatte. Die offensichtliche war, dass sie trotz substanzieller Änderungen ihres Parteiprogramms, durch die 1970/71 jedweder religiöser Bezug entfernt wurde, weiterhin als religiöse Partei galt und gilt. Eine weitere Konsequenz besteht darin, dass sie mit den Mitgliedern der religiösen Mutterorganisation über eine zuverlässige, gut mobilisierbare Stammwählerschaft verfügt, gleichzeitig aber ihre Attraktivität für andere Wählerschichten immer stark beschränkt geblieben ist. So gelang es ihr nie, mehr als 8,7 Mio. Stimmen zu gewinnen. Bis 1993 blieb sie hinter der Sozialistischen Partei Japans fast ununter- 34 K meit , Zur Trennung von Staat und Religion (2000 und Fortsetzung 2001). 35 Bei dem im August 2009 geltenden Wechselkurs entsprachen die 1,155 Mrd. Yen 8,35 Mio. Euro. Das japanische Wahlgesetz verlangt bei der Anmeldung einer Kandidatur für eine nationale Wahl die Zahlung eines Pfands in Höhe von 3 Mio. (Direktwahl; 21.700 Euro) bzw. 6 Mio. (Verhältniswahl; 43.400 Euro). Dieses Pfand wird nur zurückerstattet, wenn der Kandidat mindestens 10 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen kann. Der Gesetzestext begründet diese Regelung mit der Notwendigkeit, «unseriöse» Kandidaturen verhindern zu müssen. 36 Kimura, Beginnen wir die Glückserinnerung, 27; die Verbindung zwischen Partei und Mutterorganisation wird auch dadurch deutlich, dass das Buch, in dem Kimura sich und seine Politik vorstellt, im Verlag der KnK erschienen ist. 204 Axel Klein brochen die an Mandaten gemessen zweitgrösste Oppositionspartei des Landes, kooperierte aber bei einigen Gesetzesvorhaben auch mit der dauerregierenden Liberaldemokratischen Partei (LDP). Das Oppositionsdasein endete im Sommer 1993 als die K meit Teil einer Sieben-Parteien-Koalition wurde, doch brach diese Vielparteienregierung nach knapp einem Jahr wieder auseinander. Zurück in der Rolle der Opposition beteiligte sich die K meit nun an der Gründung einer grossen Partei, die der LDP auf Augenhöhe begegnen und vor allem die Wettbewerbsbedingungen des neuen Wahlsystems besser nutzen sollte.37 Die «Neue Fortschrittspartei» löste sich zwar bereits 1998 wieder auf, doch schon ein Jahr später hatte sich die K meit als Partner der LDP erneut zum Teil einer Koalitionsregierung machen können. Zehn Jahre behauptete sie diese Position, stimmte dabei trotz starken Protests aus der S ka Gakkai u. a. auch der Entsendung japanischer Truppen in den Irak zu, und wurde 2009 im Sog der untergehenden LDP abgewählt. In dem seit den 1990er Jahren labilen Parteiensystem und einer gewachsenen Wählervolatilität liegt die Bedeutung der K meit nun in der Funktion eines nicht grossen, aber doch potenziell entscheidenden Koalitionspartners. Sie selbst sieht sich als dritte Kraft des Parteiensystems.38 Wie die folgenden Abschnitte zeigen werden, ist sie programmatisch auf breiter Ebene koalitionsfähig. Religion spielt dabei jedoch keine Rolle. 1. Selbstverständnis der Partei Da die K meit und ihre Vorgängerorganisation als politischer Arm der S ka Gakkai ins Leben gerufen wurden, lohnt es sich, einen kurzen Blick auf diese religiöse Organisation zu werfen. Ihre Wurzeln hat sie in den 1930er Jahren, in denen sie von MAKIGUCHI Tsunesabur als «Werte schaffende Bildungsgesellschaft» (S ka ky iku gakkai) etabliert wurde.39 Makiguchi verstand S ka Gakkai zunächst nicht so sehr als religiöse, sondern vor allem als Vereinigung, mit der er eine Bildungsreform entwerfen und 37 An die Stelle des vorherigen Systems nicht-übertragbarer Einzelstimmgebung in Mehrerwahlkreisen war nun ein kombiniertes System getreten, dass 60 Prozent (300) der Sitze in Einerwahlkreisen vergab und 40 Prozent (200, später 180) der Mandate mit Kanndidaten aus Parteilisten besetzte (ausführlich siehe Klein, Das Wahlsystem als Reformobjekt). 38 Yamaguchi, K meit erfüllt die Aufgabe der «Dritten Kraft». 39 S ka Gakkai feiert den 18.11.1930 als Gründungstag, denn an jenem Datum erschien das erste Buch Makiguchis. Die erste Zusammenkunft der «Werte schaffenden Bildungsgesellschaft» hingegen fand 1937 statt (McLaughlin, Soka Gakkai in Japan, 50). Religion als politisches Programm 205 durchsetzen wollte. Seine liberal-humanistische Philosophie sollte Schülerinnen und Schülern als Grundlage dienen, zu selbstständig denkenden, Autoritäten kritisch hinterfragenden Menschen heranzuwachsen. Doch mit der verstärkten Hinwendung Makiguchis zum mittelalterlichen Nichiren- Buddhismus wurde eine religiöse Lehre zum Kern der Organisation, die vollständige Hingabe zum Lotos-Sutra als einzigen Weg zur Errettung vorgab. Während diese beiden ideologischen Grundlagen im Kern nicht miteinander vereinbar waren, hatten sie doch eine beträchtliche Kompromisslosigkeit gemeinsam. Während der Kriegszeit führte das zwangsläufig zur Konfrontation mit dem totalitären Staat. 1943 wurden alle 24 führenden Köpfe der Gakkai festgenommen, weil sich das Festhalten der Organisation an orthodoxen Idealen des Nichiren-Buddhismus nicht mit dem Staats-Schintoismus vertrug. Makiguchi starb im November 1944 in einem Tokyoter Gefängnis. Sein Nachfolger TODA J sei, der ebenfalls in Haft war, hatte in seiner Zelle eine Vision und erkannte in seimeiryoku, der Kraft allen Lebens, den ewigen Buddha selbst. Nach Todas Entlassung im Juli 1945 lehrte er die Bedeutung des Lotos-Sutra und verband die sich widersprechenden Ideale des modernen Humanismus einerseits und der Nichiren-Lehre andererseits dergestalt, dass daraus für die Mitglieder seiner Organisation die Aufgabe abgeleitet wurde, ihr Wissen, ihr Leben insgesamt sowie die ganze japanische Gesellschaft zum Besseren zu verändern. 1946 wurde der Name der Organisation offiziell zu «S ka Gakkai». 1951 formulierte Toda das Ziel, ganz Japan zum Nichiren-Buddhismus zu bekehren und organisierte die wachsende Anhängerschaft in Form einer paramilitärischen Missionierungsorganisation. Das erste von mehreren quantitativen Zielen, das er dabei vorgab, lautete, die Mitgliederzahl der S ka Gakkai bis zu seinem eigenen Tod um 750.000 anwachsen zu lassen. Die Leitfaden, die Gakkai-Mitglieder zur Missionierung an die Hand bekamen, brachten klar zum Ausdruck, dass alle anderen buddhistischen Schulen sowie andere Religionen nun als Gegner galten. Die aggressive Missionierungsoffensive erfüllte zwar die gesetzten Ziele – schon 1957 sollen 750.000 neue Mitglieder gewonnen worden sein, meist frisch in die Stadt gezogene Menschen aus niedrigen Bildungs- und Einkommensschichten – doch zerstörte sie auch weitgehend das Image der Gakkai in der Öffentlichkeit. Anfang der 1950er Jahren griffen japanische Tageszeitungen häufiger Berichte über die Missionierungsmethoden der S ka Gakkai auf und trugen dadurch zur wachsenden Ablehnung religiöser Organisationen bei. 206 Axel Klein Mit wachsender Mitgliederzahl wurde ein neues Ziel formuliert. Nichiren selbst hatte im 13. Jahrhundert seinen Schülern aufgetragen, eine honmon no kaidan zu errichten, eine «wahrhaftige Ordinationsbühne», die den geistigen Mittelpunkt einer vollständig zur Nichiren-Schule bekehrten Welt darstellen sollte. Toda griff dieses Erbe auf und entwickelte den Plan, eine staatlich-japanische Ordinationsplattform (kokuritsu kaidan) zu errichten. Nichiren hatte zu Lebzeiten vergeblich um eine offizielle Genehmigung des Kaisers für ein solches Vorhaben geworben. Toda interpretierte dieses Bemühen für die Gegenwart nun so, dass ein Parlamentsbeschluss gleichwertig sei, den er innerhalb der nächsten 25 Jahre (bis 1979) bewirken wollte. Daraus leitete er die Notwendigkeit ab, die S ka Gakkai ins Parlament bringen zu müssen (Kawada 1980: 15). In der August-Ausgabe der Gakkai- Zeitschrift «Daibyaku renge» (Grosser weisser Lotos) aus dem Jahre 1956 veröffentlichte er den ersten Teil einer Abhandlung mit dem Titel « butsu my g ron» (etwa: Zur harmonischen Einheit von Regierung und Buddhismus). Darin schreibt er: «Der Grund, warum Politik für uns von Interesse ist, liegt […] in der Bekehrung aller Menschen zum Nichiren-Sh sh - Buddhismus [k sen r f ]. Mit anderen Worten, unser einziges Ziel ist die Errichtung einer nationalen Ordinationsplattform.» (nach S ka Gakkai 1960: 204). 1955 traten Mitglieder der S ka Gakkai erstmals bei Regionalwahlen an, allerdings nicht in Form einer eigenständigen Partei, sondern unter dem Banner verschiedener etablierter Parteien. Von 54 Kandidaten waren 52 erfolgreich. 1956 gelang es drei von sechs Gakkai-Kandidaten, ein Oberhausmandat zu erringen, die Zahl der Stimmen, die auf sie entfielen, betrug 991.539.40 Die Wucht, mit der Gakkai-Mitglieder Wahlkampf betrieben, führte zu zahlreichen Übertretungen der recht engen Wahlgesetze. 1957 wurden 45 Helfer eines Oberhauskandidaten der Gakkai in saka wegen solcher Gesetzesübertretungen festgenommen. Die Organisation veranstaltete vor der Haftanstalt Protestzüge. McLaughlin fasst die Auswirkungen dieser Aktivitäten auf das öffentliche Image der S ka Gakkai treffend zusammen: «With the mobilization of a militarized youth wing, a strident and charismatic leader, aggressive campaigns aimed at rival religions, a rising presence in media and publishing, forays into electoral politics, and constant pressure from Gakkai members on people in local areas to convert, it is difficult to 40 Kawada, Diskurs zur neuen K meit , 15–18. Religion als politisches Programm 207 imagine anything other than an overwhelmingly negative public reaction to S ka Gakkai.»41 Solange die S ka Gakkai noch keine Partei etabliert hatte, stellte sie für die 1955 gegründete LDP eine wichtige Quelle organisierter Wählerstimmen dar. Traten Kandidaten der Gakkai unter dem Banner der LDP an, profitierte auch die Regierungspartei davon. Trotz des schlechten öffentlichen Images waren deshalb führende Liberaldemokraten auch bei grossen Feierlichkeiten der Gakkai anwesend und auch, als Toda 1958 beigesetzt wurde.42 In den zwei Jahren, die bis zum Amtsantritt des nächsten Präsidenten der S ka Gakkai, Ikeda Daisaku, vergingen, wuchs die Mitgliederzahl der Organisation weiter, bei den Oberhauswahlen 1959 waren alle sechs Kandidaten erfolgreich. Auf Geheiss Ikedas unternahm die S ka Gakkai im November 1961 einen Schritt in Richtung Parteigründung. Die neun Oberhausabgeordneten und knapp dreihundert Mandatsträger in subnationalen Parlamenten konstituierten sich unter der Bezeichnung «Bündnis für aufrichtige Politik» (BaP, k mei seiji renmei). In der Einleitung ihres im Januar 1962 veröffentlichten Grundsatzprogramms heisst es: «Das Bündnis für aufrichtige Politik wird politische Initiativen ergreifen, die sich ihrem Wesen nach gänzlich von allem bisherigen unterscheiden, indem sie das Gedeihen der Gesellschaft in Übereinstimmung bringen mit dem Glück des Einzelnen. Damit erhoffen wir nicht nur das wahre Glück und Gedeihen des japanischen Volkes, sondern auch nie endenden Frieden für die gesamte Menschheit zu erreichen. Unsere politischen Prinzipien basieren auf dem Geiste des vom grossen Weisen Nichiren stammenden ‹rissh ankoku›43. Für uns ist die darin ent- 41 Siehe McLaughlin, Soka Gakkai in Japan, 77f; In diesem Zusammenhang erwähnenswert ist auch die Verbindung der S ka Gakkai zur Gotô-gumi, einer Yakuza-Gruppe, die ursprünglich in der Präfektur Shizuoka aktiv war. Sowohl ein Gespräch mit einem ehemaligen Mitglied der Gotô-Gruppe als auch ein interner Bericht der nationalen Polizeibehörde, dessen Authentizität von dieser allerdings nicht bestätigt wird, legen den Schluss nahe, dass beide Organisationen nach anfänglichen Konflikten ab Ende der 1960er Jahre zu Partnern wurden. Mitglieder der Gotô-Gruppe scheinen der S ka Gakkai unter anderem dabei behilflich gewesen zu sein, nicht verkaufswillige Grundstückbesitzer unter Druck zu setzen und die Mitglieder eines Untersuchungsausschusses im Präfekturparlament von Shizuoka dazu zu bewegen, die Nachforschungen zu vermeintlich illegalen Bauarbeiten der S ka Gakkai zu unterbinden. 42 Kawada, Diskurs zur neuen K meit , 19f. 43 Nichiren legte seine Überlegungen zu «rissh ankoku» im Jahre 1260 der Regierung in Kamakura vor. Japan war in den Jahren zuvor von Erdbeben, Epidemien, Dürren und 208 Axel Klein haltene höchste Philosophie und grösste Barmherzigkeit das Leitprinzip, auf dessen Grundlage wir in der Gegenwart handeln. Wir versprechen, als äusserst demokratische politische Vereinigung [….] aktiv zu sein.»44 Die programmatischen Kernpunkte lauteten: Nukleare Abrüstung und Todesstrafe für diejenigen, die die Anwendung von Atomwaffen verfügen; Beibehaltung der pazifistischen Elemente der Verfassung; Kampf für saubere Wahlen und gegen Korruption; Demokratisierung der Parlamente. Auf der dritten Vollversammlung des «Bündnisses für aufrichtige Politik» 1963 wurde diesem Grundsatzprogramm ein Politikfeld hinzugefügt, das bis heute zentral für die Arbeit der Partei ist: Sozialpolitik, genauer: ein Ausbau des sozialen Netzes. Unter der Bezeichnung «Verwirklichung der Volkswohlfahrt» (taish fukushi no jitsugen) verstand man eine Politik, die das Beste aus Kapitalismus und Sozialismus miteinander verbinden sollte. Auf dem «Weg der Mitte» verstand man sich vor allem als Vertreter der Klein- und Mittelbetriebe sowie ihrer Angestellten, Bevölkerungsgruppen, die die Mitgliederstruktur der S ka Gakkai bestimmten. Mit der Umsetzung der Volkswohlfahrt seien sowohl das Glück des Individuums als auch das Gedeihen der Gesellschaft und damit das Ideal der «harmonischen Vereinigung von Regierung und Buddhismus» ( butsu my g ) zu erreichen.45 Bereits 1962 hatte Ikeda die Notwendigkeit des «Vorrückens der S ka Gakkai in die Politik» so erklärt: «Die Zeit verlangt von der S ka Gakkai […] in die Politik vorzurücken. Das ist von Buddha gewollt und von ihm befohlen. Wenn wir nicht ganz Japan zum Nichiren-Buddhismus bekehren, wird das Glück des Volkes für alle Ewigkeit unerreichbar bleiben. Dessen sind wir uns zutiefst bewusst. In diesem Krieg, auf dem Weg zur Bekehrung aller, ist das hier vielleicht nur eine kleine Schlacht, aber Schritt für Schritt und unter Aufwendung aller Kräfte wollen wir einen grossen Sieg erzielen […] Dieser Glaube wird zur treibenden Kraft für die Errettung des ganzen Volkes. Wenn wir nicht alle bekehren, wird die absolute Errettung Japans unmöglich sein.»46 Bei der Oberhauswahl 1962 waren wiederum alle Kandidaten erfolgreich, 4,1 Mio. Wähler hatten für sie gestimmt, und insgesamt war das BaP Taifunen heimgesucht worden, Katastrophen, die Nichiren auf den dominierenden, aber falschen Glauben der J d sh (Lehre vom Reinen Land) zurückführte. Einzig das Vertrauen in die wahre Lehre des Lotos-Sutra (rissh ) könne weiteres Unheil abwenden und Japan zu einem sicheren Land (ankoku) werden lassen. 44 Übersetzt nach Abdruck in Kawada, Diskurs zur neuen K meit , 30. 45 Murakami, K meit , 19. 46 Seikyo Shinbun, 8. Juni 1962. Religion als politisches Programm 209 nun mit 15 Abgeordneten in dieser zweiten Kammer des nationalen Parlaments vertreten. Man war auf dem Weg zur Gründung einer Partei bereits weit fortgeschritten. Auf einer Versammlung der S ka Gakkai im Mai 1964 formulierte Ikeda noch einmal die Ziele: Die Errichtung einer «Ordinationsplattform des Volkes» (minsh ritsu kaidan) war an die Stelle einer «nationalen Ordinationsbühne» getreten, sechs Millionen bekehrter Haushalte lautete das neue quantitative Ziel, zudem wurde der Bau einer «S ka Kulturhalle» sowie der Einzug ins Unterhaus angestrebt.47 Am 19. November 1964 lautete die Schlagzeile der K mei Shinbun, der seit 1962 erscheinenden Tageszeitung der S ka Gakkai: «Für Japan bricht eine neue Epoche an, Gründungsparteitag der K meit ». Neben grossen Fotos des Parteitages und des Vorsitzenden gratulierte Ikeda auf der Titelseite mit einigen Sätzen, in denen er die Konstituierung der K meit als Beginn einer neuen politischen Epoche für Japan bezeichnete. Die offizielle Erklärung zur Parteigründung begann mit Klagen über den Zustand Japans und der Welt. Bezug nehmend auf Nichirens «rissh ankoku» wurde anschliessend die «feste Überzeugung» formuliert, dass einzig der absolute Pazifismus dieser buddhistischen Lehre und die harmonische Vereinigung von Buddhismus und Staat die Welt von den Schrecken des Krieges befreien kann. «Für die K meit sind butsu my go und buddhistische Demokratie die Grundprinzipien auf denen die politische Welt Japans von Grunde auf gesäubert […] und mit denen die Verwirklichung der Volkswohlfahrt angestrebt wird.»48 Bereits vor der Gründung der Partei waren die politischen Aktivitäten der S ka Gakkai kritisiert worden, weil sie vermeintlich gegen die in der Verfassung verlangte Trennung von Staat und Religion verstiessen. Mit der K meit gliederte die religiöse Organisation ihre politischen Ambitionen nun zwar institutionell aus, doch liess dieser Umstand die Kritiker nicht verstummen. Ihr erstes Argument basierte auf der engen Personalunion beider Organisationen. Die neue Partei wurde ausschliesslich mit Personal aus der S ka Gakkai bestückt. Die 18 Vorstandsmitglieder der K meit waren alle auch im Vorstand der S ka Gakkai.49 Auch alle Parteimitglieder gehörten gleichzeitig der Gakkai an.50 Ein zweiter Kritikpunkt richtete sich gegen die religiösen Programminhalte der K meit , die unverblümt das 47 Kawada, Diskurs zur neuen K meit , 32. 48 K mei Shinbun, 20. November 1964. 49 Die 18 Vorstandsmitglieder bezeichneten Ikeda zudem als «Landesvater» (kokufu), vgl. Kawada, Diskurs zur neuen K meit , 37. 50 Kawada, Diskurs zur neuen K meit , 37. 210 Axel Klein Ziel einer «buddhistischen Demokratie» (bupp minshushugi) zum Ausdruck brachten. Obwohl Ikeda wiederholt garantierte, die K meit werde die Religionsfreiheit achten, blieb es weiterhin das Bestreben der S ka Gakkai, alle anderen religiösen Lehren als Irrlehren (jaky ) zu bekämpfen. Die Verteidigungslinie der K meit gegen ihre Kritiker bestand zum einen aus dem Hinweis, dass bedeutende Staatsmänner in Japan und im Ausland auch religiös waren. Ikeda Daisaku erklärt in einem Rückblick auf die Parteigründung in der Monatszeitschrift «Ushio»: «Kennedy war ein gläubiger Katholik. Präsident Johnson war auch ein Christ. Khrushchev und Mao waren Anhänger des kommunistischen Glaubens. Die Vorsitzenden der Sozialistischen und der Demokratisch-Sozialen Partei Japans waren Christen, Premierminister Ikeda Hayato Anhänger der buddhistischen Lehre vom Reinen Land. Alle hatten eine Religion.»51 Eine zweite, heute als Standardreplik auf die Frage nach der Verfassungskonformität der K meit geltende Argumentation interpretiert Artikel 20 vor allem als Schutzklausel für das gesellschaftliche und politische Engagement religiöser Organisationen. Die Verfassungsväter hätten damit auf die Religionsverfolgung während der Kriegszeit reagiert. Die Partei schreibt dazu in ihrem Internet-Auftritt: «The original postwar draft of a Japanese bill of rights engendered considerable debate. One article which prohibited political activity by religious organizations was omitted after much discussion, for it was seen as an intolerable danger to democracy in that it would enable the state to intervene in the affairs of religious organizations. The article’s omission remains crucial to the proper interpretation of Article 20 […] Thus, Article 20 was never intended to prohibit any citizen or religious organization from participating in the political process.»52 In einem dritten Argumentationsstrang wird auf die Rechtmässigkeit politischer Aktivitäten der S ka Gakkai, vor allem der Unterstützung von K meit -Kandidaten bei Wahlkämpfen, abgehoben. Nakano erklärt dazu, dass es sich um die legitime Kooperationsbeziehung von politischer Partei und Unterstützungsorganisation handele, gegen die es rechtlich nichts einzuwenden gebe.53 Die K meit selber bemüht gegenwärtig häufig den Vergleich mit Gewerkschaften und deren Unterstützung für die Demokratische Partei. 51 Ikeda, Demokratie ist der richtige Herrscher, 116. 52 Vgl. den englischsprachigen Internet-Auftritt der K meit unter www.komei.or.jp/en/ about/view.html (Zugriff: März 2010). 53 Nakano, Religion im Nachkriegsjapan, 194. Religion als politisches Programm 211 Anhand dieser Ausführungen wird deutlich, dass sich Kritik und Rechtfertigung nicht entsprachen. Der hohe Grad an Personalgleichheit zwischen S ka Gakkai und K meit sowie der Superioritätsanspruch des Nichiren- Buddhismus waren aus Sicht der religiösen Organisation unabdingbar, vertrugen sich aber nicht mit der Verfassung und stiessen bei anderen religiösen Organisationen, in den Massenmedien sowie in der breiten Öffentlichkeit auf Ablehnung. In diesem Spannungsverhältnis wirkte ein Buch, verfasst von einem bereits länger als Kritiker der S ka Gakkai bekannten Politikwissenschaftler, als Auslöser für einen Prozess, an dessen Ende sich K meit und Gakkai formell trennten. Fujiwara Hirotatsu veröffentlichte 1969 sein Buch «Bruch mit der S ka Gakkai», in dem in teils polemischer Weise die Missionierungsmethoden der Gakkai, ihr Expansionsstreben und das politische Engagement der K meit kritisiert wurden. Die religiöse Organisation versuchte, den Verkauf des Buches zu verhindern, wodurch sich ihre Kritiker bestätigt sahen und das Ansehen der Organisation erheblichen Schaden erlitt. Als Konsequenz dieser Ereignisse entschieden sich Partei und Gakkai dafür, dass nun Politiker der K meit kein Amt mehr innerhalb der religiösen Organisation bekleiden durften. Man betonte wiederholt, dass es auch keinerlei finanzielle Verbindungen zwischen beiden Organisationen mehr gäbe. Zentral jedoch war die Entscheidung, sämtliche religiösen Bezüge aus dem Parteiprogramm zu streichen. Die Errichtung einer nationalen Ordinationsplattform verschwand ebenso wie jeglicher Bezug zu «rissh ankoku» und « butsu my g ». Von einer buddhistischen Demokratieform war keine Rede mehr. 2. Programmatik Die Trennung von Partei und religiöser Mutterorganisation wurde in Publikationen beider zum Anlass genommen, von einer neuen K meit zu sprechen, die nun nicht mehr als religiöse, sondern als Partei für das ganze Volk agieren wolle. Seither bietet das Parteiprogramm keinen Anlass mehr, die K meit als religiöse Partei zu charakterisieren. Das Grundsatzprogramm hat während der letzten 40 Jahre eine Reihe von Änderungen erfahren, doch sieht sich die Partei damals wie heute in der ideologischen Mitte, betont die Notwendigkeit staatlicher Fürsorge für die Menschen und hebt die eigene pazifistische Grundhaltung hervor. Unverändert ist auch die wiederholte Erinnerung daran, dass die K meit aus der Mitte des Volkes hervorgegangen sei und an der Seite der Menschen stehe und kämpfe. Dieser Konzentration auf das Wohlergehen des Einzelnen steht die weitgehende 212 Axel Klein Aussparung der nationalen Perspektive gegenüber. Aussagen zur Problematik des immensen Staatsdefizits oder substanzielle Vorschläge zur Wirtschafts- und Finanzpolitik sind rar. Religionsfreiheit wird bejaht, sonstige Bezüge zu Religion finden sich nicht. Allerdings gleichen sich zuweilen sowohl Terminologie als auch religionsunabhängige Ideen von Partei und Glaubensgemeinschaft. 1971 verstand sich die K meit als Partei des Volkes und auf dem Weg der Mitte, auf dem «Menschlichkeit einen hohen Wert darstellt». Gemeint war damit ein Weg zwischen Sozialismus und Kapitalismus, auf dem man die guten Seiten beider Gesellschaftsformen erhalten wollte, deren negative, unmenschliche Auswüchse aber zu verhindern suchte. Die Partei wählte für diesen Weg den Begriff «menschlicher Sozialismus» (ningensei shakai shugi), in dem freie Wirtschaftsaktivitäten mit einer gerechten Verteilung ihrer Erträge einhergehen sollten. Die staatliche Fürsorge für die Menschen fand ihren Ausdruck in dem Ziel, durch die Errichtung eines Wohlfahrtsstaates54 die Prosperität der Gesellschaft und das Glück des Einzelnen zu erreichen. Das Wohl der Welt sollte durch eine auf Pazifismus basierende Aussenpolitik der Nicht-Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten erreicht werden.55 In dem 1994 verabschiedeten Grundsatzprogramm ist das Vokabular aktualisiert, aber der Inhalt ähnlich. Die K meit nennt sich darin eine «offene Partei des Volkes» (hirakareta kokumin seit ) deren Ziel es ist, nach Glück für die Menschheit zu streben. Man hat den Begriff des «menschlichen Sozialismus» fallen lassen, spricht aber weiterhin vom «Weg der Mitte». Ihm gleichgesetzt wird das «Prinzip der Menschlichkeit» (ningen shugi), in dem «das (Alltags-)Leben und das Dasein als höchstes Gut» geachtet werden. Nicht Ideologie, nicht Staat, nicht Kapital, sondern ein glückliches Dasein der Menschen an sich sei der zentrale Wert. Japans Entwicklung seit Beginn der Meiji-Zeit habe Wirtschaftswachstum zu einem Selbstzweck werden lassen. Eine Vielzahl von Problemen, mit denen JapanerInnen heute zu kämpfen hätten (lange Arbeitszeiten, wenig Urlaub, dürftige Wohnbedingungen, Bildungsdruck, mangelnder Verbraucherschutz etc.) seien die Er- 54 Dem japanischen Begriff fukushi shakai (wörtlich: Wohlfahrtsgesellschaft) wird heutzutage wohl am ehesten die Übersetzung «Sozialstaat» gerecht. Da es der K meit jedoch eindeutig um eine breit angelegte staatliche Fürsorge für die Bevölkerung ging, wird hier die Übersetzung «Wohlfahrtsstaat» verwandt, ein Begriff, mit dem ansonsten eher skandinavische Länder und ihre Sozialsysteme bezeichnet werden. 55 Gemäss Abdruck des Grundsatzprogramms in Adachi, Die Wiedergeburt der K meit , 200f. Religion als politisches Programm 213 gebnisse dieser Entwicklung. Die K meit stehe für die Neuausrichtung des Staates auf die Bedürfnisse des Volkes, wobei unverändert auf der Grundlage einer freien Marktwirtschaft gesellschaftliche Gerechtigkeit und Schutz der sozial Schwachen sichergestellt werden sollen.56 Auch in diesem Grundsatzprogramm sind keine religiösen Bezüge zu finden, allerdings enthält es weiterhin Ideen, die denen der S ka Gakkai entsprechen. Wenn die Partei von «Präferenz für Kultur» (bunka y i) und «geistigem Ausgefülltsein» (seishin no j jitsu) als Gegenstück zu Hochindustrialisierung und Konsum schreibt, findet sich darin die unter Ikeda Daisaku eingeschlagene Ausrichtung der S ka Gakkai wieder, die den Mitgliedern der Glaubensgemeinschaft neben der Pflege des Nichiren-Buddhismus die Beschäftigung mit Musik, Kunst und Literatur als Mittel zur Verbesserung ihres Daseins anempfiehlt. Auch das Bemühen um (Welt-)Frieden, das von Ikeda als zentrale Motivation seiner zahlreichen Auslandsreisen und Zusammenkünfte mit Staatsmännern anderer Nationen angeführt wurde und wird, findet sich im Parteiprogramm wieder, oft kombiniert mit Bezügen zum Wohl der ganzen Menschheit. Dass die Partei trotzdem 2004 der Entsendung japanischer Truppen in den von kriegerischen Auseinandersetzungen gezeichneten Irak zustimmte, belegt dabei die Flexibilität des Grundsatzprogramms. Nach der Beendigung der Koalition mit der LDP im September 2009 und der Rückkehr der K meit auf die Oppositionsbänke nahm die Parteiführung eine Generalevaluierung ihres Programms und ihrer politischen Aktivitäten vor. Damit sollte auch dem nicht nur an den Wahlergebnissen ablesbaren Unmut vieler Stimmberechtigter aus Reihen der S ka Gakkai begegnet werden. In der «Vision» des neuen Parteichefs Yamaguchi Natsuo stellt sich die K meit als Partei der Wohlfahrt, der Bildung und des Friedens dar. Diese drei Kernpunkte treffen präzise die Kerninteressen der Gakkai-Mitglieder und entsprechen den Lehrinhalten, die Ikeda Daisaku weiterhin seiner Organisation verordnet. Auch wenn es keine Religionsbezüge im Programm der K meit gibt, so ist doch eindeutig, dass die Kernanliegen der Partei die der Mutterorganisation sind. 56 Das Grundsatzprogramm der Partei findet sich in japanischer Sprache im Internet- Auftritt der K meit unter: www.komei.or.jp/about/platform.html (Zugriff: März 2010). 214 Axel Klein Abb. 1: Stimm- und Sitzanteil der K meit bei Unterhauswahlen Quelle: Internet-Auftritt des japanischen Innenministeriums (www.soumu.go.jp/senkyo/ senkyo_s/data/index.html) sowie Datensammlung aus Klein, Elections in Asia and the Pacific, Japan, 355–394. 3. Wahlergebnisse und sozialstrukturelle Merkmale Kandidaten der K meit traten erstmals 1956 bei einer nationalen Wahl an, der zum Oberhaus. 1967 versuchte man sich dann erfolgreich bei Unterhauswahlen. Bei den 14 Wahlgängen, die bis 2009 für dieses politisch einflussreichere der beiden Häuser des nationalen Parlaments durchgeführt wurden, erreichte die Partei im Durchschnitt einen Stimmanteil von 10 Prozent und einen Sitzanteil von 8,3 Prozent (Abb. 1).57 Die Mitglieder der S ka Gakkai sind zu hohem Grade mobilisierbar und sichern der K meit damit bei jeder nationalen Wahl eine zuverlässige Stimmenzahl von mehreren Millionen (Abb. 2). Wie gross der Anteil derjenigen Stimmen für die K meit ist, die von Wählern ohne jede Beziehung 57 Bis einschliesslich 1993 verfügten Stimmberechtigte bei Wahlen zum Unterhaus nur über eine Stimme, die einem Direktkandidaten ihres Mehrerwahlkreises gegeben werden konnte. Die Stimmabgabe für eine Partei war nicht möglich. Dem Stimmanteil der K meit in Abb. 1 liegen die Summen aller für die Kandidaten der Partei abgegebenen Stimmen zugrunde. Mit der Einführung des bis heute gültigen Grabensystems 1994 wurden die Zweitstimmen für die Errechnung des Durchschnitts verwendet. Ausgelassen wurde die Wahl 1996, da die K meit nicht als einzelne Partei, sondern ihre Kandidaten als Teil der bis Ende 1998 existenten «Neuen Fortschrittspartei» angetreten waren. Religion als politisches Programm 215 Abb. 2: Zahl der Mitgliedshaushalte der S ka Gakkai und Stimmengewinne bei Oberhauswahlen58 Quelle: Internet-Auftritt des japanischen Innenministeriums (www.soumu.go.jp/senkyo/ senkyo_s/data/index.html), Datensammlung aus Klein, Elections in Asia and the Pacific, Japan, 355–394, sowie Vortrag von Hiroshi (s. Anmerkung 61). zur S ka Gakkai abgegeben wurden, ist nicht bekannt. Da Gakkai-Mitglieder aber, wie oben angedeutet, sehr viel Energie auf das Anwerben von Stimmen im Bekanntenkreis und in der Nachbarschaft aufwandten, scheint es wahrscheinlich, dass der überwiegende Teil der K meit -Wählenden zumindest in irgendeiner Form von wahlkämpfenden Gakkai-Mitgliedern kontaktiert wurde. Abb. 2 macht aber auch deutlich, dass die Zahl der gewonnenen Stimmen bis zur formellen Trennung von Partei und religiöser Organisation in der Regel über der Zahl der Mitgliedshaushalte der S ka Gakkai lag. Erst mit dem Wandel von einer «religiösen» zu einer «Partei des Volkes» 1969/70 58 Die S ka Gakkai gibt keine Mitgliedszahlen an, sondern nur die Zahl der Mitgliedshaushalte. Wie bei allen anderen religiösen Organisationen auch existieren keine zuverlässigen, unabhängigen Angaben. Zudem sind sie nicht für alle Jahre erhältlich. Die Oberhauswahl 1995 ist ausgenommen, weil die K meit dabei als Teil der Neuen Fortschrittspartei antrat. 0 1'000'000 2'000'000 3'000'000 4'000'000 5'000'000 6'000'000 7'000'000 8'000'000 9'000'000 10'000'000 Mitgliedshaushalte der SG Stimmengewinne 216 Axel Klein unterschritt die Zahl der gewonnenen Stimmen die der Gakkai-Haushalte (bis 2001). Die Ursachen sind unklar. Denkbar ist, dass der Unwille innerhalb der religiösen Organisation wuchs, für die nun formell unabhängige Partei zu stimmen. Ebenfalls möglich ist, dass die Bemühungen um Stimmberechtigte, die nicht der S ka Gakkai angehörten, weniger erfolgreich waren und/oder mit weniger Aufwand betrieben wurden, und mit Regierungsbeteiligung der Partei wieder Auftrieb erhielten. Wie Abb. 3 verdeutlicht, ergab sich für die Partei aus der recht stabilen Zahl von Wählerstimmen ein Vorteil aus niedriger Wahlbeteiligung, wohingegen der Sitzanteil bei Wahlen mit hoher Beteiligung entsprechend geringer ausfiel. Die soziostrukturelle Zusammensetzung der K meit -Wählenden kann zum überwiegenden Teil aus der der S ka Gakkai abgeleitet werden. Nach dem, was über die Mitglieder der religiösen Organisation bekannt ist, überlappt diese Gruppe zum Grossteil mit denjenigen Gesellschaftsgruppen, die ansonsten als Zielgruppe der K meit -Politik gelten. In den 1960er Jahren waren dies zum Grossteil Menschen, die wenig von dem rasanten Wirtschaftswachstum des Landes profitierten. Viele waren aus den ländlichen Regionen Japans in die Städte gezogen. Sie gehörten meist den unteren Bildungs- und Einkommensschichten an, waren unorganisierte Arbeiter in Klein- und Mittelbetrieben, in unsicheren Arbeitsverhältnissen oder im Niedriglohnbereich tätig, Tagelöhner sowie Mitglieder sozialer Randgruppen.59 Eine Studie aus dem Jahr 196960 besagt, dass ein Drittel (32,1 Prozent) der K meit -Wähler keinen Schulabschluss bzw. nach der 6. Klasse die Schule verlassen hätte. Ein Viertel (23,1 Prozent) sei nach der 9. Klasse abgegangen, 19,2 Prozent nach der 10., und 15,4 Prozent nach der letzten, der 12. Klasse. 7,7 Prozent besassen einen Hochschulabschluss. Ein Blick auf die berufliche Struktur der K meit -Anhänger jener Zeit ergab ein deutliches Übergewicht von Selbstständigen (60,3 Prozent), wobei mehr als die Hälfte in der Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft tätig waren. Ein Fünftel (20,5 Prozent) war im Industrie- und Handelssektor beschäftigt, 12,8 Prozent verdienten ihr Geld als Büroangestellte. 59 K no, Japan’s Postwar Party System, 122. 60 Diese Studie wurde im Juli 1969 unter dem Titel «S ka Gakkai, K meit no shakaiteki seikaku» [Die sozialen Charakteristika von S ka Gakkai und K meit ] veröffentlicht. Hier wird sie zitiert nach: Hori, Diskurs zur K meit , 190f. Religion als politisches Programm 217 Abb. 3: Wahlbeteiligung und Sitzanteil der K meit bei Unterhauswahlen Quelle: Internet-Auftritt des japanischen Innenministeriums (www.soumu.go.jp/senkyo/ senkyo_s/data/index.html) sowie Datensammlung aus Klein, Elections in Asia and the Pacific, Japan, 355-394. Daten aus dem Jahre 2004 zeigen, dass sich der über die Jahrzehnte in der gesamten japanischen Gesellschaft erfolgte Bildungsanstieg auch in der S ka Gakkai vollzogen hat. Nun haben 13,6 Prozent der Mitglieder einen Mittelschulabschluss (Abgang nach der 9. Klasse) und stellen damit bereits die niedrigste Bildungsstufe der Organisation dar. 40,9 Prozent verfügen über einen Oberschulabschluss (Ende der 12. Klasse), 37,2 Prozent dazu über einen Hochschulabschluss. Betrachtet man die berufliche Struktur der S ka Gakkai im Jahre 2004, sieht man ebenfalls tiefgreifende Veränderungen. Mit einem Anteil von 36 Prozent dominieren (Vollzeit-)Hausfrauen. 18 Prozent sind als Facharbeiter tätig, 17 Prozent im Handel, 5 Prozent sind erwerbslos, 4 Prozent Prozent in der Verwaltung tätig, 2 Prozent Studierende, und nur noch 2 Prozent arbeiten in der Land-, Forst- und Fischerei wirtschaft.61 Die K meit kann also nicht mehr als die Partei der entwurzelten, in die Stadt migrierten Landbevölkerung bezeichnet werden. Auch Bildungsniveau und Einkommen haben sich erheblich gesteigert. 61 Diese Daten stammen von Nakano Hiroshi, Professor an der S ka Universität in Tokyo. Sie waren Teil seines Vortrags zur S ka Gakkai, gehalten am 19. November 2009 am Deutschen Institut für Japanstudien Tokyo. 218 Axel Klein Abb. 4: Bildungsstand der Vorstandsmitglieder der K meit Quelle: www.komei.or.jp/komei/about; Stand: April 2010. Schliesst man von den Wahlprogrammen der K meit aus den letzten Jahren auf ihre Kernzielgruppen, dann gehören dazu vor allem niedrige bis mittlere Einkommensschichten, Familien, Senioren sowie Angestellte und Betreiber von Klein- und Mittelunternehmen. Versprochen werden ihnen vor allem finanzielle Entlastungen: niedrigere Kraftstoffpreise, Heizkosten, KFZ- Steuern, Schulgebühren und Autobahngebühren, höhere Mindestrenten, mehr Kindergeld sowie günstigere Darlehen zum Erwerb eines Eigenheims. Dazu bietet die Partei eine Verbesserung der Pflege sowie, als einziges Zielgruppen-unspezifisches Politikfeld, besseren Umweltschutz an. Man kann diese Wahlversprechen als Beleg dafür werten, dass die K meit vor allem Hausfrauen ansprechen will, die die grösste und wohl auch aktivste Gruppe innerhalb der S ka Gakkai darstellen. Sie sind auch diejenigen, die bei Wahlkampfveranstaltungen den überwiegenden Teil des Publikums stellen, bei Parteitagen widmen sich die Führungspolitiker der Partei intensiv ihrem Frauenverband. Trotz ihrer grossen Bedeutung sind aber nicht viele Frauen unter den nationalen Parlamentsabgeordneten der K meit bzw. im Religion als politisches Programm 219 Abb. 5: Altersstruktur des Parteivorstands der K meit Quelle: www.komei.or.jp/komei/about; Stand: April 2010. Parteivorstand zu finden. Nach der Unterhauswahl 2009 waren 2 der 21 Mandatstragenden der Partei weiblich. Im Oberhaus standen 5 Parlamentarierinnen 16 männlichen Kollegen gegenüber. Der Parteivorstand (ch kanjikai) kann neben 33 Männern nur 2 Frauen aufweisen.62 Ein Blick auf den Bildungsstand des Vorstands zeigt, dass nur zwei Mitglieder nicht über einen Universitätsabschluss verfügen. Sieben haben im Laufe ihrer Schul- und Universitätszeit Bildungseinrichtungen der S ka Gakkai durchlaufen (Abb. 4). Das Durchschnittsalter des Vorstands beträgt 59 Jahre, wobei die meisten Mitglieder in ihren Fünfzigern und Sechzigern sind (Abb. 5). Partei zur Verwirklichung des Glücks Wie oben bereits erwähnt, ist es der «Partei zur Verwirklichung des Glücks» von ihrer Gründung im Mai 2009 bis zur Niederschrift dieser Zeilen nicht gelungen, ein Mandat in einem japanischen Parlament zu erringen. Obwohl 62 Internet-Auftritt der Partei unter www.komei.or.jp/komei/about; Stand: April 2010. 220 Axel Klein sich dieser Umstand mit recht hoher Wahrscheinlichkeit schon bei den Oberhauswahlen 2010 ändern wird63, wurde die Partei von politischen Konkurrenten einschliesslich der K meit bisher weitgehend ignoriert. Die Massenmedien des Landes nehmen zwar durchaus an Pressekonferenzen und Veranstaltungen der PVG teil, die Berichterstattung ist aber sehr sparsam. Alleine die Unterstützung der PVG für vereinzelte Kandidaten der LDP kann als Interaktion mit anderen Parteien gewertet werden. Während bisher kaum etwas über ihre Stellung im Parteiensystem und Koalitionen berichtet werden kann, bietet die PVG jedoch deutliche Religionsbezüge in ihrem Programm. Es liegt deshalb nahe, zunächst auf die Mutterorganisation und deren Lehre einzugehen, bevor anschliessend das Selbstverständnis der Partei und ihre Programmatik betrachtet werden. kawa Ry h gründete die «K fuku no Kagaku» 1986, eine Vereinigung, deren offizieller englischer Name das anfängliche Ziel der Organisation wohl klarer zum Ausdruck bringt: «The Institute for Research in Human Happiness». Das Bild einer mit wissenschaftlichen Methoden nach Wegen zum menschlichen Glück forschenden Organisation wurde ab 1993 zugunsten religiöser Instrumente in den Hintergrund gedrängt, ist aber immer noch Teil der Selbstdarstellung der KnK.64 Auslöser der Gründertätigkeit kawas war der Nachmittag des 23. März 1981, als der 35jährige die Fähigkeit erhielt «mit göttlichen Wesen zu kommunizieren». An jenem Nachmittag bemächtigte sich einer der Schüler Nichirens, Nikk , der Hand kawas und führte sie mit einem Stift über ein Blatt Papier. Die Worte, die kawa niederschrieb, waren «ii shirase, ii shirase» («Gute Nachrichten, gute Nachrichten»). Als nächster trat Nichiren selbst in Kontakt mit kawa, führte aber nicht nur kawas Hand zwecks Niederschrift seiner Botschaften, sondern antwortete auch auf Fragen. Im Juni des gleichen Jahres teilte dann Takahashi Shinji (1927–1976), der Gründer einer anderen «Neuen Religion» Japans namens «GLA» (God Light Association, gegründet 1969) kawa mit, dass dessen Bestimmung darin liege, das «grosse Gesetz der Erlösung zu predigen und die Menschheit zu erretten». Ab Juli bedienten sich dann eine Reihe von «Jenseitigen» kawas als Mediums.65 63 Das Oberhauswahlsystem sieht neben Mehrheitswahl in Mehrerwahlkreise auch Verhältniswahl in einem landesweiten Wahlkreis vor. Dort reichen einer Partei meist weniger als hunderttausend Stimmen um einen Listenkandidaten ins Parlament entsenden zu können. 64 Wieczorek, Neue religiöse Bewegungen in Japan, 178. 65 NBK, Wissenschaft vom Glück, 30–32. Religion als politisches Programm 221 Diese Kommunikation mit Verstorbenen, meist Religionsstiftern und Begründern von Glaubensgemeinschaften, aber auch bekannten Philosophen und wichtigen Persönlichkeiten der Zeitgeschichte, stellt bis heute die zentrale Quelle für die Lehre der KnK sowie der Reden und Publikationen von kawa dar. 1982 sprach Jesus Christus durch kawa zu dessen Vater, 1983 der Shingon-Priester K kai (774–835). In den Jahren danach traten u. a. Moses, Gandhi, Sokrates, Shakespeare, Dante, Newton und einige bekannte Personen der japanischen Religionsgeschichte mit kawa in Kontakt.66 Einen publizistischen Niederschlag fand dieser Umstand erstmals 1985. Nichiren hatte durch kawa auf Fragen von dessen Vater und Bruder geantwortet, die Niederschrift erschien unter dem Titel «Die spirituellen Botschaften des heiligen Nichiren».67 In den nächsten Jahren folgte eine Reihe von weiteren Büchern, in denen spirituelle Botschaften von K kai, Jesus Christus sowie der schintoistischen Sonnengottheit Amaterasu festgehalten waren. 1989 verkündete kawa in dem Buch «Die Wiedergeburt des Buddha» (Budda saitan, 2009 auch als Zeichentrickfilm in japanischen Kinos), dass er nun nicht mehr Medium, sondern eben der wiedergeborene Buddha Shakyamuni sei. Die Kernelemente der Lehre der KnK sind in drei 1987 veröffentlichten Büchern festgehalten, die zudem die Existenz und den Aufbau der jenseitigen Welt erläutern.68 In der zehndimensionalen Kosmologie der KnK ist die Erde in der 3. Stufe verortet. In der höchsten Dimension existiert das «planetarische Bewusstsein» (wakusei ishiki), in der neunten «El Cantare», das höchste für Menschen zugängliche Bewusstseinsstadium, aus dem Jesus Christus und Shakyamuni auf die Erde gekommen seien. Eine vierte zentrale Publikation der KnK trägt den Titel «Bussetsu: sh shin h go» (etwa: «Die Lehre des Buddhas: buddhistische Predigten des reinen Geistes»). Sie wird von kawa als grundlegende heilige Schrift bezeichnet und auf eine Stufe mit dem Lotos-Sutra gestellt, allerdings ist sie nur Mitgliedern der Glaubensgemeinschaft zugänglich.69 Buddhistische Elemente, besonders das des «Edlen Achtfachen Pfads», dominieren die Lehre, daneben finden sich aber auch Glaubensinhalte anderer Weltreligionen sowie Teile aus philoso- 66 NBK, Wissenschaft vom Glück, 253–255. 67 kawa verwendet den Begriff reigen, dessen erstes Schriftzeichen mit «Geister», aber auch mit «Seele» übersetzt werden kann («gen» bedeutet Worte, Aussage). 68 Diese drei Bücher tragen die Titel «Taiy no h » (Gesetze der Sonne), « gon no h » (Gesetzes des Goldes), und «Eien no h » (Gesetze der Ewigkeit). 69 Vgl. Wieczorek, Neue religiöse Bewegungen in Japan, 154. 222 Axel Klein phischen Konzepten. Dem Christentum entnommen ist vor allem die Idee der Nächstenliebe. Dieser Synkretismus spiegelt sich in einem der zentralen Ziele wieder, die die KnK als ihre Bestimmung bezeichnet: die Vereinigung aller Religionen und (philosophischen) Ideen in einem diesseitigen, noch zu schaffenden Land des Buddha. Diese «Vereinigung» entstehe im inneren eines jeden Menschen als Ergebnis der erfolgreichen Durchführung geistiger Übungen. Werde die Lehre der KnK von der ganzen Menschheit verstanden, dann sei das oberste Ziel der KnK erreicht, das «Glück der gesamten Menschheit». Auf dem Weg dahin müsse im Herzen eines Jeden die Utopie des Buddha- Landes geschaffen und individuelles Glück erreicht werden.70 1. Selbstverständnis der Partei Vor dem Hintergrund dieser religiösen Bestimmung lässt sich die Entscheidung der KnK, eine Partei zu gründen, leicht verstehen. Aus Publikationen der PVG und aus Interviews mit Parteimitgliedern geht hervor, dass kawa die zentrale Figur bei der Entstehung der Partei war. Das Wahlprogramm, das Ausmass der politischen Aktivitäten, die Zahl der Kandidaten sowie Personalfragen wurden massgeblich von ihm vorgegeben. Wie kawa in seinem 2009 erschienenen Buch «Manifest der Partei zur Verwirklichung des Glücks» erklärt, hat sich seine Glaubensgemeinschaft in der Vergangenheit immer wieder mit Vorschlägen an Politiker gerichtet.71 Zudem hat die KnK bei Wahlkämpfen Liberaldemokraten unterstützt und 1995 mit Mitsuzuka Hiroshi aktiv und öffentlichkeitswirksam einen Spitzenpolitiker der LDP in seinem Bestreben, Premierminister zu werden, gefördert.72 Doch all dies, so kawa, sei nicht mehr als indirekte Einflussnahme gewesen. Man habe gewartet, bis die Zeit gekommen sei, in der diesseitigen Welt die Utopie eines Buddha-Landes wahr werden zu lassen. Dazu sei eine bestimmte gesellschaftliche Machtposition und Grösse der KnK nötig.73 Anders als beispielsweise der «Wahren Lehre des Reinen Lande» gehe es der KnK nicht nur um das jenseitige Glück, sondern um 70 Vgl. NBK, Wissenschaft vom Glück, 149f. 71 kawa, Manifest der Partei zur Verwirklichung des Glücks, 16. 72 Mitsuzuka wurde nicht nur in Veranstaltungen der KnK als ideale Wahl für einen Premierminister präsentiert, der Japan am Ende des 20. Jahrhunderts führen solle, ihm und seinen politischen Fähigkeiten wurde auch ein Buch gewidmet (Ogawa, Mitsuzuka Hiroshi als Premierminister). 73 kawa, Manifest der Partei zur Verwirklichung des Glücks, 16–18. Religion als politisches Programm 223 «Glück, das das Diesseits und das Jenseits durchdringt».74 Um eine Welt zu schaffen, in der Menschen ein strahlendes Dasein führen können, die die Wahrheit lernen und leben, sei nun ein politisches Instrument, eine Partei, von Nöten.75 In den Texten der PVG finden sich zahlreiche Klagen über den Zustand der politischen Welt. Es ist von Korruption, Vorteilssuche, Lobbyismus und der Vernachlässigung der nationalen Zukunft die Rede. Die Fähigkeiten der Ministerien und des gesamten Regierungsapparats werden in Zweifel gezogen, und immer wieder die Notwendigkeit einer tiefgreifenden Reform, Erneuerung oder gar Revolution konstatiert. kawa Ky ko, die Ehefrau von kawa, wurde wenige Wochen nach Gründung der PVG zur Nachfolgerin des ersten Parteivorsitzenden, Aeba Jikid . Auf Pressekonferenzen, in ihren politischen Reden und in ihrem Buch76 wiederholte sie die Frage, ob denn wohl die Götter (shinbutsu) schweigen würden, wenn sie den Zustand der japanischen Politik erblicken würden. Meinen Interviews mit Politikern der PVG zufolge hat aber vor allem ein konkretes aussenpolitisches Ereignis den Entschluss ausgelöst, eine Partei zu gründen und in die nur wenige Monate entfernten Unterhauswahlen einzugreifen.77 Im Frühjahr 2009 kündigte die Führung der Demokratischen Volksrepublik Korea den Start eines Flugkörpers an, der auch japanischen Luftraum überqueren würde. Die Reaktion der japanischen Regierung auf diese Ankündigung habe kawa einmal mehr gezeigt, dass es um die Verteidigung des Landes schlecht bestellt sei. Besonders die Aussagen des damaligen Premierministers AS Tar hätte ihn überzeugt, dass ein Regierungswechsel und eine entschiedenere Haltung gegenüber militärischen Provokationen Nordkoreas nötig seien. Nach der Parteigründung publizierte Wahlprogramme, Pressekonferenzen und Wahlwerbespots bestätigen diese Darstellung, wurde doch überall dem Thema Nordkorea und Landesverteidigung eine hervorgehobene Stellung zugewiesen. Ein religiöser Bezug zu diesem Thema wurde jedoch nicht hergestellt. Die Realität des Wahlkampfes konfrontierte die Partei dann aber nicht nur mit der Notwendigkeit politischer Auseinandersetzungen. Der Um- 74 Im Original formuliert kawa: «Kono yo to ano yo o tsuranuku k fuku» (a.a.O., 21). 75 A.a.O., 21f. 76 Das 2009 erschienene Buch trägt den Titel «Die Entschiedenheit der Vorsitzenden der PVG» (k fuku jitsugent – t shu no ketsudan). 77 Diese Gespräche mit Kandidaten sowie Parteifunktionären der PVG wurden zwischen August 2009 und April 2010 geführt. Insgesamt wurden sieben Personen befragt, zum Teil unter der Zusicherung, ihre Aussagen anonym zu verwenden. 224 Axel Klein stand, dass die PVG sehr offensiv mit ihrer religiösen Herkunft umging, erwies sich erwartungsgemäss als Wettbewerbsnachteil. Der ehemalige Parteivorsitzende Kimura Tomoshige spricht von einem «Tabu», das offen von religiösen Organisationen ausgeführte Wahlkämpfe in Japan darstellten.78 Auch der Umstand, dass die KnK-Lehre der Zusammenführung aller Religionen und Ideen eine hohe Toleranz gegenüber anderen Religionen andeutete, scheint diese negative Wirkung nicht nennenswert gemildert zu haben. K meit und S ka Gakkai waren davon ohnehin ausgenommen. Die Partei geht aber offen mit den Reaktionen um, die ihr Erscheinen auf der politischen Bühne, ihre Wahlkämpfe und Programmatik hervorgerufen haben. In Parteipublikationen heisst es, man sei nicht nur in den Massenmedien auf heftige Kritik gestossen, sondern auch bei Unterstützern und selbst bei Mitgliedern der Partei. Der Umstand, dass die PVG nur aus politischen Laien bestehe, keine Erfahrung im Wahlkampf habe, radikale politische Forderungen stelle, und sich eine grosse Diskrepanz ergebe zwischen eigener Leistung und eigener «Grosstuerei» (taigen s go) – all das habe die Partei in der Öffentlichkeit zuweilen sogar der Lächerlichkeit ausgesetzt.79 Forderungen nach mehr Realitätssinn und grösserer Kompromissbereitschaft könne man aber nicht folgen, denn damit würde man nicht nur den beiden grossen Parteien LDP und DPJ gleich werden, sondern auch die Ideale der PVG aufgeben. Wie Kimura formuliert: «Die Gründung einer religiösen Partei ist unnötig wenn man um der Wählerstimmen willen opportunistisch wird und nur darauf aus ist, Aufsehen zu erregen […] Wenn Ideal und Realität auseinanderklaffen, gibt es nur eins: Die Realität ändern.»80 2. Programmatik Im Unterschied zur K meit versteht sich die PVG eindeutig und offen als religiöse Partei. Ihre Lehre wird als wichtiger Teil der Motivation genannt, sich in die Sphäre der Politik zu begeben, und auch als Grundlage des Parteiprogramms bezeichnet. Gleichzeitig bemüht sich die Partei darum, das Charakteristikum «religiös» möglichst weit zu fassen. In Abgrenzung zur K meit , die aufgrund ihrer Nichiren-Lehre eine ausschliessende, exklusive Partei sei, betont die PVG ihre Offenheit für alle religiösen Menschen. Verbunden mit der Befürwortung der Religionsfreiheit verweist die Partei 78 So Kimura auf einer Pressekonferenz am 12. Januar 2010 in Tokyo. 79 Kimura, Beginnen wir die Glückserneuerung, 2. 80 A.a.O., 4. Religion als politisches Programm 225 darauf, dass selbst die Mitglieder der KnK nicht dazu aufgefordert würden, die Besuche von Tempeln und Schreinen zu unterlassen oder zu Weihnachten nicht die japanische Version von «Stille Nacht, heilige Nacht» zu singen.81 Die Zusammenführung aller Religionen und Ideen, die Ziel der Lehre der KnK ist, gilt als Beleg für die religiöse Toleranz der PVG. Die religiösen Bezüge des Parteiprogramms sind in der Tat sehr offen formuliert, vor allem aber passend für die Bedürfnisse des japanischen «Religionsmarktes». So verwendet die Partei die Vokabel shinbutsu wenn sie Götter meint, ein Begriff, der sich auf schintoistische Gottheiten und Buddhas bezieht. Monotheistische Religionen werden dadurch nicht bedient, doch stellen deren Anhänger ohnehin nur einen verschwindend geringen Teil der japanischen Wählerschaft dar. Entsprechend ihrer religiösen Offenheit erklärt es die PVG – ähnlich wie die K meit – zu ihrem Ziel, eine Partei für das ganze Volk zu werden. Alle Menschen, die Glück für sich selbst und diese Welt anstreben, seien willkommen. Ebenfalls wie die etablierte Konkurrenz argumentiert auch die PVG, dass sie als dritte Kraft all denjenigen eine politische Alternative anbieten möchte, die von LDP und DPJ enttäuscht sind.82 Wenig überraschend für eine religiöse Partei ist die Ablehnung des Kommunismus. kawa schreibt, die Menschheit habe über 150 Jahre unter dem «Manifest der Kommunistischen Partei» gelitten. Das «Manifest der Partei zur Verwirklichung des Glücks» hingegen strebe das komplette Gegenteil an, auch weil es die Existenz der Götter anerkenne. Mit der Kraft der Menschen, die an die Wahrheit des Buddhas glaubten, solle durch eine politische Bewegung die Utopie eines diesseitigen, realen Buddha-Landes herbeigeführt werden und Japan zum Ausgangspunkt seiner weltweiten Ausbreitung machen.83 «Wir wollen im gerechten Sinne eine weltweite, gleichzeitige Revolution.»84 Das bedeute, dass man an dem bestehenden System Verbesserungen vornehmen und so Prosperität erzielen, nicht aber das System zerstören und durch ein neues ersetzen wolle.85 Das 32-seitige Wahlprogramm, mit dem die PVG in die Unterhauswahl 2009 zog, beinhaltete zahlreiche Vorschläge für solche Verbesserungen, darunter vor allem die Abschaffung der Mehrwertsteuer, die Verteidigung gegen nordkoreanische Raketen und eine Bevölkerungspolitik, die die Zahl 81 A.a.O., 41. 82 kawa, Manifest der Partei zur Verwirklichung des Glücks, 29. 83 A.a.O., 23. 84 A.a.O., 24. 85 A.a.O., 27. 226 Axel Klein der in Japan lebenden Menschen von gegenwärtig 127 Millionen auf 300 Millionen im Jahr 2030 steigen lassen soll. In der «Zukunftsvision» der Partei wird Glück zu allererst mit Wirtschaftswachstum gleichgesetzt.86 Eine «Verkehrsrevolution», vor allem getrieben durch den Bau von Strecken für Magnetschwebebahnen, Steuersenkungen, eine 70-prozentige Selbstversorgungsrate bei Nahrungsmitteln (gegenwärtig bei ca. 40 Prozent) und die Entwicklung alternativer Energien sollen ein jährliches Wirtschaftswachstum von 5 Prozent hervorbringen und das japanische Bruttosozialprodukt im Jahre 2030 zum grössten der Welt machen. Dadurch, so die Partei, seien auch die jetzigen Sorgen um Rentensystem und Staatsverschuldung hinfällig. Der zentrale Religionsbezug des Programms findet sich in dem 16 Artikel umfassenden Verfassungsentwurf, als dessen Autor kawa Ry h genannt wird.87 Dass die massgeblich von den US-amerikanischen Besatzungsbehörden vorgegebene Verfassung Japans, die 1947 in Kraft trat und seitdem nie verändert worden ist, durch eine aus japanischer Feder Stammende ersetzt werden soll, hält kawa für nötig um das Glück des japanischen Volkes zu erreichen. Er nennt eine Reihe von Verfassungsinhalten, die er als problematisch betrachtet, darunter die hervorgehobene Stellung des Tenn , die Art des seiner Meinung nach wehrlos machenden Pazifismus, die ungeklärte Frage des Staatsoberhauptes, und Artikel 9, der Japan zwar einerseits den Aufbau von Streitkräften jeder Art verwehrt, andererseits aber (gemäss der vorherrschenden Interpretation) Selbstverteidigungsstreitkräfte erlaubt.88 Problematisch sind für kawa und die KnK auch die Verfassungsbestimmungen zu Religion. Artikel 20 trage durch seinen zweiten, dritten und vierten Satz dazu bei, religiöse Organisationen in eine gesellschaftliche Tabuzone zu verbannen. Artikel 89, der jede finanzielle Zuwendung des Staates an religiöse Organisationen untersagt, schränke den Handlungsspielraum von Glaubensgemeinschaften ein.89 Der Verfassungsentwurf der PVG enthält zwei Artikel mit Religionsbezug. Die Präambel lautet: «Wir, das japanische Volk, tragen das Herz der Götter in unseren Herzen und streben für Japan und die Welt nach Frieden, Wachstum und Prosperität. Unser Wesen als Kinder der Götter ist für uns das Fundament der Menschenwürde, auf dem wir die neue Verfassung Japans errichten.» Das Parteiprogramm erläutert dazu, dass die Menschen- 86 PVG, Eine neue Wahl, 12. 87 A.a.O., 6f. 88 kawa, Manifest der Partei zur Verwirklichung des Glücks, 33–64. 89 A.a.O., 65–72. Religion als politisches Programm 227 rechte aus der allen Menschen eigenen Würde als Kinder Gottes abgeleitet worden seien. Ihr Ursprung sei also religiöser Natur.90 Den zweiten Religionsbezug des Verfassungsentwurfes stellt Artikel 2 dar, der besagt: «Religionsfreiheit ist allen garantiert.» Die Kürze dieses Artikels stellt kawa dem vier Sätze umfassenden Artikel 20 und Artikel 89 der gültigen Verfassung gegenüber, die beide seiner Ansicht nach irreführend seien. Er erkennt zwar die geschichtlichen Umstände an, unter denen dieser Teil der Verfassung entstanden ist, doch suggerieren sie seiner Ansicht nach, dass die in Verfassungsartikel 21 genannte Versammlungs- und Redefreiheit – und somit letztlich auch die Freiheit zu politischer Aktivität – für religiöse Organisationen nicht gelten.91 Ein wichtiges Ziel dieses Teils des Verfassungsentwurfes ist es, die in der japanischen Öffentlichkeit als problematisch empfundene politische Partizipation von Glaubensgemeinschaften von ihrem schlechten Ansehen zu befreien. Damit geht die PVG einen anderen Weg als die K meit , die versucht, ihr Erscheinungsbild bei der Wählerschaft durch Vermeidung jedweden Religionsbezugs zu «normalisieren». Auf den nächsten Seiten des Parteiprogramms finden sich noch drei wietere Religionsbezüge. Unter den Massnahmen, die zur Bekämpfung der im internationalen Vergleich hohen Zahl von Selbstmorden aufgeführt werden, findet sich im Kleingedruckten der Satz: «Religionen und lokale Gemeinschaften haben die Aufgabe, die zwischenmenschlichen Verbindungen zu stärken.»92 Grösser scheint der Religionsbezug unter dem Programmpunkt «Öffentliche Schulen auf weltweit höchstes Niveau heben» auf. Neben dem Vorhaben, private Nachhilfeschulen unnötig zu machen, Mobbing an Schulen zu unterbinden und Begabte zu fördern lautet ein weiterer Punkt: «Mit der Einführung von Religionsunterricht herausragende Charaktere ausbilden».93 Es folgt ein erläuternder Satz: «Mit der Einführung des Schulfaches Religion werden universelle religiöse Ideen unterrichtet wie die Vorstellungen von Gut und Böse, Liebe und Barmherzigkeit, sowie die Idee der Selbsthilfe.» Das Grundlagengesetz für Bildung soll entsprechend ergänzt werden. Der dritte und im Wahlprogramm als letzter aufscheinende Bezug zu Religion findet sich unter dem Thema Landesverteidigung. Die Überschrift 90 PVG, Eine neue Wahl, 8. 91 kawa, Manifest der Partei zur Verwirklichung des Glücks, 65–72. 92 PVG, Eine neue Wahl, 22. 93 A.a.O., 26. 228 Axel Klein lautet: «Auf der Grundlage des Geistes religiöser Toleranz werden wir Weltfrieden und die Abschaffung aller Atomwaffen erreichen.» Der kurze erläuternde Text dazu besagt: «Es gilt, die unglücklichen Kapitel der sich wiederholenden Kriege zu beenden, die aus religiösen und ideologischen Konflikten entstanden sind. Japan, dem der Geist der religiösen Toleranz eigen ist, muss die Führung übernehmen und zu allererst die Vernichtung der Atomwaffen derjenigen Staaten anstreben, die strategische Ziele verfolgen. Wir werden darüber hinaus tatsächlich in grossem Masse Frieden in der Welt verbreiten.»94 Religiöse Toleranz als Qualifikation zur Verbreitung von Frieden sowie Besserstellung religiöser Organisationen in Japan durch einen auf Religionsfreiheit reduzierten Verfassungsartikel, das sind zwei der wesentlichen Religionsbezüge im Programm der PVG. Ähnlich wie das Verständnis von Liebe und Barmherzigkeit als religiöse Ideen sind diese Aussagen offen formuliert und bieten in dieser Hinsicht eine Identifikationsfläche für eine Vielzahl von Glaubensrichtungen. Das Streben nach «Glück» als zentrales Ziel der KnK wird in dem Parteiprogramm nicht direkt mit Religion in Zusammenhang gebracht, sondern mit der Bekämpfung der (Alltags-)Unsicherheit von Menschen durch Wirtschaftswachstum gleichgesetzt. Allerdings begründet der ehemalige Parteivorsitzende Kimura die Notwendigkeit einer offenen religiösen Partei damit, dass Politik und Religion ein Ziel teilen: Beide streben danach, die Menschen glücklich zu machen. Substanzieller Inhalte der Lehre der KnK bediente sich die PVG bisher jedoch nicht.95 3. Wahlergebnisse und soziostrukturelle Merkmale Bisher liegen für die PVG nur Daten aus der Unterhauswahl 2009 vor. Die Partei stellte in 289 von 300 Einerwahlkreisen Kandidaten auf, dazu enthielten die Parteilisten in den 11 Verhältniswahlkreisen 48 Namen, darunter auf Listenplatz 1 im Wahlkreis Kinki den des Parteivorsitzenden kawa. Wie hoch der Anteil der PVG bei den gewonnenen Zweitstimmen war, verdeutlicht Abb. 6 anhand der Ergebnisse in den 11 Verhältniswahlkreisen. Erkennbar ist eine relative Schwäche in der urbanen Region Tokyo/ Yokohama und vergleichsweise hohe Stimmanteile in den ländlichen Regionen Ch goku und Shikoku. Diese letzten beiden sind als diejenigen Regio- 94 A.a.O., 29. 95 Kimura, Beginnen wir die Glückserneuerung, 39-42. Religion als politisches Programm 229 Abb. 6: Anteil an Zweitstimmen der PVG bei Unterhauswahl 2009 Quelle: Yomiuri, Unterhauswahl 2009 (Daten-CD). nen Japans mit dem höchsten Anteil an Menschen bekannt, die angeben, einen Glauben zu haben.96 Bei der Betrachtung des Wahlergebnisses fallen zwei weitere Punkte ins Auge. Zum einen der Umstand, dass die PVG in den Einerwahlkreisen etwas über eine Million Stimmen erringen konnte, aber nur knapp 460.000 Stimmberechtigte mit ihrer Zweitstimme die PVG wählten. Abb. 7 veranschaulicht diesen Umstand wiederum anhand der Wahlergebnisse in den elf Verhältniswahlkreisen und stellt sie den Stimmengewinnen in den dort jeweils enthaltenen Einerwahlkreisen gegenüber. Es gibt keine belegbare Erklärung für dieses Ergebnis. Direktkandidaten der PVG mögen teilweise Proteststimmen auf sich gezogen haben. Der Umstand, dass die Kommunistische Partei Japans, die sonst als Heimat für Proteststimmen gilt, bei dieser Unterhauswahl erstmals nicht in allen 300 Einerwahlkreisen Kandidaten aufstellte, sondern nur in 152, mag vorteilhaft für die PVG gewesen sein. In dem Einerwahlkreis Ibaragi 3 trat neben dem mit 95,3 Prozent siegreichen Watanabe Yoshimi nur der PVG-Kandidat Sait 96 Ishii, Die Religionen der Japaner jetzt, 31. 230 Axel Klein Abb. 7: Stimmengewinne der PVG bei der Unterhauswahl 2009 Quelle: Yomiuri, Unterhauswahl 2009 (Daten-CD). Katsumi an. Dessen Stimmanteil war mit 4,7 Prozent einer der höchsten, die die Partei in einem Einerwahlkreis erringen konnte.97 Ein zweiter Punkt, der bei Betrachtung des Wahlergebnisses ins Auge fällt, ist die grosse Diskrepanz zwischen der offiziellen Mitgliederzahl der KnK von 11 Millionen und der weniger als 10 Prozent dessen betragenden Stimmenausbeute. Die Leiterin der Presseabteilung der PVG, Tanaka Junk , erklärte diese Diskrepanz in einem Interview ähnlich wie Kimura. Zum einen sei die PVG selbst unter den Mitgliedern der KnK noch nicht ausreichend bekannt gewesen, da nur wenige Monate zwischen Konstituierung der Partei und dem Wahlkampf gelegen hätten. Zum anderen gehörten auch Anhänger, Mitglieder und selbst Kandidaten der LDP und DPJ zur KnK. Deren Feedback lege nahe, dass die bisherigen Parteipräferenzen trotz der Konstituierung der PVG weitgehend erhalten geblieben sind. Kimura meint, es gebe in Japan wohl Religionsgemeinschaften, die solche 97 Den höchsten Stimmanteil in einem Einerwahlkreis erreichte TAKAGI Yoshiaki in Hy go 9 mit 5,3 Prozent. Auch hier war kein Kandidat der KPJ unter den Konkurrenten, lediglich einer der LDP und der kleinen «Partei des Volkes». Religion als politisches Programm 231 abweichend wählenden Mitglieder ausschliessen würden, doch stehe bei KnK und PVG Toleranz und Freiheit im Vordergrund.98 Zu den soziostrukturellen Charakteristika der PVG-Wählenden liegen bisher keine Daten vor. Welche Teile der KnK-Mitglieder für die Partei gestimmt haben, ist nicht bekannt. Japanische Zeitschriften und Illustrierten bezeichnen die KnK häufig als «Religion der Firmenangestellten» (sararîman no sh ky ) und der Eindruck, den man bei Betrachtung des Publikums von Parteiveranstaltungen erhält, bestätigt diese Bezeichnung zu grossen Teilen. Allerdings basiert diese Einschätzung nicht auf belastbaren Daten. Einzig zum Parteivorstand finden sich Informationen, die unter anderem Auskunft über Alter, Bildungsgrad und Berufstätigkeit geben.99 Im April 2010 bestand der Parteivorstand aus 8 Männern und 1 Frau. 5 davon waren vorher als Angestellte von Firmen, 1 als Beamter des Handelsministeriums tätig gewesen. Neben 1 ehemaligen Fernsehansagerin, die aber auch Lehraufträge an Universitäten durchführte, und 1 Mitglied einer NPO, die sich gegen Mobbing unter Schulkindern einsetzte, fand sich nur ein Vorstandsmitglied, das ausschliesslich in der KnK und dann der PVG Berufserfahrung gesammelt hatte: Aeba Jikid , Jahrgang 1967, der auch der erste Parteivorsitzende der PVG war und als solcher den konstituierenden Parteitag im Mai 2009 leitete. Alle neun Personen verfügten über einen Universitätsabschluss. Fünf Vorstandsmitglieder waren in ihren Vierzigern und vier in den Fünfzigern, ein im Vergleich zu anderen japanischen Parteien relativ niedriges Durchschnittsalter von 48 Jahren. Zur Typologie religiöser Parteien Wie oben erläutert, ist es das Ziel dieses Beitrages, anhand einer Untersuchung von dem Selbstverständnis der betrachteten Parteien, ihrer Programmatik sowie wahlrelevanter Daten eine sinnvolle Verortung der Untersuchungsgegenstände in der Systematik unterschiedlicher Ansätze der konventionellen Parteienforschung vorzunehmen. Dabei sollen auch Besonderheiten des Zusammenwirkens der Sphären von Religion und Politik in Japan deutlich. Eine ist, dass ein ritueller Synkretismus aus verschiedenen Religionen entstand, der kaum Ausschliesslichkeitsdenken aufweist. Schintoismus, Buddhismus, Konfuzianismus und zu gewissem Grade Taoismus 98 Kimura, Beginnen wir die Glückserneuerung, 27–29. 99 Siehe unter: www.hr-party.jp/about/partyofficer.html (Zugriff: April 2010); Die Kurzporträts der Vorstandsmitglieder sind auch mit ausführlicheren Websites der einzelnen Personen verlinkt. 232 Axel Klein haben über viele Jahrhunderte neben- und miteinander das religiöse Leben Japans geprägt. Daraus ist nicht nur eine breite Ablehnung jeglichen Exklusivitätsanspruches einer einzelnen Lehre erwachsen, sondern auch Skepsis gegenüber Lehrreligionen und insbesondere religiösen Organisationen. Die Abneigung gegen letztere ist allerdings auch eine Reaktion auf die negative Reputation Neuer Religionen, die vor allem durch die Missionierungsmethoden der S ka Gakkai in den 1950ern und 1960ern hervorgerufen wurde und bis heute fortbesteht. Nun sind mit S ka Gakkai und KnK aber gerade Neue Religionen politisch aktiv. Ihr Griff nach politischem Einfluss macht sie der Öffentlichkeit nicht weniger suspekt. Da zudem die Verfassung die Trennung von Religion und Staat vorschreibt, ist das Terrain, auf dem sich die beiden religiösen Parteien bewegen müssen, kein leichtes. Die K meit hat darauf durch einen vollständigen Verzicht auf religiöse Bezüge reagiert, ohne aber die Interessen ihrer Mutterorganisation aus den Augen zu verlieren. Die PVG hingegen geht den gegenteiligen Weg, betont bewusst Religion und deren Ideale, bleibt dabei jedoch so allgemein und offen, dass kein japanischer Wähler ausgeschlossen wird. Die Partei ist religiös, aber konfessionell unverbindlich. Vergleicht man die Anfangsphase der K meit mit dem ersten Jahr der PVG, dann fallen trotzdem zahlreiche Ähnlichkeiten ins Auge: − Starke Personalunion zwischen religiöser Organisation und Partei; − Parteipersonal besteht fast völlig aus politischen Laien; − Die finanzielle Abhängigkeit der Partei von der finanzstarken Mutterorganisation ist beträchtlich; − Die Führungsfigur der religiösen Organisation dominiert den Prozess; − Das Parteiprogramm ist deutlich von religiösen Überzeugungen mit Diesseitsbezug geprägt; − Radikale Ziele und Ideale bestimmen das Programm (Errettung Japans, Umbau des ganzen Landes), dessen Ansatz mit dem Anspruch auf Innovation vorgebracht wird; − Klagen über den Zustand des Landes und besonders der politischen Welt dienen als ein Motiv der Parteigründung; − Der Anspruch, das ganze Volk zu repräsentieren, wird erhoben; − Die Abschaffung aller Atomwaffen ist einer der Programmpunkte. Daneben sind aber auch wichtige Unterschiede festzustellen, die u. a. die politische Präsenz der PVG sehr viel weniger aggressiv erscheinen lassen als im Falle der K meit : Religion als politisches Programm 233 − Die PVG erhebt keinen Anspruch auf Überlegenheit ihrer Lehre und bezeichnet die anderen Religionen nicht als «Irrlehren»; − Die PVG betreibt keine aggressiven Missionierungsfeldzüge; − Die PVG präsentierte von Beginn an sehr viel konkretere Politikentwürfe als die K meit ; − Der Einstieg in die Politik geschah plötzlich, auf breiter Ebene und ohne Vorbereitung. Anders als die K meit wurden nicht zuerst Lokalwahlen bestritten; − Die militärischen Aktivitäten Nordkoreas dienten als Auslöser der Parteigründung; − Die Anhänger der KnK erweist sich keinesfalls so mobilisierbar wie die der K meit . Die PVG betont in diesem Zusammenhang den Umstand, dass sie die Mitglieder der Glaubensgemeinschaft nicht unter Druck setze, sondern deren freie Wahlentscheidung respektiere. Die tabellarische Gegenüberstellung auf S. 234 (Abb. 8) fasst die wesentlichen Erkenntnisse der oben erfolgten Parteienanalyse noch einmal zusammen. Klopft man nun auf der Grundlage dieser Erkenntnisse die vorherrschenden Typologisierungsansätze auf ihre Tauglichkeit für den Fall Japan ab, so gibt es nur zwei, die sowohl PVG als auch K meit als religiös erkennen. Bei einer Betrachtung der Entstehungskontexte beider Parteien finden sich drei wichtige Gemeinsamkeiten, die auch über Japan hinaus als Kennzeichen religiöser Parteien gelten. Zum ersten entstanden K meit und PVG jeweils aus einer religiösen Organisation, deren Führung in die politische Sphäre wechseln und dort direkten Einfluss gewinnen wollte. Zum zweiten sahen sich beide religiösen Organisationen durch göttliche Weisung aufgefordert, politisch aktiv zu werden. Drittens leiteten beide Parteien ihre konkreten politischen Handlungsaufträge aus religiösen Schriften ab: aus Texten des Nichiren-Buddhismus bzw. aus den Niederschriften der Botschaften aus dem Jenseits. In beiden Fällen wird deutlich, dass religiöse Organisationen bei ihren Bemühungen, die religiöse mit der politischen Sphäre zu verbinden, (nicht nur) in den beiden hier untersuchten Fällen von einer Ähnlichkeit der eigenen sowie der Handlungslogik politischer Parteien profitieren. Während beide religiöse Lehren vorgeben, die Menschen im Diesseits glücklich zu machen, sie zu erretten und zur Erleuchtung zu führen, besagt die Handlungslogik der Politik, dass Parteien den Bürgerinnen und Bürgern Hilfestel- 234 Axel Klein K meit PVG Wählerschaft Hauptsächlich hoch mobilisierbare S ka Gakkai; Partei ist aber in Wähleranklang begrenzt (durchschnittlich 10 Prozent Stimmanteil, 8,3 Prozent Sitzanteil im UH); Veränderungen in Sozialstruktur, jetzt knapp 80 Prozent mit Oberschulabschluss, 37 Prozent mit Uni-Abschluss; 36 Prozent Hausfrauen; Zielgruppen: Familien (Hausfrauen), untere & mittlere Einkommen, Familien, KMU; Anhänger der KnK wenig mobilisierbar, bisher geringer Wählerzuspruch; Keine Informationen über Sozialstruktur der Wähler und KnK erhältlich; Zielgruppen unter konservativen Wählern angestrebt; Bedeutung in Parteienlandschaft potenziell entscheidender Koalitionspartner; Bisher keine; Selbstverständnis der Partei Zunächst: Bekehrung zum Nichiren-Buddhismus, «buddhistische Demokratie», Ordinationsplattform; Jetzt: Partei des Volkes, «menschliche» Partei, «Weg der Mitte», Alltagsleben zentral, Schutz der sozial Schwachen; Partei des Volkes, hoher Idealismus, «gerechte Revolution» ( kawa); Religiöser Hintergrund Nichiren-Buddhismus; KnK Synkretismus, Vereinigung aller Religionen in diesseitigem Buddha-Reich, Glück aller Menschen, reigen; Soziostruktur der Parteielite Wenige Frauen, hoher Bildungsstand, Durchschnittsalter: 59 J. Wenige Frauen, hoher Bildungsstand, Durchschnittsalter: 48 J. Politische Schwerpunkte (nicht einmischender) Pazifismus (Weltfrieden), Wohlfahrtsstaat, Bildung (Offensive) Landesverteidigung, Bildung, Wirtschaft, Bevölkerung Abb. 8 Religion als politisches Programm 235 lung bei Problembewältigung und Verbesserung des Lebens bieten, sowie das Verständnis für die Gesellschaft als Ganze zu steigern. Religion und Politik bedürfen eines Gegners wie z. B. Missstände oder Bedrohungen sie darstellen, und beide bieten Handlungsanleitungen für dessen Überwindung an. Es fällt religiösen Organisationen folglich nicht schwer, ihre Ziele und Ideale in die politische Sphäre zu übertragen, auch wenn immer noch ein Adaptionsprozess durchlaufen und die religiösen Ziele zu politischen Forderungen umgewandelt werden müssen. Geht der religiöse Bezug des Programms verloren und blendet man die Entstehungsgeschichte aus, erscheint im Falle der K meit eine Einordnung in andere Kategorien als die der religiösen Parteien möglich. Ein Vergleich mit sozialdemokratischen Parteien würde beispielsweise eine Reihe von Ähnlichkeiten ergeben und es nicht abwegig erscheinen lassen, diese Parteienfamilie als typologische Heimat zu wählen. Ähnliches ist für die PVG denkbar, die sich als konservative Partei betrachtet. Es bleibt aber die Frage, welchen konkreten Wert eine solche Einordnung hätte, denn im Bewusstsein der Wählerschaft dominiert die Verbindung der Partei zu ihrer religiösen Mutterorganisation. Die über Jahrzehnte andauernden Versuche der K meit , sich in der Öffentlichkeit ein religionsfreies Image zu schaffen, sind bisher allesamt gescheitert. Die K meit gilt weiterhin als religiöse Partei, vor allem, weil die tatsächliche Loslösung von der S ka Gakkai nicht stattfindet. Für eine Typologisierung würde das bedeuten, dass sinnvoller Weise nicht das Programm, sondern die dominierenden Wählerschichten einer Partei zu ihrem hauptsächlichen Kategorisierungskriterium werden. Eine Partei wäre dann religiös, wenn ihre wesentlichen Unterstützungsorganisationen religiöser Natur sind, ein Ansatz, der selbstredend auch die PVG als religiöse Partei erkennen würde. Das Kriterium, das Timotheus Frey als Kategorisierungsmerkmal religiöser Parteien in Westeuropa bestimmt, nämlich der direkte Bezug auf die Bibel als Heiliger Schrift,100 lässt sich zumindest auf die PVG anwenden. Bis zu einem gewissen Grade entspricht das Einholen politischer Ratschläge bei jenseitigen Wesen, wie es von kawa Ryûh praktiziert wird, dem Rückgriff auf heilige Texte. Zwar sind diese Ratgeber nicht immer religiöse Figuren, sondern wie Sakamoto Ry ma eine bedeutende Figur der politischen Zeitgeschichte, oder wie Matsushita Konosuke ein Industrieller. Zudem kann kawa die Schriften, auf die sich seine Partei bezieht, «aktua- 100 Frey, Die Christdemokratie in Westeuropa, 37ff. 236 Axel Klein lisieren». Trotzdem stellt die Rat suchende Hinwendung zu heiligen Wesen und Gottheiten zweifellos einen religiösen Akt dar. Die Kategorie der (religiösen) Weltanschauungspartei erweist sich sowohl für K meit als auch PVG als ungeeignet. Während erstere keinerlei religiöse Bezüge mehr aufweist, ist es im Fall der zweiten schwer, die konkrete Verbindung zwischen Religion und politischen Ideen auszumachen. Die Kernelemente des Programms, Landesverteidigung, Bevölkerungs-, Bildungs- und Wirtschaftspolitik, sollen zwar zum Wohle des Volkes beitragen, doch gibt es über das allgemeine Ziel eines besseren Lebens keine Verbindung zur Lehre der KnK. Das Streben nach Glück, die Utopie der Zusammenführung aller Religionen und philosophischen Ideen in einem diesseitigen Buddha-Land bilden zwar eine religiöse Grundlage, doch erlaubt die eine grosse Bandbreite politischer Ausrichtungen und Ideale. Letztlich ist dieser Mangel an politischer Wegleitung die Kehrseite der offenen religiösen Haltung, die die KnK bewirbt. So ergibt die Analyse Japans nur zwei Ansatzpunkte, die einer Verortung der betrachteten Parteien in einer allgemein gültigen Parteientypologie zugrunde gelegt werden können: zum einen den des Entstehungskontextes, zum anderen den der dominanten Stammwählerschaft. Alle anderen Ansätze haben sich als nicht geeignet erwiesen. Die Beiträge zu Deutschland und der Schweiz in diesem Band geben Aufschluss darüber, ob dieser Vorschlag für einen Vergleich praktikabel ist oder Japan sinnvoller Weise als Ausreisser aus einer ansonsten für die «westlichen» Demokratien geeigneten Systematik betrachtet werden sollte. 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