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Philip Wallmeier, Dissidenz als Lebensform. Nicht-antagonistischer Widerstand in Öko-Dörfern in:

Lena Partzsch, Sabine Weiland (Ed.)

Macht und Wandel in der Umweltpolitik, page 181 - 200

ZPol Sonderband 2015 II

1. Edition 2015, ISBN print: 978-3-8487-1969-3, ISBN online: 978-3-8452-6113-3, https://doi.org/10.5771/9783845261133-181

Series: Sonderhefte Zeitschrift für Politikwissenschaft

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Philip Wallmeier Dissidenz als Lebensform. Nicht-antagonistischer Widerstand in Öko-Dörfern1 Kurzfassung Im Bereich der Umweltpolitik gewinnen derzeit Akteure an Prominenz, die sich selbst als widerständig verstehen, obwohl sie keinen Antagonisten klar benennen können oder wollen: Im Rahmen von Initiativen solidarischer Landwirtschaft, der Transition-Bewegung oder Öko-Dörfern schaffen Aktivist/innen alternative Ordnungen, anstatt sich primär gegen bestimmte Gruppen oder Institutionen zu wenden. Durch die empirische Analyse der Praxis in Öko-Dörfern liefert dieser Beitrag Konzepte um den ‚kritischen Stachel‘ dieser nicht-antagonistischen Form von Widerstand zu benennen. Zu diesem Zweck wird der Praxiszusammenhang in Öko-Dörfern als dissidente Lebensform bestimmt. In Alltagshandlungen überwinden Aktivist/innen die Dichotomien Mensch/Natur, ich/du, Mittel/Zweck und bringen so gemeinsame Gestaltungsfähigkeit, ‚power with‘, hervor. So machen Ökodörfler/innen verschleierte Interdependenzen sichtbar, befreien sich von den Zwängen übergreifender Institutionen, lassen Widersprüche in der derzeit dominanten Lebensform sichtbar werden und bringen neue Weltbezüge und Subjektivitäten hervor. Insofern erlauben die eingeführten Konzepte diese nicht-antagonistische Form von Widerstand als Gegenbewegung zur derzeit dominanten Lebensform zu benennen. 1 Für Kommentare zu früheren Versionen danke ich den Herausgeberinnen dieses Sonderbands, Lena Partzsch und Sabine Weiland, sowie zwei Reviewer/innen für produktive Kritik, Ratschläge und Literaturhinweise. ZPol (2015) Sonderband Macht und Wandel in der Umweltpolitik, S. 181 – 200 181 Inhalt Einleitung1. 182 Problemaufriss: Der Widerstand in Öko-Dörfern2. 183 Praktiken einer dissidenten Lebensform3. 185 Zur Rekonstruktion dissidenter Praktikena) 185 Die pragmatische Transzendenz in Öko-Dörfernb) 187 Die Trennung Natur/Mensch transzendieren(1) 187 Die Trennung Ich/Du transzendieren(2) 188 Die Trennung Mittel/Zweck transzendieren(3) 189 Pragmatische Transzendenz und dissidente Qualitätc) 190 Das widerständige Moment pragmatischer Transzendenz4. 192 Fazit: Dissidenz und Lebensformen5. 196 Einleitung Widerstand lässt sich ohne Antagonisten nur schwer denken. Und doch gewinnen im Bereich der Umweltpolitik derzeit Akteure an Prominenz, die sich selbst als widerständig verstehen, obwohl sie kein Anderes, gegen das sich ihr Widerstand richtet, klar benennen können oder wollen. Als Beispiele seien hier nur Initiativen solidarischer Landwirtschaft, die Transition-Bewegung oder Öko-Dörfer, von denen dieser Beitrag handelt, genannt. Die Bewohner/innen von Öko-Dörfern versuchen, in Abgrenzung zum ‚Mainstream’, den sie mit Konkurrenz, Kurzfristigkeit und Individualismus verbinden, kooperativ, nachhaltig und gemeinschaftlich zu leben. Weil sie ihren eigenen Alltag verändern, anstatt sich vornehmlich gegen benennbare Gruppen oder politische Institutionen zu wenden, bleibt die Praxis von Ökodörfler/innen aus politikwissenschaftlicher Sicht als Widerstand häufig unlesbar (Schehr 1997). Zwar kann ihr Handeln teilweise durch die Benennung eines abstrakten Anderen (z. B. die neoliberale Globalisierung) als Gegenbewegung lesbar gemacht werden; durch ein solches Vorgehen tritt aber die Besonderheit dieses Widerstands aus dem Blickfeld, der sich weniger an einem Antagonisten, als an der Herstellung gemeinsamer Gestaltungsmacht, ‚power with‘, orientiert (vgl. Partzsch in diesem Band). Zur Analyse der Praxis von Ökodörfler/innen im globalen Norden, schlägt dieser Beitrag daher Konzepte vor, die das Aufschlüsseln ihres Handelns als Widerstand ermöglichen, ohne den Aktivist/innen dabei einen Antagonisten zuzuschreiben. So wird ihr Wi- 1. Philip Wallmeier 182 derstand als dissidente Gegenbewegung zur derzeit dominanten Lebensform verständlich. Der Beitrag geht in drei Schritten vor. Zuerst wird das bereits angerissene Spannungsfeld aufgeschlüsselt: Ich beschreibe das Selbstverständnis von Öko-Dörfler/ innen als ein widerständiges, das sich aber nicht primär über einen Antagonisten, sondern über die Vorstellung einer besseren Welt bestimmt. Diese Form von Widerstand bezeichne ich in Abgrenzung zu ‚Opposition‘ als ‚Dissidenz‘ (Kapitel 2). In einem zweiten Schritt rekonstruiere ich die dissidente Praxis von Ökodörfler/ innen als Lebensform, welche gemeinsame Gestaltungsmacht (‚power with‘) hervorbringt, indem die Trennungen Mensch/Natur, ich/du, Mittel/Zweck überwunden werden. Damit machen Ökodörfler/innen verschleierte Interdependenzen sichtbar und befreien sich von den Zwängen übergreifender Institutionen (‚power over‘)2 und unbeabsichtigten ‚externen Effekten‘ (Kapitel 3). So lässt sich diese dissidente Praxis zwar nicht als Gegenbewegung zur Mehrheitsgesellschaft, wohl aber zu deren Lebensform verstehen. Das widerständige Moment dieser dissidenten Praxis besteht darin, dass Öko-Dörfer Widersprüche in der derzeit dominanten Lebensform sichtbar werden lassen, indem sie neue Weltbezüge und Subjektivitäten hervorbringen (Kapitel 4). Problemaufriss: Der Widerstand in Öko-Dörfern „[T]oday the dominant form of commercial globalization is to be resisted if we want to bring about a truly harmonious and equitable world” (Jackson 2002: 129). Trotz der bedeutsamen Unterschiede, die sich zwischen Öko-Dörfern ausmachen lassen,3 fasst Hildur Jackson als prominente Vertreterin der ‚Ökodorfbewegung’ in diesem Zitat knapp zusammen, worum es vielen ihrer Mitstreiter/innen geht. Der erste Teil dieses Zitats („to be resisted“) verweist auf das widerständige Verhältnis von Ökodörfler/innen zur Form der globalen polit-ökonomischen Ordnung, weil diese Mensch und Natur zerstört und zu einer Vielfachkrise führt. Zu dieser Vielfachkrise zählen die Akteure unter anderem Umweltzerstörung, Hungerkatastrophen und Epidemien im globalen Süden sowie Vereinsamung, soziale Spaltung und Leerlaufen der repräsentativen Demokratie im globalen Norden (Jackson 2004). Der zweite Teil des Zitats („bring about a truly harmonious and equitable world“) verweist darauf, dass mit diesem Widerstand der Anspruch auf eine fundamentale 2. 2 Zu den verwendeten Machtkonzeptionen ‚power with‘ und ‚power over‘, vgl. den Beitrag von Partzsch in diesem Band. 3 In diesem Aufsatz sehe ich über die Heterogenität der ‚Bewegung‘ hinweg, um das dieser Form von Widerstand Gemeinsame herauszuarbeiten. Dissidenz als Lebensform. Nicht-antagonistischer Widerstand in Öko-Dörfern ZPol Sonderband 2015 183 Transformation einhergeht. Ökodörfler/innen sind überzeugt, dass diese Transformation hin zu einer besseren Welt weder in der stillen Kammer erdacht, noch durch konfrontativen Protest oder durch Verordnungen von oben hervorgebracht werden kann. Stattdessen versuchen sie der beschriebenen Vielfachkrise durch gelebte Alternativen beizukommen: Orte, an denen sie in Abgrenzung zum ‚Mainstream’, der mit Konkurrenz, Kurzfristigkeit und Individualismus verbunden wird, kooperativ, nachhaltig und gemeinschaftlich leben wollen. Weil Öko-Dörfer bewusst gegründet werden, um gemeinschaftliches Leben zu ermöglichen, werden sie auch als (ökologisch orientierte) „Intentionale Gemeinschaften“ (Grundmann u. a. 2006; Bohill 2010) bezeichnet, von denen es Schätzungen zufolge weltweit ca. 12.000 gibt (Grundmann/Kunze 2013: 360). Ein Großteil dieser ‚Alternativen‘ sind dörflich organisierte Lebensgemeinschaften, deren Gründungsjahr zwischen die späten 1970er und frühen 2000er Jahren fällt; einige wurden im Zuge der New Age Bewegung oder als Landkommune gegründet. Dabei unterscheiden sich die heutigen Öko-Dörfer aber von den Kommunen der 1970er Jahre nicht nur in ihrer Selbstbezeichnung (Pepper 1991; Marcus/Wagner 2012). Im Vergleich zu den frühen Kommunen sind sie meist enger in transnationale Netzwerke eingebunden. Zudem konstatieren Grundmann und Kunze (2009: 364 f.) für die ‚Bewegung‘ insgesamt „einen Entwicklungstrend hin zu zunehmender Differenzierung und Reflexionsfähigkeit der beteiligten Akteure“. Da Ökodörfler/innen Alltagshandeln problematisieren und Alternativen aufbauen, anstatt sich vornehmlich in lautstarkem Protest gegen bestimmte Institutionen zu richten, bleibt ihre Praxis als Widerstand häufig unlesbar (Schehr 1997; Litfin 2009: 134) oder wird, wie von Haenfler u. a. (2012), nur als Lebensstil beschrieben.4 Dies ist insofern problematisch, als damit eine Gruppe von Aktivist/innen unverstanden bleibt, die einen radikalen (im Sinne von: an die Wurzel gehen) Transformationsanspruch erhebt. Der durch zahlreiche Publikationen bekannte Ökodörfler Jonathan Dawson (2006: 17) bringt diesen Anspruch wie folgt auf den Punkt: „The failure of governments to address this [ecological] crisis in any systematic manner has led people in unprecedented numbers to conclude that the core direction of mainstream society is so fundamentally flawed that it cannot be reformed from within but must, rather, be transcended from without“. Die widerstän- 4 Ähnliche Gedanken formuliert Iris Kunze (2009: 57) in ihrer Studie über Intentionale Gemeinschaften zu der Frage: „Wie werden Bewegungen definiert, die sich nicht nur über den Protest zum Bestehenden, sondern auch über die Suche nach anderen sozialen Strukturen konstituieren?“. Als Antwort führt sie das Konzept ‚experimentierende Lernfelder‘ ein und legt damit den begrifflichen Fokus auf die Zukunftgerichtetheit von Gemeinschaften. Im Gegensatz dazu liegt der Fokus hier auf ihrer Widerständigkeit. Philip Wallmeier 184 dige Praxis von Ökodörfler/innen entfaltet sich also deswegen im Aufbau von Alternativen, weil sie nicht an Auseinandersetzungen innerhalb der gegebenen Ordnung, sondern an der ‚Transzendierung‘ dieser Ordnung orientiert ist. Jenes Handeln, das auf den ersten Blick als unkritisch missverstanden werden könnte, entpuppt sich aus dieser Perspektive als Ausdruck einer fundamentalen Ablehnung. Eine Unterscheidung, die diese Form von Widerstand begreifbar macht, ist die von ‚Dissidenz‘ und ‚Opposition‘ (zu dieser Unterscheidung vgl. Daase/Deitelhoff 2015; Daase 2014). Wenn ‚Opposition‘ die Form von Widerstand bezeichnet, welche eine Ordnung von innen zu verändern sucht, indem sie sich anhand der von dieser Ordnung bereitgestellten Mittel und Bedeutungen als Widerspruch entfaltet, bezeichnet ‚Dissidenz‘ jene Form von Widerstand, die auf die fundamentale Transformation dieser Ordnung abzielt, während sie sich unkonventioneller Mittel bedient und neue Bedeutungen herstellt. Diese Leitunterscheidung liefert einen ersten konzeptionellen Rahmen zum Verständnis der Gegenbewegung von Ökodörfler/innen: Diese entfaltet sich nicht oppositionell, sondern dissident. Die empirische Analyse dieses Widerstands kann also nur mithilfe eines Interpretationsrahmens gelingen, welcher die widerständige Praxis nicht unmittelbar auf die gegebene Ordnung projiziert. Schließlich bleibt das Handeln von Ökodörfler/innen meist deswegen als Widerstand unlesbar, weil es an jenem Verständnis des Politischen und an jenen Institutionen und Machtverhältnissen gemessen wird, welche die Akteure überwinden wollen. So bleibt die ‚Andersartigkeit‘ dieser Praxis ebenso unsichtbar, wie das Neue, was hier entsteht. Als Dissidenz kann diese Praxis also nur mithilfe eines Interpretationsrahmens verstanden werden, der die empirische Rekonstruktion der Eigenlogik jener Praxiszusammenhänge erlaubt, die auf die Transzendierung der derzeitigen Ordnung und nicht lediglich auf ihre Veränderung von innen abzielen. Praktiken einer dissidenten Lebensform Zur Rekonstruktion dissidenter Praktiken Um die als dissident identifizierte Praxis von Ökodörfler/innen empirisch zu rekonstruieren, bedarf es einer Untersuchung, welche die Eigenlogik dieses Widerstands zu deuten erlaubt. Um diesem Anspruch in der folgenden Analyse gerecht zu werden, folge ich der Argumentation Rahel Jaeggis (2014: 86 f.), dass „Dissidenzphänomene“, ein Begriff den sie nicht weiter bestimmt, „in dem Maße in die Nähe von Lebensformen geraten, in dem sie, den herrschenden Normen und Werten widersprechend, eine vollständige Alternative zur etablierten Kultur sein wollen, also auf die Transformation der dominanten Kultur zielen“. Diese Argumentation 3. a) Dissidenz als Lebensform. Nicht-antagonistischer Widerstand in Öko-Dörfern ZPol Sonderband 2015 185 trifft auch die Intuition, welche sich in der umgangssprachlichen Bezeichnung von Wagenburgen, Kommunen und Öko-Dörfern als ‚alternative Lebensformen’ ausdrückt. Wie generell in modernen Lebensformen üblich (Reckwitz 2006: 63), verbinden sich auch in den hier analysierten Gemeinschaftsprojekten bestimmte Arbeitsroutinen, Formen der persönlichen Interaktion, der Selbstbeziehung und des Konsums zu einem relativ stabilen, identifizierbaren Ganzen. Diese Bezeichnung erhält die Schärfe eines analytischen Konzepts, wenn man ‚Lebensform‘ als „fragile[n] Zusammenhang von sozialen Praktiken, [unter] dem Gesichtspunkt der Organisation der Alltags- und Lebenszeit von Subjekten“ (Reckwitz 2005: 101) definiert. Lebensformen sind also grundlegende Praxiszusammenhänge: Die Art und Weise, wie Subjekte arbeiten, miteinander interagieren, welche Art von Beziehung sie zu sich selbst und zu Artefakten pflegen, ist Ausdruck von (unhintergehbaren) Werten, Wahrnehmungsweisen und Identitäten und bringt diese beständig neu hervor (Jaeggi 2014: Kap. 1-2; Rosa 2003: 65). Ziel der folgenden Analyse ist also nicht die Beschreibung von Einzelhandlungen, sondern die Rekonstruktion von Praktiken, von „know-how abhängige[n] und von einem praktischen ‚Verstehen‘ zusammengehaltene[n] Verhaltensroutinen, deren Wissen einerseits in den Körpern der handelnden Subjekte ‚inkorporiert‘ ist, die andererseits regelmäßig die Form von routinisierten Beziehungen zwischen Subjekten und von ihnen ‚verwendeten‘ materialen Artefakten annehmen“ (Reckwitz 2003: 289). Kurz auf den Punkt gebracht: Die folgende Rekonstruktion der Praktiken von Ökodörfler/innen soll ein besseres Verständnis ihres Widerstands erlauben, indem ihre Alltagshandlungen als ineinander verwoben, als Lebensform, verstanden werden. Für diese Rekonstruktion beziehe ich mich auf zahlreiche von Ökodörfler/innen verfasste Publikationen und Newsletter sowie auf Erfahrungen, Zitate und Eindrücke, die ich durch teilnehmende Beobachtung in zwei Öko-Dörfern über mehrere Tage und während zwei einwöchigen Vernetzungstreffen gewinnen konnte. Dieses Vorgehen ist nicht nur wegen der Methode der teilnehmenden Beobachtung ethnographisch; vielmehr impliziert der ethnographische Ansatz eine Ethik und Haltung der Offenheit (Juris/Khasnabish 2013), die sich darin entfaltet, Aktivist/innen nicht mit vorgefertigten Interpretationsrahmen zu begegnen, sondern zu ‚ertasten‘, welche Bedeutung sie selbst ihrem Handeln geben (Pleyers 2013: 109). Erst durch diesen Ansatz, der das Phänomen nicht ‚von außen‘ kategorisiert, sondern ‚von innen‘ rekonstruiert, lässt sich erschließen, wie Ökodörfler/innen den status quo zu transzendieren suchen. Wie ich im Folgenden ausführe, zeigt sich der dissidente Anspruch dieser Lebensform insbesondere in der pragmatischen, in Alltagshandlungen eingebetteten, Transzendierung von als zerstörerisch wahrgenommenen Gegensätzen. Philip Wallmeier 186 Die pragmatische Transzendenz in Öko-Dörfern Die Trennung Natur/Mensch transzendieren Im Alltag von Ökodörfler/innen spielt ‚die Gemeinschaft‘, als Gruppe, die ein Öko- Dorf bewohnt, eine zentrale Rolle. Mit diesem Begriff wird aber häufig auch der Ort bezeichnet, an dem sich das soziale Leben abspielt. Schon in der Sprache deutet sich also an, dass physischer und sozialer Raum hier zusammenfließen. Von diesem Verständnis ausgehend verändern die Gemeinschaftsmitglieder die Orte, an denen sie leben, häufig arbeiten und ihre eigenen Nahrungsmittel anbauen. Unter anderem versuchen sie, zerstörte Natur wieder herzustellen. Der bereits zitierte Dawson (2014: 19) fasst diesen Ansatz unter dem Schlagwort „sustainable plus“ zusammen: „putting more back into the environment than we take out“. So hat eine Gemeinschaft in Brandenburg die Bodenqualität auf ihrem Gelände, einer ehemaligen Ausbildungsstätte für Spione der DDR, wieder soweit verbessert, dass hier überall essbare Pflanzen wachsen können. Neben solchen direkten Maßnahmen entwickeln und nutzen Ökodörfler/innen besondere Technologien: z. B. ein System, wie Häuser relativ einfach aus Strohballen gebaut werden können, eine Klimaanlage, die nur durch Luftzirkulation funktioniert, eine rein pflanzliche Wasserkläranlage und Komposttoiletten. Wichtig sind diese Bemühungen für Ökodörfler/innen jedoch nicht nur, weil sie hier und jetzt umweltfreundlicheres Wohnen erlauben. Vielmehr geht mit den Technologien und Maßnahmen ein Anspruch einher, der häufig als „reconnecting with nature“ zusammengefasst wird. So geht es etwa in der Nutzung von Komposttoiletten nicht nur um die Vermeidung von Abwasser oder Energieverbrauch, sondern um die fundamentale Trennung zwischen Mensch und Natur, die in herkömmlichen Wassertoiletten materialisiert ist. Diese Vorstellung beschreibt die Ökodörflerin Christine Schneider als „a vision of the environment where there is balance between human beings and the environment. If there is separation, a conflict is generated […]. A perspective of either/or, promotes the interest of one side to the detriment of the other. Joining both aspects […] means considering the environment as a single organism, a holistic concept, and one we cannot go beyond” (2007: 224). Anstatt also z. B. lediglich ein effizienteres Abwassersystem zu entwickeln, transzendieren Ökodörfler/innen durch Komposttoiletten die Trennung von Mensch/Natur pragmatisch und lassen beide Seiten als Teil eines Kreislaufs sichtbar werden. Hier geht also das Schlagwort ‚Naturschutz‘ in dem Sinne fehl, als ‚Natur‘ eben nicht als etwas dem Menschen Äußerliches erscheint, das durch diesen geschützt werden könnte. b) (1) Dissidenz als Lebensform. Nicht-antagonistischer Widerstand in Öko-Dörfern ZPol Sonderband 2015 187 Vielmehr zeigt sich hier jene Interdependenz, welche Jahn und Wehling (1998; vgl. auch Görg 2003) „gesellschaftliche Naturverhältnisse“ nennen. Wie der Begriff Interdependenz schon anzeigt, geht mit der Transzendenz der Dichotomie Mensch/Natur nicht nur der Anspruch einher, ‚zugunsten der Umwelt‘ anders zu leben. Vielmehr verschieben die beschriebenen Praktiken und Technologien auch Abhängigkeiten im sozialen Gefüge. So kann zum Beispiel der durch Komposttoiletten gewonnene Dünger verwendet werden, um die eigene Nahrungsmittelproduktion zu fördern, ohne auf industriell hergestellte Produkte und mit diesen verbundene Herstellungs- und Vertriebsprozesse angewiesen zu sein. Damit entsteht eine Unabhängigkeit von übergreifenden sozialen Institutionen. Die Trennung Ich/Du transzendieren Über die pragmatische Transzendenz der Trennung Natur/Mensch in Alltagshandlungen hinaus, kümmern sich Ökodörfler/innen auch um die Ausgestaltung ihres Platzes wegen seiner gemeinschaftsbildenden Wirkung. In einem Ratgeber zum architektonischen Aufbau von Öko-Dörfern, argumentiert der Experte Bang (2002: 19) z. B., dass die Ausgestaltung des Gemeinschaftsgeländes zu „quality human interaction“ einladen sollte. Nach Bang (2002) sollte jedes Öko-Dorf ein Gemeinschaftshaus haben, in dessen Sichtweite die Wohnhäuser und die wichtigsten Wege gebaut sind; ein Arrangement, das dazu führen soll, dass sich Menschen häufig an Stellen treffen, die zu Kommunikation einladen. Diese Ausgestaltung des Ortes durch Planung und Architektur ist für Ökodörfler/innen wegen seiner gemeinschaftsbildenden Kraft wichtig. Newmann und Jennings (2008: 50) betonen: „[t]he physical characteristics of a sustainable community help to create a sense of community – a sense of ownership, commitment and a feeling of belonging to a larger whole“. Manche Öko-Dörfer unterstützen dieses Gemeinschaftsgefühl auch durch gemeinsamen Besitz. Ein Bewohner betonte in einem Gespräch zum Beispiel: „zumindest muss der Boden allen zusammen gehören, sonst geht’s schief“. Die Bedeutung der Besitzverhältnisse und architektonischen Arrangements liegt für viele Ökodörfler/innen also nicht unmittelbar in Gerechtigkeitsprinzipien oder Nachhaltigkeitsaspekten begründet. Vielmehr zeigt sich hier der Anspruch, das Verhältnis von Individuen untereinander so zu gestalten, dass ‚authentische‘ oder ‚gelingende‘ Gemeinschaft möglich und somit die Trennung zwischen ich/du transzendiert wird. Dieser Anspruch findet neben den beschriebenen Arrangements auch in gemeinsamen Aktivitäten und (Entscheidungs-)Prozessen Ausdruck. Hierzu gehören gemeinsames Essen und Feiern ebenso wie viele Techniken, die in Öko-Dörfern ge- (2) Philip Wallmeier 188 nutzt werden, um Spannungen abzubauen und Konflikte auszutragen – „damit wir uns hier nicht an die Gurgel springen“, wie mir ein Ökodörfler zwinkernd erklärte. Dass sich der Anspruch auf ‚authentische‘ oder ‚gelingende‘ Gemeinschaft nicht in Kollektivierung erschöpft, zeigen insbesondere die verwendeten Konfliktlösungstechnologien. Ein Öko-Dorf in Deutschland nutzt z. B. das sogenannte ‚Forum‘. Beim ‚Forum‘ sitzen die Mitglieder einer Gemeinschaft in einem Kreis, dessen Mitte leer ist. Wer in den Kreis tritt, verpflichtet sich, ‚offen und aus dem Herzen zu sprechen‘, zu sagen, was ihn oder sie bewegt. Wer im Kreis sitzt (und so dessen Außen bildet) hört zu und schweigt. Der leere Menschenkreis verbildlicht, wie sich viele Ökodörfler/innen das Verhältnis zwischen Individuen ‚in Gemeinschaft‘ vorstellen. Gemeinschaft soll Individualität nicht durch Kollektivität ersetzen, sondern Individuen die Möglichkeit geben, mit ihren Ideen, Ängsten und Vorstellungen gehört zu werden, positive Freiheit mit anderen zu leben. So stellen Grundmann und Kunze (2012: 367) in ihrer Untersuchung zu Intentionalen Gemeinschaften fest: „Was bei all dem aufscheint ist ein neues Menschenbild, das scheinbar Unversöhnliches miteinander vereint, nämlich Subjekthaftigkeit und […] kollektive Selbstbindung“. Die Trennung Mittel/Zweck transzendieren Jenseits der eigenen Gemeinschaft sind Ökodörfler/innen meist in Netzwerke von Gemeinschaften eingebunden. Innerhalb dieser Netzwerke finden regelmäßig Treffen und Festivals statt, bei denen praktisches Wissen (know-how) ausgetauscht wird: Je nach Rahmen werden Tipps weitergegeben, wie man Freiwillige für ein Freiwilliges Ökologisches Jahr oder für WWOOFing findet, welche neuen ‚Techniken zur Entscheidungsfindung‘ ausprobiert wurden oder wie die wirtschaftliche Struktur der Gemeinschaft verbessert werden kann. Nicht nur zufällig entstehen bei diesen Netzwerktreffen Kontakte, Freundschaften und manchmal Liebesbeziehungen; der persönliche Kontakt wird durch das Rahmenprogramm gefördert. Zur Eröffnung eines Netzwerktreffens, an dem ich teilnehmen durfte, trafen sich zum Beispiel alle Teilnehmer/innen, gingen aneinander vorbei, sahen sich in die Augen und sangen: „Sei du mir willkommen, zu dieser Zeit an diesem Ort. Es ist die Zeit des großen Wandels und du bist ein Teil davon“. Viele Gemeinschaftsmitglieder interpretieren diese Treffen als Möglichkeit für ‚tiefe Begegnungen‘. So stellen die Netzwerke ein Beispiel dafür dar, wie Ökodörfler/innen die scharfe Trennung zwischen Mittel und Zweck pragmatisch überwinden. Die häufig gebrauchte Beschreibung als ‚networks of hope of love‘ bringt dies auf den Punkt. Das Netzwerk ist nützlich, weil es Wissensaustausch und Kooperation ermöglicht. Darüber hinaus kann es allerdings, ers- (3) Dissidenz als Lebensform. Nicht-antagonistischer Widerstand in Öko-Dörfern ZPol Sonderband 2015 189 tens, genau wie Hoffnung oder Liebe, kaum rein instrumentell genutzt werden; zweitens ist das Netzwerk selbst Ausdruck von Hoffnung und Liebe und so immer auch Zweck der gemeinsamen Praxis. Neben dem Netzwerk verdeutlicht auch das Selbstverständnis vieler Öko-Dörfer als „experimentierende Lernfelder“ (Kunze 2009) die pragmatische Transzendenz der Trennung zwischen Mittel und Zweck. Diese Einsicht umreißt ein Gemeinschaftsprojekt auf ihrer Website: „Ein Verständnis von Politik, das persönliche Entwicklung und politisches Engagement voneinander trennt, ist für uns überholt. Wenn wir uns nachhaltig für eine bessere Welt einsetzen wollen, im Großen wie im Kleinen, sind mehr innere Weite und Mitgefühl unabdingbar. Ein tiefgreifender gesellschaftlicher Wandel wird nicht aus der Denkweise kommen, die wir kennen. Damit eine neue Geschichte entstehen kann, brauchen wir Möglichkeiten, Raum und Weite. Dafür sind wir ein lebendiges Experiment“ (ZEGG 2013). Die hier zitierten Ökodörfler/innen sind also überzeugt, dass die derzeitige „Denkweise“ gesellschaftlichem Wandel entgegensteht, weil sie ein ungenügendes Mittel ist, um jene Zwecke zu definieren, die für einen tiefgreifenden Wandel erreicht werden müssten – Mittel und Zweck erscheinen hier verschränkt. So bleibt die zielgerichtete Suche nach entweder neuen Mitteln oder neuen Zwecken innerhalb dieser „Denkweise“ erfolglos: wie sollte der Zweck der Suche, also wonach gesucht werden soll, oder die Mittel dieser Suche, also auf welche Weise gesucht werden soll, bestimmt werden? Die Antwort von Öko-Dörfern ist die Transzendenz der Dichotomie Mittel/Zweck: als Experimente stellen sie „Möglichkeiten, Raum und Weite“ zu Verfügung, durch die „Denkweisen“ entstehen können, welche „neue Geschichten“ zu erzählen erlauben. Pragmatische Transzendenz und dissidente Qualität Indem Ökodörfler/innen ihre Nahrungsmittel häufig selbst produzieren, natürliche Kreisläufe nutzen, Architektur und Entscheidungsprozesse auf Gemeinschaft einstellen und instrumentelles Handeln durch experimentelles ergänzen, transzendieren sie in alltäglichen Praktiken die Dichotomien Natur/Gesellschaft, ich/du, Mittel/ Zweck. So sparen sie Ressourcen und verändern die lokalen Bedingungen (Litfin 2014: Kap. 3; Simon 2006). Die beschriebene ‚Transzendenz‘ führt aber nicht lediglich zu Verschiebungen im Sinne von trade-offs (also z. B. einer Verschiebung des Fokus vom Menschen zur Natur oder vom Individuum hin zum Kollektiv), sondern transformiert das Verständnis dessen, was beide Seiten ausmacht: Statt als c) Philip Wallmeier 190 unabhängige Gegensätze erscheinen sie als interdependente Teile eines Ganzen. Der Kreislauf, der durch Komposttoiletten entsteht, verweist ebenso auf die Verwobenheit von Mensch und Natur, wie die beschriebenen Konfliktlösungsmechanismen unterstreichen, dass positive Freiheiten von menschlichen Beziehungen abhängen. Nicht zuletzt rückt das Selbstverständnis der Gemeinschaftsprojekte als ‚lebendige Experimente‘ die ‚Denkweise‘, in der Mittel und Zweck zusammenhängen, in den Fokus. Insofern die alltägliche Praxis in Öko-Dörfern den Fokus von der Unabhängigkeit zweier Seiten auf deren Abhängigkeit verschiebt, manifestiert sich in ihr eine bestimmte Weltsicht: ein holistisches Paradigma. Dieses „operative Paradigma“, dessen Bedeutung für die ‚Ökodorfbewegung‘ Karen Litfin (2009) unterstreicht, fand ich in der Email einer portugiesischen Ökodörflerin folgendermaßen zusammengefasst: „When we try to pick anything out by itself, we find it hitched to everything else in the universe. One could not pluck a flower without troubling a star [...]“. Dieses holistische Verständnis lässt sich an der Nahrungsmittelproduktion von Öko- Dörfern veranschaulichen. In Gemeinschaften, die ihre Nahrungsmittel komplett selbst produzieren, geben die Mitglieder die formale Freiheit individueller Konsument/innen auf, die im Supermarkt das für sich beste Produkt kaufen können. So wie aber im oben zitierten Sprichwort die Blume mit einem Stern verbunden ist, verweisen Ökodörfler/innen darauf, dass diese Freiheit zu konsumieren eng an die Umwelt, Produzent/innen in anderen Regionen, sowie an übergreifende Institutionen, wie Geld und den Markt, gekoppelt ist. Was als individuelle Freiheit zu konsumieren erscheint, stellt sich aus einer holistischen Perspektive also eher als Verschleierung von Abhängigkeiten dar. Gemeinsame Nahrungsmittelproduktion erscheint im Gegensatz dazu als Befreiung von den Zwängen übergreifender Institutionen und unbeabsichtigten ‚externen Effekten‘, wie Ausbeutung von Natur und Mensch. Der Lebensform ökologisch orientierter Intentionaler Gemeinschaften ist also ein „operatives Paradigma“ (Rosa 2003: 58), ein holistischer Verständnishorizont eingeschrieben. Dieses Paradigma klang oben schon in der Aussage einer Ökodörflerin an, eine Trennung von Mensch und Natur führe in den Konflikt, weil so die Interessen einer Seite gegen die der anderen ausgespielt würden. Die beschriebenen Dichotomien sind also deswegen zu transzendieren, weil Trennungen Abhängigkeiten verschleiern und so systematisch Ungleichheiten hervorbringen. Nicht zuletzt erlaubt die Rekonstruktion dieses holistischen Paradigmas, den widerständigen Anspruch von Öko-Dörfern präziser darzustellen: Ihre Gegenbewegung entfaltet sich auch deswegen nicht-antagonistisch, weil das Moment der Trennung zwischen Widerstand/Antagonist die fundamentale Interdependenz beider Seiten verschleiert. Ebenso wie die Trennung Mensch/Natur, erscheint die Tren- Dissidenz als Lebensform. Nicht-antagonistischer Widerstand in Öko-Dörfern ZPol Sonderband 2015 191 nung Widerstand/Antagonist vielen Ökodörfler/innen als Problem für beide Seiten, wie eine ‚Gemeinschaft‘ auf ihrer Website schreibt: „Politischer Aktivismus, der den Feind immer nur auf der anderen Seite sieht, verfängt sich in Mustern der Trennung und das ewige Nein-Sagen führt in die Frustration“ (ZEGG 2013). So entfaltet sich die Bedeutung des bereits zitierten Ausspruchs, viele Ökodörfler/innen sähen ihr Handeln als Reaktion auf fundamentale Probleme einer nicht-reformierbaren Gesellschaft, die transzendiert werden muss: Wenn Trennungen Abhängigkeiten verschleiern und so Beherrschung (‚power over‘) hervorbringen, kann Widerstand nicht die Form von Gegenmacht annehmen, sondern muss sich in gemeinsamer Gestaltungsfähigkeit (‚power with‘) entfalten, um die Ordnung von außen zu transzendieren. So zeigt sich eine diesem Widerstand eigene dissidente Qualität, welche durch die Zuschreibung eines Antagonisten verschleiert statt offengelegt würde. Das widerständige Moment pragmatischer Transzendenz Der Widerstand in ökologisch orientierten Intentionalen Gemeinschaften entfaltet gemeinsame Gestaltungsfähigkeit, indem ansonsten verschleierte Abhängigkeiten im Alltag der Akteure sichtbar und damit kontrollierbar gemacht werden. Bisher wurde allerdings die Frage ausgespart, inwiefern die analysierten Gemeinschaftsprojekte nicht nur aus ihrem eigenen Paradigma heraus, sondern auch aus Sicht der herrschenden Ordnung als widerständig verstanden werden müssen. Worin also besteht, wie Helmut Willke (1983: 156) zur frühen Kommunebewegung fragte, der „eigenartige Stachel“ dieser Praxis, deren Widerstand sich nicht unmittelbar auf die derzeitige politische Landschaft projizieren lässt? Um diese Frage zu beantworten, soll es im Folgenden nicht um die nachweisbare Wirkungsmacht, strategische Dilemmata und Ambivalenzen dieses Widerstands gehen (vgl. hierzu: Habermann 2009; Exner/Kratzwald 2012; Mouffe 2005; Loick 2014). An dieser Stelle soll lediglich, sozusagen formal, bestimmt werden, worin das widerständige Moment dieser Praxis für die dominante Ordnung besteht. Der Schlüssel zu dieser Bestimmung, so möchte ich im Folgenden zeigen, ist das Konzept ‚Lebensform‘. Wie oben beschrieben, stellen Lebensformen jenen Zusammenhang von Praktiken dar, welcher die Alltags- und Lebenszeit von Subjekten maßgeblich strukturiert. Da Praktiken als routinisierte Vollzüge von einem ‚Verstehen‘ zusammengehalten werden, also auf eine immer schon interpretierte und bewertete Umwelt bezogen sind, manifestieren sich in Lebensformen Wahrnehmungsweisen, Werte, und Identitäten. So bleiben sie ‚von innen‘ unter normalen Umständen weder sichtbar noch hinterfragbar (Rosa 2003): „Unsere Lebensformen ‚kennen‘ wir […] weniger, als dass wir uns ‚in ihnen auskennen‘“ (Jaeggi 2014: 124). Durch die Neuorganisation 4. Philip Wallmeier 192 von Praktiken der Arbeit, der persönlichen Interaktion, der Selbstbeziehung und des Konsums aber treten Ökodörfler/innen aus der Lebensform der Mehrheitsgesellschaft, dem ‚Mainstream‘, heraus und schaffen eine alternative Lebensform. Diese Neuorganisation stellt ein ‚Störmoment‘ dar, welches die normalerweise unauffällige Lebensform der Mehrheitsgesellschaft als Lebensform sichtbar werden lässt. Dieses Störmoment entfalten die hier analysierten Gemeinschaftsprojekte nicht durch das Verlassen der dominanten Lebensform, welches eine Kritik von außen erlaubt; es entsteht vielmehr dadurch, dass sich die Alternative aus der Lebensform der Mehrheitsgesellschaft und mit Bezug auf deren eigene Werte herausbildet, von denen sie manche besser verwirklicht. So stellt z. B. Matthias Grundmann (2011: 296) fest, dass in den „Lebensführungspraktiken [der von ihm untersuchten Intentionalen Gemeinschaft] das entsteht, das zu fördern sich die Mehrheitsgesellschaft propagandistisch auf ihre Fahnen geschrieben hat: Mündigkeit, Solidarität, Gerechtigkeit und Transparenz“. Den Anspruch, dass gewisse Werte der Mehrheitsgesellschaft in Öko-Dörfern besser als in der derzeit dominanten Lebensform umzusetzen sind, formuliert auch der bereits zitierte Ökodörfler Jonathan Dawson. Für Dawson (2006: 50) zwingt diese derzeit dominante Lebensform Menschen eine Trennung zwischen Herz und Kopf auf, welche sich in Konsumgewohnheiten manifestiert, deren zerstörerische Auswirkungen die Konsument/innen selbst ablehnen. Als Kontrastfolie dient Dawson das Öko-Dorf: „This ecovillage model enables people to bring back into alignment [their] desire for justice and sustainability with their aspiration to live well and happily“. Die alternative Lebensform erhebt also den Anspruch, dass in ihr gewisse Werte der Mehrheitsgesellschaft (nämlich Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit, ein gutes Leben) konsistenter zu verwirklichen sind, als in der Lebensform dieser Mehrheitsgesellschaft selbst. Insofern sind Öko-Dörfer zwar „nicht als Gegenmodell zur Mehrheitsgesellschaft zu interpretieren“ (Grundmann 2011: 296, meine Hervorhebung), wohl aber stellen sie ein Gegenmodell zur dominanten Lebensform in dieser Gesellschaft dar. Der ‚Stachel‘ der hier analysierten Gemeinschaftsprojekte entsteht also nicht primär durch Desinteresse an der Mehrheitsgesellschaft, wie Helmut Willke (1983) für die frühe Kommunebewegung herausgearbeitet hat. Der Stachel von Öko-Dörfern besteht eher darin, als Gegenmodell eine Störung hervorzurufen, welche in Anlehnung an Jaeggis (2014) Konzeptualisierung expliziert werden soll. Erstens entfalten Öko-Dörfer als alternative Lebensformen ein widerständiges Moment, indem sie durch das Vorleben einer nachhaltigeren und kooperativeren Praxis performativ sowohl der Alternativlosigkeit des status quo als auch ökonomisch oder funktional deterministischen Vorstellungen sozialen Wandels widersprechen (Loick 2014: 62). Diesen kritischen Anspruch formuliert auch die Her- Dissidenz als Lebensform. Nicht-antagonistischer Widerstand in Öko-Dörfern ZPol Sonderband 2015 193 ausgeberin des ‚Ecovillage Newsletter’: „Let’s get the word about Ecovillages out in the world, so that people know that another world is not only possible, but that it already exists in many places”. Weil sie gelebte Alternativen darstellen, destabilisieren sie jene Rechtfertigungen, die sich darauf berufen, besseres oder weniger zerstörerisches Handeln sei (innerhalb der gegebenen Strukturen) nicht möglich. Als bessere Verwirklichung gewisser Werte der Mehrheitsgesellschaft zerrt die alternative Lebensform, zweitens, Institutionen, Symbole und Artefakte ans Licht, welche als ‚sedimentierte‘ Voraussetzungen der dominanten Lebensform meist unsichtbar bleiben, obwohl sie die Lebensbedingungen und das Handeln Einzelner in entscheidender Weise prägen. So verweisen Öko-Dörfer zum Beispiel nicht zuletzt darauf, dass die zerstörerischen Auswirkungen des Konsums der Mehrheitsgesellschaft kaum auf individuelle Entscheidungen, sondern auf übergreifende Praxiszusammenhänge (siehe auch Brand 2011; Røpke 2009; Shove 2010), auf die Lebensform zurückzuführen sind. Um nur ein Beispiel zu nennen: Bewohner/innen von Öko-Dörfern verwenden schon deswegen kein Einweggeschirr, weil sie häufig auf dem Gemeinschaftsgelände wohnen und arbeiten. Sie essen zuhause. Dies ist aber nur möglich, weil die meisten Gemeinschaftsprojekte weder Wohnraum verkaufen noch Arbeit in der Gemeinschaft über den Markt vermitteln. So wird das Plastikgeschirr als funktionierender Teil einer Lebensform von Menschen ans Licht gezerrt, die sich (meist im Auto) aus Vororten in die Stadt bewegen, um dort ihrer marktvermittelten Erwerbsarbeit nachzugehen. Die Kontrastfolie der Alternative verweist auf den Zusammenhang zwischen Plastikgeschirr, Verkehr, Arbeits- und Wohnungsmärkten; sie lässt diese im Alltag kaum wahrgenommenen Institutionen und Artefakte weder als Naturgegebenheiten noch als leicht veränderliche Oberflächenerscheinungen, sondern als Manifestation einer bestimmten Lebensform und Weltsicht aufscheinen, welche die Lebensbedingungen Einzelner entscheidend prägt und dabei teilweise zerstörerische Ergebnisse hervorbringt. Drittens, problematisieren Öko-Dörfler/innen diese in der dominanten Lebensform eingelagerte Weltsicht. Schließlich stellt die dissidente Praxis von Ökodörfler/ innen nicht nur gewisse Wege zur Erreichung gegebener Ziele als problematisch dar. Es geht ihnen zum Beispiel nicht darum, wie ‚Naturschutz‘ besser umzusetzen wäre – dieser Begriff passt nicht zu jener Lebensform, in der die Trennung zwischen Mensch/Natur in alltäglichen Vollzügen aufgehoben wird. Vielmehr erscheint ihre Lebensform durch das in ihr verwirklichte holistische ‚Denkmuster‘ als Kritik an jenem Verständnishorizont, der bestimmte Ziele und Problemverständnisse hervorbringt. Gelingt es der Alternative mit diesem Verständnishorizont gewisse Probleme der Mehrheitsgesellschaft zu lösen (z. B. die ‚Trennung zwischen Herz und Verstand‘ aufzulösen), also gewisse Werte der dominanten Lebensform besser zu ver- Philip Wallmeier 194 wirklichen, so erscheinen die Verständniskategorien letzterer unzulänglich. Jener Interpretationsrahmen, der normalerweise unsichtbar bleibt, erscheint als Problem und der „Boden der Selbstverständlichkeiten“ gerät ins Wanken (Jaeggi 2014: 130). So verweisen Öko-Dörfer also nicht zuletzt darauf, dass die Transformation zu einer nachhaltigeren Lebensform, wie Felix Rauschmayer und Ines Omann (2012) formulieren, „nicht nur groß, sondern auch tief“ sein muss. Viertens entfaltet die Herausbildung von Öko-Dörfern über dieses Störmoment hinaus ein widerständiges Potenzial, weil sich in der gemeinsamen dissidenten Praxis Subjektivitäten transformieren (Eräranta u. a. 2009) und neue Bezugsweisen entstehen. Zwar sind Subjekte, wie Butler (1993: 45) betont, nie „Ursprung“ einer veränderten Bezugsweise; sie sind aber auch nicht, wie sie weiter schreibt, „bloßes Produkt, sondern die stets vorhandene Möglichkeit eines bestimmten Prozesses der Umdeutung“. Diese Umdeutungsprozesse sind in Intentionalen Gemeinschaften, wie McLaughlin und Davidson (1986: 2) für Gemeinschaftsprojekte der 1970er Jahre formulieren, insbesondere Ergebnisse eines „powerful training in the art of relationship“. Subjektivitäten verändern sich auf eine nicht-planbare Weise in der Interaktion. Dieses Verständnis brachte mir eine spanische Ökodörflerin spielerisch in einer Gruppenübung näher. Zu Beginn der Übung summten wir alle einzeln und unabhängig voneinander unterschiedliche Melodien – was uns gerade einfiel. Danach sollte ein Mitglied der Gruppe die eigene Melodie in der Mitte des Kreises summen und alle waren in der Folge aufgerufen, sich in den Kreis dazu zu stellen und passend zur Melodie der ‚Pionierin‘ zu summen. „Das Lied verändert sich stark und ist am Ende kaum mit der Melodie am Anfang vergleichbar. Aber es gehört allen zusammen und ist viel größer als die Melodie allein“, erklärte sie mir. Diese Einsicht, dass in Gemeinschaftsprojekten vor allem deswegen neue Subjektivitäten entstehen, weil die gemeinsame Praxis der Planung Einzelner enthoben ist, zeigt auch der Erfahrungsbericht einer Ökodörflerin (zitiert in Christian 2002: 13): „The idealism, dreams and devotion, while still here, have given ground to the practical and the real experience of living in community – the good, the bad, and the ugly. Community is seeping into our cells, I believe, so that even the challenges become just part of who we each are. […] We set out to change the world, and now community is changing us”. Vielmehr als die reibungslose Umsetzung ihres Anspruchs auf ‚Transzendenz’ ist es also die teilweise konfliktive gemeinsame Praxis, durch welche neue Bezugsweisen und Subjektivitäten entstehen. So entfaltet die Dissidenz von Öko-Dörfler/ innen nicht zuletzt ein widerständiges Moment, weil in ihren nicht-planbaren Ge- Dissidenz als Lebensform. Nicht-antagonistischer Widerstand in Öko-Dörfern ZPol Sonderband 2015 195 meinschaftsprozessen neue Subjektivitäten entstehen, die (potenziell) neue Verständnishorizonte öffnen. Fazit: Dissidenz und Lebensformen Öko-Dörfer stellen eine Form von Widerstand dar, die sich nicht primär über einen Antagonisten, sondern über die Vorstellung einer besseren Welt bestimmt. Diese bessere Welt wollen die Aktivist/innen nicht als Opposition, durch Auseinandersetzungen innerhalb der bestehenden Ordnung, sondern, als dissidente Lebensform, durch die Transzendierung dieser Ordnung herbeiführen. Diese Transzendierung versuchen Ökodörfler/innen herzustellen, indem sie die Dichotomien Mensch/Natur, ich/du und Mittel/Zweck in Alltagshandlungen transformieren und so gemeinsame Gestaltungsfähigkeit, ‚power with‘, hervorbringen. Diese gemeinsame Gestaltungsfähigkeit erscheint aus der holistischen Weltsicht der Akteure als Befreiung von den Zwängen übergreifender Institutionen und unbeabsichtigten ‚externen Effekten‘, wie Ausbeutung von Natur und Mensch (‚power over‘). Als widerständig ist diese Praxis also gerade deswegen zu verstehen, weil sie bestehende Trennungen und damit einhergehende Abhängigkeitsverhältnisse sichtbar macht und teilweise aufhebt. In diesem vereinigenden Anspruch liegt jene dissidente Qualität dieses Widerstands, welche durch die Zuschreibung eines Antagonisten verschleiert statt offengelegt würde. Dabei entfaltet diese Praxis auch aus Sicht der zu transzendierenden Ordnung ein widerständiges Moment. Ökologisch orientierte Intentionale Gemeinschaften stellen sich bewusst als Gegenmodell zur dominanten Lebensform dar. Weil sich die Gemeinschaftsprojekte aus dieser dominanten Lebensform und mit Bezug auf deren eigene Werte herausschälen, destabilisieren sie jene Rechtfertigungen, die auf die Alternativlosigkeit (innerhalb) der gegebenen Ordnung verweisen. Zudem wirkt dieses Herausschälen als Störmoment, durch das manche Artefakte und Institutionen der dominanten Lebensform als Manifestation einer bestimmten Weltsicht aufscheinen. Diese Weltsicht tritt deswegen als Problem hervor, weil die dominante Lebensform, im Gegensatz zur Alternative, nicht in der Lage ist, bestimmte eigene Widersprüche aufzulösen. Dabei bleiben Öko-Dörfer aber nicht diesem Störmoment verhaftet, sondern ermöglichen neue, von Individuen nicht planbare, Subjektivitäten und Denkweisen. Weil ich mich in diesem Aufsatz auf die Deutung des widerständigen Potenzials von Öko-Dörfern konzentriere, bleiben vorhandene Widersprüche in der alternativen Lebensform selbst unbeleuchtet. Über diese Leerstelle hinaus wirft meine Deutung der dissidenten Praxis von Ökodörfler/innen aber noch eine weitere Frage auf. 5. Philip Wallmeier 196 Der Widerstand in Ökodörfern verdeutlicht, wie entscheidend Lebensformen die Bezugsweise von Subjekten zu ihrer Umwelt prägen. Nicht nur aus umweltpolitischen Gründen scheint die Thematisierung und Transformation aktueller Lebensformen daher geboten. Wie aber ein solcher Prozess jenseits intentionaler Zusammenschlüsse ausgestaltet werden müsste, damit er keinen normierenden oder sozialtechnologischen Charakter annimmt, scheint bisher unklar. 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References

Abstract

How is power related to change? Which types of power do promote or inhibit change? This special volume discusses these questions using environmental policy as an example – a field for which, in the face of climate change and persistent environmental problems, the necessity for change is obvious. To understand change and inertia in environmental policy we use a threefold heuristic: ‘power over’ (coercion and manipulation), ‘power to’ (political creativity), and ‘power with’ (collective action). In practice, these categories are, however, related. The contributions to this volume reveal that change is always a power-laden process in which the different dimensions play different roles. Whereas ‘power to’ and ‘power with’ give an impetus to environmental change and to emancipation of ‘green’ ideas and values, ‘power over’ is an important resource to achieve change.

Zusammenfassung

Wie hängen Macht und Wandel zusammen? Welche Arten von Macht fördern oder verhindern Wandel? Der Sonderband diskutiert diese Fragen am Beispiel der Umweltpolitik als einem Feld, für das die Notwendigkeit zum Wandel angesichts von Klimaveränderungen und persistenten Umweltproblemen offensichtlich ist.

Als Heuristik zum Verständnis von Wandel (und Stillstand) in der Umweltpolitik werden die drei Kategorien ‚power over‘ (Zwang und Manipulation), ‚power to‘ (Gestaltungsfähigkeit) und ‚power with‘ (gemeinsames Handeln) verwendet, die als in der Praxis bestehende Formen der Machtausübung jedoch miteinander verbunden sind. Die Beiträge zeigen, dass Wandel immer ein ‚machtgeladener‘ Prozess ist, in dem die Dimensionen der Macht unterschiedliche Funktionen einnehmen: Während ‚power to‘ und ‚power with‘ häufig den Anstoß zu einem umweltpolitischen Wandel und zur Emanzipation ‚grüner‘ Ideen und Werte geben, ist ‚power over‘ gerade bei der Durchsetzung des Wandels eine wichtige Ressource.

Mit Beiträgen von:

Philipp Altmann, Achim Brunnengräber, Doris Fuchs, Katharina Glaab, Daniel Häfner, Christiane Hubo, Andrea Knierim, Max Krott, Alexandra Lindenthal, Henning Möldner, Lena Partzsch, Birgit Peuker, Philipp Wallmeier und Sabine Weiland.