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Jan Eric Blumenstiel, Konstantin Leonardo Gavras, Ursachen und Konsequenzen ambivalenter Einstellungen in:

Thorsten Faas, Cornelia Frank, Harald Schoen (Ed.)

Politische Psychologie, page 418 - 443

PVS Sonderheft 50

1. Edition 2015, ISBN print: 978-3-8487-1360-8, ISBN online: 978-3-8452-5441-8, https://doi.org/10.5771/9783845254418-418

Series: Sonderheft PVS

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413PVS, Sonderheft 50/2015, S. 413–438 Ursachen und Konsequenzen ambivalenter Einstellungen Jan Eric Blumenstiel/Konstantin Leonardo Gavras 1. Einleitung George W. Bush, Präsident der USA von 2001 bis 2009, wurde oft dafür kritisiert, die Welt in Gut und Böse einzuteilen (vgl. z.B. Singer 2004; Spiegel Online 2009). Hierfür bedurfte es keiner näheren Erklärung, es galt gewissermaßen als Common Sense, dass eine von Schwarz-Weiß-Malerei geprägte, bipolare Weltsicht vereinfachend und falsch sei. Diese Erkenntnis wird durch sozialpsychologische Befunde bestätigt. Bereits Festinger (1957) argumentiert, dass verschiedene Kognitionen eines Menschen dissonant zueinander sein können. Das gilt auch für Einstellungen, denn Personen müssen nicht notwendigerweise eine eindeutige ‚wahre‘ Einstellung gegenüber einem Einstellungsobjekt haben, sondern können gleichzeitig verschiedene positive und negative und sogar widersprüchliche Empfindungen haben (z.B. Kaplan 1972; Scott 1968; Zaller u. Feldman 1992). So könnte ein Wähler einen Kandidaten beispielsweise gleichzeitig als sympathisch aber entscheidungsschwach wahrnehmen. Positive Gefühle gegenüber einer Person zu haben, bedeutet nicht automatisch, keine negativen Gefühle ihr gegenüber zu haben (Abelson et al. 1982; Martinez et al. 2005a). Erstaunlicherweise wurden ambivalente Einstellungen in der Politikwissenschaft lange Zeit kaum beachtet und rückten erst in den 1990er-Jahren stärker in den Blickpunkt (z.B. Zaller u. Feldman 1992; Thompson et al. 1995), sind jedoch in Deutschland von wenigen Ausnahmen abgesehen (Schoen 2010; Urban u. Mayerl 2013) noch immer ein nahezu unerforschtes Gebiet geblieben. Inzwischen ist unbestritten, dass ambivalente Einstellungen nicht nur ein theoretisches, sondern auch ein empirisches Phänomen sind; viele Personen haben gleichermaßen starke positive und negative Gefühle gegenüber politischen Akteuren (Thompson et al. 1995). Zudem hat sich Einstellungsambivalenz in den USA als zentrale Moderatorvariable von Einstellungsstabilität und der Entscheidungsfindung erwiesen; insbesondere den Präsidentschaftskandidaten der beiden großen Parteien stehen viele Wähler mit ambivalenten Gefühlen gegenüber (Lavine 2001). Vor diesem Hintergrund wird im Folgenden am Beispiel der Bundestagswahl 2013 den Fragen nachgegangen, wie verbreitet ambivalente Einstellungen gegenüber den Kanzlerkandidaten sind, wie diese entstehen und welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Mit der Konzentration auf Kanzlerkandidaten und die Wahl 2013 weist die Analyse zwei Besonderheiten auf, die bei der Einordnung der Befunde berücksichtigt werden müssen. Die Präsidentschaftskandidaten nehmen im personalisierten Wahlsystem der USA eine herausgehobene Stellung ein, während die maßgeblichen Zweitstimmen in Deutschland für Landeslisten der Parteien abgegeben werden. Jedoch haben Kandidatenorientierungen, und insbesondere Einstellungen PROZESSE POLITISCHER INFORMATIONSVERARBEITUNG 414 PVS, Sonderheft 50/2015 Prozesse politischer Informationsverarbeitung gegenüber den Spitzen- und Kanzlerkandidaten, auch bei Bundestagswahlen einen erheblichen Einfluss auf das Abstimmungsverhalten (Brettschneider 2002; Ohr u. Rosar 2013; Wagner u. Weßels 2012). Angesichts des vieldiskutierten Trends der „Amerikanisierung“ deutscher Wahlkämpfe wird mitunter sogar eine über die Zeit zunehmende Personalisierung des Wahlverhaltens vermutet (Gabriel u. Brettschneider 2002; Gabriel u. Neller 2005; Ohr 2000). Während des Wahlkampfs sind die Kanzlerkandidaten die sichtbarsten Repräsentanten ihrer Parteien, viele in den Kampagnen vermittelte Informationen betreffen die Kandidaten oder werden von den Kandidaten selbst kommuniziert. Die einzelnen Informationen über die Kandidaten können dabei widersprüchlich oder inkonsistent zueinander sein, d.h. die Bürger begegnen sowohl positiven als auch negativen Werturteilen über einen Kandidaten. Die Parteien stellen die positiven Eigenschaften ihres Kandidaten in den Vordergrund oder kritisieren den Kontrahenten. Medien berichten zwar objektiver, je nach politischer Ausrichtung aber keineswegs werturteilsfrei. Auf diese Weise wird die Entstehung ambivalenter Einstellungen begünstigt, sodass Ambivalenz auch im Hinblick auf Einstellungen gegenüber den Kanzlerkandidaten ein weit verbreitetes Phänomen sein sollte. Zu diesem Ergebnis kommt auch Schoen (2010), wenngleich Ambivalenz gegenüber den Parteien in seiner Untersuchung noch etwas verbreiteter ist. Angesichts der Konzentration der Analyse auf das Beispiel der Bundestagswahl 2013 müssen die Besonderheiten dieser Wahl berücksichtigt werden, insbesondere im Hinblick auf die beiden Kanzlerkandidaten. Für CDU und CSU trat die seit 2005 als Bundeskanzlerin amtierende Angela Merkel erneut als Kanzlerkandidatin an. Im Wahlkampf setzte die Union auf den Amtsinhaber-Bonus und die guten persönlichen Umfragewerte Merkels und verwendete die Kanzlerin als „Wahlkampagne“ (Hilmer u. Merz 2014, S.183), in der Angela Merkel in erster Linie als bewährte und vertrauenswürdige Kanzlerin dargestellt werden sollte. Für den sozialdemokratischen Herausforderer Steinbrück bestand die Aufgabe darin, seine Bekanntheit während des Wahlkampfs zu erhöhen und zugleich aus dem Schatten Merkels herauszutreten. Seine Arbeit als Bundesfinanzminister von 2005 bis 2009 wurde zwar in der Öffentlichkeit gewürdigt, er war dabei jedoch unter der Kanzlerin Angela Merkel tätig und zudem seit 2009 nicht mehr dauerhaft in der Öffentlichkeit präsent. Sein Wahlkampf unter dem Motto „Klartext“ sorgte für Aufsehen, wirkte mit der Diskussion um seine Vortragshonorare, unbedachte Äußerungen und umstrittene Symbole (‚Stinkefinger‘-Affäre) aber sehr polarisierend (Holtz-Bacha 2015). Insgesamt können für das Ausmaß der Ambivalenz gegenüber den beiden Kanzlerkandidaten deshalb gegenteilige Erwartungen formuliert werden. Für Angela Merkel ist ein verhältnismäßig geringes Ausmaß der Ambivalenz zu erwarten. Im Jahr 2013 war sie seit über einem Jahrzehnt in höchsten politischen Ämtern in der Öffentlichkeit präsent, seit acht Jahren davon als Bundeskanzlerin, blieb in dieser Zeit ohne persönliche Skandale und konnte ihr Ansehen kontinuierlich steigern. Aufgrund seiner stärker polarisierenden Aussagen sowie seines persönlichen Verhaltens während des Wahlkampfs kann für Peer Steinbrück dagegen ein deutlich höheres Ausmaß ambivalenter Einstellungen erwartet werden. 415 Blumenstiel/Gavras | Ursachen und Konsequenzen ambivalenter Einstellungen Der Beitrag gliedert sich wie folgt. Im folgenden Abschnitt werden zunächst theoretische Überlegungen zur Definition von Ambivalenz und möglichen Ursachen und Konsequenzen ambivalenter Einstellungen präsentiert. Anschließend werden die verwendeten Daten, Operationalisierungen und Methoden vorgestellt. In diesem Zusammenhang wird insbesondere die Messung ambivalenter Einstellungen diskutiert und ein neues Frageformat zur Messung ambivalenter Einstellungen dargestellt, das die Grundlage für die folgenden Analysen bildet. Die Ergebnisse der Analysen werden in drei Schritten präsentiert. Zunächst werden deskriptive Auswertungen zum Ausmaß ambivalenter Einstellungen gegenüber den Kanzlerkandidaten präsentiert. Im zweiten Schritt wird den Ursachen ambivalenter Einstellungen nachgegangen, bevor im letzten Schritt die Stärke der Skalometerbewertungen der Kanzlerkandidaten und die Unentschlossenheit bei der Kanzlerpräferenz als mögliche Konsequenzen von Ambivalenz untersucht werden. Der Beitrag schließt mit einer Diskussion der gewonnenen Erkenntnisse für den Stand der Forschung. 2. Theoretische Überlegungen und Hypothesen Nachdem ambivalenten Einstellungen zuvor nur geringe Aufmerksamkeit gewidmet worden war, erschienen insbesondere in den USA seit den 1990er Jahren etliche Studien, die sich mit den Ursachen und Konsequenzen ambivalenter Einstellungen beschäftigen. Auf den kleinsten gemeinsamen Nenner gebracht wird unter Ambivalenz in diesen Studien verstanden, dass die Empfindungen einer Person gegenüber politischen Akteuren widersprüchliche oder inkonsistente Bewertungen, Einschätzungen oder Gefühle beinhalten (Alvarez u. Brehm 1995; Lavine 2001; Martinez et al. 2005a; Zaller u. Feldman 1992). Die Relevanz dieses Phänomens ergibt sich aus der Verbreitung ambivalenter Einstellungen: „Most people possess opposing considerations on most issues, that is, considerations that might lead them to decide the issue either way.” (Zaller u. Feldman 1992, S.585). Da viele Personen folglich nicht über sehr ‚wahre‘ Einstellungen verfügten, entsprächen ihre Antworten in Umfragen eher einem im Moment der Befragung gebildeten Mittelwert aus ihren unterschiedlichen und möglicherweise widersprüchlichen Überlegungen und Empfindungen (Zaller 1992; Zaller u. Feldman 1992). Dieser Mittelwert könne zudem, abhängig von zum Zeitpunkt der Befragung besonders präsenten Einstellungen, variieren. Antworten auf eindimensionale Einstellungsskalen können deshalb in doppelter Hinsicht nicht als präzise Messungen einer Einstellung interpretiert werden, weil sie die zugrunde liegende und durch Ambivalenz verursachte zeitliche und substantielle Varianz der Einstellung ignorieren. Auch wenn diese Sichtweise insbesondere aus der Perspektive eines on-line-Modells der Informationsverarbeitung (z. B. Lodge et al. 1989; Lodge et al. 1995) kritikwürdig ist, wurden in vielen Studien empirische Hinweise für ambivalente Einstellungen gefunden. Abgesehen von einem sehr groben gemeinsamen Grundverständnis wird der Begriff Ambivalenz keineswegs einheitlich verwendet, vielmehr können damit je nach Untersuchungsgegenstand und verwendeten Indikatoren verschiedene Formen der Ambivalenz gemeint sein. Die folgende Analyse konzentriert sich auf Einstellungs- 416 PVS, Sonderheft 50/2015 Prozesse politischer Informationsverarbeitung ambivalenz in Form konfliktärer Empfindungen gegenüber einem einzigen Einstellungsobjekt wie einem Kandidaten oder einer politischen Partei1. Gemeint ist beispielsweise ein Wähler, der sich einer bestimmten Partei ideologisch nahe fühlt, ihr aber nicht die Lösung der aktuell dringlichen Probleme zutraut. Ein weiteres Beispiel wäre eine Person, die eine Kandidatin zwar als wirtschaftskompetent wahrnimmt, sie aber für persönlich unsympathisch hält. Solche Konflikte sind keineswegs eine neue Entdeckung, sondern wurden in ähnlicher Form unter dem Begriff „cross-pressures“ bereits in der Entstehungsphase der empirischen Wahlforschung diskutiert. Beziehen sich Lazarsfeld et al. (1944) noch primär auf gegenläufige Einflüsse des sozialen Umfeldes, so wird bereits bei Campbell et al. (1954, 1960) die Bedeutung attitudinaler Inkonsistenzen für die Wahlentscheidung diskutiert. Für diese Form der Ambivalenz findet sich in der Literatur auch die Bezeichnung „individuelle“ Ambivalenz, da sich die betreffenden widersprüchlichen Einstellungen jeweils auf ein einzelnes Einstellungsobjekt beziehen. 2.1 Ursachen ambivalenter Einstellungen Über die Ursachen von Ambivalenz ist bislang noch immer verhältnismäßig wenig bekannt (Martinez et al. 2005a; Rudolph u. Popp 2007). In früheren Studien wurden im Wesentlichen drei unterschiedliche theoretische Erklärungsansätze vorgeschlagen, die jedoch alle nur begrenzte empirische Unterstützung erfahren haben: intrapersonelle Konflikte, externe Informationen und die Art und Weise der Informationsverarbeitung. Die Vermutung, intrapersonelle Konflikte seien ursächlich für die Herausbildung ambivalenter Einstellungen, kann u.a. aus Zallers RAS-Modell (1992) abgeleitet werden. Nach diesem Modell verfügen viele Personen nicht über eine klar definierte ‚wahre‘ Einstellung zu einem Thema, sondern über eine Reihe unterschiedlicher und möglicherweise widersprüchlicher Überlegungen und Empfindungen, sodass ihre Antworten auf eine Frage nach ihrem Standpunkt zu einem Thema auf einer bipolaren Skala in beide Richtungen ausfallen können. Da sie auf keine verfestigte Meinung zurückgreifen können, basieren ihre Antworten auf einer erst im Moment der Befragung gezogenen Stichprobe aus diesen verschiedenen Überlegungen. Besteht nun ein stärkerer interner Konflikt zwischen den einzelnen Überlegungen einer Person, so werden mit größerer Wahrscheinlichkeit sowohl gute als auch schlechte Seiten eines Einstellungsobjekts wahrgenommen und die Bandbreite möglicher Antworten auf dieselbe Frage nimmt zu. Dieser Logik folgend wurde in einigen Studien vermutet, dass Wertekonflikte ursächlich für die Herausbildung ambivalenter Einstellungen seien (z.B. Alvarez u. Brehm 1995; Al- 1 Die zweite Form der Ambivalenz kann als Entscheidungsambivalenz bezeichnet werden, dabei geht es um akteurübergreifende Einstellungskonflikte. Können bei einer Wahl beispielsweise drei Kandidaten gewählt werden, die ein Wähler alle drei exakt gleich gut bewertet, so ist er gegenüber den Alternativen ambivalent. Da kein Einstellungsobjekt (oder Entscheidungsalternative) eindeutig präferiert wird, wird diese Form der Ambivalenz auch als ambivalente oder nicht eindeutige Entscheidungssituation bezeichnet (Plischke 2014), in der englischsprachigen Literatur finden sich auch die Bezeichnungen „partisan“ oder „comparative ambivalence“ (Lavine 2001; Basinger u. Lavine 2005; Mulligan 2011). 417 Blumenstiel/Gavras | Ursachen und Konsequenzen ambivalenter Einstellungen varez u. Brehm 2002; Craig et al. 2005a; Feldman u. Zaller 1992; Martinez et al. 2005a, 2005b). Diese Vermutung basiert auf der Annahme, dass grundlegende Wertedimensionen prägend für soziale Einstellungen und Verhaltensweisen sind. Trotz mancher unterstützender Befunde hinsichtlich einzelner Wertekonflikte (Craig et al. 2002, 2005a; Alvarez u. Brehm 1995; Martinez et al. 2005b) hat sich dieser Erklärungsansatz insgesamt nur sehr bedingt bewährt (Martinez et al. 2005a)2. Aus diesem Grund stellten Armitage und Conner (2005) die zugrundeliegende theoretische Annahme infrage und sprachen sich zugleich dafür aus, andere Formen interner Konflikte bei der Erklärung der Ursachen von Ambivalenz zu berücksichtigen. Gainous et al. (2010) tragen dieser Forderung Rechnung, indem sie neben Wertekonflikten auch den Beitrag affektiver Konflikte für die Erklärung ambivalenter Einstellungen gegenüber einem Einstellungsobjekt untersuchen. Darunter fällt insbesondere Ambivalenz gegenüber anderen Einstellungsobjekten. Beispielsweise zeigte sich, dass Ambivalenz hinsichtlich wohlfahrtsstaatlicher Einstellungen vergleichsweise am besten durch Einstellungskonflikte hinsichtlich anderer Sachfragen erklärt werden kann. Einen solchen Zusammenhang zwischen der Einstellungsambivalenz gegenüber verschiedenen Objekten kann Schoen (2010) für Deutschland zumindest für unterschiedliche Akteure der gleichen parteipolitischen Couleur bestätigen. Übertragen auf Einstellungen gegenüber den beiden Kanzlerkandidaten lässt sich daraus die Erwartung ableiten, dass ein Einstellungskonflikt gegenüber einem der beiden Kandidaten die Wahrscheinlichkeit eines Einstellungskonflikts gegenüber dem anderen Kandidaten erhöht. H1a: Ambivalenz einem Kanzlerkandidaten gegenüber führt zu größerer Ambivalenz dem anderen Kanzlerkandidaten gegenüber. Ein zweiter Erklärungsansatz nimmt die Auswirkungen externer Informationen auf Ambivalenz in den Blick. Um sich eine Meinung über einen Politiker oder zu einem Thema bilden zu können, ist eine Person auf Informationen von externen Quellen angewiesen. Es ist deshalb denkbar, dass der Inhalt der aufgenommenen Informationen die Herausbildung ambivalenter Einstellungen beeinflusst. Je heterogener die erhaltenen Informationen ausfallen, desto wahrscheinlicher sollte eine Person ambivalente Einstellungen entwickeln. Theoretisch lässt sich dieses Argument auf alle aufgenommenen Informationen anwenden, beispielsweise die über Printmedien oder TV-Nachrichten rezipierten Inhalte. Empirisch wurde aber vor allem die Homogenität bzw. Heterogenität der Parteipräferenzen im persönlichen sozialen Netzwerk betrachtet (z.B. Huckfeldt et al. 2004; Mutz 2002), was auch daran liegen dürfte, dass es sich dabei um einen zwar groben, aber in Umfragen relativ leicht zu messenden Proxy für die Einseitigkeit der aufgenommenen Informationen handelt. Die dahinter stehende Annahme lautet, dass der Informationsaustausch in persönlichen Interaktionen einen starken Einfluss auf die Einstellungen einer Person ausüben kann. Befindet sich eine Person in einem heterogenen Netzwerk, führt also regelmäßig politische Gespräche mit Diskussionspartnern 2 Auch die Messung und Operationalisierung von Wertekonflikten ist nicht unproblematisch. In den für die folgende Analyse verwendeten Daten sind keine Indikatoren zur Abbildung relevanter Wertekonflikte enthalten, deshalb wurde auf eine Berücksichtigung dieses Erklärungsansatzes verzichtet. 418 PVS, Sonderheft 50/2015 Prozesse politischer Informationsverarbeitung mit abweichender Parteipräferenz, trägt dies zu größerer Ambivalenz der Einstellungen dieser Person bei. So verfügen Personen in heterogenen Netzwerken zwar über starke, aber geringer polarisierte Einstellungen gegenüber einem Kandidaten, d.h. sie nehmen mit größerer Wahrscheinlichkeit sowohl gute als auch schlechte Seiten wahr (Huckfeldt et al. 2004, S.92). Genau genommen wirken heterogene Informationen letztlich auf Ambivalenz, indem sie verstärkend auf intrapersonelle Konflikte wirken: Die Einbindung in ein heterogenes soziales Netzwerk erhöht die Wahrscheinlichkeit, mit den eigenen Ansichten widersprechenden Informationen in Kontakt zu kommen, was wiederum die Unsicherheit über den eigenen Standpunkt erhöhen und damit ambivalente Einstellungen begünstigen kann (Mutz 2002, S.840). H1b: Heterogene soziale Netzwerke führen zu größerer Ambivalenz. Die Art und Weise, wie die erhaltenen Informationen aufgenommen und verarbeitet werden, steht im Mittelpunkt des dritten Erklärungsansatzes (Rudolph u. Popp 2007). Ambivalenz wird demnach durch den individuellen Aufwand bei der Verarbeitung politischer Informationen beeinflusst. Personen die häufiger über Politik nachdenken und dabei mehr politische Informationen verarbeiten, haben eine größere Wahrscheinlichkeit, widersprüchlichen Informationen und Überlegungen ausgesetzt zu sein. Zumindest für Personen, bei denen Argumente beider Seiten wenigstens teilweise auf Zustimmung treffen, kann dies zu größerer Ambivalenz führen. Jedoch ist die Wirkungsrichtung gründlicher Informationsverarbeitung umstritten (vgl. Thompson et al. 1995; Keele u. Wolak 2008). So argumentieren Thompson et al. (1995), dass eine systematische Informationsverarbeitung zwar in der Tat eher zur Wahrnehmung widersprüchlicher Informationen führen sollte. Diese könnten aber im Zuge der systematischen Verarbeitung kognitiv in Einklang gebracht werden und würden dann sogar die Wahrscheinlichkeit ambivalenter Einstellungen reduzieren. In diesem Fall sollte zudem höhere politische Versiertheit mit geringerer Ambivalenz einhergehen (vgl. Keele u. Wolak 2008; Steenbergen u. Brewer 2004; Zaller 1992; Zaller u. Feldman 1992; abweichend Rudolph u. Popp 2007). Zusätzlich spielen die Selektivität und Motivation der Informationsverarbeitung eine Rolle (Lodge u. Taber 2000; Rudolph u. Popp 2007). Der beschriebene positive Zusammenhang sollte vor allem für Personen gelten, die eine objektive und ausgewogene Informationsgrundlage anstreben und daran interessiert sind, um eine möglichst optimale Entscheidung zu treffen. Personen auf der (selektiven) Suche nach Informationen zu Bestätigung ihrer bestehenden Präferenz tendieren dagegen dazu, einseitig in Richtung ihrer Prädispositionen verzerrte Informationen zu konsumieren; dies sollte ambivalenten Einstellungen entgegenwirken. H1c: Systematische Informationsverarbeitung führt zu größerer Ambivalenz, selektive Informationsverarbeitung zu geringerer Ambivalenz. Empirisch haben die drei Erklärungsansätze bisher nur begrenzte Unterstützung erfahren, ein großer Teil der Varianz ambivalenter Einstellungen konnte bislang nicht erklärt werden. Vermutlich sind die Ursachen von Ambivalenz in den bisherigen Erklärungen nicht vollständig abgedeckt. Als eine vierte Ursache sollen im Fol- 419 Blumenstiel/Gavras | Ursachen und Konsequenzen ambivalenter Einstellungen genden psychologische Prädispositionen und Persönlichkeitsmerkmale untersucht werden. Besonders über die zeitliche Stabilität ambivalenter Einstellungen auf individueller Ebene ist bisher nur wenig bekannt (s. aber Rudolph 2011). Deshalb ist unklar, ob Ambivalenz primär ein kontext- und situationsabhängiges Merkmal von Einstellungen ist oder ob es Personen mit einer Prädisposition für ambivalente Einstellungen gibt. Sollte letzteres der Fall sein, könnten ambivalente Einstellungen auf langfristig stabile individuelle Merkmale zurückzuführen sein. Zu den zeitlich stabilsten Eigenschaften zählen Persönlichkeitseigenschaften und psychologische Prädispositionen, deshalb soll überprüft werden, ob Personen mit bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen in besonderem Maße zu ambivalenten Einstellungen tendieren. In früheren Studien wurden zwei Zusammenhänge berichtet, die in diese Richtung deuten. Erstens zeigen entscheidungsschwache Personen, die sich vor den Konsequenzen falscher Entscheidungen fürchten, eine Tendenz zu höherer Ambivalenz (Thompson et al. 1995), da es ihnen schwieriger fällt, positive und negative Empfindungen gegeneinander abzuwägen, um zu einem klaren Gesamturteil zu gelangen. Dagegen haben zweitens Personen mit einer Neigung zu klaren Meinungen und vielen Überzeugungen seltener ambivalente Einstellungen (Keele und Wolak 2008), ihnen gelingt es besser, die dominierende Richtung ihrer Empfindungen auszumachen. Darüber hinaus wird die Persönlichkeit eines Menschen durch weitere Eigenschaften bestimmt, die nach dem Big Five-Modell in die Dimensionen Neurotizismus, Extraversion, Offenheit für neue Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit unterteilt werden können. Diese Merkmale sind über die Zeit hinweg auf Personenebene sehr stabil. Wenn es zutrifft, dass über die Zeit hinweg immer wieder dieselben Personen zu ambivalenten Einstellungen neigen, könnte dies deshalb mit der Ausprägung dieser fünf Dimensionen im Zusammenhang stehen. Da es zu dieser Vermutung bisher keine empirischen Untersuchungen gibt, sollen die fünf Persönlichkeitsmerkmale explorativ als weitere mögliche Ursachen der Ambivalenz getestet werden, um zu überprüfen ob die Persönlichkeit über bisherige Erklärungsansätze hinaus zur Erklärung von Ambivalenz beitragen kann und um sicherzugehen, dass es sich bei den Effekten der Entscheidungsschwäche nicht lediglich um Scheinkorrelationen handelt, die letztlich auf bestimmte Merkmalskombinationen der fünf Persönlichkeitsdimensionen zurückzuführen sind. H1d: Entscheidungsschwache Personen neigen stärker zu ambivalenten Einstellungen, Personen mit klaren Meinungen haben seltener ambivalente Einstellungen. 2.2 Konsequenzen ambivalenter Einstellungen Die Bedeutung von Ambivalenz ergibt sich nicht nur aus dem Ausmaß ambivalenter Einstellungen in der Bevölkerung, sondern vor allem durch die Auswirkungen dieser Einstellungskonflikte auf andere politische Einstellungen und Verhaltensweisen. In den letzten zwei Jahrzehnten haben etliche Studien die Auswirkungen ambivalenter Einstellungen untersucht, die sich in verschiedenen Kontexten als zentrale Erklärungsvariable erwiesen haben. Da stärkere Ambivalenz nach der oben dargestellten Logik zu einer größeren Bandbreite möglicher Antworten auf diesel- 420 PVS, Sonderheft 50/2015 Prozesse politischer Informationsverarbeitung be Frage zu verschiedenen Zeitpunkten führen müsste, wurde vermutet, dass die Einstellungsstabilität bei Personen mit ambivalenten Einstellungen geringer sein sollte. Dieser Zusammenhang konnte u.a. von Craig et al. (2005b) und Lavine (2001) gezeigt werden. Gleichermaßen bedeutet eine größere Einstellungsambivalenz, dass eine Person nicht ausschließlich positive oder negative Eigenschaften eines Einstellungsobjektes wahrnimmt, sondern dieses über mehrere Dimensionen sehr unterschiedlich bewertet. So kann die Position einer Partei zu einer bestimmten Sachfrage als übereinstimmend mit den eigenen Präferenzen wahrgenommen werden, während bei einer anderen Sachfrage ein Widerspruch zwischen der eigenen und der Position der Partei empfunden wird. Für die Gesamtbeurteilung des entsprechenden politischen Akteurs sollte sich daraus eine mäßigende Wirkung ergeben, sodass die Globalurteile über ambivalent wahrgenommene Einstellungsobjekte in der Regel weniger extrem ausfallen (Meffert et al. 2004; Schoen 2010). H2a: Einstellungsambivalenz hat eine mäßigende Wirkung auf die Gesamtbewertung des jeweiligen Kandidaten. Ambivalenz kann jedoch nicht nur Auswirkungen auf die Bewertung eines Einstellungsobjektes haben, sondern auch für Entscheidungen, also die Abwägung zwischen mehreren Einstellungsobjekten, bedeutsam sein. Insbesondere ist denkbar, dass ambivalente Einstellungen mit größeren Schwierigkeiten einhergehen, sich zwischen den zur Wahl stehenden Alternativen zu entscheiden oder eine klare Präferenz zu entwickeln. Damit wäre Einstellungsambivalenz nicht mehr nur ein Zustand der inneren Zerrissenheit über die Beurteilung einer Person oder Partei, sondern wäre auch entscheidungsrelevant. Eine ambivalente Einstellung gegen- über einer Partei bedeutet einerseits, dass diese in bestimmter Hinsicht positiv bewertet wird, was die Wahlchancen dieser Partei erhöht. Andererseits wird die Partei gleichzeitig in bestimmter Hinsicht negativ wahrgenommen, was einer Stimmabgabe für sie entgegenwirkt. Deshalb kann Ambivalenz nicht nur den Zeitpunkt einer Entscheidung verzögern (Plischke 2014), sondern auch die Konsistenz zwischen Einstellungen und Verhalten reduzieren (Armitage u. Conner 2000). Bezogen auf Kandidaten wurde gezeigt, dass Personen mit ambivalenten Einstellungen häufiger keine Präferenz für einen der beiden Präsidentschaftskandidaten besitzen (Lavine 2001), folglich sollte Ambivalenz auch die Wahrscheinlichkeit der Unentschlossenheit gegenüber den Kanzlerkandidaten erhöhen. H2b: Einstellungsambivalenz gegenüber den Kanzlerkandidaten führt zu Unentschlossenheit bei der Kanzlerpräferenz. 3. Daten, Operationalisierungen und Methoden 3.1 Daten Für die empirische Überprüfung der oben genannten Hypothesen werden die Daten des Vorwahl-Querschnitts zur Bundestagswahl 2013 der German Longitudinal Election Study (GLES, Rattinger et al. 2014) verwendet. Für diese Erhebung wurden vom 29. Juli bis zum 21. September 2013 insgesamt 2001 Personen be- 421 Blumenstiel/Gavras | Ursachen und Konsequenzen ambivalenter Einstellungen fragt, die Ausschöpfungsquote beträgt 32,1 Prozent. Die Auswahl der Befragten erfolgte auf Grundlage des ADM-Stichprobendesigns, die Grundgesamtheit stellen alle in der Bundesrepublik Deutschland lebenden deutschen Staatsbürger ab 16 Jahren dar. Die Interviews wurden persönlich-mündlich durchgeführt, die durchschnittliche Befragungsdauer lag bei 66 Minuten. Für die folgenden Analysen wurden die Daten gewichtet. In das Gewicht fließt erstens ein Designgewicht ein, welches das Oversampling von Befragten aus Ostdeutschland korrigiert. Zweitens wird mithilfe eines Transformationsgewichts die gezogene Haushaltsstichprobe in eine Personenstichprobe umgewandelt, in erster Linie wird dazu die höhere Auswahlwahrscheinlichkeit von Personen in Ein-Personen-Haushalten korrigiert. Drittens wurde eine iterative sozialstrukturelle Anpassung der Stichprobe an bekannte Merkmale der Grundgesamtheit vorgenommen. 3.2 Operationalisierungen Ambivalenz. Eine ambivalente Einstellung gegenüber einem Kandidaten bedeutet, dass dieser zugleich negativ und positiv wahrgenommen wird. Ambivalenz wird demnach erst beim Vergleich mehrerer Einstellungskomponenten sichtbar, sie kann deshalb nicht mit einer einzigen bipolaren Skala gemessen werden. Auf der anderen Seite genügt es zur Messung ambivalenter Einstellungen nicht, mehrere Einstellungsdimensionen lediglich separat zu erfassen, denn letztlich interessiert gerade der Vergleich der einzelnen Bewertungen. Ein gutes Ambivalenzmaß sollte deshalb aus den unterschiedlichen Empfindungen gegenüber einem Einstellungsobjekt eine Maßzahl ableiten, die sowohl angibt wie stark als auch wie eindeutig oder ambivalent die Einstellung insgesamt ist. Diese Anforderungen werden am besten durch den sog. Griffin-Index erfüllt, der sich in der Literatur zur Messung von Einstellungsambivalenz etabliert hat und in seiner Grundform folgenderma- ßen berechnet wird (Thompson et al. 1995): AmbivalenzEinstellung = P+N 2 – |P – N|, wobei P und N den positiven und negativen Einstellungen gegenüber einem Akteur entsprechen. Damit misst dieser Index sowohl die Einstellungsstärke durch die Stärke von P und N als auch die Gleichheit der positiven und negativen Einstellungen durch die absolute Differenz zwischen P und N. Die Anwendung des Index ist weder auf ein bestimmtes Frage-, noch auf ein bestimmtes Skalenformat begrenzt, entscheidende Voraussetzung ist einzig die separate Erfassung der positiven und negativen Komponenten der Einstellung gegenüber einer Partei oder einem Kandidaten. Zur Bildung des Griffin-Index für Einstellungsambivalenz werden für die empirische Analyse folgende Fragen verwendet: „Manche Leute haben ausschließlich positive oder negative Gefühle gegenüber den Spitzenkandidaten. Andere haben sowohl positive als auch negative Gefühle. Wie ist das bei Ihnen? Wir möchten Sie nun bitten anzugeben, wie stark Ihre negativen und wie stark Ihre positiven Gefühle gegenüber den Spitzenkandidaten sind. Wie stark sind Ihre negativen Gefühle gegenüber Angela Merkel/Peer Steinbrück? Und wie stark sind Ihre positiven Gefühle gegenüber Angela Merkel/Peer Steinbrück?“ 422 PVS, Sonderheft 50/2015 Prozesse politischer Informationsverarbeitung Die Antwortkategorien reichen von sehr starken Gefühlen bis überhaupt keinen Gefühlen gegenüber den Kanzlerkandidaten auf einer 5er-Skala. Diese Fragen wurden in ähnlicher Form bereits in einer Befragung im Rahmen der amerikanischen Wahlstudie ANES getestet (Martinez et al. 2012). Im Gegensatz zu offenen Fragen nach den guten und schlechten Seiten der Kandidaten (Lavine 2001; Basinger u. Lavine 2005; Schoen 2010) haben sie vor allem den Vorteil des geringeren kognitiven und zeitlichen Aufwands für Befragte und Interviewer. Zudem sollten bei der Erfassung der Antworten keine Interviewer-Effekte auftreten, die im Falle offener Fragen die Ergebnisse verzerren können. So sind die Fragen nach den guten und schlechten Seiten in einigen Studien nicht zur Messung von Ambivalenz geeignet, weil in vielen Fällen nur sehr wenige Nennungen erfasst wurden (Schoen 2010). Ferner eignet sich das geschlossene Frageformat besser für selbstadministrierte Befragungsmodi und ist aus diesem Grund besser für vergleichende Analysen zwischen verschiedenen Befragungen geeignet. Im Übrigen ähneln die verwendeten Fragen den bei Thompson et al. (1995) verwendeten Fragen, auf deren Grundlage der Griffin-Index entwickelt wurde. Für die Bildung des Griffin- Index wurden zunächst die Antwortkategorien so umkodiert, dass starke Gefühle dem höchsten Wert (4) und keinerlei Gefühle dem Wert 0 entsprechen. Bei dieser Kodierung umfasst der Griffin-Index Werte von -2 bis +4, wobei positive Werte eine Ambivalenz gegenüber dem jeweiligen Kanzlerkandidaten signalisieren und negative Werte auf einseitige Empfindungen hindeuten. Kritisch könnte angemerkt werden, dass in der Frageformulierung von „Gefühlen“ gesprochen wird, während konzeptionell eher verschiedene Einstellungsdimensionen gemeint sind. In der Alltagssprache ist der Begriff „Gefühle“ jedoch gebräuchlicher und dürfte deshalb für die meisten Befragten intuitiv verständlich sein, zudem handelt es sich dabei um eine direkte Übersetzung des Begriffs „feelings“, der in der englischen Originalfassung des Instruments verwendet wurde. Darüber hinaus lassen sich aus messtheoretischer Sicht weitere Argumente anführen, die für die anderen Ambivalenzmaße sprechen, etwa unter Verwendung der offenen Fragen nach den guten und schlechten Seiten. Diese erfordern zwar einerseits einen höheren kognitiven Aufwand, können damit aber zugleich als Maß der politischen Versiertheit dienen, zudem kann für die absolute Zahl genannter Faktoren bei der Bildung eines Ambivalenzmaßes kontrolliert werden. Andererseits haben diese offenen Fragen den Vorteil, dass sie ein geringeres Abstraktionsniveau erfordern als die oben vorgeschlagene Frage nach positiven und negativen Gefühlen, da jeder Befragte die konkreten Aspekte benennen kann, die ihm ge- oder missfallen. Auch ist die Gefahr von Nicht-Einstellungen deutlich geringer. Im direkten Vergleich zu den offenen Fragen sprechen allerdings nicht zuletzt die Modus-Unabhängigkeit und der Zeitbedarf für das hier vorgeschlagene Maß. Für zwei Kandidaten und im Rahmen einer face-to-face-Befragung ließen sich die Fragen nach guten und schlechten Seiten zwar gerade noch bewerkstelligen, für mehrere Kandidaten oder Parteien scheint dies aber kaum realisierbar. Darüber hinaus bedeutet die notwendige Kodierung der offenen Antworten nicht nur einen höheren Aufwand, sondern stellt auch eine zusätzliche Fehlerquelle da. Diese Überlegungen mögen dazu beigetragen haben, dass die Fragen nach guten und schlechten Seiten bisher nur in sehr wenigen Befragungen gestellt wurden (Klinge- 423 Blumenstiel/Gavras | Ursachen und Konsequenzen ambivalenter Einstellungen mann 1986; Schoen 2010), allein aus diesem Grund scheint es sinnvoll, die Eignung eines weniger zeitaufwändigen Instrumentes zu überprüfen. Ohne die erstmals in einer deutschen Wahlstudie erhobenen direkten Ambivalenzfragen und die offenen Fragen bestand bisher lediglich die Möglichkeit, indirekte Maße zur Bildung der Einstellungsambivalenz zu verwenden. Dazu kamen vor allem die Fragen nach verschiedenen Eigenschaften der Kanzlerkandidaten (Durchsetzungsfähigkeit, Vertrauenswürdigkeit, Sympathie, Wirtschaftskompetenz, sowie die Repräsentation der eigenen Partei) infrage. Diese sind aus theoretischer Sicht aber nicht unbedingt zur Messung von Ambivalenz geeignet. Zumeist werden lediglich mehrere wünschenswerte Eigenschaften erhoben, wobei niedrigere Skalenwerte als negative und höhere als positive Einstellungen interpretiert werden. Für eine eigenschaftsbasierte Ambivalenzmessung müssten aber eigentlich gute und schlechte Eigenschaften erhoben werden, zudem müsste dazu eine größere Zahl positiver und negativer Eigenschaften berücksichtigt werden, um sicherzugehen, dass die zentralen Dimensionen für die globale Beurteilung erfasst sind. Zu Vergleichszwecken wurde aus diesen Fragen dennoch ein Griffin-Index gebildet, der in ähnlicher Form auch vereinzelt in den USA Verwendung fand (Lavine 2001). Heterogenität des sozialen Netzwerks. Für die Operationalisierung des Netzwerks der Befragten wurden die Angaben der Befragten zu den Gesprächen über Politik und ihren Gesprächspartnern verwendet. Hierbei werden drei Formen von Netzwerken unterschieden (Huckfeldt et al. 2004). Erstens kann sich der Befragte überhaupt nicht über Politik unterhalten haben, also in kein Netzwerk eingebunden sein. Zweitens kann sich der Befragte in einem homogenen Netzwerk befinden, sich also mit einem oder mehreren Gesprächspartnern über Politik unterhalten haben, jedoch ausschließlich mit Personen gleicher Parteipräferenz. Drittens besteht die Möglichkeit eines heterogenen Netzwerks, wenn sich der Befragte mit einer oder mehreren anderen Personen über Politik unterhalten hat und dabei mindestens ein Gesprächspartner eine andere Parteipräferenz aufweist. Für Personen in homogenen und heterogenen Netzwerken wurden Dummy-Variablen angelegt, Personen ohne Netzwerk bilden somit die Referenzkategorie. Informationsverarbeitung. Um die Neigung einer Person zu systematischer Informationsverarbeitung zu messen, wurde die Zustimmung zu einer Aussage verwendet, die den Need for Cognition messen soll (vgl. Rudolph u. Popp 2007; Thompson et al 1995). Ebenfalls wurde eine Aussage zur Messung des Need to Evaluate verwendet, um die Neigung zu klaren Meinungen und vielen Überzeugungen abzubilden (Jarvis u. Petty 1996). Eine Aussage zur Messung des Need for Cognitive Closure gibt an, wie entscheidungssicher eine Person ist (Kruglanski et al. 1993). Wenngleich diese Need-Fragen in früheren Studien in ähnlicher Weise verwendet wurden, muss darauf hingewiesen werden, dass es sich dabei lediglich um approximative Indikatoren handeln kann, da die Informationsverarbeitung letztlich nur einen Teil der zugrundeliegenden theoretischen Konzepte darstellt. Schließlich wird die Stärke der Parteiidentifikation als Maß für die Motivation einer Person zur selektiven Informationsverarbeitung verwendet (Keele u. Wolak 2008), auch in diesem Fall handelt es sich lediglich um ein indirektes Maß. Weitere verwendete Variablen sind Aussagen zur Messung der fünf Persönlichkeitsdimensionen Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträg- 424 PVS, Sonderheft 50/2015 Prozesse politischer Informationsverarbeitung lichkeit und Neurotizismus sowie die Stärke der eigenen Links-Rechts-Einstufung, politisches Interesse, politisches Wissen und die Unentschlossenheit bei der Wahlabsicht. Die genauen Fragestellungen und Antwortoptionen aller verwendeter Fragen können dem Anhang entnommen werden. 3.3 Methoden Um die in den Hypothesen 1a bis 1d aufgestellten Vermutungen über die Ursachen von Ambivalenz zu überprüfen, wurden lineare Regressionen für die Griffin- Indizes zur Einstellungsambivalenz gegenüber Angela Merkel und Peer Steinbrück berechnet. Die einbezogenen unabhängigen Variablen ergeben sich aus der Operationalisierung der drei beschriebenen Erklärungsansätze, zusätzlich wurden die Big Five-Persönlichkeitsdimensionen aufgenommen. Um den vermuteten mäßigenden Effekt von Einstellungsambivalenz (H2a) zu testen, wurden lineare Regressionen für die Stärke der Skalometerbewertungen Angela Merkels und Peer Steinbrücks berechnet. Die abhängige Variable ergibt sich jeweils aus den absoluten Werten des von -5 bis +5 kodierten Skalometers, als unabhängige Variablen wurden neben den Ambivalenzmaßen die Stärke der Parteiidentifikation, die Stärke der Links-Rechts-Selbsteinstufung, politisches Interesse und politisches Wissen berücksichtigt. Die Auswirkungen ambivalenter Einstellungen auf die Unentschlossenheit bei der Kanzlerpräferenz (H2b) wurden mit einem binär-logistischen Regressionsmodell geprüft, bei dem die abhängige Variable den Wert 1 annimmt, wenn auf die Frage nach der Kanzlerpräferenz keiner der beiden Kandidaten der großen Parteien genannt wurde. Neben den unabhängigen Variablen des zuvor genannten Modells wurde ebenfalls die Unentschlossenheit bei der Wahlabsicht in das Modell aufgenommen. 4. Ergebnisse der Analysen 4.1 Deskription der Ambivalenz gegenüber den Kanzlerkandidaten Bevor die Ergebnisse der Analysen zur Überprüfung der oben formulierten Hypothesen diskutiert werden, soll zunächst auf die Verbreitung ambivalenter Einstellungen in der Bevölkerung eingegangen werden. In Tabelle 1 sind die Antworten auf die Fragen nach den positiven und negativen Gefühlen für Merkel und Steinbrück zusammengefasst. Demnach sind gemischte Gefühle gegenüber den Kanzlerkandidaten weit verbreitet, so gibt etwa die Hälfte der Befragten für Angela Merkel an, dass sie sowohl positive als auch negative Gefühle gegenüber der Kanzlerin besitzen. Für Peer Steinbrück liegt der Anteil der Befragten mit gemischten Gefühlen sogar bei 61 Prozent. Weniger als vier Prozent der Personen besitzen weder positive noch negative Gefühle gegenüber dem jeweiligen Kandidaten. Die Gruppe der Personen mit einseitigen Einstellungen ist im Falle Angela Merkels nicht nur insgesamt stärker besetzt, sondern im Vergleich zu ihrem Herausforderer besitzt ein größerer Anteil der Befragten in dieser Gruppe einseitig positive Gefühle gegenüber der Kanzlerin (tabellarisch nicht dargestellt), was die 425 Blumenstiel/Gavras | Ursachen und Konsequenzen ambivalenter Einstellungen größere Beliebtheit Merkels widerspiegelt. Wie erwartet ist der Anteil der Befragten mit gemischten Gefühlen gegenüber Peer Steinbrück größer. Gleichwohl mag das vergleichsweise hohe Ausmaß gemischter Gefühle gegenüber Angela Merkel überraschen, da sie zum Zeitpunkt der Befragung seit fast acht Jahren als Bundeskanzlerin amtierte. Selbst mittelmäßig involvierte Bürger sollten in dieser Zeit häufig über Merkel nachgedacht und Informationen über sie verarbeitet haben. Dass trotzdem viele Befragte ihr gegenüber ambivalente Empfindungen haben, spricht dafür, dass Ambivalenz auch die Form dauerhafter Einstellungskonflikte annehmen kann. Tabelle 1: Einstellungsambivalenz gegenüber den Kanzlerkandidaten 2013 Angela Merkel Peer Steinbrück   N Prozent N Prozent einseitige Gefühle 885 45,3 666 35,2 keine Gefühle 70 3,6 64 3,4 gemischte Gefühle 998 51,1 1163 61,4 N 1953 100 1893 100 Anmerkung: Einseitige Gefühle bezeichnen ausschließlich positive oder negative Gefühle gegenüber einem Kandidaten, keine Gefühle zeigen keinerlei Gefühle gegenüber einem Kandidaten an, gemisch te Gefühle sind positive wie auch negative Gefühle gegenüber einem Kandidaten. Das beobachtete Ausmaß der Ambivalenz ist stark von den verwendeten Indikatoren abhängig. Werden statt den direkten Fragen nach den positiven und negativen Gefühlen die Eigenschaftsbeurteilungen der Kanzlerkandidaten verwendet, so sind die Anteile ambivalenter Befragter deutlich niedriger und betragen lediglich 30,9 Prozent für Angela Merkel und 32,0 Prozent für Peer Steinbrück (Tabelle 2). Aus theoretischer Sicht ist die separate Messung der positiven und negativen Einstellungskomponenten eine zentrale Anforderung an ein valides Ambivalenzmaß (Thompson et al. 1995), deshalb scheinen die mit diesen Behelfsvariablen ermittelten niedrigeren Werte das wahre Ausmaß ambivalenter Einstellungen zu unterschätzen. Tabelle 2: Einstellungsambivalenz gegenüber den Kanzlerkandidaten 2013 auf Grundlage von Eigenschaftsbeurteilungen Angela Merkel Peer Steinbrück   N Prozent N Prozent einseitige Beurteilungen 1203 66,9 1073 64,9 keine Beurteilungen 39 2,2 51 3,1 gemischte Beurteilungen 557 30,9 530 32,0 N 1799 100 1654 100 Anmerkung: Einseitige Beurteilungen bezeichnen ausschließlich positive oder negative Eigenschafts beurteilungen gegenüber einem Kandidaten, keine Beurteilungen zeigen ausschließlich indifferente Beurteilungen gegenüber einem Kandidaten an, gemischte Beurteilungen sind positive wie auch ne gative Eigenschaftsbeurteilungen gegenüber einem Kandidaten. 426 PVS, Sonderheft 50/2015 Prozesse politischer Informationsverarbeitung Aus den in Tabellen 1 und 2 dargestellten Variablen wurden anschließend Ambivalenzmaße mithilfe des Griffin-Index gebildet. Diese sind nur relativ schwach miteinander korreliert (Tabelle 3). Korrelationen im Bereich von +0,2 für die beiden Versionen der Einstellungsambivalenz gegenüber demselben Kandidaten erhärten die Erkenntnis, dass die Maße auf Basis der Fragen nach positiven und negativen Gefühlen und auf Basis der Eigenschaftsbeurteilungen nicht dasselbe Konstrukt messen. Bemerkenswert ist zudem Folgendes: die Ambivalenzskalen Merkels und Steinbrücks sind bei Verwendung der Fragen nach den positiven und negativen Gefühlen positiv korreliert (r=0,19), bei Verwendung der Eigenschafts- Skalen jedoch negativ (r=-0,18). Nicht nur das Ausmaß, sondern auch die Richtung transitiver Effekte zwischen der Ambivalenz gegenüber den Kanzlerkandidaten ist demnach von der Operationalisierung abhängig. Wenngleich das hier vorgeschlagene Ambivalenzmaß aus den oben diskutierten Gründen für das überlegene gehalten werden kann, so zeigt sich an dieser Beobachtung, dass inhaltliche und methodische Fragen bei der Untersuchung ambivalenter Einstellungen zumindest im gegenwärtigen Stand der Debatte nur schwerlich zu trennen sind. Tabelle 3: Korrelationen zwischen Ambivalenzmaßen   Ambivalenz Merkel Ambivalenz Steinbrück Ambivalenz Merkel (Eigenschaften) Ambivalenz Steinbrück (Eigenschaften) Ambivalenz Merkel 1,00 Ambivalenz Steinbrück 0,19*** 1,00 Ambivalenz Merkel (Eigenschaften) 0,25*** -0,03 1,00 Ambivalenz Steinbrück (Eigenschaften) -0,10** 0,19*** -0,18*** 1,00 Anmerkung: *p<0,05; ** p<0,01; ***p<0,001 Insgesamt bleibt festzuhalten, dass ambivalente Einstellungen gegenüber den wichtigsten Politikern in Deutschland kein Minderheitenphänomen sind; das Ausmaß der Ambivalenz liegt sogar über den in amerikanischen Studien genannten Werten (Lavine 2001). 4.2 Ursachen der Ambivalenz Zur Überprüfung der Hypothesen 1a-1d wurden lineare Regressionen für die Griffin-Indizes zur Einstellungsambivalenz unter Berücksichtigung der dargestellten Erklärungsvariablen berechnet (Tabelle 4). In Übereinstimmung mit H1a hat Ambivalenz gegenüber dem jeweils anderen Kanzlerkandidaten einen signifikant positiven Effekt auf die Einstellungsambivalenz gegenüber Angela Merkel und Peer Steinbrück. Bei einem Anstieg der Ambivalenz gegenüber einem Kandidaten um eine Standardabweichung, erhöht sich die Ambivalenz gegenüber dem anderen Kandidaten jeweils um etwa 0,08 Standardabweichungen. Wer ambivalente Einstellungen gegenüber einem Kanzlerkandidaten besitzt, für den gilt dies dem- 427 Blumenstiel/Gavras | Ursachen und Konsequenzen ambivalenter Einstellungen nach tendenziell auch hinsichtlich des jeweiligen Kontrahenten. Dies deutet darauf hin, dass Ambivalenz nicht ausschließlich auf kontextuale Faktoren und Eigenschaften von Einstellungen zurückzuführen ist, sondern bestimmte Personen mit größerer Wahrscheinlichkeit ambivalente Einstellungen entwickeln. Hinsichtlich der Heterogenität der Parteipräferenzen im persönlichen sozialen Netzwerk war in Hypothese 1b die Erwartung formuliert worden, dass heterogene Netzwerke ambivalente Einstellungen verursachen sollten, während für homogene Netzwerke das Gegenteil gelten sollte. Dieses Muster bestätigt sich zwar für Angela Merkel, nicht jedoch für Peer Steinbrück. Die Zusammensetzung des Netzwerks spielt demnach für die Ambivalenz gegenüber dem SPD-Kandidaten Steinbrück keine Rolle. Ob sich die Effekte des sozialen Netzwerks systematisch zwischen Amtsinhaber und Herausforderer unterscheiden, kann im Rahmen der vorliegenden Fallstudie nicht geklärt werden. Die in H1c aufgestellten Erwartungen bezüglich der Informationsverarbeitung werden durch die Ergebnisse nur teilweise unterstützt. Wie erwartet geht die Neigung zu selektiver Informationsverarbeitung (approximiert über die Stärke der Parteiidentifikation) mit geringerer Ambivalenz einher, erneut gilt dieser Zusammenhang aber nur für die Empfindungen gegenüber Merkel. Die Effekte des Bedürfnisses zu systematischer Informationsverarbeitung (Need for cognition) sind für beide Kandidaten nicht statistisch signifikant. Auch dieser Erklärungsansatz kann damit nur einen sehr geringen Beitrag zur Erklärung ambivalenter Einstellungen leisten, wenngleich darauf hingewiesen werden muss, dass dies zumindest teilweise auf die nur indirekte Messung der zugrundeliegenden theoretischen Konstrukte zurückzuführen sein könnte. Für die Indikatoren der Persönlichkeitseigenschaften (H1d) zeigen sich keine signifikanten Effekte. Bei Kontrolle der anderen Erklärungsansätze leisten diese Variablen somit hier keinen zusätzlichen Erklärungsbeitrag, im Rahmen weiterer Studien sollte überprüft werden, ob sich dieser Erklärungsansatz auch in anderen Kontexten nicht bewährt. Zusammenfassend bestätigen die Ergebnisse in erster Linie die Erkenntnis, dass die bisherigen theoretischen Ansätze nicht ausreichend zur Erklärung der Ambivalenz beitragen können (Armitage u. Conner 2005, Martinez et al. 2005a, Rudolph u. Popp 2007). Dies spiegelt sich auch in erklärten Varianzanteilen von deutlich unter 10 Prozent wider, insbesondere Ambivalenz gegenüber dem Herausforderer Steinbrück kann mit den verwendeten Erklärungsvariablen kaum erklärt werden. Einstellungsambivalenz gegenüber den Kanzlerkandidaten ist demnach auch in Deutschland ein zwar recht verbreitetes, aber in seiner Entstehung bisher unzureichend verstandenes Phänomen. 428 PVS, Sonderheft 50/2015 Prozesse politischer Informationsverarbeitung Tabelle 4: Lineare Regressionen für Ambivalenz gegenüber den Kanzlerkandidaten Erklärungsvariable Ambivalenz Merkel Ambivalenz Steinbrück Ambivalenz Merkel – 0,08* (0,04) Ambivalenz Steinbrück 0,08** (0,04) – Homogenes Netzwerk -0,07* (0,11) -0,01 (0,11) Heterogenes Netzwerk 0,11** (0,11) -0,04 (0,10) Stärke Parteiidentifikation -0,13*** (0,06) -0,03 (0,06) Need for cognition -0,00 (0,05) -0,07 (0,05) Need for cognitive closure 0,01 (0,04) 0,01 (0,04) Need to evaluate -0,02 (0,06) -0,03 (0,06) Extraversion -0,04 (0,05) 0,03 (0,04) Verträglichkeit -0,03 (0,05) -0,04 (0,05) Gewissenhaftigkeit -0,02 (0,07) 0,05 (0,06) Offenheit 0,06 (0,05) -0,03 (0,05) Neurotizismus 0,01 (0,05) -0,04 (0,05) Politisches Interesse -0,01 (0,05) -0,01 (0,05) Politisches Wissen -0,05 (0,09) -0,04 (0,09) N 1156 1156 Korrigiertes R² 0,07 0,03 Anmerkung: *p<0,05; ** p<0,01; ***p<0,001; angegeben sind standardisierte Regressionskoeffizienten (Standardfehler). 4.3 Konsequenzen der Ambivalenz Bezüglich der Konsequenzen von Einstellungskonflikten gegenüber den beiden Kanzlerkandidaten wurde die Erwartung formuliert, dass diese einen mäßigenden Effekt auf die Gesamtbeurteilung des jeweiligen Politikers haben (H2a). Zur Überprüfung dieser Hypothese wurden lineare Regressionen für die Stärke der Bewertung Merkels und Steinbrücks berechnet (Tabelle 5). Der vermutete negative Zusammenhang bestätigt sich dabei für beide Kanzlerkandidaten: wer einer Person mit gemischten Gefühlen gegenübersteht, beurteilt diese tendenziell deutlich moderater als Personen mit einseitig positiven oder negativen Gefühlen. So 429 Blumenstiel/Gavras | Ursachen und Konsequenzen ambivalenter Einstellungen zeigt sich, dass ein Anstieg der Ambivalenz gegenüber Merkel um eine Standardabweichung zu einer Minderung der Stärke der Bewertung von Merkel um 0,57 Standardabweichungen führt. Verglichen mit den anderen Variablen im Modell leistet Ambivalenz den mit Abstand größten Erklärungsbeitrag. Darüber hinaus zeigt sich zumindest für die Bewertung Merkels ein polarisierender Abstrahlungseffekt: wer gegenüber Peer Steinbrück ambivalente Einstellungen besitzt, bewertet die Kanzlerin demnach im Mittel etwas extremer. Ebenfalls lediglich für die Kanzlerin zeigt sich eine Tendenz stärkerer Parteiidentifizierer zu extremeren Bewertungen, während für Steinbrück eine extreme ideologische Selbsteinstufung leicht polarisierend wirkt. Für beide Kandidaten gilt, dass stärker politisch interessierte Befragte zu extremeren Bewertungen neigen. Tabelle 5: Lineare Regressionen für die Stärke der Bewertungen der Kanzlerkandidaten Erklärungsvariable Stärke Bewertung Merkel Stärke Bewertung Steinbrück Ambivalenz Merkel -0,57*** (0,03) -0,01 (0,03) Ambivalenz Steinbrück 0,07** (0,03) -0,38*** (0,03) Stärke Parteiidentifikation 0,11*** (0,05) 0,03 (0,06) Stärke Links-Rechts Position -0,02 (0,03) 0,07* (0,03) Politisches Interesse 0,06* (0,04) 0,11*** (0,04) Politisches Wissen -0,03 (0,08) -0,03 (0,08) N 1160 1157 Korrigiertes R² 0,37 0,17 Anmerkung: *p<0,05; ** p<0,01; ***p<0,001; angegeben sind standardisierte Regressionskoeffizienten (Standardfehler). Als zweite Folge ambivalenter Einstellung wurde die Hypothese aufgestellt, dass Einstellungskonflikte auch entscheidungsrelevant sein und insbesondere dazu führen können, auf die Frage nach der Kanzlerpräferenz keinen der beiden Kanzlerkandidaten zu nennen, also in dieser Hinsicht unentschlossen zu sein (H2b). Zur Überprüfung dieser Vermutung wurde ein logistisches Regressionsmodell für die Unentschlossenheit bei der Kanzlerpräferenz berechnet (Tabelle 6). Es zeigt sich, dass ambivalente Einstellungen gegenüber Peer Steinbrück die Wahrscheinlichkeit erhöht, bezüglich der Kanzlerpräferenz unentschlossen zu sein, für Angela Merkel ist der Effekt lediglich auf dem 10%-Niveau signifikant. Ambivalenz gegenüber einem Kanzlerkandidaten erhöht damit nicht nur die Ambivalenz gegenüber dem anderen Kandidaten, sondern zumindest teilweise auch die Wahrscheinlichkeit, keinen der beiden Kontrahenten dem anderen eindeutig vorzuziehen. Damit ist Einstellungsambivalenz gegenüber den Kanzlerkandidaten (zumindest potentiell) entscheidungsrelevant. Die Kanzlerkandidaten können zwar nicht direkt gewählt 430 PVS, Sonderheft 50/2015 Prozesse politischer Informationsverarbeitung werden, Einstellungen gegenüber den Kandidaten gelten jedoch als wichtiger Aspekt bei der Wahlentscheidung. Wenn die Kanzlerpräferenz infolge der Unentschlossenheit als Entscheidungskriterium wegfällt, so verschieben sich die Einflussgewichte in Richtung anderer Kriterien oder die Entscheidungen können insgesamt schlechter vorhergesagt werden d.h. die Einstellungs-Verhaltens-Konsistenz sinkt. Damit kann Einstellungsambivalenz wichtige Folgen sowohl für die Bewertung der Kanzlerkandidaten als auch für die Wahlentscheidung haben. Tabelle 6: Logistische Regression für die Unentschlossenheit bei der Kanzlerpräferenz Erklärungsvariable Unentschlossenheit Kanzlerpräferenz Ambivalenz Merkel 0,02 (0,01) Ambivalenz Steinbrück 0,03*** (0,01) Stärke Parteiidentifikation -0,03 (0,02) Stärke Links-Rechts Position 0,04*** (0,01) Politisches Interesse -0,03* (0,01) Politisches Wissen -0,02 (0,03) Unentschlossenheit Wahlabsicht 0,03 (0,03) N 1073 McFadden Pseudo R² 0,09 Anmerkung: *p<0,05; ** p<0,01; ***p<0,001; angegeben sind average marginal effects (Standardfehler). 5. Zusammenfassung und Diskussion In diesem Beitrag wurden die Ursachen und Konsequenzen ambivalenter Einstellungen gegenüber den Kanzlerkandidaten in Deutschland am Beispiel der Bundestagswahl 2013 untersucht. Die zentralen Ergebnisse der Analyse können wie folgt zusammengefasst werden. Erstens ist auch in Deutschland ein hohes Ausmaß an Einstellungsambivalenz gegenüber den Kanzlerkandidaten zu verzeichnen, je nach Kandidat verfügen zwischen 50 und 60 Prozent der Befragten über ambivalente Einstellungen. Das Ausmaß der Ambivalenz ist entscheidend von den verwendeten Indikatoren abhängig und wurde von den in früheren deutschen Wahlstudien verfügbaren Behelfsmaßen nur unzureichend erfasst, vermutlich wurde das Ausmaß der Ambivalenz damit deutlich unterschätzt. Um Einstellungsambivalenz valide zu messen, müssen positive und negative Einstellungen separat erhoben werden. Zweitens bestätigte sich die Erkenntnis, dass die bisher vorgeschlagenen Erklärungsansätze unzureichend sind, um Ambivalenz zufriedenstellend zu erklären. Zwar deuteten sich leichte positive Abstrahlungseffekte der Ambivalenz gegenüber anderen Kandidaten und höhere Ambivalenz bei Personen in heterogenen sozialen 431 Blumenstiel/Gavras | Ursachen und Konsequenzen ambivalenter Einstellungen Netzwerken an. Insgesamt muss jedoch von unbefriedigenden Befunden gesprochen werden, die Varianzaufklärung der Regressionsmodelle ist trotz einer umfassenden Synthese der in der Literatur genannten Erklärungsfaktoren gering. Wenngleich dies z.T. an den verwendeten Indikatoren liegen mag, muss grundsätzlich in Frage gezogen werden, inwiefern sowohl die bisherigen Erklärungsversuche geeignet sind um ambivalente Einstellungen sinnvoll erklären zu können und ob dies mit den bisher in Wahlstudien erhobenen Variablen überhaupt möglich ist. Drittens wurden zentrale Befunde früherer Studien zu den Konsequenzen von Ambivalenz bestätigt. Einstellungsambivalenz gegenüber den Kanzlerkandidaten führt zu gemäßigteren Globalurteilen über diese und erhöht die Wahrscheinlichkeit der Unentschlossenheit bei der Kanzlerpräferenz. Zu problematisieren ist die Messung der Ambivalenz, insbesondere bezüglich der inhärenten Konstruktionsmängel des Griffin-Index unabhängig von den verendeten Fragen zur Messung positiver und negativer Empfindungen. So zeigt sich, je nach Kodierung der verwendeten Variablen, der Effekt, dass der Griffin-Index für Personen, die keinerlei Einstellungen besitzen und für bestimmte Ausprägungen mäßiger Ambivalenz (hier beispielsweise Personen mit dem Wert (3) bei positiven und (1) bei negativen Gefühlen), denselben Wert (0) annimmt. Somit ist der Griffin-Index nicht ausreichend in der Lage, zwischen indifferenten Personen und ambivalenten Personen zu trennen. Dieses Konstruktionsproblem ist bereits bei Thompson et al. (1995) ersichtlich, wurde aber nicht weiter diskutiert und ist mit der Etablierung des Griffin-Index als Standardinstrument in Vergessenheit geraten. Umso bemerkenswerter sind die bisherigen umfassenden Befunde zu den Konsequenzen ambivalenter Einstellungen, was die Relevanz dieses Themas unterstreicht. Welche Erkenntnisse lassen sich aus diesen Ergebnissen für den Stand der Forschung ableiten – abgesehen von dem Vorschlag eines in Deutschland neuen Messinstruments und der Bestätigung und Erweiterung bisher vor allem in den USA gefundener Zusammenhänge in einem anderen politischen Kontext? Zunächst ist festzuhalten, dass Ambivalenz ein weit verbreitetes und wichtiges Phänomen ist, das in seinen Auswirkungen inzwischen gut erforscht, aber in seinen Ursachen nach wie vor untererforscht ist. Gerade angesichts der bedeutsamen Konsequenzen besteht dringender Forschungsbedarf bezüglich der Ursachen von Ambivalenz. Aus Sicht der Autoren liegt die Lösung des Rätsels jedoch nicht in der Erweiterung des Erklärungsmodells um weitere personenspezifische Merkmale – und schon gar nicht um soziodemographische Merkmale, auf deren oft habituelle Berücksichtigung in diesem Beitrag verzichtet wurde. Vielmehr scheint es ratsam, die Prämisse aufzugeben, dass Ambivalenz nur durch persönliche Einstellungen, Werte oder Prädispositionen hinreichend zu erklären sei. Die Befunde dieses Beitrags und früherer Studien legen den Schluss nahe, dass Ambivalenz darüber hinaus akteurs-, kontext-, und zeitspezifische Ursachen haben könnte. Zudem sollten die Problematiken des Griffin-Index umfassender evaluiert werden und dieser dahingehend erweitert werden, dass sich ein eindeutiges Maß für die Berechnung von Ambivalenz ergibt. Einschränkend muss erwähnt werden, dass die präsentierten Ergebnisse lediglich einer Fallstudie zur Bundestagswahl 2013 entstammen und die Möglichkeit besteht, dass die Befunde von den Besonderheiten dieser Wahl und den antretenden Kandidaten beeinflusst wurden. 432 PVS, Sonderheft 50/2015 Prozesse politischer Informationsverarbeitung Literatur Abelson, Robert P., Donald R. Kinder, Mark D. Peters, und Susan T. Fiske. 1982. Affective and Semantic Components in Political Person Perception. Journal of Personality and Social Psychology 42: 619-30. Alvarez, Michael R., und John Brehm. 1995. American Ambivalence Towards Abortion Policy: Development of a Heteroskedastic Probit Model of Competing Values. American Journal of Political Science 39: 1055-82. Alvarez, Michael R., und John Brehm. 2002. Hard Choices, Easy Answers: Values, Information, and American Public Opinion. Princeton: Princeton University Press. Armitage, Christopher J., und Mark Conner. 2000. 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Cambridge: Cambridge University Press. Zaller, John, und Stanley Feldman. 1992. A Simple Theory of the Survey Response: Answering Questions versus Revealing Preferences. American Journal of Political Science 36: 579-616. Anhang Tabelle A1: Variablenindex Variablenname Fragetext Kodierung Wahlabsicht Bei der Bundestagswahl können Sie ja zwei Stimmen vergeben. Die Erststimme für einen Kandidaten aus Ihrem Wahlkreis und die Zweitstimme für eine Partei. Hier ist ein Musterstimmzettel, ähnlich wie Sie ihn bei der Bundestagswahl erhalten. Was werden Sie auf Ihrem Stimmzettel ankreuzen? Bitte nennen Sie mir jeweils die Kennziffer für Ihre Erst- und Zweitstimme. (A) Erststimme (B) Zweitstimme (01) CDU/CSU (Christlich Demokratische Union/Christlich- Soziale Union) (02) SPD (Sozialdemokratische Partei Deutschlands) (03) FDP (Freie Demokratische Partei) (04) DIE LINKE (DIE LINKE) (05) GRÜNE (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) (09) andere Partei, und zwar Subjektive Ambivalenz, negativ Manche Leute haben ausschließlich positive oder negative Gefühle gegenüber den Spitzenkandidaten. Andere haben sowohl positive als auch negative Gefühle. Wie ist das bei Ihnen? Wir möchten Sie nun bitten anzugeben, wie stark Ihre negativen und wie stark Ihre positiven Gefühle gegenüber den Spitzenkandidaten sind. Wie stark sind Ihre negativen Gefühle gegenüber . . . ? (A) Angela Merkel (B) Peer Steinbrück (1) sehr stark (2) stark (3) mittelmäßig (4) weniger stark (5) überhaupt keine negativen Gefühle Subjektive Ambivalenz, positiv Und wie stark sind Ihre positiven Gefühle gegenüber . . . ? (A) Angela Merkel (B) Peer Steinbrück (1) sehr stark (2) stark (3) mittelmäßig (4) weniger stark (5) überhaupt keine positiven Gefühle 436 PVS, Sonderheft 50/2015 Prozesse politischer Informationsverarbeitung Variablenname Fragetext Kodierung Stärke Parteiidentifikation Wie stark oder wie schwach neigen Sie – alles zusammengenommen – dieser Partei zu: sehr stark, ziemlich stark, mäßig, ziemlich schwach oder sehr schwach? (1) sehr stark (2) ziemlich stark (3) mäßig (4) ziemlich schwach (5) sehr schwach Skalometer Politiker Bitte sagen Sie mir nun, was Sie von einigen führenden Politikern halten. Benutzen Sie dafür bitte wieder die Skala von -5 bis +5. Wenn Ihnen ein Politiker nicht ausreichend bekannt ist, brauchen Sie ihn natürlich nicht einzustufen. Was halten Sie von...? (A) Angela Merkel (B) Peer Steinbrück (1) -5 halte überhaupt nichts von diesem Politiker (2) -4 (3) -3 (4) -2 (5) -1 (6) 0 (7) +1 (8) +2 (9) +3 (10) +4 (11) +5 halte sehr viel von diesem Politiker Kanzlerpräferenz Nun wüsste ich gerne folgendes von Ihnen: Wen hätten Sie nach der Bundestagswahl lieber als Bundeskanzlerin bzw. Bundeskanzler: Angela Merkel oder Peer Steinbrück? (1) Angela Merkel (2) Peer Steinbrück (3) keinen von beiden Eigenschaften der Kanzlerkandidaten, Merkel Und nun noch etwas genauer zu Angela Merkel. Sagen Sie mir bitte zu jeder der Aussagen, die ich Ihnen jetzt vorlese, inwieweit sie Ihrer Meinung nach auf Angela Merkel zutrifft oder nicht. (A) Sie ist durchsetzungsfähig. (B) Sie ist vertrauenswürdig. (C) Sie ist als Mensch sympathisch. (D) Sie hat vernünftige Vorstellungen, die Wirtschaft anzukurbeln. (E) Sie repräsentiert die Werte und politischen Vorstellungen der CDU/CSU. (1) trifft überhaupt nicht zu (2) trifft eher nicht zu (3) teils/teils (4) trifft eher zu (5) trifft voll und ganz zu Eigenschaften der Kanzlerkandidaten, Steinbrück Und nun sagen Sie mir bitte, inwieweit die folgenden Aussagen auf Peer Steinbrück zutreffen. Benutzen Sie dafür bitte diese Skala. (A) Er ist durchsetzungsfähig. (B) Er ist vertrauenswürdig. (C) Er ist als Mensch sympathisch. (D) Er hat vernünftige Vorstellungen, die Wirtschaft anzukurbeln. (E) Er repräsentiert die Werte und politischen Vorstellungen der SPD. (1) trifft überhaupt nicht zu (2) trifft eher nicht zu (3) teils/teils (4) trifft eher zu (5) trifft voll und ganz zu 437 Blumenstiel/Gavras | Ursachen und Konsequenzen ambivalenter Einstellungen Variablenname Fragetext Kodierung Gespräche über Politik Nun wüssten wir gerne etwas darüber, mit wem Sie sich in der letzten Zeit über Parteien oder die Bundestagswahl unterhalten haben. An wie vielen Tagen haben Sie sich in der vergangenen Woche mit anderen Personen, z.B. Familienmitgliedern, Freunden oder Arbeitskollegen, über die Parteien oder die Bundestagswahl unterhalten? (0) gar nicht (1) 1 Tag (2) 2 Tage (3) 3 Tage (4) 4 Tage (5) 5 Tage (6) 6 Tage (7) 7 Tage Netzwerkgröße Was würden Sie sagen, wie viele Personen waren das insgesamt, mit denen Sie sich unterhalten haben? (1) 1 Person (2) 2 Personen (3) 3 Personen (4) 4 Personen (5) 5 Personen (6) 6 Personen . . . (20) 20 Personen (21) mehr als 20 Personen Gesprächspartner 1: Wahlentscheidung Was meinen Sie, welche Partei wird diese Person bei der Bundestagswahl am 22. September wohl wählen, oder meinen Sie, dass die Person nicht zur Wahl gehen wird? (1) CDU/CSU (2) CDU (3) CSU (4) SPD (5) FDP (7) DIE LINKE (6) GRÜNE (801) andere Partei, und zwar Gesprächspartner 2: Wahlentscheidung Was meinen Sie, welche Partei wird diese Person bei der Bundestagswahl am 22. September wohl wählen, oder meinen Sie, dass die Person nicht zur Wahl gehen wird? (1) CDU/CSU (2) CDU (3) CSU (4) SPD (5) FDP (7) DIE LINKE (6) GRÜNE (801) andere Partei, und zwar Psychologische Konstrukte Bitte sagen Sie mir für jede der folgenden Aussagen auf dieser Liste, inwieweit sie auf Sie zutrifft. Benutzen Sie dazu bitte die Skala. (A) Ich bin eher zurückhaltend, reserviert. (B) Ich schenke anderen leicht Vertrauen, glaube an das Gute im Menschen. (C) Ich erledige Aufgaben gründlich. (D) Ich habe eine aktive Vorstellungskraft, bin phantasievoll. (E) Ich werde leicht nervös und unsicher. (F) Ich bilde mir zu allem eine Meinung. (G) Ich finde wenig Befriedigung darin, angestrengt und stundenlang nachzudenken. (H) Gewöhnlich treffe ich wichtige Entscheidungen schnell und sicher. (1) trifft überhaupt nicht zu (2) trifft eher nicht zu (3) teils/teils (4) trifft eher zu (5) trifft voll und ganz zu 438 PVS, Sonderheft 50/2015 Prozesse politischer Informationsverarbeitung Variablenname Fragetext Kodierung Links-Rechts Selbsteinstufung Und wie ist das mit Ihnen selbst? Wo würden Sie sich auf der Skala von 1 bis 11 einordnen? (1) 1 links (2) 2 (3) 3 (4) 4 (5) 5 (6) 6 (7) 7 (8) 8 (9) 9 (10) 10 (11) 11 rechts Politisches Interesse Einmal ganz allgemein gesprochen: Wie stark interessieren Sie sich für Politik: sehr stark, stark, mittelmäßig, weniger stark oder überhaupt nicht? (1) sehr stark (2) stark (3) mittelmäßig (4) weniger stark (5) überhaupt nicht Politisches Wissen: Erst-/Zweitstimme Bei der Bundestagswahl haben Sie ja zwei Stimmen, eine Erststimme und eine Zweitstimme. Wie ist das eigentlich, welche der beiden Stimmen ist ausschlaggebend für die Sitzverteilung im Bundestag? (1) die Erststimme (2) die Zweitstimme (3) beide sind gleich wichtig

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Zusammenfassung

37 Experten aus Politikwissenschaft, Psychologie, Soziologie und Medizin leisten eine Bestandsaufnahme politisch-psychologischer Forschung in den Themenfeldern „Persönlichkeit und Politik“, „Emotionen, Affekte & Politik“, „Gruppenpsychologie“, „Informationsverarbeitung“ und „Politische Theorie“. Kleinster gemeinsamer Nenner der politisch-psychologischen Forschungsperspektive ist das Akteurskonzept des homo psychologicus, dessen (politisches) Handeln von Kognitionen, Eigenschaften, Motivationen und Emotionen beeinflusst wird. Werden attraktive Bundestagskandidaten gewählt? Begünstigt eine narzisstische Persönlichkeitsprägung von Staatsoberhäuptern die (zwischenstaatliche) Konflikteskalation? Stärkt der vermehrte Kontakt zu anderen europäischen Staatsbürgern die Identifizierung mit Europa?

Antworten auf solche spannenden Fragen liefern die 21 Beiträge.

Mit Beiträgen von:

Kathrin Ackermann, Benedikt Backhaus, Hanja Blendin, Jan Eric Blumenstiel, Klaus Brummer, Hans-Joachim Busch, Thorsten Faas, Sven-Eric Fikenscher, Cornelia Frank, Markus Freitag, Konstantin Leonardo Gavras, Nathalie Giger, Sascha Huber, Lena Jaschob, David Johann, Markus Klein, Christian Kandler, Johannes Marx, Sabrina Jasmin Mayer, Anja Mays, Marco Meyer, Dieter Ohr, Sünje Paasch-Colberg, Maria Preißinger, Dorothea Prell, Tino Prell, Ulrich Rosar, Gerald Schneider, Harald Schoen, Sven Stadtmüller, Bernhard Stahl und Marco Steenbergen, Markus Steinbrecher, Florian Stöckel, Kathrin Thomas, Christine Tiefensee, Reinhard Wolf.