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Katrin Etzrodt, David Müller, Ubiquität und Medienkonvergenz – Informationsselektion in verschwindenden und verschmelzenden Medien in:

Jörg Jacobs, Natascha Zowislo-Grünewald, Franz Beitzinger (Ed.)

Social Media in der Lebenswelt und bei der Berufswahl Jugendlicher - Who cares?, page 59 - 76

1. Edition 2016, ISBN print: 978-3-8487-1099-7, ISBN online: 978-3-8452-5203-2, https://doi.org/10.5771/9783845252032-59

Series: Schriften der Akademie der Bundeswehr für Information und Kommunikation, vol. 31

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Ubiquität und Medienkonvergenz – Informationsselektion in verschwindenden und verschmelzenden Medien Katrin Etzrodt, David Müller Einführung Wer sich heutzutage informieren will, hat eine Vielzahl an Möglichkeiten zur Auswahl. Neben herkömmlichen Medien wie Fernsehen, Radio und Zeitung stehen digitale und vernetzte Medien zur Verfügung, die um soziale und interaktive Merkmale erweitert sind. Eine Konsequenz der Diffusion digitaler Technologien in die Gesellschaft ist das Verschmelzen der Grenzen zwischen digitalen und herkömmlichen Medienformen und ‑inhalten. Dabei werden herkömmliche Inhalte in digitale Angebote übertragen und vice versa, wodurch sie jeweils neue Qualitäten erhalten. Im Bereich der sozialen Medien entstehen zudem neue Formen wie Blogs, Instant-Messenger oder Soziale Onlinenetzwerke. Eine bisher weniger beachtete Folge der neueren Entwicklungen ist die Tatsache, dass Medien an sich immer weniger wahrnehmbar werden. Mit wachsender Bezahlbarkeit der Geräte wandern sie zunehmend in die Haushalte ein und werden zum „täglichen Begleiter für alle möglichen Fragen und Themen“, wobei besonders die jüngeren Altersgruppen eine treibende Rolle spielen, aber auch ältere Generationen langsam aufholen (van Eimeren/Frees 2012: 365). Durch die zunehmende mobile Nutzung des Internets bzw. internetfähiger Endgeräte (z. B. ebd.: 366, ähnliche Ergebnisse z. B. Zickuhr/ Smith 2012: 15) kommt es zu einer Integration dieser Medien in alltägliches Handeln, aber auch in Alltagsgegenstände und ‑routinen. Dadurch werden deren technologische Grundlagen stetig schwerer wahrnehmbar. Der vorliegende Beitrag nimmt eine handlungstheoretische Perspektive ein. Dabei wird davon ausgegangen, dass die sich wandelnde Mediensituation, vor allem hinsichtlich der Verschmelzung sowie des Verschwindens von Kommunikations- und Informationstechnologien (KuI-Technologien), zu einer veränderten subjektiven Situationsdefinition führt, was sich wiederum in den Selektionsentscheidungen der Individuen niederschlägt (vgl. Esser 1999). Digitalisierung und technologische Entwicklung führen dazu, 59 dass Informationen fast überall und zu jeder Zeit generier- und erreichbar sind. Zugleich besitzen sie aber auch eine deutlich kürzere Halbwertszeit1. Selektionsentscheidungen betreffen nun eine Fülle an mehr oder weniger flüchtigen Informationen, deren Relevanz und Nutzen evaluiert werden müssen. Wenn KuI-Technologien jedoch immer mehr miteinander verschmelzen und zusätzlich unsichtbarer werden, sind auch die zugrunde liegenden Strukturen und Mechanismen weniger eindeutig wahrnehmbar. Damit stellt sich die Frage, auf welche Weise Informationen in konvergenten und ubiquitären Mediensystemen ausgewählt und verarbeitet werden sowie auf welchen Kenntnissen diese Prozesse überhaupt basieren können. Im Folgenden wird näher skizziert, wie äußere Bedingungen – in diesem Fall die vorliegende Mediensituation – sich auf die Wahrnehmung von Informationssystemen und die daraus entstehende Informationsselektion auswirken können. Dazu werden bereits gewonnene Erkenntnisse aus Studien zusammengetragen und mithilfe der beiden Konzepte Konvergenz und Ubiquitous Computing systematisch geordnet. Konvergente Mediensituation und Informationsselektion Konvergente Mediensituationen führen dazu, dass die Grenzen zwischen den einzelnen Mediengattungen und deren Einbeziehung in das tägliche Leben immer mehr verschwimmen (Hasebrink/Mikos/Prommer 2004: 10). Dabei werden mit dem Begriff „Konvergenz“ verschiedene Phänomene bezeichnet, die sich allesamt auf eine bestimmte Art des Zusammenwachsens vormals voneinander unabhängiger Einzelelemente beziehen. Zum einen handelt es sich um die Verschmelzung unterschiedlicher Endgeräte im Zuge der technischen Konvergenz, die die Nutzung verschiedener medialer Angebote in einem einzigen Gerät ermöglicht (vgl. Storsul/Fagerjord 2008). So kann heute beispielsweise ein einfacher PC all diejenigen Inhalte liefern, für die man früher ein Fernsehgerät, ein Radio und eine ge- 1. 1 Der Begriff der Halbwertszeit ist nicht unproblematisch in Bezug auf Wissen und Informationen, wird jedoch häufig in der Literatur angewandt, wenn auf die Verkürzung der Gültigkeit des eigenen Wissens oder von Informationen verwiesen werden soll. Dabei spielt dieser Gültigkeitsverlust darauf an, dass in immer kürzeren Frequenzen neue Erkenntnisse generiert werden, die vorheriges Wissen infrage stellen oder diesem sogar widersprechen. Es ist diskutierbar, ob ein mit dem Begriff verbundener Wissensverfall oder nicht vielmehr eine Überlagerung alten Wissens durch neues Wissen stattfindet (vgl. Wolff 2008: 16f.). Katrin Etzrodt, David Müller 60 druckte Zeitung benötigte. Da Smartphones und Tablet-PCs zudem auch eine Foto- und Videokamera, einen MP3-Spieler und ein Telefon beinhalten, findet eine Konvergenz auch zwischen diesen Geräten und damit eine Erweiterung des Funktionsumfangs statt. Dabei handelt es sich nicht unbedingt um ein neues Konzept. Bereits zu Beginn der massenhaften Verbreitung des Internets entwarf Gilder (1994) die Vision einer Vereinigung sämtlicher medial nutzbarer Geräte in einem einzigen Apparat, den er als „Überbox“ bezeichnete. Mit der Durchsetzung von Smartphones und Tablet-PCs ist diese hypothetische „Überbox“ inzwischen Realität geworden, sodass Informationen nunmehr leichter über verschiedene Kanäle und Medienformen erlangt werden. Dabei tritt die Kopplung spezifischer Informationen an ein spezifisches Gerät in den Hintergrund, d. h., die Informationsquellen werden vielfältiger. So ist beispielsweise die Informationsgewinnung durch das Fernsehen nicht mehr automatisch als „Umgang mit einem Fernsehgerät“ definiert (vgl. Hasebrink 2004). Viele Fernsehkanäle bieten digitales Lifestreaming und Mediatheken an, die via Internet und Computer rezipiert werden können. Ergänzt wird dies von Diensten wie YouTube, die ebenfalls audiovisuelle Inhalte anbieten und keinem Programmschema unterliegen. Die steigende Bedeutung solcher Dienste besonders für Jugendliche wird z. B. im Medienkonvergenz Monitoring Videoplattformen-Report (vgl. Schorb et al. 2009) deutlich. In dieser Altersgruppe zeigen sich ebenfalls breitere Informationsrepertoires, v. a. bei der Nutzung von Informationsquellen aus dem Internet, die allerdings nicht in ihrer gesamten Fülle regelmäßig genutzt werden (Hasebrink/Schmidt 2012: 14f.). Vielmehr findet eine individualisierte Zusammenstellung (ebd.: 21) und Nutzung der Quellen (ebd.: 23) statt. Daneben wachsen auch die genutzten Inhalte der Medien immer stärker zusammen, was als inhaltliche Medienkonvergenz bezeichnet wird. Texte und audiovisuelle Inhalte können auf derselben Internetseite integriert werden. Damit ist aber keine klare Trennung zwischen den Mediengattungen mehr möglich. Durch die Integration von Chats und Kommentarfunktionen wird darüber hinaus die Abgrenzung zwischen Massen- und Individualkommunikation zunehmend erschwert. Soziale Medien können in dieser Hinsicht als ein vorläufiger Höhepunkt der Entwicklung gelten. Insbesondere jüngere Menschen nutzen sie als „All-in-one-Medium“ (Mende/ Oehmichen/Schröter 2013: 46), über das nicht nur Kontakte gepflegt werden, sondern das auch als Portal zum Zugriff auf relevante Informationen und Unterhaltung genutzt wird. Damit einher geht eine breite Palette an Ubiquität und Medienkonvergenz 61 Kommentar- und Interaktionsmöglichkeiten. Die Erweiterung des Angebots durch konvergente Medien bedeutet also nicht nur eine quantitative Vermehrung der Kanäle, sondern auch eine qualitative Ergänzung durch einen höheren Interaktionsgrad der Rezipienten mit der Informationsquelle und untereinander. Dies wiederum beeinflusst die Informationsbewertung. So kann beispielsweise die Tonalität von Kommentaren zu einem Artikel oder Beitrag Einfluss auf die Bewertung der dort präsentierten Informationen haben (vgl. Brossard/Scheufele 2013). Zusätzlich werden Informationen in erweiterte Kontexte und Zusammenhänge eingeordnet, sodass sie um zusätzliche, vom Autor nicht intendierte Bedeutungen erweitert werden können (vgl. ebd.). Die Integration von Informationen in Soziale (Online‑)Netzwerke beeinflusst die Informationsselektion, insofern zuvor eine Kontaktpersonenselektion stattgefunden hat. So zeigen Pasquali et al. (2013) z. B. für Facebook auf, dass Informationen häufiger über das eigene soziale Netzwerk bezogen werden. Dabei können folgende drei Punkte zusammengefasst werden: (1) Nutzer erachten Kontakte auf Facebook auch als Produzenten relevanter Inhalte. (2) Nutzer bilden ihre persönlichen Informationsräume auch ausgehend von der Informationsselektion ihrer Facebook-Kontakte. Und schließlich (3) wird der Facebook News Feed sogar zum Teil als „walled garden“ genutzt, indem Nachrichten, Neuigkeiten oder andere Informationen nur noch über das Netzwerk abgerufen werden. Die Ergebnisse zeigen weiterhin, dass Facebook-Nutzer hier neuerdings auch strategisch vorgehen, indem unnütze Bekanntschaften, die keinen Informationswert besitzen, wieder „entfolgt“ werden („unfollow“). Allgegenwärtige Mediensituation und Informationsselektion Digitale Medien sind nicht nur alltäglich geworden, sondern weisen zunehmend allgegenwärtige Merkmale auf, wobei deren Nutzung nicht unbedingt bewusst erfolgen muss. Geräte wie Smartphones, aber auch Angebote wie die Suchmaschine Google diffundieren in alltägliche Belange und werden kaum noch als technologische oder algorithmische Produkte wahrgenommen (vgl. Brossard/Scheufele 2013). Die Wissenschaft steht in diesem Forschungsbereich noch am Anfang: „Researchers are only beginning to understand how the nearly 5 billion Web searches through the search engine Google everyday can shape the way we make sense of all the new information we encounter“ (ebd.). Eine in diesem Zusammenhang 2. Katrin Etzrodt, David Müller 62 zu stellende Frage ist, auf welchen Ebenen die rückläufige Wahrnehmung technologischer Grundlagen einen Einfluss darauf ausübt, wie die jeweilige Situation definiert und die Information selegiert wird. Komponenten in den Hintergrund treten und der durch sie vermittelte Inhalt vorrangig wird. Dabei handelt es sich um Systeme, in die mobile und stationäre Endgeräte ebenso wie einzelne Module (z. B. Chips) integriert sein können und deren Komponenten untereinander sowie mit dem Nutzer interagieren. Populäre, bereits verwendete Beispiele dafür sind AIDC3-Technologien, mit deren Hilfe weiterführende Informationen aus der physischen Umwelt auf unterschiedlichen Endgeräten gelesen und weiterverarbeitet werden. Dabei ist im Kontext der Informationsselektion vor allem die Gruppe der data collecting technologies interessant, die Daten auf unterschiedliche Weise speichern und verteilen (Hodgson/Nabhani/Zarei 2010: 109). Konkrete Anwendungsformen in diesem Bereich sind z. B. QR-Codes und RFID4-Technologien. Diese werden nicht mehr nur in der Logistik und Überwachung, im Waren- und Zahlungsverkehr, bei der Identifikation von Tieren und Personen oder im Rahmen der Zugriffs- und Zutrittskontrolle eingesetzt, sondern zunehmend auch für die Informationsspeicherung und -weitergabe in mobilen Kommunikationsmedien verwendet (vgl. ebd.). Auch der Einsatz von NFC5-Technologien etwa in Smartphones (z. B. mithilfe der Android-App MindTags) findet bereits statt (vgl. Abb. 1; Vazquez-Briseno et al. 2012: 233ff.). Die Technologie der Smartphones selbst ist zwar weniger unsichtbar, tritt jedoch zunehmend in den Hintergrund der Wahrnehmung. Insbesondere gilt dies für neue Steuerungsmöglichkeiten via Augen- und Handbewegungen, aber auch für Projekte wie die Google-Brille (vgl. Abb. 1). Diese Geräte verfügen über zahlreiche Sensoren (für Lokalisierung, Bewegungs-, Geräuschpegel-, Helligkeits-, Annäherungs-, Bild-, Mustererkennung etc.)6, die verschiedene Kontexte erfassen, dem Nutzer dadurch viele manuelle Einstellungen abnehmen und so einen reibungslosen – fast unsichtbaren – Ablauf der Nutzungssituation ermöglichen. Abbildung 1: NFC-enabled phone operating modes (Vazquez-Briseno et al. 2012: 226), Google Glass (brianbsorensen, walkaboutstreet.net 2013) Grundsätzlich kann man sagen: Je unauffälliger, selbstständiger und unsichtbarer sich die Technik bzw. deren Nutzung in Alltagssituationen darstellt, desto ubiquitärer ist sie. In Anlehnung an Weiser (2002) und Siemoneit (2003) werden im Folgenden sechs Dimensionen ubiquitärer Medien identifiziert, anhand von Beispielen der KuI-Technologie illustriert und in ihren möglichen Auswirkungen auf die Situationsdefinition und die Informationsselektion skizziert. Die betrachteten Dimensionen sind Vernetzung, Miniaturisierung bzw. Mobilität, Modularität, Kontextadaptivität, Einbettung und Enttechnisierung. 3 Automatic Identification and Data Capture (vgl. z. B. Vazquez-Briseno et al. 2012). 4 Radio-frequency Identification. 5 Near-field-Communication als Weiterentwicklung der RFID-Technologie im Nahbereich (vgl. Vazquez- Briseno et al. 2012: 220). 6 Für eine Übersicht der Sensorik vgl. Pfanstiel (2011: 22ff.). Um die Allgegenwärtigkeit heutiger Medien theoretisch zu erfassen, bietet si h das Konzept des „Ubiquitous Comp ting“2 an, das auf d n Informatiker Mark Weiser zurückg ht. Es bezieht sich auf das Verschwi den der digitalen Technologie aus dem direkten Wahrnehmungsf ld des Nutzers. Demnach sind digitale M dien so in die Umwelt v rwo n, dass die Nutzer eher das Gefühl haben, mit dieser Umwelt selbst – also z. B. mit Gegenständen oder Gesprächspartnern – zu interagieren, als mit einem oder über ein Medium (Weiser 2002: 19). Das heißt auch, Menschen interagieren nicht mehr bewusst mit einer Benutzerschnittstelle (Interface), sondern haben das Gefühl, intuitiv mit ihrer Umwelt zu interagieren, und diese reagiert entsprechend (Farman 2012: Pos. 268). Das Konzept ubiquitärer Medien geht demnach über bloße tragbare Medien hinaus und beschreibt Endgeräte, die so sehr in die Alltagswelt verwoben sind, dass deren technologische Komponenten in den Hintergrund treten und der durch sie vermittelte Inhalt vorrangig wird. Dabei handelt es sich um Systeme, in die mobile und stationäre Endgeräte ebenso wie einzelne Module (z. B. Chips) integriert sein können und deren Komponenten untereinander so- 2 Auch Begriffe wie ubicomp, pervasive computing oder ambient intelligence beziehen sich auf dieses Konzept oder Aspekte davon. Ubiquität und Medienkonvergenz 63 wie mit dem Nutzer interagieren. Populäre, bereits verwendete Beispiele dafür sind AIDC3-Technologien, mit deren Hilfe weiterführende Informationen aus der physischen Umwelt auf unterschiedlichen Endgeräten gelesen und weiterverarbeitet werden. Abbildung 1: NFC-enabled phone operating modes (Vazquez-Briseno et al. 2012: 226), Google Glass (brianbsorensen, walkaboutstreet.net 2013) Dabei ist im Kontext der Informationsselektion vor allem die Gruppe der data collecting technologies interessant, die Daten auf unterschiedliche Weise speichern und verteilen (Hodgson/Nabhani/Zarei 2010: 109). Konkrete Anwendungsformen in diesem Bereich sind z. B. QR-Codes und RFID4-Technologien. Diese werden nicht mehr nur in der Logistik und Überwachung, im Waren- und Zahlungsverkehr, bei der Identifikation von Tieren und Personen oder im Rahmen der Zugriffs- und Zutrittskontrolle 3 Automatic Identification and Data Capture (vgl. z. B. Vazquez-Briseno et al. 2012). 4 Radio-frequency Identification. Katrin Etzrodt, David Müller 64 eingesetzt, sondern zunehmend auch für die Informationsspeicherung und ‑weitergabe in mobilen Kommunikationsmedien verwendet (vgl. ebd.). Auch der Einsatz von NFC5-Technologien etwa in Smartphones (z. B. mithilfe der Android-App MindTags) findet bereits statt (vgl. Abb. 1; Vazquez-Briseno et al. 2012: 233ff.). Die Technologie der Smartphones selbst ist zwar weniger unsichtbar, tritt jedoch zunehmend in den Hintergrund der Wahrnehmung. Insbesondere gilt dies für neue Steuerungsmöglichkeiten via Augen- und Handbewegungen, aber auch für Projekte wie die Google-Brille (vgl. Abb. 1). Diese Geräte verfügen über zahlreiche Sensoren (für Lokalisierung, Bewegungs‑, Geräuschpegel‑, Helligkeits‑, Annäherungs‑, Bild‑, Mustererkennung etc.)6, die verschiedene Kontexte erfassen, dem Nutzer dadurch viele manuelle Einstellungen abnehmen und so einen reibungslosen – fast unsichtbaren – Ablauf der Nutzungssituation ermöglichen. Grundsätzlich kann man sagen: Je unauffälliger, selbstständiger und unsichtbarer sich die Technik bzw. deren Nutzung in Alltagssituationen darstellt, desto ubiquitärer ist sie. In Anlehnung an Weiser (2002) und Siemoneit (2003) werden im Folgenden sechs Dimensionen ubiquitärer Medien identifiziert, anhand von Beispielen der KuI-Technologie illustriert und in ihren möglichen Auswirkungen auf die Situationsdefinition und die Informationsselektion skizziert. Die betrachteten Dimensionen sind Vernetzung, Miniaturisierung bzw. Mobilität, Modularität, Kontextadaptivität, Einbettung und Enttechnisierung. Vernetzung Die bisher am stärksten beachtete Dimension in Kommunikations- und Informationsanalysen ist die Vernetzung. Sie bezeichnet die Verbindung einzelner Mediengeräte miteinander, wodurch Daten ausgetauscht werden können. Im Konzept der Konvergenz geht es hauptsächlich um eine inhaltliche Erweiterung medialer Angebote um soziale Aspekte wie Interaktionsmöglichkeiten. Unser Blick richtet sich hingegen stärker auf den technologischen Aspekt einer permanenten Verbindung mit anderen Computern und die Folgen, die sich daraus ergeben. 5 Near-field-Communication als Weiterentwicklung der RFID-Technologie im Nahbereich (vgl. Vazquez-Briseno et al. 2012: 220). 6 Für eine Übersicht der Sensorik vgl. Pfanstiel (2011: 22ff.). Ubiquität und Medienkonvergenz 65 Durch 3G- und WLAN-Technologien, längere Akku-Laufzeiten sowie ein ausgebautes Breitbandnetz sind Geräte in der Lage, eine relativ dauerhafte Verbindung mit dem Internet herzustellen. Damit kann der Nutzer ubiquitärer Medien immer mit dem Internet verbunden sein – unabhängig davon, ob das bewusst oder unbewusst geschieht. Der dadurch entstehende kontinuierliche Informationsfluss erlaubt so eine permanente Aktualisierung, die größtenteils über das eigene soziale Netzwerk gespeist wird und stark mit diesem verschränkt ist (Schmidt 2011: 102). Es entsteht eine kürzere Rezeptionsfrequenz von deutlich mehr Informationen (Smith 2012: 4), die dadurch einen flüchtigen Charakter erhalten (vgl. Siemens 2004). Informationen können dabei sowohl nach dem Pull-Prinzip als auch nach dem Push-Prinzip bezogen werden (Schmidt 2011: 102). Während das Pull-Prinzip die gezielte Suche oder das absichtliche Stöbern nach bestimmten Informationen im Netz beschreibt, erfolgt die Informationsgewinnung durch das Push-Prinzip über automatische Aktualisierungen, z. B. durch RSS-Feeds. Die bewusste Suche von Informationen kann in vielen Fällen nur mit externer Unterstützung bewältigt werden, z. B. durch die Nutzung einer Suchmaschine. Die Folge der extensiven Nutzung solcher Suchmaschinen kann die Externalisierung von Wissen sein, indem nicht nur das Detailwissen, sondern auch das Strukturwissen7 aus dem Gedächtnis ausgelagert werden (vgl. Sparrow et al. 2011 am Beispiel von Google). Dies wiederum hat Folgen für den Selektionsprozess, dessen Entscheidungsgrundlagen nun aufseiten der Technik, nicht mehr aufseiten des Nutzers liegen. Das bedeutet, dass die Situationsdefinition deutlich stärker durch die Selektionskriterien der Suchmaschine bestimmt wird, während zugleich diese Kriterien für den Nutzer nur noch schwer sichtbar und verständlich sind. Werden beim Pull-Prinzip Selektionsmechanismen z. B. auf Suchmaschinen ausgelagert und müssen geeignete Informationsquellen erst gefunden werden, hat bei der Informationsselektion nach dem Push-Prinzip die Festlegung auf relevante Quellen bereits stattgefunden. Die Situationsdefinition – also die geteilten, durch Kontakte des sozialen Netzwerks bereits selektierten und bewerteten Informationen – unterliegt damit zum Teil anderen Kriterien. So wird die Relevanz der Information durch die Zuord- 7 Detailwissen bezeichnet das Erinnern spezifischer Informationen zu einem Thema, während Strukturwissen bedeutet, zu wissen, wo bestimmte Informationen zu finden sind. Katrin Etzrodt, David Müller 66 nung zu konkreten Personen und durch deren individuelle Kontexte – die Entstehungssituation der Informationen bzw. deren Weitergabe oder Bewertung – besser einschätzbar. Welche genauen Auswirkungen Push-Prinzipien auf die Situationsdeutung haben, ist unseres Wissens noch nicht erforscht. Miniaturisierung im Sinne von Mobilität Mediengeräte und technische Komponenten werden zunehmend kleiner und damit transportabel.8 Mobilität beschreibt hier also Technologien, die sich physikalisch mit dem Nutzer bewegen (Siemoneit 2003: 4), so in deutlich mehr Alltagssituationen integriert werden und damit in diesen verwendet werden können. Mobilität in Verbindung mit Vernetzung lässt Informationen sofort und überall verfügbar werden (vgl. Zickuhr 2012). Dadurch wird auch die Situationsdefinition komplexer, dynamischer und in mehr private Kontexte einbezogen. Gleichzeitig zeichnet sich jedoch eine habitualisierte Verwendung ab, indem zwar z. B. zunehmend häufiger mobile Geräte verwendet werden, dies jedoch noch meist im häuslichen Umfeld stattfindet (vgl. z. B. van Eimeren/Frees 2012). Modularität Über diese offensichtlichen Merkmale hinaus lassen sich weitere Aspekte von Ubiquität bereits in heutigen KuI-Technologien finden: So bezeichnet Modularität Systeme, deren Bestandteile (Software, Hardware, Vernetzung) modular aufgebaut sind und sich mit anderen Mediengeräten bzw. ‑systemen kombinieren lassen. „In ihrer spontanen, gemeinsamen Kommunikation und Interaktion sollen sie die limitierte Funktionalität der einzelnen Komponente überwinden und neue synergetische Qualitäten und Funktionalitäten für den Nutzer schaffen“ (Siemoneit 2003: 5). In einem weiten Sinn können bereits die App-Angebote für Betriebssysteme mobiler und zunehmend auch stationärer Geräte als modulare Lösungen verstanden werden, die die bisherigen Funktionen der vorhandenen Software um zusätzliche Komponenten erweitern (z. B. Browsererweiterungen so- 8 Diese Art der Mobilität von Geräten wird teilweise auch unter Begriffen des Mobile oder Nomadic Computing behandelt. Ubiquität und Medienkonvergenz 67 zialer Sharingdienste wie Hootsuite, Pocket oder Evernote, die Informationen direkt aus dem Browser speichern und in andere Netzwerke teilen können). Weitere Beispiele sind Systeme, in denen Tablet-PCs oder Smartphones als Fernbedienungen für andere Geräte (Heizung, Fernseh-, Radiogeräte, Licht etc.) dienen, oder solche, in denen mobile Medien Speicherort und Lieferant von Musik oder Bildern sind, die jedoch auf anderen Endgeräten wie Fernsehern oder HiFi-Anlagen abgespielt werden. Informationsquellen werden dadurch flexibler und unabhängiger von bestimmten Diensten oder Geräten und können so deutlich individueller zusammengestellt werden. Die Studienlage zur Nutzung modularer Systeme (ob Soft- oder Hardware) und deren Auswirkungen auf die Informationsselektion ist dünn. Allerdings ist ähnlich wie bei der Ausdifferenzierung des Mediensystems durch konvergente Entwicklungen die Entstehung von App- und Geräterepertoires vorstellbar. Darauf weisen die Befunde der Studie von Jung et al. (2013) hin, die mittels einer Beobachtungssoftware einen Monat lang die App-Nutzung von 1.645 koreanischen Android-Smartphone-Nutzern auswerteten. Die Ergebnisse zeigen, dass von durchschnittlichen 100 auf dem Smartphone befindlichen Apps lediglich 10 bis 20 tatsächlich regelmäßig genutzt wurden. Unklar ist bisher jedoch, inwiefern die Zusammenstellung der Hard- bzw. Software-Module sich auf die Situationsdefinition auswirkt und ob bzw. wie weit es mit Blick auf die Informationsselektion bei der Situationsdefinition zu Unterschieden zwischen den einzelnen Personen kommt. Kontextadaptivität Die Kontextadaptivität9 der Geräte bezieht sich auf die Anpassung der dargebotenen Informationen und Funktionen an die aktuelle Nutzungssituation. Dies geschieht anhand der Datenkommunikation und mittels Sen- 9 Siemoneit und Weiser sprechen von Kontextsensitivität, diese stellt jedoch lediglich einen Teil der Dimension dar. Denn neben dem Erkennen von Kontexten spielt auch die Anpassung an diese eine tragende Rolle. Es existieren bereits verschiedene Begriffe, unter denen das Konzept der Kontextsensitivität behandelt wird: sentient computing, context awareness, context sensitivity oder auch emotion awareness, wobei Letzteres das Erkennen von Emotionen, z. B. über Mimik oder physiologische Reaktionen, betrachtet (siehe Siemoneit 2003: 4). Katrin Etzrodt, David Müller 68 soren, die Informationen der Nutzungssituation aufnehmen und entsprechende Aktionen auslösen. Dabei handelt es sich um einen Prozess, bei dem die Technologie „Informationen über [ihre] jeweilige Umgebung [erlangt] wie z. B. Standort, Blickrichtung, Temperatur- und Lichtverhältnisse etc. und […] sich diesen permanent und nahtlos an[passt], ohne dass der Nutzer dies aktiv veranlassen muß“ (Siemoneit 2003: 4). Die Selbstständigkeit der Geräte nimmt dem Nutzer viele Entscheidungen ab, die dadurch nicht mehr bewusst bzw. aktiv getätigt werden müssen. Die Folge ist ein Interagieren mit den bereits individuell angepassten und personalisierten digitalen Informationen. Das bedeutet aber, dass Situationsdefinitionen auf unvollständigen Wahrnehmungen basieren, da einige Anpassungsprozesse nicht mehr oder nur schwer sichtbar sind, wodurch die Selektionsentscheidung verzerrt wird. Ein Beispiel aktueller KuI-Technologien ist die Ortung über GPS oder Funkzellen. Informationen können dadurch ortssensitiv von der Technologie selektiert werden (vgl. Zickuhr 2012). Viele soziale Anwendungen wie z. B. Twitter und Facebook, aber auch Suchmaschinen nutzen diese Lokalisierungsfunktion, ohne dass der Nutzer dies in jedem Fall wahrnehmen kann. Darüber hinaus findet im Zuge der Kontextadaptivität eine Anpassung an das vorangegangene Nutzungsverhalten statt. Dies führt zu einer algorithmisch beeinflussten Informationsdarstellung, beinhaltet also bereits eine Selektionsstufe (Lewandowski 2008: 46; vgl. Feuz/Fuller/Stalder 2011). Dadurch werden unter Umständen mögliche Informationsquellen ausgeblendet, was eine eingeschränkte Situationsdefinition zur Folge hat (vgl. Pariser 2011). Diese Einschränkung ist besonders stark ausgeprägt, wenn der Nutzer bei seiner Situationsdefinition die algorithmischen Grundlagen nicht oder nur teilweise erkennt und einbezieht. Einbettung Eng mit der vorhergehenden Dimension hängt die Einbettung bzw. „Entvisualisierung“ der KuI-Technologie zusammen. Mediengeräte werden in andere Geräte oder Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs integriert (zu denken ist etwa an smart objects und smart appliances). Dadurch verlieren sie zunehmend ihre technologische „Körperlichkeit“, d. h., sie können nicht mehr als Technologien wahrgenommen werden, da sie in anderen Ubiquität und Medienkonvergenz 69 Gegenständen „versteckt“ werden.10 Dieses kann als Weiterentwicklung des sentient computing11 verstanden werden, da ebenfalls eine intelligente, sensorbestückte und kommunikationsfähige Umgebung vorausgesetzt ist, jedoch die Endgeräte nicht mehr sichtbar sind, weil sie in die Umgebung integriert werden (vgl. Siemoneit 2003: 4). Aktuelle Beispiele stellen die oben beschriebenen RFID/NFC-Technologien dar. Deren Chips sind meist unsichtbar in Kleidung oder andere Gegenstände integriert und können durch entsprechende Lesegeräte oder ‑programme identifiziert und für weitere Kommunikations- und Informationsinhalte verwendet werden. Eine neue Entwicklung stellt die Interaktion mittels sozialer Online-Netzwerke (z. B. via Facebook Check-in, Facebook Like, Tweet Status, Twitter Follow, Foursquare Check-in, Pinterest etc.) in Verbindung mit diesen Technologien in Smartphones oder Armbändern dar. Der Begriff „Einbettung“ kann aber auch in einem weniger materiellen Sinn verstanden werden, wenn man davon ausgeht, dass diese Techniken nicht „versteckt“, sondern einfach „normal und im Gebrauch so eingeübt sind, dass sie und ihre algorithmische Basis der Aufmerksamkeit entgehen“ (Robben/Schelhowe 2012: 8) oder gar nicht mehr verstanden werden. Dies wurde für die Informationssuche mithilfe der – überwiegend verwendeten – Suchmaschine Google sowie für die Einbürgerung des Begriffs „googeln“ nachgewiesen (Lewandowski 2012a: 104; 2012b: 131). Der Kontextadaptivität und der physischen und psychischen Einbettung von KuI-Technologien sind das Unsichtbarwerden und damit der Verlust der Wahrnehmung technologischer Grundlagen von Informationen gemein. Das Unwissen um Probleme von Algorithmen oder überhaupt die „stumme“, unsichtbare Informationsweitergabe haben wiederum nicht nur Auswirkungen auf die Definition und Bewertung der Informationslage, sondern auch auf die daraus resultierende mögliche Selektion der Informationen. Enttechnisierung Letztlich trägt auch die Enttechnisierung zum Verschwinden der technischen Grundlagen aus dem Wahrnehmungsfeld bei. Sie findet Ausdruck in 10 Einige Theorien sprechen in diesem Zusammenhang auch von pervasive computing (siehe z. B. Farman 2012). 11 Siehe Fußnote 9. Katrin Etzrodt, David Müller 70 den Bestrebungen, die Komplexität und Künstlichkeit der Bedienung von Mediengeräten aufzuheben, indem auf intuitive Kommunikationsformen wie Gesten, Mimik oder Sprachanweisungen zurückgegriffen wird (Siemoneit 2003: 3). Die Intentionen des Nutzers und nicht der Umgang mit der Technik sollen den Fokus der Aufmerksamkeit bilden. Das Interface wird quasi „interfaceless“, indem Werkzeuge wie Tasten, Fenster, Scroll Bars und sogar Icons einer intuitiven, „natürlicheren“ Handhabung weichen (Bolter/Grusin 1999: 17ff.). Das Hantieren mit natürlichen Gegenständen oder natürliche Gesten sollen genügen, um Interaktionen mit Computersystemen auszulösen. Aktuelle Beispiele kann man bereits ansatzweise in Smart TVs, Smartphones und Tablet-PCs finden, die kaum noch durch Tasten, sondern mittels Sprachbefehlen, Wischbewegungen, Berührungen, Lageveränderungen, Schütteln, Augenbewegungen oder Gesten gesteuert werden. Die Google-Brille, bei der die Steuerung hauptsächlich durch Gesten erfolgt, ist ebenfalls ein aktuelles populäres Beispiel der Entwicklung in diesem Bereich. Die technologische Grundlage wird bei dieser Dimension an der Bedienungsschnittstelle unsichtbar. Dies hat – wie schon bei der Kontextadaptivität und der Einbettung – eine unvollständige Evaluation der Informationssituation zur Folge. Mit dem Verschwinden des medialen Charakters der Informationsquellen wird sich auch die Selektion auf weniger Kriterien stützen. Fazit und Diskussion In Anlehnung an Esser (1999) ist davon auszugehen, dass die subjektive Situationsdefinition, auf deren Grundlage Informationen selektiert werden können, von einer Mediensituation beeinflusst wird, die zunehmend durch das Verschmelzen sowie das Verschwinden technologischer Grundlagen gekennzeichnet ist. Dabei führen Prozesse der Konvergenz dazu, dass die Informationsquellen sich vervielfachen und erweitern, da Digitalisierung zwar immer einhergeht mit Computerisierung, dadurch jedoch analoge oder herkömmliche Medien nicht verdrängt, sondern transformiert werden (Robben/Schelhowe 2012: 7f.). Das bedeutet, dass häufiger Selektionsentscheidungen getroffen werden müssen, Diese können auf verschiedene Weise, z. B. gemäß dem Nutzenmaximierungsprinzip (Esser 1993: 222), vereinfacht werden: 3. Ubiquität und Medienkonvergenz 71 1. Die Ausdifferenzierung des Mediensystems führt zu einer breiteren Nutzung verschiedener Informationsquellen, die allerdings wiederum in individualisierten Informationsrepertoires in ihrem Umfang reduziert und habitualisiert wird. 2. Die Erweiterung um soziale Qualitäten beeinflusst die Bewertung relevanter Informationen, während die Einbettung der Informationsquellen in soziale Online-Netzwerke bereits durch eine Vorselektion der Kontakte in diesen Netzwerken gekennzeichnet ist. Um möglichst effektive Entscheidungen treffen zu können, muss zunächst die (Informations‑)Situation definiert werden. Mit dem Verschwinden der medialen Grundlagen aus dem Wahrnehmungsfeld wird dies jedoch zunehmend schwieriger. In Anlehnung an die Dimensionen des Konzeptes Ubiquitous Computing konnten folgende mögliche Veränderungen in der Wahrnehmung und Definition der Mediensituation identifiziert werden: 1. Informationsquellen sind permanent mit anderen Quellen vernetzt, wodurch der Informationsfluss ständig aktualisiert und die Informationsmenge stetig größer wird. Dies bedingt eine technologische Unterstützung bei der Informationsselektion. Dabei können das Pull- und das Push-Prinzip identifiziert werden. Beim Pull-Prinzip werden Informationen gezielt gesucht und selektiert, wobei es durch die Nutzung von Suchmaschinen zur Externalisierung sowohl des Detail- als auch des Strukturwissens kommt. Im Push-Prinzip geschieht die Informationsselektion hingegen durch eine vorangegangene Bewertung und Selektierung von Informationsquellen. Erschwert somit die Zuhilfenahme von Suchmaschinen die Situationsdefinition, weil Unkenntnis über dahinterstehende technologische Prozesse herrscht und somit Information nicht richtig eingeordnet und bewertet werden können, lässt die Nutzung sozialer Netzwerke zumindest einen Rückschluss auf die Kontexte der weitergeleiteten Informationen (z. B. durch die Kenntnis um bestimmte Ideologien von Personen) zu. 2. Die Mobilität der Geräte erzeugt in Verbindung mit der zunehmenden Vernetzung eine ständige zeit- sowie ortsunabhängige Verfügbarkeit von Informationen. Damit kommt es zu potenziell komplexeren und dynamischeren Situationsdefinitionen, die allerdings bisher eher durch eine Verstärkung habitueller Selektionsmechanismen gekennzeichnet zu sein scheinen. 3. Die Modularität der KuI-Technologien zeigt ähnlich wie die technische Konvergenz Ausdifferenzierungstendenzen. Dabei liegt der Fokus hier Katrin Etzrodt, David Müller 72 auf solchen Hard- und Softwarekomponenten, die in Verbindung miteinander neue Funktionen schaffen. Durch die modulartige Konzeption werden vielfältigere Informationsquellen – v. a. im Gerätebereich – wahrgenommen, die flexibler miteinander kombiniert und genutzt werden können. Die Erhöhung der Komplexität kann dabei zwar auch zu habitualisierten Handlungen führen, da nur ein geringer Teil der Quellen tatsächlich regelmäßig genutzt wird. Eine starke Varianz zwischen Individuen bei der Zusammenstellung möglicher App- und Geräterepertoires ist jedoch nicht auszuschließen. 4. Infolge der Selbstständigkeit der Technologie in selektiven Entscheidungen (Kontextadaptivität), der physischen und psychischen Einbettung technologischer Grundlagen in Alltagsgegenstände und ‑handlungen (Einbettung) sowie der Verringerung der wahrgenommenen Schnittstellen zwischen Mensch und Medium (Enttechnisierung) werden technologische und algorithmische Strukturen für den Nutzer immer seltener sichtbar und damit kaum oder nicht mehr wahrgenommen. Damit bleibt die Situationsdefinition aber unvollständig, und es entsteht der Eindruck einer weniger vermittelten Situation erzeugt, womit auch der Informationsselektion weniger bzw. verzerrte Kriterien zugrunde liegen können. Die gegenwärtige Entwicklung führt so zu dem Paradoxon, dass einerseits eine erhöhte Informationsselektion erforderlich ist, andererseits die Situationen – also die Informationsquellen – weniger klar definiert werden können. Besonders was das Verschwinden technologischer Strukturen aus dem Wahrnehmungsbereich der Nutzer betrifft, steckt die Forschung noch in den Kinderschuhen. Aus diesem Grund ist aktuell kaum abschätzbar, welche Folgen sich aus dem Verschwinden technologischer Grundlagen aus dem Wahrnehmungsfeld ergeben. Literatur Brossard, D.; Scheufele, A. D. (2013): Science, New Media, and the Public. In: Science, Nr. 339, S. 40–41. Engel, B.; Best, S. (2012): Stream, Audio und Page – die Rezeptionsformen in der konvergenten Medienwelt. In: Media Perspektiven, Nr. 2, S. 62–71. Esser, H. (1993): Soziologie. Allgemeine Grundlagen. Frankfurt/M.: Campus. Esser, H. (1999): Soziologie. Spezielle Grundlagen. Band 1: Situationslogik und Handeln. Frankfurt/M.: Campus. Ubiquität und Medienkonvergenz 73 Farman, J. (2012): Mobile Interface Theory: Embodied Space and Locative Media. London: Routledge. Feuz, M.; Fuller, M.; Stalder, F. 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Abstract

Competition for skilled personnel especially on the junior level has intensified. Therefore, corporations have increasingly been employing social media for recruiting purposes, since they play a vital part in the younger generation's daily life. This volume results from an interdisciplinary symposium on social media recruiting with academics and practitioners in human resources, communication and consulting. Corresponding to this dialogue between theory and practice, the herein compiled articles do not only demonstrate the significance of social media in daily life, vocational choice and career decision making of adolescents and younger adults. Also, reports from practitioners from businesses and public institutions provide valuable insights for the advancement of recruiting and employer branding.

With contributions by:

Franz Beitzinger, Andreas Bischof, Christian Cernak, Katrin Etzrodt, Christina Friedrich, Martin Günther, Jana Hennig, Katrin Hentschel, Jörg Jacobs, Meike Keber, Jochen Koubek, Robert Kramer, David Müller, Rainer Schürg, Petra Seipp, Jürgen Sorg, Natascha Zowislo-Grünewald.

Zusammenfassung

Unternehmen konkurrieren zunehmend um die besten Nachwuchskräfte. In der Personalwerbung wird daher immer stärker auf soziale Medien zur Ansprache von Berufseinsteigern gesetzt, schließlich sind diese wichtiger Teil der Lebenswelt gerade der jüngeren Generation. Dieser Band entstand anlässlich einer Fachtagung zu diesem Thema mit Wissenschaftlern unterschiedlichster Fachbereiche und Praktikern aus Human Resources, Kommunikation und Consulting. Entsprechend dieses Theorie-Praxis-Dialogs zeigen die enthaltenen Tagungsbeiträge nicht nur die Bedeutung sozialer Medien für Lebenswelt, Berufswahl und Karriereentscheidungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf, sondern geben durch Praxisberichte aus Unternehmen und öffentlichem Sektor auch wertvolle Impulse für die Weiterentwicklung von Personalwerbung und Employer Branding.

Mit Beiträgen von:

Franz Beitzinger, Andreas Bischof, Christian Cernak, Katrin Etzrodt, Christina Friedrich, Martin Günther, Jana Hennig, Katrin Hentschel, Jörg Jacobs, Meike Keber, Jochen Koubek, Robert Kramer, David Müller, Rainer Schürg, Petra Seipp, Jürgen Sorg, Natascha Zowislo-Grünewald.