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Beck Rasmus C., Heinze Rolf G., Schmid Josef, Vorwort und Einleitung Vorwort der Herausgeber in:

Rasmus C. Beck, Rolf G. Heinze, Josef Schmid (Ed.)

Zukunft der Wirtschaftsförderung, page 17 - 22

1. Edition 2014, ISBN print: 978-3-8487-1039-3, ISBN online: 978-3-8452-5163-9, https://doi.org/10.5771/9783845251639_17

Series: Wirtschafts- und Sozialpolitik, vol. 14

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17 Vorwort der Herausgeber Rasmus C. Beck, Rolf G. Heinze und Josef Schmid „Einigung der individuellen Kräfte zu Verfolgung gemeinsamer Zwecke ist das mächtigste Mittel zu Bewirkung der Glückseligkeit der Individuen. Allein und getrennt von seinen Mitmenschen, ist das Individuum schwach und hilflos. Je größer die Zahl derer ist, mit welchen es in gesellschaftlicher Verbindung steht, je vollkommener die Einigung, desto größer und vollkommener das Produkt, die geistige und körperliche Wohlfahrt der Individuen.“ Friedrich List, Das nationale System der Politischen Oekonomie (1841). Siebente Auflage. Stuttgart, 1883, S. 9. Mit dem Motto von Friedrich List verbindet sich die Idee einer aktiven Wirtschaftsförderung und einer intensiven Zusammenarbeit von unterschiedlichen Akteuren. Dahinter steht analytisch die Frage nach dem grundlegenden Verhältnis von Markt und Staat sowie von Wettbewerb und Kooperation: Wird es wie im klassischen Liberalismus oder Neoliberalismus als antithetisch beschrieben, oder handelt es sich doch um ein dialektisches oder gar um ein synergetisches Verhältnis? So alt wie dieses Thema auch sein mag, so aktuell ist die Problematik in Wissenschaft (vgl. etwa CZADA/ZINTL 2003) und Praxis. Daher fand am 20. November 2013 in Hannover die Tagung „Zukunft der Wirtschaftsförderung“ statt. Entwicklung und Bedingung einer erfolgreichen Cluster- und Innovationspolitik waren die zentralen Themen des bereits zweiten Kongresses, der von hannoverimpuls, der Wirtschaftsförderungsgesellschaft der Landeshauptstadt und Region Hannover, in Zusammenarbeit mit den Herausgebern organisiert worden ist. An der Veranstaltung nahmen rund 200 Gäste aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Wirtschaftsförderung teil. Offensichtlich haben wir mit dem Thema „Zukunft der Wirtschaftsförderung“ ins Schwarze getroffen; daher wollen wir die Ergebnisse auch dieses Mal in Form eines Sammelbandes sichern (zum ersten Kongress vgl. den Sammelband BECK/HEINZE/SCHMID (2009)). Konsens bei den Beratungen war, dass sich die Logik des wirtschaftlichen Strukturwandels in den letzten Jahren insofern verändert hat, als es in der zukünftigen Wirtschaft um nachhaltige Veränderungen in Produktion und Konsum weit über die Grenzen einzelner Branchen hinausgehen wird. Diskutiert wurde ein ‚neuer’ Strukturwandel, der sich durch eine wachsende Bedeutung von hybriden Wertschöpfungsketten auszeichnet und deshalb nicht mit den Instrumenten 18 des ‚alten’ Strukturwandels und der traditionellen Wirtschaftsförderung zu bewältigen ist. Nur mit integrierten Konzepten und einer Intensivierung der Wissensströme zwischen den verschiedenen Akteuren auf regionaler und lokaler Ebene können die Herausforderungen gemeistert werden. Da sich wirtschaftlich nutzbare Innovationen immer stärker aus der Verknüpfung unterschiedlicher Themenfelder ergeben, müssen demnach interaktive Lernprozesse systemisch vernetzter Akteure angestoßen werden. Eine solche Förderung heterogen zusammengesetzter neuer Wertschöpfungsmuster kann nicht hierarchisch erfolgen, sondern dafür wird ein strategisches Innovationsmonitoring benötigt, das auf einer breiten Informationsbasis aufsetzen und dann Netzwerke inszenieren kann. Dies impliziert auch einen grundlegenden Wandel der Organisationsstrukturen der Wirtschaftsförderung. Kommunen und Regionen werden nicht umhinkommen, ihr Selbstverständnis und ihre Verwaltungsstrukturen neu auszurichten. So ermöglichen etwa digitale Informationsflüsse der Verwaltung, sich flexibel und dezentral in Netzwerkstrukturen zu organisieren. Generell ließe sich als Ziel folgende Message formulieren: ‚Von der Kooperation zum Netzwerk’. In diesem Kontext stößt man schnell auf den Clusterbegriff. Bei einem Cluster handelt es sich – wörtlich übersetzt – um einen ‚Schwarm’ oder etwas Ähnliches, was sich wandelt, anpasst, aber auch schwer abzugrenzen ist. Im Kontext von regionalen Clustern handelt es sich um eine Anhäufung von Unternehmen verschiedener Arten und Branchen samt Institutionen wie Universitäten und staatlichen Behörden einer Region. In der zum Klassiker avancierten Version von PORTER (1998: 78) heißt das dann: „Clusters are geographic concentrations of interconnected companies and institutions in a particular field. Clusters encompass an array of linked industries and other entities important to competition.They include, for example, suppliers of specialized inputs such as components, machinery, and services, and providers of specialized infrastructure. Clusters also often extend downstream to channels and customers and laterally to manufacturers of complementary products and to companies in industries related by skills, technologies, or common inputs. Finally, many clusters include governmental and other institutions – such as universities, standards-setting agencies, think tanks, vocational training providers, and trade associations – that provide specialized training, education, information, research, and technical support.“ In den letzten Jahren sind auch in verschiedenen Politikfeldern dementsprechende neue clusterförmige Mischformen von öffentlicher und privater Steuerung zu beobachten. Clusterpolitiken sind zudem nicht mehr nur auf lokaler oder regionaler Ebene angesiedelt, sondern mittlerweile auch Gegenstand nationaler Strategien. Ein Weg ist die intensivere Vernetzung von Wirtschaft und Wissenschaft und die Förderung und der Aufbau von zukunftsträchtigen Wachstumsfeldern, die zudem Antworten auf gesellschaftliche Herausforderungen darstellen (etwa in den Sektoren Alterung der Gesellschaft, Gesundheit, Mobilität, Energie und Wohnen). Vor dem Hintergrund eines globalen Standortwettbewerbs und einer Intensivierung 19 der Informationsflüsse und Mobilität weiß der Staat offenbar die sektoralen Selbstorganisationsfähigkeiten der Verbände (etwa der Tarifverbände), aber auch einzelner Unternehmen und wissenschaftlicher Einrichtungen neu zu schätzen und greift bei der Erfüllung der öffentlichen Aufgaben auf die Koproduktion und selbstverantwortliche Eigenleistung wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Akteure zurück. Die aktive Einbindung außerstaatlicher Akteure kann die Steuerungsfähigkeit der Wirtschaftspolitik auf allen Ebenen – von der nationalen bis zur regionalen und lokalen – insofern erhöhen, als hierdurch neue Wissens- und Handlungsressourcen erschlossen werden. Allerdings ist sie mit notwendigen Strukturveränderungen des Regierens verbunden: Staatliche Institutionen müssen ihre eigenen Handlungsabläufe überprüfen und institutionelle Lernfähigkeit beweisen. Wenn es auch noch kein klar konturiertes Bild von der (wieder neu) geforderten Rolle des Staates gibt und wenn auch verschiedene Formeln für die Transformation des Staates zirkulieren, so gibt es doch in einem Punkt Konsens. Das neue Konzept der Staatlichkeit setzt sich sowohl von etatistischen Vorstellungen eines Maximalstaates, der die individuelle und gesellschaftliche Wohlfahrt durch ‚mehr Staat’ zu erhöhen beabsichtigt, ab wie von neoliberalen Minimalstaatsvorstellungen, die auf die Maxime ‚immer weniger Staat’ hinauslaufen. Gefragt sind vielmehr fruchtbare Allianzen zwischen Wirtschaftsunternehmen, den Verbänden, der Politik und Verwaltung sowie der Wissenschaft. Ein zentrales Zukunftsfeld und Laboratorium für eine innovative und kooperativ organisierte Steuerung liegt beispielsweise in der Bewältigung des demografischen Wandels. Durch die Alterung der Gesellschaft und die Ausbreitung moderner Informationsund Kommunikationstechnologien eröffnen sich auch neue Optionen, die innovationspolitisch interessant sein können. Neben dem Aspekt der Versorgung und der Lebensqualität berühren sie zentral die Frage nach zukünftigen Leitbildern für den Standort Deutschland. Die Chance, dass ein Land wie Deutschland mit einer der ältesten Bevölkerungen der Welt zu einem Leitmarkt für wirtschaftlichsoziale Innovationen im Alter werden könnte, ist aufgrund der Potenziale durchaus realistisch. Allerdings sind auch andere Länder auf diesem Weg (vor allem skandinavische Länder), so dass das Innovationspotenzial rasch umgesetzt werden muss. Die Fokussierung auf Leitmärkte – im Bereich der Gesundheit und der damit verbundenen Medizintechnik und neuen Versorgungssystemen, ‚intelligenten’ Häusern und Wohnungen, effizienten Energie- und Mobilitätssystemen – hätte zugleich starke beschäftigungspolitische Züge. Der Dienstleistungssektor in Verknüpfung mit intelligenten Technologien könnte damit neben den auch für die ‚Sicherung der sozialen Sicherung’ dringend notwendigen Wachstumseffekten außerdem gesellschaftliche Spaltungstendenzen abmildern und neue sozialintegrative Perspektiven eröffnen. Aber auch hier ist bei den Akteuren organisationales Lernen gefragt, das sich durch Strategiefähigkeit, Selbstbeobachtung und Kreativität auszeichnet und die traditionellen institutionellen Verkrustungen überwinden muss. 20 Dies erfordert eine viel stärkere Vernetzung der kommunalen und Wirtschaftsförderung sowie der Verwaltungsstrukturen. Parallel werden sich neue Rollenprofile der Verwaltungsmitarbeiter entwickeln, die sich durch einen hohen Anteil an Kommunikationsbereitschaft und Kreativität auszeichnen. Die neue Rolle von Förderpolitik besteht in diesem Kontext darin, an einzelnen Standorten spezifische Anreizstrukturen wie Netzwerke und Innovationsagenturen aktiv umzusetzen, um so die Grundlagen für neue wissensorientierte Kompetenzfelder zu schaffen. Regionale Wirtschaftsförderung ist folglich im wachsenden Maße auf Netzwerke und Kooperationen zwischen Forschungs- und Bildungseinrichtungen einerseits und der Wirtschaft und Politik andererseits angewiesen. In diesem Sinn werden nur ‚lernende’ Regionen die spezifischen Stärken entfalten können. Über die Interaktion und Kooperation verschiedenster regionaler Akteure hinaus brauchen regionale Innovationssysteme effiziente Vermarktungsstrategien, um Wertschöpfungsnetzwerke in Zukunftsfeldern aufzubauen. In den letzten Jahren wurden bereits in vielen Wirtschaftsregionen mithilfe einer regionalisierten Strukturpolitik die Potenziale und Kompetenzen geweckt. Inzwischen steuern ‚policy maker’ auf lokaler und regionaler Ebene in Richtung einer spezifischen Ausrichtung von Leitprojekten sowie strategischer Kooperationen zwischen relevanten Akteuren, um so Clusterbildungen zu erzeugen. In verbundspezifischen Kompetenzprojekten, die sich an Leitmärkten orientieren, sind neben der Wirtschaft in wachsendem Ausmaß die Hochschulen und Forschungseinrichtungen mit ihren Wissensbeständen eingebunden. Ziel ist eine Intensivierung regionaler Wissensströme, um die Innovationspotenziale effektiv zu nutzen. „Zukunftstechnologien sind Biotope für neue Kooperationen von Unternehmen aus verschiedenen Branchen. Im Bereich der Elektromobilität sind das nicht nur klassische Fahrzeughersteller, sondern auch Energieversorgungsunternehmen und Akteure aus dem IT- Sektor. Strategische Allianzen wie diese entscheiden zunehmend über Erfolg oder Misserfolg, auch über nationale Grenzen hinweg. Auf horizontaler Ebene erschließen sich für die einzelnen Unternehmen neue Wissensbereiche sowie zusätzliche Kundengruppen. Entlang der Wertschöpfungskette ergibt sich für Unternehmen damit die Chance, weitere Dienstleistungen zu integrieren, aber auch die Gefahr, Kernkompetenzen und damit Wertschöpfung zu verlieren. Vom Produkt zum Service kann aber auch heißen: Service statt Produkt. Man muss kein Auto besitzen, um fahren zu können – Mobilität als Service stellt sich daher als neue Geschäftsmöglichkeit dar.“ (BDI/Z_PUNKT 2011: 19) In zukünftigen Wachstumsfeldern werden folglich neue Kooperationen von Unternehmen aus verschiedenen Branchen sowieaus verschiedenen (funktionalen) Systemen benötigt (Stichwort ‚Open Innovation’ zwischen strategischen Partnern). Im Übergang von der Industriegesellschaft zur Wissensgesellschaft zeichnet sich auch allgemein eine stärkere Projektorientierung in den Wirtschaftsprozessen ab. Der Standortwettbewerb wird nicht nur härter, sondern auch schneller. Damit sind Problemlösungen gefragt, die klassische Unternehmensgrenzen übergreifen und die neue Kooperationen (zum Teil nur temporär) erforderlich machen. 21 Die Zusammensetzung der Teilnehmer des Kongresses entsprach dieser Idee, kamen sie doch aus unterschiedlichen Feldern der Praxis und wissenschaftlichen Disziplinen. Wir hoffen, dass die in diesem Band versammelten Beiträge darauf einige zusätzliche Antworten geben. Dabei gehen wir davon aus, dass die selbstkritischen Fragen und geforderten Neujustierungen insgesamt den Weg einer regionalen Clusterpolitik eher bestätigen als verwerfen, denn bislang findet sich weder in der Wissenschaft noch in der Praxis eine tragfähige und überzeugende Alternative. Zugleich danken wir all denjenigen, die an der Organisation des Kongresses und der Herstellung des Buches beteiligt waren – insbesondere Ralf Meyer, dem Geschäftsführer von hannoverimpuls. Das gesamte Projekt von der Konferenz bis zum Buch war auch eine Form der Schwarmintelligenz bzw. ein Cluster in Aktion.

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Zusammenfassung

Der Band beschäftigt sich mit den Leistungen und Schwächen von Clusterpolitik und der Zukunft der Wirtschaftsförderung. Heute wissen wir, dass Clusterpolitik als Instrument moderner Wirtschaftsförderung sich immer nur dann bewährt, wenn die in der komplexen Theorie angelegten verschiedenen Koordinationsmodi auch in der Realität greifen können. Dazu muss das Umfeld in die Förderung integriert werden, weil nur so der Aufbau regionaler Innovationssysteme gelingt. Dabei gerät vor allem die Beschäftigung in wissensintensiven, zukunftsfähigen Wachstumssektoren in das Visier der Wirtschaftsförderung. Der Standortvergleich herausragender Wirtschaftsregionen hebt durchgängig die Existenz solcher Kooperationsstrukturen und Wissenskollaborationen hervor.

Daher wird in diesem Band neben wissenschaftlichen auch praxisrelevanten Fragen nachgegangen:

Welche Arten von Clusterpolitik haben sich herausgebildet, und was wissen wir über ihren Einfluss auf regionale Wirtschaftsentwicklung?

Welche Erkenntnisgewinne hat die Clusterforschung der letzten Jahre für die wirtschaftspolitische Praxis geliefert? Was sind Good Practice Beispiele?

Ist die „Clusterei“ immer noch ein wirtschaftspolitischer Königsweg oder mittlerweile eher ein Sorgenkind?

Was ergibt sich für ein zukunftsorientiertes Modell zur Zukunft der Wirtschaftsförderung angesichts neuer Herausforderungen wie beispielsweise Demografischem Wandel, Energiewende oder zukunftsfähiger Mobilitätskonzepte?