Eric Savarese, Die postkoloniale Konfrontation in Frankreich in:

Dietmar Rothermund (Ed.)

Erinnerungskulturen post-imperialer Nationen, page 121 - 144

1. Edition 2015, ISBN print: 978-3-8487-1036-2, ISBN online: 978-3-8452-5160-8, https://doi.org/10.5771/9783845251608-121

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Die postkoloniale Konfrontation in Frankreich Eric Savarese Bereits vor mehr als einem halben Jahrhundert definierte Georges Balandier (1951) die „koloniale Situation“, während die europäischen Kolonialreiche bereits zerfielen. Er beschrieb die Kolonialherrschaft als die Herrschaft einer ausländischen Minderheit über eine Mehrheit von ihnen materiell unterlegenen „Eingeborenen“ im Namen einer kulturellen Überlegenheit. Dieser Begriff von einer „kolonialen Situation“ ermöglicht einen Einstieg in die Diskussion der sozialen Transformation im Rahmen eines „kolonialen Aufeinandertreffens“. Die Kolonien und ihre Bewohner machten etwa ein Drittel der Gesamtfläche und der Bevölkerung der Welt aus. Die kolonialen Völker galten als Gesellschaften mit einer „statischen Geschichte“ (Levi Strauss, 1961). Die Besetzung der eroberten Gebiete erlaubte es den Kolonialherren, durch teilnehmende Beobachtung anthropologische Kenntnisse zu erlangen. Die Methode der teilnehmenden Beobachtung wurde zuerst auf den Trobriand-Inseln von Mitgliedern des britischen anthropologischen Instituts angewendet, das von Bronislav Malinovski geleitet wurde. Er führte diese Forschungsmethode ein, um die Abhängigkeit von den ethnografischen Beschreibungen anderer zu überwinden, die die Methoden der anthropologischen Forschung nicht beherrschten (Cefai, 2003). Obwohl diese Methoden in einem kolonialen Kontext angewandt wurden, konnten sie doch dazu dienen, den Ethnozentrismus und die Denkgewohnheiten von europäischen Reisenden, Missionaren und Kolonialbeamten zu überwinden (Copans, 1974). Der Untergang der Kolonialreiche und die neugewonnene Unabhängigkeit erlaubten es dann den Menschen der früheren Kolonien, ihre Freiheit auszuüben und sich den „postkolonialen Studien“ zuzuwenden. Dieses neue Feld zeichnet sich durch eine Fülle wissenschaftlicher Disziplinen aus, eine Vielfalt von Zugängen zum Gegenstand, den es zu erforschen gilt. Eine Begriffsklärung ist erforderlich, denn die Bezeichnung „postkolonial“ kann sich auf ein Forschungsbiet, auf eine historische Periode oder auf eine bestimmte Form der Analyse beziehen. Es kann sich daraus geradezu ein akademischer Karneval ergeben (Bayart, 2010). Ohne nähere Bestimmung könnte 121 der „Postkolonialismus“ zur Kulisse werden, hinter der sich ein verworrenes Durcheinander von Meinungen verbirgt. Von „postkolonialen Studien“ zum „postkolonialen Aufeinandertreffen“ Die „postkoloniale Frage“ wurde zunächst von jenen aufgegriffen, die sich mit den Schriften schwarzer Autoren beschäftigten, die die Fortdauer des kolonialen Erbes in ihren Kulturen problematisierten. (Ashcroft, Griffiths, Triffin, 1998). Es gab auch Historiker aus den früheren Kolonien (Guha, 1982, Chatterjee, 1993), die sich kritisch mit den mentalen Strukturen auseinandersetzten, die von westlichen Eliten produziert wurden. Diese Historiker trugen zu den „Subaltern Studies“ bei, einer indischen Geschichtsschreibung „von unten“, die vom Werk Antonio Gramscis inspiriert war. Sie mussten sich dem Problem stellen, dass es schwierig war, den „Subalternen“ eine Stimme zu verleihen, weil es dafür kaum historische Quellen gab (Spivak, 2009). Doch dadurch, dass sie bisher unbeachtete Quellen (Polizeiberichte, Gerichtsprotokolle etc.) sozusagen „gegen den Strich“ lasen, konnten sie der „postkolonialen“ Geschichtsschreibung neue Impulse geben. Auch wurden viele Wissenschaftler aus den früheren Kolonien an die Universitäten der postimperialen Nationen berufen und konnten so die Studien dort beeinflussen. Edward Said trug wesentlich zur epistemologischen Kritik am westlichen Wissenschaftsbetrieb bei, der den „Orient“ essenzialisierte und aus der Perspektive überlegener Macht sah (Foucault, 1969) Diese Forschungsrichtung hat die „postkolonialen Studien“ geprägt. Einige Autoren haben behauptet, dass die Europäer die Deutungshoheit über den Kolonialismus als ihr letztes Privileg verteidigten (Ferro, 2004). Der „Antikolonialismus“ wurde so zu einer zweiten Verleugnung der „Eingeborenen“, die nur insofern von Bedeutung waren, als sie eben nun aufgehört hatten, koloniale Untertanen zu sein. Diese „Eingeborenen“ sind jedoch nicht dazu bereit, den Europäern das Monopol des „Antikolonialismus“ zu überlassen. Die „postkolonialen Studien“ haben sich unter dem Einfluss der „Ex-Kolonialen“ verwandelt, und dazu gehört auch die Beschäftigung mit den „Subaltern Studies“ (Pouchepadass, 2000) Die Studien zur Globalisierung nach der Dekolonisierung haben ebenfalls zu diesem Wandel beigetragen. Arjun Appadurai (2005) ist in diesem Zusammenhang zu nennen. Er hat auf die Hybridisierung sozialer Praktiken hingewiesen (z.B. Cricket in Indien), ferner hat er den Wandel in den Vorstellungen bei der Entstehung von Diaspora-Gemeinschaften und der Bil- Eric Savarese 122 dung von „Ethnoscapes“ behandelt, d.h. Landschaften von Gruppenidentitäten, die nicht mit althergebrachten territorialen Einheiten übereinstimmen müssen. Postkoloniale Studien können der politischen und ethischen Legitimation „subalternen“ Denkens dienen. Sozialwissenschaftler, die auf diesem Gebiet arbeiten, versuchen die gewohnte Perspektive umzukehren, sie wollen hybride Praktiken mit den Methoden der Sozialgeschichte der Kolonisierung untersuchen. Der Versuch, einen akzeptablen ethischen und politischen Standpunkt einzunehmen, garantiert nicht unbedingt gute wissenschaftliche Ergebnisse. Wenn man wie Levi Strauss (1984) versucht, eine neue Perspektive der anthropologischen Forschung zu begründen, die Forscher und Beforschte gemeinsam haben, und wenn die Historiker der „Subaltern Studies“ den Menschen eine Stimme verleihen wollen, die in der bisherigen Geschichtsschreibung nicht zu Wort kommen, und man dabei versucht, die europäischen Klischees zu überwinden, dann müssen solche Studien nichtsdestoweniger kritisch überprüft werden. Ebenso wie die Repräsentanten der „postkolonialen Studien“ die Arbeiten anderer Autoren kritisieren, müssen sie auch selbst sich der Kritik stellen, die sich auf die Kohärenz ihrer Diskurse, die Übereinstimmung mit der Realität, die wissenschaftliche Beweisführung und die Qualität des Forschungsprogramms bezieht. Die „postkolonialen Studien“ sind unter zwei Gesichtspunkten kritisiert worden. Zum einen bezieht sich die Kritik auf die Betonung der Diskursanalyse. Die Diskurse sind nämlich oft ohne Berücksichtigung ihrer Entstehungsbedingungen interpretiert worden. (Loomba, 1998) Wenn die Diskursanalyse sich auf literarische Text bezieht, ist es schwer, deren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Wenn man die Wirkung der Kolonialherrschaft durch die Untersuchung sozialer Praktiken und Strukturen zu erfassen versucht, kann man sich meist nicht darauf verlassen, die „koloniale Situation“ durch die Analyse literarischer Texte zu ergründen. Wie Lucien Febvre (1995) betont hat, kann man bei dieser Art der Analyse das wahre Leben der Betroffenen kaum erkennen. Wenn man aber nur Texte untersucht, beschränkt man die Untersuchung der Herrschaft auf ihre literarische Repräsentation. Ferner muss man sich vor einer intellektuellen Haltung hüten, die einen wissenschaftlichen Dialog ausschließt. Wenn Vertreter der „postkolonialen Studien“ den westlichen Rationalismus ablehnen und ihn durch eine „humanistische Epistemologie“ ersetzen wollen, dann behaupten sie letztlich, dass die Sozialwissenschaften nur eine neue Form des Eurozentrismus seien, den es zu überwinden gilt (Lazarus, 2006; Smouts, 2007). Auf diese Weise kann alle Kritik an „postkolonialen Studi- Die postkoloniale Konfrontation in Frankreich 123 en“ ohne weitere Debatten widerlegt werden. Es ist aber erkenntnistheoretisch widersinnig, die Sozialwissenschaften nur als einen weiteren Legitimationsdiskurs zu bezeichnen, der der Erhaltung der westlichen Herrschaft dient. Schließlich haben doch gerade die Methoden der Sozialwissenschaftler dazu beigetragen, die alten Vorurteile des Eurozentrismus, Ethnozentrismus und Exotizismus zu revidieren (Copans, 1974; Lorcin, 1999). Außerdem haben die Autoren der „postkolonialen Studien“ sich doch selbst auf Wissenschaftler wie Bourdieu, Foucault, Deleuze, Gramsci, Derrida und sogar Marx berufen, um ihre neue Art der Kolonialgeschichte zu begründen. Die zweite Art der Kritik an den „postkolonialen Studien“ bezieht sich auf ihre Epistemologie. Die „subalterne Epistemologie“ Edward Saids ist gegen den Autor gekehrt worden. Orientalisten der imperialen Nationen sollen erwiesen haben, dass die Geschichte des Orients statisch gewesen sei. Der „Orient“ wurde zur Abstraktion, doch das gilt auch für den „Okzident“. Der Essenzialismus beherrscht sowohl die Kolonialgeschichte der imperialen Nationen als auch die der „postkolonialen Studien“ (Wallerstein, 2006). Es ist notwendig das Wörterbuch der Klischees einzugrenzen und zu einer gemeinsamen Analyse der kolonialen Situation zu kommen, auf die sich die Menschen der post-imperialen Nationen mit den „Subalternen“ einigen können. Die „postkolonialen Studien“ sind nicht homogen und sie folgen keinem einheitlichen Paradigma. Unter den Kritikern der „postkolonialen Studien“ gibt es zwei Gruppen. Die eine Gruppe hat die gesamte Forschungsstrategie angegriffen, aber nicht die Werke einzelner Autoren. Diese Kritiker haben eine vergleichende Erforschung des Aufeinandertreffens verschiedener Gesellschaften gefordert. Die andere Gruppe der Kritiker zweifelt die Legitimität der „postkolonialen Studien“ nicht an, hat aber individuelle Autoren im Hinblick auf die Relevanz ihrer Arbeit, die Art ihrer Methoden etc. aufs Korn genommen. Marie Claude Smouts (2007) hat dann eine neue Forschungsrichtung angeregt. In Analogie zur „kolonialen Situation“ spricht sie von einer „postkolonialen Situation“, wobei sie die gegenwärtige Lage der früheren Kolonien und der postimperialen Nationen gleichermaßen in Betracht zieht. Anders als die „koloniale Situation“, die die Erfahrung von materieller und politischer Beherrschung einschließt, beinhaltet die „postkoloniale Situation“ die Suche nach der Identität, nach dem „kolonialen Moment“ und betrifft in diesem Sinne sowohl die Menschen der früheren Kolonien als auch die der postimperialen Nationen. Die „postkoloniale Situation“ ist nicht einfach nur eine „koloniale Tatsache“ (Rivet, 1992), die der Vergangenheit angehört, sondern umfasst Eric Savarese 124 sowohl die imperiale Vergangenheit als auch die Zeit nach der Erlangung der Unabhängigkeit. Dieser Begriff kann nicht zur Erklärung aller möglichen Formen der Domination (Rasse, Klasse, Geschlecht) dienen, aber er ermöglicht doch einen neuen Zugang zu „postkolonialen Studien“ in Frankreich. So ist der Begriff von den militanten „Eingeborenen der Republik“ (Indigènes de la Republique) benutzt worden, die mit einer Mischung militanter und akademischer Argumente behaupten, dass es zu einer postkolonialen Ethnisierung der französischen Gesellschaft gekommen sei. Auch wurde dieser Begriff von einer Gruppe von Historikern aufgegriffen, die eine neue Spaltung der französischen Gesellschaft untersuchen: La fracture coloniale (Blanchard, Bancel, Lemaire, 2005). Diese Spaltung hat sich zusätzlich zu anderen Spaltungen (Kirche und Staat, Kapital und Arbeiterschaft) ergeben. Die Probleme der Kinder von Immigranten, die in den armen Vorstädten der Metropolen leben, können in diesem Zusammenhang erklärt werden. Es geht dabei um Probleme der Integration in den Arbeitsmarkt einer post-industriellen Gesellschaft, in der es keinen Platz mehr für ungelernte Arbeitskräfte gibt. Ferner können die Probleme einer republikanischen Staatsbürgerschaft, in der es nur individuelle Rechte, aber keine Gruppenrechte gibt, als Aspekte der „postkolonialen Situation“ gesehen werden. Die Unabhängigkeit – insbesondere die von Algerien – schuf neue soziale Gruppen (Pieds-noirs, Harkis, Veteranen, Repatriierte), die um ihre Position in der französischen Gesellschaft rangen. Doch bei der Untersuchung der „postkolonialen Situation“, wie sie von Marie Claude Smouts (2007) definiert worden ist, werden diese Gruppen bisher nicht berücksichtigt, obwohl sie viel zur Entwicklung der französischen Politik beigetragen haben. Deshalb wollen wir hier das „postkoloniale Aufeinandertreffen“ im Hinblick auf den Wandel der französischen Gesellschaft und der französischen Politik nach der Unabhängigkeit Algeriens untersuchen. Aufgrund dieser Fallstudie wollen wir dann der Frage nachgehen, inwieweit die Situation der postalgerischen französischen Republik mit anderen Erfahrungen dieser Art vergleichbar ist. Die Unabhängigkeit Algeriens und die französische Gesellschaft Die These von der „fracture coloniale“ kann zwar im Hinblick auf einen Vergleich mit der Lage in angelsächsischen Ländern in Zweifel gezogen werden (Sibeud, 2007), aber die Entstehung neuer Gruppen in Frankreich nach Erlangung der Unabhängigkeit Algeriens bedarf doch einer besonde- Die postkoloniale Konfrontation in Frankreich 125 ren Erklärung. Dabei geht es nicht darum, ob wir für oder gegen die These von der „fracture coloniale“ sind oder wie wir es mit dem „Postkolonialismus“ halten. Wir sehen das „postkoloniale Aufeinandertreffen“ mit Piedsnoirs, Harkis und Veteranen1 in einem historischen Kontext. Teile dieser Gruppen werden in algerischen „Erinnerungskriegen“ mobilisiert (Savarese,2007) und zwar sowohl auf lokaler als auch auf nationaler Ebene (Savarese, 2008 a). Der Begriff „Erinnerungskrieg“ bezieht sich dabei nicht auf einen direkten Konflikt von Erinnerungen verschiedener Gruppen, die gegensätzliche Erfahrungen im algerischen Unabhängigkeitskrieg gemacht haben, sondern verweist auf die Aktivitäten von Militanten, die in Vereinen organisiert sind2, die sich darum bemühen, dass ihre besondere Erinnerungskultur Aufnahme in die nationale Erinnerungskultur findet. Die Politisierung der französisch –algerischen Geschichte erzeugt mehrfache Spannungen unter den betroffenen Gruppen (Pieds-noirs, Harkis, Veteranen) und den Organisationen, die sie vertreten, aber auch zwischen diesen und der lokalen und nationalen Obrigkeit. Die Politisierung der Erinnerungskultur, die den algerischen Krieg betrifft, ist deshalb so problematisch, weil es hier um soziale Prozesse geht, die die Transformation dieser Erinnerungskultur in politische Machtpositionen betreffen. Militante Strategien, die dafür eingesetzt wurden, müssen in ihrem jeweiligen Kontext gesehen werden. Der Fall der Pieds-noirs (Savarese, 2002a) ist in dieser Hinsicht von besonderem Interesse. Es sind dies Bürger Französisch- Algeriens, von de- 1 Wir behandeln hier nicht die Kinder der algerischen Immigranten, denn die Immigration von Algeriern wurde nicht allein durch die Unabhängigkeit Algeriens verursacht, sie begann schon im 19. Jahrhundert. Verarmte algerische Bauern, die ihr Land verloren hatten, versuchten zu überleben, indem sie nach Frankreich auswanderten (Sayad, 1999.). 2 Der Versuch, eine politische Partei der Pieds-noirs im Rahmen der Europäischen Union zu organisieren, schlug fehl. Die Europäische Union erkennt Minderheiten eher an als der französische Staat, der auf die Allgemeingültigkeit seiner Gesetze pocht. Dennoch konnte eine solche Partei selbst auf der europäischen Ebene nicht gebildet werden, weil die verschiedenen Vereine der Pieds-noirs keine gemeinsame Linie verfolgten. Einige von ihnen sind politisch desinteressiert und dienen nur sozialen Zwecken. Eric Savarese 126 nen die meisten3 zwischen 1961 und 1962 repatriiert wurden. 4 Unter diesen „Repatriierten“ gab es auch einige, die keine Franzosen waren.5 Insgesamt kamen etwa eine Million französischer Staatsbürger in diesen Jahren in Frankreich an. Während sie einen Anspruch darauf hatten, in Frankreich zu leben, hatten die Harkis (algerische Soldaten), von denen etwa 180.000 in der französischen Kolonialarmee gedient hatten, keine Bürgerrechte. Sie waren in Frankreich nicht willkommen und die französischen Behörden versuchten, ihre Einwanderung zu verhindern. Dennoch gelang es etwa 60.000 von ihnen, nach Frankreich zu kommen (Charbit, 2006). Sie wurden in alten Armeelagern untergebracht. Es ist nicht leicht, diese verschiedenen Einwanderergruppen, die keineswegs homogen waren, zu klassifizieren. Clarisse Buono (2004) hat vogeschlagen, sechs Typen von Pieds-noirs zu unterscheiden: (1) den nostalgischen Historiker, der sich für die Geschichten interessiert, die Piedsnoirs erzählen und die sich dazu verwenden lassen, die offizielle Geschichte zu widerlegen, (2) den politisierten Militanten, der mit den Aktivitäten der OAS (Organisation de l’armée secrète) sympathisierte, die Französisch Algerien verteidigte, (3) den „exotischen“ Nostalgiker, der in der Erinnerung an ein „glückliches“ Algerien schwelgt, (4) den nicht-nostalgischen politischen Aktivist, der eingesteht, dass das Prinzip der Gleichheit in Algerien keine Geltung hatte, (5) den Pieds-noirs, der diese Identifikation ablehnt und sich nicht für Gruppensolidarität interessiert, (6) den „Grenzgänger“, der mediterrane Kulturkontakte pflegt und in der Tourismusbranche tätig ist, etc. Im Kontext dieser Gliederung ist jeder, der seine Pieds-noirs– Identität betont, vermutlich ein Militanter, der dies aus politischen Gründen tut. Er nimmt am Diskurs der Vereinigungen teil, die seit 1962 versucht haben, die Pieds-noirs auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Die Transformation von einer Million Menschen in eine homogene Gruppe ist unmöglich. Nur etwa 10 Prozent der Pieds-noirs beteiligen 3 Es gab in Algerien sowohl französische Staatsbürger als auch Franzosen ohne Bürgerrecht (Muslim-Franzosen). Ferner gab es solche, die in Algerien verblieben waren (Pieds-verts). 4 Yann Scioldo-Zürcher (2006) hat gezeigt, dass ab 1961 die Repatriierung eine Maßnahme der Dekolonisierung wurde. Früher hatte Repatriierung nur die Heimkehr individueller Franzosen bedeutet, mit dem Gesetz von 1961 wurde sie zum Begriff für den Transfer von Menschen, die in Territorien unter französischer Kolonialherrschaft gelebt hatten. 5 Einige spanische Republikaner waren in den 1930er Jahren nach Algerien geflohen und wurden 1961-62 nach Frankreich „repatriiert“. Die postkoloniale Konfrontation in Frankreich 127 sich an Vereinigungen, die die Erinnerungskultur dieser Gruppe pflegen (Jordi 1993), unter diesen sind die „Jeunes Pieds-noirs“ und der „Cercle Algerianiste“. Sie haben sich mit einigen Harkis verbündet. Gemeinsam haben sie das Gesetz vom 23. Februar 2005 unterstützt, welches die Anerkennung der positiven Rolle der Franzosen in ihren Kolonien hervorhob und Beleidigungen der Harkis verbot. Es gibt aber auch andere Vereinigungen wie die „Harkis et droits de l’homme“ oder „L’Association des pieds-noirs progressistes et de leurs amis (ANPNPA)“, die dieses Gesetz ablehnten. Ferner gibt es Meinungsverschiedenheiten über die Feier des 19. März als Tag des Endes des algerischen Kriegs. Die „Fédération des Anciens Combattants d’ Algérie (FNACA)“ akzeptiert diesen Feiertag, während die andere große Vereinigung der Veteranen, die „Union des Anciens Combattants d’Afrique du Nord (UNACAF)“ ihn ablehnt. Mehrere Vereine der Pieds-noirs sind derselben Meinung und wollen keinen Tag feiern, der an eine französische Niederlage erinnert. Diese Meinungsverschiedenheiten sind nicht überraschend. Von den sechs Typen der Pieds-noirs, die Clarisse Buono (2004) identifiziert hat, könnten Typ 4 und 6 das Gesetz von 2005 wohl akzeptieren, weil es die Botschaft der Geschichtsbücher der Dritten Republik widerspiegelt (Savarese, 1998), die das französische Parlament 2005 nur auf den neusten Stand gebracht hat. Die Typen 1 und 2 können sich sogar darauf berufen, dass das Gesetz seine Verabschiedung ihren Bemühungen verdankt. Die Autoren, die Bücher geschrieben haben, in denen sie die akademische Geschichte Algeriens angegriffen haben, können das Gesetz geradezu als offizielle Anerkennung ihres Standpunkts betrachten. Benjamin Stora (1999) hat gezeigt, wie sich der Erinnerungskrieg in die frühere koloniale Metropole verlagert hat und wie jene, die für ein französisches Algerien gekämpft haben, ihre Anliegen in einen anti-arabischen Rassismus verwandelt haben. Einige Vereine wie die „Association pour la défence des intéréts moraux et matériels des anciens détenues de l’Algérie Francaise (ADIMAD)“ oder die „Fédération pour l’unité des réfugiés, des rapatriés et de leurs amis (FURR)“ stehen der Partei der „Front National“ und der OAS nahe, die den algerischen Krieg nach Frankreich hineingetragen hat.6 Jo Ortiz, ein Militanter, hat gesagt; „Die Immigranten, die nach Frankreich gekommen sind, sollten sich verantwortungsvoll verhalten, aber sie stiften 6 Militante wie Jo Ortiz, Jean-Jacques Susini und Jacques Bompards sind in diesen Vereinen aktiv und stehen der „Front National“ nahe. Eric Savarese 128 Unordnung und schaffen Unsicherheit, die sich von Tag zu Tag vermehrt... ihr Verhalten zeigt, dass sie glauben, in einem eroberten Land zu leben. Durch unsere Toleranz lassen wir unser Land in ein maghrebinisches Land verwandeln. Ich habe für ein französisches Algerien gekämpft, wenn es notwendig sein sollte, werde ich auch für ein französisches Frankreich kämpfen.“7 Die Verbindung, die hier von Ortiz zwischen dem französischen Algerien und dem französischen Frankreich hergestellt wurde, soll nicht als Beweis dafür gelten, dass alle Pieds-noirs der „Front National“ nahestehen. Die Erinnerungskultur der Pieds-noirs ist keinesfalls homogen und ebenso wenig sind sie als Wähler einer Meinung. Emmanuelle Comtat (2009) hat zwar gezeigt, dass die Mehrheit der Pieds-noirs eher dazu neigt, für rechte Parteien zu stimmen, als die Franzosen allgemein, aber die Landkarte des Wählerverhaltens der Pieds-noirs stimmt durchaus nicht mit der der Hochburgen der „Front National“ überein (Stora 1999). Die Methode der Wählergeographie, die André Siegfried8 begründet hat, lässt sich nicht unbedingt auf das Wählerverhalten des Piedsnoirs anwenden. Dieses Verhalten lässt sich eher als Folge eines „historischen Traumas“ erklären (Savarese 2011). Es hat sich im Laufe der Zeit verändert. Das alte Tabu der Meidung De Gaulles, der für den französischen Rückzug aus Algerien verantwortlich gemacht wurde, ist verschwunden. Die Pieds-noirs stimmen nun auch für die UMP (Union pour un mouvement populaire), die 2002 aus einer Verschmelzung der früheren UDF (Union pour la démocratie francaise) mit der RPR (Rassemblement pour la Republique) hervorgegangen ist. Die Idee eines gemeinsamen Wählerverhaltens der Pieds-noirs lässt sich nicht statistisch nachweisen, sie verliert aber dennoch nicht ihre Anziehungskraft. Diese Idee entspricht der Vorstellung von einer homogenen Gruppe, die gemeinsam für ihre kollektiven Ansprüche kämpft. Der Ursprung dieser Idee lässt sich auf die Kommunalwahlen von 1977 zurückführen. Damals waren viele Politiker davon überzeugt, dass sie die Macht der Pieds-noirs an der Wahlurne beachten sollten. Ein Jahr vor diesen Wahlen war eine neue Vereinigung gegründet worden, das Rassemblement et Coordination des Rapatriés et Spoliés d’Outre Mer (RECOURS), dessen Gründer-Präsident Jacques Roseau war. Er rief seine Gefolgschaft dazu auf, gegen die Mehrheitspartei zu stimmen, die den Premierminister 7 Das Zitat von Jo Ortiz wurde dem Werk von B. Stora (1999, S. 58-59) entnommen. 8 Siegfried, A., Tableau politique de la France de l’ouest sous la IIIe Republique, Bruxelles: Ed. de l’Université des Bruxelles, 2010 (Originalauflage 1913.). Die postkoloniale Konfrontation in Frankreich 129 Raymond Barre unterstützte. RECOURS forderte die Verabschiedung eines Gesetzes, dass eine Entschädigung der Pieds-noirs zusicherte, die mit dem zuvor verabschiedeten Amnestiegesetz von 1968 und dem Entschädigungsgesetz von 1970 unzufrieden waren. Roseau sagte, es sei an der Zeit, den Bittschriften ein Ende zu setzen und die Macht an der Wahlurne auszuüben. Bei den Wahlen von 1977 wurden tatsächlich etliche prominente Bürgermeister abgewählt, die der Mehrheitspartei angehörten, z.B. die Bürgermeister von Béziers und Montpellier in Südfrankreich, wo viele Pieds-noirs leben. RECOURS verkündete das als politischen Sieg, obwohl eine allgemeine Unterstützung der Pieds-noirs für die linke Front, die die Amtsträger herausforderte, nicht nachgewiesen werden konnte. Schließlich bedeutete eine Stimmabgabe für die linke Front, dass man im selben Boot war, wie die Kommunisten, die den Pieds-noirs als Verräter galten, weil sie gegen ein französisches Algerien gewesen waren. Dennoch meinte Roseau, dass RECOURS auch bei den folgenden Parlamentswahlen von 1978 seine Macht spüren lassen könne. Raymond Barre und der Präsident Giscard d’Estaing waren von dieser Drohung so beeindruckt, dass sie sich prompt um die Pieds-noirs bemühten. Barre sprach über die Dringlichkeit der Lösung des Konflikts zwischen der Regierung und den Pieds-noirs und Giscard d’Estaing ernannte einen neuen Minister für die Angelegenheiten der Repatriierten, Jacques Dominati, der sofort ankündigte, dass ein Entschädigungsgesetz für die Repatriierten nach Beratungen mit ihren Vertretern auf den Weg gebracht würde, um ihr Trauma zu überwinden (Escanglon-Morin, 2007). Es muss betont werden, dass es keinerlei Beweise für die Behauptung gibt, dass RECOURS bei den Kommunalwahlen von 1977 einen Sieg errungen hat, der den Stimmen der Pieds-noirs zu verdanken war. Die Wahlen wurden nie analysiert, sie wurden dennoch als historischer Sieg gefeiert.9 Die vereinte linke Front erhielt 50,8 Prozent der Stimmen nach 20 Jahren gaullistischer Vorherrschaft. Viele Städte wurden von der linken Front erobert, in denen keine Pieds- noirs lebten. Doch obwohl der Triumph der Pieds-noirs ein Mythos sein mag, der von den Führern einer „imagined community“ geschaffen worden war, wurde er dennoch von Politikern wie Raymond Barre und Giscard d’Estaing sehr ernst genommen. Der Glaube an die Macht der Stimmen der Pieds-noirs hat dann wohl auch die Verabschiedung des Amnestiegesetzes von 1981 und der Ent- 9 Le Monde, 22. März 1977. Eric Savarese 130 schädigungsgesetze von 1978, 1982 und 1987 und letztlich auch des Gesetzes von 2005 bewirkt. Diese hektische Tätigkeit des Parlaments lässt sich nur durch die Furcht vor den Stimmen der Pieds-noirs erklären. Die Entschädigungsgesetze wurden hastig verabschiedet, ohne dabei auf den Gesamtzusammenhang zu achten. Yann Scioldo-Zurcher (2010) hat diese Vorgänge detailliert geschildert. Jedes Gesetz sollte rasch die Lücken füllen, die das zuvor verabschiedete Gesetz gelassen hatte, damit der Status der Repatriierten auf den Stand gebracht wurde, den sie in den Kolonien innehatten. Doch wenn man vom Mangel an Analysen des Wählerverhaltens der Repatriierten einmal absieht, so bleibt doch das Fehlen angemessener sozialwissenschaftlicher Untersuchungen dieser Gruppe zu beanstanden. Der Glaube an die Existenz einer homogenen Gruppe der Pieds-noirs basierte nicht nur auf der Annahme einer gemeinsamen Stimmabgabe, sondern mehr noch auf der Konstruktion einer Meistererzählung, mit der die Erinnerung der Pieds-noirs in die nationale Geschichtsschreibung Eingang finden sollte. Keine soziale Gruppe kann auf die Dauer ohne eine solche Meistererzählung zusammenhalten, sie braucht eine heroische Geschichte, auf die man sich berufen kann. Bekannte militante Führer der Pied noirs haben sich an einer „Erfindung von Tradition“ (Hobsbawm, Ranger, 1983) beteiligt. Wir haben diese Tradition an anderem Ort als „Pioniertradition“ bezeichnet (Savarese 2002 a) Sie wird von Militanten heraufbeschworen, um Historiker davon zu überzeugen, dass die amtliche Geschichtsschreibung über Algerien falsch ist. (Savarese 2002 b). Auf diese Weise soll die Geschichte einer jungen Generation, die nach 1962 geboren worden ist, mit der Geschichte der Generation von 1830 verschmolzen werden, die zu Beginn der Kolonialherrschaft lebte. Die Wüste und der Kolonist sind die zwei Schwerpunkte dieser Geschichte. Die Kolonisten werden als unermüdliche Arbeiter dargestellt, die die Wüste bezwangen und in ein reiches neues Land verwandelten. Ein Militanter hat dies auf die folgende Weise beschrieben: „Mir wurde gesagt, dass ich in einer Kolonie geboren worden sei. Das war falsch, ich wurde in einem französischen Department geboren. Algerien war nie eine Kolonie. Im Anfang war es ein Militärgebiet, in dem sich Kolonisten ansiedelten – das ist unser Anspruch. Es war keine Kolonie. Was ist eine Kolonie? Es ist ein Territorium, wo die legitime Obrigkeit durch eine andere ersetzt wird, die aus Fremden besteht. Algerien war anders, da gab es nichts. Ein Dey, einige Städte, ein spanisches Kontor. Algerien gab es gar nicht, selbst der Name ist französischen Ursprungs. Algerien wurde von Frankreich geschaffen, Die postkoloniale Konfrontation in Frankreich 131 durch die Befriedung und die Konstruktion eines neuen Landes. Nur die Türken konnten sich über Frankreich ärgern, und sie sagten nichts. In der Verfassung von 1958 steht, dass es notwendig ist, die Integrität des Landes zu wahren. Wenn man sich auf den Standpunkt der Legalität stellt, so bedeutet das, dass die Verfassung zu respektieren ist. Es war notwendig, Algerien für Frankreich zu erhalten und es nicht zu verlassen. Das gilt heute für alle Länder – nur nicht für Algerien.“10 Diese starke Betonung der „Pioniertradition“ bedarf keines weiteren Kommentars. Sie entspricht natürlich nicht der akademischen Geschichte. Besonders die Geschichte vom „jungfräulichen Land“ ist als Mythos zu bewerten, der dazu dient, den Kolonialismus und die Besetzung fremden Territoriums zu rechtfertigen. Dieser Diskurs demonstriert die „Erfindung von Tradition“ und deren ständige Erneuerung durch die Militanten. In der Erinnerungskultur des Algerienkriegs werden alle Elemente eliminiert, die mit der Ideologie der militanten Pieds-noirs nicht übereinstimmen (Jaffrelot, 1992). Sie glauben fest daran, dass die Geschichte, die sie erzählen, die wahre Geschichte ist. Diese Erzählung der Pioniertradition gehört zur Strategie der Identitätsbildung – eine Identität, die für sich selbst und andere geschaffen wird. Sie soll als solche in die nationale Identitätsbildung Eingang finden. Ohne die politische Mobilisierung, die sich an Erinnerungstage wie den 19. März oder an lokale Erinnerungsorte knüpft, wären die Pieds-noirs schon längst mit der französischen Gesellschaft verschmolzen. Die Pieds-noirs werden immer wieder durch ihre Erinnerungskultur erschaffen, durch den Glauben an eine eigene Identität und das Gewicht der Stimmen bei den Wahlen. Die Militanten müssen auf diesem Partikularismus bestehen, der ihnen politischen Einfluss sichert. Die Strategien der politischen Mobilisierung erfordern, dass man auch die Ressourcen anderer Gruppen nutzt (Tilly, Tarrow, 2008), die zur Erinnerung an den Algerienkrieg beitragen. Dies hat dazu geführt, dass die Pieds-noirs sich den Harkis zugewandt haben. Diese blieben lange Zeit in alten Armeelagern und so der französischen Gesellschaft verborgen. Viele Pieds- noirs betrachteten die Harkis als „gute Patrioten“. Aber dieses moralische Urteil wurde durch die Geschichte nicht bestätigt. Für die Harkis gab es verschiedene Motive, sich der französischen Armee anzuschließen. Einige suchten nur einen Arbeitsplatz, andere suchten Schutz, um ihr Leben zu retten. Die Führer der französischen Armee rekrutierten Hilfstrup- 10 In: Savarese, 2002 a, S. 169. Eric Savarese 132 pen, weil sie sehr wohl wussten, dass sie den Krieg politisch gewinnen mussten, bevor sie es durch Waffengewalt erreichen konnten. Das machte den besonderen Charakter des Algerienkriegs aus.11 Die Mobilisierung der Harkis in Frankreich hatte ihre eigene Dynamik und war unabhängig von der Mobilisierung der Pieds-noirs. Eigentlich waren die Harkis zunächst eine Gruppe ohne eigene Ressourcen. Sie hatten große Schwierigkeiten, ihren Platz in der Öffentlichkeit zu erringen. Eine Stellungnahme des algerischen Präsidenten Bouteflika kam ihnen dabei gelegen. Der hatte in einer Rede vor dem französischen Parlament die Harkis mit den „collabos“12 verglichen. Die Harkis verklagten daraufhin den französischen Staat wegen Mittäterschaft bei einem Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Das ist ein Verbrechen, das seit 1994 im französischen Recht verankert ist, sich jedoch nur auf Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs bezieht, als Frankreich besetzt war. Die Vertreter der Harkis müssen gewusst haben, dass ihre Klage keine rechtlichen Folgen haben konnte, aber sie erregten damit Aufmerksamkeit für ihr Anliegen (Brillet, 2006). Doch alle diese Erinnerungen und Aktivitäten verschiedener Organisationen machen nicht den Gesamtumfang des postkolonialen Aufeinandertreffens aus, dem wir uns nun zuwenden wollen. Von den algerischen Erinnerungen zum postkolonialen Aufeinandertreffen Die Erinnerungen, mit denen wir es hier zu tun haben, unterscheiden sich nicht grundsätzlich von denen an andere traumatische Erfahrungen. Das Vichy-Regime in Frankreich und der Widerstand gegen dieses Regime können in diesem Zusammenhang genannt werden oder auch das Franco- Regime in Spanien (Aguilar, 2010). Es gibt Ähnlichkeiten bei der Entwicklung solcher historischen Erfahrungen. Zuerst gibt es eine Zeit des Schweigens, in der es ratsam erscheint, öffentliche Verlautbarungen zu vermeiden. Dann folgt eine Periode kollektiver Aktionen und der Konstruktion von Erinnerungen durch Führungskräfte, die die gemeinsame Sache vertreten. Die Opferrolle der Betroffenen wird dabei hervorgehoben. Schließlich kommt es zur Spaltung in verschiedene Gruppen, die jeweils ihre eigene Agenda haben, wenn es darum geht, Raum in der öffentlichen 11 Aufgrund dieses besonderen Charakters blieb die Dekolonisierung unvermeidlich. 12 So wurden die Franzosen genannt, die während des Kriegs mit den Nazis kollaborierten. Die postkoloniale Konfrontation in Frankreich 133 Arena zu beanspruchen und die Aufmerksamkeit der Politiker zu erregen. All das führt zu einer wahren Bulimie von Erinnerungsbekundungen. Solche Bekundungen haben ihre eigene Dynamik, ganz abgesehen von dem Gegenstand, um den es geht. In der Analyse der genannten Abfolge hat die Zeit des Schweigens ein besonderes Gewicht. Für Frankreich haben hierbei die Werke von Henry Rousso (1990) und Benjamin Stora (1991) eine besondere Bedeutung. Rousso untersuchte das „Vichy-Syndrom“. Er zeigte, dass die Erinnerung an französische Aktivitäten in der Zeit des Zweiten Weltkriegs von einer Phase der Verdrängung und der unvollendeten Trauer zu einer Zeit der Erinnerungsbesessenheit und schließlich zu einer Phase der Anamnese fortgeschritten war. Bruno Etiennes (1998) berühmte Formel: „Amnesie, Amnestie, Anamnese – bitteres Algerien“ kann auf die Analyse der Erinnerungen an den Algerienkrieg angewandt werden. In seinen früheren Werken hat Benjamin Stora (1991) behauptet, dass die Terminologie der Psychoanalyse für die Charakterisierung der französischen Erfahrung verwendet werden könne. Doch in jüngster Zeit hat Stora geschrieben (Stora, Harbi 2004), dass wir gerade erst das Ende der Periode der Amnesie erreicht haben. Es scheint so, dass die alten Analysen nicht mehr ausreichen, weil inzwischen die koloniale Frage in der französischen Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit erreicht hat. Begriffe, die sich auf das Unterbewusstsein beziehen, wie Tabu, Amnesie und Verdrängung können kaum noch sinnvoll verwendet werden, nachdem mehr als 1000 Bücher zur kolonialen Frage erschienen sind, unzählige Debatten in den Medien stattgefunden haben und diese Frage seit 1977 auch in die nationale politische Agenda Eingang gefunden hat. Bei den Präsidentschaftswahlen von 2007 wurde die koloniale Frage erneut gestellt, diesmal in der Form von Meinungsverschiedenheiten zur Bekundung von „Reue“ (repentance). Frühere Generäle der französischen Armee in Algerien haben inzwischen offen eingestanden, dass sie Morde begangen haben. In einem einzigen Jahr (2005) waren verschiedene Ereignisse zu verzeichnen, die alle im Zusammenhang mit der kolonialen Frage standen: Die „Eingeborenen der Republik“ (Indigènes de la Republique) protestierten gegen die Verabschiedung des Gesetzes vom 23. Februar und die Aufstände in den armen Vorstädten von Paris wurden in der Presse als „soziale und koloniale Krise“ bezeichnet. Wenn wir noch die vielen Kampagnen zur Errichtung von Erinnerungsmonumenten, die Debatten um die Lehrpläne der Hochschulen und die politischen Konflikte um die Feiern des 19. März hinzurechnen, können wir wirklich nicht mehr davon sprechen, dass in Frankreich eine Amnesie über den Algerienkrieg herrscht. Eric Savarese 134 Die These von Tabu und Amnesie wird heute von Militanten vorgetragen, die die „Opfer“ mobilisieren wollen (Savarese, 2008b) und die akademische Geschichtsschreibung durch Gegenentwürfe herausfordern. Diese Militanten posieren als Experten der Kolonialgeschichtsschreibung und wollen eine neue amtliche Geschichte durchsetzen. Historiker wissen, dass Geschichte nicht unbedingt von denen geschrieben werden muss, die an den historischen Ereignissen beteiligt gewesen sind.13 Die Betonung der Teilnahme an den historischen Ereignissen führt zu einer wichtigen erkenntnistheoretischen Frage. Aber es geht noch um eine weitere Frage: Es ist nicht mehr möglich, ein politisches Problem (z.B. die Erinnerung an den Algerienkrieg) in ein psychoanalytisches Problem zu verwandeln. Wenn wir psychoanalytische Methoden für die Untersuchung der Erinnerungskultur des Algerienkriegs heranziehen, kann das dazu führen, dass wir das politische Problem verbergen, indem wir uns auf die individuelle Psyche konzentrieren. Warum sollen wir nicht die Methoden der Sozialwissenschaften verwenden, wenn es um die Erinnerung an den Algerienkrieg geht, wenn doch seit Jahren viele empirische Untersuchungen, Bücher und Filme und andere Dokumentationen vorliegen? Der Erinnerungsprozess für den Algerienkrieg und andere Phänomene dieser Art ist durchaus rational (Halbwachs, 1994). Die Sozialisierung derer, die sich erinnern, vollzieht sich in einem mentalen Rahmen. Beobachter, die dasselbe Ereignis erlebt haben, erfuhren es in einem jeweils anderen Kontext (Arbeit, Familie, politische und religiöse Überzeugungen) und haben dementsprechend verschiedene Erinnerungen. Dies kann selbst innerhalb der Gruppen (Pieds-noirs, Harkis, Veteranen) gelten und Querverbindungen zwischen denen, die diesen Gruppen angehören, schaffen. Erinnerungen können die Illusion der Existenz solcher Gruppen hervorbringen. Einige Autoren haben daher von Gruppen gesprochen, die ihre Existenz jeweils besonderen Umständen verdanken (Vilain, Lemieux, 1998), weil sie (1) gemeinsames Leiden erfahren haben und (2) die politische Mobilisierung, die zu ihrer Entstehung geführt hat, sie dazu zwingt, ihren Kampf nicht aufzugeben, denn sie würden sich sonst auflösen.14 Das mag erklären, 13 Historiker können Bücher über die französische Revolution schreiben, ohne je einen Jakobiner oder einen „sansculotte“ gesehen zu haben. 14 Die Pieds-noirs, die Buono (2004) charakterisiert hat, würden verschwinden, wenn sie eingestehen, dass ihre Kinder nicht „repatriiert“ wurden und also die traumatischen Erlebnisse der Elterngeneration nicht gehabt haben und daher auch keinen Grund dazu haben, den Kampf fortzusetzen und sich an kollektiven Aktionen zu Die postkoloniale Konfrontation in Frankreich 135 warum die Mobilisierung kein Ende gefunden hat, selbst nachdem die Ansprüche der Betroffenen durch mehrere Amnestiegesetze (1968, 1981) und Entschädigungsgesetze (1970, 1978, 1978, 1982, 1987) und das Gesetz von 2005 befriedigt worden sind. Die Militanten haben ein Interesse an der Fortsetzung der Mobilisierung, weil sie den Platz, den sie in der französischen Öffentlichkeit gewonnen haben, nicht aufgeben wollen. Die Erinnerungen an den Algerienkrieg haben auch die Haltung der professionellen französischen Politiker verwandelt. Roman Bertrand (2006) hat gezeigt, dass die Abstimmung über das Gesetz von 2005 nicht allein durch die Mobilisierung aktiver Minderheiten erklärten werden kann. Es hatte auch Veränderungen der Strategie der parlamentarischen Mehrheit gegeben. Die 14 Abgeordneten15, die bei der Abstimmung über dieses Gesetz anwesend waren, waren alle junge Politiker, die keinen Zugriff auf die zentralen Ressourcen ihrer Partei (UMP) hatten und Wahlkreise vertraten, in denen es viele Repatriierte gab. In diesem Zusammenhang war auch das Ende des „OAS-Tabus“ für die jungen Abgeordneten wichtig, die die politische Arena in ihrem Sinne umformen wollten, während die einflussreichen älteren Politiker, die über viele Ressourcen verfügen, lieber am alten Zustand festhalten wollten. In diesem Kontext führt das postkoloniale Aufeinandertreffen zu einem Wandel der politischen Umstände. Wir haben zuvor gezeigt, dass der Glaube an das Gewicht der Stimmen der Pieds-noirs 1977 dazu geführt hatte, dass die Parlamentarier ihre Haltung änderten. So kam es zu einer sich selbst erfüllenden Voraussage: Der Glaube an das Gewicht der Stimmen der Pieds-noirs, Harkis und Veteranen wurde dadurch verstärkt, dass die Politiker sich zu ihm bekannten und ihn so bestätigten. Das Beispiel von Georges Frêche, dem früheren Bürgermeister von Montpellier, zeigt deutlich, wie sich die politische Praxis im Rahmen der Erinnerungen an den Algerienkrieg wandelte. Er hatte in einer Rede in Montpellier am 11. Juli 2006 die Harkis beleidigt, indem er sie „Untermenschen“ nannte. Die Presse machte einen Skandal daraus. Es ist von Interesse, den Text der Rede genauer zu betrachten. Frèches hatte gesagt: „So, ihr kommt also von der Versammlung der Gaullisten. Ihr seid die Harkis, die ihr ganzes Leben lang irregeführt worden sind. Ihr beteiligen. Der Fall der Harkis liegt anders, weil ihre erste Generation erst nach einer langen Zeit des Schweigens und der Verleugnung ihrer Geschichte mobilisiert wurde. Doch auch die Mobilisierung der Harkis wird unvermeidlich ein Ende finden. 15 Viele Abgeordnete sind oft abwesend und übertragen ihre Stimmen auf andere. Eric Savarese 136 solltet Euch daran erinnern, dass 80.000 Harkis wie die Schweine abgestochen worden sind, weil die französische Armee sie im Stich gelassen hat. Ich habe Euch Arbeitsplätze gegeben, so etwa in der Feuerwehr, behaltet Eure Arbeitsplätze und haltet den Mund. Ich habe Euch Wohnungen besorgt und Ihr dankt es mir nicht“.16 Denkmäler, die an kriminelle Vereinigungen wie die OAS17 erinnern, sind in Städten errichtet worden, in denen eine große Zahl der Pieds-noirs wohnt. Die Politiker bemühen sich weiterhin um ihre Stimmen. In Perpignan hat die Stadtverwaltung Mittel zur Verfügung gestellt, um ein Dokumentationszentrum zu bauen, dass der Erinnerung an die französische Präsenz in Algerien dient. Der Bau dieses Zentrums wurde von einer Organisation der Pieds-noirs, dem „Cercle Algerianiste“ angeregt (Savarese 2008 a). Der Bürgermeister von Perpignan, Jean Marc Pujol, stellte vor einiger Zeit einen Wahlvorschlag zusammen, in dem den Namen nicht die Berufsbezeichnung hinzugefügt wurde, sondern nur die Bezeichnung „Repatriierter“. Der starke Einfluss, den diese Gruppe in Perpignan hat, kommt darin zum Ausdruck, dass allein die Nennung der Gruppenzugehörigkeit ausreicht, um sich den Wählern zu empfehlen. Ganz in diesem Sinne weigerte sich Jean Marc Pujol auch, den 19. März zu feiern, obwohl dieser Tag durch das Gesetz vom 6. Dezember 2012 zum Nationalfeiertag erklärt worden ist, der der Erinnerung an die militärischen und zivilen Opfer des Algerienkriegs und der Kämpfe in Tunesien und Marokko gewidmet ist. In diesem Zusammenhang muss erwähnt werden, dass die Abgeordneten der UMP und der Front National gegen dieses Gesetz und die Feiern zum 19. März gestimmt hatten, weil sie immer noch an das Gewicht der Stimmen der Pieds-noirs glauben, die sie sich für zukünftige Wahlen sichern wollen. Das ist eine Ironie der Geschichte. Soziologische Studien haben erwiesen, das es kein einheitliches Wählerverhalten der Pieds-noirs gibt. Dennoch appellieren die Politiker an diese Gruppe und helfen so ihrer militanten Führerschaft, die kollektive Erinnerungskultur zu erhalten. Politiker denken an Blöcke der Wählerschaft und schaffen so ein Paradoxon. Das einheitliche Wählerverhalten der Pieds-noirs ist eine Illusion, doch die Politiker setzen alles daran, es zur Realtität werden zu lassen. Hierzu passt eine Antwort, die Georges Frêche einem kommunistischen Abgeordneten gab, der ihm vorgeworfen 16 http://www.premiere,fr./Star/Georges-Frèches-2019817/(view)/citations. 17 Das geschah in Perpignan, Béziers und Marignane. Siehe hierzu auch die Website der „Ligue des droits de l’homme“, Sektion Toulon, die mit großem Einsatz von Francois Nadiras ediert wird (http://www. ldh-toulon.net.). Die postkoloniale Konfrontation in Frankreich 137 hatte, dass er sich bei den Pieds-noirs anbiedere, um ihre Stimmen zu erhalten. Er sagte: „Ihre Reaktion ist verständlich. An Ihrer Stelle würde ich genauso reagieren. Aber wie Sie wissen, lebe ich nicht in Nantes, wo es keine Repatriierten gibt, sondern in Montpellier, wo sie den Ausgang der Wahlen beeinflussen“.18 Abschließend soll hier versucht werden, das Phänomen des „kolonialen Aufeinandertreffens“ in einen größeren Zusammenhang zu stellen und zu prüfen, ob unsere Fallstudie Anregungen für vergleichende Untersuchungen geben könnte. Das postkoniale Aufeinandertreffen und die postalgerische Republik Einige Wissenschaftler (Ragin, Becker, 1992; Passeron, Revel, 2005) haben darauf hingewiesen, dass Fallstudien im Unterschied zu Studien, die sich auf Variable beziehen, entweder auf einen Vergleich mit anderen Fallstudien angelegt sind oder aber sich auf einen einzelnen Fall konzentrieren können. In unserer Fallstudie haben wir gezeigt, dass das postkoloniale Aufeinandertreffen sowohl die Bemühungen von Militanten umfasst, die die Solidarität ihrer Gruppe dadurch zu bewahren versuchen, dass sie Elemente der Gruppenidentität in der nationalen Meistererzählung zu verankern versuchen, als auch die Aktivitäten von Politikern, die sich Blöcke von Wählern sichern wollen, auf deren Unterstützung sie sich verlassen können. Der Begriff des postkolonialen Aufeinandertreffens bezieht sich also auf die Interaktionen von Handelnden, die sich in einem bestimmten historischen Kontext vollziehen. Die Handlungen beziehen sich auf die Umwandlung der französischen Gesellschaft, nachdem die früheren Kolonien ihre Unabhängigkeit erhalten hatten. Während die postkolonialen Studien sich auf das Verhältnis der Metropole zu den Kolonien und auf das koloniale Erbe beziehen, hat die Untersuchung des postkolonialen Aufeinandertreffens kein ethisches Anliegen wie das der „Subaltern Studies“, sondern zielt auf Probleme der Identität und der politischen Mobilisierung. Diese Untersuchung beschäftigt sich mit Prozessen der Politisierung, die Gruppen wie die Pieds-noirs, die Harkis und die Veteranen hervorbringen, und mit der Konstruktion heroischer Meistererzählungen. Der 18 Le Monde, 1. Dezember 2005. Die Kommunisten hatten Frèches dafür gerügt, dass er das Singen des „Afrikalieds“ genehmigt hatte, das von den französischen Soldaten in den Kolonien gesungen worden war. Eric Savarese 138 Wandel der professionellen Politik und die Erinnerungspolitik stehen dabei im Mittelpunkt des Interesses. Das postkolniale Aufeinandertreffen wird dabei als eine Konfiguration gesehen, so wie sie Norbert Elias (1991) definiert hat. Für ihn ist eine Konfiguration eine in Bewegung befindliche Beziehung der Interdependenz von Individuen. Als Frankreich von den Gaullisten regiert wurde, die von der großen Mehrheit der Repatriierten gehasst wurden, wäre die Verabschiedung eines Gesetzes, wie das des 23. Februar 2005 undenkbar gewesen. Die Gaullisten hätten auch keine finanziellen Entschädigungen für Angehörige der OAS bewilligt, jener kriminellen Organisation, die einen Anschlag auf De Gaulle verübt hatte. Ebenso wenig hätten linke Politiker, die nach der Unabhängigkeit Algeriens dem Antikolonialismus huldigten19, einer Rehabilitation der Erinnerung an den Kolonialismus zugestimmt. Doch Konfigurationen wie das postkoloniale Aufeinandertreffen sind in ständiger Bewegung, weil die Interpendenz der Individuen im politischen Leben nie ein stabiler Dauerzustand ist. Heute können Politiker der Linken wie der Sozialist Georges Frêche und Jean Marc Pujol (UMP), der weit rechts steht, dieselben Beziehungen zu den Repatriierten unterhalten, obwohl sie sonst große ideologische Differenzen haben. Der Begriff des „postkolonialen Aufeinandertreffens“ ist dafür geeignet, die Entwicklung der französischen Gesellschaft und der französischen Politik nach der algerischen Unabhängigkeit zu interpretieren. Dieses Ereignis führte zur Entstehung neuer politischer Gruppen, die das koloniale Erbe repräsentierten und eine neue Konfrontation herbeiführten. Todd Sheppard (2012) hat gezeigt, dass die algerische Unabhängigkeit eine radikale rechtliche Unterscheidung zwischen Staatsbürgern und Ausländern nach sich zog. Wer war denn nun französischer Staatsbürger und wer war Algerier? Sheppard hat ferner gezeigt, dass dieses Ereignis schlagartig die Deutung der französischen Kolonialgeschichte veränderte. Innerhalb weniger Monate wurde die algerische Unabhängigkeit als unvermeidbares Ereignis gesehen. Über ein Jahrhundert, in dem Algerien als integraler Bestandteil Frankreichs angesehen worden war, wurde damit verleugnet. Sheppard hat auch beschrieben, wie der Niedergang der Vierten Republik und der Aufstieg der Fünften Republik durch die Krise vom 13. Mai 1958 herbeigeführt wurden. Die Macht des französischen Präsidenten, die am 19 Der sozialistische Präsident Francois Mitterand hatte noch als Minister zur Zeit des Algerienkriegs entschieden, die Armee zur Unterdrückung des Aufstandes nach Algerien zu entsenden. Die postkoloniale Konfrontation in Frankreich 139 16. Mai 1877 durch eine Verfassungsänderung beschränkt worden war, wurde von den Gaullisten wiederhergestellt, die argumentierten, dass nur so die Republik vor ihren Feinden, den Mitgliedern der OAS, geschützt werden könne. Danach kam es zur Konfrontation neuer Gruppen mit den französischen Politikern. Konfrontationen ergaben sich nun auch in Algerien, wo die soziale Praxis ebenfalls nach der Erlangung der Unabhängigkeit neue Formen annahm. Die postkolonialen Eliten, die aus den Reihen der Front de Liberation Nationale (FLN) hervorgegangen waren, betonten den „Märtyerstatus“, den man im Freiheitskampf erworben hatte. Man musste sich als Kriegsopfer ausweisen, um Anrecht auf Sozialhilfe zu bekommen (Labat, 2010). Ein anderes interessantes Beispiel einer postkolonialen Konfrontation haben die Autoren Bastien Bosa und Eric Wittersheim (2009) beschrieben. Sie haben mehrere Kolonien auf dem amerikanischen Kontinent untersucht und gezeigt, wie es „Eingeborenen“ gelang, in den postkolonialen Staaten wichtige politische Ämter zu erlangen. Im Rahmen des postkolonialen Aufeinandertreffens kann die „Autochtonie“ eine echte Ressource für die politische Mobilisierung bedeuten. Die Konfiguration der Interdependenz von Repräsentierten und Repräsentanten ergibt in diesen Zusammenhang Aufstiegschancen. Der heuristische Wert des Modells des postkolonialen Aufeinandertreffens ließe sich in vielen Fallstudien nachweisen. In solchen Fallstudien könnte gezeigt werden, wie neue Gruppen, die der postkolonialen Entwicklung ihre Existenz verdanken, ihre sozialen Praktiken und strategischen Identitäten nach der Dekolonisation erwerben und umwandeln. Abschließend können wir betonen, dass das Modell des postkolonialen Aufeinandertreffens zur Erklärung der Entwicklung in Frankreich nach der Unabhängigkeit Algeriens herangezogen werden, aber auch zur Deutung anderer postkolonialer Erfahrungen dienen kann. Nicht alle Probleme, die nach dem Ende von Imperien auftreten, lassen sich so erklären, aber ein offener und rationaler Interpretationsansatz im Rahmen des hier vorgestellten Modells kann die sozialen Interaktionen, die sich aus der Dekolonisierung ergeben, allgemein verständlich machen. Literatur Aguilar, P., Politicas de la memoria y memorias de la politica, Ed Allianza, 2010. Eric Savarese 140 Appadurai, A., Après le colonialisme. Les conséquences culturelles de la globalisation, Paris: Payot, 2005. Ashcroft, B., Griffiths, G., Tiffin, H., Key concepts in postcolonial studies, London: Routledge, 1998. Balandier, G., « La situation coloniale : approche théorique », Cahiers internationaux de sociologie, vol. 11, 1951, pp. 44- 79. Barthelemy, M., Associations, un nouvel âge de la participation?, Paris; Presses de Sciences Po, 2000. Bayart, J.F., Les études postcoloniales : un carnaval académique, Paris: Karthala, 2010. Bertrand, R., Mémoires d’empire. 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References

Abstract

Seven nations lost their overseas empires after 1945. This experience had a deep impact on their collective memories. Seven scholars, representing those nations, have studied these memories and contributed to this volume:

John Darwin (Oxford), Great Britain, Gert Oostindie (Leiden), Netherlands, Pedro Monaville (U. of Michigan), Belgium, Eric Savarese (Nice), France, Antonio Costa Pinto (Lisbon), Portugal, Nicola Labanca (Siena), Italy, Takashi Fujitani (U. of Toronto), Japan.

They met for a conference at Heidelberg University, which was sponsored by the Robert Bosch Foundation, Stuttgart. There were discussants for each contribution. Two commentators inaugurated the final discussion: Aleida Assmann (Konstanz) and Partha S. Ghosh (Jawaharlal Nehru University, New Delhi).

The reaction to the loss of colonial empires was in most countries an enduring conspiracy of silence. Encounters with immigrants from the ex-colonies proved to be of great importance for some of these countries. It is only in recent times that traces of tansnational sensibilities can be noticed in national collective memories.

Zusammenfassung

Sieben Nationen gaben nach 1945 ihre Kolonien auf. Dieses Erlebnis prägte deren Erinnerungskulturen, die hier von Wissenschaftlern dieser Nationen untersucht werden:

John Darwin (Oxford), Großbritannien, Gert Oostindie (Leiden), Niederlande, Pedro Monaville (U. of Michigan), Belgien, Erice Savarese (Nizza), Frankreich, Antonio Costa Pinto (Lissabon), Portugal, Nicola Labanca (Siena), Italien und Takashi Fujitani (U. of Toronto), Japan.

Sie trafen sich zu einer Konferenz in Heidelberg, die von der Robert Bosch Stiftung, Stuttgart, gefördert wurde. Die Gesamtschau in der Schlussdiskussion wurde von Aleida Assmann (Konstanz) und Partha S. Ghosh (Jawharlal Nehru University, New Delhi) eingeleitet.

Die Reaktion auf den Verlust der kolonialen Imperien war zumeist durch eine langanhaltende Verschwörung des Schweigens gekennzeichnet. Begegnungen mit Immigranten aus den Ex-Kolonien waren für viele der Nationen bedeutsam. In jüngster Zeit gibt es Anzeichen für eine transnationale Sensibilität der Erinnerungskulturen.

Mit Beiträgen von:

John Darwin, Gert Oostindie, Pedro Monaville, Erice Savarese, Antonio Costa Pinto, Nicola Labanca und Takashi Fujitani.