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Tobias Rothmund, Kai Arzheimer, VIII. Politische Ideologien in:

Sonja Zmerli, Ofer Feldman (ed.)

Politische Psychologie, page 123 - 143

Handbuch für Studium und Wissenschaft

1. Edition 2015, ISBN print: 978-3-8487-0959-5, ISBN online: 978-3-8452-5094-6, https://doi.org/10.5771/9783845250946-123

Series: Political Psychology: Issues, Challenges and Prospects, vol. 1

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Politische Ideologien Tobias Rothmund und Kai Arzheimer „The individual's pattern of thought, whatever its content, reflects his personality and is not merely an aggregate of opinions picked up helter skelter from the ideological environment“ (Adorno, Frenkel-Brunswik, Levinson, & Sanford, 1950, S. 176). Einleitung Das vorliegende Kapitel gibt einen einführenden Überblick über den aktuellen Forschungsstand zu politischen Ideologien im Schnittfeld von Politikwissenschaft und Psychologie. Im ersten Teil gehen wir zunächst auf den Ideologiebegriff ein und stellen dessen Entwicklung in einen historischen Kontext. Ausgehend von einem empirisch-wissenschaftlichen Zugang zum Ideologiebegriff innerhalb der Politischen Psychologie grenzen wir diesen von verwandten anderen Konzeptualisierungen ab (z. B. Ideologiebegriff im Marxismus). Wir stellen im ersten Teil außerdem verschiedene wissenschaftliche Ansätze der Strukturierung politischer Ideologien vor. Im zweiten Teil beleuchten wird den Zusammenhang zwischen politischen Ideologien und Persönlichkeitsmerkmalen sowie psychologischen Bedürfnissen und Motiven. Im dritten Teil stellen wir anhand dreier Beispiele (Wahrnehmung und Bewertung von Politikern, Sensitivität für bedrohliche Informationen, motivierte Wissenschaftsrezeption) dar, inwiefern die individuelle Zustimmung zu politischen Ideologien psychologisch verknüpft ist mit der Art und Weise, wie soziale Informationen verarbeitet werden. Ein Verständnis dieser sozialen Informationsverarbeitungsprozesse kann daher teilweise zum Verständnis politischer und gesellschaftlicher Phänomene beitragen. Im letzten Teil beschäftigen wir uns abschließend mit aktueller Forschung zu politischen Ideologien in Deutschland. Dabei gehen wir insbesondere auf die Themen Rechtsextremismus und Wiedervereinigung ein. Bestimmung des Ideologiebegriffs Die historischen Wurzeln des Ideologiebegriffs liegen in der Zeit der Französischen Revolution an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert. So kann das Aufkommen der Links-Rechts Unterscheidung, als Ausdruck politischer Ideologie, auf die Sitzordnung in der verfassungsgebenden französischen Nationalversammlung von 1789 zurückgeführt werden. Die linke Seite des Parlaments war dabei von Vertretern einer revolutionären republikanischen Ausrichtung besetzt, während die rechte Seite des Parlaments durch konservative und monarchiefreundliche politische Positionen charakterisiert war. Langfristig wichtiger für das Ideologieverständnis der heutigen Sozialwissenschaften war jedoch die Begründung des Ideologiebegriffs durch den Philosophen und Politiker Antoine Destutt de Tracy (1754-1836). Er begründete eine wissenschaftliche Teildisziplin, in der das politische Denken als Ausdruck von Ideen, Vorstellungen und Wahrnehmungen systematisch untersucht werden sollte. Als Gegenströmung zu Descartes Rationalismus betonten Destutt de Tracy und andere französische Ideen-Forscher jener Zeit die Bedeutung persönlicher Erfahrungen für die Entstehung politischer Ideen und Überzeugungen. Obwohl sich diese Forschungsrichtung nicht dauerhaft etablieren konnte, weisen deren Grundannahmen interessante Bezüge VIII. 1. 2. 123 zum zeitgenössischen Verständnis politischer Ideologien auf (siehe Abschnitt 3.3). In der Folge dominierte lange Zeit ein von Marx und Engels Mitte des 19. Jahrhunderts entwickeltes kritisch-normatives Verständnis politischer Ideologien. Ähnlich wie bei den französischen Ideen- Forschern basierte dieses auf der Annahme, dass das politische Denken von Menschen durch deren Lebenspraxis bestimmt wird. Marx und Engels (1970 [1846]) betrachteten politische Ideologie jedoch vor allem als verzerrte Weltanschauung, die einseitig den Interessen der herrschenden Klasse und der Aufrechterhaltung ungerechter Machtverhältnisse dient und dekonstruiert werden muss. Ideologie wurde demnach alsAusdruck einer Illusion verstanden, durch die die wahren Macht- und Lebensverhältnisse verschleiert werden. In Abgrenzung zu den Arbeiten von Marx und Engels entwickelte sich während der 1960er Jahre ein empirisch-wissenschaftlicher Zugang zum Verständnis von Ideologien (z. B. Converse, 1964; Tomkins, 1963), der sich seitdem immer weiter durchgesetzt hat. Ziel dieses Ansatzes ist es primär, ideologische Positionen sowie deren Entwicklung und Variabilität (bspw. interindividuelle und interkulturelle Unterschiede) zu beschreiben sowie psychologisch zu verstehen. In diesem Zusammenhang fand außerdem eine Verschiebung der Forschungsperspektive weg von den mehr oder minder großen gesellschaftspolitischen Ideen der politischen Philosophen hin zu den individuellen (wenn auch gesellschaftlich geprägten und relevanten) Überzeugungsstrukturen einzelner Bürger statt, die zum Gegenstand sozialwissenschaftlicher Forschung wurden. Politische Ideologien als Überzeugungssysteme In einem modernen sozialwissenschaftlichen Sinne werden politische Ideologien als politische Überzeugungsstrukturen von Individuen verstanden, die durch (a) einen normativen Charakter, (b) strukturelle Kohärenz, (c) soziale Geteiltheit und (d) intraindividuelle Stabilität charakterisiert sind (für einen Überblick siehe Jost, Federico, & Napier, 2009). Der normative Charakter von politischen Ideologien drückt sich in Annahmen darüber aus, wie eine Gesellschaft strukturiert und das Zusammenleben organisiert sein sollte. In diesem Sinne definieren Erikson und Tedin (2003) politische Ideologien als „(...) set of beliefs about the proper order of society and how it can be achieved“ (S. 64). Dieser normative Charakter verleiht politischen Ideologien eine motivationale Zielfunktion, die das Handeln von Individuen und politischen Institutionen lenkt und leitet. In seiner extremsten Form ist dieser normative Charakter von politischen Ideologien mit der Forderung verbunden, dass alle anderen Ziele der Ideologie unterzuordnen sind und die Ideologie notfalls mit Gewalt umgesetzt werden muss. In diesem Fall wird häufig auch von totalitären Ideologien gesprochen (z. B. Arendt, 1951). Die Annahme einer strukturellen Kohärenz drückt aus, dass Ideologien eine innere Struktur haben, in der sich Einstellungen (attitudes), Überzeugungen (beliefs) und Werte bzw. Wertorientierungen1 (values) konsistent aufeinander beziehen und wechselseitig bedingen. Während in der Politikwissenschaft begrifflich häufig nicht zwischen politischen Einstellungen und politischen Werten unterschieden wird (z. B. Converse, 1964; Goren, 2005), beziehen sich die ge- 2.1 1 Zu Missverständnissen kann die teilweise unterschiedliche Verwendung der Begriffe Werte und Wertorientierung in der Psychologie sowie der Politikwissenschaft führen. In der Politikwissenschaft wird zwischen Werten als kulturellen, d. h. auf der Makro-Ebene existierenden Konzepten des Wünschenswerten (Kluckhohn, 1951, S. 395) und Wertorientierungen, d. h. besonders zentralen individuellen Einstellungen gegenüber diesen kulturellen Konzepten, unterschieden (z. B. Maag, 1991). Dort, wo Politikwissenschaftler von Wertorientierungen sprechen, sind daher (meistens) Werte im Sinne der Psychologie gemeint (z. B. Converse, 1964; Goren, 2005). Tobias Rothmund und Kai Arzheimer 124 nannten Begriffe im sozialpsychologischen Verständnis auf unterschiedliche mentale Repräsentationen. Einstellungen reflektieren Bewertungen von Objekten, Personen oder Ideen, die sich in einer Valenzzuschreibung (gut vs. schlecht) ausdrücken. Politische Einstellungen reflektieren demnach Bewertungen von politischen Objekten, politischen Personen oder politischen Ideen (bspw. die negative Bewertung eines konkreten Politikers oder die positive Bewertung der demokratischen Grundordnung). Bei Werten liegt die evaluative Komponente weniger in der Zuschreibung von Valenz begründet als mehr in der Wichtigkeit bzw. Bedeutsamkeit (wertvoll vs. wertlos), die einer Idee oder einem Prinzip subjektiv zugeschrieben wird (bspw. Gerechtigkeit). Werte werden als relativ abstrakte Ziele von Menschen verstanden, die ihr Verhalten situationsübergreifend leiten. In der Literatur wird teilweise zwischen persönlichen und politischen Werten unterschieden (z. B. Feldman, 1988; Rokeach, 1973). Persönliche Werte können dabei als Prinzipien bzw. Ziele von Individuen (Hedonismus, Macht), politische Werte als Prinzipien bzw. Ziele von politischen Gemeinschaften oder Gesellschaften verstanden werden (Chancengleichheit, Meinungsfreiheit, Pazifismus). Im Gegensatz zu Einstellungen und Werten sind Überzeugungen weniger durch Evaluationen denn durch Kontingenzerwartungen gekennzeichnet. Es geht bei Überzeugungen also um den Wahrheitsgehalt (richtig vs. falsch) von Annahmen über die Welt und das soziale Miteinander. Eine solche Überzeugung kann beispielsweise darin bestehen, dass jeder im Leben das bekommt, was er verdient. Einstellungen, Werte und Überzeugungen unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht. So werden Überzeugungen und Werte in der Regel als relative robuste und änderungsresistente Bestandteile der Persönlichkeit angesehen (vgl. Kandler & Riemann, Kapitel 4 im vorliegenden Band), während Einstellungen, wenngleich häufig Ausdruck von Werten und Überzeugungen, doch eher leicht verändert werden können. Die strukturelle Kohärenz von politischen Ideologien wurde wiederholt in Frage gestellt (z. B. Bell, 1960). Converse (1964) konnte beispielsweise für die USA zeigen, dass sehr viele Menschen nicht in der Lage sind, Inkonsistenzen zwischen politischen Einstellungen, Werten und Überzeugungen als solche zu erkennen. Im Zusammenhang mit der Kritik an der Konsistenzannahme wurde zum Teil auch das Ende der Ideologien ausgerufen (zur Übersicht siehe Brick, 2013). Als Gegenposition gibt Jost (2006) einen Überblick über eine Reihe empirischer Argumente dafür, dass Menschen in ihrem politischen Denken und Handeln in einem gewissen Maß zu struktureller Kohärenz neigen und die Verwendung des Ideologiebegriffs somit weiterhin gerechtfertigt ist. Die soziale Geteiltheit von politischen Ideologien resultiert aus dem Umstand, dass sich die theoretischen Positionen in politischen Ideologien immer auf das soziale und politische Zusammenleben beziehen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass politische Ideologien geteilte soziale Repräsentationen einer Gruppe oder eines Teils der Gesellschaft widerspiegeln. Diesen Umstand betonen Jost et al. (2009) in ihrer Definition politischer Ideologien: „Specific ideologies crystallize and communicate the widely (but not unanimously) shared beliefs, opinions, and values of an identifiable group, class, constituency, or society“ (S. 309). Die Annahme intraindividueller Stabilität politischer Ideologien bezieht sich darauf, dass das Ausmaß, in dem Menschen einer bestimmten politischen Ideologie anhängen, relativ stabil und schwer veränderbar ist. Während sich also zwischen Menschen relativ starke Unterschiede in der Zustimmung zu bestimmten Ideologien finden lassen, ändert sich die Zustimmung einer Person zu einer bestimmten Ideologie im Zeitverlauf weniger stark. Diese Annahme weist darauf hin, dass die in einer politischen Ideologie enthaltenen Werte und Überzeugungen relativ zentrale Bestandteile der Persönlichkeit eines Menschen sind und daher nicht ohne weiteres VIII. Politische Ideologien 125 aufgegeben werden können. Im zweiten Abschnitt dieses Beitrags gehen wir näher auf den Zusammenhang zwischen politischer Ideologie und Persönlichkeitsmerkmalen ein. Dabei weisen wir auch auf empirische Belege für die Gültigkeit der Stabilitätsannahme hin. Für ein besseres Verständnis des wissenschaftlichen Zugangs zu politischen Ideologien wollen wir im Folgenden die Kategorisierung und Messung von Ideologien genauer beleuchten. Kategorisierung und Messung politischer Ideologien Politische Ideologie wird traditionell als bipolare eindimensionale Struktur („Links“ vs. „Rechts“ im europäischen Kontext, „Liberal“ vs. „Conservative“ in den USA) konzeptualisiert. Die Selbsteinschätzung auf einer Links-Rechts Dimension wurde daher auch in einer Vielzahl empirischer Forschungsarbeiten als Indikator für politische Ideologie erfasst. Entsprechend berichten wir im vorliegenden Überblicksbeitrag vor allem über Forschung, bei der politische Ideologie auf diese Weise konzeptualisiert und gemessen wurde. Gleichzeitig ist jedoch klar, dass die Reduktion politischer Ideologien auf eine einzige Dimension der Komplexität zugrundeliegender Überzeugungssysteme nicht gerecht wird. Dies zeigt sich beispielsweise daran, dass in den vergangenen 200 Jahren eine Vielzahl an Begriffen (bspw. Liberalismus, Sozialismus, Kommunismus, Konservatismus, Faschismus, etc.) als Bezeichnungen für politische Ideologien eingeführt wurde. Wir gehen im vorliegenden Beitrag nicht auf die inhaltliche Ausrichtung und ideengeschichtliche Entstehung dieser einzelnen Ausformungen politischer Ideologie ein. Stattdessen wollen wir im Folgenden ausgewählte alternative Ansätze (zur eindimensionalen Links-Rechts Dimension) der Strukturierung politischer Ideologie vorstellen. Zweidimensionale Ansätze In einer Reihe theoretischer Ansätze wird dafür plädiert, die Links-Rechts Dimension nicht eindimensional sondern zweidimensional zu konzeptualisieren. Die beiden vorgeschlagenen Dimensionen unterscheiden sich jedoch substantiell. Stimson (2004) unterscheidet zwischen einer symbolischen und einer operationalen Dimension politischer Ideologie. Diese Unterscheidung basiert auf der Beobachtung, dass die Selbsteinschätzung auf einer abstrakten Links- Rechts Dimension (symbolische Ebene) häufig nicht mit den Einstellungen zu konkreten politischen Fragen und Problemen (operationale Ebene) korrespondiert. So konnte Stimson für die USA zeigen, dass zwei Drittel derjenigen US-Amerikaner, die sich symbolisch als konservativ einschätzten, auf einer operationalen Ebene liberalen Positionen zustimmten. Diese Befunde werden so interpretiert, dass konkrete politische Positionen teilweise beliebter sind als entsprechende abstrakte ideologische Positionen (Jost et al., 2009). In diesem Sinne können US-Amerikaner konkreten liberalen Positionen zustimmen, obwohl sie sich selbst auf einer abstrakteren Ebene lieber als Konservative denn als Liberale verstehen. Andere Autoren argumentieren, dass Links und Rechts nicht zwei Pole einer Dimension, sondern eher zwei relativ unabhängige Dimensionen darstellen (z. B. Conover & Feldman, 1981). Diese Annahme wird durch faktorenanalytische Befunde gestützt, die zeigen, dass linksorientierte und rechtsorientierte politische Positionen auf unterschiedlichen latenten Dimensionen laden. Gleichzeitig zeigen sich jedoch relativ konsistente negative Korrelationen zwischen diesen beiden faktorenanalytischen Dimensionen, die gegen die Unabhängigkeit von Linksorientierung und Rechtsorientierung sprechen (z. B. Federico, 2007). 2.2 Tobias Rothmund und Kai Arzheimer 126 Eine weitere Unterscheidung basiert auf der Annahme, dass links- und rechtsorientierte politische Positionen in verschiedenen Domänen voneinander unabhängig sind (z. B. Duckitt & Sibley, 2010; Lipset, 1960). Dabei wird innerhalb der Politik vor allem zwischen (a) einer soziokulturellen Domäne (bspw. Bürgerrechte, soziale Ordnung, etc.) und (b) einer finanzökonomischen Domäne (bspw. Kapitalismus, Verteilungsgerechtigkeit) unterschieden. Empirische Bestätigung erfährt dieser domänenspezifische Ansatz durch politikwissenschaftliche Forschung zur Konkurrenz von Parteien um die Stimmen der Wähler. So zeigen Studien auf der Basis von Expertenurteilen über Parteien und Wahlprogramme übereinstimmend, dass der Parteienwettbewerb in den meisten europäischen Ländern entlang von zwei bis drei Dimensionen strukturiert ist, die in etwa der soziokulturellen und ökonomischen Domäne entsprechen (z. B. Warwick, 2002). Gleichzeitig zeigt sich jedoch empirisch eine hohe Korrelation der Links-Rechts Ausprägung auf diesen beiden Domänen (Benoit & Laver, 2006), was wiederum gegen die Unabhängigkeit der Dimensionen spricht. Mehrdimensionale Ansätze Eine gänzlich andere Vorgehensweise zur Kategorisierung politischer Ideologien wählte Saucier (2000, 2013), der einen lexikalischen Forschungsansatz aus der Persönlichkeitspsychologie auf die Analyse politischer Ideologien übertrug. Er suchte im angloamerikanischen Sprachraum zunächst mittels Wörterbüchern nach Begriffen, die politische Ideologien bezeichnen. Dabei stellte er fest, dass Ideologien sprachlich häufig durch die Endung -ism (deutsch -ismus) gekennzeichnet sind (bspw. Kommunismus, Sozialismus, Anarchismus, etc.). Ausgehend von 274 Begriffen und zugehörigen Definitionen entwickelte Saucier (2000) insgesamt 400 Items, die er im Rahmen von Fragebogenstudien und faktorenanalytischen Auswertungen auf vier bzw. fünf Faktoren reduzierte. Die von Saucier (2013) vorgeschlagene fünf-faktorielle Struktur politischer Ideologien umfasst die Faktoren traditionsorientierte Religiosität (bspw. Kreationismus), subjektive Spiritualität (bspw. Spiritualismus), Abneigung gegen Ungleichheit (bspw. Marxismus), uneingeschränktes Eigeninteresse (bspw. Hedonismus) und gemeinschaftsorientierte Rationalität (bspw. Utilitarismus). Politische Ideologie und Persönlichkeit Die Forschung zum Zusammenhang zwischen politischer Ideologie und Persönlichkeit hat einen wichtigen Ursprung in der Forschung zur autoritären Persönlichkeit von Theodor W. Adorno und Kollegen (z. B. Adorno et al., 1950; vgl. Seipel, Rippl, & Kindervater, Kapitel 9 im vorliegenden Band). Ziel dieses Forschungsprogramms der „Frankfurter Schule“ war es, die Empfänglichkeit der deutschen Bevölkerung für faschistische und antidemokratische Ideologien im Nationalsozialismus zu verstehen und zu erklären. Wie war es möglich, dass die deutsche Bevölkerung in ihrer Mehrheit die massenhafte Verfolgung und Ermordung von Juden und einer Vielzahl anderer Minderheitengruppen unterstützten oder zumindest tolerierten? Die autoritäre Persönlichkeit wurde von Adorno und Kollegen als Persönlichkeitstypus verstanden, der durch die bedingungslose Unterordnung und Konformität gegenüber herrschenden Autoritäten charakterisiert ist. Unter dem Einfluss psychoanalytischer Ideen wurde die Entstehung einer solchen autoritären Persönlichkeit mit der frühkindlichen Sozialisation in einer durch patriarchale Familienstrukturen geprägten autoritären Herrschaftsordnung der 1920er und 1930er Jahre in Deutschland erklärt. 3. VIII. Politische Ideologien 127 In den nachfolgenden Jahrzehnten wurde Autoritarismus zunehmend weniger als Persönlichkeitstypus denn als politische Einstellung zu Autoritäten verstanden und als zentraler Bestandteil einer konservativen politischen Ideologie identifiziert. Gleichzeitig mehrten sich die empirischen Belege dafür, dass politischer Konservatismus (a) im Zusammenhang mit grundlegenden Dimensionen der Persönlichkeit steht, (b) durch genetische und neurologische Strukturen geprägt wird, und (c) als Ausdruck psychologischer Bedürfnisse verstanden werden kann. Im Folgenden geben wir einen Überblick über empirische Studien zum Zusammenhang zwischen politischer Ideologie und Persönlichkeitsmerkmalen. Dabei gehen wir zunächst auf korrelative Studien ein, die den Zusammenhang zwischen politischen Ideologien und grundlegenden Persönlichkeitsdimensionen in der Psychologie untersuchen. Anschließend berichten wir über Forschungsarbeiten, die einen Zusammenhang zwischen politischer Ideologie und Persönlichkeit aus genetischen und neuropsychologischen Untersuchungen ableiten. Abschließend stellen wir theoretische Modelle vor, die Erklärungsansätze dafür liefern, wie politischer Konservatismus auf motivationale Prozesse zurückgeführt werden kann. Zum Zusammenhang mit grundlegenden Persönlichkeitsdimensionen Der Zusammenhang zwischen politischer Ideologie und Persönlichkeit wurde im Rahmen des Fünf-Faktoren Modells der Persönlichkeit in einer Vielzahl korrelativer Studien untersucht (für einen detaillierten Überblick siehe Kandler & Riemann, Kapitel 4 im vorliegenden Band). Dem Fünf-Faktoren Modell liegt die Annahme einer dimensionalen hierarchischen Struktur der Persönlichkeit zugrunde (Asendorpf & Neyer, 2012). Bei den fünf grundlegenden Dimensionen der Persönlichkeit handelt es sich um Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Verträglichkeit, emotionale Stabilität2 und Extraversion. Diese Big Five konnten kulturübergreifend identifiziert werden (z. B. McCrae & Costa, 1997) und sind durch interindividuelle Variabilität und intraindividuelle Stabilität gekennzeichnet. Interindividuelle Variabilität kann sowohl auf genetische Ursachen als auch auf Sozialisationseinflüsse zurückgeführt werden (z. B. Jang, Livesley, & Vemon, 1996). Die intraindividuelle Stabilität der Big Five ist vor allem im Erwachsenenalter hoch (McCrae & Costa, 1990). Die Ergebnisse von 73 Studien zum Zusammenhang zwischen politischer Ideologie und den Big Five wurden von Sibley, Osborne und Duckitt (2012) in einer Meta-Analyse zusammengefasst. Über alle Studien hinweg zeigten sich mittlere Korrelationen zwischen der Selbsteinschätzung auf einer Links-Rechts Dimension und Offenheit für Erfahrungen (r = ‑.18) sowie Gewissenhaftigkeit (r = .10). Der Zusammenhang zwischen Offenheit und Ideologie lässt sich darauf zurückführen, dass Linksorientierung mit einer höheren Risikoorientierung sowie stärkerer Vorstellungskraft und Kreativität zusammenhängt als Rechtsorientierung (zur Übersicht siehe Carney, Jost, Gosling, & Potter, 2008). Umgekehrt liegen Unterschiede auf dem Faktor Gewissenhaftigkeit ein stärkeres Bedürfnis nach Ordnung, Struktur und Geschlossenheit sowie ein höheres Maß an Selbstkontrolle bei Rechtsorientierung im Vergleich zu Linksorientierung zugrunde (zur Übersicht siehe Carney et al., 2008). In Bezug auf Extraversion, emotionale Stabilität und Verträglichkeit zeigen sich in der Meta-Analyse von Sibley et al. (2012) keine konsistenten Zusammenhänge mit der ideologischen Einordnung auf einer Links-Rechts Dimension. 3.1 2 Die gegenläufige Ausprägung wird als Neurotizismus bezeichnet (siehe auch Kandler & Riemann, Kapitel 4 im vorliegenden Band). Tobias Rothmund und Kai Arzheimer 128 Eine längsschnittliche Studie von Block und Block (2006) weist auf eine hohe Stabilität des Zusammenhangs von Offenheit und Gewissenhaftigkeit mit der ideologischen Ausrichtung über die Lebensspanne hin. In dieser Studie wurden Vorschulkinder im Alter von zwei bis drei Jahren von ihren Erziehern per Fremdauskunft in ihrer Persönlichkeit beschrieben. Diese Vorschulkinder wurden zwanzig Jahre später zu ihrer politischen Einstellung befragt. Die Fremdeinschätzungen der Erzieher konnten dabei statistisch als gute Prädiktoren der Links-Rechts Orientierung im jungen Erwachsenenalter ermittelt werden. Kinder, die sich selbst später als eher linksausgerichtet beschrieben hatten, wurden von ihren Erziehern im Vorschulalter tendenziell als offen, neugierig, kompetitiv, selbstsicher und gesprächig beschrieben. Kinder, die sich später als eher rechtsausgerichtet beschrieben hatten, wurden von ihren Erziehern im Vorschulalter hingegen als ordentlich, schüchtern, ängstlich und nachdenklich beschrieben. Dieser Befund wirft Fragen nach den genetischen und neurologischen Korrelaten politischer Ideologie auf. Genetische und neurologische Korrelate Die Entstehung politischer Einstellungen und Ideologien wird in der soziologischen und politikwissenschaftlichen Literatur traditionell durch Sozialisationseinflüsse erklärt (z. B. Jennings, 2007). Dabei wird angenommen, dass soziale Einflüsse in Familie, Schule, Freundeskreis usw. die politische Ausrichtung formen und prägen. In den letzten zwanzig Jahren mehren sich jedoch empirische Hinweise darauf, dass das Ausmaß, in dem Menschen zu politischem Konservatismus neigen, teilweise genetisch angelegt ist und durch biopsychologische Prozesse mitbestimmt wird (für einen Überblick siehe Hatemi & McDermott, 2012a, 2012b; siehe auch Riemann & Kandler, Kapitel 11 im vorliegenden Band). Die entsprechenden empirischen Belege stammen aus verhaltens- und molekulargenetischen Analysen sowie aus neuropsychologischen Untersuchungen. Genetische Grundlagen Erste verhaltensgenetische Studien zur „Erblichkeit“ politischer Einstellungen und Ideologien wurden von Eaves und Eysenck (1974) im Rahmen von Zwillings- und Familienstudien durchgeführt. Diese und nachfolgende Studien weisen konsistent darauf hin, dass ein Teil der familiären Häufung politischer Einstellungen und Ideologien auf genetische Einflüsse zurückgeführt werden kann (z. B. Alford, Funk, & Hibbing, 2005; Fowler & Schreiber, 2008; Kandler, Bleidorn, & Riemann, 2012). Neuere molekulargenetische Untersuchungen bestätigen diese Befunde und haben erstmals Zusammenhänge zwischen chromosomalen Regionen und politischen Orientierungen identifiziert (z. B. Dawes & Fowler, 2009; Hatemi et al., 2011). Studien zur Rolle von Persönlichkeitsmerkmalen weisen darauf hin, dass der Zusammenhang zwischen genetischen Merkmalen und politischer Ideologie nicht durch Persönlichkeit vermittelt wird, sondern dass stattdessen politische Ideologien und Persönlichkeitsmerkmale durch dieselben chromosomalen Regionen beeinflusst werden (z. B. Kandler, Bell, Shikishima, Yamagata, & Riemann, 2013). Neuropsychologische Grundlagen Forschung im Bereich der Politischen Psychologie bedient sich in zunehmendem Maße auch psychophysiologischer und neurowissenschaftlicher Forschungsmethoden (zum Überblick 3.2 VIII. Politische Ideologien 129 siehe Jost & Amodio, 2012). Die Vorteile dieser Methoden werden vor allem darin gesehen, dass (a) automatische Verarbeitungsprozesse besser abgebildet werden können als mit herkömmlichen Selbstauskunftsmaßen und dass (b) diese Verarbeitungsprozesse mit neuronalen Strukturen in Verbindung gebracht werden können. Amodio, Jost, Master und Yee (2007) konnten erste neuropsychologische Korrelate für politischen Konservatismus vorlegen. Sie untersuchten den Zusammenhang zwischen Konservatismus und kognitiver Flexibilität mit Hilfe der GO/NO-GO Aufgabe. Bei dieser Aufgabe lernen Probanden, auf ein visuelles GO-Signal (bspw. Buchstabe W) zu reagieren bis eine entsprechende GO-Reaktion habitualisiert ist. In seltenen Fällen werden den Probanden jedoch auch NO-GO-Signale präsentiert (bspw. Buchstabe M), auf die keine GO-Reaktion erfolgen soll. Solche Situationen sind durch Zielkonflikte zwischen der erforderlichen Verhaltensreaktion (NO-GO) und der habitualisierten Verhaltensreaktion (GO) charakterisiert und erfordern eine flexible Anpassung der Verhaltensreaktion in Abhängigkeit von Situationsmerkmalen. Frühere Studien konnten bereits zeigen, dass diese Anpassungsleistung auf neuronaler Ebene mit einer erhöhten Aktivität im ACC (Anterior Cingulate Cortex) einhergeht (z. B. Nieuwenhuis, Yeung, van den Wildenberg, & Ridderinkhof, 2003). Amodio und Kollegen wiesen in ihrer Studie einen negativen Zusammenhang zwischen politischem Konservatismus und der Anpassungsleistung in NO-GO Situationen sowie der Aktivität im ACC nach. Diesen Zusammenhang interpretieren sie so, dass es Konservativen schwerer fällt, mit neuen und unerwarteten Situationen umzugehen und dass der Grund dafür neurologisch verankert ist. Dieser Befund konnte in nachfolgenden Studien erfolgreich repliziert werden (z. B. Weissflog, van Noordt, Choma, Dywan, & Segalowitz, 2010). Politischer Konservatismus und psychologische Motive In den letzten Jahrzehnten hat sich in der Politischen Psychologie ein Forschungsparadigma entwickelt, in dem konservative Ideologien als Ausdruck psychologischer Bedürfnisse und Motive verstanden werden (zum Überblick siehe Jost, Glaser, Kruglanski, & Sulloway, 2003). Diese Forschungslinie stellt eine Verbindung zwischen politikwissenschaftlichen Theorien zum Ursprung politischer Ideologien (z. B. Adorno et al., 1950) und psychologischen Bedürfnisund Motivtheorien (z. B. Greenberg, Pyszczynski, & Solomon, 1986; Kruglanski, 1989; Higgins, 1998) her. Im Kern steht dabei die Annahme, dass psychologische Bedürfnisse und Motive die Zustimmung zu konservativen Ideologien begünstigen können. Im Ausdruck „motivierte Kognition“ manifestiert sich auf anschauliche Weise die zugrundeliegende Idee, dass die Entstehung politischer Überzeugungen und Einstellungen häufig weniger von rationalen Überlegungen als von Bedürfnissen und Wünschen geprägt ist. Jost et al. (2009) argumentieren, dass epistemische und existentielle Motive konservative Ideologien begünstigen, indem sie Menschen dazu motivieren, an bestehenden sozialen und politischen Systemen festzuhalten und diese aufrechtzuerhalten. Epistemische Motive können psychologisch auf ein Bedürfnis zurückgeführt werden, Ungewissheit zu vermeiden. Mit anderen Worten, Menschen haben ein Bedürfnis danach, die sie umgebende soziale Welt zu verstehen und für sich erklärbar zu machen. Obwohl alle Menschen dieses Bedürfnis haben, unterscheiden sich Menschen interindividuell in dessen Stärke. Die Stärke epistemischer Motive wird häufig als Bedürfnis nach kognitiver Geschlossenheit (Need for Cognitive Closure; Kruglanski & Webster, 1996) operationalisiert und messbar gemacht. Wieso sollten Menschen mit star- 3.3 Tobias Rothmund und Kai Arzheimer 130 ken epistemischen Motiven zu konservativen Ideologien neigen? Der Widerstand gegen soziale Veränderung und die Akzeptanz von Ungleichheit in der Gesellschaft stellen zwei Hauptmerkmale konservativer Ideologie dar. Beide können zur Stabilität bestehender gesellschaftlicher Systeme und somit zur Vermeidung von Ungewissheit beitragen. Personen mit einem hohen Bedürfnis nach kognitiver Geschlossenheit sollten sich somit eher von konservativen Ideologien angezogen fühlen als Personen mit einem niedrigen Bedürfnis nach kognitiver Geschlossenheit. Empirische Bestätigungen dieser Annahme finden sich in zahlreichen Studien in unterschiedlichen Ländern (zur Übersicht siehe Jost et al., 2003). Konservative Weltanschauungen können psychologisch auch durch existentielle Motive begünstigt werden. Im Sinne der Terror Management Theorie (Greenberg et al., 1986) resultieren existentielle Motive aus existentieller Bedrohung (bspw. Tod, Krankheit, Verlust von Hab und Gut, Bedrohung des Selbstwerts) und dem Bedürfnis, damit verbundene Angst und Unsicherheit zu vermeiden. Konservative Ideologien sollten unter dem Einfluss existentieller Motive aus mehreren Gründen eine besondere Anziehungskraft entfalten. Unter anderem ist anzunehmen, dass sozialer Wandel mit größeren Risiken und Unwägbarkeiten verbunden ist, deren Toleranz durch existentielle Motive vermindert wird. In einer Meta-Analyse von Jost et al. (2003) zeigte sich beispielsweise ein deutlicher Zusammenhang zwischen politischem Konservatismus und verschiedenen Indikatoren für die individuelle Stärke existentieller Motive (z. B. Todesangst). Außerdem zeigten eine Reihe von Studien, dass sowohl Mortalitätssalienz (z. B. Cohen, Ogilvie, Solomon, Greenberg, & Pyszczynski, 2005) als auch eine situativ erhöhte Salienz der Gefahren des Terrorismus (z. B. Ullrich & Cohrs, 2007) konservative politische Positionen begünstigen. Eine Studie mit Überlebenden der Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA bestätigt diese Annahme ebenfalls (Bonanno & Jost, 2006). Duckitt und Sibley (2010) unterscheiden ebenfalls zwischen zwei motivationalen Prozessen, die der Entstehung konservativer Ideologie zugrunde liegen. Dabei betonen sie jedoch (im Gegensatz zu Jost und Kollegen) eine stärkere Unabhängigkeit dieser beiden Prozesse. Sie gehen davon aus, dass Autoritarismus und soziale Dominanzorientierung als Ausdruck zweier motivationaler Prozesse verstanden werden können, die aus dem Zusammenspiel von Persönlichkeitsmerkmalen und sozialen Rahmenbedingungen resultieren (für einen detaillierten Überblick siehe Seipel et al., Kapitel 9 im vorliegenden Band). Zusammenfassend kann an dieser Stelle festgehalten werden, dass politischer Konservatismus (a) im Zusammenhang steht mit grundlegenden Dimensionen der Persönlichkeit, (b) durch genetische und neurologische Strukturen geprägt wird, und (c) als Ausdruck psychologischer Bedürfnisse verstanden werden kann. Theoretische Erklärungsansätze für die zugrundliegenden motivationalen Prozesse wurden von Jost et al. (2009) sowie Duckitt und Sibley (2010) vorgelegt. Im Folgenden widmen wir uns der Frage, wie soziale Informationsverarbeitungsprozesse den Zusammenhang zwischen politischer Ideologie und Einstellungen bzw. Verhalten erklären können. Politische Ideologie und soziale Informationsverarbeitung In diesem Teil gehen wir anhand dreier Beispiele darauf ein, wie sich politische Ideologien von Menschen auf deren Verhalten und Erleben auswirken können. Dabei beschäftigen wir uns speziell mit der Frage, welche Rolle soziale Informationsverarbeitungsprozesse bei der Übersetzung von Ideologien in Verhalten spielen. Soziale Informationsverarbeitung bezeichnet die 4. VIII. Politische Ideologien 131 Wahrnehmung, Bewertung und Interpretation sozialer Ereignisse und Situationen und hat einen wichtigen Einfluss auf das Verhalten von Menschen innerhalb und außerhalb politischer Themenbereiche. Innerhalb der sozialen Kognitionsforschung werden Informationsverarbeitungsprozesse seit Anfang der 1990er Jahre untersucht (zum Überblick siehe Fiske & Taylor, 2013). Wir stellen zunächst Befunde dazu vor, dass die individuelle ideologische Ausrichtung von Politikern anhand äußerlicher Merkmale (z. B. Gesichtsmerkmale) wahrgenommen und erschlossen werden kann und auf diesem Weg das Wahlverhalten beeinflusst. Außerdem berichten wir empirische Belege dafür, dass Konservatismus mit einer erhöhten Sensitivität für Bedrohungsreize zusammenhängt. Diese Befunde stehen im Einklang mit den theoretischen Annahmen von Jost et al. (2009) sowie von Duckitt und Sibley (2010). Schließlich gehen wir noch auf motivierte Wissenschaftsrezeption ein, die als Beispiel dafür dient, dass politische Ideologien die soziale Informationsverarbeitung auch derart lenken können, dass es zu einer verzerrten Wahrnehmung der Wirklichkeit kommt. Personenwahrnehmung und Wahlverhalten Erste Eindrücke von Personen entstehen häufig auf der Grundlage ihres äußeren Erscheinungsbildes. Psychologische Studien zur Personenwahrnehmung und -bewertung zeigen, dass diese Prozesse in der Regel (a) sehr schnell und relativ automatisch ablaufen (z. B. Todorov & Uleman, 2002) und (b) in erstaunlich guten Einschätzungen der tatsächlichen Persönlichkeitsmerkmalen der bewerteten Personen resultieren. Neuere Studien im Bereich der Politischen Psychologie weisen darauf hin, dass solche schnellen Eindrücke auf der Basis oberflächlicher Personenmerkmale (bspw. Kleidung, Gesichtsmerkmale etc.) auch bei politischen Wahlentscheidungen eine Rolle spielen. Man denke beispielsweise an die Wahl von Direktkandidaten in den Deutschen Bundestag. Obwohl die Fotos von Kandidaten in den entsprechenden Wahlkreisen flächendeckend plakatiert werden, haben viele Wähler in der Regel keine persönlichen Kontakte und Vorerfahrungen mit den entsprechenden Personen. Für die USA konnte in ähnlichen Konstellationen gezeigt werden, dass diejenigen Politiker eher gewählt werden, die auf der Grundlage von Fotos eher als kompetent, gesellig und dominant wahrgenommen werden (für einen Überblick siehe Olivola & Todorov, 2010a). Samochowiec, Wänke und Fiedler (2010) konnten zeigen, dass Laien die ideologische Ausrichtung von ihnen unbekannten Politikern auf der Grundlage von Fotografien selbst dann überzufällig gut einschätzen können, wenn die Fotos keine Parteiinformationen enthalten. Die subjektive Einschätzung der ideologischen Ausrichtung durch Laien erfolgte im Rahmen einer Onlinestudie. Den Studienteilnehmern wurden dabei Fotografien von Politikern vorgelegt, die diese von extrem links bis extrem rechts einschätzen sollten. Die „objektive“ ideologische Ausrichtung wurde auf der Grundlage des Abstimmungsverhaltens der betreffenden Politiker im Parlament durch Experten eingeschätzt. Die Korrelation der subjektiv eingeschätzten und der objektiv bestimmten ideologischen Ausrichtung der Politikerinnen und Politiker lag in Abhängigkeit von Stichprobenmerkmalen zwischen .20 und .50. Die Autoren konnten außerdem visuelle Charakteristika identifizieren, die zur Einschätzung der ideologischen Ausrichtung von Politikern durch Laien herangezogen werden. Während Maskulinität und Dominanz eher mit einer rechtsorientierten ideologischen Ausrichtung in Verbindung gebracht wurden, konnten Vertrauenswürdigkeit und Femininität als Merkmale linksorientierter ideologischer Orientierung identifiziert werden. 4.1 Tobias Rothmund und Kai Arzheimer 132 Ausgehend von den angeführten empirischen Belegen (ähnliche Befunde wurden in den USA repliziert, z. B. Olivola & Todorov, 2010b) stellt sich die Frage, inwiefern sich die wahrgenommene ideologische Orientierung von Politikern auf das Wahlverhalten von Bürgern auswirkt. Bislang gibt es Hinweise auf zwei indirekte Einflusswege. Caprara und Zimbardo (2004) gehen davon aus, dass Kongruenz in der Persönlichkeit zwischen Wählern und Politikern das Wahlverhalten prädiziert, indem es Sympathie erzeugt. Mit anderen Worten, je grö- ßer die wahrgenommene Ähnlichkeit in der ideologischen Ausrichtung zwischen Politiker und Bürger, desto eher sollte der Politiker vom Bürger gewählt werden. Erste Belege für diese Annahme legten Olivola, Sussman, Tsetsos, Kang und Todorov (2012) für ein US-amerikanisches Elektorat vor. Auf einen alternativen Wirkpfad weisen Crawford, Jussim, Madon, Cain und Stevens (2011) hin. Sie liefern erste empirische Hinweise darauf, dass die wahrgenommene ideologische Ausrichtung von Politikerinnen und Politikern als diagnostische Information dazu genutzt wird, deren politische Positionen zu einzelnen konkreten politischen Themen zu erschließen, die dann wiederum die Wahlentscheidung beeinflussen können. Sensitivität für bedrohliche Informationen und politische Einstellungen Wie in Kapitel 3.2 dargestellt, gehen sowohl Jost et al. (2009) als auch Duckitt und Sibley (2010) davon aus, dass die Neigung zu konservativen politischen Ideologien psychologisch zum Teil durch existentielle Ängste und Motive motiviert ist. Da in der Angstforschung ein Zusammenhang zwischen Ängsten und einer erhöhten Aufmerksamkeit und Sensitivität gegen- über bedrohlichen sozialen Informationen nachgewiesen werden konnte, stellt sich die Frage, inwiefern politischer Konservatismus ebenfalls im Zusammenhang mit entsprechenden Verarbeitungsstilen steht. Oxley et al. (2008) konnten einen Zusammenhang zwischen Konservatismus und einer erhöhten Stressreaktion auf Bedrohungsreize nachweisen. Hierzu erfassten die Autoren den Hautwiderstand im Anschluss an die Konfrontation mit neutralen oder bedrohlichen Bildern (bspw. Spinnen, blutige Gesichter, verdorbenes Essen). Erhöhter Hautleitwiderstand entsteht durch Schweißbildung, die wiederum als Indikator für Stress- und Angstreaktionen verstanden werden kann. Im Anschluss an bedrohliche, nicht aber neutrale Bilder zeigten Probanden mit rechtsorientierten politischen Einstellungen einen stärkeren Anstieg der Hautleitfähigkeit im Vergleich zu Probanden mit linksorientierten politischen Einstellungen. Carraro, Castelli und Macchiella (2011) konnten einen ähnlichen Effekt in Bezug auf die Aufmerksamkeitslenkung nachweisen. In ihren Studien wurde die Aufmerksamkeit von konservativen im Vergleich zu liberalen Probanden automatisch stärker auf negative Stimuli (bspw. Ärger, Schmerz, Unfall, Terror) gelenkt, während sich bei positiven Stimuli (bspw. Liebe, Frieden, Sicherheit) kein Einfluss der politischen Ideologie auf die Aufmerksamkeit zeigte. In einer Übersichtsarbeit finden Hibbing, Smith und Alford (2014) konsistente Hinweise auf einen solchen Negativitätsbias bei Personen mit rechtsorientierten politischen Einstellungen im Vergleich zu Personen mit linksorientierten politischen Einstellungen. Neuere Studien liefern zudem erste Hinweise darauf, dass ein solcher Negativitätsbias die Entstehung von Stereotypen und Vorurteilen begünstigt (Castelli & Carraro, 2011; Shook & Fazio, 2009). 4.2 VIII. Politische Ideologien 133 Motivierte Wissenschaftsrezeption Die Kommunikation wissenschaftlicher Theorien und Befunde in die Gesellschaft unterliegt einem Vermittlungsprozess, an dem Wissenschaftler, Medienakteure und Laien beteiligt sind. In den letzten Jahren und Jahrzehnten ist dieser Kommunikationsprozess selbst zunehmend zum Gegenstand sozialwissenschaftlicher Forschung geworden. Grund hierfür ist unter anderem die Beobachtung, dass Laien bei der Verarbeitung von wissenschaftlichen Erkenntnissen häufig nicht unvoreingenommen vorgehen, sondern stattdessen durch den Wunsch geleitet sind, bestehende Einstellungen, Werte und Überzeugungen aufrechtzuerhalten. Im Zusammenhang mit einer solchen selektiven Verarbeitung wissenschaftlicher Evidenz durch Laien sprechen wir von motivierter Wissenschaftsrezeption. So neigen Menschen bei Forschungsergebnissen, die ihren eigenen Werten oder Einstellungen widersprechen, beispielsweise zu der Behauptung, die entsprechende Forschungsfrage entziehe sich der Zugänglichkeit wissenschaftlicher Forschung, das heißt sie könne nicht mithilfe wissenschaftlicher Methoden untersucht werden („scientific impotence excuse“, Munro, 2010). Feygina, Jost und Goldsmith (2010) konnten die motivierte Rezeption wissenschaftlicher Forschung zum Klimawandel in einen Zusammenhang mit politischen Ideologien bringen. Ausgangspunkt ihrer Forschung war der Befund, dass konservative US-Bürger im Vergleich zu liberalen US-Bürgern den wissenschaftlichen Nachweis eines von Menschen verursachten Klimawandels als weniger eindeutig einschätzen (z. B. Gallup, 2013). Die Autoren lieferten empirische Hinweise darauf, dass unter Konservativen eine Leugnung wissenschaftlicher Evidenz für den Klimawandel als Ausdruck existentieller Ängste und Sorgen verstanden werden kann. Diese Annahme wird durch den paradoxen Effekt gestützt, dass Konservative unter dem Eindruck einer Bedrohungssituation (bspw. Klimakatastrophe) ein besonders starkes Bedürfnis nach Sicherheit haben und als Reaktion darauf, im Vergleich zu Liberalen, in stärkerem Maße an bestehenden sozialen und politischen Zuständen und Strukturen festhalten (Jost & van der Toorn, 2012). Entsprechend kann die Leugnung des Klimawandels durch Konservative im Sinne eines Festhaltens an bestehenden (umweltschädlichen) sozialen Zuständen und somit als Ausdruck eines Bedürfnisses nach Sicherheit verstanden werden. Interessanterweise kann dieser motivationale Prozess umgekehrt und zur Förderung umweltschützenden Verhaltens genutzt werden, wenn die Veränderung umweltschädlichen Verhaltens als Instrument zum Schutz und zur Bewahrung gesellschaftlicher Zustände dargestellt wird (Feygina et al., 2010). Auf eine andere Quelle motivierter Wissenschaftsrezeption weist eine Studie von Rothmund, Bender, Nauroth und Gollwitzer (2015) hin, die einen Einfluss politischer Wertorientierungen auf die selektive Suche nach bestätigenden wissenschaftlichen Befunden zeigen konnten. Im Zusammenhang mit der Diskussion um negative Wirkungen gewalthaltiger Videospiele suchen Personen, die sich selbst als Pazifisten beschreiben, verstärkt nach Befunden für die Schädlichkeit gewalthaltiger Bildschirmspiele. Diese Form der motivierten Wissenschaftsrezeption kann als Ausdruck des Wunsches verstanden werden, subjektiv bedeutsame politische Wertüberzeugungen zu bekräftigen und zu verteidigen. Entsprechend ist dieser Effekt dann besonders stark, wenn der Wert der Gewaltfreiheit als bedroht wahrgenommen wird. Politische Ideologien in Deutschland Im Folgenden fassen wir in knapper Form die Hauptbefunde zur Verteilung ideologischer Orientierungen in Deutschland zusammen. Dabei stützen wir uns auf die Ergebnisse repräsentati- 4.3 5. Tobias Rothmund und Kai Arzheimer 134 ver Bevölkerungsumfragen. Außerdem gehen wir auf zwei Forschungsbereiche näher ein, deren Entstehung und Relevanz sich vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte im letzten Jahrhundert erklären lassen: Die deutsche Wiedervereinigung und Rechtsextremismus. Aktuelle Daten zur Situation in Deutschland Seit 1980 findet in Deutschland im Abstand von jeweils zwei Jahren die Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS) statt (Schmitt-Beck, Wasmer, & Koch, 2003). Im Rahmen dieser Befragungen wird unter anderem die ideologische Ausrichtung der Teilnehmer auf einer elfstufigen Skala von 0 (extrem links) bis 10 (extrem rechts) erfasst. Schaut man sich die Ergebnisse der Daten aus dem Jahr 2012 an, so fällt auf, dass der Mittelwert über alle Befragten hinweg geringfügig, jedoch statistisch bedeutsam unter dem Skalenmittelwertwert liegt. Dieses Ergebnis kann so interpretiert werden, dass sich die Bevölkerung in Deutschland im Mittel leicht linksorientiert einschätzt. Eine genauere Analyse der Daten zeigt, dass diese leichte Linksorientierung in den neuen Bundesländern noch etwas stärker ausgeprägt ist als in den alten Bundesländern. Seit den ersten gesamtdeutschen Allbus-Befragungen im Jahr 1991 ist dieser Unterschied zwischen Ost und West stabil. Auf den Vergleich von Ideologien und Werten zwischen den neuen und alten Bundesländern gehen wir im Abschnitt 5.2 genauer ein. Neben der eigenen ideologischen Ausrichtung gelingt Befragten in der Regel auch die Einordnung der Parteien in dieses Links-Rechts Spektrum. Besonders leicht fällt dies naturgemäß im Fall der Partei „DIE LINKE“. Auch die übrigen Parteien werden aber von einem großen Teil der Befragten zumindest der „richtigen“ Hälfte der Links-Rechts-Achse zugeordnet, wie die Auswertung von Daten aus der Längsschnittstudie zur Bundestagswahl 2009 (Rattinger, Roßteutscher, Schmitt-Beck, &Weßels, 2012) zeigt. „Richtig “ bezieht sich dabei auf den Konsens innerhalb der Politikwissenschaft, der wiederum durch die Selbsteinschätzung der Parteimitglieder gestützt ist (Spier, 2011, S. 125). Dabei sind allerdings einige Besonderheiten erkennbar. Erstens streuen die Einschätzungen zur ideologischen Ausrichtung von DIE LINKE, SPD und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN in Westdeutschland stärker als in den neuen Bundesländern, während umgekehrt die ideologische Einordnung von CDU und FDP bei den Westdeutschen etwas einheitlicher ausfällt als bei den Ostdeutschen. Zweitens scheint es bei den kleineren Parteien auch systematische Ost-West-Unterschiede in der Bewertung der Parteien zu geben: So werden, verglichen mit dem Westen, DIE LINKE im Osten als geringfügig „linker“, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und FDP hingegen als deutlicher „rechter“ wahrgenommen. Drittens schließlich wird die SPD in beiden Regionen erstaunlich nahe an der Mitte des Meinungsspektrums platziert, während die FDP tendenziell links der CDU gesehen wird, obwohl sie in der Regel stärker marktliberale (also ökonomisch rechtere) Positionen vertritt. Dem Anspruch, politische Einstellungen, Wertorientierungen und Überzeugungen von Bürgern vollständig abzubilden, kann die Links-Rechts-Skala nicht genügen. Im Laufe der Zeit wurde deshalb eine ganze Reihe von Instrumenten entwickelt, die auf eine differenziertere Bewertung politischer Ideen und Ordnungsprinzipien abzielten. Von besonderer Bedeutung ist dabei die von Kaase und Wildenmann in den 1970er Jahren entwickelte Demokratie-Skala (Kaase, 1971), die in Teilen bei den Allbus-Befragungen verwendet wurde, so dass zumindest für Einzelitems Randverteilungen bekannt sind. Die Ergebnisse zeigen, dass die Zustimmung zu demokratischen Prinzipien seit den 1980er Jahren konstant hoch ist. So stimmen beispielsweise 5.1 VIII. Politische Ideologien 135 jeweils fast 80 Prozent der Aussage zu, dass eine funktionierende Demokratie ohne starke Opposition undenkbar ist und dass jede demokratische Partei die Chance haben sollte, sich an der Regierung zu beteiligen. Ähnlich groß ist der Anteil derjenigen, die glauben, dass die Meinungsfreiheit von Minderheiten gegenüber der Mehrheit geschützt werden müsse und knapp 70 Prozent sehen in der Freiheit, sich an Demonstrationen zu beteiligen, ein wichtiges Bürgerrecht. Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland Für die Politische Psychologie ist die deutsche Vereinigung ein faszinierender Sonderfall: Seit ihren Anfängen geht die Werteforschung davon aus, dass Wertorientierungen das Produkt von primären Sozialisationsprozessen sind, also während einer formativen Phase in der Jugend erworben werden und danach relativ stabil bleiben (vgl. Rippl, Seipel, & Kindervater, Kapitel 5 im vorliegenden Band). In der ehemaligen DDR wurde bekanntlich eine sozialistische Sozialisation forciert. Die Schaffung eines „neuen Menschen“ war das erklärte Ziel von Staat und Partei. In Ostdeutschland lässt sich nun seit 1990 studieren, ob und wie sich die Wertorientierungen und politischen Einstellungen nach einem radikalen Regimewechsel verändern. Dies gilt natürlich auch für die anderen postkommunistischen Staaten. Anders als dort existiert aber in Deutschland mit den Westdeutschen eine Art Vergleichsgruppe, die - bei ansonsten identischen kulturellen und historischen Ausgangsbedingungen - in einem liberaldemokratischen System sozialisiert wurde. Damit kann die deutsche Wiedervereinigung als eine Art Feldexperiment zur Wirkung von Sozialisationsmechanismen betrachtet werden. Mehr als 25 Jahre nach der Wiedervereinigung unterscheiden sich die Einstellungen und Wertorientierungen von Ost- und Westdeutschen immer noch sehr deutlich. Die stärkere allgemeine Linksorientierung wurde bereits angesprochen. Vor allem in den Jahren unmittelbar nach der Wiedervereinigung bestand - nicht zuletzt im Zusammenhang mit den Wahlerfolgen der PDS (Andersen & Zimdars, 2003; Arzheimer & Klein, 1997; Falter & Klein, 1994b; Hough, Koß, & Olson, 2007) - die Sorge, dass es in der ostdeutschen Bevölkerung einen nennenswerten Anteil von Linksextremisten geben könne. Bislang zeigten sich jedoch kaum empirische Hinweise darauf, dass Linksextremismus in Ostdeutschland ein Massenphänomen sein könnte. Stattdessen bestehen bei spezifischeren ideologischen Einstellungen nach wie vor erhebliche Unterschiede. So sehen rund 70 Prozent der ostdeutschen Befragten den Sozialismus als eine gute Idee, die nur schlecht ausgeführt worden sei.3 Entsprechend hoch sind in Ostdeutschland auch die Erwartungen an den Staat, der (noch) stärker als im Westen als Instrument zur Absicherung von Lebensrisiken und zentraler Akteur zur Lösung gesellschaftlicher Probleme gesehen wird (Arzheimer, 2012). Diese persistenten Unterschiede in den Einstellungen und Überzeugungen von Ost- und Westdeutschen haben national wie international großes Interesse geweckt und wurden vor allem in der ersten Dekade nach der Wiedervereinigung sehr intensiv beforscht. Aus Sicht der meisten Autoren ist in Ostdeutschland neben einer teils nostalgisch verklärten Sicht auf das eigene Leben in der DDR (Neller, 2006) eine postsozialistische Alltagsideologie (Lane, 1962) weit verbreitet, die die Unterstützung für demokratische Prinzipien mit einer (nach westdeutschen Maßstäben) recht umfassenden Zuschreibung von Aufgaben an staatliche oder andere öffentliche Institutionen und einer Präferenz für Eingriffe in den Markt 5.2 3 Der Vergleichswert für Westdeutschland ist seit der Wiedervereinigung erkennbar angestiegen und liegt derzeit bei knapp unter 50 Prozent. Tobias Rothmund und Kai Arzheimer 136 verbindet. Fuchs (1996, S. 10) hat dieses Ideal in einem einflussreichen Beitrag als „Modell des Demokratischen Sozialismus“ bezeichnet und ausdrücklich an normative Konzepte aus dem Bereich der Demokratietheorie angebunden. Die in den 1990er Jahren gebräuchliche Gegen- überstellung von „Liberaler Demokratie“ im Westen und „Demokratischem Sozialismus“ im Osten wird in dieser starken Form jedoch heute kaum noch vertreten. Denn erstens zeigt ein Blick etwa nach Skandinavien, dass der „starke Gerechtigkeitsbegriff“, aus dem der Wunsch nach staatlicher Regulation und Redistribution erwächst, kein Spezifikum postsozialistischer Gesellschaften im Allgemeinen und Ostdeutschlands im Besonderen ist. Zweitens verdichten sich in den letzten Jahren die Hinweise darauf, dass die vergleichsweise hohen Ansprüche der Ostdeutschen an den Staat nicht nur eine Folge der sozialistischen Sozialisation sind, sondern zumindest zum Teil auch aus den nach wie vor schlechteren ökonomischen Bedingungen resultieren. Besonders deutlich zeigt sich dies seit Beginn der Wirtschafts- und Staatsschuldenkrise 2008 (Arzheimer, 2012). Etwa seit der Jahrtausendwende hat das wissenschaftliche und publizistische Interesse etwas nachgelassen. Dennoch stehen Ost- und Westdeutsche weiterhin unter sozialwissenschaftlicher Dauerbeobachtung. Mit Hilfe von Studien wie dem Allbus, den nationalen Wahlstudien und dem European Social Survey (seit 2002) lassen sich die Ost-West-Unterschiede sehr engmaschig dokumentieren. Rechtsextremismus in Deutschland Aus historischen Gründen wurde die Verteilung rechtsextremer Ideologiefragmente und Überzeugungen in Deutschland stets besonders genau beobachtet und mit der Wiedervereinigung und der damit verbundenen Sorge vor großdeutschen Phantasien hat sich das Interesse an diesem Thema noch verstärkt (vgl. Seipel et al., Kapitel 9 im vorliegenden Band). Was ist jedoch Rechtsextremismus überhaupt? Die Rechtsextremismusforschung ist ein weites und kaum überschaubares Feld, das psychologische, soziologische, politikwissenschaftliche und kriminologische Zugänge umfasst. Innerhalb der Politischen Psychologie dominiert ein Verständnis von Rechtsextremismus, in dem dieser häufig nicht als Endpunkt der angesprochenen Links- Rechts-Orientierung, sondern vielmehr als eigenständiger Ideologiekomplex definiert wird (z. B. Lipset, 1959). Als definitorische Merkmale einer rechtsextremen Ideologie unterscheidet Heitmeyer (1987) zwischen (a) der Rechtfertigung von Ungleichheit, die Abwertungs- und Ausgrenzungstendenzen gegenüber Fremden einschließt und (b) der grundsätzlichen Akzeptanz von Gewalt als Mittel zur Konfliktregelung. Andere Definitionen (siehe Druwe & Mantino, 1996 sowie Backes, 2003, als hilfreiche und kritische Überblicksdarstellungen) unterscheiden verschiedene Elemente, die als Merkmale oder Aspekte von Rechtsextremismus verstanden werden: – Politischer Autoritarismus und Anti-Pluralismus – Ethnozentrismus, d. h. die Aufwertung der Eigengruppe und die Ablehnung von (ethnisch definierten) Fremdgruppen – Antisemitismus als spezifische Variante des Ethnozentrismus – Verklärung des Nationalsozialismus – Übernahme nationalsozialistischen Gedankengutes Zwar fehlt es nach wie vor an einem allgemein anerkannten (und psychometrisch validen) Instrument zur Messung von Rechtsextremismus. Dennoch hat sich in den vergangenen vier Jahr- 5.3 VIII. Politische Ideologien 137 zehnten ein Pool von Items herausgebildet, die in identischer oder zumindest sehr ähnlicher Form häufiger repliziert worden sind. Dazu zählen u. a. Fragen nach der Beurteilung Hitlers und der Juden, nach der „Überfremdung“ Deutschlands durch Migranten sowie nach der Unterstützung für die Abschaffung der Demokratie und der Übernahme der Macht durch einen „starken Führer“. Ebenfalls häufiger abgefragt wurde in den 1990er Jahren das Verständnis für Anschläge auf Ausländer und Asylbewerber (Falter, 1994; Falter & Klein, 1994a), das der von Heitmeyer benannten Gewaltdimension entspricht. Im Ergebnis hat sich gezeigt, dass eine (vergleichsweise) positive Bewertung des Nationalsozialismus im Wesentlichen auf die älteren Generationen beschränkt ist. So lag beispielsweise im Allbus 1996 und 2006 der Anteil derjenigen Personen, die nach eigenen Angaben keinerlei Scham über die deutschen Verbrechen an den Juden empfinden, bei etwa sechs Prozent. Der klassische auf den Nationalsozialismus bezogene Rechtsextremismus hat demnach in Deutschland nur wenig Anhänger. Dies erklärt die relative Schwäche der deutschen Rechtsparteien, die stark der Vergangenheit verhaftet sind (Kitschelt, 1995). Deutlich weiter verbreitet sind aber ethnozentristische und fremdenfeindliche Einstellungen bis hin zur (verbalen) Unterstützung für fremdenfeindliche Brandanschläge (Rosar 2000, 2001). Diese Einstellungen sind in der Bevölkerung keineswegs zufällig verteilt: Menschen mit geringem Bildungsgrad, aus niedrigeren Schichten und aus Ostdeutschland stimmen den entsprechenden Items deutlich häufiger zu. Allerdings dürften Fragen der sozialen Erwünschtheit hier ebenfalls eine Rolle spielen. Solche fremdenfeindlichen Einstellungen sind in Deutschland (wie auch in den anderen Ländern Westeuropas) ein wichtiger Prädiktor für die Wahl der Parteien am rechten Rand des politischen Spektrums (Arzheimer, 2009b; Arzheimer, Schoen, & Falter, 2001; Lubbers & Scheepers, 2000). Die elektorale Unterstützung für extrem rechte Parteien in Deutschland ist insgesamt niedrig und unterliegt klar ausgeprägten Konjunkturzyklen (Arzheimer et al., 2001; Klein & Falter, 1996). Dies legt den Schluss nahe, dass situative Faktoren hier eine wichtige Rolle spielen (Arzheimer, 2009a) und das Vorliegen fremdenfeindlicher Einstellungen eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für die Wahl der extremen Rechten darstellt. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass Rechtsextremismus in Deutschland keine Rolle mehr spielen würde. So haben zwar klassische rechtsextreme (Jugend)Bünde weitgehend an Bedeutung verloren. Zugleich haben sich mit dem Internet und der damit verbundenen Ausbreitung einer rechten Musikkultur neue Kanäle zur Verbreitung rechter Ideologien erschlossen, die kaum zu kontrollieren bzw. durch die Verwendung von Codes und Symbolen für Außenstehende nur schwer erkennbar sind (Botsch, 2012). Darüber hinaus zeigen die verheerenden Ermittlungspannen im Zusammenhang mit den NSU-Morden und weiteren Gewaltverbrechen mit ideologischem Hintergrund, aber auch das Weiterbestehen von Diskriminierungen im Alltag, dass das Problem des Rechtsextremismus in der Vergangenheit systematisch unterschätzt wurde. Zusammenfassung Die im Eingangszitat von Adorno und Kollegen formulierte Annahme, dass politische Ideologie nicht nur als Folge eines Sozialisierungsprozesses, sondern auch als Ausdruck psychologischer Persönlichkeitsmerkmale verstanden werden muss, erfuhr in den vergangenen sechzig Jahren zunehmend empirische Bestätigung. Seit den 1970er Jahren gibt es Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen der Hinwendung zu politischen Ideologien und grundlegenden psychologischen Dimensionen der Persönlichkeit. Insbesondere eine Korrelation zwischen Links- 6. Tobias Rothmund und Kai Arzheimer 138 orientierung und Offenheit für neue Erfahrungen sowie zwischen Rechtsorientierung und Gewissenhaftigkeit zeigt sich konsistent in empirischen Untersuchungen (Sibley et al., 2012). Seit den 1990er Jahren wurde dieser zuvor rein korrelative Forschungsansatz um Theorien und Befunde zu den zugrundeliegenden psychologischen Kausalprozessen erweitert, die einen Zusammenhang zwischen Persönlichkeit und politischer Ideologie begründen. In Erweiterung des Forschungsansatzes von Adorno und Kollegen lag dabei ein starker Fokus auf der Analyse von motivationalen Strukturen, die Konservatismus psychologisch begünstigen. Sowohl Jost et al. (2009) als auch Duckitt und Sibley (2010) betonen die funktionale Bedeutung existentieller Bedürfnisse nach Sicherheit für die Entstehung und Aufrechterhaltung konservativer politischer Positionen. In den vergangenen zehn Jahren schließlich liegt der Fokus innerhalb dieses Forschungsfelds zunehmend auf den biologischen und genetischen Grundlagen des Zusammenhangs zwischen politischer Ideologie und Persönlichkeit. Obwohl dabei eine Reihe kontroverser theoretischer und methodischer Fragen aufgeworfen werden, kann diese Entwicklung als konsequente Weiterführung der bestehenden Forschungslinie verstanden werden. Daneben zielt eine Vielzahl an Forschungsarbeiten auf die psychologischen Prozesse ab, die politischen Ideologien zugrunde liegen. Vor allem die Untersuchung sozialer Informationsverarbeitungsprozesse lieferte hier bislang vielversprechende Ergebnisse. Beispielhaft haben wir Arbeiten zur Wahrnehmung und Bewertung von Politikern, zu Stressreaktionen im Zusammenhang mit bedrohlichen Informationen sowie zu ideologisch motivierter Wissenschaftsrezeption dargestellt. Die Forschung zu politischen Ideologien in Deutschland war in den vergangenen Jahren geprägt durch zwei Forschungsfragen, die wir im letzten Teil dieses Kapitels thematisierten und die sich vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte im letzten Jahrhundert erklären lassen. Zum einen wurde die Neigung zu rechtsextremen Ideologien innerhalb der deutschen Bevölkerung untersucht. Die Aufmerksamkeit gegenüber rechtsextremen Ideologiefragmenten kann als historische Verpflichtung verstanden werden, die aus der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft erwachsen ist. Zum Zweiten wurde Forschung zu ideologischen Unterschieden zwischen den Menschen in west- und ostdeutschen Bundesländern dargestellt und diskutiert. Als Folge einer über Jahrzehnte andauernden Sozialisation von Menschen in unterschiedlichen politischen Systemen kommt diesem Vergleich eine besondere Bedeutung für das Verständnis politischer Ideologie sowie deren Entstehung und Veränderbarkeit zu. Abschließend bleibt festzuhalten, dass sich die nationale und die internationale Ideologieforschung seit den Arbeiten von Adorno und Kollegen weitestgehend unabhängig und in unterschiedliche Richtungen entwickelt haben. National kann eine stark politikwissenschaftlich geprägte Fokussierung auf historisch gewachsene und für die politische Situation in Deutschland spezifische Fragestellungen festgestellt werden. Gleichzeitig entwickelte sich die Ideologieforschung international zu einem interdisziplinären Forschungsfeld, in dem sich psychologische und politikwissenschaftliche Theorien und Methoden wechselseitig befruchten. Literaturverzeichnis Adorno, T. W., Frenkel-Brunswik, E., Levinson, D. J., & Sanford, R. N. (1950). The authoritarian personality. New York: Harper. Alford, J. R., Funk, C. F., & Hibbing, L. R. (2005). Are political orientations genetically transmitted? American Political Science Review, 99, 153-167. Amodio, D. M., Jost, J. T., Master, S. L., & Yee, C. M. (2007). 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References

Abstract

Political Psychology addresses research questions pertaining to political behaviour by drawing on theories and concepts from Psychology and Social Psychology. Its broad scope of topics includes amongst others the analysis of political elites, in particular their personality, motives and actions, political leadership, foreign policy decision-making, international and ethnic conflicts and conflict resolution, terrorism, collective action, group-based behaviour, political socialization and attitudes, stereotypes and prejudice, voting behaviour, political communication, information processing, media effects and public opinion.

In this introductory handbook, renowned international and German speaking scholars of Political Psychology present and discuss the scope of its topics for the first time in German language.

This introductory volume addresses students and lecturers of Political Psychology, Political Science, Psychology and Social Psychology as well as a general readership that is interested in topics and theories of Political Psychology.

With contributions by

Kai Arzheimer, Daniel Bar-Tal, Klaus Boehnke, Franziska Deutsch, Ofer Feldman, Stanley Feldman, Cornelia Frank, Henrik Gast, Raynee Gutting, Katja Hanke, Sascha Huber, Leonie Huddy, Rajiv S. Jhangiani, Christian Kandler, Angela Kindervater, Bernhard Leidner, Brian Lickel, Jürgen Maier, Michael F. Meffert, Jerrold M. Post, Rainer Riemann, Susanne Rippl, Tobias Rothmund, Christian Seipel, Markus Steinbrecher, Peter Suedfeld, Linda R. Tropp, Soli Vered and Sonja Zmerli.

Zusammenfassung

Politisches Verhalten aus psychologischer bzw. sozialpsychologischer Perspektive zu beantworten, ist Aufgabe der Politischen Psychologie. Ihre Themengebiete umfassen unter anderem die Analyse politischer Eliten, insbesondere deren Persönlichkeit, Motive und Handlungen, politische Führung, außenpolitische Entscheidungsprozesse, internationale und ethnische Konflikte und deren Befriedung, Terrorismus, Bedingungen kollektiven Handelns, Gruppenverhalten, politische Sozialisation und Einstellungen, Stereotype und Vorurteile, Wahlverhalten, politische Kommunikation, Informationsverarbeitung, Medienwirkungen und Öffentliche Meinung.

Renommierte internationale und deutschsprachige Vertreter der Politischen Psychologie stellen in diesem Handbuch die thematische Bandbreite dieser Teildisziplin erstmals in deutscher Sprache vor.

Dieser Einführungsband wendet sich an alle Studierenden und Lehrenden der Politischen Psychologie bzw. der Politikwissenschaft sowie an alle an den Themen und Theorieansätzen der Politischen Psychologie Interessierten.

Mit Beiträgen von

Kai Arzheimer, Daniel Bar-Tal, Klaus Boehnke, Franziska Deutsch, Ofer Feldman, Stanley Feldman, Cornelia Frank, Henrik Gast, Raynee Gutting, Katja Hanke, Sascha Huber, Leonie Huddy, Rajiv S. Jhangiani, Christian Kandler, Angela Kindervater, Bernhard Leidner, Brian Lickel, Jürgen Maier, Michael F. Meffert, Jerrold M. Post, Rainer Riemann, Susanne Rippl, Tobias Rothmund, Christian Seipel, Markus Steinbrecher, Peter Suedfeld, Linda R. Tropp, Soli Vered und Sonja Zmerli.