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Marion Röwekamp, Margarete Berent (1887-1965) und Marie Munk (1885-1978). Pionierinnen im Kampf um gleiche Rechte für Frauen in:

Kritische Justiz (Ed.)

STREITBARE JURISTiNNEN, page 72 - 107

Eine andere Tradition

1. Edition 2016, ISBN print: 978-3-8487-0003-5, ISBN online: 978-3-8452-4449-5, https://doi.org/10.5771/9783845244495-72

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Margarete Berent (1887-1965) und Marie Munk (1885-1978) Pionierinnen im Kampf um gleiche Rechte für Frauen Marion Röwekamp Der Zugang von Frauen zum Rechtsstudium und den Rechtsberufen war ohne jede Frage eine der revolutionärsten Veränderungen in der Geschichte des Kampfes von Frauen um gleiche Rechte. Mit Rechtswissen und akademischer Ausbildung ausgestattet, konnten Juristinnen die Justiz nicht nur von innen verändern, sondern auch ihr Wissen im weiteren Kampf um gleiche Rechte für Frauen nutzen.1 Nach den deutschen Juristinnen, die in der Schweiz studiert hatten, unter ihnen Anita Augspurg, Marie Raschke, Frieda Duensing und Anna Mackenroth, waren Margarete Berent und Marie Munk die ersten Frauen, die in Deutschland Rechtswissenschaft studiert hatten.2 Sie waren nicht nur Pionierinnen im Kampf um den Zugang zu den juristischen Berufen in Deutschland, sondern auch im Streben nach gleichen Rechten für Frauen, insbesondere im Familienrecht, wo sie die Rechtsentwicklung in Deutschland maßgeblich beeinflussten. Gleichwohl sind ihre Namen und Beiträge in der einschlägigen Rechtsgeschichte sowie den Forschungen zur deutschen Frauenbewegung bisher oft unerwähnt geblieben.3 1 Marion Röwekamp, Die ersten deutschen Juristinnen: Eine Geschichte ihrer Professionalisierung und Emanzipation 1900-1945, Köln 2011; Ulrike Schultz/Gisela Shaw, Gender and Judging, Oxford/Portland 2013; Sara L. Kimble/Marion Röwekamp, New Perspectives on European Women’s Legal History (1860-1960), New York 2016. 2 Zu all diesen Juristinnen mit weiteren Literaturhinweisen: Marion Röwekamp, Juristinnen. Lexikon zu Leben und Werk, Baden-Baden 2005, 20-23; 318-320; 82-85; 228-231 sowie die Beiträge im vorliegenden Band. 3 Siehe z.B. längere biographische Beiträge: Sibylle Quack, Berent, Margarete in: Dick/Sassenberg (Hg.), Jüdische Frauen im 19. und 20. Jahrhundert. Lexikon zu Leben und Werk, Hamburg 1993, 53-55; Hiltrud Häntzschel, Eine neue Form der Bindung und Freiheit. Die Juristin Margarete Berent (1887-1965), in: Häntzschel/ Bußmann, Bedrohlich gescheit. Ein Jahrhundert Frauen und Wissenschaft in Bayern, München 1997, S. 231-235; Gudrun Maierhof, Selbstbehauptung im Cha- 73 Die Biographien von Munk und Berent sind hier in einem Doppelportrait dargestellt, weil sich beide Juristinnen zeitgleich für die gleichen Ziele einsetzten, sie häufig gar Hand in Hand führten und deshalb der historische, soziale und politische Kontext so ähnlich ist, dass im Falle der Einzelportraits viele Doppelungen in der Kontextualisierung ihrer Reformbemühungen stattgefunden hätten. Mit dieser eher technischen Entscheidung fallen aber auch Vorteile zusammen. Mit dem Doppelportrait lässt sich unmittelbar vergleichen, wie gleiche Startbedingungen bei zwei außergewöhnlichen Frauen, die aus ähnlichem sozialen Hintergrund stammten, zu verschiedenen Lebensentscheidungen führten. Tatsächlich teilen die Karrieren und Biographien der beiden Juristinnen überwiegend Gemeinsamkeiten, sind aber auch von interessanten Unterschieden geprägt. Während Munk Richterin war, war Berent Anwältin; sie erhielten so verschiedene Perspektiven von der Justiz der Weimarer Zeit. Es unterschied sich aber besonders ihr Umgang mit ihrer jüdischen Herkunft sowie ihre Reaktionen auf das Jahr 1933. Beide wurden aufgrund des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Deutschen Berufsbeamtentums“ aus den von ihnen so hart erkämpften Berufen entlassen. Während Marie Munk, die als Kind bereits protestantisch getauft wurde, unmittelbar 1933 ins Exil in die USA ging, wandte sich Margarete Berent noch einmal verstärkt ihren jüdischen Wurzeln zu und konnte erst 1939 im letzten Moment Deutschland und ihre Arbeit für die jüdische Gemeinde verlassen, um ihr Leben zu retten. Beide lebten anschließend in den USA und beiden gelang es, in den USA noch einmal als Juristinnen zu arbeiten und sich eine neue Lebensgrundlage zu schaffen. Dieser Beitrag möchte die individuellen Lebensentscheidungen und Kämpfe der zwei Juristinnen in den breiteren Kontext der politischen, soos: Frauen in der jüdischen Selbsthilfe 1933-1943, Frankfurt/Main 2002, 92-97; Peter Reinicke, Margarete Berent. Eine frühe Rechtsanwältin in Deutschland (1887-1965), in: Hering (Hg.), Jüdische Wohlfahrt im Spiegel von Biographien, Frankfurt/Main 2007, 74-83; ders., Berent, Margarete, in: Who is Who in der Sozialen Arbeit, hg. von Hugo Maier, Freiburg 1998, 76 f.; Claudia Huerkamp, Bildungsbürgerinnen. Frauen in Studien und akademischen Berufen, 1900-1945, Göttingen 1996; Marion Röwekamp, Marie Munk. Rechtsanwältin – Richterin – Rechtsreformerin, Berlin 2014; dies., Doing gender, doing law, doing biography: Marie Munk (1885-1978), in: BIOS 23/2010 1, 99-113; dies., Marie Munk (1885-1978). Führende Rechtspolitikerin der Weimarer Republik und „Frau ohne Land“, in: Recht und Politik 2/2011, 1-4; Erika Scheffen, Marie Munk, in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 18, Berlin 1997, 595-597. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 74 zialen und historischen Hintergründe einordnen, um so zu zeigen, dass auch die vermeintlich nicht so wichtigen Leben politischen Einfluss gewinnen und den Kurs der größeren Geschichte und sozialen Entwicklungen beeinflussen können. Dass die Biographien von großen Juristen eine Rolle spielen,4 ist selbstverständlich, dass aber auch Juristinnen den Gang der Rechtsgeschichte prägten, ist eine neuere Erkenntnis. Marie Munk und Margarete Berent haben nicht nur die Rechtsprofessionen in Deutschland geprägt, weil sie die Öffnung von Justizämtern für Frauen erkämpften, sondern haben mit ihrer Teilnahme an den Reformdebatten der Weimarer Zeit insbesondere das Familienrecht von heute geprägt. Sie waren „streitbare Juristinnen.“ Pionierinnen im Kampf um gleiche Rechte von Frauen schlechthin. Der Beitrag beruht überwiegend auf Archivstudien im Leo Baeck Institut New York, das Sammlungen zu beiden Juristinnen hat, dem Helene Lange Archiv des Landesarchivs Berlin sowie der Sophia Smith Collection des Smith College sowie veröffentlichtem Material aus Medien der Frauenbewegung sowie der juristischen Fachzeitschriften. Wenn es nicht gesondert zitiert wird, beruhen die biographischen Informationen auf den beiden unveröffentlichten Memoiren Munks aus dem Landesarchiv Berlin oder dem Smith College sowie der Margarete Berent Collection in Leo Baeck Institut.5 Der Aufbau des Beitrags folgt im Wesentlichen chronologisch den Lebens- und Arbeitsschwerpunkten der beiden Juristinnen und ist durch das Exil in den USA in zwei Lebensstationen aufgeteilt, wobei der Schwerpunkt auf deren erster Lebenshälfte in Deutschland liegt. 4 Michael Stolleis (Hg.), Juristen: ein biographisches Lexikon. Von der Antike bis zum 20. Jahrhundert, München 2001. 5 Marie Munk, Memoirs. 1961, Marie Munk Papers, Leo Baeck Institute, NYC; auch in Marie Munk (Nachlass), Landesarchiv Berlin, Helene Lange Archiv, B Rep. 235-12; Marie Munk, Reminiscences of a Pioneer Woman Judge in Pre-Hitler Germany: The Rise and Fall of German Feminism, 1942, Marie Munk Collection, Sophia Smith Collection, Smith College, Northampton, MA. Box 10, Folder 2; Margarete Berent Collection (MBC), 19-6-1965, AR 2861/AR 2862/MF 592, Leo Baeck Institute, NYC. Margarete Berent (1887-1965) und Marie Munk (1885-1978) 75 Deutschland Herkunft, Schule und Studium Marie Munk und Margarete Berent stammten beide aus wohlhabenden Berliner bildungsbürgerlichen Familien mit jüdischen Hintergrund. Munk kam 1885 als drittes und jüngstes Kind des Landgerichtsdirektors Wilhelm Munk und seiner Frau Paula, geb. Joseph, auf die Welt. Der Vater stammte aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Posen und war der erste in der Familie, der eine akademische Laufbahn, die des Juristen, einschlug und eine steile Karriere machte. Weil er trotz des „Gesetzes, betreffend die Gleichberechtigung der Konfessionen in bürgerlicher und staatsbürgerlicher Beziehung“ von 1869 als Jude nicht an das Reichsverwaltungsgericht berufen werden konnte, entschloss er sich, die gesamte Familie taufen zu lassen. So wurde Marie Munk 1885 protestantisch getauft. Bei den Großeltern wurden dagegen die jüdischen Feste gefeiert, so dass die Munkschen Kinder selbstverständlich mit beiden Religionen aufwuchsen, wobei Marie Munk sich zeitlebens der protestantischen zugehörig fühlte. In einer liberalen, elitären, großbürgerlichen Umgebung mit jüdischer Familientradition aufwachsend, war sie eine typische akkulturierte Jüdin ihrer Zeit. Sie identifizierte sich möglicherweise weniger mit der Religion selbst als mit dem, wofür sie stand, nämlich gleichberechtigte bürgerliche Teilhabe, Kultur und Patriotismus. Während Letzteres auch für Margarete Berent galt, wuchs sie aber in einem intakten jüdischen Familienumfeld auf. Sie wurde im Juli 1887 als Tochter von Max und Natalie Berent geboren und wuchs mit ihrem Bruder Hans in einem ebenfalls wohlhabenden bildungsbürgerlichen Berliner Umfeld auf. Tatsächlich wurde in beiden Familien großer Wert auf Bildung und Kultur gelegt.6 Sowohl Munk als auch Berent erhielten neben dem Besuch von privaten höheren Mädchenschulen, die bereits auf den Erwerb von „weiblichen“ Fähigkeiten wie Haushalten, Tanzen, Handarbeiten und Kultur ausgerichtet waren, noch privaten Sprach- und Musikunterricht. Wäh- 1. 1.1. 6 Marion Kaplan, The Making of the Jewish Middle Class. Women, Family, and Identity in Imperial Germany, Oxford 1991; dies., Geschichte des jüdischen Alltags in Deutschland. Vom 17. Jahrhundert bis 1945, München 2003; Simone Lässig, Jüdische Wege ins Bürgertum. Kulturelles Kapital und sozialer Aufstieg im 19. Jahrhundert, Göttingen 2004. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 76 rend Munk die Schule Lucie Crains besuchte, an der auch Helene Lange gearbeitet hatte, ging Berent auf die höhere Mädchenschule von Julie Kollmorgen. Während Berent nach ihrem Schulabschluss ein Lehrerinnenseminar besuchte, das sie im Oktober 1906 mit dem Erwerb des Lehrerinnenexamens für mittlere und höhere Mädchenschulen beendete und im Anschluss an ihrer alten Schule vier Jahre als Lehrerin arbeitete, war Munk sich unsicher, was sie mit ihrem Leben anfangen sollte. Sie wollte keine typische höhere Tochter werden, die sich lediglich die Zeit bis zur Hochzeit vertrieb: „Ich war darauf bedacht, etwas zu lernen, dass es mir ermöglichen würde, auf meinen eigenen Füssen zu stehen, wenn es nötig werden sollte“, schrieb sie in ihren unveröffentlichten Memoiren. „Selbst wenn mir bewusst gewesen wäre, dass es meinen Eltern finanziell gut ging, so dass ich finanziell komplett unabhängig hätte sein können, war ich bestrebt, meinem Leben einen Sinn zu geben.“7 Gleichzeitig wollte sie aber kein Blaustrumpf und auch keine Lehrerin werden. So entschied sie sich erst einmal für eine Kindergärtnerinnen-Ausbildung am Pestalozzi-Fröbel Haus und arbeitete im Anschluss als Volontärin in den Frauen- und Mädchengruppen für soziale Hilfsarbeit, die zu diesem Zeitpunkt bereits von Alice Salomon geleitet wurden.8 Sowohl Marie Munk als auch Margarete Berent realisierten aber mit der Zeit, dass der Lehrerinnen- respektive der Kindergärtnerinnenberuf sie aus verschiedenen Gründen nicht ausfüllte. Beide wollten mehr, beide nahmen an, dass sie mit einem Studium tiefer in die Fragen Einsicht nehmen konnten, die sie bewegten. Beide entschlossen sich deshalb, das Abitur abzulegen. 7 Marie Munk, Autobiographie, Kap. III, 1, LA Berlin B Rep. 235-12, Fiche 3505, Übersetzung durch Autorin, Originale in Englisch. 8 Jahresberichte der Mädchen- und Frauen-Gruppen für soziale Hilfsarbeit zu Berlin, Alice Salomon Archiv der Alice Salomon Fachhochschule (ASFH) Berlin. Siehe dazu Christoph Sachße, Mütterlichkeit als Beruf. Sozialarbeit, Sozialreform und Frauenbewegung 1871 bis 1929. Einheim u.a. 2003, 103-111; Iris Schröder, Arbeit für eine bessere Welt. Frauenbewegung und Sozialreform 1890-1914, Frankfurt/Main 2001, 82-91. Margarete Berent (1887-1965) und Marie Munk (1885-1978) 77 Dies war noch in den 1890er Jahren kein leichtes Vorhaben.9 Neben den 1893 von Helene Lange gegründeten Gymnasialkursen für Frauen gab es nur die Möglichkeit, sich privat auf das Abitur vorzubereiten. In beiden Fällen mussten die Prüfungen allerdings in Jungenschulen abgelegt werden. Marie Munk bereitete sich gemeinsam mit einer Freundin privat auf das Abitur vor, das sie 1907 bestand. Margarete Berent hatte dagegen die Frauengymnasialkurse Langes gewählt, die sie Ende Juni 1910 abschloss, um drei Monate später, im Oktober 1910, das Abitur zu bestehen. Munk schrieb sich gleich zum Sommersemester 1907 als Gasthörerin an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät in Berlin ein und wechselte ein Jahr später an die juristische Fakultät der Universität Freiburg, wo sie bereits als reguläre Studentin studieren konnte, weil die badischen Universitäten ihre Tore schon 1900 für Frauen geöffnet hatten. Pünktlich zur Öffnung der preußischen Universitäten für Frauen im Wintersemester 1908/09 wechselte sie an die Universität Bonn und war damit die ersten Jurastudentin Preußens. Preußen hatte unter anderem deshalb so lange gezögert, Frauen zum Studium zuzulassen, weil man sich unsicher war, wie man Frauen von der Teilnahme an den juristischen Staatsexamina abhalten sollte. Man wollte ihnen die klassischen juristischen Berufe nicht öffnen, so dass man sich darauf einigte, Frauen zwar zum Jurastudium zuzulassen, aber ihnen nur die Ablegung eines Doktortitels zu gestatten.10 Berent konnte sich also nach ihrem Abitur 1910 gleich zum kommenden Wintersemester an der Berliner Universität für Jura einschreiben. Die Zahl der Recht studierenden Frauen war und blieb gering. Die meisten Frauen schrieben sich an der philosophischen oder der medizinischen Fakultät ein, während der Anteil der Jurastudentinnen von 0,2% im Wintersemester 1908/09 auf 2,6% im WS 1919/20 und auf ein Maximum von 6,1% im WS 1932/33 stieg, bis die jüdischen Studentinnen 1933 graduell 9 James Albisetti, Schooling German girls and women: secondary and higher education in the nineteenth century, Princeton 1988; Elke Kleinau/Claudia Opitz (Hg.), Geschichte der Mädchen- und Frauenbildung, Frankfurt, Main/New York 1996; Huerkamp (Fn. 3), 45-74; Juliane Jacobi, Mädchen- und Frauenbildung in Europa. Von 1500 bis zur Gegenwart, Frankfurt/New York 2013. 10 Zum Frauenstudium siehe z.B. Huerkamp (Fn. 3), 45-127; Patricia Mazón, Gender and the modern research university: the admission of women to German higher education, 1865-1914, Stanford 2003. Zum Frauenjurastudium siehe Huerkamp (Fn. 3), 109-113; Röwekamp (Fn. 2), 25-179; James Albisetti, Schooling German girls and women: secondary and higher education in the nineteenth century, Princeton 1988. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 78 vom Studium ausgeschlossen wurden.11 Jurastudentinnen waren oft damit konfrontiert, dass sie die einzige Frau im Semester war. Vielfach sind auch die Berichte von Füße scharren und Ausbuhen durch die Mitkommilitonen. Marie Munk dagegen beschrieb Vor- und Nachteile. Auch sie kannte feindliches Verhalten der Studenten, aber überwiegend erlebte sie die Professoren als neugierig und zuvorkommend. Nach einem weiteren Studienortswechsel nach Heidelberg promovierte sie dort 1911 mit einer Doktorarbeit über ein Thema zwischen dem Zivil- und Strafrecht.12 Margarete Berent dachte dagegen schon einen Schritt weiter: sie wollte die erste juristische Staatsprüfung ablegen, während Marie Munk von Bekannten ihres Vaters geraten worden war, sich gar nicht erst zu bewerben, um keinen unliebsamen Präzedenzfall zu schaffen, der das Ministerium gegen weibliche Kandidaten hätte einnehmen können. Berent versucht es allerdings, ihr Gesuch um Zulassung lehnte das preußische Justizministerium im März 1912 umgehend ab.13 Im Königreich Bayern war es Frauen dagegen möglich, das erste Staatsexamen abzulegen, von den bayerischen Universitäten wiederum galt Erlangen als die erstrebenswerteste, da die lateinischen Prüfungen für Frauen, die in der Regel keine volle jahrelange Ausbildung in den alten Sprachen hatten, nicht so schwer waren wie etwa in München oder Berlin. So ging Margarete Berent an die Universität Erlangen und bestand dort im Oktober 1913 zuerst die sogenannte „Juristische Zwischenprüfung“ und promovierte im November 1913 schließlich mit einer Arbeit über „Die Zugewinnstgemeinschaft der Ehegatten,“ von der später noch genauer die Rede sein wird.14 11 Röwekamp (Fn. 2), 99-111. 12 Marie Munk, Die widerrechtliche Drohung des § 123 BGB in ihrem Verhältnis zu Erpressung und Nötigung, Iur. Diss. Bonn 1911. 13 Margarete Berent an Preußisches Ministerium der Justiz am 22.2.1912, Antwort: Bl. 17, 1.3.1912, Geheimes Preußisches Staatsarchiv, Rep 84 a Nr. 579 B, 1-63, Fiche 12980, 16-17. 14 Margarete Berent, Die Zugewinnstgemeinschaft der Ehegatten, Breslau 1915; Hiltrud Häntzschel, Justitia – eine Frau? Bayerische Positionen einer Geschlechterdebatte, in: dies./Bußmann (Hg.), Bedrohlich Gescheit. Ein Jahrhundert Frauen in der Wissenschaft in Bayern, München 1997, 194-213. Margarete Berent (1887-1965) und Marie Munk (1885-1978) 79 1.2. Doktorinnen des Rechts und ihr Kampf um die Zulassung zu den Rechtsberufen Erste Berufstätigkeit Nach Vollendung der Dissertation standen Marie Munk und Margarete Berent genau wie die wenigen anderen promovierten Juristinnen vor dem Problem, eine Stelle zu finden, die ihrer Ausbildung entsprach. Beide entschlossen sich, erst einmal praktische juristische Berufserfahrung zu sammeln. Berent begann als juristische Hilfsarbeiterin in der Kanzlei von Verwandten, der Justizräte Berent und Dr. Gabriel in Berlin, Munk in der Kanzlei „Schmidt und Leyedecker“ in Bonn zu arbeiten. Während Letztere gleichzeitig noch einmal an der volkswissenschaftlichen Fakultät eingeschrieben war, um eventuell noch einen zweiten Abschluss zu machen, übernahm Berent parallel zu der Arbeit in der Kanzlei einen Teil der Beratungstätigkeit an der Charlottenburger Rechtsschutzstelle für Frauen. Auch Munk begann im September 1912, als Vizeleiterin der Rechtsschutzstelle für Frauen in München zu arbeiten. Die Frauenrechtsschutzstellen waren 1893/94 vom Bund deutscher Frauenvereine (BDF) in Dresden und später in 21 anderen Städten eingerichtet worden. Sie waren Selbsthilfeprojekte mit dem Ziel der Aufklärung, Beratung und Hilfe in Rechtsfragen. Ihre Gründung ging Hand in Hand mit den Kodifikationsbemühungen des neuen Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB), das Frauen vor allem im Familienrecht eine weitaus schlechtere Stellung einräumte, als es z.B. bereits das Preußische Allgemeine Landrecht getan hatte. Die Frauenbewegung hatte sich mit großem Aufwand an dem Protest gegen das BGB beteiligt, war aber in ihren Bemühungen enttäuscht worden.15 Die rechtliche, ökonomische und soziale Abhängigkeit, insbesondere der Ehefrauen, war nun in dem vereinheitlichten Ehe- und Familienrecht festgeschrieben, wie die Frauenrechtlerinnen Marie Raschke und Sera Proelß es beschrieben: die Form der Paragraphen sei zwar höflicher geworden, aber der Inhalt lasse sich zusammenfassen 1.2.1. 15 Ute Gerhard, Unerhört: die Geschichte der deutschen Frauenbewegung, Hamburg 1990; dies., Gleichheit ohne Angleichung: Frauen im Recht, München 1990; Tanja-Carina Riedel, Gleiches Recht für Mann und Frau. Die bürgerliche Frauenbewegung und die Entstehung des BGB, Köln 2008. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 80 auf „Er soll dein Herr sein.“16 Die Idee der Gründerinnen des Frauenrechtsschutzes, Marie Stritt, und der Gründerin des Vereins der Rechtsschutzstelle für Frauen, Margarete Bennewiz, war es, dass Rechtsschutzstellen Frauen, vor allem mittellose Frauen, darin unterstützen sollten, über die wenigen Rechte, die sie hatten, informiert zu sein, um sie so weit wie möglich auch erstreiten zu können.17 Hier kamen Berent und Munk in Kontakt mit den unterschiedlichsten rechtlichen Fragen, die ihnen bewusst machten, wie wichtig der weitergehende Kampf um Reformbestrebungen im Zivilrecht, aber auch in anderen Rechtsgebieten wie dem Arbeits- und Sozialrecht, für Frauen war. Spätestens hier wurden sie für die Notwendigkeit des Kampfes um gleiche Rechte für Frauen sensibilisiert, und der Samen für ihre weiteren Tätigkeiten in diesen Gebieten gelegt. Von den ersten akademisch ausgebildeten Juristinnen erhoffte sich die Frauenbewegung den Ausbau und die Professionalisierung der Rechtsschutzstellen sowie Hilfe im Kampf um das Familienrecht des BGB. Die Juristinnen, formulierte Auguste Schmidt 1900, „müßten uns Mittel und Wege angeben, wie dieser Kampf zu führen ist, ja sie könnten die Rufer im Streit, die Führer im Kampf sein. [...] so könnten wir, geleitet und belehrt von klugen Juristinnen, aus unserer abwartenden Stellung hervorgehen und unsere juristischen Gegner mit den fein geschliffenen Waffen ihrer eigenen Wissenschaft angreifen.“18 Anders als erwartet führte die Hoffnung vom Einsatz professioneller Kräfte aber auch zu Konflikten wie in dem Fall von Marie Munk und der Leiterin der Münchner Rechtsschutzstelle Sophia Goudstikker, weil die autodidaktisch gebildeten Frauenrechtlerinnen nur ungern den Rat der jüngeren Kolleginnen annahmen und sie oft für arrogant und im Umgang mit den Klientinnen für mensch- 16 Sera Proelß, Marie Raschke, Die Frau im neuen bürgerlichen Gesetzbuch. Eine Beleuchtung und Gegenüberstellung der Paragraphen des Entwurfs eines Bürgerlichen Gesetzbuchs für das Deutsche Reich (2. Lesung) nebst Vorschlägen zur Änderung derselben im Interesse der Frauen, Berlin 1895, I, 5. 17 Marie Stritt, Rechtsschutz für Frauen, in: Lange/Bäumer (Hg.), Handbuch der Frauenbewegung, 2. Teil: Frauenbewegung und soziale Frauenthätigkeit in Deutschland nach Einzelgebieten, Berlin 1901, 123-133; Beatrix Geisel, Klasse, Geschlecht und Recht: eine vergleichende sozialhistorische Untersuchung der Rechtsberatungspraxis von Frauen- und Arbeiterbewegung (1894-1933), Baden- Baden 1997. 18 Auguste Schmidt, Juristinnen, in: Neue Bahnen 25 (1900), 32-33. Margarete Berent (1887-1965) und Marie Munk (1885-1978) 81 lich ungeschickt hielten.19 Gleichzeitig war die bescheidene Haushaltslage der Rechtsschutzstellen ein Grund, warum die Juristinnen dort nicht langfristig blieben, sie konnten ihren Lebensunterhalt damit schlicht nicht bestreiten. Margarete Berent wechselte deshalb im Juni 1914 als Leiterin der Adoptionsabteilung an die Deutsche Zentrale für Jugendfürsorge. Marie Munk wiederum arbeitete daneben noch als Dozentin für „Rechtskunde“ an der Münchner Städtischen Frauenschule und am Institut für soziale Arbeit, um über die Runden zu kommen. Doch dann brach der Erste Weltkrieg aus und damit veränderte sich alles. Der BDF entschloss sich, die Kriegsbemühungen des Deutschen Reichs zu unterstützen.20 Margarete Berent und Marie Munk stellten sich ebenfalls freiwillig zur Verfügung. Berent in der freiwilligen Kriegsfürsorge und Munk beim Bayerischen Roten Kreuz, wo sie die Verteilung von Bettzeug, Kleidern und Uniformen organisierte. Der Krieg hatte aber insofern einen Vorteil für die Juristinnen, als dass die Juristen zum Kriegsdienst eingezogen wurden, und damit eine Reihe von Stellen frei wurden, für die händeringend kompetenter juristischer Ersatz gesucht wurde. So arbeitete Berent 1915 für zwei Jahre als juristische Hilfsarbeiterin und Dezernentin im juristischen Büro der Allgemeinen Electrizitäts-Gesellschaft in Berlin. Von dort wechselte sie im April 1917 zum Zweckverband Groß-Berlin. Munk war nach einer krankheitsbedingten Pause ab März 1917 als juristische Hilfsarbeiterin bei Hans Muthesius im Magistrat Berlin-Schöneberg tätig, wo sie in verschiedenen Dezernaten eingesetzt wurde. Doch mit dem Kriegsende endete diese Phase, und die Juristinnen waren wieder auf ihre alten Tätigkeitsfelder beschränkt. Margarete Berent beklagte, dass der Versuch „die fehlende juristische offizielle juristische Ausbildung zu ersetzen, eine Betätigungsmöglichkeit zu erreichen und sich zu erhalten, einen unverhältnismäßigen Aufwand an Mut und Kraft“ erforderte, die allerdings „verbraucht werden, ehe es zur ei- 19 Beatrix Geisel, „Alle Juristinnen haben ihre Stellung der Frauenbewegung zu verdanken!“ Dem langen Kampf um die Robe der Frau folgte der noch immer nicht beendete Streit um die Gleichberechtigung, in: Ariadne 30 (1996), 52-60. 20 Marie-Elisabeth Lüders, Das unbekannte Heer. Frauen kämpfen für Deutschland, 1914-1928, Berlin 1936; Barbara Guttmann, Weibliche Heimarmee: 1914-1918, Weinheim 1989; Sabine Hering, Die Kriegsgewinnlerinnen. Praxis und Ideologie der deutschen Frauenbewegung im Ersten Weltkrieg, Pfaffenweiler 1990. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 82 gentlichen Berufsausübung kommt.“21 Die promovierten Juristinnen waren dieser Situation müde und wollten endlich in den Berufen arbeiten, für die sie studiert hatten. Der Kampf um die Zulassung Nur wenige zeigten Verständnis für dieses Ansinnen; selbst die Frauenbewegung hatte die Einsicht und die Bedeutung des Rechts als Teil der Frauenfrage erst wirklich im Kontext der Kodifikation des BGB begriffen. Bisher hatte man die Bildungsfrage für entscheidender gehalten, zwar gab es einige frühe Initiativen von Louise Otto und dem Allgemeinen Deutschen Frauenverein (ADF) in den 1870er Jahren, doch erst der linke Flügel, vor allem unter Anita Augspurg und Minna Cauer mit ihrem neuen Slogan „Die Frauenfrage ist Rechtsfrage“, öffnete eine breitere Einsicht in die Notwendigkeit von Recht für den Kampf um gleiche Rechte.22 Auguste Schmidt, Vorsitzende des ADF, beschrieb, warum die Unterstützung der Frauenbewegung für Frauen als Juristinnen schwach gewesen war. „Wir selbst waren davon überzeugt, daß das Amt des Geistlichen und Juristen auch von Frauen in befriedigender Weise ausgefüllt werden könnte, aber wir wußten, dass diese Anschauungen für nicht vereinbar mit dem gesunden Menschenverstand gehalten werden würden, und wir schwiegen deshalb.“23 Offenbar war die Gesellschaft des Kaiserreichs für diese Forderung noch nicht bereit. Erst 1912 mit dem Aufkommen der Forderung der Frauenbewegung um die Zulassung von Frauen zum Schöffenamt, einem ehrenamtlichen juristischen öffentlichen Amt, forderte sie quasi im Nebensatz auch Berufsjuristinnen. Es fanden einige öffentliche Veranstaltungen statt, die diesen Forderungen Nachdruck verleihen sollten. In diesem Zusammenhang schlossen sich Margarete Berent, Marie Munk mit einer anderen Berliner Juristin, Margarete Mühsam-Edelheim, zusammen, um 1914 den Deutschen 1.2.2. 21 Margarete Berent, Die Zulassung von Frauen zu den juristischen Berufen, in: Die Frau 27 (1919/20), 332-334, 332; Erna von Langsdorff, Die Berufsaussichten der Juristin in Deutschland, in: Die Frau 20 (1912/13), 603-609, 603. 22 Anita Augspurg, Gebt acht, solange noch Zeit ist!, in: Die Frauenbewegung 1 (1895), 4-5; Christiane Berneike, Die Frauenfrage ist Rechtsfrage. Die Juristinnen der deutschen Frauenbewegung um das Bürgerliche Gesetzbuch, Baden-Baden 1995. 23 Schmidt (Fn. 18), 32. Margarete Berent (1887-1965) und Marie Munk (1885-1978) 83 Juristinnen-Verein, e.V. (DJV), zu gründen. Er sollte sich vor allem um die allgemeine Zulassung zu den juristischen Examina und Berufen kümmern sowie Frauen im Kampf um gleiche Rechte unterstützen. Bei der Gründung des DJV war Margarete Berent Schriftführerin, spätestens 1921 hatte sie den 1. Vorsitz übernommen, den sie im März 1933 kurz vor der Selbstauflösung des Vereins niederlegte. Marie Munk fungierte all diese Jahre als zweite Vorsitzende. Der DJV blieb über all die Jahre klein, war aber äußerst einflussreich in seinen beiden oben formulierten Anliegen.24 Die entscheidende Wende für die Sache der Juristinnen kam mit der Revolution von 1918/19, die zusätzlich zum Frauenwahlrecht auch mit den Artikeln 109 und 128 die formelle Gleichberechtigung für Frauen in der Weimarer Reichsverfassung (WRV) brachte. Obwohl die unmittelbare Wirkung der Verfassung gering war, war mit der Formulierung ein Gleichheitsideal in die Nähe gerückt und bot neue rechtliche, politische und moralische Argumente im Kampf um die Zulassung zu den juristischen Berufen. Mit der Erlangung des Wahlrechts waren die Frauen nicht mehr auf rechtsmittellose Petitionen angewiesen, sondern konnten ihre Belange entweder über den Petitionsausschuss, aber auch über die weiblichen Abgeordneten sowie den Anliegen positiv gegenüberstehenden Fraktionen unmittelbar in die Gesetzgebungsorgane einbringen. Die Koordination der Anliegen des DJV mit dem BDF und den weiblichen Reichs- und Landtagsabgeordneten sowie den Fraktionen von DDP und SPD führte in den folgenden Jahren schrittweise zum Erfolg.25 Zulassungsbefürworter argumentierten in der Regel, dass Frauen einerseits „von einer höheren moralischen Sittlichkeit“ waren, die sie für die 24 Zum Deutschen Juristinnen-Verein siehe Röwekamp (Fn. 2), 546-552. 25 Stefan Bajohr/Katrin Rödiger-Bajohr, Die Diskriminierung der Juristin in Deutschland bis 1945, in: Kritische Justiz 13 (1980), 39-50; Deutscher Juristinnenbund (Hg.), Juristinnen in Deutschland. Die Zeit von 1900-1998, Baden-Baden 2003; Oda Cordes, Die Frau als Organ der Rechtspflege? Über die historisch wichtigsten Stationen der Zulassung von Frauen in der deutschen Rechtspflege, in: Meder u.a. (Hg.), Frauenrecht und Rechtsgeschichte. Die Rechtskämpfe der deutschen Frauenbewegung, Köln u.a. 2006, 279-301; Barbara Dölemeyer, Die Zulassung von Frauen zur Rechtsanwaltschaft und ihr Ausschluß in der NS- Zeit, in: Ascheri u.a. (Hg.), „Ins Wasser geworfen und Ozeane durchquert.“ Festschrift für Knut Wolfgang Nörr, Köln 2003, 151-164; Sibylla Flügge, Der lange Weg in die Gerichte. Von der Männlichkeit des Staates und vom Ende holder Weiblichkeit, in: streit 4/84, 149-153; Häntzschel (Fn. 14), 194-213; Huerkamp (Fn. 3), 274-281; Röwekamp (Fn. 2), 180-366. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 84 Justiz ebenso geeignet machen würde wie Männer, aber auch damit, dass Frauen Rechtsanwältinnen bräuchten, um sich ihren Vertretern einerseits richtig öffnen zu können und andererseits vor Gericht auch wirklich zu ihrem Recht zu kommen. Zulassungsgegner beriefen sich schlicht auf die angeblich bestehende rechtliche Situation, die es Frauen nicht gestatte, an den Examen teilzunehmen: die Formulierung „Person“ wurde in den Gesetzen dahingehend gedeutet, dass darunter nur Männer fielen. Nach 1918 drehte sich der Wind für die Zulassungsgegner: Nachdem Frauen in der Verfassung nun „prinzipiell“ gleichgestellt worden waren, es sei denn, eine unterschiedliche Behandlung sei gerechtfertigt, drehte sich die Debatte nun um die Frage, ob die „andere Natur der Frau“ eine unterschiedliche Behandlung gestattete. Zulassungsgegner, unter ihnen vor allem Juristen, übertrafen sich darin, die Gründe, die in der angeblich anderen Natur der Frau lagen, dafür anzuführen, warum Frauen auf keinen Fall in der Justiz tätig werden könnten. Die Argumente reichten von der geringeren körperlichen Kraft der Frau für das schwere Amt, ihres kleineren Hirns, ihrer von Natur aus überstarken Emotionalität, die zu fehlender Rationalität und Objektivität führe, über gesellschaftspolitische Gründe, die die Frau von ihrer eigentlichen Berufung als Frau und Mutter löse, bis zu einem angekündigten Untergang der Rechtspflege, ja des Staats, sollten Frauen in der Justiz tätig werden. Weil in Deutschland die juristische Ausbildung anders als in den meisten anderen westlichen Ländern als einheitliche Ausbildung für alle juristischen Berufe ausgestaltet war, ging es von Anfang an nicht nur um die Frage der Zulassung von Frauen zur Rechtsanwaltschaft, sondern auch zum Richteramt sowie, in Deutschland besonders ausgeprägt, zu den Berufen der Verwaltung. Vor diesem Hintergrund wurde die Frage der Zulassung von Frauen zu den juristischen Berufen ein kultureller weltanschaulicher Kampf, der mit erbitterter Härte geführt wurde. Auguste Schmidt hatte deshalb bereits 1900 vorausgesagt, dass „der Kampf um das Eindringen in das Richteramt [...] weit heftiger sein und länger andauern [würde, ja] selbst die Freigabe des Notariats und der Rechtsanwaltschaft dürfte bei uns im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts nur unter unerwartet günstigen Umständen sich vollziehen, [...] denn die „Juristin ist die notwendige Vorstufe für das Eindringen der Frauen in das gemeindliche und staatliche Leben.“26 Marie Stritt berichtete 1921 noch der internationalen Frauenbewegung, dass der Kampf härter und erbitterter sei als der um das 26 Schmidt (Fn. 18), 32. Margarete Berent (1887-1965) und Marie Munk (1885-1978) 85 Frauenstimmrecht,27 da es hier um wesentlich mehr ging, die volle staatsbürgerliche Gleichstellung von Frauen auf allen Ebenen. Aber zurück zu den einzelnen Stationen des Kampfes um die Zulassung von Frauen zu den Rechtsberufen. Im Sommer 1918 wechselten sich orchestrierte Eingaben einzelner Juristinnen, des DJV und des BDF ab, die sich an die gesetzgebenden Organe wandten und um Zulassung von Frauen zu den juristischen Prüfungen baten. Man schlug vor, das Gerichtsverfassungsgesetz dahin gehend zu ändern, dass Frauen ausdrücklich neben Männern zugelassen werden sollten. Diese Anträge führten unmittelbar zu Kompetenzstreitigkeiten zwischen Reich und Ländern, von denen sich keiner zuständig sah. Bevor diese allerdings entschieden waren, hatte der Preußische Justizminister im Alleingang im Mai 1919 zumindest das erste Staatsexamen für Frauen geöffnet.28 Margarete Berent legte es bereits am 22. Dezember 1919 ab, blieb aber erst einmal weiterhin beim Zweckverband Groß-Berlin, weil das juristische Referendariat immer noch nicht für Frauen geöffnet war. Marie Munk bestand das Examen einen Monat später mit „gut“ und wurde auf ihren Antrag hin zu einem rein informatorischen Vorbereitungsdienst zugelassen, der rechtlich allerdings unverbindlich für Preußen sein sollte. Damit war nur ein Zwischenschritt erreicht. Reich und Länder unter Führung Bayerns waren weiterhin übereinstimmend der Ansicht, dass Frauen nicht geeignet seien, in den Rechtsberufen tätig zu werden. Wesentliche Fortschritte waren in der Debatte zwischen Reich und Ländern auch nicht zu erwarten, und so beschlossen der DJV und der BDF eine Änderung ihrer Strategie. Statt einer Änderung der bestehenden Gesetze, setzten sie sich nun für ein neues Reichsgesetz ein. Erstmals taten sich im Reichstag unter Führung von Marie-Elisabeth Lüders alle 32 weiblichen Abgeordneten zusammen, um den Antrag einzubringen, Frauen zu beiden juristischen Examina reichsweit zuzulassen.29 27 Marie Stritt, Germany, in: The International Woman Suffrage News, April 1921, 107. 28 Allgemeine Verfügung vom 5.5.1919, JMBl. 1919, 288; GStA Rep. 84 a Nr. 579, Fiche 12981, 118. 29 Antrag Frau Agnes und Genossinnen, 2.12.1920, Nr. 1035, Verhandlungen Reichstag Bd. 365, Reichstag I. Wahlperiode 1920, 705; Max Hachenburg, Interfraktioneller Antrag der weiblichen Reichstagsabgeordneten auf Zulassung von Frauen zu den juristischen Prüfungen, in: DJZ 26 (1921), 174. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 86 Doch vor dem Hintergrund der Reichsverfassung wurde es zunehmend schwieriger, die ablehnende Haltung aufrecht halten zu können. Das Reichsjustizministerium gab zuerst zu verstehen, dass man seinen Standpunkt geändert habe. Preußen gab im Januar 1921 soweit nach, dass es Frauen nun gestattete, offiziell auch am Referendariat teilzunehmen, von der zweiten Staatsprüfung blieben sie allerdings weiter ausgeschlossen.30 Als Marie Munk um Aufnahme in den Vorbereitungsdienst bat, war das unproblematisch, aber eine Anrechnung ihres informatorischen Dienstes wollte man aus „prinzipiellen Gründen“ nicht gestatten. Nur mit Hilfe einflussreicher Freunde wurde ihr Dienst angerechnet und Preußen hatte seine erste offizielle Referendarin.31 Währenddessen konnten sich Reich und Länder weiterhin auf keine einheitliche Regelung einigen, einige Staaten wie Baden und Sachsen standen der Frage positiv gegenüber, andere wie Bayern und Hessen wollten die Zulassung von Frauen mit allen Mitteln verhindern. Auch die juristischen Berufsorganisationen wurden befragt. Sowohl der Deutsche Richterbund als auch der Deutsche Anwaltsverein ließen wissen, dass ihrer Ansicht nach Frauen nicht geeignet seien, Juristen zu werden.32 Erst als der Sozialdemokrat Gustav Radbruch Reichsjustizminister wurde, griff er eine Vorlage der Frauenbewegung für ein „Gesetz zur Zulassung von Frauen zu den juristischen Staatsexamina und dem Referendariat“ auf und schickte es an die Länder. Erneut warnte Bayern, dass niemand, der an einer stabilen Rechtsentwicklung interessiert sei, diesen radikalen Schritt befürworten könne, doch nach Jahren der Diskussion ging der Entwurf problemlos durch den Reichstag und wurde schließlich auch gegen die Stimmen Bayerns und Hessens im Reichsrat verabschiedet und am 11. Juli 1922 Gesetz.33 Margarete Berent begann nun ihren Vorbereitungsdienst, den sie im Februar 1925 mit dem zweiten juristischen Staatsexamen und der Ernennung zur Gerichtsassessorin beendete. Marie Munk hatte bereits im Januar 1924 das Assessorexamen bestanden und wurde im Anschluss zur ersten Gerichtsassessorin Preußens ernannt, was nicht nur in allen Berliner Tages- 30 Allgemeine Verfügung vom 17.1.1921 über die Zulassung weiblicher Personen zum Vorbereitungsdienst und zu den juristischen Prüfungen, JMinBl. 3, 1921. 31 Munk, Marie, BA Berlin R 3001 69257. 32 Verhandlungen des Anwaltstages, in: JW 51 (1922), 1247-1255; Verhandlungen des 4. Richtertages, DRiZ 13 (1921), 196-206. 33 RGBl. 1922, Teil 1 Nr. 51, 573-574. Margarete Berent (1887-1965) und Marie Munk (1885-1978) 87 zeitungen, sondern auch in reichsweiten sowie internationalen Blättern Erwähnung fand.34 Der Kampf um gleiche Rechte DJV, BDF und andere Frauenvereine Der DJV hatte neben seiner eigentlichen Aufgabe, sich für gleichberechtigte berufliche Möglichkeiten von Frauen einzusetzen, noch das Anliegen, sich für gleiche Rechte von Frauen im Allgemeinen zu engagieren. In der ersten Funktion folgte der Verein nach der Öffnung der juristischen Berufe 1922 durch Umfragen der Entwicklung der Zahlen der Juristinnen in den verschiedenen Professionen. Gerade weil der Verein so klein war, im Gründungsjahr 1914 hatte er 28 Mitglieder, 1919 85 und 1927 ca. 100 Mitglieder, konnte er sich gut um die einzelnen Sonderinteressen innerhalb des Vereins kümmern. Ein Rundbrief hielt die Mitglieder auf dem Laufenden.35 Daneben scheint es aber, als sei der DJV, insbesondere der Vorstand, in dem Berent und Munk bis 1933 tätig waren, eine Art Rechtsabteilung des BDF gewesen. Petitionen des BDF, so zum Beispiel zur Reform des Strafrechts oder der Strafprozessordnung, waren im Auftrag des BDF zu prüfen, meist sogar zu verfassen. Sowohl Munk als auch Berent waren in einer Reihe von Funktionen für den BDF tätig. Berent war in der Zeit von 1921-1927 im Gesamtvorstand und seit 1931 im engeren Vorstand des BDF. Daneben war sie seit 1920 bis 1931 als Mitarbeiterin des Frauenberufsamts, des Ausschusses für Eheberatung, im Ausschuss zum Studium der Frage der Alterssicherung, in der Facharbeitsgemeinschaft für soziale Arbeit sowie im Ausschuss für Ehegüterrecht, in dem auch Marie Munk Mitglied war.36 Munk leitete seit 1919 die Kommission zur Reform des Familienrechts, in der sie gemeinsam mit Berent eine Reihe von Reformvorschlägen zur Umgestaltung des Familienrechts ausarbeitete, die 1921 dem BDF-Vorstand vorlagen und 1923 überarbeitet in Buchform, von 1.3. 1.3.1. 34 Munk, Marie, R 3001 69257; Berent, Margarete, R 3001 051377 beide BA Berlin. 35 Röwekamp (Fn. 2), 546-552. 36 LAB B Rep. 235-01 BDF MF.-Nr. 2124, 2126, 2186, 2187, 2188. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 88 Munk veröffentlicht, erschienen.37 Letztere war auch Mitglied der Arbeitsgemeinschaft uneheliche Kinder. Beide waren darüber hinaus Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft der Berufsorganisationen.38 Eine Reihe anderer DJV-Mitglieder waren ebenfalls in den BDF-Kommissionen vertreten und damit war der DJV, gemessen an seiner Größe, wahrscheinlich die aktivste und vielleicht auch elitärste akademische Berufsgruppe innerhalb des BDF. Berent und Munk entwickelten sich jedenfalls zu den Rechtsspezialistinnen der Frauenbewegung. Sie schrieben 1920 die Vorschläge für den Reformentwurf für das GVG, soweit es sich um die Beteiligung von Frauen als Schöffen und Geschworene handelte, der im Namen Berents veröffentlicht wurde.39 Munk arbeitete 1918 Richtlinien über die Rechtsstellung der unehelichen Kinder aus und Berent die Forderungen zur Reform des Staatsangehörigkeitsgesetzes der verheirateten Frau. Grundlage ihrer Tätigkeit war die rechtlich stark benachteiligte Stellung der Frau im Allgemeinen, aber insbesondere die der verheirateten Frau, die vor allem im BGB festgeschrieben worden war, das der Reformjurist Carl Bulling 1896 bereits als ein „konservatives und rückschrittliches Werk in liberalen Gewande“ bezeichnet hatte.40 Das BGB verwies Frauen tatsächlich in den Zustand der fast vollständigen Rechtlosigkeit oder „Hörigkeit.“ Im Ehe- und Familienrecht waren diese Diskriminierungen am stärksten ausgestaltet, weil die Bedeutung der Institution „Familie“ im Laufe des 19. Jahrhunderts eine Veränderung durchgemacht hatte. Die Großfamilie hatte sich im Zuge der Industrialisierung, Urbanisierung und dem gesamten Modernisierungsprozess aufgelöst. Die neue Kleinfamilie wurde dagegen als Reaktion auf die zunehmende soziale Verunsicherung als „Keimzelle“ eines nationalen Staats mit patriarchalischer Lenkung aufgebaut. Sie sollte allen sozialen Ängsten entgegenwirken und als starke gesunde Institution den Staat stärken. Der Ehemann als „Hausherr“ in der Familie spiegelte den König wieder, während die Frau vollständig in den 37 LAB B Rep. 235-01 BDF MF.-Nr. 2149, 2150; auch in Folder 2, 30-36, MBC, LBI. 38 LAB B Rep. 235-01 BDF, MF.-Nr. 2176, 2180. 39 Margarete Berent, Zur Einführung in das Schöffen- und Geschworenenamt, in: Nachrichtenblatt des BDF 2 (1922), 49-51; dies., Weibliche Schöffen, in: Die Verhandlungen des fünften deutschen Jugendgerichtstages in Jena 1920, Berlin 1922, 54-58. 40 Carl Bulling, Die deutsche Frau und das bürgerliche Gesetzbuch, Berlin 1896, 74. Margarete Berent (1887-1965) und Marie Munk (1885-1978) 89 privaten Familienbereich verwiesen wurde. All ihre Rechte wurden durch den Ehemann wahrgenommen. Schnell galt dieses „neue“ Familienmuster als traditionell und als die erhaltenswerteste Institution im Staat. Deshalb wurden die Reformen im Ehe- und Familienrecht auch am kontroversesten und schärfsten diskutiert, hier stießen unvereinbare Sichten der Welt und der Gesellschaft aufeinander, unter anderem auch, weil hier die Kirchen noch ein starkes Mitspracherecht wahrnahmen. Insbesondere die Konservativen empfanden jeden Reformvorschlag als einen Krieg gegen die Zivilisation.41 Gerade die strengen Vorschriften im BGB hatten schon um 1900 in der Frauenbewegung zu massiven Protesten geführt. Munk und Berent schlossen sich diesen Protesten an. Sie forderten eine Gleichstellung der Frau in allen familienrechtlichen Fragen. In Bezug auf die Frage der nichtehelichen Kinder forderten sie die volle Mithaftung des Mannes für die von ihm gezeugten Kinder sowie einen Zwang zur Zahlung bei zahlungsunwilligen Vätern sowie die Abschaffung der sog. „Mehrverkehrseinrede,“ mit der sich Männer oft ihrer Verantwortung entziehen konnten, in dem sie darauf verwiesen, dass sie nicht der einzige Mann waren, mit der die Frau in der fraglichen Zeit sexuellen Kontakt gehabt hatte. Munk schlug vor, dass die möglichen Väter in diesen Fällen gemeinsam zahlen sollten. Die unehelichen Kinder sollten den Namen des Vaters erhalten und als verwandt gelten, die Frau sollte als „Frau,“ nicht als „Fräulein“ angesprochen werden dürfen. Wie fast alle Reformjuristen lehnten die beiden Juristinnen den „Gehorsamsparagraphen“ 1354 BGB sowie das Letztentscheidungsrecht des Ehemanns ab. Eheleute sollten sich gegenseitig vertreten können und als Gesamtschuldner haften. Beide Eltern sollten elterliche Gewalt haben statt wie zuvor faktisch nur der Ehemann.42 Insbesondere das Scheidungsrecht hielten Munk und Berent für reformbedürftig, hielten eine Reform aber nur dann für sinnvoll, wenn gleichzeitig auch der nacheheliche Unterhalt unabhängig von der Schuldfrage ge- 41 Werner Schubert, Die Projekte der Weimarer Republik zur Reform des Nichtehelichen-, des Adoptions- und des Ehescheidungsrechts, Paderborn 1986. 42 Marie Munk, Die künftige Regelung der Rechte des unehelichen Kindes, in: Die Frau 1925/26, 150-156; dies., Die elterliche Gewalt und ihre Reform, JW 1925, 309-310; dies., Vorschläge zur Umgestaltung des Rechts auf Ehescheidung und der elterlichen Gewalt nebst Gesetzesentwurf, Denkschrift 1923; dies., Der Gesetzesentwurf über die unehelichen Kinder und die Annahme an Kindes Statt, DJZ 31 (1926), 1069-1074. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 90 löst würde, denn zuvor erhielt eine Frau im Falle, dass sie für die ehelichen Probleme für verantwortlich gehalten wurde, weder das Sorgerecht für die Kinder noch eigenen Unterhalt. Die Juristinnen forderten deshalb nach dem Vorbild der nordischen Rechtsreformen eine weniger restriktive Handhabung der Scheidungsgründe im BGB sowie die Möglichkeit einer Scheidung aufgrund Zerrüttung im gegenseitigen Einvernehmen und im Fall unüberwindbarer Abneigung.43 Gleichzeitig war Berent und Munk bewusst, dass die rechtliche Position der Ehefrau nur dann wirklich gesichert werden konnte, wenn diese anders als es im BGB geregelt worden war, wo Verwaltung und Nutznießung des Vermögens der Ehefrau dem Ehemann oblag, ihr eigenes Vermögen verwalten und nach der Ehe behalten konnten sowie faktisch an dem während der Ehe Erworbenen auch nach der Scheidung beteiligt würde. Sie empfahlen deshalb eine mit dem Scheidungsrecht einhergehende Änderung des Ehegüterrechts, nämlich die Gütertrennung, gepaart mit einer „Errungenschaftsgemeinschaft,“ weil die Frau aufgrund ihrer Tätigkeit als Hausfrau und Mutter „zu dem während der Ehe erworbenen Wohlstand“ mindestens im gleichen Maße beigetragen habe wie der Mann. In dem Zugewinn liege daher eine „Art Entlohnung der Hausfrauentätigkeit.“44 Damit schlossen sie sich alten Forderungen der Frauenbewegung an, die das klassische Ernährermodell mit einer materiellen Aufwertung der nicht ökonomisierten Arbeit der Ehefrau schon lange aufbrechen wollte. Auch sonst sollten alle Regelungen, die das Verhältnis der Ehepartner untereinander regelten, von Gleichberechtigung gekennzeichnet seien. Beide Juristinnen unterstützten die beschriebenen Tätigkeiten mit einer breiten Vortrags- und Veröffentlichungstätigkeit in wissenschaftlichen 43 Marie Munk, Vorschläge (Fn. 42), 6-7, 20-22; dies., Die Reformbedürftigkeit des Ehescheidungsprozesses, DJZ 31 (1926), Sp. 1682-85; dies., Der Ehebruch als Scheidungsgrund, Zeitschrift für Sexualwissenschaft XIV/3 (1927), 103-106; dies., Frauenwünsche zur Ehescheidungsreform, DRiZ 20 (1928), 15-18. 44 Marie Munk, Vorschläge der Mitberichterstatterin Fräulein Rechtsanwalt Dr. Marie Munk, in: Verhandlungen des 33. Deutschen Juristentags, Berlin 1925, 339-380, 339 f.; dies., Welche Richtlinien sind für die zukünftige Gestaltung des ehelichen Güterrechts aufzustellen?, JW 53 (1924), 1816-1819; dies., Die Umgestaltung des ehelichen Güterrechts, in: Die Frau 31 (1924/25), 39-44; Margarete Berent, Die Reform des ehelichen Güterrechts auf dem 33. Deutschen Juristentag, in: Die Frau 32 (1924/25), 15 f.; dies., Neuregelung des ehelichen Güterrechtes, in: Nachrichtenblatt des BDF, 10.9.1924, 43-46; dies., Die Neugestaltung des Familienrechts, in: Die Frau 38 (1930/1931), 725-730. Margarete Berent (1887-1965) und Marie Munk (1885-1978) 91 Fachblättern, der Tagespresse sowie den Medien der Frauenbewegung oder anderen Verbänden. Die familienrechtlichen Forderungen wurden innerhalb der juristischen Professionen sowie dem Parlament in den Weimarer Jahren stark diskutiert, tatsächlich waren die Jahre zwischen 1919 bis 1932 rechtspolitisch „von einer Lebendigkeit, Offenheit und Breite, wie man sie in Deutschland bislang noch nicht gekannt hatte.“45 Marie Munk sprach zum Thema Reform des Ehegüterrechts als erste Expertin in der Geschichte des Deutschen Juristentags 1924 in Heidelberg. Der DJT folgte trotz anfänglicher Kritik ihren Empfehlungen zur Einführung einer Zugewinngemeinschaft, die 1957 schließlich auch im BGB Niederschlag fanden. Munk wurde damit zur fachlich am stärksten beachteten Juristin der Weimarer Republik. Anders als die Forderungen zum Ehegüterrecht waren die Forderungen der Juristinnen zum Ehescheidungsrecht stark umstritten, dies sogar innerhalb der Frauenbewegung, die grundsätzlich ja für eine Reform war. Doch Scheidung war selbst dort ein sensibles Thema, auch hier hielt man sie für eine letzte Notlösung und die Ehe für ein unantastbares Ideal. Die Vorschläge der Juristinnen waren den Frauenrechtlerinnen viel zu technisch, sie verstanden das Zusammenspiel zwischen der Notwendigkeit einer Reform des Scheidungs-, Unterhalts- und Ehegüterrechts nicht und fürchteten eine faktische Verarmung von Frauen, würden Scheidungen grundsätzlich vereinfacht. So fanden die Vorschläge nur Anfang der 1920er Jahre im BDF eine Mehrheit. Mit Zunahme des Einflusses konservativerer Frauenverbände fielen die Ehescheidungsforderungen still unter den Tisch.46 Im Reichstag und bei den Land- und Reichsregierungen stießen die Vorschläge auch auf gemischte Reaktionen. Die Zentrumspartei sowie andere christlich konservative Parteien sahen die Vorschläge, wie zu erwarten, als Bedrohung der Institution Ehe und der Gesellschaft im Allgemeinen und boykottierten jede Form von Reformvorhaben, die von den Liberalen oder Sozialdemokraten eingebracht wurden. Doch auch diese zogen letztlich eine „traditionelle“ Familie vor, argumentierten nur, dass die Gleichstellung der Frau den gesellschaftlichen Realitäten entspräche und eine Ehe stabilisiere. Zwischen diesen Fronten schaffte es kein Reformvorhaben, außer dem Vorschlag zur Gleichbehandlung illegitimer und le- 45 Schubert (Fn. 41), 27. 46 Klaus Hönig, Der Bund Deutscher Frauenvereine in der Weimarer Republik, 1919-1933, Egelsbach u.a. 1995. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 92 gitimer Kinder auch nur bis zu einem Gesetzesentwurf, bevor 1933 Reformfragen dem Vergessen anheimfielen. Margarete Berent war neben der bereits beschriebenen Tätigkeit für DJV und den BDF jedoch noch in einer Anzahl anderer Frauenvereine organisiert. Insbesondere gehörte sie auch zu den Gründungsmitgliedern der „International Organization of Women Lawyers,“ die 1929 in Paris gegründet worden war. Darüber hinaus war sie 1926 Mitbegründerin und Vorstandsmitglied des Deutschen Akademikerinnen Bundes, den sie auch in der „International Association of University Women“ vertrat. Seit 1928 arbeitete sie außerdem im Vorstand des von Anna Pappritz geleiteten „Bundes für Frauen- und Jugendschutz“ mit. Ein Jahr später wurde Berent auch Mitglied im Ehrenbeirat des XI. Kongresses des „Weltbundes für Frauenstimmrecht und staatsbürgerliche Frauenarbeit“ in Berlin. Vor allem war sie aber auch Mitglied des Jüdischen Frauenbunds (JFB), 1928 wurde sie in dessen Vorstand gewählt und vertrat den JFB seitdem im Gesamtvorstand des BDF.47 Die Juristin setzte sich in diesem Zusammenhang auch immer wieder mit aktuellen Rechtsfragen und deren jüdischen Bezügen auseinander.48 Ein Konflikt aus den verschiedenen Mitgliedschaften entstand erst 1933, als der BDF Anfang Mai 1933 mit den Forderungen der Nationalsozialisten konfrontiert wurde, die „Arier-Klausel“ für alle angeschlossenen Organisationen zu übernehmen, alle Ämter des Bundes mit Mitgliedern der NSDAP zu besetzen, kurz: sich gleichschalten zu lassen. Im Zusammenhang mit diesen Forderungen beschloss der JFB in seiner Vorstandssitzung, aus dem BDF auszuscheiden.49 Der BDF selbst fügte sich ebenfalls den Forderungen der Reichsfrauenführung nicht und löste den Bund auf,50 der DJV wählte den gleichen Weg. Der JFB blieb dagegen bestehen, 47 Blätter des Jüdischen Frauenbundes (BlJFB), 4/3 (1928), 7. 48 Margarete Berent, Neue Gesetzentwürfe zu den Fragen der Bevölkerungspolitik, in: BlJFB 5/10 (1929), 3; dies., Die Probleme der gesetzlichen Regelung der Rechtsstellung des unehelichen Kindes, Zeitschrift für Jüdische Wohlfahrtspflege 1 (1929), 221-223. 49 Jüdischer Frauenbund an den BDF, 10. 5. 1933, zit. nach Peter Reinicke, Die Berufsverbände der Sozialarbeit und ihre Geschichte. Von den Anfängen bis zum Ende des zweiten Weltkrieges, Frankfurt/Main 1990, 45. 50 Alice Salomon, Charakter ist Schicksal, Weinheim/Basel 1983, 258. Margarete Berent (1887-1965) und Marie Munk (1885-1978) 93 widmete sich aber nun den Belangen der in Bedrängnis geratenen eigenen Mitglieder und der jüdischen Gemeinden im Allgemeinen.51 Marie Munk gründete 1931 nach einem Besuch des Kongresses der „International Federation of Business and Professional Women“ (BPW International) in Wien im November gemeinsam mit zwei anderen Frauen die deutsche Zweigstelle, die „Vereinigung für berufstätige Frauen“, der sie bis 1933 als Präsidentin vorstand.52 Für Munk bedeutete der Club auch über die Tätigkeit in Deutschland hinaus sehr viel, weil die dort erworbenen Kontakte ihr später bei der Beschaffung ihres US-Visums sowie der Arbeitssuche in den USA unter die Arme griffen. Margarete Berent war dagegen Gründungsmitglied des Soroptimisten Clubs, eines anderen Frauenberufsclubs. Lehrtätigkeit Sowohl Marie Munk als auch Margarete Berent setzten mit ihrem Eintritt in die juristischen Berufe sowohl ihr Engagement für die Frauenbewegung als auch die Lehrtätigkeit aus der Zeit ihrer vorherigen Berufstätigkeit fort. Berent unterrichtete als Dozentin an der Berliner Victoria-Fortbildungsschule- und Fachschule für Mädchen Handelsrecht und Prozesskunde. Zusätzlich gab sie Kurse in Handels-Betriebslehre an der 5. Städtischen Wahl-Fortbildungsschule für Mädchen und lehrte von 1916/17 an Familienrecht und Jugendfürsorge an der Wohlfahrts- bzw. Sozialen Frauenschule (Pestalozzi-Fröbel-Haus III) Alice Salomons in Berlin-Schöneberg.53 Von 1925 bis 1933 war sie auch als Dozentin für den Bereich „Aktuelle Rechtsfragen“ und im Einzelnen für den Pflichtkurs „Mutterschutz und Kinderschutz in Gesetzgebung und Verwaltung“ und gemeinsam mit Frieda Wunderlich und Siddy Wronsky für das Gebiet „Rechtlicher und sozialpolitischer Schutz“ an der neuen „Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit“ von Alice Salomon tätig.54 Unabhängig von den be- 1.3.2. 51 Marion Kaplan, The Jewish Feminist Movement in Germany. The Campaigns of the Jüdischer Frauenbund, 1904-1938, Westport, Conn 1979. 52 BA Berlin, Munk, Marie, R 3001 69257. 53 Soziale Frauenschule, Jahresberichte 1900 ff. ASFH. 54 Reinicke (Fn. 3), 74-83. Adriane Feustel/Gerd Koch (Hg.), 100 Jahre soziales Lehren und Lernen. Von der Sozialen Frauenschule zur Alice Salomon Hochschule Berlin, Berlin 2008. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 94 reits benannten Lehraktivitäten wurde sie vielfach zu Vorträgen und Kursen in Berlin und auswärts von Organisationen und behördlichen Stellen aufgefordert und sprach auch wiederholt im Rundfunk. Marie Munk unterrichtete von Ostern 1928 ab an der Sozialen Frauenschule der Inneren Mission, die von Bertha von der Schulenburg geleitet wurde. Sie war für alle Rechtsgebiete zuständig, mit denen die Schülerinnen in ihrer späteren Berufstätigkeit in Kontakt kommen würden und prüfte die rund 300 Schülerinnen dann mit den anderen Lehrern im staatlichen Abschlussexamen. Die Lehrtätigkeit machte Munk so viel Spaß, dass sie 1929 das Buch „Recht und Rechtsverfolgung im Familienrecht“ schrieb, das vor allem als Lehrbuch an den Sozialen Frauenschulen gedacht war und verständlich in die Materie einführte, ohne mit dem juristischen Fachjargon zu übertreiben. 1933 musste sie wegen des „Arierparagraphen“ ausscheiden. Berufstätigkeit in den klassisch juristischen Berufen Marie Munk Angesichts der Inflation war die berufliche Situation der meisten großbürgerlichen Familien nicht mehr so gut wie zuvor, so dass auch Marie Munk nach ihrem Assessorexamen darauf angewiesen war zu arbeiten. Dass sie als Frau direkt eine Richterstelle erhalten würde, hielt sie für aussichtslos, doch die Frage, was aus ihr werden würde, war gelöst, als das Preußische Justizministerium einige Tage nach dem Examen ihr eine Stelle anbot. Sie arbeitete überwiegend zu Familienrechtsfragen, wurde aber wegen inflationsbedingten Stellenabbaus nach einigen Monaten schon wieder entlassen. Sie beantragte deshalb schließlich als erste Frau in Preußen die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft und eröffnete im April 1924 eine eigene Kanzlei in einer Bürogemeinschaft. Erneut fand die erste preußische Rechtsanwältin ein großes Presseecho. Zuvor war im Dezember 1922 in München als erste deutsche Rechtsanwältin Maria Otto zugelassen worden, ihr folgte im April 1924 Elfriede Meissner in Dresden. Klienten hatte sich Marie Munk insbesondere durch ihr Engagement für die Frauenbewegung erhofft, wurde dahingehend aber weitestgehend enttäuscht. Trotzdem lief das Geschäft, anfangs kamen überwiegend Frauen, die ihre Erleichterung darüber ausdrückten, dass sie ihren Fall einer Frau vortragen konnten. Der überwiegende Teil ihrer Fälle waren Familien- 1.4. 1.4.1. Margarete Berent (1887-1965) und Marie Munk (1885-1978) 95 rechtsfragen, insbesondere Scheidungen, Sorgerechtsfälle, Adoptionen, Unterhaltssachen und Trennungsvereinbarungen, gelegentlich auch einmal Strafrechtsfälle. Aber ihre Leidenschaft war die Arbeit als Rechtsanwältin nicht, Munk stellte deshalb 1929 einen Antrag, wieder in die Justiz aufgenommen zu werden. Anträge wie dieser hatten in der Regel keine Aussicht auf Erfolg, zumal nur dann, wenn die Kandidaten jünger waren, während sie inzwischen schon 43 Jahre alt war. Aber mit der Unterstützung einflussreicher Befürworter wie dem Staatssekretär Otto Hartwig und Eugen Schiffer sowie aufgrund Munks eigener breiter Veröffentlichungs- und Vortragstätigkeit und ihrer guten Staatsexamina wurde eine Ausnahme gemacht und sie wurde im Mai 1929 zur „Hilfsrichterin“ am Amtsgericht Charlottenburg ernannt.55 Im August 1930 erhielt Marie Munk am Landgericht Berlin III eine unbefristete Stelle und war damit nach Maria Hagemeyer die zweite Richterin Preußens.56 Munks Erfahrungen als Richterin waren unterschiedlich. Teils hatte sie den Eindruck, dass es aufgrund ihres Geschlechts zu Spannungen kam, dies vor allem mit ehemaligen Anwaltskollegen, während sie am Landgericht insbesondere in Familienrechtsfragen oft eine andere Ansicht vertrat als die männlichen Kollegen und als Richterin im Kollegium trotzdem meist überstimmt wurde. Ihr war es wichtig, dass sie als Richterin auch die menschliche Seite des Prozesses wahrnahm und ihr gerecht wurde und war der Ansicht, dass die weiblichen Juristen insgesamt mehr „Menschlichkeit“ in die Justiz gebracht hatten. Auch als Richterin hatte sie den Eindruck, dass Frauen oft dankbar waren, wenn ihr Fall vor einer Frau verhandelt wurde. Margarete Berent Als Margarete Berent im März 1925 am Landgericht I in Berlin zur Rechtsanwaltschaft und im Januar 1926 am LG II und III sowie am AG Berlin-Mitte zugelassen wurde, war sie bereits die achte Rechtsanwältin in Deutschland. Anders als Marie Munk war sie allerdings mit Herz und Seele Anwältin. Dabei gab es ihrer Meinung nach für Anwältinnen insbeson- 1.4.2. 55 Munk, Marie, R 3001 69257, BA Berlin. 56 Zu Hagemeyer siehe Röwekamp (Fn. 1), 123-125 Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 96 dere zwei wichtige Aufgaben: erstens Frauen zu beraten, und dies nicht nur juristisch, sondern auch mit menschlicher Wärme und zweitens, dahin zu wirken, dass die Bedürfnisse der Frauen auch in der Gestaltung des Rechts zum Tragen kommen.57 Ihre Kanzlei entwickelte sich zunächst langsam, ihr schlugen Vorurteile entgegen. Denn das Publikum stand weiblichen Anwälten überwiegend als etwas völlig Neuem und Unerprobten misstrauisch gegenüber.58 Aber Margarete Berent arbeitete diesen Vorurteilen wirkungsvoll entgegen. Anders als Marie Munk hatte sie aus den Kreisen der Frauenbewegung eine Reihe von Klientinnen gewonnen, da sie, wie sie selbst formulierte „in weiten Kreisen als Vorkämpferin für das Recht der Frau bekannt“ war, besonders aber wegen ihrer Dissertation und der Arbeit für die Frauenbewegung auf dem Gebiet des ehelichen Güterrechts. Schon vor dem Assessorexamen hatte man sie 1924 neben Munk als Expertin für die Reform des ehelichen Güterrechts beim 33. Juristentag in Heidelberg zugezogen. Auch auf dem 36. Juristentag in Lübeck stand sie gemeinsam mit der Reichstagsabgeordneten Marie-Elisabeth Lüders als Rednerin für die Neugestaltung des Familienrechts auf dem Programm. Diese Tatsache brachte ihr von Jahr zu Jahr wachsende Klientel. Anfangs arbeitete Berent überwiegend in Familienrechtssachen, doch mit der Zeit baute sie ihre Kanzlei so aus, dass sie in fast allen Rechtsgebieten beriet, spezialisiert war sie vor allem auch im Handels-, Urheber- und Steuerrecht. Margarete Berent genoss unter ihren Mandanten Vertrauen und wachsende Anerkennung. Sie hatte ein angemessenes Arbeitseinkommen und konnte wiederholt Auslandsreisen machen. Freunde, die der Entwicklung der Kanzlei folgten, waren der Ansicht, sie habe mehr verdient als ein Regierungsrat.59 57 Margarete Berent, Die Frau in den juristischen Berufen, in: Die Frau der Gegenwart 11 (1917), 153-157. 58 Margarethe von Erffa/Ingeborg Richarz-Simons, Der weibliche Rechtsanwalt, in: Magnus (Hg.), Die Rechtsanwaltschaft, Leipzig 1929, 471-485; Marie Munk, Die Juristin. Merkblätter für Berufsberatung, Berlin 1928, 7. 59 Dr. Elisabeth v. Harnack , 14.7.59, Folder 3, 28-29; Helene Walter, 9.7.59, Marie Elisabeth Lüders, 6.7.1959, Folder 4, 25-26, alle in: MBC, LBI. Margarete Berent (1887-1965) und Marie Munk (1885-1978) 97 Berufsverbot und Tätigkeiten nach 1933 bis zum Exil Wendepunkt im Leben der beiden Juristinnen war das Jahr 1933 mit der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten und den vielen Gesetzen, die das Leben der jüdischen Mitbürger und anderer schnell einzuschränken begannen. Für Munk und Berent bedeutete das Jahr das Ende ihrer so hart erkämpften Berufspositionen sowie aller anderen Tätigkeiten wie der Frauenbewegung oder ihren Lehrtätigkeiten. Marie Munk Für Marie Munk war unmittelbar klar, dass es sich bei der „Machtergreifung“ nicht um einen vorübergehenden Moment handelte, sondern dass ihre Tage als Richterin gezählt waren. Sie traute sich nach dem Boykott gegen die Juden am 1. April nicht mehr, das Gericht zu betreten und beantragte gleichzeitig mit dem Erlass des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums unbezahlten Urlaub für eine Studienreise in die USA. Zum 1. September 1933 wurde sie vorzeitig und ohne Ruhegehalt in den Ruhestand versetzt. Auf Einladung der New Yorker Anwältin und Präsidentin des Landesrats der Frauen der USA, Lena Madesin Phillips, besuchte sie im Juli 1933 den „International Congress of Women“ in Chicago und schließlich das Vorstandstreffen des BPW International in Chautauqua, New York. Diese Einladungen gaben ihr die Gelegenheit, so schnell wie möglich der bedrückenden Situation in Deutschland zu entkommen und gleichzeitig die beruflichen Chancen in den USA für den Fall des Exils zu testen. Munk war beeindruckt von den beruflichen Chancen von Frauen in den USA und sah auf dieser ersten Reise viel ihrer zukünftigen neuen Heimat. Sie besuchte verschiedene Kinderheime, Gefängnisse und andere Institutionen der sozialen Arbeit und kehrte mit einigen Einladungen ausgestattet wieder nach Deutschland zurück, wo sie im Dezember 1933 ein Visum für die USA erhielt. Im April 1934 verließ sich Deutschland: „Plötzlich war ein Kapitel meines Lebens in Deutschland vorbei,“ schrieb sie in ihren Memoiren. „Nach einem langen Kampf zur Oberfläche hatte ich eine Position erreicht, von der ich dachte, dass sie mich für den Rest meines Lebens zufrieden machen würde. Ich lebte in wirtschaftlicher Sicherheit und war umgeben von der Liebe meiner Familie und Freunde. [...] Ich habe drei Runden in meinem Leben gewonnen – Abitur, Staatsexamen, Beruf. Als 1.5. 1.5.1 Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 98 Hitler 1933 Reichskanzler und Führer wurde, verlor ich das Endspiel in meiner Heimat.“60 Margarete Berent Margarete Berent wählte dagegen 1933 einen anderen Weg als Marie Munk, die sich selbst nie als Jüdin definiert hatte und sich auch durch die nationalsozialistischen Definition nicht umdefinieren lassen wollte. Während Munk Deutschland sofort verließ, blieb Berent. Nachdem sie 1933 aus ihrem Beruf und den meisten ihrer Aktivitäten herausgerissen worden war, widmete sie sich angesichts der drohenden Verfolgung und der sozialen Isolation ausschließlich der Arbeit für die jüdische Gemeinde, wo sie auch Arbeit fand. Neben dem JFB, für den sie schon länger tätig war, war sie seit 1932 auch stellvertretende Schriftführerin im Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden.61 Nach ihrer Löschung aus dem Anwaltsverzeichnis war sie ab Sommer 1933 in der am 29. März 1933 gegründeten Zentralstelle für jüdische Wirtschaftshilfe tätig, die jüdische Mitbürger bei der Findung neuer Berufe beriet. Berent führte die Rechtsberatung durch und leitete das Referat „Frauenfragen und Frauenberufe.“62 Angesichts der großen Zahl von jüdischen Menschen, die ab 1933 ihre Stellen verloren hatten, kann man sich das Arbeitsaufkommen dort gut vorstellen. Ab Oktober 1933 arbeitete sie als Provinzialfürsorgerin bei der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland für die Rheinprovinz und zog deshalb nach Köln. Ihre Aufgabe war es, die Landgemeinden zu betreuen; der Bezirk, den die Rheinprovinz umfasste, war der größte in Deutschland und wies die höchste Zahl von Hilfsbedürftigen auf. „Von der Beschulung der Kinder über die Berufsvorbereitung der Jugendlichen, Umschichtung der Älteren, Auswanderungshilfe für alle Willigen, Liquidation von Gemeinden und Wohnungsund Unterbringungssorgen lag alles in ihren Händen“, berichteten ihren 1.5.2. 60 Marie Munk, Pioneer Woman Judge, SSC, MMP, Box 10, fold. 2, V, 13. 61 Max P. Birnbaum, Staat und Synagoge, 1918-1938: eine Geschichte des Preußischen Landesverbands jüdischer Gemeinden, Tübingen 1981, 238; Claudia Prestel, The „New Jewish Woman“ and Jewish Public Life, in: W. Benz u.a. (Hg.), Jüdisches Leben in der Weimarer Republik, Tübingen 1998, 136; Maierhof (Fn. 3), 94-96. 62 Zentralwohlfahrtstelle der deutschen Juden, 1.10.1933, Folder 1, 66, MBC, LBI. Margarete Berent (1887-1965) und Marie Munk (1885-1978) 99 Kolleginnen über die Tätigkeit Margarete Berents.63 Nach der Gründung der Reichsvereinigung im Februar 1939 und der damit einhergehenden Verwaltungsstrukturänderung in Bezirks- und Zweigstellen wurde Margarete Berent die Leitung der Bezirksstelle Rheinland übertragen.64 Parallel dazu war sie weiterhin im Gesamtvorstand des Jüdischen Frauenbunds und ab Ende 1933 auch im Vorstand der Kölner Ortsgruppe des Frauenbundes tätig. Sie organisierte für Berufstätige Abendkurse und Weiterbildungsprogramme über jüdische Kultur und publizierte in den Blättern des Bundes und hielt für den JFB weiterhin Vorträge in verschiedenen Städten.65 Erst im Sommer 1938 begann Margarete Berent über ihr eigenes Exil nachzudenken. Seit August 1938 war sie bei dem Amerikanischen Konsulat registriert, die Zahl der laufenden Gesuche war jedoch so groß, dass sie mit einer langen Wartezeit rechnen musste. Sie versuchte daher, einen Zwischenaufenthalt in einem anderen Land zu finden, in dem sie auf den Aufruf ihrer Nummer für die USA abwarten konnte. Im Frühjahr 1939 bot sich eine Möglichkeit für eine Auswanderung nach England. Sie tat alle vorbereitenden Schritte, doch die Angelegenheit zog sich hin, erst Ende August 1939 erhielt sie aus London die Nachricht, dass vom britischen Home Office eine Mitteilung an den britischen Konsul gegeben wurde, ihr ein Visum zu erteilen. Die britischen Konsulate in Deutschland stellten jedoch ausgerechnet in diesen Tagen die Erteilung von Visa ein, so dass sie ein Visum für England nicht mehr erhielt. Kurz darauf brach der Krieg aus. Am 18.11.1939 erhielt Margarete Berent vom Chilenischen Generalkonsulat in Hamburg schließlich ein Visum für Chile, am 30.11.1939 verließ sie Deutschland und fuhr über Basel mit der Eisenbahn nach Genua, von dort aus mit der SS Augustus der Schifffahrtslinie „Italia“ nach Valparaíso, wo sie am 28.12.1939 ankam. Während sie gerade noch entkommen konnte, hatten ihr Bruder Hans und dessen Frau und Sohn sich noch nach Holland retten können, bevor die Wehrmacht in Holland einfiel. Alle drei wurden dort aber aufgegriffen, nach Auschwitz deportiert und ermordet. 63 Hanna Karminski an Ottilie Schoenewald, 2.7.1939, Folder 3, 22-26, 25, MBC, LBI. 64 Zeugnis der Reichsvereinigung vom 27. November 1939, Folder, 1, 68-69, MBC, LBI. 65 Maierhof (Fn. 3), 94; Reinicke (Fn. 3), 74-83. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 100 In Chile war Margarete Berent für einige Wochen zum Sprachunterricht für Kinder in Familien angestellt. Sie konnte allerdings nur beschränkt berufstätig sein, da sie sich infolge der veränderten Ernährung, der schlechten sanitären Verhältnisse und des ungewohnten Klimas eine Pankreas- Störung zuzog. Schon vier Monate später erhielt sie im April 1940 das Visum für die USA und schiffte sich Ende Juli ein und erreichte einige Wochen später New York. Das Exil in den USA Als Margarete Berent und Marie Munk in den USA ankamen, gestaltete sich der Anfang viel schwieriger, als zumindest Munk es nach ihrer vorigen USA-Reise mit den vielen positiven Erfahrungen vermutet hatte. Obwohl sie sich darauf eingestellt hatte, dass sie nun nicht als Gast, sondern als unerwünschte Exilantin kam, war sie nicht auf die Form von „Job Hunting“ vorbereitet, zu dem sich die meisten Exilanten anfangs gezwungen sahen. Mit ihrem Beruf als Juristinnen standen die beiden Frauen bei der Arbeitssuche vor verschiedenen Problemen. Während die Abschlüsse von Ärzten, Ingenieuren und Naturwissenschaftlern in der Regel entweder anerkannt wurden oder es kleineren Aufwands bedurfte, um die dortigen Zertifikate zu erwerben, machte es das andere Rechtssystem für die Juristen fast unmöglich zu praktizieren. In der Regel war ein erneutes Jurastudium nötig und selbst dann war der Beruf mehr durch die Beherrschung der Sprache geprägt als andere.66 Von den rund 1000 Juristen, die nach einer Studie von Ernst Stiefel und Frank Mecklenburg in die USA ins Exil gingen, war über die Hälfte in Deutschland Anwalt gewesen und nur die wenigsten arbeiteten erneut als Juristen.67 „Ich realisierte von Anfang an,“ schrieb Marie Munk, „dass meine Ausbildung und Erfahrungen mit dem deutschen Recht und sogar dem einiger anderer Länder, hier für mich von wenig Wert sein würden, außer es gelänge mir, eine Stelle in einer Kanzlei zu finden, die mit deutschen oder internationalen Fällen zu tun hat.“68 Er- 2. 66 Marion Röwekamp, Erzwungenes Exil - beruflicher Neustart? Deutsche Juristinnen in England, Palästina und den USA, in: Häntzschel/ Hansen-Schaberg (Hg.), Alma Maters Töchter im Exil, München 2011, 147-165. 67 Ernst C. Stiefel/Frank Mecklenburg, Deutsche Juristen im amerikanischen Exil (1933-1950), Tübingen 1991, 112. 68 Munk, Autobiographie, Teil 2, I, 4, LA Berlin B Rep. 235-12. Margarete Berent (1887-1965) und Marie Munk (1885-1978) 101 staunlicherweise gehörten sowohl Marie Munk als auch Margarete Berent zu den wenigen Juristen, die den Weg zurück in den juristischen Beruf fanden. Margarete Berent In New York arbeitete Berent zuerst als Stubenmädchen, als Haushälterin für verschiedene Familien sowie in anderen typischen Emigrantenberufen wie als Aushilfe im Postversand der Columbia University. Mit Unterstützung von Verwandten begann sie erneut Jura zu studieren und besuchte Abendkurse an der Law School der New York City University. Das Studium erwies sich als langwierig, immer wieder musste sie es aus gesundheitlichen und finanziellen Gründen zeitweise unterbrechen. So arbeitete Berent 1943/44 in einem Kopierbüro (New Era Letter Shop) sowie 1944 und 1945 als Hilfsarbeiterin im „New York Legislative Service.“ Während der Legislaturperiode des Parlaments des Staats New York arbeitete sie in einem Zeitungsausschnittbüro (Burella), schließlich auch als „law clerk“ bei den Rechtsanwälten George & Ferris sowie von Frühling 1945 bis 1950 bei den Rechtsanwälten O’Brien, Driscoll, Raftery und Lawler. 1948 graduierte sie schließlich mit dem LLB. 1949, im Alter von 62 Jahren, erhielt sie erneut die Zulassung zur Anwaltskammer und eröffnete eine Kanzlei auf dem Broadway Nr. 1961. Wohnhaft war Margarete Berent in der Upper West Side. Von 1950 an war sie selbständige Rechtsanwältin, verdiente aber nicht ausreichend, weil die Unkosten für das Büro zu hoch und die Zahl der Klienten zu gering war. 1951 arbeitete sie deshalb wieder angestellt bei dem „New York Legislative Service.“ Seit 1953 war Berent „Junior Attorney“ bei der Rechtsabteilung der Stadtverwaltung New York. Dort arbeitete sie bis kurz vor ihrem Tod 1965 und vertrat die USA auf zahlreichen internationalen Konferenzen. Daneben betreute Margarete Berent die ganzen Jahre über private Mandanten. In New York war sie Mitglied der Gemeinde Habonim und engagierte sich auch in der Schwesternschaft der Gemeinde. An mehreren Abenden der Woche besuchte sie Vorlesungen und Kurse und hielt bis zum Schluss ihres Lebens selbst Vorträge. „Sie war eine schöpferische Persönlichkeit, immer im Kontakt mit dem Leben, voller Energie, geistreich und von einem Humor, der einen entzückte. Sie war eine Frau, die alle Dinge voll- 2.1. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 102 endete“,69 schrieb der Rabbi ihrer Gemeinde in ihrem Nachruf. Margarete Berent starb, von der jüdischen Gemeinde und ihren Freunden tief betrauert, am 23. Juni 1965 in New York. Marie Munk Marie Munk suchte zunächst, wie sie es bei ihrem Besuch in den USA geplant hatte, ihren Lebensunterhalt im Bereich der sozialen Arbeit. Von ihrer Ankunft bis Dezember 1934 arbeitete sie als Hausmutter an der „New York State Training School for Girls“ in Hudson, New York. Dann fuhr sie aufgrund eines Versprechens ihrer Mutter gegenüber noch einmal für einen Weihnachtsbesuch nach Deutschland. Kurz vor ihrer Ankunft hatte Paula Munk allerdings einen Schlaganfall erlitten und konnte sich nicht mehr bewegen und sprechen. Aber sie war bei Bewusstsein und so blieb ihre Tochter bei ihr, bis die Mutter siebzehn Monate später starb. Danach kehrte Marie Munk im September 1936 wieder in die USA zurück und zog nach Philadelphia. Dort begann sie ein erstes bezahltes Forschungsprojekt, eine Studie für das „Pennsylvania Committee on Penal Affairs“ über die Behandlung von Frauen, die auf ihren Prozess in dem alten Moyamensing Gefängnis warteten. Im Auftrag von BPW International erstellte sie danach eine Studie über die Aktivitäten von Frauen im Ersten Weltkrieg in den USA und Europa im Vergleich. Die spätere Friedensnobelpreisträgerin Alva Myrdal, Vizepräsidentin des Clubs, sollte die Studie um das schwedische Beispiel ergänzen und sie publizieren, kam jedoch nie dazu. Dieses Schicksal erlitten die meisten Studien und Manuskripte Munks in den USA. Während es für sie in Deutschland einfach gewesen war zu veröffentlichen, schien sie in den USA nicht den richtigen Schreiboder Wissenschaftsstil zu finden. Dass ihre Arbeiten überwiegend abgelehnt wurden, machte Munk schwer zu schaffen. Allerdings erfüllte sich 1939 ein Wunsch von ihr, als sie eine Stelle als „Visiting Professor“ am Hood College in Frederick, Maryland, erhielt und später im Jahr für eine „Summerschool“ am Smith College in Northampton, wo es ihr so gut gefiel, dass sie dort für einige Jahre blieb und weiterhin wissenschaftlich zu familienrechtlichen Themen arbeitete. Andere 2.2. 69 Nachruf von Rabbi Cohn auf Margarete Berent, Folder 4, 58, MBC, LBI. Margarete Berent (1887-1965) und Marie Munk (1885-1978) 103 Lehraufträge erhielt sie über die Jahre von der University of Pennsylvania, der New York University sowie dem Mühlenberg und dem Mills College. Munks Leben veränderte sich, als sie herausfand, dass die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft in Massachusetts ohne das Ablegen des sogenannten „Bar Exam“ und dem vorherigen Besuch einer Universität möglich war, wenn man vorher fünf Jahre in einem anderen Land praktiziert hatte und amerikanischer Staatsbürger war. Obwohl sie durch den Kriegseintritt der USA und ihrem dadurch bedingten Status als „Enemy Alien“ die Nationalität nicht erwerben konnte, bewarb sich Munk um Aufnahme in die Rechtsanwaltschaft. Doch der Vorstand wollte keinen Präzedenzfall schaffen und empfahl ihr, doch die Anwaltszulassungsprüfung abzulegen. Sie nahm an drei Wochenenden an einem „Bar Review Course“ teil und bestand im Dezember 1943 die Prüfungen. Laut dem Rechtsprofessor Max Rheinstein war sie die erste von den Juristinnen und Juristen aus Deutschland, der es gelungen war, die Prüfung ohne Besuch der Universität zu bestehen. Nachdem sie ihre Staatsbürgerschaft erhalten hatte, zog sie nach Cambridge bei Boston und suchte nach einer Stelle. Zu ihrer großen Enttäuschung gelang es ihr nicht, eine Anstellung in einer Kanzlei zu finden. Allerdings wurde sie im Januar 1933 von dem Richter Paul W. Alexander, einem der wenigen auf Familiensachen spezialisierten Richter in den USA, in das Amt eines „Marriage Counselors of the Friends of Court“, einer Form von rechtlichem Eheberater, in Toledo, Ohio, berufen. Als ihre Stelle im Januar 1945 auslief, kehrte sie nach Cambridge zurück und er- öffnete ihre eigene Kanzlei. Sie kam aber mit der Art der Rechtsausübung mit dem ständigen Ausfüllen von Formularen nicht gut zurecht und spezialisierte sich deshalb nach Kriegsende auf das neue deutsche Entschädigungsrecht und damit gelang ihr spät noch einmal ein Einstieg als Rechtsanwältin und eine einigermaßen gut gehende Kanzlei. Daneben studierte sie in den „Harvard Extension Classes“ und schloss 1953 mit einem „Bachelor of Arts“ ab. Daneben forschte und publizierte Marie Munk und unternahm als Mitglied vieler verschiedener Berufsorganisationen wie der „American Bar Association“ und des „BPW International“ verschiedene Vortrags- und Kongressreisen, reiste aber auch privat sehr gern und lange, auch nach Deutschland, wo sie mit Neugierde die Entwicklung um die gleichen Rechte für Frauen verfolgte. Marie Munk starb am 17. Januar 1978 in Cambridge. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 104 Schluss Auffällig sind bei allen Unterschieden doch eher die Gemeinsamkeiten im Lebens- und Karriereweg von Margarete Berent und Marie Munk. Beide stammten aus dem Berliner jüdischen Bildungsbürgertum, beide waren nicht zufrieden mit den Ausbildungs- und Berufschancen für Mädchen und wollten mehr. Beide waren stark sozial geprägt, wählten nach einem Kampf um den Erwerb des Abiturs das Jurastudium und promovierten; spätestens danach kreuzten sich schließlich ihre Lebenswege. Sie gründeten gemeinsam die erste Berufsvereinigung deutscher Juristinnen, den Deutschen Juristinnen-Verein, erkämpften sich gemeinsam den Berufszugang, legten etliche Jahre nach Abschluss ihres Studiums schließlich beide die juristischen Staatsexamina ab und wurden die ersten Rechtsanwältinnen und im Fall Munks auch eine der ersten Richterinnen Deutschlands. Beide standen der DDP nahe, beide entschlossen sich aus ihren Berufssowie eigenen Diskriminierungserfahrungen heraus neben ihrer bereits aufreibenden Berufstätigkeit für einen Kampf für gleiche Rechte von Frauen, den sie erneut zusammen führten. Beide erhielten ihre Impulse aus der bürgerlichen Frauenbewegung und wurden mit ihrem Einsatz neben Marie-Elisabeth Lüders in Rechtsreformfragen zu den wichtigsten und sichtbarsten Vertreterinnen der deutschen Frauenbewegung der Weimarer Zeit. Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass sie in ihrem Kampf für allgemeine gleiche Rechte für Frauen zugleich auch für ihre eigene Befreiung stritten. Beide waren unverheiratet, wie das viele Frauen ihrer Zeit waren, die sich für einen akademischen Beruf entschieden. Teils sicher wegen der gesetzlichen Bestimmungen wie der „Doppelverdienerkampagne“ oder dem „Zölibat“ von Beamtinnen, die bei Eheschließung aus dem Beruf ausscheiden mussten, teils hielten die Frauen aber entsprechend der gesellschaftlichen Vorstellung von der grundsätzlichen Unvereinbarkeit von Ehe und Beruf diese Aufgabe schlicht nicht für machbar. Möglich ist auch, dass sich beide Juristinnen bewusst waren, dass eine Ehe auch zu ihrer vollständigen rechtlichen Entmündigung geführt hätte. Hätte der Ehemann darauf bestanden, hätte es für sie nicht einmal die Möglichkeit gegeben, ihren Beruf legal ausüben zu können. Beide mussten schließlich 1933 aus ihren Berufen ausscheiden, gingen ins Exil in die USA und beiden gelang es trotz ihres fortschrittlichen Alters, wieder in ihre Berufe zurückzukehren. Margarete Berent (1887-1965) und Marie Munk (1885-1978) 105 Vor dem Hintergrund ihrer Karrieren in Deutschland sowie ihren Reformbemühungen vor allem im Familienrecht der Weimarer Zeit ist es erstaunlich, wie vergessen die Bemühungen der beiden Juristinnen und ihrer Mitkämpferinnen um die rechtliche Gleichstellung von Frauen in der Weimarer Zeit bis heute sind, zumal unser Familienrecht heute weitgehend ihren Reformideen entspricht und nicht denen Gottlieb Plancks und anderer bis heute unvergessenen und gefeierten Juristen. Zwar hatte die Frauenbewegung schon um 1900 konkrete Reformvorschläge verfasst, aber die ersten ausgebildeten Juristinnen verwoben diese einzeln stehenden Vorschriften in der Weimarer Republik nicht nur in ein logisches Konzept, das Frauen letztlich in allen Rechtslagen schützen sollte, sondern formulierten die Forderungen auch auf einem so professionellen Niveau, dass sie von Juristen auf Augenhöhe diskutiert und nicht wie um 1900 verspottet oder schlicht ignoriert wurden. Es war den Persönlichkeiten und Ideen der Juristinnen der Weimarer Zeit und unter ihnen maßgeblich Margarete Berent und Marie Munk zu verdanken, dass sie mit ihrer geschickten und professionellen Art die Wogen nicht noch mehr aufschäumten, sondern ihre Themen ruhig durchzusetzen suchten. Obwohl in der Weimarer Republik aufgrund der politisch instabilen Situation sowie der kurzen Lebensdauer der ersten deutschen Demokratie keiner der Reformvorschläge umgesetzt wurde, bewirkten die Juristinnen das Aufgreifen neuer Themen und neuer Umgangsformen in der Justiz. Daneben fanden sie sich auch mit ihren neuen Rollen als Berufstätige, Wählerinnen und Reformpolitikerinnen im öffentlichen Leben wieder und schufen neue Rollen- und Verhaltensmuster. Die Reformen in der Bundesrepublik Deutschland und letztlich auch in der DDR in den 1950er bis 1970er Jahren verhalfen den Reformjuristinnen zu spätem Erfolg, den sie aus dem Exil genau verfolgten. In fast allen Punkten wurden die Vorschläge Munks und Berents sowie anderer Reformpolitiker der Weimarer Zeit aufgegriffen.70 Das Bundesjustizministerium hatte ursprünglich Marie Munk gewinnen wollen, den Entwurf für das westdeutsche Familienrecht zu schreiben, aber diese wollte angesichts ihrer Erfahrungen nach 1933 die amerikanische Staatsbürgerschaft nicht 70 Dieter Schwab, Gleichberechtigung und Familienrecht im 20. Jahrhundert, in: Gerhard (Hg.), Frauen in der Geschichte des Rechts. Von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, München 1997, 790-827; Ute Schneider, Hausväteridylle oder sozialistische Utopie? Die Familie im Recht der DDR, Köln 2004, 175-267. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 106 mehr aufgeben, um die deutsche und damit den für diese Aufgabe notwendigen Beamtenstatus wiedererwerben zu können. Sowohl Margarete Berent als auch Marie Munk haben Zeit ihres Lebens neue Maßstäbe gesetzt. Sie gehörten zu den ersten Juristinnen in Deutschland und spät in ihrem Leben wurden beide wieder Juristinnen im Exil in den USA. Sie mussten erleben, wie mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten alle bisher hart erkämpften Rechtspositionen für Frauen sowie die eigenen Lebensbedingungen wieder vernichtet wurden, und das Unrecht um sich griff. Beide waren in beiden Welten, die ihr zu Hause wurden, entschlossene Kämpferinnen für gleiche Rechte von Frauen und „streitbare“ Juristinnen im besten Sinne. Für den facettenreichen Kampf um gleiche Rechte für Frauen in Deutschland sind sie jedenfalls unentbehrlich und unersetzbar gewesen. Margarete Berent (1887-1965) und Marie Munk (1885-1978) 107

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References

Abstract

„Critical Lawyers in Germany“, volume 2, is the sequel of the 1988 book “Critical Lawyers in Germany. A different tradition”. Just like its precursor, it comprises biographical profiles of late attorneys, judges and legal scholars, but it also includes interviews with contemporary witnesses of more recent legal movements. The volume presents theorists and practitioners who have actively intervened in socio-political debates since 1945, especially in the controversies following the 1960s and 70s, and who have stood up for ideas of participatory democracy and an inclusive understanding of law and the Constitution. The volume covers diverse voices of legal critique, also those that are hardly known or almost forgotten. The selection of biographical portraits and interviews broadens the spectrum of critical legal thinkers and activists covered in volume 1. Volume 2 adds perspectives, locations and practices of critique, following the lines and actors of social movements, institutional activism and public interest litigation in Germany.

<b>With contributions to:</b>

Alfred Apfel · Otto Bauer · Margarete Berent · Sebastian Cobler · Franz-Josef Degenhardt · Hedwig Dohm · Eugen Ehrlich · Helga Einsele · Winfried Hassemer · Werner Holtfort · Barbara Just-Dahlmann · Franz Kafka · Leopold Kohr · Anna Mackenroth · Marie Munk · Nora Platiel · Diether Posser · Marie Raschke · Helmut Ridder · Wiltraut Rupp-v. Brünneck · Magdalene Schoch · Jürgen Seifert · Helmut Simon · Kurt Tucholsky · Edda Weßlau

Zusammenfassung

„Streitbare JuristInnen (Band 2)“ ist die Fortsetzung des Bandes „Streitbare Juristen. Eine andere Tradition“ aus dem Jahre 1988 und umfasst Porträts von bereits verstorbenen JuristInnen und Interviews mit ZeitzeugInnen. Thematisch liegt der Schwerpunkt auf Personen, die nach 1945 aktiv an gesellschaftspolitischen Debatten teilgenommen haben, insbesondere an Kontroversen seit „1968“, die zu Kristallisationspunkten der Rechtspolitik wurden und die für ein demokratisches und inklusives Rechts- bzw. Verfassungsverständnis eingetreten sind. Dabei kommt eine breite Vielfalt an Stimmen der Rechtskritik zu Wort, auch RepräsentantInnen kritischer Strömungen, die weniger bekannt oder fast vergessen sind. Die Auswahl der Porträtierten und der InterviewpartnerInnen erweitert den Querschnitt an streitbaren JuristInnen, die schon im ersten Band vorgestellt wurden, und damit auch die Formen, Praxen und Orte der Streitbarkeit. Ein Fokus liegt auf rechtspolitischen und zivilgesellschaftlichen Bewegungen der Bundesrepublik, auf KritikerInnen der Zeitgeschichte, die aktiv in rechtspolitische Kontroversen interveniert und die sich in wissenschaftlichen, rechtlichen und politischen Institutionen rechtspolitisch engagiert haben.

<b>Mit Beiträgen über:</b>

Alfred Apfel · Otto Bauer · Margarete Berent · Sebastian Cobler · Franz-Josef Degenhardt · Hedwig Dohm · Eugen Ehrlich · Helga Einsele · Winfried Hassemer · Werner Holtfort · Barbara Just-Dahlmann · Franz Kafka · Leopold Kohr · Anna Mackenroth · Marie Munk · Nora Platiel · Diether Posser · Marie Raschke · Helmut Ridder · Wiltraut Rupp-v. Brünneck · Magdalene Schoch · Jürgen Seifert · Helmut Simon · Kurt Tucholsky · Edda Weßlau