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Ulrike Lembke, Magdalene Schoch (1897-1987). Erste habilitierte Juristin und „freiwillige“ Emigrantin in:

Kritische Justiz (Ed.)

STREITBARE JURISTiNNEN, page 446 - 467

Eine andere Tradition

1. Edition 2016, ISBN print: 978-3-8487-0003-5, ISBN online: 978-3-8452-4449-5, https://doi.org/10.5771/9783845244495-446

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Magdalene Schoch (1897-1987) Erste habilitierte Juristin und „freiwillige“ Emigrantin Ulrike Lembke Zur Person Mit der Einreichung ihrer Habilitationsschrift zur internationalrechtlichen Qualifikation 1932 und der im gleichen Jahr erteilten venia legendi ist Magdalene Schoch die erste habilitierte Juristin Deutschlands und hätte die erste deutsche Juraprofessorin werden können. Auch ohne diese Vollendung ihrer akademischen Karriere ist sie eine Pionierin: Ihr Abitur hat sie noch als Externe am Jungengymnasium machen müssen, im Studium ist sie oft die einzige Frau im Hörsaal und in der Rechtswissenschaft insgesamt ein Phänomen. Davon hat sie sich nicht beeinträchtigen lassen, sondern ein vielfältiges Studium genossen, sich politisch engagiert, Freiräume gesucht. Ihrer Habilitation geht mehr als ein Jahrzehnt kongenialen Schaffens mit ihrem akademischen Lehrer und guten Freund Albrecht Mendelssohn Bartholdy an der neu gegründeten Hamburger Fakultät voraus. Magdalene Schoch schlägt einen weiten Bogen in jungen rechtswissenschaftlichen Disziplinen: vom Internationalen Privatrecht über das Völkerrecht, den Rechtsvergleich und ausländische Rechtsordnungen bis zum Internationalen Verfahrensrecht. Durch unzählige Aktivitäten trägt sie zur Internationalisierung von Forschung und Lehre an der Hamburger Fakultät bei, ist wesentlich an Friedensforschungen sowie am Aufbau des ersten politikwissenschaftlichen Instituts in Deutschland beteiligt und betreibt konkrete Völkerverständigung. Zugleich ist sie frauenpolitisch und gegen den drohenden Nationalsozialismus engagiert. Als Republikanerin, Feministin und Pazifistin steht sie auch exemplarisch für die Potentiale der Rechtswissenschaften in der Weimarer Republik.1 1. 1 Dazu ausführlich Stefan Oeter, Magdalene Schoch und die Hamburger Universität – eine (ungewöhnliche) Wissenschaftskarriere der 1920er und 1930er, in: 447 Die Machtübernahme beschränkt ihre Möglichkeiten, nicht aber ihre Prinzipien. Magdalene Schoch hält an ihren liberalen und demokratischen Überzeugungen fest und zeigt privat wie öffentlich ihre Loyalität zu ihrem zwangspensionierten akademischen Lehrer. Sie prangert den schleichenden Antisemitismus in wissenschaftlichen Zusammenhängen ebenso an wie die Selbstgleichschaltung und Anpassungsleistungen ihrer Kollegen. 1937 trifft sie schweren Herzens die Entscheidung, trotz familiärer Bindungen hier und fehlender beruflicher Perspektive dort in die USA zu emigrieren. Diese Entscheidung ist singulär, weil ihre Kollegen entweder keine Wahl haben oder jede Alternative zur Anpassung für sich ausschließen. In einem späteren Rechtsstreit um Wiedergutmachung wird sich zeigen, wie übel ihr mancher Kollege nimmt, dass sie die Existenz einer solchen Alternative aufgezeigt hat. In den Vereinigten Staaten arbeitet Magdalene Schoch mit namhaften Emigranten an einer zukünftigen Besatzungspolitik für Deutschland, ist vorübergehend arbeitslos und dann für das Justizministerium tätig, dessen amicus curiae Stellungnahme zum Verfahren Brown v. Board of Education of Topeka sie mitverfasst, mit dem der Supreme Court die Segregation von Schulen beendete. Ihr frauenpolitisches Engagement gibt sie nie auf. Mit der Einreise ihrer verwitweten Schwester und deren vier Kindern wird sie zur Familienernährerin eines sechsköpfigen Haushaltes. Ihr außergewöhnliches Leben bleibt in Deutschland lange vergessen, bis sie im Zusammenhang mit der Spurensuche feministischer Juristinnen nach ihren Vorgängerinnen einerseits und der Erinnerung an die Hamburger Universität im Nationalsozialismus andererseits langsam wieder entdeckt wird. Der Ausschluss von Magdalene Schoch aus dem kollektiven Gedächtnis steht auch für mehrfache Exklusion: als Frau in der Männerwelt der (Rechts-)Wissenschaft, als Demokratin und Pazifistin in der Weimarer Republik, als „Gescheiterte“ ohne eigenen Lehrstuhl und eigene Schüler*innen, als politisch Aktive im vorgeblich neutralen Rechtsdiskurs, als Familienernährerin ihrer Schwester, Neffen und Nichte, als Persönlichkeit mit unerschütterter Integrität im Angesicht der Anpassungsbereitschaft ihrer Kollegen, als „freiwillige“ Emigrantin aus dem nationalsozialistischen Deutschland. Krause/Nicolaysen (Hg.), Zum Gedenken an Magdalene Schoch (1897-1987), Hamburg 2008, 23-41 (25 ff.). Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 448 Biographisches Magdalene Schoch wird am 15. Februar 1897 als Maria Magdalena Schoch in Würzburg geboren.2 Sie wächst mit einem älteren Bruder und zwei jüngeren Schwestern auf. Ihr Vater Johann Leonhard Schoch stammt aus einer mittelfränkischen Bauernfamilie und hat als Handelsvertreter gearbeitet, bevor es ihm 1905 gelingt, seine eigene Tuchhandlung in Würzburg zu eröffnen. Ihre Mutter Margarete Schoch, geb. Gundermann, hat vor der Heirat als Erzieherin gearbeitet und ist politisch aktiv: Sie kämpft für liberalere Schulordnungen, ist 1912 eine der Initiatorinnen eines Vereins für Frauenstimmrecht und engagiert sich gegen Militarismus und Kriegstreiberei – zentrale Themen des radikalen Flügels deutscher Frauenbewegungen um 1900. Diese feministische Haltung ließ auch Magdalene Schoch nicht unbeeindruckt: „Being the daughter of a mother who was way ahead of her time I became a suffragette at the age of twelve, when I began to help her organize an association for women’s franchise in our small very conservative home town.“3 Neben politischen Interessen geben beide Eltern ihrer Tochter reichhaltige Einblicke in die bildungsbürgerliche Kultur und eine tiefe Naturverbundenheit mit auf den Weg. In Würzburg besucht Magdalene Schoch die Sophienschule, eine konfessionell ungebundene und als fortschrittlich geltende Einrichtung. Das Abitur kann sie dort aber trotz sehr guter Leistungen nicht erreichen, dies ist nur an einem Jungengymnasium möglich. Immerhin bietet die Sophienschule als erste Mädchenschule in Würzburg die erforderlichen Kurse zur Vorbereitung auf das externe Abitur an, welches Magdalene Schoch 1916 erfolgreich am Würzburger Realgymnasium ablegt.4 2. 2 Ausführlich zu ihrer Biographie: Rainer Nicolaysen, Für Recht und Gerechtigkeit. Über das couragierte Leben der Juristin Magdalene Schoch (1897-1987), in: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte 92 (2006), 113-143 (116 ff.), welcher auch auf persönliche Aufzeichnungen von Magdalene Schoch zurückgreifen kann. 3 Magdalene Schoch, zitiert in: The Arlington News vom 23.12.1975. 4 Magdalene Schoch, Eine „Ehemalige“ im Reich der Wissenschaft, in: Jahrbuch der Sophienschule Würzburg 1932, 69-71 (70), beschreibt die Abiturprüfung als Situation, in der „wir 8 Schülerinnen der Gymnasialkurse als „Externe“ vor einem gestrengen Forum fremder Lehrer Rechenschaft zu geben hatten über das, was wir uns in diesen Kursen in drei Jahren und unter den ungünstigsten Kriegsverhältnissen an Wissen hatten aneignen können“. Magdalene Schoch (1897-1987) 449 Die familiäre Situation ändert sich 1914 dramatisch. Der Vater erhängt sich wegen des Bankrotts seines Würzburger Geschäfts, der Bruder stirbt auf einem der Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs.5 Neben der großen persönlichen Trauer gerät Magdalene Schoch auch in eine prekäre ökonomische Situation, da die Mutter nicht einmal Witwenrente erhält, um sich und die drei Töchter über die Runden zu bringen. Sie hält dennoch an der Entscheidung fest, ein Universitätsstudium aufzunehmen. Allerdings nimmt Magdalene Schoch aus finanziellen Gründen Abstand von ihrem Wunschstudium der Medizin und immatrikuliert sich in Würzburg für das wesentlich kürzere Studium der Rechtswissenschaften.6 Ökonomisch zweifelsfrei ist ihre Entscheidung allerdings nicht, da Frauen zu diesem Zeitpunkt die Staatsexamina nicht ablegen und keine juristischen Berufe ergreifen können, auch die Habilitation und damit eine wissenschaftliche Karriere sind ihnen verwehrt.7 Dem Umstand, dass sie die einzige Frau im Hörsaal ist, begegnen ihre Professoren denn auch nicht immer souverän: „The first lecture on which I sat in was on Roman law, taught by an outstanding expert in the field. I’ll never forget the expression on his face when he saw a girl sitting there. He was about to open the lecture with the traditional formal „meine Herren“, but when he saw me he was speechless for a few minutes until he managed to say „meine Herren und meine Dame“ with an ironic intonation.“8 Magdalene Schoch belegt neben ihren rechtswissenschaftlichen Veranstaltungen pro Semester mindestens eine weitere zu Literatur, Philosophie oder Kunstgeschichte. Finanziert wird ihr Studium durch Stipendien und intensives Werkstudententum. Die Vielfalt ihrer Studien und das Ringen um Lebensunterhalt sind zwar „nicht immer von Vorteil für die Examenskenntnisse“, aber von großer Bedeutung für ihre „allgemein-menschliche Ausbildung“.9 Auch politisch bleibt Magdalene Schoch aktiv. Auf ihrem Würzburger Einwohnermeldebogen wird anklagend vermerkt, dass sie mit den studentischen Protagonisten des Würzburger Räteaufstands von 1919, 5 Nicolaysen (Fn. 2 ), 117. 6 Magdalene Schoch, A Bit About My Career, Privatarchiv Lennie Cujé, Arlington/ Virginia, 1. 7 Konstanze Plett, The Loss of Early Women Lawyers from Collective Memory in Germany: A Memoir of Magdalene Schoch, in: Karstedt (Hg.), Legal Institutions and Collective Memory, Oxford and Portland 2009, 354-372 (357 ff. m.w.N.). 8 Schoch (Fn. 6), 1. 9 Schoch (Fn. 4), 70. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 450 Valentin Hartig und Ernst Ringelmann, eng befreundet ist und überdies „durchreisende Kommunisten und politische Flüchtlinge“ beherbergt, an einer Demonstration teilgenommen und die „Politischen Rundbriefe“ abonniert habe.10 1920 schließt Magdalene Schoch ihr Studium der Rechtswissenschaften in Würzburg durch Promotion auf Grundlage einer Arbeit zur englischen Kriegsgesetzgebung ab und folgt ihrem Doktorvater Albrecht Mendelssohn Bartholdy als Assistentin an die frisch gegründete Hamburger Universität.11 Es beginnt ein überaus produktives Jahrzehnt kongenialen Schaffens. Ihr wissenschaftliches Feld ist das Internationale Recht in einem weiten Sinne und auch der Aufbau von Bibliotheken, die Gründung von Instituten und Gesellschaften, die Herausgabe von Zeitschriften, Auslandsaufenthalte und außergewöhnliche Lehrveranstaltungen stehen im Zeichen und Dienst der Internationalisierung. 1932 erfolgt die Habilitation an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Hamburg,12 und Magdalene Schoch wird Privatdozentin für Internationales Privat- und Prozessrecht, Rechtsvergleichung und Zivilprozessrecht. Damit ist sie die erste habilitierte Juristin in Deutschland. Die erste deutsche Juraprofessorin wird sie aber nicht. Das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom April 1933 treibt ihren Vorgesetzten und Mentor Albrecht Mendelssohn Bartholdy ins englische Exil. Die Universität wird gleichgeschaltet, die Errungenschaften der letzten Jahre werden vereinnahmt oder zerstört.13 1934 ermöglicht ein Rockefeller-Stipendium Magdalene Schoch einen einjährigen Forschungsaufenthalt in den USA. 1936 stirbt Albrecht Mendelssohn Bartholdy. Im Sommer 1937 kündigt Magdalene Schoch ihre Stelle an der Universität Hamburg und bittet um Entlassung aus der Dozentur. Ohne finanzielle Rückla- 10 Stadtarchiv Würzburg, Einwohnermeldebogen Magdalene Schoch, Nachweis bei Nicolaysen (Fn. 2), 119. 11 Ulrike Lembke/Dana-Sophia Valentiner, Magdalene Schoch – die erste habilitierte Juristin in Deutschland, in: Hamburger Rechtsnotizen 2012, 93-100 (94). 12 Mit der Habilitationsschrift: Klagbarkeit, Prozeßanspruch und Beweis im Licht des internationalen Rechts. Zugleich ein Beitrag zur Lehre von der Qualifikation, Leipzig 1934. 13 Vgl. die Beiträge in: Eckart Krause/Ludwig Huber/Holger Fischer (Hg.), Hochschulalltag im „Dritten Reich“. Die Hamburger Universität 1933-945, Berlin 1991; Rainer Nicolaysen, Geistige Elite im Dienste des „Führers“, in: Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (Hg.), Hamburg im „Dritten Reich“, Göttingen 2005, 336-356. Magdalene Schoch (1897-1987) 451 gen und ohne konkrete Stellenperspektive emigriert sie im Oktober 1937 in die USA. Erst knapp ein Jahr nach ihrer Ankunft erhält Magdalene Schoch eine (schlecht bezahlte) Stelle als Forschungsassistentin an der Harvard Law School.14 1943 nimmt sie die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Sie arbeitet als Expertin für deutsches Recht zunächst im Office of Economic Warfare, dann in der neu gegründeten Foreign Economic Administration (FEA), welche die künftige Besatzungspolitik für Deutschland vorbereiten. 1946 beginnt sie ihre Tätigkeit im Justizministerium als Sachverständige für Internationales und Ausländisches Recht, wo sie bis zur Abteilungsleiterin aufsteigt. Nach ihrer Pensionierung arbeitet sie weiterhin als selbständige Anwältin und Gutachterin in einem kleinen Büro in Washington. 1931 hatte Magdalene Schoch den ersten deutschen Zonta-Club – ein seit 1919 bestehender, inzwischen weit verzweigter Zusammenschluss berufstätiger Frauen, die sich für die Verbesserung der Lebenssituation von Frauen einsetzen – in Hamburg mitgegründet und fungierte als dessen Präsidentin, auch in den schwierigen Zeiten der Illegalität ab 1933.15 In Amerika ist der Zonta-Club wiederum ein Anlaufpunkt für sie; Gründungsmitglied Louise C. Gerry nimmt sie auf und schafft Kontakte. Magdalene Schoch wird rasch politisch aktiv, hält Vorträge vor der American Women Lawyers Association und amtiert in den 1950er Jahren als Präsidentin des Arlingtoner Zonta-Clubs. Die Verbindung zu anderen Zontians ist auch eine Verbindung nach Deutschland; 1963 nimmt sie an der Intereuropäischen Distriktkonferenz in Hamburg teil, welche von ihrer früheren Kollegin und Nachfolgerin als Präsidentin des Hamburger Clubs organisiert wird. Magdalene Schoch hat ein sehr enges Verhältnis zu ihrer Familie. 1930 zieht die Mutter zu ihr nach Hamburg in eine gemeinsame neue Wohnung. Vor ihrer Emigration verkauft Magdalene Schoch ihren Hausrat und lässt sich ihre Lebensversicherung auszahlen, um ihre Mutter, die zurückbleibt, wenigstens für eine Zeit finanziell abzusichern. Die Trennung fällt ihr sehr schwer: „My Mother and Trudel saw me off on the boat and the courage which Mother showed almost broke my heart.“16 Aus den USA unterstützt 14 Auch zu ihrem Leben nach der Emigration ausführlich Nicolaysen (Fn. 2), 130 ff. 15 Dazu Traute Hoffmann, Der erste deutsche ZONTA-Club. Auf den Spuren außergewöhnlicher Frauen, Hamburg/München 2002, 9-13, 21-28. 16 Schoch (Fn. 6), 4. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 452 sie ihre Mutter weiterhin selbst mit geringsten Mitteln. Wiedersehen werden sie sich nicht. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs schickt Magdalene Schoch unzählige Pakete mit dringend benötigten Gütern an Verwandte und Bekannte in Deutschland. 1950 ermöglicht sie ihrem ältesten Neffen die Auswanderung und finanziert sein Studium in den USA. 1952 folgen ihre geschiedene Schwester und deren drei weitere Kinder. Magdalene Schoch verdient nun den Lebensunterhalt für den sechsköpfigen gemeinsamen Haushalt in Arlington. Am 6. November 1987 stirbt Magdalene Schoch in Falls Church bei Washington. In die Welt: wissenschaftliches Werk und Wirken Magdalene Schochs wissenschaftliches Werk17 ist von einer außerordentlichen Aktualität und einem hohen Praxisbezug gekennzeichnet – weshalb nicht Weniges von dem, was sie in produktiver Auseinandersetzung mit den Kollegen schreibt, inzwischen zur Rechtsgeschichte gehört. Schoch und Mendelssohn Bartholdy betreiben Wissenschaft im Angesicht der politischen Herausforderungen ihrer Zeit, es geht ihnen um eine lebbare Nachkriegsordnung in Deutschland und Europa, um Friedensforschung gegen Militarismus, um konkrete wissenschaftliche Völkerverständigung, um Öffnung zur Welt. Die Forderung nach Internationalisierung, die heute als neoliberales Leistungskriterium Wissenschaftler*innen und Universitäten unter Druck setzt, ist für Magdalene Schoch und Albrecht Mendelssohn Bartholdy produktive gelebte Wissenschaftspraxis, in der sie nationale Grenzen ebenso überschreiten wie intradisziplinäre oder die imaginierten zwischen Recht, Wissenschaft und Politik: das „intellektuell dynamische, weltoffene Milieu einer um Internationalität und grenzüberschreitende Vernetzung, politisch um Versöhnung zwischen den ehemaligen Kriegsgegnern und um ‚internationale Organisation’ bemühten, ‚progressiven’ Rechtswissenschaft neuen Typs“.18 Was bedeutet das konkret? 1923 wird in Hamburg das Institut für Auswärtige Politik gegründet und Albrecht Mendelssohn Bartholdy zum Leiter ernannt. Das Institut ist weltweit eines der ersten, die sich der Erforschung von Friedensbedingungen widmen, indem auf Grundlage interdis- 3. 17 Ausführliche Würdigung durch Dagmar Coester-Waltjen, Magdalene Schoch – wissenschaftliches Werk, in: djbZ 1/2013, 34-38. 18 Oeter (Fn. 1), 27, zur Tätigkeit Schochs an der Hamburger Fakultät, ebd., 30 ff. Magdalene Schoch (1897-1987) 453 ziplinärer empirischer Forschung Richtlinien für eine stetige, wirksame und friedensfördernde Außenpolitik entwickelt und die außenpolitische Bildung der Allgemeinheit verbessert werden.19 Das Institut legt damit zugleich den Grundstein für die Herausbildung einer Politikwissenschaft in Deutschland.20 Mit einem Freizeiteinsatz von Magdalene Schoch beginnt die Arbeitsfähigkeit der Institutsbibliothek.21 Für die institutseigene Zeitschrift „Europäische Gespräche“ (seinerzeit das führende Periodikum zu internationalen Fragen in Deutschland) verfasst, redigiert und übersetzt sie Beiträge und führt eine umfassende kommentierte Bibliographie des Schrifttums zu Internationalen Beziehungen. Später wird sie Leiterin der Rechtsabteilung des Instituts. Magdalene Schoch gehört zu den Gründungsmitgliedern der 1929 ins Leben gerufenen „Gesellschaft der Freunde der Vereinigten Staaten“ und ist auch Mitglied des ersten geschäftsführenden Vorstands.22 Sie gibt die zweisprachige „Hamburg-Amerika-Post“ heraus – laut Selbstverständnis „a messenger of good will between the United States and Germany“ – in der neben Beiträgen zum US-amerikanischen und deutschen Recht auch Hinweise auf wichtige politische, wirtschaftliche und kulturelle Ereignisse in beiden Staaten veröffentlicht werden.23 Magdalene Schoch übernimmt auch die Leitung der 1930 gegründeten „Amerika-Bibliothek“, neben dem Berliner Institut die bedeutendste Informationsquelle zum amerikanischen Recht in Deutschland, deren Notwendigkeit sie anhand einer aus mangelnder Kenntnis des amerikanischen Rechts resultierenden Fehlentscheidung des House of Lords darlegt.24 Die Hamburger Fakultät wird die erste in 19 Vgl. die Beiträge in: Klaus Jürgen Gantzel (Hg.), Kolonialrechtswissenschaft, Kriegsursachenforschung, Internationale Angelegenheiten. Materialien und Interpretationen zur Geschichte des Instituts für Internationale Angelegenheiten der Universität Hamburg 1923-1983 im Widerstreit der Interessen, Baden-Baden 1983. 20 Gisela Gantzel-Kress, Das Institut für Auswärtige Politik im Übergang von der Weimarer Republik zum Nationalsozialismus (1933 bis 1937), in: Krause/Huber/ Fischer (Fn. 13), 913-938 (914). 21 Gisela Gantzel-Kress, Zur Geschichte des Instituts für Auswärtige Politik, in: Gantzel (Fn. 19), 23-88 (43). 22 Nicolaysen (Fn. 2), 122. 23 Magdalene Schoch, Amerika-Bibliothek und Amerika-Post. Bericht für die Jahresmitgliederversammlung am 29. Mai 1931, Typoskript, Hamburg 1931, 1-6 (6) (Archiv der Hamburger Bibliothek für Universitätsgeschichte). 24 Magdalene Schoch, Amerikanisches Recht vor den englischen Gerichten, Amerika-Post 3 (1931), 35-41. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 454 Deutschland, an der US-amerikanisches und englisches Recht regulär unterrichtet werden.25 Ihre Dissertationsschrift hat Magdalene Schoch zur englischen Kriegsgesetzgebung im ökonomischen Bereich verfasst.26 Ihre weitere Publikationstätigkeit zeigt ein breites Interessengebiet vom Internationalen Privatrecht über die Rechtsvergleichung und das Internationale Verfahrensrecht bis zu Schiedsgerichtsbarkeit, Besatzungsrecht und Völkerbundidee.27 Frieden und Verständigung durch Recht in internationalen Beziehungen und im internationalen Privatrechtsverkehr sind ihre großen Themen. Viel zitiert ist ihre kommentierte Ausgabe der Entscheidungen des Internationalen Schiedsgerichts zur Auslegung des Dawes-Plans.28 Gleiches gilt für ihre 1932 vollendete Habilitationsschrift zu einer der Schlüsselfragen des IPR und IVR, der Qualifikation eines streitigen Rechtsverhältnisses bzw. der streitentscheidenden Normen.29 Der Blick über den nationalen Tellerrand ist angesichts der politischen Grundhaltung der meisten Kollegen wie der bedeutenden nationalen Kodifikationen des 19. Jahrhunderts keineswegs selbstverständlich. Viele der Fragen, die Magdalene Schoch diskutiert, werden erst Jahrzehnte später zu einer herrschenden Meinung finden.30 25 Magdalene Schoch, Preface, in: Albrecht Mendelssohn Bartholdy, Renvoi in modern English law, edited by Chevalier Cheshire, Oxford 1937, vi-x, ix. Vgl. auch Magdalene Schoch, Überblick über das Recht der Vereinigten Staaten in seinen Besonderheiten, Handbuch der Auslandskunde, Bd. 5, 1931, 132-152. 26 Magdalene Schoch, Die Zwangsliquidation feindlicher Gesellschaften durch das englische Handelsamt nach der Trading with the Enemy (Amendment) Act 1918, Würzburg 1920. 27 Magdalene Schoch, Völkerbundmandate und Kolonialpolitik, in: Handbuch der Politik 5: Der Weg in die Zukunft, 1922, 38-47; dies., Zum Abrüstungs-Fragebogen der Völkerbundkommission, in: Europäische Gespräche 1926, 121-128; dies., German experiences in international post-war arbitration, in: Hamburg-Amerika- Post 1 (1929), 319-327; dies., Verjährung und Kronprivileg im IPR, in: Blätter für internationales Privatrecht 1931, 307-313; dies., Neuere englische Rechtsprechung zur Rückverweisung, in: Blätter für internationales Privatrecht 1931, 313-318; Schoch (Fn. 25); Schoch (Fn. 24). 28 Die Entscheidungen des Internationalen Schiedsgerichts zur Auslegung des Dawes-Plans, 4 Bände, 1927-1929, übersetzt, kommentiert und herausgegeben von Magdalene Schoch. 29 Magdalene Schoch, Klagbarkeit, Prozeßanspruch und Beweis im Licht des internationalen Rechts. Zugleich ein Beitrag zur Lehre von der Qualifikation, Leipzig 1934. 30 Coester-Waltjen (Fn. 17), 35 ff. Magdalene Schoch (1897-1987) 455 An dieser Meinungsfindung wird Magdalene Schoch aber nicht mehr beteiligt sein, auch wenn ihre Habilitationsschrift im deutschen Diskurs bis in dieses Jahrhundert zitiert wird. Sie wechselt das Land und die Sprache ihrer Publikationen und wird Teil anderer Bezugnahmen31 und Diskurse. Eine singuläre Entscheidung Als Magdalene Schoch sich 1932 als erste Frau in Deutschland in den Rechtswissenschaften habilitiert, liegt es angesichts ihrer akademischen Leistungen nahe, dass sie auch die erste deutsche Juraprofessorin werden wird; handelt es sich bei ihrer Habilitationsschrift doch um „eine hervorragend gearbeitete, material- wie gedankenreiche Arbeit zu einer Grundproblematik des Kollisionsrechts, die Magdalene Schoch wissenschaftlich auf der Höhe der Diskussion zeigt und zugleich erahnen lässt, welches wissenschaftliche Potential in ihr steckte. [...] Wäre ihre Publikationstätigkeit so fortgesetzt worden, wie sie in den frühen 1930er Jahren begonnen hatte, wäre Frau Schoch wohl bald zu einer der Größen ihres Faches geworden.“32 Mit Hitlers Machtübernahme wird ein solches Szenario erheblich unplausibler. Magdalene Schoch gehört aber nicht zu denjenigen, welche die Universität mit Inkrafttreten des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ verlassen mussten. Sie entscheidet selbst, dass sie weder die Forderungen nationalsozialistischer Autoritäten noch die Selbstgleichschaltung und Anpassungsleistungen ihrer Kollegen33 an das neue Regime weiter ertragen kann. Magdalene Schoch ist nicht parteipolitisch gebunden. Sie zählt aber 1932 zu den Initiatorinnen der Hamburger Frauenfront gegen den Nationalsozialismus und gehört deren vorläufigem Vorstand an.34 Auf einer entsprechenden Großveranstaltung im Conventgarten warnt sie als eine der Rednerinnen vor der drohenden Diktatur. Nach der Machtübernahme 4. 31 Exemplarisch: Alex Mills, The Confluence of Public and Private International Law. Justice, Pluralism and Subsidiarity in the International Constitutional Ordering of Private Law, Cambridge 2009. 32 Oeter (Fn. 18), 33 f. 33 Vgl. Hermann Weber, Von Albrecht Mendelssohn Bartholdy zu Ernst Forsthoff. Die Hamburger Rechtsfakultät im Zeitpunkt des Machtübergangs 1933 bis 1935, in: Gantzel (Fn. 18), 159-181. 34 Dazu und zum Folgenden ausführlich Nicolaysen (Fn. 2), 124 ff. m.w.N. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 456 verweigert sie den sog. Hitlergruß und steht zu ihren jüdischen und sozialdemokratischen Freund*innen. Der Zonta-Club lässt sich 1933 aus dem Vereinsregister streichen, um dem mit der Gleichschaltung verbundenen Verlust seiner jüdischen Mitglieder zu entgehen. Die Treffen finden fortan im Geheimen statt (bis 1937 unter der Präsidentschaft von Magdalene Schoch), und der Hamburger Club ist der einzige deutsche Zonta-Club, welcher auch in der Zeit des Nationalsozialismus besteht. Auch in der Wissenschaft duldet Magdalene Schoch den nun offen aufkommenden Antisemitismus nicht. Seit 1930 gibt die „Gesellschaft der Freunde der Vereinigten Staaten in Hamburg“ ihre Zeitschrift „Amerika- Post“ gemeinsam mit der „Vereinigung Carl Schurz“ in Berlin heraus. 1933 fordert deren Vertreter Hans Draeger, die Namen der jüdischen Mitarbeiter an der Zeitschrift nicht mehr zu nennen. Magdalene Schoch kontert mit dem Vorschlag, die Vereinigung und Draeger vom Deckblatt zu streichen, und die nächste (und letzte) Ausgabe erscheint denn auch ohne deren Nennung.35 Später kontaktiert sie der stellvertretende Präsident der neu gegründeten Akademie für Deutsches Recht, der Zivilrechtler Wilhelm Kisch, und lädt sie ein, an einer Schriftenreihe mitzuwirken unter der Bedingung, dass sie dabei keinesfalls jüdische Autoren zitieren werde. Als Magdalene Schoch höflich nachfragt, wie die anvisierten Themen ohne die Bezugnahme auf die Arbeiten jüdischer Kollegen behandelt werden könnten, endet dieser Kontakt abrupt.36 Das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ trifft mehr als die Hälfte des Lehrkörpers, neun Kollegen von Magdalene Schoch werden entlassen oder pensioniert, emigrieren oder nehmen sich das Leben.37 Magdalene Schochs Freund, Mentor und akademischer Lehrer Albrecht Mendelssohn Bartholdy geht ins englische Exil. Die verbreitete Hoffnung, dass die nationalsozialistische Herrschaft nur kurz dauern werde, wird ebenso rasch zerstört wie das mühsam aufgebaute Werk von Schoch und Mendelssohn Bartholdy. Das Institut für Auswärtige Politik wird nationalsozialistisch vereinnahmt, Albrecht Mendelssohn Bartholdy zum Rücktritt von dessen Leitung gezwungen und das Institut später nach 35 Nicolaysen (Fn. 2), 125. Andernorts waren antisemitische Forderungen erfolgreich, so musste Albrecht Mendelssohn Bartholdy aus dem Herausgeberkreis des „Archivs für Öffentliches Recht“ ausscheiden, siehe Weber (Fn. 33), 174. 36 Nicolaysen (Fn. 2), 125 f. 37 Norman Paech/Ulrich Krampe, Die Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät – Abteilung Rechtswissenschaft, in: Krause/Huber/Fischer (Fn. 13), 867-912 (869 f). Magdalene Schoch (1897-1987) 457 Berlin verlegt.38 Die „Europäischen Gespräche“ und die „Amerika-Post“ werden eingestellt. Die „Gesellschaft der Freunde der Vereinigten Staaten in Hamburg“ wird aufgelöst. Magdalene Schoch hat kaum noch Verbündete in der Fakultät. Sie beschränkt ihre Lehrtätigkeit auf „unpolitische“ Gegenstände. Als Schülerin eines jüdischen und liberalen, überdies mit Friedensforschung befassten Akademikers steht sie unter besonderer Beobachtung. Dessen ungeachtet ziert das Deckblatt ihrer 1934 erschienenen Habilitationsschrift der Satz „Albrecht Mendelssohn Bartholdy gewidmet“. Dass es sich hierbei um keine Selbstverständlichkeit handelt, wird zwei Jahre später deutlich. Magdalene Schoch erfährt vom plötzlichen Tod Mendelssohn Bartholdys in Oxford. Sie beschließt, sofort nach England zu reisen, um an der Trauerfeier teilzunehmen. Daher ruft sie den Dekan an und teilt ihm mit, dass sie beim nächsten Fakultätstreffen nicht dabei sein kann und auch ihre Vorlesungen für eine Woche entfallen müssen: „He was practically speechless. ‚Do you think this is wise? I’ll have to notify headquarters of the University.’ Which he did, and was told that this trip might have serious consequences for me.“39 Magdalene Schoch reist trotzdem unverzüglich und erfährt von der Familie in England, dass keiner der Kollegen eine Beileidsbekundung geschickt hat. Negative Konsequenzen hat die Reise für sie nicht, wenn man von ihrer Empörung über „the moral corruption which Hitler brought out in the so-called intellectuals“40 absieht. Doch ihre Position an der Universität bleibt fragil, ihre Verweigerung einer Anpassung an den nationalsozialistischen Geist der „Hansischen Universität“ wird immer gefährlicher. Nach § 8 der Reichshabilitationsordnung von 1934 wird als Dozent nur zugelassen, wer Beamter werden kann, womit alle nach der nationalsozialistischen Rassendoktrin oder aus anderen politischen Gründen verfolgte Personen keinen Zugang zum Beruf des Hochschullehrers mehr haben. Gemäß § 11 haben Bewerber sich nach Ablegung der Lehrprobe bei der Landesunterrichtsverwaltung zum Dienst im Gemeinschaftslager und zur Dozentenakademie zu melden. Dies impliziert nicht nur die Entmachtung der Fakultäten in Personalentscheidungen, da Bewerber über das Reichswissenschaftsministerium und die Länderverwaltungen den Fakultäten zugewiesen werden und vor Auf- 38 Gantzel-Kress (Fn. 21), 65. 39 Schoch (Fn. 6), 3. 40 Schoch (Fn. 6), 3. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 458 nahme in den Lehrkörper nochmals die Landesministerien und das Reichserziehungsministerium zustimmungspflichtig zu befragen sind.41 Die paramilitärisch organisierte Dozentenakademie steht überdies Frauen nicht offen, weibliche akademische Lehrtätigkeit ist nicht erwünscht. Politische, wissenschaftliche und persönliche Überzeugung, ihr Abscheu gegenüber dem Anpassungswillen der verbliebenen Kollegen und nicht zuletzt ihr Geschlecht machen Magdalene Schochs Situation immer prekärer. Der mit einem Rockefeller-Stipendium finanzierte einjährige Aufenthalt in den USA 1934-35 schafft eine dringend benötigte Atempause. Nach ihrer Rückkehr hat sich die Lage aber keineswegs verbessert. Als die Mitgliedersperre der NSDAP im Mai 1937 vorübergehend aufgehoben wird, kommt es über der Frage des Parteieintritts zum endgültigen Bruch mit den Kollegen, die sich – sofern sie nicht längst Mitglieder waren – weit überwiegend auf die Liste der Antragsteller setzen lassen. „[O]ne day we received a notice from headquarters ‘permitting´ every teacher and employee to apply for membership in the Party. The professor who was my superior at that time called me into his office in great agitation. […] ‘My god, what shall I do? What are you doing, Dr. Schoch?’ ‘Me’, I said, ‘I’ve thrown the notice in my waste basket.’ ‘But what about our future? I cannot live if I´m not permitted to teach!’ ‘Well, Professor, that´s your problem.’ So he signed on the dotted line. I, of course, did not, and strange to say, nothing happened to me.”42 Doch es scheint dieses Ereignis zu sein, welches Magdalene Schoch deutlich macht, dass sie nicht an der Universität und in Deutschland bleiben kann. Wenige Wochen später reicht sie ihr Kündigungsschreiben ein, bittet um Entlassung aus der Dozentur und emigriert ohne finanzielle oder berufliche Sicherheiten in die USA. Diese Entscheidung ist angesichts ihrer Singularität außergewöhnlich; die Kolleginnen und Kollegen, die nicht gegen ihren Willen von den Universitäten und aus Deutschland vertrieben, ins Exil oder den Freitod gejagt oder ermordet werden, können sich, wie der zitierte Vorgesetzte von Magdalene Schoch, eine andere Wahl als die Anpassung offenbar gar nicht vorstellen. Magdalene Schoch ist im Sommer 1937 in einer sehr unbehaglichen Position, aber nicht konkret bedroht. Ihre Entscheidung zur Emigration, die ihr angesichts ihrer familiären Bindungen, der Aufgabe ihrer wissenschaftlichen Karriere und 41 Jens Blecher, Vom Promotionsprivileg zum Promotionsrecht, Halle 2006, 272. 42 Schoch (Fn. 6), 3. Magdalene Schoch (1897-1987) 459 der finanziellen Unsicherheiten sehr schwer gefallen sein dürfte, ist „keine ‚freiwillige‘ Entscheidung gewesen, aber eine beeindruckend autonome“.43 Jahre später wird sich zeigen, wie sehr es viele Kollegen trifft, dass Magdalene Schoch sich für eine Alternative entscheidet, die nach „herrschender Meinung“ gar nicht besteht. In der kleinen Festschrift zum 50jährigen Bestehen der Hamburger Fakultät ist ihre Arbeit nicht in der Liste der Habilitationen der Fakultät aufgeführt, auch nicht in der ergänzenden Korrektur.44 Ein pures Versehen liegt nicht allzu nahe, schließlich beschreibt Fritz Morstein Marx, der selbst emigrieren musste, in seinem Beitrag ebendort das kongeniale Arbeitsverhältnis und die enge menschliche Beziehung zwischen ihr und Albrecht Mendelssohn Bartholdy.45 Doch auch im Vorwort von Rudolf Sieverts wird sie nicht als eine von denen genannt, welche die Fakultät während des Nationalsozialismus verlassen mussten.46 Dabei hat Rudolf Sieverts wenige Jahre zuvor in eidesstattlicher Versicherung erklärt: „Es erscheint mir sicher, dass Fräulein Dr. Schoch niemals ausgewandert wäre, wenn ihre Situation in Hamburg nicht durch das neue nationalsozialistische Regime so prekär geworden wäre. Es hielten sie in Deutschland sehr starke familiäre Bindungen, vor allem an ihre alte Mutter und ihre Geschwister.“47 Anlass dieser Erklärung ist ein Antrag Magdalene Schochs, vertreten durch ihren früheren Studenten Robert Gärtner, beim Amt für Wiedergutmachung. Der Unterhalt der sechsköpfigen Familie in Arlington führt dazu, dass Magdalene Schoch ihre eigene Altersversorgung vernachlässigt, weshalb sie 1958 auf Drängen von Freund*innen diesen Antrag auf Entschädigung als politisch Verfolgte stellt. Die eidesstattlichen Erklärungen u.a. von Olga Essig, Eduard Rosenbaum und Rudolf Laun bestätigen, dass Magdalene Schoch schon lange gegen Gewaltherrschaft, Antisemitismus und Militarismus gekämpft 43 Nicolaysen (Fn. 2), 142. 44 Vgl. Rechtswissenschaftliche Fakultät (Hg.), Lebensbilder Hamburgischer Rechtslehrer, Hamburg 1969, 105 f., 107. 45 Fritz Morstein Marx, Albrecht Mendelssohn Bartholdy 1874-1936, in: Rechtswissenschaftliche Fakultät (Fn. 44), 53-59 (53). 46 Vgl. Rudolf Sieverts, Fünfzig Jahre rechtswissenschaftliche Fakultät der Universität Hamburg, in: Rechtswissenschaftliche Fakultät (Fn. 44), 7-18 (9). 47 Rudolf Sieverts, Eidesstattliche Erklärung vom 23.11.1959, in: Amt für Wiedergutmachung Hamburg, Wiedergutmachungsverfahren Maria Magdalena Schoch, Az. 1502/97, Bl. 60. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 460 hat, dass sie auch nach 1933 offen kritisch blieb und sich bedroht fühlen musste, und dass ein Weiterführen ihrer Lehr- und Amtstätigkeit im Nationalsozialismus mittelfristig unmöglich war.48 Doch das Verfahren scheitert an der Stellungnahme des von Magdalene Schoch selbst als Zeugen benannten Kollegen Leo Raape. Er ist der damalige Vorgesetzte, mit dem sie die beschriebene Auseinandersetzung über die Frage des Parteieintritts hatte. Und er, der selbst keine Alternative zur Anpassung erkennen konnte, gibt 1959 zu ihrem Schaden an, Magdalene Schoch sei ohne Druck von Seiten der Behörden oder der NSDAP gänzlich freiwillig emigriert.49 Magdalene Schoch stellt einen weiteren Antrag beim Personalamt der Stadt Hamburg, diesmal auf Grundlage des Gesetzes zur Regelung der Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts für Angehörige des öffentlichen Dienstes.50 Rudolf Sieverts bestätigt seine frühere eidesstattliche Erklärung und expliziert noch einmal, dass Magdalene Schoch nicht „freiwillig“, sondern wegen des stetig wachsenden Drucks emigriert sei und nach ihrer wissenschaftlichen Qualifikation unter anderen Umständen Aussicht auf einen Lehrstuhl an einer deutschen Fakultät gehabt hätte. Das Verfahren endet durch Vergleich, und Magdalene Schoch erhält rückwirkend ab 1962 ein Ruhegehalt von der Stadt Hamburg. Wie die Auslassungen in der Festschrift zeigen, bleibt sie aus dem kollektiven Gedächtnis der Fakultät aber ausgeschlossen. Das zweite Leben: Amerika Allerdings will Magdalene Schoch auch nicht mehr Teil der Hamburger Strukturen sein, das Angebot einer Dozentur nach 1945 lehnt sie schroff ab: „After the collapse of Germany I received a letter from Hamburg offering me a teaching position in the revived University. I replied I would never set foot into that institution ...“51 Angesichts der personellen Kontinuitäten in der Hamburger Fakultät ist es sehr unwahrscheinlich, dass das Angebot eines Lehrstuhls zu einem anderen Ergebnis geführt hätte. Ihre per- 5. 48 Alle in: Amt für Wiedergutmachung Hamburg, Wiedergutmachungsverfahren Maria Magdalena Schoch, Az. 1502/97. 49 Siehe Amt für Wiedergutmachung Hamburg (Fn. 48), Bl. 110. 50 Zum Verfahren: Staatsarchiv Hamburg, Dozenten- und Personalakten, Az. 361-6 IV 955. 51 Schoch (Fn. 6), 4. Magdalene Schoch (1897-1987) 461 sönlichen Aufzeichnungen zeigen ihren Zorn angesichts der Illoyalität, moralischen Korruption und Willfährigkeit ihrer Kollegen, sich dem System auszuliefern.52 Und auch in höflicher Korrespondenz lässt ihre Grenzziehung zwischen ihr und den Hamburger Kollegen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Der neue Leiter der Amerika-Bibliothek nimmt Anfang der 1950er Jahre vorsichtig Kontakt mit ihr auf. Magdalene Schoch antwortet ihm mit Bezug auf die Bibliothek: „I hope that it may soon again be useful to Hamburg lawyers and that it may in its way contribute to a lasting relation of mutual understanding between your country and mine.“53 Wie aber sieht es aus, ihr Leben in „ihrem“ Amerika, ihrer neuen Heimat? Der Anfang ist schwer und nur mit Hilfe guter Freund*innen wie Louise C. Gerry und Fritz Morstein Marx zu bewältigen. Erst knapp ein Jahr nach ihrer Ankunft gelingt es Magdalene Schoch, eine (schlecht bezahlte) Stelle als Forschungsassistentin an der Harvard Law School unter dem Dekan Erwin Griswold zu erhalten. Auch hier landet sie in einer Männerwelt. Obwohl die Forderung nach einer Öffnung seit 1871 dokumentiert ist, lässt die Harvard Law School als eine der letzten des Landes erst 1950 Frauen zum Studium der Rechtswissenschaften zu. Magdalene Schochs ausgeprägte Kenntnisse verschiedener Rechtsordnungen, ihr rechtsvergleichender Zugriff und ihre pointierte Position zu Schlüsselfragen des internationalen Rechts ihrer Zeit machen sie zu einer interessanten Diskussionspartnerin für die amerikanischen Kollegen. Sie spricht vor der American Society of International Law und veröffentlicht einen viel beachteten Aufsatz über Fragen des internationalen Privat- und Verfahrensrechts in Staaten mit mehreren Rechtsordnungen sowie zwei Beiträge zum deutschen Familienrecht.54 52 Eindrücklich Schoch (Fn. 6). 53 Magdalene Schoch, Brief an Bodo Börner vom 30.05.1952, abgedruckt in: Angela Bottin/Rainer Nicolaysen, Enge Zeit. Spuren Vertriebener und Verfolgter der Hamburger Universität. Ausstellungskatalog, Berlin 1992, 54. 54 Magdalene Schoch, Conflict of Laws and Private International Law, in: Proceedings of the Thirty-Third Annual Meeting of the American Society of International Law, 1939, 81-90; dies., Conflict of Laws in a Federal State: The Experience of Switzerland, Harvard Law Review 55 (1942), 738-779; dies., Divorce Law and Practice under National Socialism in Germany, Iowa Law Review 28 (1943), 225-255; dies., Determination of Paternity by Blood-Grouping Tests: The European Experience, in: Southern California Law Review, Vol. 16 No. 3 (1943), 177-192. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 462 Dann aber endet ihre akademische Tätigkeit. Die Gründe dafür sind nicht bekannt. Es könnte das Gefühl sein, dass ihr eine akademische Karriere in den USA nicht möglich ist, es könnte die schlechte Bezahlung sein, mit der eine Unterstützung ihrer Familie in Deutschland kaum geleistet werden kann – dagegen spricht aber die Prekarität der dann von ihr angenommenen Stelle –; es könnte also vielmehr sein, dass Magdalene Schoch auf die Gelegenheit gewartet hat, ihre Fähigkeiten im Kampf gegen den Nationalsozialismus und für die Entwicklung einer besseren Friedensordnung als nach dem Ersten Weltkrieg zum Einsatz zu bringen. Fakt ist, dass sie 1943 die amerikanische Staatsbürgerschaft erhält und eine Tätigkeit als Expertin für deutsches Recht zunächst im Office of Economic Warfare, dann in der neu gegründeten Foreign Economic Administration (FEA) beginnt.55 Hier kann sie ihre ungewöhnliche Expertise zu Besatzungsrecht an der Schnittstelle von Weltpolitik und Ökonomie unmittelbar einbringen. Gemeinsam mit anderen Exilanten wie Ernst Fraenkel, Hajo Holborn, John Herz, Franz L. Neumann und Otto Kirchheimer schreibt sie an den „Civil Affair Guides“, welche die künftigen US-Besatzungsbehörden auf ihre Arbeit in Deutschland vorbereiten sollen. Am engsten ist ihre Zusammenarbeit mit Ernst Fraenkel, sie verfassen gemeinsam ein umfangreiches Memorandum „Extra-territorial Effects of Economic Measures Taken by the Occupying Powers in Germany. Problems of Recognition and Enforcement“. Die Sorge vor einem zweiten Versailles, einem zweiten Dawes- Plan mit den entsprechenden Folgen ist groß. Mit Kriegsende endet auch Magdalene Schochs Tätigkeit für die FEA. Sie versucht sich an einem New Yorker Law Institute und ist ein halbes Jahr arbeitslos. 1946 beginnt sie ihre Tätigkeit im Justizministerium als Sachverständige für Internationales und Ausländisches Recht, wo sie bis zur Abteilungsleiterin im Office of Alien Property aufsteigt. Aber auch andere Abteilungen nehmen ihre Expertise zum deutschen, französischen, niederländischen, belgischen, österreichischen, italienischen und schweizerischen Recht gern in Anspruch. Sie übersetzt deutsche Texte zur Inte- 55 Zu diesem Lebensabschnitt Rainer Nicolaysen, Konsequent widerstanden – die Juristin Magdalene Schoch, in: ders. (Hg.), Das Hauptgebäude der Universität Hamburg als Gedächtnisort, Hamburg 2011, 171-198 (183 ff.). Magdalene Schoch (1897-1987) 463 ressensjurisprudenz56 und ist an einem rechtssoziologischen Buchprojekt57 beteiligt. Bis ins hohe Alter verfasst sie eine Vielzahl von Buchrezensionen, hauptsächlich zu Werken deutscher Autor*innen, für das American Journal of International Law. 1952 erhält Magdalene Schoch die Zulassung zum Supreme Court und ist Mitverfasserin der amicus curiae Stellungnahme des Justizministeriums im Fall Brown v. Board of Education of Topeka. Es geht um die Segregation an Schulen und die Aufrechterhaltung rassistischer Diskriminierung unter der separate but equal Doktrin. Die Stellungnahme des Justizministeriums geht nur knapp auf die rechtlichen Probleme des Falles ein und fokussiert dann auf die internationalen Beziehungen der USA und den „Imageschaden“ durch amerikanischen Rassismus, welcher sowohl kommunistischer Propaganda in die Hände spiele als auch Kritik und Ablehnung bei jungen postkolonialen Nationen und damit möglichen Verbündeten hervorrufe.58 In seiner Entscheidung, mit der die separate but equal Doktrin für verfassungswidrig erklärt wird, nimmt der Supreme Court keinen Bezug auf diese Argumentation, dass sie den Ausgang des Falles beeinflusst hat, liegt aber durchaus nahe.59 Magdalene Schoch ist zwei Jahrzehnte lang für das amerikanische Justizministerium tätig. Nach ihrer Pensionierung arbeitet sie weiterhin als selbständige Anwältin und Gutachterin in einem kleinen Büro in Washington. Über den Arlingtoner Zonta-Club, dessen Präsidentin sie etliche Jahre ist, bleibt sie frauenpolitisch aktiv, was auch eine Verbindung zu ihrem Herkunftsland schafft. 1946 organisiert sie mit Louise C. Gerry ein „International Relations Dinner“ zur Unterstützung der Hamburger Zontians, in den folgenden Jahren werden unzählige Pakete mit dringend benötigten 56 Magdalene Schoch, The Jurisprudence of Interests: Selected Writing, Cambridge 1948, erfährt sehr unterschiedliche Kritiken, wird aber bis heute gern zitiert. 57 Mit Sydney Post Simpson/Julius Stone: Cases and readings on law and society. Book 1: Law and society in evolution. Book 2: Law in modern democratic society, Book 3: Law, totalitarianism, and democracy, American casebook series, St. Paul 1948-49. 58 Grundlegend zur Gewährung von Bürgerrechten als amerikanische Imagepolitik im Kalten Krieg: Mary L. Dudziak, Cold War Civil Rights. Race and the Image of American Democracy, Princeton University Press 2000, zur rassistischen Segregation in Schulen ebd, 115 ff. 59 Anthony Lester, Brown v. Board of Education Overseas, in: Proceedings of the American Philosophical Society, Vol. 148, No 4, December 2004, 455-463 (459): “there is no doubt”. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 464 Gütern nach Deutschland versandt, 1963 ist eine Zonta-Konferenz ihr Anlass, doch noch einmal Hamburg zu besuchen. Magdalene Schoch verbringt ihre knappe Freizeit gern mit der Familie und in der Natur – kurz nach ihrer Ankunft in den USA erstaunte sie die Lokalpresse mit ihren Faltboot-Touren. Eine Alzheimer-Erkrankung setzt ihren vielfältigen Aktivitäten ab den frühen 1980er Jahren ein Ende. Ihre Asche ist im Garten ihres Hauses unter einem von ihr selbst gepflanzten Baum begraben. Zur Aktualität Magdalene Schochs Dass an Magdalene Schoch in der Rechtswissenschaft in Deutschland überhaupt wieder erinnert werden kann, verdankt sich zwei Bewegungen der Suche und auch der Konfrontation. Im Rahmen der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit der Universität Hamburg, welcher sich die Fakultät für Rechtswissenschaft besonders hartnäckig verweigerte,60 wurde ihr Name erstmals wieder genannt. In der Publikation zum Hamburger Hochschulalltag im „Dritten Reich“ wird Magdalene Schoch als Assistentin von Albrecht Mendelssohn Bartholdy genannt und ihre Emigration erwähnt,61 die begleitende Ausstellung veröffentlicht ihre diplomatische Korrespondenz mit dem neuen Leiter der Amerika-Bibliothek und einige berufliche Daten.62 Ein Bild ihrer Person ergibt sich daraus nicht. 1998 will Konstanze Plett einen Artikel über Magdalene Schoch als erste habilitierte Juristin und Pionierin in der Rechtswissenschaft schreiben, kann jedoch über die Gründe ihrer Emigration und die Zeit danach kaum etwas erfahren, selbst das Todesdatum ist unbekannt.63 2006 schlägt der Hamburger Universitätshistoriker Eckart Krause vor, einen Hörsaal im Hauptgebäude nach Magdalene Schoch zu 6. 60 Dazu Eckart Krause, Auch der unbequemen Wahrheit verpflichtet. Der lange Weg der Universität Hamburg zu ihrer Geschichte im „Dritten Reich“, in: Reichel (Hg.), Das Gedächtnis der Stadt. Hamburg im Umgang mit seiner nationalsozialistischen Vergangenheit, Hamburg 1997, 187-217 (207 f.). 61 Paech/Krampe (Fn. 37), 870. 62 Bottin/Nicolaysen (Fn. 53), 54, 114. Diese Auswahl ist verständlich, aber wenig glücklich, dazu Lembke/Valentiner (Fn. 11), 98 Fn. 73. 63 Konstanze Plett, Magdalene Schoch (1897-?), in: Deutscher Juristinnenbund (Hg.), Juristinnen in Deutschland, 3. Aufl., Baden-Baden 1998, 195-196. Magdalene Schoch (1897-1987) 465 benennen.64 Seinem Kollegen Rainer Nicolaysen ist es gelungen, Kontakt zu Schochs Neffen Lennie Cujé aufzunehmen, der zur feierlichen Namensgebung nach Hamburg reist. Mit diesem Kontakt eröffnet sich auch der Zugang zu persönlicher Erzählung sowie Briefen und Aufzeichnungen von Magdalene Schoch. Die Fakultät für Rechtswissenschaft ist bereits an der Hörsaal-Benennung beteiligt, 2012 gestaltet sie selbst einen Festakt zum 80. Jahrestag von Magdalene Schochs Habilitation.65 Die Veröffentlichungen von Nicolaysen und Plett machen Magdalene Schoch schließlich zu einer realen Person, an die erinnert werden kann, und thematisieren zugleich ihren Ausschluss aus dem kollektiven Gedächtnis66 im Kontext ihrer außergewöhnlichen Lebensgeschichte. Magdalene Schochs wissenschaftliche Schriften sind interessant für entsprechend spezialisierte Jurist*innen und werden auch von ihnen zitiert, mit einem sichtbaren Übergewicht des US-amerikanischen Diskurses. Eine streitbare Juristin ist sie aber vor allem durch ihre Person – wobei ihr Geschlecht eine wesentliche Rolle spielt –, ihre Lebensgeschichte, ihre Entscheidungen. Sie kann in so vielerlei Hinsicht ein Vorbild sein, das aber nicht durch Übermenschentum erdrückt, sondern ermutigt: als hartnäckige Pionierin in der (Rechts-)Wissenschaft, als Studentin, die ein pluralistisches Studium über Examensnoten stellt, als politisch aktive Wissenschaftlerin (gerade angesichts der Debatten über Professor*innen als öffentliche Intellektuelle), als leuchtendes Beispiel für die Möglichkeiten der Rechtswissenschaft in der Weimarer Republik (und danach), als transnationale Expertin und Gesprächspartnerin, als loyale und zugleich offen kritische Kollegin, als Familienmensch und Familienernährerin, als Person, die eine sehr mutige Entscheidung trifft, integer bleibt und damit nicht im Desaster endet, auch wenn ihr Lebensweg sich grundlegend wandelt, und als berufstätige Frau, die scheitert (keine Professur, Arbeitslosigkeit), aber der sich auch neue Möglichkeiten eröffnen, die sie gut leben kann, selbst wenn ihr Bewusstsein über das glückliche „Davongekommen- 64 Dokumentation des Festakts: Eckart Krause/Rainer Nicolaysen (Hg.), Zum Gedenken an Magdalene Schoch (1897-1987), Hamburg 2008. 65 Vgl. dazu die Beiträge von Tilman Repgen, Ulrike Lembke, Rainer Nicolaysen und Dagmar Coester-Waltjen, in: djbZ 1/2013, 25-38. 66 Zur doppelten Verdrängung als Frau in der Männerwelt der Rechtswissenschaft und integrer Mensch im Angesicht des Nationalsozialismus und der Bedingungsbeziehung beider Phänomene: Plett (Fn. 7), 367 f.; Lembke/Valentiner (Fn. 11), 99. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 466 sein“ nie endet: „[…] my voluntary exile has led me to a life of great satisfaction and opened up new and interesting fields of work. To be sure, the fate of Albrecht Mendelssohn Bartholdy and thousands like him is a memory that can never be dimmed by the flow of time.“67 67 Schoch (Fn. 53). Magdalene Schoch (1897-1987) 467

Chapter Preview

References

Abstract

„Critical Lawyers in Germany“, volume 2, is the sequel of the 1988 book “Critical Lawyers in Germany. A different tradition”. Just like its precursor, it comprises biographical profiles of late attorneys, judges and legal scholars, but it also includes interviews with contemporary witnesses of more recent legal movements. The volume presents theorists and practitioners who have actively intervened in socio-political debates since 1945, especially in the controversies following the 1960s and 70s, and who have stood up for ideas of participatory democracy and an inclusive understanding of law and the Constitution. The volume covers diverse voices of legal critique, also those that are hardly known or almost forgotten. The selection of biographical portraits and interviews broadens the spectrum of critical legal thinkers and activists covered in volume 1. Volume 2 adds perspectives, locations and practices of critique, following the lines and actors of social movements, institutional activism and public interest litigation in Germany.

<b>With contributions to:</b>

Alfred Apfel · Otto Bauer · Margarete Berent · Sebastian Cobler · Franz-Josef Degenhardt · Hedwig Dohm · Eugen Ehrlich · Helga Einsele · Winfried Hassemer · Werner Holtfort · Barbara Just-Dahlmann · Franz Kafka · Leopold Kohr · Anna Mackenroth · Marie Munk · Nora Platiel · Diether Posser · Marie Raschke · Helmut Ridder · Wiltraut Rupp-v. Brünneck · Magdalene Schoch · Jürgen Seifert · Helmut Simon · Kurt Tucholsky · Edda Weßlau

Zusammenfassung

„Streitbare JuristInnen (Band 2)“ ist die Fortsetzung des Bandes „Streitbare Juristen. Eine andere Tradition“ aus dem Jahre 1988 und umfasst Porträts von bereits verstorbenen JuristInnen und Interviews mit ZeitzeugInnen. Thematisch liegt der Schwerpunkt auf Personen, die nach 1945 aktiv an gesellschaftspolitischen Debatten teilgenommen haben, insbesondere an Kontroversen seit „1968“, die zu Kristallisationspunkten der Rechtspolitik wurden und die für ein demokratisches und inklusives Rechts- bzw. Verfassungsverständnis eingetreten sind. Dabei kommt eine breite Vielfalt an Stimmen der Rechtskritik zu Wort, auch RepräsentantInnen kritischer Strömungen, die weniger bekannt oder fast vergessen sind. Die Auswahl der Porträtierten und der InterviewpartnerInnen erweitert den Querschnitt an streitbaren JuristInnen, die schon im ersten Band vorgestellt wurden, und damit auch die Formen, Praxen und Orte der Streitbarkeit. Ein Fokus liegt auf rechtspolitischen und zivilgesellschaftlichen Bewegungen der Bundesrepublik, auf KritikerInnen der Zeitgeschichte, die aktiv in rechtspolitische Kontroversen interveniert und die sich in wissenschaftlichen, rechtlichen und politischen Institutionen rechtspolitisch engagiert haben.

<b>Mit Beiträgen über:</b>

Alfred Apfel · Otto Bauer · Margarete Berent · Sebastian Cobler · Franz-Josef Degenhardt · Hedwig Dohm · Eugen Ehrlich · Helga Einsele · Winfried Hassemer · Werner Holtfort · Barbara Just-Dahlmann · Franz Kafka · Leopold Kohr · Anna Mackenroth · Marie Munk · Nora Platiel · Diether Posser · Marie Raschke · Helmut Ridder · Wiltraut Rupp-v. Brünneck · Magdalene Schoch · Jürgen Seifert · Helmut Simon · Kurt Tucholsky · Edda Weßlau