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Christiane Henke, Marie Raschke (1850 - 1935). "Die Juristin […] ist die berufenste Frauenbefreierin" in:

Kritische Justiz (Ed.)

STREITBARE JURISTiNNEN, page 392 - 407

Eine andere Tradition

1. Edition 2016, ISBN print: 978-3-8487-0003-5, ISBN online: 978-3-8452-4449-5, https://doi.org/10.5771/9783845244495-392

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Marie Raschke (1850 - 1935) "Die Juristin […] ist die berufenste Frauenbefreierin" Christiane Henke Marie Raschke war eine der Pionierinnen der Frauenrechtsbewegung im Deutschen Kaiserreich und eine der ersten Frauen in Deutschland mit einem juristischen Doktortitel. Beeindruckend liest sich auch heute noch die Reihe der von ihr ausgeübten Berufe: Lehrerin und Bankerin, Journalistin und Juristin, Redakteurin, Buchautorin und Herausgeberin. Als Juristin war Marie Raschke eine leidenschaftliche Spätberufene. Sie begann ihr Studium im Wintersemester 1896/97 an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin, drei Jahre später promovierte sie in Bern magna cum laude zur Dr. jur. In die Schweiz hatte sie gehen müssen, weil die Berliner Universität Frauen damals nur einen Gasthörerinnenstatus gewährte;1 Immatrikulation und Examen blieben den weiblichen Studierenden noch verwehrt. Das Rechtsstudium hatte für Marie Raschke einen hohen ideellen Stellenwert. Es bedeutete für sie die Aneignung der "Kenntnis des Rechts", und diese Kenntnis hatte für sie ein nicht zu überschätzendes emanzipatorisches Potential. Schon als Studentin warb sie unermüdlich für das Rechtsstudium als weibliche Berufsperspektive, das Rechtsstudium als notwendige Basis für die politische Arbeit in der Frauenbewegung und nicht zuletzt für die Einführung der "Gesetzeskunde" als Pflichtfach an höheren Schulen.2 Im ersten Heft der von ihr herausgegebenen "Zeitschrift für populäre Rechtskunde" wendet sie sich im Jahr der Jahrtausendwende an "unsere Leser": "Wie von jeder Bildung, so gilt auch von der juristischen: Bildung macht frei, und wie von jedem Wissen, so gilt auch von dem juristischen: Wissen ist Macht."3 1 Die Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin hatte erstmals im WS 1895/96 Frauen als Gasthörerinnen zugelassen. 2 Marie Raschke, Die Notwendigkeit der Einführung von Gesetzeskunde als obligatorischer Lehrgegenstand in Schulen, Berlin 1897. 3 Marie Raschke, An unsere Leser!, Zeitschrift für populäre Rechtskunde 1/1900, 1. 393 Dieses Wissen, das Macht bedeutet, sollten sich ihrer Meinung nach so viele Frauen wie möglich aneignen, eine damals in der Frauenbewegung singuläre Position. Der hohe Stellenwert des juristischen Wissens hatte für Marie Raschke einen individuellen und einen politischen Aspekt – in jedem Fall war die Kenntnis der eigenen Rechtslage für sie ein zentraler Baustein weiblicher Emanzipation. Individuell ermöglichte nach ihrer Meinung erst die Kenntnis der Gesetze den Frauen innere Freiheit und geistige Unabhängigkeit; politisch war für sie die Frauenfrage praktisch ausschließlich eine Rechtsfrage. Marie Raschkes berufliche Laufbahn begann 1880 mit dem Lehrerinnenexamen. Die Arbeit als Lehrerin war damals mehr oder weniger der einzige Bildungsberuf, der Frauen offenstand, und Marie Raschke hat diesen Beruf nach dem Examen fast 20 Jahre lang ausgeübt. Als sie mit 49 Jahren ihr juristisches Examen ablegte, hatten sich die Arbeitsmöglichkeiten für Frauen schon erheblich erweitert. Und doch waren ihre beruflichen Aussichten als Juristin mehr als unsicher, denn Frauen war im deutschen Kaiserreich der Zugang zur Rechtspflege (Richterin, Anwältin, Staatsanwältin, Verwaltungsjuristin) noch verwehrt. Es war eine Sache, im Ausland eine wissenschaftliche Prüfung abzulegen, eine ganz andere, in Deutschland ein juristisches Staatsexamen zu machen. Das weite und unsichere Feld der Rechtsberatung war praktisch das einzige juristische Berufsfeld, das Marie Raschke offenstand. Marie Raschke war nicht nur eine der ersten Juristinnen im deutschen Kaiserreich, sie gehörte auch zu den zentralen Figuren des radikalen Flügels der ersten deutschen (bürgerlichen) Frauenbewegung. Sie war eine der Organisatorinnen der Frauenproteste gegen das Familienrecht des BGB von 1896, engagierte sich in der Frauen-Rechtsschutzbewegung und war Wegbereiterin des ersten deutschen Frauen-Stimmrechtsvereins. Zahlreiche Petitionen tragen ihre Unterschrift; immer wieder stieß sie neue politische Aktionen und Debatten an. So plädierte sie als eine der ersten für die Abschaffung des Diminutivs "Fräulein" als Anrede für die unverheiratete Frau4 und setzte die Anrede "Frau Dr. Raschke" zumindest in den Kreisen der Frauenbewegung auch durch.5 Legendär ist bis heute die von ihr 1910 mitbegründete "Genossenschaftsbank selbständiger Frauen", die spätere "Frauenbank". 1914 gehörte Marie Raschke zu den Gründungsmit- 4 Marie Raschke, Fräulein oder Frau, Die Frauenbewegung 9/1902, 68 f. 5 Vgl. z.B.: Marie Stritt u.a. an Frau Bensheimer, Brief vom Mai 1903, in: Landesarchiv Berlin: Helene-Lange-Archiv Film 7-307. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 394 gliedern des ersten "Deutschen Juristinnenvereins".6 Der Verein setzte sich für die Zulassung von Juristinnen zum Staatsexamen ein, für ihre Zulassung zur Anwaltschaft und für ihre Übernahme in den Staatsdienst. Als Pionierin der Frauenrechtsbewegung bewegte sich Marie Raschke grenzgängerisch zwischen dem radikalen Berliner "Verein Frauenwohl" und der etablierten "Juristischen Gesellschaft Berlin". Über ihr persönliches Leben ist fast nichts bekannt. In einem Nachruf wird ihre Schönheit besonders erwähnt, in einem zeitgenössischen Portrait ist die Rede von ihrer großen Energie, ihrer Freundlichkeit und ihrer Liebe zur Natur.7 Hinweise auf engere persönliche Freundschaften gibt es nicht; ihre Kontakte in der Frauenbewegung scheint sie auf Sachliches beschränkt zu haben. Aber auch das muss eine Vermutung bleiben, denn als Person ist Marie Raschke in der bisherigen Forschung weitgehend unsichtbar geblieben. Ähnliches gilt für ihr Werk. Es besteht aus Petitionen und Zeitschriftenbeiträgen, Zeitungsartikeln und populärwissenschaftlichen Rechtsbüchern, ist bis heute schwer zugänglich und liegt verstreut in Archiven und Bibliotheken; einige wichtige Texte sind allerdings inzwischen in einem Sammelband neu herausgegeben worden.8 Von Gaffert nach Berlin 1850-1894 Marie Raschke wurde am 29. Januar 1850 in Gaffert (heute Jawory) geboren, einem kleinen hinterpommerschen Dorf in einem Flusstal im "Kaschubenland",9 das damals zur preußischen Provinz Pommern gehörte. Ihre Kindheit und Jugend auf dem Land scheinen glücklich gewesen zu 1. 6 Angeregt wurde die Gründung vermutlich durch die Gründung des ersten "Internationalen Juristinnenvereins" 1913 (vgl. Berufsorganisation, Die Frauenbewegung 3 2013, 21 f.); der "Deutsche Juristinnenverein" hatte 1918 35 Mitglieder (vgl. Jahrbuch des Bundes deutscher Frauenvereine, 1918, 102) und bestand bis 1933 (vgl. Oda Cordes, Frauen als Wegbereiter des Rechts, Hamburg 2012, 36, Fn. 153). 7 Vgl. Maria Kado, Dr. jur. Marie Raschke †, Die Frau Heft 7/1935, 437; dies., Zum 80. Geburtstage von Dr. jur. Marie Raschke, Deutsche Lehrerinnenzeitung, Nr. 4/1930, 40. 8 Vgl. Stephan Meder/Arne Duncker/Andrea Czelk (Hg.), Die Rechtsstellung der Frau um 1900. Eine kommentierte Quellensammlung, Köln et al. 2010, 690-757. 9 Vgl. Karl-Heinz Pagel, Der Landkreis Stolp in Pommern, Lübeck 1989, 153, 463ff. Marie Raschke (1850 - 1935) 395 sein.10 Zusammen mit ihren Eltern, Johann und Johanna Raschke, lebte sie auf einem mittelalterlichen Rittergut, das sich vermutlich nicht in Gaffert befand und von der Familie wohl erst nach der Geburt der Tochter erworben wurde.11 Das Aufwachsen in der wilden und schönen Naturlandschaft Ostpommerns hat Marie Raschke lebenslang geprägt. Wie damals auf vielen Gütern üblich, besuchte sie als Tochter des Gutsbesitzers nicht die nächste Dorfschule, sondern erhielt zuhause Unterricht von einer Erzieherin. Später wurde sie zwecks weiterer Bildung zu einem Landpfarrer in Pension gegeben. "Infolge großer Kränklichkeit"12 wird sie jedoch bald zu den Eltern zurückgeschickt. Ihre schulische Bildung endet dadurch noch früher als die anderer Mädchen ihrer Zeit. Nach ihrer Genesung lernt Marie Raschke die "Führung eines grossen, ländlichen Haushaltes",13 für ihre weitere Bildung ist sie auf eigene Initiative angewiesen. Bis zum Alter von 29 Jahren führt sie das Leben einer höheren Tochter auf dem Land. Eine eigene Berufsausbildung ist für sie nicht vorgesehen. Erst als die Eltern 1879 finanziell in eine Krise geraten, sind sie bereit, der Tochter eine Lehrerinnenausbildung in Berlin zu finanzieren. Berlin ist zwar weit, aber nur dort gibt es die Möglichkeit, sich privat in sogenannten "Pressen" in nur wenigen Monaten auf das Lehrerinnenexamen vorzubereiten. Im Frühjahr 1880 besteht Marie Raschke, nach privater Vorbereitung, in Berlin das preußische Lehrerinnenexamen für höhere Mädchenschulen. Gleich nach dem Examen tritt sie ihre erste Stelle an einer privaten Mädchenschule an. Zum Schuljahr 1883/84 erhält sie die Möglichkeit, in den städtischen Schuldienst zu wechseln; in den nächsten anderthalb Jahrzehnten (bis 1899) unterrichtet sie an verschiedenen, oft jährlich wechselnden Berliner Gemeindeschulen.14 Neben dem Unterricht besucht sie Fortbildungskurse am Victoria-Lyceum und an der Humboldt-Akademie. 10 Vgl. Sophie von Pataky (Hg.), Lexikon deutscher Frauen der Feder, Berlin 1898 (Neudruck Bern 1971), 167. 11 Die meisten der zahlreichen Rittergüter im Landkreis Stolp waren im Besitz von Familien des Landadels, einige wenige gehörten auch Familien bürgerlicher Herkunft. Das Rittergut in Gaffert war von 1800-1945 im Besitz der Familie von Mach. Auf welchem Rittergut Marie Raschke aufgewachsen ist, konnte bisher nicht ermittelt werden. Vgl. Pagel (Fn. 9), 179, 464 f. 12 Vgl. Pataky (Fn. 10), 167. 13 Vgl. Pataky (Fn. 10), 167. 14 Vgl. Verzeichnis der Rektoren, Lehrer und Lehrerinnen an den Berliner Gemeindeschulen, 1883-1901. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 396 Ihre Lehrtätigkeit verbindet Marie Raschke von Anfang an mit berufspolitischem Engagement. Sie kämpft für eine "Reorganisation der höheren Mädchenschulen"15 und initiiert Vereinsgründungen zur Interessenvertretung der Berliner Volksschullehrerinnen. Sie kämpft gegen die ungleiche Bezahlung von männlichen und weiblichen Lehrkräften und setzt sich für die Berufung von Frauen als Schulleiterinnen ein.16 1889 ist sie Mitbegründerin und für die nächsten Jahre auch Vorstandsmitglied des "Vereins Berliner Volksschullehrerinnen". Noch kurz vor Aufnahme ihres Jurastudiums, im WS 1896/1897, folgt die Gründung eines weiteren "Neuen Berliner Volksschullehrerinnenvereins", dessen Vorstand sie für zwei Jahre als zweite Vorsitzende angehört. Erstes frauenpolitisches Engagement 1894-1896 Wann Marie Raschke erstmals mit der Frauenbewegung in Kontakt gekommen ist, ist nicht bekannt. Dokumentiert ist nur, dass sie 1894 Mitglied des "Vereins Frauenwohl Berlin" wird.17 Denkbar ist, dass sie im Rahmen berufspolitischer Zusammenhänge von der Arbeit des Vereins erfahren hat, in dem auch einige Lehrerinnen mitarbeiten. Ihre Beitrittserklärung verbindet Marie Raschke mit dem Antrag, "der Verein 'Frauenwohl' möge einen allgemeinen Protest der deutschen Frauen gegen den Entwurf des Familienrechts eines neuen bürgerlichen Gesetzbuches veranlassen".18 Eine Liste der "Schädigungen des minderberechtigten weiblichen Wesens" in dem geplanten Gesetz fügt sie bei.19 Der Antrag des neuen Mitglieds erhält begeisterte Zustimmung; auf einer Vereinsversammlung wird die Ausarbeitung einer Petition an den Deutschen Reichstag zum Familienrecht auf der Grundlage des Raschke-Antrags beschlossen.20 Seit wann und in welcher Form sich die Verfasserin in eigener Initiative mit der Rechtslage der Frau im deutschen Kaiserreich auseinandergesetzt hat, ist 2. 15 Vgl. Marie Raschke, Zur Reorganisation der höheren Mädchenschulen, Universitätszeitung vom 1. April 1893. 16 Vgl. Pataky (Fn. 10), 167. 17 Vgl. Pataky (Fn. 10), 167. 18 Vgl. Pataky (Fn. 10), 167 f. 19 Vgl. Vereinsnachrichten, Frauenwohl 1894, 73. 20 Vgl. Vereinsnachrichten (Fn. 19), 75. Marie Raschke (1850 - 1935) 397 unklar. Einen Anstoß dazu mag die 1892 erschienene Schrift der ersten Schweizer Juristin Emilie Kempin zum BGB gegeben haben.21 Mit dem Beitritt zum "Verein Frauenwohl" verändert sich das Leben von Marie Raschke radikal. Aus der berufspolitisch engagierten Gemeindelehrerin wird eine Frauenrechtlerin, die zahlreiche rechtspolitische Abhandlungen publiziert, im Reichstag feministische Lobbyarbeit betreibt, Volksversammlungen organisiert und immer neue Ämter übernimmt. So initiiert und leitet sie mehrere Gesetzeskommissionen des "Vereins Frauenwohl Berlin"; eine dieser Kommissionen untersucht 1895 die Vereinsund Kommunalgesetze aller deutschen Staaten im Hinblick auf die Stellung der Frau. Eine solche detaillierte Analyse der bestehenden politischen Gesetzgebung aus weiblicher Perspektive hat es bisher in Deutschland noch nicht gegeben. Die Aufsehen erregenden Ergebnisse ihrer Recherche publiziert Raschke in der Zeitschrift "Die Frauenbewegung". Der Grundsatz, dass Frauen in Deutschland nicht wählen und keine politischen Vereine gründen oder diesen beitreten dürfen, ist offenbar nicht so in Stein gemeißelt wie bisher angenommen wurde. In ihren Aufsätzen "Die deutschen Vereinsgesetze"22 und "Die Frau als Bürgerin"23 weist Raschke nach, dass die Frauen in allen deutschen Staaten, in denen sie in den Vereinsgesetzen nicht besonders erwähnt werden, "… an allen, auch an den politischen Vereinen als Mitglied teilnehmen und solche gründen" können, "wenn sie dispositionsfähig sind und im Besitze politischer Ehrenrechte", da "nach allgemeiner Geltung der bloße Gebrauch des Maskulinums in einem Gesetz dessen Anwendbarkeit auf das andere Geschlecht nicht ausschließt".24 Nach dem gleichen Rechtsgrundsatz, so Raschke, stehe den Frauen auch "das aktive und passive Wahlrecht zum deutschen Reichstage" zu, es sei denn, die Regelung müsste erklären, "dass die deutschen Frauen rechtsverbindlich keine Deutschen sind."25 Es dauert einige Jahre, bis diese Argumente von anderen Frauenrechtlerinnen in der 21 Emilie Kempin, Die Stellung der Frau nach den zur Zeit in Deutschland gültigen Gesetzesbestimmungen sowie nach dem Entwurf eines bürgerlichen Gesetzbuches für das Deutsche Reich, hg. vom Allgemeinen deutschen Frauenverein, Leipzig 1892. 22 Marie Raschke, Die deutschen Vereinsgesetze, Die Frauenbewegung 2/1896, 15 f. 23 Marie Raschke, Die Frau als Bürgerin im preußischen Stadt- und deutschen Staatsrecht, Die Frauenbewegung 3 1896, 24 f. 24 Raschke (Fn. 22), 16. 25 Raschke (Fn. 23), 25. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 398 Stimmrechtsdebatte oder in der Debatte um das politische Vereinsrecht aufgegriffen werden. Im November 1895 wird Marie Raschke in den Vorstand des "Vereins Frauenwohl Berlin" gewählt.26 Im selben Jahr publiziert sie zusammen mit Sera Proelß27 ihre erste frauenpolitische Schrift: "Die Frau im neuen bürgerlichen Gesetzbuch".28 Die Methode der Verfasserinnen zur Formulierung von Abänderungsvorschlägen "im Interesse der Frauen" ist einfach und wirkungsvoll: Paragraphen, die ein Sonderrecht für Ehefrauen schaffen, werden gestrichen, Verpflichtungen der Ehefrau auf den Ehemann ausgedehnt, umgekehrt privilegierende Bestimmungen zugunsten des Ehemannes auf die Ehefrau. Wenige Paragraphen werden gänzlich neu hinzugefügt. So die Normierung der Ehescheidung auf der Grundlage gegenseitiger Übereinkunft und die Festsetzung der Gütertrennung als gesetzliches Güterrecht. An der „Jahrhundertaufgabe“, eine einheitliche deutsche Zivilrechtskodifikation zu schaffen, hatten seit der Reichsgründung mehrere Kommissionen fast ein Vierteljahrhundert gearbeitet. Nun stand der BGB-Entwurf zur Lesung im Reichstag an. In ihren Aufsätzen zu diesem Entwurf29 beschränkt sich Marie Raschke zumeist auf die Darstellung, Analyse und Kritik einzelner Abschnitte des geplanten Familienrechts. "Der Standpunkt der Gerechtigkeit" ist für sie dabei immer der des gleichen Rechts für Mann und Frau.30 Vor diesem einfachen Maßstab jedoch versagen die meisten Institute des Familienrechts-Entwurfs. Die verheiratete Frau hat dort eine Rechtsstellung, die der Rechtsstellung der Minderjährigen nicht unähnlich ist. Sie ist beschränkt in ihrem Eigentumsrecht, in ihrem Elternrecht und in ihrem Verfügungsrecht über ihre Arbeitskraft und ihre Person. Ohne die Zustimmung des Ehemannes kann sie kein Konto eröffnen oder ihre Kinder in der Schule anmelden. Nimmt sie eine Arbeit auf, kann 26 Vgl. Verein Frauenwohl Berlin, Die Frauenbewegung 1895, 188. 27 Die Berliner Frauenrechtlerin Sera Proelß (geb. 1854) war Mitglied im „Verein Frauenwohl Berlin“; mit Marie Raschke arbeitete sie u.a. in der Rechtskommission des "Bundes deutscher Frauenvereine" zusammen; 1896 war sie eine der Rednerinnen auf dem ersten Internationalen Frauenkongress in Berlin. 28 Marie Raschke/Sera Proelß, Die Frau im neuen bürgerlichen Gesetzbuch, Berlin 1895. 29 Vgl. z.B.: Marie Raschke, Die elterliche Gewalt, Die Frauenbewegung 7 1896, 67-69; dies, Das eheliche Güterrecht, Die Frauenbewegung 4 1896, 33 f; dies., Frauenbewegung und Güterrecht, Die Frauenbewegung, 17 1896, 158-160. 30 Vgl. hierzu z.B. Raschke, Die elterliche Gewalt (Fn. 29). Marie Raschke (1850 - 1935) 399 der Ehemann diese kündigen. Klagt sie die Zustimmung zur Arbeitsaufnahme ein, muss sie nachweisen, dass die Arbeit ihren häuslichen Verpflichtungen nicht entgegensteht – für Marie Raschke ein Zustand der "Abhängigkeit und teilweisen Rechtlosigkeit der Frau".31 Die unverheiratete Frau ist von dieser "Rechtlosigkeit" vor allem dann betroffen, wenn sie Mutter ist: Auch die unverheiratete Mutter hat die Pflicht zur Kindessorge, jedoch nicht das Recht zur Kindesvertretung; der Vater eines unehelichen Kindes gilt mit diesem als nicht verwandt. Der Gesetzgeber, so Raschke, versuche hier, den "für das Mannesrecht besonders fürsorglichen Geist" des Gesetzes mit der Auffassung zu rechtfertigen, "das deutsche Volk stehe noch nicht auf der Kulturstufe der höchsten Rechtsüberzeugung 'Gleiches Recht für Alle'".32 1896 wird Marie Raschke Vorsitzende der Rechtskommission des "Bundes deutscher Frauenvereine".33 Die Kommission organisiert Protestversammlungen gegen das geplante neue Familienrecht; Kommissionsmitglieder sprechen im Juni 1896 in fast allen größeren Städten Deutschlands und sammeln Unterschriften für eine neue Petition des Bundes an den Reichstag; Marie Raschke und andere Frauen führen Gespräche mit einzelnen Abgeordneten;34 in der "Frauenbewegung" berichtet Marie Raschke über die Reichstagsdebatten zum BGB35 und informiert die Leserinnen über das neue Gesetz; mit einer Sondergenehmigung geht sie im Deutschen Reichstag ein und aus.36 Eine lebendige Schilderung der Atmosphäre im Reichstag während der Lesung des Familienrechts gibt der folgende Bericht aus der "Frauenbewegung": 31 Raschke, Das eheliche Güterrecht (Fn. 29), 34 32 Raschke, Frauenbewegung und Güterrecht (Fn. 29), 159. 33 Vgl. Pataky (Fn. 10), 167. 34 Marie Raschke, Bericht der Rechtskommission des Bundes deutscher Frauenvereine, Neue Bahnen 23 1898, 253 f. 35 Vgl. z.B.: Marie Raschke, Reichstagseindrücke, Die Frauenbewegung 4 1896, 40; dies., Aus dem Reichstage, Die Frauenbewegung 9 1896, 86. 36 Vgl. Anita Augspurg/Lida Gustava Heymann, Erlebtes-Erschautes, Frankfurt am Main 1992, 108; es ist anzunehmen, dass die Sondergenehmigung, von der hier die Rede ist, auch für Marie Raschke galt; Raschke, Augspurg und Cauer arbeiteten zu dieser Zeit als Trio eng zusammen und unterzeichneten z.B. gemeinsam Petitionen; Marie Raschke berichtete außerdem für die von Minna Cauer (1841-1922) herausgegebene Zeitschrift "Die Frauenbewegung" regelmäßig aus dem Reichstag. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 400 "Dieses Mal galt es das Familienrecht und zwar 'Die Bürgerliche Ehe'. – Mit spannender Aufmerksamkeit folgte ich den Verhandlungen und mit mir einige der Frauen, welche mit so großer Mühe seit Jahren rastlos für die bessere Stellung der deutschen Frau im neuen Gesetzbuch gearbeitet haben. Lächelnd blickten wir herunter, als plötzlich Diener die weithinscheinende gelbe Broschüre 'Frauenlandsturm' verteilten, die wir soeben ins Haus geschickt hatten. Wütend zerriss Dr. Bachem vom Centrum dieselbe in zwei Teile, welche dann sofort wieder von einem Abgeordneten ergriffen und gelesen wurde."37 Als das BGB im Juli 1896 in dritter Lesung vom Reichstag verabschiedet wird, sind alle wesentlichen Forderungen der Frauen unberücksichtigt geblieben. Im September desselben Jahres referiert Marie Raschke auf dem ersten "Internationalen Frauenkongreß für Frauenwerke und Frauenbestrebungen" in Berlin über "Das norwegische und dänische Familienrecht".38 Über die dortige Rechtslage hat sie sich auf mehreren Reisen in die skandinavischen Länder informiert.39 Einen Monat später beginnt sie, nach Anna Mackenroth40 und Anita Augspurg,41 als dritte Deutsche ein Studium der Jurisprudenz. Rechtsstudium in Berlin und Bern 1896-1900 Als Nr. 4 trägt sich im Oktober 1896 die 46jährige Gemeindelehrerin Marie Raschke in das Verzeichnis der Gasthörerinnen der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin ein.42 Als "Zweck des Vorlesungsbesuchs" gibt sie an: "Ausbildung zur Lehrerin der Gesetzeskunde".43 Die Erlaubnis des Rektors, "in diesem Semester die Vorlesungen […] derjeni- 3. 37 Minna Cauer, Unsere Volksvertretung vom 29.-26. Juni 1896, Die Frauenbewegung 13 1896, 125. 38 Marie Raschke, Das norwegische und dänische Familienrecht, in: Der Internationale Kongreß für Frauenwerke und Frauenbestrebungen. 19.-26. September 1896, hg. von der Redaktions-Kommission, Berlin 1897, 290-301. 39 Vgl. Pataky (Fn. 10), 167 40 Anna Mackenroth (1861-1936) war die erste deutsche Jurastudentin in Zürich. 1900 wurde sie, nach ihrer Einbürgerung, die erste Anwältin der Schweiz. 41 Die Pazifistin, Frauenrechtlerin und erste deutsche Juristin Anita Augsburg (1857-1943); Augspurg arbeitete mit Raschke im "Verein Frauenwohl Berlin" zusammen und in der Rechtskommission des "Bundes deutscher Frauenvereine". 42 Vgl. Verzeichnis der Gasthörerinnen der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin 1896-1901 im Archiv der Humboldt Universität zu Berlin. 43 Vgl. Verzeichnis der Gasthörerinnen (Fn. 42). Marie Raschke (1850 - 1935) 401 gen Dozenten hiesiger Universität anzunehmen, welche dazu ihre Genehmigung ertheilen",44 liegt vor. Ihr Studium organisiert sie berufsbegleitend. Um ihre akademische Ausbildung finanzieren zu können, arbeitet sie weiter als Volksschullehrerin. Bereits im ersten Semester veröffentlicht Marie Raschke einen Artikel über "Das Rechtsstudium der Frau".45 Sie wirbt darin für das Jurastudium als weibliche Berufsperspektive – auch wenn "voraussichtlich noch ein, zwei oder gar drei Generationen dahinsterben" werden, ehe "eine Juristin als Richter oder Anwalt staatliche Verwendung in Deutschland findet".46 Bis dahin sieht Marie Raschke ihre eigene berufliche Zukunft als Lehrerin für Gesetzeskunde – ein Beruf, den es, wie Richterin oder Staatsanwältin, bisher noch nicht gibt. Das juristische Studium allein als Möglichkeit zu sehen, Kompetenzen zu erwerben für die frauenpolitische Arbeit, kommt für sie nicht in Frage. Dennoch wären möglichst viele akademisch ausgebildete Juristinnen für die Frauenbewegung nach ihrer Einschätzung ein großer Gewinn. "Der Frauenbewegung ist die Juristin eine unentbehrliche Stütze, sie ist die berufenste Frauenbefreierin."47 Zu Beginn ihres dritten Semesters gründet Marie Raschke den "Verein studierender Frauen",48 der die Interessen der Studentinnen an der Universität vertreten soll. Als akademische Vereinigung wird der "Verein studierender Frauen" an der Berliner Universität nicht zugelassen. Erst 1908, nachdem die Frauen auch in Preußen das Immatrikulationsrecht erhalten haben, erfolgt die Eintragung in das entsprechende Verzeichnis der Universität.49 Anfang 1898 richtet Marie Raschke eine Petition an den Deutschen Reichstag für die Zulassung von weiblichen Laien-Richtern an Vormundschaftsgerichten und für die Zulassung von Frauen als Schöffen und Ge- 44 Vgl. Christiane Berneike, Die Frauenfrage ist Rechtsfrage, Baden-Baden 1995, 71 Fn. 466. 45 Marie Raschke, Das Rechtsstudium der Frau, Die Frauenbewegung 20 1896, 192. 46 Raschke, Das Rechtsstudium (Fn. 45). 47 Marie Raschke, Das juristische Studium, Frauen-Rundschau 6 (1905), 25 f; zit. nach: Marion Röwekamp, Die ersten deutschen Juristinnen, Köln et al. 2011, 30 Fn. 21. 48 Vgl. Notiz "Berlin", Allgemeine Zeitung München vom 2.12.1897. 49 Vgl. Berneike (Fn. 44), 71 Fn. 476. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 402 schworene.50 Ein Jahr später, im Frühjahr 1899, lässt sie sich vom Schuldienst beurlauben, um in der Schweiz ihr Studium abzuschließen. Am 15.4.1899 immatrikuliert sie sich an der rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bern und meldet sich umgehend zur Promotion. Mit dem Besuch von Übungen, Praktika, Vorlesungen, Seminaren und Repetitorien bereitet sie sich auf die Prüfung vor.51 Ein knappes halbes Jahr nach ihrer Ankunft in Bern reicht sie ihre Dissertation ein. Am 21.12.1899 wird sie zur Prüfung zugelassen und erhält die Note "magna cum laude". Dr. jur. Marie Raschke 1900-1935 Nach Abschluss ihres Rechtsstudiums kehrt Marie Raschke nicht in den Schuldienst zurück. Sie nimmt ihre frauenpolitische Arbeit wieder auf und versucht gleichzeitig, sich beruflich als Juristin zu etablieren. Das "Handbuch der Frauenbewegung" aus dem Jahr 1902 schildert die Arbeitssituation der ersten Juristinnen so: "In Deutschland ist der weibliche Dr. juris bisher auf Privatthätigkeit – als juristische Lehrerin für Frauenvereine, als Politikerin im Dienst der Frauenbewegung, als Redacteurin, als Leiterin von Rechtsschutzstellen für Frauen u.s.w. – eingeschränkt."52 Marie Raschke arbeitet bei einem Anwalt und vertritt Mandanten vor Gericht.53 Daneben bietet sie Rechtskurse für Frauen zum Familienrecht an.54 Sie ermutigt ihre Hörerinnen, die wenigen ihnen im BGB zugestandenen Rechte zu nutzen und z.B. Vormundschaften zu übernehmen oder Eheverträge abzuschließen. Für die Rechtskommission des "Bundes deutscher Frauenvereine" hat sie Muster-Eheverträge entworfen, die es den Frauen erleichtern sollen, z.B. vertraglich die Gütertrennung zu vereinbaren. 4. 50 Marie Raschke, Petition an den deutschen Reichstag, zusammen mit Minna Cauer und Anita Augspurg, Die Frauenbewegung 2 1898, 18-19. 51 Vgl. Doris Zäh, Die ersten Studentinnen der juristischen Fakultät 1874-1914, unveröffentlichte Seminararbeit, Bern 1992. 52 Helene Lange/Gertrud Bäumer, Handbuch der Frauenbewegung, Bd. 4, 374, zit. nach: Röwekamp (Fn. 47), 38 Fn. 56. 53 Vgl. Maria Kado, Dr. jur. Marie Raschke † (Fn. 7), 437. 54 Vgl. hierzu auch: Marie Raschke, Die Notwendigkeit der Einrichtung von Rechtskursen in jeder größeren Stadt, Die Frauenbewegung 3 1897, 229 f. Marie Raschke (1850 - 1935) 403 1900 wird Marie Raschke Mitglied der "Juristischen Gesellschaft Berlin", ein "Zugeständnis" an die Frauenbewegung, zu dem sich die Gesellschaft "verpflichtet fühlte";55 die Berliner Zeitung berichtet: "Der Vorstand der Juristischen Gesellschaft, an deren Spitze der Reichsbank- Präsident Dr. Koch steht, hat Frl. Dr. jur. Marie Raschke als Mitglied aufgenommen. In der […] Gesellschaft hat man sich vorher gegen die Aufnahme sehr ablehnend verhalten."56 Im selben Jahr (1900) gründet Marie Raschke die "Zeitschrift für populäre Rechtskunde"57 und die "Vereins-Zentralstelle für Rechtsschutz" in Berlin; später übernimmt sie zusätzlich die Rechtsschutzstelle der "Deutschen Hausfrauenzeitung"58 und die Rechtsauskunft des "Berliner Lokalanzeigers".59 1904 wird sie als erste Frau Mitglied des "Deutschen Juristentages".60 Als Doktorin der Rechte ist sie nach § 3 der Statuten zur Mitgliedschaft berechtigt. Dokumentiert sind ihre Diskussionsteilnahme beim Juristentag 1904 in Innsbruck61 und ihre Teilnahme als Journalistin beim Juristentag 1906 in Kiel. 1907 folgt die Gründung der "Gesellschaft zur Verbreitung von Rechtskenntnis".62 Die Verbreitung von Rechtskenntnis ist auch das Ziel von Raschkes Tätigkeit als Autorin und Herausgeberin populärwissenschaftlicher Darstellungen der unterschiedlichsten Rechtsgebiete in den "Populären Rechtskatechismen" und in den "Rechtsbüchern für das deutsche Volk".63 Zu Beginn des neuen Jahrhunderts hat Marie Raschke sich beruflich als Juristin etabliert; sie ist Mitglied zweier renommierter juristischer Gesellschaften, ihre rechtspolitischen Schriften werden in juristischen Fachzeit- 55 Vgl. Berneike (Fn. 44), 79 Fn. 541. 56 Vgl. Notiz "Ein weibliches Mitglied der Juristischen Gesellschaft zu Berlin", Berliner Zeitung vom 3. Juli 1900. 57 Zeitschrift für populäre Rechtskunde, hg. von Marie Raschke, Berlin 1900-1902; siehe auch: Zeitschriften-Revue, Die Frauenbewegung 21 1901, 165. 58 Vgl. Beatrix Geisel, Klasse, Geschlecht und Recht, Baden-Baden 1997, 128 Fn. 114. 59 Vgl. Maria Kado, Zum 80. Geburtstage von Dr. jur. Marie Raschke (Fn. 7), 40. 60 Verhandlungen des 27. Deutschen Juristentages, Bd. IV, Berlin 1905, EV. 61 Verhandlungen (Fn. 60), 357, 385. 62 Vgl. Notiz "Gesellschaft zur Verbreitung von Rechtskenntnis", Die Frauenbewegung 10 1906, 77. 63 Vgl. z.B. Marie Raschke, Das Vormundschaftsrecht, Berlin 1901; rezensiert in: Die Frauenbewegung 12 1901, 93. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 404 schriften rezensiert.64 1907 kauft sie ein kleines Haus in Berlin Lichterfelde, wo sie bis zu ihrem Tod wohnen wird.65 Für ihre rechtspolitischen Aktivitäten nutzt sie die Arbeitszusammenhänge in der Frauenbewegung, die sie zum Teil selbst mit aufgebaut hat; für ihre zahlreichen Veröffentlichungen stehen ihr "Die Frauenbewegung", aber auch das "Centralblatt des Bundes deutscher Frauenvereine" oder die "Neuen Bahnen" offen. Sie kann also in den Blättern des radikalen und des gemäßigten Flügels der bürgerlichen Frauenbewegung publizieren; im "Verein Frauenwohl Berlin" hat sie bis zu ihrem Umzug nach Bern im Vorstand mitgearbeitet; seit 1896 ist sie Vorsitzende der einflussreichen Rechtskommission des "Bundes deutscher Frauenvereine".66 Hinzu kommt: Die Positionen der außerparlamentarischen feministischen Opposition werden um 1900 in den politischen, gesellschaftlichen und juristischen Diskursen des Deutschen Kaiserreichs zunehmend gehört. In den gemeinsamen Lebenserinnerungen von Anita Augspurg und Lida Heymann67 heißt es über diese euphorische Zeit: "Das waren Jahre des freudigen Kampfes, des Schaffens und der Lebenslust. In vielen Städten wurden Kurse von Anita Augspurg und Marie Raschke für Frauen über Bürgerkunde, Familien-, Strafrecht und Strafvollzug abgehalten. Frauen wurden im engen Kreis politisch geschult. […]."68 Marie Raschkes Spagat zwischen berufspolitischen und frauenpolitischen Aktivitäten bringt sie im Laufe der Jahre immer wieder in Konflikte. Ihr Credo "Rechtskenntnis ist der beste Rechtsschutz"69 wird nicht von allen Frauen in der Frauenbewegung geteilt. Auch ihre Vorstellung von einer Veränderung der Gesellschaft durch die Verbreitung von Rechtskenntnis stößt auf Skepsis. Für Marie Raschke hat die Kenntnis des bestehenden Rechts allein schon ein emanzipatorisches Potential, und so tritt die Rechtskritik in ihren späteren Schriften zurück gegenüber der Darstellung des bestehenden Rechts. Ihre Idee ist, dass, wenn immer mehr juristisch 64 Vgl. z.B. Monatsschrift für Kriminalpsychologie und Strafrechtsreform, Heidelberg 1906, 142 f., 279. 65 Vgl. Reich's Handbuch der Deutschen Gesellschaft, Bd. 2, Berlin 1931, 1475. 66 Vgl. Pataky (Fn. 10), 168. 67 Die Hamburger Pazifistin und Frauenrechtlerin Lida Gustava Heymann (1868– 1943). 68 Anita Augspurg/Lida Gustava Heymann (Fn. 36), 107. 69 Vgl. z.B.: Marie Raschke, Die Vereins-Zentralstelle für Rechtsschutz in Berlin, Die Frauenbewegung 12 1901, 91. Marie Raschke (1850 - 1935) 405 gebildete Frauen sich mit dem Recht vertraut machen und damit arbeiten, die Einbeziehung der Frauen in die Gesetzgebung nur noch eine Frage der Zeit sein kann. Das heißt, sie hat ihre Ziele, die Gesellschaft zu verändern, nicht aufgegeben, doch scheinen ihr, um die bestehende Gesetzeslage im Sinne der Frauen zu verändern, Proteste und Petitionen inzwischen weniger effizient zu sein als das Erwerben und Einbringen weiblicher juristischer Kompetenz. Ein weiterer Konflikt entsteht durch Marie Raschkes Initiative zur Professionalisierung der feministischen Rechtsschutzbewegung. Sie möchte die Laienarbeit möglichst durch professionelle Rechtsberatung ersetzen, d.h. nach ihrer Vorstellung sollen in den Rechtsschutzstellen möglichst akademisch ausgebildete Juristinnen tätig sein. Auch ihre Idee, die Arbeit der Rechtsberatungsstellen zu zentralisieren, zu koordinieren und wissenschaftlich auszuwerten, stößt auf Skepsis. Im Oktober 1900 gründet Marie Raschke die "Vereins-Zentralstelle für Rechtsschutz" in Berlin.70 Die Zentralstelle soll eine Art Verband für die einzelnen Rechtsschutzstellen der Frauenvereine sein, wird jedoch von vielen Vereinen nicht akzeptiert.71 Ein erheblicher Konflikt entsteht 1904 durch mehrere Publikationen Marie Raschkes zum Reichsstrafgesetzbuch.72 Kritisiert wird insbesondere ihre Schrift zum § 218, in der sie eine gemäßigte Position vertritt.73 Sie fordert bei der anstehenden Strafrechtsreform nicht die ersatzlose Streichung, sondern eine Reform des § 218 RStGB. Es ist von heute aus nicht ganz einfach nachzuvollziehen, warum sie deshalb 1905 den Vorsitz der Rechtskommission niederlegen muss, denn auch nach Raschkes Demission als Vorsitzende ist die Forderung nach der ersatzlosen Streichung des § 218 RStGB in der Rechtskommission des "Bundes deutscher Frauenvereine" zu keinem Zeitpunkt mehrheitsfähig. 1908 wird Marie Raschke Vorsitzende des Aufsichtsrates der "Genossenschaftsbank selbständiger Frauen", die 1910 ihren Geschäftsbetrieb aufnimmt. Das Thema "Frauen und Geld", "Frauen und Börse" hat sie 70 Vgl. Raschke (Fn. 69), 91 f. 71 Vgl. Raschke (Fn. 69), 92. 72 Marie Raschke, Zur Reform des Strafrechts. Die strafrechtliche Behandlung der Kinder und Jugendlichen, Berlin o. J.; dies., Die Vernichtung des keimenden Lebens (§ 218 RStGB), Berlin o. J. (1904?). 73 Raschke forderte in ihrer Schrift "Die Vernichtung des keimenden Lebens" Strafmilderung für die Abtreibung und Straffreiheit für den Versuch, vgl. hierzu auch die Darstellungen bei Röwekamp (Fn. 47), 540; Geisel (Fn. 58), 134 f. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 406 schon länger interessiert.74 1912 berichtet das "Berliner Tageblatt", dass die Bank auf schmalen, aber soliden finanziellen und personellen Füßen stehe; der Autor schätzt die hohen ideellen Ansprüche der Gründerinnen jedoch als ungünstig für das Bankgewerbe ein.75 1913 wird die "Genossenschaftsbank" in "Frauenbank" umbenannt. 1914 wird Marie Raschke Schriftleiterin der Zeitschrift "Frauenkapital". In einer der ersten Nummern findet sich eine "utopische Novelle" über die Gründung eines Frauenstaates.76 Die politischen Ziele der Frauenbank – "Kein Frauenstimmrecht – kein Geld, kein Geld für kriegerische Zwecke"77 – werden nach dem Ausbruch des Weltkrieges aufgegeben.78 Ob dies der Überzeugung von Marie Raschke entspricht oder ob die Überlegung eine Rolle spielte, dass eine Frauenbank, die ums Überleben kämpft, als pazifistische Frauenbank in Kriegszeiten nicht überlebensfähig wäre, muss offen bleiben. Zwei Monate nach Beginn des Weltkrieges wird eine Geschäftsaufsicht über die "Frauenbank" verhängt; 1915 wird das Konkursverfahren eröffnet. In der Weimarer Republik ist Marie Raschke ein "Heraustreten an die Öffentlichkeit" durch ihre "seit der Kriegszeit angegriffene Gesundheit" nicht mehr möglich.79 Bis mindestens Ende der zwanziger Jahre erteilt sie jedoch noch Rechtsauskunft in ihrem Haus "Rosenschlösschen" in der Murtenstr. 4 in Berlin-Lichterfelde. Marie Raschke stirbt am 15. März 1935 in Berlin. Ein Nachruf legt den Eindruck nahe, dass sie in ihrem Leben glücklich war.80 74 Vgl. Marie Raschke, Die Ausschließung der Frauen von der Börse, Die Frauenbewegung 4 1897, 38. 75 Berliner Tageblatt Nr. 93 vom 20. Februar 1914 (Abendausgabe). 76 Magda Trott, Von der Gründung des Frauenstaates. Eine utopische Novelle, in: Frauenkapital 1914, 18-21, vgl. Anne Stalfort, Literarische Utopien von Frauen in der deutschen und US-amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts, Freiburg 1998, 64 Fn. 11. 77 Zitiert nach: Gisela Dölle, Der hohe Palast der Frauenbewegung. Die Berliner Frauenbank, Almanach des Archivs der deutschen Frauenbewegung 19 1991, 8-13 (9); zur Frauenbank vgl. auch: dies., Einblicke in die Finanzverhältnisse der bürgerlichen Frauenbewegung, in: Annette Henninger (Hg.), Ins Netz geholt, Düsseldorf 1999, 23-43. 78 Vgl. Frauenkapital 34/2014, Titelblatt. 79 Vgl. Marie Raschke an den Gynäkologen Max Hirsch (1877-1948), Berlin, 20. März 1920 (Nachlass Max Hirsch in der Staatsbibliothek Berlin). 80 Vgl. Kado, Dr. jur. Marie Raschke † (Fn. 7), 437. Marie Raschke (1850 - 1935) 407

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References

Abstract

„Critical Lawyers in Germany“, volume 2, is the sequel of the 1988 book “Critical Lawyers in Germany. A different tradition”. Just like its precursor, it comprises biographical profiles of late attorneys, judges and legal scholars, but it also includes interviews with contemporary witnesses of more recent legal movements. The volume presents theorists and practitioners who have actively intervened in socio-political debates since 1945, especially in the controversies following the 1960s and 70s, and who have stood up for ideas of participatory democracy and an inclusive understanding of law and the Constitution. The volume covers diverse voices of legal critique, also those that are hardly known or almost forgotten. The selection of biographical portraits and interviews broadens the spectrum of critical legal thinkers and activists covered in volume 1. Volume 2 adds perspectives, locations and practices of critique, following the lines and actors of social movements, institutional activism and public interest litigation in Germany.

<b>With contributions to:</b>

Alfred Apfel · Otto Bauer · Margarete Berent · Sebastian Cobler · Franz-Josef Degenhardt · Hedwig Dohm · Eugen Ehrlich · Helga Einsele · Winfried Hassemer · Werner Holtfort · Barbara Just-Dahlmann · Franz Kafka · Leopold Kohr · Anna Mackenroth · Marie Munk · Nora Platiel · Diether Posser · Marie Raschke · Helmut Ridder · Wiltraut Rupp-v. Brünneck · Magdalene Schoch · Jürgen Seifert · Helmut Simon · Kurt Tucholsky · Edda Weßlau

Zusammenfassung

„Streitbare JuristInnen (Band 2)“ ist die Fortsetzung des Bandes „Streitbare Juristen. Eine andere Tradition“ aus dem Jahre 1988 und umfasst Porträts von bereits verstorbenen JuristInnen und Interviews mit ZeitzeugInnen. Thematisch liegt der Schwerpunkt auf Personen, die nach 1945 aktiv an gesellschaftspolitischen Debatten teilgenommen haben, insbesondere an Kontroversen seit „1968“, die zu Kristallisationspunkten der Rechtspolitik wurden und die für ein demokratisches und inklusives Rechts- bzw. Verfassungsverständnis eingetreten sind. Dabei kommt eine breite Vielfalt an Stimmen der Rechtskritik zu Wort, auch RepräsentantInnen kritischer Strömungen, die weniger bekannt oder fast vergessen sind. Die Auswahl der Porträtierten und der InterviewpartnerInnen erweitert den Querschnitt an streitbaren JuristInnen, die schon im ersten Band vorgestellt wurden, und damit auch die Formen, Praxen und Orte der Streitbarkeit. Ein Fokus liegt auf rechtspolitischen und zivilgesellschaftlichen Bewegungen der Bundesrepublik, auf KritikerInnen der Zeitgeschichte, die aktiv in rechtspolitische Kontroversen interveniert und die sich in wissenschaftlichen, rechtlichen und politischen Institutionen rechtspolitisch engagiert haben.

<b>Mit Beiträgen über:</b>

Alfred Apfel · Otto Bauer · Margarete Berent · Sebastian Cobler · Franz-Josef Degenhardt · Hedwig Dohm · Eugen Ehrlich · Helga Einsele · Winfried Hassemer · Werner Holtfort · Barbara Just-Dahlmann · Franz Kafka · Leopold Kohr · Anna Mackenroth · Marie Munk · Nora Platiel · Diether Posser · Marie Raschke · Helmut Ridder · Wiltraut Rupp-v. Brünneck · Magdalene Schoch · Jürgen Seifert · Helmut Simon · Kurt Tucholsky · Edda Weßlau