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Friederike Boll, Nora Platiel (1896-1979). Mit Recht für den Sozialismus kämpfen in:

Kritische Justiz (Ed.)

STREITBARE JURISTiNNEN, page 358 - 377

Eine andere Tradition

1. Edition 2016, ISBN print: 978-3-8487-0003-5, ISBN online: 978-3-8452-4449-5, https://doi.org/10.5771/9783845244495-358

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Nora Platiel (1896-1979) Mit Recht für den Sozialismus kämpfen1 Friederike Boll Kein Mahnmal bringt die Verlorenen zurück, Nicht Stein und Erz hindern Wiederkehr furchtbarer Vergangenheit In uns muss sich vollziehen tiefe Wandlung.2 Pflichtbewusstsein kann ein schwieriges Wort sein, riecht es doch nach Obrigkeitshörigkeit, moralischer Indifferenz. Beschreibt man seinen Sinngehalt mit Blick auf Nora Platiel, ergibt sich ein anderes Bild. Nora Platiel war pflichtbewusst im besten Sinne. Dort wo sie politische und menschliche Notwendigkeiten wahrnahm, sah sie sich zum Handeln verpflichtet – und blieb dabei kritisch, kompromisslos und zugleich warmherzig. Einflüsse in Nora Platiels Leben Elternhaus Geboren als Eleonore Block am 14.1.1896 in Bochum kam Nora als achtes von zehn Kindern zur Welt. Die Familie betrieb in den unteren Räumen ihres Hauses ein Geschäft für Herren- und Knabenkonfektion sowie Bergmannskluft. Mitgeholfen haben alle, die Trennung in privaten Haushalt und öffentlichen Geschäftsbetrieb war fließend und der Verkauf auch an Sonntagen Gang und Gäbe. Die Blocks verfolgten eine warme, ermutigende, Selbstständigkeit und Neugier fördernde Erziehung. Schon früh 1 1.1 1 Dieser Artikel beruht auf der Biographie von Helga Haas-Rietschel und Sabine Hering, Nora Platiel – Sozialistin, Emigrantin, Politikerin, Köln 1990, dem Beitrag Ulrike Ley/Susanne Sander, Nora Platiel, in: Ingrid Langer (Hg.), Alibi-Frauen? Hessische Politikerinnen im 2. und 3. Hessischen Landtag 1950 bis 1958, Königstein 1996, 201-247, sowie der Sichtung des Nachlasses von Nora Platiel im Archiv der sozialen Demokratie in Bonn. 2 Nora Platiel, „Mütter mahnen...“ Rede zur Einweihung eines Denkmals an den NS, Nachlass Platiel (Fn. 1). 359 wurde das Lesen von Zeitungen und ein über die rein schulische Bildung hinausgehendes Interesse an kulturellen und politischen Verhältnissen gefördert. Diese Atmosphäre strahlte aus, und die sogenannte, an den Familiennamen angelehnte „Blockstation“ wurde zum sozialen Knotenpunkt in der Nachbarschaft: Nicht nur aufgrund des einzigen Gartens im näheren Umkreis,3 sondern vor allem wegen des sehr gewitzten und verspielten Vaters Bendix Block wuselte es nur so von Kindern. Zusätzlich zu der arbeitsintensiven Selbstständigkeit hatte Vater Bendix neben seinen zehn Kindern die Vormundschaft für weitere übernommen und war so ein prägendes Vorbild für die kleine Nora. Diese freudvolle Kindheit fand mit dem Tod ihres Vaters im Alter von 53 Jahren ein abruptes Ende. Nora war gerade einmal 16. Schnell übernahm sie neben der Mutter Verantwortung im Geschäft, was die Schließung aber nicht aufhalten konnte. 1917 ging Nora Block sodann als Freiwillige in den Hilfsdienst und arbeitete als Schreibkraft eines Offiziers, der für das Feldeisenbahnwesen in Rumänien zuständig war. In den 1960ern erinnerte sie sich: „Der Erste Weltkrieg kam, drei meiner Brüder eilten als 'Freiwillige' unter die Fahnen. […] Jetzt galt es in der Vorstellung der 'freiwilligen' jungen Juden zu beweisen, daß die Verleumdungen, Juden seien feige, seien ehrgeizig, zu Opfern für das Vaterland nicht bereit ... unwahr waren […] Ich besitze noch das Eiserne Kreuz eines meiner Brüder, der es im Ersten Weltkrieg verliehen bekam. Es liegt heute – zusammen mit dem Judenstern – in einer kleinen Kassette, die einige Dokumente des in Theresienstadt erkrankten, dann in seine Heimat zurückgekehrten und dort verstorbenen Bruders enthält.“4 Judentum spielte in der liberalen Familie keine herausragende Rolle – auch wenn gewisse Traditionen wie Geschirrwechel zu Pesach, Besuch der Synagoge und das Mazzen-Essen gepflegt wurden. Eine stärkere Identitätsbildung 'als Jüdin' setzte bei Nora erst ein, als sie mit dem Besuch der Jüdischen Volksschule in Bochum zunehmend mit Antisemitismus konfrontiert war: „Jude, Jude-Itzig riefen andere Kinder, die nicht in unsere Schule gingen, hinter uns her. Ich hörte es, litt aber kaum sehr darunter, weil ich wohl nicht begriff, was diese Rufe bedeuteten, wenn auch klar war, daß sie nicht freundlich, nicht gut gemeint waren.“5 Auch wenn antisemitische Diskriminierungen hin und wieder in Nora Platiels späteren Er- 3 Haas-Rietschel/Hering (Fn. 1), 18. 4 Nora Platiel, Antisemitismus vor, während und nach Hitler. Rede vor evangel. Frauen 1964, Nachlass Platiel (Fn. 1). 5 Platiel (Fn. 4). Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 360 innerungen auftauchen, war für sie die jüdische Herkunft nicht einer der zentralen oder gar der ausschlaggebende Punkt für ihr 'Anderssein': Sie selbst nannte als Grund für ihre Emigration 1933 z.B. viel mehr ihre politische Überzeugung und ihre antifaschistische Arbeit. Erst in späteren Jahren verstärkte sich der Aspekt der antisemitischen Verfolgung in ihrer Wahrnehmung. Berlin und ein Studium über Umwege Mit 22 Jahren ging Nora Block 1918 in das (frauen)politisch bewegte Berlin – und fand eine für ihren weiteren Lebensweg prägende Anstellung bei Helene Stöcker beim Deutschen Bund für Mutterschutz. Helene Stöcker war 1896/97 eine der ersten Studentinnen in Berlin gewesen und kämpfte nun als Teil der radikalen Frauenbewegung gegen die frauendiskriminierende Ausgestaltung des BGB. Frauenfrage war primär Rechtsfrage. Gefordert wurde außerdem eine neue Ethik der erotischen und sexuellen Selbstständigkeit der Frau und eine frei wählbare Mutterschaft. Die Forderung nach der Abschaffung des Verbots schwuler Homosexualität und ein massives Auflehnen gegen die Ausdehnung des Verbots auf lesbische Verhältnisse waren für sie daher – im Gegensatz zu vielen feministischen Zeitgenossinnen – selbstverständlich.6 Kurze Zeit später schon führte Nora Blocks Weg zu einer Anstellung bei einer weiteren politisch aktiven Frau: Elisabeth Rotten, der Mitbegründerin der Deutschen Liga für den Völkerbund. Diese politische Sozialisation mit radikalen Themen und aktivistischen Handlungsformen wird Nora Block lange begleiten: Frauenrechte und reproduktive Rechte, Eintreten für Frieden und Internationalismus, Recht, verstanden als politischer Organisationsrahmen. Ermutigt von diesen starken Frauen griff Nora Block den alten Wunsch wieder auf, das Abitur nachzumachen und ein Studium zu beginnen. Der wohlgesonnene Fabrikant Ernst Schlesinger ermöglichte ihr den nötigen finanziellen Rahmen: In Kopenhagen gab er ihr Raum und Zeit, sich auf die Abiturprüfungen in Berlin vorzubereiten und ließ ihr später ein Stipendium zukommen. 1922 begann sie im Alter von 26 Jahren das Studium zunächst der Nationalökonomie in Frankfurt am Main, wo sie auch Vorle- 1.2 6 Vgl. Christl Wickert, Helene Stöcker, in: KJ (Hg.), Streitbare Juristen, Baden-Baden 1988, 104-116. Nora Platiel (1896-1979) 361 sungen von Franz Oppenheimer besuchte. Bereits 1923 zog es Nora Block zum Studium der Rechtswissenschaften und Rechtsphilosophie nach Göttingen, um sich „für die Durchsetzung des Rechts in der Gesellschaft [...] einzusetzen“7 – ein Jahr, nachdem Frauen überhaupt erstmals Zugang zu beiden Staatsexamina und den juristischen Professionen erhalten hatten. Leonard Nelson und der IJB/ISK Einer der Hauptgründe nach Göttingen zu wechseln war der dort lehrende Philosoph Leonard Nelson, dem sie bereits einige Jahre zuvor begegnet war: „Ich war damals 23 Jahre alt, als ich … mit Nelson und dem IJB zusammenkam. … Ich selber war eine idealistische Schwärmerin, voller guter Absichten, aber ohne gedankliche Klarheit, ein überwiegend gefühlsmäßig bestimmter Mensch, der wohl auch sozialistischen Ideen anhing, aber vom Sinn und der möglichen Bedeutung politischer Tätigkeit nichts ahnte, eigentlich auch nichts wissen wollte ... Die Begegnung mit N. und den von ihm vertretenen Gedanken – dieser ungewöhnlichen, jedes konventionelle Maß sprengenden Persönlichkeit – hat mein Weltbild und mein Leben von Grund auf gewandelt.“8 Nelson knüpfte an Kant an und formulierte einen ethischen Sozialismus. Philosophisch vermittelte Erkenntnisse sollten Wirklichkeit werden, indem sie nicht nur selbst gelebt, sondern auch politisch durchgesetzt werden. Diese Grundkonzeption spiegelte sich im von ihm begründeten und geleiteten Internationalen Jugendbund (IJB) wieder: Voraussetzung der Mitgliedschaft war nicht nur der Kirchenaustritt, der für viele eine hohe soziale Hürde darstellte; die IJB-Mitglieder lebten auch sexuell und romantisch enthaltsam, abstinent und vegetarisch, was zu vielfachen Zerwürfnissen und Spannungen führte. Nora Platiel kommentiert noch 1955: „Die auf rechtlichen Erwägungen beruhende Forderung des Vegetarismus halte ich nach wie vor für richtig und im tieferen Sinne für eine der Möglichkeiten, den Ernst der rechtlichen Gesinnung und die damit verbundene Bereitschaft zur Konsequenz zu prüfen.“9 – Disziplin und Verantwor- 1.3 7 Nora Platiel, Erfahrungsbericht über staatsbürgerliche Mitarbeit, Nachlass Platiel (Fn. 1). 8 Nora Platiel, Nelson, mein Erzieher, Nachlass Platiel (Fn. 1). 9 Platiel (Fn. 8). Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 362 tungsbereitschaft für sich und andere wurden in dieser „politische[n] Erziehungsgemeinschaft“10 groß geschrieben. Die IJB-Mitgliedschaft war arbeits- und zeitintensiv: Es gab wöchentliche Ortsgruppentreffen, Bildungsveranstaltungen inhaltlicher Natur, schriftliches Berichtswesen über geleistete Aktivitäten und Ausbildung in strategischen und organisatorischen Angelegenheiten, um für Führungsaufgaben in Schlüsselpositionen qualifiziert zu sein. Diese Ausrichtung auf 'Erziehung zur Führerschaft' und ausgiebige Aufnahmeverfahren lassen den elitären Charakter der Gemeinschaft deutlich werden. Diese harte Schule prägte Nora Platiel ein Leben lang, so sagt sie 1955: „N´s [Nelson´s, F.B.] eigenes, schweres Leben wurde mir Vorbild für den Grad der Opferbereitschaft und Hingabe, den der sinnvolle Einsatz für die sozialistische Idee, besser für die Idee des Rechts und der Gerechtigkeit, verlangt. Die Einsicht, daß ‚halber Einsatz‘ völlig sinnlos sei, war die Peitsche, die unbarmherzig geißelte, wenn Lebensverlangen, Sehnsucht nach eigener Entfaltung, Müdigkeit oder auch egoistische Anverwandlungen als ‚Anfechtungen‘ unseren Weg kreuzten. Das gilt heute noch wie vor 35 Jahren.“11 Zugleich war der IJB nicht nur streng hierarchisch mit Nelson als Zentralfigur organisiert, sondern auch ideologisch anti-demokratisch ausgerichtet: „Die Demokratie ist nicht die große Arena, aus der der Tüchtigste als Sieger hervorgeht. Sie ist die Narrenbühne, auf der der pfiffigste oder bestbezahlte Schwätzer dem vornehmen und nur auf seine gute Sache bauenden Charakter den Rang abläuft.“12 Nach Nelson ging es um die Verwirklichung und Bewahrung des Rechtsprinzips, das über dem Mehrheitsprinzip stehe und daher statt demokratischer Verfahren einer speziell geschulten Elite anzuvertrauen sei. Diese Tendenzen, die sich unschön im Reden von Führerpersönlichkeiten niederschlugen, wirken befremdlich. Sie waren keineswegs damals schon unwidersprochen. Eine tiefgehende Auseinandersetzung erfolgte aber erst in der heute noch bestehenden Nachfolgeorganisation der Philosophisch-Politischen Akademie (PPA) in den 1960er Jahren auf Anregung und unter kritischer Beteiligung von Nora Platiel. Der IJB-Ansatz beinhaltete die Ausrichtung auf politische Mitarbeit in der Arbeiter_innenbewegung – nicht immer zum Gefallen der jeweiligen Organisationen. Bereits 1922 beschloss die Zentrale des Kommunistischen 10 Ley/Sander (Fn. 1), 202. 11 Platiel (Fn. 8). 12 Leonard Nelson, Demokratie und Führerschaft, Berlin 1930, 18. Nora Platiel (1896-1979) 363 Jugendverbandes der KPD die Unvereinbarkeit beider Organisationen. 1925 schloss die SPD alle IJB-Mitglieder nach einer eskalierenden Debatte um die Vereinbarkeit der anti-demokratischen Gesinnung des IJB mit den Grundsätzen der Sozialdemokratie aus. Daraufhin löste Nelson den IJB auf und gründete den Internationalen Kampfbund (ISK). Nach dem Wegfall der Agitationsmöglichkeiten in KPD und SPD konzentrierte sich der ISK – im Vergleich zu den linken Großparteien schon sehr früh im Wissen darum, dass dem Kampf gegen den Faschismus höchste Priorität einzuräumen war – auf publizistische Formen. In den ISK-Heften publizierte auch Nora Block zu Themen, die sich fortan wie ein roter Faden durch ihr Leben zogen: rechtliche Stellung der Frau, das (öffentlich-rechtliche) Verhältnis von Kirche und Staat, der politische Charakter der Justiz. Politische Anwältin in Bochum Nora Block hatte neben ihrer intensiven Mitarbeit und den Umbrüchen im ISK nach dem frühen Tod von Nelson 1927 ihr Studium beendet. Zunächst ging sie für die Ausbildungszeit zurück in ihre Kindheitsstadt Bochum. Das Referendariat hingegen absolvierte sie in Kassel bei dem etablierten Anwalt Erich Lewinski, der ebenfalls im ISK organisiert war und vor allem politische Mandate übernahm, so dass sich Nora Block bei ihm das nötige Handwerkszeug für eine linke, politische Prozessführung aneignen konnte. 1931 ließ sie sich als Anwältin in Bochum nieder: „Vor allem Strafverteidigerin: Bei sich gefährlich zuspitzender Lage vor allem politische Strafverteidigerin: Verteidigerin der Republik – gegen die heraufkommende NS-Bewegung und ihre Anhänger. Als einzige Frau unter den zugelassenen Anwälten in Bochum, als Sozialistin und Jüdin – den Nazis ein Dorn im Auge.“13 Block verstand ihre juristische Arbeit als „ein[en] Teil des großen Klassenkampfes […], der sich heute abspielt“.14 Sie publizierte zu rechtspolitischen Fragen in den ISK-Heften und sprach auf prozessbegleitenden Demonstrationsversammlungen. Die Bedrohungslage durch den Faschismus war in der NSDAP-Hochburg Bochum deutlich zu spüren. Block war überzeugt, dass der Aufbau des Widerstandes gegen den Nationalsozialis- 2 13 Platiel (Fn. 4). 14 Haas-Rietschel/Hering (Fn. 1), 31 Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 364 mus bei der Jugend ansetzen musste. So motivierte sie in persönlichen Hausbesuchen junge Arbeiter_innen, im ISK mit Mitteln des politischen Meinungskampfes gegen den Faschismus aktiv zu werden – eine von ihnen berichtet: „Ich sah zwar die soziale Misere in unserem Viertel, die Armut der Arbeitslosen, wußte aber nicht, was man dagegen tun sollte. Nora überzeugte [uns], daß singen, tanzen und wandern, womit sich die SAJ [Sozialistische Arbeiterjugend, F.B.] hauptsächlich beschäftigte, nicht ausreichend für die politische Arbeit sei und weckte […] Interesse für eine Mitgliedschaft im ISK. Ich hörte Nora zu und war von ihrem Temperament, ihren Argumenten, von ihrem Auftreten und ihrer Persönlichkeit fasziniert. Sie war die erste Intellektuelle, die ich kennenlernte.“15 Gegen die engagierte Anwältin wurde auch die politische Polizei aktiv. Ein Disziplinarverfahren blieb nur aufgrund des ihr wohlgesonnenen Vorsitzenden der Disziplinarbehörde aus. Nora Block berichtete Willi Eichler, dem politischen Leiter des ISK: „Er wies mich auf die Rechtsprechung des Ehrengerichtshofes hin. […] Er meinte, da bereits jede allgemeine Äußerung über das Bestehen einer 'Klassenjustiz' in Deutschland seitens der Disziplinarbehörden als 'standesunwürdiges' Vergehen geahndet würde, […] Was können sie mir tun? Das Schlimmste ist, ich muß diesen herrlichen Beruf wieder aufgeben, der angeblich zu den 'freien Berufen' gehört, der aber einer niederträchtigen Kontrolle durch die Polizei ausgesetzt ist. Der einzig freie Beruf scheint mir fast der der Polizei zu sein.“16 – Diesen Abschlusssatz verwendete Nora Block zugleich in ihrer Reaktion auf diese Repressionsmaßnahmen: In der Ausgabe des Funken vom 27.1.1933 schrieb sie eine scharfe Glosse über den freien Beruf des Anwalts. „Was können sie mir tun?“17 – Die Antwort auf diese Frage hatte sich sehr schnell gewandelt. Schon in den Tagen nach der nationalsozialistischen Regierungsbildung wurde sie wiederholt von SS-Leuten in ihrer Wohnung aufgesucht. Der NSDAP-Anwalt Roland Freisler, der zuvor in einigen ihrer Verfahren als Vertreter der Gegenseite ätzender Widersacher war, stellte sie vor die Wahl, 'loyal' zu werden oder freiwillig aus der Anwaltschaft auszuscheiden. Beides keine Option für Nora Block. Auf Grundlage des Berufsbeamtengesetzes wurde sie am 6. Mai 1933 mit einem Auftrittsverbot belegt und am 30. Mai 1933 wegen „nicht arischer Abstammung“ aus der Liste der Rechtsanwält_innen gestrichen. Nora 15 Interview mit Emmi Kalbitzer, zitiert nach Haas-Rietschel/Hering ( Fn. 1), 4. 16 Haas-Rietschel/Hering (Fn. 1), 31 f. 17 Ebd. Nora Platiel (1896-1979) 365 Block war „seit Mai 1933 an der Berufsausübung verhindert durch nationalsozialistische Maßnahmen“.18 Nora Block hatte damit nur zwei Jahre als Anwältin tätig sein können. Emigration und Flucht, Solidarität und Eigensinn Nachdem sie zusammen mit Genoss_innen noch nächtelang Dokumente verbrannt hatte, emigrierte sie im März 1933 „mit wenig Habseligkeiten – vorübergehend – nach Paris, um schnell wieder zurück zu sein. Es wurden 16 Jahre daraus.“19 In Paris hielt sich bereits eine Gruppe von ISK-ler_innen auf, die im Laufe der Zeit immer größer wurde und eine auf persönlicher Ebene enge wie politisch aktive Szene bildete. Ein zentraler Knotenpunkt dieses Zirkels wurde das vegetarische Restaurant, das die Lewinskis – Noras gute Freund_innen aus Kassel – in Paris eröffneten. Zunächst waren sie hoffnungsvoll, dass der Faschismus im spanischen Bürgerkrieg unterliegen und sich auch in Deutschland nicht lange würde halten können. Dabei setzten sie auf die französische Volksfrontregierung und den illegalen Widerstand in Deutschland. Nach und nach flogen jedoch etliche ISK- Widerstandsgruppen in Deutschland auf, und der ISK in Paris verzweifelte angesichts der von altem Misstrauen, gegenseitiger „Sabotage“20 und dogmatischer Praxisferne geprägten Unfähigkeit der kommunistischen und sozialdemokratischen Exil-Parteien, eine schlagkräftige Einheitsfront zu bilden. Zu dieser Zeit wollte Nora Block gegen alle Widerstände innerhalb des ISK und trotz der materiellen Bedrängnisse ein Kind. Wann, wenn nicht jetzt? Einwände wurden erhoben, dass die Emigration nicht den richtigen Rahmen für ein Kind biete, das Kind eine zusätzliche Last sei, dass Nora mit ihren 38 Jahren bereits zu alt sei... Aus einer kurzen Liebesbeziehung mit dem ISK-Genossen Gerhard Kumleben ging 1934 Sohn Roger hervor. Dass die Beziehung zu dem Kindsvater bereits nach wenigen Monaten endete und eine Ehe nicht in Erwägung gezogen wurde, zeigt, dass Block nicht nur von der sexuell enthaltsamen Nelson-Philosophie geprägt war, sondern auch ein „feministisches Kind ihrer Zeit“ war, die im krassen Gegensatz zu den damaligen Geschlechterverhältnissen frei über ihre Sexua- 3 18 Personalbogen OLG Frankfurt a.M. 1949, Nachlass Platiel (Fn. 1). 19 Platiel (Fn. 4). 20 Nora Platiel, Aufgabe der Emigration, in: Sozialistische Warte, 18.11.1938, 1101. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 366 lität und ihren Körper verfügen wollte. Die Zeit in Paris war jedoch wie für die meisten politisch Geflüchteten geprägt von dem Kampf um Existenzsicherung und der Angst vor Ausweisung. Dies führte dazu, dass Nora Block schweren Herzens ihren Sohn bereits mit vier Monaten in ein französisches Emigrant_innen-Kinderheim und ab 1936 in die ehemalige „Walkemühle“, die emigrierte ISK-Internatsschule rund um die bekannte Pädagogin Minna Specht, nach Dänemark, später England geben musste. Die Situation in Paris verschärfte sich zunehmend. Als im Mai 1940 Deutschland in Belgien einmarschierte, internierte der französische Staat bis auf wenige Ausnahmen die politischen Migrant_innen. So wurde auch Nora Block zusammen mit anderen ISK-Frauen in einem berüchtigten Lager interniert: „Gurs lag auf einer kahlen Hochebene, jedem Wetter preisgegeben: tagsüber war es heiß, nachts sehr kalt. In jeder Baracke waren Personen auf primitivste Art einquartiert.“21 Nach dem immensen Schock über die katastrophalen, menschenunwürdigen Zustände setzte das politische Handeln wieder ein. In kurzer Zeit waren alte und neue Verbindungen geknüpft. Diese nutzten die Frauen, als im Lager die Anfertigung von Namenslisten für die deutschen Truppen das untrügliche Zeichen gab, weiterfliehen zu müssen. Am 23. Juni 1940 gelang die Flucht, ermöglicht durch den Diebstahl von Entlassungsscheinen durch solidarische, schon länger in Gurs internierte spanische Bürgerkriegskämpfer_innen. Die notwendige Unterschrift des Lagerleiters floss aus der Hand Nora Blocks. Die Geflüchteten schlugen sich gemeinsam zum damaligen Sammelpunkt des ISK in Montauban durch; einem kleinen Städtchen im Süden Frankreichs, in dem ein sozialistischer Bürgermeister eine seltene Zufluchtsstätte bot. Sofort ergriff Nora Block die Initiative, um Hilfe für etwa 800 geflüchtete Familien zu organisieren, und wurde Leiterin des Comité d´Assistance aux Refugies. Sie hatte bereits im Lager Gurs nach eigenen Worten „eine Art Büro eröffnet, um für Frauen, die sich selbst nicht helfen konnten, Briefe und Schriftstücke zu übersetzen.“22 Die Bedeutung, die die Geflüchtetenhilfe für sie in den Jahren ihres Exils einnehmen sollte, fasst sie rückblickend zusammen: „Dass ein armer und elender Mensch nicht arm und nicht elend ist, wenn er einem anderen, der noch ärmer und elender ist als er selber, helfen darf, das wurde die aufrichtende, kraftspendende Idee für viele in dieser Zeit der Prüfungen. Dass ich schon in Frankreich nach einigen sehr schweren Jahren in 21 Ley/Sander (Fn. 1), 202. 22 Interview mit Nora und Hermann Platiel von Jean Stock. Nachlass Platiel (Fn. 1). Nora Platiel (1896-1979) 367 die aktive Flüchtlingsarbeit eintreten konnte, helfen durfte, das hat mich gerettet.“23 Über Nora Blocks Arbeit in dieser Zeit sagt Regina Kägi-Fuchsmann, die Geschäftsführerin des Schweizer Arbeiterhilfswerk: „Viele Menschen verdanken ihrer Klugheit und Schlauheit, mit der sie die französische Polizei immer wieder überlistet hat, ihr Leben.“24 Eines Tages 1943 standen jedoch auch in ihrer Wohnung Gestapo und französische Gendarmen und nur aufgrund einer akuten Krankheit wurde sie von der Verhaftung verschont; stattdessen nahmen sie jedoch den frisch vermählten Mann von Nora – Hermann Platiel – mit. Die beiden, die sich zuvor schon flüchtig in Paris im ISK begegnet waren, hatten sich in Montauban näher kennengelernt und am 47. Geburtstag von Nora geheiratet. Der aus armen Verhältnissen stammende Hermann Platiel war ebenso wie Nora Platiel aus Überzeugung für die Ideale von Nelsons Philosophie dem ISK beigetreten, für den er Ortsgruppen geleitet und als Korrespondent in Spanien gearbeitet hatte. Kägi-Fuchsmann war es wiederum, die Nora Platiel ihre sofortige gefährliche Weiterflucht über die grüne Grenze in die Schweiz ermöglichte, wo sich Nora Platiel nach abermaligen Lageraufenthalten schnell in die Arbeit des Schweizerischen Arbeiterhilfswerk stürzte. Hermann Platiel hingegen gelang erst 1945 die Flucht in die Schweiz. Die Zeit in Kassel Platiel als Richterin Die Platiels sehnten sich nach einer neuen sinnvollen Tätigkeit und wollten sich am politischen Wiederaufbau beteiligen. 1947 führten Nora Platiels Wege zurück nach Kassel, wo sie über Bekannte aus ihrer dortigen Referendariatszeit – dem nunmehr als Landgerichtsdirektor tätigen ISKler Erich Lewinski und dem hessischen SPD-Justizminister Georg August Zinn – als Landgerichtsrätin an der Kasseler Wiedergutmachungskammer eingestellt wurde. Eine Rückkehr als Juristin nach Bochum lehnte sie aus Gründen ihrer Emigration 1933 ab. Bereits 1942 hatte sich Platiel im ISK 4 4.1 23 Platiel (Fn. 4). 24 Regina Kägi-Fuchsmann, Das gute Herz genügt nicht. Mein Leben und meine Arbeit, Zürich 1968, 239. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 368 an Überlegungen für die Nach-NS-Justiz beteiligt und die Rahmenbedingungen waren nun günstig: „Zunächst [hatten], vor allem in der Besatzungszeit, unbelastete Juristen, unter denen sich im Regelfall die weiblichen Juristen befanden, die besseren Chancen. […] War vor der nationalsozialistischen Herrschaft keine Frau je über die unterste Stufe der Gerichtsbarkeit, über die Position einer Amtsrichterin, hinausgekommen, gelangen jetzt mehreren Frauen bedeutsame Sprünge auf der Karriereleiter der Justiz.“25 Nora und Hermann Platiel zogen im November 1949 nach Kassel. Nach Jahren der Trennung war es endlich möglich mit dem inzwischen 15-jährigen Sohn Roger ein Familienleben zu führen. Der sensible Hermann Platiel verstand es nach und nach, eine enge Beziehung zwischen sich und Roger aufzubauen und adoptierte ihn schließlich. Die Ehe zwischen Nora und Hermann fügte sich ebenfalls harmonisch zusammen. Sie schufen sich ein – insbesondere für diese Zeit – unkonventionelles Modell, das auf Verlässlichkeit, Respekt und Individualität gleichermaßen beruhte und beiden ihre Freiräume ließ. Um die Reproduktionsarbeit kümmerte sich Hermann Platiel zusammen mit Ilse Harjes, die insgesamt 30 Jahre lange im Haushalt Platiel arbeitete. Er übernahm das vegetarische Kochen und die Bewirtung von Gästen. Beruflich eröffnete sich für ihn bald an der Freien Volksbühne eine gute Wirkungsstätte. Theater und Kultur waren für ihn wichtige Mittel einer politischen Volksbildung, der er mit Leidenschaft nachging. Auch für Nora Platiel lief es erfreulich. In der Wiedergutmachungskammer wirkte sie zugunsten von NS-Verfolgten – seit 1951 gar als Vorsitzende und damit als erste Frau in Hessen im Amt einer Landgerichtsdirektorin. Welch bitterer Umstand, dass sie in ihrem eigenen Kampf um Entschädigung selbst von enormen bürokratischen Verfahren belastet wurde, in denen sie in grässlicher Kontinuität wiederholt Nachweis über ihre jüdische Abstammung führen musste. Nach sieben Jahren erhielt sie sodann eine geringe Entschädigung, von der sie sich zugleich noch abziehen lassen musste, was sie unter schwierigsten Umständen im Exil an Einkommen erwirtschaftet hatte. Der Wiederaufbau sollte für sie ein Neuaufbau sein, der verhindert, dass der „NS-Ungeist“ noch einmal stark wird. So war sie auch an der Er- 25 Claudia Huerkamp, Bildungsbürgerinnen: Frauen im Studium und in akademischen Berufen 1900-1945, Göttingen 1996, 290. Nora Platiel (1896-1979) 369 nennung neuer Richterinnen und Richter beteiligt und engagierte sich in den frühen 1960er Jahren gegen im Amt verbliebene NS-Richter. Sie mahnte immer wieder, dass in der Justiz etliche Aufgaben eines rechtsstaatlichen Neuaufbaus noch ungelöst seien. Zentrales Anliegen war ihr schon früh die politische Bildungsarbeit. So sind eine Vielzahl von Manuskripten überliefert, in denen sie das neue Grundgesetz, die Hessische Verfassung und die sie verbürgenden Grundrechte erläutert. Wichtig ist ihr entgegen der 'Stunde Null-Rhetorik', die historischen Verbindungen und Kontinuitäten zur Weimarer Republik und NS-Zeit aufzuzeigen. Zudem bot sie einfachverständliche polit-ökonomische Analysen, in denen sie betonte, dass gesellschaftliche Gefahren wie der Nationalsozialismus ihren Ursprung in Not und Elend der Menschen haben. Sie sparte nicht an Kritik und betonte die gemeinsame Pflicht, eine neue, rechtsstaatliche Gesellschaft auf dem neuen Grundgesetz aufzubauen. Sie wollte geschichtliches und politisches Bewusstsein wecken – vor allem bei Frauen, ja beinahe ins Gewissen redete sie ihnen, ohne herablassend zu werden: „Zwar brauchen wir Frauen heute nicht mehr um 'Gleichberechtigung' vor dem Gesetz zu kämpfen, wie dies Generationen von Frauen vor uns getan haben – geniessen wir doch heute die Früchte ihres selbstlosen und tapferen Eintretens für diese immer wieder erhobene Forderung. Aber es gibt neue Aufgaben für die Frau auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens.“26 Anlässe waren Reden in Gewerkschaften, Frauenorganisationen und Versammlungen von öffentlichen Angestellten sowie ihre späteren Wahlkämpfe, die sich speziell auf Frauen konzentrierten. Vor allem sprach sie aber gern und oft zum Internationalen Frauentag am 8. März. Dabei bettete sie die aktuelle politische Situation in die Geschichte der Frauenbewegung seit 1789 ein. Gerade für den deutschen Kontext hob sie hervor, wie eng die Verbindung von der sozialistisch-internationalistischen Frauenbewegung mit der Anti-Kriegs-Politik war und dass das Eintreten für den Frieden durch Frauen auch heute und gerade nach den beiden Weltkriegen nötig sei. Nora Platiel bot eine internationale Perspektive. Sie stellte z.B. Frauenpolitik in mittelamerikanischen Staaten vor oder kritisierte das 1950 in Bosnien-Herzegowina erlassene Schleierverbot als Zwang gegen Frauen, der zugleich als Gleichstellungspolitik verkauft wurde. 26 Nora Platiel, Die Frau und das Recht, Nachlass Platiel (Fn. 1). Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 370 Nora Platiel legte in ihren Reden aber auch immer wieder ganz grundlegend anhand alltagspraktischer Beispiele des Publikums dar, dass das Leben von Frauen untrennbar mit Politik verbunden ist. So forderte sie beispielsweise in ihrem Wahlkampf 1958 die Anerkennung von Hausfrauenarbeit als Berufsarbeit, die soziale Besserstellung der alleinstehenden Frau, gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit, eine soziale Mietpolitik und ein Ende der Zwangsräumungen.27 Platiel als SPD-Politikerin Der ISK hatte sich 1945 aufgelöst und als fest strukturierte Strömung in die SPD integriert. Ehemalige ISK-ler_innen nahmen schnell wichtige Positionen in der SPD, in Rundfunkanstalten, Parlamenten und anderen staatlichen Apparaten ein. Für Hermann und Nora Platiel war es daher beinahe eine Selbstverständlichkeit in Kassel, der SPD beizutreten. Die programmatischen Schnittflächen waren groß, und viele alte Genoss_innen waren anzutreffen. Die Kasseler SPD bot jedoch nicht nur hinsichtlich des ISK Anschlussmöglichkeiten. Die SPD in Kassel war auch stark von Frauen geprägt, und Frauenarbeit nahm eine hervorragende Rolle ein. So schreibt Nora Platiel in einem Bericht über die politische Rolle der Frau: „'Als Frau' sind mir weder von meinen männlichen Kollegen noch in der politischen und sozialen Arbeit Schwierigkeiten bereitet worden“28 – für die 1950er Jahre doch etwas verwunderlich. Wie sehr Frauen damals in der Politik noch die Ausnahme von der Regel waren, zeigt der standardmäßige Aufdruck „Dunkler Straßenanzug“ auf der Einladungskarte für Nora Platiel zur Rede von John F. Kennedy in der Paulskirche am 25.6.1963. Die Kasseler SPD hatte mit Dr. Elisabeth Selbert bereits eine prominente Politikerin in ihren Reihen.29 Die Überschneidungen der beiden feministischen Juristinnen waren immens: Rechts- und Frauenpolitik waren 4.2 27 Nora Platiel, Die staatsbürgerliche Verpflichtung der Frau, Nachlass Platiel (Fn. 1). 28 Nora Platiel, Erfahrungsbericht über staatsbürgerliche Mitarbeit, Nachlass Platiel (Fn. 1). 29 Vgl. Birgit Meyer, Elisabeth Selbert, in: KJ (Hg.), Streitbare Juristen, Baden-Baden 1988, 440-450. Nora Platiel (1896-1979) 371 ihre Kernthemen; beide engagierten sich stark für eine Eherechtsreform30 und forderten, dass die Gleichberechtigung in Art. 3 GG politische Folgehandlungen nach sich ziehen müsse. Dr. Selbert hatte bereits in ihrer Promotion 1930 die Einführung des Zerrüttungsprinzips als Scheidungsgrund gefordert und war Mitglied im Parlamentarischen Rat. Ihr ist es in weiten Stücken zu verdanken, dass die Gleichstellung von Frau und Mann in den Grundrechtsteil aufgenommen wurde. Persönlich und auch in ihrem politischen Stil waren die beiden jedoch recht unterschiedlich, und es wird überliefert, dass sich schnell eine Konkurrenzsituation entspann. Nichtsdestotrotz bestritten die beiden außergewöhnlichen Frauen 1954 einen gemeinsamen Wahlkampf zum 3. Hessischen Landtag. Nora Platiel hatte einen sicheren Listenplatz; Dr. Elisabeth Selbert kandidierte als Direktkandidatin in einem als aussichtslos geltenden Wahlkreis. Auf gemeinsamen Flugblättern wandten sie sich insbesondere an Wählerinnen. Dabei strichen sie ihre Erfahrungen als Mütter, die Doppelbelastung von Beruf und Familie und eine frauenspezifische Perspektive auf den Frieden hervor. Nora Platiel trat in etlichen Veranstaltungen als Rednerin auf und machte sich bald einen solch guten Ruf, dass diese sehr gut besucht waren – zu Nora Platiels besonderer Freude auch von vielen Frauen, die politisch nicht organisiert oder anderen politischen Strömungen zuzuordnen waren. Das Wahlergebnis fiel positiv aus. Beide Frauen zogen in den Landtag ein, der damals einen Frauenanteil von schmalen 11,3% aufwies; Nora Platiels Freund Georg August Zinn blieb Ministerpräsident. Im Parlament konzentrierte sich Platiel vor allem auf die Rechtspolitik, engagierte sich aber auch in der Kulturpolitik und wandte sich gegen atomare Bewaffnung. Sie wurde Mitglied im Rechts- und Kulturpolitischen Ausschuss, deren stellvertretende Vorsitzende sie 1956 als Nachfolgerin von Elisabeth Selbert wurde. Selberts Stellvertreterin wurde sie zudem im Unterausschuss zur Überprüfung der Gefängnisse und Strafanstalten – ein Thema, das sie lange begleiten sollte. Dr. Selbert zog sich – auch aus mangelnder Anerkennung ihrer Verdienste – im Laufe der Zeit immer weiter zurück und kandidierte bei den Wahlen 1958 nicht mehr für eine vierte Legislatur als Landtagsabgeordnete; stattdessen führte sie ihre große Familienrechtskanzlei in Kassel weiter. 30 vgl. etwa die Ansprache Nora Platiels „Gleichberechtigung in der Ehe, eine moralische und eine politische Forderung“ am 4.8.1952 im NDR, Nachlass Platiel (Fn. 1). Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 372 Nora Platiel wurde auch im 4. und 5. Hessischen Landtag Abgeordnete von „bestechender Souveränität und Kompetenz“.31 Sie hat es – bei aller Schlagfertigkeit gegenüber Zwischenrufer_innen und Liebe zum Humor als Stilmittel – stets vorgezogen, mit informierten Argumenten politische Meinungsbildung zu betreiben und der Sache halber Verbindendes auch über Parteigrenzen hinweg zu betonen, anstatt, wie damals üblich, eine Rhetorik der unsachlichen Zuspitzung und persönlichen Gehässigkeit zu wählen.32 Sie galt als „profilierte und anerkannte Rechtspolitikerin“.33 Neben einer reinen Abgeordnetentätigkeit legte sie einen Schwerpunkt auch weiterhin auf öffentliche Vorträge und Beiträge im Rundfunk und auf Demonstrationen. Anstatt in parteipolitischem Alltag unterzugehen, setzte sie auf eigene Analysen und dann erst auf Schlussfolgerungen. So fragt sie sich beispielsweise, wie Kriminalität entsteht und wie sie vor diesem Hintergrund zu bekämpfen ist. Als Ursachen wies sie auf wirtschaftliche und soziale, aber auch affektive Missstände hin und sah in Straftaten eine „Verstrickung von Schuld und Unglück, sozialer Not, Elend, das vom Einzelnen nicht überwunden werden kann, das – im Grunde – auf das Konto 'der Gesellschaft' geht.“34 Ein besonderes Anliegen war ihr dabei das Jugendstrafrecht. Ursprünglich wollte sie in Kassel gar zur Jugendkammer, weil sie – wohl bereits in ihrer Flüchtlingsarbeit in der Schweiz – gesehen hat, dass der Krieg mit seinen psychischen Verwüstungen eine Ursache der Kriminalität bei jungen Menschen war. Aber auch frauenspezifische Aspekte des Strafrechts rückte sie immer wieder in den Blickpunkt und mahnte zudem, dass an strafrechtspolitischen Reformen die Frauen viel zu wenig beteiligt werden. Als Reformen unter Bundesjustizminister Heinemann wahrscheinlicher wurden, engagierte sie sich und forderte: Abschaffung von Zuchthausstrafen und kritische Überprüfung der Praxis der Sicherungsverwahrung, Strafvollzug mit dem Ziel umfassender Resozialisierung, Einführung von Bewährungshelfer_innen, angemessene Entlohnung für Gefangenenarbeit, Säkularisierung des Strafrechts durch Entprivilegie- 31 Ley/Sander (Fn. 1), 232. 32 Dies zeigt sich eindrücklich im Manuskript für eine Rednerschulung, die Platiel für Frauen angeboten hatte; vgl. auch die Auswertung der Parlamentsprotokolle in Ley/Sander (Fn. 1). 33 Ley/Sander (Fn. 1), 240. 34 Nora Platiel, Frauenschicksale im Gerichtssaal – DGB Bebra 9.3.1955, Nachlass Platiel (Fn. 1). Nora Platiel (1896-1979) 373 rung der Gotteslästerung und dem Aufzwingen katholischer Werte durch die strafrechtliche Hintertür. Ganz ihrer feministischen Sozialisation folgend, spricht sie sich für eine Entkriminalisierung von Abtreibung bei Vergewaltigung und bei 'sozialer Indikation' aus, fordert die Abschaffung der Strafbarkeit des Ehebruchs und der Strafbarkeit von Homosexualität unter Männern... – und fragt schließlich „Wie stark müssen die fortschrittsfeindlichen Kräfte in unserer Gesellschaft sein, wenn […] die Resozialisierung der Gefangenen […] als fast revolutionäre Forderung neuerungssüchtiger Intellektueller angesehen werden.“35 Als sich Nora Platiel hier für die Generalüberholung des StGB stark macht, notiert sie sich privat zusätzlich, dass die Gesetze über die Staatsgefährdung „im Interesse der freiheitlich-demokratischen Grundordnung keine Rechtsunsicherheit schaffen und […] keine Instrumente für polizeistaatliche Gängelung bleiben [dürfen] […] da wir damit in der Vergangenheit hinreichend böse Erfahrungen gemacht haben. AKTUELL! Studenten SDS“.36 Einige dieser bösen Erfahrungen hatte sie bereits 30 Jahre zuvor kommentiert: „Unsicherheit ist das Kennzeichen des neuen Republikschutzgesetzes: Unsicherheit, geschaffen durch Einführung von Begriffen, die wie Gummi dehnbar sind und daher jede willkürliche Auslegung zulassen. […] Aber nach allem, was wir in diesen Jahren erlebt haben, ist es sicher, daß mit Hilfe des Republikschutzgesetzes der radikale Teil der Arbeiterschaft, der Teil, der überhaupt noch etwas will, unschädlich gemacht werden soll. […] Daß das neue Republikschutzgesetz ein zweites 'Sozialistengesetz' zu werden droht, ist bei der politischen Einstellung der deutschen Gerichte mehr als wahrscheinlich.“37 – Damals wie heute sollte sie Recht behalten: Politische Strafjustiz bleibt aktuell. Neben der Rechtspolitik war ihr zweites Kernthema die Friedenspolitik. Ab 1959 war sie Mitglied im Kasseler Prüfungsausschuss für Kriegsdienstverweigerung. Jugend und Frauen sah sie als Speerspitze der Anti- Kriegs-Bewegung: „Die Frage: Krieg oder Frieden? Ist wiederum die Schicksalsfrage. Was können wir Frauen tun […] Vertreter von Soldatenbünden verkünden schon wieder, dass die deutsche Jugend bereit sei, Soldat zu werden. Hat man auch die Jugend selber gefragt? […] Frauen, Müt- 35 Nora Platiel, Zur politischen Strafjustiz, Nachlass Platiel (Fn. 1). 36 Ebd. 37 Leonore Kolb [= Nora Block], Republik-Schutzgesetz = Ausbeuter-Schutzgesetze 1930, Nachlass Platiel (Fn. 1). Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 374 ter erkennt die Gefahr!“38 Nora Platiel begründet ihre Ablehnung gegen Wiederbewaffung jedoch nicht mit Pazifismus per se – ja sie führt sogar an, dass gewaltsame Auseinandersetzungen manchmal notwendig seien wie 1934 in Österreich oder 1936 in Spanien.39 Vielmehr sieht sie jedoch, dass die gesellschaftlichen Kräfte und der Geist von militaristischer Obrigkeitshörigkeit, die einst zum Nationalsozialismus führten, noch längst nicht aus Deutschland verschwunden sind. Neben dem Misstrauen gegen deutsche Verhältnisse sieht sie aber auch weder in der parteidogmatischen Sowjetunion noch in den USA mit ihrer gewerkschafts- und linkenfeindlichen Mittel- und Südamerikapolitik einen Bündnispartner für 'Arbeiter_inneninteressen'. Zudem wird sie getrieben von der enormen Drohkulisse der Atom- und Wasserstoffbomben. So schlägt sie immer wieder den Bogen zu dieser existenziellen Bedrohung und betont, dass jegliche Politik „illusorisch ist, wenn es nicht gelingt, den 3.Weltkrieg zu verhüten“.40 Im Mittelpunkt stand für Nora Platiel ein Verbot von Atom- und Wasserstoffbomben, ein Ende der 'Politik der Härte' Adenauers und die Blockfreiheit für beide Teile Deutschlands. Als erste Frau war Nora Platiel 1960 zur stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden gewählt worden. 1962 wurde sie jedoch wider Erwarten nicht von ihrer Fraktion als Landtagspräsidentin nominiert: „Hier fühlte sie sich persönlich verletzt, da nicht, wie sie als selbstverständlich angenommen hatte, Qualifikation und Glaubwürdigkeit über die Besetzung des Amtes entschieden haben.“41 Auch wenn sie umgestimmt werden konnte, nicht ganz zu gehen, quittierte Nora Platiel diese herbe Niederlage mit einem deutlichen Rückzug in ihrem Engagement. 1966 schied sie als 70-Jährige aus dem Landtag aus. Dass sie sich nicht mehr, wie noch in den frühen 1950ern, mit vollem Herzen und Elan für die SPD engagierte, begründet sich auch durch die größer werdenden politischen Diskrepanzen in der Rüstungspolitik und der SPD-Beteiligung bei der Annahme der Notstandsgesetzgebung, deren erbitterte öffentliche Feindin Platiel war. Sie verstand diese als Rückschritt in der Bildung eines neuen Rechtsstaats, der ernsthaft mit gesellschaftlichen Verhältnissen brechen sollte, die Grundlage für den National- 38 Nora Platiel, Krieg oder Frieden?, Nachlass Platiel (Fn. 1). 39 Nora Platiel, Zur 'Wiederaufrüstung', Nachlass Platiel (Fn. 1). 40 Nora Platiel, Die staatsbürgerliche Verpflichtung der Frau, Nachlass Platiel (Fn. 1). 41 Ley/Sander (Fn. 1), 203. Nora Platiel (1896-1979) 375 sozialismus waren. Und aus Parteiloyalität oder Opportunismus ihre Überzeugungen aufgeben? – das lag Nora Platiel in keinem Fall. Unbeugsam in die letzten Jahre In der politischen Analyse und Kritik fühlten sich die Platiels mit den aufziehenden Schüler_innen- und Studierendenbewegungen verbunden. In ihrer Wohnung veranstalteten sie Seminare und Diskussionsrunden. Die stark auf Disziplin, Pünktlichkeit und einer verbindlichen Arbeitsmoral beruhende Kultur des IJB/ISK, von der Hermann und Nora Platiel geprägt waren, vertrugen sich aber denkbar schlecht mit dem anti-autoritären Geist der jungen Leute aus gewerkschaftlichen und sozialdemokratischen Kreisen. So war diese Liaison nur von kurzer Dauer. In Kassel engagierte sich Nora Platiel weiterhin in der SPD-Ortsgruppe, als nichtrichterliches Mitglied des hessischen Staatsgerichtshofs, als Vorsitzende des Kunstvereins und seit 1963 im Rat der documenta. 1966 war sie maßgeblich an einer großen zeitgenössischen Ausstellung israelischer Künstler_innen mit viel politischer Prominenz in Kassel beteiligt, die auf ihre Initiative zurückging. Bereits ab 1961 hatte Platiel wiederholt privat und offiziell Israel besucht, den 'Genossen Ben Gurion' getroffen und sich für eine Intensivierung deutsch-israelischer Beziehungen auf allen Ebenen eingesetzt. In öffentliche Debatten mischte sie sich vor allem gegen die Aufrüstung und faschistische Kontinuitäten lebhaft ein. So weist sie auf die wieder offensichtlich werdenden antisemitischen Tendenzen hin und stellt die verdrängte Frage „Wie steht es um den Antisemitismus nach Hitler?“42 Die Pflicht, „den Antisemitismus in seiner menschenverachtenden Natur zu erkennen, sich von ihm bewusst zu lösen,“43 sieht sie nicht nur für die Justiz und für den Staat, auch für den Einzelnen – gleich ob dieser religiös oder ethisch-humanitär begründet ist. Offizielle Anerkennung für ihr so vielfältiges, jahrzehntelanges Engagement fand sie schließlich in der Verleihung der Goethe-Plakette, einer Ehrenurkunde der Hebräischen Universität Jerusalem sowie 1969 in der höchsten politischen Ehrung Hessens, der nach dem Anti-Faschisten benannten Wilhelm-Leuschner-Medaille. 4.3 42 Platiel (Fn. 4). 43 Ebd. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 376 Das letzte Jahr im Leben von Nora Platiel war geprägt von dem frühen Krebs-Tod ihres Sohnes Roger. Roger hatte eine Karriere als bildender Künstler eingeschlagen. Die giftigen Dämpfe, die er bei seiner Arbeit aufnahm, führten zu seiner tödlichen Erkrankung. Nora Platiel war zutiefst niedergeschlagen über diesem Verlust. Sie richtete in Kassel noch eine große Retrospektive seines Werks aus und „danach ging sie ohne Furcht und ohne Bitterkeit ihrem Tod entgegen.“44 Nora Platiel starb am 6. September 1979 in Kassel. 44 Claire Laurent an Nora Walter 1987, zitiert nach Ley/Sander (Fn. 1), 246. Nora Platiel (1896-1979) 377

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References

Abstract

„Critical Lawyers in Germany“, volume 2, is the sequel of the 1988 book “Critical Lawyers in Germany. A different tradition”. Just like its precursor, it comprises biographical profiles of late attorneys, judges and legal scholars, but it also includes interviews with contemporary witnesses of more recent legal movements. The volume presents theorists and practitioners who have actively intervened in socio-political debates since 1945, especially in the controversies following the 1960s and 70s, and who have stood up for ideas of participatory democracy and an inclusive understanding of law and the Constitution. The volume covers diverse voices of legal critique, also those that are hardly known or almost forgotten. The selection of biographical portraits and interviews broadens the spectrum of critical legal thinkers and activists covered in volume 1. Volume 2 adds perspectives, locations and practices of critique, following the lines and actors of social movements, institutional activism and public interest litigation in Germany.

<b>With contributions to:</b>

Alfred Apfel · Otto Bauer · Margarete Berent · Sebastian Cobler · Franz-Josef Degenhardt · Hedwig Dohm · Eugen Ehrlich · Helga Einsele · Winfried Hassemer · Werner Holtfort · Barbara Just-Dahlmann · Franz Kafka · Leopold Kohr · Anna Mackenroth · Marie Munk · Nora Platiel · Diether Posser · Marie Raschke · Helmut Ridder · Wiltraut Rupp-v. Brünneck · Magdalene Schoch · Jürgen Seifert · Helmut Simon · Kurt Tucholsky · Edda Weßlau

Zusammenfassung

„Streitbare JuristInnen (Band 2)“ ist die Fortsetzung des Bandes „Streitbare Juristen. Eine andere Tradition“ aus dem Jahre 1988 und umfasst Porträts von bereits verstorbenen JuristInnen und Interviews mit ZeitzeugInnen. Thematisch liegt der Schwerpunkt auf Personen, die nach 1945 aktiv an gesellschaftspolitischen Debatten teilgenommen haben, insbesondere an Kontroversen seit „1968“, die zu Kristallisationspunkten der Rechtspolitik wurden und die für ein demokratisches und inklusives Rechts- bzw. Verfassungsverständnis eingetreten sind. Dabei kommt eine breite Vielfalt an Stimmen der Rechtskritik zu Wort, auch RepräsentantInnen kritischer Strömungen, die weniger bekannt oder fast vergessen sind. Die Auswahl der Porträtierten und der InterviewpartnerInnen erweitert den Querschnitt an streitbaren JuristInnen, die schon im ersten Band vorgestellt wurden, und damit auch die Formen, Praxen und Orte der Streitbarkeit. Ein Fokus liegt auf rechtspolitischen und zivilgesellschaftlichen Bewegungen der Bundesrepublik, auf KritikerInnen der Zeitgeschichte, die aktiv in rechtspolitische Kontroversen interveniert und die sich in wissenschaftlichen, rechtlichen und politischen Institutionen rechtspolitisch engagiert haben.

<b>Mit Beiträgen über:</b>

Alfred Apfel · Otto Bauer · Margarete Berent · Sebastian Cobler · Franz-Josef Degenhardt · Hedwig Dohm · Eugen Ehrlich · Helga Einsele · Winfried Hassemer · Werner Holtfort · Barbara Just-Dahlmann · Franz Kafka · Leopold Kohr · Anna Mackenroth · Marie Munk · Nora Platiel · Diether Posser · Marie Raschke · Helmut Ridder · Wiltraut Rupp-v. Brünneck · Magdalene Schoch · Jürgen Seifert · Helmut Simon · Kurt Tucholsky · Edda Weßlau