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Karin Neuwirth, Anna Mackenroth (1861-1936). Erste Rechtsanwältin des deutschen Sprachraums und soziale Vordenkerin in:

Kritische Justiz (Ed.)

STREITBARE JURISTiNNEN, page 340 - 357

Eine andere Tradition

1. Edition 2016, ISBN print: 978-3-8487-0003-5, ISBN online: 978-3-8452-4449-5, https://doi.org/10.5771/9783845244495-340

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Anna Mackenroth (1861-1936) Erste Rechtsanwältin des deutschen Sprachraums und soziale Vordenkerin Karin Neuwirth Biografisches Anna Mackenroth wurde am 9.4.1861 in Danzig1 als Tochter von Luise und Karl (?) Heinrich Mackenroth (Fabrikant) geboren, besuchte die höhere Töchterschule und arbeitete ab ihrem 16. Lebensjahr als Erzieherin. Sie lebte zwischen 1885 und 1888 in Berlin, nahm dort Privatstunden in verschiedenen Fächern und studierte ab 1888 in Zürich – zunächst an der philosophischen, dann an der rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät. Mackenroth promovierte 1894 zur Doktorin beider Rechte, unterrichtete von 1895 bis 1903 in Zürich an der Töchterschule, arbeitete parallel dazu in der Anwaltskanzlei von Prof. Meili und erteilte im Frauenrechtsschutzverein unentgeltliche Rechtsberatung. Als eingebürgerte Schweizerin/ Züricherin (1898) erhielt sie als erste Frau die Zulassung zum Anwaltsberuf (1900); von 1903 bis 1910 war sie vorwiegend rechtsberatend und als Anwältin tätig. 1911 heiratete sie den um zehn Jahre jüngeren Züricher Kaufmann Kramer2 und zog sich, vermutlich aufgrund dieser Eheschlie- ßung, aus der Juristerei zurück; 1914 erfolgte die Scheidung. In der Zeit zwischen 1903 und 1918 verfasste Mackenroth mehrere Theaterstücke, die verlegt, aber nie aufgeführt wurden. Am 29.7.1936 verstarb die an Arte- 1. 1 Danzig wird in der Literatur als Geburtsort Anna Mackenroths angegeben bzw. wird von ihr als „Danzigerin“ gesprochen; auch am Spiegelblatt der Dissertation findet sich der Hinweis „aus Danzig“. Dahingegen wird sowohl im Wikipedia-Eintrag (http://de.wikipedia.org/wiki/Anna_Mackenroth, abgerufen am 12.12.2014) als auch auf der Homepage des Lexikon von A-Z zur Berlingeschichte und Gegenwart (http://berlingeschichte.de/strassen/A1041, abgerufen am 12.12.2014) als Geburtsort Berlin angeführt. Der Anna-Mackenroth-Weg in Berlin liegt im Stadtteil Lichterfelde (ehemals Steglitz) und wurde im Jahr 2000 nach ihr benannt. 2 Bei Marion Röwekamp, Juristinnen – Lexikon zu Leben und Werk, Baden-Baden 2005, 228-231, 228 als Wilhelm Kramer [Cramer], geb. 1871, angegeben. 341 riosklerose und Demenz Leidende in der psychiatrischen Klinik in Hohenegg ob Meilen am Zürichsee an Herzversagen. Der Weg zur Rechtswissenschaft Die Öffnung des rechtswissenschaftlichen Studiums und der Zugang zu den Rechtsberufen waren für Frauen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts von weitreichender Bedeutung. Rechtsausübung in Verwaltung und Justiz war mehr als jeder andere Beruf gleichzusetzen mit Zugang zur Gesellschaftsgestaltung und Staatsmacht, was in Zeiten der fehlenden Wahlberechtigung für Frauen ein gefährliches Terrain erschloss und zwangsläufig zu weiteren Umbrüchen führen musste.3 Schweizer Universitäten erwiesen sich als besonders liberal in der Zulassung von Frauen zum Studium; insbesondere Medizin war das zunächst beliebteste Fach der weiblichen Studierenden.4 So schloss die Russin Nadežda Suslova bereits 1867 als erste Absolventin in Zürich ihr Medizinstudium ab und leitete quasi die Tradition des Frauenstudiums in der Schweiz ein. Zehn Jahre später erhielt die erste Frau ein Diplom an der ETH Zürich – wieder eine Russin, Marie Kowalik, im Fach Land- und Forstwirtschaft. Kurz nach der Jahrhundertwende betrug der Anteil der Studentinnen an Schweizer Universitäten bereits 25%, wovon bezeichnenderweise 90% Ausländerinnen waren. Somit ist es nicht verwunderlich, dass auch Anna Mackenroth als deutsche Staatsangehörige in die Schweiz ging, um ein Universitätsstudium zu beginnen. Prominent gewordene Mitstudentinnen an der rechtswissenschaftlichen Fakultät in Zürich waren Anita Augspurg und Rosa Luxemburg – beide zu dieser Zeit allerdings erst am Beginn ihrer Studien, während Mackenroth bereits ihr Examen vorbereitete. Mackenroths Dissertation „Zur Geschichte der Handels- und Gewerbefrau“ aus dem Jahr 1894 war Professor Albert Schneider5 gewidmet – „für 2. 3 Vgl. Marion Röwekamp, Die ersten deutschen Juristinnen, Köln 2011, 13. 4 Siehe dazu die auch elektronisch verfügbare Dokumentation: Eidgenössische Kommission für Frauenfragen (Hg.), Frauen. Macht. Geschichte. Zur Geschichte der Gleichstellung in der Schweiz 1848 – 2000, Teil II, Kapitel 4.3 Frauen an den Hochschulen, Bern 2009, 1-15; http://www.ekf.admin.ch/dokumentation/00444/005 17/index.html?lang=de#sprungmarke0_23 (abgerufen am 15.12.2014). 5 Schneider war Redakteur des Schweizerischen Obligationenrechts, Revisor des Zürcher Privatrechtlichen Gesetzbuches und Verfasser zahlreicher privatrechtlicher Kommentare. Siehe Marcel Senn, "Schneider, Albert", in: Historische Kommission Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 342 den tiefen und entscheidenden Einfluss, den er durch seine Vorlesungen auf mein juristisches Wissen und Denken ausgeübt hat“. Die Arbeit selbst setzte im antiken griechischen und römischen Recht an, das Frauen, bedingt durch juristische oder soziale Heiratspflichten und Unterordnung unter den Ehemann, quasi keine eigenständige Rechts- und Geschäftsaus- übung ermöglichte. Unter Verweis auf Bachofens Werk „Das Mutterrecht“6 versuchte Mackenroth, eine Erklärung der Parallel-Existenz von Manusehe und manusfreier Ehe im Römischen Recht zu finden.7 Ihre weiteren Ausführungen teilte sie in jene zur Gewerbefrau, also der handwerklich produzierenden Erwerbstätigen, und jene zur Handels- bzw. Kauffrau. Sie stellte die Rechtsentwicklungen in den deutschen Rechtskreisen ab dem Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert dar und verwies punktuell auf französisches und englisches Recht. Insbesondere das Fehlen von expliziten Regelungen bezüglich weiblicher Geschäftstätigkeit nahm sie zum Anlass, auf den durchgreifenden Konnex zwischen ehegüterrechtlichen Normen und der Beschränkung von (verheirateten) Frauen hinsichtlich sonstiger privatrechtlicher Eigenständigkeit zu verweisen.8 Im – sehr kurzen – Schlusskapitel („Das noch bestehende Minderrecht“) setzte sie vorsichtig Kritik an existierenden, faktischen oder rechtlichen Einschränkungen der gewerbe- und handeltreibenden Frauen und verwies insbesondere auf fehlende Prokuratur-, Makler- und Börsenrechte sowie auf die Frage der Beteiligung am Handelsrichteramt mittels Wahl- oder Vorschlagsrechts. Hier sah sie die Rechtslage in Frankreich im Gegensatz zur Schweiz, aber auch Deutschland und Österreich, als fortschrittlich an.9 bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (Hg.), Neue Deutsche Biographie, Bd. 23, Berlin 2007, 284; Onlinefassung: http://www.deutsche-biographie.de/ sfz114376.html (abgerufen am 17.12.2014). 6 Johann Jakob Bachofen, Das Mutterrecht. Eine Untersuchung über die Gynaikokratie der alten Welt nach ihrer religiösen und rechtlichen Natur, Stuttgart 1861. 7 So sei die manusfreie Ehe der Urtyp der etruskischen Eheschließungen gewesen, der sich als anerkannter Rechtsbestand erhalten habe – allerdings nicht im Sinn matriarchaler Familienkonstruktionen, sondern bei Aufrechterhaltung der Manus des Vaters. Vgl. Anna Mackenroth, Zur Geschichte der Handels- und Gewerbefrau, Zürich 1894, 22 ff. 8 So sieht sie die Besonderheit des lübischen Handelsrechts, das eine völlige Gleichstellung der Kauffrau mit dem Mann – bei voller Geschäfts- und Prozessfähigkeit, aber auch Testierfreiheit – normiert, gerade durch die sonstige Gleichsetzung des weiblichen Geschlechts mit Minderjährigen in den übrigen Privatrechten des Norden Deutschlands begründet. Vgl. Mackenroth (Fn. 7), 59 ff. 9 Vgl. Mackenroth (Fn. 7), 68 ff. Anna Mackenroth (1861-1936) 343 Die Züricher Frauenvereine Frauenbildungs, -rechtsschutz- und -stimmrechtsvereine zählten zu den politisch unabhängigen, emanzipatorischen, fortschrittlichen Vereinen der Schweiz. Sie kämpften in klarer Abgrenzung zu den katholisch-konservativen Sittlichkeitsvereinen, aber auch zu den sozialistischen Frauenvereinen für eine Gleichstellung der Frauen in allen Belangen, gründeten sich autonom in den großen Städten und waren nicht über das Delegationssystem, durch welches etablierte Parteien und die Kirchen Frauenbelange an Frauenvereine übertrugen, entstanden. Die fortschrittlichen Vereine forderten bessere Bildungsmöglichkeiten, ökonomische Unabhängigkeit, Gleichberechtigung und „verstanden sich vielmehr als Interessenvertretung der Frauen in einer männlich geprägten Gesellschaft.“10 Der Verein „Schweizerischer Verein Frauenbildungsreform“ wurde am 10.11.1893 gegründet, schloss sich 1896 mit dem ebenfalls 1893 entstandenen „(Frauen-) Rechtsschutzverein Zürich“ zusammen und bildete fortan die „Union für Frauenbestrebungen“.11 Anna Mackenroth wurde früh Mitglied des Vereins für Frauenbildungsreform, gehörte dann als Korrespondentin und Beisitzerin dem Vorstand an und leitete – in Nachfolge von Emilie Kempin-Spyri – die Rechtsberatungsstelle des Rechtsschutzvereins.12 Der Zusammenschluss der beiden Vereine wurde offensichtlich erst nach dem Weggang von Kempin-Spyri aus Zürich (und damit aus dem Rechtsschutzverein) möglich.13 Ab 1896 war Mackenroth Vizepräsidentin der neu geschaffenen Union für Frauenbestrebungen und erteilte hier unentgeltlich Rechtsberatung für mittellose Frauen. Für das erste Halbjahr sind 136 Konsultationen bei ihr belegt.14 3. 10 Beatrix Mesmer, Staatsbürgerinnen ohne Stimmrecht, Zürich 2007, 17. 11 Ab 1935 wurde die Union für Frauenbestrebungen zum „Frauenstimmrechtsverein Zürich“ bzw. Zürcher Frauenstimmrechtsverein; http://findmittel.ch/archive/ archNeu/Ar201_85.html (abgerufen am 22.12.2014). Vgl. auch Lydia Benz-Burger, 75 Jahre Frauenstimmrechtsverein Zürich, 1893-1968. Stimmrecht ist Menschenrecht, Die Staatsbürgerin 10/11 (1968). 12 Zu dieser „Nachfolge“-Rolle Mackenroths in Positionen, die Kempin-Spyri als erste Juristin der Schweiz inne gehabt hatte, vgl. unten passim. 13 Vgl. Röwekamp (Fn. 2), 229. Präsidentin der Vereine war Emma Boos-Jegher, die Direktorin der Kunst- und Frauenarbeitsschule Zürich. Vgl. Christiane Berneike, Die Frauenfrage ist Rechtsfrage, Baden-Baden 1995, 48. 14 Vgl. Gabi Einsele, Anna Mackenroth, erste Schweizer Anwältin, Emanzipation: feministische Zeitschrift für kritische Frauen, 18 (1992), 9-12, 10. Auch der 1895 gegründete „Internationale Studentinnenverein“ machte viel von sich reden, doch Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 344 Erste Anwältin in der Schweiz – und im gesamten deutschen Sprachraum Die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft wurde in der Schweiz kantonal autonom entschieden. Emilie Kempin-Spyri hatte bereits während ihres rechtswissenschaftlichen Studiums (1883-87) erfolglos die Zulassung zur Rechtsvertretung vor Gericht beantragt, weil diese in Zürich zum damaligen Zeitpunkt nicht von juristischen Befähigungsnachweisen, sondern vom Aktivbürgerrecht abhängig war. Das Bundesgericht lehnte die Beschwerde von Kempin-Spyri und ihren Verweis, dass der Gleichheitssatz gem. Art. 4 Bundesverfassung von 1874 („Alle Schweizer sind vor dem Gesetz gleich …“) auch Frauen umfassen müsse, 1887 ab.15 Sie ging daher zunächst nach Amerika, gründete dort eine erfolgreiche private Frauenrechtsschule, erhielt im Ausnahmeweg 1891 an der Universität Zürich die venia legendi für römisches, englisches und amerikanisches Recht und lehrte später auch in Berlin Familienrecht.16 Im Jahr 1898 erließ Zürich 4. war Mackenroth zu dieser Zeit bereits Absolventin und daher nie aktiv. Prägende Figur war Anita Augspurg. Vgl. Röwekamp (Fn. 2), 22. 15 Das Bundesgericht begründete unter anderem wie folgt: „ […] die Rekurrentin […] scheint folgern zu wollen, die Bundesverfassung postulire die volle rechtliche Gleichstellung der Geschlechter auf dem Gebiete des gesamten öffentlichen und Privatrechts, so ist diese Auffassung eben so neu als kühn; sie kann aber nicht gebilligt werden. […] zur Zeit noch zweifellos herrschenden Rechtsanschauung die verschiedene rechtliche Behandlung der Geschlechter auf dem Gebiete des öffentlichen Rechts, speziell in Bezug auf das Recht der Bethätigung im öffentlichen Leben, als eine der innern Begründung keineswegs entbehrende.“ Andrea Büchler/ Michelle Cottier, Legal Gender Studies. Rechtliche Geschlechterstudien. Eine kommentierte Quellensammlung, Zürich/St. Gallen 2012, 97. 16 Im Sommersemester 1894 hörten Anna Mackenroth und Anita Augspurg bei Dozentin Kempin-Spyri „Englische Rechtsgeschichte“. Es dürfte damals allerdings keinerlei persönliche oder freundschaftliche Beziehungen zwischen den drei Pionierinnen der Rechtswissenschaften gegeben haben. Aus späterer Zeit hingegen ist belegt, dass in Berlin das Verhältnis zwischen Augspurg und Kempin-Spyri äu- ßerst gespannt war – so kritisierte Kempin-Spyri das herbe Urteil der Augspurg über das BGB, welches sie selbst durchaus fortschrittlich einschätzte, sowie die Radikalität der unverheirateten und kinderlosen Feministin. Vgl. Christiane Berneike, „Nichts ist unmöglich“: Anita Augspurg – eine biographische Recherche, Lesbenfront/Frau ohne Herz 33 (1994), 3-9. Die gemäßigte Schweizerin Kempin- Spyri wiederum galt den radikalen Feministinnen Berlins als „ willkommene Kronzeugin“ der Väter des BGB bzw. gar als „Verräterin“ und „Gegnerin der deutschen Frauensache“; Berneike (Fn. 13), 14 und 91. Anna Mackenroth (1861-1936) 345 ein „Gesetz betreffend der Ausübung des Rechtsanwaltsberufes, das durch den § 5 ausdrücklich Frauen zuließ.“17 Diese Öffnung des Anwaltsberufes für Frauen in ihrer Heimat kam für Emilie Kempin-Spyri zu spät; sie war zu diesem Zeitpunkt bereits entmündigt18 und wurde wenig später in eine psychiatrische Klinik eingewiesen.19 Somit wurde die gebürtige Preußin und eingebürgerte Züricherin Anna Mackenroth als erste Frau in der Schweiz im Jahr 1900 zum Rechtsanwaltsberuf zugelassen, nachdem sie ihre Prüfung sowie zwei Probeprozesse bestanden hatte.20 Der Gazette de Lausanne war es unter der Rubrik der Neuigkeiten aus anderen Kantonen immerhin eine Meldung wert, dass sie in Zürich im Oktober 1899 zum ersten Mal vor einem Gericht einen Fall vertreten hatte.21 Mit 24.3.1903 wurde Mackenroth beim Zürcher Obergericht ins Verzeichnis von „amtlichen Vertheidiger von Angeklagten, Armenanwälten, und amtlich zu bestellenden Anwälten in Haftpflichtfällen“ aufgenommen.22 Sie war hauptsächlich als Armenanwältin in Ehe- und Vaterschaftssachen tätig, aber auch als Pflichtverteidigerin in Diebstahlsund Betrugsfällen sowie für Kindsmörderinnen. Daher ist auch erklärlich, dass sie bis 1903 weiter parallel an der Töchterschule Handelsrecht und Wirtschaft unterrichtete, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Andere Kantone folgten in ihren Gerichts- und Berufsordnungen dem Vorbild Zürichs (St. Gallen 1901, Genf 1904, Baselstadt 1910, Neuenburg 1914). Weitere Anwältinnen in der Schweiz gab es jedoch erst ab 1912, in den anderen deutschsprachigen Ländern erst lange nach dem Ersten Welt- 17 Röwekamp (Fn. 3), 187. 18 Ob Emilie Kempin-Spyri tatsächlich geisteskrank war oder hierin eine Repressalie patriarchaler, juristischer Interessen zu sehen ist, ist umstritten. Siehe auch http:// www.frauenrechtsgeschichte.uni-hannover.de/59.html (abgerufen am 15.12.2014). 19 Vgl. die Ausführungen bei Büchler/Cottier (Fn. 15), 8 und 136. 20 Der Befähigungsausweis wurde am 27.1.1900 ausgestellt. Vgl. Einsele (Fn. 14), 11. 21 Gazette de Lausanne vom 28.10.1899, 2 (http://www.letempsarchives.ch, abgerufen am 12.12.2014). 22 Vgl. Verena Stadler-Labhart, Erste Studentinnen der Rechts- und Staatswissenschaften in Zürich, in: Verena Stadler-Labhart (Hg.), "Der Parnass liegt nicht in den Schweizer Alpen ..." Aspekte der Zürcher Universitätsgeschichte. Beiträge aus dem "Zürcher Taschenbuch" 1939-1988, Zürich 1991, 261-302, 290. Der Beitrag erschien erstmals 1980: Verena Stadler-Labhart, Erste Studentinnen der Rechtsund Staatswissenschaften in Zürich, Zürcher Taschenbuch 101 (1981), Zürich 1980, 74-112. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 346 krieg.23 Die erste Rechtsanwältin in Österreich war Marianne Beth, die nach einem philosophischen (Promotion 1912) ein rechtswissenschaftliches Studium (Promotion 1921)24 absolvierte, in der Kanzlei ihres Vaters ihre Konzipientinnen(Praxis-)Zeit leistete und 1924 die Rechtsanwaltsprüfung ablegte. Sie wurde zunächst als „Verteidiger in Strafsachen“ bei Gericht zugelassen und erst ab 1928 in die Rechtsanwaltsliste der Wiener Anwaltskammer eingetragen.25 Einzelne deutsche Länder ließen Frauen zwar zum Ersten juristischen Staatsexamen zu (Bayern 1912, Preußen 1919), verwehrten ihnen jedoch den Referendardienst bzw. die Zweite juristische Staatsprüfung und damit den Zugang zu den juristischen Berufen. Erst 1920 wurde eine entsprechende Gesetzesänderung im Reichstag in Diskussion und eine verfassungskonforme Gleichberechtigung von Frauen und Männern in den Justizämtern in Angriff genommen; bis zum Beschluss sollte es noch zwei Jahre dauern.26 Preußen hatte 1921 Frauen zwar zum Vorbereitungsdienst und zu sämtlichen Prüfungen zugelassen, verweigerte aber weiterhin die Berufsausübung. Die Berufsvereinigungen fassten trotz unterschiedlichster Standpunkte in den eigenen Reihen mehrheitlich Beschlüsse, die bestätigten, dass Frauen als nicht geeignet für die Ausübung des Richter- oder Rechtsanwaltsberufes anzusehen seien.27 Als erste Rechtsanwältin in Deutschland wurde schließlich Maria Ott 1922 in München zugelassen; Margarete Berent wurde 1925 die erste Anwältin Berlins.28 Damit nahm Anna Mackenroth als Rechtsanwältin eine herausragende Vorreiterinnenposition ein. 23 Vgl. Röwekamp (Fn. 3), 187. 24 Die Philosophische Fakultät der Universität Wien stand Frauen für ein Regelstudium ab 1897 offen, ab 1919 durften sie auch Rechts- und Staatswissenschaften inskribieren. 25 Vgl. Ilse Reiter-Zatloukal/Barbara Sauer, Die Pionierinnen der österreichischen Rechtsanwaltschaft, AnwBl. 2013, 109-112 (109). 26 Zur mühevollen Durchsetzung des gleichberechtigten Berufszugangs in den deutschen Ländern siehe die detaillierten Ausführungen bei Röwekamp (Fn. 3), 198 ff. Vgl. auch Oda Cordes, Frauen als Wegbereiter des Rechts. Die ersten deutschen Juristinnen und ihre Reformforderungen in der Weimarer Republik, Hamburg 2012, 21 ff. 27 Vgl. Deutscher Juristinnenbund e.V. (Hg.), Juristinnen in Deutschland. Die Zeit von 1900 bis 2003, 4. Auflage, Baden-Baden 2003, 20 f. 28 Deutscher Juristinnenbund e.V. (Fn. 27), 22. Anna Mackenroth (1861-1936) 347 Juristische Schwerpunkte Mackenroths29 Haftpflichtrecht sowie Marken- und Patentschutz Mackenroths umfangreichstes juristisches Werk ist der Kommentar zu den Nebengesetzen des schweizerischen Obligationenrechts.30 Ihr Doktorvater Schneider war Endredakteur und Kommentator des Obligationenrechts31 gewesen, jenes ersten vereinheitlichten, auf der noch beschränkten Bundeskompetenz aus 1874 beruhenden Zivilrechts der Schweiz. Die Autorin betitelte ihren Kommentar des Haftpflicht-, Marken- und Patentrechts als „Anhang“ zum Kommentar von Schneider. Bei der Bearbeitung des Eisenbahnhaftpflichtrechts stand sie vor dem Problem, dass eine Vorlage für ein Kranken- und Unfallversicherungsgesetz in Erledigung begriffen war und eine Revision des bestehenden Eisenbahnhaftpflichtgesetzes bereits in Aussicht genommen wurde. Das ebenfalls kommentierte Fabrikhaftpflichtrecht war zunächst nur zu sehr beschränkten Haftungen (kurze Fristen, Maximalhaftungsgrenzen etc.) gekommen, war allerdings durch ein sogenanntes Ausdehnungsgesetz erweitert worden. Der Großteil der Kommentierung widmete sich dem gewerblichen Marken-, Muster- und Patentschutz im schweizerischen Recht und internationalen Zusammenhängen. So enthält der Kommentar umfangreiche Ausführungen zu den wichtigs- 5. 5.1 29 Insgesamt sind folgende juristische Schriften von (bzw. unter Beteiligung von) Anna Mackenroth nachweisbar: Zur Geschichte der Handels- und Gewerbefrau (Inaugural-Dissertation), Zürich 1894 (71 Seiten); Nebengesetze zum schweizerischen Obligationenrecht. Anhang zum Kommentar des schweizerischen Obligationenrechts – unter Benutzung der Praxis, Zürich 1898 (323 Seiten); Ueber die Rechtsstellung der Frau im Vorentwurf zum schweizerischen Civilgesetzbuch. Vier Vorträge, Zürich 1901 (76 Seiten); Emilie Benz/Anna Mackenroth/u.a., Die Frauenbewegung in der Schweiz. Sechs Vorträge, veranstaltet durch die Pestalozzigesellschaft, Zürich 1902 (107 Seiten); Auszug aus dem Rechtskursus für Frauen, Winterthur 1907 (35 Seiten); Für und wider das Frauenstimmrecht. Vortrag gehalten im Frauenstimmrechts-Verein Zürich, Zürich 1909 (24 Seiten); Hugo Marthaler/Robert Gruebler/Anna Kramer-Mackenroth, Der Advokat im Hause. Schweizerisches Rechtsbuch, 3 Bde., Kreuzlingen 1910-1912. 30 Anna Mackenroth, Nebengesetze zum schweizerischen Obligationenrecht. Anhang zum Kommentar des schweizerischen Obligationenrechts – unter Benutzung der Praxis, Zürich 1898. 31 Albert Schneider/Heinrich Fick (Hg.), Das Schweizerische Obligationenrecht sammt den Bestimmungen des Bundesgesetzes betreffend die persönliche Handlungsfähigkeit mit allgemeinfasslichen Erläuterungen, Zürich 1882; erweiterte Auflagen erschienen 1891/93/96. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 348 ten völkerrechtlichen Abkommen im gewerblichen Rechtsschutz sowie Hinweise zu den für die schweizerische Wirtschaft bedeutendsten Handelspartnern und den dort bestehenden Regelungen. Es ist anzunehmen, dass Anna Mackenroth mit diesen Rechtsfragen sowohl konkret juristisch gearbeitet hat als auch in ihrer Lehrtätigkeit an den Handelsklassen der Töchterschule zu tun hatte. Mackenroths Kommentar war den Professoren Albert Schneider und Friedrich Meili gewidmet. Bei Meili war sie – neben ihrer Beschäftigung als Lehrerin – seit 1895 in der Anwaltskanzlei angestellt tätig.32 Ehe- und Familienrecht In Mackenroths aktive Zeit als Rechtsanwältin fallen die Debatten und Endarbeiten zu einem vereinheitlichten schweizerischen Zivilgesetzbuch. Das „BG betreffend den Zivilstand und die Ehe“ vom 24.12.1874 hatte bundeseinheitlich die Zivilehe für Protestanten und Katholiken und damit auch eine generelle Scheidungsmöglichkeit durchgesetzt. Die sogenannten Nebenfolgen der Ehe, also Regelungen zu den persönlichen Rechtswirkungen und zum Güterstand, blieben jedoch in kantonaler Kompetenz. In Zürich galten somit weiterhin die entsprechenden Bestimmungen des Privatrechtlichen Gesetzbuches für den Kanton Zürich aus 1854 (§§ 125 ff.), die den Mann zum Haupt der Ehe erklärten und ihn vermögensrechtlich zum Vormund der Frau machten. Nur über ein gesondertes Spargut (bzw. Spiel- und Nadelgeld, § 144 leg cit) verfügte die Ehefrau frei; ansonsten erwarb sie für die eheliche Genossenschaft, deren Außenvertretung allein dem Ehemann zukam. Bewegliches Gut der Frau konnte der Ehemann ohne ihre Zustimmung, Liegenschaften nur mit ihrer Einwilligung verpfänden oder veräußern. Erträge aus ihrem Vermögen fielen ihm zu, doch sollte dies an die Voraussetzung geknüpft sein, dass er für seine Unterhaltspflicht der Familie gegenüber „gehörig sorge“ – eine laut Mackenroth in ihrer Durchsetzung ins Leere laufende Regelung. Mit der 1898 erfolgten 5.2 32 Meili hatte bereits Kempin-Spyri als „Substitutin“ in der Kanzlei beschäftigt, als Dekan der rechtswissenschaftlichen Fakultät sprach er sich 1888 allerdings gegen ihren Habilitationswunsch aus; ihre Lehrbefugnis erhielt sie dann 1891 im zweiten Anlauf nicht durch universitätsorganisatorische, sondern durch bildungsbehördliche Zustimmung des kantonalen Erziehungsrats. Vgl. http://www.hls-dhs-dss.ch/ textes/d/D15771.php (abgerufen am 17.12.2014) und Berneike (Fn. 13), 84 ff. Anna Mackenroth (1861-1936) 349 Erweiterung der Gesetzgebungskompetenz des Bundes konnten die seit 1893 laufenden Vorarbeiten für eine eidgenössische Zivilrechtskodifikation konkretere Züge annehmen. Dem Zürcher Gesetzbuch kann bedeutender Einfluss auf das ZGB zugeschrieben werden.33 Die durch ihre Erfahrungen aus der Rechtspraxis beeinflussten Überlegungen Mackenroths zum Ehe- und Familienrecht lassen sich am besten durch ihre vier Vorträge „Ueber die Rechtsstellung der Frau im Vorentwurf zum schweizerischen Civilgesetzbuch“34 sowie zwei Vorträge über „Die zivilrechtliche Stellung der Frau“35 analysieren. In diesen Ausführungen verfolgte sie kein feministisch-theoretisches Konzept, sondern argumentierte pragmatisch-praktisch und sozialreformerisch mit Beispielen aus ihrer Vertretungspraxis. Die rechtssoziologischen Kenntnisse untermauerte sie mit statistischem Material, ihre rechtspolitischen Forderungen brachte sie wohldosiert und moderat an.36 Grundsätzlich lobte Mackenroth die Ver- 33 Der Zürcher Privatdozent, spätere Ordinarius in Basel und Halle, Professor Eugen Huber legte mit seinem vierbändigen Werk "System und Geschichte des schweizerischen Privatrechts" (1886-93) die Grundlage und wurde 1892 gleichzeitig mit seinem Ruf an die Universität Bern mit der konkreten Ausarbeitung eines Zivilgesetzbuches beauftragt. Er lieferte weitere Teilvorentwürfe zum ZGB, 1900 folgte der komplette Vorentwurf, der 1902 um Erläuterungen ergänzt wurde. Nach mehrjährigen Beratungen nahm das Parlament am 10.12.1907 das Zivilgesetzbuch einstimmig an; es trat nach der Schaffung der Einführungsgesetzgebung durch die Kantone und der Anpassung des Obligationenrechts als 5. Teil des ZGB mit 1.1.1912 in Kraft. 34 Anna Mackenroth, Ueber die Rechtsstellung der Frau im Vorentwurf zum schweizerischen Civilgesetzbuch. Vier Vorträge, Zürich 1901. Es handelt sich bei der Publikation um einen Separatabdruck der bereits im Schweizerischen Familien-Wochenblatt erschienenen Vorträge; ein gehaltener Vortrag zum Erbrecht wurde nicht in die Publikation aufgenommen. Die Autorin wird ausdrücklich als „Rechtsanwalt in Zürich“ ausgewiesen. 35 Anna Mackenroth, Die zivilrechtliche Stellung der Frau (IV. u. V. Vortrag), in: Emilie Benz/Anna Mackenroth/u.a., Die Frauenbewegung in der Schweiz. Sechs Vorträge, veranstaltet durch die Pestalozzigesellschaft, Zürich 1902, 67-95. Auch hier findet sich beim Autorinnennamen die Berufsbezeichnung „Rechtsanwalt“. Inhaltlich zeigte Mackenroth neben der Darstellung des aktuellen Rechts der einzelnen Kantone und einem Ausblick auf das einheitliche schweizerische Zivilrecht wieder ihr rechtshistorisches (70-73) und rechtsvergleichendes (73-85) Wissen, indem sie die Privatrechte mehrerer europäischer Länder kurz anriss und – wie schon in ihrer Dissertation – einige Thesen zum ursprünglich geltenden Mutterrecht (67 ff.) darlegte. 36 Ausgenommen einige äußerst progressive Detailvorschläge – etwa die Namen der Ehegatten hintereinander zu stellen und so die „Allianzfirma“ Ehe erkennbar zu Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 350 besserung der Rechtsstellung der Frau durch das ZGB (Ende jeder Form der Geschlechtsvormundschaft, volle Prozess- und Zeugnisfähigkeit der Frau, unbeschränktes Eigentum der Frau am durch eigene Arbeit erworbenen Vermögen); ihre konkrete Kritik fokussierte sie auf drei Rechtsbereiche – Ehescheidung, Ehegüterrecht sowie Unehelichenrecht. Etwas überraschend bezeichnete die zum damaligen Zeitpunkt noch unverheiratete Anna Mackenroth in ihrem ersten Vortrag die Ehe bzw. die Eheschließung selbst als „das wichtigste Ereignis im Menschenleben“37. Mit großer Vehemenz sprach sie sich auch für die Beibehaltung eines Eheanfechtungsgrundes der verschwiegenen Krankheit aus und benannte insbesondere Trunksucht und Geschlechtskrankheiten, „die, wie bekannt ist, heute so viel Elend über unschuldige Frauen und unschuldige Kinder bringen“.38 Ergänzend schlug sie die Einführung eines Straftatbestandes „Verbrechen gegen die Familienrechte“ vor, der die Schädigung der körperlichen Gesundheit des anderen Eheteils durch verschwiegene Krankheiten bestrafen sollte und der Autorin wichtiger als die Strafbarkeit des Ehebruchs erschien. Ein strenges Ehescheidungsrecht hingegen beurteilte sie als „nicht sozial zweckmäßig“ und „für Frauen verderblich, weil sie, als der physisch-schwächere und weichere Teil unter einer zerrütteten Ehe mehr leiden“.39 Am Scheidungsrecht des Entwurfs kritisierte sie die Dominanz des richterlichen Ermessens in der Entscheidungsfindung (sowohl bei der Scheidung selbst als auch den Scheidungsfolgen) sowie die Möglichkeit, eine Scheidung zu verweigern und vorläufig eine bloße Trennung von Tisch und Bett auszusprechen.40 Weiterhin plädierte sie für eine Verbesserung der Ehekultur, was ihrer Meinung nach die beste Prophylaxe machen, oder die Idee, bei mehreren in Frage kommenden Vätern eines unehelichen Kindes diese als Solidarschuldner für den Unterhalt aufkommen zu lassen. Vgl. Mackenroth (Fn. 34), 21 u. 66. 37 Mackenroth (Fn. 34), 6. 38 Mackenroth (Fn. 34), 9. 39 Mackenroth (Fn. 34), 11. Die Autorin verwies auch auf die verhältnismäßig große Zahl von Selbstmorden von Frauen aus familiären Gründen (bei grundsätzlich geringerer Selbstmordrate) sowie ihre Überrepräsentanz bei einfachen Geistesstörungen auf Grund von Gemütskränkungen; vgl. Mackenroth (Fn. 34), 27. 40 Eine schnelle Scheidung sei insbesondere „für Frauen von großer Bedeutung, weil die Zeit ihrer Blüte und Anziehungskraft im ganzen nur kurz ist.“ Weiters fürchtete Mackenroth auf Grund ihrer bisherigen Gerichtserfahrung, dass richterliches Ermessen bei den Scheidungsfolgen insbesondere „der Frau der höheren Stände nicht gerecht werden wird“, weil dem Richter der Mann seiner Schicht näher stünde als die Frau. Für Scheidungen in den unteren Klassen sah sie hingegen kein Anna Mackenroth (1861-1936) 351 gegen Ehescheidungen sein könnte. Mackenroth nahm dabei sowohl Männer als auch Frauen in die Pflicht; so sollten Frauen mehr wirtschaftliches Wissen und Selbstständigkeit erlangen,41 während umgekehrt die Ehemänner die Leistungen ihrer Frauen mehr wertschätzen sollten.42 Der Ehefrau kam nach dem Entwurf des ZGB wie dem Vater elterliche Gewalt über die Kinder zu; diese war allerdings durch die Festlegung des Mannes als Haupt der Familie und sein Letztentscheidungsrecht eingeschränkt. Überdies verlor die Frau, wenn sie sich wieder verheiratete, die Gewalt über die Kinder aus erster Ehe, während sie der Vater weiter behielt, was Mackenroth klar ablehnte. Hinsichtlich der Verwaltung des Kindesvermögens kritisierte sie die ihrer Meinung zu laxen Regelungen (volles Verwaltungs- und Nutzungsrecht; keine Sicherstellung des Kindesvermögens; das erwerbstätige Kind erwirbt für die Eltern), die Kindern zu wenig Schutz boten.43 Ebenfalls streng aus der Perspektive des Kindeswohls argumentierte sie bezüglich der unehelichen Kinder, deren soziale Lage sie als verheerend („traurigsten unserer sozialen Gesellschaft“) einstufte, obwohl ihre Zahl in der Schweiz relativ gering war.44 Aus Sicht der Kinder plädierte sie für rechtliche Gleichstellung der unehelichen mit den ehelichen, obwohl ihr die Undurchsetzbarkeit der Forderung klar war. Für die Eltern – und zwar sowohl für den unehelichen Vater als auch die Mutter – fand Mackenroth eine gewisse soziale Ächtung durchaus angebracht. Obwohl sie nicht ausschließlich moralische Ursachen, sondern auch wirtschaftliche Umstände als Auslöser unehelicher Geburten anerkannte, forderte sie vom Gesetzgeber „Strenge“ gegen die Eltern – nicht nur die Mütter! –, um so die Zahlen der Unehelichen zu senken und die „trotzdem gezeugten nicht in dem Maße wie heute der Verwahrlosung anheimfallen“ Problem, weil in diesen Fällen das soziale bzw. moralische Bewusstsein der Richter eher zugunsten der Frauen urteilte. Mackenroth (Fn. 34), 13 bzw. 15. 41 Dazu auch folgendes Zitat: „Ich habe auch mehr Männer gesehen, die sich beklagten, daß ihre Frauen nun nach der Ehe[schließung] auch rein gar nichts mehr verdienen wollten, sondern sich ganz auf den Mann verließen, als solche, die sich darüber beschwerten, daß ihre Frauen von der Berufsarbeit nicht lassen wollten.“ Mackenroth (Fn. 34), 28. 42 Vgl. Mackenroth (Fn. 34), 18 f. Die Zahl der Scheidungen in der Schweiz gibt Mackenroth mit 1100 bei 24.000 Eheschließungen jährlich an. 43 Mackenroth (Fn. 34), 35 f. 44 In der Schweiz lag der Anteil der unehelichen Geburten zu dieser Zeit bei rund 4,5%, während sie in den anderen europäischen Ländern meist doppelt so hoch waren. Vgl. Mackenroth (Fn. 34), 56 f. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 352 zu lassen.45 Ihre konkrete rechtliche Kritik setzte bei der kurzen Frist zur Vaterschaftsklage (drei Monate ab der Geburt) und den Gerichtszuständigkeiten an, die es unehelichen Vätern allzu leicht machten, die betroffenen Mütter durch leere Versprechungen bis Fristablauf hinzuhalten oder sich der Klage durch Wohnsitzwechsel gänzlich zu entziehen.46 Weiters stellte sie anhand von Beispielen ihrer Klientinnen dar, wie leicht die Einrede des unzüchtigen Lebenswandels gegen die Mütter verwendet werden konnte bzw. dass Frauen diese öffentliche Diffamierung scheuten, selbst wenn keinerlei Anhaltspunkte gegeben waren. Die schadenersatzrechtlichen Ansprüche der Gebärenden sollten ausgebaut werden – hier sah sie positive Ansätze des Entwurfs. Vergleiche (wie Unterhaltsverzicht oder -abfindungen) zwischen den unehelichen Eltern sollten keinesfalls zu Lasten der Kinder erfolgen und daher vormundschaftsbehördlicher Bewilligung bedürfen. Das Ehegüterrecht hatte für Mackenroth größte Bedeutung und wurde von ihr immer im Konnex mit gesamtwirtschaftlichen Anforderungen gesehen. In diesem Rechtsgebiet sollte der Gesetzgeber „auf der Höhe seiner Zeit stehen“ und die „wirtschaftlichen und sozialen Bewegungen … richtig zu deuten verstehen“.47 Entsprechend ablehnend reagierte sie daher auf den vorgeschlagenen gesetzlichen Güterstand der Güterverbindung, der dem Ehemann volles Verfügungs- und Nutzungsrecht auch über das Frauenvermögen einräumte. Verfügungsrecht hatte die Frau nur am Sondergut – dies entsprach der Rechtslage des Zürcher Gesetzbuchs. Das Frauenvermögen konnte mittels gerichtlicher Verfahren zwar in seinem Bestand gesichert werden, der Zugewinn verblieb beim Ehemann – und ging an seine Erben. Hier sah Mackenroth die größte Ungerechtigkeit, insbesondere auch für die nicht berufstätige Hausfrau, die durch ihren Beitrag zum Haushalt dem Mann das ungestörte Wirtschaften ermöglichte, jedoch am erzielten Vermögen keinen Anteil erhielt und im Erbrecht nach wie vor eine sehr nachteilige Position einnahm.48 45 Mackenroth (Fn. 34), 58 ff u. 60. 46 Mackenroth (Fn. 34), 67 ff. Als Beleg führte sie die sinkende Zahl der Vaterschaftsklagen in Relation zu den unehelichen Geburten in der Zürcher Rechtsstatistik an (von 1841 bis 1899 sank der Anteil von fast 100% auf 10%). 47 Mackenroth (Fn. 34), 37. 48 Mackenroth (Fn. 34), 48 ff. Das Ehegüterrecht sei von Männern der besseren Stände entworfen, die sich „gar nicht vorstellen können, wie dieses Recht, das die Frau ökonomisch ganz und gar dem Manne preisgiebt, aufreizend auf solche wirkt, die nicht wie sie zu dieser Elite gehören. Wenn sie selbst chevalerest mit ihrer Frau Anna Mackenroth (1861-1936) 353 Frauenwahlrecht In ihrem Vortrag zum Frauenwahlrecht bewies Mackenroth abermals, dass sie einzelne Rechtsgebiete nicht selektiv dachte, sondern auch anlässlich dieses Themas nicht vor heftiger Sozialkritik zurückschrak.49 So plädierte sie für eine existenzsichernde Volksversicherung, die die unzureichende Armen- und Wohltätigkeitspflege ablösen sollte, eine bessere Gesundheitsvorsorge bei Kindern (auch durch Senkung des Schulzwangs) und die grundlegende Reform des Umgangs mit Strafgefangenen (insbesondere inhaftierten Frauen mit unversorgten Kindern). Die Erreichung des Frauenwahlrechts war für sie selbstverständliche „Kultureinsicht“, denn nicht die Schlechtigkeit der Männer, sondern die systemische Schlechterstellung der Frauen sei Ursache zahlreicher Missstände, die mit Erreichung gleicher Macht beseitigt würden.50 Mögliche Contra-Argumente räumte sie schnell aus, so sollten sich die „impulsive Potenz“ der Frauen und der männliche „Hang zum Doktrinären“ durch ein gleiches Stimmrecht „gerade im politischen Leben“ wie „entgegengesetzte Fehler ausgleichen“.51 Die Idee eines verpflichtenden weiblichen Dienstjahres als Pendant zum männlichen Militärdienst lehnte sie ab, solange hier wieder klassische Arbeitsteilung angestrebt und Frauen keine ausreichende körperliche Ertüchtigung zur Stärkung der Gesundheit geboten würde. Überdies trügen die Risiken von Schwangerschaft und Geburt sowie die durch die Doppelbelastung überlangen Arbeitszeiten von Frauen ohnehin schwerer als der männliche Pflichtdienst.52 Das Staats- und Gemeinwohl lag nach Ansicht Mackenroths in den Händen der „tüchtigen, intelligenten Mittelkräfte“, zu denen „Frauen heut ihr Kontingent stellen“.53 5.3 umgehen, ihr pünktlich ein reiches Haushaltungsgeld auszahlen, […] daß aber 999 ‰  nicht in so idealen Verhältnissen stecken, sondern in der harten Wirklichkeit leben müssen.“ (51 f.). 49 Anna Mackenroth, Für und wider das Frauenstimmrecht. Vortrag gehalten im Frauenstimmrechts-Verein Zürich, Zürich 1909. Ihre Analyse möchte sie vom „psychologischen Standpunkt aus tun“, mit „Einblick in die sozialen Verhältnisse“. 50 Mackenroth (Fn. 49), 13 ff. sowie 19 ff. 51 Mackenroth (Fn. 49), 7 f. 52 Mackenroth (Fn. 49), 11 ff. 53 Die „höchsten Leistungen des Genies“ würden dennoch „immer von Männern ausgehen“, hier könne ihrer Meinung „niemals die Frau dem Manne gleichkommen.“ Mackenroth (Fn. 49), 22 f. Ob dies Koketterie gegenüber dem männlichen Publi- Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 354 Rückzug ins literarische Schaffen? Anna Mackenroth muss als universal gebildete Frau gesehen werden – in ihren ersten Jahren als Erzieherin soll sie ganze Bibliotheken verschlungen und früh mit eigenen Schreibversuchen begonnen haben.54 Ihre vielfältigen Begabungen und Interessen machen im Ansatz auch nachvollziehbar, dass sie sich ab 1903 wieder vermehrt dem literarischen Schaffen, konkret der Abfassung von Theaterstücken (sowohl Komödien als auch Tragödien)55 widmete. Auch nach ihrer Heirat veröffentlichte sie diese ausschließlich unter dem Namen Mackenroth. Mit dem Stadttheater Zürich gab es 1918 kurzfristig Verhandlungen über die Aufführung des Lustspiels „Camouflage“; Mackenroth hat ihr Ansinnen allerdings wieder zurückgenommen, sodass keines ihrer Stücke je auf eine Bühne gebracht wurde. Einsele56 beschreibt die „Heldinnen“ der Stücke als „Einzelkämpferinnen“, die sich mit niemandem verbünden können, aber schlussendlich auch nicht durchsetzen. Ob hier die persönliche Resignation von Anna Mackenroth zum Vorschein kam? Jedenfalls sind auch juristische Themen in diesen Arbeiten zu finden. In „Fräulein Mende auf Gülzow“ geht es nicht nur um eine tragische, sich den Konventionen und Intrigen der anderen beugende Frau, sondern es werden Fragen des Eherechts, der Unehelichen, der Bildung und Berufstätigkeit von Frauen sowie der Prostitution erörtert. Und in allen Bereichen siegt der Konservatismus: Ehe wird nach wie vor mit geschäftlichem Pragmatismus verhandelt, geheiratet werden die jüngeren und mit Mitgift ausgestatteten Frauen, und bzgl. der morali- 6. kum, Ansporn für ihre Geschlechtsgenossinnen oder ehrliche Überzeugung ausdrückt, entzieht sich der Beurteilung. 54 In ihrem zur Dissertation abzugebenden Lebenslauf schilderte sie ihre Liebe zum Theater, ihre frühen Schreibversuche, das Interesse für „die Wissenschaft“ („über jede Art von Kunst, über Geschichte und Philosophie“) und die „Freude an dem rein juristischen Stoff“. Mit weiteren Zitaten Stadler-Labhart (Fn. 22), 291. 55 An dramatischen Werken sind überliefert: Die Schwester-Verführerin. Handlung in 3 Akten , Zürich 1903 (77 Seiten); Fräulein Mende auf Gülzow. Schauspiel in 4 Akten, Zürich 1904 (92 Seiten); Advokat Selonke. Lustspiel in 3 Akten, Grüningen 1905 (106 Seiten); Der Orgelbauer. Die Raubdirne. Zwei Einakter, Zürich 1917 (124 Seiten); Die Königin Karoline Mathilde von Dänemark. Ein psychologisches Drama in 3 Akten, Zürich 1917 (128 Seiten); Camouflage, oder: Das Stück von dem Korb und den drei Heiraten, Zürich (Eigenverlag?) 1918 (29 Seiten); Die Wochenstube – nach dem dänischen Stück von Ludwig Holberg. Lustspiel in einem Akt, Zürich (Eigenverlag?) 191? (32 Seiten). 56 Einsele (Fn. 14), 12. Anna Mackenroth (1861-1936) 355 schen Erwartungen gelten für Frauen und Männer immer noch unterschiedliche Ansprüche.57 Eine zur Reise ins Ausland gerüstete und zur Aufnahme der Berufstätigkeit als Lehrerin entschlossene Akteurin lässt sich auf der Stelle durch einen Heiratsantrag von ihren Plänen abhalten, und nimmt im Verlauf des Stückes überdies eine dem rachsüchtigen Ehemann gegenüber loyale Haltung ein.58 Mit Heiratsversprechen verführte Frauen der unteren Schichten werden als ledige Mütter sowohl von Amtskirche als auch gesellschaftlichem Umfeld verurteilt und ohne Unterstützung gelassen, was die Betroffenen wiederum in die Prostitution und die weitere Ausgrenzung sowie Missachtung treibt.59 Mackenroths zeitgenössische Dramen können somit als Fortsetzung ihrer juristischen Überlegungen, getragen von ihren praktischen Erfahrungen in der Rechtsvertretung gelesen werden. Historische Werke wie „Königin Karoline Mathilde“ zeigen ebenfalls – wenn auch mit anderen Themenstellungen – die Begrenztheit weiblichen Tuns in patriarchalen Gesellschaftsstrukturen auf. Ihre letzten beiden Jahrzehnte dürfte Anna Mackenroth sehr einsam in Zürich verbracht haben. Gegen Lebensende war sie auf finanzielle Unterstützung des Zürcher Akademikerinnenverbandes angewiesen bzw. wurde im letzten Lebensjahr durch die öffentliche Fürsorge in der Klinik Hohenegg versorgt. Zu ihrer Beerdigung am 1.8.1936 kamen mangels Verwandter ausschließlich Vertreterinnen der verschiedenen Frauenvereine, die sie wohl kaum mehr gekannt hatten, sich aber der Pionierinnen-Rolle von Anna Mackenroth sehr bewusst waren.60 57 Anna Mackenroth, Fräulein Mende auf Gülzow, Zürich 1904, 14 f. (Dialog Ella und Prowe) sowie 66 f. (Dialog Ella und Georg). 58 Mackenroth (Fn. 57), 50 ff. (Dialog Westermann und Pauline). 59 Mackenroth (Fn. 57), 46 f. (Dialog Magd Jakobe und 2. Taglöhnerin). 60 Vgl. Einsele (Fn. 14), 12. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 356

Chapter Preview

References

Abstract

„Critical Lawyers in Germany“, volume 2, is the sequel of the 1988 book “Critical Lawyers in Germany. A different tradition”. Just like its precursor, it comprises biographical profiles of late attorneys, judges and legal scholars, but it also includes interviews with contemporary witnesses of more recent legal movements. The volume presents theorists and practitioners who have actively intervened in socio-political debates since 1945, especially in the controversies following the 1960s and 70s, and who have stood up for ideas of participatory democracy and an inclusive understanding of law and the Constitution. The volume covers diverse voices of legal critique, also those that are hardly known or almost forgotten. The selection of biographical portraits and interviews broadens the spectrum of critical legal thinkers and activists covered in volume 1. Volume 2 adds perspectives, locations and practices of critique, following the lines and actors of social movements, institutional activism and public interest litigation in Germany.

<b>With contributions to:</b>

Alfred Apfel · Otto Bauer · Margarete Berent · Sebastian Cobler · Franz-Josef Degenhardt · Hedwig Dohm · Eugen Ehrlich · Helga Einsele · Winfried Hassemer · Werner Holtfort · Barbara Just-Dahlmann · Franz Kafka · Leopold Kohr · Anna Mackenroth · Marie Munk · Nora Platiel · Diether Posser · Marie Raschke · Helmut Ridder · Wiltraut Rupp-v. Brünneck · Magdalene Schoch · Jürgen Seifert · Helmut Simon · Kurt Tucholsky · Edda Weßlau

Zusammenfassung

„Streitbare JuristInnen (Band 2)“ ist die Fortsetzung des Bandes „Streitbare Juristen. Eine andere Tradition“ aus dem Jahre 1988 und umfasst Porträts von bereits verstorbenen JuristInnen und Interviews mit ZeitzeugInnen. Thematisch liegt der Schwerpunkt auf Personen, die nach 1945 aktiv an gesellschaftspolitischen Debatten teilgenommen haben, insbesondere an Kontroversen seit „1968“, die zu Kristallisationspunkten der Rechtspolitik wurden und die für ein demokratisches und inklusives Rechts- bzw. Verfassungsverständnis eingetreten sind. Dabei kommt eine breite Vielfalt an Stimmen der Rechtskritik zu Wort, auch RepräsentantInnen kritischer Strömungen, die weniger bekannt oder fast vergessen sind. Die Auswahl der Porträtierten und der InterviewpartnerInnen erweitert den Querschnitt an streitbaren JuristInnen, die schon im ersten Band vorgestellt wurden, und damit auch die Formen, Praxen und Orte der Streitbarkeit. Ein Fokus liegt auf rechtspolitischen und zivilgesellschaftlichen Bewegungen der Bundesrepublik, auf KritikerInnen der Zeitgeschichte, die aktiv in rechtspolitische Kontroversen interveniert und die sich in wissenschaftlichen, rechtlichen und politischen Institutionen rechtspolitisch engagiert haben.

<b>Mit Beiträgen über:</b>

Alfred Apfel · Otto Bauer · Margarete Berent · Sebastian Cobler · Franz-Josef Degenhardt · Hedwig Dohm · Eugen Ehrlich · Helga Einsele · Winfried Hassemer · Werner Holtfort · Barbara Just-Dahlmann · Franz Kafka · Leopold Kohr · Anna Mackenroth · Marie Munk · Nora Platiel · Diether Posser · Marie Raschke · Helmut Ridder · Wiltraut Rupp-v. Brünneck · Magdalene Schoch · Jürgen Seifert · Helmut Simon · Kurt Tucholsky · Edda Weßlau