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Hannelore Maelicke, Helga Einsele (1910-2005). Ein Leben um der Überzeugung willen in:

Kritische Justiz (Ed.)

STREITBARE JURISTiNNEN, page 186 - 199

Eine andere Tradition

1. Edition 2016, ISBN print: 978-3-8487-0003-5, ISBN online: 978-3-8452-4449-5, https://doi.org/10.5771/9783845244495-186

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Helga Einsele (1910-2005) Ein Leben um der Überzeugung willen Hannelore Maelicke „Schwimmen gegen den Strom – um der Überzeugung willen“, so lautet der Titel der Festschrift für Helga Einsele anlässlich einer Feierstunde zu ihrem 80. Geburtstag im Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS) im Juni 1990 in Frankfurt a. M. Nach den vielen Lobreden und einem für sie typisch-kritischen Beitrag hat Helga Einsele zum Abschluss der Feier deutlich gemacht, dass sie keineswegs daran denke, zum alten Eisen zu gehören und bemerkt: „Nun will ich Ihnen noch etwas sehr Persönliches verraten.“ – Pause – „Ich möchte“, sagte sie „noch eine ganze Weile da sein; denn – ich bin neugierig – wie es weitergeht.“1 Mit wacher Aufmerksamkeit und kritischer Wertung hat sie dann noch über nahezu fünfzehn Jahre die politischen und sozial- und kriminalpolitischen Entwicklungen beobachtet und analysiert. WeggefährtInnen und FreundInnen, mit denen sie sich fortwährend getroffen hat, forderte sie immer wieder nach deren Einschätzungen über das Geschehen und zur kritischen Diskussion heraus. Am 13. Februar 2005 ist Helga Einsele im Alter von 94 Jahren in Frankfurt gestorben. Zuvor hat sie sich „ordnungsgemäß“ von ihrer Familie und den engsten WeggefährtInnen und FreundInnen verabschiedet. In einer eindrucksvollen Feierstunde nahmen neben ihrer Familie, VertreterInnen des deutschen und internationalen Strafvollzuges, der Universität Frankfurt, frühere MitarbeiterInnen aus der Frauenanstalt Frankfurt-Preungesheim, Ehrenamtliche und MitarbeiterInnen der Anlaufstelle für straffällig gewordene Frauen – ihrem späteren Herzensprojekt –, FreundInnen und BegleiterInnen ihres Lebensweges, Abschied von dieser einmaligen Frau, die alle in besonderer Art und Weise beeindruckt, inspiriert und geprägt hat. 1 Heiner Halberstadt, Eine Frau mit aufrechtem Gang, in: Halberstadt/Platzdasch, Aufrechter Gang und Eigensinn: Helga Einsele, LinksNet (8.3.2005), 21. 187 Helga Einsele war bis ins hohe Alter eine politisch aktive Frau. Sie setzte sich schon zu ihren Schul- und Studentenzeiten vehement gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung ein. Geprägt durch ein politisch-demokratisches Elternhaus und durch die frauenrechtlich engagierte Mutter, zeichnete sie ein Leben lang ihre „liebenswürdige Widersetzlichkeit“ aus. Sie strebte zusammen mit Vertrauten und FreundInnen grundlegende gesellschaftliche Veränderungen an, sie lebte und praktizierte aber auch im Alltag die kleinen Schritte, die sie – liebenswürdig und unerbittlich zugleich – beharrlich und mit großer Überzeugungskraft realisierte. Helga Einsele hat es immer im Sinne ihres Lebensauftrages verstanden, persönliche und interdisziplinäre Netzwerke herzustellen und zu pflegen. Ihr kritischer und wacher Geist und ihre warmherzige persönliche Zuwendung beeindruckten und bereicherten alle, die mit ihr Kontakt hatten. Eine Trennung zwischen Privatem und Dienstlichem, zwischen Politischem und Unpolitischem, zwischen gefangenen und freien Menschen, gab es für sie nicht – sie dachte und handelte vernetzt in Zusammenhängen. Sie lebte Zivilcourage und konnte zornig werden, wenn mit Stammtischparolen Politik gemacht wurde.2 Für diesen Anspruch an sich selbst und andere zahlte sie einen hohen Preis – „sie war immer im Dienst“ – im Dienst ihrer Sache, ihres Lebensauftrages, ihrer Überzeugung. So erzielte sie ein Höchstmaß an Wirkung, wurde aber auch angefeindet, ausgegrenzt und ausgeschlossen aus politischen Gremien und Entscheidungsprozessen. So war sie nie Mainstream, wollte es auch nicht sein. Sie brauchte die Widersetzlichkeit als Strategie und zum Überleben sowie zur Verteidigung ihrer Unabhängigkeit. Tiefe und Radikalität einer unbeirrbaren politischen Ethik und absolute Glaubwürdigkeit im persönlichen Handeln kennzeichnen ihr Lebenswerk und ihr Leben, sind ihr Vermächtnis, ihr Auftrag und ihre Herausforderung an die NachfolgerInnen. 2 Christiane Bastian, Trauerfeier für Helga Einsele, in: Mitteilungsblatt der Ev. Konferenz der Gefängnisseelsorger, Nr. 71 (2005) 21. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 188 Zur Vita Helga Einsele wurde am 9.6.1910 in Döllau bei Halle geboren und ist in Torgau und Lüneburg aufgewachsen. Seit 1929 studierte sie Rechtswissenschaften in Breslau, Königsberg und Heidelberg, 1931/32 studierte sie in den USA, war bei der weiblichen Polizei in New York tätig und heiratete. 1939 promovierte sie beim Nachfolger Gustav Radbruchs über „Das Frauengericht in New York“, und von 1939 bis 1947 lebte und arbeitete sie mit dem Ehemann in der Emigration in Österreich, wo 1941 ihre Tochter Nele geboren wurde. 1947 wurde sie Leiterin der Frauenanstalt Frankfurt-Preungesheim, seit 1967 war sie Mitglied der Strafvollzugskommission des Bundesjustizministeriums. Unter anderem erhielt sie 1969 den Fritz-Bauer-Preis der Humanistischen Union, 1974 die Beccaria-Medaille in Gold von der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt a.M, 1976 den Humanitären Preis der Deutschen Freimaurer, 1979 die Wilhelm-Leuschner-Medaille sowie 1992 den Tony-Sender-Preis der Stadt Frankfurt a.M. Im Jahr 1975 wurde sie in den Ruhestand verabschiedet, zugleich wurde sie im selben Jahr Honorarprofessorin an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt a.M. Am 13.2.2005 ist sie in Frankfurt a. M. verstorben. Helga Einsele als Anstaltsleiterin „Und jetzt möchte ich noch die Kinder sehen, liebe Frau Einsele“ – damit irritierte Generalstaatsanwalt Fritz Bauer Mitte der 1950er-Jahre bei einem Besuch in der Frauenanstalt die Besucherrunde, der auch Vertreter des Justizministeriums angehörten. Helga Einsele hatte seinerzeit „ohne Genehmigung von oben“ mehreren inhaftierten Müttern erlaubt, ihre Kinder nach der Entbindung in der Anstalt zu behalten, indem sie die Stillphase äußerst großzügig definiert hatte und so Kinder bis zu einem Jahr, untergebracht im Anstaltskrankenhaus, bei ihren Müttern bleiben konnten. Das war der Beginn eines Projektes, das Helga Einsele als Anstaltsleiterin besonders am Herzen gelegen hat – ein Mutter-Kind-Haus innerhalb der Frauenanstalt. Politisch unterstützt durch die Ehefrau des damaligen Bundespräsidenten, Hilda Heinemann, und den Kinderheim Preungesheim e.V. mit Jutta Frost als einer streitbaren und einflussreichen Vorsitzenden, ist es nach längerer Improvisation anfangs der 1970er-Jahre gelungen, auf dem An- Helga Einsele (1910-2005) 189 staltsgelände ein eigenständiges Mutter-Kind-Heim zu bauen, das noch vor ihrer Pensionierung eröffnet werden konnte. Wie kam es dazu, dass Helga Einsele Leiterin der Frauenanstalt in Frankfurt a.M. wurde? Als nach 1945 in Deutschland für den Wiederaufbau einer demokratischen Strafrechtspflege integre und unbelastete Persönlichkeiten gesucht wurden, wies Gustav Radbruch auf seine ehemalige Schülerin Helga Einsele hin. Radbruch hatte kurz zuvor wieder Briefkontakt zu ihr aufnehmen können und sie zur Übernahme dieser Leitungsstelle motiviert. Über den Beginn ihrer Tätigkeit im hessischen Vollzug hat der damalige Leiter der Abteilung Strafvollzug über die Gespräche mit Helga Einsele in einem Aktenvermerk Folgendes festgehalten: „Am 7.5.1947 besuchte Frau Dr. Einsele mit mir die Frauenanstalt Frankfurt-Preungesheim. Sie sagte dabei zu, dass sie bereit sei, als Fürsorgerin dort zu arbeiten, und bat, ihr zunächst eine kurze Probezeit in Preungesheim zu ermöglichen, damit sie die Anstalt kennenlernen könne. Nach Rücksprache mit Herrn Minister wurde dies genehmigt. Am 14.5.1947 nahm Frau Dr. H.E. ihre informatorische Beschäftigung in Preungesheim auf.“3 Ein halbes Jahr später hat Helga Einsele ihren Dienst als Leiterin angetreten. Im sogenannten „Kleinen Haus“ – einem Nebengebäude im heutigen Anstaltsbereich – baute sie dieses Haus, das seinerzeit als amerikanisches Militärgefängnis genutzt wurde und sich, wie sie schreibt, in einem verwahrlosten Zustand befand, zur zentralen Frauenanstalt in Hessen aus, später auch in Vollzugsgemeinschaft mit den Ländern Rheinland-Pfalz und Saarland. In ihrer Biografie „Mein Leben mit Frauen in Haft“ beschreibt Helga Einsele: „Es war ein Taubenschlag, in den ich damals hineinkam. Es war ein Haus mit einem ständigen Personalwechsel, das kaum fassen konnte, was die ‚Aufbauzeit‘ an Strandgut des Krieges, Streben nach neuem Reichtum, an Leichtsinn und Verzweiflung, an Krankheit und verantwortungslosem Übermut, vor allem aber an Elend tagtäglich hineinspülte“. Ein Taubenschlag, dieses Haus mit 100 Plätzen, in dem bis zu 250 Frauen untergebracht werden mussten, mit hoher Fluktuation. Helga Einsele hat es ein Jahr lang dokumentiert, dass 1000 Frauen in diesem Zeit- 3 Hans Dahlke, Helga Einsele – Daten aus ihrem Leben, in: B. Maelicke/Simmedinger (Hg.), Schwimmen gegen den Strom – Um der Überzeugung willen, Frankfurt a.M. 1990, 5. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 190 raum das Haus durchliefen.4 Vieles, was heute zu den Standards in deutschen Gefängnissen zählt, hat Helga Einsele bereits in den frühen Jahren ihrer Tätigkeit als Anstaltsleiterin vorweggenommen. In der ursprünglich militärisch organisierten Frauenanstalt, in der die gefangenen Frauen noch mit verschränkten Händen auf dem Rücken zum Morgenappell antreten mussten, hat sie schon in den 1950er-Jahren, nach dem Umzug in das gro- ße Haus der Frauenanstalt (1955), den Gruppenvollzug und die soziale Gruppenarbeit eingeführt, geleitet durch je eine Fürsorgerin. In den 1960er Jahren führte sie eine Gefangenenmitverantwortung und ein Sprecherinnen-System ein. Schon bald entstanden aus dieser Initiative die ersten Gefangenenzeitungen. Es folgten erste Ansätze für qualifizierte Ausbildungsabschlüsse vor der Industrie- und Handelskammer, die später zu einem bundesweit anerkannten Modellprojekt wurden. Ebenfalls öffnete sie die Anstalt für Ehrenamtliche, orientiert an dem englischen System der prisoner visitors und beteiligte diese schon bald an der Bildungs- und Gruppenarbeit im Vollzug. Weit vor Inkrafttreten des Strafvollzugsgesetzes führte sie ein Konferenzsystem in der Anstalt ein. Auf einer Zugangsstation während der ersten Wochen der Inhaftierung wurden durch eine Psychologin und eine Sozialarbeiterin für alle Neu-Inhaftierten eine umfassende Anamnese für die spätere Vollzugsplanungskonferenz erarbeitet und die Frauen in einer tagsüber offenen Gruppe intensiv begleitet. Auch die RAF-Gefangenen haben diese Zugangsstation durchlaufen und wurden nicht isoliert betreut. Weitere Reformen betrafen die Vollzugsplanung, den offenen Vollzug und den Freigang sowie eine gründliche und fundierte Entlassungsvorbereitung. Sie professionalisierte den interdisziplinären Sozialdienst, indem sie tägliche Teambesprechungen, die sogenannten „Mittagsrunden“, einführte und diese auch nach Einführung der 5-Tage-Woche eisern an den Samstagen einberief. Was in den Jahren von 1947 bis 1975 in dieser Frauenanstalt entwickelt wurde, hat Helga Einsele selbst als den „pragmatischen Versuch“ bezeichnet, „mit den Mitteln des Normalvollzuges, jedoch mit ernsthafter Zuwendung zu seinen Menschen, die Misere des Strafvollzuges zu vermindern und etwas zu finden, was vielleicht hilfreich sein könnte.“5 4 Helga Einsele, Mein Leben mit Frauen in Haft, Stuttgart 1994, 59 u 93. 5 Helga Einsele/Gisela Rothe, Frauen im Strafvollzug, Reinbek 1985, 51. Helga Einsele (1910-2005) 191 In ihrer Biografie beschreibt sie auch eindringlich, mit welchen Widerständen und Kleinkrieg mit den Behörden sie tagtäglich zu kämpfen hatte als Frau in einer Männerbürokratie. Die ihr nicht selten begegnete, bestenfalls gönnerhafte Herablassung habe sie mit ihrem nicht erst im neuen Feminismus erworbenen und gewachsenen Selbstbewusstsein zwar relativ leicht an sich ablaufen lassen können. Sie musste sich aber als weibliche Führungskraft immer wieder neu behaupten und erst mit den Jahren, und auch durch außerdienstliche kriminalpolitische Auseinandersetzungen sei die Anerkennung gewachsen.6 1972/73 kam es zu der, wie sie schreibt, stärksten dienstlichen Herausforderung, indem sie im Zusammenhang mit in der Anstalt untergebrachten Terroristinnen in das “Fadenkreuz des BKA“ geriet. Neben einem Ermittlungs- und Disziplinarverfahren wurde ihr 1973 ein „Kommissar“ quasi als „Aufpasser“ vor die Nase gesetzt, und sie war erheblichen Anfeindungen ausgesetzt.7 Dass sie dies unbeschadet überstanden habe, verdanke sie außer der Treue der Mitarbeiterinnen weitgehend Hilda Heinemann, der Frau des damaligen Bundespräsidenten. Diese schaltete sich in diesen Konflikt tatkräftig ein, nachdem Helga Einsele schon fast bereit war, das Feld zu räumen. Hilda Heinemann erklärte, dass sie ihren geplanten Besuch zur Weihnachtsfeier in der Anstalt absagen werde, wenn der Kommissar noch in der Anstalt sei, und hatte damit Erfolg.8 Im Lauf der Jahre wurde für Helga Einsele die qualifizierte Nachbetreuung der Frauen nach der Entlassung ein immer wichtiger werdendes Anliegen. Mit dem Wissen, dass diese Nachbetreuung umso effektiver ist, je früher sie bereits im Vollzug einsetzt, setzte sie sich zusammen mit anderen Schlüsselpersonen nach ihrer Pensionierung dafür ein, dass eine „Anlaufstelle für straffällig gewordene Frauen“ in Frankfurt konzipiert und gegründet wurde. Für die Realisierung dieses Projekts nutzte sie all ihre Verbindungen, sie beriet und begleitete die neu eingestellten Mitarbeiterinnen und wirkte intensiv bei der wissenschaftlichen Auswertung mit. Die Anlaufstelle ist mittlerweile fest etabliert, die hoch professionalisierten Mitarbeiterinnen – quasi „Enkelinnen“ – wurden von Helga Einsele so lange begleitet und unterstützt, wie es ihre Kräfte zuließen.9 6 Einsele (Fn. 4), 336. 7 Einsele (Fn. 4), 338. 8 Einsele (Fn. 4); 344. 9 Almuth Kummerow, Enkelinnen, in: Maelicke/Simmedinger (Fn. 3), 57. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 192 Und sie widmete sich in ihren letzten Jahren mit großer Freude ihrem geliebten, 1982 geborenen Enkel David, und erzählte liebevoll, wie er sie immer motiviert und ermutigt hat, wegen ihm “noch eine Weile durchzuhalten“. Zu ihren früheren engen Mitarbeiterinnen, insbesondere aus ihrer Anfangszeit in der Frauenanstalt, hat Helga Einsele zeitlebens intensiven Kontakt gepflegt und gehalten. Sie ist ihnen auch nach ihrer Pensionierung mit hoher Wertschätzung und Anerkennung begegnet. Sie reiste regelmä- ßig mit ihnen in ihr Ferienhaus in Österreich, immer im fachlichen und persönlichen Austausch. Aufgrund dieser außergewöhnlichen Persönlichkeit und ihrer Hingabe zu ihrem Lebenswerk ist es nicht einfach gewesen für ihre Nachfolgerinnen, in dieser vorgeprägten Frauenanstalt Fuß zu fassen. Obwohl sich Helga Einsele völlig zurückgehalten hat und keinerlei Einfluss mehr ausübte, wurden die Nachfolgerinnen an ihr gemessen und hatten deshalb keinen leichten Stand. Helga Einsele als Sozialistin „Eine Frau mit aufrechtem Gang“, so betitelte Heiner Halberstadt einen Aufsatz, in dem er unter anderem schreibt, dass sie zeitlebens für Emanzipation, Humanisierung und eine linke Politik jenseits von Staatsräson stand. Ihre Lebensgeschichte sei zugleich ein Zeitdokument, in dem die Geschichte des demokratischen Sozialismus in Deutschland, als Teil einer Jahrhundertbilanz, mit eingegangen ist.10 Nach zwei Studienjahren in den USA, in denen sie ihren Mann, einen Biologen, kennengelernt und geheiratet hatte, kehrte Helga Einsele mit ihm Ende 1932 nach Deutschland zurück. In ihrer Biografie beschreibt sie, dass das Studium für sie wegen des Naziregimes schwierig wurde. „Es verlangte ständige Bekenntnisse zum Nazistaat, und das stellte mich jedes Mal vor die Frage, ob ich Konsequenzen ziehen müsse“, bekennt sie. Unter Androhung des Studienverbotes wurde ihr weiterer Kontakt mit Gustav Radbruch verboten, woran sie sich nicht gehalten hat. Sie konnte zwar noch ihr Staatsexamen machen, wurde jedoch mit dem Hinweis auf ihre politische Unerwünschtheit vom 10 Halberstadt (Fn. 1), 1. Helga Einsele (1910-2005) 193 Juristischen Vorbereitungsdienst ausgeschlossen, und wie ihr Lehrer und Doktorvater, Gustav Radbruch, bekam sie Berufsverbot.11 Erst 1939 konnte sie beim Nachfolger Radbruchs promovieren und musste allerdings im gleichen Jahr wegen der zunehmenden politischen Anfeindungen mit ihrem Mann Deutschland verlassen. Beide lebten und arbeiteten nun in Österreich, 1941 wurde ihre Tochter Nele geboren, die 2015 in Frankfurt verstorben ist. 1947 kehrte sie mit ihrer Tochter nach Deutschland zurück, um ihre Stelle in Frankfurt a. M. anzutreten. Der Ehemann ist in Österreich geblieben, weil er dort gerade ein eigenes Institut aufgebaut hatte. Nach 1949 kam sie wieder mit sozialistischen Studenten in Frankfurt in Kontakt, weil sie sich von der sozialistischen Jugend, zumindest von der studentischen, erhoffte, dass in ihr Ideen eines antifaschistischen und damit antibürgerlichen „Neu-Aufbaus“ erörtert würden und virulent waren.12 Sie ermutigte junge Menschen, nicht nachzulassen in ihrer Kritik an gesellschaftlichen Missständen. 1953 trat Helga Einsele wieder in die SPD ein, nachdem sie bereits als 19-jährige in ihrem ersten Semester in Breslau Mitglied geworden war. Zuvor war sie schon als Schülerin aktiv der Arbeiterjugend verbunden. Während ihrer Heidelberger Studienjahre arbeitete sie in der dortigen Gruppe des damaligen SDS mit. Auf dem Godesberger Parteitag (1959) zählte Helga Einsele zu den Gegnerinnen des neuen Programms und tat dies mit einer engagierten Rede und ihrer Stimmabgabe kund. Wenige Jahre später wurde sie im Zusammenhang mit der Abspaltung des SDS aus der Partei ausgeschlossen. Helga Einsele blieb eine streitbare Sozialistin und engagierte sich in vielen Initiativen und Aktionen, ihr politisches Wirken hat sie bis zu ihrem Tod nicht aufgegeben. Sie half z.B. französischen Deserteuren, die vor dem Einsatz in Algerien geflohen waren, sie nahm an den Ostermärschen teil und unterstützte nachhaltig alle Bemühungen zur Demokratisierung des deutschen Rechtssystems.13 Sie sprach 1970 anlässlich einer Demonstration gegen § 218 in Frankfurt, hielt 1978 eine Rede beim Symposium des „Stern“ gegen die lebens- 11 Einsele (Fn. 4), 43-45. 12 Heinz Brakemeier, Helga Einsele als Politikerin, in: Maelicke/Simmedinger (Fn. 3), 89. 13 Halberstadt (Fn. 1), 3-4. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 194 lange Freiheitsstrafe, nahm aktiv an der Pershing-Blockade in Mutlangen teil und wurde dabei polizeilich festgenommen, um nur einige ihrer Aktivitäten zu nennen. Auch frauenpolitisch hat Helga Einsele, geprägt durch ihre frauenpolitisch engagierte Mutter, Spuren hinterlassen, und dies nicht nur durch ihre Arbeit und das Leben mit Frauen im Gefängnis, sondern auch durch ihren unermüdlichen Einsatz für einen frauenspezifischen Strafvollzug und ihre vielfältigen Erfahrungen als weibliche Führungskraft in einer Männerdomäne. Ute Gerhard-Teuschner beschreibt Helga Einsele in ihrer Laudatio zur Verleihung des Tony-Sender-Preises 1992 in Frankfurt als Bindeglied zwischen alter und neuer Frauenbewegung.14 Sie verweist in diesem Zusammenhang auf eine Veröffentlichung, in der Helga Einsele verschiedene Frauengestalten aus Frauengeschichte und -literatur beschrieben hat, die sich gegen Gewalt und Krieg gewandt haben und damit eine Brücke zwischen der alten und neuen Emanzipationsbewegung der Frauen geschlagen hat, zwischen alten und immer gleichen Gefahren und den neuen Chancen und der Notwendigkeit für politische Einmischung.15 Ihre Wohnung in Frankfurt war Treffpunkt und Diskussionsort für die sozialistischen Freunde und andere Menschen, denen sie mit hoher Wertschätzung und Achtung, so unterschiedlich die Menschen auch waren, begegnete. Und es war eine besondere Ehre, von ihr zum Tee eingeladen zu werden und mit ihr diskutieren zu dürfen. Helga Einsele als Kriminalpolitikerin „Was den Strafvollzug angeht, ist Helga Einsele unter den Schülern von Gustav Radbruch die konsequenteste und in der Praxis am meisten wirksame. Sie hat die Ideen Radbruchs in die Wirklichkeit umgesetzt und ist dabei über ihn hinausgeschritten.“16 Seit ihrer Dissertation im Jahr 1939 über „Das Frauengericht in New York“ hat Helga Einsele bis weit über ihre Pensionierung hinaus mit un- 14 Ute Gerhard-Teuscher, Laudatio für Helga Einsele, MschrKrim 1993, 135-140. 15 Gerhard-Teuschner (Fn. 14), 140. 16 Arthur Kaufmann, Gustav Radbruch und Helga Einsele – Um einen humanen Strafvollzug, in: Maelicke/Simmedinger (Fn. 3), 11. Helga Einsele (1910-2005) 195 zähligen Veröffentlichungen auf die Kriminalpolitik nicht nur in Deutschland Einfluss genommen. Im Zentrum stand naturgemäß die Fortentwicklung des Frauenvollzugs – hier hat sie weltweit Spuren hinterlassen, einen frauenspezifischen Vollzug der positiven Zuwendung schrittweise zu verwirklichen.17 Weichenstellend sind auch ihre Beiträge zur Reform der lebenslangen Freiheitsstrafe, zur Differenzierung und Klassifizierung im Vollzug, zur sozialtherapeutischen Anstalt, zu neuen Wegen in der Entlassenenhilfe, zu Alternativen zum Strafvollzug – hier analysiert Helga Einsele Grundprobleme einer rationalen Kriminalpolitik, die weiterhin ungelöst sind. Und ihre konkreten Vorschläge für Innovationen wurden bisher leider nur ansatzweise umgesetzt. Besonders nachhaltig hat Helga Einsele in der von Bundespräsident Heinemann berufenen Strafvollzugskommission die Diskussion um ein neues Bundes-Strafvollzugsgesetz befruchtet, ebenso als Gutachterin für das Bundesverfassungsgericht und für den Europarat. Ungezählt sind ihre Vorträge vor interessierten Gruppen in Deutschland, Österreich und der Schweiz, immer mit dem Ziel, das Strafrecht zu überwinden und etwas zu suchen und zu finden, das besser ist als Strafvollzug. In vielen Vereinigungen wie der Evangelischen Kirche Deutschlands, der Arbeiterwohlfahrt oder der Humanistischen Union hat sie unermüdlich in Arbeitsgruppen und Kommissionen mitgewirkt und Überzeugungsarbeit geleistet. Nach ihrer Pensionierung galt dies auch für ihre Honorarprofessur an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt. Begründet in ihrer nachweisbaren Reformarbeit in ihrer eigenen Anstalt, und dies über mehrere Jahrzehnte, entwickelte sie eine bis heute nie wieder erreichte persönliche Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft. Zugleich begrenzte diese Einmaligkeit jedoch ihre politische Wirkungskraft – „Schwimmen gegen den Strom – um der Überzeugung willen“ stellt offensichtlich für Realpolitiker, aber auch für normale Bürger eine Überforderung dar, der sie sich jedenfalls nicht mit allen Konsequenzen stellen wollen. Sie loben und bewundern zwar solche charismatischen Persönlichkeiten wie Helga Einsele, sind aber nicht bereit, ebenso aufopfernd notwendige 17 Hannelore Maelicke, Ist Frauenstrafvollzug Männersache?, Baden-Baden 1995, 33 ff. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 196 Wege der Veränderung zu gehen bzw. von sich oder anderen einzufordern. Die politischen Wirkungen des Denkens und Handelns von Helga Einsele sind also eher mittel- und langfristig festzustellen, das politische und mediale Alltagsgeschäft war nicht das ihre. Aber ihre Analysen und Ver- änderungsvorschläge beanspruchen nachhaltige Geltung, Spuren und Wirkungen finden sich auch nach Jahrzehnten immer wieder neu. Resümee Es zeichnet Helga Einsele aus, dass sie selbst ihr Wirken und dessen Folgen durchaus kritisch beurteilt. In dem „Resümee“ ihrer Biografie „Mein Leben mit Frauen in Haft“ betont sie vor allem die Nützlichkeit für die einzelnen Frauen, die sie unterstützen konnte. Ihr eigener Weg hat sie zu der Erkenntnis geführt, „dass es gilt, die noch heute üblichen Strafen, die im wesentlichen Unterprivilegierte treffen, sozial auszugleichen zugunsten gerechterer, humanerer und rationalerer, also auch mehr Erfolg versprechender Reaktionen.“18 Und in einem Interview beantwortet sie im Jahr 1990 die abschließende Frage von Uta Krüger „Was würden Sie zusammengefasst nach Ihren langjährigen Erfahrungen als künftig wichtig und notwendig vorschlagen?“ wie folgt: „Obwohl wir uns sicherlich viel Mühe gegeben haben, einen Strafvollzug zu praktizieren, der den Menschen möglichst wenig schadet, würde ich dennoch heute sagen, dass der Strafvollzug insgesamt sicher mehr Schaden als Nutzen bringt, auch dann, wenn man sich um die Gefangenen bemüht. Von einer Reihe von Einzelfällen einmal abgesehen, die man zugegebenermaßen durchaus positiv bewerten könnte. Meine heutige Vorstellung von kriminologischer Behandlung wäre, dass die Freiheitsstrafe mehr und mehr eingeschränkt wird. So lange, bis die Schädigungen auch bei ihnen durch bessere Zuwendung, als der Massenstrafvollzug es heute bieten kann, verändert werden. Das sollte nur ein zeitweiliger stationärer Umgang mit ihnen sein mit einer großen Zahl von konstruktiven Möglichkeiten, die eben nicht repressiv sind. Denn die repressiven Möglichkeiten schaffen nur Abwehr und Verändern zum Negativen hin. So kann man 18 Einsele (Fn. 4), 352. Helga Einsele (1910-2005) 197 vielleicht mit einer kleinen Gruppe konstruktiv so umgehen, dass auch bei ihnen der Rest, der wirklich gefährlich ist, ungemein klein bleibt.“19 19 Uta Krüger, Helga Einsele erinnert sich, in: Maelicke/Simmedinger (Fn. 3),152. Im Folgenden eine Auswahl der Schriften von Helga Einsele: Das Frauengericht in New York, Dissertation Heidelberg 1939; Dürfen Kinder hinter Gittern geboren werden?, ZfStrVollz 1957, 29 ff.; Entlassenenfürsorge für weibliche Straffällige, Nachrichtendienst Deutscher Verein 1967, 266 ff.; Die Behandlung im Strafvollzug, in: Bundesministerium der Justiz (Hg.), Tagungsberichte der Strafvollzugskommission, Band 3, Bonn 1968, 39-58; Differenzierung und Klassifizierung im Vollzug, in: Bundesministerium der Justiz (Hg.), Tagungsberichte der Strafvollzugskommission, Band 6, Bonn 1969, 116-133; Ein besserer Strafvollzug – oder etwas, das besser ist als Strafvollzug?, Vorgänge 1969, 201-205; Besondere Vorschriften für den Frauenstrafvollzug, in: Bundesministerium der Justiz (Hg.), Tagungsberichte der Strafvollzugskommission, Band 12, Bonn 1970, 32-36; Referat und Thesen zur Behandlung des Gefangenen, in: Deutscher Juristentag (Hg.), Mit welchem Hauptinhalt empfiehlt es sich, ein Strafvollzugsgesetz zu erlassen?, München 1970, 31-51; Das Verbrechen, Verbrecher einzusperren: Strafvollzug der positiven Zuwendung, Düsseldorf 1970 (gemeinsam mit Ernst Klee); Die sozialtherapeutische Anstalt, in: Kaufmann (Hg.), Die Strafvollzugsreform, Karlsruhe 1971, 145-158; Grundfragen der heutigen Straffälligenhilfe, TuP Heft 9/1978, 323-326; Die Reform der lebenslangen Freiheitsstrafe, Stuttgart 1972 (gemeinsam mit Johannes Feige und Heinz Müller-Dietz); Gutachten vor dem Bundesverfassungsgericht am 22./23.3.1977, in: Jeschek/Trifterer, Ist die lebenslange Freiheitsstrafe verfassungswidrig?, Baden-Baden 1978, 1. Auflage, 43-59; Wenn du draussen und alleine: Materialien zur Situation haftentlassener Frauen, in: Einsele/ Maelicke (Hg.), Frankfurt a.M. 1980; Plädoyer gegen steingewordene Riesenirrtümer, in: Ortner (Hg.), Freiheit statt Strafe, 2. Auflage, Tübingen 1986, 85-109; Plädoyer für einen anderen Umgang mit straffälligen Frauen, in: Maelicke/Ortner (Hg.), Alternative Kriminalpolitik, Weinheim/Basel 1988, 77-88; Mein Leben mit Frauen in Haft, Stuttgart 1994. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 198

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References

Abstract

„Critical Lawyers in Germany“, volume 2, is the sequel of the 1988 book “Critical Lawyers in Germany. A different tradition”. Just like its precursor, it comprises biographical profiles of late attorneys, judges and legal scholars, but it also includes interviews with contemporary witnesses of more recent legal movements. The volume presents theorists and practitioners who have actively intervened in socio-political debates since 1945, especially in the controversies following the 1960s and 70s, and who have stood up for ideas of participatory democracy and an inclusive understanding of law and the Constitution. The volume covers diverse voices of legal critique, also those that are hardly known or almost forgotten. The selection of biographical portraits and interviews broadens the spectrum of critical legal thinkers and activists covered in volume 1. Volume 2 adds perspectives, locations and practices of critique, following the lines and actors of social movements, institutional activism and public interest litigation in Germany.

<b>With contributions to:</b>

Alfred Apfel · Otto Bauer · Margarete Berent · Sebastian Cobler · Franz-Josef Degenhardt · Hedwig Dohm · Eugen Ehrlich · Helga Einsele · Winfried Hassemer · Werner Holtfort · Barbara Just-Dahlmann · Franz Kafka · Leopold Kohr · Anna Mackenroth · Marie Munk · Nora Platiel · Diether Posser · Marie Raschke · Helmut Ridder · Wiltraut Rupp-v. Brünneck · Magdalene Schoch · Jürgen Seifert · Helmut Simon · Kurt Tucholsky · Edda Weßlau

Zusammenfassung

„Streitbare JuristInnen (Band 2)“ ist die Fortsetzung des Bandes „Streitbare Juristen. Eine andere Tradition“ aus dem Jahre 1988 und umfasst Porträts von bereits verstorbenen JuristInnen und Interviews mit ZeitzeugInnen. Thematisch liegt der Schwerpunkt auf Personen, die nach 1945 aktiv an gesellschaftspolitischen Debatten teilgenommen haben, insbesondere an Kontroversen seit „1968“, die zu Kristallisationspunkten der Rechtspolitik wurden und die für ein demokratisches und inklusives Rechts- bzw. Verfassungsverständnis eingetreten sind. Dabei kommt eine breite Vielfalt an Stimmen der Rechtskritik zu Wort, auch RepräsentantInnen kritischer Strömungen, die weniger bekannt oder fast vergessen sind. Die Auswahl der Porträtierten und der InterviewpartnerInnen erweitert den Querschnitt an streitbaren JuristInnen, die schon im ersten Band vorgestellt wurden, und damit auch die Formen, Praxen und Orte der Streitbarkeit. Ein Fokus liegt auf rechtspolitischen und zivilgesellschaftlichen Bewegungen der Bundesrepublik, auf KritikerInnen der Zeitgeschichte, die aktiv in rechtspolitische Kontroversen interveniert und die sich in wissenschaftlichen, rechtlichen und politischen Institutionen rechtspolitisch engagiert haben.

<b>Mit Beiträgen über:</b>

Alfred Apfel · Otto Bauer · Margarete Berent · Sebastian Cobler · Franz-Josef Degenhardt · Hedwig Dohm · Eugen Ehrlich · Helga Einsele · Winfried Hassemer · Werner Holtfort · Barbara Just-Dahlmann · Franz Kafka · Leopold Kohr · Anna Mackenroth · Marie Munk · Nora Platiel · Diether Posser · Marie Raschke · Helmut Ridder · Wiltraut Rupp-v. Brünneck · Magdalene Schoch · Jürgen Seifert · Helmut Simon · Kurt Tucholsky · Edda Weßlau