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Franziska Martinsen, Hedwig Dohm (1831-1919). Radikale Frauenrechtlerin und polemische Schriftstellerin in:

Kritische Justiz (Ed.)

STREITBARE JURISTiNNEN, page 142 - 161

Eine andere Tradition

1. Edition 2016, ISBN print: 978-3-8487-0003-5, ISBN online: 978-3-8452-4449-5, https://doi.org/10.5771/9783845244495-142

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Hedwig Dohm (1831-1919) Radikale Frauenrechtlerin und polemische Schriftstellerin Franziska Martinsen Zur Person Hedwig Dohm war keine Juristin – sie hätte auch keine sein können, da es ihr als in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts geborenen Frau aufgrund ihres Geschlechts nicht möglich war, ein Studium aufzunehmen, geschweige denn einen juristischen Beruf auszuüben. Die Frage, ob sie, wenn Frauen im Preußen der 1840/50er Jahre bereits zum Studium zugelassen gewesen wären, Jura als Fach gewählt hätte, lässt sich nicht beantworten. Ihre Werke sind eher anderen Fachgebieten und Genres zuzuordnen – die Märchen, Theaterstücke, Romane und Novellen weisen sie als belletristische Schriftstellerin aus,1 ihre polemischen Schriften und die Mehrzahl ihrer Aufsätze in Zeitschriften sind neben der Literaturwissenschaft in der Politik- und Sozialwissenschaft anzusiedeln. Dennoch haben ihre Texte in rechtstheoretischer und rechtsgeschichtlicher Hinsicht eine besondere Bedeutung: Hedwig Dohm war eine der ersten Frauenrechtlerinnen im deutschsprachigen Raum und als diese durchaus streitbar, wie sich an ihren zahlreichen Schriften mit – nicht nur für die damalige Zeit – radikalen frauenpolitischen Forderungen ablesen lässt. Auch heute noch beeindruckt die Klarheit und Vehemenz, mit der sie die Gleichberechtigung von Frauen und Männern anmahnt. Mit ihrer ebenso klugen wie spitzen Feder, ihrer ebenso wortgewandten wie treffsicheren Formulierungskunst vermag sie die gängigen (Vor-)Urteile über die gesellschaftliche, politische und rechtliche Stellung der Frau im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert scharfsichtig zu analysieren und dabei die Marginalisierungen 1. 1 Vgl. Hedwig Dohms vier Lustspiele, Vom Stamm der Asra (Uraufführung 1874), Der Seelenretter (Uraufführung 1875), Ein Schuß ins Schwarze (Uraufführung 1879), Die Ritter vom goldenen Kalb (Uraufführung 1879) sowie die Novellenbände Frau Tannhäuser (1890), Wie Frauen werden. Werde, die Du bist (1894), Schwanenlieder (1906), Sommerlieben. Freiluftnovellen (1909). 143 und Benachteiligungen der weiblichen Bevölkerung unerbittlich zu benennen. Mit der Skandalisierung gesellschaftlicher Missstände und vor allem mit ihrer zentralen Forderung nach dem Stimmrecht für Frauen geriet sie nicht nur in Frontstellung zu den mehrheitlich männlichen Gegner_innen des Frauenwahlrechts, sondern auch zu den Vertreter_innen des gemäßigten Flügels der damaligen Frauenbewegung. Für diese wie jene klangen Dohms Vorstellungen einer vollständigen Gleichberechtigung von Frauen und Männern – und zwar auf allen Ebenen des politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Lebens bis hin zur Privatsphäre wie der Ehe – regelrecht unerhört, ja, sie wirkten geradezu gefährlich für die bürgerliche Ordnung. Hedwig Dohm sah sich massiven Anfeindungen und Bedrohungen ausgesetzt. Erst in fortgeschrittenem Alter fand sie endlich Unterstützung von jüngeren Frauenrechtler_innen wie Minna Cauer (1841-1922), Anita Augspurg (1857-1943), Lida Gustava Heymann (1868-1943) und Helene Stöcker (1869-1943).2 Kurz vor ihrem Tod im Jahre 1919 erlebte Hedwig Dohm schließlich die Einführung des Wahlrechts für Frauen in Deutschland. Eine späte Genugtuung, die Dohm selbst als „zu spät, zu spät“3 empfand. Immerhin profitierten von ihr die eigenen Töchter und Enkelinnen, denen einige Jahre zuvor auch endlich der Zugang zum Studium möglich geworden war – sechs von ihnen studierten, drei erwarben sogar den Doktorhut, und fast alle übten einen Beruf aus.4 Im Gegensatz zu ihrer Großmutter mussten sie sich das Recht, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, nicht mehr eigens erkämpfen, die wichtigsten Forderungen der Gleichberechtigung, für die Hedwig Dohm unermüdlich gefochten hatte – das Stimmrecht, das Recht auf Bildung und das Recht auf ökonomische Selbstständigkeit –, waren nun Bestandteil des gesellschaftlichen und politischen Alltags von Frauen geworden. 2 Vgl. insb. Ute Gerhard, Anita Augspurg (1857-1943). Juristin, Feministin, Pazifistin, in: Kritische Justiz (Hg.), Streitbare Juristen. Eine andere Tradition, Baden-Baden 1988, 92-103; Christl Wickert, Helene Stöcker (1869-1943). Leben und Arbeit für die Gleichstellung der Frau, in: Kritische Justiz (Hg.), Streitbare Juristen. Eine andere Tradition, Baden-Baden 1988, 104-116. 3 Hedwig Pringsheim-Dohm, Meine Eltern Ernst und Hedwig Dohm, in: Müller/ Rohner (Hg.), Hedwig Dohm. Ausgewählte Texte, Berlin 2006, 307-315 (Wiederabdruck des Originals aus: Vossische Zeitung, Beilage „Das Unterhaltungsblatt“, Berlin 11.5.1930). 4 Vgl. Hedwig Pringsheim-Dohm (Fn. 3), 314. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 144 Die Frage jedoch, inwieweit allein durch eine politisch-rechtliche Gleichstellung der Geschlechter Unterdrückung, Diskriminierung und Benachteiligung von Frauen überwunden werden können, war bereits Kern der Auseinandersetzungen innerhalb der Frauenbewegung des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Sie stellt auch heute die feministische Theorie vor die Herausforderung, dass Missstände in Form von Sexismus, Marginalisierung und ökonomischer Ungleichbehandlung aufgrund des Geschlechts (Stichwort ‚Pay Gap‘) – nicht zuletzt im globalen Vergleich – nach wie vor an der Tagesordnung sind. Hedwig Dohm hatte hier bereits hellsichtig erkannt, dass zwar das Recht zur politischen Mitwirkung den Schlüssel zur Verwirklichung von Gleichberechtigung darstellt, dass die gesellschaftliche Akzeptanz und die entsprechende Umstellung der gesellschaftlichen Strukturen jedoch eine längere Zeit in Anspruch nehmen würden. Obwohl sie sich selbst dezidiert als „Radikale“ bzw. „äußerste Linke“5 bezeichnete, stand sie dem Anspruch, gesellschaftskritische Erkenntnisse über den herrschenden Zeitgeist hinweg mit Gewalt durchzusetzen, ambivalent gegenüber: „Die sittlichen und socialen Räthsel der Gegenwart löst immer nur die Zukunft. Recht und Pflicht der lebenden Generation ist es, die Lösung in ihrem Denken anzubahnen, […] sie mit Taten antizipieren zu wollen, ist brutal.“6 Gleichwohl lodert in allen ihren Schriften die flammende Energie, die ihre Gleichgesinnten wie die berühmten englischen Suffragetten, aber auch Frauenrechtlerinnen in vielen anderen Ländern der Welt, in dieser Zeit ohne Rücksicht auf Verluste auf die Straße trägt. Biographisches Hedwig Dohm wird am 20. September 1831 als Marianne Adelaide Hedwig Schlesinger in Berlin geboren. Sie ist das vierte Kind und die erste Tochter ihrer Eltern, des wohlhabenden Tabakfabrikanten Gustav Adolph Schlesinger und der Henriette Wilhelmine Jülich. Die Eltern sind zu diesem Zeitpunkt noch nicht verheiratet, möglicherweise, weil der Großvater väterlicherseits gegen die Verbindung ist. Erst das 11. der insgesamt 18 2. 5 Hedwig Dohm, Die Antifeministen. Ein Buch der Verteidigung, Berlin 2014 (Nachdruck), 53. 6 Hedwig Dohm, Ob Schein, ob Wesen?, in: dies., Frau Tannhäuser. Novellen, Breslau 1890, 243-288 (288). Hedwig Dohm (1831-1919) 145 Kinder wird ehelich geboren. Der Vater, der sich als geborener Echanan Cohen Schlesinger von seiner jüdischen Herkunft emanzipieren will und 1817 zum Protestantismus konvertiert, wird im Jahre 1851 seinen Namen nochmals in Schleh ändern, um sich weiter assimilieren zu können. Im Jahre 1853 heiratet also Hedwig Schleh den ebenfalls konvertierten Ernst Dohm (1819-1883, sein Geburtsname lautete Elias Levy), der zu diesem Zeitpunkt bereits seinen Beruf als evangelischer Pfarrer aufgegeben hat und als Redakteur der satirischen Zeitschrift Kladderadatsch tätig ist. Die intellektuellen Kreise, in die Hedwig Dohm durch ihren Ehemann Eintritt erhält, haben auf ihre schriftstellerische Entwicklung einen nicht geringen Einfluss. Sie verkehrt u.a. mit Ferdinand Lassalle (1825-1864), Fanny Lewald-Stahr (1811-1889) und Theodor Fontane (1819-1898). Man darf nicht vergessen, dass Hedwig Dohm existentiell auf Anregungen zum Selbststudium durch Gäste, Zeitschriften und empfohlene Lektüre angewiesen ist, bestand in ihrer Jugend doch keinerlei Chance, eine wirklich fundierte Bildung über öffentliche oder private Bildungsinstitutionen zu erlangen. Zwar hatte sie ihren Eltern den Zugang zu einem Lehrerinnenseminar abgetrotzt, doch wurde sie dort von dem niedrigen intellektuellen Niveau enttäuscht.7 Hedwig Dohm wird Mutter eines Sohnes, der bereits im Alter von 12 Jahren an Scharlach stirbt, und von vier Töchtern. An ihren Enkel_innen sieht sie später zum Teil Normalität werden, wofür sie seit Erscheinen ihrer ersten feministischen Streitschrift, Was die Pastoren von den Frauen denken (1872), gekämpft hat: In dem Novellenband Sommerlieben aus dem Jahre 1910 setzt sie diesem Typus der modernen jungen Frau, die studiert und einen Beruf wählt, ein Denkmal. Die Produktivkraft und Vielseitigkeit Hedwig Dohms ist beachtlich. Parallel zu ihren ersten bahnbrechenden Abhandlungen zum Frauenwahlrecht verfasst sie in den 1870er Jahren Lustspiele, die auch mit Erfolg aufgeführt werden. In späteren Jahren entstehen ihre Romane, die allerdings nach dem Verdikt Thomas Manns, sie seien „nicht […] gerade wichtig“,8 in der literaturgeschichtlichen Mottenkiste landen. Dabei ist hier eine gesellschaftskritische Autorin wiederzuentdecken, die das kollektive Vergessen nicht verdient hat. In zahlreichen Texten, Aufsätzen, Novellen und Rezensionen setzt sie sich 7 Vgl. Heike Brandt, ‚Die Menschenrechte haben kein Geschlecht‘. Die Lebensgeschichte der Hedwig Dohm, Weinheim/Basel 1989, 18. 8 Thomas Mann, Little Grandma [1942], Gesammelte Werke Bd. 11. Reden und Aufsätze, Berlin 1960, 467-476 (473). Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 146 seit den 1890er Jahren – immer „freier und unnachgiebiger“9 werdend – mit emanzipatorischen Themen auseinander. Während des Ersten Weltkriegs veröffentlicht die dezidierte Pazifistin Artikel, die die vermeintlichen Werte des sog. Heldentods und der Opferung fürs Vaterland scharf kritisieren: „Es gibt keine Vaterlandsliebe, die den Feindeshaß heiligt. […] Der Krieg ist ein Sarg der Menschenliebe. Und ist es wahr, daß die Lust an der Menschenjagd als ein Wesenszug der menschlichen Natur eingeätzt ist, so ist diese Natur einer Reparatur bedürftig. Ändern wir sie! Ich glaube an den Fortschritt der Menschheit! […] Tod dem Mißbrauch des Todes im Krieg.“10 Kurz vor Vollendung des 88. Lebensjahres, am 1. Juni 1919, stirbt Hedwig Dohm. Das Schicksal ihrer weitverzweigten Nachkommenschaft bleibt nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten zum Teil im Dunkeln. Nach den sog. Nürnberger Rassegesetzen galten sämtliche Mitglieder der Familie Dohm als Juden. Es ist anzunehmen, dass diejenigen, die nicht mehr rechtzeitig emigrieren konnten,11 von den Nationalsozialisten verfolgt und eventuell sogar umgebracht wurden. Da es keinen Nachlass von Hedwig Dohm gibt und sie selbst viele Zeugnisse wie Briefe oder Notizen offensichtlich zu Lebzeiten bereits vernichtete,12 gestaltet sich die Rekonstruktion ihrer Lebensdaten nicht immer leicht. Über viele Stationen in ihrem Leben gibt es keine verlässlichen Quellen. Einige Biograph_innen sahen sich daher veranlasst, ihr schriftstellerisches Werk heranzuziehen, in dem autobiographisches Material vermutet wurde. So zutreffend in mancher Hinsicht diese Annahme auch 9 Marianne Krüll, Im Netz der Zauberer. Eine andere Geschichte der Familie Mann, Frankfurt a.M. 1991, 200. 10 Hedwig Dohm, Der Mißbrauch des Todes. Senile Impressionen [1915], Düsseldorf 1986, 26-28. 11 Die älteste Tochter Hedwig (1855-1942) und ihr Mann Alfred Pringsheim, die die Eltern von Katia Mann und damit die Schwiegereltern von Thomas Mann sind, können 1939 noch als über 80-Jährige fliehen. Bei der jüngsten Tochter Maria Gagliardi (geb. 1859 oder 1860), deren Todesjahr nicht bekannt ist, wäre eine Emigration plausibel gewesen, da deren Tochter Hedda Korsch (1890-1982), die 1980 ihre Erinnerungen an ihre Großmutter veröffentlichte, von 1933-36 in Schweden und danach in den USA lebte (vgl. Hedda Korsch, Hedwig Dohm. Erinnerungen und weitere Schriften von und über Hedwig Dohm, Zürich 1980, sowie Isabel Rohner, Spuren ins Jetzt. Hedwig Dohm – eine Biographie, Sulzbach/Taunus 2010, 103). 12 Heike Brandt (Fn. 7), 115. Hedwig Dohm (1831-1919) 147 sein mag,13 so führte sie jedoch fälschlicherweise auch dazu, Protagonist_innen der Romane und ihre Verhaltensweisen eins zu eins auf Hedwig Dohms Leben zu projizieren.14 Nimmt man etwa den Roman Schicksale einer Seele (1899), müsste Hedwig Dohm, verbärge sie sich tatsächlich in der Hauptfigur Marlene Bucher, eine ausschließlich unglückliche Ehe mit einem sogar gewalttätigen Ehemann erlitten haben, wofür sich nach neueren Erkenntnissen keine Belege finden lassen.15 Marlene erlebt zwar ebenso wie ihre Schöpferin, Hedwig Dohm, geschichtliche Ereignisse wie die 1848er Revolution, die sich quasi direkt vor dem Fenster ihrer elterlichen Wohnung in der Berliner Friedrichstraße abspielte.16 Auch weitere Details eines von Geburten, der Führung eines bürgerlichen Haushalts und der Erziehung der Kinder gekennzeichneten weiblichen Lebens mögen tatsächlich der eigenen Anschauung entstammen. Doch weiter gehende Übertragungen aus der Fiktion in die Wirklichkeit, die u.a. sogar Hedwig Dohms Geburtsjahr mit dem der Marlene identifizieren und die Frauenrechtlerin damit bis weit ins 20. Jahrhundert hinein um zwei Jahre jünger machen,17 können nicht als statthaft angesehen werden. In verschiedenen Zeitungsartikeln und Aufsätzen äußert sich Hedwig Dohm durchaus über ihr eigenes Leben.18 Dies geschieht jedoch weniger in der Absicht, ihre eigene Person öffentlich zur Schau zu stellen oder inti- 13 Für den Roman Sibilla Dalmar, erschienen 1896, gilt etwa, dass er auf der Grundlage von Briefen der Tochter Hedwig Pringsheim-Dohm beruht und durchaus als Schlüsselroman für Teile der Münchner Gesellschaft, in der Tochter und Schwiegersohn verkehrten, gelesen werden kann, vgl. Dohm, Sibilla Dalmar, in: dies., Drei Generationen, Berlin 2013, 5-207; s. auch Marianne Krüll (Fn. 9), 198. 14 Marianne Krüll (Fn. 9), 193 ff. 15 Über vielzählige, insbesondere für die feministische Biographieforschung höchst spannende Aspekte des Dohmschen Lebens lässt sich heutzutage nur spekulieren. Ob Hedwig Dohm von ihrem Mann bei ihrem Schaffen unterstützt wurde, ist im Nachhinein nicht zu klären. Er scheint sie aber auch nicht daran gehindert zu haben. Ihr erstes Werk, die Abhandlung über die Spanische National-Literatur (1867), ist eigentlich ein Auftragswerk Ernst Dohms, der es wohl nicht bewältigt und an seine Frau weiter gibt, vgl. Isabel Rohner (Fn. 11), 33. 16 Vgl. Heike Brandt (Fn. 7), 16. 17 Vgl. die falschen Angaben noch bei Berta Rahm, Vorwort, in: Hedwig Dohm. Die wissenschaftliche Emanzipation der Frau [1874], Zürich 1977, VII-IX; Ute Gerhard/Ulla Wischermann, Unerhört. Die Geschichte der deutschen Frauenbewegung, Reinbek b. Hamburg 1990, 104. 18 Vgl. Hedwig Dohm, Kindheitserinnerungen einer alten Berlinerin, in: Ida Boy-Ed (Hg.), Als unsere großen Dichterinnen noch kleine Mädchen waren: Selbsterzählte Jugenderinnerungen, Leipzig 1912, 19-57. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 148 me Einblicke in ihr Privatleben zu geben. Anhand ihres persönlichen Lebens will sie vielmehr aufzeigen, wie viel Veränderung der Gesellschaft es weiterhin bedarf, um die Situation von Frauen zu verbessern. Auch in den vermeintlich autobiographischen Texten verfolgt Hedwig Dohm vor allem eine politische Intention.19 Das Frauenwahlrecht – drei Argumentationsstränge In ihren frühen Streitschriften, allen voran Der Jesuitismus im Hausstande (1873) und Der Frauen Natur und Recht (1876), wählt Hedwig Dohm eine Argumentationsstrategie für das Frauenwahlrecht, der man u.a. den liberalistischen Einfluss John Stuart Mills anmerkt.20 Gleichwohl ist die Eigenständigkeit, mit der eine Vielzahl an verschiedenen Gründen für das Recht auf politische Mitbestimmung vorgetragen werden, beachtlich – findet die Auseinandersetzung auf einem Terrain statt, das bisher nur wenige weibliche Autor_innen betreten hatten.21 Das Frauenstimmrecht wird von Hedwig Dohm nicht nur als notwendige Bedingung der Verwirklichung der allgemeinen menschlichen Emanzipation angesehen, sondern auch als Möglichkeit für Frauen, ihre Interessen innerhalb der politischen Sphäre selbst zu vertreten. Die Texte sind keine wissenschaftlichen Abhandlungen im strengen Sinne, dazu ist ihr Stil oft zu sprunghaft und sicherlich nicht akademisch genug. In literarischer Hinsicht bestechen Dohms Texte jedoch mit ihren messerscharfen, z.T. beißend-ironischen, dabei immer unerbittlich logisch geschlussfolgerten Gedanken, die die Widersprüche und Vorurteile der Stimmrechtsgegner_innen aufdecken und brillant ad absurdum führen. Ihre theoretische Leistung besteht darin, drei Argumentationslinien, eine historische, eine naturrechtliche und eine demokratietheoretische, so miteinander zu verbinden, dass der Spieß umgedreht wird und die Gegner_innen des Frauenwahlrechts in die Bringschuld eines Gegenbeweises für das Recht auf Gleichberechtigung geraten. Insbesondere in der zweiten Abhandlung aus Der Frauen Natur und Recht gelingt Hedwig Dohm eine überzeugende argumentative Zuspitzung ihres Anliegens. 3. 19 Vgl. Isabel Rohner (Fn. 11), 18 f. 20 Vgl. Ute Rosenbusch, Der Weg zum Frauenwahlrecht in Deutschland, Baden-Baden (Schriften zur Gleichstellung der Frau, Bd. 20) 1998, 292. 21 Ausnahmen bildeten zu dieser Zeit u.a. Louise Otto-Peters (1819-1895) und Fanny-Lewald-Stahr. Hedwig Dohm (1831-1919) 149 Zunächst führt sie historische Belege für traditionell gewährtes Anrecht auf weibliche Mitwirkung an Gerichtsbarkeit und politischer Entscheidungsfindung an. Vielerorts und über die Jahrhunderte hinweg seien Frauen durchaus an „berathenden Versammlungen“ oder als „Lehnsherrinnen“ an der Rechtsprechung beteiligt gewesen: „Die wenigen Daten genügen, das traditionelle Recht der Frau auf politische Theilnahme am Staatsleben festzustellen.“22 Freilich bedarf es nicht erst dieser historischen Beispiele, so Dohm, denn hätte „nie eine Frau Gericht gehalten, hätte nie eine Frau im Wittenagamott der Angelsachsen oder im Rath der Gallier gesessen […], so wäre dennoch ihr Anspruch, als selbstständiger Mensch und als Bürgerin im Staate betrachtet zu werden, um kein Gedankenatom geringer.“23 Damit unterstreicht sie die naturrechtliche Argumentation, nach der die Frau qua Mensch „natürliche[s] politische[s] Recht“24 auf Mitbestimmung – und entsprechend auf die Pflicht zur politischen Beteiligung habe. In dieser Lesart ist auch die zahlenmäßige Unterstützung frauenrechtlicher Ziele unerheblich. Gegen die Unterstellung, dass das Frauenwahlrecht überflüssig oder unnötig sei, weil die Frauen es selbst angeblich nicht befürworteten, wendet sie ein: „Wenn nur eine einzige Frau das Stimmrecht fordert, so ist es Gewaltthat, sie an der Ausübung ihrer bürgerlichen Pflicht zu hindern.“25 Eine andere Behauptung der Gegner_innen des Frauenstimmrechts lautet, dass Frauen die Befähigung zum Stimmrecht fehlte.26 In einer Analogie zum Antisemitismus entlarvt Hedwig Dohm diese in ihrer Zeit gängige essentialisierende Zuschreibung einer weiblichen Unfähigkeit zur politischen Mitbestimmung als plumpen Androzentrismus und Sexismus.27 Von der Unverfrorenheit, mit der die Gegner_innen Frauen Fähigkeit und Berechtigung zum Wahlrecht absprechen, provoziert, entlädt sich Hedwig Dohms Empörung in Passagen wie dieser: „Die Frauen fordern das Stimmrecht als ihr Recht. Warum soll ich erst beweisen, daß ich ein Recht dazu habe? Ich bin ein Mensch, ich denke, ich fühle, ich bin Bürgerin des Staats […] ich lebe nicht von Almosen. Der Mann bedarf, um das Stimmrecht zu üben, eines bestimmten Wohnsitzes, eines be- 22 Hedwig Dohm, Der Frauen Natur und Recht. Zur Frauenfrage zwei Abhandlungen über Eigenschaften und Stimmrecht der Frauen, Hamburg 1876, 42/43 (Tredition- Nachdruck des Originaltextes mit abweichenden Seitenzahlen). 23 Hedwig Dohm 1876 (Fn. 22), 43. 24 Hedwig Dohm 1876 (Fn. 22), 99. 25 Hedwig Dohm 1876 (Fn. 22), 71. 26 Vgl. Hedwig Dohm 1876 (Fn. 22), 75 ff. 27 Vgl. Hedwig Dohm 2014 (Fn. 5), 9. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 150 stimmten Alters, eines Besitzes, warum braucht die Frau noch mehr? Warum ist die Frau gleichgestellt Idioten und Verbrechern? Nein, nicht Verbrechern. Der Verbrecher wird nur zeitweise seiner politischen Rechte beraubt, nur die Frau und der Idiot gehören in dieselbe politische Kategorie.“28 Die naturrechtliche Argumentation wird übrigens in dieser wie in anderen Schriften von der These flankiert, dass empirische Wesens- und Charakterunterschiede zwischen den Geschlechtern als sozialisationsbedingt und keinesfalls als ontologisch anzusehen seien. Die vermeintliche Inferiorität der Frau sei Folge, nicht Ursprung einer geschlechtsbezogenen Erziehung.29 Daran, wie viel Raum die Entkräftigung der Behauptungen über eine vermeintlich mangelnde Befähigung für die Ausübung des Stimmrechts in Dohms Texten einnimmt, lässt sich ablesen, dass die Vorurteile gegenüber Frauen weitverbreitet sind. In einer 25 Jahre später erscheinenden Schrift charakterisiert sie die sog. Antifeministen gemäß vier Kategorien: Die erste Gruppe bilden die „Altgläubigen“, die den „Gedankeninhalt vergangener Jahrhunderte für alle Ewigkeit festzuhalten für ihre Pflicht erachten“30 und sich dabei entweder auf Gott oder die Naturgesetze berufen. Die zweite Gruppe bezeichnet Dohm als „Herrenrechtler“, sie legen „weniger Gewicht auf den lieben Gott […] als auf die realen, praktischen Unmöglichkeiten […], die sich der Frauenemanzipation entgegenstellen. Sie pochen mehr auf ihre Rechte als auf die himmlischen“. Sie verweigern „dem Weib das Bürgerrecht, weil es als Weib und nicht als Mann geboren wurde“, und nehmen „Front gegen die Frauenbewegung – aus Furcht“ vor möglicher Unterdrückung durch die Frau.31 Der „praktische Egoist“ repräsentiert die dritte Kategorie, er „betrachtet die Frauenemanzipation vom Standpunkt der Vorteile oder Nachteile, die ihm daraus erwachsen könnten.“ Er ist ein „Geschäftsantifeminist“, der sich vor der Konkurrenz von Frauen beim Broterwerb fürchtet, andererseits die Vorteile sieht, wenn unversorgte weibliche Familienmitglieder selbst für ihren Lebensunterhalt aufkommen. Schließlich führt Dohm die „Ritter der mater dolorosa“ an, die sich „teils als Schutzengel“ der Frau, „teils als Cerberusse, die der Un- 28 Hedwig Dohm 1876 (Fn. 22), 98/99 (Herv. i. Orig). 29 Vgl. exemplarisch Hedwig Dohm, Gesichtspunkte für die Erziehung zur Ehe, Sozialistische Monatshefte Nr. 10 (20.5.1890), 639-645. 30 Hedwig Dohm 2014 (Fn. 5), 7. 31 Hedwig Dohm 2014 (Fn. 5), 8 (Herv. i. Orig.). Hedwig Dohm (1831-1919) 151 berufenen, die sich in ihr Gehöft wagt, gefährlich die Zähne zeigen“ gebärden.32 Bei allem Humor und ironischer Zuspitzung, mit der Hedwig Dohm manche Wutanwandlung, aber eventuell auch wiederkehrende Resignation kompensiert, versäumt sie es jedoch nicht, an die Vernunft und das Gewissen der Vertreter_innen des Liberalismus, von denen sie sich womöglich eine offenere Geistesart erhofft, zu appellieren: „Die Frauen verlangen das Stimmrecht, weil jede Klasse, die am politischen Leben unbetheiligt ist, unterdrückt wird; die Betheiligung am politischen Leben dagegen nothwendig im Laufe der Zeit die Gleichheit vor dem Gesetze zur Folge haben muß. Die Klassen, die das Stimmrecht nicht üben dürfen, sind in der Gewalt der andern Klassen, die es üben. Dieses Princip ist stets so einstimmig von allen liberalen Parteien anerkannt worden, daß die Verleugnung desselben, den Frauen gegenüber, schier unbegreiflich ist.“33 Aus heutiger Sicht am überzeugendsten ist wohl die demokratietheoretische Argumentation: Nach Dohms Ansicht müssen Betroffene auch Autor_innen von Gesetzen sein können, damit diese als legitim erachtet werden können. Daher liegt für Dohm „der Anfang alles wahrhaften Fortschritts auf dem Gebiet der Frauenfrage im Stimmrecht der Frauen.“ Solange Frauen an der Abstimmung über Gesetze nicht beteiligt würden, blieben diese Gesetze per se „gegen sie, weil ohne sie.“ 34 Dohm lenkt hier die Aufmerksamkeit ihrer Leser_innen auf einen perfiden Paternalismus, der insbesondere an den patriarchalen Ehe- und Familiengesetzen, die Frauen massiv benachteiligen, sichtbar wird: „Ich frage jeden aufrichtigen Menschen, wären Gesetze wie die über das Vermögensrecht der Frauen, über ihre Rechte an den Kindern, über Ehe, Scheidungen u.s.w. denkbar in einem Land, wo die Frauen das Stimmrecht ausübten?“35 Paternalismus und patriarchale Rechtsstrukturen sind in Dohms Augen aber nicht deshalb skandalös, weil sie eventuell spezifische Interessen von Frauen ignorieren, sondern weil das Recht auf politische Teilhabe ein Menschenrecht darstellt, das Frauen nicht abgesprochen werden dürfe. Dohm argumentiert daher, dass der Ausschluss der Frauen aus dem Bereich der politischen Mitbestimmung nicht lediglich einen gesellschaftlichen Missstand darstelle, sondern den Rechtsstaat grundlegend diskreditiere: 32 Hedwig Dohm 2014 (Fn. 5), 7, 9, 10. 33 Hedwig Dohm 1876 (Fn. 22), 101. 34 Hedwig Dohm 1876 (Fn. 22), 166. 35 Hedwig Dohm 1876 (Fn. 22), 168. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 152 „Die Voraussetzung, daß eine Menschenklasse, welche die Lasten der Bürgerschaft trägt, kein Recht habe, bestimmend auf diese Lasten einzuwirken, die Voraussetzung, daß eine Menschenklasse Gesetzen unterworfen sein soll, an deren Abfassung sie keinen Antheil gehabt, hat auf die Dauer nur für einen despotischen Staat Sinn und Möglichkeit. Die Zulassung eines solchen Prinzips ist Tyrannei in allen Sprachen der Welt und für jedes Geschlecht, für den Mann sowohl wie für die Frau.“36 In diesem Zusammenhang gebraucht Hedwig den Begriff des „Geschlechtsdespotismus“,37 mit dem sie eine nur allzu treffende Bezeichnung für das Unterdrückungsverhältnis zwischen Männern und Frauen schöpft: „Aus ihrer Macht über die Frauen leiten die Männer ihre Rechte den Frauen gegenüber her. Die Thatsache der Herrschaft ist aber kein Recht. Gesetzlich bestimmen sie alle die Maßregeln, Gebräuche und Ordnungen, die zur Unterdrückung des weiblichen Geschlechts dienen und nennen diese Arrangements dann einen Rechtszustand.“38 Diese Passagen weisen eine frappierende Ähnlichkeit mit der Schrift Déclaration des droits de la femme et de la citoyenne aus dem Jahre 1791 von Olympe de Gouges39 (1748-1793) auf. Dabei kann Hedwig Dohm mit dem Text der französischen Frauenrechtlerin des 18. Jahrhunderts, die während der Revolution ihre feministische Forderung nach Menschenund Bürger_innenrechten für Frauen vorgebracht hatte und unter der Terrorherrschaft des Robespierre guillotiniert wurde, nicht vertraut gewesen sein. Er wurde erst im 20. Jh. wiederentdeckt.40 De Gouges kritisiert bereits den der französischen Menschen- und Bürgerrechtserklärung innewohnenden Widerspruch, demzufolge Frauen sowohl aus dem universellen Geltungsbereich der Menschenrechte als auch aus dem Bereich der letztlich als Männerstaat konzipierten Republik exkludiert werden.41 Wie 36 Hedwig Dohm 1876 (Fn. 22), 99. Als zeitgenössisches Beispiel führt Dohm die Weigerung amerikanischer Frauen an, Steuern zu zahlen, vgl. Hedwig Dohm 1876 (Fn. 22), 100. 37 Hedwig Dohm 1876 (Fn. 22), 112. 38 Hedwig Dohm 1876 (Fn. 22), 99-100. 39 Mit einer Einführung durch Ute Gerhard (Meschenrechte auch für Frauen. Der Entwurf der Olympe de Gouges, KJ 1987, 127) dokumentiert in KJ 1987, 145; s.a. Karl Heinz Burmeister, Olympe de Gouges. Die Rechte der Frau, Bern/Wien 1990. 40 Zur Wiederentdeckung Olympe de Gouges‘ im letzten Drittel des 20. Jh. vgl. Hannelore Schröder, Befreiung als Ziel feministischer Philosophie, in: Nagl-Docecal (Hg.), Feministische Philosophie. Wien 1990, 202-228 (218 f.). 41 Vgl. Hannelore Schröder (Fn. 40), 218. Hedwig Dohm (1831-1919) 153 ihre Vorgängerin 80 Jahre zuvor steht auch Dohm vor der Aufgabe, darauf aufmerksam zu machen, dass das „Unrecht […] nicht geringer [wird], wenn ein Gesetz es sanktioniert hat, die Unterdrückung nicht weniger nichtswürdig, sondern nur um so furchtbarer, wenn sie einen universellen, einen weltgeschichtlichen Charakter trägt.“ Dohm betont an dieser Stelle noch einmal eindringlich: „Es giebt kein Recht des Unrechtes oder sollte doch kein’s geben.“42 Radikale Forderungen Hedwig Dohms Texte stellen, da ohne Vorbild, eine Besonderheit in den 1870er Jahren dar – und sie stehen zunächst solitär in der Geschichte deutschsprachiger Abhandlungen über die Frauenwahlrechtsthematik. Nicht nur, dass sie in einer Direktheit formuliert sind, die selbst Frauen, die in der Sache übereinstimmen, als zu radikal und utopisch anmutet. Vor allem bei den politisch Aktiven, die mit Verboten und Zensur vertraut sind wie etwa Louise Otto-Peters, Gründerin der Frauen-Zeitung (1849-1852) und des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins (1865), wachsen die Befürchtungen, politischer Verfolgung ausgesetzt zu werden.43 Erst ab den späten 1880er Jahren werden die Forderungen Hedwig Dohms von Teilen der bürgerlichen Frauenbewegung aufgegriffen. Sie teilen Dohms Ansicht, dass die staatsbürgerliche Gleichberechtigung nicht Endpunkt, sondern Ausgangspunkt frauenemanzipatorischer Bestrebungen sein solle. Lida Gustava Heymann etwa folgt der naturrechtlichen Argumentation und begreift das Stimmrecht für Frauen schlichtweg als „Forderung der Gerechtigkeit“.44 Ebenso wie Dohm selbst zählen sich ihre Anhängerinnen zum radikalen Flügel innerhalb der bürgerlichen Frauenbewegung. Dieser steht dem sogenannten gemäßigten Flügel gegenüber.45 Dessen Vertreterinnen, allen voran Helene Lange (1848-1930) und Gertrud Bäumer (1873-1954), 4. 42 Hedwig Dohm 1876 (Fn. 22), 100. 43 Vgl. Bärbel Clemens, Der Kampf um das Frauenstimmrecht in Deutschland, in: Wickert (Hg.), ‚Heraus mit dem Frauenwahlrecht.‘ Die Kämpfe der Frauen in Deutschland und England um die politische Gleichberechtigung, Pfaffenweiler 1990, 51-123 (58). 44 Lida Gustava Heymann, Gleiches Recht, Frauenstimmrecht. Wachet auf Ihr deutschen Frauen aller Stände, aller Parteien, München 1907, 1. 45 Zur Kritik an der Tendenz zur Überbewertung der Flügelbildung vgl. Gisela Bock, Frauenwahlrecht – Deutschland um 1900 in vergleichender Perspektive, in: Grüt- Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 154 kritisieren die von den Radikalen ins Zentrum gestellte Gleichstellung der Geschlechter, die sie als Verneinung des spezifisch Weiblichen ablehnen. Nicht Gleichheit, sondern Gleichwertigkeit weiblicher Andersartigkeit ist das Motto der Gemäßigten.46 Sie halten nicht nur aus taktischen Gründen die Forderung nach dem Stimmrecht für verfrüht, sondern sehen aus prinzipiellen Erwägungen die Aufgabe der Frauenbewegung eher in der Bildungs- und Aufklärungsarbeit für Frauen, im Kampf für die Anerkennung sog. weiblicher Berufe (z.B. Lehrerinnen und pflegerischer Berufe) innerhalb der Gesellschaft und in der Stärkung der Rechte unehelicher Mütter. Das Stimmrecht wird als letztes Ziel, im Sinne einer Belohnung für in maßvollen, „ruhigen Bahnen“ verlaufenden frauenpolitischen Bemühungen angesehen.47 In diesem Verständnis ist die Frauenemanzipation weniger eine Frage der Durchsetzung politischer Interessen als eine Angelegenheit kultureller Gemeinnützigkeit. Für den radikalen Flügel hingegen steht das (staatsbürgerliche) Recht im Mittelpunkt: „Die Frauenfrage ist […] in allererster Linie [eine] Rechtsfrage, weil nur von der Grundlage verbürgter Rechte […] an ihre Lösung überhaupt gedacht werden kann.“48 Hedwig Dohm, die Vorreiterin für das Recht auf politische Mitbestimmung, ist selbst in agitatorischer Hinsicht nicht so präsent wie viele ihre jüngeren Mitkämpferinnen. Sie, die als erste die Forderung nach Frauenstimmrechtsvereinen stellte, als dies noch kein Echo fand, ist später durchaus an Gründungen von Vereinen, die sich zu den radikalen Forderungen bekennen, beteiligt (u.a. 1888 im Gründungskomitee des Deutschen Frauenvereins Reform, als Beisitzerin von 1889-1901 und als Ehrenmitglied bis ans Lebensende im Vorstand des Vereins Frauenwohl, 1895 als Mitglied der Gründungsversammlung des Bundes für Mutterschutz), und sie unterstützt die Arbeit von gleichgesinnten Frauenrechtlerinnen: 1902 wird der Deutsche Verein für Frauenstimmrecht von u.a. Minna Cauer, Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann gegründet, deren 1. Vorsitzende Anita Augspurg ist. Es ist ein Verein, der sich ausschließlich mit Stimmter et al. (Hg.), Geschichte und Emanzipation, Frankfurt a.M./New York 1999, 95-136 (97-99). 46 Vgl. Bärbel Clemens (Fn. 43), 61. 47 Helene Lange, Altes und Neues zur Frauenfrage, Die Frau. Monatszeitschrift für das gesamte Frauenleben unserer Zeit, Bd. 2, 1894/95, 581-586 (585), vgl. auch Ute Rosenbusch (Fn. 20), 299. 48 Anita Augspurg, Gebt acht, solange noch Zeit ist, Die Frauenbewegung. Revue für die Interessen der Frau 1:1 (1895), 4-5 (4). Hedwig Dohm (1831-1919) 155 rechtsforderungen befasst. Neben der Aufklärungsarbeit sollen vor allem Frauen, die z.B. als Besitzende in manchen Teilen Deutschlands bereits Kommunalwahlrechte besitzen, zur Stimmabgabe mobilisiert werden. Häufig auf öffentlichen Redner_innenbühnen gestanden hat Hedwig Dohm hingegen nicht. Aber es wäre verkürzt zu sagen, dass sie nicht politisch tätig war, wie es sich zuweilen in Darstellungen ihrer Person und ihres Lebens findet. Im Gegenteil, das Verfassen von derart kämpferischen Schriften kann durchaus als politische Tat begriffen werden, zumal, wenn ein Aufrütteln der Geschlechtsgenossinnen, die sich den emanzipatorischen Ideen verschließen, offensichtlich bitter nötig war: „Frauen, die das Stimmrecht nicht wollen, verzichten damit auf die höchsten Stufen menschlicher Entwickelung und erklären sich für eine untergeordnete Species der Gattung: Mensch. […] Und wenn der Himmel ihrem Gatten einen neuen Titel bescheert, so mögen sie wie bisher ihre Nasen und Gemüther hoch erheben und ihren Mitschwestern durch den Wonnelaut imponiren: auch ich bin Geheimräthin! Lakaiennaturen hat es gegeben und wird es geben allezeit.“49 Neben der Aufklärung und Sensibilisierung der Gesellschaft und ihrer Individuen für frauenemanzipatorische Themen besteht das vordringliche Ziel der zum radikalen Lager gehörigen Vereine und Verbände darin, die Verantwortlichen im Staat von der Notwendigkeit einer Änderung der Gesetzgebung zu überzeugen, um die soziale Lage der Frauen – der bürgerlichen wie der proletarischen – zu verbessern.50 Nicht mehr Wohltätigkeit im Einzelfalle, sondern strukturelle Maßnahmen werden gefordert. Das Recht wird dabei als Mittel für eine emanzipatorische Politik angesehen, deren Ziel in der Gleichberechtigung bzw. der „Vollanerkennung der Frau als gleichwertiges und gleichberechtigtes Rechtssubjekt“51 besteht. Vermutlich wurde Hedwig Dohms Auffassung vom Recht als Schlüssel zur Befreiung der Frau nicht zuletzt durch ihren ehemaligen Salongast Ferdinand Lassalle beeinflusst, der für den sozialistischen Kampf das Wahlrecht als Mittel, um den Staat auf sozialpolitische Maßnahmen zu verpflichten, empfohlen hatte.52 49 Hedwig Dohm 1876 (Fn. 22), 110. 50 Vgl. Minna Cauer, Betrachtungen über das Jahr 1897, Die Frauenbewegung. Revue für die Interessen der Frau 4:1 (1898), 1. Vgl. auch Bärbel Clemens (Fn. 43), 62. 51 Anita Augspurg, Gebt acht, solange noch Zeit ist, Die Frauenbewegung. Revue für die Interessen der Frau 1:1 (1895), 4-5 (4). 52 Vgl. Ute Rosenbusch (Fn. 20), 303. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 156 Die Radikalen können sich jedoch mit ihren Forderungen innerhalb der bürgerlichen Frauenbewegung nicht durchsetzen. Historisch betrachtet, ist es schließlich der sozialdemokratischen Frauenbewegung, mit der sich auch männliche Sozialisten solidarisch zeigten, anzurechnen, dass das Frauenwahlrecht 1918/1919 mit der Ausrufung der Republik in Deutschland verwirklicht wird. Dabei stand das Frauenwahlrecht zu der Zeit, als Hedwig Dohm ihre Streitschriften veröffentlichte, bei den Sozialisten noch nicht auf dem Programm. Auf dem Vereinigungsparteitag des Lassalleschen Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins und der von August Bebel und Wilhelm Liebknecht geprägten Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (1875 in Gotha) war die Frage nach wie vor umstritten, den meisten Genossen ging es in erster Linie um das Allgemeine Wahlrecht für Männer, von dem Proletarier bislang ausgeschlossen waren. Immerhin konnten August Bebel und Wilhelm Liebknecht einen Änderungsantrag für die Formulierung des Programms vorbringen, auf dessen Grundlage zumindest von „Staatsangehörigen“ ohne ausdrückliche Exklusion von Frauen die Rede war. Bebel, der 1878 die berühmte Schrift Die Frau und der Sozialismus veröffentlichte, zeigte sich der Frauenfrage relativ aufgeschlossen gegenüber. Er erkannte durchaus, dass Frauen in „doppelter Beziehung“ litten, und zwar unter der gesellschaftlichen Abhängigkeit von der Männerwelt und von der Abhängigkeit der ökonomischen Welt. Allerdings war er der Auffassung, dass die formale Gleichberechtigung vor den Gesetzen und in den Rechten diese Abhängigkeit nur mildere und nicht beseitige.53 Für ihn stand daher nicht Rechtsgleichheit, sondern die sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft im Vordergrund. Etliche Genossinnen folgten ebenfalls der marxistischen Maxime, nach der die Frauenfrage bloß Bestandteil des allgemeinen Befreiungskampfes der Arbeiterklasse sei und sich als sog. Nebenwiderspruch mit der Auflösung des Hauptwiderspruchs der Klassengegensätze von selbst auflöse. Dennoch machten Vertreterinnen der sozialistischen Frauenbewegung wie Clara Zetkin, die sich ansonsten von der bürgerlichen Frauenbewegung abgrenzte, den Kampf um das Wahlrecht für Frauen durchaus zum Thema ihrer Agitation.54 Am 30. November 1918 erhalten Frauen ab 21 Jahren schließlich das Wahlrecht. Formal sind sie jetzt, was die politische Mitbestimmung an- 53 August Bebel, Die Frau im Sozialismus, Berlin 1923 (186. bis 197. Tausend), Nachdr. der illegalen Erstausgabe Zürich [recte: Leipzig] 1879, 9. 54 Ute Rosenbusch (Fn. 20), 306/307. Hedwig Dohm (1831-1919) 157 geht, den Männern gleichgestellt. Am 19. Januar 1919 dürfen sie zum ersten Mal in Deutschland, nun eine Republik, wählen. Viele frauenpolitische Vereine lösen sich auf, weil führende Vertreter_innen Mitglieder bereits bestehender oder neu gegründeter Parteien werden. Etliche ehemalige Kämpfer_innen für das Frauenwahlrecht müssen allerdings erleben, dass es dort frauenspezifische Themen nicht auf die politische Agenda schaffen. Die Schriften und Romane Dohms werden ab den 1920er Jahren kaum noch gelesen, geschweige denn in politischen oder zivilgesellschaftlichen Zusammenhängen rezipiert. Ihre Leistung auf dem Gebiet der Sensibilisierung für das Unrecht der Frauendiskriminierung ist zwar unbestritten: „Es gibt Menschen, ohne die die Geschichte anders verlaufen wäre. […] Ein solcher Mensch war auch Hedwig Dohm“,55 betont Isabel Rohner zu Recht. Doch noch nicht einmal zehn Jahre nach ihrem Tod ist sie, die eine „der stärksten Wortführerinnen dieser ‚ersten deutschen Frauenbewegung im Kaiserreich‘“56 war, aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Zur Aktualität Hedwig Dohms Hedwig Dohms naturrechtstheoretischer Ansatz für ein gleiches Recht auf politische Mitbestimmung wirkt im Diskurs des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts wie ein „Fremdkörper“.57 Weder das bürgerliche noch das proletarische Lager greift ihn auf. Dabei verortet Dohm sich selbst an der Schnittstelle beider Strömungen. Ihre Enkelin Hedda Korsch betont, dass sie „für die Frauen aller Klassen [kämpfte], für die Fabrikarbeiterin wie für die Frauen der höheren akademischen Grade. Es erschien natürlich, dass die Zielrichtung ihrer Gedanken sozialistisch war.“58 Doch für die gemäßigten Vertreter_innen der Frauenbewegung ist sie zu radikal und für die sozialistischen zu bürgerlich. Dohms Konzeption von Volkssouveränität findet in den 1870er Jahren ebenfalls nicht die entsprechende Beachtung. Auch hier kommt sie zu früh mit ihren Forderungen. Und so ist es offenbar einerseits das Unzeitgemäße ihrer Streitschriften, mit denen sie in ihren jungen Jahren nicht anschlussfähig ist, andererseits die zu starke 5. 55 Isabel Rohner (Fn. 11), 9. 56 Gaby Pailer, Heddwig Dohm, Hannover 2011, 7. 57 Ute Rosenbusch (Fn. 20), 294. 58 Hedda Korsch (Fn. 11), 28. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 158 Identifizierung ihrer Person mit der sog. Frauenfrage, die sie nach ihrem Tod in Vergessenheit geraten lässt. Die Beschäftigung mit ihren Texten jedoch lohnt sich auch heutzutage – vielleicht auf den zweiten Blick sogar noch mehr als auf den ersten. Denn obwohl die meisten westlichen Industriestaaten nunmehr auf eine hundertjährige Geschichte des Frauenwahlrechts, des Rechts auf ein Universitätsstudium oder auf freie Berufswahl für Frauen zurückblicken, bestehen manche Ungerechtigkeitsstrukturen trotz formaler Gleichheit weiter. Weibliche Menschen sind nach wie vor in Führungspositionen unterrepräsentiert, nach wie vor übernehmen sie den größeren Anteil der Erziehungs-, Pflege- und Hausarbeit, und nach wie vor verdienen sie im Durchschnitt weniger als Männer oder sind geringer qualifiziert. Die Gründe hierfür mögen vielfältige sein. Wären dies – so bliebe zumindest zu hoffen – auch nur die schwächsten Nachwirkungen des einstigen Geschlechtsdespotismus, den Hedwig Dohm so mutig wie polemisch angeprangert hat, so richten ihre Texte unbeirrt Schlaglichter auf angeblich unveränderbare Strukturen: Hedwig Dohms gesellschaftskritische Sicht auf die Institution der Ehe bzw. das Geschlechterverhältnis in privaten Beziehungen und Familienkonstellationen ist auch heute noch von hoher Relevanz. Normierende Geschlechtszuschreibungen, Sexismus sowie Diskriminierung und Marginalisierung von Frauen, Homo- und Transsexuellen, sind weiterhin präsent, ihnen steht oftmals ein konservativer Rollback gegenüber, der Mutterschaft und weiblich konnotierte Häuslichkeit idealisiert und bis hin zur Verunglimpfung feministischer, queerer oder transgenderbasierter Lebensweisen reicht. Hedwig Dohms unbestechliche Analytik könnte auch hier Patin für weiter reichende geschlechtertheoretische Auseinandersetzungen mit Recht und Politik stehen, denn den etablierten akademischen Diskursen fehlt es heutzutage zuweilen an ihrer erfrischenden Streitlust. Eine differenzierte Rezeption und Würdigung ihrer Werke in der Rechts- und Politikwissenschaft befindet sich erst in den Anfängen: Nachdem ihre frauenpolitischen Schriften in den 1970er und 1980er Jahren wiederentdeckt und zum Teil auch wieder aufgelegt wurden, nachdem die Rolle Hedwig Dohms in der radikalen bürgerlichen Frauenbewegung erforscht worden war59 und nachdem auch länderübergreifende Studien zum Frauenwahlrecht mit Vergleichen zwischen Dohm und anderen frühen 59 Vgl. Bärbel Clemens (Fn. 43). Hedwig Dohm (1831-1919) 159 Frauenrechtlerinnen erschienen waren,60 werden die ersten – und sehr verdienstvollen – Grundsteine für eine fundierte wissenschaftliche Beschäftigung erst zum 175. Geburtstag Dohms im Jahre 2006 mit dem Beginn der Edition Hedwig Dohm von Nikola Müller und Isabel Rohner61 gelegt. Hedwig Dohm wird auch als Literatin (wieder-)entdeckt und ihr Stellenwert in der Literaturgeschichte des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert neu ausgelotet. In diesem Zusammenhang wird auf Dohms „avancierte Vorschläge zu einer modernen Auffassung von Geschlecht als sozial und kulturell konstruiert“ sowie auf ihr „facettenreiches literarisches Œvre, das geschlechtlich codierte Sprach- und Literatursozialisation ins Zentrum stellt,“ hingewiesen. Sie gilt als „moderne Dichterin, die eine für ihre Zeit ungewöhnliche feministische Literaturproduktion und Kulturkritik betreibt“.62 Die Einreihung ihrer politik- und rechtstheoretischen Ansätze in den Kanon der Klassiker_innen feministischer Literatur ist zwar durch Handbucheinträge und Abhandlungen über Autor_innen von Schlüsseltexten63 bereits erfolgt. Eine umfassende Beschäftigung mit der Naturrechts- bzw. Menschenrechtstheoretikerin und der demokratietheoretischen Denkerin steht jedoch noch aus. Kaum eine Autorin hat so früh auf den ambivalenten Charakter der Menschenrechte aufmerksam gemacht – ihr mittlerweile berühmter Ausspruch, „Menschenrechte haben kein Geschlecht“,64 steht 60 Vgl. exemplarisch Gabriele Boukrif, ‚Der Schritt über den Rubikon‘. Eine vergleichende Untersuchung zur deutschen und italienischen Frauenstimmrechtsbewegung (1861-1919). Münster 2006. In dieser Studie stellt Gabriele Boukrif dar, dass sowohl Hedwig Dohm als auch die etwas jüngere Anna Maria Mozzoni (1837-1920) ungefähr zeitgleich und beide ähnlich „ihrer Zeit noch weit voraus[…] dem vorwiegend männerbündisch konstituierten Machtgefüge und der damit verbundenen Ausgrenzung der Frauen von der staatsbürgerlichen Egalität entgegentraten. […] In Abgrenzung zu den männlich dominierten politischen Ordnungsmodellen postulierten sie die Konzeption einer Nation, die aus einer Gemeinschaft von miteinander kooperierenden, gleichberechtigten Frauen und Männern getragen werden sollte.“ (78) 61 Vgl. exemplarisch Nikola Müller/Isabel Rohner 2006 (Fn. 3); Nikola Müller/Isabel Rohner, Hedwig Dohm. Briefe aus dem Krähwinkel. Berlin 2009. 62 Gaby Pailer (Fn. 56), 7. 63 Vgl. Edith Glaser, Hedwig Dohm: Die wissenschaftliche Emancipation der Frau, in: Löw/Mathes (Hg.) Schlüsselwerke der Geschlechterforschung, Wiesbaden 2005, 13-25, Ute Gerhard/Petra Pommerenke/Ulla Wischermann, Klassikerinnen feministischer Theorie. Grundlagentexte, Bd. 1 (1789-1919), Königstein/Taunus 2008, 119-136. 64 Hedwig Dohm (Fn. 22), 113. Porträts streitbarer Juristinnen und Juristen 160 mit seiner normativen Forderung der widersprüchlichen Erkenntnis gegen- über, dass die vermeintliche Geschlechtsneutralität der Menschenrechte in entscheidenden Hinsichten genau ihr Problem darstellt. Will eine feministische Konzeption von sog. Frauenrechten aber nicht umgekehrt in die essentialistische Falle tappen, ist es umso wichtiger, die vermeintliche Naturhaftigkeit der Geschlechtszugehörigkeit zu entlarven und sie als kulturelles Konstrukt zu begreifen.65 Diesem Punkt weist Dohm vom Beginn ihrer theoretischen Auseinandersetzung an eine zentrale Bedeutung zu. Unerschütterlich ist sie in ihrer Überzeugung, dass die Dinge veränderbar sind: „Glaube nicht: es muss so sein, weil es nie anders war. Unmöglichkeiten sind Ausflüchte für sterile Gehirne. Schaffe Möglichkeiten!“66 Ein Aufruf, den sich die kritische Wissenschaft stets wieder zu Herzen nehmen darf. 65 Vgl. Nikola Müller/Isabel Rohner (Fn. 3), 11. 66 Hedwig Dohm, Aphorismen der Lebensklugheit, in: Müller/Rohner (Fn. 11), 236 (Wiederabdruck des Originals aus: Nord und Süd. Berlin 1910, Jg. 34, Bd. 132, 281-282). Hedwig Dohm (1831-1919) 161

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References

Abstract

„Critical Lawyers in Germany“, volume 2, is the sequel of the 1988 book “Critical Lawyers in Germany. A different tradition”. Just like its precursor, it comprises biographical profiles of late attorneys, judges and legal scholars, but it also includes interviews with contemporary witnesses of more recent legal movements. The volume presents theorists and practitioners who have actively intervened in socio-political debates since 1945, especially in the controversies following the 1960s and 70s, and who have stood up for ideas of participatory democracy and an inclusive understanding of law and the Constitution. The volume covers diverse voices of legal critique, also those that are hardly known or almost forgotten. The selection of biographical portraits and interviews broadens the spectrum of critical legal thinkers and activists covered in volume 1. Volume 2 adds perspectives, locations and practices of critique, following the lines and actors of social movements, institutional activism and public interest litigation in Germany.

<b>With contributions to:</b>

Alfred Apfel · Otto Bauer · Margarete Berent · Sebastian Cobler · Franz-Josef Degenhardt · Hedwig Dohm · Eugen Ehrlich · Helga Einsele · Winfried Hassemer · Werner Holtfort · Barbara Just-Dahlmann · Franz Kafka · Leopold Kohr · Anna Mackenroth · Marie Munk · Nora Platiel · Diether Posser · Marie Raschke · Helmut Ridder · Wiltraut Rupp-v. Brünneck · Magdalene Schoch · Jürgen Seifert · Helmut Simon · Kurt Tucholsky · Edda Weßlau

Zusammenfassung

„Streitbare JuristInnen (Band 2)“ ist die Fortsetzung des Bandes „Streitbare Juristen. Eine andere Tradition“ aus dem Jahre 1988 und umfasst Porträts von bereits verstorbenen JuristInnen und Interviews mit ZeitzeugInnen. Thematisch liegt der Schwerpunkt auf Personen, die nach 1945 aktiv an gesellschaftspolitischen Debatten teilgenommen haben, insbesondere an Kontroversen seit „1968“, die zu Kristallisationspunkten der Rechtspolitik wurden und die für ein demokratisches und inklusives Rechts- bzw. Verfassungsverständnis eingetreten sind. Dabei kommt eine breite Vielfalt an Stimmen der Rechtskritik zu Wort, auch RepräsentantInnen kritischer Strömungen, die weniger bekannt oder fast vergessen sind. Die Auswahl der Porträtierten und der InterviewpartnerInnen erweitert den Querschnitt an streitbaren JuristInnen, die schon im ersten Band vorgestellt wurden, und damit auch die Formen, Praxen und Orte der Streitbarkeit. Ein Fokus liegt auf rechtspolitischen und zivilgesellschaftlichen Bewegungen der Bundesrepublik, auf KritikerInnen der Zeitgeschichte, die aktiv in rechtspolitische Kontroversen interveniert und die sich in wissenschaftlichen, rechtlichen und politischen Institutionen rechtspolitisch engagiert haben.

<b>Mit Beiträgen über:</b>

Alfred Apfel · Otto Bauer · Margarete Berent · Sebastian Cobler · Franz-Josef Degenhardt · Hedwig Dohm · Eugen Ehrlich · Helga Einsele · Winfried Hassemer · Werner Holtfort · Barbara Just-Dahlmann · Franz Kafka · Leopold Kohr · Anna Mackenroth · Marie Munk · Nora Platiel · Diether Posser · Marie Raschke · Helmut Ridder · Wiltraut Rupp-v. Brünneck · Magdalene Schoch · Jürgen Seifert · Helmut Simon · Kurt Tucholsky · Edda Weßlau